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Die Rache der Kinder

Über die Autorin

Hilary Norman, geboren und aufgewachsen in London, war nach einer Karriere am Theater für die BBC und Capital Radio London tätig, insbesondere im Hörspiel. Zeitweise arbeitete und lebte sie auch in New York. Ihr erster Roman, der 1986 erschien, war eine Liebesgeschichte; bekannt aber wurde sie durch ihre Thriller, die in siebzehn Sprachen übersetzt wurden. Die Autorin lebt heute mit ihrem Mann und einem Rauhaardackel in einem Vorort von London.

Hilary Norman

Die Rache
der Kinder

THRILLER

Aus dem Englischen von
Rainer Schumacher

BASTEI ENTERTAINMENT

Für Jonathan

Die Menschen sprechen voll Sehnsucht von
der Unschuld der Kindheit.
Von der noch unbefleckten Ehrlichkeit des kindlichen Spiels.
Harmlose Spiele voll unverdorbener Fantasie und reinem Geist.
Doch manche Kinder spielen schon in frühen Jahren mit Instinkten, die alles andere als rein sind.
Manche spielen ihre Spiele mit den Seelen von Mördern.
Und dann werden sie erwachsen.

Prolog

Das Monster

Als die Lichter im Gefängnis erloschen, sehnten die meisten Insassen sich nach Schlaf.

Doch die Geräusche hielten an und machten jeden Schlaf unmöglich. Das Stöhnen und Husten, Spucken und Rufen, das leise Weinen, das verstohlene Flüstern …

Auf seiner Pritsche im Gefängnis von Oakwood schloss der Lehrer die Augen und mühte sich wohl zum hundertsten Mal, sich an einen anderen Ort und in eine andere Zeit zu versetzen. Zu dem Tag, der kommen musste. Dem Tag, da sie ihm endlich glaubten.

Er war unschuldig, um Himmels willen.

Der Schlaf war wegen der Albträume zur Qual geworden, sodass der Lehrer sich inzwischen genauso sehr vor dem Tag fürchtete wie vor der Nacht, denn in der Nacht kehrten sie zu ihm zurück: die gesichtslosen Monster, die ihm das angetan hatten, die ihn an diesen Ort gebracht und ihn zerstört hatten.

Das war Wahnsinn.

»Monster« hatten sie ihn genannt, immer und immer wieder.

Monster.

Eines Tages, sagte er sich, eines Tages …

Doch es waren keine Tage mehr übrig.

Jetzt.

Es kam so schnell, dass er keine Zeit hatte, sich vorzubereiten.

Zuerst das Geräusch. Es war anders als die vielen anderen. Anders.

Jemand betrat seine Zelle.

»Was …?«

Es war sein letztes Wort, ehe man ihm sein Erschrecken, seine Panik und seine Angst in den Rachen stopfte.

Sein letztes Wort überhaupt. Keine Zeit mehr.

Stofffetzen voller Schweiß und Urin füllten seinen Mund und pressten ihm die Zunge in den Hals. Seine zuckenden Arme und Beine wurden niedergedrückt, während ihm die Galle hochkam.

Der schlimmste Tod überhaupt. Der Teufel persönlich war in seiner Zelle.

»Wir haben eine Nachricht für dich, du Monster.«

Die Stimme des Mannes drang durch das Brüllen in seinen Ohren.

Schon wieder sie, erkannte der Lehrer, als er starb.

»Das Spiel ist aus«, sagte die Stimme.

Sie.

Oxford Examiner

4. August

Alan Mitcham, der Lehrer aus Barton, der vergangenen Monat wegen Raubüberfalls auf einen Zeitungshändler in Summertown verurteilt worden war, wurde gestern Morgen tot in seiner Zelle im Gefängnis von Oakwood aufgefunden.

Trotz der erdrückenden Beweislast gegen ihn beteuerte Mitcham, der Sanjit Patel mit einer nachgemachten Pistole in Panik versetzt hatte, während des gesamten Prozesses seine Unschuld und blieb bei seiner Behauptung, vergangenen Dezember von einer »Bande von Entführern« zu dem Verbrechen gezwungen worden zu sein. Doch die Geschworenen des Crown Courts in Oxford glaubten ihm diese Geschichte nicht. Mitcham wurde zu zehn Jahren Haft verurteilt.

Ein Gefängnissprecher sagte, es sei noch zu früh, Vermutungen über die Todesursache anzustellen.

Erster Teil

VORSPIEL

1. Das Spiel

Am Abend des zehnten Oktober versammelten sie sich in einem Schlafzimmer über dem Black Rooster Pub. Die Frau, die im Spiel als »Ralph« bekannt war, wandte sich über die Freisprechanlage auf dem Nachttisch an die anderen.

»Diesmal«, sagte sie, »werden wir töten.«

Draußen fiel der Regen aus der Dunkelheit auf die Straßen und die umliegende Landschaft Berkshires. Es war ein langweiliger, monotoner, trister Regen ohne jeglichen Wind, der ihm eine dramatische Note hätte verleihen können. Es war die Art von Wetter, bei dem man am liebsten zuhause war, die Vorhänge zuzog und es sich gemütlich machte.

Doch das Zimmer, in dem sie saßen, war alles andere als gemütlich: düster, spärlich eingerichtet und viel zu klein, um vier Erwachsenen gleichzeitig eine angenehme Unterkunft zu geben.

Aber die Gruppe hatte sich im Laufe der Jahre schon an viel schlimmeren Orten zusammengefunden. An die Art des Treffpunkts dachten sie immer zuletzt.

Alle waren gekommen. Das war eine der Regeln: Jedes Mitglied musste anwesend sein, wenn ein Spielplantreffen einberufen wurde – jedes Mitglied mit Ausnahme von Ralph: Sie rief die Gruppe zusammen, war aber nie mehr selbst dabei. Dennoch war Ralph nach wie vor die Anführerin, wie sie es immer schon gewesen war.

Früher, in den alten Zeiten, hatten sie ihre Treffen in der Grabkammer von Wayland’s Smithy abgehalten, aber das war vorbei. Es war zu riskant.

Damals hatten sie sich sehr oft getroffen, doch im Laufe der letzten zehn Jahre waren ihre Zusammenkünfte immer seltener geworden, aber auch viel intensiver.

Es waren die Highlights in ihrer aller Leben.

Aber nicht so wichtig, nicht so etwas Besonderes wie die Spiele selbst.

»Wir haben auch früher schon getötet«, sagte der Mann, der im Spiel Piggy genannt wurde.

Er schauderte, als er zurückdachte, obwohl es natürlich nicht seine eigene Erinnerung war.

