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Die Rache des Griechen

Abby Green

Die Rache des Griechen

PROLOG

„Kallie, heute Abend musst du es ihm sagen. Sonst wird er nie erfahren, dass du ihn liebst. In zwei Tagen fährt er nach Hause. Du gehst nächstes Jahr aufs College oder arbeitest. Heute ist die letzte Gelegenheit, Alexandros deine Gefühle zu gestehen.“

Ihre ältere Cousine Eleni hielt Kallie an beiden Armen fest und sah sie mit blitzenden Augen an. Misstrauisch fragte Kallie sich, warum Eleni die Sache so wichtig war. Sofort meldete sich ihr schlechtes Gewissen, und sie kam sich gemein vor. War Eleni nicht ihre Vertraute, die sich seit Jahren ihre Schwärmereien für Alexandros anhörte? Sie versuchte nur, ihr zu helfen.

„Aber, Eleni, ich habe ihn seit zwei Jahren nicht mehr gesehen.“

Eindringlich schüttelte Eleni den Kopf. „Das spielt keine Rolle. Er hatte schon immer eine Schwäche für dich. Er ist noch genau derselbe wie früher. Der einzige Unterschied ist, dass er jetzt Geld wie Heu besitzt.“

Kallie schluckte. Und viel erwachsener ist – er wird mich auslachen.

„Kallie, du darfst jetzt nicht kneifen.“

Sie blickte ihre Cousine an. In Elenis Augen lag dieser ungeduldige Ausdruck, den sie schon immer ein wenig beängstigend gefunden hatte.

Mit wild pochendem Herzen nickte Kallie einmal. Über Elenis Kopf hinweg konnte sie das Objekt ihrer Zuneigung sehen. Alexandros Kouros. Fünfundzwanzig Jahre alt und unglaublich attraktiv. Nachtschwarze Haare, die manchmal bläulich schimmerten, fielen in sanften Wellen bis über seinen Kragen. Vielleicht ein kleines bisschen zu lang. Sein maskulines Gesicht berührte etwas tief in Kallies Innerem. Er schien ihre Blicke wie magisch anzuziehen und festzuhalten. Seine Größe von über einsneunzig und seine breiten muskulösen Schultern betonten seine sinnliche Männlichkeit.

Im Moment befanden sie sich in der palastartigen Familienvilla der Kouros’, die unmittelbar neben der ihrer Großmutter in den Bergen oberhalb Athens lag. Dort verbrachte Kallie immer ihre Sommerferien. Die jährliche Party der Kouros’ zum Ende des Sommers war ein gesellschaftliches Highlight. Kouros Shipping gehörte zu den größten Reedereien der Welt. Nach dem frühzeitigen Tod seines Vaters vor zwei Jahren hatte Alexandros die Geschäfte übernommen.

„Kallie, er wird nie etwas anderes in dir sehen als eine gute Freundin, wenn du ihn nicht auf die richtige Spur bringst.“

„Ich weiß.“

Noch nie in ihrem Leben hatte sie etwas so Kühnes getan. Normalerweise zog sie es vor, sich hinter einem Buch zu verstecken oder träumend in der Hängematte im Garten zu liegen. Sollte sie es wirklich wagen? Dann sah sie, wie Alexandros eine Flasche von einem Tisch nahm und durch die Terrassentür nach draußen verschwand. Eleni folgte ihrem Blick.

„Das ist deine Chance, Kall. Jetzt oder nie. Du wirst es dein Leben lang bereuen, wenn du nichts unternimmst. Wenn du ihm das nächste Mal begegnest, ist er verheiratet und hat drei Kinder!“

Bei dem Gedanken wurde Kallie ganz flau im Magen, was vielleicht auch an dem Wein lag, den Eleni ihr gegeben hatte, um ihr Mut einzuflößen. Noch einmal hob Eleni das Glas. Kallie schüttelte den Kopf, sie fühlte sich bereits ein wenig schwindelig. Allein der Anblick bereitete ihr Übelkeit. Es war das erste Mal, dass sie Alkohol trank.

„Geh, Kallie. Jetzt!“

Wie in einem Traum bewegte Kallie sich zwischen den Gästen hindurch und folgte Alexandros auf die Terrasse. Beinahe hätte sie kehrtgemacht, aber Eleni stand hinter ihr auf der Türschwelle. Es gab kein Zurück mehr.

Zunächst entdeckte sie ihn nirgends, weil die überhängenden Äste eines alten Baumes ihn verbargen. Dann sah sie ihn. Er hatte das Jackett ausgezogen und lehnte mit dem Rücken gegen eine Mauer.

