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Die Quelle

Inhalt

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Vorwort
  5. Widmung
  6. Zitate
  7. Prolog - Frühsommer 2016
  8. Erster Tag
  9. Kapitel 1
  10. Kapitel 2
  11. Kapitel 3
  12. Kapitel 4
  13. Kapitel 5
  14. Kapitel 6
  15. Kapitel 7
  16. Kapitel 8
  17. Kapitel 9
  18. Kapitel 10
  19. Kapitel 11
  20. Kapitel 12
  21. Kapitel 13
  22. Kapitel 14
  23. Kapitel 15
  24. Kapitel 16
  25. Kapitel 17
  26. Kapitel 18
  27. Kapitel 19
  28. Kapitel 20
  29. Kapitel 21
  30. Kapitel 22
  1. Zweiter Tag
  2. Kapitel 23
  3. Kapitel 24
  4. Kapitel 25
  5. Kapitel 26
  6. Kapitel 27
  1. Dritter Tag
  2. Kapitel 28
  3. Kapitel 29
  4. Kapitel 30
  5. Kapitel 31
  6. Kapitel 32
  7. Kapitel 33
  8. Kapitel 34
  9. Kapitel 35
  1. Vierter Tag
  2. Kapitel 36
  3. Kapitel 37
  4. Kapitel 38
  5. Kapitel 39
  6. Kapitel 40
  7. Kapitel 41
  8. Kapitel 42
  9. Kapitel 43
  10. Kapitel 44
  11. Kapitel 45
  12. Kapitel 46
  13. Kapitel 47
  14. Kapitel 48
  15. Kapitel 49
  16. Kapitel 50
  17. Kapitel 51
  18. Kapitel 52
  19. Kapitel 53
  20. Kapitel 54
  21. Kapitel 55
  22. Kapitel 56
  23. Kapitel 57
  24. Kapitel 58
  25. Kapitel 59
  26. Kapitel 60
  1. Fünfter Tag
  2. Kapitel 61
  3. Kapitel 62
  4. Kapitel 63
  5. Kapitel 64
  6. Kapitel 65
  7. Kapitel 66
  8. Kapitel 67
  1. Sechster Tag
  2. Epilog
  1. Dichtung und Dank
  2. Über den Autor

Die erzählte Geschichte ist frei erfunden. Ebenso sind die Protagonisten, Antagonisten und sonstigen Personen sowie ihre in dieser Geschichte beschriebenen Handlungen, Äußerungen und ihre Darstellung vom Autor frei erfunden. Auch die Darstellung, die Äußerungen und Handlungen von historischen und zeitgeschichtlichen Personen und Institutionen entspringen der Fantasie des Autors, auch wenn sie ein reales Vorbild haben oder sich an realen Ereignissen orientieren.

 

Dieses Buch

widme ich meiner Frau

Inge

für ihre Liebe,

mein größtes Geschenk

Glück ist das einzige,

was sich verdoppelt, wenn man es teilt.

Albert Schweitzer

»Nun, was wird anstelle der Kohle als Brennstoff dienen?«

»Ich denke, Wasser«, antwortete Cyrus Smith.

»Wasser!«, rief Pencroff erstaunt. »Wasser, um Dampfschiffe und Lokomotiven anzutreiben, Wasser, um damit Wasser zu erhitzen?«

»Ja, allerdings das in seine Elementarbestandteile zerlegte Wasser«, belehrte ihn Cyrus Smith, »zerlegt durch Elektrizität, die bis dahin zur mächtigen und leicht verwendbaren Kraft erwachsen sein wird. Ich bin davon überzeugt, meine Freunde, dass Wasser einmal als Brennstoff Verwendung finden wird, dass Wasserstoff und Sauerstoff, seine Bestandteile, zur unerschöpflichen und ganz ungeahnten Quelle von Wärme und Licht werden.«

Jules Verne, Die geheimnisvolle Insel

Erstveröffentlichung 1874

Ohne Strom geht nichts ...

... Wenn Kraftwerke unvorhergesehen ausfallen, das Stromnetz an einer Stelle unterbrochen wird oder die Netzsteuerung gestört ist, entstehen in Sekundenschnelle große Schwankungen der elektrischen Spannung. Sobald diese Lastschwankungen nicht sofort wieder ausgeglichen werden, kommt es zu einem Dominoeffekt. Die Folge: Das Stromnetz bricht zusammen ...

... Die mittelbare und unmittelbare Eintrittswahrscheinlichkeit ist hoch ... Alles kann Auslöser sein ...

Grünbuch des ZUKUNFTSFORUMS ÖFFENTLICHE SICHERHEIT

Prolog
Frühsommer 2016

»Hau ab. Sie kommen. Leb wohl.«

Mit dieser letzten SMS hatte der alte Bock das Jungwild gewarnt.

Abeking kaute nachdenklich auf dem kalten Zigarrenstumpen und musterte mitleidlos den toten Körper auf dem Stuhl vor dem Kamin.

Kein Wunder, dass seine Leute in der Jagdhütte, die eine halbe Autostunde von hier in einem kleinen Waldstück lag, nur noch Spuren der Flucht gefunden hatten.

Das Versteck musste neu sein.

Sie hatten beide hier vermutet, den alten Bock und das Jungwild.

Niemand sonst schien von der Jagdhütte zu wissen. Er erinnerte sich auch an keinen Hinweis in den Abhörprotokollen.

Hätte er trotzdem damit rechnen müssen?

Wild war scheu und vorsichtig, dachte Abeking und biss erneut auf den Zigarrenstumpen.

Er las die Nachricht immer wieder. Der alte Bock hatte ihn hingehalten, Zeit geschunden, dem Jungwild die Minuten zur Flucht verschafft.

Und dann war der Alte einfach mit ein paar Zuckungen abgetreten, gerade als er hatte anfangen wollen, ihn richtig auszuquetschen.

Schlaganfall, Herzinfarkt. Was auch immer.

Der tote Körper hing schlaff in der Fesselung. Die Totenstarre würde erst einsetzen, wenn die Zuckerreserven der Muskeln aufgebraucht waren. Vom Kiefer aus würde sie schleichend den ganzen Körper erfassen.

Der Kopf hing seitlich nach unten. An Hals und Nacken, aber auch an den hängenden Händen sah er die ersten Boten der biologischen Verrottung. Grau-violette Leichenflecken, die von Minute zu Minute größer wurden und ineinander übergingen.

Hier gab es nichts mehr für ihn zu tun.

Er steckte das Handy des Toten ein, holte sein eigenes heraus und tippte ein einziges Wort: Crash.

Einen Moment zögerte er, dann schickte er die SMS ab.

Es war so, wie es war.

Schließlich steckte er den kalten Zigarrenstumpen in seine Jackentasche, auch wenn er ihn am liebsten auf den Boden geworfen hätte.

Heute war das junge Wild entkommen.

Doch helfen würde es ihm nicht.

****

FORSCHUNGSLABOR

Plötzlich war da der erlösende Schrei.

Und gleich darauf stimmten die anderen ein.

Kami-Passang hörte die Rufe durch die gläserne Trennwand.

Er sah hinüber auf die Bildschirme im Kontrollraum, wo sein Team die Sektkorken knallen ließ.

Ursache des Jubels waren die Bilder auf Bildschirm zwei.

Die Schaufelräder der Turbine setzten sich in Bewegung, angetrieben vom hereinströmenden Wasserdampf.

Das winzige Kameraauge, das eigens im Innern der Turbine installiert worden war, übertrug das gestochen scharfe Bild auf den Monitor im Kontrollraum, wo die Wissenschaftler auf genau diesen Moment gewartet hatten.

Der euphorische Jubel schwoll an, als eine weitere Kamera auf dem dritten Bildschirm zeigte, wie der Generator arbeitete.

Kami-Passang warf einen Blick auf den ersten Bildschirm. Er zeigte den hermetisch abgeschlossenen und zu zwei Dritteln mit Wasser gefüllten Druckbehälter. Von der glatten Wasseroberfläche stieg Dampf auf, füllte das obere Drittel.

Dort, im über zehn Meter hohen Reaktorschacht des gut fünfzig Meter hohen Kraftwerkblocks, geschah das Unmögliche. Bislang hatte dieser zu Übungszwecken gebaute und nie in Betrieb gegangene Siedewasserreaktor Technikern aus anderen Kraftwerken als Trainingsstätte gedient, in der sie alle Teile aus der Nähe und ohne Schutzanzüge begutachten konnten. Doch nun, nach dem eiligen Ausbau der alten Technik, schrieben sie Geschichte hinter den anderthalb Meter dicken Stahlbetonwänden.

Kami-Passang sah erste Blasen als Beweis des nahezu kochenden Wassers. Die neuartige, unvorstellbare Energie bestand gerade ihren ersten Großversuch.

»Zufrieden?«

Er löste den Blick von den Monitoren und wandte sich seinem Besucher zu.

»Es ist die Sensation. Der Beweis ist erbracht. Im Großversuch.«

»Trotzdem wirken Sie sehr nachdenklich. Warum?«

Kami-Passang musterte seinen Aufpasser. Dessen Uniform erinnerte ihn schmerzlich daran, dass er hier nicht Herr im Hause war, sondern nur Gast.

»Ich bin nicht derjenige, der es erfunden hat.«

»Skrupel?« Der Uniformierte lachte auf. »Wir hätten auch eines der anderen Teams nehmen können, um das hier zu ›erfinden‹. Seien Sie froh, dass die Wahl auf Sie gefallen ist. Ihr Name wird in die Weltgeschichte eingehen.«

»Mit einer Lüge.«

»Wen wird das kümmern? Seien Sie froh, dass mit dem Namen eines ehemals halbblinden nepalesischen Waisen eines der neuen Weltwunder verbunden wird.«

Kami-Passang sah wieder in den Kontrollraum, in dem sein Team mit den Sektgläsern in der Hand ausgelassen tanzte. Plötzlich fingen sie an zu klatschen und riefen seinen Namen.

Er ließ die Jalousie herunter.

Der Uniformierte griff nach seinem Handy, das einen Piepston von sich gab, und starrte eine halbe Minute mit versteinertem Gesicht auf das Wort. Dann schickte er selbst eine kurze SMS ab.

»Soeben haben sich die Bedingungen geändert - zu Ihren Ungunsten.«

»Was meinen Sie damit?«, fragte Kami-Passang.

Der Uniformierte stand auf und betätigte den Schalter, der die Jalousie so weit öffnete, dass sie wieder hindurchblicken konnten.

Von zwei Seiten drangen Soldaten in den Kontrollraum und richteten Waffen auf die feiernden Wissenschaftler.

Kami-Passang war genauso überrascht wie seine Mitarbeiter, deren entsetzte Schreie die eben noch freudige Ausgelassenheit begruben.