Trotzdem nahm es ihn so sehr mit, als wäre er selbst dabei gewesen: Bilder und Geräusche des erstickenden Mitcham in jener Nacht im August, als das zerrissene Gefängnislaken ihn ins Jenseits befördert hatte, suchten ihn regelmäßig in seinen Träumen heim.

»Wir hatten keine andere Wahl«, erinnerte ihn Ralph.

»Und es waren auch nicht wirklich wir«, bemerkte die Frau, die Simon genannt wurde.

»Es sind immer wir«, widersprach Ralph. »Wir alle tragen die Verantwortung. Das weißt du.«

»Du bist immer noch ein Weichei, Simon«, sagte der Mann mit Namen Jack.

»Wenn ich mich recht entsinne, haben wir alle es gehasst«, sagte Ralph.

»Nicht alle.« Die Frau, die im Spiel Roger genannt wurde, meldete sich zum ersten Mal zu Wort.

»Ich hatte vor Angst die Hose voll«, sagte Piggy.

»So ist es bei dir doch immer«, entgegnete Jack.

»Er war nicht der Einzige«, sagte Simon und sprang Piggy damit zur Seite.

»Könnten wir jetzt wohl weitermachen?«, rief Ralph die anderen zur Ordnung.

Sie verstummten.

Erregung erfasste sie, wie jedes Mal.

»Diesmal wird es einen weiteren Unterschied geben«, verkündete Ralph. »Das heißt, wenn ihr einverstanden seid.«

Das winzige Zimmer über dem Pub in der Nähe von Childrey war von Ralph für sie reserviert worden. Allerdings würde nur Simon über Nacht bleiben, und das auch nur, um keine unnötige Aufmerksamkeit zu erregen. Wie alle anderen hätte auch sie genauso gut nach Hause gehen können.

Jack hatte die Freisprechanlage diesen Nachmittag im Carphone Warehouse in Didcot gekauft, hatte die Anschlüsse des alten Telefons und der Nachttischlampe aus der Steckdose in der verdreckten Wand gezogen und das Gerät angeschlossen, um für den Anruf gewappnet zu sein.

Nun schwiegen sie. Ihre Herzen schlugen schneller, und ihre Münder waren vor Erwartung ausgetrocknet.

Sie warteten darauf, dass Ralph ihnen vom nächsten Spiel erzählte und ihnen sagte, was dabei so anders sein würde.

2. Kate

»Zum letzten Mal, Rob – warum verpisst du dich nicht einfach und lässt mich allein?«

Kate Turners Abschiedsworte, vergangenen Dienstag an ihren getrennt lebenden Ehemann gerichtet – nach dem »freundschaftlichen« Drink am Kamin des Shoulder of Mutton –, waren bitter gewesen. Zwar hatte Kate die Worte bereut, kaum dass sie ausgesprochen waren, doch es war zu spät gewesen. Rob hatte sich verpisst, und Kate war weinend auf ihrem Stuhl sitzen geblieben.

Das war dumm!, tadelte sie sich am Donnerstag noch immer.

Warum hatte sie das getan?

Vielleicht hätte es ihr nicht so viel ausgemacht, wäre Rob der einzige wichtige Mensch gewesen, den sie in den letzten Tagen mit ihrer prämenstruellen Erst-reden-dann-denken-Einstellung angegangen wäre.

Richard Fireman, der Redakteur ihrer wöchentlichen Kolumne Tagebuch einer Frau mit kurzer Lunte in den Reading Sunday News, hatte Kate an diesem Morgen zu sich in sein Büro bestellt, um ihr ein wenig konstruktive Kritik zukommen zu lassen, was den Entwurf der Weihnachtskolumne anging, die sie ihm früher am Tag gemailt hatte. Kate hatte darauf reagiert, indem sie praktisch alle ihre Spielzeuge aus dem sprichwörtlichen Fenster geworfen hatte – und ihren Job beinahe noch dazu.

Sie hatte nie viel mit den Feiertagen am Hut gehabt. Früher hatte ihre Mutter – Bel Oliver, von der Kate das kastanienbraune Haar, die haselnussbraunen Augen, die kleinen Brüste und die tiefe Stimme geerbt hatte, die schrill wurde, wenn sie wütend war – an diesen Tagen immer viel mehr getrunken als üblich, und »üblich« war schon mehr als genug gewesen. Das wiederum hatte unweigerlich zu heftigem Streit mit Michael Oliver geführt, Kates Vater. Doch auch abgesehen von diesen Familienquerelen hatte Kate zunehmend die Nase voll von den Ritualen, die mit dieser Zeit einhergingen, und von der Klaustrophobie, wenn das Leben zum Stillstand kam.

Das alles war schrecklich deprimierend. Und dieses Jahr, da die Trümmer ihrer eigenen Ehe sich zu denen ihrer Eltern auf den Klippen des Lebens gesellten, hatte Kate sich mehr als je zuvor vor Weihnachten gefürchtet. Und wie es nun aussah, hatte sie diese düstere Stimmung zu sehr in ihre Kolumne einfließen lassen.

»Verdammt, Kate, wenn die Leute das hier lesen, schneiden sie sich die Pulsadern auf, noch bevor sie den verdammten Sherry entkorkt haben.«

Das war Firemans Eröffnung gewesen.

Er war ein stämmiger Mann mit rundem, jungenhaftem Gesicht, zurückweichendem hellem Haar und einer Omabrille. Sein Büro war mit allem möglichen Zeug vollgestellt, doch der Bereich um seinen Computermonitor und die Tastatur herum war peinlich sauber.

»Ich hatte gehofft, auf unterhaltsame Art sarkastisch zu sein«, hatte Kate gesagt.

»Sonderlich sarkastisch ist das nicht, und unterhaltsam schon gar nicht«, hatte Fireman erwidert. »Es hat keine Wärme, Kate – das ist das Schlimmste. Jeder Blödmann kann irgendwen oder irgendwas verarschen, aber bis jetzt ist es dir immer gelungen, uns das Gefühl zu geben, als kümmerte dich das.«

»So ist es ja auch«, hatte sie erwidert und das plötzliche Verlangen verspürt, in Tränen auszubrechen.

Fireman hatte sie angeschaut und die Zeichen erkannt. »O Gott!«

»Nicht«, hatte Kate ihn gewarnt. »Lass es.«

Fireman hatte mit den Schultern gezuckt und auf seinen Monitor geschaut. »Schreib das neu.«

»Alles?« Entrüstung war an die Stelle des Kummers getreten. »Einiges ist doch ganz lustig.«

»Ja, so lustig wie eine Darmspiegelung oder eine Beerdigung«, hatte Fireman erwidert.

»Vorzugsweise deine«, war Kates bissige Erwiderung gewesen.

