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Rache des schönen Geschlechts

Über den Autor

Andrea Camilleri, 1925 in dem sizilianischen Küstenstädtchen Porto Empedocle geboren, ist Schriftsteller, Drehbuchautor, Regisseur und lehrte über zwanzig Jahre lang an der Accademia d’arte drammatica Silvio D’Amico in Rom, wo er auch heute lebt. Mit seinem vielfach ausgezeichneten Werk hat Camilleri sich inzwischen einen festen Platz auf den internationalen Bestsellerlisten erobert. Millionen Leser lassen sich nur allzu gern von ihm ins mediterrane Sizilien entführen und begleiten den charmant-raubeinigen Commissario Salvo Montalbano bei seinen ungewöhnlichen Verbrecherjagden.

Andrea Camilleri

Rache
des schönen Geschlechts

Commissario Montalbano kommt ins Grübeln

Aus dem Italienischen von
Christiane von Bechtolsheim

BASTEI ENTERTAINMENT

Fieber

Als er aufwachte, wollte er sofort im Kommissariat anrufen und Bescheid geben, dass es keinen Zweck hatte, er konnte einfach nicht ins Büro, nachts hatte ihn die Grippe angefallen wie ein Hund, der gar nicht erst bellt, sondern einem gleich an die Gurgel springt.

Er machte Anstalten aufzustehen, musste sich aber gleich wieder hinsetzen, die Glieder taten ihm weh, die Gelenke knirschten; er versuchte es noch einmal und bewegte sich ganz langsam, gelangte schließlich ans Telefon, streckte die Hand aus, und just in diesem Moment klingelte es.

»Pronti, Dottori? Sind Sie da echt selber dran? Erkennen Sie mich? Ich bin Catarella.«

»Ich hab dich erkannt, Catarè. Was willst du denn?«

»Gar nichts, Dottori.«

»Wieso rufst du dann an?«

»Das ist nämlich so, Dottori. Ich persönlich selber will nichts von Ihnen, aber der Dottori Augello, der will Ihnen was sagen. Was soll ich machen, soll ich ihn durchstellen?«

»Gut, stell ihn durch.«

»Bleiben Sie dran, dann können Sie mit ihm reden.«

Eine halbe Minute verging in vollkommener Stille. Montalbano wurde von heftigem Schüttelfrost gepackt. Ein schlechtes Zeichen. Er schrie in den Hörer.

»Pronto! Pronto! Seid ihr alle tot?«

»Entschuldigen Sie, Dottori, aber der Dottori Augello geht nicht ans Telefon. Wenn Sie ein bisschen Geduld haben, geh ich in sein Zimmer und sag ’s ihm.«

Da meldete Augello sich schon mit keuchender Stimme. »Entschuldige, wenn ich dich störe, Salvo, aber …«

»Nein, Mimì, kein Aber«, sagte Montalbano. »Ich wollte gerade anrufen, dass ich heute zu Hause bleibe, ich schaff ’s nicht. Ich nehme ein Aspirin und leg mich wieder ins Bett. Kümmere dich also selber um die Angelegenheit, wegen der du mich sprechen wolltest. Wiederhören.«

Montalbano legte auf, spielte kurz mit dem Gedanken, den Telefonstecker rauszuziehen, und entschied sich dann dagegen. Er ging in die Küche, schluckte ein Aspirin, fröstelte wieder, dachte darüber nach, schluckte noch eine Tablette, schlüpfte ins Bett und nahm das Buch vom Nachttisch, das er am Abend zuvor mit Vergnügen zu lesen begonnen hatte, Der Kampfhund von Carlo Lucarelli; er schlug es auf und wusste nach den ersten Zeilen, dass das Lesen unmöglich war, er spürte einen eisernen Ring um den Kopf und sah alles ganz verschwommen.

Kriege ich etwa Fieber?, fragte er sich. Mit der Handfläche befühlte er seine Stirn, aber er konnte nicht unterscheiden, ob sie heiß war oder nicht, außerdem hatte er das nie begriffen, es war ja nur eine symbolische Geste, doch aus unerfindlichen Gründen machte er das immer so. Er musste unbedingt richtig Fieber messen. Montalbano richtete sich seitlich auf, öffnete die Schublade des Nachtkästchens und kramte darin herum. Das Thermometer war natürlich nicht da. Wo hatte er es hingetan? Wann hatte er zum letzten Mal Fieber gemessen? Wahrscheinlich vergangenes Jahr im Dezember, das war für ihn der gefährlichste Monat, und nicht der, von dem der Dichter spricht … Welcher Monat war für Eliot der grausamste? Ja, jetzt fiel es ihm wieder ein, April ist der grausamste Monat … Oder war es März? Poetische Exkurse in Ehren, aber wo steckte das verfluchte Fieberthermometer? Montalbano stand auf, ging ins andere Zimmer, sah in jede Schublade, in die Bücherregale, in alle Winkel. Hinter einem ziemlich schiefen Bücherstapel auf einem wackligen Tischchen lugte ein Foto von ihm und Livia hervor. Er betrachtete es und konnte sich nicht erinnern, wo es aufgenommen worden war. Ihre Kleidung ließ auf Sommer schließen. Im Hintergrund war schemenhaft ein Mann in Uniform zu erkennen, aber er sah nicht nach Militär aus, eher wie ein Hotelportier. Oder war es ein Bahnhofsvorsteher? Montalbano ließ das Foto Foto sein und setzte seine Suche fort. Keine Spur von dem Thermometer. Wieder hatte er Schüttelfrost, diesmal stärker als vorher, gefolgt von einem leichten Schwindelgefühl. Er fluchte. Das Thermometer musste unbedingt her. Das Ergebnis der Sucherei war, dass es nach einer Weile im Haus aussah, als hätte eine randalierende Einbrecherbande gewütet. Dann wurde Montalbano plötzlich ruhig: Was kümmerte ihn der Fiebermesser eigentlich? Wenn er wusste, wie hoch sein Fieber war, würde sich sein Zustand auch nicht bessern. Sicher war nur, dass er krank war, basta. Er legte sich wieder ins Bett. Da hörte er, wie ein Schlüssel im Schloss umgedreht wurde, und gleich darauf stieß Adelina, seine Haushaltshilfe, einen schrillen Schrei aus.