»Quarantäne«, sagte der Uniformierte nüchtern. »Für alle. Für Sie. Für Ihre Mitarbeiter. Für Ihre Familien.«

Erster Tag

SONNTAG/MONTAG
23./24. OKTOBER 2016

Kapitel 1

BERLIN

»Niemand soll frieren, seinen Arbeitsplatz verlieren oder auf dem OP-Tisch sterben, weil wir nicht über genügend Strom, Öl oder Gas verfügen. Oder das nicht bezahlen können!«

Bundeskanzler Arndt Fischer spannte im richtigen Moment die Muskeln an, schob seinen wuchtigen Körper leicht nach vorn und reckte energisch das Kinn, um seinen entschlossenen Tonfall zu unterstreichen.

Sehr gut.

Christoph Hagen, der energiepolitische Berater des Kanzlers, stand in den Kulissen vor einem Bildschirm, auf dem er überprüfen konnte, welche Bilder die Zuschauer empfingen. Fischers Tonfall und Körpersprache stimmten perfekt überein. Einfach klasse.

Hagen bewunderte die Fähigkeit des Kanzlers, im Fernsehen derart glaubwürdig zu wirken und bei den Menschen daheim fast schon spielerisch zu punkten.

Hagen besaß diese Gabe nicht. Obwohl er lange mit Medienberatern trainiert hatte, würde er nie diese besondere Aura ausstrahlen, die für Fernsehauftritte so wichtig war.

Stimme und Tonfall, Statur und Gesten, Nachdenklichkeit und Aggressivität, ohne boshaft zu verletzen, Schlagfertigkeit und eine Prise Humor an der richtigen Stelle, gekonnte Mimik und einfache, klare Worte. Diese Essenz war es, die den Volkstribun von anderen abhob. Er ahnte die entscheidenden Momente geradezu voraus und witterte die Lücken in der gegnerischen Verteidigung, griff sie instinktiv an und zertrümmerte sie mit plakativen Argumenten, die interessanterweise sowohl den Arbeiter als auch den Studierten erreichten. Er kam einfach an.

Hagen blickte auf die Uhr an der Studiowand. Die nächste Minute war um. Das letzte Drittel der einstündigen Sendung begann.

Jetzt musst du durchstarten, dachte Hagen. Jetzt bist du bei unserem Thema. Deshalb sind wir hier.

Fischer hatte bei der Bundestagswahl vor drei Jahren gesiegt, weil die Energiepreise dramatisch gestiegen waren, und die Kanzlerin sich mit dem Hinweis auf die Staatsverschuldung geweigert hatte, das freie Spiel des Marktes mit Staatsgeldern zu beeinflussen.

Fischer hatte nach seiner Wahl ohne Hemmungen seine Versprechen eingelöst, indem er die Mineralölsteuer mehrfach gesenkt hatte, den Preis für den Liter Benzin nicht über drei Euro hatte steigen lassen und auch die Preise für Gas und Strom aus der Staatskasse gestützt hatte.

Aber nun, ein knappes Jahr vor der nächsten Wahl, holten ihn die Probleme ein. Nachdem im Winter und Frühjahr immer neue Höchstmarken überschritten worden waren, hatte der Benzinpreis für einen Liter in den Sommerferien die Fünf-Euro-Marke geknackt. Die Zeitungen unkten schon, statt Computer und Smartphones würden nun Benzingutscheine die Renner unter den Weihnachtsgeschenken sein, und rechneten den Menschen vor, wie viel sie im Wahljahr an Heizkosten nachzahlen müssten.

Es brodelte im Land, und Fischer stand mit dem Rücken an der Wand. Sein Ansehen lag bei Umfragen weit unter den Tiefstwerten seiner Vorgängerin.

Es war Zeit, mit einer unmissverständlichen Botschaft Stärke zu demonstrieren. Der Winter stand bevor.

Deshalb gingen sie mit lautem Tamtam in die Offensive.

Die Bühne gehört dir ganz allein, dachte Hagen. Nutze sie!

Dass Arndt Fischer sich für das Format am Sonntagabend in der ARD entschieden hatte, war eine Frage des Kalküls. Hier hatten die Medienberater seine Forderungen besser durchsetzen können als bei den anderen Sendern.

Mit der späten Entscheidung des Bundeskanzlers für die ARD war zwar Hagens Plan für den heutigen Abend verworfen worden. Aber was sollte er tun? Er war der Energieberater des Kanzlers, konnte bei einem Fernsehauftritt, bei dem Energie eines der zentralen Themen war, nicht fehlen.

Dabei wäre Hagen gerade heute viel lieber an einem anderen Ort gewesen. Dort, wo womöglich eine Sensation geboren wurde.

Er fand es sowohl beruhigend als auch beunruhigend, dass er bisher keine Neuigkeiten von dort gehört hatte. Beruhigend, weil er annehmen durfte, dass alles so lief wie geplant. Beunruhigend deshalb, weil man ihm gegen jede Absprache die Ergebnisse des Experimentes vorenthielt.

Das laute Lachen der Zuschauer riss Hagen aus seinen Gedanken. Der Kanzler kam in Fahrt.

Er würde gleich nach der Sendung anrufen, entschied Hagen und sah auf den Fahrplan der Sendung in seinen sorgsam manikürten Händen.

Die Moderatorin hatte wie abgesprochen das richtige Stichwort geliefert und damit den Themenschwerpunkt eingeläutet, der die Menschen im Lande ganz besonders interessierte. Teure Energie spürte jeder im Geldbeutel, und die erst kürzlich wieder veröffentlichten Supergewinne der Mineralölkonzerne waren eine willkommene Gelegenheit, die wahren Schuldigen an den Pranger zu nageln.

Der Kanzler musste die Spielwiese jetzt nur richtig nutzen - die bösen internationalen Konzerne mit den unverantwortlichen Managern, die gierigen Wall-Street-Investoren und seine Regierung, die alles versuchen würde, um die Preise zu senken.

Der Bundeskanzler reckte den Kopf. Schon im Wahlkampf war diese herausfordernde Geste als Stärke interpretiert worden.

»Die vordringlichste Aufgabe ist daher, Deutschlands Energie zu sichern und alles zu tun, um die langfristige Energiesicherheit auf ein stabiles Fundament zu stellen. Benzin und Öl müssen wieder bezahlbar werden und bleiben. Die Öl- und Gaslieferungen für den kommenden Winter müssen gesichert sein. Auf der Arktiskonferenz in Moskau werde ich in der nächsten Woche den im Frühjahr neu gewählten russischen Präsidenten treffen und werde unseren Forderungen - übrigens auch gegenüber dem amerikanischen Präsidenten - hinsichtlich der Mitnutzung der in der Arktis liegenden Reserven Ausdruck verleihen. Auf der anschließenden Energiekonferenz in Wien werde ich ein gemeinsames Vorgehen vorschlagen, in das auch China mit seinem unbändigen Energiehunger eingebunden werden soll. Und von den Vertretern der OPEC-Staaten werde ich die Sicherheit der Öllieferungen zu annehmbaren Preisen einfordern.«

Beim letzten Wort des Kanzlers fiel das Licht aus.

Dunkelheit.

Schlagartig. Absolute Finsternis.

Hagen zuckte zusammen.

Eine Frau schrie schrill auf.

Dann war es wieder hell. Das Licht der gleißenden Scheinwerfer schien Hagen nicht mehr ganz so hart und grell wie zuvor.

»Was war das denn?«, entfuhr es dem Kanzler. Er lachte laut auf und schüttelte scheinbar amüsiert den Kopf.

Das Lachen schien Hagen etwas zu laut, ein klein wenig zu aufgesetzt. Ein Tick zu viel.

Hagen bemerkte rechts von sich eine Bewegung und wandte den Kopf. Ein paar Schritte entfernt stand Kanzleramtsminister Sieber und schüttelte energisch den Kopf. Die Bodyguards waren nur noch wenige Schritte vom Kanzler entfernt. Sie verstanden Siebers Kopfschütteln und zogen sich wieder zurück.

»Eine kleine technische Panne«, rief die Moderatorin. »Aber wie Sie sehen, nichts Dramatisches. Das Licht ist wieder da. Liebe Zuschauer, wir entschuldigen uns für den kleinen Schrecken!«

Die Moderatorin blickte breit lächelnd in die Kamera.

»Herr Bundeskanzler, Sie waren noch nicht am Ende Ihrer Ausführungen.«

Genau, dachte Hagen. Die Botschaft fehlte noch: Wir werden handeln.

Die Pause ist etwas zu lang, dachte Hagen, der bis drei zählte, ehe der Kanzler mit ernstem Gesicht zu sprechen begann.

»Die Planungen und Forschungen, die uns Energie in fünfzig Jahren versprechen, helfen uns heute nicht weiter. Stellen Sie sich vor, der Blackout eben hätte länger gedauert, von mir aus einen Tag oder eine Woche. Das kann nicht sein. Das darf nicht sein. Und die regenerativen Energien allein reichen nicht. Der Energiehunger der Welt wächst täglich in unvorstellbarem Ausmaß. Egal, ob es um Solarstrom aus der Wüste Afrikas geht oder um die Chancen der Fusionsforschung: das alles sind sinnvolle Projekte. Langfristig gesehen. Aber darüber werde ich unser Hier und Heute und auch unsere nahe Zukunft nicht vergessen.

Wenn wir jetzt horrende Benzinpreise und Gasrechnungen zahlen müssen, weil Spekulanten ungehindert die Welt abzocken, dann müssen wir auch jetzt handeln.

Denn ohne Energie kein Wohlstand!

Niemand soll mir vorwerfen, mit dem Blick auf die Zukunft unser Heute vergessen zu haben. Denn wenn wir unseren heutigen Wohlstand nicht bewahren, fallen wir zurück und werden auch den Wohlstand der uns folgenden Generationen verspielen.

Natürlich haben wir mehr denn je auch die Sicherheit im Blick. Die Katastrophe von Tschernobyl hatten wir fast schon verdrängt, als uns vor fünf Jahren das Drama von Fukushima schockte. Energie und Sicherheit. Diese Formel bietet keinen Platz für Arroganz und Überheblichkeit. Weder in der Politik noch in der Wirtschaft oder in der Wissenschaft. Deshalb wird keine Idee, mag sie zunächst auch noch so absurd erscheinen, keine noch so kleine Chance unbeachtet bleiben, die unsere Energie und unseren Wohlstand sichern könnte. Wir warten schon zu lange auf neue Ideen.«

****

»Wie war ich?« Arndt Fischer saß selbstzufrieden und mit glänzenden Augen in der Maske, während ihm die Maskenbildnerin die Schminke aus dem Gesicht rieb. »Das juckt furchtbar.«

Hagen reagierte zunächst nicht. Er machte sich Sorgen. Gleich nach der Sendung hatte er versucht, etwas über das Experiment herauszufinden, bei dem er eigentlich hatte dabei sein wollen. Er hatte mehrfach angerufen. Beide. Aber keinen erreicht.

»Gut. Wirklich gut«, sagte Kanzleramtsminister Sieber sichtlich zögernd.

Verdammt, was passte dem Kanzleramtsminister nun wieder nicht? Hagen warf einen giftigen Blick zu Sieber und konzentrierte sich erneut auf den Kanzler.

»Sie waren klasse!«, sagte er mit Nachdruck.