Von diesem Augenblick an war es steil bergab gegangen, bis zu dem Moment, da Kate sich um seinen Schreibtisch herumgedrängt und versucht hatte, ihre Kolumne zu löschen. Und niemand rührte Firemans Computer an. Als der Nebel sich schließlich lichtete, wusste Kate, wie viel Glück sie hatte, dass ihr Redakteur tolerant war und dass er ihre Arbeit noch immer mochte. Sonst wäre sie wohl ihren Job los gewesen.

»Du bist dir selbst dein schlimmster Feind.«

Das war kurze Zeit später, am Telefon, der Kommentar ihrer Mutter zu den Geschehnissen gewesen.

»Das habe ich jetzt eigentlich nicht hören wollen, Mom«, hatte Kate erwidert.

»Das Problem mit dir ist«, hatte Bel begonnen, »dass du …«

Kate hatte aufgelegt.

Sie war nicht in der Stimmung gewesen, sich Bel Olivers Vorhaltung anzuhören.

In jüngeren Jahren hatte Bel todschicke Partykleider für eine Handvoll Privatkunden entworfen, doch ihr Verlangen nach Wein und Wodka-Martinis hatte seinen Tribut gefordert. Von da an waren viele von Bels Entwürfen darauf zugeschnitten, dass Kates Vater, Michael Oliver, sich genauso schuldig und elend fühlte wie Bel selbst.

Als die Ehe schließlich zerbrochen war, hatten die meisten ihrer gemeinsamen Freunde zu Michael gehalten. Bels Leben wäre schrecklich leer gewesen, hätte sie nicht ihre Freundin Sandra West gehabt, eine Witwe aus Goring, die sie bei einem Treffen ihrer Selbsthilfegruppe für Depressive kennen gelernt hatte. Sandra war eine mausgraue, aber aufdringliche und häufig gehässige Frau, die Kate zutiefst verabscheute.

Ihre Mutter jedoch betrachtete Sandi West als so etwas wie ihre Erlöserin.

»Sandi glaubt an mich, Kate«, hatte Bel bei mehr als einer Gelegenheit gesagt. »Sie glaubt an mein Talent.«

»Warum auch nicht?«, hatte Kate erwidert. »Du bist ja auch talentiert.«

Sandi hatte überdies erklärt, Michael sei ein Narr gewesen, dass er Bel verlassen hatte, und Kate sei kalt, weil sie ihre Mutter gebeten habe, bei ihr einzuziehen; und laut Bel hatte Sandi trotz ihrer Schmerzen und Geldprobleme immer Zeit für sie.

»Sie ist eine Kreuzung zwischen Fan und Schulhofschläger«, hatte Kate sie einmal Rob gegenüber beschrieben.

»Deine Mom scheint mir nicht gerade der Typ zu sein, der sich von jemandem einschüchtern und unterdrücken lässt«, hatte Rob erwidert.

Das stimmte, obwohl Kate sich dann und wann über das Timing von Mrs. Wests Auftauchen in Bels Leben wunderte, so kurz vor dem endgültigen Zusammenbruch ihrer Ehe. Auch fragte sie sich, ob Sandi sich vielleicht in ihre Mutter verliebt hatte. Offen gesagt, glaubte Kate nicht, dass es ihr etwas ausmachen würde, sollte Bel sich sexuell umorientieren, solange sie nur glücklich wurde.

Egal mit wem.

Nur nicht mit Sandi West.

Michael Oliver, Kates Vater, trug einen großen Teil der Schuld am Scheitern der Ehe, und das gab er auch zu.

»Ich bin einfach nicht der Mann, den Bel hat heiraten wollen«, sagte er einmal.

Und das stimmte, nahm Kate an. Michael war ein attraktiver, schlanker Mann mit freundlichen grauen Augen, die zu seinem ergrauenden Haar passten. Er war Strafverteidiger gewesen, hatte dann aber beschlossen, nicht mehr vor Gericht zu arbeiten, weil sowieso stets die Falschen bestraft wurden.

»Himmel!«, hatte Bel damals gesagt. »Das hast du doch immer gewusst.«

»Aber es hat mir bisher nichts ausgemacht«, hatte Michael erklärt. »Das hat sich geändert.«

»Blödsinn«, hatte Bel erwidert.

Dass seine Frau ihn in diesem entscheidenden Moment nicht unterstützt hatte, war offenbar eine Desillusion zu viel gewesen, und so hatte Michael nach einer Weile beschlossen, dass er nicht mehr Bels Ehemann sein wollte. Tatsächlich wollte er nur noch eines mit Leidenschaft sein: Kates Vater. Das war das Einzige, was von all den Beziehungen und beruflichen Aktivitäten geblieben war, die bis dahin seine Identität ausgemacht hatten.

»Ich konnte den Gedanken nicht ertragen«, hatte er einmal zu seiner Tochter gesagt, »dass du mir nie verzeihen könntest.«

»Ich muss niemandem etwas verzeihen«, hatte Kate erwidert.

»Aber ich weiß, wie hart das für dich gewesen ist«, entgegnete Michael.

»Natürlich«, sagte Kate, »denn ich liebe euch beide.«

»Liebe«, seufzte ihr Vater mit gequälter Stimme. »Ist sie ein Segen oder ein Fluch?«

»Ein bisschen von beidem, nehme ich an«, hatte Kate gesagt und es prompt als Aufhänger für ihre wöchentliche Kolumne verwendet.

Doch wie sehr sie ihre Eltern auch liebte – Kate leugnete es jeden Monat, wann immer sie in die dunklen Tiefen ihrer prämenstruellen Phase stürzte. Aus jeder Mücke machte sie einen Elefanten und pöbelte herum, bis sie auch den letzten Menschen vergrault hatte, der ihr nahestand. Zu guter Letzt galt ihre Abscheu dann sich selbst.

»Ich bin eine furchtbar glückliche Zicke, dass du mich erträgst«, hatte sie einmal zu Rob gesagt. »Und das, obwohl es jeden Monat das Gleiche ist.«

Und Kate hatte sich damals glücklich gefühlt. Sie wusste, wie gut das Leben zu ihr gewesen war. Nachdem sie eine schöne Kindheit in Henley-upon-Thames verbracht hatte, war sie nach Sheffield an die Journalistenschule gegangen und hatte dort eine ebenso angenehme Zeit gehabt. Anschließend hatte sie eine Traineestelle bei den Sunday News bekommen – wieder ein Glücksfall, denn Richard Fireman hatte sich sofort für ihren geschwätzigen Stil und ihre eklektische Themenauswahl erwärmt. Anschließend hatte sie dann auch noch ein Apartment an der Church Street in Reading gefunden, direkt um die Ecke der Redaktion in der Prospect Street.