Jetzt oder nie. Wenn ich es ihm jetzt nicht sage, wird er nie wissen, wie ich für ihn empfinde

Wie ein Mantra klangen die Worte in ihrem Kopf. Mit angehaltenem Atem betrat sie die natürliche Laube aus Blättern. Die Geräusche der Party drangen leise zu ihnen hinüber, aber Kallie hörte sie nicht. Alexandros hatte ihr den Rücken zugewandt. Sie sah, wie er die Flasche zum Mund hob und trank. Dann musste sie ein Geräusch gemacht haben, denn er wirbelte herum.

„Wer ist da?“ Er spähte in die Dunkelheit, und Kallie trat einen Schritt vor. „Kallie? Bist du das?“

Sie machte einen letzten Schritt. „Ja.“

Alexandros wandte sich ab. „Du solltest zurück zu den anderen gehen.“

Sein offensichtlicher Wunsch, alleine zu sein, verwirrte sie. Erst jetzt wurde ihr bewusst, dass er schon den ganzen Abend über in einer seltsamen Stimmung gewesen war, als ob eine schwarze Wolke über ihm schwebte.

Doch jetzt war sie schon so weit gekommen. Sie stellte sich neben ihn. Unter ihnen funkelten die Lichter Athens. Ihr Herz klopfte so schnell, dass sie sich ganz benommen fühlte.

„Ich möchte gerne bleiben, wenn das in Ordnung ist.“

Er zuckte die Schultern und nahm noch einen Schluck aus der Flasche. Bevor er sie daran hindern konnte, hatte sie sie ihm aus der Hand genommen und ebenfalls getrunken. Kallie hustete und würgte, als die Flüssigkeit in ihrer Kehle brannte. Alexandros klopfte ihr auf den Rücken und zog sie neben sich auf die niedrige Mauer. Er lächelte schief.

„Was hast du erwartet? Wein?“

Tränen liefen Kallie über die Wangen. „Was ist das?“

„Ouzo.“

Erst jetzt wurde ihr bewusst, wie nahe er ihr war. Unwillkürlich erschauerte sie.

Er griff nach seinem Jackett und legte es ihr um die Schultern. Kallie unterdrückte den Drang, die Augen zu schließen und tief seinen Duft einzuatmen, der in den Falten des Jacketts hing. Lange Minuten saßen sie schweigend und bewegungslos nebeneinander. Eine düstere Nachdenklichkeit ging von Alexandros aus. Die Luft um sie herum schien schwerer zu werden, die Anspannung zu steigen. Fieberhaft dachte Kallie darüber nach, was sie sagen könnte, um die Stille zu brechen. Plötzlich wandte Alexandros ihr den Kopf zu.

„Kallie, warum bist du hergekommen? Du solltest wieder ins Haus gehen, es wird schon dunkel.“

Verletzt schaute sie ihn an. „Ich wollte … Es macht mir nichts aus, hier mit dir zu sitzen.“

Er stöhnte leise auf und fuhr sich mit den Fingern durchs Haar. „Tut mir leid. Ich bin nur heute Abend kein guter Gesellschafter.“

Sie legte eine Hand auf seinen Arm. „Möchtest du darüber reden?“

Lange sah er sie an. Sein Blick war so intensiv, dass er etwas Fremdes und Heißes in ihrem Unterleib weckte. Er schien einen inneren Kampf auszufechten, dann war es vorüber. Kallie hielt den Atem an, als er die Hand ausstreckte, eine ihrer Locken nahm und durch die Finger gleiten ließ.

„Deine Haut ist außergewöhnlich, weißt du das?“

Kallie verzog das Gesicht und wand sich unter seinem Blick. „Sie ist schrecklich. Ich bekomme sofort einen Sonnenbrand. Und ich erröte so schnell.“

Außerdem bin ich viel zu dick.

Alexandros schüttelte den Kopf. „Nein, du ähnelst deiner Mutter. Eine typische englische Rose …“

„Mein Vater sagt immer, dass er sich genau deshalb in sie verliebt hat.“

Ein düsterer Ausdruck huschte über sein Gesicht, und er ließ die Haarsträhne los. In diesem Moment wusste Kallie, dass sie nicht den Mut hatte, ihm ihre Liebe zu gestehen. Sie sollte Alexandros alleine lassen, damit er gegen die Dämonen kämpfen konnte, die ihn so offensichtlich quälten.