Hagen blickte in den großen Wandspiegel, in dem er neben dem Gesicht des Kanzlers auch Siebers bekümmertes Gesicht sehen konnte. Sieber war ein Bürokrat, ein parteigeschulter Bedenkenträger, von dem er nichts Gutes erwartete.

»Es gibt nichts zu kritisieren«, sagte Hagen laut. »Es war perfekt.«

Der Bundeskanzler hob mahnend die Hand.

»Sieber - wir arbeiten lange genug zusammen. Wenn Ihre Stimme diese Tonlage hat und Ihr Gesicht so bedeppert wirkt, ist irgendetwas faul. Was haben Sie zu mäkeln?«

»Sie erinnern sich an den kurzen Lichtausfall?«, fragte Sieber.

»Na klar!«

Die drohende Tonlage des Kanzlers gefiel Hagen. Im Spiegel sah er Fischers gefährlich funkelnde Augen.

»Sie wissen doch, ich mag es nicht, wenn Sie über Fragen das Gespräch zu lenken versuchen, Sieber. Reden Sie! Mir ist der Schreck mächtig in die Glieder gefahren. Hat man das gesehen? Meinen Sie das? Ich bin weniger zusammengezuckt als die Zuschauer.«

»Auch mein Blutdruck war mit einem Schlag auf zweihundert.« Hagen lachte nervös auf. »Der kleine Schrecken hat Sie erst richtig in Fahrt gebracht, Herr Bundeskanzler. Danach waren Sie besonders gut.«

»Das stimmt.«

Aber ...

Die Einschränkung hing förmlich in der Luft. Siebers düsteres Gesicht ließ Hagen nichts Gutes ahnen. Was hatte er übersehen oder überhört? Worauf wollte der Kanzleramtsminister hinaus?

»Leider hat das niemand mehr gesehen. Stromausfall. Der Sender hier hat Notstrom, aber die Zuschauer zu Hause ... Ganz Europa liegt im Dunkeln.«

Kapitel 2

NÄCHTLICHE OSTSEE

Benn Ziegler stand am Innensteuerstand der Motorjacht und summte zufrieden. Trotz seiner Größe von knapp eins neunzig genoss er die Kopffreiheit im abgedunkelten Pilothouse.

Benn war knapp dreißig und Bootsbauer. Nach dem Tod seines Vaters hatte er dessen kleinen, schlecht laufenden Bootsverleih nahe Kiel übernommen, da seine Mutter damit überfordert war. Im Winter würde er die Jacht für den Eigner, der das Boot günstig erworben hatte, für eine Weltumseglung überholen.

Pantry, Salon, Nasszelle und die Eignerkammer im Vorschiff lagen eine Stufe tiefer als der Innensteuerstand und boten ausreichend Platz für eine Zweiercrew. Achtern gab es zwar keine Kammern, dafür aber ausreichend Stauraum. Das Boot hatte eine ausgezeichnete Längsstabilität und hielt selbstständig Kurs. Gesteuert wurde es über das Steuerrad drinnen und außen über die Pinne.

»Das wird zwar ein Haufen Arbeit, aber ...« Benns Urteil stand fest. Er registrierte eine Fülle dieser kleinen Mängel, die ein jahrelanger Gebrauch ohne wirklich intensive Pflege mit sich brachte. Doch mit dem 40-PS-Diesel musste sich das Boot vor keinem echten Motorsegler verstecken. Ja, mit der knapp zwölf Meter langen Jacht konnte man mühelos und mit ausreichendem Komfort die ganze Welt bereisen.

»Wo sind wir jetzt?« Seine Frau trat aus der kleinen Salonecke neben ihn.

»Nordöstlich von Rügen. Sozusagen auf hoher See.«

Er beugte sich zu Francesca, die einen Kopf kleiner war als er, und gab ihr einen Kuss.

»Es war wunderschön«, sagte er sanft, und der Blick seiner blauen Augen huschte forschend über ihr Gesicht. In der letzten Stunde hatte der Autopilot die Jacht gesteuert.

»Da sind wir aber schon eine ganze Weile. Du kratzt«, knurrte Francesca mit gekünstelt strenger Stimme. »Und du wirkst angespannt. Wo sind deine kleinen Lachfalten? Mit denen gefällst du mir deutlich besser.«

Benn strich sich mit der Hand übers Gesicht, spürte selbst die Stoppeln, konzentrierte sich aber gleich wieder auf das Boot. »Ich bin gleich durch mit dem Check. Mit der Überholung verdiene ich schließlich das Geld für unsere nachträgliche Hochzeitsreise auf die Seychellen.«

»Vergiss aber nicht, dass ein Kind auch Geld kostet. Gerade die Erstausstattung. Und ich kann dann zunächst nicht mitverdienen. Wenn wir ein Kind wollen, wird alles anders. Du sprichst nur über das Boot.«

»Sorry - ich muss das erst verarbeiten.« Er lachte verlegen auf. »Ich freue mich riesig!«

Sie hatte ihm vorhin überraschend eröffnet, dass sie unbedingt und ganz schnell ein Kind von ihm haben wollte. Er gab ihr noch einen Kuss.

»Vor zwei Stunden habe ich noch gesponnen, dass wir beide zunächst die Welt umsegeln. Es kommt so plötzlich!«

»Sei nicht so ernst. Ein Kind ist das Normalste der Welt. Und da es von dir sein wird, wird er, wenn es ein Junge wird, auch groß und kräftig werden. Und damit er ein richtiger Frauenschwarm wird, wird er meine dunklen Augen haben.«

Francesca war Tochter italienischer Gastarbeiter und zwei Jahre älter als Benn. Sie hatten sich vor drei Jahren bei einem Konzert kennengelernt, und seit einem Jahr arbeitete sie im Verleih mit, hatte ihren Job in der Boutique aufgegeben. Ihre gelassene Freundlichkeit kam gut bei den Kunden an.

Kurz vor Beginn der Sommersaison hatten sie spontan geheiratet und die Hochzeitsreise verschoben. Ihr Segeltörn auf der Ostsee mit ein paar Tagen Erholung auf Bornholm sollte ein Ausgleich für die Anstrengungen des Sommers sein. Für Benn bot sich zugleich die Chance, die Jacht besser kennenzulernen.

»Und wenn es ein Mädchen wird? Hat es dann meine blauen Augen und mein dunkles Haar?«

»Da habe ich mich noch nicht entschieden. Ich finde mein Kastanienbraun eigentlich viel schöner. Aber ich weiß schon jetzt, dass das Kind, egal, ob Junge oder Mädchen, meine Nase und meine Gesichtszüge haben wird.«

»Warum deine Nase?«, fragte Benn.

»Weil mir deine etwas zu lang ist.«

»Wie bitte?«

»Ja. Einen kleinen Tick - habe ich dir das noch nie gesagt?«

Benn packte Francesca mit seinen kräftigen Händen an der Taille. Ihr Körper unter der Kleidung war schlank und biegsam.

»Übrigens, warum hast du gewendet und fährst Richtung Süden?«

»Du hast es bemerkt?« Benn sah Francesca verblüfft an. Er hatte ihr nichts gesagt. An der Nordspitze Rügens unweit Kap Arkona hatte er zuletzt eine kleine Marina angelaufen, hatte die Tanks mit Diesel gefüllt und war anschließend mit der Spitzengeschwindigkeit von knapp zehn Knoten Richtung Bornholm gelaufen mit der stillen Hoffnung, dass endlich Wind aufkam, um noch auf der Hinfahrt die Segeleigenschaften zu testen.

Am Adlergrund, etwa auf der halben Wegstrecke zwischen Rügen und Bornholm, hatte er gewendet, und seitdem steuerte der Autopilot Richtung Südwest. Es reichte, wenn er am kommenden Morgen in Bornholm ankam.

»Ihr Männer ...« Sie schüttelte amüsiert den Kopf. »Ich sage dir, dass ich ein Kind von dir will - und du hast gleich darauf nichts anderes zu tun, als dich wieder um das Boot zu kümmern. Dass ihr Männer immer meint, es sei eine Schwäche, Gefühle zu zeigen.«

»Männer sind eben so.«

Francesca holte dicke Jacken und Rettungswesten, denn Benn ließ sich nicht von seinem Vorhaben abbringen.

»Hier - es ist kalt. Bringen wir es hinter uns.«

»Weißt du, ich genieße das einfach.« Die Freude in Benns Stimme war unüberhörbar. Er hatte inzwischen den Dieselmotor ausgeschaltet, das Großsegel gesetzt und blickte sichernd auf das Radardisplay. »Nachts da draußen an der Pinne zu sitzen und die Takelage knarren zu hören, das ist für mich purer Lebensgenuss. Da stört mich nicht einmal die Flaute.«

Sie sah ihn ernst an.

»Ich fühle mich unwohl dabei, draußen am Heck zu sitzen und über die nächtliche Ostsee zu segeln. Wir haben weder Signalstifte noch eine Signalpistole an Bord. Und die UKW-Anlage funktioniert auch nicht.«

Benn lachte beruhigend. »Wir haben Positionslichter gesetzt und Radar.«

»Sind das mehrere Boote?«, fragte Francesca und deutete auf den Radarbildschirm.

Nördlich der Insel Greifswalder Oie schienen mehrere Signale auf engstem Raum miteinander zu verschmelzen.

»Schwer zu sagen. Mal sehen.«

Das Radarbild erfasste im Moment einen Zwölf-Seemeilen-Radius und ging über die Insel nach Süden hinaus. Benn verringerte die Größe des dargestellten Gebietes. Dafür wurde der abgebildete Bereich detaillierter sichtbar.

Als Nächstes schaltete er die Echoverlängerung ein, womit er die schwachen Zielechos künstlich verlängerte. Die Radarechos von Zielen in weiterer Entfernung verloren deutlich an Intensität. Ein zwei Seemeilen entferntes Ziel lieferte ein 16-fach schwächeres Echo als ein Ziel in einer Seemeile Entfernung. Die Echoverlängerung verstärkte die eingehenden Signale und zeigte sie deutlich besser auf dem Bildschirm an.

»Ein paar Nachtschwärmer, aber alle sind weit genug weg.«

»Dann komm, Seewolf, lass uns rausgehen. Aber nicht zu lange.« Sie lachte angespannt. »Bald habe ich es hinter mir. Ich friere jetzt schon.«

Francesca und Benn setzten sich am Heck auf die Steuerbordbank. Benn hielt das Boot mit der Ruderpinne, die unmittelbar vor dem Heckausstieg im Boden eingelassen war, auf Kurs.

»Das kann man aber nicht Segeln nennen, oder?« Francesca starrte auf das Großsegel, in dem sich kaum Wind verfing. »Diese Windstille ist mir zwar viel lieber als stürmisches Wetter, aber unter Segeln habe ich bisher etwas anderes verstanden: Boote, die mit geblähten Segeln auf einer Seite tief im Wasser liegen, die Gischt spritzt nur so, und irgendwelche attraktiven Typen hängen in Seilen halb über Bord.«

»So kann es auch sein. Aber ich kann nichts für die Flaute.« Benn bewegte leicht die Ruderpinne. »Und trotzdem genieße ich es ... Horch!«

Die See gurgelte und schmatzte, kleine Wellen platschten an die Bootswand, und die Takelage knarrte in einem geheimen Rhythmus.