»Warum nicht London?«, hatte Abby Wells gefragt, eine Freundin aus Studienzeiten, als Kate den Job angenommen hatte.

»Ich weiß nicht«, hatte Kate geantwortet. »Mangelndes Selbstvertrauen, nehme ich an.«

»Du?« Abby war überrascht. »Du kannst schreiben! Du weißt, wie du die Leute dazu bringst, dass sie dir zuhören. Wie du sie dazu bringen kannst, dich schreiben zu lassen

»Das war nur an der Uni so«, erwiderte Kate. »Und wenn ich Glück habe, wird es auch in Reading so sein.«

Sie dachte an die alte Theorie: In kleinen Teichen sind weniger Fische.

Der Höhepunkt dieser Segnungen war mit der Vorbereitung eines Artikels über die Reading Park School gekommen, wobei Kate ein gewisser Rob Turner, Lehrer für moderne Fremdsprachen, als Führer gedient hatte. Turner hatte sich auf Anhieb in die langbeinige junge Frau mit dem rostbraunen Haar und den ernsten Augen verguckt, und Kate hatte diese Gefühle erwidert. Rob war groß und hatte haselnussbraunes Haar, blaue Augen, ein warmherziges Lächeln und einen scharfen Verstand. In weniger als vierundzwanzig Stunden hatte Kate herausgefunden, dass er Kinder und Pferde liebte und dass es ihm im wahrsten Sinne des Wortes das Herz gebrochen hatte, als seine Exfrau Penny ihn Jahre zuvor verlassen und ihre gemeinsame, neun Monate alte Tochter mit nach Manchester genommen hatte.

»Wie konnte sie das tun?« Kate war entsetzt gewesen. »Warum hat sie das getan?« Sie wollte es wissen, wollte das Schlimmste erfahren, bevor sie endgültig ihr Herz verlor.

Rob ließ sich einen Moment Zeit, ehe er antwortete. »Penny sagte, sie habe mich nur geheiratet, um ein Kind zu bekommen. Nicht dass ich in irgendeiner Weise etwas Besonderes gewesen wäre … Sie wollte einfach nur ein Kind von einem Mann, der vergleichsweise normal ist.« Er grinste entschuldigend. »Pennys Worte, nicht meine.«

Kate erwiderte nichts darauf, sondern ließ ihn weiterreden.

»Offenbar hat sie die ganze Zeit nur auf den richtigen Augenblick gewartet, um mich zu verlassen. Tatsächlich mag sie Männer nicht einmal besonders, wie sich herausgestellt hat. Und mit einem Mann zusammenleben wollte sie schon gar nicht.«

»Wann hast du das herausgefunden?«

»An dem Tag, an dem sie mir gesagt hat, dass sie mich verlässt.«

»O Gott«, murmelte Kate.

»An diesem Tag war sie auf geradezu schmerzhafte Weise ehrlich«, fuhr Rob gequält fort. »Wäre sie von Anfang an so offen gewesen – ich glaube, wir hätten Emily niemals bekommen. Aber egal, wie verdreht meine Ex auch denken mag, ohne meine Tochter könnte ich nicht mehr leben.«

»Das hört sich an, als wäre Penny ein Monster«, bemerkte Kate.

»Sie ist eine gute Mutter«, erwiderte Rob.

»Die Emily den Vater genommen hat.«

»Ich tue mein Bestes, damit Emily weiß, dass ich immer für sie da bin.«

»Aber das reicht nicht, stimmt’s?«

»Natürlich nicht.«

Da hatte Kate ihn in die Arme genommen, und Rob hatte gesagt, wenn sie wolle, könne sie mit Penny reden, denn die habe versprochen, jeder Frau, die ihm etwas bedeute, die Wahrheit zu sagen.

»Wie ein Empfehlungsschreiben für einen Job«, hatte Kate gesagt.

»In gewisser Weise«, hatte Rob erwidert.

»Ich muss sie nicht erst fragen«, hatte Kate erklärt.

Kate hatte tatsächlich geglaubt, es wäre etwas Festes zwischen ihnen.

Für immer.

Sie passten gut zusammen. Sie teilten sich ein Zuhause – ein hübsches Giebelhaus in einem Dorf in Süd-Oxfordshire – und waren fest davon überzeugt, das Leben des jeweils anderen zu bereichern. Jeden Monat, mehrere Tage lang, hatte Rob sich Kates finsterer Stimmung gegenüber mitfühlend gezeigt und ihre miese Laune und ihr Meckern ertragen, sodass Kate sich manchmal gewünscht hatte, er hätte irgendeine ebenso schlechte Angewohnheit wie sie.

Doch an Rob gab es nichts auszusetzen.

Das Leben mit ihm war einfach nur gut.

Und dann war es vorbei.

3. Laurie

Laurie Moon betrachtete ihre beste Arbeit in diesem Monat.

Zumindest war es ihre wichtigste Arbeit. Ihr Geschenk für Sam. Ein Porträt in lebhaften Acrylfarben von Mutter und Sohn auf einer Kirmes – mit Zuckerwatte, einem knuffigen, an einer Losbude gewonnenen Teddybären und einer Plastiktüte mit einem bemitleidenswerten Goldfisch. Glückliche Erinnerung an den »schönsten aller Tage«. Sam hatte ihr jedenfalls gesagt, es sei der schönste Tag gewesen, also musste es wohl stimmen.

Was Sam sagte, geschah, und wenn Sam um etwas bat, tat Laurie ihr Bestes, dass er es bekam. Doch er bat nur um wenig. Größtenteils um Liebe. Um Knuddeln. Um mehr Zeit mit seiner Mom.

Und genau das war das Einzige, was sie ihm nicht geben konnte.

Wenn es um ihre Malerei ging, war Sam leicht zufriedenzustellen, war er doch ihr größter Fan. Ging es jedoch um die Erfüllung ihrer Mutterrolle, war er weniger beeindruckt, dessen war Laurie sich schmerzhaft bewusst. Was das betraf, war sie bestenfalls die Fünft- oder Sechstbeste, je nachdem, ob seine Pfleger und Lehrer ihm Kohl oder Karotten zu essen gegeben oder ihm Landkarten zum Lernen vorgelegt hatten. Sam hasste grünes und orangefarbenes Gemüse, und Landkarten machten ihn stets nervös. Wenn Laurie an einem Karten- oder Gemüsetag kam, wurde sie längst nicht so leidenschaftlich empfangen wie an gewöhnlichen Tagen; doch wenn sie Sam dann in seine warmen, leicht schräg stehenden Augen schaute, sah sie einen Hauch von Verzweiflung darin, der mehr von Erleichterung kündete als von Liebe.