„Ich gehe …“

Sie stand auf und taumelte, als der Boden unter ihr zu schwanken schien. Sofort legte Alexandros einen Arm um sie und zog sie an sich, um sie aufzufangen. Ihr Wunsch zu gehen löste sich in einem Blitz aus Hitze auf. Unter ihren Händen spürte sie seine Brust, stark und breit und warm. Sein Herz klopfte langsam und gleichmäßig. Sein Duft hüllte sie ein. Kallie sah auf und verlor sich in seinen dunklen unergründlichen Augen. Wirklichkeit, Raum und Zeit waren vergessen.

Vorsichtig tastend hob sie eine Hand und zeichnete die Umrisse von Alexandros’ Mund nach. An ihrer Handfläche spürte sie seinen warmen Atem.

„Kallie – was tust du da?“

Sie schaute auf, und zum ersten Mal in ihrem Leben fühlte sie sich mutig, erfüllt von einer unbekannten, weiblichen Macht. Woher dieses Gefühl kam, wusste sie nicht, aber sie sagte schlicht: „Das.“

Und damit schloss sie die Augen und presste ihre weichen Lippen auf seine.

Einen Moment tat er gar nichts. Kallie hingegen durchfuhr ein süßes Verlangen, dessen Intensität sie erschreckte. Dann erwachte Hoffnung in ihrem Herzen. Er stieß sie nicht fort. Würde er den Kuss erwidern? Sie wollte ihn so sehr. Unsicher bewegte sie ihre Lippen auf seinen … und plötzlich kippte die Welt. Alexandros stand auf und schob sie von sich weg. Kallie war zu benommen, um zu reagieren, und wäre gefallen, hätte er sie nicht festgehalten. Das Jackett glitt von ihren Schultern zu Boden.

„Was, zur Hölle, hast du getan?“

Er ließ sie los, und es gelang ihr, aufrecht stehen zu bleiben. Sehnsucht brannte in ihrem Körper und flehte um Erfüllung.

Doch die Weise, auf die Alexandros sie jetzt ansah, voller Verachtung, Unglauben und Entsetzen, ließ sie sich nur noch schwach fühlen.

„Es tut mir leid … Ich weiß nicht, was …“ Sie schüttelte den Kopf und stolperte ein paar Schritte rückwärts.

Er legte die Hände wieder auf ihre Schultern und hielt sie auf. „Warum hast du mich geküsst?“

„Weil …“ Sie sah ihn an, wie er, vom Gegenlicht beleuchtet, vor ihr stand. So wunderschön. Sie musste es ihm sagen. Jetzt. „Weil … ich dich liebe, Alexandros.“

Abrupt versteifte er sich. „Was?“

„Ich … ich liebe dich.“

Der schockierte Ausdruck auf seinem Gesicht wich Verwirrung, dann Abscheu. Er zog seine Hände von ihren Schultern, so schnell, als habe er sich verbrannt.

„Ich weiß nicht, was du vorhast, Kallie, aber es gefällt mir nicht. Heute Abend gebe ich meine Verlobung bekannt. Wenn uns jemand gesehen hat … Verdammt! Geh einfach, Kallie.“

Sie hörte seine Worte, konnte aber den Sinn nicht erfassen. Verlobung? Mit wem?

Auf einmal verspürte sie den Wunsch, in hysterisches Gelächter auszubrechen. Dann kam sie sich sehr dumm vor. Sehr klein und sehr jung.

„Es tut mir leid, Alexandros, vergiss einfach alles. Vergiss, was passiert ist, vergiss mich.“ Sie wirbelte herum und lief die Treppe hinunter in den Garten, rannte fort von der Veranda, fort von allem. Sie hörte, wie er einmal ihren Namen rief, aber sie blieb nicht stehen, und er folgte ihr nicht.

Noch beim Laufen kamen die Tränen. Und als sie endlich anhielt und sich auf den Boden kauerte, weinte sie, bis sie nichts mehr sehen konnte. Sie weinte, weil sie so naiv gewesen war, so dumm und weil sie auf Eleni gehört hatte. Irgendeine verrückte Magie des Mondes oder Wahnsinn oder der Wein mussten von ihr Besitz ergriffen haben. Als ob jemand wie Alexandros Kouros sich überhaupt für sie interessierte, geschweige denn küssen wollte! Bei der Erinnerung, wie sie sich ihm an den Hals geworfen hatte, zuckte sie zusammen. Er hatte sie ja praktisch von sich wegschieben müssen! Sie fuhr sich mit den Händen über die Wangen. Nie wieder würde sie Alkohol anrühren!

