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Die Quelle der Seelen

Inhalt

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Widmung
  5. Italienische Dolomiten
  6. 1.
  7. 2.
  8. 3.
  9. 4.
  10. 5.
  11. 6.
  12. 7.
  13. 8.
  14. 9.
  15. 10.
  16. 11.
  17. 12.
  18. 13.
  19. 14.
  20. 15.
  21. 16.
  22. 17.
  23. 18.
  24. 19.
  25. 20.
  26. 21.
  27. 22.
  28. 23.
  29. 24.
  30. 25.
  31. 26.
  32. 27.
  33. 28.
  34. 29.
  35. 30.
  36. 31.
  37. 32.
  38. 33.
  39. 34.
  40. 35.
  41. 36.
  42. 37.
  43. 38.
  44. 39.
  45. 40.
  46. 41.
  47. 42.
  48. 43.
  49. 44.
  50. 45.
  51. 46.
  52. 47.
  53. 48.
  54. 49.
  55. 50.
  56. 51.
  57. 52.
  58. 53.
  59. 54.
  60. 55.
  61. 56.
  62. 57.
  63. 58.
  64. 59.
  65. 60.
  66. 61.
  67. 62.
  68. 63.
  69. 64.
  70. 65.
  71. 66.
  72. 67.
  73. 68.
  74. 69.
  75. 70.
  76. 71.
  77. 72.
  78. 73.
  79. 74.
  80. Danksagungen

 

Für Virginia,
meine beste Freundin.

Ich liebe dich von ganzem Herzen. Wenn ich dich in den Armen halte und spüre, wie du meine Umarmung erwiderst, erlebe ich Augenblicke der Klarheit und Vollkommenheit.

Ich bin zu Hause.

Danke, dass du uns ein Leben schaffst,
das alles übertrifft,
was ich mir je hätte erträumen können.

Italienische Dolomiten

Mit ihren schneebedeckten, schroffen Gipfeln streben sie zum Himmel und blicken majestätisch hinunter auf das Tal von Cortina in den italienischen Alpen. Die Belluneser Dolomiten sind wie ein gewaltiger, mehr als fünfzig Kilometer langer Schatten am Horizont, der das Tal wie mit einer Decke verhüllt und der letzten schwachen Strahlen der Mittwintersonne beraubt.

Die Hütte stand am Fuße des Berges. Ihre Wände bestanden aus Baumstämmen, die in den umliegenden Fichtenwäldern abgeholzt worden waren, und ihr Strohdach war wasserundurchlässiger als jede moderne Konstruktion. Abgesehen von kleineren Reparaturen war an der Hütte seit hundertfünfzig Jahren nichts verändert worden. Die rustikale Einrichtung war aus Holz, das aus heimischen Fichtenwäldern stammte, und auf das Nötigste beschränkt. Es gab keinen modernen Komfort: Wasser kam aus einem Brunnen, Wärme aus einem großen Kamin, Licht aus alten Öllampen. Nichts ließ darauf schließen, dass man das einundzwanzigste Jahrhundert schrieb, hätten nicht auf dem Esstisch das Satellitentelefon und der Laptop gestanden. Der Bildschirm war aufgeklappt und zeigte ein Portfolio bei einer Bank in Luxemburg.

Genevieve Zivera saß vor dem Laptop und prüfte ihre Konten mit der Präzision eines Uhrmachers. Dabei stellte sie bei jedem ihrer Konten das Gleiche fest:

Es war leergeräumt.

Auf der Nordseite des Tales kämpfte der Mann sich sechs Kilometer bergauf. Seine Schneeschuhe trugen ihn über den fast einen Meter tiefen Pulverschnee. Der Ostwind ließ den Mann frieren, verwehte praktischerweise aber auch seine Spuren. Sein Körper war unter einem weißen, gefütterten Overall verborgen, und den Rucksack hatte er sich fest auf den Rücken geschnallt, um mehr Halt zu haben. Sein Atem kondensierte zu weißen Wölkchen und bildete kleine Eiszapfen in seinem dichten Bart. Sein langes schwarzes Haar lugte unter seiner weißen Wollmütze hervor und wehte im stetigen Wind, der immer stärker wurde. Der Mann machte keinen Halt auf seinem dreistündigen Marsch durch den Winterwald, erreichte schließlich die Baumgrenze und trat auf eine Lichtung unterhalb des grauen, schartigen Gebirgsmassivs. Er hatte seinen Aufstieg zeitlich perfekt geplant – die Sonne ging gerade unter; so würde ihm genug Zeit bleiben, seine Arbeit zu tun und im Schutz der Dunkelheit zu entkommen. Gefahren wie akute Unterkühlung oder völlige Erschöpfung, sogar der Tod verblassten neben der Gefahr, geschnappt zu werden. Niemand durfte je erfahren, was er hier getan hatte.

Die Hütte war für Genevieve zu einem Zufluchtsort geworden. Sie war bereits vor längerer Zeit hierher geflohen, um den Kopf freizubekommen. Hier, in der völligen Abgeschiedenheit, gab es keine unliebsamen Ablenkungen, die sie zum Grübeln verleiteten.

Manchmal jedoch wanderte sie durch die Gebirgslandschaft, geplagt von Angstzuständen und dem Gedanken an scheinbar unüberwindliche Probleme. Doch bisher war sie noch jedes Mal mit Antworten und neuer Entschlossenheit von der Hütte heruntergekommen. Es war stets wie eine Wiedergeburt, eine Erneuerung ihres Geistes und ihrer Seele und eine Wiederentdeckung der Hoffnung.

Jetzt war sie seit drei Tagen hier und hatte wieder einmal sämtliche Probleme gelöst – bis auf eines, das sehr viel größer war, als sie sich je hätte vorstellen können.

Genevieve weigerte sich, der Forderung eines gefährlichen Mannes nachzugeben und ihm zu beschaffen, was er verzweifelt suchte. Der Mann hatte es mit Charme versucht, mit Geld, mit Überredungskunst und versteckten Drohungen, doch Genevieve hatte allem standgehalten. Nun aber nutzte er seinen Einfluss und seine Macht, um ihr Leben zu zerstören – ohne Rücksicht auf die Menschen, die darunter zu leiden hatten. Er vernichtete sogar ihre finanziellen Mittel.

Als Genevieves Bankkonten leer waren, schloss man ihr privat geführtes Waisenhaus. Die Kinder wurden jäh auseinandergerissen und verstreut in der Welt der anonymen staatlichen Fürsorge.

Aber Genevieve hatte sich immer noch nicht beugen wollen.

Da kam der Mann zu ihr, mitten in der Nacht. Er durchwühlte ihr Haus, und als er nicht fand, wonach er suchte, brannte er es nieder.

Genevieve stand vor dem finanziellen und körperlichen Ruin. Es war nur eine Frage der Zeit, bis sie nicht mehr konnte. Denn der Mann jagte sie weiter, unerbittlich und gnadenlos.

Als der Bärtige den letzten Sprengsatz in die Felswand schob, hörte es für einen Moment zu schneien auf, und der Vorhang aus Wolken teilte sich, um einen Streifen blauen Himmelsfreizugeben. Der Bärtige blickte hinunter ins Tal, das von den letzten Strahlen der Abendsonne in goldenes Licht getaucht wurde. Der Blick reichte bis zum Horizont, und die Welt schien friedlich und rein, eine unverfälschte Wildnis. Abgesehen von der kleinen Hütte in einiger Entfernung gab es kein Zeichen von Zivilisation, so weit der Blick reichte.

Dann wurde der Wind wieder stärker, und der Vorhang aus Wolken schloss sich. Dunkelheit legte sich über das Land, und der Schneefall setzte wieder ein, heftiger als zuvor.

Der Mann packte seine Sachen zusammen und blickte auf seine Armbanduhr. Dann zog er ein kleines Gerät aus seinem Rucksack und hielt es ungeschickt in den Händen, die in dicken Handschuhen steckten. Er drehte so lange an dem kleinen Timer, bis die roten Leuchtziffern 20:00 anzeigten, und drückte auf einen Knopf an dem Gerät. Sekunden später glühte es im Felsgestein in Abständen von jeweils zwanzig Metern rot auf, als die sieben Sprengsätze nacheinander explodierten.

Der Mann warf einen letzten Blick auf die Hütte; dann machte er sich auf den Rückweg über den Berggrat.

Genevieve hatte Angst. Es war nicht die Furcht, gefasst zu werden oder gar die Angst vor dem Tod, sondern die Furcht, der Mann könne den Gegenstand finden, nach dem er suchte und von dem er glaubte, er stehe ihm zu. Diesen Gegenstand konnte man mit Geld nicht bezahlen, und der Mann würde vor nichts zurückschrecken, um ihn an sich zu bringen.

Doch gerade dieser Mann durfte den Gegenstand und das damit verbundene uralte Wissen nicht besitzen – ein Geheimnis, das sehr lange vor der Welt verborgen gewesen war. Aber Genevieve kannte den Mann. Sie wusste von den Gräueltaten, die er begangen hatte, und von der Gewalt, die er an den Menschen verübt hatte, die ihm am nächsten standen, um seinen unstillbaren Ehrgeiz und seine Gier zu befriedigen.

Genevieve hatte keinen anderen Ausweg gesehen, als ihren Freund um Hilfe zu bitten. Im Grunde hatte sie ihn sogar gebeten, das Unmögliche zu tun. Es verstieß gegen ihre moralischen Grundsätze, doch sie wusste, dass manchmal Böses getan werden musste, um noch Böseres zu verhindern.

Sie hatte nichts, womit sie ihren Freund hätte bezahlen können, nichts von Wert jedenfalls. Alles, was sie noch besaß, waren Worte.

Hoffentlich genügte das. Sie brauchte seine Hilfe dringend. Denn es gab Geheimnisse, die niemals offenbart werden durften, sondern auf ewig bewahrt werden mussten.

Der eisige Nachtwind heulte, und ein Schneesturm brach los, der die zerklüfteten Berge unter einer frischen weißen Decke begrub. Tiefe Stille trat ein, als der weiche Pulverschnee die wenigen Geräusche schluckte, die von den Bergen widerhallten.

Und dann, ohne jede Vorwarnung, zerriss Donner die Stille der Nacht, als in den kargen Felsen der Belluneser Dolomiten mehrere Explosionen krachten. Fels, Eis und Schnee stürzten in die Tiefe. Das Rumoren wetterte zwischen den Bergen wider und wurde mit jeder Sekunde lauter. Es klang wie ein heranrasender Zug.

Als die Woge aus Schnee und Eis den Berg hinuntertoste, wobei sie alles mit sich riss, was ihren Weg kreuzte, erwies es sich als Glücksfall, dass dieser Teil der Gebirgslandschaft nie erschlossen worden war. Es gab keine Dörfer im Auslauf der Lawine, keine Skiläufer, die sich in Sicherheit bringen mussten. Es gab nur eine schlichte, hundertfünfzig Jahre alte Holzhütte.

Und die würde niemand vermissen.

1.

So schnell er konnte, rannte Michael St. Pierre die Rue de Mont Blanc in Genf hinauf.

Es war zwei Uhr morgens an einem Donnerstag. Der Schnee des Spätwinters kam unerwartet von den Höhen der Berge und bedeckte die ohnehin rutschigen Straßen der Stadt mit einer frischen Schneedecke. Die Gebäude, die aussahen wie aus einem Märchenbuch, deren leuchtende Farben jetzt aber von der Dunkelheit verschluckt wurden, zogen an Michael vorüber, während er rannte, so schnell er konnte. Erst vor einer Minute hatte er seine behagliche Unterkunft verlassen, und schon hatte er von der Kälte kein Gefühl mehr im Gesicht. Seine blauen Augen tränten, jede Schneeflocke stach wie eine Nadel, und der frostige Nachtwind zerrte in seinem braunen Haar.

Die schwere schwarze Tasche, die er auf dem Rücken trug, drohte ihn aus dem Gleichgewicht zu bringen, als er in die schwach beleuchteten Straßen der Stadt einbog und Abkürzungen durch leere Gassen nahm, um in die Altstadt zu gelangen. Er war eins mit den Schatten. Sein dunkler, eng anliegender Overall verschmolz mit der Dunkelheit, während sein angestrengtes Keuchen von den Hauswänden widerhallte.

Endlich erreichte Michael die Rückseite des Hauses Nr. 24 in der Rue de Fleur. Das unscheinbare fünfstöckige Gebäude schien über Nacht leer zu stehen. Doch Michael wusste, dass die kostbarsten Dinge oft hinter Unscheinbarem versteckt wurden.

Da der Schneefall allmählich nachließ, grub Michael die Finger in die Ritzen zwischen den Granitblöcken, prüfte, ob er ausreichend Halt hatte, und war dankbar für seine geriffelten Handschuhe, die ihm zusätzliche Griffsicherheit verschaffen konnten. Er blickte hinauf zum Dach. Wegen der Schneeböen entstand der Eindruck, als führe der Aufstieg in eine gespenstische weiße Hölle.

Michael konzentrierte sich, ließ sich von nichts ablenken. Ihm blieb nicht viel Zeit, bis das Feuerwerk begann. In weniger als einer Minute musste er ihren letzten Wunsch erfüllt haben, sonst gab es keine Chance mehr.

Michael zog den Rucksack straff und machte sich an den Aufstieg.

»Nascentes morimur. Mit unserer Geburt beginnt unser Sterben«, sprach der Priester, und der Wind wehte ihm sein dunkles Haar in die Stirn. Er war hochgewachsen, mit breiten Schultern. In seinen kräftigen Händen hielt er einen Rosenkranz. Pater Simon Bellatori sah eher wie ein ergrauter Armeeoffizier aus, nicht wie ein Geistlicher, und seine tiefe Stimme wäre besser geeignet gewesen, Befehle zu erteilen, als Segnungen zu sprechen. »Manche halten den Körper für ein Gefängnis, das uns an unsere sterbliche Hülle fesselt, während unsere Seelen unsterblich sind und darauf warten, vom Fleisch erlöst zu werden in der Hoffnung auf das Himmelreich. Denn dort ist das ewige Leben, und dort wird unsere Schwester Genevieve nun für immer wohnen.«

Die kleine Gruppe stand auf einem historischen Friedhof vor den Toren Roms. Der graue italienische Winter ließ Michael frösteln, und er blickte zur Stadt, wo in der Ferne die Kuppel der Peterskirche zu sehen war. Er senkte den Kopf, als er am Grab stand und den Gebeten lauschte, die sein Freund, der Pater, sprach. Während die wenigen anwesenden Trauergäste kleine Missalen und Gebetskarten in den Händen hielten, umklammerte Michael mit festem Griff einen Manila-Umschlag. Dieser Umschlag war mit einem blauen Kreuzzeichen blasoniert und auf den Tag genau vor einer Woche angekommen …

Sie saß auf der Treppe seines Hauses und streichelte Michaels Hunde, Hawk und Raven, die sie mit ihrem üblichen Gebell begrüßt hatten.

