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Die Quellen von Malun – Blutsohn

INHALT

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Prolog
  7. 1. Kapitel
  8. 2. Kapitel
  9. 3. Kapitel
  10. 4. Kapitel
  11. 5. Kapitel
  12. 6. Kapitel
  13. 7. Kapitel
  14. 8. Kapitel
  15. 9. Kapitel
  16. 10. Kapitel
  17. 11. Kapitel
  18. 12. Kapitel
  19. 13. Kapitel
  20. 14. Kapitel
  21. 15. Kapitel
  22. 16. Kapitel
  23. 17. Kapitel
  24. 18. Kapitel
  25. 19. Kapitel
  26. 20. Kapitel
  27. 21. Kapitel
  28. 22. Kapitel
  29. 23. Kapitel
  30. 24. Kapitel
  31. 25. Kapitel
  32. 26. Kapitel
  33. 27. Kapitel
  34. 28. Kapitel
  35. 29. Kapitel
  36. Epilog
  37. Anhang
    1. Figuren
    2. Weitere Nebenfiguren
    3. Völker
    4. Länder und Orte
    5. Götter Maluns

ÜBER DIESES BUCH

Auf Ruann herrscht immer noch Krieg um die letzten Wasservorräte. Der Offizier Dorgen ist inzwischen zum Heerführer aufgestiegen. Er ist entsetzt, als ihm sein mächtiger Schwiegervater Walerius aufträgt, den letzten großen Wald abzubrennen, um die Feinde in die Knie zu zwingen. Aber kann Dorgen sich ihm widersetzen? Währenddessen versuchen die geflohene Sklavin Alia und der desertierte Soldat Tailin, den Lauf der Dinge aufzuhalten. Beide begeben sich in Lebensgefahr, um ihre Welt vor dem Untergang zu bewahren. Doch der Herrscher Sapions verfügt über zerstörerische Magie – und ihre grausame Macht wurzelt längst schon tief in den Seelen der Menschen.

ÜBER DIE AUTORIN

Daniela Winterfeld wurde 1978 in Rheda-Wiedenbrück in NRW geboren. Sie ist in Westfalen auf einem Bauernhof aufgewachsen, zwischen Natur und Tieren und in einem riesigen Haus, auf dessen Dachboden sich die Familiengeschichte von 500 Jahren finden ließ. So ist es kein Wunder, dass sie bereits in ihrer Jugend mit dem Schreiben begann. Später studierte sie Literaturwissenschaften mit den Nebenfächern Geschichte und Psychologie. Bis heute dienen ihr historische Begebenheiten, Märchen, Mythologie und die menschliche Psyche als liebste Inspiration für ihre Bücher. Inzwischen lebt die Autorin mit Mann und Kindern in Berlin.

Daniela Winterfeld

BLUT
SOHN

Die Quellen
von Malun

Roman

PROLOG

Östliches Südfarua, Wildnis

NUROK

Das Licht der Nachtsonne leuchtete orangefarben auf den trockenen Wiesen, heißer Wind fegte darüber hinweg und trieb dunkle Wellen durch das Meer aus Gräsern. Schon seit mehr als einem Tagesritt erstreckte sich dieses Gras über die weitläufigen Hügel, und je länger Nurok durch die faruanische Landschaft ritt, desto heftiger hämmerte die Angst in seiner Brust. Er war noch nicht oft als Bote geritten, und so allein in der Weite ängstigte ihn fast alles: dieses Rotlicht der Sonne, das entfernte Heulen der Vatus, die nur auf eine schwache Beute warteten, und nicht zuletzt die vereinzelten Bäume und Wäldchen, die im Nachtlicht wie geisterhafte Schatten aufragten.

Oder waren es nur seine Nerven, die nach zwei durchwachten Nächten überreagierten? Er musste ankommen. Endlich ankommen.

Andererseits – vielleicht doch eine Pause einlegen? Wenigstens jetzt? Weil es endlich still genug war, sodass er schlafen konnte?

Als hätten seine Gedanken es herbeigerufen, setzte das Kreischen des Säuglings wieder ein. Bestialisch und rau durchdrang es die Nacht. Das Pferd machte einen Satz zur Seite, buckelte nach vorn und beendete seine Panikattacke mit einem Stolpern. Nuroks Herzschlag hämmerte mit dem Trommeln der Hufe um die Wette. Dieser Säugling war ein Monster, eine Bestie, die Ursache dafür, dass sich jedes Haar an seinem Körper sträubte. Nur einen winzigen Blick hatte er auf das grausam entstellte Gesicht geworfen, ehe er das Tuch über sein Antlitz geworfen hatte. Es war gleichgültig, ob dieses Ding tot oder lebendig ankam, das hatten auch seine Kameraden gesagt. Aber keiner von ihnen war bereit gewesen, die Aufgabe an Nuroks Stelle zu übernehmen. Sie hatten ihm nur erklärt, wohin er das kreischende Bündel bringen sollte, und hatten sich dann eilig von ihm verabschiedet. Sogar ein fertig gesatteltes Pferd hatte ihm jemand gebracht, um ihn und das Biest möglichst schnell loszuwerden. Beim Proviant hingegen hatten sie gespart, ein weiterer Grund, warum er bald aus dem Sattel fallen würde.

Er musste ankommen. Endlich ankommen. Unerbittlich trieb er sein Pferd zum Galopp. Das Tier atmete keuchend, sein Hufschlag dröhnte schwerfällig auf der trockenen Erde. Dennoch durfte er nicht nachgeben, durfte nicht langsamer werden.

Das Kreischen des Säuglings steigerte sich, schrillte in seinen Ohren. Dieses Biest trieb ihn zum Wahnsinn. Es bekam seit Tagen nichts zu essen. Warum krepierte es nicht einfach? Dann hätte er es für die Vatus ins Gras werfen und umkehren können.

Anfangs hatte er nicht gewusst, wie er dieses Kind überhaupt auf dem Pferd transportieren sollte. Doch seine Kameraden hatten nur abgewunken. »Egal«, hatten sie gesagt. »Binde es irgendwo fest, die Dinger sind unverwüstlich. Hauptsache, du verlierst es nicht. Und Hauptsache, du bist schnell. Die Viecher sind keine Menschen. Nur Monster wachsen in dem Tempo. Du musst es wegbringen, ehe es laufen lernt.«

Die anderen wussten, wovon sie sprachen. So gut wie jeder aus Rabanus’ Garde hatte schon mal eins von den Säuglings-Monstern wegbringen müssen, und die Horrormärchen darüber beherrschten nicht nur die Abende am Lagerfeuer, sondern so gut wie jeden Albtraum, aus dem die Männer nachts aufschreckten.

Voller Grauen hatte Nurok das Ding mit dem Tuch zusammengewickelt und in eine seiner Satteltaschen gesteckt. Jetzt hörte er, wie sich das Leder dehnte und die ersten Nähte zerrissen. Seine letzte Rast hatte er nur gemacht, um zusätzlich Schnüre um die Satteltasche zu binden, damit sie nicht aufging und das Monster zu Boden fiel.

Pass auf, dass du es nicht verlierst.

Es wächst rasend schnell.

Bring es weg, bevor es laufen lernt.

Nurok wagte es nicht, nach hinten zu schauen. Er wollte nicht sehen, wie groß es schon war. Was, wenn es ihn von hinterücks anfiel und auffraß? Taten die Monster so etwas? Fraßen sie Menschen?

Milch tranken sie jedenfalls nicht. Wenn dieses Bündel ein Wesen mit normalen Bedürfnissen wäre, dann bräuchte es eine Mutter, die es mit Milch nährte. Kein neugeborenes Fohlen hätte so lange überlebt ohne seine Mutter. Doch dieses Ding schien nicht einmal an Kraft zu verlieren. Ganz im Gegenteil: Sein Kreischen wurde immer durchdringender.

Erst als Sapia am Ende der Nacht unterging und die kurze Dunkelheit über dem Land aufstieg, ließ Nurok sein Pferd in Schritt fallen. Auf jedem anderen Ritt hätte er in der Dunkelheit eine Rast eingelegt. Aber wie sollte er einschlafen, wenn dieses Ding jeden Moment die Satteltaschen sprengte und dann neben seinem schlafenden Körper im Gras landete?

Nurok schüttelte sich. »Halt durch«, murmelte er. »Halte durch, Nurok, du schaffst das.« Doch seine Augen fielen zu. Nur kurz ausruhen. Nur ein bisschen im Sattel die Augen schließen. Männer konnten auch beim Reiten schlafen. Er wusste das. Oft genug hatte er es getan.

Er bemerkte kaum, wie der Säugling verstummte. Ruhe, endlich Ruhe. Die schwankenden Schritte lullten ihn ein. Und dann Stille.

Harter Schmerz ließ ihn aufschrecken. Der Boden! Er lag auf dem Boden. Er war gefallen. Das Pferd stand neben ihm. Er musste aufstehen. Weiterreiten! Doch er konnte nicht. Der Erdboden hielt ihn fest.

Als er aufwachte, war es hell. Rabanus glühte über dem östlichen Ausläufer des Waldgürtels. Nurok schreckte hoch. Hatte er tatsächlich geschlafen? Und wo war das Monster? Warum schrie es nicht?

Das Pferd stand neben ihm. Es hatte ein Bein angestellt und döste mit gesenktem Kopf. Doch was war mit dem Kind? Von hier aus konnte Nurok das Bündel nicht sehen, er hatte es auf der anderen Seite angebracht.

Sein Körper war noch immer schwer von der Müdigkeit, schwer von der Anstrengung. Dennoch kam er auf die Beine, torkelte um das Pferd herum und warf einen Blick auf die Satteltaschen.

Sie waren weg! Das Kind war weg!

Panik überfiel ihn. Das Monster war entkommen. Es würde wachsen und laufen lernen – und dann würde es jagen und Menschen fressen.

Panisch sah er sich um.

Dann hörte er das Kreischen. Genau in diesem Moment setzte es ein, weiter hinten im Gras, irgendwo in der Richtung, aus der er gekommen war. Die Stimme der Kreatur war tiefer geworden, nicht mehr schrill und hoch wie von einem Säugling. Mehr wie ein … Tier in der Größe eines Vatus.

»Beim Blute der großen Göttin«, murmelte er. Was sollte er tun? Fliehen? Oder seiner Pflicht folgen und das Biest einfangen?

Wenn Rabanus herausfand, dass er seine Aufgabe nicht erfüllt hatte, würde er, Nurok, über dem Feuer enden. Rabanus bestrafte immer mit Feuer, egal, wie klein das Vergehen war, das seine Soldaten begingen. Dabei zu sterben, war die größere Gnade. Deutlich mehr Männer überlebten die Strafe ihres Herrn.

Nurok schluckte. Er durfte nicht versagen. Er musste das Ding wegbringen, auch wenn es sein Leben kostete.

Mit zusammengebissenen Zähnen griff er sein Pferd am Zügel, zog den widerwilligen Gaul hinter sich her und lief durch die Spur, die sie im hohen Gras hinterlassen hatten. Immer näher drang das Kreischen, immer tiefer schien die Stimme zu werden. Dann lag es vor ihm. Das Bündel war gewachsen! Wenn es gestern noch so winzig wie ein Feldhuhn gewesen war, strampelte es jetzt in der Größe eines halbwüchsigen Mastferkels. Doch sehen konnte er nicht viel. Das Leder der Satteltasche spannte sich um den kreischenden Körper.

Besser so! Er wollte nicht verletzt werden, wenn er das Biest einsammelte. Er holte weitere Seile aus der zweiten Satteltasche, band sie zu Schlaufen und trat auf das Monster zu. Soweit er die Form erkennen konnte, lag es auf dem Rücken und rollte sich hin und her wie ein Käfer, der versuchte, auf die Beine zu kommen.

Was, wenn es schon laufen konnte? Um keinen Preis durfte es aufstehen!

Nurok warf die erste Schlaufe als Lasso und fing das Ding an seinem oberen Ende. Mit einem Ruck zog er das Seil fest, stürzte sich ein paarmal nach vorn, um es um die zappelnden Gliedmaßen zu schlingen. Dann nahm er die zweite Schlaufe von seiner Schulter. Dieses Mal fesselte er das Ding an seinem anderen Ende, bis sämtliche zappelnden Teile eng an den Körper gebunden waren.

»So richtest du keinen Schaden mehr an!«, knurrte er.

Hoffentlich, wisperte die Furcht.

Mit gesträubten Nackenhaaren beugte er sich zu dem Bündel aus Stricken und Leder und hob es hoch. Das Ungetüm stank: nach versengter Haut und angeschmorten Haaren. Als wäre es im Feuer verbrannt.

Nurok wurde übel. Das hier war der Gestank der Feuerstrafen. Wenn diese Art von Rauch durch das Gardelager zog, wagte sich niemand aus dem Zelt, aus purer Angst, in Rabanus’ Blickfeld zu geraten – oder den Kameraden zu sehen, der im Feuer gefoltert wurde.

Ihm am nächsten Tag zu begegnen war schlimm genug. Wenn er entstellt und erblindet durch das Lager kroch. Wenn er um Nahrung und Wasser bettelte, oder einfach nur irgendwo lag, um zu sterben.

Fast immer blieben die Bestraften zurück, wenn sie das Lager auflösten und weiterritten. Nur wenige besaßen noch die Kraft, um ihrem Tross zu folgen oder gar ihren Dienst wieder anzutreten.

Er selbst würde so enden, wenn er seine Aufgabe nicht bewältigte!

Entschlossen packte er das Ding enger. Sein Pferd warf erschrocken den Kopf hoch, als er das Paket hinter dem Sattel auf die Kruppe warf. Noch einmal durfte er es nicht verlieren. Zum Glück waren noch einige Seile da. Mit unzähligen Schlaufen und zahlreichen Knoten wickelte er sie um das Bündel und schnürte es an den Sattel, band weitere Seile um den Bauch des Pferdes. Immer noch eins und noch eins und noch eins, bis der Gaul selbst so aussah wie ein verschnürtes Paket. Immer wieder trat sich das Pferd unter den Bauch. Die Stricke rieben am Fell, gruben sich in die Haut.

Doch darauf konnte er keine Rücksicht nehmen. Nur das Biest musste sicher ankommen. Besser heute als morgen.

Nurok saß wieder auf, trieb sein Pferd zum Galopp und preschte durch die goldwogende Wiese. Von hier aus gesehen schien der Waldgürtel im Norden bereits unendlich weit weg zu sein. Genauso, wie die Kameraden es ihm beschrieben hatten. Er musste sich vom Waldgürtel entfernen, um auf die westlichen Ausläufer des großen Gebirges zu treffen, das sich von Pamal aus über die Grenze nach Farua schob und dort eine Reihe von versteckten Gebirgstälern beherbergte.

Er musste das richtige Tal finden. Davon hing alles ab. Wenn er sich verirrte, würde es zu spät sein, um das Ding noch sicher abzuliefern.

Wieder fing das Monster an zu kreischen. Inzwischen war es ein rauer, urtümlicher Laut, der ganz und gar nicht mehr nach einem Baby klang. Kraftvoll und ungebrochen hielt das Kreischen an, den ganzen Tag lang, bis sich Rabanus am Abend wieder dem Horizont entgegenschob.

Ein weiteres Mal war Nurok so erschöpft, dass er sich kaum im Sattel halten konnte. Er musste endlich etwas essen. Wenigstens trinken. Doch den letzten Tropfen aus seinem Lederbeutel hatte er schon am Mittag verbraucht.

Wenn er heute nicht ankam, würde er verdursten. Und das Monster käme frei, um sich an den Menschen zu rächen.

Vielleicht wäre Letzteres nur gerecht. Ob das Wort Gerechtigkeit von Rache stammte?

»Halte dich nicht mit solchen Spitzfindigkeiten auf.« Die Stimme seines Ausbilders klang in seinen Ohren. »Du bist kein Akademiker. Aber du bist ein kluges Kerlchen. Vielleicht empfehle ich dich für die persönliche Garde unseres Herrschers.«

Hätte sein Ausbilder ihn doch besser nicht empfohlen …

Endlich erschienen die Ausläufer des Gebirges am Horizont. Nurok holte alles aus dem Wallach heraus, was das Pferd an Leistung bringen konnte.

Als das Dämmerlicht hinter den Bergen verebbte, erreichte er den Eingang eines Tales. Es schien der richtige Ort zu sein. Zumindest hatten seine Kameraden den einzeln stehenden Maruschkabaum am Zugang zu diesem Tal ebenso beschrieben wie das kleine Wäldchen, durch das er reiten musste.

Unter den Bäumen überfiel ihn die Dunkelheit mit voller Wucht. Doch der Pfad schien häufig benutzt zu werden. Er war frei von überhängenden Pflanzen, und zumindest im Schritt kam das Pferd sicher voran.

Kurz darauf öffnete sich das Tal. Am Himmel herrschte die Dunkelheit der beginnenden Nacht. Sie befanden sich noch in der Mitte der Nachtsonnenzeit, und es würde ein wenig dauern, ehe Sapia aufging. Doch der Pfad zeichnete sich wie eine hellere Schlange in dem Geröll der Berge ab.

Dann sah Nurok den Eingang der Höhle. Eine Reihe von Fackeln brannten davor, als wolle das Portal seine Besucher willkommen heißen. Zwei Wachen standen im Lichtschein und spähten ihm entgegen.

Als er vor dem Eingang absaß, klang das Kreischen des Bündels wie ein raues Krächzen. Nur ein paar Mal muckte es noch auf, ehe es unerwartet still wurde.

»Ich bin Nurok aus der Leibgarde Rabanus’«, stellte er sich vor. »Ich bringe eine der Kreaturen. Bin ich hier richtig?«

Der linke Wächter brummte nur. Er schaute gleichgültig aus zusammengekniffenen Augen und kaute auf etwas. Meljok. Das zuverlässigste Mittel, um sich in eine schwere Ruhe zu versetzen.

»Ja«, murmelte der zweite und blinzelte angeekelt auf das Bündel. »Wenn das da eins von den Biestern ist, gehört das wohl hierher.«

Ein letztes Mal atmete Nurok tief die frische Bergluft ein. Dann fing er an, das Bündel loszubinden. Doch die Stricke spannten sich. Jetzt, während das Pferd stillstand, stieß es mit jedem Atemzug ein schmerzerfülltes Stöhnen aus. Kein Wunder. Immerhin schnürten sich die Seile tief ins Fell. Und in das Leder des Bündels.

Das Monster war weiter gewachsen und hatte die Seile enger gezogen!

Nurok gelang es nicht, die Knoten zu lösen. Er musste die Stricke losschneiden.

Der Gaul zitterte. Mit jedem zu Boden fallenden Seil zeigte sich ein weiterer blutiger Striemen an seinem Bauch.

Als Nurok das Monster vom Rücken des Pferdes zog, war es so schwer wie ein neugeborenes Fohlen. Beinahe brach er unter dem Gewicht zusammen. Doch wenigstens blieb es still. Mit gepresstem Atem wandte er sich an die beiden Wachen und bemühte sich, höflich zu klingen. »Wohin soll ich es bringen?«

Der meljoksüchtige Wachsoldat zuckte mit den Schultern. »Einfach rein da. Da, wo die Fackeln sind.«

Nurok besaß keine Kraft, um nach einer genaueren Beschreibung zu fragen. Er musste weiter und dieses Ding loswerden. Angstvoll wichen die beiden Wachen zurück, als er das Riesenmonster an ihnen vorbeitrug.

Waren die Biester immer so groß, wenn die Soldaten sie hierher brachten? Oder hatte er besonders lange gebraucht?

Und wie viele von den Viechern waren schon geflohen und liefen frei umher?

Pass auf, dass es nicht laufen lernt, bevor du da bist.

Dieses hier war groß. Vermutlich könnte es längst laufen, wenn es nicht eingeschnürt wäre.

Das Biest blieb stumm, während er durch den fackelerleuchteten Tunnel hastete. Dies hier musste ein verlassenes Bergwerk sein. Oder etwas Ähnliches. Unendlich lang erstreckte sich der Fackelgang in die Erde. Nurok hörte seine Schritte von den Wänden zurückhallen. Immer hohler, immer leerer, als dehnte sich eine unendliche Weite in den Berg hinein.

Warum war das Biest so still? In der Ruhe lag etwas Unheimliches. Als würde es lauschen. Lauern. Jedoch nicht ängstlich. Mehr … erwartungsvoll?

Plötzlich lag eine Weggabelung vor ihm. Beide Gänge waren erleuchtet. Welchen Abzweig sollte er nehmen?

Willkürlich entschied er sich für den rechten Gang. Hinter der ersten Biegung stieß er auf eine Wache.

»Halt!« Der fremde Soldat hob seine Fackel und versperrte den Weg. »Wohin wollt Ihr?«

Nurok hätte ihm gern das Bündel entgegengehoben, um das Offensichtliche noch offensichtlicher zu machen. Aber er konnte das Ding kaum noch halten, geschweige denn höher heben. »Wohin kommt das hier?«

In diesem Moment setzte das Kreischen ein. Tiefer als je zuvor, und dennoch mit einem schrillen Oberton. Beinahe hätte Nurok das Bündel fallen gelassen.

»Den anderen Gang entlang!«, brüllte der Wachsoldat. »Ganz am Ende ist eine Falltür.«

Eine Falltür … Nurok schauderte. Doch egal, was es mit dieser Tür auf sich hatte. Er musste das Ding loswerden. Also kehrte er um und lief in den zweiten Gang.

Mit einem Schlag verstummte das Monster. Ob es ahnte, dass sein letztes Stündlein geschlagen hatte?

Am Ende des Ganges ist eine Falltür.

Wie tief würde es fallen? Ob es den Sturz überlebte?

Gleich darauf hörte er es: Unter den Felsen des Ganges war etwas. Zuerst nur ein tiefes Grummeln und Schnaufen. Es steigerte sich, je weiter er kam, bis sich ein schauerliches Gebrüll erhob.

Dort unten lebte etwas. Monster. Bestien. Weitaus größer als das Ding, das er trug.

Was waren das für Kreaturen? Und was geschah mit dem verschnürten Bündel, wenn er es hinunterwarf?

Vor ihm endete der Gang an einer Felswand. Auch an den Seiten ging es nicht weiter. Und dort im Boden …

Die Falltür war aus rostigem Metall. Mindestens zehn Riegel waren um sie herum in die Steine geschlagen.

Er würde das Bündel ablegen müssen, um die Riegel zu lösen.

Pass auf, dass es nicht wegläuft.

Die Monster brüllten lauter, der Boden begann zu wackeln. Als würden große, massige Körper von unten gegen die Felsen springen.

Er wollte das Teil ablegen, doch beim Hinunterbeugen rutschte es von seiner Schulter und schlug mit einem dumpfen Knall auf den Boden. Nur kurz stöhnte es auf, dann wurde es still. Warum schrie es nicht?

Weil es lauschte! Erwartungsvoll.

Hastig schob Nurok die schweren Riegel zurück. War es Absicht, dass sie so schwergängig waren? Oder saßen sie fest, weil sie so selten geöffnet wurden?

Unter seinen Füßen erhob sich ein Beben. Die Monster brüllten im Rhythmus, das Beben steigerte sich.

Endlich hatte er die Riegel geöffnet. Vorsichtig hob er die Klappe an. Nur nicht selbst hineinstürzen! Faulige Luft stieg durch die Luke nach oben. Grauenhaftes Toben drang von unten herauf.

Und was, wenn das Monster ihn ansprang und in das Loch stieß?

Hastig warf Nurok die Klappe nach vorn, sprang selbst zurück und wirbelte zu der Kreatur herum.

Das Bündel zappelte und wand sich in den Seilen. Knirschend lösten sich die Bänder, und mit einem Ratschen zerriss das Tuch über dem Kopf.

Nurok schrie auf. Das Gesicht vor ihm war nicht annähernd das eines Menschenkindes. Es war von Narben und tiefen Spalten durchfurcht. Farblose, eisige Augen stachen aus der wabernden Masse. Darunter gab es keine Nase, nur zwei kleine Löcher und einen schwarzen Schlund mit spitzen Zähnen.

Er konnte das Teil nicht mehr hochheben. Jeder Versuch, es in die Luke zu werfen, würde ihn nur selbst in die Tiefe reißen. Also sprang er hinter das Monster, trat abwechselnd darauf ein und warf sich mit den Armen dagegen, bis das Biest die Luke erreichte.

Ob die Monster es fressen würden?

Hoffentlich.

Mit einem letzten kräftigen Stoß trat er das Ding in die Tiefe.

Die Monster grölten in der Dunkelheit. Das schwere Bündel schlug unten auf, begleitet von dem hässlichen Knirschen brechender Knochen.

Es sollte sterben! Verenden! Zugrunde gehen!

Nurok warf die Klappe wieder zu, stürzte sich auf die Riegel und schob sie davor.

Von unten sprang etwas dagegen.

Wieder hörte er sich selbst schreien. Doch gleichzeitig warf er sich auf die Luke. Nur noch fünf Riegel fehlten. Vier. Drei. Zwei. Eins.

Wieder stieß etwas dagegen. Die Metalltür rührte sich nicht mehr.

Schweißgebadet sprang Nurok auf und wich zurück. Er musste weg von hier. Was auch immer dort unten hauste, er wollte es niemals außerhalb dieses Bergwerkes sehen.

Voller Grauen drehte er sich um und rannte los.

1. KAPITEL

Südfarua, Heerlager Sapions

DORGEN

Der Appellplatz des Heeres bot Platz für zehntausend Krieger. Auf diese Größe war er ausgelegt, doch in den vergangenen Jahren war die Anzahl der Männer zumeist geringer gewesen. Aber nun drängten sich dreizehntausend Soldaten aneinander. Erfahrene Krieger aller Jahrgänge gemeinsam mit milchgesichtigen Neulingen, die kaum stark genug waren, ein Schwert zu halten. Es war eine schwarze, wogende Masse aus Leibern, die so eng zusammenstanden, dass sie sich kaum rühren konnten. Allein ihre Stimmen erhoben sich zu einem undurchdringlichen Raunen über dem Platz.

Dorgen kannte den Moment vor dem Appell, wenn man noch mit den Kameraden feixte oder seinem besten Freund ein paar Worte zumurmelte. Er kannte die furchtsame Erwartung, wenn der Heerführer vorn stand, um eine Ankündigung zu machen. Furchtsam deswegen, weil jeder Krieger wusste, dass Ankündigungen nur selten etwas Gutes verhießen.

Doch an diesem Abend stand Dorgen zum ersten Mal auf der anderen Seite, den Kriegern gegenüber. Noch wartete er neben der Bühne, umringt von der Leibgarde, die Walerius ihm zur Seite gestellt hatte. Sie bildeten eine Kette vor ihm und hielten die Krieger davon ab, durch pures Drängeln und Schieben in Dorgens Richtung zu stolpern.

Nur einmal zuvor hatte er auf dem Besprechungsplatz im Offizierslager vor einem größeren Publikum gestanden. Schon vor über einem Monat hatte Walerius ihn dort zum Heerführer von Sapion vereidigt. Doch an jenem Nachmittag waren nur die Offiziere und Kommandeure zugegen gewesen. Auf dem Besprechungsplatz hatte sein Publikum überwiegend aus braun gekleideten Akademikern bestanden, die das Heer in den höheren Positionen führten. Nur vereinzelt hatte er schwarz gekleidete Kommandeure gesehen, die es trotz einfacher Herkunft zum Gruppenführer gebracht hatten. So wie er selbst seinerzeit.

Nun hingegen breitete sich sein Publikum in tiefem Schwarz vor ihm aus. Die braunrockigen Akademiker bildeten nur eine überschaubare Gruppe am Rand des Appellplatzes.

Dorgen selbst trug Schwarz, genauso, wie er es immer getan hatte. Auf dem Weg hierher hatte er eine braune Uniform in seinem Marschgepäck gefunden. Ein paarmal hatte er sie herausgeholt und mit dem Gedanken gerungen, sie anzuziehen und den Rollenwechsel vorzunehmen, den Walerius sich von ihm wünschte. Aber allein der Gedanke hatte einen Schauer über seinen Rücken gejagt. Würde er sich damit nicht in die Betrügerrolle fügen, die Walerius ihm zugedacht hatte? War das am Ende der Grund, warum sein Schwiegervater ihn hierher schickte? Damit er selbst den Beweis für seine Schuld lieferte, die Walerius ihm mit der gefälschten Akte in die Schuhe schieben wollte?

Doch sein Schwiegervater war bei dem Ritt nicht dabei gewesen, und Dorgen hatte die Gelegenheit, elegant und unauffällig die Rollen zu wechseln, nicht wahrgenommen. In schwarzer Kluft war er in das Heerlager eingeritten und hatte auch in den Tagen danach nichts an seiner Kleidung geändert. Die akademischen Offiziere, mit denen er zusammenarbeiten musste, würden ihm das Leben als Heerführer zwar nicht leichtmachen. Doch es gab genug Männer, die ihn noch von früher kannten. Selbst einige der Akademiker erinnerten sich an ihn, und eine Akte, die Dorgen als Akademiker auswies, schien noch keiner in der Hand gehabt zu haben.

Ob er also Braun oder Schwarz trug – die Gerüchte um seine Person wären so oder so entstanden.

Allein Walerius hatte ihm am Abend vor seiner Vereidigung die Frage zugezischt, warum er nicht die braune Uniform trug.

»Weil ich kein Akademiker bin, und weil es reichlich Männer gibt, die das wissen«, hatte Dorgen geantwortet. Er hatte damit gerechnet, dass Walerius ihm drohen und ihn zwingen würde. Aber sein Schwiegervater hatte geschwiegen und ihn am nächsten Tag in seiner schwarzen Uniform vereidigt.

Inzwischen kursierten die wildesten Gerüchte über ihn. Es hatte sich herumgesprochen, dass Dorgen als Handwerkersohn in die Akademikerkaste eingeheiratet hatte. Allein das machte ihn zu einem unbegreiflichen Rätsel. Dass er obendrein zum Heerführer ernannt worden war, erhob ihn zu einem lebendigen Mythos.

Doch das war nicht der Anlass, warum er heute am Kopf des Appellplatzes stand.

Rabanus hing bereits tief am Abendhimmel. Sein Licht verlieh den dreizehntausend Männern einen goldfarbenen Teint. Es würde nicht mehr lange dauern, ehe die große Sonne den Horizont berührte.

Dorgen hätte für seine erste Rede gern einen weniger spektakulären Moment gewählt, doch heute war Neujahr, und die Rede, die er seit seiner Vereidigung vor sich herschob, war spätestens heute fällig.

Seine Fingerspitzen begannen zu kribbeln. Ganz gleich, was er seinen Kriegern erzählte – mit jedem Wort begab er sich auf schwieriges Terrain. Schon seit einem Monat versuchte er, diese Rede zu schreiben, und es war kaum ein Tag vergangen, an dem er nicht das Blatt zerknüllt und die Schreibfeder von sich geworfen hatte. Dass er nun endlich fertige Notizen bei sich trug, bedeutete nicht, dass er damit zufrieden wäre – es hieß nur, dass der Zeitpunkt gekommen war, an dem er vortragen musste, was er hatte.

Während Rabanus den Appellplatz in tiefes Orange tauchte, schob sich im Osten der rötliche Oberrand der Blutsonne über die Hügelkette. Ein gewaltiges Raunen erhob sich in den Reihen der Krieger. Tubald, einer der Akademiker, die Dorgen seit seiner Ankunft berieten, stieß ihn von hinten an. »Jetzt!«, murmelte er.

Der akademische Führungsstab hatte sich größte Mühe gegeben, Dorgen mit seinen Grundsätzen strategischer Kriegsführung vertraut zu machen. Tubald und einige andere hatten ihm Reden geschrieben, die er »nur noch vorzutragen brauchte«. Unermüdlich hatten sie ihm Vorlesungen über Kriegstheorien und Eroberungsstrategien gehalten und keinen Versuch gescheut, seine Entscheidungen zu beeinflussen.

Doch den Alltag eines Kriegers kannte keiner von ihnen. Die akademischen Offiziere waren niemals in den Wald geritten. Sie kämpften nicht gegen die Katzen, und sie kannten nicht das Gefühl, wenn ein Kamerad von Krallen zerfetzt wurde, während man selbst weiterkämpfen musste.

Sie beurteilten nur die kriegerische Leistung aus der Sicherheit des Heerlagers heraus.

Dorgen hatte längst beschlossen, dass er das Heer nicht so führen wollte, wie es Akademiker über Generationen hinweg getan hatten. Und noch weniger würde er ihre Reden vortragen.

