Logo weiterlesen.de
Die Quellen von Malun – Blutgöttin

INHALT

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Prolog
  7. 1. Kapitel
  8. 2. Kapitel
  9. 3. Kapitel
  10. 4. Kapitel
  11. 5. Kapitel
  12. 6. Kapitel
  13. 7. Kapitel
  14. 8. Kapitel
  15. 9. Kapitel
  16. 10. Kapitel
  17. 11. Kapitel
  18. 12. Kapitel
  19. 13. Kapitel
  20. 14. Kapitel
  21. 15. Kapitel
  22. 16. Kapitel
  23. 17. Kapitel
  24. 18. Kapitel
  25. 19. Kapitel
  26. 20. Kapitel
  27. 21. Kapitel
  28. 22. Kapitel
  29. 23. Kapitel
  30. 24. Kapitel
  31. 25. Kapitel
  32. 26. Kapitel
  33. 27. Kapitel
  34. 28. Kapitel
  35. 29. Kapitel
  36. 30. Kapitel
  37. Epilog

ÜBER DIESES BUCH

Das Wasser auf Ruann versiegt. Immer mühsamer muss es durch Tunnelsysteme gefördert werden und verurteilt die Völker zu Hunger und Durst. Das Großreich Sapion fordert sämtliche Ressourcen für sich und führt erbitterte Kriege. Alia, eine Sklavin der Sapioner, findet verbotene Aufzeichnungen und kommt damit einem gefährlichen Geheimnis auf die Spur. Um Antworten zu finden, schmiedet Alia einen riskanten Plan: Sie muss fliehen und versuchen, das sagenumwobene Land Malun zu erreichen.

ÜBER DIE AUTORIN

Daniela Winterfeld wurde 1978 in Rheda-Wiedenbrück in NRW geboren. Sie ist in Westfalen auf einem Bauernhof aufgewachsen, zwischen Natur und Tieren und in einem riesigen Haus, auf dessen Dachboden sich die Familiengeschichte von 500 Jahren finden ließ.So ist es kein Wunder, dass sie bereits in ihrer Jugend mit dem Schreiben begann. Später studierte sie Literaturwissenschaften mit den Nebenfächern Geschichte und Psychologie.Bis heute dienen ihr historische Begebenheiten, Märchen, Mythologie und die menschliche Psyche als liebste Inspiration für ihre Bücher. Inzwischen lebt die Autorin mit Mann und Kindern in Berlin.

PROLOG

Ebene von Zeylem

BLUTSOHN

Die Hufe der Pferde zerrissen den Boden zu Staub, zerfetzten die Erdkruste und wirbelten eine Wolke in die Höhe. Wie ein Schleier haftete sie an den Fersen der Reiter, flog ihnen nach, während sie über die ausgedorrte Ebene dahinjagten. Die Pferde schwitzten und keuchten, ihr weißes Fell war längst gelb gefärbt von Staub und Schweiß und glich damit dem Blond ihrer Reiter. Doch die Männer kannten keine Gnade, trieben die Tiere unerbittlich voran. Nichts durfte sie jetzt noch aufhalten, nichts durfte sie an dem hindern, was zu tun war. Denn längst schon sank das Licht des Tages hinab zum Horizont und warf einen goldenen Schein über die verbrannten Dörfer.

Wann immer sie eine Siedlung durchquerten, sprangen die Pferde über verkohltes Holz und menschliche Knochen. An den Dachsparren hingen mumifizierte Leichen, denen Beine und Arme fehlten, abgerissen von wilden Tieren. Doch inzwischen waren selbst die Sandhyänen den Dürretod gestorben oder weiter nach Norden gezogen. Nichts lebte mehr in Zeylem, dem ersten Land, das vor mehr als hundert Blutjahren durch Sapion erobert worden war. Nicht einmal die Aasfliegen fanden noch Nahrung.

Kurz bevor sie ihr Ziel erreichten, begann der Wald. Oder das, was vor langer Zeit ein Wald gewesen war. Wie ein zu Salzkrusten erstarrtes Meer überzogen die umgestürzten Bäume die Ebene. Es waren mächtige, riesenhafte Maruschkabäume, deren Stämme sich hohl und mit zerfledderter Rinde übereinandertürmten. Der heiße Wind riss an ihren Überresten, blätterte die trockenen Stämme in Schichten auseinander, bis sie in Fetzen davonflogen.

Nur ein schmaler Pfad inmitten der Trümmer war freigeräumt worden, kaum mehr als eine Gasse, welche die Reiter wie ein Hohlweg umfing und sie zwang, sich zu einer Reihe zu formieren.

Wie immer galoppierte der Blutsohn voran und beugte sich tief über den Hals des Schimmels. Das Trommeln der Hufe dröhnte in seinen Ohren, übertönte das Pfeifen des Windes und vereinte sich mit der Jagd seines Herzens. Er musste nicht hochsehen, um zu wissen, dass Rabanus bereits untergegangen war und nur noch seine Dämmerung den Himmel erhellte. Er musste nicht nach vorne schauen, um zu erfahren, wie lange es noch dauern würde. Er musste nur die Gier und den Hass fühlen, die seinen Körper erfüllten, um sicher zu sein, dass seine Zeit davonlief.

Ihre Zeit, die Zeit, die seiner Mutter noch blieb.

»Schneller! Kommt schon!« Turor galoppierte direkt hinter ihm, rief die Befehle, die der Blutsohn nicht aussprach. Nicht jetzt, nicht heute. Nur die magischen Worte sprach der Sohn der großen Göttin am Bluttag.

Das Mädchen fing wieder an zu jammern. Direkt vor Turor war sie an den Doppelsattel gefesselt. Ihre kurzen Beinchen waren ans Sattelblatt gekettet, ihr Oberkörper war vornüber am Mähnenkamm des Pferdes festgebunden. Es war schon schwer genug gewesen, sie zu finden – um keinen Preis durfte sie fallen oder fliehen.

Oftmals waren die Kinder halbtot, wenn sie ankamen. Ketten und Seile zerrissen ihre Haut, die Bewegung von Pferd und Sattel prellte ihre Rippen und zerbrach die zarten Knochen. Manchmal erstickten sie in der Enge der Schnürung.

Aber dieses hier jammerte noch.

Wenigstens das war ein gutes Zeichen. Es musste lebendig sein, wenn sie ankamen. Nur was lebte, konnte getötet werden.

Eisige Kälte durchdrang den Körper des Blutsohnes, breitete sich immer weiter aus und fror alles ein, was in ihm gefangen lag. Einzig sein Hass brannte weiter, eine kleine, eisige Flamme, die sein Herz schon lange verkohlt hatte.

In diesem Moment sah er doch nach vorne und entdeckte den einzelnen Berg, der sich am Horizont abzeichnete. Die Silhouette der Blutburg erhob sich auf seiner Spitze. Der Berg leuchtete rot im Licht der aufgehenden Nachtsonne, drängte sich gegen den schwärzer werdenden Himmel. Nur dort, am Fuße der Blutburg, standen die Bäume noch aufrecht. Rotes Laub hing an ihren Zweigen, schon vor Jahrzehnten getrocknet und dennoch nie herabgefallen.

Der Übergang zwischen Tag und Nacht hatte begonnen, jene Zeit, in der die Dämmerung beider Sonnen den Himmel rot färbte. Links neben der Burg leuchtete noch der orangefarbene Schein, den Rabanus seit seinem Untergang an den Himmel warf, während sich Sapia auf der rechtsseitigen Ebene von ihrem Schlaflager erhob. Klein und dunkelrot wachte die Blutsonne auf, nur um im Laufe der Nacht noch kleiner zu werden und als rote Leuchtfackel über den Himmel zu ziehen.

Nicht weit von ihr entfernt erwachte noch jemand. Bis jetzt war nur die obere Hälfte seines zerklüfteten Gesichtes zu sehen. Doch der große Mond war schneller als jeder andere Himmelskörper. Sein kaltblaues Antlitz schälte sich mit jedem Galoppsprung weiter hinter dem Meer der toten Bäume hervor, bis es sich voll und ganz darüber erhob. Bald schon würde der kalte Mondsohn seiner rotglühenden Mutter entgegentreten, voller Hass würde er sie küssen und verschlingen. Für wenige Augenblicke würden sich Sapia und Sapionas vereinigen, ehe der große Mond seine Mutter wieder freigäbe. Es war jener Moment, der sich jeden Monat wiederholte, das Opfer, das sie ein ums andere Mal bringen mussten – um das Licht und die Energie der hassenden Göttin zu erneuern.

Der Blutsohn riss sich vom Anblick der Gestirne los. Nur Sapia warf ihr Licht auf diese Seite des Burghügels und färbte die Bäume rot. Wenige Galoppsprünge später erreichten sie den Wald. Die riesenhaften Baumkronen schlossen sich über ihren Köpfen, bildeten einen dicht bewachsenen Tunnel, der vor ihnen den Berg hinaufführte.

Sie waren zu spät, viel zu spät …

Der Blutsohn trieb dem Schimmel die Sporen in die Seite, jagte ihn den Berg hinauf. Tatsächlich wurde das Tier schneller, doch nur kurz, ehe es in erschöpften Trab fiel.

Keine Zeit, keine Gnade! Für seinen nächsten Ritt würde er ein neues Pferd brauchen. Doch dieses hier musste seinen Dienst erfüllen, musste ihn rechtzeitig zur Burg bringen, auch wenn es das Letzte war, was es tat. Der Blutsohn griff an seinen Oberschenkel, zog die Knötchenpeitsche aus der Halterung und holte aus. Eisiger Hass flutete durch seine Adern, löste sich in einem Aufschrei und prasselte mit dem Leder auf die Kruppe des Pferdes. Der Hengst quietschte und streckte sich nach vorne, strauchelte und stolperte, ging für einen winzigen Moment in die Knie und gab dennoch sein Letztes, um seinen Reiter den Berg hinaufzutragen.

Turor war ihm noch auf den Fersen, mit einem kurzen Blick über die Schulter konnte der Blutsohn ihn sehen. Die restlichen Männer waren weit hinter ihnen zurückgefallen. Doch auf sie kam es nicht an. Von nun an brauchte er nur noch Turor und das Mädchen.

»Öffnet die Tore! Der Blutsohn kommt!« Turor rief den Befehl den Berg hinauf, nur wenige Augenblicke ehe das verschlossene Burgtor vor ihnen lag.

Eilige Gestalten liefen hin und her, zogen das Fallgitter hoch und öffneten die Torflügel. Es war kaum weit genug geöffnet, als der Blutsohn hindurchpreschte. Zwei weitere Tore lagen dahinter, ehe er den inneren Burghof erreichte. Sapionas, der Blutsohn, richtete sich im Sattel auf, zügelte das Pferd und brachte es zum Stehen. Noch in der gleichen Bewegung sprang er ab. Doch der Weg zum Boden war kurz, das Pferd sackte unter ihm in die Knie. Er konnte gerade noch zur Seite springen, ehe es zusammenbrach. Mit zuckenden Beinen blieb es auf der Seite liegen.

Der Blutsohn wandte sich ab. Sollten sich seine Männer darum kümmern.

Auch Turors Schimmel hielt sich nur mit Mühe aufrecht, während der oberste Blutsucher das Kind losband und über seine Schulter warf. Das strähnige Blond des Mädchens fiel auf Turors Rücken, vereinte sich mit dem blonden Zopf des ältesten Kinderjägers.

Es war nicht leicht gewesen, das Mädchen zu finden. Das ganze Dorf hatte so getan, als gäbe es keine blonden Kinder in ihrer Gemeinschaft. Doch Sapionas wäre nicht der Blutsohn, wenn er die Existenz des Kindes nicht erahnt hätte. In den Legenden hieß es, es sei Magie, mit der er die Kinder erspürte. Doch ob es tatsächlich so war, wusste er nicht einmal selbst. Er las die Geheimnisse der Menschen in ihren Gesichtern. So war es immer gewesen, und wenn es wahrhaftig Magie war, so war es ein Talent, das er niemals geschult hatte.

Womöglich könnte er weitaus mächtiger sein.

Sapionas’ Hass wallte auf, schäumte in seinem Magen über und durchdrang seinen Körper, bis er ganz und gar davon erfüllt war. Mit schnellen Schritten durchquerte er den Burghof.

Ein blonder junger Mann stand am Eingang zum Turm. Hastig riss er die Tür auf, um den Blutsohn passieren zu lassen. Nur flüchtig erkannte Sapionas die Angst im Gesicht des Jungen, ein wildes, animalisches Leuchten, genau der richtige Funke, der bald schon in glühenden Hass umschlagen würde.

Die Treppe im Inneren lag im Dunklen. Ohne Geländer schlängelte sie sich an den Mauern des Turmes nach oben. Nur hier und dort wurde sie von Fackeln erhellt. Doch der Blutsohn hatte keine Zeit, um sich an das Zwielicht zu gewöhnen. Beinahe blind hastete er die Stufen hinauf.

In dieser plötzlichen Dunkelheit sah er das Gesicht der Kindesmutter noch einmal vor sich. Auch ihre Augen hatten wild geleuchtet, Mutteraugen, die versuchten, ihr Kleines zu schützen. Was war es nur, das Mütter mit ihren Kindern verband? Was war es, dass sie selbst für ein Blutsbalg wie dieses zu wilden Tieren wurden? Dass sie ihr Leben riskierten, um einen Bastard zu beschützen?

Die Augen der Mutter waren blau gewesen. Blaue Augen und rote Haare. So wie sie sahen fast alle Frauen aus, die sich die Blutsucher auswählten, um ihre blonde Saat zu pflanzen. Ob sich wohl einer seiner Männer an die Frau erinnerte? Ob es je vorgekommen war, dass einer von ihnen Vatergefühle für ein Blutsbalg entwickelt hatte?

Nur flüchtig glitt die Frage durch seine Gedanken, ehe sie zwischen Hass und Kälte ertrank. Sapionas hatte die obere Hälfte des Turmes erreicht. Turors Schritte waren direkt hinter ihm, das Kind in seinen Armen jammerte.

Hier oben sickerte rotes Licht durch die Schießscharten, Rabanus’ letzte Dämmerglut von der einen Seite und Sapias Dunkelrot von der anderen. Der Blutsohn zog den Opferdolch aus der Scheide, durchschnitt die Lederbänder an seinen Armmanschetten und ließ sie herabfallen. Noch während er weiter die Treppe hinaufstürmte, schnitt er ein Kleidungsstück nach dem nächsten von seinem Körper. Als er die Tür zum Turmsaal erreichte, war er so nackt, wie die große, hassende Göttin ihn erschaffen hatte. Hier oben musste er sich die Türe selbst öffnen. Niemand außer ihm und Turor kam hier herauf.