»Guten Morgen, Schlafmütze«, sagte Genevieve und blickte mit einem warmen Lächeln zu ihm auf. Sie trug einen langen weißen Mantel und hatte ihr dunkles Haar zu einem Knoten aufgesteckt. Ein einreihiges Perlenarmband lag um ihr Handgelenk, und ein antikes Kreuz schmückte ihren Hals. Sie war gebildet und kultiviert, was Michael noch fröhlicher lächeln ließ, als er auf sie hinunterblickte und beobachtete, wie sie mit seinen beiden Berner Sennenhunden kuschelte.

»Wenn ich gewusst hätte, dass du kommst …«

»Hättest du dich dann rasiert und das Haus geputzt?«, erwiderte Genevieve lachend und mit ihrem leichten italienischen Akzent.

Der Tod von Michaels Ehefrau hatte Genevieve und Michael zusammengeführt. Pater Simon Bellatori aus dem Vatikanischen Archiv hatte Genevieve geschickt, um Michael das Mitgefühl des Vatikans und das persönliche Beileid des Papstes zum Tod von Mary St. Pierre auszusprechen.

Dass Genevieve ein Waisenhaus gehörte, war mehr als eine Ironie des Schicksals. Es war kein Zufall, dass Pater Simon sie geschickt hatte. Michael war seit seiner Geburt Waise, und obwohl er von liebenden Eltern adoptiert und großgezogen worden war, fühlte er sich allen Menschen verbunden, die ein ähnliches Schicksal erlebt hatten wie er selbst.

Die Beziehung zwischen Genevieve und Michael war über die letzten sechs Monate enger geworden. Für Michael war Genevieve wie eine große Schwester. Sie verstand seine inneren Qualen, seinen Schmerz. Wenn sie ihn tröstete, tat sie es stets mit knappen Worten und ohne jede Schwülstigkeit, denn sie wusste, dass jeder Mensch Verluste auf seine ganz eigene Weise erlebte und auf ganz persönliche Art trauerte. Und nie verurteilte sie Michael wegen seiner kriminellen Vergangenheit, sondern stellte sich auf den Standpunkt, dass ungewöhnliche Begabungen Segen und Fluch zugleich sein konnten und dass der Mensch sich dadurch definierte, wie er diese Begabungen nutzt. Genevieves Einstellung zum Leben war positiv, egal unter welchen Umständen. Sie fürchtete sich vor nichts und niemandem und besaß die Gabe, selbst in der finstersten Seele irgendetwas Gutes zu entdecken.

»Tja, hier sitzen wir nun«, sagte Michael. »Nicht gerade Nachbarn, wenn man bedenkt, dass Byram Hills sechstausend Kilometer von hier entfernt ist. Ich kann mir nicht vorstellen, dass du den ganzen Weg gekommen bist, um dir meine Schneefräse auszuleihen.«

Genevieve lächelte, wurde aber sofort wieder ernst. »Ich muss dich um etwas bitten.«

»Was immer du brauchst.«

»Antworte mir nicht sofort. Überdenke erst, was ich dir jetzt sagen werde.«

»In Ordnung«, erwiderte Michael verwirrt, als er das Zögern in ihrer Stimme hörte.

»Es gibt da ein Gemälde«, sagte sie. »Ein Kunstwerk, das schon sehr lange meiner Familie gehört. Es ist eine von nur zwei Arbeiten eines relativ unbekannten Künstlers. Ich dachte, das Bild sei verschwunden, aber kürzlich habe ich erfahren, dass es auf dem schwarzen Markt aufgetaucht ist. Dieses Gemälde enthält ein Familiengeheimnis, dessen Enthüllung schwerwiegende Folgen haben könnte.« Genevieve hielt einen Moment inne und begann wieder, Hawk zu streicheln. Dann fuhr sie fort: »Es ist nicht so, dass ich das Bild zurückhaben will. Ich möchte, dass es vernichtet wird, bevor die einzige Person es erwerben kann, in deren Besitz es niemals gelangen darf.«

Michael begriff, dass sie ihn bat, in ihrem Auftrag ein Verbrechen zu begehen. Er blickte auf den Briefumschlag, auf das blaue kreuzförmige Zeichen in Genevieves Familienwappen. Der Augenblick dehnte sich endlos, denn die Kälte des Morgens kroch ihm langsam in die Knochen.

»Ich werde gejagt, Michael, weil ich das Geheimnis dieses Kunstwerks entschlüsseln soll.«

»Was meinst du mit ›gejagt‹?«, fragte Michael und setzte sich auf.

»Der Mann, der versucht, an das Gemälde heranzukommen, kennt keine Gnade und macht vor nichts Halt, um sein Ziel zu erreichen. Kein Menschenleben ist ihm wichtig genug, keine Tat zu gottlos. Er ist verzweifelt. Und wie ein gefangenes Tier seine eigenen Gliedmaßen abnagt, um zu entkommen, kennt er kein Maß, kein Ziel und keine Grenzen. Der Ausweg, den er sucht – der Weg, den das Gemälde ihm weisen wird –, führt in den Tod.«

»Woher weißt du das?«, fragte Michael. Mitgefühl lag in seiner Stimme, doch keine Skepsis. »Woher weißt du, dass du keine voreiligen Schlüsse ziehst? Wer könnte so kaltblütig sein, einen anderen Menschen zu jagen wie ein wildes Tier?«

»Der Mann, von dem ich spreche … der Mann, der mich jagt«, Genevieve blickte Michael an, und er konnte den Schmerz in ihren Augen sehen, »ist mein eigener Sohn.«

Michael ließ diese Worte auf sich einwirken, ohne Genevieve aus den Augen zu lassen. Ihr Blick, sonst immer so fest und zuversichtlich, war jetzt verzweifelt und irrte umher wie der eines Kindes, das sich verlaufen hat.

Schließlich öffnete Genevieve die Messingschließe ihrer hellbraunen Ledertasche, griff hinein und zog ihre Autoschlüssel heraus. Sie stand auf und klopfte sich den Staub vom Mantel. Allmählich gewann sie ihre Fassung wieder.

Auch Michael erhob sich und schaute sie an. »Ich weiß nicht, was ich sagen soll.«

Genevieve beugte sich vor und küsste ihn auf die Wange. »Sag gar nichts. Ich schäme mich, dich um so etwas zu bitten.« Sie legte den Manila-Umschlag in Michaels Hand. »Ich könnte verstehen, wenn du ablehnst. Im Grunde hoffe ich es sogar. Es war dumm von mir, dass ich hergekommen bin.«

»Genevieve, ich …«, begann Michael.

»Ich rufe dich in einer Woche an«, fiel sie ihm ins Wort und drehte sich um.

Michael beobachtete, wie sie über den verschneiten Bürgersteig zu ihrem Wagen ging, einstieg und wegfuhr.

Während der nächsten Tage machte Michael sich immer wieder Gedanken über Genevieves Bitte. War es eine Überreaktion gewesen? Eine paranoide Reaktion darauf, dass sie sich in ihrer Mutterliebe verraten fühlte? Die Verzweiflung in ihren Augen passte gar nicht zu ihrem Wesen. Obwohl Michael verstandesmäßig seine Zweifel hatte, stellte er Genevieves Motive nicht in Frage: Was immer es mit diesem Gemälde auf sich hatte – Genevieve glaubte fest an seine Bedeutsamkeit.

Ihr Anliegen setzte Michael aber auch aus anderen Gründen schwer zu. Sie hatte ihn gebeten, in eine Welt zurückzukehren, die er seit Marys Tod nicht mehr betreten hatte. In ein Leben, das er aufgegeben hatte zum Gedenken an eine Ehefrau, deren moralische Grundsätze unerschütterlich gewesen waren. Außerdem waren Michaels körperliche Fähigkeiten eingerostet, und sein Verstand war nicht mehr so scharf wie früher. Und Genevieve bat ihn ja nicht nur darum, ein Gemälde zu stehlen – er sollte obendrein dafür sorgen, dass es nie wieder in den Besitz ihres Sohnes gelangen konnte, indem er das Kunstwerk vernichtete …

Drei Tage später griff Michael zum Telefon, um die Sache zu besprechen und Genevieve den gleichen seelischen Beistand zukommen zu lassen, den sie ihm hatte zuteilwerden lassen. Seine höfliche Absage wollte er sich für den Schluss aufheben. Sie hatte ihn gebeten, in eine Kunstgalerie einzubrechen, die nur auf dem schwarzen Markt existierte. Doch selbst wenn es ihm gelang, diese Galerie ausfindig zu machen – es würde fast unmöglich sein, dort einzudringen.

Doch Genevieves Telefon war nicht mehr angeschlossen. Sofort rief Michael bei Simon an.

Er brauchte dessen Worte gar nicht zu hören. Es war der Klang in der Stimme seines Freundes, der alles sagte.

Genevieve war tot.

Die Firma Belange war eine Legende in der Kunstsammlerszene. Ein Unternehmen, das mit Schwarzmarkt-, Graumarkt- und gar nicht auf dem Markt befindlicher Ware für den gehobenen Geschmack und Geldbeutel handelte. Gemälde und Skulpturen, Juwelen und Antiquitäten. Kostbare Stücke, von denen man glaubte, sie existierten nicht mehr.

»Belange« war der Deckname von Killian McShane. Sein Unternehmen war ein Einmannbetrieb. Seine zehn Filialen in der Schweiz und in Amsterdam waren elegante Geschäftshäuser, deren Mieter vorwiegend für die Finanzwelt tätig waren. McShane hatte in jedem Haus ein Büro im Kellergeschoss, besuchte jede Filiale aber nur zweimal im Jahr. Er fungierte als Schleichhändler von Kunstschätzen, die als verschollen galten, und erhob auf seine Transaktionen eine Gebühr von 15 Prozent. Die Geheimhaltung, zu der er sich verpflichtete, wurde nur noch übertroffen von seinen Sicherheitsvorkehrungen.

Auch in der Rue de Fleur 24 waren die Sicherheitseinrichtungen hochkarätig. Rund um die Uhr standen drei Männer Wache – am Haupteingang, in der Lobby und auf dem Dach. Diese Männer waren keine Schlägertypen, die vom Bodyguard bis zum Rausschmeißer sämtliche Jobs übernahmen, solange man sie dafür bezahlte – sie waren Topleute. McShane beschäftigte ausschließlich Männer, die früher im Dienst der Militärpolizei gestanden hatten, professionell geschult waren und über die erforderlichen Fähigkeiten verfügten, bei seinen Transaktionen den besten Schutz zu gewähren. Die Männer wurden nur eingestellt, wenn sie über zwei große Talente verfügten, Zielerkennung und Treffsicherheit, und sie waren angewiesen, nicht zu zögern, ihre Fähigkeiten einzusetzen, wenn sie es für erforderlich hielten.

Auch die elektronischen Sicherheitsanlagen waren auf dem neuesten Stand. Jedes Kunstobjekt, das den Besitzer wechseln sollte, wurde unter schärfsten Sicherheitsvorkehrungen in das neutrale Gebäude geschafft und in einem vollklimatisierten Kellerraum ausgestellt, wo es begutachtet werden konnte, ehe die Verhandlungen begannen. Keiner von McShanes Verhandlungspartnern wusste um die Identität der anderen Partei, denn McShane blieb stets anonym und arbeitete durch Mittelsmänner. Die Zahlung erfolgte grundsätzlich über Inhaberpapiere, wodurch unangenehme Datenspuren wie beim Bankverkehr vermieden wurden. Die Inhaberpapiere wurden ausgeliefert und vierundzwanzig Stunden festgehalten, um ihre Gültigkeit zu überprüfen. Nach Ablauf dieser Frist wurden die Gelder und das Kunstwerk der jeweiligen Partei überlassen, ohne dass es einen Beweis gab, dass die Transaktion überhaupt stattgefunden hatte.

Das sexuelle Feuerwerk begann wie geplant – die perfekte Ablenkung, die den Blick auch des unerschütterlichsten Wachmanns von seiner Pflicht weglockte. Auf dem angrenzenden Dachgarten eine Etage tiefer trafen zwei Damen des horizontalen Gewerbes in Begleitung eines zwanzigjährigen Studenten ein. Ohne Rücksicht auf die kalte Nacht zogen sie ihre Pelzmäntel aus und enthüllten ihre nackten, vollkommenen Körper. Sie schalteten einen Gettoblaster ein, aus der Techno dröhnte, und zogen dann eine Show ab für den einsamen Voyeur, der auf dem zugigen Dach auf der anderen Seite der Gasse auf Posten stand.

Ohne dass der abgelenkte Wachmann es bemerkte, glitt Michael über die Brüstung. Er war an der Fassade des fünfstöckigen Geschäftshauses hinaufgeklettert, wobei die Granitblöcke ihm perfekten Halt für Finger und Zehen geboten hatten. Hinter der Wand des Fahrstuhlschachts konnte er sich verstecken, öffnete lautlos seinen Rucksack mit dem Handwerkszeug und zog ein Kernmantel-Kletterseil heraus, das er sicherte, um sich anschließend schnell von hier absetzen zu können. Er platzierte zwei große Magnete am oberen und unteren Rand der Tür, hinter der sich der Fahrstuhlschacht verbarg, und setzte auf diese Weise die Signalgeber außer Gefecht, sodass sie nicht mehr anzeigten, dass etwas vorgefallen war, was normalerweise einen Alarm ausgelöst hätte.