»Madonna biniditta! Die Einbrecher waren da!«

Montalbano stand auf und beruhigte die Frau eilends, die ihn während seiner wirren Erklärung aufmerksam musterte.

»Jedenfalls sind Sie krank.«

Montalbano antwortete mit einer Frage, die zugleich eine Bestätigung war.

»Weißt du, wo der Fiebermesser ist?«

»Finden Sie ihn nicht?«

»Wenn ich ihn gefunden hätte, würde ich dich nicht danach fragen.«

Entrüstet pumpte Adelina sich auf.

»Wenn Sie ihn nicht finden und dabei das Zimmer auf den Kopf stellen, dass es aussieht wie nach einem Erdbeben, wie soll ich ihn dann finden?« Beleidigt und empört verzog sie sich in die Küche. Montalbano sah sich schon verloren. Allein weil er davon geredet hatte, kehrte plötzlich die fixe Idee zurück, dass er ein Fieberthermometer bräuchte. Unbedingt. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als sich anzuziehen, in die Apotheke zu fahren und eins zu kaufen. Er ging auf Zehenspitzen, damit Adelina nichts merkte, denn sie hätte bestimmt Ärger gemacht und ihn ans Bett gefesselt, damit er das Haus nicht verlassen konnte. Die erste Apotheke hatte keinen Dienst. Er fuhr weiter ins Zentrum von Vigàta, parkte vor der Farmacia Centrale und wollte aussteigen. Er sank in den Sitz zurück, weil ihn heftiger Schwindel überkam und ihm außerdem leicht übel war. Schließlich raffte er sich auf, betrat die Apotheke und stellte fest, dass er warten musste, denn bei der Grippewelle war anscheinend die halbe Stadt krank.

Als er an der Reihe war und gerade den Mund aufmachen wollte, krachten draußen auf der Straße, doch ganz in der Nähe, zwei Schüsse. Obwohl er vom Fieber ziemlich benommen war, stand der Commissario im Nu vor der Apotheke, und seine Augen waren wie eine Filmkamera, klare Bilder prägten sich ihm ein. Linker Hand raste ein Moped mit zwei Jungen davon, und der Bursche hinter dem Fahrer hielt eine kleine Tasche in der Hand, die er offensichtlich einer alten Frau entrissen hatte, die hingestürzt war und verzweifelt schrie. Auf dem gegenüberliegenden Bürgersteig ließ sich Signor Saverio Di Manzo, Inhaber des gleichnamigen Reisebüros, gerade von einem Verkehrspolizisten entwaffnen. Signor Di Manzo, bekanntermaßen ein Dummkopf, hatte den Diebstahl bemerkt und auf die Jungen mit dem Moped zwei Schüsse abgegeben. Er hatte sie verfehlt und dafür ein zehnjähriges Mädchen getroffen, das sich heulend auf dem Boden wälzte und sich das rechte Bein hielt. Montalbano ging auf sie zu, doch ein Mann kam ihm zuvor, schob ihn weg und kniete sich neben das Mädchen. Der Commissario kannte ihn, es war ein Obdachloser, der im Jahr zuvor in der Stadt aufgetaucht war, von Almosen lebte und Lampiuni – Laternenpfahl – genannt wurde, vielleicht weil er so groß und dünn war. Lampiuni hatte rasch die Schnur gelöst, die seine Hose hielt, begann sie fest um den Oberschenkel des Mädchens zu wickeln, blickte kurz zum Commissario auf und befahl:

»Halten Sie sie fest.«

Montalbano gehorchte, fasziniert von der Ruhe und den präzisen Bewegungen des Stadtstreichers.

»Haben Sie ein sauberes Taschentuch? Geben Sie es mir und rufen Sie einen Krankenwagen.«

Doch das war nicht nötig, denn der Fahrer eines Autos, das gerade vorbeigekommen war, lud das Mädchen in seinen Wagen, um es nach Montelusa ins Krankenhaus zu fahren. Vier Carabinieri erschienen, und Montalbano verdrückte sich; er setzte sich in seinen Wagen und fuhr schnell zurück nach Marinella.

Kaum hatte er die Haustür geöffnet, baute Adelina sich vor ihm auf.

»Woher kommt das ganze Blut?«

Montalbano sah auf seine Hände und seine Kleider: Sie waren blutverschmiert, das hatte er gar nicht gemerkt.

»Da war … da war ein Unfall, und ich …«

»Sie legen sich auf der Stelle ins Bett, die Kleider bring ich in die Reinigung. Was fällt Ihnen eigentlich ein? Was müssen Sie aus dem Haus gehen, wenn Sie krank sind? Sie wissen doch, dass man von einer verschleppten Grippe eine Lungenentzündung kriegen kann! Und nach einer verschleppten Lungenentzündung kommt der Tod!«

Mit der Litanei »Verschleppte Grippe – verschleppte Lungenentzündung ist gleich sicherer Tod« hatte Adelina ihm schon mindestens zweimal in den Ohren gelegen. Er ging ins Bad, zog sich aus, wusch sich und schlüpfte in sein frisch gemachtes Bett. Keine fünf Minuten später kam Adelina mit einer großen dampfenden Tasse herein.

»Ich hab ein bisschen Hühnerbrühe gekocht, die ist ganz leicht.«

»Ich hab keinen Hunger.«

»Dann stelle ich sie auf den Nachttisch. Ich geh jetzt: Brauchen Sie noch was?«

»Nein, vielen Dank.«

Seine Nase war zwar verstopft, aber der Duft der Brühe wehte ihn trotzdem an. Sie war bestimmt köstlich. Er richtete sich halb auf, nahm die Tasse und trank einen Schluck. Die Bouillon war, wie er sie sich vorgestellt hatte, sämig und leicht zugleich, sie rief leise Erinnerungen an Kräuter wach, und er trank sie ganz aus, ließ sich dann mit einem zufriedenen Seufzer in die Kissen sinken und schlief auf der Stelle ein.

