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Die Rache des Milliardärs

1. KAPITEL

„Was machst du denn da? Bist du noch zu retten?“

Die tiefe männliche Stimme ließ Lily Wharton herumfahren. Wie ein Blitz durchzuckte sie die Erinnerung an den Mann mit den scharf geschnittenen Zügen, der sie so salopp angesprochen hatte: Declan Gates.

Lily hätte beinahe lauthals losgelacht. Die Art der Begrüßung war ihr gleich bekannt vorgekommen. Es war noch nie Declans Art gewesen, sich lange mit Förmlichkeiten aufzuhalten.

„Das siehst du doch. Ich beschneide die Rosen“, antwortete sie endlich und deutete mit der Schere auf dorniges Gestrüpp, das an der Außenmauer des alten Hauses emporwucherte. Sie musste sehr vertieft gewesen sein, denn sie hatte kein Auto den steilen Weg die Klippen hinaufkommen hören.

„Ja, das sehe ich. Aber das erklärt noch lange nicht, was du auf meinem Grund und Boden zu suchen hast.“

Lily sah ihn sich genauer an. Es war unverkennbar dasselbe markante Profil mit dem energischen Kinn, der kühn gebogenen Nase und den hohen Wangenknochen. Aber dieser Declan trug einen tadellosen Maßanzug und hatte das pechschwarze Haar glatt zurückgekämmt. Die breiten Schultern deuteten an, dass er athletischer und männlicher geworden war in den letzten zehn Jahren.

Er ist also zurückgekommen, dachte Lily mit einem Anflug von Panik. Sie fasste sich und sagte: „Ich habe monatelang versucht, dich zu erreichen. Tat mir übrigens leid zu hören, dass deine Mutter gestorben ist.“

Er streifte sie mit einem ungläubigen Blick.

Lily wusste warum. Vermutlich gab es in ganz Blackrock, der kleinen Küstenstadt im Bundesstaat Maine, keinen einzigen Menschen, der nicht erleichtert aufgeatmet hätte bei der Nachricht, dass die alte Hexe in ihrem Haus auf den Klippen endlich das Zeitliche gesegnet hatte.

„Ich weiß nicht, wie viele Nachrichten ich für dich hinterlassen habe, aber du hast mich nie zurückgerufen. In deinem Büro sagten sie mir, du hättest geschäftlich in Asien zu tun. Ich konnte es einfach nicht ertragen zuzusehen, wie das Haus allmählich verfällt.“

„Ach, das hätte ich doch beinahe vergessen. Das war ja mal der Stammsitz eurer Familie.“ Seine hellen silbergrauen Augen funkelten kampfeslustig.

Selbst jetzt nach all den Jahren spürte Lily das Kribbeln im Bauch, das er früher schon bei ihr ausgelöst hatte. Wie hatte sie sich damals dagegen gewehrt, in seinen Bann gezogen zu werden! Es durfte nicht sein. Die Familien waren verfeindet, und schon eine harmlose Freundschaft unter Jugendlichen galt als Verrat. Als sie an diese Zeiten zurückdachte, hatte sie wieder den Klang seiner Kawasaki im Ohr. Auf diesem Motorrad war er damals immer durch die Ortschaft gedonnert, sodass das Aufheulen der Maschine von den Klippen widerhallte und die Einwohner Blackrocks einmal mehr ihn und die ganze Gates-Sippe zum Teufel wünschten. Ihm war es vollkommen egal gewesen, was die Leute von ihm dachten. Er hatte nie den Ehrgeiz gehabt, anderen zu gefallen.

Und nun hingen Wohl und Wehe der ganzen Stadt ausgerechnet von seinem guten Willen ab. Zumindest, wenn es so lief, wie Lily es geplant hatte, denn sie baute noch immer auf seine Anständigkeit und glaubte an das Gute in ihm.