Nachdem er die Türverriegelung aufgebrochen hatte, glitt Michael durch den Spalt und schloss die Tür hinter sich, ohne das leiseste Geräusch zu machen. Anhand der Informationen, die er von Genevieve bekommen hatte, und dank seiner Kontakte zur Unterwelt war es Michael gelungen, Belanges derzeitigen Aufenthaltsort herauszufinden und zu verifizieren, dass die fragliche Transaktion unmittelbar bevorstand. Den Grundriss des Gebäudes zu erwerben erwies sich als schwieriger, und Michael war erst vor einer Stunde damit fertig geworden, sich diesen Grundriss einzuprägen.

Nun blickte er forschend hinunter in den hundert Jahre alten, dunklen Fahrstuhlschacht. Verbrauchte, faulig riechende Luft, die ihm beinahe die Sinne raubte, schlug ihm entgegen. Er zog das mit einem Federmechanismus ausgestattete Klemmgerät aus der Tasche und befestigte es an der Führungsschiene unter der Decke. Dann klinkte er seinen Klettergurt an dem Seil ein, an dem er sich herunterlassen wollte, prüfte den Sitz des Rucksacks auf seinem Rücken und ließ sich ohne einen Laut in den sechs Stockwerke tiefen Schacht hinunter. Das Klemmgerät ließ ihn mit einer Geschwindigkeit in die Tiefe sinken, die er mittels einer Fernbedienung steuern konnte, die er in der Hand hielt. Für den Weg nach unten brauchte das Klemmgerät nur sehr wenig Zeit; viel mehr würde es für den gummibandartigen Effekt benötigen, mit dem es Michael später, bei seinem hoffentlich erfolgreichen Abgang, aus dem Kellergeschoss nach oben zog.

Michael drosselte die Sinkgeschwindigkeit, ließ sich auf das Dach der Fahrstuhlkabine hinunter, die über Nacht im Untergeschoss geparkt war, und drückte ein Ohr gegen die kalte Metalltür. Draußen war nichts zu hören. Michael öffnete behutsam die Türen, ließ sie hinter sich wieder zugleiten und kletterte in den dunklen Korridor.

In der Welt der Kunst geht es um Profit, wie in jeder anderen Branche. Die meisten Dinge haben den größten Wert, solange sie noch nicht gezeichnet sind von Alter und Abnutzung. Doch bis man sich am Wert eines Kunstwerks erfreuen darf, dauert es meist sehr lange Zeit, wie bei einem edlen Wein oder alten Büchern. Erst wenn der Schöpfer des Werkes nicht mehr am Leben und in der Lage ist, die Früchte dafür zu ernten, erreicht es einen veritablen Wert. Gemälde zeigen, was der Künstler mit den Augen und dem Geist gesehen und was er über sein Herz schließlich zum Ausdruck gebracht hat, indem er es auf Leinwand bannte. Jedes Kunstwerk ist einzigartig. Es ist wie ein Kind, das Liebe und Stolz verdient.

Dennoch ist es trotz der Arbeit nur selten der Künstler selbst, der den Lohn für seine Mühen erntet. Stattdessen ist es der Investor, derjenige, der das Geld hat und weiß, wie der Markt auszuschlachten ist, und der sich an der Beute ergötzt. Oft sind es Individuen, die nicht zwischen einer Leinwand und einem Blatt Papier unterscheiden können, nicht zwischen einem Pinsel und einem Füllfederhalter. Obwohl manche von ihnen zu schätzen wissen, womit sie handeln, ist es für die meisten nur das Besitzen, das sie mit Stolz erfüllt. Denn ihnen gehört ein einzigartiges Objekt, das sein verstorbener Schöpfer nicht noch einmal erschaffen kann.

Es ist der Wunsch, das Unerreichbare in den eigenen Besitz zu bringen, das den wahren Sammler antreibt. Zu besitzen, was andere nicht besitzen können. Besonders gilt dies für Gegenstände, die seit langem als verschollen gelten, verloren in der Zeit, durch Kriege oder Verwüstung. Und genau wie in der Wirtschaft richtet sich der Preis nach Angebot und Nachfrage.

»Das Vermächtnis« von Chaucer Govier war der Schaffenshöhepunkt dieses Künstlers, eine seiner großartigsten Arbeiten von unglaublicher Schönheit, emotionaler Tiefe und in einer Perfektion, die nie wiederholt werden konnte. Einen Augenblick lang hatte Gott diesem Künstler Einblick in seine Schöpfung gewährt. Und was davon geblieben war, war dieses Gemälde.

Govier war kein berühmter Maler, doch sein Name sollte in nächster Zeit für Schlagzeilen sorgen. Das Tagebuch seiner Schwester war erst kürzlich gefunden und für echt erklärt worden. Es war die letzte Seite, die das Interesse in aller Welt auf sich ziehen sollte – ein Bericht über Goviers Tod im Jahre 1610. Die Kunstwelt stürzte sich regelrecht darauf, denn was die Dramatik seines Lebens anging, konnte Govier es mit einem Vincent van Gogh aufnehmen.

Um Farbe kaufen zu können, verdingte Govier sich im Dreifaltigkeitskloster als Mädchen für alles. Jede Woche ritt er ins schottische Hochland, brachte den Mönchen Waren und nahm kleinere Reparaturen vor. Es war an einem Sonntag – er versiegelte ein Loch im Dach mit Pech –, als er ein Gespräch mit einem Mönch namens Zhitnik anfing, der im Sterben lag. Govier konnte das Englisch des Mannes, der mit starkem russischem Akzent sprach, kaum verstehen, aber sie sinnierten über das Wetter, die Natur und das Leben. Im Laufe der Unterhaltung kamen sie auch auf die Kunst und auf Gott zu sprechen – Themen, die beiden Männern sehr am Herzen lagen. Zhitnik erzählte von den großen Kunstwerken in Moskau, besonders von denen im Kreml, und Govier lauschte gebannt. Der Mönch sprach von Legenden und Geschichten über Gott und die Engel – von Märchen, die Govier an jenem Abend mit Ehrfurcht erfüllten. Dann sagte der Künstler dem sterbenden Mönch Lebewohl. Doch als er das Zimmer verlassen wollte, rief der Mönch ihn noch einmal zurück an sein Bett und gab ihm zwei Stücke dicker Leinwand. Der Mönch bat ihn, zwei Bilder zu malen, die jene Geschichten darstellten, die er ihm erzählt hatte, und sie an eine Adresse in Südeuropa zu schicken. Er gab Govier das Kreuz, das er um den Hals trug, und bat, es zusammen mit der Leinwand zu schicken, um die Echtheit zu beweisen. Der Mönch konnte außer Gebeten keine Bezahlung anbieten und schickte Govier mit seinem Segen auf den Weg.

Wie verzaubert machte Govier sich an die Arbeit, schuftete ohne Pause zwei Wochen lang, brachte die Geschichten des Mönches auf die Leinwand und schuf »Das Vermächtnis« und »Die Unsterbliche«. Am Morgen nach ihrer Fertigstellung weinte Govier beim Anblick ihrer Schönheit und der wahrhaftigen Darstellung Gottes, ehe er die Gemälde mitsamt dem Kreuz abschickte, wie der Mönch es gewünscht hatte. Dann sprang er von der Fonx Tower Bridge in den tosenden St. Ann River und wurde über die Fallkante des Wasserfalls gespült.

Während »Die Unsterbliche« verschollen war, wechselte »Das Vermächtnis« mehrmals innerhalb Europas den Besitzer, bis das Gemälde seinen Platz im Familienbesitz der Trepauds fand, die bis zum 14. Juni 1940 außerhalb von Paris residierten; dann stürmten die Nazis die Stadt und plünderten zahlreiche Kunstwerke, darunter »Das Vermächtnis«.

Das Werk überstand den Krieg und ging durch viele Hände. Inzwischen befand es sich in einem klimatisierten Kellergewölbe der Firma Belange, an einem Ort, den außer McShane, dem Käufer des »Vermächtnis«, nur noch der schwarz gekleidete Mann kannte, der über den Flur des Kellergeschosses huschte.

Michael klammerte sich an die Zimmerdecke und hatte die Knie und Hände an die Griffstützen aus Aluminium geschnallt. Sein Körper befand sich nur knapp außerhalb der Reichweite der Videoüberwachungskamera, die im Zwanzigsekundentakt einen Radius von einhundertfünfzig Grad erfasste. Der Raum war schlicht, ausgestattet mit zwei opulenten Sesseln und einer Couch. Die Wände waren aus dunklem Kirschholz, und das Licht war gedämpft; es kam aus einer einzigen Lampe und einer Bilderrahmenleuchte. Auf dem Boden lag ein flauschiger grüner Teppich, mit feinen Metallfäden durchzogen. Niemand konnte das unauffällige Flechtwerk sehen, doch ein unachtsamer Schritt, und man bekam einen Schlag wie von einer Elektroschockpistole, was jeden Eindringling auf der Stelle in ein Häufchen Elend verwandelte, das kläglich sabbernd auf dem Boden lag und erst einmal gelähmt war.

Michael hatte sich lange und ausgiebig mit Goviers Gemälde befasst. Doch alle Vorarbeit hatte ihn nicht annähernd auf das vorbereitet, was sich jetzt vor ihm auftat. Das Gemälde vollkommen zu nennen, wäre eine Untertreibung gewesen. Michael hatte sich vornehmlich darauf konzentriert, wie das Bild auf den gesicherten, mit der Alarmanlage gekoppelten Stützen hing, und auf die Komplexität der Sicherheitsvorkehrungen in diesem Gebäude, doch jetzt begriff er, dass er ein wahres Meisterwerk vor Augen hatte.

Michael beobachtete die Drehungen der Kamera, stoppte die Zeit, stellte sich bildhaft vor, was er als Nächstes zu tun hatte, und führte sich die Bewegungen mehrmals so vor Augen, als würde er sie mit dem Körper vollführen. Dann, als wäre es Routine, ließ Michael die Hände los und schwang sich nach hinten. Mit dem Kopf nach unten hing er an den Knien. Blitzschnell glitt sein Messer unter den Rahmen und um das Gemälde herum und schnitt es aus der Halterung. Dann riss er die Leinwand aus dem Rahmen und drückte gleichzeitig ein Ersatzbild an ihre Stelle, das von hinten mit Magneten versehen war, die an den Wandhalterungen aus Metall hafteten, an denen der Rahmen befestigt war. Das Ersatzgemälde war bloß ein vergrößertes strukturiertes Foto, aber für die Kamera war es die perfekte Illusion.

Michael schwang sich wieder nach oben, perfekt in der Zeit, da die Kamera schon wieder durch den Raum schwenkte, geradewegs am Kunstwerk vorüber. Langsam bewegte Michael sich rückwärts die Zimmerdecke entlang und schwang sich schließlich aus der Tür. Er ließ sich auf den Boden fallen, legte das Gemälde vor sich, betrachtete das Meisterwerk aus der Nähe und bewunderte für einen Moment dessen Schönheit, bevor er es umdrehte.

Als er auf die Leinwand schaute, verwirrte ihn, was er sah. Er strich mit den Händen darüber, spürte die unebene Struktur, suchte die graue Oberfläche nach irgendeinem Zeichen ab für das, von dem Genevieve gesagt hatte, dass es da sein müsse – dieses Schreckliche, Beängstigende. Aber Michael fand nichts. Abgesehen von Goviers Signatur im unteren Eck war die Rückseite des Gemäldes leer.

Michael ergriff die Leinwand, hielt sie hoch und leuchtete mit der Taschenlampe auf die Rückseite, aber der Lichtstrahl vermochte das Kunstwerk nicht zu durchdringen. Schließlich untersuchte Michael die Seitenränder, drehte und wendete das Gemälde immer wieder. Es war die Dicke, die ihm ins Auge stach.

Er zog sein Messer und schnitt damit am Seitenrand entlang. Er hoffte, dass er recht hatte und dieses unschätzbar wertvolle Kunstwerk nicht sinnlos zerstörte. Bis zum Knauf glitt seine Klinge in das Gemälde, war auf beiden Seiten der Leinwand nicht mehr zu sehen. Michael zog das Messer am Rand entlang, drehte das Bild und schnitt weiter, bis die Klinge wieder dort angekommen war, wo er sie angesetzt hatte. Die beiden Leinwandstücke klappten auseinander. Michael legte die beiden Hälften auf den Boden. Die Rückseite des kostbaren Gemäldes war leer.

Aber auf der anderen Leinwand …

Michael starrte darauf. Es war eine detaillierte Landkarte, die das neunzig mal einhundertfünfzig Zentimeter große Stück Leinwand füllte – eine mehrdimensionale Darstellung der herrlichsten Bauwerke, durch Wege miteinander verbunden, die mit lateinischen und russischen Bezeichnungen gekennzeichnet waren. Obwohl Goviers Gemälde aus künstlerischer Sicht ein Meisterwerk war – diese Karte war sehr viel mehr.

Das hier war es, wovor Genevieve sich so sehr gefürchtet hatte.

Das hier hatte sie das Leben gekostet.

Michael legte die beiden Leinwände aufeinander, rollte sie zusammen, steckte sie in eine Röhre, die an seinem Rucksack hing, und huschte den Gang hinunter.

Der Wachmann Werner Heinz nahm die Treppe, als er vom Dach wieder nach unten ging. Sein Herz schlug immer noch heftig von der Darbietung des paarungsfreudigen Trios. Wortlos lief er durch die Lobby, vorüber an Philippe Olav, seinem Kollegen beim Sicherheitsdienst, und geradewegs in die Küche. Er spritzte sich Wasser ins Gesicht, schnappte sich eine Tasse Kaffee und lief zurück zur Treppe.

»Da draußen geht ’ne heiße Party ab. Die Winterwilden auf dem Dach musst du dir mal ansehen«, sagte Heinz auf Deutsch zu Olav.

»Ich kann erst in einer Stunde hier weg«, erwiderte Olav, ohne den Blick von den Bildschirmen zu nehmen.

»Pech für dich«, sagte Heinz mit einem Lächeln und ging zurück zur Feuertreppe.

Olav atmete laut aus; sein Interesse war geweckt. »Erzähl mir von den Wilden.«

»Sobald ich den Keller überprüft habe.« Heinz machte sich auf den Weg nach unten.