»In solchen Momenten kann ich vollkommen abschalten. Die Weite und Einsamkeit ...«

Ein Geräusch ließ ihn aufhorchen. Ein Schnaufen und Ächzen war zu hören, als überanstrenge sich jemand - oder etwas - kolossal.

Es kam aus dem Wasser am Heck.

»Hörst du das auch?«, flüsterte Francesca und packte Benn fest am Arm.

Benn nickte. »Psst.«

»Das ist nicht das Meer! So hört sich doch kein Wellengang an!« Sie verstärkte den Druck ihrer Hände. »Benn - was für ein Tier ist das?«

»Ich weiß nicht, was es ist.« Er lauschte in die Dunkelheit. Nur die Takelage knarrte leise. »Oder war.«

Benn drehte sich zu Francesca, die ihn mit weit aufgerissenen Augen ansah. Er griff nach ihrer Hand, die sich immer noch um seinen Unterarm krampfte.

»Es gibt hier nichts, vor dem wir uns fürchten müssen.«

Kaum hatte er seine Worte beendet, drang wieder dieses unheimliche Schnaufen und Ächzen herbei.

Es stammte tatsächlich vom Meer.

»Es kommt aus dem Wasser!«, rief Francesca.

Benn starrte fassungslos auf den offenen Heckausstieg, der nur knapp über der Wasserlinie lag.

Dort wühlte sich plötzlich ein Körper mit einer heftigen Anstrengung ins Boot. Er fiel mit der Brust auf den Deckboden, während die Beine noch im Wasser strampelten.

Die Finger an den vorgestreckten Armen waren zu Krallen gebogen und krampften sich auf dem Bootsboden zusammen.

Sie suchten Halt, den sie auf dem glatten Deck aber nicht fanden. Langsam und unerbittlich rutschte der Oberkörper zurück in die See.

Ein einziger, tiefer und langer Schrei drang aus dem Körper.

Die angsterfüllten Augen in dem fahlen, leichenblassen Gesicht waren weit aufgerissen. Benn hatte noch nie einen so flehenden Blick gesehen.

Eine kleine Welle hob das Bootsheck leicht an, und der Körper rutschte wieder ein paar Zentimeter auf den Deckboden nach vorn. Für einen Moment sah es aus, als bliebe er regungslos liegen, doch dann glitt er mit dem absackenden Bootsheck wieder tiefer ins Wasser.

Benn sprang auf, beugte sich nach vorn und wollte die Arme des Mannes packen. Das Boot krängte, und Benn griff daneben. Er verlor sein Gleichgewicht und stürzte selbst auf das Deck.

Der Körper neben ihm rutschte wieder ins Meer. Zentimeter um Zentimeter. Die verkrampften Hände öffneten sich, streckten sich Benn zitternd entgegen. Je mehr der Körper ins Wasser zurückglitt, umso flehender und verzweifelter schrien die Augen um Hilfe.

Benn hockte auf den Knien und griff erneut nach den Armen des Mannes. Eine weitere Welle hob das Bootsheck, das anschließend umso tiefer in das Wellental sackte. Benn fiel um, sein Ohr streifte den Mund des Mannes.

»Sie bringen uns alle um.«

Kapitel 3

NÄCHTLICHE OSTSEE

Benn rappelte sich auf. Im Knien kämpfte er um sein Gleichgewicht, griff mit der linken Hand nach der Reling, glitt ab, fasste nach.

Das Boot hob und senkte sich unter den Wellen, sodass der Körper vor ihm unerbittlich zurück ins Meer rutschte. Benn griff mit der rechten Hand zu. Aber die Arme des Mannes ruderten panisch durch die Luft, verfehlten seine Hand.

Der Oberkörper glitt durch den Bootsausstieg und tauchte wieder ins Wasser. Im nächsten Moment verschluckte das Meer auch den Kopf.

»Er ertrinkt! Tu doch etwas!«, rief Francesca und packte Benn am Arm, zog ihn hoch.

»Rettungsring!«, brüllte Benn. »Schnell! Beeil dich!«

Benn fing die nächste Wellenbewegung auf den Knien hockend ab, dann sprang er auf, stemmte sich mit ausgestreckten Armen gegen die Reling, bis er einen festen Stand erreichte und das Schaukeln mit den Oberschenkeln abfing.

Angestrengt starrte er auf die Stelle, wo der Kopf im Wasser verschwunden war.

»Er muss gleich wieder auftauchen! Den Rettungsring!«

Noch ein paar Sekunden mehr, und Benn würde nicht mehr genau wissen, wo der Körper im Wasser verschwunden war.

Nur nicht wegsehen! Behalte die Stelle im Auge!

Francesca reichte ihm den Rettungsring. Benn schleuderte ihn auf die See hinaus. Der Ring fiel nahe der Stelle ins Wasser, an der der Kopf untergetaucht war.

Erneut krängte das Boot zur Seite.

Aber der Kopf tauchte nicht wieder auf.

Das Boot glitt sanft weiter.

Drei Meter, vier, fünf.

Dann sah Benn einen Schemen. Kaum auszumachen über dem Wasser. Mehrere Meter vom Rettungsring entfernt. Oder irrte er sich? Der Schemen bewegte sich nicht.

»Leine!«

Hinter ihm klapperte der Deckel der Sitzbank.

»Hier!« Francesca hielt ihm eine Achterleine hin.

Benn riss sie ihr aus den Händen. War das der Mann? Oder täuschte er sich? Benn zählte im Stillen bis drei. Warte nicht länger!

»Achtung!«, brüllte Benn und warf die Leine.

Die Leine segelte durch die Luft und landete platschend im Wasser. Das Seil wand sich in halben Schleifen auf der Oberfläche wie eine Schlange im Wüstensand.

Zupacken! Zupacken!, dachte Benn. Pack zu!

Endlich spannte ein Ruck die Leine.

»Er hat die Leine. Hilf mir.«

Benn wickelte das Ende der Leine um die Reling und holte sie mit kraftvollen Armzügen ein. Francesca griff hinter ihm nach dem Seil. »Und jetzt!«, keuchte Benn jedes Mal, wenn sie gemeinsam zogen.

Langsam, ganz langsam holten sie die Leine ein. Es dauerte Minuten, dann endlich lag der Mann wieder bis zur Taille im Boot. Benn ging in die Knie und griff dem Mann unter die Achseln. Mit einer heftigen Bewegung riss er ihn hoch und ließ sich nach hinten fallen, zog den Körper damit ganz aus dem Wasser. Benn stürzte rücklings auf das Deck und der Mann fiel auf ihn, presste ihm die Luft aus den Lungen.

Benn stemmte sich ächzend gegen das Gewicht und wälzte den Mann zur Seite. Sein Blick fiel auf dessen blutleeres Gesicht. Es war so starr und bleich wie das eines Toten. Nur die Augen klimperten kurz, wurden dann glasig.

»Bleib wach!«, brüllte Benn und klatschte mit der rechten Hand auf die Wange des Mannes. »Du hast es geschafft! Wach bleiben!«

Benn schlug weiter mit der Hand in das Gesicht des Mannes, bis die Augen wieder klarer wurden.

»Nicht einschlafen, verstanden? So schwer es auch fällt!«

Benn und Francesca schleiften den Geretteten in die Eignerkabine, legten ihn auf den Boden.

»Er muss raus aus den nassen Klamotten!«

Benn zog dem Mann die Rettungsweste herunter und fand an der Seite einen wasserdicht verschlossenen Beutel, der mit einem Stück Plastikband in den Ösen der Weste befestigt war. Er legte ihn beiseite. Hastig zerrten sie dem Geretteten die mit Wasser vollgesogene Kleidung vom Körper.

»Auch die Unterhose«, sagte Benn und grinste kurz, als er Francescas zögernden Blick sah.

Gemeinsam wuchteten sie den nackten Mann in die Koje.

»Decken!«

Benn ließ den zitternden Mann nicht aus den Augen, während Francesca mehrere Decken zusammensuchte, mit denen Benn den nackten Körper zudeckte, so dass nur noch der Kopf hervorlugte.

»Nicht bewegen! Verstehen Sie mich? Sie bleiben einfach liegen! Schließen Sie einmal kurz die Augen, wenn Sie mich verstehen!«

Der Mann schloss die Augen und öffnete sie dann wieder.

»Gut. Sie können sich gleich ausruhen! Aber eines müssen wir vorher klären - treiben da draußen noch mehr Menschen im Wasser? Wenn ja, dann lassen Sie die Augen offen, wenn nein, dann schließen Sie die Augen kurz und öffnen sie dann wieder!«

Erleichtert sah er, wie der Gerettete erneut die Augen schloss und wieder öffnete. Benn wandte sich Francesca zu.

»Wir dürfen ihn nicht warm reiben! Und er darf jetzt auch noch nichts Heißes zu trinken bekommen! Er muss erst von selbst wieder warm werden.«

Benn konzentrierte sich wieder auf den Mann.

»Und Sie bewegen sich nicht! Jede Muskelkontraktion transportiert Ihr kaltes Blut von außen nach innen, saugt die Wärme aus dem Körperkern. Die Folge ist Herzkammerflimmern, vielleicht sogar Herzstillstand.«

Unterkühlungen waren tückisch. Die Kälte wanderte zeitversetzt von außen nach innen. Und wenn die Haut zu schnell erwärmt wurde, dann weiteten sich die Adern und verschluckten große Blutmengen, die dann im Körperkern, im Gehirn, im Herz, in den Nieren fehlten. Retter, die das nicht beachteten, konnten den Unterkühlten mit dem Wiedererwärmungsschock erneut in eine lebensbedrohliche Lage bringen.

»Er hat Glück gehabt«, sagte Benn und beobachtete weiter den am ganzen Körper zitternden Mann. Die Blutgefäße verengten sich, dachte Benn, um die Wärmeabgabe über die Haut zu vermindern. »Zittern ist die schwächste Form des Körpers, Wärme zu produzieren. Er kann nicht allzu lange im Wasser gewesen sein, und er scheint eine recht gute Kondition zu haben.«

»Wie lange kann man so ein Wasserbad überleben?«, fragte Francesca. »Ich habe noch nie jemanden so heftig zittern sehen.«

»Das ist bei jedem anders. Viele Unwägbarkeiten. Aber er ist jung.« Benn schätzte den Mann etwas jünger als sich ein, auch wenn die leichenblasse Haut ihn viel älter erscheinen ließ. »Allgemein sagt man: Bei fünfzehn Grad Wassertemperatur gibt es eine Überlebenschance von bis zu vierundzwanzig Stunden, bei zehn Grad von bis zu sechs Stunden, bei fünf Grad von maximal drei Stunden.«

»Das ist ja sehr exakt, dein ›bis zu‹.«

»Francesca ... bei Unterkühlung gibt es keine Eindeutigkeit. Man kann auch in dreißig Minuten tot sein. Die körperliche Verfassung ist entscheidend!«

»Und wie kalt ist die Ostsee?«

»Ich schätze, nicht weniger als zwölf, aber auch keine fünfzehn Grad.«

Benn drehte sich um und fingerte an dem wasserdichten Beutel herum, der mit einem reißfesten Plastikband an einer der Ösen der Rettungsweste befestigt war.