Unglücklich machte Kallie sich auf den Weg zurück zur Villa. Als sie an der offen stehenden Verandatür vorbeikam, musste sie einfach ins Innere spähen. Im Raum war es still. Die in Designerkleider gehüllten und juwelenbehangenen Gäste hatten ihre Gläser zum Toast erhoben. Auf die Verlobung von Alexandros Kouros und die atemberaubend attraktive Frau an seiner Seite. Pia Kyriapolous, das berühmte Model. Die beiden boten ein perfektes Bild.

Jemand berührte ihre Schulter, und sie wirbelte herum. Es war Eleni, die sie mitfühlend ansah.

„Oh, Kallie, es tut mir so leid …“

Etwas an der Art und Weise, wie sie das sagte, ließ Kallie ganz still werden. Plötzlich fielen ihr die Worte ihrer Cousine von vorhin wieder ein. Wenn du ihn das nächste Mal wiedersiehst, ist er verheiratet und hat drei Kinder … „Bitte sag mir, dass du nichts davon wusstest, Eleni.“

Eleni schaute sie trotzig an. „Ich habe dir einen Gefallen getan, Kallie. Hättest du es ihm gesagt, wenn du es gewusst hättest?“

Natürlich nicht!

Wieder tadelte sie sich wegen ihrer unglaublichen Naivität und ahnte, dass in diesem Moment etwas in ihrem Inneren starb … oder sie erwachsen wurde.

Elenis Miene weckte in ihr den Wunsch, sich zu beschützen. Sie zog sich in sich selbst zurück.

Es gelang ihr, den Kopf zu schütteln, wie sie es bei ihrer Cousine tausend Male zuvor gesehen hatte, und sie zuckte die Schultern. „Kein Problem, Eleni. Mit Pia kann ich ja wohl kaum konkurrieren, oder?“ Von irgendwoher zauberte sie sogar ein kleines Lachen. „Aber, wie du gesagt hast, habe ich es zumindest versucht!“

Und zum ersten Mal in ihrem Leben beschwor sie alles, was sie an erwachsener Gelassenheit aufbringen konnte, wandte sich um und ließ die Party, ihre Cousine und Alexandros hinter sich zurück.

Als Kallie am nächsten Morgen aufwachte, schien nichts von dem dumpfen Schmerz in ihrer Brust verschwunden zu sein. Einen Moment wollte sie glauben, dass der gestrige Tag nur ein böser Traum gewesen war, aber natürlich hatte sie nicht geträumt. Ihr einziger Trost war, dass Alexandros wahrscheinlich schon nach Athen gefahren war. Morgen würde sie nach England aufbrechen. Sie betete, dass Alexandros in der Stadt blieb, bis sie das Land verlassen hatte. Dann würde nie jemand erfahren, was passiert war. Außer ihnen beiden. Und Eleni. Die aber, dachte Kallie erleichtert, hatte die demütigende Szene nicht mit angesehen.

Als sie jedoch nach unten kam, umfingen sie Lärm, Verwirrung und helle Aufregung. Ihre Eltern hatten sich mit entrüsteten Mienen vor Alexandros aufgebaut. Gerade schrie ihr Vater ihn an und wedelte mit einer Zeitung vor seinem Gesicht herum.

„Wie konntest du das tun? Wir haben dir vertraut. Sie ist erst siebzehn! Kaum mehr als ein Kind. Reicht es dir nicht, eine der schönsten Frauen Athens zu heiraten? Musstest du dich auch noch an Kallie vergreifen?“

Ihre Eltern konnten sie nicht sehen, weil sie von Alexandros’ Rücken verdeckt wurde. „Pias Familie“, entgegnete Alexandros mit leiser scharfer Stimme, „hat überraschend wenig Verständnis dafür, dass ihre Tochter einen Mann heiratet, dessen Bild den gesamten Mittelteil der bekanntesten Klatschzeitung Griechenlands einnimmt. Zudem zeigen sie ebenfalls wenig Verständnis dafür, dass dieser Mann, und ich zitiere, ‚niemals in die Fußstapfen seines Vaters treten und die Geschäfte übernehmen wollte‘. Dank eurer Tochter wurde meine Verlobung heute Morgen gelöst.“

Ihre Mutter trat vor und versetzte Alexandros eine schallende Ohrfeige. „Du wusstest doch, dass sie schon immer in dich verliebt war. Du warst wie ein Sohn für uns.“

Kallie wurde eiskalt. Ein flaues Gefühl breitete sich in ihrem Magen aus, sie fühlte sich sterbenskrank. Dann musste sie irgendein Geräusch gemacht haben, denn alle drehten sich nach ihr um.