Nicht dass es Sam im Rudolf-Mann-House, wo er lebte und erzogen wurde, schlecht ergangen wäre. Die Pflege war hervorragend und die Schule so gut, wie sie nur sein konnte. Bezahlt wurde das Ganze von Sams Großeltern, Peter und Michele Moon. Für ihre Freunde waren Pete und Shelly das Salz der Erde. Pete hatte sein Geld mit einer Tankstellenkette in Essex verdient, aber es war nun schon so lange her, dass die Moons zu Geld gekommen waren, dass nur noch wenige Leute sich an die Zeit erinnerten, als sie noch nicht in dem schönen roten Ziegelhaus an der Henley-Wallingford Road zwischen Nuffield und Nettlebed gewohnt hatten, von wo aus es weniger als eine Meile bis zu ihrem Gestüt war.

Außerdem waren Pete und Shelly Philanthropen. Für wohltätige Zwecke griffen sie stets gern in die Tasche. Sie waren ganz allgemein gute Nachbarn, die ihre Tiere liebten und die wunderschöne Landschaft zu schätzen wussten, in der sie lebten.

»Wir wissen, wie viel Glück wir hatten«, hatte Pete schon viele Male gesagt.

Jeder stimmte dem zu. Sie waren tatsächlich ein glückliches, gut aussehendes Paar mit einem klugen Sohn, Andrew, der mit Sara verheiratet war, einem einheimischen Mädchen, das als Buchhalterin arbeitete. Sie lebten mit ihren Kindern drüben in Moulsford. Auch Andrew war in der Pferdezucht tätig – er hatte mehrere vielversprechende Rennpferde gezüchtet –, und Sara führte die Bücher der Moons. Und dann war da Laurie, ihre hübsche blonde Tochter, die noch immer zuhause lebte und inzwischen im elterlichen Gestüt arbeitete, obwohl sie Kunst studiert hatte. Und den Einheimischen zufolge, deren Häuser sie kostenlos bemalt hatte, war sie eine passable Künstlerin.

Vor ein paar Jahren war Laurie eine Zeitlang zu Verwandten nach Frankreich gegangen, um dort zu malen und »ihr Ding zu machen«, wie Pete und Shelly es ausgedrückt hatten. Das aber hatte Gerüchte zur Folge gehabt. Die Leute hatten geglaubt, Laurie sei schwanger oder hätte sich mit einem Kerl eingelassen, den die Moons nicht billigten – und wenn es tatsächlich so war, musste es gute Gründe dafür geben, denn es gab keine toleranteren und besseren Eltern als Pete und Shelly Moon.

»Du musst wissen, wann du besiegt bist«, hatte Peter damals zu Laurie gesagt.

Es war an einem Sonntag, als sie am Frühstückstisch saßen. Ihre Eltern schauten verlegen, aber entschlossen drein. Der Bubikopf ihrer Mutter glänzte wie eh und je, doch ihren Augen und dem Mund war die Anspannung deutlich anzusehen, während ihr Vater sich die randlose Brille auf die Nase gezogen hatte und Laurie mit seinen braunen Augen fixierte.

»Es gibt da ein paar Dinge, mit denen man nicht einfach so zurechtkommen kann«, pflichtete Shelly Moon ihrem Ehemann bei.

Sie stimmte ihm meistens zu – nicht weil sie ein Fußabtreter gewesen wäre, sondern weil er ein kluger, guter Mann war, der seine Familie geschickt durchs Leben lenkte.

»Deshalb machen wir das«, fuhr Pete fort. »Weil wir dich sehr lieben und nur das Beste für dich wollen.«

»Wir haben immer nur das Beste für dich gewollt, Baby«, fügte Shelly hinzu. »Das weißt du.«

Baby.

Laurie hatte ihre Mutter diesen Wegwerfkosenamen bestimmt tausend Mal sagen hören, doch als sie ihn ausgerechnet jetzt vorgesetzt bekam, drehte sich ihr der Magen um.

Wegwerfkosename.

Baby.

Laurie hatte gegen ihre Eltern gekämpft. Sie hatte getobt und gefleht, bis ihre Kehle sich wie Sandpapier angefühlt hatte. Schließlich war sie einfach hinausgegangen, weil sie keine Kraft mehr zum Kämpfen hatte.

Keine Entschuldigung.

Zu schwach.

Das trifft es schon eher.

Zu armselig.

Das trifft es noch besser.

Eine armselige Entschuldigung von einer Frau.

Eine zukünftige Mutter.

Von einem Baby. Ihrem eigenen Baby. Kaum hatte sie sich von dem Schock erholt, schwanger zu sein, hatte sie das Ungeborene schon in ihr Herz geschlossen. Laurie hatte kaum glauben können, welche Wärme sie durchströmte, was für ein bis dato unbekanntes Gefühl von Liebe. Es war jene Art von Liebe, die ihre Mutter ihr in der Vergangenheit immer wieder beschrieben hatte; deshalb war Laurie auch fest davon überzeugt, dass Shelly sie irgendwann verstehen würde. Und auch ihr Dad: Sobald Pete Moon die verständliche Enttäuschung über sein nicht mehr ganz so perfektes kleines Mädchen überwunden hatte, würde er – als ihr liebender Daddy – erkennen, wie wunderbar es war, dass sie Mutter wurde und ihn zum Großvater machte.

Stattdessen hatten die beiden gewollt, dass sie es wegwarf.

Es.

Sam.

Nun war Sam acht Jahre alt und lebte im Rudolf Mann House, denn dort – so hatten Peter und Michele es beschlossen und verkündet – sollte er leben. Das Mann House war wie eine freundliche Version eines staatlichen Kinderheims mit ein paar Morgen Land, einschließlich eines Streichelbauernhofs, Sportanlagen und Gärten. Alles war so angelegt, dass Kinder wie Sam Moon spielen konnten, ohne dabei ständig beaufsichtigt werden zu müssen.

Das Rudolf Mann House war das einzige Zuhause, das Sam je gekannt hatte. Abgesehen von Krankenhausaufenthalten, organisierten Ausflügen und Lauries Besuchen hatte er sein ganzes bisheriges Leben dort verbracht. Es war seine Welt, und daran war auch nichts verkehrt. Es war ein bemerkenswerter Ort, geführt von tüchtigen Leuten. Das Mann House besaß eine eigene Schule, und es gab Workshops und Trainingskurse für die Älteren, um sie darauf vorzubereiten, das Heim zu verlassen oder in eine der angeschlossenen Wohngemeinschaften zu ziehen.