Michael rannte zurück durch den Korridor, warf sich zwei Seile über den Rücken und sprang in den Fahrstuhlschacht. Die mechanischen Bewegungen, die in seinem ehemaligen Gewerbe vonnöten waren, hatten sich schnell wieder eingestellt, als er seinen Haltegurt an dem Seil sicherte, an dem er nach unten geglitten war. Dann drückte er den Kontrollknopf, ohne auch nur einen Augenblick zu verschwenden. Rasend schnell wurde er durch die Dunkelheit nach oben gerissen, sechs Stockwerke in weniger als vier Sekunden, und landete hinter der Fahrstuhltür auf dem Dach.

Vorsichtig öffnete er die Tür und hielt Ausschau nach den Wachen, aber überraschenderweise war niemand zu sehen. Er amtete durch, stieg auf das Dach und blickte auf die Stadt Genf hinunter. Wieder fiel frischer Pulverschnee und schuf einen Schneekugel-Effekt über der Architektur. Die Rhone mäanderte durch die Stadt, bevor sie durch Arles strömte, wo Vincent van Gogh den Fluss in der »Sternennacht über der Rhône« auf Leinwand gebannt hatte. Heute Nacht waren keine Sterne am Himmel; dennoch war die schweigende Stadt zu dieser späten Stunde immer noch voller Schönheit.

Michael dachte an Genevieve und daran, wie sehr sie diese Stadt geliebt hätte, deren Namen dem ihren so ähnlich war. Als er daran dachte, wie plötzlich sie gestorben war, legte sich für einen Moment ein Lächeln auf seine Lippen, weil er ihren letzten Wunsch erfüllt und ihre allerletzte Sehnsucht gestillt hatte.

Aber die Heiterkeit war nur von kurzer Dauer.

Die Tür zur Feuertreppe flog auf. Schüsse peitschten, bevor Michael seinen Verfolger überhaupt sah. Er rannte zu der Wand, an der sich die Brüstung befand, sicherte sich an dem zuvor dort festgehakten Seil und begann mit dem Abstieg. Sofort peitschten Schüsse von unten, und die Ziegel um ihn her zerbarsten. Michael hievte sich zurück über die Mauer und rannte auf die andere Seite, wobei um ihn her die ganze Zeit die Kugeln zischten und von den Wänden hinter der Brüstung abprallten. Endlich sah er den Mann, der es hier oben auf dem Dach auf ihn abgesehen hatte: Er war ganz in Schwarz gekleidet, hielt seine Pistole mit beiden Händen, hatte die Knie leicht gebeugt und die Arme leicht angewinkelt. Keine Frage, der Kerl war ein Profi. Michael blieb nicht stehen, um ihm ins Gesicht zu sehen; er rannte weiter zur Außenkante des Gebäudes und schwang sich in die Lüfte, ohne zu zögern. Fünf Stockwerke über der Straße flog er viereinhalb Meter durch die Luft und landete hart auf dem Dach des angrenzenden Gebäudes, genau in der Mitte des nackten flotten Dreiers. Die Mädchen kreischten, als Michael an ihnen vorüberrollte, während der Junge herumkroch und panisch nach seiner Hose suchte.

Michael sprang auf und rannte sofort los. Dabei zog er ein Seil von seinem Rücken, befestigte es am Klettergurt um seine Taille und lief weiter übers Dach. Auf der Außenseite blieb er stehen, band das Seil an einer Dachlüftung fest und tauchte über die Seite ab. Fast zwanzig Meter rutschte er am Seil in die Tiefe, wobei die Reibung seine Handschuhe zerfetzte. Mit einem dumpfen Aufprall landete er auf dem Bürgersteig. Er drehte sich nicht um, als er die Rue de Mont Blanc hinuntersprintete. Er wusste, dass seine Verfolger ihn bald einholen würden.

Und da waren sie auch schon, inzwischen zu dritt. Sie kamen rasch näher. Michael rannte, so schnell er konnte. Es lag zweifellos ein gewisser Reiz darin, gejagt zu werden, wenn die Erregung sich mit einem Hauch von Furcht mischte. Man konnte beinahe süchtig danach werden. Aber es war eine Sucht, der man sofort entsagte, wenn man geschnappt worden war. Und Michael hatte nicht die Absicht, sich heute wegen seiner Sucht behandeln zu lassen. Er genoss den Moment, und die Furcht ließ seine Beine noch schneller rennen.

Der Schneefall und der Wind nahmen zu. Die Straße wurde glitschig, und Michael musste aufpassen, dass er nicht ausrutschte. Dabei war das im Moment seine geringste Sorge. Er brauchte seine ganze Konzentration, um den Autos und Hindernissen auszuweichen, die vor ihm auftauchten, und den Vorsprung vor seinen Verfolgern zu halten. Er dachte an Genevieve, die ihr Leben bei einem Lawinenunglück verloren hatte; er dachte an ihre flehenden Worte und an das Gemälde in seinem Rucksack und rannte weiter. Er würde ihren letzten Wunsch erfüllen.

Vor ihm erschien nun die Brücke. Sie spannte sich über die fünfhundert Meter breite Rhone. Vereinzelte Eisschollen trieben auf dem kalten Wasser. Die Brücke war Michaels Ziel, aber sie konnte ebenso der Ort sein, an dem alles den Bach unterging. Die Brücke war ein Engpass und bot Michael keine Deckung und keine Chance, sich irgendwo in Sicherheit zu bringen, falls es plötzlich Kugeln hagelte. Die Straßen führten in sämtliche Richtungen und würden ihm zumindest vorübergehend Zuflucht bieten – Gebäude und sogar Tunnel, wo es Gelegenheiten gab, seine Verfolger abzuschütteln. Fast alles versprach bessere Aussichten als die Brücke.

Und dann waren sie da, kamen auf der anderen Seite des Flusses zum Stehen: sechs Polizeiwagen mit flackernden Blaulichtern. Polizisten sprangen mit gezogenen Waffen aus den Fahrzeugen.

Michael schaute zu den Nebenstraßen und dachte einen Augenblick nach; die Worte, die Simon am Grab gesprochen hatte, hallten in seinem Kopf wider: »Nascentes morimur – mit unserer Geburt beginnt unser Sterben.«

Er rannte auf die schneebedeckte Brücke. Hinter ihm waren drei Männer, fünfhundert Meter vor ihm sechs Polizeiwagen. Er war eingekeilt. Trotzdem rannte er weiter und baute den Vorsprung vor seinen Verfolgern aus. Doch weil die Brücke leer war und wegen der späten Stunde nicht das Risiko bestand, Unschuldige in Gefahr zu bringen, konnte es sein, dass hier gleich Gewalt angewendet wurde.

Es schneite noch heftiger. Die Flocken wurden vom Wind über dem Wasser hochgepeitscht, sodass der Sturm jetzt Blizzard-Ausmaße erreichte. Nicht mehr lange, und der Fluss würde zufrieren, doch hatte das Wetter der letzten Tage dafür gesorgt, dass das Wasser immer noch strömte und nur hier und da mit Eisschollen durchsetzt war. Dennoch hatte der Fluss eine tödliche Temperatur von einem halben Grad Celsius.

Die Brücke wurde erleuchtet von blinkendem Rot und Blau. Michael hielt sich in der Mitte der Fahrbahn; seine Fußspuren hatte der Schneesturm bereits verweht. Die drei Wachmänner hinter ihm wurden langsamer, denn ihre Kollegen hatten jetzt um ihre Fahrzeuge herum Position bezogen. Mit gezogenen Waffen standen sie da. Sämtliche Pistolen und Gewehre waren auf Michael gerichtet. Dennoch rannte er weiter, wurde noch schneller beim Anblick der Waffen, die auf ihn gerichtet waren – zur Verwirrung derer, die ihm auflauerten.

Und dann, ohne jede Vorwarnung, stürmte Michael nach links, sprang über das Geländer in die eisige Rhone und war im gleichen Augenblick verschwunden.

Die verdutzten Polizeibeamten erhoben sich hinter ihren Fahrzeugen aus ihren Wartepositionen. Sie ließen ihre Waffen sinken und beobachteten fassungslos den selbstmörderischen Sprung des Mannes in das eisige Wasser. Es dauerte einen Moment, bis sie auf die Brücke rannten und durch die Schneeflocken blinzelten, als wollten sie ihren Augen nicht trauen.

Zur gleichen Zeit erreichten Michaels Verfolger die Stelle, an der er verschwunden war, und blieben stehen, beugten sich über die Brüstung und suchten mit Blicken den Fluss ab, sahen aber nur vereinzelte Eisschollen, die krachend gegen die Brückenpfeiler schlugen. Unter der Brücke war nichts, wo man sich hätte verstecken können. Aber die drei Wachmänner hatten nicht vor, ein Risiko einzugehen. Heinz kletterte über das Geländer, beugte sich nach unten und blickte unter die etwas höher liegende Brückenfahrbahn. Von Michael fehlte jede Spur. Es war, als würde die Zeit stillstehen. Ein Raunen durchlief die Schar der Polizisten, so verblüfft waren sie über das, was sie gerade miterlebt hatten.

Plötzlich zeigte einer der Beamten flussabwärts. Da trieb etwas im Wasser – ein Körper, schwarz bekleidet, schaukelte auf der Oberfläche, ungefähr zweihundert Meter entfernt. Die Polizei forderte über Funk ein Boot an. Die drei Wachmänner sahen sich um. Sie sprachen kein Wort. Einer behielt den Körper im Auge, während die anderen weiterhin den Fluss absuchten.

Als Michael auf der Wasseroberfläche aufschlug, fühlte es sich an, als würde er in flüssige Lava stürzen. Sein Gesicht und die Hände schrien auf, als die eisige Kälte durch die Haut stach. Es war eine Gnade, dass sein Körper unter dem dunklen Overall in einem Taucheranzug steckte – dem Anzug, der ihn während seines Raubzugs warm gehalten hatte und der ihn jetzt am Leben erhielt. Michael kämpfte gegen die Strömung. Er befestigte seinen Gürtel an der großen Tasche aus Draht, die am Brückenpfahl verankert war, griff durch das Netz und holte einen Atemregler heraus. Gierig saugte er den Sauerstoff in seine schmerzende Lunge. Die Strömung war stark genug, um die Luftblasen, die er beim Ausatmen verursachte, flussabwärts zu treiben, wo sie unbemerkt zur Oberfläche stiegen.

Michael zog sich eine Vollgesichtsmaske mit Kapuze über. Er atmete durch die Nase in die Maske aus, entfernte die Feuchtigkeit von der Sichtscheibe und schaute in das trübe Wasser, das ihn umschloss. Er kämpfte gegen die heftige Strömung, als er die Druckluftflasche festschnallte und die Tarierweste am Körper sicherte.

Dann blickte er auf die Armbanduhr: Eine Minute war vergangen. Er öffnete die Drahttasche und beobachtete, wie die schwarz gekleidete Schaufensterpuppe von der Strömung mitgerissen wurde und flussabwärts trieb. Michael wusste, dass es mindestens fünfzehn Minuten dauern würde, bis seine Verfolger ein Boot zur Verfügung hatten und den Köder aus den eisigen Wassern zogen.

Michael hatte seine Ausrüstung am Abend zuvor im Schutz der Dunkelheit verstaut. Dabei hatte er einen schwereren, dickeren Taucheranzug getragen und war mit einem Unterwasser-Scooter flussaufwärts gekommen. Es hatte das minimale Risiko bestanden, dass die Drahttasche, die alles andere enthielt, während der vierundzwanzig Stunden bis zu seinem Raubzug aus ihrer Befestigung gerissen wurde, aber Michael hatte Glück gehabt. Er umklammerte die Haltegriffe des Unterwasser-Scooters, schaute auf den Kompass, der auf die Haltegriffe montiert war, und drehte sich flussaufwärts. Dann trat er fest zu, worauf der Motor ansprang, und hielt sich fest, als der kleine Scooter ihn mit einer Geschwindigkeit von fünf Knoten – etwas mehr als neun Stundenkilometer – gegen die Strömung durchs Wasser zog.

Anderthalb Kilometer flussaufwärts tauchte Michael im Schutz von Bäumen auf, deren Äste eine schwere Schneelast trugen. Er ließ den Blick durch das Waldstück schweifen und stieg aus dem Wasser, grub seine Camouflage-Tasche aus dem tiefen Schnee, trocknete sich ab und schlüpfte in einen Parka und Jeans. Die Taucherausrüstung ließ er von der Strömung davontreiben.

Michael schnappte sich seinen Rucksack und lief aus dem Waldstück heraus auf einen Parkplatz. Dort öffnete er den Kofferraum eines 1983er Peugeot, hob einen Behälter heraus, der ein Fassungsvermögen von zwanzig Litern hatte, und stellte ihn neben dem Wagen auf den Boden. Er zog ein Paar dicke Gummihandschuhe an und entfernte mit einem Schraubenzieher den Deckel des Behälters. Er blickte auf; flussabwärts konnte er die Unruhe auf der Brücke sehen und die kleine Gruppe Polizisten, die zuschauten, wie ein Boot über das eisige Wasser auf einen Körper zuraste, der in den frostkalten Fluten trieb. Michael musste grinsen, als er sich vorstellte, wie schockiert die Bullen sein würden, wenn sie »ihn« aus dem Wasser zogen.

Er wandte sich wieder der Aufgabe zu, die anstand, öffnete die wasserfeste Röhre, zog das Gemälde und die Landkarte heraus und legte beides auf den Vordersitz des Wagens. Er wusste, was er zu tun hatte; trotzdem schmerzte es ihn. Das hier hatte ein Mensch geschaffen, der dabei Einblick in sein Herz und seine Seele gewährt hatte. Es war ein Kunstwerk, von dem man glaubte, es sei auf ewig verloren.

Und jetzt …

Michael starrte auf die Landkarte, den eigentlichen Grund für seine Mission, und fragte sich, was sie wohl zu bedeuten hatte. Sie war akribisch genau und zeigte eine unterirdische Welt, die verborgen lag unter einem Bollwerk aus Kirchen. Eine Welt, die nur Genevieve kannte – ein Straßenführer zu einem Geheimnis, das ihren Sohn berauscht hatte, sie jedoch in Angst und Schrecken versetzte.

Michael interessierte nicht, wohin die Karte führte oder was sie enthüllte. Ihn interessierte nur, dass seine Freundin mit dem Leben dafür bezahlt hatte.

Ohne einen weiteren Gedanken zu verschwenden, nahm er sein Messer und schnitt die Landkarte und Goviers Gemälde in Streifen; dann warf er sie in den Behälter und beobachtete, wie sie sich in dem Säurekonzentrat auflösten, sodass sie nie wieder von einem Menschen geschaut werden konnten.