Du …“

Ihr Vater fiel Alexandros ins Wort. „Kouros, verlass sofort dieses Haus. Du bist hier nicht länger willkommen.“

Alexandros wandte sich wieder ihrem Vater zu. „Glaub mir, ich will keinen von euch je wiedersehen. Vor allem sie nicht.“ Er warf Kallie einen so verächtlichen Blick zu, dass sie einen Schritt zurückwich. Dann ging er.

Einem plötzlichen Impuls folgend, lief Kallie ihm nach und ignorierte die Rufe ihrer Eltern. Alexandros hatte schon fast das Gartentor erreicht, das die Grundstücke der beiden Nachbarn voneinander trennte.

„Warte, Alexandros … warte!“

Er blieb so abrupt stehen, dass sie beinahe mit ihm zusammengestoßen wäre. Dann wandte er sich um, griff nach ihren Armen und sah sie an. Auf einmal wirkte er nicht mehr wütend, nur noch traurig. Kallie war verwirrt. In ihrem Kopf drehte sich alles, während sie zu begreifen versuchte, was eigentlich passiert war.

„Ich dachte, wir wären Freunde, Kallie. Warum hast du das getan? Du hast alles ruiniert … und nur, weil ich dich abgewiesen habe?“ Er schüttelte den Kopf. „Du schienst der einzige Mensch zu sein, der nie etwas von mir erwartet hat. Ich habe dir vertraut, und du hast mich hereingelegt und alles ausgeplaudert.“

„Ich weiß nicht, was …“

Wieder schüttelte Alexandros den Kopf und brachte sie mit einem finsteren Blick zum Schweigen. Unwillkürlich musste er an den kühnen Ausdruck in ihren Augen denken, als sie ihn geküsst hatte. Ohne den leisesten Hauch eines Zweifels wusste er jetzt, dass er nie wirklich gewusst hatte, wer Kallie Demarchis war. Auch ihre Eltern, die für ihn wie eine zweite Familie geworden waren, hatte er nicht wirklich gekannt. Einfach so hatten sie ihn aus ihrem Haus und ihrem Leben verbannt. Er war ein Narr gewesen, ihnen zu vertrauen.Und er hatte Kallie für unschuldig gehalten, für unverdorben und … süß.

„In den letzten zwei Jahren bist du wirklich erwachsen geworden, Kallie. Jetzt bist du wie alle anderen. Bestimmt hast du von der Verlobung gehört und gedacht, du könntest es auch einmal versuchen? Aber siebzehn ist ein bisschen zu jung für meinen Geschmack. Und du besitzt auch definitiv nicht, was ich brauche.“

Er hielt ihr die Zeitung entgegen. „Oh, und ein Rat für das nächste Mal, wenn du einen Kuss an die Presse verkaufst. Falls du deine Identität geheim halten willst, ist es keine gute Idee, das Foto von deiner privaten E-Mail-Adresse aus zu senden. Du bist nichts weiter als ein kleines Flittchen, Kallie, und kein sonderlich intelligentes noch dazu.“

Mit offenem Mund sah sie ihm nach, wie er durch das Gartentor schritt. Die Worte waren ihr in der Kehle stecken geblieben. Ihre E-Mail-Adresse? Foto? Einen Kuss an die Presse verkauft? Wie in einem schrecklichen Albtraum gefangen, schaute sie auf die Zeitung, die zu ihren Füßen lag. Auf der aufgeschlagenen Seite war ein grobkörniges Schwarz-Weiß-Bild abgedruckt. Die eine Person auf dem Foto war unverkennbar. Alexandros. Und die Frau, die ihre Arme um seinen Nacken gelegt hatte und sich an ihn presste, war auf jeden Fall nicht Pia Kyriapolous. Darüber prangte eine grässliche Schlagzeile: „Der Bräutigam! Am Abend seiner Verlobung …!“

1. KAPITEL

Sieben Jahre später, Hotel Ritz, Paris

Alexandros Kouros langweilte sich. Bereits seit geraumer Zeit lastete diese Langeweile auf seinen Schultern, einer schwarzen Wolke gleich, die aus seinem tiefsten Inneren kam und alles verschlang. Vergessen war die Tatsache, dass er von Überfluss umgeben war. Ein Überfluss, dem er, einer der reichsten Männer der Welt, nicht entkommen konnte. Gedämpfte Stimmen drangen an sein Ohr. Er blendete sie aus. Sie umkreisten ihn seit Jahren.