Doch nicht alle überlebten. Das hing von den Umständen ab, die sie überhaupt erst als Heimbewohner qualifiziert hatten. In Sams Fall war es das Down-Syndrom. Es handelte sich um die verbreitetste Art, Trisomie 21, ohne weitere Beeinträchtigungen der Gesundheit. Als er klein war, war er zwar anfällig für Brustinfektionen gewesen, litt aber nicht unter Herzproblemen, was Laurie für einen Segen hielt, denn für gewöhnlich hatten zwei von drei mongoloiden Kindern damit zu kämpfen.

»Er ist wirklich ein glücklicher kleiner Kerl«, hatte Lauries Vater einmal zu ihr gesagt, als Sam drei Jahre alt gewesen war.

Laurie hätte sich nie vorstellen können, ihren Vater schlagen zu wollen, doch in diesem Augenblick hätte sie ihn für seine Dummheit am liebsten windelweich geprügelt. Und es musste Dummheit sein – daran klammerte sie sich fest –, denn ihre Eltern waren gute Menschen, auch wenn ihre Sicht auf das Down-Syndrom ziemlich beschränkt war und sie deshalb stets übersahen, was wirklich zählte: dass Sam Lauries Sohn war. Ihr geliebtes Kind.

»Du glaubst doch nicht etwa, wir wüssten das nicht«, hatte Shelly bei einer ihrer früheren Schlachten gesagt.

»Wenn ihr es wirklich wisst«, hatte Laurie mit ihrer leicht rauchigen Stimme erwidert, »bedeutet es, dass ihr schlechte Menschen seid, und das will ich einfach nicht glauben.«

Den ersten echten Kampf mit ihren Eltern hatte Laurie wegen ihres leidenschaftlichen Wunsches ausgefochten, auf die Kunsthochschule zu gehen. Lauries Interesse an Pferden hatte sich stets nur darauf beschränkt, die Tiere zu malen – zu Petes und Shellys Enttäuschung. Sie hätten sich gefreut, hätte Laurie Anwältin werden wollen oder Ärztin oder besser noch Tierärztin; aber Kunst zu studieren war für sie eine Verschwendung von Zeit und Geld. Trotzdem, Lauries Lehrer hielten sie für talentiert, und die Nettlebed School of Art war nicht weit weg; also hatten Pete und Shelly schließlich nachgegeben.

Dann schlief Laurie mit Mike Gilliam, einem Kommilitonen – kurz nach einer Magen-Darm-Grippe, die die Pille wirkungslos gemacht hatte. Drei Tage nachdem er mit Laurie im Bett gewesen war, erklärte Mike ihr in freundschaftlicher Beiläufigkeit, dass er wieder zu seiner Ex zurückkehren würde. Natürlich sei sie ein wirklich tolles Mädchen, und er hoffe, dass es ihr nicht allzu viel ausmachen würde, aber er könne sich nicht mehr mit ihr treffen.

»Natürlich nicht«, hatte Laurie erwidert, obwohl es ihr sehr viel ausgemacht hatte, denn Mike war sexy und talentiert, und sie war schon seit Ewigkeiten hinter ihm her. Aber das würde er nie erfahren, und das machte es für sie erträglich.

Wäre Laurie von jemandem schwanger geworden, der nicht so etwas Besonderes war, wäre es ihr womöglich leichter gefallen, über eine Abtreibung nachzudenken; doch sie hatte ihre Zweifel, denn sie hielt Abtreibungen generell für grausam und böse. Außerdem hatte diese außergewöhnliche Wärme, diese Liebe, schon gänzlich Besitz von ihr ergriffen.

»Wir stehen auf deiner Seite«, hatten ihre Eltern gesagt.

Und das sei der Grund, hatten sie hinzugefügt, warum es nur eine Lösung gebe.

»Nein«, hatte Laurie erwidert. »Nein!«

Sie hatte sich noch einen Rest Charakterstärke bewahrt – genug jedenfalls, um ihren Eltern klarzumachen, dass sie lieber sterben als abtreiben würde.

»Das heißt dann wohl, dass ich für alle Zeit verbannt bin«, sagte Laurie, nachdem ihre Eltern die Reise für sie arrangiert hatten. »Wenn schon niemand sehen darf, wie ich immer dicker werde, darf wohl erst recht niemand mein Baby sehen.«

»Nicht unbedingt«, erwiderte Pete.

»Was soll das heißen?«, fragte Laurie. Dann erkannte sie, dass ihre Eltern hofften, sie würde ihre Meinung doch noch ändern oder die Natur würde einschreiten, sodass sie ihr Kind verlor.

»Gott möge euch verzeihen«, sagte sie.

Die Wangen ihres Vaters hatten sich gerötet, und ihrer Mutter stand die Scham ins Gesicht geschrieben. In diesem Moment hatte Laurie erkannt, dass sie eine weitere Schlacht gewonnen hatte, denn wenn ihre Eltern sie in die Provence zu Tante Angela schickten – der Schwester ihrer Mutter –, würde sie so gut auf sich achtgeben, dass die Natur erst gar keine Chance bekam, sich einzumischen.

4. Das Spiel

Die Mitglieder der Gruppe der vier hatten sich bereits zueinander hingezogen gefühlt, bevor das Buch in ihrer aller Leben getreten war und das feste Band zwischen ihnen geknüpft hatte. Bis dahin waren sie eher zögerliche Freunde gewesen, ein wenig misstrauisch den jeweils anderen gegenüber. Wie argwöhnisch schnüffelnde Hunde waren sie gewesen und hatten instinktiv gefühlt, dass bedingungsloses Vertrauen unklug gewesen wäre.

Vertrauen war ein wertvolles Gut im Challow-Hall-Kinderheim, wo viele der problematischeren Kinder zwischen sieben und sechzehn Jahren ihre eigenen Ziele verfolgten. Von den verschiedensten Behörden und Gerichten ins Heim verfrachtet, fühlten sie sich abgeschoben, verlassen und ganz allgemein so, als wären sie der letzte Dreck.

Einst die Residenz eines reichen Großgrundbesitzers, war Challow Hall ein riesiger grauer, wettergegerbter Steinklotz inmitten einer Hügellandschaft in der Nähe des Dorfes Bartlet in Oxfordshire, zwei Meilen südlich vom Ridgeway, dem antiken Pfad, der sich über gut fünfundachtzig Meilen über die Kalkhügel von Ivinghoe Beacon im Osten Englands bis nach Avebury im Südwesten wand.

In einer Gegend zu leben, der »außergewöhnliche Schönheit« und »historische Bedeutung« zugemessen wurde, in der es im Umkreis von mehreren Meilen jedoch weder ein Kino noch eine Spielhalle gab, bedeutete für einen Großteil der jugendlichen Heimbewohner, dass sie ständig nach Beschäftigung und Zerstreuung suchten.