Beißender Gestank schlug ihm entgegen, sobald er in den Saal trat, dicht gefolgt vom Summen der Fliegen, die in dunklen Schwärmen durch den Raum waberten. Wenn es einen Ort gab, an dem die Aasfliegen reichlich Nahrung fanden, dann hier. Abgenagte Kinderleichen bedeckten den Boden, manche nur noch Skelette, andere von Fliegenschwärmen verhüllt, wieder andere so ausgetrocknet, dass sich nicht einmal der hungrigste Aasfresser dafür interessierte. Der Boden rund um die Leichen schillerte Braun und Grün von getrocknetem und verdorbenem Blut. Auch die Steinwände waren rostrot gesprenkelt, nur durchbrochen von den Fensterlöchern, durch die das Dämmerlicht von zwei Seiten hereinschien. Sterbendes Orange und dunkles Rot vereinten sich auf dem Thron der Göttin am anderen Ende des Turmsaales.

Sapias Gestalt hing leblos über der Armlehne. Nur ihr Brustkorb hob und senkte sich. Blut und Fliegen waren das Einzige, was ihren nackten Körper kleidete. Das tote Mädchen des letzten Bluttages hing noch über ihren Knien, halb zerfressen vom Hunger der Göttin.

Der Hass des Blutsohnes loderte auf, füllte seinen Brustkorb und ließ ihn die Faust noch fester um den Dolch ballen.

Turor betrat den Saal hinter ihm. Sein Keuchen durchbrach das Summen der Fliegen, beinahe menschlich. Mit einem dumpfen Klatschen ließ er das Kind auf den Boden fallen.

Die Kleine schrie auf, jammerte und weinte. Sapionas musste nicht hinsehen, um zu hören, wie sie auf allen vieren zu Turor krabbelte. Allzu viele hatten es vor ihr getan, sich im Angesicht des Grauens an den letzten Menschen geklammert, der in Reichweite war, auch wenn es derjenige war, der sie gejagt und ausgeliefert hatte.

Eine heiße Windböe fegte durch die Fenster herein, wirbelte die Fliegen auf und vereinte sich mit dem Hass, der den Blutsohn zum Zittern brachte. Jetzt! Es war so weit! Er musste es tun! Ohne hinzusehen, griff er nach dem Schopf des Kindes, zog daran, bis es jaulend auf die Füße sprang. Doch die Kleine stand nur kurz, ehe sie zusammensackte und mit ihrem ganzen Gewicht an den Haaren hing. Kaum ein Kind konnte noch laufen, wenn es hier ankam.

Der Blutsohn ging vorwärts, schleifte sie an den Haaren hinter sich her, bis sie ganz und gar still war. Mit den Füßen schob er die Leichen beiseite, watete zwischen ihnen zum Thron der Göttin. Eisige Kälte umhüllte seinen Verstand, betäubte alles, was darunterlag, alles, was es jemals gegeben hatte. Er war kein Mensch, war es nie gewesen und würde es niemals sein. Er war der Sohn der blutrünstigen Göttin, der eisige, hassende Blutsohn, geschaffen, um Monat für Monat ihre Kraft zu erneuern.

Direkt vor seiner Mutter blieb er stehen, blickte von oben auf sie hinab. Beinahe schien es, als sei sie tot, wären nicht die Fliegen auf ihren Lippen, deren Flügel mit jedem Atemzug vibrierten.

»Mein Sohn.« Mit ihrem Krächzen stoben die Fliegen auf, umkreisten ihren Kopf und setzten erneut zur Landung an. »Du bist spät.« Sie bewegte den Arm, wischte in einer schlaffen Geste um sich herum. Die Aasfliegen summten in einer schwarzen Wolke davon und ließen den mageren Körper der Göttin zurück. Nur in ihrer Scham blieben die Fliegen sitzen und bildeten einen schillernden Hügel. Rundherum stachen die Beckenknochen der Göttin hervor. Ihre Taille bestand aus braun verkrusteten Hautfalten, die sich dort übereinanderwarfen, wo sie einmal weibliche Formen besessen hatte. Doch direkt darüber spannte sich die Haut wie Papier über ihrem Brustkorb und ließ das Muster der Rippen hervortreten. Wie zwei braune, dreckige Lappen hingen ihre Brüste daran herunter.

Der Blutsohn zog das Kind an den Haaren nach vorne, schob es zwischen sich und die Göttin. Auch wenn die Kleine ohnmächtig dahing, ihr Körper fühlte sich wärmer und lebendiger an, als es die Göttin jemals gewesen war. Der Blutsohn richtete sich auf, hielt das Mädchen höher und blickte über seine Mutter hinweg aus dem Fenster. Sapionas, der größte Mond, nach dem er benannt worden war, leuchtete ihm entgegen. Sein zerfurchtes Antlitz berührte die Seite der Blutsonne.

Es war an der Zeit! Wie von allein begann sein Mund, die Worte zu formen: »Und wieder ist der Zyklus des Mondes vorüber, wieder ist die Kraft der Mutter verbraucht, und der Tod neigt sich über sie. Doch heute, am Abend des Bluttages, im letzten Licht des Vaters und der sterbenden Glut der Mutter, ist der Blutsohn gekommen, um das Siechtum der großen Göttin zu beenden und ihr Leben zu erneuern.«

Seine Mutter rückte auf dem Thron nach vorne, rieb ihre Scham an der Kante des Sessels und presste ihre welken Brüste gegen das Mädchen. Ihre Arme schlangen sich um den bewusstlosen Körper der Kleinen, reichten weit genug, um den Rücken des Blutsohnes zu bedecken.

Sapionas zitterte, eiskalt sprengte der Hass seine Brust: »So bin ich denn gekommen, meiner Mutter zu bringen das wertvollste Geschenk.« Er hob den Dolch zum Hals des Kindes, legte ihn an und ließ den ersten Blutstropfen hervorquellen.

Das Mädchen erwachte, schrie auf und begann zu zappeln. Die Göttin presste sich dichter heran, lehnte den Kopf zurück und öffnete den Mund.

Der Hass des Blutsohnes explodierte, ließ ihn den Dolch durch das Fleisch streichen und sprudelte mit dem Blut auf die Göttin hinab: »Rotes Blut auf weißer Haut, ihr Leben für Eures, meine Dienste bis ans Ende aller Tage.« Damit warf er das tote Mädchen über den Schoß der Göttin.

Sapia fiel zurück in den Sessel, räkelte sich im Blut und stieß ein wolllüstiges Grunzen aus.

Sein Hass kochte, wollte alles vernichten. Jetzt gleich wollte er damit beginnen, wollte seine Mutter töten und den Zyklus durchbrechen …

… und war dennoch an die Pflicht gebunden. Von allein sank er nach vorn, spürte das Blut auf seiner Haut und fasste nach den Brüsten der Göttin. Glitschig nass hingen sie in seinen Händen. Nur kurz nahm er wahr, wie sich ihr Körper veränderte, wie sich die Brüste zusammenzogen, bis sie straff und rund unter seinen Fingern lagen.

Dann sah er hinaus aus dem Fenster, starrte auf den Mond, der sich zögernd über die Blutsonne schob. Das Stöhnen der Göttin drängte sich in seine Ohren, ihr Körper bewegte sich unter seinem. Doch sein Blick galt nur den Gestirnen, der zerstörten Fratze des Mondes und der kleinen Sonne, die langsam dahinter verschwand.

Hass und Kälte brannten in ihm, taten ihre Pflicht und erfüllten die Gier der Mutter. Doch sein Geist flog hinauf in den Himmel, bedauerte den Mond, der Zyklus um Zyklus seine Bahnen zog und niemals ausbrechen konnte. Die Erlösung folgte schnell, kurz nur verschlang der Mond die Blutsonne und ließ sie in einem roten Kranz hinter sich aufleuchten.

Dann war es vorbei. Sapionas löste sich von seiner Mutter. Mond und Blutsohn wichen zur Seite und beeilten sich, die Glut der Göttin zu verlassen.

Der letzte Blick auf seine Mutter war ein Versehen. Jung und schön lag sie da, ihre Augen geschlossen, die Schenkel gespreizt, ihre Haut von frischem Blut überströmt. Das tote Kind war zwischen ihren Beinen auf den Boden gerutscht. Ein heißer Wind erhob sich über der Göttin, riss die Fliegen mit sich und ließ sie in einer Windhose umeinanderwirbeln. Für eine Sekunde konzentrierte sich der Sturm an diesem Punkt. Dann stob die Windhose auseinander, sprengte in einer Druckwelle durch den Raum, warf den Blutsohn nach hinten und fegte durch die Fenster des Turmes nach draußen.

Sapionas strauchelte, fing sich, lief weiter rückwärts und musste sich umdrehen, um nicht über die Leichen zu fallen. Dann rannte er, sprang über Knochen und tote Kinder hinweg, bis er die Tür erreichte. Turor stand noch dort, sein Gesicht so bleich wie der kleine Mond, der sich hinter seinem Bruder am Himmel erhob.

Der älteste Kinderjäger hatte alles gesehen. So wie jedes Mal. Mehr als das konnte er nicht für den Blutsohn tun.

Sapionas stürmte an ihm vorbei, rannte die Treppe hinab und sammelte im Vorbeigehen seine Beinkleider ein. Niemand, nicht einmal Turor, durfte sehen, wie er sich am Fuß der Treppe in die Dunkelheit übergab.

1. KAPITEL

Südfarua, Wasserbergwerk Ljimgart, Sklavenkolonie

ALIA

Die unteren Gänge im Bergwerk waren eng, gerade breit genug für zwei Menschen, und so niedrig, dass man sich nicht darin aufrichten konnte. Doch wozu sollten sie sich auch aufrichten? Um die Wasserfässer vor sich her zu rollen, mussten sie sich ohnehin ducken.

Alia wusste nicht, wie viele Wasserfässer sie an diesem Morgen schon den Gang hinaufgerollt hatte. Es gab Tage, an denen sie die Fässer zählte, um ihre Gedanken zu beschäftigen. Doch heute war sie selbst dazu zu müde. Ihr Rücken schmerzte von der geduckten Haltung, und ihr Nacken fühlte sich steif an. Als sie die stillgelegte Abzweigung des Ganges passierte, wollte sie am liebsten aus der Fässerkolonne ausbrechen und sich in der Ruhe der verbotenen Gänge verstecken, bis der Dienst vorbei war. Aber die anderen liefen vor und hinter ihr, ein gehorsamer Zug von Sklaven, die ihre Fässer vor sich her rollten. Wenn sie jetzt ausbräche, müsste sie nicht nur das verräterische Fass an der Abzweigung stehen lassen, sie wäre auch darauf angewiesen, dass die anderen Sklaven sie nicht an die Sapion-Wachen verrieten.

Das Fass hätte sie vielleicht noch in der Dunkelheit des seitlichen Ganges verstecken können, aber gegen den Verrat gab es keinen Schutz. So manch einer versprach sich einen Vorteil davon, wenn er den Wachen das Opfer des Tages auslieferte: eine kleine Extraration oder einfach nur ein Abend in Sicherheit.

Fast an jedem Feierabend suchten sich die Wachen ein Spielzeug. Wenn sie einen guten Tag hatten, war es ein Mann, den sie schubsten, schlugen und demütigten, bis er laut genug jammerte, um sich über ihn lustig zu machen. Dann lachten sie ihn aus und entließen ihn in die Baracken.

An schlechteren Tagen war es eine Frau, die sie nacheinander vergewaltigen, manchmal fünf, manchmal auch zwanzig Männer, während die anderen grölend danebenstanden. Nicht jede Frau war danach noch am Leben.

An den schlimmsten Tagen fielen die Wachen über die Schwachen her, über Kranke und Alte, die sie so lange quälten und folterten, bis sie sich nicht mehr rühren konnten, nur um sie danach für arbeitsunfähig zu erklären. Wer arbeitsunfähig war, bekam fünf Tage, um sich zu erholen. War er danach noch nicht auf den Beinen, wurde er beim Morgenapell hingerichtet.

»Leistung« und »Quoten« waren die Zauberwörter der sapionischen Besatzer. Die Faruasklaven besaßen nur eine einzige Aufgabe: Sie mussten Leistung bringen und Quoten erfüllen. Tausend Fässer Wasser am Tag, ganz gleich, ob sie gerade eine frische Wasserader anzapften oder ob sie die letzten Tropfen aus einer trockengefallenen Bodenschicht kratzten.

Fünf bis zwölf Ebenen war das Wasserbergwerk inzwischen tief, je nachdem, wie die Wasseradern verliefen. An manchen Abschnitten lagen die Bodenschichten waagerecht, so dass sie die Ebenen ordentlich übereinander anordnen konnten. An anderen Stellen lagen die Gesteinsschichten schief. Dort gab es weniger Ebenen, aber die einzelnen Stockwerke reichten tiefer in die Erde. Entsprechend mussten die Fässer über steile Hänge gerollt werden, um sie aus dem Tunnelsystem hinauszubefördern.

In solchen Bergwerksabschnitten arbeiteten ausschließlich männliche Sklaven, die jeden Morgen gegenseitig prüften, ob sie stark genug für die Arbeit waren. Wenn sie in diesen Tunneln ein Fass nicht mehr halten konnten, war das ein Todesurteil für alle, die dahinter liefen. Ein Fass, das sich löste und den Berg hinabrollte, riss alles mit sich, was ihm im Weg war, sämtliche Sklaven und mit ihnen die anderen Fässer, bis eine tödliche Lawine die Gänge hinabtobte.

Alias Vater war auf diese Weise gestorben.

Auch das war ein Grund, warum sich die Sklaven gegenseitig verrieten, sobald einer von ihnen arbeitsunfähig wurde.

Alia warf einen prüfenden Blick auf die Frau, die das Fass vor ihr rollte. Gunried war eine der Älteren. Graue Strähnchen mischten sich in ihre roten Haare, und ihr Rücken hatte sich längst zu einem Buckel geformt. Zu sehr hatten sich ihre Schultern über die Jahre nach vorne gezogen und der geduckten Arbeitshaltung angepasst.

Wann immer Alia eine Gelegenheit fand, achtete sie darauf, sich aufzurichten, machte Lockerungsübungen für ihre Muskeln und dehnte die Sehnen. Dennoch wusste sie, dass sie eines Tages ebenso aussehen würde wie Gunried. Alle alten Leute hatten einen Buckel, manche mehr, manche weniger.

Auch Alias Eltern hatten nichts dagegen tun können, auf diese Weise verschlissen zu werden. Nicht einmal die Kenntnisse ihrer Mutter hatten ihnen geholfen. Sie war eine Heilerin gewesen, damals, bevor die Sapioner ihr Land besetzt hatten. Zwölf Blutjahre war das nun her oder auch zwanzig Blütezyklen. Bis heute fiel es Alia schwer, die Zeitrechnung der Sapioner in ihre umzurechnen. Ein Blütezyklus richtete sich nach der Blütezeit des Malunabaumes, der in etwa der Dauer einer Schwangerschaft entsprach. Die Sapioner berechneten ihr Jahr hingegen nach dem Lauf der Blutsonne, die in der Nachtsonnenzeit nachts am Himmel stand und sich in der Tagsonnenzeit gemeinsam mit Rabanus am Taghimmel befand. Es gab insgesamt vier Sonnenzeiten, wobei die Nachtwechsel- und die Tagwechselzeit jeweils fünf Monate dauerte, während die Nacht- und Tagsonnenzeiten nur zweieinhalb Monate ausmachten. Entsprechend gab es 15 Blutmonate pro Jahr, die jeder 30 Tage lang waren.