So gut aussehend – so jung! Einer der erfolgreichsten Reeder seit Onassis … Noch mehr Geld … Begehrtester Junggeselle

Jetzt vermehrte das konstante Flüstern nur seine Verdrossenheit. Wenige Menschen konnten sich ähnlicher Erfolge rühmen, die meisten konnten sie sich nicht einmal vorstellen. Harte Arbeit hatte zu diesem Ziel geführt, was das Ergebnis nur umso süßer hätte machen sollen. Aber war es das? Wieso empfand er so, wenn alles, was er sich wünschen konnte, zu seinen Füßen lag, wenn er nur mit einem Fingerschnipsen den Lauf der Geschäftswelt beeinflussen konnte? Wenn es nicht das war, was er wollte, was war es dann? Eine undeutliche Erinnerung, ein alter verblasster Traum regte sich in seinem Kopf. Ein Traum, der schon vor langer Zeit zu Staub zerfallen war.

Eine Berührung an seinem Arm, nicht zärtlich, sondern besitzergreifend, holte ihn in die Gegenwart zurück. Zurück zu der Frau an seiner Seite. Sie wurde für die schönste und begehrenswerteste Frau der Welt gehalten – und sie war die letzte in einer langen Reihe von ähnlichen Frauen, die seinen Arm, sein Bett geziert hatten.

„Liebling …“

Ein Hauch von Ärger breitete sich in ihm aus. Jedoch verbat es die Höflichkeit, die Frau einfach zu ignorieren. Er wandte sich zu ihr um und lächelte schmallippig. Das platinblonde Haar stach ihm ins Auge, was ihm mit einem Mal zu grell, zu aufdringlich vorkam. Er betrachtete das geschminkte Gesicht, sah den harten habgierigen Ausdruck in ihren Augen. Diamanten funkelten um ihren Hals. Binnen einer Sekunde fällte er eine Entscheidung. Er fand sie überhaupt nicht mehr attraktiv. Hatte er das eigentlich jemals?

Isabelle Zolanz wusste es noch nicht, aber ihre Zeit an seiner Seite war abgelaufen. Zum ersten Mal seit Wochen fühlte er sich erleichtert. Die Freude, wieder frei zu sein, vertrieb bereits einen Teil seiner Langeweile. Er wollte keine weitere Minute mit ihr verbringen. Er beschloss, die Party sofort zu verlassen und zu Hause die Beziehung zu beenden.

Gerade als er den Mund öffnen wollte, erregte etwas, was er aus den Augenwinkeln wahrnahm, seine Aufmerksamkeit. Er wandte sich um. Auf der Türschwelle auf der gegenüberliegenden Seite des Raumes stand eine Frau. Offensichtlich war sie eben eingetroffen, denn sie stand auf Zehenspitzen und sah sich suchend um. Für einen Sekundenbruchteil verschwand der Lärm der Unterhaltungen. Er konnte den Blick nicht von der Unbekannten abwenden. Gänsehaut überlief seinen Körper. Dann kehrten die Geräusche zurück.

Sie war atemberaubend. Allerdings auf eine Weise, die er nicht einordnen konnte. Sie war nicht hübsch wie ein Model. Durchschnittlich groß, aber perfekt proportioniert. Sein Kennerblick verriet ihm, dass alle Kurven an den richtigen Stellen saßen. Vielleicht ein bisschen üppiger als seine sonstigen Eroberungen. Ihr Körper schien ihn auf einer sehr elementaren Ebene zu rufen. Das schlichte schwarze Kleid mit dem V-förmigen Ausschnitt betonte ihre Taille und die Rundungen ihrer Brüste. Sie trug eine Halskette mit einem einzelnen Stein als Anhänger, der im Licht der Lampen funkelte.

Schockiert stellte er fest, dass er das starke Verlangen verspürte, zu ihr zu gehen, ihre Hand zu nehmen und sie nach draußen zu führen, um herauszufinden, ob ihre Haut sich wirklich so weich und seidig anfühlte, wie sie aussah. Der Drang war so stark, dass er sich bereits tatsächlich in ihre Richtung bewegte. Er wollte die Stelle berühren, an der der Anhänger auf ihrem Dekolleté ruhte. Und er wollte sie von den anderen Männern fortführen, die ihre Ankunft bereits ebenfalls bemerkt hatten.

Ihre Haut schimmerte hell, die Gesichtszüge waren sanft und klar. Hohe Wangenknochen, weit auseinanderstehende mandelförmige Augen, die er gerne aus der Nähe betrachtet hätte, um ihre Farbe zu sehen. Von honigfarbenen Strähnen durchzogenes blondes Haar fiel in leichten Wellen über ihre Schultern, ein zu einer Seite gekämmter Pony verbarg und enthüllte immer wieder die verführerischen Augen.

Sein Blick folgte ihr, als sie mit weiblicher Anmut durch den Raum ging. Der Schwung ihrer Hüften, die Bewegungen ihres gerundeten Pos ließen Alexandros ein leises Sehnen spüren. Tatsächlich war es mehr als ein Sehnen.