Montalbano hatte das Gefühl, gerade erst eingenickt zu sein, als das Telefon klingelte. Er stand auf und sah dabei zufällig auf den Wecker, der auf dem Nachttisch stand. Sieben Uhr? Es war sieben Uhr abends? Wie lange hatte er denn geschlafen? Verwundert nahm er den Hörer ab, es ertönte das Freizeichen. Offenbar hatte der Anrufer aufgelegt. Montalbano wollte sich gerade wieder ins Bett begeben, als es erneut schellte: Es war nicht das Telefon, sondern die Klingel an der Haustür. Er machte auf und stand Fazio gegenüber, der ein besorgtes Gesicht machte. »Wie geht ’s Ihnen, Dottore?«

»Ich bin ein bisschen krank«, antwortete Montalbano, bat Fazio herein und legte sich wieder hin.

Fazio setzte sich auf einen Stuhl neben dem Bett.

»Sie haben glänzende Augen«, sagte er. »Haben Sie Fieber gemessen?«

Da fiel dem Commissario ein, dass er am Morgen wegen der Schießerei ganz vergessen hatte, noch mal in die Apotheke zu gehen und ein Thermometer zu kaufen.

»Ja«, log er. »Heute Früh hatte ich achtunddreißig.«

»Und jetzt?«

»Ich messe später noch mal. Gibt ’s was Neues?«

»Eine Schießerei. So ein Idiot, Di Manzo, der mit dem Reisebüro, hat auf zwei Jungen mit einem Moped geschossen, Handtaschendiebe. Die beiden hat er nicht erwischt, dafür hat er ein Mädchen, das gerade vorbeikam, ins Bein getroffen.«

»Habt ihr ihn festgenommen?«

»Das haben die Carabinieri gemacht, die sind eingeschritten.«

»Weißt du, wie ’s der Kleinen geht?«

»Sie ist außer Gefahr. Sie hat viel Blut verloren, aber zum Glück war Lampiuni in der Nähe, den haben Sie bestimmt schon mal gesehen, diesen Tippelbruder, der …«

»Ich kenne ihn«, sagte Montalbano. »Erzähl weiter.«

»Tja, er hat geistesgegenwärtig die Blutung gestillt. Eigentlich hat er sie gerettet. Das hat sich in der Stadt herumgesprochen, und morgen veranstaltet der Bürgermeister ein großes Fest – na ja, wir sind im Wahlkampf, und Kleinvieh macht auch Mist –, bei dem er Lampiuni den Schlüssel für eine Sozialwohnung überreichen will.«

»Weißt du, wie er richtig heißt?«

»Keine Ahnung, er hat keine Papiere. Und seinen Namen wollte er nie nennen.«

»Ah, Fazio, heute Früh hat Dottor Augello angerufen, weißt du, was er von mir wollte?«

»Ja, der Polizeipräsident hat irgendeine Antwort angemahnt, auf was weiß ich nicht, und Dottore Augello wollte sich mit Ihnen beraten. Aber ich glaube, er hat die Sache schon erledigt.«

Gott sei Dank, da konnte er in aller Ruhe zu Hause bleiben und seine Grippe auskurieren, ohne dass ihn jemand nervte. Sie plauderten noch eine halbe Stunde, dann ging Fazio wieder.

Es war schon acht Uhr vorbei. Montalbano stand auf, und sofort wurde ihm schwindlig. Dieser lästige Zustand war immer noch nicht vorbei. Er wählte Livias Nummer in Boccadasse, aber sie meldete sich nicht. Zu früh, die Telefongespräche zwischen ihm und seiner Freundin fanden meistens nach Mitternacht statt. Er sah in den Kühlschrank: gekochtes Huhn und etliche leichte Beilagen, damit es besser schmeckte. Nach einigem Zögern entschied er sich für süßsaure Paprikaschoten und in Essig eingelegte Zwiebelchen. Er ließ sich in seinem Fernsehsessel nieder, und während er lustlos aß, begann er sich einen Film mit dem Titel Die Jäger im Garten Eden anzusehen. Schon bei den ersten Einstellungen wusste er, dass es sich um eine bescheuerte Geschichte handelte, aber die Bilder und Sprüche waren so unglaublich blöd, dass er ganz fasziniert war und das Geschehen bis zum bitteren The End andächtig verfolgte. Und jetzt? Er schaltete um zu einer Talkshow mit dem Thema Hat Treue heute noch einen Wert?, die gerade auf dem wichtigsten nationalen Sender begann. Der Moderator, stets ein Lächeln auf den Lippen, das leicht ironisch sein sollte, allerdings ausgesprochen servil wirkte, stellte die Gäste vor: eine Herzogin, die mit einem Industriellen verheiratet war, aber bekanntermaßen eine unüberschaubare Flut von Liebhabern und Liebhaberinnen hatte und über die Bedeutung der Treue in der Ehe sprechen sollte; ein Politiker, der von der äußersten Linken allmählich zur äußersten Rechten umgeschwenkt war und sich über den Wert der Konsequenz in der politischen Arbeit auslassen wollte; einer, der erst Priester, dann Blumenkind, dann Buddhist, dann islamistischer Fundamentalist war und sich für die Notwendigkeit der Treue zur eigenen Religion stark machen wollte. Das Vergnügen war gesichert, und Montalbano sah sich die Sendung, hin und wieder hämisch lachend, bis zum Schluss an. Als er den Fernseher ausschaltete, merkte er, dass das Fieber wieder stieg. Er legte sich ins Bett, aber den Roman von Lucarelli nahm er gar nicht erst zur Hand, der schmerzhafte Ring legte sich schon wieder um seinen Kopf. Er löschte die Nachttischlampe und wälzte sich lange im Bett herum, bis der Schlaf sich seiner erbarmte, seine Hand ergriff und ihn mit sich forttrug.