Die Zahlen der Sapioner waren glatt und einfach zu rechnen, doch wie auch immer man versuchte, Blutmonate in Blütezyklen umzurechnen, es kam immer etwas Krummes dabei heraus. Und seitdem die Sapioner alle Malunabäume gefällt hatten, war es kaum noch möglich, die Zeitrechnung ihres Volkes nachzuvollziehen.

Alia erreichte die Kreuzung, auf der die Gänge aus den tieferen Ebenen mündeten. Von dort unten klang das Klopfen und Klirren der Steinpickel, mit denen die Sklaven die Steinwände bearbeiteten, immer in der Hoffnung, neue Wasseradern zu finden. Größtenteils waren es Kinder, die dort unten Steinschicht für Steinschicht abtrugen, weil sie klein genug waren, um auf Händen und Knien am Ende eines Probeschachtes zu arbeiten. Die meisten dieser Schächte wurden niemals zu richtigen Tunneln ausgebaut. Nur wenn sie ein neues Wasserreservoir fanden, wurde ein Ventil in die aufgeschlagene Steinwand eingesetzt und der Raum davor zu einer großen Höhle ausgebaut, in der die Sklaven das Wasser in Fässer füllten.

Am liebsten wäre Alia stehen geblieben und hätte in die Tiefe gelauscht. Mariusch war dort unten. Ihr Freund war der Vorarbeiter der Wassersucher und damit derjenige, der für die Kinder und jungen Erwachsenen auf der zwölften Ebene die Verantwortung trug. Alia wusste, wie sehr er unter Druck stand. Wenn sie nicht bald eine neue Wasserader fanden, würden die alten Reservoire nicht mehr genug hergeben, um die Quote zu erfüllen. In dem Fall musste Mariusch seinen Kopf herhalten.

»Schneller, Alia!« Marille, die Sklavin hinter ihr, zischte ihr zu. »Nicht einschlafen da vorne!«

Erst jetzt fiel Alia auf, dass sie langsamer geworden war. Der Abstand zu Gunried hatte sich vergrößert. Sie beeilte sich und rollte ihr Fass schneller, bis sie hinter der alten Sklavin aufgeschlossen hatte.

»Du kannst die Muskeln von deinem großspurigen Geliebten heute Abend bewundern!«, zischte Marille weiter.

Alia musste sich auf die Zunge beißen, um nicht zu kontern: Mariusch war nicht großspurig! Genaugenommen war er das völlige Gegenteil. Das, was Mariusch mit seinen Wassersuchern leistete, rettete den Sklaven ihrer Kolonie das Leben. Womöglich wäre das Bergwerk längst geschlossen worden, wenn es Mariusch und sein Talent nicht gäbe. Nur weil er tagein, tagaus den Verlauf der Erdschichten erforschte, hatten sie die Wasserleiter auf Ebene fünf bis elf überhaupt gefunden. Dennoch war Mariusch der bescheidenste Mensch, den Alia kannte. Er würde nicht im Traum auf die Idee kommen, mit seiner Leistung anzugeben, und wenn man ihn darauf ansprach, tat er so, als sei es nicht der Rede wert.

Trotzdem wusste sie, worauf Marille anspielte: Sämtliche Sklaven im Bergwerk bestanden nur noch aus Muskeln und Haut. Aber Mariusch war einer der wenigen, die dabei nicht mager aussahen. Zudem arbeitete er dort unten in stickiger Hitze. Auch oben, am Tageslicht, war es glühend heiß. Daher trug er nur selten ein Hemd, und es gab kaum ein Mädchen, das seinem Anblick widerstehen konnte, wenn er mit nacktem Oberkörper vorbeilief.

Dass er besser aussah als alle anderen, lag vor allem an zwei Dingen: Zum einen machte er die gleichen Übungen wie Alia, um nach Dienstschluss seine gerade Haltung zu trainieren. Zum anderen brachte ihm seine Stellung als Vorarbeiter die schönsten Privilegien ein: dreifache Rationen, eine eigene Wohnhütte, und das Recht, so viel Wasser zu benutzen, wie er wollte. Sogar waschen durfte er sich damit.

So kam es, dass die Sklaven in ihrem Neid nur selten wahrnahmen, was er für sie alle leistete. Die Männer beneideten ihn um seine Stellung, und junge Frauen wie Marille sahen nur, dass er die beste Partie des Lagers war. Wer mit Mariusch liiert war, konnte von seinen Rationen naschen, mit ihm in seiner Hütte wohnen und musste niemals Durst leiden.

Abgesehen von Alia wussten nur wenige, dass er den Großteil seiner Extrarationen an die Kinder verteilte, die in der Tiefe des Bergwerkes vor sich hin kümmerten und von denen kaum eines je das Erwachsenenalter erreichen würde.

»Dabei hat dein Schönster einen echten Knall.« Marilles Stimme knurrte und ließ Alia zusammenzucken. »Wer sonst wäre so verrückt, sich eine Schorfmade ins Bett zu holen.«

Alia atmete scharf ein. Mit aller Kraft musste sie sich zusammennehmen, um Marille nicht zu erklären, dass sie schon seit Ewigkeiten keine Schorfmaden mehr hatte. Der Befall mit Schorfmaden war nur eine Strategie gewesen. Eine ausgesprochen gute Strategie, die bis heute funktionierte: Mädchen mit Schorfmaden wurden nicht so oft vergewaltigt.

Doch das Opfer dafür war hoch. Alias Mutter hatte die Entscheidung kurz nach der Eroberung durch die Sapioner getroffen. Grölende Horden von Soldaten waren in die Dörfer eingefallen, hatten Lebensmittel und Wasser geplündert und Frauen vergewaltigt. Wer besonders hübsch war, wurde als private Sklavin mitgenommen. Dabei machten die Sapioner auch vor jüngeren Mädchen nicht Halt.

Alia war gerade 15 Blütezyklen alt gewesen, als Farua unter dem Ansturm der Sapioner kapituliert hatte. Damit war sie genau in jenem Alter gewesen, in dem ihr Körper die ersten weiblichen Anzeichen gezeigt hatte. Zudem war sie hübsch, mit zarten Sommersprossen, braunen Augen und den seltenen blonden Haaren, die jeden Sapioner sofort auf sie aufmerksam machten.

Um ihre älteste Tochter zu schützen, hatte Alias Mutter eine drastische Entscheidung getroffen: Schorfmaden waren die schlimmsten Parasiten, die einen Menschen befallen konnten, winzig kleine Würmer, die sich von menschlicher Haut ernährten und ihre Eier in die tieferen Hautschichten legten. Dabei hinterließen sie schwärende Wunden, die sich immer weiter ausdehnten. In schlimmen Fällen konnten sie ganze Hautpartien zerstören, so dass der »Schorf« den halben Körper bedeckte, und wenn es sich noch weiter ausdehnte, starb man daran.

Doch Alias Mutter war der Ansicht gewesen, dass sich der Befall kontrollieren ließ. Also hatte sie Alia mit den Maden infiziert, hatte die Parasiten an ihren Armen und Beinen ausgesetzt, möglichst dort, wo die Wunden für alle sichtbar waren. Nur Alias Gesicht sollten die Schorfmaden nicht befallen, weil die Narben einen Menschen für immer entstellten.

Alias Hand zuckte bei der Erinnerung an die Maden. Der Schmerz, mit dem sie sich durch ihre Hautschichten gefressen hatten, war unerträglich gewesen. Fünf Tage hatte sie im Schreifieber verbracht, hatte um sich geschlagen und die Haut aufgekratzt, hatte gebrüllt und gekreischt, bis sie ihre Stimme verlor. Jeder im Dorf, bis hin zu den betrunkensten sapionischen Soldaten, hatte erfahren, dass das hübscheste Mädchen des Ortes von Schorfmaden befallen war. Und alle hatten gebührenden Abstand zu ihr gehalten.

Am fünften Tag hatte ihre Mutter angefangen, Alia zu behandeln, mit einer Tinktur, die dafür sorgen sollte, dass sich die Maden nicht mehr vermehrten. Die Medizin hatte gewirkt. Alias Schorfmaden waren nach und nach abgestorben und ihre Wunden verheilt. Nur die Narben an ihren Armen und Beinen sprachen bis heute von der schrecklichsten Qual ihres Lebens.

Aber die Medizin war so stark gewesen, dass sie nicht nur die Maden an der Fortpflanzung hinderte, auch Alia war seither unfruchtbar. Zumindest mit einer sehr hohen Wahrscheinlichkeit. Doch vermutlich war es besser so. Es war besser, wenn blonde Frauen keine Kinder bekamen. Kinder, die blonde Haare und blaue Augen besaßen, wurden verschleppt und der Blutgöttin geopfert.

Dass Alias Augen braun waren, war ihre Rettung. Dennoch waren ihre blonden Haare gefährlich und mussten um jeden Preis versteckt werden. Schon seit dem ersten Überfall der Sapioner färbte sie ihre Haare mit rotpigmentierter Erde, um ihnen die Farbe zu geben, die nahezu allen Faruanern zu eigen war. Seither unterschieden sich Alias Haare nur noch durch eines von denen der anderen: Sie waren zottelig und dreckig, fast immer verknotet wie ein strauchiges Gewächs. Das wiederum passte zu ihrem Ruf als Schorfmade.

Alia wusste, dass sie gut daran tat, sich diesen Ruf zu erhalten. Die wenigsten Menschen wussten etwas über Medizin, und die Sapioner waren in dieser Hinsicht so ungebildet wie ein neugeborenes Kind. Daher glaubten sie an das Gerücht, dass man Schorfmaden niemals ganz loswurde, dass ihre Eier unter der Haut sitzen blieben, um von dort aus Menschen anzustecken, mit denen man engen Kontakt hatte.

Die Schorfmaden waren also noch immer Alias Rettung. Jeden Morgen rieb sie rötlichen Dreck auf ihr Gesicht, auf ihre Arme und Beine und in die Haare, um einen verwahrlosten Eindruck zu machen. Auch wenn die meisten wussten, dass sie keine akuten Schorfmaden mehr hatte … Unter dem Dreck ließ sich kaum erkennen, wie viele Narben die Parasiten tatsächlich hinterlassen hatten. Nur Mariusch wusste, dass Alia noch immer so hübsch war wie eh und je.

Kurz bevor sie die Kreuzung erreichte, an der der Nebengang in den Hauptgang einmündete, geriet die Kolonne der Sklaven ins Stocken. Alia stellte ihr Fass ab und richtete sich so weit wie möglich auf. Doch der Gang war noch immer so niedrig, dass sie ihren Kopf nach vorne neigen musste.

In kleinen Schüben ging es voran, bis Alia endlich in den Hauptgang trat. Auf den Schienen vor ihnen stand eine Lore. Die Sklaven rollten die Fässer die Laderampe hinauf und stellten sie oben nebeneinander. Alia nutzte eine weitere Pause, um sich zur vollen Größe aufzurichten. Nur hier, in den Hauptgängen, war die Decke hoch genug, um gerade zu stehen.

»Alia.« Eine heisere Stimme erregte ihre Aufmerksamkeit, nur wenig von ihr entfernt und trotzdem aus einer Richtung, die sie nicht einordnen konnte. So gut es im Halbdunkel möglich war, sah Alia sich um, blickte nach vorne, an Gunried vorbei, die gerade ihr Fass kippte und auf die Rampe zurollte. Doch sie konnte niemanden entdecken.

»Ich bin hier.« Es war Filis Stimme. Aber sie stand nicht vorne neben der Lore, wo sie dafür verantwortlich war, das plumpe Erdpony zu führen, sondern seitlich am Rand des Tunnels, in einer Nische, die das Licht der Wandfackeln nicht erhellen konnte.

Alia spähte in die Richtung, aber sie konnte nicht viel erkennen. »Warte. Ich komme sofort«, wisperte sie.

Direkt vor ihr mühte Gunried sich mit dem Fass ab. Mit zitternden Gliedern stemmte sich die alte Frau dagegen, um es über die Laderampe zu rollen. Alia konnte ihr ansehen, dass sie jeden Moment loslassen würde. Schnell sprang sie nach vorne, lehnte sich neben Gunried und drückte das Fass über den letzten Buckel der Rampe. Mit einem Poltern rollte es oben gegen die anderen.

»Ich hätte das auch allein geschafft«, knurrte Gunried, kletterte hinter dem Fass her und stellte es auf.

Alia nickte und trat einen Schritt zurück. Sie wusste, warum sich die Alte nicht für die Hilfe bedankte. Eine Schwäche einzugestehen, war gefährlich. Wer es heute nicht mehr schaffte, das Fass die Rampe hinaufzurollen, der scheiterte morgen womöglich an den steilen Gängen des Bergwerkes.

Alia beeilte sich, ihr Fass auf die Lore zu manövrieren, stellte es hin und sprang wieder nach unten. Während Marille noch mit ihrem Fass beschäftigt war, scherte Alia aus der Sklavenreihe aus und trat in die Schattennische, in der sich Fili versteckt hielt.

»Alia.« Ihre Freundin krächzte. »Du musst mir helfen.«

Erst jetzt sah sie, in welchem Zustand sich Fili befand: Ihr Kleid war von der Brust abwärts zerrissen. Sie klammerte ihre Hände um die zerfetzten Teile und zog sie nur notdürftig vor ihre Brüste. »Ich kann nicht mehr«, flüsterte sie. »Burk hat es auf mich abgesehen. Er hält Wache im oberen Gang, und immer, wenn ich das Erdpony durch sein Revier führe …« Sie stockte, Tränen liefen über ihr Gesicht und zeichneten helle Spuren auf ihre Wangen. »Er fasst mich überall an … Beim Abendappell bin ich an der Reihe, sagt er.«

Alia starrte ihre Freundin an, bemühte sich darum, nicht auf ihr zerrissenes Kleid zu schauen.

»Bitte hilf mir«, flehte Fili. »Bitte lass uns die Arbeit tauschen. Von mir aus für immer. Dir wird er nichts tun, und ich rolle lieber für den Rest meines Lebens Fässer.«

Alia nickte und schüttelte gleich darauf den Kopf. »Natürlich tauschen wir. Aber nur heute.« Sie räusperte sich. »Oder immer dann, wenn er Dienst hat. Aber bestimmt nicht für immer. In den unteren Gängen Fässer zu rollen, ist ein Dreckrattenleben. Das willst du nicht.«

Fili schniefte, ein Tropfen Licht verirrte sich in ihre Richtung und spiegelte sich in ihren Tränen. »Das ist mir egal. Ich will nicht an der Reihe sein. Ich bin verlobt, ich möchte bald heiraten. Meinst du, Druscho nimmt mich noch, wenn Burk mit mir fertig ist?«

Alia senkte den Blick. Burk war noch jung und hatte bislang nicht zur Auslese antreten müssen, was in der Kultur der Sapioner bedeutete, dass er noch nicht verheiratet war. Angeblich bekamen sapionische Männer bis zu ihrer Hochzeitsnacht nicht eine sapionische Frau zu Gesicht. Selbst von ihren Müttern wurden sie getrennt, wenn sie noch klein waren. Umso gieriger waren sie auf faruanische Sklavinnen.