Jemand zog ihn am Arm. Beinahe hätte er die Hand, die jetzt dort ruhte, ungehalten abgeschüttelt. Erst dann fiel ihm wieder ein, wer er war und mit wem er hier war. Er war schockiert. Einen Moment war er wie gebannt gewesen und hatte alles um sich herum vergessen. Innerlich schüttelte er den Kopf. Definitiv ein Zeichen, dass es an der Zeit war, weiterzuziehen, wenn er in einem überfüllten Raum Verlangen nach einer völlig Unbekannten empfand.

Aber da war etwas an ihr. Etwas, das er nicht genau erfassen konnte, etwas Vertrautes, als würde er sie kennen oder hätte sie schon einmal gesehen …

Es kostete ihn größere Anstrengung, als er sich eingestehen wollte, den Blick abzuwenden und Isabelle anzuschauen. Er setzte ein sanftes Lächeln auf, als er sich wieder an seinen Wunsch zu gehen erinnerte.

„Verzeih mir“, murmelte er. „Ich habe morgen früh ein wichtiges Meeting. Hast du etwas dagegen, wenn wir aufbrechen?“

Isabelle drückte seinen Arm und erwiderte sein Lächeln in der falschen Annahme, er wolle mit ihr alleine sein. „Ganz und gar nicht, Liebling. Ich hole nur meinen Mantel.“

Alexandros sah ihr nach und verspürte keinerlei Reue oder Gewissensbisse. Eine Frau wie Isabelle Zolanz wusste genau, wie Männer wie er spielten. Natürlich würde sie enttäuscht sein, aber da in ihre Beziehung keine Gefühle investiert worden waren, würde sie nur den Verlust seines Geldes, seiner Großzügigkeit und des sozialen Status betrauern. An diese Art Affären war er gewöhnt. Er genoss die Aufregung der Jagd. Doch wenn er ehrlich war, musste er zugeben, dass in letzter Zeit jede Eroberung einen schalen Beigeschmack gehabt hatte. Um seine Ziele zu erreichen, hatte er sich nicht mehr sonderlich anstrengen müssen.

Unbewusst hielt er wieder Ausschau nach der anderen Frau. Sie war verschwunden. Er verzog das Gesicht. Vielleicht war es besser so. Er wusste nur zu gut, wie es war, sich ein perfektes Bild von einer wunderschönen Frau zu erschaffen. Unweigerlich folgte eine Enttäuschung.

War er schon bereit, wieder frei zu sein? Eine Geliebte zu behalten bot auch einen gewissen Schutz. Einen Aufschub vor den Bemühungen anderer, seine Aufmerksamkeit zu erregen. Plötzlich fiel ihm etwas ein. Er stieß ein knurrendes Geräusch aus. Tatsächlich brauchte er gerade jetzt dringend eine Frau. Doch als er Isabelle an der Garderobe erspähte, verwandelte sich sein Inneres zu Eis. Sie würde er bestimmt nicht fragen.

Kallie bahnte sich nun einen Weg durch die Menschenmenge. Sie reckte den Kopf auf der Suche nach ihrem Onkel und fand ihn endlich in einer ruhigen Ecke. Sie küsste ihn auf die Wange. „Entschuldige, Alexei, ich bin bei der Arbeit aufgehalten worden.“

„Kein Problem, meine Liebe. Ich hole dir einen Drink.“

Er sprach rasch und wirkte ein wenig schreckhaft auf Kallie. Verstärkt wurde ihr Eindruck, als er hastig ein Glas Wasser von einem Tablett nahm, das ein Kellner gerade vorbeitrug, und es ihr praktisch in die Hände stieß. Er wich ihrem Blick aus und schaute abwesend über ihren Kopf hinweg. Er schien ausgesprochen nervös zu sein.

„Alexei …“

Plötzlich zog er sie hinter eine mannshohe Zimmerpflanze und schirmte sie dann gegen den Raum mit seinem Körper ab.

Alexei …“, wiederholte Kallie jetzt ungeduldiger. Sie wusste, dass ihr Onkel zum Theatralischen neigte, aber das hier war lächerlich. Er benahm sich, als befänden sie sich in einem Agententhriller. Sie lächelte vielsagend und flüsterte verschwörerisch: „Verstecken wir uns vor deiner Geliebten?“

Mit gekränkter Miene sah er sie an. „Kallie Demarchis, du weißt genau, dass ich nie eine andere Frau anschauen würde.“

Beruhigend legte sie eine Hand auf seinen Arm. „Ich mache doch nur Spaß. Aber du verhältst dich so seltsam. Meinst du, ich kann jetzt hinter der Pflanze hervorkommen?“

Für eine Sekunde erbleichte er, als er auf der anderen Seite des Raumes etwas zu entdecken schien. Kallie runzelte die Stirn; allmählich bekam sie Angst. „Was ist denn los?“

„Kallie, da ist jemand … jemand ist hier, den du seit langer Zeit nicht mehr gesehen hast … jemand …“

„Wer?“, wollte sie leicht verärgert wissen.