In Bartlet selbst gab es bloß einen Dorfladen und eine Kirche. Swindon, jenseits der Grenze zu Wiltshire, war die einzige Stadt, die aus Sicht der Kids einen Besuch wert war – der einzige Ort, wo man an Automaten spielen oder einen ordentlichen Burger mit Pommes essen konnte. Außerdem gab es dort Läden, die Sachen verkauften, bei denen sich ein Diebstahl lohnte. Doch diese Jagdgründe lagen sechs endlose Meilen von Challow Hall entfernt – in Luftlinie –, und wenn man kein Vogel war und auch keinen Wagen zur Verfügung hatte, musste man auf und ab über die Hügel stapfen, über verschlammte Pfade und durch Weizenfelder, bis man überhaupt eine richtige Straße erreichte.

Deshalb war der Schulbesuch für die meisten Heimkinder die beste Fluchtmöglichkeit, denn die Behörden sorgten dafür, dass die Kids zu ihren jeweiligen Schulen gebracht wurden. Waren sie erst einmal da, war die öffentliche Buslinie nicht weit. So konnten die Kids sich wenigstens kurzfristig ein bisschen Freiheit gönnen, ohne Bestrafung fürchten zu müssen. Doch wenn man sich zu Tode langweilte, war fast jede Strafe das Risiko wert.

Und dann hatte das Buch für die vier alles verändert.

Es war ein altes Taschenbuch mit Eselsohren, das einer von ihnen in einem Bus der Linie 47 gefunden und mit nach Hause gebracht hatte. Wer etwas fand, durfte es behalten, besonders an einem Ort wie Challow Hall.

In einer geschützten Ecke eines einst blühenden Gemüsegartens, der jetzt nur noch aus zertrampeltem braunem Gras bestand, auf dem man spielen konnte, hatte die Finderin ihren drei engsten Freunden laut die Widmung vorgelesen: »Für meine Mutter und meinen Vater.«

Einer der anderen, ein rothaariger Junge, schnaubte verächtlich.

»Ganz schön bekloppt«, sagte der zweite Junge in der Gruppe, ein dürrer, sommersprossiger Kerl.

»Genau«, sagte die Finderin des Buches. Sie war ein kaffeebraunes Mädchen, ungewöhnlich groß für ihr Alter.

»Ich find’s okay«, sagte das andere Mädchen, ein blondes, hübsches Ding, »wenn man eine nette Mom und einen netten Dad hat.«

»Oder wenn sie tot sind«, sagte der dünne Junge und errötete.

»Um so zu denken«, warf der Rothaarige ein, »muss man erst mal Eltern haben

»Ist das Science Fiction?« Das blonde Mädchen beugte sich vor und musterte das Cover. »Herr der Fliegen … Hört sich an wie dieser Film, in dem alle Leute blind geworden sind und von Pflanzen gefressen werden.«

»Die Blumen des Schreckens.« Die Finderin schüttelte den Kopf, drehte das Buch herum und schaute sich den Klappentext an. »Das hier soll ein wirklich gutes Buch sein.«

»Das kann jeder sagen«, erklärte der rothaarige Junge verächtlich.

»Ich glaube, es ist wirklich nicht übel«, sagte die Finderin. »Es geht um Kids und Mord.«

Und dann las sie es laut vor.

Am meisten überraschte es sie, dass das Buch viel mehr Spaß machte, als sie es je von einem Buch erwartet hätten, und dass keiner von ihnen das Bedürfnis verspürte, zu gehen oder auch nur zu gähnen. Sie wollten einfach nur zuhören, wie ihre Freundin ihnen die Geschichte von einer Gruppe Schulkinder vorlas, deren Flugzeug inmitten irgendeines Krieges abgestürzt war, und nun mussten sie allein auf irgendeiner verlassenen Insel zurechtkommen, ohne dass Erwachsene sie herumgeschubst hätten.

»Cool«, sagte einer von ihnen.

»Halt die Klappe«, ermahnte ihn ein anderer.

So las das Mädchen, das sich das Buch im Bus geschnappt hatte, weiter vor, wobei sie besonders geschickt war, wenn es galt, Stimmen nachzuahmen. Obwohl keines der Kinder überhaupt je ein Buch las, wenn es sich vermeiden ließ, entfachte die Geschichte irgendwas in ihnen. Als sie sich an diesem Tag trennten, freuten sie sich schon darauf, bald weiterzulesen …

… und so ihrem echten Leben zu entkommen.

»Wir brauchen einen besseren Treffpunkt«, sagte eines der Kinder nach zwei weiteren Lesungen.

»Genau. Irgendwo, wo sie es uns nicht verderben können.«

»Was ist mit der Smithy?«, schlug die Vorleserin vor.

Das war noch so eine Sache, die sich zu etwas Besonderem gewandelt hatte.

Wayland’s Smithy war eine alte Grabkammer in der Nähe des Ridgeway, bewacht von gewaltigen Sarsensteinen. Sie war fast fünftausend Jahre alt, doch Teile der alten Kammer selbst sowie ein Zugang waren noch immer intakt. Anfang des Jahres waren die Kinder zwecks Unterricht dorthin geschleift worden und hatten sich langweiliges Gerede über uralte Funde sowie eine däm-liche Legende über Hufeisen anhören müssen; ihre Lehrer hatten sogar erwartet, dass die Kinder es aufregend fanden.

»Voll bescheuert«, war die einhellige Meinung gewesen.

Trotzdem blieb die Tatsache bestehen, dass die Kammer einst mit Leichen gefüllt gewesen war, und das machte sie dann irgendwie doch interessant. Außerdem lag Wayland’s Smithy inmitten des Nirgendwo, und das bedeutete: weit weg von zuhause.

Das Gelände von Challow Hall nach Einbruch der Dunkelheit zu verlassen, war untersagt. Somit war auch Wayland’s Smithy streng verboten.

Aber es war wirklich gruselig.

Sie gingen, nachdem die Lichter gelöscht worden waren. Zur Tarnung hatten sie zusammengerollte Handtücher in ihren Betten gelassen (die Angestellten schauten stets nur flüchtig in die Schlafräume, da sie so schnell wie möglich wieder zu ihren Fernsehern wollten). Leise und mit Taschenlampen bewaffnet – zwei gekauft, zwei geklaut – machten die Kinder sich auf den Weg über die Kreidehügel und warteten, bis sie ihr Ziel erreicht hatten, ehe sie die Kerzen entzündeten, die sie aus der Küche gestohlen hatten.

»Das gefällt mir nicht«, sagte das blonde Mädchen, als sie zum ersten Mal den stockfinsteren Gang betraten.

»Hab keine Angst«, tröstete sie der dünne, sommersprossige Junge.

»Das ist verdammt genial hier«, sagte das andere Mädchen.