Er riss den Beutel auf und holte die verpackten Gegenstände heraus. Handy, Personalausweis, Kreditkarte, Geldscheine, ein Schlüsselbund. Er schaute auf den Ausweis.

»Rainer Kemper heißt unser Seepferdchen.« Er wandte sich wieder dem Geretteten zu. »Sie müssen durchhalten. Auch wenn Sie müde sind - nicht einschlafen! Nachher bekommen Sie einen lauwarmen Tee mit viel Zucker. Damit kommt Ihre Körperheizung wieder in Schwung. Durchhalten! Sie schaffen das!«

Benn sah wieder auf den Beutel.

Seltsam. Es wirkte so vorbereitet.

Kapitel 4

NÄCHTLICHE OSTSEE

Benn eilte zum Steuerstand, griff sein Handy und wählte die gespeicherte Nummer, mit der er die deutsche Seenotrufzentrale in Bremen erreichte.

»Bleiben Sie ruhig, alles der Reihe nach«, sagte eine männliche Stimme, als die Worte aus Benn heraussprudelten.

Es ist verrückt, dachte Benn. Da lebst du dein ganzes Leben an der See, betreibst einen Bootsverleih, schipperst Leute über die Ostsee und hast noch nie einen Seenotruf absetzen müssen.

»Sie sind nervös - ich stelle die Fragen, und Sie antworten mir einfach. Einverstanden?«

»Einverstanden«, erwiderte Benn.

Die männliche Stimme fragte nach und nach die Informationen nach einem Muster ab. Schiffsname, Standort, was passiert war, wer anrief, ob weitere Personen in Seenot waren.

»So, und jetzt zu dem Schiffbrüchigen.«

Benn nannte Kempers Namen und die Daten vom Ausweis, dann beschrieb er dessen Zustand.

»Kennen Sie sich mit Unterkühlungen aus?«

»Ich weiß so ungefähr, was zu tun ist.«

»Sagen Sie es mir.«

Benn ratterte herunter, was er wusste.

»Sie kennen sich wirklich gut aus«, sagte die Stimme anerkennend. »Tun Sie all das, was Sie eben gesagt haben, und laufen Sie den nächsten Hafen an! Wenn das, was Sie sagen, stimmt, wird der Mann es schaffen. Sie müssen allein zurechtkommen. Unsere nächste ständig besetzte Rettungsstation wäre der Seenotkreuzer Eugen auf der Greifswalder Oie. Allerdings ist der Kreuzer im Moment im Einsatz. Sie sind heute Abend leider nicht der einzige Notfall! Und die Stationen Lauterbach auf Rügen und Freest an der Küste sind nur im Bedarfsfall besetzt. Wie schätzen Sie seine Situation ein? Schafft er es mit Ihrer Hilfe bis ins nächste Krankenhaus?«

Benn überdachte den Zustand des Geretteten.

»Ich glaube schon. Er ist total erschöpft, aber bei Bewusstsein. Er zittert furchtbar, aber ich denke, wir haben ihn rechtzeitig aus dem Wasser gezogen.«

»Muskelsteifheit?«

»Nein. Er hat sich aus dem Wasser selbst auf das Deck gezogen, ist dann aber abgerutscht.«

»Ich werde die Meldung auf jeden Fall an die Polizei weitergeben. Dieser Kemper scheint noch einmal Glück gehabt zu haben ...«

In diesem Moment brach die Verbindung zusammen. Benn fluchte genervt, starrte auf die Akkuanzeige, wählte erneut die Notrufnummer. Nichts. Sooft Benn auch versuchte, die Seenotzentrale über das Handy anzuwählen - er bekam keine Verbindung mehr.

Sie wissen Bescheid, beruhigte er sich.

In ein paar Minuten würde er es noch einmal versuchen.

Benn stand im Pilothouse am Innensteuerstand und trieb den Dieselmotor das zweite Mal auf dieser Fahrt auf volle Touren. Francescas energische Stimme drang aus der Kammer.

»Machen Sie die Augen auf, los! Nicht einschlafen!«

Benn hörte das Klatschen. Francesca konnte furchtbar energisch und zupackend sein. Er mochte diesen Wesenszug genauso wie ihre schnurrende Sanftmut.

»Benn, er will immer wieder einschlafen! Mein Rütteln hilft auch nicht mehr.«

»Wie fühlt sich seine Haut an?«, fragte Benn zurück.

»Kalt!«, rief sie. »Aber längst nicht mehr so kalt wie vorhin.«

Benn zögerte, überdachte die Situation. Von außen konnte er keine Hilfe erwarten. Aus irgendeinem Grund war die Seenotzentrale nicht mehr zu erreichen. Und ihr Rettungskreuzer war im Einsatz.

»Gib ihm einen lauwarmen Tee mit viel Zucker. In kleinen Schlucken. Das wird seine Lebensgeister wieder wecken.«

»Wenn ich in die Pantry gehe, schläft er vielleicht ein!«

»Okay! Ich mach das!«

Benn warf einen Blick auf den Radarbildschirm. Vor der Greifswalder Oie waren immer noch mehrere Signale dicht beieinander. Kam Kemper von dort? Fehlte dort auf einem der Boote ein Mann? Hatten sie sein Fehlen vielleicht gar nicht bemerkt?

Benn überschlug die Entfernungen. Sie waren von Norden kommend zunächst mit voller Kraft Richtung Süden gelaufen, und er hatte erst kurz vor der Rettung das Segel gesetzt.

Kemper wiederum konnte von einer starken Strömung gut ein paar Seemeilen abgetrieben worden sein.

Die Windstille sprach gegen eine starke Strömung, aber andererseits konnten auch bei Windstille Strömungen laufen, wenn der Wasserstand der Ostsee besonders niedrig oder hoch war. Man hatte in solchen Fällen trotz Windstille schon Strömungen von fünf Seemeilen und mehr die Stunde gemessen.

Benn überlegte, ob er auf die Boote nahe der Greifswalder Oie zulaufen sollte, verwarf den Gedanken dann aber wieder. Dort wartete nicht mehr an Hilfe als die, die Kemper hier auch bekam.

Um sich nicht später Vorwürfe machen zu müssen, versuchte er erneut, Kontakt zur Seenotzentrale aufzunehmen.

»Was ist denn bloß los?«, fauchte er, als sich wieder keine Verbindung aufbaute. »Warum ist das Netz so überlastet? Heute ist doch nicht Silvester!« Fluchend legte er das Handy zur Seite und starrte auf die Radarabtastung.

Rügen. Die Seenotzentrale hatte vorgeschlagen, er solle Rügen anlaufen. Er bestimmte den Kurs und schaltete den Autopiloten ein. Dann eilte er in die Pantry, goss einen Teebeutel mit lauwarmem Wasser auf und zuckerte ihn stark.

»Er ist eingeschlafen«, sagte Francesca, als Benn mit dem Getränk in die Eignerkabine trat. »Einfach so!«

Benn gab Francesca die Tasse, kletterte ins Bett und hockte sich über Kemper. Er klatschte Kemper erst sanft, dann immer heftiger auf die Wangen.

»Du willst ihn doch nicht verprügeln, oder?«, murmelte Francesca, als Benn Kempers Körper in eine Sitzposition zog und dann erneut auf dessen Wangen klatschte, bis der die Augen öffnete.

»Der Tee wird Ihnen helfen.«

Francesca tauchte den Teelöffel immer wieder in die Tasse und schob ihn zwischen die zitternden Lippen des Geretteten.

Benn stützte Kemper und starrte nachdenklich in das immer noch kalkige Gesicht. Es wies an mehreren Stellen Schürfwunden auf.

»Ich bringe Sie nach Rügen! Ich habe die Behörden informiert.«

Kemper öffnete den Mund, brachte aber nur ein Krächzen zustande.

»Es strengt ihn an«, murmelte Francesca. »Siehst du das nicht?«

Ein paar heftige Töne gurgelten über Kempers Lippen.

»Was sagen Sie? Ich habe Sie nicht verstanden!« Benn senkte den Kopf. Plötzlich erinnerte er sich wieder an den Moment, als er Kemper aus dem Wasser gezogen hatte. Unter Schock hatte er wirre Worte gestammelt, die Benn vollkommen verdrängt hatte, denn Kempers Rettung hatte all seine Aufmerksamkeit verlangt.

Benn überlegte.

Bringen Sie uns nicht alle um ...

Nein, dachte Benn. Das hatte Kemper nicht gesagt.

»Sie bringen uns alle um.«

Ja, das waren die Worte. Benn war sich ziemlich sicher. Aber das sagte niemand, der aus Seenot gerettet wurde. Er musste sich verhört haben.

Erneut kamen nur unverständliche Töne über Kempers Lippen.

Benn gingen die Worte nicht aus dem Kopf.

Er beugte sich mit seinem rechten Ohr dicht an Kempers Mund.

»Lass ihn! Er ist noch viel zu schwach!«, rief Francesca.

Benn spürte ein paar Spritzer Tee oder Speichel an seinem Ohr.

»Niemand darf wissen ...«

Kapitel 5

NÄCHTLICHE OSTSEE

Sie türmten.

Pierre Duvall konnte es immer noch nicht fassen. Er trank einen Schluck, dann tastete er über die Narbe auf seiner rechten Wange. Sie war das Andenken an einen winzigen Splitter einer Gewehrgranate aus russischer Produktion. Er hatte bei einem Einsatz der Fremdenlegion im Niger den Kopf nicht rechtzeitig nach unten genommen.

Für ihn war es ein unbewusstes Ritual geworden, immer wieder über die schlecht verheilte Wunde zu streichen, die sich leicht nach außen stülpte und sich unter den Fingerkuppen viel größer anfühlte, als sie tatsächlich war.

Duvall starrte auf die schäumende Gischt hinter dem Boot, die sich hell vom dunklen Wasser abhob. Ansonsten war das Meer ein riesiges schwarzes Loch.

Kein Stern war zu sehen. Duvalls Blick verlor sich in den mal helleren, mal dunkleren Grautönen der Wolken, die sich gegen die Schwärze des Meeres bleifarben abhoben.

Er stand an der Cockpitpantry hinter dem Steuerstand, hielt die Whiskyflasche an den Mund und trank einen weiteren Schluck. Mit der Wärme im Bauch kamen ihm Luft und Wasserspritzer längst nicht mehr so kalt vor.

Unmittelbar vor ihm stand sein Freund Paul Ferrand, ein stämmiger, rotgesichtiger Baske von der nördlichen Seite der Pyrenäen, an der Steuerkonsole, die Duvall an ein Raumschiff erinnerte. Unendlich viele Schalter, Hebel, Digitalanzeigen und schwach bläulich schimmernde Leuchtziffern.

Es war ein großes, schnittiges Deckboot in offener Bauweise, ohne Dachaufbauten über dem Steuerstand, der sich in der Mitte des Bootes befand. Der halbrunde Spritzschutz unterstrich den Schnellbootcharakter.