Und Burk war von allen Wachsoldaten der grausamste. Tagsüber belästigte er die Mädchen im Bergwerk, und jeden Abend wählte er sich eines aus, das mit ihm gehen musste. Kaum jemand wusste, was er mit ihnen tat. Nur die Augen der Mädchen hatten jeglichen Glanz verloren, wenn Burk sie wieder gehen ließ. Er zerbrach ihre Seelen innerhalb einer einzigen Nacht.

Alia war eine der wenigen, die ahnte, was er mit ihnen tat. Sie hatte die Wunden gesehen, die Burk seinen Opfern zufügte. Nicht alle Wunden, ganz sicher nicht. Aber die schlimmsten. Denn meistens kamen die Mädchen erst dann zu ihr, um sich behandeln zu lassen, wenn sich die Wunden entzündeten oder wenn sie so viel Blut verloren, dass es sie beinahe umbrachte.

Jetzt also Fili, ihre beste Freundin.

»Burk tut das mit Absicht«, flüsterte Alia. »Bis jetzt hat er jedes Mädchen ausgewählt, das sich frisch verlobt hat.«

Fili verzog das Gesicht. »Ja, ich weiß. Druscho hätte unsere Verlobung nicht im ganzen Dorf bekannt geben sollen. Aber du kennst ihn doch. Er ist viel zu stolz. Er hätte sich nicht daran hindern lassen.«

Alia presste die Lippen aufeinander. Sie hatte ihrer Freundin nie von den Wunden der anderen Mädchen erzählt. Doch das, was Burk ihnen zufügte, waren regelrechte Folterkunstwerke: sorgfältig abgetrennte Hautfetzen, unter denen das rohe Fleisch hervorkam, oder großflächige Muster, mit glühenden Eisen in die Haut gebrannt. Allein diese Wunden erzählten die Geschichte einer grausamen Nacht. Doch die Folter schien nur das Vorspiel zu sein. Die meisten der Mädchen baten um einen Abtreibungstrank. Auch die Stellen, die Burk verletzte, waren privat, die intimsten Zonen einer Frau.

Alia musste schlucken, um die aufsteigende Übelkeit zurückzudrängen. »Den Dienst zu tauschen, reicht nicht. Wir müssen dich verstecken. In den verbotenen Gängen. Ich weiß, wo. Ich kenne mich aus.«

Erschrocken schüttelte Fili den Kopf. »Du meinst, ich soll mich zwischen die Leichen und Skelette kauern, die da unten ertrunken sind? Und dort soll ich dann wie lange ausharren? Tagelang? Einen Blutmonat? Bis Burk meine Familie in Sippenhaft genommen und umgebracht hat?« Sie schüttelte noch einmal den Kopf. »Auf keinen Fall! Lieber lasse ich mich von ihm entjungfern und tue dann so, als wäre nichts gewesen.«

Alias Übelkeit wallte auf. Mit der Sippenhaft hatte ihre Freundin recht. Fili hatte jüngere Geschwister und eine alte Mutter, die nur noch mühselig die Arbeit der Sklaven verrichten konnte. Sie alle würden leiden müssen, wenn Fili verschwand. Ganz zu schweigen davon, was geschah, wenn Burk den stillgelegten Teil des Bergwerkes durchsuchen ließ. Alia selbst verbarg ihr größtes Geheimnis dort unten: das Liebste und Teuerste, was ihr abgesehen von Mariusch noch geblieben war. Ihre kleine blonde Schwester.

Nicht einmal Fili durfte erfahren, dass Nelja noch lebte. Wie alle anderen glaubte sie, Alias Schwester wäre vor vielen Jahren von den Blutsuchern verschleppt worden, weil sie blond und blauäugig war und damit ein perfektes Opfer für die Blutgöttin darstellte.

Jeden Monat forderte die grausame Sapia ein Opfer, ein blondes, blauäugiges Mädchen, um ihre blutrünstige Gier zu stillen. Doch blonde Frauen und Mädchen waren selten geworden. Um die letzten blonden Kinder zu finden, zog der Blutsohn mit seinen Horden durch sämtliche Sklavenkolonien. Auch in ihrem Dorf waren die Blutsucher schon dreimal aufgetaucht. Eine Horde von blonden Männern auf weißen Pferden, die jeden Winkel des Dorfes durchsuchten, um blonde und blauäugige Kinder zu finden. Ein Merkmal allein reichte ihnen nicht. Nur wenn die Kinder beides besaßen, wurden sie mitgenommen.

Doch Nelja hatten sie nie gefunden. Irgendjemand hatte Alias Mutter gewarnt, noch bevor die Blutsucher das erste Mal aufgetaucht waren, und seither hielten sie ihre kleine Schwester versteckt. Sogar vor ihren engsten Freunden. Nur Alia und Mariusch wussten, dass Nelja noch lebte. Seit zehn Blutjahren, seitdem das Bergwerk errichtet worden war, fristete sie ihr Dasein unter Tage. Ohne jemals nach draußen zu gehen, war Nelja von einem Kleinkind zu einem Mädchen herangewachsen. Es war nicht auszudenken, was geschehen würde, wenn die Sapioner den verbotenen Teil des Bergwerkes durchsuchten …

Verzweiflung stieg in ihr auf. Sie musste ihrer Freundin helfen, musste sie vor Burk bewahren. Aber alles, was ihr einfiel, kam zu spät: »Wir hätten mit dir das Gleiche tun sollen wie mit mir. Nicht einmal Burk hat Interesse an einer Schorfmade.«

Fili riss erschrocken die Augen auf. »Schorfmaden? Bist du des Wahnsinns? Ich lasse mich doch nicht mit diesen Viechern infizieren. Das ist es nicht wert.«

Alia zuckte zusammen. Sie konnte spüren, wie ihre Freundin versuchte, durch den Dreck auf ihre Haut zu sehen. Nicht einmal Fili wusste, dass Alias Gesicht unversehrt war.

»Sieh an, sieh an! Heimliche Schorfmadengespräche im Schatten!« Plötzlich stand Marille neben ihnen. »Ihr wollt euch wohl drücken. Soll ich die Wachen rufen?« Sie warf einen abschätzigen Blick auf Filis zerrissenes Kleid. Gleich darauf verzogen sich ihre Mundwinkel zu einem Grinsen. »Lass mich raten: Burk hat dich auserkoren? Dann viel Spaß heute Nacht!«

Alia hielt die Luft an. Fili wich einen Schritt zurück. »Wir haben nur unseren Dienst getauscht«, haspelte sie. »Ich komme mit euch in die Wasserkolonne, und Alia führt das Erdpony und bringt die Lore nach oben.«

Marille lachte auf. »Du willst dich also hier unten verstecken? Netter Versuch. Aber glaub ja nicht, dass du Burk entkommst. Er hat eine Vorliebe für Mädchen, die wegrennen.«

Fili wich noch weiter zurück, drehte sich um und reihte sich hinter den anderen Sklaven ein, die sich die leeren Fässer von der Nachbarlore holten, sie auf ihre Rücken schnallten und wieder den Gang hinabliefen. Marille folgte ihr, ohne Alia noch eines Blickes zu würdigen.

Während Alia den beiden nachsah, stieg eine merkwürdige Erinnerung in ihr auf: Rötliches Morgenlicht fiel durch die Ritzen in die Hütte ihrer Eltern, ein verhaltenes Klopfen pochte an die Tür. Ein weinendes Mädchen in zerrissenen Kleidern stand davor, als ihre Mutter öffnete: Marille. Sie murmelte einen Namen, in dem der größtmögliche Schrecken lag: Burk.

Hieß das, Marille war eines seiner ersten Opfer gewesen? Damals, als Alia noch fast ein Kind gewesen war, als ihre Eltern noch gelebt hatten und ihre Mutter wie eh und je die Kranken des Dorfes behandelt hatte? Marille war nur wenige Blütezyklen älter als Alia. Innerhalb einer einzigen Nacht hatte Burk ihre Würde, ihr Selbstwertgefühl und ihre Weiblichkeit zerbrochen, die schlagartig zu ihrem ärgsten Feind geworden war. Vermutlich war sie deshalb so zynisch.

»He! Wer ist für dieses Erdpony zuständig?« Einer der Sklaven rief durch den Tunnel und riss Alia in die Gegenwart zurück. Um sie herum war Unruhe aufgekommen. Die Lore war bis zum Rand mit Wasserfässern beladen. Auf dem gegenüberliegenden Gleis parkte bereits die nächste Lore. Alia musste sich sputen, musste Filis Aufgabe übernehmen, ohne den Ablauf zu behindern. »Ich bin zuständig«, rief sie und eilte zu dem Erdpony.

Das dicke, plumpe Tier wusste seine Freiheit zu nutzen, schnüffelte mit der Nase am Boden, kratzte mit den breiten Hufen über die festgetretene Erdkruste, als wolle es jeden Moment anfangen, einen Gang zu graben.

»Halt, Dickerchen.« Alia fasste nach seinem Geschirr, zog seinen länglichen Kopf nach oben und klopfte ihm den kurzen Hals. »Nicht graben. Du bist ein Zugtier!«

Das Erdpony spitzte die runden Ohren, wandte sich in Alias Richtung und beschnüffelte ihr Gesicht.

Alia musste lachen: »Ich weiß, ich weiß, du kennst mich nicht. Aber ich bin nett zu dir.« Sie streichelte dem Tier zwischen den winzigen Augen über die Stirn. Erdponys waren blind und so ziemlich die hässlichsten Tiere, die es gab. Aber sie waren gutmütig und ausgesprochen nützlich für die Arbeit unter Tage. Nicht nur dass sie einen natürlichen Hang besaßen, nach Wasser zu buddeln und unterirdische Tunnel zu graben, sie waren auch ausgesprochen kräftig und ließen sich bereitwillig anspannen und mit ihrer Last durch die Gänge führen. Allerdings musste man permanent aufpassen, dass sie nicht anfingen, Löcher zu graben. Vermutlich würden sie mitsamt der angespannten Lore in die Tiefe abtauchen, wenn man sie nur lange genug unbeaufsichtigt ließ.

Alia musste schmunzeln. »Auf geht’s, Dickerchen! Zieh das Wasser nach oben, und du darfst ein paar Schlucke davon trinken, wenn wir ankommen.« Sie klopfte ihm auf den runden Po, ließ ihre Hand in dem braunen Fell liegen und spürte, wie sich die kräftigen Muskeln darunter anspannten. Mit einem leisen Schnauben legte sich das Pony ins Geschirr, stemmte die kurzen Beinchen in den Boden und zog die Lore voran. Von nun an musste Alia nur noch darauf achten, dass es auf dem Gleisbett blieb und nicht versuchte, in einen der Nachbartunnel auszubrechen. Immer wieder senkte das Erdpony den Kopf, schnupperte rechts und links über den Boden und sah so aus, als wollte es sich am liebsten in die Tiefe hinabgraben. Alia wusste nicht, wie alt dieses Tier war, aber sie würde wetten, dass es noch jung war.

»Eigentlich ist es ganz leicht, Wasser zu finden«, hatte Mariusch ihr vor einiger Zeit erklärt. »Du musst nur auf die Tiere achten. Es gibt so viele Arten, die darauf spezialisiert sind, sich tief im Erdreich mit Wasser zu versorgen. Man muss nur lernen, ihr Verhalten zu deuten, und schon hat man das ganze Geheimnis entschlüsselt.«

Mariusch war ein Meister darin, das Verhalten der Tiere zu deuten und sie für sich suchen zu lassen. Auch wenn das bedeutete, dass er sein Bett mit drei anhänglichen Wasserzauseln teilen musste, die sich von allen Seiten an ihr Herrchen kuschelten und Alia nur knurrend dazwischenließen.

Alia hatte nicht halb so viel Talent im Umgang mit Tieren. Ihr größtes Interesse bestand darin, die Menschen und ihre Umwelt zu beobachten und zu versuchen, Antworten auf die Fragen zu finden, die sie beschäftigten. Warum zog sich das Wasser immer weiter unter die Erde zurück? In ihrer Kindheit hatte es noch Seen und Flüsse gegeben, in denen man baden konnte … und jetzt? Dort, wo früher ihr Lieblingsteich gelegen hatte, gab es nur noch ein trockenes Loch. Selbst die Wälder verdorrten, und jede Pflanze, die wachsen sollte, musste mit unterirdischem Wasser beträufelt werden.

Aber Tierarten, die gut darin waren, das unterirdische Wasser zu finden, hatte es auch früher schon gegeben. Ebenso wie Pflanzen, deren Pfahlwurzeln tausend Mannslängen tief in die Erde reichten. Wieder anderen Tieren und Pflanzen machte die Dürre kaum etwas aus.

Doch musste das alles nicht bedeuten, dass es schon andere Zeiten gegeben hatte, in denen sich das Wasser so weit zurückgezogen hatte? Diese schreckliche Dürre, die ganz Ruann quälte, die ewige Kriege über das Land trieb und die Sapioner dazu brachte, alle anderen Völker zu überfallen und zu versklaven. Was wenn diese furchtbare Dürre nichts Neues war, sondern ein uraltes Phänomen, das einfach nur vergessen worden war? Direkt nach der Eroberung hatten die Sapioner verboten, die alten Geschichten zu erzählen. Ob sich darin die Wahrheit finden ließ?

Alia konnte nicht aufhören, darüber nachzudenken. In ihren Tagträumen war Farua noch immer das Land der tiefen Wälder und dichten Wiesen, der Seen und Flüsse, die sich zwischen weiche Hügel duckten. An manchen Tagen sah sie das Bild so deutlich vor sich, dass sie erschrak, wenn sie am Abend ans Tageslicht stieg, wenn sie über die staubigen Wege lief und ihr Blick über die toten Baumskelette streifte, die am Rand des Dorfes zusammengebrochen waren.

Aber wenn es das alles schon einmal gegeben hatte, vielleicht würde die Dürre auch dieses Mal wieder vorbeigehen? Oder war es so, wie die Sapioner sagten: Mussten sie Monat für Monat Sapias blutrünstige Gier stillen, um die vollkommene Austrocknung zu verhindern? Stimmte es, dass die grausame Göttin erst dann Ruhe gab, wenn ihre Krieger die ganze Welt erobert hatten?

Zumindest die Sapioner schienen davon überzeugt zu sein. In ihren Gebeten versprachen sie der Göttin, sich für ihre Ziele hinzugeben. Auch die meisten Sklaven hatten sich der Religion der Sapioner angepasst, schon allein deshalb, weil sie nicht verfolgt werden wollten.

Alia hingegen glaubte lieber an die Götter ihres eigenen Volkes. Vielleicht gab es unter ihnen eine Gottheit, die in der Lage war, den Krieg aufzuhalten und das Wasser nach Ruann zurückzubringen. Doch Alia wusste viel zu wenig über die faruanischen Legenden. Die meisten Geschichten ihrer Kindheit waren nur noch eine vage Erinnerung.