Als sie sich zum letzten Mal gesehen hatten, war er auf seinem Motorrad vorgefahren und hatte mit der Faust gegen die Haustür gedonnert. Lily hatte versucht, ihn so schnell wie möglich loszuwerden, ehe ihre Mutter ihn dort sah, die jeden Moment nach Hause kommen konnte. Vor allem aber auch, damit er nicht merkte, wie ihr das Herz bis zum Halse schlug, wenn sie sich gegenüberstanden. Er hatte ihr eröffnet, dass er Blackrock an diesem Tage verlassen würde und nie wieder zurückkäme. Und er hatte Wort gehalten – zehn Jahre lang. Bis zu diesem unverhofften Wiedersehen.

Aber jetzt brauchte sie ihn.

Er musterte sie von Kopf bis Fuß in ihrem gestreiften Oxford-Hemd und den abgetragenen Kakihosen. Sein Blick kam ihr vor wie der eines Raubtiers und ging ihr durch und durch.

„Du hast dich überhaupt nicht verändert, Lily“, meinte er.

Lily schluckte trocken. Bei ihm konnte man nicht wissen, ob das ein Kompliment oder eine Beleidigung sein sollte. „Du dich auch nicht.“

„Da irrst du dich aber gewaltig.“

Wie früher ließ er sich nicht mit Redensarten abspeisen. Lily umfasste ihre Rosenschere fester. Wahrscheinlich hatte er recht. Zehn Jahre waren eine verdammt lange Zeit.

Lily holte tief Luft. „Dieses Haus steht seit zweihundert Jahren. Hier oben auf den Klippen kann man es schon von Weitem sehen. Es prägt das Gesicht der Stadt. Allein deshalb ist es nicht richtig, es einfach verkommen zu lassen.“

Declan betrachtete eingehend die Hausfront. „Die Mauern waren früher ganz schwarz. Wie hast du sie so sauber bekommen?“

„Mit einem Hochdruckreiniger. Einfach war es nicht, den Ruß herunterzubekommen, den die alte Papiermühle jahrzehntelang ausgespuckt hat.“

„Fühlst du dich berufen, die Sünden der Vergangenheit zu tilgen?“

„Ich hätte dich um Erlaubnis gefragt, wenn du mich zurückgerufen hättest. Mit Blackrock geht es bergab, Declan. Ich wollte so etwas wie ein Zeichen setzen, indem ich das Haus wieder herrichte. Ich will den Menschen hier Hoffnung machen, dass es für sie in dieser Stadt doch noch eine Zukunft gibt.“ Sie machte eine Pause. Dann nahm sie ihren Mut zusammen und fügte hinzu: „Ich möchte das Haus von Grund auf restaurieren. Und ich will auch die alte Papiermühle kaufen.“

Sein Blick verfinsterte sich. „Sie gehört mir, und sie ist nicht zu verkaufen.“

„Und warum nicht? Du hast doch mit Blackrock nichts mehr zu schaffen. Die alte Mühle ist seit zehn Jahren stillgelegt. Du hast keine Familie mehr, die hier wohnt. Du selbst führst anderswo ein völlig neues Leben …“

Declan lachte auf. „Was weißt du schon von meinem jetzigen Leben?“

Lily wusste nicht, was sie sagen sollte. Der Mann, der vor ihr stand, war ihr fremd geworden. Er besaß keine Ähnlichkeit mehr mit dem Declan von früher, der zwar ein rücksichtsloser Rowdy gewesen war, aber dennoch das Herz am rechten Fleck gehabt hatte.

„Du meinst wohl, nur weil meine Mutter tot ist, kannst du dir den alten Stammsitz der hochwohlgeborenen Familie Wharton einfach so wieder unter den Nagel reißen?“

Der Vorwurf traf Lily empfindlich. Trotzdem weigerte sie sich zu akzeptieren, dass die alte Rivalität ihrer Familien die Zukunft der Stadt in alle Ewigkeit verbauen sollte. „Ich habe jetzt mein eigenes Unternehmen und stelle hochwertige Dekorationsstoffe und Tapeten her. Die Mühle wäre ein idealer Produktionsstandort und könnte in Blackrock Arbeitsplätze schaffen.“