Ihr Onkel wich der Frage aus. „Ich habe versucht, dich auf deinem Handy anzurufen, um dich aufzuhalten, aber ich konnte dich nicht erreichen, bevor …“

„Bevor was? Alexei, warum sollte ich nicht herkommen?“

Alexei schluckte nun ziemlich nervös. „Weil Alexandros Kouros hier ist.“

Alexandros Kouros.

Die Geräusche der Party wurden zu einem entfernten Summen. Nur noch vage war sie sich bewusst, dass ihr Onkel tatsächlich die Hände rang. Nur sehr langsam begriff sie den Sinn seiner Worte. Ihre Glieder erstarrten in eisiger Betäubtheit. Das Glas glitt ihr aus den Fingern, in letzter Sekunde fing ihr Onkel es auf. Wasser benetzte ihr Kleid. Zum Glück ist es nur Wasser, durchdrang der banale Gedanke ihren Schockzustand. Es wird keine Flecken geben.

Alexandros Kouros.

Das ist nur ein Name, dachte sie benommen. Nur der Name eines berühmten Mannes. Sehr reich. Sehr attraktiv. Einflussreich. Jemand, der sich nicht in ihren Kreisen bewegte. Zugleich der Name eines ihr unvergessenen Menschen, der einst einen großen Teil ihrer Vergangenheit eingenommen hatte.

Jemand, den sie in ihren schlimmsten Träumen nicht hätte wiedersehen wollen. Und jetzt war er irgendwo hier, vielleicht nur wenige Meter entfernt. Panik erfasste sie.

Ihr Onkel griff nach ihren Händen. Sie zwang sich, seinen Blick zu erwidern, alles Blut war aus ihrem Gesicht gewichen.

„Kallie, mein Schatz. Es tut mir sehr leid. Wenn er dich sieht …“

Langsam nickte sie. Nicht für eine Sekunde wollte sie sich auch nur vorstellen, wie er auf sie reagierte.

Es bestürzte sie sehr, dass sie nicht einfach Neugier empfand und die Tatsache, dass er sich im selben Raum wie sie befand, mit einem Schulterzucken als Zufall abtun konnte. Sie war erstaunt über die Stärke ihrer eigenen Reaktion und darüber, wie dicht unter der Oberfläche noch immer die Gefühle schwelten.

Es war doch nur ein Kuss! Und doch hatte dieser Kuss zu so viel mehr geführt. Er hatte die Hochzeit des Jahrzehnts ruiniert. Er hatte die Frau, die Alexandros liebte, aus seinem Leben vertrieben.

Alexei wurde immer aufgeregter. „Die Sache ist die, Kallie … Ich habe es dir nicht gesagt, weil ich dich nicht beunruhigen wollte, aber ich habe wieder angefangen, Geschäfte mit ihm zu machen. Das heißt, erst seit deine Eltern gestorben sind. Dein Vater wäre nie damit einverstanden gewesen, aber ich musste es tun, Kallie. Es gab sonst niemanden, an den ich mich wenden konnte, und als er mir einen Termin gegeben hat …“ Er lachte kurz auf und klang dabei wie ein kleiner Junge. „Einen Termin! Mir! Es scheint, als würde er die Vergangenheit endlich ruhen lassen wollen, zumindest in meinem Fall. Was hingegen deinen Vater angeht … nun, das ist eine andere Geschichte …“ Er verstummte und drückte Kallies Hände noch fester. „Aber wenn erdich sieht …“

„Alexei, es ist mir egal, ob du Geschäfte mit ihm machst. Wirklich. Ich werde gehen. Glaub mir, ich empfinde ebenso wenig den Wunsch, ihn zu sehen, wie er wahrscheinlich mich.“ Lügnerin. Du würdest ihn nur zu gerne wiedersehen

Ihr Herz klopfte schneller bei dem Gedanken. Sie musste fort von hier. Flüchtig küsste sie ihren Onkel auf die Wange und drückte seine Hand. „Ich rufe dich morgen an, dann können wir über alles sprechen.“

Er nickte erleichtert.

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