Der Tunnel, durch den Alia das Erdpony führte, wurde immer breiter. Immer weitere Gleise mündeten aus anderen Bergwerksabschnitten ein, bis fünf Loren nebeneinander den Tunnel hinauffuhren. Auf der anderen Seite des Ganges führten fünf Gleise hinab.

Nicht zum ersten Mal fragte Alia sich, warum die breiten Tunnel nicht zusammenbrachen. Aber sie war keine Statikerin. Nur wenige der Sklaven wussten, wie man ein solches Bergwerk baute, und sie waren vorsichtig damit, ihr Wissen weiterzugeben. Immerhin sicherte es ihnen und ihren Familien den größtmöglichen Sonderstatus. Die Familien der Bergwerksbauer waren die einzigen, die außerhalb des umzäunten Sklavendorfes in Freiheit leben durften. Sogar die Frauen in Kobens Familie waren sicher. Wenn ein sapionischer Wachsoldat wie Burk die Tochter von Koben auch nur zu lange ansah, würde er noch am selben Tag hingerichtet werden.

»Na, sowas …« Eine raue Stimme durchbrach Alias Gedanken. Erst jetzt entdeckte sie Burk, der am Rand ihres Gleises an einem Felsen lehnte. In der rechten Hand hielt er ein Messer, in der Linken einen Stein, mit dem er die Klinge schärfte. »Dort, wo eben noch ein hübsches Mäuschen lief, kriecht jetzt eine dreckige Schorfmade durch den Tunnel.« Er löste sich von der Wand und kam über das Gleis auf sie zu. Seine schwarze Lederhose knirschte mit jedem Schritt.

Alia spürte den Drang, ihm mit erhobenem Haupt entgegenzutreten. Sie wollte ihm zeigen, dass sie sich nicht vor ihm fürchtete. Unweigerlich fiel ihr Blick auf seine schwarzen Haare. Sie hingen lang über Burks Schultern, doch auf der rechten Seite konnten sie nicht über die kahle Stelle hinwegtäuschen, die sich in einer großflächigen Narbe über seinen Kopf zog.

Feuer. Seine Haare mussten gebrannt haben, um eine solche Narbe zu hinterlassen. Doch es war nicht der übliche kurze Strohbrand gewesen, bei dem Haare in Flammen aufgingen und sofort wieder erloschen. In seinen Haaren musste eine Substanz geklebt haben, die sie dauerhaft brennen ließ wie den Docht einer Kerze: Wachs … oder Harz. Ob seine Narbe im Kampf entstanden war? Oder hatte ihn jemand mit Absicht so gequält?

Die Narbe sah alt aus, grauweiß und mit einem Glanz, als würde sich die zerstörte Haut nur mit Mühe über seinen Kopf dehnen. Vermutlich hatte er die Verletzung schon als Kind erlitten.

»Was starrst du so?!« Burk blieb mit gebührendem Abstand stehen und spuckte vor ihr aus. »Schorfmade!«

Alia hätte ihn fragen können, ob er häufig Kopfschmerzen hatte. Wenn die vernarbte Haut so sehr über seinem Schädelknochen spannte, durfte sie davon ausgehen. Vor allem das Sonnenlicht oder die Helme, die die Sapioner im Kampf trugen, dürften ihm zusetzen. Doch es war besser, ihn nicht weiter zu provozieren. Also senkte sie den Kopf und führte das Erdpony an ihm vorbei.

»Du schuldest mir noch was!« Burk schnalzte mit der Zunge. »Wo ist das Mäuschen, das mir die nächste Nacht versprochen hat?«

Sie hat dir gar nichts versprochen. Die Worte lagen auf Alias Zunge. Doch sie durfte nicht frech werden. »Getauscht«, flüsterte sie.

Burk lachte auf. »Dummes Mäuschen! Glaubt sie etwa, die Katze würde sie in ihrem Loch nicht finden? Katzen warten einfach, bis das Mäuschen rauskommt.« Er steckte das Messer in seinen Gürtel. »Ich freue mich schon auf den Abendappell. Das kannst du deiner Freundin ausrichten!«

Alia zerrte an den Zügeln des Erdponys, ging schneller und ließ Burk hinter sich zurück. Wenn er wüsste, dass ihre Mutter sämtliches Heilwissen an sie weitergegeben hatte, dann würde er sie sicher um eine Medizin gegen seine Kopfschmerzen bitten, und sie könnte ihm eine Dosis verabreichen, die ihn langsam, aber sicher vergiftete. Doch die Sapioner durften nicht wissen, dass es noch immer Heiler unter den Faruanern gab, und wenn Burk es erfahren sollte, wäre sie ihres Lebens nicht mehr sicher.

Dabei war Alia keine echte Heilerin. Sie besaß nicht das Talent und die Leidenschaft ihrer Mutter. Sie tat es nur, weil es sonst niemanden gab, der sich um die Kranken kümmerte. Doch eines Tages würde sie fliehen. Wenn es ihr gelang, sich bis zum Waldgürtel von Farua durchzuschlagen, könnte sie sich den Partisanen anschließen. An ihrer Seite wollte sie kämpfen, damit es den Sapionern niemals gelang, durch den Waldgürtel zu dringen und das unabhängige Nordfarua einzunehmen. Am liebsten wäre Alia sofort aufgebrochen. Allein ihre Liebe zu Mariusch und die Fürsorge für Nelja hinderten sie daran. Und zu dritt wäre es weitaus schwieriger zu fliehen.

Dennoch spürte sie ein aufgeregtes Bauchkribbeln, als der Ausgang des Bergwerkes vor ihr lag. Helles Licht strömte in den Tunnel und zwang sie, die Augen zusammenzukneifen. Draußen endeten die Schienen auf dem Umladeplatz. Mehr als fünfzig Sklaven liefen durch die pralle Sonne, rollten die vollen Fässer von den Loren und verluden sie auf Wagen. Um sie herum wuselten die sapionischen Fahrer der Kutschen, genauso wie die Wachen, die hier draußen das größte Aufgebot stellten. Der Umschlagplatz war das einzige »Tor« nach draußen, das regelmäßig von Sklaven betreten wurde, und die Kutschen boten etliche Möglichkeiten, sich zwischen Fässern und unter Lederplanen zu verstecken.

Wenn Alia allein wäre, hätte sie es längst versucht. Aber mit einer geschwächten, kleinen Schwester war das Risiko zu groß. Um zusammen mit Nelja zu entkommen, musste sie einen anderen Weg finden. Alia unterdrückte ein Fluchen, führte das Erdpony auf das Umladegleis und spannte es aus. Im Gleis nebenan stand eine Lore mit leeren Fässern, die sie zurück in ihren Tunnelabschnitt bringen musste. So schnell sie es hinbekam, schirrte sie das Erdpony an und führte es zurück in den Tunnel.

Als ihr der verfaulte Geruch des Bergwerkes entgegenschlug, wallte die Übelkeit in ihrem Magen auf. Vielleicht war es doch besser, in den Tiefen der Tunnel ein Dreckrattenleben zu führen, anstatt hier oben die Freiheit zu riechen und dann wieder in die Dunkelheit abzutauchen. Nur das Erdpony schien im Schatten der Tunnel aufzuwachen und zog die Lore so munter das Gleis hinab, dass Alia Mühe hatte, ihm zu folgen.

Sie waren gerade auf Ebene neun angelangt, als ihnen aufgeregte Schreie entgegenkamen: »Neue Wasserader gefunden! Ebene zwölf bis acht sofort evakuieren!« Die Schreie stammten von den Sklaven, die aus den tieferen Ebenen kamen. Von allen Seiten strömten sie in den Haupttunnel, liefen, so schnell sie konnten, und schubsten sich zur Seite. Wer im Hauptgang zu tun hatte, ließ alles stehen und liegen und rannte mit den fliehenden Sklaven nach oben.

Nur Alia erstarrte inmitten des Stromes. Bilder von einem ähnlichen Szenario tobten durch ihren Kopf, von einem anderen Tag mehrere Blutjahre zuvor, an dem sie die gleichen Schreie gehört hatte, dicht gefolgt von dem Gurgeln des Wassers, das aus den Tiefen der Tunnel heraufdrang. Es war so greifbar, als würde es ein weiteres Mal geschehen …

Ihre Mutter war dort unten gewesen und niemals ans Tageslicht zurückgekehrt.

Jetzt war Mariusch in den Tiefen auf Ebene zwölf, dort, wo sie die neue Wasserader gefunden hatten. Es musste eine sprudelnde Quelle sein, wenn sie ganze fünf Ebenen evakuierten, eine unterirdische Höhle, in der das Wasser seit Jahrtausenden eingeschlossen war.

Genauso wie damals!

Wenn die Wassersucher die Steinschichten am Rand einer solchen Höhle durchbrachen, dann gab es keine Garantie, den nächsten Atemzug noch zu erleben. Wenn es brüchige Gesteinsschichten waren, konnten sie zersplittern wie zerschlagenes Eis, und das Wasser flutete die Tunnel. Damals war ihre Mutter in den Fluten ertrunken, obwohl sie mindestens zwei Ebenen darüber gewesen war. Und heute …

»Mariusch. Nelja.« Ohne ihr Zutun setzten sich Alias Beine in Bewegung. Sie ließ das Erdpony stehen und rannte, doch nicht nach oben, sondern den Sklaven entgegen, die immer dichter von unten heraufdrängten. Sie versuchte, im Slalom an ihnen vorbeizuhasten, bis sie sich an den Tunnelwänden entlangschieben musste, um vorwärtszukommen. Erst auf Ebene elf wurden die Gänge leerer. Als Letztes rannten ihr die Kinder von Ebene zwölf entgegen.

Dann wurde es still.

Erst als sie den Tunnel erreichte, der direkt in den Kern der zwölften Ebene führte, klang das Klirren eines einzelnen Steinmeißels zu ihr. Alia folgte dem Geräusch, ihr Atem keuchte, und ihr Herz bebte. Die Gänge wurden immer enger, bis sie kriechen musste, um den Tunneln zu folgen. Erst kurz vor ihrem Ziel öffnete sich der Gang zu einer kleinen Höhle. Das Licht einer Fackel erhellte das Steingewölbe, drei wild gewordene Wasserzausel tobten durch den winzigen Raum und jaulten aufgeregt.

Mariusch stand vor der Steinwand und klopfte so vorsichtig auf den Stein ein, als wolle er ein Loch in ein rohes Ei picken, ohne die Schale zu zerbrechen. Wenn das Wasser durch die Steinwand brach, würde er als Erster ertrinken.

Und Alia ebenso.

Die Wasserzausel hielten inne, wandten sich in ihre Richtung und knurrten.

Mariusch wirbelte herum, ließ die Spitzhacke fallen und starrte Alia an. »Bist du wahnsinnig?« Seine Worte klangen, als müsste er schreien. Doch tatsächlich flüsterte er. In einem Raum mit geborstenen Steinwänden war nichts gefährlicher als das Rufen eines Menschen. »Was machst du hier? Warum erschrickst du mich so? Willst du uns alle umbringen?«

Alia starrte ihn an. Er lebte! Seine aufrechte Haltung ließ ihn riesig wirken in der winzigen Höhle. Dunkelrote Strähnen klebten in seinem Gesicht, vom Schwitzen so nass, als hätte er gebadet.

Alia wusste selbst nicht, warum sie hierhergekommen war, konnte nicht in Worte fassen, was sie fühlte. Nur langsam formte sich der Gedanke: »Wenn ich dich auch noch verliere …«

Seine Züge wurden weich, fast glaubte sie, er würde sie in den Arm nehmen. Doch Mariusch wies nach draußen. »Dann geh! Lass mich arbeiten. Ich muss das Ventil einsetzen, dann ist alles gut.«

Alia wusste, dass es nicht so einfach war, dass er sein Leben riskierte. Eines Tages würde er dabei umkommen. Wenn nicht heute, dann an einem anderen Tag. Doch selbst im Angesicht des Todes war er vernünftiger als jeder andere Mensch.

»Wie kannst du so ruhig sein?« Die Frage rutschte ihr heraus.

Mariusch strich sich den Schweiß vom Gesicht, verwischte den Dreck auf seinen Wangen, bis sich dunkle Schlieren über seine Sommersprossen zogen. Mit einem Kopfnicken deutete er auf die Wasserzausel, von denen einer seinen langen Körper an den Felsen hinaufreckte und das tropfende Wasser von den Steinen leckte. »Wenn die Steinwand brechen würde, wären sie längst geflohen. Sie lieben mich, weil ich in der Nähe des Wassers bin, aber nicht so sehr, dass sie nicht ihr Leben zuerst retten würden.« Ein schiefes Lächeln erschien auf seinem Gesicht.

Alia wusste nicht, ob es ein echtes Lächeln war oder ob er sie nur beruhigen wollte. Am liebsten wäre sie ihm in die Arme gefallen. Nur noch einmal seine Wärme fühlen, seine Haut an ihrer Wange … Aber sie durfte es nicht. Jede Erschütterung konnte die Steinwand zum Einsturz bringen.

»Du musst gehen!« Mariusch wurde ernst. »Geh zu Nelja. Bring sie in Sicherheit. Wenn diese Wand bricht, ertrinkt sie genauso wie ich, nur ein kleines bisschen später.«

Nelja! Alia wurde schwindelig. Sie musste sich um ihre Schwester kümmern. Was hatte sie sich nur gedacht? Hatte sie geglaubt, dass Nelja im stillgelegten Teil des Bergwerkes vor einem Wassereinbruch sicher war? Auch wenn ihr Versteck zwei Ebenen höher lag, falls hinter dieser Steinwand eine Wasserhöhle lag, die auf die gleiche Höhe reichte, wäre der stillgelegte Teil genauso davon betroffen wie das restliche Bergwerk.

Wie betäubt wich Alia nach hinten, kroch zurück in den Gang, durch den sie gekommen war, und ließ Mariusch hinter sich. Er durfte nicht sterben … durfte es nicht …

In geduckter Haltung eilte sie durch die Tunnel, fing an zu rennen, sobald die Gänge weit genug wurden. Die Fackeln brannten still vor sich hin, als gäbe es keinen Grund, das Wasser zu fürchten.

Endlich erreichte Alia die Abzweigung, die in den verbotenen Teil des Bergwerkes führte. Ungesehen huschte sie in den dunklen Gang. Hier gab es keine Fackeln, nur eine Öllampe und Zündsteine, die sie in einer Felsnische versteckt hatte. Ungeduldig schlug sie die Steine aneinander, zehnmal, zwanzigmal, ehe einer der Funken so fiel, dass er den Docht der Öllampe entzündete.