Als er die Augen aufschlug, war es halb vier Uhr morgens, und er fühlte sich, als kochte ihn das Fieber bei lebendigem Leibe. Aber es war nicht nur das Fieber, sondern auch ein Gedanke, der ihm kurz vor dem Einschlafen gekommen war und ihn im Schlaf begleitet und diesen nicht gerade leichter gemacht hatte. Nein, es war gar kein Gedanke, vielmehr eine Sequenz von Bildern und eine Frage. Er dachte daran, wie Lampiuni sich um das verletzte Mädchen gekümmert hatte, seine Bewegungen waren so richtig, so gezielt, beteiligt und zugleich distanziert gewesen, eben so professionell … Er selbst hätte das nicht so hingekriegt. Die Frage konnte folgendermaßen auf den Punkt gebracht werden: Wer war Lampiuni wirklich? Da beschlich ihn in diesem halb deliranten Zustand die dumpfe Ahnung, dass das Fieber nie vorbeigehen würde, wenn er es nicht mit einem Thermometer maß. Er trank in der Küche drei Glas Wasser, zog sich rasch etwas über, verließ das Haus, setzte sich ins Auto und fuhr los. Er merkte gar nicht, dass er Slalom fuhr, zum Glück waren kaum Autos unterwegs. Die erste Apotheke war immer noch geschlossen, und die Farmacia Centrale hatte keinen Nachtdienst, aber auf einem Schildchen neben dem Rollladen stand, man möge sich an die Apotheke Lopresti am Bahnhof wenden. Fluchend setzte er sich wieder ins Auto. Die Apotheke befand sich innerhalb des Bahnhofsgebäudes. Der Rollladen mit dem vergitterten Fenster war heruntergelassen, aber drinnen war Licht. Montalbano sagte dem verschlafenen Apotheker, er brauche ein Fieberthermometer. Nach ein paar Minuten kam der Apotheker zurück.

»Sind aus«, sagte er und knallte das Türchen zu.

Montalbano hatte einen Kloß im Hals und war dem Weinen nahe. Es war zum Verzweifeln: Wenn er sein Fieber nicht maß, wurde es bestimmt chronisch. Da sah er plötzlich Lampiuni, der, einen Sack über der Schulter, auf den Fahrkartenschalter zusteuerte. Dem Commissario war sofort klar, dass der Tippelbruder vorhatte, wegzufahren, zu flüchten: Er wollte der Feier entgehen, die der Bürgermeister angesetzt hatte, denn sie würde unweigerlich zu seiner Identifizierung führen, der er sich bisher, wer weiß wie lange schon, entzogen hatte.

»Herr Doktor!«, schrie er und wusste selbst nicht, warum er den Vagabunden so nannte, von tief innen war das gekommen, es war sein Jagdinstinkt, mit dem er geboren war.

Lampiuni blieb wie vom Donner gerührt stehen und wandte sich ganz langsam um, während Montalbano auf ihn zuging. Als er ihm gegenüberstand, begriff der Commissario, dass der alte Mann starr war vor Schreck.

»Haben Sie keine Angst«, sagte er.

»Ich weiß, wer Sie sind«, sagte Lampiuni. »Sie sind ein Kommissar. Und Sie haben mich erkannt. Haben Sie Erbarmen mit mir, ich habe für meinen Fehler bezahlt und zahle immer noch dafür. Ich war ein angesehener Arzt, und jetzt bin ich nur noch ein Wrack. Aber ich könnte trotzdem die Schande nicht ertragen, es wäre schrecklich, wenn diese Geschichte wieder ausgegraben würde. Haben Sie Erbarmen, lassen Sie mich gehen.«

Dicke Tränen fielen auf seine abgerissene Jacke.

»Keine Angst, Dottore«, sagte Montalbano. »Ich habe keinen Grund, Sie aufzuhalten. Aber ich muss Sie noch um einen Gefallen bitten.«

»Mich?«, fragte der Stadtstreicher erstaunt.

»Ja, Sie. Können Sie mir sagen, wie hoch mein Fieber ist?«

Tödlich verwundet

Kapitel 1

Das leichte Abendessen war gewiss nicht schuld daran, dass er sich die halbe Nacht um die Ohren schlug und sich im Bett wälzte, bis er sich fast mit dem Laken strangulierte. Nein, wahrscheinlich lag es an dem Buch, das er ins Bett mitgenommen hatte, an seinem Unmut über so manche fade und blasse Seite eines Romans, den die Kritiker als einen der höchsten Gipfel bejubelten, den die Weltliteratur in den letzten fünfzig Jahren erklommen hatte. Die Entdeckung solcher Gipfel erfolgte durchschnittlich alle sechs Monate, und den Schrei des Entzückens pflegte eine reichlich snobistische Zeitung auszustoßen, an die sich die anderen flugs dranhängten. Alles in allem ähnelte das Panorama der Weltliteratur der vergangenen fünfzig Jahre ziemlich dem Himalaja, von einem Satelliten aus fotografiert. Aber in Wirklichkeit, überlegte er, war das Buch gar nicht schuld. Er hätte es, als er genug davon hatte, ja einfach zuklappen, auf den Boden werfen und das Licht löschen können und damit Schluss. Aber bei ihm stimmte halt alles Mögliche nicht, und so hatte er die Eigenart, dass er, wenn er einmal angefangen hatte, irgendwas zu lesen – Artikel, Essay, Roman –, unmöglich mittendrin aufhören konnte, er musste es zu Ende bringen.

Das Klingeln des Telefons wirkte richtig befreiend. Er pfefferte das Buch an die Wand gegenüber und sah auf den Wecker. Drei Uhr morgens.

»Pronto?«

»Pronti?«

»Catarè!«

»Dottori!«

»Was gibt ’s?«

»Schüsse.«

»Auf wen?«

»Auf jemand.«

»Tot?«

»Tot.«

Glänzender Dialog ganz nach Art des Dichters Alfieri.

»Den verstorbenen Signore, der Gerlando Piccolo heißt, haben sie bei ihm zu Hause erschossen«, fuhr Catarella prosaisch fort.

»Gib mir die Adresse.«

»Das ist schwer zu finden, Dottori. Kommen Sie her, Gallo wartet hier auf Sie, weil der kennt den Weg.«

»Hast du Dottor Augello Bescheid gesagt?«

»Ich hab ’s versucht, aber der ist nicht da.«

»Und Fazio?«

»Der ist schon am Tatort.«

»Ist gut, ich bin gleich da.«

Es herrschte eine solche Dunkelheit, dass man sie mit dem Messer hätte schneiden können. Soweit der Commissario mitbekommen hatte, lag das Haus des Verstorbenen – um mit Catarella zu sprechen – ganz einsam, weit draußen auf dem Land. Die Scheinwerfer seines Autos beleuchteten den Streifenwagen des Kommissariats, der vor der offenen Haustür parkte. Gefolgt von Gallo betrat Montalbano einen großen Raum, der Wohn- und Esszimmer in einem war. Alles sauber, ordentlich, anständig. Durch eine der drei Türen, die in das Wohnzimmer führten, kam Galluzzo mit einem Glas Wasser herein. Hinter ihm konnte der Commissario eine Küche erkennen.