Diesmal war es wirklich vernichtet worden – das Geheimnis des Mönchs, Goviers Meisterwerk, dieses Rätsel aus vergangenen Zeiten.

2.

Paul Busch stand jeden Morgen um 6.30 Uhr auf, egal um welche Zeit er zu Bett gegangen war. Um kurz nach halb sieben joggte er am Strand entlang oder stemmte in seiner Garage Gewichte. Seit er seinen Dienst quittiert hatte, war es ihm gelungen, seine fast zwei Meter Körperlänge so zu straffen, dass wieder Muskulatur unter dem Fett zu sehen war. Um spätestens 7.30 Uhr duschte er; um 7.50 Uhr war er angezogen und stand bereit, mit seiner Frau Jeannie und den Kinder Robbie und Chrissie, beide sechs Jahre alt, zu frühstücken. Um 8.15 Uhr setzte er seine beiden Sprösslinge in den Schulbus und gönnte sich einen Augenblick der Muße, um den Duft der Seeluft und den Moment zu genießen – das Leben, das er führte. Es waren zwar erst drei Monate, aber im Großen und Ganzen bekam der Ruhestand ihm gut.

Als Nächstes pflegte Busch in seine Corvette zu springen, das Verdeck herunterzufahren und es dem Wind zu überlassen, sein strohblondes Haar zu trocknen. Er fuhr zu Shrieffers Feinkostladen, holte sich eine Tasse Kaffee und die Zeitung und informierte sich bei einem Plausch mit den erstbesten Einheimischen, die ihm über den Weg liefen, über die neuesten Neuigkeiten. Und jeden Donnerstag und Sonntag – Ausnahmen gab es nicht – kaufte er sich einen Lottoschein. Das war wie eine Droge für ihn, die in Gestalt neu entdeckter Hoffnung auf Wohlstand seine Seele beschlich. Hatte er den Schein in seine Hosentasche gesteckt, verließ er das Geschäft voller Zuversicht, bei der nächsten Ziehung den Hauptgewinn zu kassieren. Diese Stimmung trug ihn durch die nächsten Tage, zauberte ein Lächeln auf sein Gesicht und einen warmen Klang in seine Stimme. Die Wirkung des Lottoscheins hielt immer genau bis zum Moment der Ziehung an. Dann stürzte Busch in emotionale Untiefen und war zu Tode betrübt, weil er sich wieder nicht in die Riege der Gewinner hatte einreihen können. Doch kam der nächste Morgen und der neue Lottoschein, wurde der Jammer davongespült von einer Woge neuer Hoffnung bis zur nächsten Ziehung, bei der er – davon war er überzeugt – das große Los erwischen würde.

Jeannie hatte Paul gedrängt, sich vorzeitig pensionieren zu lassen. So sehr es ihm anfangs widerstrebt hatte – Paul war schnell in seinem Element gewesen. Er hatte sich seine Pension auf einmal auszahlen lassen und sich ein Restaurant mit Bar, eine 68er Corvette, eine Fender Stratocaster E-Gitarre und das »Black Album« von Metallica davon gekauft. Jeden Abend um 19.00 Uhr sprang er in seine Corvette, ließ das Verdeck herunter, legte die Metallica-CD ein und fuhr unter den Klängen von »The Unforgiven«, seiner persönlichen Erkennungsmelodie, zur Arbeit.

Er hatte jahrelang davon geträumt, als Barkeeper zu arbeiten; aber wie bei so vielen Träumen hatte ihm immerzu der alte Grundsatz in den Ohren geklungen: Sei vorsichtig, was du dir wünschst, es könnte in Erfüllung gehen. Die Bar war alles, was er sich jemals hätte wünschen können. Jeannie führte das Restaurant, während Paul dafür verantwortlich war, den Alkohol auszuschenken und das Unterhaltungsprogramm zu organisieren, aber nach ungefähr einem Monat wurde auch das Routine, wie so vieles andere. Paul vermisste den regelmäßigen Adrenalinschub, die Droge, die er auf dem Schreibtisch seines alten Arbeitsplatzes bei der Polizei zurückgelassen hatte.

Doch sein neues Leben hatte auch sein Gutes: Der Tod schien nicht mehr an jeder Ecke zu lauern, und Jeannie hatte zumindest ein bisschen Seelenfrieden. Und das konnte Paul ihr nicht versagen, so sehr er sein altes Leben auch vermisste.

Nun saß er auf der Veranda vor dem Haus und blickte auf seine gelbe Corvette, den einzigen Wagen auf der Auffahrt. Er klappte sein Handy auf und drückte auf eine der Schnellwahltasten. »Kommst du heute Abend?«

»Das hatte ich dir doch schon zugesagt«, erwiderte Michael. »Entspann dich.«

»Wollte nur noch mal nachfragen. Wo bist du?«

»Zu Hause. Und du?«

Busch blickte auf Michaels Hunde, die sich beide hinter den Ohren kratzten. »Ich bin auch zu Hause. Wir sehen uns heute Abend.«

Busch stand auf und ging über die Auffahrt. Er öffnete die Tür der Corvette, schaute noch einmal zurück auf Michaels Haus und schüttelte den Kopf. Zum Abschied gab er Michaels Hunden einen liebevollen Klaps; dann ließ er seinen Wagen an und fuhr los.

Ganz allein stand Michael auf dem Friedhof von Banksville, von Trauer erfüllt. Wieder einmal spürte er den Verlust, der sein Herz beinahe gebrochen hatte. Er starrte auf Marys Grabstein mit der Aufschrift:

Gottes Geschenk an Michael,
Michaels Geschenk an Gott.

Ein Jahr war inzwischen vergangen, doch der Schmerz hatte nicht nachgelassen. Zwar stand für ihn fest, dass Mary jetzt an einem besseren Ort war, aber selbst damit konnte er die Leere in seinem Herzen nicht füllen.

Als die sinkende Sonne ihren goldenen Glanz über das Meer aus Grabsteinen legte, hob Michael den Kopf und blickte sich auf dem Friedhof um: Er war der einzige Besucher an diesem feuchtwarmen Juniabend. Er schaute nach links auf die Gräber seiner Mutter und seines Vaters. Alles an Familie, was er jemals gehabt hatte, umgab ihn. Genevieves Tod hatte die Einsamkeit, die er verspürte, weiter vergrößert – das Gefühl, keine Familie zu haben. Es erinnerte ihn an seine eigene Sterblichkeit, aber viel mehr noch an Marys Beerdigung.

Das Mobiltelefon vibrierte in seiner Hosentasche. Er stellte es mit einem Tastendruck ab und steckte es in die Seitentasche seiner blauen Sportjacke. Er hatte diese Jacke seit Marys Tod nicht mehr getragen. Warum, wusste er selbst nicht. Es war ihre Lieblingsjacke gewesen, aber seit Mary tot war, schien jeder Gegenstand in seinem Haus und in seinem Leben irgendeine Bedeutung bekommen zu haben. Das letzte Glas, aus dem sie getrunken hatte, der letzte Pullover, den sie getragen hatte, ihr Lieblingsfüller – alles, was vorher keine Bedeutung gehabt hatte, besaß jetzt eine. Manche Dinge brachten ihn zum Lächeln, andere rührten ihn zu Tränen. Niemals würde er die Nachrichten löschen, die Mary auf der Mailbox seines Handys hinterlassen hatte; er hörte sie sich fast täglich an, nur um ihre Stimme zu hören.

Sie hatte oft seine Hemden getragen und immer irgendetwas in die Taschen seiner Jacken gesteckt, um ihn daran zu erinnern, wie sehr sie ihn liebte: Eintrittskarten für ein Baseballspiel der New York Yankees, ein Sprichwort aus einem Glückskeks oder einfach nur einen Zettel mit ein paar lieben Worten.

Deshalb hatte Michael, als er den Mut aufbrachte, seine Ralph-Lauren-Jacke wieder anzuziehen, sofort die Ausbeulung gespürt und gewusst, worum es sich dabei handelte, noch ehe er es aus der Brusttasche zog.

Es war nicht seine Absicht gewesen, an diesem Abend auf den Friedhof zu gehen, aber der Brief hatte ihn förmlich dazu gezwungen. Es war keine bewusste Entscheidung gewesen; er hatte sich einfach auf sein Motorrad gesetzt und war losgefahren.

Behutsam öffnete er nun den Umschlag und hielt ihn sich nahe vors Gesicht. Als er den Brief herauszog, umhüllte ihn der Duft von Marys Parfum und erinnerte ihn an glücklichere Zeiten; die Gefühle tobten in seinem Inneren wie ein Orkan, als er die Augen schloss, sich an den Duft ihrer Haut erinnerte und sich danach verzehrte, dass sie zu ihm zurückkehrte.

Er faltete das Papier auseinander und starrte darauf. Ihre Handschrift war elegant, ausgefeilt in den Jahren, die sie die katholische Schule besucht hatte. Er las die von Tränen verlaufenen Zeilen:

Michael,

dies ist der schmerzlichste Brief, den ich jemals schreiben musste, doch ich weiß, dass mein Schmerz neben dem verblasst, was du in diesem Augenblick empfindest, da du meine letzten Worte liest. Sei gewiss, dass meine Liebe zu dir ewig währen wird. Die kurze gemeinsame Zeit, die uns beschieden wurde, war von einer Leidenschaft erfüllt, die andere nicht in einem langen Leben erfahren; das Glück, das du mir geschenkt hast, war größer, als ich es mir jemals hätte wünschen können.

Es bricht mir das Herz, denn ich weiß, dass ich dich allein zurückgelassen habe, ohne Kinder und ohne Familie, die dich trösten könnten in deiner Trauer. Niemand kennt dich besser als ich, und ich weiß, dass du versuchen wirst, deinen Schmerz und deine Qualen zu verdrängen, aber ich flehe dich an, tu das nicht. Es wird dich innerlich auffressen und dein gutes Herz verbittern.

Du hast diese Jacke wahrscheinlich monatelang nicht getragen, hast vermutlich immer nur die schwarze Lederjacke angehabt, die so verschlissen und so schmutzig ist. Es freut mich, dass du dir endlich etwas Anständiges angezogen hast.

Michael lächelte. Wie gut sie ihn kannte.

Ich will keine Nervensäge sein, aber du musst dafür sorgen, dass du wenigstens einmal im Monat eine gesunde Mahlzeit zu dir nimmst und deine Sachen in die Wäscherei bringst. Und denk daran, dich häufiger zu rasieren, damit man dein schönes Gesicht sieht.

Michael strich über seinen Stoppelbart.

So wütend es dich auch machen wird: Du musste wieder jemanden finden, dem du deine Liebe schenken kannst. Ein Mann wie du sollte nicht alleine sein, das wäre Verschwendung. Ich will mich nicht groß darüber auslassen. Du wirst es wissen, wenn der richtige Augenblick gekommen ist. Und glaub mir, eines Tages wird es so weit sein.

Was mich zurückführt zu meinem eigentlichen Anliegen, das mich dazu gebracht hat, zum letzten Mal zu Papier und Füller zu greifen. Ich wollte dich bitten, endlich etwas für dich selbst zu tun. Wir haben viele Male darüber gesprochen, aber das Leben schien uns immer irgendwie in die Quere zu kommen.

Deine Eltern sind da draußen, Michael, irgendwo. Und du mit deinen vielen Begabungen solltest in der Lage sein, sie zu finden. Ich hatte gehofft, sie für dich finden zu können. Ich hatte in aller Stille zu suchen angefangen. Ich habe mir noch einmal die Geburtsurkunde und die anderen Papiere angeschaut und habe versucht, Kontakt zu Menschen aufzunehmen, die in dem Waisenhaus beschäftigt waren, in dem die St. Pierres dich adoptiert haben. Aber egal in welche Richtung ich mich bewegte, irgendwann kam ich nicht weiter. Alles, was ich dir geben kann, ist die Adresse eines Rechtsanwalts, der kostenlos für St. Catherine’s tätig ist. Ich weiß seinen Namen von einer Frau, die ich kennengelernt habe, als ich die Geburtseinträge der Krankenhäuser in Boston durchsuchte.

Gehe der Sache nach, Michael. Suche nach deinen Eltern. Es ist meine letzte Bitte an dich. Ich will nicht, dass du allein bist auf der Welt.

Erst die Familie macht uns zu vollständigen Menschen. Sie kann die Leere in unserem Inneren füllen und die Hoffnung wiederherstellen, wenn wir glauben, sie für immer verloren zu haben. Ich liebe dich, Michael. Ich werde dich immer lieben und immer bei dir sein.

Deine Frau und beste Freundin,

Mary

Unten auf dem Brief stand mit Bleistift geschrieben eine Adresse: Franklin Street 22, Boston.

Michael blickte ein letztes Mal auf Marys Zeilen, faltete den Brief zusammen, schob ihn in den Umschlag und steckte ihn zurück in seine Jackentasche.

3.

Es war Anfang Juni, und seit fünf Tagen herrschte die erste Hitzewelle des Jahres. Eine schlimmere Nacht, um die Klimaanlage ausfallen zu lassen, hätte man sich gar nicht aussuchen können. Die Luft war so heiß, dass sie die Lunge bei jedem Atemzug zu versengen schien. Kein Windhauch regte sich, als wollte die Luft ihre Opfer umarmen, bis sie an der Hitze starben.

Paul Busch war sicher, dass der Umsatz an der Bar mehr als das Dreifache von dem betragen würde, was an einem gewöhnlichen Abend konsumiert wurde; die Leute kauften sich ihre Drinks ausschließlich wegen der Eisstücke, und die schmolzen innerhalb von Minuten. Langsam machte das Ganze ihn nervös, denn fast alle waren im Vollrausch, und die Lufttemperatur war unerträglich. Jetzt brauchte bloß einer einen Wutanfall zu bekommen, mit dem er die anderen ansteckte, und schon würde es zu einer Prügelei von zerstörerischen Ausmaßen kommen. Nicht ganz das Richtige für einen Frühsommerabend.