„Nette Idee. Ich fürchte nur, dass das nicht möglich sein wird.“

„Warum nicht? Was willst du denn mit einer ausgedienten Papiermühle anfangen?“

Seine Züge wurden hart. „Das ist allein meine Sache.“

Wut und Verzweiflung stiegen in Lily auf, als sie sah, dass Declan sie kalt lächelnd abblitzen ließ und all ihre Hoffnungen und Träume mit einem Schlag zunichtemachte. „Deine Sache, ach so!“, rief sie zornig aus. „Nach allem, was ich über dich gelesen habe, bist du unter die Heuschrecken gegangen. Deine Sache ist es, Firmen und Existenzen zugrunde zu richten, um den höchstmöglichen Profit herauszuschlagen. Hast du das hier auch vor?“

Declan zog die Brauen zusammen. „Sieh an, du hast dich also informiert. Dann sollte dir auch klar sein, dass das Haus und die Mühle mir gehören und ich damit tun und lassen kann, was ich will. Beides wurde von meiner Familie rechtmäßig erworben.“

„Dass ich nicht lache! Ihr habt einfach die Gunst der Stunde genutzt, als mein Urgroßvater durch den Schwarzen Freitag 1929 ruiniert war und sich das Leben genommen hatte und seine arme Frau nicht mehr aus noch ein wusste.“

„Sie hat gutes Geld dafür bekommen.“

„Ja, Geld, das ihr euch mit Schwarzmarktgeschäften, illegalem Waffenhandel und schwarzgebranntem Schnaps ergaunert habt.“

Die Anschuldigungen prallten an Declan ab. Mit einem spöttischen Grinsen entgegnete er: „Vergiss die Rattenfallen nicht. Damit hat mein Urgroßvater den Grundstock für das Familienvermögen gelegt. Man nannte ihn nicht umsonst ‚Ratten-Gates‘. Wir sind zwar nicht so vornehm wie ihr, aber wir wissen zu überleben. Und das ist das Einzige, was zählt.“

„Was zählt, sind die Menschen hier und ihr Glück.“

„Ach wirklich?“ Seine arrogante Art brachte Lilys Blut zum Kochen. „Und was hat unser Haus damit zu tun?“

„Es ist ein schönes, würdiges altes Haus, das mit den einfachsten Mitteln und unter großen Entbehrungen gebaut wurde. Allein deshalb muss man sich darum kümmern und darf es nicht einfach verkommen lassen.“

„Du hast es doch noch nie betreten. Oder inzwischen doch?“

Lily zuckte die Achseln und wandte sich resigniert ab. Nein, sie hatte es nie betreten, und das war nicht Declans Schuld. Ihre Mutter hätte ihr die Hölle heißgemacht, wenn sie einen Fuß über die Schwelle gesetzt hätte.

„Ich frage noch mal: Warst du inzwischen im Haus?“ Durchdringend sah er sie an.

„Nein. Ich habe ja gar keine Schlüssel.“

Er lachte, und sie errötete, weil sie zu spät erkannte, was ihre Antwort ihm verraten hatte: dass sie zumindest mit dem Gedanken gespielt hatte.

„Declan, ich liebe diese Stadt. Ich bin hier aufgewachsen und gedenke meine Tage auch hier zu beschließen. Aber Blackrock droht auszusterben. Seitdem deine Mutter die Papiermühle mit dem Zellstoffwerk geschlossen hat, gibt es hier keine Arbeit mehr.“

„Halt, stopp!“, unterbrach er sie unwirsch. „Willst du damit sagen, du bedauerst, dass die Mühle ihre Arbeit eingestellt hat? Ich kann mich daran erinnern, dass du und deine sauberen Freunde einen Riesenaufstand veranstaltet haben. Du bist mit Plakaten herumgelaufen, um gegen die Luftverschmutzung und die Belastung der Gewässer zu protestieren. Du hast damals behauptet, die Mühle vernichte die Lebensqualität in Blackrock.“

Lily winkte ab. „Ich wusste, dass das kommt. Ja, ich habe die Leute gegen euch aufgewiegelt, und das war bestimmt nicht schön.“