»Lass das Saufen!«, brüllte Rotter am Heck. »Ich sorge dafür, dass du keinen Cent siehst!«

Schwachkopf, dachte Duvall. Wie konnte man so dämlich sein? Er schwenkte die Whiskyflasche, setzte zum nächsten Schluck an. Auf die Wut in deiner flachen Asiatenvisage, dachte Duvall und trank. Rotter mochte eine deutsche Mutter haben und in Hamburg aufgewachsen sein, aber die asiatischen Spermien konnte er nicht verleugnen.

»Du kannst mich mal!«, fauchte Duvall.

Vor fünf Jahren hatte ihn so eine Fratze in der Fremdenlegion zurechtweisen wollen. Das konnte er überhaupt nicht leiden. Damals nicht und heute nicht. Schon gar nicht von einem, der neu in die Einheit gekommen war.

Er hatte getrunken. Und er hatte sich gewehrt. Die anschließende Messerstecherei war der Grund, dass Duvall nach fünfzehn Jahren aus der Legion gejagt worden war. Und jetzt wollte ihm so einer wieder was sagen?

Rotter war die Kanaille, die die Kommandos gab, da der Hüne auslief. Er und der leichenblasse Victor stopften Mullbinde um Mullbinde auf die Schusswunden in Bauch und Brust des Hünen, um den pulsierenden Blutfluss zu stoppen.

Aber das würde seinen Jugendfreund Franz, den sie aufgrund seiner Größe und seines mächtigen Körpers nur »Hüne« nannten, auch nicht retten.

Franz hatte ihn für diesen Auftrag angeworben. Womit er bei der Frage war, ob sie von den je fünfundzwanzigtausend Dollar, die ihnen für eine Woche Vorbereitung und Entführung eines namenlosen Wissenschaftlers zugesagt worden waren, auch nur einen Cent sehen würden.

Im Vergleich zu dem, was sie in den letzten zwei Jahren für Einsätze bekommen hatten, war der Sold außergewöhnlich. Denn Aufträge waren rar, und von Monatsgehältern von über zwanzigtausend Dollar sprach schon lange keiner mehr. Auch nicht für gut ausgebildete Männer, wie er und Ferrand es waren.

Die Anwerber rekrutierten immer mehr Männer aus den lateinamerikanischen Armeen, die mit Monatsgehältern von viertausend Dollar gelockt wurden und sich am Ende mit tausend oder weniger zufriedengeben mussten.

Mit den fünfunzwanzig Riesen hätten sie weit bis ins nächste Jahr gut leben können. Ferrand besaß nahe Collioure an der Côte Vermeille ein einfaches Haus aus Feldsteinen, in dem man es aushielt, bis die Zeiten wieder besser wurden.

Im Moment jedoch schien es so, als wären sie verraten und verkauft worden. Die Sahne schien vergiftet. Auch wenn Rotter ganz anderer Meinung war.

Idiot, dachte Duvall. Sie waren von ihren eigenen Leuten beschossen worden. Das musste man ihm erst mal erklären.

Duvall trank noch einen Schluck und dachte an die letzten Stunden und den Überfall zurück.

Sie warteten auf dem von Büschen umgebenen, praktisch nicht einsehbaren Parkplatz des Instituts. Der Strom fiel genau in dem Moment aus, als der Hüne ein letztes Mal auf seine Uhr schaute.

Den hohen, aber einfachen Maschendrahtzaun des Forschungsgeländes zerschnitten sie in Sekunden, rannten ungesehen über die weite, freie Fläche bis zum über zweihundert Meter langen, mehrstöckigen Gebäudekomplex am Greifswalder Stadtrand, dessen Fassade fast vollständig aus Glas und Stahlstreben bestand.

Es dauerte keine Minute, dann schlüpften sie durch eine Nottür in das Gebäude, dessen wellenförmiges Dach an die Nähe zur Ostsee erinnerte.

»Alles vorbereitet. Rein und raus. Wir müssen uns weder über die Sicherungstechnik noch über die Überwachungskameras Gedanken machen«, hatte der Hüne bei der Vorbereitung gesagt. »Nichts wird uns aufhalten. Ein Kinderspiel.«

Duvall verstand zwar nicht, warum nicht zumindest kurzfristig Notstrompuffer den Stromausfall ausglichen, aber wenn es so war, dann war es eben so. Man musste eben nur an der richtigen Stelle manipulieren.

Die Lichtkegel ihrer Taschenlampen tanzten vor ihnen durch die dunklen Flure. Umso überraschter war Duvall, als sie in das Labor stürmten.

Das Labor war keine fünfzig Quadratmeter groß und im Gegensatz zu den Fluren hell erleuchtet. Erst beim zweiten Blick sah er, dass auch hier keine Deckenbeleuchtung brannte, sondern das Licht von Strahlern stammte, die an eine Batterie oder eine andere Lichtquelle gekoppelt sein mussten.

Der Raum glich einer kleinen Maschinenhalle. Mit irgendeiner Kraftquelle, die sich in einem runden, kochtopfähnlichen Metallbehälter befand, wurde eine pfeifende Antriebswelle in Schwung gehalten, die wiederum in einem Metallgehäuse steckte.

Von dem Metallbehälter führten Leitungen zu mehreren Messgeräten. Deren Nadeln kratzten über Endlospapier und zeichneten mit einem leisen Schaben schwarze Tintenlinien mit heftigen Ausschlägen.

Neben dem Metallbehälter stand ein kleiner Generator, von dem Leitungen in den Metallbehälter führten. Oder umgekehrt.

Duvalls Kenntnisse der Technik beschränkten sich auf die Mechanik der verschiedensten Waffenverschlüsse und die Durchschlagswirkung von Munition. Er konnte mit verbundenen Augen eine Uzi oder Kalaschnikow auseinanderbauen und wieder zusammensetzen, aber die Maschinen in dem Raum waren ihm fremd.

Duvall schätzte die Zielperson auf knapp dreißig. Das vorspringende Kinn verstärkte den entschlossenen und willensstarken Gesichtsausdruck, der ihn leicht mürrisch aussehen ließ. Die dunklen Augen unter dem braunen Haarschopf leuchteten vor Stolz und Begeisterung. Seine feingliedrigen Hände glitten sanft über die Messgeräte.

Neben der Zielperson stand ein Mann mit vollen, schlohweißen Haaren, der mit seiner derben Cordhose und dem offenen Hemd, dessen Ärmel aufgekrempelt waren, auf dem Weg zu einer Grillparty zu sein schien.

Der Weißhaarige ließ sich willenlos abführen. Er faselte nur ständig von einem Irrtum, der sich aufklären lassen müsse.

Der junge Wissenschaftler dagegen wurde zornig und wehrte sich, gab patzige Antworten, als der Hüne nach den Unterlagen fragte, und schrie entsetzt auf, als sie kleine Sprengladungen mit Zeitzündern an den Maschinen anbrachten.

Sie trieben ihre Beute im Laufschritt auf dem gleichen Weg, den sie gekommen waren, zum Wagen, wo der Hüne den beiden leichte Betäubungsspritzen verpasste, die sie bis zur Ankunft am Treffpunkt ruhigstellen sollten.

Alles klappte wie am Schnürchen. Der Stromausfall machte ihren Einsatz noch leichter. Ungehindert fuhren sie durch die dunklen Straßen zum wenige Kilometer entfernten Wiecker Hafen, wo das Boot lag.

Als Ferrand auf See plötzlich die Motoren drosselte, wunderte sich Duvall. Er sah keine Positionslichter, nur graue Dunkelheit.

»Das ist der Treffpunkt.« Ferrand zwängte das Boot in eine sanfte Linkskurve.

»Was ist das, verdammt noch mal?« Plötzlich blinkte seitlich von ihnen in der See ein Licht, etwa auf Wasserhöhe.

Duvall starrte auf einen röhrenförmigen Rumpf, der ihn an eine riesenhafte, im Wasser treibende Zigarre erinnerte.

Die dunkle Röhre maß gut zwanzig Meter und war damit fast doppelt so lang wie ihr Motorboot. Die Röhre war oben abgeflacht und lag tief im Wasser, sodass trotz der ruhigen See immer wieder Wellen über sie hinwegspülten.

In der Mitte der Röhre ragte ein trapezförmiger Aufbau von knapp einem Meter aus dem Wasser, aus dem wiederum das Endstück eines Rohres ragte.

Ein kleines Sehrohr, dachte Duvall. »Ein U-Boot.«

Ferrand drosselte die Motoren weiter, bis die beiden Boote nebeneinander lagen.

»Das ist ein Tauchboot«, sagte Ferrand anerkennend und hielt ihr Boot mit sanften Steuerbewegungen auf Position.

»Du meinst ein Mini-U-Boot?« Duvall starrte weiter auf die Röhre mit dem trapezförmigen Aufbau in der Mitte.

»Nein. Ein Tauchboot. Auch wenn ihr Name etwas anderes vermuten lässt, können sie nicht wie U-Boote tief tauchen. Sie haben keine Tauchzellen. Jedenfalls nicht die älteren Modelle. Tauchboote sinken nur dicht unter die Wasseroberfläche, liegen eher im Wasser. Deshalb auch die viel kleineren Aufbauten.«

»Aha.«

»Diese Tauchboote können fünftausend Kilometer und mehr fahren. Sind bis zu zehn Knoten schnell. Die Dinger sind nichts anderes als eine Stahlhaut mit zwei starken Dieselmotoren. Der Rest besteht aus Tanks, Stauraum und ein klein wenig Platz für ein paar Mann Besatzung. Sie sind von Überwasserbooten aus kaum zu entdecken, schon gar nicht nachts.«

Duvall musterte den flachen, eckigen und mit kleinen Fenstern versehenen Aufbau oberhalb der Wasserlinie.

»Genial. Ein paar kleine Wellen, und der Aufbau ist auch verschwunden.«

»Das ist der Sinn der Dinger. Die neuesten Boote haben sogar kleine Tauchzellen. Damit schaffen sie es, ganz unter der Wasseroberfläche zu verschwinden. So werden sie auch für die Überwachung aus der Luft unsichtbar. Und sie haben den modernsten Navigationsschnickschnack an Bord.«

»Du bist ja bestens informiert. Woher kennst du Tauchboote?«

»Ich habe vor zwei Jahren bei einem Einsatz in Mittelamerika mitgemacht. Jagd auf Drogenbosse, angeblich im Auftrag der amerikanischen Regierung - aber so genau haben sie uns das nicht gesagt. Vielleicht war es auch die Konkurrenz. Da haben wir eines von den Dingern auf See aufgebracht.« Ferrand grinste. »Die Laderäume fassen zehn Tonnen Kokain.«

Dann passte da auch das Goldstück hinein, dachte Duvall und beobachtete, wie sich eine Luke in dem trapezförmigen Aufbau öffnete und zwei Männer herauskrabbelten.

Einer der beiden blieb neben dem Aufbau stehen und winkte. Der andere Mann balancierte mehrere Schritte Richtung Heck, um sich dann zwischen ein paar Metallverstrebungen zu hocken.

Duvall konnte in der Dunkelheit nicht erkennen, was der Mann dort tat. Die zwei eingeschalteten Scheinwerfer beleuchteten den Aufbau des Tauchbootes.

»Das ist doch ein Maschinengewehrstand«, sagte Duvall misstrauisch und starrte weiter auf die Metallkonstruktion.

»Manchmal sind sie bewaffnet. Aber üblicherweise vermeiden sie jeden unnötigen Ballast. Maximale Transportkapazität. Wenn sie entdeckt werden, versenken sie das Boot einfach. Keine Beweise.«

Duvall sah zum Heck ihres Bootes. Der Hüne stand mit dem jungen Wissenschaftler an der Reling und schrie ihm Anweisungen ins Ohr. Duvall verstand die Worte nicht, aber die Gesten des Hünen waren eindeutig.

Ihr Goldstück sollte das Transportmittel wechseln.

Der Hüne hielt ihm eine Rettungsweste hin. An der Weste wippte ein kleiner, wasserdichter Beutel, der mit einem reißfesten Plastikband an einer der Ösen der Rettungsweste befestigt war. In dem Beutel waren die persönlichen Sachen des jungen Wissenschaftlers. Duvall kannte den Inhalt, denn er hatte den Beutel auf Weisung des Hünen gepackt. Was fehlte, waren die Unterlagen, die sie im Labor mit hatten einsammeln sollen. Der Hüne hatte furchtbar geflucht, als der Bursche gesagt hatte, es gäbe keine. Auch bei ihrer kurzen Durchsuchung hatten sie keine Unterlagen gefunden.

Der junge Wissenschaftler ignorierte die Weste und deutete aufgeregt auf das Wasser.

Weichei, dachte Duvall und grinste geringschätzig. Der Bursche würde doch einen Sprung von kaum zwei Meter hinbekommen. Rotter und Victor hatten Seile hinübergeworfen, die die beiden Boote dicht beieinander hielten.

Der Hüne zögerte nicht länger, zwang dem jungen Mann die Weste über und drehte ihn einfach um.

Duvall sah amüsiert zu, wie der Hüne sein Paket zum Transport vorbereitete, in dem er den Mann an den Seitenausstieg drängte und ihm dann einen kräftigen Stoß in den Rücken gab.

Der junge Wissenschaftler sprang mit rudernden Armen, landete auf dem Deck des Tauchbootes, rutschte aus, knickte in den Beinen ein und wurde von dem Mann an der Luke umfasst.

Dann aber wehrte sich der junge Wissenschaftler plötzlich. Er schlug um sich und traf den Mann neben sich mit einem wilden Schwinger.

Ein Schuss krachte.

Dann raste eine Geschossgarbe vom Tauchboot herüber.

Duvall warf sich hinter der Cockpitpantry in Deckung. Eigenschutz war die erste Lektion, die er in der Legion gelernt hatte. Ein toter Legionär sparte zwar Pensionen und eignete sich für heldenhafte Begräbnisse, aber er war auch jemand, der nicht mehr kämpfen konnte.

Charly, ihr Youngster, starb sofort. Er fing sich an der Reling stehend die erste Kugel der Geschossgarbe.

Die Bootsmotoren jaulten schrill auf, und Duvall spürte den Deckboden unter sich zittern, während über ihm die Kugeln pfiffen. Das Vibrieren erfasste seine Beine, rüttelte seine Bauchdecke durch. Schließlich machte ihr Boot einen Satz nach vorn.

Er sah zum Heck. Der Weißhaarige lag am Boden. Gerade kippte Franz, der Hüne, getroffen nach hinten auf die Heckbank.

Mit dem Bild des stürzenden Hünen tauchte Duvall aus seiner Erinnerung auf, denn Rotter schlug ihm im Vorbeigehen heftig auf die Schulter und kletterte auf das Sonnendeck vor dem Cockpit.

»Hilf ihm!« Ferrand deutete nach vorn. »Und hör auf zu saufen! Reiß dich zusammen!«

»Sie schießen uns zusammen und wir türmen. Das kann doch nicht wahr sein! Was ist mit unserem Geld?« Duvall dachte nicht daran, sich so abspeisen zu lassen.

»Sei froh, dass ich deinen Hintern gerettet habe.«

Duvall knurrte unwirsch und sah nach hinten. Victor stand allein am Heck und starrte ins Meer. Die Bank, auf der kurz zuvor noch der Hüne und der Weißhaarige gelegen hatten, war leer.

Er trank einen letzten Schluck, schwang den Arm, überlegte es sich dann anders und steckte die Whiskyflasche in seine Jackentasche. Dann kletterte er auf das Sonnendeck, wo Rotter die Hände unter die Schultern des Toten schob. Duvall packte an den Füßen an.

Ferrand drosselte die Geschwindigkeit des Bootes, bis es ruhiger auf dem Wasser lag. Duvall hob den Leichnam an den Fußgelenken an. Rotter nickte mit dem Kopf in Richtung Backbord.

Sie schwangen den Leichnam dreimal hin und her, dann ließ Duvall einfach los. Der tote Körper segelte durch die Luft, krachte auf die Reling, blieb dort einen Moment hängen und kippte dann doch in die See.

Spurenbeseitigung.

Kapitel 6

NÄCHTLICHE OSTSEE

Benn stand in der Kabine vor der Koje.

Kemper zitterte zwar noch am ganzen Leib, aber längst nicht mehr so unkontrolliert wie noch vor Minuten. Francesca zwängte ihm immer wieder den Löffel mit der süßen Flüssigkeit zwischen die Lippen. Es dauerte einige Minuten, dann nippte Kemper erstmals vorsichtig an der Tasse. Und noch ein paar Minuten später richtete er sich schließlich auf. Francesca schob Kissen in seinen Rücken.

»Das tut gut!«, krächzte Kemper, als Francesca ihm erneut Tee einflößte.

»Sie müssen sich noch schonen«, sagte sie milde.

»Es geht schon!«, erwiderte Kemper. Seine Stimme wurde bei jedem Wort kräftiger, nahm langsam einen tiefen, volltönenden Klang an, den Benn nicht erwartet hätte. »Es ist ein eigenartiges Gefühl, diese Mischung aus Kälte und letzter Körperwärme tief im Innersten zu spüren. Ich hatte Todesangst.«

»Meine Frau hat recht - schonen Sie sich noch!«, sagte Benn. »Es ist vorbei. Es kann Ihnen nichts mehr passieren. Sie haben überlebt.«

Kemper war ein zäher Bursche, dachte Benn anerkennend. Trotz seines eher schmächtigen Körpers, der, als sie ihn nackt ins Bett gehievt hatten, so käsig, schlaff und kraftlos gewirkt hatte.

Benn erinnerte sich an das Geburtsdatum auf dem Ausweis. Rainer Kemper war knapp dreißig. Wenn er erst voll bei Kräften war, würde sein Gesicht auch wieder große Ähnlichkeit mit dem Foto im Ausweis haben. Nur das vorspringende Kinn und der mittlerweile lebhaftere, forschende Blick der dunklen Augen erinnerten an den entschlossenen und willensstarken Gesichtsausdruck auf dem Foto. Im Augenblick wirkten seine Wangen noch eingefallen und käsig weiß. Und die dunklen, noch nassen und sich widerspenstig kringelnden Haarsträhnen unterstrichen diesen Eindruck.

»Wo fahren wir hin?« Kemper hielt die Tasse mittlerweile selbst in seinen feingliedrigen Händen und nippte weiter am Tee.

»Wir laufen auf Rügen zu und bringen Sie dort in das nächste Krankenhaus.«

Benn wartete auf eine zustimmende Reaktion, aber Kemper schwieg und starrte auf die Decke, die bis zum Hals hochgezogen war. Seine Wangenmuskeln zuckten kurz.

»Ihre Begeisterung hält sich in Grenzen«, sagte Benn schließlich. »So jedenfalls deute ich Ihren Gesichtsausdruck und Ihr Schweigen. Was ist falsch daran?«

»Ich muss telefonieren, Leute benachrichtigen«, murmelte Kemper plötzlich.

»Das habe ich schon getan«, sagte Benn. »Ich habe die Seenotzentrale informiert.«

Benn stutzte, denn der kurze Blick, den er von Kemper erhaschte, bevor dieser rasch die Augenlider wieder senkte, wirkte ernst, fast wütend.

»Da habe ich keine Freunde.« Kemper atmete laut ein und verzog plötzlich bitter den Mund. »Sie haben doch sicherlich mein Handy.«

»Vorhin ist das Netz zusammengebrochen.« Benn sah forschend in das blasse Gesicht, das immer noch die Schrecken der letzten Stunden widerspiegelte. »Sie leben! Das ist wichtig!«

»Was ist passiert? Wenn man darüber redet, geht es einem gleich besser.« Francesca nahm Kemper die leere Tasse aus der Hand.

»Helfen Sie mir!« Kemper stieß Francescas helfende Hand unwirsch zurück und richtete sich auf. »Ich muss aufstehen.«

»Sie sollten liegen bleiben!«, sagte Benn bestimmt und mit einem ärgerlichen Unterton. Für Kempers plötzliche Aggressivität gab es keinen Grund. Wenn, dann durften sie verärgert sein. Schließlich hatten er und Francesca sich die Nacht anders vorgestellt. Kemper brachte bei ihnen alles durcheinander, nicht umgekehrt.

Außerdem störte ihn diese Geheimnistuerei. Sie hatten den Mann gerettet, sich selbst in Gefahr gebracht - und Kemper schien mit ihnen zu spielen. Es war doch offensichtlich, dass er nicht alles sagte. Welche Freunde wollte er denn anrufen? Und dann seine Andeutungen ... Kemper war ihm noch Erklärungen schuldig. Dass er stattdessen diesen Ton anschlug, machte Benn wütend.

»Meinen Sie nicht, wir haben das Recht, mehr zu erfahren? Ich glaube, wir wissen im Moment besser, was zu tun ist. Schließlich ...« Benn merkte, dass seine Stimme energischer wurde, und brach mitten im Satz ab, denn Francesca sah ihn mahnend an.

»Ich weiß, was ich tun muss!«, schrie Kemper mit überkippender Stimme.

»Eh! Immer mit der Ruhe, ja?«, schnauzte Benn lautstark zurück. »Wir haben Sie gerettet - nicht vergessen!«

Er sah zu Francesca, die Kemper mit aufgerissenen Augen anstarrte.

»Alles in Ordnung«, sagte Benn zu seiner Frau. »Schockreaktion! Irgendwann muss das alles raus!«

»Bitte! Ich muss aufstehen! Bitte!«

Kemper sprach nun mit flacher Stimme, aber seine Augen funkelten Benn dabei trotzdem wütend an.

»Ich verstehe nicht, warum Sie uns nicht sagen, was Ihnen zugestoßen ist«, meinte Francesca.

Immer noch hielt Benn Blickkontakt mit Kemper, der boshaft zurückstarrte.

Tue es nicht, dachte Benn plötzlich. Ihn beschlich eine düstere Ahnung. Nun ärgerte er sich, dass er Kemper so sehr bedrängt hatte. Er wollte nicht, dass Kemper irgendetwas sagte, womit er Francesca beunruhigte.

Er starrte den Geretteten weiter an und konzentrierte sich voll darauf, dass dieser die Botschaft in seinen Augen lesen konnte. Als Kemper den Mund öffnete, schüttelte Benn unmerklich den Kopf.

»Ich ... ich habe eine Seekajaktour gemacht. Im Greifswalder Bodden.«

»Allein?«, fragte Francesca verwundert.

Kemper nickte.

»Schon mal gemacht?«, fragte Benn.

»Es war das erste Mal.«

»Keine Erfahrung - und dann allein? Leichtsinniger geht es nicht, was?« Benn schüttelte nur den Kopf.

»Eine Wette«, murmelte Kemper nach einer Weile. »Eine Wette unter Freunden. Geboren im Suff. Sie wissen, was ich meine?«

»Ich kann es mir vorstellen.« Benn nickte.

»Aber was ist passiert?«, bohrte Francesca nach.

Kemper erzählte, er sei irgendwann von der Strömung abgetrieben worden. »Ich habe schlappgemacht, und dann bin ich auch noch gekentert. Ich weiß, ich habe verdammtes Schwein gehabt.«

Es folgte ein Moment des Schweigens. Benn beobachtete Kemper mit gesenkten Augenlidern. Auch wenn dieser ihn offensichtlich verstanden hatte, konnte er nicht ausschließen, dass Kemper es sich anders überlegte.

»Ich muss telefonieren!«

»Sie müssen zum Arzt! Wen wollen Sie anrufen - die Wettkumpel?«

»So ungefähr. Kann ich mein Handy haben? Bitte!«

Benn las in den Augen Kempers die unmissverständliche Botschaft: Ich will mein Handy - andernfalls überlege ich es mir noch einmal.

Schließlich ging Benn zum Steuerstand und holte den wasserdichten Beutel mit Kempers Utensilien. Erst jetzt fiel ihm der kleine Knubbel auf. Ein Satellitenhandy! Vorhin, in all der Aufregung, hatte er dem Handy keine Aufmerksamkeit geschenkt.

»Der Beutel war an Ihrer Rettungsweste. Satellitentelefon und ein wasserdichter Beutel. An sich eine gute Vorbereitung.«

Kemper erwiderte nichts, sondern griff sofort nach dem Beutel. Seine Finger sind noch lange nicht so beweglich, wie er es sich wünscht, dachte Benn, als er die grimmige Mimik sah, mit der Kemper den Beutel aufnestelte und das Handy packte.

Seine unnachgiebige Verbissenheit nährte bei Benn den Verdacht, dass irgendetwas an Kempers Geschichte ganz und gar nicht stimmte. Dessen erste Worte kamen ihm erneut in den Sinn. Hatten sie am Ende das Opfer eines Verbrechens gerettet? Oder war Kemper selbst der krumme Hund? Ein Streit unter Schmugglern? Oder hatte ein Schiffseigner Kemper in die See befördert, weil er ihn auf frischer Tat mit seiner Frau oder Tochter erwischt hatte?

Jedenfalls jagte ihm Kemper keine Angst ein. Benn erinnerte sich an den eher schmächtigen Körper. Wenn es sein musste, würde er Kemper in die Schranken weisen, dachte er grimmig und sah zu, wie der Gerettete mit fahrigen Bewegungen die Geheimnummer eingab und das Handy so lange schwenkte, bis er mit dem angezeigten Empfangssignal zufrieden war.

»Können Sie mir aufhelfen?«, murmelte Kemper. »Und haben Sie etwas zum Anziehen für mich?«

Benn und Francesca standen am Steuerstand im Pilothouse, während Kemper hinter ihnen im Heck des Bootes auf der Steuerbordbank saß und mit seinem Handy hantierte.

Francesca hatte Kemper eine Hose und zwei Pullover von Benn hingelegt, die Kemper deutlich zu groß waren, aber ihren Zweck erfüllten.

»Hauptsache, er klappt uns nicht gleich wieder zusammen«, murmelte Francesca. »So langsam reicht es mir. Er ist stur. Ich bin froh, wenn das hier vorbei ist. Eigentlich hatte ich mir das heute Nacht ganz anders vorgestellt.«

»Ich auch, Schatz.«

»Er ist so seltsam«, murmelte Francesca, während sie den Kopf in Richtung des Hecks drehte. »Warum schreit er so?«

Da die Tür des Pilothouse geschlossen war, hörten sie zwar, dass Kemper ins Telefon schrie, aber sie verstanden die Worte nicht.

Francesca schob die Tür einen winzigen Spalt auf.

»Du willst lauschen!«, sagte Benn amüsiert und kontrollierte den Kurs. Sie waren immer noch Richtung Rügen unterwegs.

Kempers laute Stimme ging in ein Murmeln über.

»Er ist ein Heimlichtuer. Ich mag das nicht, das weißt du doch. Es sieht so aus, als sollten wir nicht mitbekommen, mit wem er telefoniert. Er versucht nicht einmal, den Anschein zu erwecken, dass es nicht so ist, wie es aussieht. Was soll das? Und wieso funktioniert sein Handy, wenn bei deinem kein Netz verfügbar ist?«

»Keine Ahnung. Er hat ein Satellitentelefon.« Benn schwieg einen Moment. »Ungeübt und allein mit dem Kajak auf die Ostsee - das ist verrückt!«, sagte er schließlich.

»Das glaubst du ihm?«

»Es gibt genügend Verrückte«, sagte Benn lakonisch und hoffte auf einen Moment, in dem er mit Kemper allein war.

Kapitel 7

BERLIN

Hagen saß angespannt an seinem Schreibtisch. Da er als Berater des Kanzlers häufig im Kanzleramt zu tun hatte und oftmals schnell reagieren musste, hatte man ihm ein kleines Büro zugewiesen, in dem er arbeiten konnte, ohne erst zu seinem eigenen Beratungsunternehmen fahren zu müssen.

Das zahlte sich in dieser Nacht aus, in der es darum ging, rasch an Informationen zu kommen. Denn die Kommunikationsexperten von Bundeswehr und Bundespolizei im Lagezentrum des Bundeskanzleramtes verfügten über die Telefonnummern von praktisch allen wichtigen Personen in der Bundesrepublik. Dazu gehörten auch die Chefs der großen Energieunternehmen, deren Geheimnummern, unter denen sie im Notfall jederzeit zu erreichen waren, Hagen nun halfen, sich ein Bild von der Lage zu machen.

Im Moment sprach er über das Festnetz mit dem Chef eines großen Stromkonzerns im Westen der Republik.

»Nein, auch wir wissen noch nicht, warum die Netze zusammengebrochen sind.« Die Stimme seines Gesprächspartners klang angespannt.

»Haben wir am Morgen wieder Strom, wenn die Leute aufwachen?«

»Ich kann es Ihnen nicht sagen. Die Reparaturtrupps sind natürlich unterwegs. Aber es ist ja offensichtlich, dass es mehr ist als ein Crash in ein paar Kupplungsstationen oder durchgeknallte Sicherungen in Umspannwerken.«

»Sie haben doch Notfallpläne - warum greifen die nicht?«

»Die Notfallpläne sehen vor, dass wir zunächst den Fehler finden müssen. So weit sind wir leider noch nicht. Obwohl alles auf den Beinen ist, was laufen kann. Übrigens: Es musste ja mal passieren. Sie wissen, wie oft wir schon mahnend Investitionen in die Netzkapazitäten ...«

»Für eine solche Diskussion ist jetzt sicherlich nicht der richtige Zeitpunkt.«

Beruhige dich, dachte Hagen in einem Anflug von Panik. Es schien tatsächlich das eingetreten zu sein, wovor Einzelne seit Jahren immer wieder warnten, ohne dass man sie wirklich ernst genommen hatte.

Er drückte sein Kreuz durch. Die Anspannung der letzten Stunden hatte Hagens ganze Schulterpartie hart und steif werden lassen. Er streckte den Nacken, und die Halswirbel knackten, als bräche sein Genick.

»Der Kanzler will zufriedenstellende Antworten. Dazu gehört auch die Aussage, dass der Fehler nicht bei uns liegt. Stimmt es, dass die Ursachen in Frankreich liegen?«

Hagen dachte kurz an die letzten Stunden zurück. Der Kanzler hatte nach ihrer Rückkehr aus dem Fernsehstudio umgehend mit den wichtigsten Regierungschefs Europas telefoniert. Der italienische Ministerpräsident schien bereits mehr über die Ursachen des Stromausfalls zu wissen. Er gab den Franzosen die Schuld.

»Nach meinen bisherigen Informationen scheint ein erhöhter Strombedarf der Franzosen eine gewisse Rolle zu spielen, aber dem Land gleich die Schuld zuzuweisen, halte ich im jetzigen Augenblick für voreilig.«

Hagen stutzte angesichts der vorsichtigen Antwort. Aber vielleicht wusste sein Gesprächspartner, dass die vom Lagezentrum vermittelten Gespräche dort mitgehört und aufgezeichnet wurden, und wollte später nicht mit voreiligen Schuldzuweisungen konfrontiert werden.

»Gibt es irgendetwas Beruhigendes, was ich dem Kanzler sagen kann? Etwas, was er bei seinen Gesprächen mit seinen europäischen Kollegen transportieren sollte?«

»Ich habe keine Beruhigungspillen im Angebot.«

Hagen knallte den Hörer auf und tigerte durch sein Büro, um wenigstens einen Teil der Anspannung abzubauen. Mitten in die Überlegungen, wen er als Nächstes anrufen sollte, klingelte sein Handy.

Als er sich meldete und die Stimme hörte, vergaß er für Sekundenbruchteile den Stromcrash, denn das war der Anruf, auf den er den ganzen Abend so sehnsüchtig gewartet hatte.

Im nächsten Augenblick jedoch war ihm klar, dass neuer Ärger anstand.

Rainer Kemper war voller Panik, stammelte von einem Überfall auf das Institut, behauptete, er und Professor Münch seien von ein paar vermummten Gestalten entführt worden und sein Experiment mit Sprengladungen vernichtet worden.

Kempers Stimme überschlug sich, er zischelte, atmete schwer und schwankte zwischen unbändiger Aggressivität und mutlosem Selbstmitleid.

In Hagens Kopf wirbelte alles durcheinander, aber nach und nach gelang es ihm, seine Gedanken zu ordnen und auch Kemper so weit zu beruhigen, dass dieser anstelle von Vorwürfen und Flüchen schließlich auf seine Fragen antwortete.

Wenn Hagen Kemper richtig verstand, sollte Kemper mit einem U-Boot verschleppt werden, und war ins Meer gestürzt, als es zu einer Schießerei zwischen der U-Boot-Besatzung und seinen Entführern gekommen war. Was aus Professor Münch geworden war, wusste Kemper nicht.

Kemper war von der See abgetrieben und von einem Pärchen halbtot aus dem Meer gerettet worden, die ihn nun irgendwo an Land bringen wollten.

Zunächst kam Hagen der Gedanke, Kemper sei durchgedreht. Für ihn war Kemper ein Mensch mit großen Stimmungsschwankungen.

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