»Jou, so genial wie Einsteins Eier«, sagte der rothaarige Junge.

Sie lachten, und das Geräusch hallte von den uralten Steinwänden wider, schien an den Felsen am Eingang vorbeizusickern und durch die Birken in den schwarzen Himmel emporzusteigen.

»Tun wir’s«, sagte das große Mädchen.

Es wurde zu ihrem ganz eigenen, privaten Ritual. Tagsüber mochten Wanderer und Radfahrer die Smithy besuchen oder in der Nähe kampieren – je nach Jahreszeit –, aber die Grabkammer war nun ihr Ort, der Ort der vier Kinder, an dem sie das taten, was sie »es mit dem Buch machen« nannten. Es war eine Art Alternativwelt für sie, wenn sie mit den zweihundertfünfundzwanzig Seiten zu dem Steinzeitgrab gingen, einander beim Vorlesen abwechselten und die Charaktere tauschten. Und je mehr sie sich dem Ende näherten, desto aufgeregter wurden sie.

Als sie mit dem Buch fertig waren, legten sie es beiseite.

Das war der Punkt, an dem es wirklich begann.

Das Spiel.

5. Kate

Selbst jetzt, fast ein Jahr später, fiel es Kate noch immer schwer, dem Geschehen einen Sinn zu entnehmen – jener dunklen und schmerzhaften Zeit, die zu ihrer Trennung geführt hatte. Sie wusste einfach nicht, was genau zwischen ihr und Rob schiefgegangen war.

Anfang Januar war der Schwangerschaftstest zu ihrer unermesslichen Freude positiv ausgefallen, doch im April war alles wieder zusammengebrochen, als man bei einem routinemäßigen Bluttest stark erhöhte Alphafetoproteinwerte festgestellt hatte.

Kate war allein zu dem Arzttermin gegangen, obwohl Osterferien waren und man ihr geraten hatte, gemeinsam mit Rob zu kommen; doch Rob hatte an jenem Morgen einen Termin gehabt, sodass sie es ihm gegenüber gar nicht erst erwähnt hatte. Damals hatte sie sich gesagt, sie wolle ihm damit unnötige Sorgen ersparen. Später jedoch hatte sie erkannt, dass sie bloß den Kopf in den Sand hatte stecken wollen; denn wenn Rob nicht bei ihr war, wenn sie schlechte Neuigkeiten bekam, waren sie vielleicht gar nicht real.

Doch als er dann nach Hause gekommen war, sie geküsst und seine Papiere auf dem Esstisch gestapelt hatte (dort arbeitete er meistens, auch wenn im Gästezimmer ein Schreibtisch stand), hatte sie die Normalität zerschlagen und es ihm erzählen müssen.

»Was heißt das?«, hatte Rob gefragt. »Was macht dieses Protein?«

»Das heißt, dass etwas nicht stimmen könnte«, antwortete Kate.

Sie rang um Fassung, denn sie war zu dem Schluss gekommen, dass sie diese Sache nur durchstehen konnte, wenn sie die Ruhige spielte.

»Stimmt was nicht mit dir?«, fragte Rob. Die Sorge stand ihm ins Gesicht geschrieben.

»Mit mir ist alles in Ordnung«, versicherte ihm Kate.

Rob sagte nichts dazu. Er setzte sich an den Tisch und schaute sich seine Arbeit an.

»Es bedeutet allerdings«, wagte Kate sich weiter vor, »dass unser Baby etwas haben könnte, das …«

»Könnte«, unterbrach Rob sie. »Dieses Wort ist mir immer schon sinnlos erschienen.«

Kate wusste sofort, wie seltsam diese Bemerkung war, doch augenblicklich verspürte sie Mitleid. Das war nun mal Robs Art, sich vor der brutalen Wirklichkeit zu schützen.

»Mehr haben wir im Augenblick nicht, Rob«, sagte sie. »Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass unser Kind eine angeborene Spaltbildung der Wirbelsäule haben könnte oder …«

»Nicht«, unterbrach er sie erneut.

Kate zog einen Stuhl neben seinen und setzte sich. »Wir müssen gemeinsam mit dem Arzt sprechen und Fragen stellen.« Sie legte die linke Hand auf den Tisch und wartete, dass er sie berührte, doch Rob tat nichts dergleichen. »Allerdings werden wir vor der nächsten Ultraschalluntersuchung nicht mehr wissen.«

Das war der Augenblick, als Kate diesen seltsamen Ausdruck auf seinem Gesicht gesehen hatte: eine Art stumpfsinniges Abschalten.

»Ich muss mit der Arbeit weitermachen«, sagte Rob.

Es war, als hätte er ihre Worte gar nicht gehört.

Kate war verwirrt. Sie wollte wissen, ob er sie verstanden hatte. Sie wollte getröstet werden. Sie wünschte sich, dass er endlich wieder Rob war, und so wagte sie einen neuen Versuch. »Wir müssen …«

»Nein.« Diesmal klang es schärfer.

Kate starrte ihn an.

»Tut mir leid«, sagte er, »aber ich will nicht darüber reden.«

»Ich aber.« Sie stand auf. »Wir müssen darüber reden.«

»Nein«, wiederholte Rob trotzig. »Das müssen wir nicht

»Noch nicht vielleicht, wenn du nicht kannst …« Verwirrt hielt sie inne. »Aber wenn …«

»Hör auf«, sagte er. »Bitte, hör einfach auf

Kate hatte sich eingeredet, dass es nur eine Laune sei, eine vorübergehende Weigerung, sich der Realität zu stellen; und obwohl sie wusste, dass es hilfreich gewesen wäre, hätte sie ihre Ängste mit ihm teilen können, erinnerte sie sich doch an den Schock, den er beim Verlust Emmies erlitten hatte, und so beschloss sie, ihm mehr Zeit zu lassen.

Doch nichts änderte sich. Der intelligente und liebende Mann, mit dem Kate seit zwei Jahren verheiratet war, schien verschwunden zu sein, verborgen in einem Nebel aus Starrsinn. Als Kate ihn anflehte, die Möglichkeiten mit ihr zu diskutieren, ließ Rob sie reden, schien ihr aber kaum zuzuhören und antwortete auch nicht.

»Das ist dumm«, sagte sie irgendwann zu ihm. »Und mir gegenüber ist es schrecklich unfair.«

»Ich sehe keinen Sinn, über etwas zu reden, das nicht geschehen wird.«

»Und wenn es doch passiert?« Kate verzweifelte allmählich. »Was, wenn der Ultraschall zeigt, dass irgendetwas mit unserem Baby nicht stimmt?«

»Das habe ich nicht gemeint«, erwiderte Rob.

»Aber du hast doch gerade gesagt …«

»I

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