„Ich erinnere mich noch genau an eine Karikatur, die du auf einem Plakat in der Stadt aufgehängt hast. Ich war darauf als Teufel abgebildet, der Schwefeldämpfe ausstößt.“ Declan lachte. Aber es war ein kaltes gefühlloses Lachen, das nichts mehr mit seinem übermütigen Gelächter zu tun hatte, das sie von früher von ihm kannte. „Seitdem habe ich mir alle Mühe gegeben, diesem Bild gerecht zu werden.“

Lily errötete leicht. Auch sie konnte sich daran erinnern. Sie war damals jung gewesen, unerfahren und voller Ideale. Sie räusperte sich ein wenig verlegen. „Ich habe dazugelernt. Ich weiß heute zum Beispiel, dass man von sauberer Luft allein nicht leben kann.“

„Und nun bricht unsere tapfere Heldin zu ihrem nächsten Kreuzzug auf, um die Stadt zu retten, was? Wie willst du das überhaupt machen mit der alten Mühle? Sie eignet sich doch gar nicht für deine Zwecke.“

„Sie eignet sich hervorragend. Die großen Räume sind genau das Richtige. Drinnen wird alles neu, aber der schöne alte Backsteinbau bleibt erhalten. Und natürlich fliegt die Kohlefeuerung raus, die die ganze Stadt eingeräuchert hat.“

Er grinste. „So eine Schande. Ich finde, diese dunkle Patina steht der Stadt ausgezeichnet. Das wäre doch nicht mehr Blackrock, wenn alles so aussehen würde wie das hier.“

Er zeigte auf die im Licht der Nachmittagssonne hell leuchtende Wand, in der die früher blinden Fenster wieder blinkten wie blanke Augen. Drei Stockwerke hoch blickte das Haus auf die Klippen und den Ort hinab. Würdevoll, aber trotzdem dezent und ein schönes Beispiel der Architektur des achtzehnten Jahrhunderts, passte es sich in die raue Umgebung der Felsenküste ein.

Ein Anflug von Stolz erfüllte Lilys Brust, als auch sie einen Blick auf die Wasserfront des Hauses warf. Als die Leute in den Straßen der Stadt sahen, wie sie sich ans Werk machte, waren sie gekommen, erst Einzelne, dann immer mehr. Jeder hatte geholfen. Die Frauen brachten Sandwiches und Kaffee, und als man gegen Abend fertig geworden war, klang dieser großartige Tag mit einem gemeinsamen Grillfest aus, das auf der von Unkraut überwucherten Terrasse gefeiert wurde. Alle hatten mit Bier und Limonade auf die Zukunft von Blackrock angestoßen. Anfangs hatte Lily noch gewarnt und gemeint, dass man durch eine solche Aktion möglicherweise mit dem Gesetz in Konflikt geraten könnte. Aber es hatte keinen gekümmert. Alle hatten an diesem Tag dieselbe Vision: die von einem Blackrock, das wie durch ein Wunder wieder auferstand.

„Du hättest sie sehen sollen“, sagte Lily zu Declan, als sie ihm davon mit leuchtenden Augen berichtete. „Es bedeutet ihnen so viel. Die Reinigung dieser Hausfassade ist wie das Signal für einen Neuanfang.“

„Du meinst die Beseitigung der letzten Spuren, die die verhasste Familie Gates hier im Ort hinterlassen hat?“

Den letzten Satz hatte er zwar mit unbewegter Miene ausgesprochen, aber Lily merkte wohl, dass er verletzt war, und es tat ihr leid. Sie hatte ein schlechtes Gewissen. Auch sie hatte ihren Teil dazu beigetragen, dass die Familie Gates in Blackrock isoliert war. Obendrein hatte sie damals ihre Freundschaft zu Declan verraten.