»Wo gehst du hin?«

Galluzzo zeigte auf die Tür gegenüber.

»Zu der Nichte. Das arme Mädchen! Ich hab ihr gesagt, sie soll sich hinlegen.«

»Wo ist Fazio?«

Galluzzo wies mit dem Kinn zur Treppe, die in den oberen Stock führte.

»Du bleibst hier«, sagte Montalbano zu Gallo.

»Und was soll ich tun?«

»Wiederhol das Einmaleins.«

In dem Zimmer, in dem der Mann erschossen worden war, sah es aus wie nach einem Erdbeben. Aufgerissene Schubladen, Wäsche und Kleidung auf dem Boden, die Schranktüren sperrangelweit offen. Was nicht dazu passte, waren zwei Bildchen, die an der Wand gehangen hatten und jetzt zertreten am Boden lagen, und die Reste einer Muttergottes-Figur, die man gegen die Wand geschmissen hatte. Was sollte ein solcher Vandalismus bei einem Einbruch? Der verstorbene Gerlando Piccolo, ein beleibter untersetzter Mann Anfang sechzig, lag auf einem Doppelbett, den Oberkörper ans Kopfende gelehnt, auf Höhe des Herzens ein großer Blutfleck. Anscheinend hatte er sich noch halb aufrichten können, bevor ihn der Schuss des Mörders endgültig niederstreckte. Seine Augen waren nicht geweitet, nur ein bisschen größer als normal, und blickten verwundert. Aber was soll man auch groß spekulieren, wenn man den Tod kommen sieht, dann ist man entweder erstaunt oder man hat Angst, eine dritte Möglichkeit gibt es nicht. Obwohl es in dem Zimmer recht kalt war, hatte der Mann, als er ins Bett ging, nicht mal sein Unterhemd oder den Pullover, oder was er sonst trug, angelassen. Fazio, der wie ein seine Ware feilbietender Vertreter neben dem Bett stand, fing den Blick des Chefs auf.

»Er ist ganz nackt, er hat nicht mal Unterhosen an.«

»Woher weißt du das?«

»Ich hab ganz vorsichtig unter die Decke gefasst. Was soll ich machen, soll ich die Spurensicherung anrufen und den Staatsanwalt verständigen?«

»Warte noch.«

Irgendetwas stimmte nicht. Montalbano bückte sich und blickte auf der Seite, wo sich der Tote befand, unter das Bett, und da lagen die Unterhose und das Hemd. Als er sich wieder aufrichten wollte, stockte er, als wäre ihm heimtückisch die Hexe in den Rücken gefahren. Auf dem Boden, zwischen Nachttisch und Bett, lag ein Revolver.

»Fazio, hast du den gesehen?«

»Ja, Dottore.«

»Den muss der Mörder vergessen haben.«

»Nein, Dottore. Er lag im Nachttisch in der Schublade. Die Nichte hat ihn da rausgeholt und damit geschossen. Sie hat es mir selbst gesagt.«

»Und auf wen hat sie geschossen?«

»Auf den Mörder.«

»Ich verstehe nur Bahnhof. Vielleicht sollte ich besser mal mit dieser Nichte sprechen.«

»Das sollten Sie vielleicht«, sagte Fazio geheimnisvoll.

Die Nichte war etwa siebzehn Jahre alt und hatte einen dunklen Teint, große schwarze, vom Weinen gerötete Augen, krauses Haar in Überfülle. Sie war sehr schmal, und die Art, wie sie den Commissario ansah, wie sie vom Bett aufsprang, auf dem sie nicht gelegen, sondern gesessen hatte, verriet etwas Wildes, Tierhaftes. Sie trug einen dünnen Morgenrock und zitterte, weil sie fror und unter Schock stand.

»Mach ihr was Heißes zu trinken«, sagte der Commissario zu Galluzzo.

»In der Küche ist Kamillentee«, sagte das Mädchen.

»Und für mich einen Espresso«, bestellte Montalbano.

»Mit Sahne? Mit Grappa?«, witzelte Galluzzo, als er hinausging.

»Wir müssen miteinander reden. Aber so können Sie nicht bleiben. Ich gehe jetzt für fünf Minuten rüber, und Sie ziehen sich an. In Ordnung?«

»Danke.«

»Wie heißen Sie?«

»Grazia Giangrasso, ich bin die Tochter einer Schwester von Onkel Gerlando.«

Montalbano ging ins Wohnzimmer. Gallo fläzte sich in einem Sessel.

»Wie viel ist sieben mal sieben?«, fragte er den Commissario.

»Neunundvierzig«, antwortete Montalbano automatisch. »Wieso fragst du?«

»Sie haben doch gesagt, ich soll das Einmaleins wiederholen!«

Wie witzig seine Leute an diesem Morgen waren! Er ging die Treppe hinauf. Fazio stand nicht mehr neben dem Bett. Er lehnte an dem geschlossenen Fenster und blickte sich um.

»Hast du was gefunden?«

»Es gibt ein paar Sachen, die mir nicht klar sind.«

»Zum Beispiel?«

»Gerlando Piccolo war seit zwei Jahren verwitwet.«

»Ach ja? Das wusste ich nicht.«

»Und da frage ich mich …«

»… wer neben ihm im Bett lag, als der Mörder kam?«

Fazio sah ihn überrascht an.

»Haben Sie etwa auch gemerkt, dass beide Bettseiten benutzt sind? Da, schauen Sie das Kissen an und wie die Bettdecke auf der anderen Seite liegt …«

»Entschuldige, Fazio, aber wenn du so was merkst, warum sollte ich es dann nicht merken, und zwar auf den ersten Blick? Sieh dir nur weiterhin alles an und berichte mir dann.«

Fazio verzog beleidigt das Gesicht.

»Soll ich die Spurensicherung anrufen?«, fragte er reserviert.