Sobald das Licht brannte, rannte sie weiter. Nur noch fünf Biegungen des Tunnels, eine Steigung, die weiter hinab führte, und schon begann das Grauen, das von einer großen Tragödie erzählte. Bis hierher war das Wasser beim letzten Mal vorgedrungen, innerhalb weniger Augenblicke hatte es die Fliehenden eingeholt, die bis heute hier lagen: vermoderte Skelette, mumifizierte Leichen, einzelne Knochen, die längst von den Leibern getrennt worden waren. Der Verwesungsgeruch hing noch immer in den Tunneln und verfolgte Alia mit jedem Schritt. Dennoch musste sie weiter, sprang über die Leichen und bog von einem Tunnel in den anderen.

Schließlich lagen die Trümmer vor ihr. Die Wucht des Wassers musste gewaltig gewesen sein, um die Felsen auf diese Weise auseinanderzusprengen. Doch jetzt klafften sie auf wie die Ränder einer Wunde. Alia kletterte über die Felsen. Gleich darauf stand sie in der Höhle. Es war ein gewaltiges Gewölbe, das sich über ihr auftürmte, mehr als fünf Ebenen hoch. In dieser Höhle hatte das Wasser geschlummert, das ihre Mutter und hunderte andere getötet hatte. Von hier aus war es durch die Felsen gebrochen und ins Bergwerk geströmt.

Jetzt war die Steinhöhle trockengefallen. Sämtliche Wasserreste waren längst nach oben befördert worden. Doch ein Großteil des Wassers war durch die Leichen verseucht worden. Die Sapioner hatten es zwar fördern lassen, aber nicht als Trinkwasser. Nur ihre Felder hatten sie damit bewässert.

Alia hob den Kopf und schaute auf das, was sie an diesem Ort am meisten beeindruckte: In der Felsendecke waren große Löcher, durch die Lichtstrahlen hereinfielen. Die Wurzeln der Maruschkabäume hatten sich etliche Baumlängen in die Erde gebohrt, um hier unten von dem Wasserreservoir zu zehren. Doch mit dem Trockenfall der Höhle waren auch die riesenhaften Bäume vertrocknet und im Sturmwind umgestürzt.

Zurückgeblieben waren die Wurzellöcher.

Vielleicht war es die Gewohnheit, die Alia innehalten ließ, um das Lichtspiel zu bewundern. Beinahe hätte sie die Bedrohung vergessen …

Bis sie ihre Schwester entdeckte: Nelja lag weiter hinten auf dem Felsboden, direkt unter einem der Löcher im Licht. Alia löste sich aus der Starre, rannte zu ihrer Schwester und fiel neben ihr auf den Boden. »Nelja! Was machst du hier? Warum bist du nicht im Versteck?«

Nelja rührte sich nicht. Einen Moment lang blieb sie mit geschlossenen Augen liegen. Dann flatterten ihre Lider und öffneten sich. Blaue Augen strahlten Alia entgegen. »Ich dusche im Licht«, murmelte sie. »Das tue ich oft. Jeden Tag, solange Rabanus am Himmel steht. Wusstest du das nicht?«

Alia schüttelte den Kopf. Sie war nicht oft mitten am Tag hier. Normalerweise mussten die Besuche bei ihrer Schwester bis kurz vor Dienstende warten.

»Ich habe Meikje mit hergebracht.« Nelja deutete zur Seite. Nicht weit von ihr entfernt lag Meikje unter einem der Lichtstrahlen. Das kleine Mädchen war genauso blond und blauäugig wie Nelja, allerdings einige Blutjahre jünger. Und nicht mit Alia verwandt. Meikjes Mutter war vor einiger Zeit an der Staubkrankheit gestorben. Seither waren Nelja und Alia die einzigen Menschen, die sich um sie kümmerten.

Doch es stand schlecht um die Kleine. Schon lange. Die Dunkelheit setzte ihr zu, ließ sie blass und krank werden, und ihre Worte verstummen. Inzwischen grenzte es an ein Wunder, wenn sie Nelja etwas zuflüsterte.

Alia glaubte nicht, dass Meikje noch lange durchhalten würde. Allein das Essen, das sie für die beiden abzweigte, war knapp. Das meiste davon nahm sie aus Mariuschs Extrarationen. Eigentlich müsste es gerade so ausreichen, aber Meikje aß kaum etwas davon. Vermutlich trauerte sie noch um ihre Mutter. Die Staubkrankheit hatte ihr das Atmen schwer gemacht, bis sie während der Arbeit zusammengebrochen und nicht mehr aufgestanden war.

»Stellt euch vor, wir wären draußen …« Nelja fing an zu erzählen, so wie sie es oft tat.

Doch Alia musste sie unterbrechen: »Wir müssen weg von hier. Mariusch hat eine neue Wasserader gefunden, eine Wasserhöhle wie diese hier. Wenn die Felsen brechen, dann …« Der Rest ihrer Worte verklebte sich in ihrer Kehle.

Nelja richtete sich auf. Ihr schmales Kindergesicht wirkte alarmiert, während sie sich an ihre Freundin wandte. »Meikje, hast du gehört? Wir müssen weg!«

Alia sah sich um. Wohin sollten sie fliehen? Erst jetzt dachte sie darüber nach. Sie konnten das Bergwerk nicht verlassen. Niemand durfte Nelja und Meikje sehen. Also mussten sie im stillgelegten Teil bleiben. Nur wo?

Die unterirdische Höhle verlief in einer Schräge. »Bergauf!«, rief sie. Etwas Besseres fiel ihr nicht ein.

Nelja stand auf, beugte sich zu Meikje und wollte sie an der Hand hochziehen. Vergeblich. Das kleine Mädchen blieb teilnahmslos liegen. Alia ging zu ihnen, gab Nelja die Öllampe und hob Meikje auf den Arm. Sie war leicht, viel zu leicht für ihre Größe. Alia wusste kaum, wie sie das Mädchen halten sollte, ohne ihren knochigen Körper zu verletzen.

Dennoch lief sie voran, rannte über die Felsen der Wasserhöhle, die immer weiter bergauf führten. Das Wasser hatte die Steine glattgeschliffen. Trotzdem wurde der Boden unter ihren Füßen immer unebener. Buckelig und rund hoben sich die Felsgebilde aus dem Untergrund und machten ihr Vorankommen immer mühseliger. Nur über ihnen leuchteten die Wurzellöcher der Maruschkabäume. Je höher sie kamen, desto näher rückte die Felsendecke. Schließlich verlor sich das Gefühl, durch eine weite Höhle zu laufen. Zuletzt mussten sie über die Felsen hinwegklettern, immer dichter an die Lichtleiter und die Decke heran. Es war nicht leicht, mit einem Mädchen über den Schultern zu klettern, zumal Meikje schlaff dahing und Alia sie entweder festhalten oder ihr Gewicht so verlagern musste, dass die Kleine nicht herabrutschte.

Schließlich erhob sich direkt vor ihnen eine Felswand und ließ sie nicht weiter. Nelja keuchte. Alia wusste nicht, ob ihre Schwester jemals so schnell gerannt war. In all den Blutjahren des Versteckens hatte sie die meiste Zeit im Sitzen oder Liegen zugebracht. Jetzt zitterten ihre Beine, und auf ihrer Stirn stand glänzender Schweiß. Allein deshalb wäre es schwierig, zusammen mit ihr zu fliehen. Ganz zu schweigen von Meikje, die sie weder allein zurücklassen noch mitnehmen konnten.

»Schau mal!« Nelja wies auf eines der Wurzellöcher. Es war dicht über ihnen, nah genug, um mit der Hand seinen Rand zu berühren. Nelja wankte unter das Loch und schaute nach oben. Plötzlich klang sie aufgeregt: »Wir sind ganz dicht unter der Oberfläche! Guck doch endlich!«

Alia legte Meikje vorsichtig auf den Boden, trat zu ihrer Schwester und blinzelte in das grelle Licht. Tatsächlich schien die Freiheit nicht weit weg zu sein, sogar einen Luftzug konnte sie spüren. Oder war es Einbildung?

Allmählich gewöhnten sich ihre Augen an die Helligkeit, bis sie die Länge des Wurzelschachtes abschätzen konnte: Selbst wenn man leicht in das Loch hineingelangte, wäre der Schacht immer noch zu lang, um ihn hinaufzuklettern. Alia schätzte die Höhe auf ein bis zwei Bergwerksebenen. Selbst wenn man von der halben Höhe herabfiele, wäre der Tod sicher.

»Wenn wir eine Leiter hätten, die den Schacht hinaufführt …«, murmelte Nelja. »So wie die Kinder vom Sonnengott, die vom Himmel gefallen sind und sich eine Leiter bauen, um wieder hinaufzuklettern.«

Eine Leiter! Alia hielt den Atem an.

»Gibt es die Kinder vom Sonnengott wirklich?«, meldete sich Meikje ganz leise zu Wort. »Oder hast du sie erfunden?«

Nelja wandte sich vom Wurzelloch ab und kniete sich zu ihrer Freundin. »Ich fürchte, ich habe sie nur erfunden. So wie alles.« Sie seufzte leise, lehnte sich gegen den Felsen und streckte die Beine aus.

Alia schaute wieder in das Loch hinauf. Schwach erinnerte sie sich an die Geschichte von dem Sonnengott und seinen Kindern, die zur Erde gefallen waren. Nelja hatte sie vor nicht allzu langer Zeit erzählt. Aber ihre Schwester erfand so viele Geschichten. Jeden Abend erzählte sie eine neue, und es war unmöglich, sich alle zu merken.

Aber eine Leiter. Wenn sie eine Leiter hätten. Alia hob den Arm und ertastete den Rand des Loches. Es war raues, mit scharfen Rillen durchfurchtes Gestein. »Vielleicht könnten wir eine Leiter bauen«, dachte sie laut. »Wenn wir Holz finden, das sich für die Sprossen eignet, dann könnten wir es rechts und links in die Gesteinsspalten klemmen und eine Leiter bis nach oben bauen.«

Neljas Augen leuchteten auf. »Du meinst, dann könnten wir fliehen?«

Alia nickte. Wie lange suchte sie nun schon nach einem Weg, um zu entkommen? Das Dorf und das Bergwerk waren überall bewacht. Nur von diesen Wurzellöchern wusste niemand. »Über uns müsste der Wald liegen. Zumindest das, was noch von ihm übrig ist. Wenn wir Glück haben, bieten uns die abgestorbenen Bäume Deckung.«

»Ihr wollt weg?« Meikjes Stimme klang noch dünner als sonst.

Das Leuchten in Neljas Augen erstarb. Kurz sah sie zu ihrer Freundin und dann zu Alia. Sie sagte nichts, aber ihre Gedanken waren offensichtlich: Sie konnten nicht fliehen. Meikje war zu schwach, um sie mitzunehmen.

Nelja schüttelte den Kopf und lächelte der Kleinen zu. »Nein. Keine Sorge. Wir lassen dich nicht allein.«

Alia wandte sich ab. Wenn sie fliehen wollten, mussten sie warten, bis Meikje gestorben war.

***

Das Wasser brach nicht durch die Felsen. Mariusch gelang das, woran sein Vorgänger gescheitert war: Er setzte das Ventil ein und schuf eine sprudelnde Quelle, an der sie für lange Zeit ihre Fässer füllen würden.

Alia erfuhr erst davon, als sie kurz vor Feierabend in den offiziellen Teil des Bergwerkes zurückkehrte. Die Sklaven waren noch nicht wieder an die Arbeit gegangen. Nur manche liefen durch die Gänge und verkündeten die gute Nachricht. Am liebsten wollte Alia noch einmal auf die zwölfte Ebene hinabklettern, wollte Mariusch um den Hals fallen und ihm danken, dass er noch lebte. Aber von oben dröhnte die Abendglocke herunter und rief die Sklaven zum Appell.

Zusammen mit den anderen stieg Alia hinauf und lief durch den Tunnel, der zwischen den Wohnhütten im Dorf endete. Als sie nach draußen trat, war Rabanus bereits untergegangen und seine Dämmerung zog sich orangefarben über das Land. Da sie sich mitten in der Nachtsonnenzeit befanden, würde es noch dauern, ehe Sapia aufging und ihr rotes Licht in die Nacht warf.

Die Sapioner hatten die Sonnen nach ihren Göttern benannt: Rabanus, nach ihrem skrupellosen, machtsüchtigen Herrscher. Und Sapia, wie die große, hassende Göttin, unter deren Fahne sie ihre Feldzüge führten. Selbst der große Mond trug den Namen des Sohnes, den Sapia geboren hatte: Sapionas.

Inzwischen musste es mehr als hundert Blutjahre her sein, seit die Sapioner angefangen hatten, Ruann von Süden nach Norden zu erobern. Zeylem hatten sie als erstes Land unterworfen. Darauf war das staatenlose Gebiet gefolgt, unzählige Dörfer, Städte und Siedlungen, die jedes für sich unabhängig waren. Die Sapioner hatten Grauen und Zerstörung über die Menschen gebracht, bis sich sämtliche Orte ergeben hatten.

Einzig die Grenzen zu Farua hatten sie für viele Jahrzehnte respektiert. Erst vor zwölf Blutjahren waren sie in Farua einmarschiert. Zwei Jahre hatten sie im südlichen Teil ihres Landes gewütet, ehe die Front am Waldgürtel zum Stillstand gekommen war, der Südfarua von Nordfarua trennte. Seit damals war Alias Heimatland zweigeteilt. In Südfarua hatten die Sapioner sämtliche Dörfer niedergemetzelt oder in Sklavenkolonien umgewandelt, während Nordfarua sich noch immer gegen die Eroberer zur Wehr setzte.

Neben Nordfarua gab es nur noch zwei Länder, die das Großreich Sapion bislang verschont hatte: Pamal, ein unwirtliches, raues Bergland, das von den Pameli, den Katzenmenschen, bewohnt wurde, und Malun, das Land der Götter. Beide Länder lagen im Norden. Malun versteckte sich am nördlichen Rand der Welt, hinter Nordfarua. Und das Bergland von Pamal erstreckte sich im Nordosten neben Nordfarua und Malun. Angeblich gab es auch einen Grenzabschnitt, an dem die Berge von Pamal auf Südfarua trafen. Doch die einzigen Karten, die Alia jemals gesehen hatte, hatte ihr Vater für sie in den Sand gezeichnet. Immer, wenn sie darüber nachdachte, wie weit ihr Fluchtziel entfernt war und dass der umkämpfte Waldgürtel als Kriegsfront dazwischen lag, wurde ihr bewusst, wie aussichtslos es war.

Als eine der Letzten lief Alia über die Wege zwischen den Wohnhütten. Sie musste blinzeln, um nicht den Staub in ihre Augen zu bekommen, den die Schritte von mehr als tausend Sklaven aufgewirbelt hatten. Die ganze Kolonie war von einer gelben Dunstwolke umhüllt, die sich wohl erst in der Nacht legen würde.

Auch die Wohnbaracken, zwischen denen sie hindurchwanderte, waren in einem erbärmlichen Zustand. Es war ihnen verboten worden, die Dächer zu flicken oder die Ritzen in den Holzwänden zu stopfen. Jedes Mal, wenn sie darum baten, die Hütten ausbessern zu dürfen, lachten die Wachen sie aus. »Wofür braucht ihr Dächer und Wände? Es regnet nicht mehr.«

Damit hatten sie recht. Das Wasser zog sich aus Ruann zurück. Alia konnte nicht sicher sagen, wann es begonnen hatte. Aber den letzten Regenschauer hatte sie in ihrer Kindheit erlebt, bevor die Sapioner einmarschiert waren. Oder kurz danach?