Auf dem Papier, das er in seiner Tasche trug, standen ganz andere, ganz eigene Worte. Ein letztes Mal tastete er danach, um sicherzustellen, dass es noch da war. Das Papier knisterte zwischen seinen Fingern. Im Notfall würde er es herausholen können – doch eigentlich kannte er die Worte auswendig.

»Jetzt!«, zischte Tubald erneut, und Dorgen wusste, dass sein Rhetoriklehrer sehr gut darin war, spektakuläre Auftritte zu inszenieren. Es wäre also gut gewesen, auf ihn zu hören, um das Zusammenwirken von Sonnenschauspiel und Bühnenvortrag zu perfektionieren. Doch etwas in Dorgen sträubte sich. Walerius hätte seine Rede in perfekter Länge zwischen Untergang und Aufgang der beiden Sonnen platziert – aber Dorgen war kein Redner. Die Effekthascherei war ihm zuwider. Er war ein Krieger. Einer von denen, die ihm gegenüberstanden, und seine Stärken lagen genau darin.

Langsamer als vorgesehen, stieg er die Stufen zu der schmalen Bühne hinauf. Die Reihe seiner Leibgarde rückte enger zusammen, um etwaige Feinde von ihm abzuhalten. Doch seine größten Feinde lauerten nicht auf Seiten der Krieger.

Mit gemessenen Schritten trat er hinter die Konstruktion aus Metallkegeln und Trichtern. Wie es eine derartige Apparatur schaffen konnte, die Stimme eines Einzelnen über das Raunen von dreizehntausend Männern zu erheben, war ihm immer schon ein Rätsel gewesen. Derartige Konstruktionen wurden ausschließlich von Akademikern erdacht. Nur von den Reden, die der vormalige Heerführer Zailosch gehalten hatte, wusste er, dass es funktionierte.

Dorgen stellte sich aufrecht hin und unterdrückte ein Räuspern.

Um keinen Preis dürft Ihr Euch räuspern, hatte Tubald ihm eingeschärft. Räuspern verrät Unsicherheit.

Und bei dem Blute der Göttin – er war unsicher. So unsicher wie ein Knappe in seiner ersten Schlacht.

Doch nichts und niemand hatte ihn auf den Moment vorbereitet, der nun kam: Die Krieger verstummten. Das Murmeln und Raunen endete so abrupt, dass nur noch der Wind zu hören war, der in den Fahnen knatterte. Es war gespenstisch – dieses wogende Meer lebendiger Menschen und gleichzeitig die Stille, die wie ein Totentuch über sie fiel.

Ein ganzes Heer aus Todgeweihten. Selbst ohne eine vernichtende Schlacht wusste Dorgen nicht, wie er diese Masse an Männern über die nächsten Monate bringen sollte. Doch davon durfte er heute nicht reden.

Die Stille dehnte sich aus. Wurde zu lang.

Mut zur Pause, hatte Tubald ihm erklärt. Worte wirken stärker, wenn sie einer Pause folgen. Das erhöht die Spannung und die Wucht.

Doch diese Pause hatte den falschen Ursprung. Er musste endlich anfangen. Schon allein, um die Stille zu übertönen. »Heer von Sapion!«, rief er in den Trichter. »Krieger von Sapion!«

Wieder eine Pause. Wieder diese Stille. Angespannt und todgeweiht, voller Erwartung und Angst. Er hätte sie ein Gebet an die blutrünstige Göttin sprechen lassen können, wie Zailosch es getan hätte – einfach nur, um sie an ihre Demut und ihre Märtyrerpflicht zu erinnern. Doch allein der Gedanke widerstrebte ihm. Er wollte ein anderer Heerführer sein, keiner, der mit Angst und Unterdrückung über seine Männer herrschte.

Erneut wurde die Pause zu lang, jeden Moment würde die Stimmung kippen und seine Unsicherheit offenbart werden. Er musste endlich reden! Jetzt! Entschlossen öffnete er den Mund, und plötzlich ging es ganz leicht. »Heute ist Neujahr! Der Tag, an dem sich Rabanus und Sapia das erste Mal erblicken. Der Tag, an dem die siegreichen Männer der Auslese heiraten. Und der Tag, an dem unsere Geschichte vor vielen Äonen begonnen hat! Welcher Anlass könnte besser sein, um zum ersten Mal zu euch zu sprechen?« Seine Stimme hallte wider aus den Trichtern, dröhnte über den Platz und schien ihn bis in die hintersten Reihen zu füllen. »Ihr alle kennt meinen Namen schon längst. Ihr alle wisst, warum ich hier bin. Ich bin Dorgen, Schwiegersohn von Walerius. Und ich wurde eingesetzt als Nachfolger von Zailosch, der zu Beginn der Nachtsonnenzeit in unehrenhaftem Selbstmord aus dem Dienst geschieden ist.«

Ein Raunen ging durch die Reihen der Krieger. Die Männer wollten endlich mehr hören: Erklärungen. Zukunftsaussichten. Lösungsstrategien. Einen Weg aus dem Chaos, das im Heerlager herrschte.

Mit einer zackigen Geste brachte Dorgen die Menge zum Schweigen. Auch diesen Trick hatte ihm Tubald gezeigt. Dass es funktionierte, war faszinierend.

Nur einen Weg aus dem Chaos kannte er nicht. Alles, was er ihnen erzählen würde, war Augenwischerei. »Hinter dem Heer liegt eine schwere Zeit. Wir sind um dreitausend Männer Nachschub gewachsen. Aber seit Zailoschs Tod waren die Zustände chaotisch. Ihr musstet hungern und dursten, und viele hatten nicht einmal einen Schlafplatz. Ich habe nun versucht, die Aufzeichnungen des alten Heerführers zu ordnen und neue Strategien zu schmieden. Doch über Zailosch kann ich inzwischen nur noch eines sagen: Vor seinem Tod ist er dem Wahnsinn verfallen. Er hat Kriegspläne entworfen, deren Ausführung nicht nur die Gegner, sondern auch unser ganzes Reich in den Untergang stürzen würden. Angefangen mit euch: den Soldaten seines Heeres.«

Das Raunen der Männer wallte wieder auf – und Dorgen ließ es geschehen. Schiebt alle Schuld auf Zailosch, hatte nicht nur Tubald gesagt, sondern sämtliche Berater. Ein Toter ist ein dankbarer Schuldiger. Er kann nicht mehr dafür büßen. Wenigstens diesen Ratschlag hatte Dorgen für seine Rede übernommen. Einen anderen Weg gab es nicht, wenn er sich nicht selbst der Meute vorwerfen wollte. Erst als die Männer unruhig wurden, sich anrempelten und anfingen, einander zu schubsen, hob er gebieterisch die Hand. »Zailosch hat dreitausend Mann Verstärkung angefordert!«, rief er. »Aber er hat keine Verpflegung und keine Zelte bestellt. Vielleicht, weil er vorhatte, euch direkt nach der Ankunft in den Tod zu schicken!«

Wieder ging ein Raunen durch die Menge. Kleine Schweißperlen sammelten sich in Dorgens Nacken. Er war nicht zum Lügen geschaffen. Nicht Zailosch, sondern Walerius und Rabanus hatten die Verstärkung geschickt, ohne für eine Unterbringung zu sorgen. Und eine Verpflegung in dieser Größenordnung war schlicht nicht verfügbar. Die Dürre hatte das Land so sehr ausgetrocknet, dass selbst die bewässerten Felder, die für die Ernährung des Heeres vorgesehen waren, nicht mehr ausreichend Ertrag abwarfen. Nicht einmal in seiner alten Stärke ließe sich das Heer noch ausreichend versorgen. In der neuen Stärke war dies schlicht unmöglich. Es sei denn, sie rekrutierten ihre Nahrung aus Feindesland. Was ebenso unmöglich war, solange der Waldgürtel einen Einmarsch in Nordfarua verhinderte.

Doch diese Wahrheit vor dreizehntausend Männern zu gestehen wäre sein Ende.

Die Blutsonne schob sich immer höher über den Horizont, während Rabanus schon beinahe den Rand der Hügel berührte. Die Krieger reckten die Köpfe, um die Dämmerung zu beobachten und gleichzeitig Dorgen zu sehen, der genau in der Mitte der beiden Sonnen stand.

Weiter hinten fingen die Krieger an zu drängeln. Die eng stehenden Reihen gerieten ins Stolpern und stießen sich nach vorne wie eine Dominoschlange.

»Ruhe!« Wieder hob Dorgen die Hand. »Ich verlange absolute Ruhe!« Die Männer mussten ihm gehorchen! Auch der Appellplatz war nicht für diese Heeresstärke ausgelegt. Wenn sie drängelten, riskierten sie ihr Leben.

Tatsächlich kam die Menge zum Stillstand. Es war erstaunlich, wie viel Selbstbeherrschung die Männer trotz allem besaßen.

»Doch ich habe auch gute Nachrichten!« Von jetzt an musste er überzeugend klingen. Mühsam versuchte er, die Hast in seinen Worten zu verbergen. »Ein Treck mit Verpflegung und zehn Wagenladungen Zelttuch ist auf dem Weg hierher und wird morgen eintreffen. Alle Neuzugänge, die noch unter freiem Himmel schlafen, können ab morgen ihren Versorgungsoffizier aufsuchen und bekommen genug Tuch, um sich ein Zelt daraus zu nähen.«

Dieses Mal klang das Murmeln der Männer erfreut – auch die Reihen verharrten diszipliniert.

Dass die Verpflegung, die im Treck mitgeschickt wurde, lediglich ein Tropfen auf den heißen Stein war, erwähnte Dorgen nicht. Nur eine Sache musste er schon heute erklären. »Trotzdem bin ich gezwungen, Maßnahmen einzuführen, um das ganze Heer zu versorgen. Ab morgen wird jeder Essensmarken erhalten, die unsere Ressourcen auf alle verteilen. Von da an wird es Suppe, Brot und Fleisch nur noch gegen eine Marke geben.«

Das Raunen der Männer schwoll an. Unterdrückter Protest mischte sich hinein. Dorgen ließ den Arm erneut hochschnellen, um den Protest in Schach zu halten. Er wollte den Männern nicht drohen, doch es blieb keine Wahl. »Diebstahl von Essensmarken, Prügeleien um Nahrung sowie die Verschwendung von Wasser und Essen werden zukünftig schwer bestraft.«

Die Menge verstummte abrupt. Zailosch hätte an seiner Stelle die Strafklasse verkündet, in die das Delikt einzuordnen war. Doch diesen Punkt ließ Dorgen offen. Wenn er sich auf eine hohe Strafklasse festlegte, würde er die grausamen Strafen auch verhängen müssen. Wenn er sich hingegen für eine niedrigere Klasse entschied, würde niemand die Drohung ernst nehmen. So aber konnte jeder Krieger darüber spekulieren, was eine »schwere« Bestrafung sein würde.

Wieder kitzelte der Schweiß in Dorgens Nacken, und die Reihen der Soldaten gerieten ins Schwanken. In Wirklichkeit waren die Essensmarken eine verzweifelte Maßnahme – und wenn die Soldaten bereits gewusst hätten, wie klein die einzelnen Portionen sein würden, wäre der Appellplatz längst im Chaos versunken.

Vermutlich war dies hier für lange Zeit die letzte ruhige Versammlung. Sobald die Soldaten hungerten, würden sie zu allem bereit sein, und Dorgen konnte nur hoffen, dass er die Entscheidung in Bezug auf das Strafmaß für Diebe und Plünderer nicht schon in den nächsten Tagen treffen musste.

Dennoch bereute er nichts – auch nicht die Tatsache, dass er für die Sklaven dieselben Essensrechte durchgesetzt hatte wie für die Krieger. Tagelang hatte er mit den Akademikern darum gestritten. Die Braunröcke hatten ihm empfohlen, die Sklaven nur noch mit dünner Suppe zu versorgen. Dann würden sie zwar früher oder später tot zusammenbrechen, wären aber immerhin noch als Schweinefutter zu gebrauchen.

Nur mit viel Geduld hatte Dorgen den Offizieren klarmachen können, dass sie die Sklaven und ihre Arbeitsleistung ebenso brauchten wie die Nahrung. Sogar die Huren waren unerlässlich, um die Krieger im Zaum zu halten. Spätestens bei diesem Argument waren die Offiziere eingeknickt. Die Vorstellung, es nur noch mit einem halbtoten Klappergestell zu treiben und am Ende ganz ohne Frauen dazustehen, schien sie am meisten abzuschrecken.

»Und wie genau soll es weitergehen?«, rief jemand. Dorgen brauchte einen Moment, bis er die Person ausmachen konnte. Es war einer der Braunröcke, die nur wenig von der Bühne entfernt standen. Natürlich war es ein Braunrock – niemand sonst würde es wagen, den Heerführer während seiner Rede anzusprechen.

Genaugenommen wusste Dorgen nicht, wie er das Schicksal des Heeres zum Besseren wenden sollte. Die Nahrung würde immer knapper werden, bis das Heer tatsächlich hungerte. Es gab nur einen Weg, um an Nachschub zu gelangen: einen Fortschritt des Krieges. Eroberung von Feindesland. Im Grunde das, was Zailoschs Pläne vorsahen – den Waldgürtel niederbrennen, um endlich in das Land dahinter zu gelangen.

Wenn nicht die größten und besten Vorräte im Waldgürtel selbst lägen … Es wäre also Wahnsinn, Zailoschs Pläne umzusetzen.

Doch ganz gleich, wie ratlos Dorgen war – für die Krieger brauchte er eine Antwort. Er musste improvisieren. »Wie soll es weitergehen?«, griff er die Frage auf, und wie durch Zauberhand kam die Antwort über seine Lippen: »Es kann nur weitergehen, indem unser Krieg voranschreitet. Wir haben dreitausend Mann Verstärkung. Nutzen wir diese Stärke, um im Kampf gegen die Partisanen voranzukommen. Die größten Nahrungsreserven liegen im Wald. Wilde Tiere, essbare Pflanzen, frische Bachläufe. Ich möchte jeden Einzelnen von euch ermutigen, sein Bestes zu geben, wenn wir gegen die Pamuschkrieger kämpfen. Lasst uns voranrücken, die Katzen verjagen und den Wald Stück für Stück erobern. Ja, die Nahrungsversorgung innerhalb des Heerlagers muss gekürzt werden. Aber ich erlaube hiermit offiziell, in den Teilen des Waldes zu jagen, die auf unserem Territorium liegen, und weiteres Territorium für uns zu erobern. Was auch immer ihr erjagt, dürft ihr für euch behalten. Macht diesen Wald zu eurem Wald, nur das kann uns retten!«

»Unser Wald!«, rief jemand und reckte den Arm in die Luft. Ein Dutzend andere folgten seinem Beispiel, und gleich darauf waren es Hunderte, dann Tausende. »Unser Wald! Unser Wald!«, skandierten sie, und mit jedem Ruf stießen mehr Arme in die Luft, bis das ganze Heer ein wogendes Auf und Ab von Armen war.

Die Wucht des Moments griff auf Dorgen über. War das hier sein Werk? Hatte er das erreicht? Dass diese unfassbare Menge an Männern über eine Idee jubelte, die keineswegs neu war? Immerhin versuchten sie seit über zehn Jahren, den Wald zu erobern, und waren kein Stück vorangekommen. Warum wurde ihm jetzt deswegen zugejubelt?

Der Augenblick war gekommen. Die richtige Gelegenheit, um das Ende seiner Rede zu halten. Bis jetzt war er davon ausgegangen, dass er diesen Teil weglassen würde. Doch nun pulsierten die Rufe der Männer in seinem Magen. Vielleicht wäre es doch richtig, diesen Schritt zu gehen. Die Flucht nach vorn aus der misslichen Lage, in die Walerius ihn gebracht hatte.

Entschlossen hob er die Hand und rief erneut in den Trichter: »Männer von Sapion!« Seine Stimme überschlug sich in dem Hall der Konstruktion, das Heer wurde still. Dreizehntausend Augenpaare ruhten auf ihm und warteten auf den nächsten Satz. Dorgen breitete die Arme aus. »Seht mich an!«, rief er. »Seht die Farbe Schwarz, die ich trage. Ich weiß, es gibt viele Gerüchte um meine Person. Einige kennen mich noch von früher, als einfachen Hauptmann, den Sohn eines Schmiedes. Warum wird einer wie ich zum Heerführer?«

Wenn es vorher schon ruhig gewesen war, lag nun eine atemlose Stille über dem Appellplatz. Jeder Einzelne lauerte auf seine Antwort, und niemand wagte es, auch nur mit den Füßen zu scharren. In dem Augenblick erreichten die beiden Sonnen den Höhepunkt ihrer Darbietung. Sie lagen jeweils mit ihrem unteren Rand auf dem Horizont, Rabanus auf dem Weg in seinen Untergang und Sapia als junge, aufsteigende Göttin.

Einen perfekteren Moment als diesen konnte es nicht geben. »Also will ich euch die Wahrheit nicht länger vorenthalten«, donnerte Dorgen. »Ja, ich bin einer von euch. Ein einfacher Krieger. Aufgewachsen in der Erziehung sapionischer Männer, als Rekrut im Kinderlager, seit dem Einmarsch in Südfarua im Kriegseinsatz und später als Spähtruppführer im Wald von Farua. Und ja, damit bin ich anders als jeder Heerführer zuvor. Ich kenne den Alltag, den ihr führt. Ich kenne die Gefahr, der wir entgegentreten, wenn wir in den Wald gehen. Unzählige Male habe ich gegen die Katzen gekämpft und überlebt! Aber ich weiß auch, was es bedeutet, Männer an meiner Seite sterben zu sehen.« Er machte eine Pause, ließ seinen Blick über die atemlos stillen Krieger schweifen und spürte das Zittern, das in ihm aufstieg. »Ich weiß …« Pause. »… wie ihr euch fühlt. Wenn ihr da raus reitet. Wenn ihr um euer Leben kämpft – und für euer Land. Wenn ihr auf eine Zukunft hofft, auf einen Sieg in der Auslese. Auf das Recht, zu heiraten. Und zu leben. Mit einer Sippe von Frauen, in einem eigenen Haus.« Wieder ließ er seinen Blick schweifen. »Und ja, ich habe das alles erreicht. Ich habe gewonnen, und ich bin verheiratet. Mit fünf Frauen, die erst vor kurzer Zeit meine Kinder geboren haben.«

Alle, bis auf Feyla … Dies war nicht der Moment, um an sie zu denken. Die Krieger vor ihm warteten. Hingen an seinen Lippen. Wollten das Fazit hören.

Noch einmal hob er die Stimme. »Und dennoch bin ich zu euch zurückgekommen. Als Heerführer. Um euch zu leiten und in die Zukunft zu führen.« Auch diesen Teil der Rede hatte er nicht geschrieben. Die Worte kamen von irgendwoher. Sie auszusprechen war gewagt. »Und ja!«, rief er, noch lauter als zuvor. »Die Gerüchte stimmen! Ich habe in ein Haus eingeheiratet, in das ich laut meiner Abstammung gar nicht einheiraten dürfte. Und dennoch: Walerius, höchster Berater von Rabanus Sapion, und damit einer der bedeutendsten Akademiker Sapions, hat mich als Bräutigam für seine Töchter erwählt – und mich nun hierher zurückgeschickt. Weil ich an eurer Spitze den Krieg weiterführen soll.«

Jetzt kam er doch wieder zu dem zurück, worüber er schon seit Tagen nachdachte. Er saß in der Zwickmühle. Auf der einen Seite standen die Krieger und die Gerüchte, die er aufklären musste – auf der anderen Seite stand Walerius, dessen Absichten noch immer unklar waren, und der womöglich nur auf den passenden Moment wartete, um Dorgen als Betrüger hinzurichten.

Doch mit dem, was er nun tat, rechnete sein Schwiegervater wohl kaum. Dorgen atmete ein letztes Mal tief ein, ehe er den Rest seiner Rede in den Trichter schmetterte: »Walerius ist ein kluger und weiser Mann. Er hat erkannt, dass ein Richtungswechsel nötig ist, um das Heer Sapions in den Erfolg zu führen. Deshalb hat er entschieden, zum ersten Mal in der Geschichte Sapions keinen Akademiker an die Spitze des Heeres zu setzen, sondern einen von euch. Einen Krieger, der den Wald und die Feinde aus unzähligen Kämpfen kennt.«

Dieses Mal erhob sich die Unruhe in den Reihen der Braunröcke. Doch es war nicht der Moment für Unsicherheit. »Ihr könnt mir glauben, dass ich selbst der Letzte bin, der damit gerechnet hat, einen solchen Posten zu bekommen!«, rief er und breitete erneut die Arme aus. »Und ob ich meine Aufgabe besser machen werde als meine Vorgänger, muss sich noch zeigen. Aber eines kann ich euch versprechen« – er sah ein weiteres Mal in die Runde und dehnte die Pause aus, wie er es gelernt hatte – »ich werde mein Bestes geben, all meine Erfahrung und meinen ganzen Mut, um der Verantwortung gerecht zu werden. Um euch« – er betonte das Wort – »in eine bessere Zukunft zu führen!«

»Auf die Zukunft!«, rief einer der Krieger, und wieder stimmten die anderen ein. »Auf die Zukunft! Auf die Zukunft!«

»Auf Dorgen, den Heerführer!«, riefen andere dazwischen und wurden ebenfalls nachgeahmt. Einen Moment lang hallten beide Rufe durcheinander. »Auf Dorgen … die Zukunft … die Zukunft … den Heerführer …« Dann setzte sich eine dritte Fassung durch: »Lang lebe Dorgen, der Heerführer!«

Die Worte kamen ihm vor wie ein Fausthieb vor die Brust. Atemlos trat er vor dem Trichter zurück und starrte auf die brüllenden Krieger.

Damit gehörten sie ihm! Es war sein Heer! Seine Männer!

Niemals hatten sie in dieser Weise Zailosch zugejubelt. Und noch weniger Rabanus oder Walerius.

Das Licht der beiden Sonnen leuchtete in ihren Gesichtern wie die Spiegelung eines Feuers. Sein Feuer. Seine Rede. Seine Macht. Wer hätte gedacht, dass es so leicht war? So überwältigend. So berauschend.

Er allein war der Heerführer, und diese Männer fraßen ihm aus den Händen.

Noch.

So lange, bis die Lügen über ihm zusammenbrachen.

Der Tumult am Rand des Platzes wurde größer. Die Versammlung der Braunröcke zerfiel in hektische Gesprächsgruppen. Von heute an waren die Akademiker seine Feinde!

Das alles würde ihn zu Fall bringen. Schon bald.

Mit dem letzten Schwung seiner Euphorie drehte er sich um und sprang die Treppe neben der Bühne hinab. Tubald starrte ihm entgegen. Sein ältliches Gesicht war gerötet vor Zorn, und seine Augen glühten. Er streckte den Arm zur Seite, als könne er ihn aufhalten. Doch Dorgen lief darauf zu, stieß mit dem Oberkörper gegen den Arm, bis Tubald ihn freiwillig nach unten riss. In einem Kampf hätte ihm der schmächtige Akademiker nichts entgegenzusetzen gehabt. Keiner von ihnen. Für sie existierte Kampf nur in der Theorie.

Allein ihre intriganten Zungen konnten ihm schaden. Ein Schaden, der allerdings weitaus größer wäre als die Spuren eines Kampfes.

Dorgen schob sich an seinen Gardisten vorbei. Er musste der Erste sein, der sich ins Offizierslager aufmachte, musste vor den Akademikern dort sein. Und vor der Masse der Soldaten musste er das Heerlager durchqueren. Entschlossen wandte er sich an den Chef seiner Leibgarde: »Niemand begleitet mich. Ich gehe allein!«

»Aber Herr …« Auch der Kommandeur war Akademiker. Noch dazu von Walerius eingesetzt. Ihm zu vertrauen, war noch nie eine gute Idee gewesen.

»Kein Widerspruch!«, forderte Dorgen. »Ich gehe allein.«

Mit halboffenem Mund blieb der andere stehen wandte sich dann an seine Soldaten, um sie zurückzuhalten.

Mit forschen Schritten lief Dorgen an den nächsten Männern vorbei. Hier, hinter der Bühne, standen weitere Offiziere in brauner Uniform. Die höheren Ränge oder solche mit besonderen Aufgaben. Manche kamen auf ihn zu. Dorgen bedachte sie mit kurzen, grüßenden Blicken. Kraft seiner Autorität war es seine Entscheidung, den Moment für ein Gespräch zu wählen. Und heute wollte er mit niemandem sprechen.

Nur einer war anders als die anderen. Karer war der letzte Offizier in den Reihen. Auf seinem Gesicht lag ein vielsagendes Grinsen. Wie Dorgen trug er seine Offizierszeichen über dem Schwarz der Krieger, und tatsächlich gab es kaum einen einfachen Mann, der es weiter nach oben gebracht hatte als Karer. Dorgen hatte ihn auch früher als gerechten und weitsichtigen Vorgesetzten geschätzt. Jetzt über ihm zu stehen war ungewohnt. Doch im Grunde hieß es nur, dass sie sich wieder auf Augenhöhe befanden.

Karer gehörte zu der Minderheit von Offizieren, denen er noch vertrauen konnte. Im Vorbeigehen sprach Dorgen ihn an: »Oberleutnant Karer, bitte begleitet mich ein Stück!«

Karer nickte und gesellte sich an seine Seite.

Rabanus hatte seinen Untergang beinahe vollendet. Nur das rötliche Licht der Blutsonne beleuchtete noch die Zelte, die sich vor ihnen erstreckten.

»Bitte redet ganz frei«, begann Dorgen. »Was geht Euch durch den Kopf?«

Karer lachte leise. Ein paar Schritte ging er schweigend weiter. »Mutige Rede«, sagte er dann. »Ihr habt ab heute viele Feinde.«

»Ich weiß.« Dorgen widerstand dem Drang, einen Dreckklumpen wegzutreten. »Aber das hatte ich vorher auch schon. Jetzt ist es nur offensichtlicher. Trotzdem … Seien wir ganz ehrlich. Mutige Rede bedeutet dumme Rede, nicht wahr?«

Karer gab ein brummendes Geräusch von sich. Ob es Zustimmung oder Widerspruch sein sollte, war nicht zu erkennen. »Mut und Dummheit liegen nah beieinander. Aber da ich Euch als klugen Mann kenne, würde ich sagen, dass hinter Eurem Mut eine gewisse Verzweiflung hervorscheint.«

Dieses Mal lachte Dorgen. »War das so offensichtlich?«

Karer schien sich seine Antwort gut zu überlegen. An zwei Zeltblöcken wanderten sie schweigend vorbei. »Nein«, erklärte er dann. »Die Verzweiflung hat vermutlich niemand bemerkt. Die einfachen Krieger sehen Euch als Held, der aus ihren Reihen hervorgegangen ist. Und die Akademiker … sie fürchten einen Umsturz. Einen Machtumbruch im Heer, weil der neue Heerführer womöglich die Schwarzgekleideten nach oben bringt und Akademiker auf niedere Posten versetzt.«

Dorgen verkniff sich ein Räuspern. Räuspern verrät Unsicherheit. So deutlich hatte er noch nicht über die Konsequenzen nachgedacht. Ein guter Teil seiner Rede war zu spontan aus ihm herausgebrochen, um die Folgen abzuwägen. Jetzt musste er das Beste daraus machen. »Im Klartext heißt das, dass ich genau das tun muss, oder? Die Akademiker aus meinem Umfeld verbannen und Schwarzgekleidete auf die Posten setzen, die mir am nächsten stehen. Allein schon, um meinen Hals zu retten. Sonst verrecke ich morgen an dem Gift in meinem Essen.«

Karer schenkte ihm einen ernsten Blick. »Eine gute Zusammenfassung.«

Dorgens Gedanken kreisten weiter, gingen in Windeseile alles durch: Als Erstes musste er seine Leibgarde und die akademischen Berater austauschen. Tubald und die anderen Gockel verfolgten längst eigene Machtpläne. Er tat also gut daran, sie noch heute zu entlassen. Selbst Livoi, seinem jungen, kompetenten Adjutanten, sollte er besser nicht mehr trauen.

»Karer!« Er bemühte sich, fest zu sprechen. »Ich möchte Euch gern als meinen Adjutanten und engsten Berater einsetzen. Und danach gehen wir gemeinsam die Listen der Offiziere durch und entscheiden, wer sich für welchen Posten eignet.«

»Euer Adjutant?« Der ältere Offizier räusperte sich. Es klang unbehaglich. »Euer Vertrauen ehrt mich, und ich übernehme gerne einen Posten für Euch, auch als Berater, aber … gerade in der Rolle eines Ratgebers muss ich sagen, dass ich einen schwarz gekleideten Adjutanten für keine gute Idee halte. Es sei denn, Ihr möchtet Walerius und Rabanus in einer offenen Revolte entgegentreten.«

Dorgen schauderte. Natürlich. Das alles war eine Gratwanderung. Nicht nur die Akademiker waren seine Feinde. Walerius und Rabanus standen als unberechenbare Gefahr über allem. »Es ist verzwickt. Egal, was ich tue, meine Feinde versammeln sich auf allen Seiten.« Er blieb stehen und wandte sich zu Karer. Von weiter hinten drang der Lärm der Krieger, die zu den Feuern stürzten, um dort als Erste an der Essensausgabe zu sein. Heute gab es die Nahrung zum letzten Mal ohne Marken. Jeder würde versuchen, sich den Magen vollzuschlagen.

Doch hier, kurz vor den Hurenzelten, war es noch ruhig. »Wenn ich ehrlich bin«, murmelte Dorgen, »muss ich sagen, ich kenne die Absichten meines Schwiegervaters nicht. Es ist mir unbegreiflich, warum er mich auf den Posten des Heerführers gesetzt hat, und ich kann nur mutmaßen, dass er mich benutzt.« Er zögerte. Sollte er Karer die ganze Wahrheit erzählen? Vermutlich ja. Wenn der kluge Offizier sein engster Vertrauter sein sollte, war Offenheit der einzige Weg. Und Karer konnte er vertrauen, da war er sich sicher. »Walerius führt irgendetwas im Schilde. Er hat meine Akte gefälscht und meinen tatsächlichen Lebenslauf in den Lebenslauf eines anderen Dorgen übergehen lassen. Dieser andere Dorgen ist Akademiker von höchster Abstammung, und laut Walerius ist er vor seinem Eintritt ins Heer verschwunden. Ich kann nur vermuten, dass Walerius selbst hinter diesem Verschwinden steckt. Und ich soll jetzt dieser andere, akademische Dorgen sein. Walerius hat mir sogar eine braune Uniform zukommen lassen. Aber die Männer hier kennen mich. Ich hätte unmöglich als Akademiker auftreten können. Also bin ich ein schwarzer Krieger geblieben.« Dorgen atmete tief ein, um den Knoten zu lösen, der sich in seinem Hals gebildet hatte. »Um es kurz zu machen: Ich habe keine Ahnung, welche Interessen Walerius verfolgt. Jederzeit rechne ich mit einem Exekutionskommando oder einem Meuchelmörder. Aber das war schon die ganze Zeit so. Jeder meiner Leibgardisten und jeder akademische Berater könnte mein zukünftiger Mörder sein. In meiner Situation ist es schwer, etwas Richtiges zu tun – aber so wie bislang konnte ich nicht weitermachen. Ich brauche eigene Leute an meiner Seite.«

»Puh!« Karer stieß nachdenklich die Luft aus. »Das sind harte Fakten. Klingt für mich, als wärt Ihr ein zum Tode verurteilter Mann mit Galgenfrist.«

Dorgen konnte das Räuspern nicht länger unterdrücken. Doch der Knoten in seinem Hals ließ sich weder wegräuspern noch herunterschlucken. »Das denke ich auch, wenn ich nachts nicht schlafen kann. Aber aus irgendeinem Grund wollte Walerius mich auf diesem Posten haben, und dieser Grund scheint noch zu bestehen. Wenn ich jetzt anfange, eigene Leute aufzustellen, wird ihm das vermutlich nicht gefallen. Aber ich vermag dieses Heer nur zu führen, wenn ich mich in meinem nächsten Umfeld sicher bewegen kann. Ich werde also meinen Kurs beibehalten und so tun, als wäre das alles auf seinem Mist gewachsen, und dann schauen wir mal, wie er reagiert.«

Karer nickte und drehte sich wieder nach vorn. Schweigend setzten sie ihren Weg zwischen den Hurenzelten der Offiziere fort. Doch Dorgen spürte förmlich, wie es in Karer arbeitete. »Es gibt noch etwas, was ich dir erzählen muss.« Plötzlich wechselte der ältere Offizier zum Du. Bei jedem anderen niedriger gestellten Soldaten wäre es Respektlosigkeit, doch Karer und Dorgen hatten sich schon früher geduzt.

»Dein Freund Tailin«, fuhr Karer fort, »er ist unter meinem Kommando umgekommen. Zumindest gehen wir davon aus, dass die Pamuschkrieger ihn getötet haben. Ich habe ihn im Grenzwald zu Pamal auf ein Himmelfahrtskommando geschickt. Er selbst hat den Plan für die Mission vorgeschlagen und sich freiwillig dazu gemeldet.« Karer legte Dorgen die Hand auf die Schulter. »Es … tut mir leid. Tailin war ein guter Mann. Ein besonnener und kluger Krieger.«

Dorgens Gedanken kreisten. Nureen hatte etwas anderes gesagt: dass Tailin an der Grenze zu Pamal desertiert sei. Hastig musste er sich abwenden, damit Karer sein Grinsen nicht bemerkte. So hatte sein Freund es also angestellt … indem er seinen Vorgesetzten dazu brachte, ihn auf ein vermeintliches Himmelfahrtskommando zu schicken. Das sah ihm ähnlich. Ein kluger Krieger, dieser Tailin.

Allerdings – nur weil er geplant hatte zu desertieren, hieß das nicht, dass die Pamuschkatzen ihn nicht doch getötet hatten. Warum sollten sie einen Sapioner am Leben lassen, der ihre Grenzen missachtete?

Dorgens Grinsen zerfiel. Stattdessen hatte er plötzlich ein flaues Gefühl im Magen. Seit Nureen ihm gesagt hatte, dass Tailin desertiert war, war er davon ausgegangen, dass sein Freund noch lebte. Erst jetzt fürchtete er das Schlimmste. »Habt ihr seine Leiche gefunden? Oder andere Hinweise, dass er gestorben ist?«, fragte er.

Karer trat mit der Stiefelspitze nach einem Stein. »Nun ja … Wir haben nicht nach seiner Leiche gesucht. Es war klar, dass er sich auf lebensgefährliches Territorium begibt. Seine Mission bestand nur darin, uns zu zeigen, wo das tödliche Gebiet beginnt. Ihn zu suchen hätte weitere Opfer bedeutet.«

Dorgen schluckte. So war das also. Die Chance, dass Tailin noch lebte, war gering.

Dennoch, er konnte es sich nicht leisten zu trauern. Die Gefahr um ihn herum war zu groß. Und Karer hatte ihm das alles aus einem bestimmten Grund erzählt. »Vielen Dank für deine Ehrlichkeit. Aber das ändert für mich nichts an der Sache. Ich möchte dich in der Neuaufstellung des Heeres an meiner Seite haben. Allerdings … da wir gerade bei persönlichen Fragen sind: Es gibt noch einen weiteren Aspekt.« Wieder blieb Dorgen stehen. Sie hatten das Offizierslager inzwischen erreicht. Doch die Braunröcke waren noch nicht hier. Mit einem Blick zurück entdeckte er eine braun gekleidete Versammlung am Rand des Appellplatzes. Die Akademiker waren vermutlich längst dabei, einen Plan gegen ihn auszuhecken. »Bevor ich dich zu meinem Adjutanten mache, möchte ich dich etwas Persönliches fragen.«

Der Ältere hob die Augenbrauen. »Nur zu.«

»Bist du verheiratet?«

Auf Karers Gesicht erschien ein Lächeln. »Ja, natürlich. Ich habe die Auslese vor zehn Jahren gewonnen. Also bin ich auch verheiratet. Mit fünf bezaubernden jungen Frauen. Die ich aufgrund meiner Stellung allerdings nur selten sehe.«

Dorgen atmete tief ein. Im Grunde hätte ihm die Antwort klar sein müssen. Karer war älter als er. Er musste also verheiratet sein. Und er war zu der Zeit ins Heer zurückgekehrt, als die Eroberung Faruas in vollem Gang war. Viele verheiratete Männer waren damals zu Zeitsoldaten geworden. »Wie viele Kinder hast du?«

Karer lächelte noch immer. »Zwölf. Sieben Mädchen und fünf Jungen. Ich nehme an, es wären mehr, wenn ich häufiger zu Hause wäre.« Jetzt lachte er.

Dorgen war nicht zum Lachen zumute. Ganz und gar nicht. Er legte dem Älteren beide Hände auf die Schultern und trat so nah vor ihn, dass ein Flüstern ausreichte. »Wahrscheinlich muss ich dir das nicht sagen, aber unsere Familien sind unser wunder Punkt. Wenn Walerius missfällt, was ich hier tue, hat er meine Frauen und Kinder in seiner Hand. Das ist viel schlimmer als die Bedrohung meines Lebens. Und wenn du an meiner Seite stehst … dann ist auch deine Familie nicht mehr sicher. Du solltest dir das gut überlegen, bevor du zustimmst.«

Karers Lachen war verstummt. »Ja, ich weiß«, raunte er. »Aber ich denke, dass ich einen Schutz für meine Familie organisieren kann. Im Grunde ist es sehr leicht, loyale sapionische Männer zu bekommen, die für einen arbeiten. Man muss den Begriff der Sklaverei nur etwas lockerer fassen und ihnen ihre Männlichkeit und ein paar Freiheiten lassen. Ich habe ohnehin schon Männer, die meine Familie beschützen und nebenbei eine eigene, heimliche Familie haben. Ich werde sie über die Gefahr informieren und weitere einstellen.«

Dorgen fiel es schwer, sein Erstaunen zu verbergen. Wie viele Dinge gab es noch in diesem Staat, die nicht so abliefen, wie die Gesetze es vorsahen? Waren derartige Sklavenfamilien weit verbreitet? Oder war es ein Wagnis, das nur wenige eingingen?

Von weitem näherte sich ein Raunen wie von zahlreichen Stimmen. Die Akademiker hatten sich in Bewegung gesetzt und marschierten auf das Offizierslager zu. Ob sie jetzt kamen, um sich an ihm zu rächen?

Er musste dieses Gespräch schnell abschließen. »Da ist noch etwas«, zischte er. »Dieses Heer zu führen wird eine Zerreißprobe. Es gibt nicht genug Verpflegung. Trotz der Essensmarken werden die Männer bald hungern. Nur die Eroberung von Feindesland kann uns retten.«

Unruhe huschte über Karers Gesicht. Dennoch nickte er. »Das habe ich längst vermutet. Aber was du in deiner Rede gesagt hast – dass sich die Männer ihre Nahrung aus dem Wald holen sollen –, wird sie dazu bringen, den Wald als ihr Eigentum und ihre Rettung zu betrachten. Und Männer kämpfen um ihr Eigentum deutlich entschlossener als für die Kriegspläne eines Herrschers oder die Ehre einer blutrünstigen Göttin. Noch dazu haben wir dreitausend Männer mehr. Beides zusammen könnte den Krieg wenden.«

Wenn Karer das so darlegte, klang es nur logisch. Zum ersten Mal schöpfte Dorgen Hoffnung.

Die Stimmen der Akademiker wurden lauter. Sie schienen es sehr eilig zu haben, das Offizierslager zu erreichen.

Wenn sie hier ankamen, musste Dorgen in einem der Zelte verschwunden sein.

»Hör zu«, murmelte Karer. »Mit deinen Warnungen sagst du mir nur, wie dringend du gute Verbündete brauchst. Also ja, ich komme an deine Seite. Aber …« Er sah in Richtung der Akademiker und wurde noch leiser. »Ich werde nicht dein Adjutant. Ernenne mich zum Chef deiner Leibgarde, und ich suche dir die loyalsten und besten Männer zusammen, um dich zu schützen. Damit bin ich nicht so auffällig wie ein Adjutant und kann dir wertvolle Informationen beschaffen. Als Adjutant solltest du Livoi behalten. Er ist nicht nur ein guter Junge, er gehört auch zu denen …« Die Art, wie Karer sich umsah, wirkte beinahe paranoid. »Sagen wir es so: Auch unter den Akademikern gibt es Leute, die das gesellschaftliche System verändern wollen. Auch dort wirst du Verbündete treffen. Sie sind nur schwerer zu finden. Aber Livoi … für ihn lege ich meine Hand ins Feuer.«

Dorgen kniff die Augen zusammen. Was bedeutete das alles?

Die Braunröcke hatten das Offizierslager erreicht. Es war zu spät, um Näheres zu erfragen. Nur eines musste er noch loswerden. »Einverstanden. Dann wirst du Chef meiner Leibgarde. Bis ich es offiziell mache, kannst du dich nach geeigneten Männern umschauen. Ich lasse mich gern von dir beraten. In Bezug auf die Leibgarde – und auch in Bezug auf jeden anderen Posten.«

Die ersten Akademiker kamen in Hörweite. Dorgen trat vor Karer zurück und straffte die Schultern. »Vielen Dank für die Informationen! Wegtreten!«

Karer nickte förmlich und wandte sich ab.

Eine Gruppe von zehn Akademikern wanderte an ihnen vorbei. Unverhohlen starrten sie Dorgen an. Dahinter kamen noch weitere. Es kostete ihn alle Kraft, die Männer zu ignorieren und auf das Heerführerzelt zuzugehen. Mit Schwung warf er die Plane zur Seite und trat hinein.

»Dorgen!« Ein leiser Ruf empfing ihn. Nureen saß auf dem Tagesbett gegenüber, sprang zu Boden und lief auf ihn zu.

Warum war sie hier? Und nicht in ihrem eigenen Zelt, in dem sie beide nachts schliefen? Er lebte mit ihr zusammen, um sie vor den anderen Kriegern zu beschützen. Aber wie sollte er für ihre Sicherheit sorgen, wenn sie allein zwischen den Zelten herumlief und sich im Heerführerzelt aufhielt, in dem jederzeit andere Offiziere auftauchen konnten?

Dorgen setzte an, um ihr die Gefahren zu erklären, aber das Sklavenmädchen war mit wenigen, flinken Schritten bei ihm. »Dorgen!« Sie warf ihm die Arme um den Hals und drückte sich an ihn. Ihr dicker Bauch drängte sich deutlich gegen seinen. »Deine Rede war großartig.«

Er schloss die Augen und erwiderte die Umarmung. »Du hast sie gehört?«

»Alle Sklaven hören eure Reden«, flüsterte sie. »Wir versammeln uns in der Nähe des Küchenzeltes. Dort sind wir nah genug, um etwas zu hören, können aber so tun, als würden wir arbeiten.«

Dorgen atmete ihren Duft, der zu weich roch, zu kindlich, als dass sie den Samen eines Mannes hätte empfangen sollen. Sie war also nicht nur allein bis hierher gelaufen, sondern hatte das halbe Heerlager durchquert. »Mir wäre es lieber, du würdest in unserem Zelt bleiben. Nur dort kann ich dich sicher beschützen.« Er schob sie von sich und hielt sie an den Schultern. »Und meine Rede … Ich habe uns alle in Gefahr gebracht.«

»Ich weiß«, flüsterte sie. »Aber du hattest keine Wahl.«

Wie konnte sie gleichzeitig so jung und so klug sein? Auf ihren Rat zu hören war meistens eine gute Idee. Selbst der Vorschlag mit den Essensmarken stammte von ihr.

»Außerdem kann es funktionieren«, wisperte sie weiter. »Ich habe mir die Karten vom Wald noch einmal angesehen.« Sie deutete auf die Papiere, die auf seinem Schreibtisch lagen. »Und …«

In diesem Moment flog die Plane seines Zelteinganges zur Seite. Noch ehe Dorgen begriff, hatte Nureen ihn wieder umarmt. Ihr Kuss traf seinen Mund, wild und ungestüm, in einer Leidenschaft, die nicht zu einem jungen Mädchen passte. Dass er sie ebenfalls küsste, überraschte ihn am meisten. Normalerweise taten sie das nicht.

Im nächsten Moment begriff er, warum sie dieses Schauspiel aufführte. Er musste nur mitmachen. Mit einem Ruck beendete er den Kuss und wandte sich an den Eindringling. Es war Tubald. »Seht Ihr nicht, dass ich beschäftigt bin?«, rief er. »Raus aus meinem Zelt! Wenn Ihr ein Gespräch wünscht, lasst Euch von Livoi einen Termin geben.«

Tubald starrte abwechselnd Nureen und ihn an. Der vornehme Akademiker mit dem einwandfreien Verhalten wirkte unangenehm berührt. »Natürlich, verzeiht … Heerführer«, stotterte er und zog sich durch den Zelteingang zurück.

Ein schelmisches Lächeln legte sich auf Nureens Gesicht. »Komm«, flüsterte sie und fasste seine Hand. Beinahe lautlos schlich sie zu seinem Schreibtisch. »Hier«, wisperte sie und umkreiste einzelne Regionen auf der Waldkarte. »Hier gibt es einen großen Bachlauf, wo deine Soldaten ausreichend Wasser finden. Und hier … dort leben Kolonien von wilden Schweinen, und hier …«

»Warte.« Dorgen hielt ihre Hand fest und legte den Finger auf seine Lippen. Womöglich stand Tubald noch in der Nähe des Zeltes und lauschte.

Nureen verstummte.

Dorgen zog sich ein Blatt Papier heran und schrieb darauf: Zeichne das alles auf der Karte ein.

Nureen nickte eifrig. Sofort beugte sie sich über die Karte und umkreiste die Teile, auf die sie eben gezeigt hatte.

Woher hatte sie so genaue Informationen über den Wald? Diese Frage interessierte ihn fast noch mehr. Er wusste schon lange, dass sie gut lesen und schreiben konnte. Sowohl Faruanisch als auch Sapionisch. Spätestens seit sie angefangen hatte, mit ihm die Karten und Papiere zu studieren, war ihm klar, dass sie zumindest während eines Teils ihrer Kindheit eine Schulbildung genossen hatte. Vermutlich eine bessere als er.

Woher stammte sie?

Nureen setzte die Schreibfeder an, um ihre Zeichnungen zu beschriften. Dann hielt sie inne und schrieb unter seine Worte auf das Papier: Vielleicht schreibe ich das lieber auf eine Kopie. Damit andere Offiziere nicht meine Schrift sehen.

Sie hatte recht. Wie konnte er so leichtfertig sein? Und warum dachte sie an solche Dinge und er nicht?

Ein Geräusch durchbrach seine Gedanken. Draußen war jemand! Schritte, die sich am Zelt entlang bewegten und stehen blieben. Wenn es Tag wäre, hätte er vielleicht einen Schatten auf dem Zelttuch sehen können, aber das Licht der Blutsonne war zu schwach und leuchtete von der anderen Seite auf das Zelt.

Wieder Schritte. Nureens Augen wurden groß. Sie hatte es auch gehört. »Komm mit«, formten ihre Lippen lautlos. Sie fasste nach seiner Hand und zog ihn zu dem Tagesbett. Dieses Mal gab sie sich keine Mühe, leise zu gehen, ließ sich auf das quietschende Bett fallen und zog ihn mit einem Ruck zu sich. Nur knapp fing er sein Gewicht mit den Armen ab, um nicht auf sie zu fallen. Überrascht starrte er sie an. Warum tat sie das?

Draußen lief jemand, wenige huschende Schritte, die auf Höhe ihres Bettes stehen blieben. Tubald. Bestimmt war es Tubald. Oder ein anderer Akademiker? In jedem Fall ein Feind.

Etwas Sonderbares zeigte sich in Nureens Blick. War das Furcht? Entschlossenheit? Oder noch etwas anderes? Fast konnte er zusehen, wie sie einen Plan fasste. Gleich darauf fuhr sie hoch, ließ sich erneut rückwärts aufs Bett fallen, sodass es ächzte, und fing an zu stöhnen. Es klang so authentisch nach Sex, dass Dorgen erschrak. Doch es war kein lustvolles Stöhnen. Es klang nach Schmerzen und Angst.

Hör auf!, wollte er sagen. Aber draußen stand jemand und lauschte.

Mach mit!, formte ihr Mund, und trotz des Jammerns war ihr Blick so klar und unverletzt, dass es ihm den Atem raubte. Wieder richtete sie sich auf und ließ sich fallen. Wieder erschien die Angst in ihren Augen, als würde sie die Person draußen mehr fürchten als jeden körperlichen Schmerz. Und auf einmal verstand er. Sie beide mussten fortsetzen, was sie begonnen hatten. Der Lauscher musste darin bestätigt werden, dass der Heerführer sich eine kleine Sexsklavin hielt. Um keinen Preis durfte er Verdacht schöpfen, dass das Faruamädchen mit Dorgen die Karten studierte und ihm Ratschläge gab. Allein die Tatsache, dass sie in seinem Arbeitszelt war und nicht in ihrem Hurenzelt, machte ihre Anwesenheit gefährlich.

Dorgen musste mitmachen. Aber wie? Er konnte nicht stöhnen und so tun, als würde er sie missbrauchen. Sie war jünger als Schejma, seine jüngste Frau. Niemals würde er sie anrühren! Allein der Gedanke war widerlich!

Etwas in ihrem Blick änderte sich. Ungeduld und Wut funkelte darin. Wieder fuhr sie hoch, aber dieses Mal schlug sie auf seinen Arm. Zeitgleich mit dem Klatschen kreischte sie auf, als wäre sie selbst getroffen worden. Dorgen verkniff sich den Schmerzlaut nur knapp. Warum tat sie das? Nureen schlug ihn noch einmal, wieder auf den Arm, wieder dieses Klatschen, gefolgt von ihrem Schrei. Ihr nächster Schlag traf seine Wange.

Dorgen schnappte nach Luft, öffnete den Mund und presste ihn wieder zusammen, um keinen Laut von sich zu geben.

»Bitte nicht«, winselte Nureen. »Hört auf, Herr. Bitte nicht.« Wieder schlug sie auf seine Wange. Es schmerzte, und Empörung wallte in ihm auf. Niemals würde er sie schlagen und vergewaltigen. Warum stellte sie es so dar?

Weil sonst ein noch schlimmerer Verdacht auf sie fiel! Sie war ein Faruamädchen, das seine Karten studierte. Wenn Tubald davon erfuhr, würde er sie für eine Partisanin halten. Eine, die sich als Spionin in das Zelt des Heerführers geschmuggelt hatte.

Es konnte die Wahrheit sein! Warum sonst sollte sie dieses Schauspiel vorführen?

Plötzlich hatte er genug von dem Theater. Er packte ihre Arme, stemmte sich gegen sie und warf sie auf das Bett, das mit einem krachenden Quietschen nach hinten rutschte. »Sei still!«, knurrte er. »Du verdammtes, kleines Biest, halt den Mund!« Er war kein Kinderschänder! Und er wollte auch nicht, dass sich dieses Gerücht durch das Heerlager verbreitete.

Erst durch ihr Grinsen begriff er, wie gut seine Worte und das Quietschen des Bettes zu dem Schauspiel passten.

Wie konnte sie so eiskalt mit ihrem Leid spielen? Sie war ein Kind, das seit Jahren missbraucht wurde, das so lange von verschiedenen Männern genommen worden war, bis er und Tailin sie gerettet hatten. Und nun war sie schwanger von Zailosch, und der einzige Grund, warum sie nicht eher schwanger geworden war, musste der sein, dass sie vorher noch kein Kind empfangen konnte.

Im letzten Jahr hatte Dorgen nicht erkannt, wie jung sie tatsächlich war. Er hatte zu wenig über Frauen gewusst. Aber jetzt war er schlauer. Sie konnte höchstens elf Blutjahre alt sein.

Wie schaffte sie es zu stöhnen und zu jammern und ihn gleichzeitig anzugrinsen? Und warum besaß sie Informationen über den Waldgürtel, die nicht einmal die Krieger kannten, die täglich darin ein und aus gingen?

Sie musste eine Partisanin sein! Anders war es nicht zu erklären. Die Partisanen hatten ein Kind für diese Mission ausgebildet. Weil weithin bekannt gewesen war, dass Zailosch kleine Mädchen bevorzugte.

Mach weiter!, forderten Nureens Lippen, und die Wut in seinem Herzen loderte auf. Er hatte ihr vertraut! Mit seinem Leben hätte er ihre Unschuld verteidigt.

Aber sie war eine Partisanin. Die ihn hereingelegt hatte. Und jetzt musste er das Schauspiel mitmachen, damit sie nicht gemeinsam in Verdacht gerieten. »Du machst mich rasend!«, raunte er, und fast wollte er sie wirklich schlagen. Stattdessen packte er das Bettgitter und zog mit einem Ruck daran. »Du kleines Miststück hast mich …« Er verkniff sich das Wort hintergangen. Der Lauscher draußen musste nicht alles wissen. »Das wirst du mir büßen.«

Das Grinsen auf Nureens Gesicht verrutschte, dennoch jammerte sie im Takt.

Sie war eine Schauspielerin! Eine verdammt gute. Welcher Teil von ihr war echt? Und wie alt war sie wirklich? Gab es Frauen, die wie Kinder aussahen?

Die Wut in seinem Herzen steigerte sich noch. »Gib es zu.« Er wollte sie provozieren. An ihre Grenzen bringen, wie sie es mit ihm tat. »Dieses Spiel gefällt dir. Du brauchst das.« Er beugte sich über sie, hauchte direkt in ihr Gesicht: »Weil du ein dreckiges, kleines Luder bist.« Wieder zog er am Bettgestell. Wieder jammerte sie im Takt.

Sie war eine Partisanin! Eine hinterhältige, kleine Partisanin, die ihn betrogen hatte. Ihn und Tailin. Sein bester Freund hatte sie im letzten Jahr in sein Zelt geholt, um sie vor den Kriegern zu beschützen. Aber wer konnte schon sagen, in welcher Weise sie Tailin manipuliert hatte? Hatte sie ihm den Floh ins Ohr gesetzt zu desertieren? War er deshalb gestorben?

Wut und Atemlosigkeit brachten Dorgen zum Stöhnen. Er wollte ihr weh tun. Nicht körperlich, nur mit Worten. Sie wollte dieses Schauspiel? Dann sollte sie es bekommen. »Soll ich dir was sagen?«, keuchte er, noch immer mit dem Mund vor ihrem Gesicht. »Ich stehe auf deinen runden kleinen Bauch. Fühlst du das?« Er zog mit einem Ruck am Bett. Sie jammerte, weinte. Plötzlich wollte er sie wirklich berühren, mit seiner Hand über ihren Bauch streichen. Aber nicht, um ihr wehzutun. Nur ganz zärtlich. Um sie zu trösten.

Zum Henker!

Warum fühlte er so, obwohl sie ihn betrog? Warum wollte er sie gleichzeitig trösten und bestrafen? Ohne nachzudenken, schob er sein Bein über ihren Körper, hob sich auf alle viere über sie und fasste das Bett hinter ihrem Kopf mit beiden Händen. Mehr zufällig berührte sein Becken ihren Bauch. Er durfte keine Lust empfinden, nicht so, nicht hier, nicht mit ihr. Und dennoch geschah es. Oder war es nur Wut? Angst? Verzweiflung? Sie war eine Partisanin, und wenn herauskam, dass er sich von ihr beraten ließ, würden sie beide deshalb brennen. Vor dem obersten Tribunal würde der Fall verhandelt werden, und das höchste Gericht führte Rabanus selbst. Jedes Kind in Sapion wusste, dass der Herrscher nur mit Feuer strafte. Nureen und er würden brennen. Und nicht nur sie. Auch Feyla und seine Kinder, vielleicht sogar seine anderen Frauen. Und Thia, falls sie nicht eh schon tot war. Jeder Mensch, den er je geliebt hatte, würde brennen wegen seiner Taten.

Der Anfall von Lust ebbte ab, doch er musste dieses Schauspiel zu Ende bringen, damit sie nicht starben.

Wieder ruckte er am Bett, ein verzweifelter Schrei entrann seiner Kehle. Doch es war nur ein winziger Teil seiner Wut. Der Rest steckte noch fest. Immer wieder riss er an dem Bettgitter. Musste keuchen, um den Wutschrei zurückzuhalten. Kaum bemerkte er, wie er ihren Bauch mit jedem Stoß berührte, hörte nur dumpf, wie sie sich unter ihm wand und weinte.

Spielte sie noch immer? Oder gefiel es ihr doch nicht mehr?

Es geschah ihr recht!

Und zugleich war es unrecht. Sie war noch ein Kind.

Sein letzter Wutschrei galt ihm selbst. Verzweifelter als alle zuvor, bis nur noch Leere zurückblieb. Schwer atmend hockte er über ihr. Ihr runder Bauch zuckte, alles an ihr zuckte, und dieses Mal war ihr Schluchzen echt. Eine verzerrte Grimasse beherrschte ihr Gesicht, Tränen liefen darüber und färbten ihre Haut rot.

Erschrocken stieß Dorgen sich vom Bettgitter ab und fiel neben ihr auf die Matratze. Was war das gerade? Hatte er wirklich geglaubt, dass sie eine Partisanin sei?

Sie war ein Kind! Und selbst, wenn sie tausendmal mit diesem Schauspiel angefangen hatte – was seine Wut daraus gemacht hatte, führte zu weit. »Nureen«, flüsterte er. »Es tut mir leid. Es tut mir so leid.«

Dieses Mal war es ihm egal, ob Tubald oder irgendein anderer Lauscher noch zuhörte. Sollte er doch glauben, dass der Heerführer reumütig neben dem Mädchen zusammenbrach, das er soeben missbraucht hatte. Die große Reue nach der dreckigen Triebtat passte nur um so schöner ins Bild.

Spätestens morgen würden sämtliche Akademiker davon wissen, und übermorgen kannte das ganze Heerlager die sexuellen Neigungen des Heerführers. Nicht, dass es die Krieger stören würde. Aber wenn er geglaubt hatte, die Situation der Sklavinnen verbessern zu können, durfte er diese Pläne ab heute vergessen. Sein Vorbild würde dafür sorgen, dass andere umso gewissenloser vergewaltigten.

»Nureen, es tut mir leid«, flüsterte er. »Ich wollte das nicht tun. Nicht sagen. Bitte verzeih mir.«

Und was, wenn sie doch eine Partisanin war?

Himmel! Was war nur los mit ihm? Und warum fühlte er so für sie, dass sich alles in ihm verknotete? War das Zuneigung? Fürsorge? Lust durfte es nicht sein. Sie war noch ein Kind.

Es war keine Lust! Allein der Gedanke erfüllte ihn mit Ekel. Niemals würde er sie anrühren.

Oder liebte er sie, weil sie der einzige Mensch war, der ihm geblieben war?

Sein Körper zog sich zusammen. Er rollte sich auf die Seite, presste die Knie gegen die Brust, bis sich die Verzweiflung in harten Stößen hervorpresste.

Ob Tubald noch da war, und auch diesen Teil für seine Akten dokumentierte? »Der Heerführer heult, weil er seiner Kindsklavin im Bett wehgetan hat.« Wo würde Tubald es aufschreiben? Und wer würde es lesen?

Walerius vermutlich. Sein Schwiegervater, der selbst auf kleine Mädchen stand. Sogar auf seine eigene Tochter.

Übelkeit stieg in Dorgen auf. Er sprang über Nureen hinweg aus dem Bett, lief zu seiner Waschschüssel und stützte sich darauf. Doch alles, was aus seiner Kehle kam, war ein trockenes Würgen und weitere Schluchzer.

Er saß in der Zwickmühle. Von allen Seiten drangen die Feinde auf ihn ein, und nun hatte er auch noch den letzten Menschen verschreckt, der ihm geblieben war.

Als er sich aufrichtete, saß Nureen auf der Bettkante. Jeden Moment würde sie aufspringen und gehen. Ins Hurenzelt konnte er ihr folgen. Aber sie beide wussten, dass er es nicht täte, wenn sie jetzt weglief.

»Bitte bleib«, flüsterte er kläglich. »Lass mich nicht allein.«

Ihre braunen Augen wirkten groß und verweint, ihre roten Locken standen strubbelig um ihren Kopf. Warme Zärtlichkeit rührte sich in ihm. Was er für sie fühlte, war ganz und gar unschuldig. Sie war ein Kind, und er musste sie beschützen. Dass sie nützliche Dinge über den Wald wusste und nebenbei zu fast jeder Entscheidung eine kluge Meinung hatte, tat nichts zur Sache.

Sie war keine Partisanin. Sie durfte es nicht sein. Dorgen ging auf sie zu, fiel vor ihr auf die Knie und ließ den Kopf hängen. »Verzeihst du mir?«

Nureen sagte nichts. Nur ihre Hände strichen über seine Haare. Als sie dann doch sprach, war ihr Mund neben seinem Ohr. Ihre Worte zischten so leise, dass Tubald sie nicht hören konnte. »Ich habe angefangen. Und ich dachte … dass es mir nichts ausmacht, so etwas mit dir zu spielen. Weil ich dir vertraue. Aber … ich habe mich getäuscht.«

Dorgen fuhr auf. Ihr Gesicht war direkt vor ihm. »In mir«, hauchte er. »Du hast dich in mir getäuscht.«

Nureens Augen schimmerten. »Nein«, wisperte sie. »Ich habe mich in dem getäuscht, was ich aushalte. Ich dachte wirklich, ich würde das verkraften. Aber … die Erinnerungen …«

»Pscht!« Dorgen legte den Finger auf ihre Lippen. Mehr als das wollte er nicht hören. Und mehr als das sollten sie nicht tuscheln. Falls der Lauscher noch da war, durfte es nicht klingen wie vertrauliches Bettgeflüster.

Jetzt hätte er Tailin gebrauchen können und seine Fähigkeit, die Gegenwart anderer Menschen zu spüren. Wenn er nur wüsste, ob Tubald noch da war! Oder hatten ihm das Keuchen und Schreien genug Informationen geliefert?

Sie durften nicht weiter tuscheln. Besser war es, der Lauscher glaubte, dass sie eingeschlafen waren. Dennoch musste er mit Nureen reden. Jetzt.

Lautlos stand Dorgen auf und ging zu seinem Schreibtisch. Er nahm ein Blatt Papier und ein festes Rindenstück als Unterlage, wählte seine weicheste Feder, damit sie möglichst leise über das Papier kratzte, und trug alles zusammen mit dem Tintenfass zu seinem Bett. Neben Nureen setzte er sich darauf, tunkte die Feder in die Tinte und schrieb oben auf das Blatt: Denkst du, er ist noch da?

Das Licht der Blutsonne reichte nur knapp aus, um lesen und schreiben zu können, aber Nureen schien gute Augen zu haben. Sie nahm ihm die Feder aus der Hand und schrieb darunter: Ich bin mir nicht sicher.

Etwas in Dorgen zuckte. Das war der Codesatz gewesen, mit dem Tailin Bescheid gesagt hatte, wenn Pamuschkatzen in der Nähe lauerten. Hieß das, Nureen wusste von diesem Code? Vielleicht hatte Tailin ihr davon erzählt.

Oder sie schrieb es, weil sie wirklich nicht sicher war.

Tailin besaß die Fähigkeit, die Gegenwart anderer Menschen wahrzunehmen, schrieb er auf das Blatt. Auch, wenn man sie nicht gesehen und gehört hat. Kannst du das auch?

Nureen drehte sich zu ihm. Überrascht schüttelte sie den Kopf.

Also kein Codesatz. Sie mussten weiter mit der Ungewissheit leben, ob sie belauscht wurden oder nicht.

Vorhin, schrieb er weiter, hob dann die Feder hoch und zögerte. Erst als er die richtigen Worte gefunden hatte, schrieb er weiter. Es tut mir leid, dass ich so wütend geworden bin. Für einen Moment habe ich dir etwas sehr Schlimmes unterstellt.

Nureen starrte lange auf die Worte. Hatte sie Mühe, sie im Halbdunkel zu lesen? Oder wusste sie nur nicht, was sie antworten sollte? Nach einer langen Pause nahm sie die Feder. Ihre Hand zitterte, als sie schrieb: Was hast du mir unterstellt?

Sollte er es zugeben? Oder war es zu ungeheuerlich?

Und was, wenn es doch stimmte? Er musste es wissen. Bist du eine Partisanin?

Nureen spähte auf das Papier und erstarrte. Mit einem Mal zitterten nicht nur ihre Hände, sondern auch ihre Schultern. Ihre Finger fühlten sich feucht an, als sie die Feder aus seiner Hand nahm. Nein. Nur dieses eine Wort. Es wirkte kritzelig.

Sein Verdacht kehrte zurück. Irgendetwas stimmte nicht. Und warum fragte er sie überhaupt? Natürlich sagte sie nein. Entschuldige, schrieb er, und nun war auch seine Schrift unsauber. Das war eine dumme Frage. Wenn du eine Partisanin wärst, würdest du trotzdem nein sagen.

Nureen atmete zitternd ein. Dorgen versuchte, ihren Blick zu fangen. Aber sie wich ihm aus. Was verlangst du von mir?, schrieb sie. Ich kann nicht beweisen, dass ich es nicht bin.

Dorgen schloss die Augen. Er musste aufhören, sie zu bedrängen. Und dennoch wollte er die Wahrheit kennen. Warum weißt du so viel über den Wald?

Nureens Hand zitterte noch immer. Die Sklaven wissen solche Sachen. Ich höre gut zu, wenn sie reden.

Stimmte das? Oder war es nur ein Teil der Wahrheit? Und warum wussten die Sklaven mehr über den Wald als die Krieger? Wenn Nureen nicht die Spionin war, war es jemand anderes.

Wer hat dir lesen und schreiben beigebracht?

Tränen liefen über Nureens Gesicht. Ein paarmal wischte sie darüber, ehe sie die Antwort schrieb. Eine Sklavin im Lazarettzelt. Ich habe eine Weile mit ihr gearbeitet, als ich herkam.

Dorgen hätte sie fragen können, wie der Name der Sklavin war. Um herauszufinden, ob es sie wirklich gab und ob sie lesen und schreiben konnte. Aber wollte er das?

Woher stammst du? Und wann bist du hergekommen?

Jetzt weinte sie richtig. Ihr ganzer Körper bebte, und die Tränen tropften auf das Papier. Dennoch gab sie keinen Laut von sich. Nur die Feder kratzte hastig über den Bogen: Ich war acht Blutjahre, als ich ins Heerlager kam. Drei Blutjahre ist das jetzt her. Mein Dorf hieß Tijun. Es lag weit im Westen, in den Wald- und Moorgebieten, die erst in den letzten Jahren von euch erobert wurden. Die Sapioner haben uns auf dem Dorfplatz zusammengetrieben. Und dann wurden wir sortiert. Schöne Frauen und Mädchen auf die eine Seite, kräftige Männer auf die andere Seite. Alle übrigen, Kinder, alte Leute und die Frauen und Männer, die sie nicht haben wollten, in das größte Haus. Dann haben sie alles niedergebrannt. Meine Eltern und meine kleineren Geschwister waren in dem Haus. Ich habe sie schreien gehört.

Ein eisiger Schauer lief über Dorgens Rücken. Er selbst hatte Dörfer niedergebrannt und Menschen zusammengetrieben. Die Bilder flackerten auf, blitzten vor seinen Augen und zogen ihn in den Abgrund. Damals war er selbst fast noch ein Kind gewesen. Aber war das eine Entschuldigung? Er wollte Nureen davon abhalten, weiterzuschreiben, doch sie zog das Blatt zur Seite und ließ die Feder immer schneller darüber fliegen. Die Frauen- und Mädchengruppe wurde sofort hierher gebracht. Also, was willst du noch wissen? Ob sie es schon auf der Reise mit mir getrieben haben? Oder ob ich am Lagerfeuer meistbietend versteigert wurde? Wie der erste Schwanz geschmeckt hat, den einer in meinen Mund gesteckt hat? Oder wann es endlich nicht mehr weh …

»Hör auf!« Dorgen sagte es laut. Seine Hand schnappte nach ihrer, ergriff sie so fest, dass die Feder zerknickte. »Nicht weitermachen. Nicht …« Seine Stimme erstickte. Was hatte er getan? Wie konnte er solche Fragen stellen?

Viel zu oft war er dabei gewesen, wenn Dörfer brannten und neue Mädchen versteigert wurden. Dass er noch jung gewesen war, war keine Entschuldigung.

Ein lauter Schluchzer drang aus Nureens Brust, kurz bevor sie gegen seine Schulter sackte.

»Es tut mir so leid!« Dorgen drehte sich zu ihr, zog sie an sich und hielt sie fest. Nureen klammerte sich an ihn. Sie musste ihm sehr vertrauen. Auch vorhin hatte sie ihm vertraut, als sie dieses Spiel begonnen hatte.

Sie hatte es getan, um ihn zu schützen.

Und selbst wenn sie doch eine Partisanin war – was würde das ändern? Würde er ihr deswegen den Prozess machen? Würde er sie hinrichten lassen?

Niemals. Selbst dann würde er noch versuchen, sie zu schützen. »Es ist gut«, flüsterte er. »Ich glaube dir. Alles ist gut.« Erst an seiner Stimme hörte er, dass er selbst weinte. Das Zelt drehte sich, kreiste immer schneller um sie herum.

Wann genau sie auf das Bett fielen, wusste er nicht. Da war nur noch der Schwindel und das Mädchen, das er nicht loslassen durfte. Mit dem Rücken schmiegte sie sich an seine Brust. Wann immer seine Hände sie losließen, griff sie danach und zog seine Arme um sich. Und er verstand: Nur, wenn sie sich gegenseitig hielten, würden sie nicht zerbrechen.

***

Erst, als er aufwachte, wurde ihm klar, dass er geschlafen hatte. Nureen lag noch immer in seinen Armen. Doch sein linker Arm fühlte sich taub an unter ihrem Körper. Ganz langsam zog er ihn hervor.

Was hatte ihn geweckt? Oder war er einfach so aufgeschreckt?

Vorsichtig richtete er sich auf, setzte sich auf die Bettkante und betrachtete das schlafende Mädchen. Vor ihm auf dem Boden lag das beschriebene Papier.

Sie alle waren in Gefahr. Nicht nur Nureen und er. Auch Feyla und seine Kinder.

Das Papier musste vernichtet werden!

Mit einem Ruck stand er auf und hob das Blatt vom Boden. Er ging zu seinem Schreibtisch und entzündete die Öllampe, trug beides in die Mitte des Zeltes. Das Papier fing sofort Feuer, als er es über die Flamme hielt, auf der nackten Erde des Zeltbodens ließ er es fallen und sah zu, wie sich das Feuer durch die Schrift fraß. Die Buchstaben glühten ein letztes Mal auf und zerfransten in dem Glutrand, bis die Flamme erlosch und nur noch schwarze Asche übrig blieb. Noch eine ganze Weile starrte Dorgen darauf. Er selbst würde brennen wie dieses Papier, zusammen mit allen, die er liebte. Es war nur eine Frage der Zeit.

Es sei denn … Plötzlich hatte er eine Idee. Vielleicht gab es doch noch eine Chance auf Rettung.

Hastig trat er mit dem Stiefel auf das verbrannte Blatt, vermischte die Asche mit dem Erdboden, bis nicht mehr zu erkennen war, dass hier ein Feuer gebrannt hatte.

Am Kopfende seines Bettes stand eine kleine Kiste mit persönlichen Sachen. Er öffnete sie und holte den Brief heraus, den er von Feyla bekommen hatte.

Das Licht im Zelt hatte sich verändert. Die Blutsonne schien bereits hinter dem westlichen Wald zu stehen. Also trug er die Öllampe zu seinem Schreibtisch und legte den Brief daneben. Er war in Feylas Schrift verfasst, daran gab es keinen Zweifel. Unzählige Male hatte Dorgen ihn schon gelesen. Auch jetzt strich er darüber, als könne die Berührung zu Feyla vordringen.

Liebster Dorgen,

ich schreibe dir heute, weil du wissen sollst, dass ich noch lebe. Mein Vater hatte ein Einsehen. Ich bin nicht unfruchtbar, und inzwischen gibt es einen Beweis. Walerius hat herausgefunden, dass Alrana mein Essen vergiftet hat, um eine Schwangerschaft zu verhindern. Auch das Baby, mit dem ich schwanger war, hat sie abgetrieben. Mein Vater war außer sich, als er davon erfuhr, und er hat mir zugesagt, dass sich damit alles ändert. Ich darf im Palast bleiben und warte hier auf deine Rückkehr. Ich weiß, du bist jetzt Heerführer, und vermutlich werden wir uns kaum noch sehen. Aber wenn der Krieg erfolgreich voranschreitet, so sagt mein Vater, wirst du uns sicher besuchen dürfen. Deine Kinder sind schon kräftig gewachsen und kerngesund.

Meine Schwestern wissen nicht, dass ich dir schreibe. Aber ich bin mir sicher, sie würden dich auch grüßen. Also tue ich das hiermit.

Ich würde dir gern noch länger schreiben, aber dann muss ich weinen. Also nur das: Ich liebe dich. So unglaublich stark, dass alles wehtut. Bitte pass auf dich auf. Lass dich in diesem Krieg nicht töten.

Damit wir uns wiedersehen.

Deine Feyla

Immer wieder las Dorgen die letzten Sätze, und dann noch einmal den ganzen Brief. Doch er kam nicht darauf, warum ihn Feylas Worte nicht beruhigten. Alles war gut. Sie lebte. Sie war im Palast. Und dennoch stimmte etwas nicht.

Sie schrieb nicht, ob Alrana für ihre Tat bestraft worden war.

Aber das war es auch nicht.

Es passte nicht zu Walerius, dass er Feyla nun doch im Palast weiterleben ließ. Nach allem, was er mit ihr getan hatte.

Und was bedeutete es, dass er sie sehen durfte, wenn der Krieg erfolgreich voranschritt? War das in Wahrheit eine Drohung? Dass er seine Familie nur noch sehen würde, wenn er ein guter Heerführer war? Einer, der tat, was Walerius von ihm verlangte?

Heute hatte er nicht getan, was sein Schwiegervater wollte. Ziemlich sicher nicht.

Feyla lebte noch. Das war das eine. Doch in Sicherheit war sie keineswegs. Also musste er dafür sorgen, dass sie endlich beschützt wurde.

Gleich morgen früh würde er mit Karer darüber sprechen. Wenn der Offizier in der Lage war, passende Männer zum Schutz seiner eigenen Familie zu finden, kannte er vielleicht auch geeignete Soldaten, die loyal und fähig genug waren, um Dorgens Frauen und Kinder aus dem Palast zu entführen – und sie dann in Sicherheit zu bringen.

Feyla und seine Kinder mussten aus der Reichweite seines Schwiegervaters verschwinden. Nur dann gab es noch eine Chance, alles heil zu überstehen. Er musste es tun. Nicht nur für die Menschen, die er liebte, sondern auch für die Krieger dieses Heeres, für den Erhalt des Waldgürtels, der um keinen Preis brennen durfte, und um ganz Ruann zu retten, das nicht an diesem Krieg ersticken sollte.

Ob Nureen nun eine Partisanin war oder nicht. Vielleicht war es an der Zeit, dass er selbst ein Partisan wurde. Nicht auf der anderen Seite des Waldgürtels, sondern genau hier, an der Spitze des sapionischen Heeres.

Dieser Krieg musste beendet werden. Damit sie alle friedlich im Wald jagen konnten.

2. KAPITEL

Anmare, Universität

SIBERI

Die weißen Mauern der Universität leuchteten grell in der Morgensonne. Mächtig und filigran zugleich erhoben sich ihre Türme und Kuppeln am Westhang von Anmare. Fast den ganzen Berg nahm das Geflecht aus Pavillons, Kuppelsälen und Laubengängen ein. Dazwischen blühten Gärten, in denen die Studenten ihre Pausen verbrachten, und auch wenn es von hier nicht zu sehen war, erinnerte Siberi sich noch gut an das Schwimmbad unter freiem Himmel, das wie ein Magnet die Lebemänner und Lernfaulen angezogen hatte. Auch in den Hörsälen waren sie zumeist an ihrer dunkel gebräunten Hautfarbe zu erkennen, während die Fleißigen ihre Pausen in den Bibliotheken verbrachten und mit vornehmer Blässe glänzten.

Siberi hatte das beides kaum nötig gehabt. Er brauchte kein Schwimmbad, um in vollen Zügen zu leben, und er hatte nie viel lernen müssen, um ein hervorragender Student zu sein. Schon nach dem ersten Jahr in der Knabenschule hatten sie ihn hierher versetzt. Weil er sämtlichen Lernstoff bis zum Schulabschluss in wenigen Monaten verschlungen hatte. Selbst an der Akademie war es schwierig gewesen, sich nicht zu langweilen.

Dazwischen war viel Zeit geblieben, um zu spielen. Nicht so, wie andere Kinder spielten. Auch das war ihm stets zu langweilig gewesen. Nein, Siberi spielte mit Menschen. Sie das tun zu lassen, was er sich wünschte, erfüllte ihn mit Größe und Genugtuung.

Siberi war ein Puppenspieler – und die größte Kunst lag darin, sie nicht wissen zu lassen, ab wann sie seine Marionetten wurden.

»Auf ins Spiel«, flüsterte er und setzte den ersten Fuß auf den gepflegten Steinweg, der inmitten einer hellgrünen Wiese zum Eingangsportal der Universität führte. Weiße Marmorsäulen umrandeten die hohe Tür, und dahinter öffnete sich die weite Eingangshalle mit dem rot-weiß karierten Marmorboden und der roten Wandvertäfelung.

Rot für das Blut der Göttin. Weiß für den Glanz und die Weisheit des göttlichen Herrschers.

Auch in der Eingangshalle ragten weiße Marmorsäulen in die Höhe, sie trugen die Galerie, auf der eine runde Glaskuppel thronte.

Allzu oft hatte Siberi beobachtet, wie ehrfürchtig neue Studenten beim Anblick des Gebäudes stehen blieben. Doch er selbst hatte diese Ehrfurcht niemals empfunden. Als Kind hatte er nur die runde Bauweise erfasst und dann fünf Tage darauf verwendet, sich die Statik zu berechnen, was ihm niemand beigebracht hatte. Und später hatte er die Schönheit des Gebäudes kaum noch gesehen. Die Statik, die inzwischen seinen Kopf erfüllte, war weltumspannend. Netzwerke aus Gesellschaft und Politik, sich widerstreitende Interessen, Konflikte und Kriege – und dazwischen, wie die Spinne in ihrem Netz, seine eigenen Ziele. Seine geheime Arbeit im Namen des Herrschers. Noch war das beides eins.

Spinnennetze und die Fäden eines Puppenspielers hatten vieles gemeinsam.

Auf den Treppenstufen, die zum Auditorium Maximum hinaufführten, saß ein junger Mann und las ein Buch. Abgesehen davon war die Eingangshalle leer. Die Unterrichtszeit hatte längst begonnen, und kaum ein Student wagte es, eine Seminarstunde zu versäumen.

Der junge Mann blickte zu Siberi auf, als er an ihm vorbeiging, und Siberi nickte ihm zu.

Das Spiel konnte beginnen.

Vorlesungsreihe 1: Die sapionische Gesellschaft, stand an der Tafel neben der Tür geschrieben. Heute: Die vier Ecksäulen der sapionischen Herrschaft.

Grundlegendste Grundlagen also, Erstsemesterunterricht. Siberi unterdrückte ein Seufzen. Der Grund, warum er hier war, war definitiv ein anderer.

Professor Cumari, stand unter dem Titel der Vorlesung.

Siberi öffnete die Tür zum großen Hörsaal und trat ein. Der Raum war vollbesetzt. Etwa fünfhundert Köpfe drehten sich zu ihm um und wollten sehen, wer es wagte, zu spät zu kommen. Auch der Dozent hielt in seinem Vortrag inne und schaute aus der Mitte des halbkreisförmigen Atriums zu ihm hoch. Cumari sah noch genauso aus, wie Siberi ihn in Erinnerung hatte: graue lange Haare, freundliche Falten rund um die Augen, gutmütiger Blick. Dass er dennoch streng sein konnte und auf die Einhaltung der Universitätsregeln pochte, wussten sie alle.

Doch Siberi war kein Student. Er durfte zu spät kommen. Genaugenommen durfte er alles. Cumari nickte ihm freundlich zu und bedeutete ihm mit einer Geste, sich zu setzen.

Ein erstauntes Raunen ging durch die Reihen der Studenten. Jeder andere hätte eine Ermahnung und eine große Liste mit Extraaufgaben kassiert.

Siberi schob sich auf einen freien Platz in der hintersten Reihe und las das Tafelbild. Der Titel der Vorlesung stand oben, und darunter hatte Cumari die vier Ecksäulen der sapionischen Herrschaft aufgemalt, die jeweils mit Stichworten beschriftet waren: Krieg & Eroberung, Auslese & Sippenhochzeit, Besiedelung fremden Landes, Trennung nach Kasten.

»Wie kann es also gelingen, ein so großes Volk zu führen und zu kontrollieren, ohne dass sich Gegenströmungen und Revolten bilden?«, fuhr der Professor fort. »Die Antwort darauf liegt in diesen vier Säulen.« Er trat an die Tafel und tippte mit der Kreide auf die erste Säule. »Krieg und Eroberung. In der letzten Stunde haben wir die Erziehung der männlichen Kinder besprochen. Wer kann das noch einmal kurz zusammenfassen?«

Zahlreiche Arme schnellten in die Höhe. Siberi musste grinsen, als er feststellte, dass sich wie immer die blassen Jünglinge meldeten. Die Braungebrannten saßen gelangweilt und desinteressiert da und schienen nur darauf zu warten, dass die Stunde vorbeiging.

Sie würden hervorragendes Kriegsfutter abgeben. Den Lässigsten gab Siberi zwei Semester, ehe sie aussortiert und an die Front geschickt wurden. Bei der derzeitigen Lage vielleicht auch nur ein Semester, nur eine einzige missglückte Prüfung, und schon würde es in den Krieg gehen.

Auch Cumari ließ seinen Blick über die Reihen wandern und wählte einen hochgewachsenen, schlanken Studenten, der mit der typischen Arroganz der Akademiker dreinblickte. »Ja bitte, Welmar!«

Welmar setzte sich noch aufrechter hin, falls das überhaupt möglich war, und sprach dann so gestochen, als lese er aus einem Lehrbuch vor: »Die Knaben werden im Alter von drei Jahren von ihren Müttern getrennt und in die Obhut des Vaters gegeben. Von da an beginnen die Väter oder von ihnen beauftragte Lehrkräfte mit einer ordnungsgemäßen, männlichen Bildung. Mit dem siebten Lebensjahr werden die Bauern- und Handwerkerknaben in das Rekrutenlager des Heeres überstellt, wo man beginnt, sie das Kriegshandwerk zu lehren. Die Akademikersöhne kommen in die Knabenschule und werden schulisch gebildet. Nach dem Schulabschluss geht es dann weiter an die Universität. Also hierher.«

Ein unverbindliches Lächeln zuckte über Cumaris Gesicht. »Hervorragend!«, sagte er, und auf Welmars Miene zeichnete sich selbstgerechte Zufriedenheit ab. Doch Siberi spürte die Schwingungen, die von dem Professor ausgingen. Cumari mochte keine Studenten, die sich in Arroganz suhlten und sich aufgrund ihrer Herkunft für etwas Besseres hielten. Cumari schätzte nur jene, die etwas leisteten und eigene Ideen einbrachten.

Dass die Ideen mitunter in die falsche Richtung wanderten, schien den Professor nicht zu betrüben. Ganz im Gegenteil.

»Auf die Erziehung der Bauern- und Handwerkersöhne bezieht sich die erste Säule der sapionischen Herrschaft«, fuhr Cumari fort und zeigte wieder auf sein Tafelbild. »Je nach Kriegslage werden die Jungen zwischen dem elften und dem vierzehnten Lebensjahr als Knappen in den Kriegsdienst überstellt. Aber was bedeutet das aus psychologischer und gesellschaftlicher Sicht?« Er sah die Reihen der Studenten entlang. Wieder zuckten ein paar Finger, aber diese Frage beantwortete der Professor selbst: »Es bedeutet, dass die Bindungen der Kinder gezielt gebrochen werden. Die Trennung von der Mutter kappt die Bindung an ihre Liebe und Fürsorge, die Trennung vom Vater und der Übergang ins Ausbildungslager zerschlagen die Bindung an die Familie und das Heimatdorf. Die Überstellung ins Heerlager bildet schließlich die schärfste Zäsur. In einem Alter, in dem Jünglinge vor Kraft, Ideen und Rebellionsgedanken nur so strotzen, werden sie in eine Situation gebracht, in der sie um ihr blankes Überleben kämpfen müssen. Allein dieser Überlebenskampf bremst alle revolutionären Ideen und nutzt die Kraft und Energie der jungen Männer für den Kriegszweck des Staates.«

Die meisten Studenten beugten sich über ihre Notizbücher und schrieben eifrig mit. Nur die gelangweilten Jungen schauten immer noch gelangweilt, und dazwischen saßen einzelne, die einfach nur aufmerksam zuhörten. Siberis Blick blieb bei einem mausgesichtigen Knaben hängen, der deutlich jünger sein musste als die anderen. Noch mehr ein Kind im Schulalter. Der wache Gesichtsausdruck des Kleinen sagte Siberi, dass er es nicht nötig hatte, mitzuschreiben. Sein Gedächtnis funktionierte auch so ausgezeichnet, und vermutlich waren seine Gedanken schon fünf Schritte weiter.

Bei Siberi war es genauso gewesen.

»Wenn wir, als Akademiker, die Kontrolle dieses Staates in unseren Händen halten wollen, müssen wir uns immer fragen, wie diese Kontrolle gelingen kann.« Der Professor ging mit langsamen Schritten auf die vordere Bankreihe zu und marschierte in dem Halbrund des Atriums daran entlang. »Denn zahlenmäßig«, er machte eine ausschweifende Geste, die sein Publikum umfasste, »haben wir ein Problem. Die Kaste der Akademiker ist deutlich kleiner als alle anderen Kasten. Und körperlich …« Er blieb vor einem schmächtigen Studenten stehen und hob seinen dünnen Arm. »… sind wir den ausgebildeten Kriegern deutlich unterlegen.«

Der ganze Hörsaal lachte, und der Student wurde rot, während er seinen Arm zurückzog.

»Aber Kontrolle …« Cumari fuhr herum und warf einen scharfen Blick in sein Publikum. »… ist keine Frage von Kraft, sondern von Psychologie. Und das systematische Zerbrechen von Bindungen ist das Mittel, mit dem wir Kontrolle über ein ganzes Volk ausüben.« Er ging zurück an die Tafel und tippte auf die zweite Säule. »Auslese und Sippenhochzeit. Ihr ganzes jugendliches und rebellisches Alter hindurch kämpfen die Männer im Krieg und erbringen eine große Leistung für unseren Staat. Sobald sie in ein Alter kommen, in dem sich die ersten körperlichen Schwächen zeigen und der Geist allmählich ruhiger wird, geben wir sie in die Auslese und lassen sie ein weiteres Mal um ihr Leben kämpfen. Nur die stärksten und besten Kämpfer siegen und dürfen anschließend heiraten. Alle übrigen werden in der Auslese getötet oder versklavt. Durch die siegreichen Männer sichern wir uns kräftigen und talentierten Nachwuchs für den Kampf, während alle Schwächeren aus der Erbfolge aussortiert werden.« Cumari warf einen strengen Blick über seine Studenten. »Aber das ist nur der offensichtlichste Grund für unsere Auslese. Im Hintergrund geht es abermals um Kontrolle und den Bruch von Bindungen. Über die Jahre im Heer haben sich Freundschaften gebildet. Wenn die Männer ihre Frauen selbst wählen dürften, würden sie gemeinsam mit ihren Freunden losziehen und sich eine Heimat suchen. Viele würden in die Nähe ihrer Familien zurückkehren und dort eine Gemeinschaft bilden. Durch die Sippenhochzeit wird das alles unterbunden. Die Väter suchen die Ehemänner für ihre Töchter aus, und alte Kriegskameraden sehen sich danach nie wieder. Und damit kommen wir auch schon zu Säule Nummer drei.« Der Professor trat wieder an die Tafel. »Besiedelung fremden Landes. Nur die erstgeborene Töchtersippe bleibt mit ihrem Ehemann auf dem Land des Vaters. Alle weiteren Töchtersippen und ihre Ehemänner werden auf erobertem Land untergebracht. Der sapionische Staat entscheidet, welche Sippe in welchem Dorf angesiedelt wird. Auch dafür gibt es klare Richtlinien, damit alte Bindungen abgeschnitten werden: Ehemalige Soldatenfreunde oder Familienmitglieder dürfen keinesfalls gemeinsam angesiedelt werden. Nach der Auslese befinden sich Männer in einer Phase, in der sie alles erreicht haben, was man in Sapion erreichen kann. Sie haben den Krieg und die Auslese überlebt, sie durften heiraten und bekommen nun Kinder, für die sie sorgen müssen. In dieser Phase konzentriert sich ein Mann nur noch darauf, das Land urbar zu machen, das ihm zugewiesen wurde. Denn niemand möchte, dass seine Kinder und Frauen hungern.« Cumari setzte die Kreide an die Tafel, zog einen großen Kreis um die drei Säulen und ließ die Kreide zurück in die Halterung fallen. »Mit diesen drei Säulen ist die Kontrolle des sapionischen Staates schon fast gewährleistet. Fehlt nur noch eine: die Auftrennung nach Kasten. Auch darüber haben wir bereits gesprochen. Die Akademiker sind der Kopf unseres Staates, die Handwerker sind die lebenswichtigen Organe, die Bauern sind der restliche Körper. Nur wenn jeder Teil seine Aufgaben reibungslos erfüllt, kann unser Staat funktionieren. Unsere Kastenpolitik macht die Trennung zwischen den Aufgaben von Geburt an klar. Das sorgt für Ruhe in unserer Gesellschaft, weil niemand in eine höhere Position streben kann. Wären die Kasten untereinander durchlässig, würde es in jeder Generation neues Gerangel um die Führungspositionen geben.«

Für einen Moment war es still im Hörsaal. Manche Studenten nickten selbstzufrieden. Die Braungebrannten waren kurz davor, einzuschlafen.

»Um die Stabilität unserer vier Säulen noch einmal zu überprüfen, stellen wir uns nun die Gegenseite vor: eine Bedrohung des Staates durch eine Revolution. Eine Revolution kann nur entstehen, wenn drei Bedingungen erfüllt sind. Als Erstes braucht es unzufriedene Menschen, die den Antrieb, die Wut und die Kraft haben, einen Staat niederringen zu wollen. Zweitens braucht ein gewaltsamer Aufstand ausreichend Waffen und Kampfkunst. Und drittens ist ein gut ausgebildetes Netzwerk nötig. Die ersten beiden Punkte sind permanent erfüllt: die sapionischen Krieger sind bewaffnet und kampferprobt. Sie tragen genug Wut und Gründe in sich, um sich gegen den Staat aufzulehnen. Und deshalb …« Cumari machte eine effektvolle Pause. »… ist es umso wichtiger, den dritten Punkt zu unterbinden. Das erreichen wir mit den vier Säulen unserer Herrschaft: Unsere Kastenpolitik sorgt dafür, dass die Krieger in ihrer Jugend kaum Bildung erhalten. Sie werden streng in dem Glauben erzogen, dass der Krieg ihr Lebensziel sei. Und sobald sie kämpfen, bleibt ihnen keine Zeit mehr, über die Gerechtigkeit unseres Staates nachzudenken. Erst später, nach ihrer Hochzeit, hätten sie wieder Muße, über Lebensalternativen zu grübeln. Doch hier greifen unsere anderen drei Säulen. Nur eine vergleichsweise geringe Anzahl von Männern darf die Auslese überleben. Allein ihre geringe Menge wäre für eine Revolution nicht ausreichend. Zudem werden ihre Bindungen und Netzwerke untereinander zerstört. Die vier Machtsäulen des sapionischen Staates verhindern somit, dass sich Menschen zu revolutionären Gemeinschaften zusammenfinden können.«

Cumaris Stimme verstummte, und es blieb still im Hörsaal. Einige vervollständigten noch ihre Notizen, andere starrten den Professor an. Siberi konnte ihnen förmlich ansehen, wie sie alles noch einmal durchgingen und versuchten, die Informationen in ihrem Kopf zu ordnen.

Das Machtsystem der Sapioner hatte bröckelige Lücken, und jeder, der schlau war, kam darauf. Siberi zählte die Zeit rückwärts und betrachtete die Gesichter der Studenten. Er tippte auf drei oder vier der wachesten Jungen, die es jeden Moment durchschauen würden. Der mausgesichtige Kleine war einer von ihnen.

Siberi hatte von zehn bis zwei gezählt, als sich einer der Jünglinge meldete, die er im Visier hatte. Es war ein Student mit ungewöhnlich blitzenden Augen. Er saß nah genug bei Siberi, sodass er die Funken sehen konnte, die ihm mit seinen Worten aus den Augen sprühten: »Bei dieser ganzen Theorie haben wir nur über die Krieger gesprochen«, erklärte er. »Aber was ist mit den versklavten Männern, die in der Auslese verloren haben? Sie sind kampferprobt und hätten großes Interesse an einer Revolte. Nach der Auslese landen sie im Dienst sapionischer Familien, und in manchen Dörfern gibt es mehr Sklaven als verheiratete Männer. Besteht nicht die Gefahr, dass sie sich zu Aufständen zusammenrotten?«

»Die Sklaven werden entmannt!«, rief ein anderer Student dazwischen. »Das macht sie fett und träge.«

Die Studenten lachten.

Siberi sah sich um und achtete darauf, wer nicht lachte: Er zählte neun Studenten, die ernst und nachdenklich dreinschauten. Der Mausgesichtige starrte abwesend vor sich hin. Auch Cumari wirkte besorgt. Der Professor wusste genau, wie zutreffend die kritischen Gedanken waren.

Als es wieder ruhig wurde, meldete sich ein weiterer Student. Er war Siberi schon zuvor aufgefallen, weil sich zahlreiche Notizen und Bücher vor ihm auf dem Tisch stapelten. Jetzt schlug er eines der Bücher auf und legte den Finger hinein. »Ich habe hier eine Auswertung der vorletzten Auslese: Damals sind nur 25 Prozent der Krieger direkt im Kampf getötet worden, weitere 15 Prozent haben ›Ehre‹ gesagt und wurden noch auf dem Platz umgebracht. Aber ganze 50 Prozent haben sich für ›Gnade‹ entschieden und wurden anschließend versklavt. Wenn man bedenkt, dass etwa 10 Prozent aller Männer in der Auslese siegen und verheiratet werden, sind diese 50 Prozent eine gewaltige Anzahl an wütenden Sklaven.« Er blätterte ein paar Seiten um und sprach dann weiter. »Außerdem steht hier, dass die Kastration der sapionischen Sklaven im Ermessen der neuen Herren liegt. Dazu gibt es keine Prozentzahlen, aber Umfragen haben ergeben, dass immer mehr Herren ihren Sklaven die Männlichkeit lassen. Weil sie dann motivierter arbeiten und sich loyaler verhalten. Interessant ist auch die letzte These in dieser Arbeit: Es gibt Hinweise darauf, dass einige verheiratete Männer gezielt nach der Auslese zum Sklavenmarkt gehen, um dort ihre ehemaligen Kriegskameraden als Sklaven anzukaufen.«

Es blieb weiterhin bedrückend still im Hörsaal. Auf dem Gesicht des Professors war Erschütterung zu erkennen. Siberi wusste, dass Cumari all diese Zahlen und Verwicklungen kannte – aber diese Vorlesung war kein sicherer Ort, um darüber zu reden.

»Oder was ist mit den faruanischen Sklaven im Heerlager?«, wagte ein weiterer Student einzuwerfen. Alle Blicke flogen zu ihm herum. Dieser Junge war rundwangig und ein bisschen zu pummelig. Offenbar verbrachte er viel Zeit mit Büchern und süßem Gebäck. »Südfaruaner und Nordfaruaner sind äußerlich nicht voneinander zu unterscheiden. Und das Rebellenlager in Nordfarua ist nur durch den Waldgürtel vom Heerlager getrennt. Könnte es nicht sein, dass sich Spione der nordfaruanischen Partisanen als Sklaven ins Heerlager einschleusen?«

Siberi hielt den Atem an. Diese Vorlesung wurde immer interessanter.

Cumari räusperte sich unbehaglich. Ihm schien die Entwicklung des Gespräches nicht zu passen. »Über die Sklaven im Heerlager werden Akten geführt«, erklärte er lahm.

Ja, so war es. Aber wie sollte man die Lebensläufe der Sklaven überprüfen? Sie alle setzten an dem beliebigen Punkt ein, an dem die Sapioner sie erobert und in ihren Besitz überführt hatten. Was Sklaven in der Zeit davor getan hatten und zu wem sie in Verbindung standen, konnte nachträglich nicht erfasst werden. Bis heute wurden immer wieder herrenlose Faruaner aufgegriffen, die geflohen waren oder sich der Eroberung erfolgreich entzogen hatten. Besonders die ausgedehnten Wald- und trockengefallenen Moorgebiete im Westen waren noch lange nicht vollständig erschlossen.

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