Das Valhalla war ein hochpreisiges Restaurant in einer seit kurzem hochpreisigen Stadt und hatte eine hochpreisige Klientel. Die Mahlzeiten bestanden aus schlichter amerikanischer Küche, die auf elegante Weise serviert wurde. Die jungen Gäste, die sich so toll fanden, dass sie es selbst kaum ertragen konnten, hingen gewöhnlich bis nach 23.00 Uhr herum, weil sie hofften, Frischfleisch abschleppen zu können, und machten sich mit schwächlichem Geschwätz, aber umso stärkerem Schnaps an ihre Beute heran. Und der Nervenkitzel war nicht nur den Jägern vorbehalten; auch so manche Jägerin markierte ihr Territorium von Mittwoch- bis Sonntagabend, obwohl die Gäste zu sechzig Prozent aus Frauen bestanden.

Die Bar aus Kirschholz war das Einzige, was von den früheren Restaurants übrig geblieben war – vom Ox Yoke Inn, einem Grillrestaurant; vom GG’s North, einer Bikerbar, die man hatte schließen müssen, als die Dragsterrennen so schwierig wurden, dass die elfköpfige Mannschaft der Polizei nicht mehr damit fertig wurde; vom Par’s, einer verrauchten Peinlichkeit, die ein Steakhaus hatte sein wollen. Das Holz der Bar war so dick gewachst, dass es stumpf glänzte, und konnte verkommenere Geschichten erzählen, als man bei jeder Beichte in der Kirche zu hören bekam. Diese Bar war Pauls Stolz und sein ganzes Glück. Jetzt aber war sie verborgen hinter der Menschenmenge, die sich am Tresen drängte, während die Gäste versuchten, Pauls Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, weil sie die nächste Runde bestellen wollten.

Die Musik erklang aus einem Steinway-Flügel, der 1928 in Queens, New York, gebaut worden war. Der Pianist rang sich ein Lied nach dem anderen ab, schaffte es jedes Mal, Töne anzuschlagen, die bei den Leuten an der Bar ankamen, vollführte bei der Auswahl einen Balanceakt zwischen aktuellem Pop über Oldies aus den Siebzigern bis hin zum Standardrepertoire von Perry Como. Bei den Innentemperaturen, die um die siebenunddreißig Grad lagen, und bei der Feuchtigkeit, die an ein Dampfbad erinnerte, strömte den Gästen der Schweiß nur so über den Körper, färbte die Kleidung unter den Achseln dunkel und brachte Locken zum Kräuseln. Das feuchte, erhitzte, rotwangige Erscheinungsbild der Menge kontrastierte mit dem des Musikers, der ein Lied nach dem anderen in die Tasten hämmerte und dabei knochentrocken blieb. Nicht ein Hauch von Transpiration auf seiner Kleidung oder an seinem Körper war zu sehen, sah man von ein paar Schweißtropfen auf der rechten Schläfe ab, die unter dem dichten Schopf seiner ungekämmten braunen Haare hingen.

Michael St. Pierres Stimme war lieblich wie eine Blumenwiese oder rau wie Schotter – je nachdem, was vonnöten war, um den richtigen Ton zu treffen. Jeden Mittwochabend spielte und sang er, während die Frauen an der Bar seine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen oder ihn mit verführerischem Lächeln zu locken versuchten. Und Michael lächelte jeden Mittwoch höflich zurück, vermied dabei aber tunlichst, in die Falle namens Blickkontakt zu tappen, und sprach nie auch nur ein Wort, sah man von einem gelegentlichen Dankeschön ab.

Ein Hauch von Schmerz lag in Michaels blauen Augen, als er »Wonderful Tonight« sang. Als der Song endete, erhob er sich am Klavier zu seiner vollen Länge von eins achtzig, griff nach seiner Lederjacke – seiner Lieblingsjacke, weich und abgetragen von den vielen Jahren, die er sie bereits besaß – und machte sich auf den Weg zur anderen Seite der Bar.

»Sind wir heute Abend aber schwermütig«, meinte Paul und wandte den anderen Gästen kurz den Rücken zu, um seinem Freund einen Scotch auf Eis einzuschenken, wobei er besonders großzügig mit dem Eis war.

»Ist ganz schön warm hier drin«, sagte Michael teils im Scherz, teils, um das Thema zu wechseln. Mit einem Finger wischte er das kühle Wasser von dem schwitzenden Glas und rieb es sich auf die Stirn.

»Ich kann noch ungefähr fünfzehn Minuten mit Eis dienen, dann wird sich das hier ganz schnell leeren.« Paul schenkte wieder seinen Gästen nach, unterhielt sich aber weiterhin mit Michael. »Hast du Lust, rauf ins Loft zu gehen und dir das Ende des Yankee-Spiels anzuschauen? Oder lässt du dich endlich erweichen und nimmst eine von diesen Damen mit nach Hause?« Paul spielte damit auf die vielen Frauen an – es waren weit mehr als sonst –, die an der Bar Hof hielten.

Eine der Ladys drehte sich bei Pauls Worten zu Michael um und schenkte ihm ein neckisches Lächeln. Ihr kurzes blondes Haar sah in Anbetracht der Witterung erstaunlich gut aus. Es gelang ihr, Michaels Aufmerksamkeit zu erregen, und sie pirschte sich an ihn heran. Mehrere männliche Gäste beobachteten, wie sie sich Michael näherte und gaben ihre Träume auf, an diesem Abend bei ihr zum Zuge zu kommen.

»Sie spielen sehr schön«, sagte sie.

»Danke«, erwiderte Michael und warf Paul dabei einen bösen »Herzlichen Dank«-Blick zu.

»Sie sehen gar nicht aus wie ein Klavierspieler«, fuhr sie fort. So sah er tatsächlich nicht aus. Seine breiten Schultern und die groben Hände ähnelten eher denen eines Athleten.

»Wie sehen Klavierspieler denn aus?«

»Ich weiß nicht. Irgendwie anders«, erwiderte sie und nahm ihn von Kopf bis Fuß in Augenschein. »Nicht wie Sie.«

Michael grinste und nahm einen Schluck von seinem Drink. »Tut mir leid.«

»Wieso?« Sie legte den Kopf schief.

Michael hob die linke Hand und wedelte mit seinem beringten Ringfinger.

»Das macht nichts.« Sie zeigte ihm ihren Ehering, an dem ein Brillant funkelte. »Ich auch.«

Michael musste lachen. »Trotzdem vielen Dank.«

Einen kurzen Moment schaute sie ihn an, hielt ihn fest im Blick und lächelte.

Dann drehte sie sich um und ging.

Paul hatte beobachtet, was sich abgespielt hatte und kam zurück.

»Warum tust du das?«, fragte er.

»Was?«

»Warum trägst du den?« Paul zeigte auf den Ehering und lächelte mitfühlend. »Meinst du nicht, dass es langsam Zeit wird, ihn abzunehmen? Du hast ihre Erinnerung in Ehren gehalten, Michael. Mary will, dass du glücklich bist, dass du jemanden findest und eine Familie gründest.«

»Darüber möchte ich heute Abend nicht reden.«

Paul beugte sich vor. »Ich weiß. Du willst nie darüber reden, wenn Jeannie oder ich davon anfangen.«

»Ihr habt eine wunderbare Familie. Aber Familie ist nicht jedermanns Sache.«

»Familie ist das Allerwichtigste, Michael. Sie ist der Grund dafür, dass wir tun, was wir tun. Das sind deine Worte, nicht meine.«

Michael sagte nichts dazu, starrte seinen Freund nur an.

»Du kannst nicht allein durchs Leben gehen, Michael.«

»Ich hab doch dich«, meinte Michael und rang sich ein Grinsen ab.

»Ja.« Busch legte Michael eine Hand auf die Schulter. »Nur küsse ich leider nicht besonders gut.«

»Stell dein Licht nicht unter den Scheffel, mein kleiner Sonnenschein.«

»Was würde Mary sagen, wenn sie dich so allein sähe?«

Michael leerte seinen Drink und griff nach seiner Jacke. »Wir reden morgen früh.«

Durch die Hintertür verließ er die Bar.

4.

Das Kensico Reservoir schoss mit rasender Geschwindigkeit auf die Windschutzscheibe ihres Wagens zu, doch sie schrie nicht. Sie gab überhaupt keinen Laut von sich. Was sich in ihrem Kopf abspielte, war allerdings eine andere Geschichte. Ihre Gedanken rollten umher wie Tropfen verschütteten Quecksilbers. Fest umklammerte sie das Lenkrad des weißen Buicks, als könne sie dadurch auf wundersame Weise ihren Sturz bremsen. Dabei wusste sie, dass es nicht möglich war. Sie schätzte, dass die Brücke etwa zwanzig Meter hoch war, und erst vor einer halben Sekunde war sie durch die Absperrung gekracht. Sie konnte das Stück grünes Geländer, das aus der Brücke herausgerissen war, deutlich sehen, weil es vor ihr her auf das Wasser zustürzte. Entsetzt beobachtete sie, wie es sich um die eigene Achse drehte wie ein Messer, das auf eine Zielscheibe zuflog.

Die Sekunden, die ihr bis zum Aufprall blieben, ließen ihr keine Zeit für ein Gebet, nur für Bedauern und Reue, sich hinter Traueranzeigen versteckt zu haben. Sie bedauerte die Täuschung, obwohl ihre einzige Chance darin bestanden hatte, zu verschwinden. Zumindest hatte sie es für eine Chance gehalten, bis man sie trotzdem aufgespürt hatte.

Die beiden Ford F-10 Pick-ups hatten ihr ohne Scheinwerferlicht im Dunkeln aufgelauert, waren lautlos aus den Schatten gekommen und hatten sie verfolgt. Links und rechts waren die Wagen auf der Brücke an ihr vorbeigeschossen und mit 180 Sachen auf die andere Seite gefahren. Dann leuchteten ihre Rücklichter auf und tauchten die Nacht in rote Glut, während die Fahrer in die Bremsen stiegen, dass die Reifen qualmten. Zeitgleich kamen sie zum Stehen. Kühlerhaube an Kühlerhaube versperrten sie die andere Seite der Brücke. Zwei Männer sprangen aus den Pick-ups, Gewehre im Anschlag, mit denen sie auf sie zielten, als wäre sie eine Verbrecherin.

Sie wartete bis zum letzten Moment und hoffte, dass es sich um einen Irrtum handelte und dass die Männer gleich zurück in ihre Wagen springen und zurückkehren würden auf die legale Seite des Lebens. Aber das taten sie nicht.

Sie saß in der Falle und fuhr auf ihren Tod zu.

Sie wartete bis zum letzten Augenblick, bevor sie das Lenkrad scharf nach rechts riss, doch reagierte der Wagen nicht, wie sie erwartet hatte. Der rechte Vorderreifen platzte, und sie verlor die Kontrolle über das Fahrzeug, geriet ins Schleudern und trat mit beiden Füßen auf die Bremse. Aber es brachte nichts. Sie krachte durch das Brückengeländer. Der Buick segelte hinaus in die Nacht, schwebte über dem See wie ein riesiger Vogel. Sie hatte kein Gesicht gesehen, kein Nummernschild, und das Wagenmodell hatte sie nur erkannt, weil die beiden Pick-ups einem Auto ähnlich sahen, das einmal einem Freund gehört hatte.

Noch ein anderes Fahrzeug war ihr aufgefallen, ein silberfarbener Chevy Suburban, ungefähr sechs, sieben Kilometer zurück. Der Wagen war plötzlich hinter ihr gewesen, als sie von der Schnellstraße abfuhr, und folgte ihr im Abstand von etwa zweihundert Metern. Als sie anhielt, um zu tanken, verschwand der Suburban, und sie sagte sich, dass es Zufall gewesen sei. Doch als sie fünf Minuten später weiterfuhr und feststellte, dass der Chevy ihr schon wieder folgte, verwandelte sich ihre Wissbegier in Argwohn. Und es war dieses Misstrauen, das bewirkte, dass sie sich nicht konzentrierte, dass sie nicht aufmerksam genug auf die Straße achtete und die beiden Wagen nicht sah. Sie hätte niemals gedacht, dass ihr gleich mehrere Verfolger auf den Fersen sein würden, aber selbst wenn – es hätte ihr jetzt auch nicht mehr geholfen.

Sie wusste, dass sie mit vielen unbeantworteten Fragen sterben würde.

Sie hatte Michael bei ihrer Beerdigung gesehen – ein unwirkliches Erlebnis, die eigene Grabrede mit anzuhören. Sie hatte im Hintergrund gestanden, verborgen unter einem breitkrempigen Hut und hinter einer Sonnenbrille. Sie hatte den Schmerz in seinen Augen gesehen, die Qual, in die sie diesen Mann gestürzt hatte, der ohnehin schon trauerte. Die Inszenierung ihres Ablebens hatte in jedem, der sie liebte, Leidensspuren hinterlassen, sah man von ihrem Komplizen ab. Als sie die Berge verlassen hatte und drei Monate lang heimlich durch Europa gestreift war, hatte sie gehofft, ihr Verschwinden sei dauerhaft und dass es sie aus dem Gedächtnis jener Leute vertreiben würde, die sie verfolgt hatten. Doch es hatte das Unvermeidliche nur hinausgezögert.

Ihr blieben noch wenige Meter bis zum Aufprall. Der Wagen stürzte senkrecht in die Tiefe, als sie ihre Handtasche packte und an sich zog, als könne sie auf diese Weise ihr Leben retten.

Der Kühler stieß in den See und verursachte eine Explosion, bei der das Wasser wie eine Kaskade in die Höhe schoss. Die Airbags explodierten und umhüllten die Frau mit einem Kokon aus Ballons, schützten ihren Körper gegen die Gewalt des Aufpralls. Der Sicherheitsgurt dämpfte zusätzlich den Aufschlag. Es war, als würden aus jeder Ecke Tausende von Steinen gegen ihren Körper geschleudert. Sie verlor die Orientierung, weil sie mit dem Kopf nach unten hing.

Die Scheinwerfer strahlten durch das glasklare Wasser bis auf den Grund, der dreißig Meter tiefer lag; dann erloschen sie. Für einen Moment schaukelte der Wagen auf und nieder, und die Geräusche des Aufpralls echoten in den umliegenden Hügeln, bis Stille einkehrte.