»Du hast doch eine Uhr. In zehn Minuten rufst du sie an, ohne dass ich dich daran erinnern muss.«

Der Raum, der an das Zimmer des Toten angrenzte, war ebenfalls ein Schlafzimmer, jedoch unbenutzt. Auf dem Bett lagen nur Matratzen, die Möbel waren von einer Staubschicht bedeckt. Außerdem gab es noch eine abgeschlossene Tür, Montalbano stieß mit der Schulter dagegen, aber sie gab nicht nach. Gegenüber dieser Tür war ein halbwegs ordentliches Bad. Eine weitere Tür führte in ein Zimmerchen, das als Abstellkammer diente. Er kehrte ins Erdgeschoss zurück.

»Der Espresso ist fertig«, rief Galluzzo aus der Küche.

Bevor er eintrat, klopfte Montalbano an Grazias Tür. Keine Antwort.

»Sie ist im Bad«, sagte Gallo, der sich immer noch im Sessel lümmelte.

Während Montalbano in der Küche seinen Espresso trank, kam das Mädchen herein.

Sie hatte sich gewaschen und angezogen und wieder etwas Farbe bekommen. Galluzzo reichte ihr den Kamillentee. Sie fing im Stehen an zu trinken.

»Setz dich doch«, sagte Montalbano, zum Du übergehend. Sie setzte sich. Aber auf die Stuhlkante. Um jederzeit aufspringen und flüchten zu können. Sie wirkte wie ein gehetztes Tier. Unter der Bluse mit dem roten Tuch um die Schultern und dem weiten Rock, lauter Sachen von minderer Qualität, ahnte man ihre gespannten Muskeln. Da tat Galluzzo etwas Unerwartetes.

»Ist ja gut. Ganz ruhig«, sagte er und streichelte Grazia über den Kopf, als wäre sie ein Tier, das man beruhigen und besänftigen musste.

Und wie ein Tier reagierte sie mit einem tiefen Seufzer.

»Bevor wir anfangen, muss ich wissen, was in diesem abgeschlossenen Zimmer im oberen Stock ist.«

»Das ist … das war Onkel Gerlandos Büro.«

»Sein Büro?«

»Na ja, da hat er die Leute empfangen.«

»Was für Leute?«

»Die ihn aufgesucht haben.«

»Und wozu haben sie ihn aufgesucht?«

»Sie wollten Geld leihen.«

Ein Wucherer! Na toll. Das bedeutete Hunderte von möglichen Mördern unter Piccolos Kunden.

»Empfing er viele Leute?«

»Das weiß ich nicht, sie gingen nicht hier durch.«

»Wo denn dann?«

»Hinten am Haus gibt es eine Außentreppe, und das Zimmer hat eine Glastür.«

»Und der Schlüssel?«

»Den hatte der Onkel immer in der Tasche.«

Die Kleider des Opfers lagen auf einem Stuhl im Schlafzimmer.

»Galluzzo, geh rauf, hol den Schlüssel, schau dir zusammen mit Fazio dieses Büro an und leg dann alles wieder hin, wie es war.«

Als Galluzzo hinausging, sah das Mädchen den Commissario an.

»Wo sollen wir uns hinsetzen?«

»Zum Reden, meinst du? Das geht doch hier am allerbesten!«, antwortete Montalbano mit einer weiten Armbewegung, die die ganze Küche umfasste.

»Ich bin immer hier«, sagte Grazia.

Der Commissario merkte, dass ihre Stimme fester klang, gewiss fühlte sie sich weniger unsicher, wenn die Befragung in ihrer gewohnten Umgebung stattfand. Er schenkte sich noch einen Espresso ein und setzte sich.

»Seit wann hast du mit deinem Onkel denn in diesem Haus gelebt?«

Er holte absichtlich weit aus, er wollte das Gespräch erst dann auf den Mord bringen, wenn das Mädchen in der Lage war, darüber zu reden, ohne hysterisch zu werden.

So erfuhr er, dass Grazia das einzige Kind von Gerlando Piccolos Schwester Ignazia war, die mit Calogero Giangrasso, einem kleinen Getreidehändler, verheiratet gewesen war. Mit fünf verlor Grazia ihre Eltern bei einem Autounfall. Sie hatte auch in diesem Auto gesessen, das mit einem Lastwagen zusammenstieß, und eine schlimme Kopfverletzung erlitten, aber im Krankenhaus flickte man sie wieder zusammen. Danach nahmen Onkel Gerlando und seine Frau Titina, die kinderlos waren, sie zu sich.

»Mochten sie dich gern?«

»Sie brauchten eine Dienstmagd.«

Das sagte sie einfach so, ohne jeden Unterton von Groll oder Verachtung. Sie stellte es nur fest.

»Haben sie dich zur Schule geschickt?«

»Nein. Im Haus gab es immer was zu tun. Lesen und schreiben kann ich nicht.«

»Bist du verlobt, hast du einen Freund?«

»Ich?«

»Schon gut, sprich weiter.«

Als Grazia fünfzehn war, starb Tante Titina.

»Woran ist sie gestorben?«

»Der Arzt hat gesagt, am Herzen. Sie war herzkrank.«

Doch von da an wurde alles besser.

»Hat die Tante dich schlecht behandelt?«

»Immer. Und sie hat so viel von mir verlangt.«

Der Onkel war nicht unfreundlich zu ihr, er hatte sie sogar ganz gern und verlangte nicht, dass ein Topf mindestens fünfmal hintereinander gereinigt wurde. Und manchmal gab er ihr auch Geld, damit sie in die Stadt fahren und sich etwas kaufen konnte, woran sie Spaß hatte.

»Jetzt erzähl mal, was passiert ist. Schaffst du das?«

»Ja.«

Sie wollte gerade anfangen, als Galluzzo in der Tür erschien.

»Dottore, das Zimmer ist jetzt offen. Wollen Sie es sich ansehen? Ich bleibe so lange hier.«

Das Zimmer war, wie Grazia gesagt hatte, als Büro eingerichtet. Es gab einen Schreibtisch, zwei Sessel, ein paar Stühle, einen Karteikasten. Und hinter dem Schreibtisch einen solide aussehenden Wandtresor.

»Ist er zu?«, fragte Montalbano Fazio.

»Abgeschlossen.«

Der Commissario öffnete die Glastür, die mit einer Eisenstange gesichert war. Sie führte auf die Außentreppe, von der Grazia gesprochen hatte. Die Kunden konnten empfangen werden, ohne durch die Haustür zu gehen.

»Schließ mal den Tresor auf, da sind sicher die Namen von Onkel Gerlandos Kunden drin.«

»Galluzzo hat gesagt, dass er Geld verlieh.«

»Schreib dir vier oder fünf Namen auf, das reicht. Dann bringst du alles wieder in Ordnung, es muss aussehen, als wären wir nie hier gewesen.«

»Glauben Sie, dass die Mordkommission den Fall bekommt?«

»Klar, bezweifelst du das? Apropos, hast du angerufen?« »Alle. Die sind frühestens in einer halben Stunde da.«

In der Küche waren Galluzzo und Grazia ins Gespräch vertieft. Sie verstummten, als der Commissario hereinkam. »Kann ich dableiben?«, fragte Galluzzo.

»Natürlich. Dann machen wir mal weiter.«

Jeden Abend um Punkt zehn schaltete ’u zu Giurlanno den Fernseher aus und ging ins Bett, da konnte die Seifenoper, die gerade lief, noch so dramatisch sein. Das war auch das Signal für Grazia. Sie spülte alles ab, was sie für das Abendessen gebraucht hatten, kleidete sich im unteren Bad aus, ging dann in ihr Zimmer und legte sich schlafen.

»Augenblick«, sagte der Commissario. »Wer hat die Haustür abgeschlossen?«

»Mein Onkel, bevor er zum Essen kam. Das hat er immer gemacht. Er hat abgeschlossen und den Schlüssel an einen Nagel neben der Tür gehängt.«

Montalbano sah Galluzzo an.

»Der Schlüssel hängt da. Und die Tür wurde nicht gewaltsam geöffnet. Wahrscheinlich ist er mit einem Zweitschlüssel ins Haus eingedrungen.«

»Warum sprichst du im Singular? Der Schütze war nicht unbedingt allein.«

»Doch«, sagte Galluzzo.

»Er war allein«, bestätigte das Mädchen.

Grazia erzählte, sie sei sofort eingeschlafen. Dann sei sie von einem Krach geweckt worden, auf den sie sich keinen Reim habe machen können. Sie lauschte, aber da sie nichts mehr hörte, dachte sie, der Lärm sei irgendwo draußen gewesen. Sie hatte gerade die Augen wieder geschlossen, als sie laute Geräusche im Zimmer des Onkels hörte. Ihr erster Gedanke war, dass er sich nicht wohl fühle, wie es vor einiger Zeit schon mal passiert sei.

»Erklär mir das genauer.«

Der Onkel aß sehr gern. Einmal hatte er ein Dreiviertelzicklein verschlungen. Nachts war er aufgestanden, er wollte in die Küche und ein bisschen Natron nehmen, aber er hatte es nicht geschafft, es wurde ihm furchtbar schwindlig, und er war hingefallen.

»Und was hast du diesmal gemacht?«

Sie war aufgestanden, in den Morgenmantel geschlüpft und barfuß die Treppe hinaufgerannt. Im Schlafzimmer des Onkels war Licht. Sie sah gleich, dass der Onkel halb im Bett saß, den Rücken ans Kopfteil gelehnt. Sie trat zu ihm und sprach ihn an, aber er gab keine Antwort. Erst da bemerkte sie das Blut am Mund und den Fleck auf der Brust des Onkels. Sie drehte sich rasch um und sah einen Mann durch die Tür verschwinden. Da fiel ihr ein, dass der Onkel in der Schublade des Nachtkästchens einen Revolver hatte, sie holte ihn heraus, rannte hinter dem Mann her und schoss vom Treppenabsatz aus auf ihn, als er schon die Haustür erreicht hatte und fliehen wollte. Sie lief hinter ihm her, aber sie konnte nichts sehen, es war zu dunkel, sie hörte nur das Geräusch eines Mopeds. Sie kehrte ins Schlafzimmer zurück, begriff, dass sie für den Onkel nichts mehr tun konnte, ließ den Revolver fallen und ging hinunter ins Wohnzimmer, um die Polizei zu rufen.

Jetzt zitterte Grazia wieder, sie schwankte wie ein Baum, in den der Wind fährt. Galluzzo strich ihr erneut übers Haar.

»Es passt alles«, sagte er. »Auch der Blutfleck.«

»Welcher Blutfleck?«

»Der vor dem Haus, ich habe ihn mit der Taschenlampe gesehen. Jetzt, wo es hell wird, können Sie ihn auch sehen. Er stammt sicher von dem Mörder. Das Mädchen muss ihm in den Rücken geschossen haben.«

Da stieß Grazia, den Kopf weit nach hinten geneigt, einen Schrei wie ein Tier aus und verlor die Besinnung.

Kapitel 2

Zwei Tage zuvor hatte Questore Bonetti-Alderighi, der Polizeipräsident, ihm wieder mal eine Standpauke gehalten. »Lassen Sie sich das gesagt sein, Montalbano – vergessen Sie nicht, dass Ihre Aufgabe in einer temporären Sicherungsfunktion besteht und in nichts sonst.«

»Ich verstehe nicht, Signor Questore.«

»Mein Gott! Das habe ich Ihnen schon mindestens dreimal gesagt! Wenn Sie an einen Tatort gerufen werden, haben Sie sich darauf zu beschränken, den Tatort zu sichern, während Sie auf die Ermittlungsführer warten. Dass sich keiner rührt.«

»Muss ich das sagen?«

»Was?«

»Polizei! Keiner rührt sich!«

Bonetti-Alderighi musterte ihn argwöhnisch. Der Commissario stand vor dem Schreibtisch, den Oberkörper leicht nach vorn geneigt, mit einem Gesicht, das nur demütig um Aufklärung bat.

»Ach machen Sie doch, was Sie wollen!«

Jetzt waren die »Ermittlungsführer« im Anmarsch, und er hatte nicht das geringste Verlangen, ihnen zu begegnen. Er ging in Grazias Zimmer. Das Mädchen hatte sich etwas erholt und lag angekleidet auf dem Bett.