„Und der Fluch, der auf dem Haus liegt? Hast du den schon vergessen?“, fragte er. „Es spukt wirklich darin, wie die Leute sagen.“

„Dummes Zeug.“ Lily schüttelte ärgerlich den Kopf, obwohl sie zugeben musste, dass auch ihr das Haus immer ein wenig unheimlich gewesen war. Man konnte sich gut vorstellen, dass in den verlassenen Zimmern der Geist eines Piraten umging. „Ich glaube solchen Quatsch nicht. Selbst wenn es einen Fluch gibt, hat er bestimmt nichts mit dem Haus zu tun.“

„… sondern höchstens mit der Familie Gates, wolltest du doch sagen, oder? Auf der liegt allerdings tatsächlich ein Fluch.“

Plötzlich wurde Lily von einem Schauer erfasst. An der Küste wehten zuweilen auch bei wärmstem Wetter überraschend frische Brisen. Aber der Wind war es wohl nicht allein, der Lily frösteln ließ. Declans Anspielung war eindeutig: Nicht nur seine Eltern, auch seine beiden Brüder waren nicht mehr am Leben. Genaues wusste Lily über ihr Ende nicht, nur dass beide Geschwister nicht einmal fünfundzwanzig Jahre alt geworden waren.

Declan blickte aufs Meer hinaus. Vor dem klaren Himmel zeichnete sich sein ausdrucksvolles Profil ab. Schon in seiner Jugend hatte sein teuflisch gutes Aussehen den fatalen Ruf, den er genoss, noch unterstrichen. Er wischte sich mit der Hand über den Mund. „Und dann der mysteriöse Jagdunfall, der meinen Dad das Leben gekostet hat …“, sagte er nachdenklich. Er schien ihre Gedanken erraten zu haben. Er wandte sich Lily wieder zu. „Ich bin offenbar allein schon deshalb das schwarze Schaf der Familie, weil ich noch am Leben bin.“ Seine Züge wurden hart. „Tja, sieht so aus, als könntet ihr mich nicht so leicht loswerden, selbst du nicht, meine zauberhafte Lily.“

Lily zuckte zusammen. Bei der Erinnerung daran, wie er sie immer genannt hatte, wurde ihr heiß. Meine zauberhafte Lily, Lily, Lilie auf dem Feld. Hoch auf den Klippen waren sie gewesen, als er das zum ersten Mal gesagt hatte. Sie hatten nebeneinander im Klee gelegen und gemeinsam die Wolken betrachtet. Was für eine Zeit! Gemeinsam waren sie über die Wiesen gelaufen und hatten lachend Fangen gespielt, sich gegenseitig Pusteblumen ins Gesicht geblasen, waren durch die Erlenbrüche gestreift und hatten Frösche gefangen.

Lily biss sich auf die Lippen. Sie waren sich so nahe gewesen. Du bedeutest mir alles, hatte Declan immer wieder zu ihr gesagt, und das ernste Gesicht, das er bei diesen Worten machte, überzeugte sie davon, dass er es auch so meinte. Wie alt waren sie damals gewesen? Vierzehn? Fünfzehn?

Sie griff nach ihren Gartenhandschuhen, die neben ihr im Rosenstock hingen. Eine der Dornen ritzte ihr oberhalb der Hand die Haut auf, sodass sich am Ende des Kratzers ein Blutstropfen bildete.

Declan hatte es gesehen. „Hast du dir wehgetan? Zeig mal.“ Er streckte die Hand nach ihr aus, aber Lily machte einen Schritt rückwärts, als hätte sie Angst, er könnte sie beißen.

„Immer noch Angst vor mir, was?“, spottete er, während sie ihr zerkratztes Handgelenk mit der anderen Hand festhielt. „Oder sind es deine Gefühle, vor denen du dich fürchtest? Gefühle, die viel zu dunkel und unberechenbar sind, als dass ein Mitglied der Familie Wharton sie sich zugestehen könnte.“

Lilys Verwirrung nahm zu. Er kannte ihre empfindlichen Stellen viel zu genau. Declan war es gewesen, der in ihrer Jugend Leidenschaften und Abenteuerlust in ihr geweckt hatte. Er schien damals viel intensiver zu leben als all die anderen, und sie war glücklich, dass sie daran teilhaben durfte. Noch immer war das eine Erinnerung, die sie hütete wie einen Schatz.

Declan hatte immer eine neue verrückte Idee auf Lager. Mal verfolgte er Kojoten durch die Wälder, dann badete er in der Brandung, auch wenn es wegen des schweren Seegangs verboten war, kletterte an Felswänden hoch und nahm sich überhaupt alles heraus, was für jeden anderen zu waghalsig und zu provozierend gewesen wäre.

Declan hielt eine der dornigen Ranken zwischen Daumen und Zeigefinger und betrachtete sie eingehend. „Diese hochgezüchteten Teerosen sind ein gutes Sinnbild. Wenn man sie nicht regelmäßig beschneidet, beginnen sie zu wuchern, und bald hat man nichts als hässliches Gestrüpp, das keine Blüten mehr trägt.“ Er ließ den Zweig los. „Die wilden Rosen hingegen wachsen und gedeihen, wie und wo sie wollen. Wind und Wetter können ihnen nichts anhaben, und sie blühen, ob sich jemand um sie kümmert oder nicht.“

Er trat dicht an Lily heran, zu dicht. Eine eigenartige Unruhe erwachte in ihr. Sie nahm seinen männlichen Duft wahr, der sich mit der salzigen Seeluft mischte. Declan sah ihr tief in die Augen. „Gehörst du noch zu den wilden Rosen, Lily? Überleg mal. Dann brauchst du deine Gefühle auch nicht zu beschneiden.“

Er hielt ihr die Hand hin, als wollte er ihr ein Friedensangebot machen.

Declan erwartete nicht, dass sie sein Angebot wirklich annahm. Trotzdem berührte es ihn eigenartig, als Lily ihren Blick senkte und kurz auf die ihr dargebotene Hand sah. Es lag etwas wie eine heimliche Hoffnung in ihrer Miene.

Lily sah ihm wieder ins Gesicht. „Behalte doch bitte deine Weisheiten für dich, Declan Gates. Meine Gefühle gehen dich einen feuchten Kehricht an.“

Die Art, wie sie stolz den Kopf hob, rief Bilder von früher in ihm wach. Sie hatte ihre niedliche Stupsnase immer schon ein bisschen zu hoch getragen und diese trotzige kleine Bewegung mit dem Kinn gemacht. Und sie hatte noch denselben makellosen rosigen Teint und denselben herausfordernden Blick in ihren haselnussbraunen Augen. Aber aus dem jungen Mädchen war eine attraktive Frau geworden.

Declan zog die Hand zurück. Ohne mit der Wimper zu zucken, steckte er die Zurechtweisung weg. „Da magst du recht haben“, sagte er. „Und nun möchte ich dich bitten, meinen Grund und Boden zu verlassen.“

Von einem Moment auf den anderen verhielt Declan sich kalt und abweisend. Er hatte das von frühester Jugend an gelernt. Wenn lange genug alle auf einem herumtrampeln, fällt es einem nicht mehr schwer, der Welt die kalte Schulter zu zeigen. Auch die unschuldige Prinzessin, die hier vor ihm stand, hatte zu guter Letzt zu denen gehört, die ihn von sich gestoßen hatten. Und auch jetzt wusste er, dass sie ihn nicht deshalb unzählige Male angerufen hatte, weil sie Sehnsucht nach einem Wiedersehen hatte, sondern weil sie etwas von ihm haben wollte.

Lily hielt seinem eisigen Blick stand. „Ich mache dir einen fairen Preis für das Haus und die Papiermühle. Ich kann ihn bezahlen. Meine Geschäfte laufen gut.“

„Ich sagte es schon: Weder das Haus noch die Mühle stehen zum Verkauf.“

Lily sah ihn eine Weile ratlos an.

„Was ist? Hat es dir die Sprache verschlagen? Bist du jetzt beleidigt?“

Sie erschrak vor seiner Feindseligkeit. „Das ist nicht fair, Declan …“

„Was ist nicht fair? Dass ich nicht der nette Junge bin, der dir gibt, was du haben willst? Ich bin nie der nette Junge gewesen.“

„Es ist doch nicht für mich.“ Sie verschränkte die Hände ineinander. „Denk doch an die Menschen hier, denen man wieder Hoffnung machen könnte.“

Mit einem Mal war die Entschlossenheit dahin, mit der Declan ihr die kalte Schulter gezeigt hatte. Ihr Engagement, die Wärme und Furchtlosigkeit, mit der sie sich für andere einsetzte, entwaffneten selbst ihn. Seine zauberhafte Lily, immer freundlich zu jedermann – außer zu ihm. So süß mit ihren warmen braunen Augen. Warum besaß sie zu ihrem blonden Haar nicht kalte blaue Augen wie die meisten? Dann hätte er es leichter mit ihr.

Declan gab sich einen Ruck. „Ja, du und überhaupt die Whartons und euer Blackrock, das kleine Paradies am Rande des Ozeans.“ Er kniff die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen. „Bis die bösen Gates kamen und alles kaputt machten. Und jetzt willst du auch den Letzten von ihnen loswerden. Nein, meine Liebe. So leicht geht das nicht. Ich behalte beides, das Haus und die Mühle.“

„Und was willst du damit anfangen?“

Er sah in das Gesicht, das er einst so geliebt hatte. „Gar nichts. Ich lasse sie verfallen und warte ab, bis die letzten Trümmer davon ins Meer stürzen – zusammen mit den grässlichen Erinnerungen, die darin hausen.“

Lily starrte ihn eine Weile sprachlos an. Dann drehte sie sich um und lief davon, wie er es vorhergesehen hatte. Nein, er war nicht der nette Junge, er war es nie gewesen. Noch einmal glitt sein Blick die von der Sonne beleuchtete helle Hauswand hinauf, die einst so düster und drohend gewirkt hatte.

Dieser Platz am Meer, das unten schäumte, hatte immer noch seinen Zauber für ihn mit dem weiten Himmel über den Granitfelsen, den Möwen, die sich darüber schreiend in die Höhe schraubten, dem Geruch von Salz und Seetang. Liebe Güte, wie lange war es her, dass er hier gewesen war? Zehn Jahre.

Er hörte, wie hinter dem Haus der Motor von Lilys Kombi ansprang und sie davonfuhr. Es ließ sich nicht leugnen: Sie war es, die ihn hierher zurückgebracht hatte. Sie besaß seit jeher eine Art Macht über ihn.

Lilys Interesse für das Haus und ihre Privatkampagne für die Stadt trafen ihn nicht unvorbereitet. Declan hatte davon gehört, als das örtliche Maklerbüro ihn angerufen und nachgefragt hatte, ob er die Objekte nicht anbieten wolle. „Blackrock macht sich wieder“, hatte man ihm gesagt.

Vor langer, langer Zeit hätte er Lily alles gegeben, was sie von ihm verlangte. Aber diese Zeiten waren vorbei. Dieses Mal sollte Lily ihren hübschen Kopf nicht durchsetzen.

2. KAPITEL

Mit festem Schritt ging Lily durch die Straßenschluchten in Manhattan. Rhythmisch klickten ihre Absätze auf den Steinplatten. Sie hatte nachgedacht und war zu einem Entschluss gekommen. Declan Gates war in erster Linie Geschäftsmann. Und die Sprache, die jeder Geschäftsmann verstand, war Geld. Wenn sie ihm ein unwiderstehliches Angebot machte, dürfte ihm das Ablehnen schwerfallen.

Lily war als erfolgreiche Geschäftsfrau durchaus imstande, rational zu denken. So vermochte sie nicht einzusehen, warum etwas so Irrationales wie eine alte Familienfehde oder ihre persönlichen Schwierigkeiten mit Declan der Stadt die Zukunft verbauen sollten.

Da es auf normalem Wege nicht möglich gewesen war, einen Termin bei Declan zu bekommen, hatte sie zu einer List greifen müssen. Sie hatte in Declans Büro angerufen und vorgegeben, die Fahrerin einer von ihm bestellten Limousine zu sein. Sie wolle nur nachfragen, wo er jetzt abgeholt werden könne. Man hatte ihr eine Adresse genannt, und so stand Lily jetzt vor einer beeindruckenden Stadtvilla aus den Siebzigern des neunzehnten Jahrhunderts. Die würdige Sandsteinfassade und das schmiedeeiserne Tor erinnerten eher an ein Botschafts- oder Konsulatsgebäude.

Lily läutete an der Tür und schrak zusammen, als diese sich fast im selben Moment öffnete.

Vor ihr stand ein Butler. Lily traute ihren Augen kaum.

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