In der ersten Zeit nach der Eroberung, während die plündernden Soldatenhorden durch die Dörfer gezogen waren, hatte niemand über den Regen nachgedacht. Erst als die Sapioner aus den meisten Dörfern Sklavenkolonien gemacht hatten, war die Dürre aufgefallen. Ljimgart war nicht immer ein Wasserbergwerk gewesen. Zunächst hatten die versklavten Dorfbewohner auf den Feldern gearbeitet, um Nahrung für die Soldaten anzubauen. In jener Zeit war das Wasser in ganz Farua immer knapper geworden, und zwei Blutjahre nach der Eroberung hatten die Sapioner angefangen, Wasserbergwerke zu bauen. Ljimgart war nicht das einzige Wasserbergwerk, aber soweit Alia wusste, eines der größten. Von überallher waren Sklaven in ihr Dorf gebracht worden, um im Bergwerk zu arbeiten. Ihre Hütten waren enteignet und zu Wohnbaracken erweitert worden, in denen sie so dicht zusammengepfercht wurden, wie es eben möglich war.

Als Alia auf den Appellplatz trat und sich zu den Frauen stellte, hatte sich der Großteil der Sklaven schon in Reihen gruppiert. Die Kinder waren bei den Frauen, und die Männer standen ihnen gegenüber. Wie jedes Mal hielt Alia nach Mariusch Ausschau. Doch er war noch nicht da. Nur der alte Mann stand wie immer am Rand und blinzelte Alia verschmitzt zu. Niemand kannte seinen Namen, nicht einmal sie, obwohl er seit dem Tod ihrer Eltern ein väterlicher Freund geworden war. Tagsüber hütete er die Schweine, die sich in den vertrockneten Wäldern Nahrung suchen sollten. Daher gab es nur wenige Möglichkeiten, mit ihm zu reden. Nur wenn Alia sich nachts aus den Baracken fortstahl und zum Schweinestall schlich, konnte sie ihn treffen. Doch das Risiko, erwischt zu werden, war groß. Um ihre Freundschaft zu erhalten, blieb ihnen an den meisten Tagen nur dieser kurze, freundliche Blick während des Appells.

Auch Druscho stand in den Reihen der Männer und warf einen besorgten Blick zu Fili. Ihr zerrissenes Kleid war nur provisorisch mit ein paar Schnüren geflickt worden, und sie wirkte erbärmlich. Zu gerne wollte Alia mit ihr sprechen, aber es standen zu viele Sklavinnen zwischen ihnen. Sie hielt nach Burk Ausschau und fand ihn bei den Wachsoldaten, die sich am Rand des Appellplatzes sammelten. Grinsend schaute er zu Fili.

Mariusch war einer der Letzten, die aus dem Bergwerk heraufstiegen. Seine Haare erschienen noch nasser als zuvor, und sein Oberkörper war so nackt wie eh und je, während er sich zwischen den anderen Männern einreihte. Suchend glitt sein Blick über die Frauen. Als er Alia fand, formte sich ein strahlendes Lächeln auf seinem Gesicht. Er wirkte glücklich. Auf eine sehr seltsame Art, die Alia nicht zum ersten Mal bei ihm sah. Er mochte seine Arbeit. Sie schien ihn zu erfüllen, beinahe so, als würde er gar nicht bemerken, dass er ein Dreckrattenleben führte.

Sein Lächeln verschwand, als der Appell begann, als ihre Namen verlesen wurden und sie darauf achten mussten, ihr »Anwesend« laut und kräftig zu rufen. Danach folgte der Moment des Zitterns, die prüfenden Blicke des obersten Wachsoldaten, der vor ihnen entlangpatrouillierte. Die größte Schwierigkeit bestand darin, den richtigen Blick aufzusetzen. Sie durften weder unterwürfig noch trotzig aussehen, durften den Blick nicht abwenden und genauso wenig direkt in die Augen des Soldaten schauen. An diesem Abend hatten sie Glück. Die Wachen schienen mit der Leistung der Wassersucher zufrieden zu sein und ließen Milde walten.

Erst am Ende, als der Appell offiziell beendet war und alle zu den Baracken strebten, ging Burk zu Fili und packte sie am Arm. Druscho wollte seiner Verlobten zu Hilfe eilen. Doch Mariusch hielt ihn zurück, während Fili den Kopf senkte und Burk durch das Dorf folgte. Alia war nicht die Einzige, die ihnen nachsah. Alle wussten, was geschehen würde, aber keiner rührte sich von der Stelle. Es war besser, sich nicht zu wehren und niemandem zu helfen. Jeder, der die Besatzung bis jetzt überlebt hatte, hatte diese Lektion schon lange gelernt.

Während Alia mit den anderen Frauen in die Gemeinschaftsbaracke ging, wallte Hass in ihr auf. Sie warf nur einen flüchtigen Blick auf ihr Schlaflager, das aus einer schimmeligen Strohschicht bestand und auf dem sie nur selten schlief. So gut es ging, vermied sie den Blick auf Filis Lager, das in dieser Nacht ebenfalls leer bleiben würde.

Vielleicht auch in den folgenden.

Stattdessen schlich sie zur Rückseite der Baracke, stahl sich aus der Hintertür und huschte in geduckter Haltung von einer Behausung zur anderen, bis sie Mariuschs Hütte erreichte und durch den Türspalt schlüpfte.

Ihr Freund war noch nicht da. Entweder war er damit beschäftigt, Druscho von einer Dummheit abzuhalten, oder die Sapioner ehrten ihn für seine gute Arbeit. Vielleicht mit noch größeren Rationen oder mit einem Schulterklopfen, das so aussah, als würden sie Mariusch ebenso achten wie ihresgleichen.

Alia ging zu dem Wasserkübel, der in der Ecke stand. Das letzte Dämmerlicht der Tagsonne fiel durch die Ritzen der Holzwände und spiegelte sich in der glatten Wasserfläche. Sie beugte sich darüber, schöpfte es mit den Händen und trank es in gierigen Zügen. Dann tauchte sie einen Krug hinein, goss das wertvolle Nass in die Waschschüssel und nahm sich eines der Tücher. Während sie sich wusch, versuchte sie so wenig wie möglich zu tropfen. Die Lichtspiegelung in der Waschschüssel verblasste, und schließlich machte es die Dunkelheit der beginnenden Nacht kaum noch möglich, etwas zu sehen. Ehe die rote Blutsonne aufging, würde es noch dauern, und Alia blieb nichts anderes übrig, als eine Kerze anzuzünden.

Sie ging noch einmal zur Tür, schloss sie sorgfältig und zog das Kleid über den Kopf. Sie beeilte sich, ihren Oberkörper zu waschen, zog sich wieder an und kümmerte sich um ihre Haare. Das Wasser verwandelte sich in eine dunkelrote Brühe, sobald sie ihre Haare hineintauchte. So gut sie konnte, löste sie die Dreckklumpen und benutzte Öl, um ihre Haare zu entfilzen.

Als sie fertig war, fühlten sie sich nass, weich und sauber an. Und sie waren wieder blond. Zumindest als Grundfarbe. Alia zog sich die längsten Strähnen auf die Schultern und prüfte die Farbe. Sie musste darauf achten, den Rotstich nicht gänzlich auszuwaschen. Es konnte jederzeit vorkommen, dass jemand die Hütte betrat, und es wäre eine Katastrophe, wenn die Sapioner erfuhren, dass sie strohblond war.

Alia wollte gerade in den Verschlag gehen, der ihren Schlafplatz vor den Blicken der Besucher verbarg, als die Tür aufging. Mariusch trug einen Korb mit Brot und Fleisch herein. Sogar grünes Gemüse ragte heraus. Zwischen seinen Beinen wuselten die Wasserzausel in die Hütte und flitzten zwischen dem Wasserfass und ihrem Herrchen hin und her.

Alia hielt inne. Sie musste sich zusammenreißen, um sich nicht hungrig auf die Extraration zu stürzen. Doch Mariuschs Gesicht war ernst. Jegliche Zufriedenheit oder gar Stolz war von ihm gewichen. Alia wusste, woran er dachte: Fili und Druscho. In ihrem Sklavendasein hatten sie sich an vieles gewöhnt, aber der Moment, in dem es Freunde traf, ohne dass sie helfen konnten – sich daran zu gewöhnen, war unmöglich.

Mariusch stellte den Korb auf den Tisch, ging zurück zur Tür und verriegelte sie. Als er sich umdrehte, wirkte das Braun seiner Augen noch dunkler. Mit schnellen Schritten kam er auf sie zu, zog sie an sich und küsste sie.

Alia wurde schwindelig. Es war falsch, das zu tun, falsch, sich auf diese Weise zu trösten, während ihre beste Freundin …

Aber auch Mariusch wäre fast gestorben. Jetzt roch er nach Erde und Steinen, nach frischem Schweiß und klarem Wasser.

»Du lebst!«, flüsterte Alia. Ihre Hände gruben sich in seine Haare, fühlten die dichte, raue Struktur. Vielleicht würde er beim nächsten Mal sterben. Oder beim übernächsten Mal. Aber heute hatte er das Wasser gezähmt.

Alia schmiegte sich an ihn, spürte seine Hände, die sich um ihre Schenkel legten und sie hochhoben. Mit wenigen Schritten trug er sie in den Verschlag, legte sie auf das Strohlager und schob ihr Kleid nach oben. Er machte sich nicht die Mühe, den Verschlag zu verriegeln, wie er es sonst tat, um ihren Schlaf vor Eindringlingen zu schützen. Stattdessen befreite er sich von dem dünnen Lederstoff seiner Hose. Dann war er über ihr, in ihr, so hart und gierig wie selten zuvor. Alia schmiegte ihre Beine um seine Hüften, ließ sich mitnehmen in die Bewegung. Heute noch waren sie zusammen, körperlich gesund und seelisch unversehrt. Schon morgen konnte es anders sein. Es gab keine Garantie auf ein Morgen, nur das Jetzt. Alia flog mit ihm davon, stieg weiter in die Höhe und stürzte vom Gipfel herab. Ihre Stimmen zersplitterten, ihre Körper zuckten, rotglühende Dunkelheit erfüllte ihre Herzen.

Dann lagen sie still. Nur ihr schneller Atem verriet das Leben, das noch in ihnen saß. Alia wollte, dass es anhielt, dass die Gedanken von ihr fernblieben. Doch die Schuld klebte wie ein trockenes Brotstück in ihrer Kehle: Fili war bei Burk, in genau diesem Moment. Und morgen würde sie nicht mehr dieselbe sein.

Mariusch flüsterte in ihre Haare: »Bitte lass uns heiraten.«

Alia zuckte zusammen. Wie konnte er ans Heiraten denken? Ausgerechnet jetzt? Sie drückte die Hände gegen seine Schultern und schob ihn von sich.

Mariusch rollte zur Seite, richtete sich auf und starrte sie an. Nahezu greifbar lag seine Enttäuschung in der Luft. »Du willst mich nicht.« Es war eine Feststellung.

Alia öffnete den Mund, suchte nach Worten und fand nur Chaos. »Nein. Doch. Ich will dich. Aber … Sklaven … Wir sind Sklaven. Ohne Rechte. Und ohne Schutz.«

»Aber darum ja. Ich möchte, dass du sicher bist. Die Sapioner brauchen mich, sie können es sich nicht leisten, mich zu verärgern. Wenn sie wissen, dass du meine Frau bist, werden sie dich in Ruhe lassen.«

Alia schüttelte den Kopf. »Sie lassen mich auch jetzt in Ruhe.« Allmählich ordnete sich das Chaos, zeigte ihr den Grund, warum sie nicht heiraten wollte. »Als Sklaven haben wir keine Rechte. Ganz gleich, ob wir heiraten. Wenn es den Sapionern gefällt, werden sie uns getrennt weiterverkaufen. Oder einen von uns töten, um den anderen zu bestrafen. Was, wenn du beim nächsten Mal keine neue Wasserader findest? Dann werden sie dir die Schuld dafür geben und dich unter Druck setzen. Eine Ehefrau ist ein sehr gutes Druckmittel. Und außerdem …« Sie rang nach Atem und spähte durch die Ritzen zwischen den Holzplanken. Erst als sie sicher war, dass niemand lauschte, sprach sie leise weiter. »Außerdem will ich weg von hier. Fliehen. Zusammen mit dir und Nelja. Dann gehen wir nach Nordfarua und schließen uns den Partisanen an.«

»Fliehen?« Rauer Schrecken lag in Mariuschs Stimme. »Mit den Partisanen kämpfen? Wie stellst du dir das vor? Und Nelja willst du mitnehmen?«

Alia nickte.