Galluzzo saß auf einem Stuhl.

»Ich gehe jetzt«, sagte Montalbano.

Grazia sprang auf.

»Wie bitte? Sind Sie schon fertig?«

»Nein, ich habe noch gar nicht angefangen. Galluzzo, du kommst mit.«

Im Wohnzimmer rief der Commissario nach Fazio. Gallo schlief tief in seinem Sessel, und im Vorbeigehen versetzte ihm der Commissario einen Tritt an die Wade.

»Was ist los? Was ist passiert?«

»Nichts, Gallo. Lass schon mal den Wagen an, wir fahren.« »Brauchen Sie mich?«, fragte Fazio oben an der Treppe.

»Ich wollte dir nur sagen, dass ich gehe. Du wartest auf die anderen.«

Auf dem Weg zur Tür hakte er sich bei Galluzzo ein.

»Wieso interessierst du dich eigentlich so für die Nichte?« Galluzzo wurde rot.

»Sie tut mir Leid. Sie ist so traurig und allein.«

Draußen wurde es Tag.

»Zeig mir mal den Blutfleck.«

Galluzzo sah auf den Boden und schien irritiert zu sein. Dann grinste er.

»Er ist genau unter Ihrem Auto.«

Sie machten Gallo ein Zeichen, er solle zurücksetzen, und dann kam der Fleck zum Vorschein, die Reifen waren zum Glück nicht darüber gefahren. Montalbano ging in die Hocke, um ihn besser sehen zu können, und berührte ihn mit dem Zeigefinger. Kein Zweifel, das war Blut.

»Leg irgendwas drauf, sonst ist er nachher nur noch Staub, wenn diese Idioten aus Montelusa mit ihren Autos drüberfahren. Du bleibst mit … mit Fazio hier. Wiedersehen.« »Danke«, sagte Galluzzo.

Er ließ Gallo vor dem Kommissariat aussteigen, setzte sich ans Steuer und fuhr weiter nach Marinella. Beim Rasieren fiel ihm die Sache mit dem Bett des Toten wieder ein. Wenn beide Seiten benutzt waren, dann musste vor dem Mord oder währenddessen jemand neben Gerlando Piccolo gelegen haben. Es gab also, abgesehen von Grazia, die das Zimmer betreten hatte, als alles vorbei war, einen Augenzeugen des Mordes. Er hatte vergessen, die Nichte zu fragen, was sie über die nächtlichen Besuche bei Onkel Gerlando wusste. Ein schwerer Fehler, der ihm niemals unterlaufen wäre, wenn man ihm nicht deutlich zu verstehen gegeben hätte, dass er den Fall den wahren »Ermittlungsführern« zu überlassen habe. Sollten sie doch selber sehen, wie sie weiterkamen.

Als es Zeit war, essen zu gehen, erschien Fazio mit finsterem Gesicht.

»Und wo ist Galluzzo?«

»Nachdem das Haus versiegelt war und die Nichte nicht wusste, wo sie hinsollte, hat Galluzzo seine Frau angerufen, sie war einverstanden, und Galluzzo hat das Mädchen zu sich nach Hause mitgenommen. Dann hat er den Arzt gerufen, weil sie nach der Befragung durch Staatsanwalt Tommaseo und Dottor Gribaudo fix und fertig war. Sie setzen die Befragung morgen Früh fort.«

»In Montelusa?«

Fazio schien verlegen.

»Nein, hier. Dottor Gribaudo hat gesagt, ich soll fragen, ob Sie ihr ein Zimmer herrichten können.«

»Dann richte eins her.«

»Welches denn? Wir haben ja nicht mal Platz für …«

»Oh nein! Stopp! Hast du das Sprichwort vergessen? ›Raum ist in der kleinsten Hütte.‹ Richte das kleine Zimmer neben dem Klo her.«

»Aber das ist doch nicht viel größer als eine Abstellkammer! Und voller Papierkram, da sieht es aus wie Kraut und Rüben!«

»Dann schaffst du eben ein bisschen Platz, ja? Eins wollte ich noch wissen: Haben sie Grazia gefragt, wie sie sich die Sache mit dem Bett erklärt, das auf beiden Seiten benutzt war?«

Fazio musste lachen.

»Dottore mio, Sie kennen doch Staatsanwalt Tommaseo. Seiner Meinung nach, ich zitiere wörtlich, handelt es sich um das ›klassische Verbrechen, wie es in den finsteren homosexuellen Kreisen heranreift‹. Kurz gesagt: Gerlando Piccolo hat einen Mann mit nach Hause genommen, höchstwahrscheinlich einen Immigranten, und der hat ihn nach dem Beischlaf erschossen, um ihn auszurauben.«

»Teilt Gribaudo diese Auffassung?«

»Dottor Gribaudo sagt, dass es keine Rolle spielt, ob die Person, die mit im Bett lag, Männlein oder Weiblein, Ausländer oder nicht Ausländer war, wichtig ist seiner Meinung nach, dass es sich ganz sicher um einen Komplizen handelt. Um eine Person, die nach dem Beischlaf gegangen ist und dem Dieb und Mörder die Haustür offen gelassen hat.«

»Und Grazia?«

»Sie sagt, dass sie schon manchmal, wenn sie das Bett machte, gemerkt hat, dass der Onkel in Gesellschaft gewesen war. Und auch gewisse nächtliche Geräusche, die aus seinem Zimmer kamen, ließen daran keinen Zweifel. Genauso wenig hatte sie Zweifel, dass es sich um Frauen und nicht um Männer handelte. Aber sie sagt, dass der Onkel nie und nimmer jemand durch die Haustür hereingelassen hätte. Die Besucherinnen sind über die Außentreppe gekommen, und der Onkel brauchte nur die Glastür des Büros zu öffnen. Wenn sie fertig waren, gingen sie denselben Weg zurück. Und der Onkel legte die Eisenstange wieder vor die Tür.«

»Wie wir sie vorgefunden haben.«

»Genau. Aber Grazia hat noch etwas gesagt.«

»Was denn?«

»Sie meint, dass beide Bettseiten benutzt waren, muss nicht unbedingt bedeuten, dass der Onkel in Gesellschaft war.

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