Als der Wagen schließlich ruhig dahintrieb, die vordere Hälfte schon halb unter Wasser, entwich die Luft durch Ritzen in den Rückfenstern, langsam zuerst, dann immer schneller. Das fauchende Geräusch war bis auf die andere Seite des Sees zu hören. Es klang wie der Schrei eines Kindes. Dann schien der Stausee mit unsichtbarer Hand nach dem Buick zu greifen und ihn in die Tiefe zu ziehen. Innerhalb von dreißig Sekunden fehlte jede Spur vom Fahrzeug, als hätte es nie existiert.

Dann beruhigte das Wasser sich wieder, und der See lag da mit einer Oberfläche, so glatt wie Glas.

5.

Die Harley Davidson Softail jagte die dunkle, leere Straße entlang, und das Dröhnen ihres Motors zerriss die Stille der Nacht. Der Baldachin der Bäume verdeckte den Himmel. Nur gelegentlich blitzte das Mondlicht hindurch und brach sich auf dem polierten Chrom des Motorrads. Michaels Haar wehte ungehindert im Wind, denn seinen Helm hatte er auf dem Gepäckträger des Bikes befestigt. Er jagte das Motorrad auf hundertfünfzig Stundenkilometer hoch. Der Wind auf seinem Gesicht gab ihm ein Gefühl von Freiheit. Da war niemand, der etwas von ihm wollte, niemand, der ihn bemitleidete. Schließlich bog er auf die geschotterte Auffahrt vor seinem Haus ein, dass die Steinchen nur so flogen, und schaffte die fünfhundert Meter in zwanzig Sekunden.

Das Haus war abgelegen; hier war er allein, abgeschnitten von der Welt. Es war ein einstöckiges Gebäude mit hohen Decken, ein Mittelding zwischen einem modernen Bungalow und einer Ranch, das der Fantasie eines Architekten aus den Sechzigerjahren entsprungen sein könnte. Die Stein-und-Holz-Fassade verschmolz mit der Landschaft; abgesehen von der Garage auf der Hinterseite des Hauses, die Platz für drei Wagen bot, hatte er nicht viel verändert, seit er das Haus vor sechs Monaten gekauft hatte.

Michaels Sicherheitsunternehmen stand endlich auf einem soliden Fundament, das den drei Angestellten ein regelmäßiges Einkommen und einen festen Arbeitsplatz sicherte. Da die Zahl der luxuriösen Eigenheime und Geschäftsgebäude in der Gegend kontinuierlich stieg, bekamen sie regelmäßig neue Aufträge, Alarmanlagen zu installieren und zu warten. In letzter Zeit waren Beratertätigkeiten hinzugekommen, die noch besser bezahlt wurden.

Michaels Berner Sennenhunde kamen aus dem Haus geflitzt und bellten das wuchtige Motorrad an, bis Michael den Motor abstellte. Hawk war fünf Jahre alt, Raven hatte gerade ihr erstes Lebensjahr vollendet. Michael hatte sich am Ende doch breitschlagen lassen, sie zu kaufen. Raven war nicht so groß wie Hawk und bellte unablässig irgendwelche Schatten an, war aber eine gute Gefährtin.

Die beiden Hunde folgten Michael ins Haus, als er die Tür aufstieß. Er warf seine Jacke auf den Billardtisch im Wohnzimmer, ging auf kürzestem Weg in die Küche, machte eine Dose Bier auf und zog Marys Brief aus der Tasche. Zwei Mal hatte er diesen Brief gelesen, und beide Male hatte er versucht, mit Marys Worten fertig zu werden.

Michael war so glücklich gewesen mit Mary, dass er Angst gehabt hatte, eines Tages aufzuwachen und feststellen zu müssen, dass alles nur ein Traum gewesen war. Mary hatte sein Leben auf eine Art und Weise vervollständigt, wie nur Liebe es vermag. Auch sie hatte ihn geliebt, trotz all seiner Fehler und Schwächen. Sie hatte an ihn geglaubt und auf ihn vertraut.

Michaels Glaube, seine Liebe, seine Lebensbejahung und seine Hoffnung waren mit Mary gestorben.

Doch als er den Brief noch einmal las, loderten alle diese Emotionen wieder in ihm auf. Er las die letzten Zeilen:

Gehe der Sache nach, Michael. Suche nach deinen Eltern. Das ist meine letzte Bitte an dich. Ich will nicht, dass du allein bist auf der Welt. Erst die Familie macht uns zu vollständigen Menschen. Sie kann die Leere in unserem Inneren füllen und die Hoffnung wiederherstellen, wenn wir glauben, sie für immer verloren zu haben.

Das Telefon klingelte und riss Michael aus seinen Gedanken. Er ging durch die Küche und nahm den Hörer ab.

»Michael St. Pierre?«, fragte eine Frauenstimme.

»Ja.«

»Hier ist das Byram Hills Police Department. Ich stelle Sie durch zu Captain Delia.«

Michael hörte das Klicken, als der Anruf weitergeleitet wurde. Sein Herz begann schneller zu schlagen, während die Zeit plötzlich langsamer zu vergehen schien. Die Polizei rief ihn bestimmt nicht an, um mal wieder ein bisschen zu plaudern.

»Hallo, Michael«, meldete sich Delia, »wir müssen uns treffen.«

Fünf Minuten zuvor hatte Paul Busch die Bar gewischt und die Flaschen und frisch gespülten Gläser eingeräumt. Die Kasse war voller als je zuvor. Seit er denken konnte, hatte er von dieser Bar geträumt. Seine Frau Jeannie hatte ihn sehr unterstützt, nachdem Busch die Bar gekauft hatte; sie wusste, dass es ihn aus der Schusslinie bringen würde, da es seine vorzeitige Pensionierung beschleunigte. Das Einkommen war viel höher als das Gehalt, das er von der Polizei bezogen hatte, und dass er kostenlos essen und trinken konnte, kam ihm auch nicht gerade ungelegen – obwohl er den Nervenkitzel der Verfolgungsjagden vermisste und den Rausch, der damit einherging.

Er leerte gerade die Kasse, als das Telefon läutete. »Verdammt, es ist nach Mitternacht!« Paul nahm den Hörer ab und erwog, die Schnur aus der Wand zu reißen. »Was ist?«

»Hallo, Paul. Hier Bob Delia. Tut mir leid, dass ich Sie so spät noch störe.«

Busch schluckte seine Wut hinunter. »Schon in Ordnung.«

»Es sieht so aus, als wäre auf der Kensico Bridge ein Wagen durch das Geländer gerast.«

»Du lieber Himmel! Wann?«

»Es gab zwar keine Zeugen, aber wir nehmen an, dass es vor mindestens einer Stunde passiert ist.« Der Captain hielt inne, als wollte er eine Schweigeminute einlegen für das oder die Opfer, die auf so grauenvolle Weise den Tod gefunden hatten. »Die Bennett-Brüder sind diese Woche oben in Maine, und wir haben sonst niemanden, der so tief tauchen kann.« Er ließ die nicht gestellte Frage im Raum stehen. »Und wenn wir bis zum Morgen warten, wird die Presse hier sein, und Gott allein weiß, wie geifernd und respektlos die sich über die Sache hermachen werden. Ich will nicht, dass man in den Morgennachrichten zeigt, wie die Leichen aus dem Wasser gezogen werden.«

Busch kannte Captain Delia inzwischen seit zwanzig Jahren. Sie waren nie befreundet gewesen, hatten aber Respekt voreinander, der zurückreichte bis zu den Tagen, als sie beide Streifenpolizisten gewesen waren und der eine dem anderen den Rücken gedeckt hatte.

Als Busch noch bei der Polizei gewesen war, hatte er das Taucher-Einsatzkommando geleitet und das Polizeiboot gesteuert, wenn es benötigt wurde. Das gefiel ihm wesentlich besser als die Bewährungshelfertätigkeit, die er normalerweise verrichtete. Nur wurde das Polizeiboot kaum einmal gebraucht; Paul konnte an einer Hand abzählen, wie oft das Boot angefordert worden war.

»Ich bin in fünf Minuten da. Sie müssen mir aber einen Gefallen tun.«

»Und welchen?«

»Rufen Sie Michael an und sagen Sie ihm, er soll sich seine Ausrüstung schnappen und sich mit mir treffen.«

Delia sagte nichts. Die Zeit schien plötzlich stillzustehen. Busch hatte mit dieser Reaktion gerechnet, so wie jedes Mal. Michael war einer der schweren Jungs gewesen, die er als Bewährungshelfer betreut hatte, und in der Folge waren sie die besten Freunde geworden.

»Captain, Sie wissen, dass ich nicht alleine tauchen kann«, sagte Busch.

»Ich weiß«, gab der Captain seufzend zu.

Michael und Paul wateten in den Stausee, der von riesigen Langfeldstrahlern beleuchtet wurde, die in zwanzig Meter Höhe auf der Brücke standen. Die Brücke war von beiden Seiten gesperrt und stand voller Rettungsfahrzeuge. Augenzeugen des Unfalls hatte es nicht gegeben; deshalb hinterließen die zehn Meter langen Bremsspuren, die an der Stelle endeten, an der das Geländer durchbrochen war, ein großes Fragezeichen.

Michael war ungezählte Male über die vierspurige Brücke gefahren, hatte den beschaulichen Ausblick genossen auf das offene Wasser inmitten der dichten Wälder. Es hatte ihm an schweren Tagen ein bisschen Frieden geschenkt.

Aber jetzt …

Als er auf das Wasser blickte, das im Mondlicht lag, wusste er, dass der Anblick ihm nie wieder Trost spenden würde. Er stellte sich vor, wie das Auto in die Tiefe gestürzt war, wie die Insassen in Todesangst nach Hilfe geschrien hatten.

Eine Hilfe, die nie gekommen war.

Paul und Michael trugen beide komplette Tauchausrüstungen: Druckluftflasche, Tauchmaske, Schwimmflossen, Tarierweste. Beide hatten Messer dabei, Kompass, Tauchtasche und eine große Unterwasser-Taschenlampe mit extrem hellem Licht.

»Ich bin hier nicht mehr geschwommen seit … meine Güte, das muss jetzt zwanzig Jahre her sein«, sagte Michael, als sie sich auf den Weg machten, und blickte hinauf zu den blendenden Langfeldstrahlern. Auf der Brücke hatte sich eine kleine Menschenmenge eingefunden, die gespannt zuschaute.

»Und er dachte, wir würden nie wieder zusammenarbeiten.« Paul winkte Captain Delia zu, der mit seinen Deputies, einem Rettungssanitäter und einem wütenden Gesichtsausdruck an Land stand. »Es wird ihn fast umgebracht haben, dass er dich um Hilfe bitten musste.« Paul stellte seinen Atemregler ein. »Was hat er eigentlich gesagt?«

»Dass er mich nur anruft, weil er deine Hilfe braucht, und dass du deshalb meine Hilfe brauchst. Und dass ich daraus ja nicht schlussfolgern soll, er würde mich um etwas bitten.«

»Und?«

»Ich habe erwidert: Und was, wenn ich nein sage?«

Paul grinste. »Und?«

»Daraufhin hat er mir gesagt, ich soll mich verpissen und hat aufgelegt.« Michael grinste übers ganze Gesicht, als er in seine Tauchmaske spuckte und den Speichel über das Glas rieb. »Auch eine Möglichkeit, sich abzukühlen.«

Angesichts dessen, was ihnen möglicherweise bevorstand, versuchten Paul und Michael, ihren Humor nicht zu verlieren. Das machte es ihnen möglich, ihre Konzentration und die innere Ruhe zu bewahren, um mit dem Anblick der Toten fertig zu werden, die sie möglicherweise gleich aus blicklosen Augen anstarren würden.

Sie schwammen auf den See hinaus zu der Stelle, von der man annahm, dass der Wagen dort ins Wasser gestürzt war. Dort checkten beide zum dritten Mal die Ausrüstung des anderen, bevor sie einander zunickten und abtauchten. Als Michael unter die Wasseroberfläche glitt, schaltete er seine Taschenlampe ein, blies sich die Ohren frei und stieß hinunter ins kühle, klare Wasser. Das Kensico Reservoir war der wichtigste Wasserlieferant für New York City, ein künstlicher Stausee, der ursprünglich durch eine Überflutung der Stadt Kensico im Jahre 1915 entstanden war. Beweise, dass es diese Stadt wirklich gegeben hatte, fanden sich immer noch auf dem Grund des Sees, wo sie herumspukten in Gestalt gespenstischer Bäume, in deren laublosem Geäst sich der unachtsame Schwimmer verfangen konnte. Kensicos mit Schlick bedeckte Straßen und Ziegelhäuser standen schweigend da, als warteten sie auf die Rückkehr ihrer ehemaligen Einwohner. Es war eine Geisterstadt, die in stiller Dunkelheit lag.

Als Michael und Paul den Grund des Sees erreichten, steckten sie Planquadrate ab und durchkämmten systematisch jedes Feld. Da Michael nach Osten schwamm, fiel das Licht seiner Taschenlampe auf das alte Polizeirevier aus Ziegelstein. Die Gitter vor den Fensteröffnungen waren mit Schlamm bedeckt; Fische schwammen hindurch.

Michael tauchte weiter, und in der Dunkelheit wurde das Wrack eines Wagens erkennbar. Er zog sein Messer und klopfte damit auf seine Druckluftflasche, womit er Paul das vereinbarte Zeichen gab. Dann schwamm er näher heran. Der Buick stand in einem Winkel von fünfundvierzig Grad wie aufgebockt auf einem großen Felsblock. Auf der Fahrerseite stand die Tür offen. Die erschlafften Airbags trieben unheimlich im Wasser umher wie Gespenster. Michael hielt einen Augenblick inne und bekreuzigte sich, betete für den oder die Menschen, die sich im Wagen befanden und nie eine Chance gehabt hatten. Er hoffte inständig, dass keine Kinder unter den Opfern waren, als er nun mit der Taschenlampe durch die offene Tür leuchtete. Die innere Anspannung, die er gerade noch empfunden hatte, war mit einem Schlag dahin. Er schaute noch einmal nach, dann noch einmal, blickte auf die Rückbank, auf den Boden und auf die gefangenen Luftblasen, die unter der Decke tanzten. Dann verließ er das Fahrzeug wieder, froh, dass es keine Insassen gab. Er arbeitete sich um den Wagen herum zur Beifahrerseite und versuchte, die Tür zu öffnen. Sie rührte sich keinen Millimeter, wurde von Steinen eingeklemmt. Er schwamm um den Wagen herum zurück zur Fahrerseite und stellte fest, dass dort unter dem Sitz etwas hervorhing. Er griff danach und zog eine hellbraune Ledertasche heraus. Er leuchtete mit seiner Taschenlampe darauf, zog den Reißverschluss auf und war mehr als überrascht, dass sie fast leer war. Da war kein Kamm, Bürste oder Schminkutensilien, keine Geldbörse, keine Kreditkarten – nur eine einsame Visitenkarte.

Michael schwebte über dem Grund des Sees und wurde sich plötzlich der Stille um ihn her bewusst, die nur unterbrochen wurde von seinen Atemzügen durch den Lungenautomaten – und die waren auf einmal so laut, als wäre er Darth Vader. Er konnte mit dem Namen Stephen Kelley nichts anfangen und schaute sich die Karte genauer an.

Als er mit der Taschenlampe darauf leuchtete, lief ihm ein eisiger Schauer über den Rücken. Er atmete so schwer und hastig, als wäre sein Sauerstoffgerät auf einmal leer. Panik überkam ihn. Dreißig Meter unter der Wasseroberfläche war die Adresse im Licht der Lampe deutlich zu erkennen. Es war eine Adresse in Boston. Eine Adresse, die Michael sich vor nicht einmal sechs Stunden eingeprägt hatte.

Es war die gleiche Adresse, die Mary niedergeschrieben hatte: Franklin Street 22, Boston.

6.

Ilja Raechen saß in seinem Motelzimmer und sann darüber nach, welche Komplikationen auftreten konnten. Er pickte in einer Schale mit süßsaurem Schweinefleisch und ließ sich die vergangenen acht Stunden noch einmal durch den Kopf gehen. Drei Monate hatte er damit zugebracht, den gesamten Globus nach Genevieve Zivera abzusuchen, und endlich hatte er sie aufgespürt. Die Informationen, die man ihm gegeben hatte, wiesen nach Westchester County im Bundesstaat New York und nach Boston, Massachusetts. Beide Orte standen in irgendeinem Zusammenhang, doch es war Raechen nicht gelungen, diese Verbindung aufzudecken. Er hatte überlegt, ob er sich Genevieve blitzartig schnappen oder einfach warten sollte, bis sie an ihrem Bestimmungsort eintraf, wo er sie fesseln und mit ihr verschwinden konnte.

Seine Aufgabe setzte ihm gewaltig zu. Er musste unbedingt nach Hause; er hatte seinem Sohn versprochen, nicht länger als einen Tag wegzubleiben. Er hatte in all den Jahren noch nie ein Versprechen gebrochen. Und gerade jetzt konnte er ihn nicht im Stich lassen. Denn Sergei, sein einziger Sohn, lag krank im Bett, und sein Zustand wurde immer schlechter. Und Sergei war gerade mal sechs Jahre alt.

Als Raechen den Anruf erhielt, protestierte er, doch seine ehemaligen Vorgesetzten wollten nichts davon hören. Sie appellierten an seinen Stolz, sein Pflichtgefühl, seine Ehre. Was jedoch letzten Endes dazu führte, dass Raechen seine Meinung änderte und aus dem Ruhestand in den »Kreis seiner Lieben« zurückkehrte, war ein Versprechen: Sie sagten ihm, sie würden einen Weg finden, seinen Sohn aus den tödlichen Fängen des Schicksals zu retten, falls er bei seiner Mission erfolgreich war.

Der zweiundfünfzigjährige Ilja Raechen war eins neunzig groß, und seine Muskeln waren immer noch so kräftig und straff wie zu der Zeit, als er mit sechsundzwanzig Jahren Hauptmann in der Roten Armee geworden war. Sein schwarzes Haar war an den Schläfen silbergrau geworden, aber seine grauen Augen waren immer noch so scharf wie damals. Er hatte die harten Züge, die er der Familie seiner Mutter zu verdanken hatte; sein Gesicht war so kantig und schroff, dass es Furcht erregen konnte. Dieses Erscheinungsbild hatte Raechen sich oft zunutze gemacht. Er war eine Art Legende. Seinen Ruf hatte er bei verdeckten Operationen für den Geheimdienst der damaligen UdSSR erworben.

Ilja Raechen war Auftragsmörder und sehr geschickt, wenn es galt, Informationen aus jemandem herauszupressen. Er beherrschte mehrere Sprachen und war mehrmals dafür ausgezeichnet worden, dass er sich erfolgreich bei ausländischen Regierungen eingeschlichen hatte. Seit Jahren kursierten Gerüchte über seinen Tod, die aber offensichtlich voreilig gewesen waren; stattdessen hatte der Mann ohne Gewissen geheiratet und durch die Geburt seines Sohnes ein weiches Herz bekommen. Doch nun schien es, als wäre dieses Herz in jüngster Zeit zurückgekehrt zu alten Werten – was allein schon dadurch bewiesen wurde, dass Raechen jetzt wieder aufgetaucht war.

Er stellte sein Essen zur Seite und griff nach der Akte über Genevieve Zivera. Seine Befehle waren simpel: Finden Sie die Frau und bringen Sie sie her. Obwohl Raechen weit mehr tun konnte, als jemanden zu kidnappen, zog er es vor, seine anderen Fähigkeiten im Ruhestand zu belassen. Er hatte seit sieben Jahren niemanden mehr getötet, und sein Verstand war ihm gnädig und sorgte dafür, dass die Gesichter seiner Opfer allmählich aus seinen Albträumen verschwanden. Deshalb hatte er vor, sich Genevieve Zivera leise und unauffällig zu schnappen, ohne Zwischenfälle und vor allem lebend.

Raechen war Genevieve gefolgt, als sie Boston verließ und durch Connecticut nach Westchester fuhr. Als die beiden Pick-ups mit ausgeschalteten Scheinwerfern und dröhnenden Hupen an ihm vorübergerast waren, hatte sich ihm der Magen umgedreht, weil er ahnte, was geschehen würde. Hilflos hatte er mit angesehen, wie die beiden Pick-ups an seiner Zielperson vorübergejagt und mit quietschenden Reifen auf der anderen Seite der Brücke zum Stehen gekommen waren. Dann waren zwei bewaffnete Männer aus den Fahrzeugen gesprungen.

Die Frau hatte versucht, den Buick zu wenden, hatte dabei aber die Kontrolle über das Fahrzeug verloren und war durch das Brückengeländer gekracht. Raechen war voll in die Bremsen gestiegen und hatte beobachtet, wie der Wagen in den Nachthimmel segelte und wie das Wasser explodierte, als der Wagen auf der Oberfläche aufschlug. Raechen hatte an nichts denken können als daran, dass mit dem Fahrzeug auch jede Hoffnung für seinen Sohn verschwand.

Er blickte wieder zu den beiden Pick-ups, sah aber nur noch ihre Schatten, die in der Dunkelheit verschwanden. Raechen lenkte seinen Wagen auf einen Feldweg, der weit von der Straße entfernt lag, rannte durch ein Waldstück und sprang kopfüber in den See, obwohl er kaum noch die Hoffnung hatte, dass die Frau noch am Leben war. So schnell er konnte, schwamm er auf den schaukelnden Wagen zu, von dem nur noch der Kofferraum über die Wasseroberfläche ragte. Er glitt um das Fahrzeug herum und versuchte vergeblich, irgendwie heranzukommen. Das Wasser bildete Strudel, der heiße Motor dampfte, und die Luftblasen, die aus dem Wageninneren entwichen, gischteten an die Oberfläche. Raechen streckte einen Arm ins dunkle Wasser und bekam den Griff der Fahrertür zu fassen, wurde dabei aber unter Wasser gerissen, als nun der Rest des Wagens in die Tiefe gezogen wurde, hinunter in die Schwärze. Das Auto sank tiefer und tiefer, wurde dabei mit jedem Moment schneller. Raechen klammerte sich fest, als er vom Wrack nach unten gezogen wurde. Es brannte in seiner Lunge; Sterne flimmerten vor seinen Augen. Er stand kurz davor, das Bewusstsein zu verlieren. Doch er ignorierte den Schmerz. Die Frau hatte viel mehr gelitten auf dem Weg zum Grund des Sees, gefangen in einem Sarg mit vier Rädern.

Mit beiden Händen umfasste er den Türgriff und verschaffte sich mit den Füßen Halt am Wagen, der auf Tauchkurs war. Dann zerrte er mit aller Kraft die Tür auf, griff hinein in das Wirrwarr aus erschlafften Airbags, tastete sich hinweg über Genevieves bewusstlose Gestalt und löste den Sicherheitsgurt.

Dann zog er sie aus dem Wagen, der in die Tiefe und die Vergessenheit sank.

Raechen saß im Motel und pickte die letzten Bissen seines chinesischen Essens auf, während er die bewusstlose Genevieve betrachtete, die auf dem Bett lag. Sie war durchgefroren, aber sie lebte. Zwei Rippen waren gebrochen, und auf der Stirn hatte sie einen Bluterguss. Sie würde sich fühlen, als wäre eine Herde Elefanten über sie hinweggetrampelt, wenn sie zu sich kam, aber sie würde am Leben sein.

Raechen nahm eine kleine braune Flasche mit Halothan aus der Tasche und goss einen Teelöffel davon auf ein kleines Handtuch. Er drehte die Flasche zu und steckte sie wieder in die Jackentasche; dann legte er das Tuch sanft über Genevieves Gesicht, sodass das Anästhetikum sicherstellte, dass sie weiterhin bewusstlos blieb.

Er schaute sie an. Wie friedlich sie dalag. Die vielen Bilder, die er von ihr gesehen hatte, ließen sie so vertraut erscheinen, als gehörte sie zur Familie. Sie hatte etwas Unschuldiges an sich, das ihn für einen kurzen Moment mit Scham erfüllte, weil er ihr Gewalt antat, aber er schüttelte dieses Gefühl rasch wieder ab und dachte an seinen Sohn, den er mit Hilfe dieser Frau vielleicht retten konnte.

Raechen fürchtete zu wissen, wer die Schießwütigen waren, die den Unfall verursacht hatten und ebenfalls hinter Genevieve her gewesen waren. Wenn sie noch einmal auftauchten, würde er seine alten Talente aus dem Ruhestand holen müssen. Niemand würde ihn aufhalten. Nach allem, was er ihretwegen durchgemacht hatte, würde Genevieve Zivera ihm nicht durch die Finger gleiten.

Er würde seine Vorgesetzten nicht enttäuschen, und er würde sein Land nicht enttäuschen. Vor allem aber würde er seinen Sohn nicht enttäuschen.

Noch gab es Hoffnung.

7.

Alec St. Pierre stand in seiner Werkstatt. Eigentlich war es eine Garage, doch hatte er sie in eine Bastelwerkstatt umgewandelt. Während viele andere Väter ihre Zeit damit verbrachten, an ihren Autos herumzuschrauben oder ihre Golfschläger zu schwingen, fand Michaels Vater Trost darin, Dinge zu erschaffen. Beim Drechseln und Sägen, Schnitzen und Schleifen verwandelte er Holz in Möbelstücke, Metall in Kunstwerke und Plastik in alles, wozu sein Herz ihn verleitete. Michael pflegte Alec dabei zu beobachten, wie dieser sich in seinen Schöpfungen verlor; nichts schien seine Konzentration stören zu können, wenn er in seine Projekte vertieft war.

Jeden Samstagmorgen saß Michael geduldig bei seinem Vater, bevor er zum Sport ging. Alec versuchte, Michael für das Basteln zu interessieren und behauptete, Michael habe eine kreative Ader, die er fördern müsse. Doch wie die meisten Jungen im Teenageralter interessierte Michael sich nicht für die Heimwerkerei; er hatte immer nur Sport im Kopf.

»Halt das mal«, sagte Alec und hielt ihm eine dünne Metallkette hin.

Michael nahm die Kette, beugte sich vor und blickte hinein in das komplexe Innenleben der eins achtzig großen Standuhr, die fast fertig war. Jedes einzelne Teil hatte Alec selbst gebaut: die hölzerne Verkleidung, die Pendel, das Räderwerk, die Ketten, sogar das Blatt.

»Hast du dich auf das Spiel heute vorbereitet?«, fragte Alec, ohne den Kopf zu heben.

»Ja, wir haben ein paar neue Spielzüge. Stepinac hat allerdings auch ein gutes Team.«

Alec antwortete zuerst nicht, schien in Gedanken vertieft zu sein. Dann, nach etwa einer Minute, sagte er, als wären nur ein paar Sekunden vergangen: »Aber die haben keinen so guten Spieler wie dich.«

»Stimmt. Du hast auch gespielt, als du in meinem Alter warst, nicht wahr?«

Alec lächelte. »Ich war der Junge, der froh war, wenn er wenigstens als Letzter ausgewählt wurde«, sagte er und streckte die Hand aus. »Gibt mir die Kette.«

Michael hielt sie ihm hin, und Alec beugte sich über den Uhrenkasten und ließ die Kette über eine Spindel gleiten, befestigte eine winzige Kappe über der kleinen Stange und schloss die Rückklappe des Uhrenkastens.

Gemeinsam hievten sie die Uhr von der Werkbank und stellten sie aufrecht auf den Boden. Alec öffnete die Glasabdeckung über dem Zifferblatt. »Wie spät ist es?«, fragte er.

Michael schaute kurz auf die Wanduhr. »Eine Minute vor neun.«

»Perfekt.« Alec stellte die Uhr und öffnete die Glastür über dem Pendel. »Möchtest du?«

Michael schob die Hand durch die Glastür, stieß das Pendel an und ließ es schwingen.

Tick, tack, tick.

Das Uhrwerk sprach die Sprache aller Uhren auf der Welt. Michael beobachtete, wie die Rädchen sich drehten und wie auch der zweite Zeiger sich bewegte. Mit einem Surren wurde das Hauptwerk aktiviert, und die Glocke schlug neunmal.

Michael war wie hypnotisiert von dem unablässigen Ticken der Uhr, die heute noch so perfekt und auf die Minute genau ging wie an jenem Tag vor mehr als zwanzig Jahren, an dem sie fertig gestellt worden war. Michael wünschte sich, die Zeit zurückdrehen zu können. Er vermisste die Vormittage, an denen er mit seinem Vater geredet hatte, der es verstanden hatte, die Dinge immer so klar zu sehen.

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