Mariusch schüttelte den Kopf. »Wie willst du das anstellen? Ist dir klar, was das bedeutet? Bis wir nach Nordfarua kommen, müssten wir unzählige Tage durch besetztes Land reisen, an anderen Bergwerken, Landwirtschaftskolonien und Sklavendörfern vorbei. Das alles ohne eine Möglichkeit, an Wasser und Nahrung zu kommen. Wir werden es wohl kaum schaffen, in fremde Bergwerke einzubrechen, und anderes Wasser gibt es nicht mehr.« Er deutete mit dem Arm in die Ferne. »Aber nehmen wir mal an, wir würden es bis zum Waldgürtel von Farua schaffen. Von da an müssten wir durch das Frontgebiet der Sapioner, durch verbranntes, zerstörtes Land, an ihrem Heerlager und den Wachpatrouillen vorbei. Und nicht zuletzt durch den Wald, der von beiden Seiten umkämpft wird. Ein Guerillakrieg, seit zehn Blutjahren. Egal, wem wir dort begegnen, sie werden kaum wissen, ob sie Freund oder Feind vor sich haben. Falls sie überhaupt fragen, ehe sie uns angreifen.«

Alia senkte den Kopf. Mariusch hatte recht. Ihre Pläne waren aussichtslos. Trotzdem wollte sie nicht aufgeben. »Und Pamal? Die Berge von Pamal haben eine gemeinsame Grenze mit Südfarua. Wenn wir bereit sind, durch die Berge zu klettern, könnten wir über Pamal nach Nordfarua.«

Mariusch lachte auf. »Pamal! Hast du Karten von Pamal? Hast du irgendeinen blassen Schimmer, wo die Wege sein könnten, die dich durch die Berge nach Nordfarua bringen? Wir wissen doch noch nicht einmal, wie weit Pamal eigentlich in den Norden ragt oder ob es noch etwas gibt, was dahinter liegt.« Mariusch redete sich in Fahrt und schien sich nur mühsam zurückzuhalten, um nicht laut zu werden. »Und was ist mit den Pameli? Kennst du die Kultur der Katzenmenschen? Vielleicht haben sie Hunger und jagen uns, sobald wir ihr Land betreten.«

Alia schluckte. »Sie sind so zivilisiert wie wir. Sie haben sich mit Nordfarua verbündet.«

Wieder schüttelte Mariusch den Kopf. »Ob das wirklich so ist, wissen wir nicht. Es gibt so viele Gerüchte. So viele Geschichten, die sich jemand ausdenkt, um Hoffnung zu streuen. Aber niemand kann uns sagen, was wirklich außerhalb unserer Sklavenkolonie passiert. Du weißt nicht, ob die Pameli tatsächlich an der Seite der Partisanen kämpfen, oder ob das nur eine Heldengeschichte ist, an die wir glauben, um uns nicht so hilflos zu fühlen.«

Alia biss sich auf die Unterlippe. Er hatte recht. Wie immer war er tausendmal vernünftiger als sie. Dennoch konnte sie nicht einfach aufgeben. »Ich kann das nicht mehr«, flüsterte sie. »Ich kann nicht auf ewig eine Sklavin sein. Verstehst du das nicht?«

Sein Gesicht wurde weich, seine Hand legte sich auf ihre. »Doch, ich verstehe das. Niemand möchte ein Sklave sein, ich auch nicht. Aber noch weniger möchte ich sterben. Die Flucht ist keine Option, wenn man leben möchte. Also müssen wir uns arrangieren. Und ich möchte wenigstens so tun, als würden wir ein normales Leben führen.« Sein Blick wurde bittend. »Auch deshalb möchte ich dich heiraten. Von mir aus können wir es heimlich tun und nur unseren besten Freunden davon erzählen.«

Alias Herz zog sich zusammen. Tränen drängten sich in ihre Augen. Sie konnte weder nein sagen noch ja. Stattdessen setzte sich bitterer Sarkasmus auf ihre Zunge: »Du meinst, wir warten, bis der Malunabaum Früchte trägt, essen eine davon zu unserer Hochzeit und zeugen in der Nacht danach ein Kind?«

Mariusch räusperte sich unbehaglich. Sie beide wussten, dass es das alte Hochzeitsritual nicht mehr gab. Die Sapioner hatten alle Malunabäume vernichtet. Und selbst wenn es irgendwo im Wald noch ein verstecktes Exemplar geben sollte, wäre es längst vertrocknet.

Alia konnte die Tränen nicht länger aufhalten. »Was willst du überhaupt mit einer Schorfmade wie mir? Ich kann doch nicht mal Kinder bekommen.«

»Alia!« Mariusch fuhr sie an. »Rede nicht so!« Seine Stimme wurde sanft: »Es ist ein Segen, dass du keine Kinder bekommen kannst. Die Kinder unten im Bergwerk zu sehen, ist schlimm genug. Wenn es unsere eigenen wären – allein der Gedanke ist unerträglich.«

Alia nickte. Plötzlich konnte sie sich kaum noch aufrechthalten, ließ ihren Kopf nach vorne fallen und lehnte sich an seine Schulter. Durch die Ritzen der Außenwand fielen dunkelrote Lichtstrahlen und zogen ein Streifenmuster über ihr Schlaflager. Sapia war aufgegangen.

»Von mir aus«, flüsterte Alia. »Von mir aus können wir heiraten.«

2. KAPITEL

Heerlager Sapions, Frontgebiet am Waldgürtel von Farua

DORGEN

Es war das Ende der Nacht. Dunkelrot lag Sapia am Rand des Horizonts, während Rabanus’ Morgendämmerung auf der anderen Seite erwachte und den ersten, mattgelben Schein in den Himmel sandte. Doch ganz gleich, wie früh es war, im Heerlager Sapions hatte der Tag schon begonnen. Der Appellplatz dehnte sich in einem gewaltigen Halbkreis rund um das Zeltlager. Bis vor wenigen Augenblicken waren zehntausende Soldaten durcheinandergelaufen, hatten ihre Lederrüstungen geschnürt, sich in den Wasserkübeln gewaschen und von den Morgenrationen gegessen. Jetzt standen sie still. Zehntausend Mann, Schulter an Schulter, in etlichen Reihen hintereinander, eine schwarze Mauer, die sich rund um das Zeltlager zog, um der nächtlichen Blutsonne die letzte Ehre zu erweisen.

Einen Moment später erhoben sich die Stimmen zum Himmel, zehntausend Männer, deren Worte sich vereinten wie die Worte eines Einzelnen: »Erhöre uns, Sapia, große Göttin der nächtlichen Sonne. Höre unser Wort, unser Versprechen und gewähre uns deine Ehre. Deine Glut wird untergehen an diesem Tag und wieder auferstehen in der Nacht. Doch wir, deine Diener, werden hier sein, im täglichen wie im nächtlichen Feuer, um dein Werk zu vollenden.«

Dorgen stand aufrecht zwischen den anderen. Er spürte die Worte, wie sie tief und kräftig aus seiner Kehle drangen. Dennoch gingen sie unter in den Worten der anderen, formten sich mit ihnen zu einer gemeinsamen Stimme: »Gewähre uns dein Leuchten, um im Dunklen zu sehen. Gewähre uns deine Stärke, um den Gegner zu besiegen. Gib uns deine Härte, um den Schmerz nicht zu fühlen. Und schenke uns die Grausamkeit, um jedes Mitleid zu ertränken.«

Ein Schauer rann über Dorgens Rücken und sträubte die Haare in seinem Nacken. Wie von Zauberhand schwoll die Lautstärke an, schmetterte das Gebet voller Inbrunst in die sterbende Nacht: »Wir sind deine Krieger, geschaffen aus Kraft und Mut. Wir sind dein Herz, gehärtet aus schwarzem Stein. Wir sind deine Diener, gebeugt in vollkommenem Gehorsam. Unser Blut rauscht für dich, bis ans Ende unserer Tage.«

Ein heißer Wind kam auf und brachte die Flaggen zum Knattern. In regelmäßigen Abständen standen die Masten zwischen den Kriegern, reckten sich in die Höhe und zeigten die Fahne Sapions in hundertfacher Ausführung: ein blutroter Kreis auf dunkelblauem Grund, die Blutsonne Sapia am nächtlichen Himmel.

Die Fahne, unter der sie kämpften.

»Für dich ziehen wir vorwärts, um alles zu begraben. Für dich vergießen wir das Blut aus den Adern der Fremden. Um dich zu ehren, nehmen wir jegliche Schätze an uns. Denn du bist die Größte, die Einzige, die Gnadenlose, deren Macht wir heiligen.«

Ein weiteres Mal schwoll die Stimme des Heeres an und schleuderte den Kampfschrei in den undurchdringlichen Wald, der vor ihnen lag: »Nimm uns als Krieger! Nimm uns als Diener! Nimm unser Leben, unseren Geist, unser Blut! Bis der letzte Tropfen verrinnt!«

Dorgen schloss die Augen, ballte die Fäuste und erzitterte unter der Wucht der Worte: »Große Sapia, voller Hass und Gier! Wir geben uns hin, um die Welt für dich zu erringen!«

Dann war es vorbei. Die Stimme des Heeres verstummte und ließ die Stille über sie stürzen. Der Wind rauschte in den Blättern des Waldes. Hier waren sie noch grün. In den Tiefen des Waldgürtels flossen Bäche und Flüsse, und selbst an seinem Rand gab es kleinere Tümpel.

Dieses Wasser galt es zu erobern. Um das sapionische Volk am Leben zu erhalten. In Sapion selbst gab es nichts mehr. Keinen Tropfen, schon seit Ewigkeiten. Nur Steine und Sand und dürre Sträucher, deren Leblosigkeit an vergangene Zeiten erinnerte. Nur aus Erzählungen wusste Dorgen, dass ihr Land vor langer Zeit sehr fruchtbar gewesen war: Wertvolle Ölbäume waren dort gewachsen, Sträucher mit süßen Früchten und dickblättrige Pflanzen, die so nahrhaft waren, dass sich ganze Sippen damit ernähren ließen.

Jetzt wuchs das alles nur noch, wenn man jedes Pflänzchen einzeln wässerte. In den Gärten hinter den Häusern und auf den Feldern der Bauern wurden solche Kulturen gepflegt und sorgfältig vor Dieben beschützt.

Schon seit vielen Generationen herrschte die Dürre. Bereits zur Zeit ihrer Urgroßväter war das sapionische Heer in die Welt hinausgezogen, um sie mit Nahrung und Wasser zu versorgen. Wann genau Rabanus, der ewig Junge, das Großreich Sapion gegründet hatte, wusste Dorgen nicht. Fest stand nur, dass es ein unumstößliches Reich war, das beinahe ganz Ruann erobert hatte.

Doch hier, im Waldgürtel von Farua, war ihre Front zum Stillstand gekommen. Seither lieferten sie sich einen zähen Waldkrieg mit den Nordfaruanern. Wenn es nur die Partisanen wären, denen niemand das Kämpfen beigebracht hatte und die kaum mehr als selbstgebaute Bögen und Pfeile trugen, wenn es nur diese hilflosen Menschlein wären, die ihren Wald verteidigten, hätten sie den Krieg längst gewonnen.

Aber an der Seite von Nordfarua standen die Pameli. Und gegen die Pamuschkrieger, die auf Raubkatzen ritten und sich mit ihnen in den Bäumen versteckten, war der beste Soldat verloren.

Dorgen wusste schon lange, dass ihr Kampf aussichtslos war. Dennoch führte er seine Gruppe Tag für Tag in die Tiefen des Waldes. Es war seine Pflicht, sein Leben, das Einzige, was er gelernt hatte.

Die Appellformation der Krieger löste sich auf. Dorgen sah sich um und rief mit einem Blick seine Männer zusammen. Jeder kannte seinen Platz, kannte seine Aufgabe und die Gefahr, die vor ihnen lag. In einer Gruppe aus zehn Mann liefen sie durch den Arbeitsbereich des Lagers, vorbei an dem Schmiedeplatz und den Pferdeställen. Direkt dahinter lagen die Koppeln, auf denen die Pferde zusammenstanden.

Dorgen schaute in die Weite, über die endlosen Felder, die hinter den Koppeln angrenzten. Zehntausend Mann mussten mit Nahrung versorgt werden. Eine große Schar von Faruasklaven war dort hinten bei der Arbeit und beträufelte die Pflänzchen mit Wasser. Dorgen führte seine Gruppe an den Besprechungszelten des Heerführers und seiner Kommandeure vorbei. Gleich dahinter folgten die Hurenzelte: zuerst die prunkvollen, edlen, deren Zeltdächer aus bunten Stoffen gewebt waren und in denen die Offiziere ihre Privatsklavinnen hielten. Kurz darauf erreichten sie die anderen: große, grau verstaubte Zelte, in denen mehr als zehn Huren zusammen hausten und in den Nächten die einfachen Soldaten versorgten.

Dorgen hatte die Hurenzelte Zeit seines Kriegerlebens gemieden. Er war zwar in den Offiziersdienst befördert worden, besaß aber nicht den Rang und die Mittel, um sich eine Privatsklavin zu halten. Und allein der Gedanke, gemeinsam mit zehn Kameraden bei den Mädchen zu liegen und das Stöhnen und Wimmern der anderen zu hören, war ihm zuwider. Wenn er nächtliche Bedürfnisse besaß, regelte er das in der Stille des Zweierzeltes mit sich selbst. In solchen Momenten musste er nur darauf achten, dass Tailin bereits eingeschlafen war.

Dorgen wusste, dass sein bester Freund seine Einstellung den Sklavinnen gegenüber teilte. Auch Tailin hatte so gut wie nie eine Hure angerührt, und Dorgen vermutete, dass sein Freund zu viel Mitleid besaß, um eine Sklavin in den Beischlaf zu zwingen. Auch jetzt konnte er das Unbehagen in Tailins Gesicht ablesen, während sie nebeneinander durch das Hurenlager liefen. So früh am Morgen war es still in den Zelten. Nur hier und da kam eine Frau heraus, um ihre Notdurft zu verrichten. Dorgen entdeckte eine von ihnen, die zwischen den Zelten hockte und erschrocken aufsprang, als sein Trupp näher kam. Ihr Zustand war erbarmungswürdig. Dreckig und zerfetzt hing das Kleid an ihrem Körper, über den Brüsten und zwischen den Beinen nur notdürftig geflickt, als wäre es immer wieder an denselben Stellen zerrissen worden. Dorgen kannte sich zu wenig mit Frauen aus, um ihr Alter zu schätzen. Er war grade mal drei Blutjahre alt gewesen, als sein Vater ihn von seiner Mutter getrennt und für die weitere Erziehung zu sich geholt hatte. Seither war er nur noch in Gesellschaft von Männern gewesen und hatte keine Sapionerin mehr zu Gesicht bekommen.

Nur durch die faruanischen Sklavinnen wusste er, dass Frauen kleiner und schmaler waren als Männer. Aber diese hier schien besonders jung zu sein. Ihre Augen blickten groß und ängstlich, ihre roten Haare standen zerzaust um ihren Kopf, nur noch zum Teil in der Flechtfrisur gefangen, die sie am Vorabend getragen hatte.

»Na, Kleine!« Einer seiner Männer grinste sie an. »So früh schon wieder auf Männersuche? Heute Nacht noch nicht genug Spaß gehabt?« Blitzschnell streckte er die Hand aus, packte sie am Arm und zog sie zu sich. Das Mädchen gab einen erstickten Schrei von sich, bemühte sich, vor ihm zurückzuweichen.

»Gerolf!« Dorgen rief ihm scharf zu. »Du hast Dienst! Lass die Sklavin los!«

Gerolf lachte auf. »Wir sehen uns heut Abend, Schätzchen.« Damit ließ er sie gehen.

Dorgen fing einen letzten Blick aus verschreckten, angeekelten Mädchenaugen, ehe die Kleine sich umdrehte und davonrannte.

Dorgen wandte sich wieder nach vorne. Und schenke uns die Grausamkeit, um jedes Mitleid zu ertränken. Wie oft hatte sein Ausbilder versucht, ihm die Grausamkeit einzuprügeln? Wie oft war er angebrüllt worden, weil er Mitleid zeigte? Nach und nach hatte er gelernt, seine Gefühle vor den anderen zu verbergen. Dennoch war das Mitgefühl geblieben. Er wechselte einen Blick mit Tailin. Sein Freund tat sich von allen am schwersten mit der Grausamkeit. Doch auch Tailin hatte gelernt, sich zu tarnen. Nur seine geballten Fäuste verrieten, was in ihm vorging, während er mit forschen Schritten und aufrechter Haltung weiter voranmarschierte. Er war etwas kleiner als Dorgen und die meisten sapionischen Krieger. Doch Dorgen hatte sich oft genug mit ihm gemessen, um zu wissen, wie viel Kraft Tailin besaß, dass er so wendig und schnell war wie ein Wasserzausel und damit vermutlich jeden Kampf gewinnen konnte. Dennoch hatte Dorgen nur selten erlebt, dass Tailin einen Gegner tötete. Er verletzte sie, das ja, schlug sie in die Flucht und setzte ihnen nach.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Die Quellen von Malun - Blutgöttin" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen