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Die Puffin-Island-Trilogie

Zum Buch:

Ryan Cooper lebt schon zu lange auf Puffin Island, um ein Geheimnis nicht zehn Meter gegen den Wind zu riechen. Besonders, wenn es um Emily Donovan geht. Seit Kurzem wohnt die junge Frau im malerischen Cottage ihrer Freundin, wo sie dem Inselleben den Rücken kehrt. Ryan ist überzeugt, dass sie auf der Flucht ist. Und da die Inselbewohner zusammenhalten – und vielleicht, weil Emily ihn wie keine andere anzieht –, geht er dem Rätsel auf die Spur. Ein Blick hinter ihre Fassade zeigt ihm dabei nicht nur ihre sinnliche Seite, sondern auch, dass sie vor Gefühlen flieht, gegen die selbst er nicht gewappnet ist …

Zum Autor:

Sarah Morgan startete ihre Karriere bereits als Kind – mit einer Biografie eines Hamsters. Als Erwachsene arbeitete sie zunächst als Krankenschwester, bis sie nach der Geburt ihres ersten Kindes die Schriftstellerei erneut für sich entdeckte. Zum Glück! Ihre humorvollen Romances wurden weltweit mehr als 11 Millionen Mal verkauft. Die preisgekrönte Autorin lebt mit ihrer Familie in der Nähe von London.

Lieferbare Titel:

Weihnachtszauber wider Willen

Sommerzauber wider Willen

Winterzauber wider Willen

Sarah Morgan

Einmal hin und für immer

Roman

Aus dem Amerikanischen von Judith Heisig

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Alle handelnden Personen in dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.

VORWORT

Liebe Leserin,

Freundschaften sind mir schon immer wichtig gewesen. Gute Freundinnen machen die guten Zeiten besser und die schlechten weniger schlimm. Deshalb entschied ich, in meiner neuen Romance-Serie über drei Freundinnen zu schreiben.

Emily, Brittany und Skylar sind seit über zehn Jahren beste Freundinnen und haben sich geschworen, einander beizustehen, wenn sie in Schwierigkeiten geraten sollten. Ihr Zufluchtsort in schlimmen Zeiten? Castaway Cottage auf dem schönen Puffin Island in Maine.

Ich habe die Puffins genannten Papageitaucher zum ersten Mal vor vielen Jahren im Norden Englands gesehen. Sie sind ganz erstaunliche und wunderschöne Seevögel. Besonders fasziniert hat mich, dass sie zum Brüten auf die Insel zurückkehren, auf der sie großgezogen wurden. Auch wenn sie nicht zu den bedrohten Arten zählen, sind sie in Maine selten geworden. Daher gibt es Projekte, um sie auf einigen Inseln wieder anzusiedeln.

Das Thema der Heimkehr habe ich als roten Faden in den Geschichten eingesetzt. In diesem Fall ist Castaway Cottage das Zuhause, ein am Strand gelegenes Häuschen, das Brittany von ihrer Großmutter geerbt hat.

Als sich Emilys Lebensumstände plötzlich dramatisch ändern und sie Vormund ihrer Nichte wird, sucht sie Zuflucht auf Puffin Island. Doch das Leben am Meer hat seine speziellen Herausforderungen für Emily, deren Leben von einem Ereignis in ihrer Vergangenheit überschattet wird. Sie hat Geheimnisse, doch in der eingeschworenen Gemeinschaft der Insel ist es schwer, ein Geheimnis zu bewahren. Erst recht, als der attraktive Jachtclub-Besitzer Ryan Cooper es zu seiner persönlichen Mission macht, alle Schutzmauern niederzureißen, die sie um sich errichtet hat. Bald beschützt sie nicht nur ihre Nichte, sondern auch ihr Herz.

In diesen Geschichten geht es um Liebe, Freundschaft und Gemeinschaft. Ich hoffe, Sie verlieben sich in die Figuren und in die windgepeitschte Schönheit von Puffin Island. Auf meiner Homepage sarahmorgan.com finden Sie einige meiner Fotos von Maine und den Papageitauchern. Bestellen Sie meinen Newsletter, um über Neuerscheinungen informiert zu werden. Wenn Ihnen Einmal hin und für immer gefällt, dann verpassen Sie nicht Brittanys Geschichte in Für immer und ein Leben lang.

Danke fürs Lesen.

In Liebe

Sarah

Für Laura Reeth, Make-up-Expertin, Style-Guru und liebe Freundin.

„Wir müssen uns von der Hoffnung befreien, dass das Meer jemals zur Ruhe kommt. Wir sollten lernen, bei starkem Wind zu segeln.“

Aristoteles Onassis

1. KAPITEL

Es war der perfekte Ort für jemanden, der nicht gefunden werden wollte. Ein Traumziel für Menschen, die das Meer liebten.

Emily Donovan hasste das Meer.

Sie parkte den Wagen auf dem Gipfel des Hügels und schaltete die Scheinwerfer aus. Dunkelheit umfing sie, legte sich auf sie wie eine schwere Decke. Sie war an die Großstadt gewöhnt mit ihrer glitzernden Skyline und den blendenden Lichtern, die die Nacht zum Tag machten. Hier, auf dieser zerklüfteten Insel vor der Küste von Maine, gab es nur den Mond und die Sterne. Keine Menschenmengen, kein Hupen, keine Wolkenkratzer. Nichts als wellengepeitschte Klippen, das Geschrei der Möwen und den Geruch des Meeres.

Wenn nicht das Kind gewesen wäre, das hinten auf dem Rücksitz angeschnallt saß, hätte sie für die kurze Fährüberfahrt Beruhigungstabletten genommen.

Die Augen des kleinen Mädchens waren noch geschlossen, ihr Kopf zur Seite geneigt, mit den Armen umklammerte sie einen abgewetzten Teddybär. Emily griff nach ihrem Handy und öffnete sacht die Autotür.

Bitte wach nicht auf.

Sie entfernte sich ein paar Schritte vom Wagen und wählte, aber es meldete sich nur die Mailbox.

„Brittany? Ich hoffe, du hast eine schöne Zeit in Griechenland. Ich wollte nur sagen, dass ich angekommen bin. Danke noch mal, dass ich das Cottage benutzen darf. Ich bin wirklich … Ich bin –“ Dankbar. Das war das Wort, das sie suchte. Dankbar. Sie atmete tief ein und schloss die Augen. „Ich drehe durch. Was zum Teufel mache ich hier? Hier ist überall Wasser, und ich hasse Wasser. Das ist … Na ja, es ist schwierig.“ Sie sah zu dem schlafenden Kind und sprach leiser. „Sie wollte auf der Fähre aus dem Wagen klettern, aber ich ließ sie angeschnallt, weil ich das auf keinen Fall geschafft hätte. Übrigens hält mich dieser gruselige Hafenmeister mit den dichten Augenbrauen jetzt vermutlich für eine Verrückte. Wenn du das nächste Mal zu Hause bist, solltest du also lieber so tun, als ob du mich nicht kennst. Ich bleibe bis morgen, weil ich keine Wahl habe, aber dann nehme ich die erste Fähre fort von hier. Ich gehe irgendwo anders hin. Irgendwohin, wo ich Land um mich habe … wie in … Wyoming oder Nebraska.“

Als sie auflegte, strich eine Brise durch ihr Haar, und sie roch die salzige Meeresluft.

Sie wählte erneut, dieses Mal eine andere Nummer, und war erleichtert, als der Anruf angenommen wurde und sie Skylars Stimme hörte.

„Skylar Tempest.“

„Sky? Ich bin’s.“

„Em? Was ist passiert? Das ist nicht deine Nummer.“

„Ich habe sie gewechselt.“

„Hast du Angst, dass jemand den Anruf zurückverfolgen könnte? Heiliger Mist, ist das aufregend.“

„Das ist nicht aufregend. Es ist ein Albtraum.“

„Wie fühlst du dich?“

„Als ob ich mich übergeben müsste, obwohl ich weiß, dass ich es nicht kann, weil ich seit zwei Tagen nichts gegessen habe. Alles, was sich in meinem Magen befindet, ist ein Klumpen nervöser Anspannung.“

„Hat die Presse dich aufgespürt?“

„Ich glaube nicht. Ich habe alles bar bezahlt und bin von New York aus losgefahren.“ Sie blickte auf die Straße hinter sich, doch sie lag im Dunkeln. „Wie können Menschen so leben? Ich fühle mich wie eine Kriminelle, dabei habe mich noch niemals vor jemandem versteckt.“

„Hast du den Wagen gewechselt, um sie zu verwirren? Hast du dein Haar rot gefärbt und eine Brille gekauft?“

„Nein. Hast du getrunken?“

„Ich kenne das aus Filmen. Du kannst niemandem trauen. Du brauchst eine Tarnung. Etwas, um dich deiner Umgebung anzupassen.“

„Ich werde mich niemals in diese Küstengegend hier einfügen. Ich bin diejenige, die mitten auf der Hauptstraße eine Schwimmweste tragen wird.“

„Es wird dir dort gut gehen.“ Skylars aufmunternder Ton deutete darauf hin, dass sie ganz und gar nicht von dem überzeugt war, was sie sagte.

„Ich werde morgen gleich wieder abfahren.“

„Das darfst du nicht! Wir waren uns einig, dass das Cottage der sicherste Ort ist, um sich zu verstecken. Niemand wird dich auf einer Insel bemerken, die voller Touristen ist. Sie ist ein Traumziel für Urlauber.“

„Sie ist kein Traumziel, wenn man allein beim Anblick von Wasser schon hyperventiliert.“

„Das wirst du nicht. Du wirst die Seeluft einatmen und dich entspannen.“

„Es ist überhaupt nicht nötig, hier zu sein. Diese ganze Sache ist eine Überreaktion. Niemand sucht nach mir.“

„Du bist die Halbschwester eines der größten Filmstars in Hollywood und der Vormund ihrer Tochter. Wenn sich diese Tatsache herumspricht, wird die gesamte Pressemeute Jagd auf dich machen. Du musst dich irgendwo verstecken, und Puffin Island ist perfekt.“

Ein Anflug kalter Panik ließ Emily erschauern. „Wie sollten sie von mir erfahren? Lana hat ihr ganzes Leben so getan, als ob es mich nicht gibt.“ Und das hatte ihr wunderbar gepasst. Zu keinem Zeitpunkt hatte sie das Rampenlicht, das Lana zuteilwurde, auf sich ziehen wollen. Emily war extrem zurückhaltend. Lana dagegen hatte seit dem Tag ihrer Geburt um Aufmerksamkeit gebuhlt.

Ihr kam der Gedanke, dass ihre Halbschwester sich vermutlich freute, auch über einen Monat nach dem Flugzeugabsturz, bei dem sie und ihr vermutlicher Liebhaber ums Leben gekommen waren, noch immer für Schlagzeilen zu sorgen.

„Journalisten können alles herausfinden. Das Ganze ist wie eine Geschichte aus einem Film.“

„Nein, ist es nicht! Es ist mein Leben. Ich will nicht, dass es in Stücke zerrissen und der Welt zum Gaffen präsentiert wird, und ich will …“ Emily brach ab und sprach die Worte dann zum ersten Mal laut aus. „Ich will nicht für ein Kind verantwortlich sein.“ Erinnerungen an die Vergangenheit drangen aus den dunklen Winkeln ihres Gehirns hervor wie Rauch unter einer geschlossenen Tür. „Ich kann es nicht.“

Es war dem Mädchen gegenüber nicht fair.

Und es war ihr gegenüber nicht fair.

Warum hatte Lana ihr das angetan? War es Bosheit? Gedankenlosigkeit? Irgendein verdrehter Wunsch nach Rache für eine Kindheit, in der sie nichts geteilt hatten außer dem Wohnraum?

„Ich weiß, dass du das glaubst, und ich verstehe deine Reaktion, aber du kannst das. Du musst. Im Moment bist du alles, was sie hat.“

„Ich sollte nicht alles sein, was jemand hat. Das ist gemein. Ich sollte keine fünf Minuten auf ein Kind aufpassen, geschweige denn einen ganzen Sommer.“

Auch wenn in ihrem alten Leben Menschen sie um Rat gefragt, ihr Fachwissen anerkannt und ihr Urteilsvermögen geschätzt hatten – in dieser Sache war sie nicht kompetent. Sie hatte keinerlei Qualifikationen für diese Stelle. In ihrer Kindheit war es ums Überleben gegangen. Sie hatte lernen müssen, für sich selbst zu sorgen und sich zu beschützen, während sie mit einer Mutter zusammenlebte, die meistens abwesend war – manchmal körperlich, emotional jedoch immer. Nachdem sie ausgezogen war, hatte sie studiert und lange, anstrengende Stunden gearbeitet, um Männer zum Schweigen zu bringen, die ihr unbedingt beweisen wollten, dass sie weniger wert war als sie.

Und nun war sie hier, hineingeworfen in ein Leben, in dem nichts davon zählte, was sie gelernt hatte. Ein Leben, das ihr eine Fähigkeit abverlangte, die ihr sicher nicht gegeben war. Sie hatte keine Ahnung, wie sie damit umgehen sollte, und kein Interesse daran gehabt, es herauszufinden. Es war ungerecht, sich jetzt ausgerechnet in einer Situation wiederfinden zu müssen, die sie ihr Leben lang mit aller Kraft vermieden hatte.

Schweißperlen traten ihr auf die Stirn, und sie hörte Skylars Stimme durch einen Nebel von Angst.

„Wenn die Kleine dich von dem Gedanken abbringen kann, dann wird es das Beste sein, was dir je passiert ist. Du trägst keine Schuld an dem, was geschah, als du ein Kind warst, Em.“

„Ich will nicht darüber sprechen.“

„Das ändert nichts an der Tatsache, dass dir keiner Schuld daran geben kann. Und du musst nicht darüber sprechen, denn was du empfindest, zeigt sich daran, wie du dein Leben führst.“

Emily blickte zurück zu dem im Wagen schlafenden Kind. „Ich kann mich nicht um sie kümmern. Ich kann nicht das sein, was sie braucht.“

„Du meinst, du willst es nicht sein.“

„In meinem Leben dreht sich alles um Erwachsene. Ich arbeite sechzehn Stunden am Tag und habe Geschäftsessen.“

„Dein Leben ist Mist. Ich sage dir das schon lange.“

„Ich mochte mein Leben! Ich will es zurück.“

„Du meinst das Leben, in dem du gearbeitet hast wie eine Maschine und mit einem Mann zusammen warst, der über das Gefühlsspektrum eines Steins verfügte?“

„Ich mochte meinen Job. Ich wusste, was ich tat. Ich war kompetent. Und Neil und mich hat vielleicht nie die große Leidenschaft verbunden, aber wir hatten viele gemeinsame Interessen.“

„Sag mir eine.“

„Ich … Wir sind gerne essen gegangen.“

„Das ist kein Interesse. Das ist nur ein Zeichen, dass ihr zu faul zum Kochen wart.“

„Wir haben beide gern gelesen.“

„Wow, da muss das Schlafzimmer ja ein aufregender Ort gewesen sein.“

Emily bemühte sich, etwas anderes vorzubringen, aber ihr fiel nichts ein. „Warum sprechen wir über Neil? Das ist vorbei. Mein ganzes Leben dreht sich um ein sechsjähriges Mädchen. Da sind ein paar Feenflügel in ihrer Tasche. Ich weiß nichts über Feenflügel.“

Ihre Kindheit war eine öde Wüste gewesen, eine Zeit des Aushaltens statt der Entfaltung und ohne Raum für etwas so Zerbrechliches wie hauchzarte Feenflügel.

„Ich erinnere mich gut daran, wie ich mit sechs war. Ich wollte Ballerina werden.“

Emily sah stur geradeaus und erinnerte sich, wie sie sich mit sechs gefühlt hatte. Zerbrochen. Auch nachdem sie sich nach und nach wieder zusammengesetzt hatte, wusste sie, dass sie nie mehr dieselbe sein würde.

„Ich bin so wütend auf Lana. Ich bin wütend, dass sie gestorben ist und mich in diese Situation gebracht hat. Wie bescheuert ist das?“

„Es ist nicht bescheuert. Es ist menschlich. Was erwartest du, Em? Du hast Lana seit mehr als zehn Jahren nicht mehr gesprochen –“ Skylar brach ab, und Emily hörte Stimmen im Hintergrund.

„Hast du Besuch? Passt es dir gerade nicht?“

„Richard und ich gehen ins Plaza zu einer Benefizveranstaltung, aber er kann warten.“

So wie sie Richards rücksichtslose politische Ambitionen und sein ungeduldiges Wesen kannte, bezweifelte Emily, dass er warten würde. Sie konnte Skylar vor sich sehen, ihr blondes Haar zu einem eleganten Knoten zusammengesteckt und ihren schmalen Körper in einem atemberaubenden Designerkleid. Trotzdem hatte Emily den Verdacht, dass sein Interesse an Sky eher auf die einflussreichen Beziehungen ihrer Familie zurückging als auf ihren sonnigen Optimismus oder ihre Schönheit. „Ich hätte dich nicht anrufen sollen. Ich hatte es bei Brittany versucht, aber sie ging nicht ran. Sie ist noch immer bei dieser Ausgrabung auf Kreta. Ich schätze, dort drüben ist es mitten in der Nacht.“

„Sie scheint sich gut zu amüsieren. Hast du ihr neuestes Update auf Facebook gesehen? Sie hat alle Hände voll zu tun mit Grabungen im Dreck – und mit heißen Griechen. Sie arbeitet mit dieser netten Keramik-Expertin Lily, die mich auf die Ideen für meine letzte Kollektion gebracht hat. Und wenn du mich nicht angerufen hättest, hätte ich dich angerufen. Ich habe mir solche Sorgen gemacht. Erst hat Neil dir den Laufpass gegeben, dann musstest du deinen Job aufgeben und jetzt noch das! Man sagt ja, dass der Ärger immer dreifach daherkommt.“

Emily musterte das Kind, das noch immer im Wagen schlief. „Ich wünschte, die dritte Sache wäre ein kaputter Toaster gewesen.“

„Du durchlebst gerade eine schlechte Phase, aber du musst dich daran erinnern, dass nichts ohne Grund geschieht. Zunächst mal hält die Geschichte dich davon ab, dich im Bett zu wälzen und Frühstücksflocken aus der Packung zu essen. Du hast ein Ziel gebraucht, und jetzt hast du eines.“

„Ich wollte bestimmt keine hilflose Sechsjährige, die sich in Pink anzieht und Feenflügel trägt.“

„Warte eine Minute …“ Es folgte eine Pause und dann das Geräusch einer sich schließenden Tür. „Richard redet mit seinem Kampagnenleiter, und ich möchte nicht, dass sie zuhören. Ich verstecke mich im Badezimmer. Was ich nicht alles im Namen der Freundschaft tue. Bist du noch da, Em?“

„Wo soll ich schon hingehen? Ich bin von Wasser umgeben.“ Sie schauderte. „Ich sitze in der Falle.“

„Liebes, die Leute zahlen viel Geld, um auf Puffin Island in der Falle zu sitzen.“

„Ich zähle nicht dazu. Was, wenn ich nicht für ihre Sicherheit sorgen kann, Sky?“

Für einen kurzen Moment herrschte Stille. „Sprechen wir über Sicherheit vor der Presse oder Sicherheit vor anderen Dingen?“

Ihr Mund war trocken. „Das alles. Ich will keine Verantwortung. Ich will keine Kinder.“

„Weil du Angst hast, etwas von dir preiszugeben.“

Es hatte keinen Zweck, gegen die Wahrheit anzugehen.

„Das ist der Grund, warum Neil die Beziehung beendet hat. Er sagte, er hätte es satt, mit einem Roboter zu leben.“

„Scheinbar hat er eine Antenne dafür gehabt. Der Mistkerl. Bist du sehr niedergeschlagen deswegen?“

„Nein. Ich bin nicht so emotional wie du und Brittany. Ich habe keine so tiefen Gefühle.“ Aber sie sollte zumindest etwas fühlen, oder? Tatsächlich fühlte sie sich dem Mann nach zwei Jahren des Zusammenlebens nicht näher als an dem Tag, an dem sie eingezogen war. Die Liebe zerstörte die Menschen, und sie wollte nicht zerstört werden. Und jetzt hatte sie ein Kind. „Was glaubst du, warum Lana das gemacht hat?“

„Warum sie dich zum Vormund bestimmt hat? Keine Ahnung. Aber so wie ich Lana kenne, lag es daran, dass es niemand anderen gab. Sie hat halb Hollywood verärgert und mit der anderen Hälfte geschlafen, insofern hat sie wohl keine Freunde gehabt, die ihr helfen würden. Nur dich.“

„Aber sie und ich –“

„Ich weiß. Also, wenn du meine aufrichtige Meinung hören willst, lag es vermutlich daran, dass sie wusste, dass du dein Leben auf Eis legen und das Beste für ihr Kind tun würdest, trotz der Art, wie sie dich behandelt hat. Egal, was du von dir glaubst, du hast ein großes Verantwortungsbewusstsein. Sie hat sich die Tatsache zunutze gemacht, dass du ein guter, anständiger Mensch bist. Em, es tut mir so leid, aber ich muss gehen. Der Wagen wartet draußen, und Richard läuft schon auf und ab. Geduld gehört nicht gerade zu seinen Stärken, und er muss auf seinen Blutdruck achten.“

„Sicher.“ Insgeheim dachte Emily, wenn er seine Ungeduld zügeln könnte, würde sein Blutdruck dem vielleicht folgen, doch sie sagte nichts. Sie war nicht in der Position, irgendjemandem Beziehungsratschläge zu geben. „Danke fürs Zuhören. Viel Spaß heute Abend.“

„Ich rufe dich später an. Nein, warte – ich habe eine bessere Idee. Richard hat dieses Wochenende zu tun, und ich wollte in mein Studio flüchten, aber warum komme ich nicht einfach zu dir?“

„Hierher? Nach Puffin Island?“

„Warum nicht? Wir könnten eine richtige Mädchenparty veranstalten. Im Pyjama rumhängen und Filme gucken. Wie damals, als Kathleen noch lebte. Wir können über alles reden und einen Plan entwerfen. Ich bringe alle pinkfarbenen Sachen mit, die ich finden kann. Halt durch bis zum Wochenende. Nimm einen Tag nach dem anderen.“

„Ich bin nicht in der Lage, fünf Minuten lang auf ein Kind aufzupassen, geschweige denn fünf Tage.“ Doch der Gedanke an die Rückkehr auf die Fähre am nächsten Morgen verursachte ihr fast genauso viel Übelkeit wie der Gedanke, für einen anderen Menschen zu sorgen.

„Hör mir zu.“ Skylar senkte die Stimme. „Ich spreche nicht gerne schlecht von Toten, aber du kannst sehr vieles besser, als Lana es konnte. Sie hat das Kind allein in einem Haus zurückgelassen, das so groß wie Frankreich war, und hat sie kaum je gesehen. Sei einfach da. Denselben Menschen an zwei aufeinanderfolgenden Tagen zu sehen, wird völlig neu für sie sein. Wie geht es ihr überhaupt? Versteht sie, was geschehen ist? Ist sie traumatisiert?“

Emily dachte an das Mädchen, das so still und ernst war. Ein Trauma, das wusste sie, hatte unterschiedliche Gesichter. „Sie ist sehr ruhig. Hat Angst vor jedem, der eine Kamera hat.“

„Vermutlich völlig überfordert von den Paparazzi-Horden vor dem Haus.“

„Die Psychologin sagte, am wichtigsten sei es jetzt, ihr zu zeigen, dass sie in Sicherheit ist.“

„Du musst ihr die Haare schneiden und ihren Namen ändern, oder so was. Ein sechsjähriges Mädchen mit langem blonden Haar und dem Namen Juliet ist zu verräterisch. Da könntest du ihr genauso gut ein Schild mit der Aufschrift ‚Made in Hollywood‘ um den Hals hängen.“

„Meinst du wirklich?“ Panik krallte sich mit scharfen Klauen in ihr fest. „Ich dachte, es würde reichen, hierher ans Ende der Welt zu kommen. Der Name ist nicht so ungewöhnlich.“

„Der allein vielleicht nicht, aber in Verbindung mit einem sechsjährigen Mädchen, über das alle sprechen? Glaub mir, du musst ihn ändern. Puffin Island mag geografisch gesehen abgelegen sein, aber es gibt auch dort Internet. Jetzt los, versteck dich, und wir sehen uns am Freitagabend. Hast du noch deinen Schlüssel zum Cottage?“

„Ja.“ Den ganzen Weg von New York bis hierher hatte sie sein Gewicht in ihrer Tasche gespürt. Brittany hatte ihnen beiden am letzten Collegetag je einen Schlüssel geschenkt. „Und danke.“

„Hey.“ Skys Stimme wurde weicher. „Wir haben uns etwas versprochen, erinnerst du dich? Wir sind immer füreinander da. Bis später!“

Kurz bevor sie auflegte, hörte Emily eine aggressive Männerstimme im Hintergrund und fragte sich erneut, was die freigeistige Skylar in Richard Everson sehen mochte. Als sie sich wieder in den Wagen setzte, rührte sich das Kind. „Sind wir da?“

Emily drehte sich zu dem Mädchen um. Sie hatte Lanas Augen, jenes wunderschöne frische Grün, das das Filmpublikum weltweit in den Bann geschlagen hatte. „Fast da.“ Sie umfasste das Steuer fester und spürte, wie die Vergangenheit über sie hereinbrach wie eine zerstörerische Welle, die ein winziges Boot zu verschlingen droht.

Sie war nicht die Richtige für das hier. Die Richtige würde das Mädchen beruhigen und einen endlosen Vorrat an altersgemäßem Spielzeug, gesunden Drinks und nahrhaftem Essen bereithalten. Emily wollte am liebsten die Wagentür öffnen und sich in die dichte Dunkelheit stürzen, doch sie spürte den Blick, der auf sie gerichtet war.

Verletzt. Verloren. Vertrauensvoll.

Sie wusste, dass sie dieses Vertrauen nicht verdient hatte.

Und Lana hatte das ebenfalls gewusst. Warum also hatte sie das getan?

„Warst du schon immer meine Tante?“ Die schläfrige Stimme riss sie zurück in die Gegenwart, und sie erinnerte sich, dass dies ihre Zukunft war. Es spielte keine Rolle, dass sie darauf nicht vorbereitet war und keine Ahnung hatte – sie musste es tun. Es gab niemand anderen.

„Immer.“

„Warum wusste ich nichts davon?“

„Ich – Deine Mom hat vermutlich vergessen, es zu erwähnen. Und wir wohnten am jeweils anderen Ende des Landes. Ihr in Los Angeles und ich in New York.“ Irgendwie brachte sie die Worte hervor, auch wenn sie wusste, dass der Ton nicht richtig war. Erwachsene hatten andere Stimmen, wenn sie mit Kindern sprachen, oder? Weiche, beruhigende Stimmen. Emily hatte keine Ahnung, wie man beruhigend klang. Sie kannte Zahlen. Formen. Muster. Anders als Gefühle waren Zahlen kontrollierbar und logisch. „Wir können das Cottage bald sehen. Nur noch eine Kurve auf der Straße.“

Es gab immer noch eine weitere Kurve. Immer wenn man glaubte, das Leben hätte eine sichere Gerade erreicht und man könnte auf Autopilot schalten, bekam man die Quittung für seine Selbstzufriedenheit: Eine Haarnadelkurve brachte einen gefährlich ins Schleudern, sodass man in eine dunkle Leere steuerte.

Das kleine Mädchen setzte sich aufrechter hin und reckte den Hals, um in die Dunkelheit zu sehen. „Ich sehe kein Meer. Du sagtest, wir würden in einem Cottage am Strand wohnen. Du hast es versprochen.“ Die schläfrige Stimme bebte, und Emily spürte, wie sie Kopfschmerzen bekam.

Bitte weine nicht.

Seit zwanzig Jahren hatte es in ihrem Leben keine Tränen gegeben. Sie hatte dafür gesorgt, dass ihr nichts so sehr am Herzen lag, dass sie deswegen weinte. „Du kannst es nicht sehen, aber es ist da. Das Meer ist überall.“ Mit zitternden Händen fummelte sie an den Knöpfen herum, bis das Seitenfenster mit einem leisen Brummen herabglitt. „Schließ die Augen und hör zu. Sag mir, was du hörst.“

Das Kind verzog das Gesicht und hielt den Atem an, als die kühle Nachtluft in den Wagen drang. „Ich höre ein Krachen.“

„Das Krachen ist das Geräusch der Wellen, die sich an den Felsen brechen.“ Sie unterdrückte den Drang, sich die Ohren zuzuhalten. „Das Meer schlägt seit Jahrhunderten an diese Felsen.“

„Hat der Strand viel Sand?“

„Ich erinnere mich nicht. Es ist ein Strand.“ Und sie konnte sich nicht vorstellen, dort hinzugehen. Seit jenem Tag, der ihr Leben verändert hatte, war sie nie wieder an einem Strand gewesen.

Sie war damals nur der tiefen Freundschaft wegen hergekommen und die ganze Zeit über im Haus geblieben, wo sie es sich mit ihren Freundinnen auf Brittanys bunter Tagesdecke gemütlich gemacht und dem Meer den Rücken gekehrt hatte.

Brittanys Großmutter Kathleen hatte bemerkt, dass etwas nicht stimmte. Wenn ihre Freundinnen den sandigen Weg zum Strand zum Schwimmen hinunterrannten, hatte sie Emily eingeladen, ihr in der sonnigen Küche zu helfen, von der aus man in den farbenprächtigen Garten blicken konnte. Hier, wo das sanfte Pfeifen des Wasserkessels das Geräusch der Wellen übertönte, hatte sie so tun können, als ob das Meer nicht fast vor der Veranda lag.

Sie hatten Pancakes gebraten in der alten Pfanne, die einst Kathleens Mutter gehört hatte. Wenn ihre Freundinnen lachend und voller Sand zurückkehrten, stand auf dem Tisch ein Teller, auf dem sich die Pfannkuchen stapelten – Berge luftiger Köstlichkeit, die eine goldene Wärme verströmten. Sie aßen sie getränkt mit Ahornsirup und mit frischen Blaubeeren garniert, die von den Büschen in Kathleens hübschen Küstengarten gepflückt wurden. Emily erinnerte sich noch immer an den aromatischen, süßen Geschmack, wenn sie in ihrem Mund platzten.

„Muss ich mich drinnen verstecken?“ Die Stimme des kleinen Mädchens riss sie aus ihren Erinnerungen.

„Ich – Nein. Ich denke nicht.“ Die Fragen hörten nie auf und befeuerten ihr eigenes Gefühl von Unzulänglichkeit, bis sie vor lauter Zweifeln ihr Selbstvertrauen nicht mehr finden konnte.

Sie wollte fortlaufen, konnte es jedoch nicht.

Es gab niemand anderen.

Sie wühlte in ihrer Tasche nach einer Flasche Wasser, doch es machte keinen Unterschied. Ihr Mund war noch immer trocken. Er war trocken seit dem Augenblick, als das Telefon auf ihrem Schreibtisch geklingelt und sie die Nachricht erhalten hatte, die ihr Leben verändern sollte. „Wir müssen über die Schule nachdenken.“

„Ich war nie in der Schule.“

Emily erinnerte sich, dass das Leben dieses Kindes niemals auch nur annähernd normal gewesen war. Sie war die Tochter eines Filmstars, gezeugt während einer gefeierten Broadway-Produktion von Romeo und Julia. Es hatte Gerüchte gegeben, dass Lanas Co-Star der Vater war, doch da er damals eine Ehefrau und zwei Kinder gehabt hatte, wurde das von allen Betroffenen energisch geleugnet. Bei ihrem jüngsten Projekt waren sie wieder zusammengetroffen, und nun war er ebenfalls tot – umgekommen bei demselben Flugzeugunglück, das auch Lana das Leben gekostet hatte, gemeinsam mit dem Regisseur und anderen Mitgliedern des Produktionsteams.

Juliet.

Emily schloss die Augen. Danke, Lana. Sky hatte recht. Sie musste etwas wegen des Namens unternehmen. „Wir werden das Ganze einen Tag nach dem anderen angehen.“

„Wird er uns finden?“

„Er?“

„Der Mann mit der Kamera. Der Große, der mir überallhin folgt. Ich mag ihn nicht.“

Kälte drang durch das geöffnete Fenster. Emily schloss es rasch und überprüfte, ob alle Türen verschlossen waren.

„Hier wird er uns nicht finden. Keiner von ihnen.“

„Sie sind in unser Haus geklettert.“

Emily spürte Ärger in sich aufwallen. „Das geschieht nicht noch einmal. Sie wissen nicht, wo du wohnst.“

„Aber was, wenn sie es herausfinden?“

„Dann werde ich dich beschützen.“

„Versprochen?“ Die Bitte des Kindes ließ sie an Skylar und Brittany denken.

Lasst uns eins versprechen. Wenn eine von uns in Schwierigkeiten steckt, helfen die anderen, ohne zu zögern.

Freundschaft.

Für Emily hatte sich Freundschaft als das eine unzerstörbare Band in ihrem Leben erwiesen.

Ihre Panik wurde von einem so überwältigenden Gefühl abgelöst, dass sie zitterte. „Ich verspreche es.“ Vielleicht hatte sie keine Ahnung davon, wie man eine Mutter war, und vielleicht war es ihr auch nicht möglich, es zu lieben, aber sie konnte sich zwischen dieses Kind und den Rest der Welt stellen.

Sie würde dieses Versprechen halten. Auch wenn es bedeutete, dass sie ihr Haar rot färben musste.

Ich habe Licht im Castaway Cottage gesehen.“ Ryan zog vom Steg aus die Bugleine fest, damit das Boot nicht zurück auf die Rampe driftete. Die Lichter vom Ocean Club schickten tänzelnde Streifen von Gold über das Wasser, der Wind trug Fetzen von Gelächter und Musik zu ihnen, in die sich das Geschrei der Möwen mischte. „Weißt du etwas davon?“

„Nein, aber ich schenke meinen Nachbarn auch nicht so viel Aufmerksamkeit wie du. Ich kümmere mich um meine eigenen Sachen. Hast du mal versucht, Brittany anzurufen?“

„Mailbox. Sie arbeitet auf einer Ausgrabung irgendwo in Griechenland. Wahrscheinlich ist es dort noch vor Sonnenaufgang.“

Das Meer schlug an die Seiten des Bootes, als Alec die Achterleine befestigte. „Vermutlich ein Feriengast.“

„Normalerweise vermietet Brittany das Cottage nicht.“ Gemeinsam machten sie das Boot fest, wobei Ryan zusammenzuckte, als seine Schulter protestierte.

Alec sah ihn an. „Schlechter Tag?“

„Nicht schlechter als üblich.“ Der Schmerz erinnerte ihn daran, dass er am Leben war und das Beste aus jedem einzelnen Augenblick machen sollte. Ein Stück seiner Vergangenheit, das ihn zwang, sich auf die Gegenwart zu konzentrieren. „Ich gehe am Morgen hinüber zum Cottage und sehe mal nach.“

„Oder du kümmerst dich am besten einfach um deine eigenen Angelegenheiten.“

Ryan zuckte die Achseln. „Kleine Insel. Ich weiß gerne, was vor sich geht.“

„Du kannst es einfach nicht lassen, oder?“

„Ich bin nur aufmerksam.“

„Du bist wie Brittany, immer gräbst du irgendwo herum.“

„Nur dass sie in der Vergangenheit stochert und ich in der Gegenwart. Hast du es eilig, wieder Holzplanken zu schleifen, oder trinkst du ein Bier mit mir?“

„Wenn du zahlst, würde ich wohl eins vertragen.“

„Du solltest eigentlich zahlen. Du bist der reiche Engländer.“

„Das war vor meiner Scheidung. Außerdem bist du derjenige, der eine Bar besitzt.“

„Ich lebe den Traum.“ Ryan unterbrach sich, um einen der Trainer vom Segelclub zu begrüßen, informierte sich über die Ebbe- und Flutzeiten, die auf der Tafel am Kai standen, und ging dann mit Alec die Rampe hinauf, die vom Jachthafen zu der Bar und zum Restaurant führte. Obwohl der Sommer gerade erst angefangen hatte, war es sehr belebt. Ryan nahm die Lichter und die Menschenansammlungen wahr und erinnerte sich, wie der alte stillgelegte Segelhafen vor drei Jahren ausgesehen hatte. „Wie läuft es denn mit dem Buch? Es sieht dir gar nicht ähnlich, so lange an einem Ort zu bleiben. Deine Muskeln werden bald verschwinden, wenn du zu lange auf den Bildschirm starrst und in staubigen Büchern blätterst. Du siehst kümmerlich aus.“

„Kümmerlich?“ Alec rollte seine mächtigen Schultern zurück. „Darf ich dich daran erinnern, wer dir geholfen hat, den Ocean Club fertigzustellen, als deine Schulter dir Probleme gemacht hat? Davon abgesehen habe ich den letzten Sommer damit verbracht, in Dänemark ein originalgetreues Wikingerschiff zu bauen und es dann bis Schottland zu segeln, was mehr Stunden am Ruder bedeutete, als ich mir in Erinnerung rufen möchte. Also behalte deine abschätzigen Kommentare über staubige Bücher besser für dich.“

„Du merkst schon, dass du dich gerade verteidigst, oder? Genau, wie ich sagte. Kümmerlich.“ Ryans Handy piepte. Er holte es aus der Tasche, um die Textnachricht zu lesen. „Interessant.“

„Wenn du darauf wartest, dass ich nachfrage, kannst du lange warten.“

„Das war Brittany. Sie hat Castaway Cottage einer Freundin in Schwierigkeiten zur Verfügung gestellt, was das Licht erklärt. Sie möchte, dass ich auf sie aufpasse.“

„Du?“ Alec krümmte sich vor Lachen. „Das ist, als würde man einem Wolf ein Lamm schenken und sagen: Bitte nicht fressen.“

„Danke. Und wer sagt denn, dass sie ein Lamm ist? Wenn sie Brittany auch nur ein bisschen ähnlich ist, kann sie genauso gut ein Wolf sein. Ich habe noch eine Narbe, wo Brittany mir vor zwei Sommern einen Pfeil in den Hintern geschossen hat.“

„Ich dachte, sie wäre eine perfekte Schützin. Hat sie das Ziel verfehlt?“

„Nein. Ich war das Ziel.“ Ryan schrieb ihr auf dem Handy eine Nachricht zurück.

„Du sagst ihr, dass du Besseres zu tun hast, als dich um ihre Freundin zu kümmern?“

„Ich sage ihr, dass ich es tue. Wie schwer kann das schon sein? Ich schaue vorbei, biete eine Schulter zum Ausweinen, tröste sie –“

„– und nutzt eine verletzliche Frau aus.“

„Nein, denn ich möchte bestimmt kein zweites Mal in den Hintern geschossen werden.“

„Warum sagst du nicht einfach ab?“

„Weil ich Brittany etwas schuldig bin, das ich jetzt zurückgebe.“ Er dachte an ihre gemeinsame Geschichte, und es versetzte ihm einen Stich von Schuldgefühl. „Sie fordert es ein.“

Alec schüttelte den Kopf. „Keine weiteren Fragen.“

„Das ist auch besser so.“ Ryan steckte das Handy ein und nahm zwei Stufen gleichzeitig auf der Treppe hinauf zum Club. „Also noch mal, wie läuft es mit deinem Buch? Wird es schon spannend? Ist jemand gestorben?“

„Ich schreibe über die Marinegeschichte zur Zeit der Amerikanischen Revolution. Da sterben viele Menschen.“

„Irgendwas mit Sex dabei?“

„Natürlich. Sie haben für gewöhnlich mitten in der Schlacht aufgehört, um es miteinander zu treiben.“ Alec trat zur Seite, als ihnen eine Gruppe Frauen Arm in Arm entgegenkam. „Ich fliege nächste Woche zurück nach London, also musst du dir einen neuen Mittrinker suchen.“

„Geschäftlich oder privat?“

„Beides. Ich muss in die Caird Library in Greenwich.“

„Warum sollte jemand dort hingehen müssen?“

„Sie haben das umfassendste maritime Archiv weltweit.“

Eine der Frauen blickte Alec kurz an und blieb dann mit aufgerissenen Augen stehen. „Ich kenne Sie.“ Sie lächelte verzückt. „Sie sind der Schiffswrack-Jäger. Ich habe jede Staffel gesehen, die Sie gedreht haben, und die neueste schon vorbestellt. Das ist so cool. Das Verrückte ist, in der Schule habe ich Geschichte gehasst, aber Sie schaffen es, sie richtig sexy zu machen. Viele von uns folgen Ihnen auf Twitter, auch wenn Sie das wohl nicht bemerken, weil Sie vermutlich hunderttausend Follower haben.“

Alec antwortete höflich, und als die Frauen endlich gingen, schlug Ryan ihm auf die Schulter.

„Hey, das sollte dein Slogan sein: Ich mache Geschichte sexy.

„Willst du im Wasser landen?“

„Hast du ernsthaft hunderttausend Follower? Wahrscheinlich passiert das einfach, wenn man halb nackt mit dem Kajak durch den Amazonas-Dschungel fährt. Irgendjemand muss deine Anakonda gesehen haben.“

Alec verdrehte die Augen. „Kannst du mir erklären, warum ich überhaupt Zeit mit dir verbringe?“

„Ich habe eine Bar. Und außerdem kümmere ich mich darum, dass du am Boden bleibst, und beschütze dich vor den Scharen dich anhimmelnder Frauen. Also – du sagtest, du fliegst nach Übersee, um eine Bibliothek zu besuchen.“ Ryan ging durch die Bar, wobei er hier und da die Leute grüßte. „Was ist der angenehme Teil der Reise?“

„Die Bibliothek ist der angenehme Teil. Das Geschäftliche ist meine Exfrau.“

„Autsch. Ich verstehe langsam, warum dir die Bibliothek wie eine Party erscheint.“

„Das wird dir eines Tages auch passieren.“

„Niemals. Um geschieden zu sein, muss man heiraten, und dagegen wurde ich schon in frühen Jahren geimpft. Ein weißer Lattenzaun kommt einem Gefängnis gefährlich nahe, wenn man dahinter in der Falle sitzt.“

„Du hast dich um deine Geschwister gekümmert. Das ist etwas anderes.“

„Glaub mir, für einen dreizehnjährigen Jungen gibt es keine bessere Lektion in Sachen Verhütung, als die Verantwortung für seine vierjährige Schwester übernehmen zu müssen.“

„Wenn du allen Beziehungen aus dem Weg gehst, warum bist du dann wieder auf der Insel, auf der du aufgewachsen bist?“

Weil ich dem Tod ins Gesicht gesehen habe und nach Hause gekrochen bin, um zu gesunden.

„Ich bin aus freien Stücken hier und nicht aus Pflichtgefühl. Und die Wahl habe ich wegen der Hummer und den dreieinhalb tausend Meilen Küstenlinie getroffen. Ich kann gehen, wann immer es mir passt.“

„Ich verspreche, das nicht deiner Schwester gegenüber zu wiederholen.“

„Gut. Denn wenn es etwas noch Furchteinflößenderes gibt als eine Exfrau, dann ist das eine Schwester, die in der ersten Klasse unterrichtet. Was ist nur los mit diesen Lehrerinnen? Sie haben alle diesen besonderen Blick, der schlechtes Benehmen auf tausend Schritt im Keim erstickt.“ Ryan wählte einen Tisch mit Ausblick auf das Wasser. Auch wenn es bereits dunkel war, hatte er es gerne in der Nähe. Er griff nach der Speisekarte und hob die Brauen, als Tom, der Barmann, mit zwei riesigen Cocktails samt Wunderkerzen vorbeiging. „Möchtest du so einen?“

„Nein, danke. Ich mag meine Drinks lieber ohne Deko. Bei Feuerwerken muss ich mich nur an meine Ehe erinnern, und bei Regenschirmen an das Wetter in London.“ Alec wappnete sich, als eine junge Frau mit wehenden blonden Haaren quer durch die Bar auf sie zulief, doch diesmal galt die Aufmerksamkeit Ryan.

Sie küsste ihn geräuschvoll auf beide Wangen. „Schön, dich zu sehen. Es war großartig heute. Wir haben Seehunde gesehen. Kommst du auch zur Hummerparty?“

Sie plauderten ein wenig, bis ihre Freundinnen an der Bar sie zurückriefen und sie in einer Wolke von frischem Zitronenduft verschwand.

Alec sah auf. „Wer war das?“

„Sie heißt Anna Gibson. Wenn sie nicht auf Deck der Alice Rose aushilft, arbeitet sie als Praktikantin für die Papageitaucher in der Vogelschutzstation. Warum? Bist du interessiert?“ Ryan gab Tom hinter der Bar ein Zeichen.

„Ich habe die letzte Frau noch nicht ausbezahlt. Außerdem war nicht ich es, den sie angelächelt hat. So wie sie dich angesehen hat, würde ich sagen, dass sie ihr Navi auf das Ende des Regenbogens programmiert hat. Vergiss nie, dass das Ende des Regenbogens zur Heirat führt, und Heirat ist der erste Schritt zur Scheidung.“

„Wir hatten doch schon festgestellt, dass ich der Letzte bin, der diese Lektion benötigt.“ Ryan hängte sein Jackett über die Stuhllehne.

„Was führt so ein Mädchen so weit weg von der Zivilisation?“

„Abgesehen davon, dass die Alice Rose einer der schönsten Schoner von ganz Maine ist? Sie hat vermutlich das Gerücht gehört, dass nur echte Männer hier überleben.“ Ryan streckte seine Beine aus. „Und darf ich dich daran erinnern, dass mein Hafen voll angeschlossen ist – Telefon, Elektrizität, Wasser, Kabel und WiFi? Ich bringe die Zivilisation nach Puffin Island.“

„Die meisten Menschen kommen an einen Ort wie diesen, um diesen Dingen zu entgehen. Mich eingeschlossen.“

„Da irrst du dich. Ihnen gefällt vielleicht die Illusion, diesen Dingen zu entgehen, aber nicht die Realität. Die Konsumgesellschaft mag sein, was sie ist, doch die Leute wollen miteinander in Verbindung bleiben. Wenn sie das nicht können, gehen sie woanders hin, und diese Insel kann es sich nicht leisten, sie gehen zu lassen. Das ist mein Geschäftsmodell. Wir bringen sie hierher, wir verzaubern sie, wir geben ihnen WiFi.“

„Das Leben hat mehr zu bieten als WiFi, und es hat viel für sich, keine E-Mails empfangen zu können.“

„Nur weil du sie bekommst, musst du nicht darauf antworten. Deshalb hat man ja Spam-Filter erfunden.“ Ryan blickte auf, als Tom ihnen zwei Bier servierte. Er schob eines zu Alec hinüber. „Oder ist dir das hier schon zu viel Zivilisation?“

„Schriftliche Aufzeichnungen belegen, dass bereits die alten Ägypter Bier tranken.“

„Was bedeutet, dass die Menschheit schon immer ihre Prioritäten zu setzen wusste.“

„Wo wir schon bei Prioritäten sind – hier ist ziemlich viel los.“ Alec griff nach dem Bier. „Vermisst du dein altes Leben denn nicht? Es langweilt dich nicht, deine Zeit immer am selben Ort zu verbringen?“

Sein altes Leben war etwas, an das Ryan rein gar nicht denken wollte.

Die Schmerzen in seiner Schulter waren zu einem dumpfen Pochen verblasst, doch andere Wunden, dunkler und tiefer, würden nie heilen. Und vielleicht war das gut so. Es schärfte ihm ein, aus jedem Moment das Beste herauszuholen. „Ich bin gekommen, um zu bleiben. Es ist meine Bürgerpflicht, Puffin Island ins einundzwanzigste Jahrhundert zu führen.“

Mommy, Mommy.“

Noch gefangen in ihrem Traum, drehte sich Emily am nächsten Morgen um und vergrub ihr Gesicht im Kissen. Der Duft war ungewohnt, und durch ihre halb geöffneten Augen sah sie ein seltsames Muster von winzigen Rosen auf weißem Leinen. Dies war nicht ihr Bett. Ihre Bettwäsche war frisch, modern und einfarbig. Das hier war, als würde man mit dem Gesicht im Garten einschlafen.

Durch den Nebel ihrer Schläfrigkeit hörte sie ein Kind rufen. Es konnte nicht nach ihr rufen. Sie war niemandes Mommy. Sie würde niemals eine sein. Diese Entscheidung hatte sie schon vor langer Zeit getroffen, als man ihr das Herz aus der Brust gerissen hatte.

„Tante Emily?“ Diesmal war die Stimme näher. Im selben Raum. Und sie war real. „Da ist ein Mann an der Tür.“

Kein Traum.

Es war, als würde man sie mit einem Schwall kaltem Wasser wecken.

Wie der Blitz und mit pochendem Herzen stand Emily neben dem Bett. Erst als sie einen Bademantel anziehen wollte, bemerkte sie, dass sie in ihrer Kleidung auf dem Bett eingeschlafen war – was ihr noch nie zuvor im Leben passiert war. Sie hatte Angst gehabt einzuschlafen und war zu überwältigt gewesen von der Verantwortung, um das Kind auch nur einen Moment aus den Augen zu lassen. Sie hatte auf dem Bett gelegen und beide Türen offen gelassen, damit sie jedes Geräusch hören konnte, doch irgendwann hatte ihre Erschöpfung offenbar über ihre Angst gesiegt und sie einschlafen lassen mit dem Resultat, dass ihre makellose schwarze Hose jetzt nicht länger makellos war, ihre schicke Bluse verknittert und ihr Haar sich aus der Klammer gelöst hatte.

Doch nicht ihre äußere Erscheinung bereitete ihr Kopfzerbrechen.

„Ein Mann?“ Sie schlüpfte in ihre Schuhe, bequeme, flache Halbschuhe für die Straße und die U-Bahn. „Hat er dich gesehen? Ist er allein, oder sind es mehrere?“

„Ich habe ihn von meinem Schlafzimmer aus gesehen. Es ist nicht der Mann mit der Kamera.“ Das kleine Mädchen hatte die Augen ängstlich aufgerissen, und Emily fühlte sich sofort schuldig. Sie sollte ruhig und verlässlich sein. Eine Respektsperson und kein wandelndes hysterisches Wrack.

Sie blickte hinunter in grüne Augen voller Unschuld, auf die goldfarbenen Locken einer Märchenprinzessin.

Holt mich hier raus.

„Er wird es nicht sein. Er weiß nicht, wo wir sind. Alles wird gut.“ Sie sagte die Worte, ohne sie zu fühlen, und versuchte, nicht daran zu denken, dass sie sich wohl kaum hier aufhalten würden, wenn alles gut wäre. „Versteck dich im Schlafzimmer. Ich kümmere mich darum.“

„Warum muss ich mich verstecken?“

„Weil ich nachsehen muss, wer es ist.“ Sie hatten die letzte Fähre genommen und waren spät angekommen. Das Cottage lag auf der landabgewandten Seite der Insel, eingebettet am Rand von Shell Bay. Ein Versteck am Strand. Eine Zuflucht vor den Problemen, die das Leben mit sich brachte. Nur, dass sie in ihrem Fall die Probleme mitgebracht hatte.

Niemand durfte wissen, dass sie hier waren.

Sie dachte daran, aus dem Fenster zu spähen – durch diese hauchdünnen romantischen Vorhänge, die in einer pragmatischen Welt wie ihrer keinen Platz hätten –, doch sie entschied, lieber keinen Verdacht zu erregen.

Mit dem Handy in der Hand und bereit, im Notfall bis aufs Blut zu kämpfen, zog Emily die schwere Haustür auf.

Sofort roch sie das Meer. Die salzige Frische traf sie ebenso überraschend wie der Anblick ihres Besuchers.

Ihn als beeindruckend zu beschreiben, wäre eine Untertreibung gewesen. Sie wusste sofort, mit welcher Art sie es hier zu tun hatte. Seine Männlichkeit war tief in seiner DNA verankert, seine physische Ausstrahlung sollte vermutlich die Fortpflanzung der Menschheit sicherstellen. Die Laufschuhe, die schwarze Jogginghose und das T-Shirt wiesen ihn als jemanden aus, der sich gerne an der frischen Luft aufhielt und mit jeder Naturgewalt zurechtkam. Obgleich sie wusste, dass es nicht anders wirken würde, wenn er nackt oder in einem Anzug dort stünde. Die Kleidung änderte nichts an den Tatsachen. Und Tatsache war, dass er der Typ von Mann war, der eine vernünftige Frau zu einer großen Dummheit verlocken konnte.

Er musterte sie wie selbstverständlich von oben bis unten, und sie ertappte sich bei dem Gedanken an Neil, der fest daran glaubte, dass Männer ihre feminine Seite pflegen sollten.

Dieser Mann hatte keine feminine Seite.

Er stand im Türrahmen, muskulös und stark, und überragte sie sowohl in der Größe als auch in der Breite seiner Schultern. Sein Kinn zierten einige Bartstoppeln, sein Hals war von einem glänzenden Schweißfilm überzogen. Offensichtlich hatte er vor Kurzem noch Sport getrieben.

Nicht einmal unter der Androhung von Folter hätte Neil sich jemals unrasiert in der Öffentlichkeit gezeigt.

Ein merkwürdiges Kribbeln breitete sich auf ihrer Haut aus und durchzog jede Faser ihres Körpers.

„Ist irgendwas nicht in Ordnung?“ Sie hätte sich die Frage selbst beantworten können.

Es war so einiges nicht in Ordnung. Dabei hatte sie noch nicht einmal angefangen, sich ihre körperliche Reaktion auf diesen Fremden zu erklären, der nur wenige Stunden nach ihrer Ankunft vor ihrer Tür stand.

Es konnte wohl nur eines bedeuten. Sie hatten sie gefunden.

Man hatte sie vor der Presse gewarnt. Journalisten waren wie Regen auf dem Dach. Sie fanden jeden Spalt, jede Schwachstelle. Aber wie hatten sie es so schnell geschafft? Die Behörden und Anwälte, die sich um Lanas Angelegenheiten kümmerten, hatten ihr versichert, dass niemand von ihrer Existenz wusste. Sie hatten den Plan gefasst, sich ruhig zu verhalten und so lange zu warten, bis sich niemand mehr für die Story interessierte.

„Das wollte ich Sie auch eben fragen.“ Seine Stimme war tief und gedehnt und passte perfekt zu ihm. „Sie wirken etwas hektisch. Wir lassen es eher ruhig angehen hier auf Puffin Island. Hektik ist schon fast eine kleine Sensation.“

Er war ein Einheimischer?

Nicht in einer Million Jahren hätte sie erwartet, dass ein Mann wie er sich mit einem Leben auf einer ländlichen Insel zufriedengab. Trotz der Sportkleidung hatte er eine Eleganz an sich, die auf eine Lebenserfahrung weit jenseits der Küste von Maine schließen ließ.

Sein vom Wind zerzaustes Haar war schwarz, sein Blick scharfsinnig. Wieder musterte er sie einen Augenblick, als ob er sich über etwas klar werden musste, bevor sein Blick über ihre Schulter wanderte. Intuitiv zog sie die Tür weiter zu. Hoffentlich blieb Juliet außer Sichtweite.

Wenn sie sich nicht so miserabel fühlen würde, hätte sie gelacht.

Würde sie wirklich so leben?

Eigentlich dachte sie doch rational und nüchtern. Das hier war die Art von Drama, die sie von Lana erwartet hätte.

„Sie leben hier?“, fragte sie.

„Überrascht Sie das?“

Das tat es tatsächlich, aber darauf kam es nicht an, ermahnte sie sich. Hauptsache, er gehörte nicht zu dieser Meute von Journalisten und Fotografen. Er konnte nicht dazugehören. Abgesehen von einem Insel-Newsletter und einigen geschlossenen Facebook-Gruppen gab es keine Medien auf Puffin Island.

Vermutlich hatte sie sich von Lanas Anwälten und ihren Anweisungen verrückt machen lassen. Inzwischen sah sie die Journalisten sogar schon in ihren Träumen und vergaß völlig, dass es dort draußen auch normale Menschen gab. Menschen, zu deren Job es nicht gehörte, sich in die Angelegenheiten von anderen einzumischen.

„Ich habe keinen Besuch erwartet. Aber es ist nett, dass Sie nach uns sehen. Mir. Ich meine, nach mir.“ Sie erkannte an seinen sich verengenden Augen, dass ihr Patzer nicht unbemerkt geblieben war, und fragte sich, ob er das kleine Mädchen am Fenster gesehen hatte. „Das ist eine hübsche Insel.“

„Das ist sie. Weshalb ich mich frage, warum Sie sie nur durch einen Türspalt ansehen. Außer natürlich, Sie sind Rotkäppchen.“

Der Schalk in seinen Augen beunruhigte sie. Ein Blick auf seinen breiten, sinnlichen Mund zeigte ihr nur zu deutlich, dass er ein Wolf sein konnte, wenn es ihm passte. Tatsächlich würde sie jede Wette eingehen, dass man aus den vielen Herzen, die er gebrochen hatte, eine Brücke bis zum vierzehn Meilen entfernten Festland bauen konnte.

„Erzählen Sie mir, was nicht in Ordnung ist.“

Seine Frage bestätigte ihr nur, wie schlecht das schauspielerische Talent ihrer Schwester bei ihr ausgeprägt war.

Sein Blick ruhte auf ihr, und ihr Herz schlug schneller. Eine gestresste ehemalige Unternehmensberaterin, die eigenmächtig Wasser in Eis verwandeln konnte, würde wohl kaum seinem Geschmack entsprechen, schärfte sie sich ein.

„Es ist alles in Ordnung.“

„Sind Sie sicher? Denn ich könnte einen Drachen töten, wenn das eine Hilfe wäre.“

Sein herzlicher Humor erschütterte sie noch mehr als der träge, abwägende Blick, mit dem er sie noch immer betrachtete.

„Dieses Cottage ist abgelegen, weshalb ich keinen Besuch erwartet habe, das ist alles. Ich bin ein sehr vorsichtiger Mensch.“ Vor allem, seitdem sie das Kind ihrer Halbschwester geerbt hatte.

„Brittany bat mich, nach Ihnen zu sehen. Hat Sie Ihnen nichts gesagt?“

„Sie sind ein Freund von Brittany?“ Dieses Wissen verlieh der Situation eine Intimität, die sie nicht haben sollte. Auf einmal bestand eine Verbindung zwischen ihr und dem Fremden. Sie fragte sich, warum Brittany darum gebeten hatte, und erinnerte sich dann an die panische Nachricht, die sie ihrer Freundin am Abend zuvor auf der Mailbox hinterlassen hatte. Brittany hatte offenbar sofort Hilfe herbeigerufen.

Ihr Herzschlag setzte kurz aus und normalisierte sich wieder, als ihr einfiel, dass Brittany ihr Geheimnis niemals verraten würde. Wenn sie diesen Mann eingeschaltet hatte, dann nur, weil sie ihm vertraute.

„Wir sind hier beide aufgewachsen. Sie ist mit einer meiner Schwestern zur Schule gegangen und hat die Sommerferien immer im Camp Puffin verbracht – mit Segeln, Kajakfahren und mit Marshmallows, die sie über dem Lagerfeuer gegrillt hat.“

Das klang ebenso wohlig wie fremd. Sie versuchte, sich eine Kindheit vorzustellen, in der Sommercamps eine Rolle spielten.

„Es war nett von Ihnen vorbeizuschauen. Ich werde Brittany sagen, dass Sie hier waren und Ihre Pflicht erfüllt haben.“

Er lächelte verwegen. „Glauben Sie mir, ich könnte mir keine schönere Pflichterfüllung vorstellen.“

Etwas an der Art, wie er das sagte, berührte ihre Sinne ebenso wie sein anerkennender Blick. Kurz, aber durchdringend genug, ihr das Gefühl zu geben, dass er ihre Körpermaße angeben könnte, wenn man ihn danach fragte.

Das überraschte sie.

Normalerweise fanden Männer sie unnahbar. Neil hatte ihr mal vorgeworfen, sie sei wie der Nordpol, nur ohne Klimaerwärmung.

„Wenn ich dich heirate, werde ich lebenslang vor Kälte zittern und Thermo-Unterwäsche tragen müssen.“

Er war überzeugt davon, ihr Problem läge in ihrer Unfähigkeit, Gefühle zu zeigen.

Für Emily war das kein Problem, sondern eine bewusste Entscheidung. Liebe machte ihr Angst. Sie machte ihr so viel Angst, dass sie schon früh entschieden hatte, lieber ohne sie zu leben, als sich dem Schmerz auszusetzen. Es ging ihr nicht in den Kopf, warum Menschen sich danach sehnten. Sie führte jetzt ein abgesichertes Leben. Ein Leben, in dem das Wissen ihr Halt gab, dass niemand eine Bombe in ihrem Herzen explodieren lassen würde.

Sie sehnte sich nicht nach den Dingen, die sich die meisten Menschen wünschten.

Sein Blick machte sie verlegen, und mit der Hand strich sie sich befangen eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Ich bin sicher, es gibt eine Million Dinge, die Sie an diesem Tag anstellen könnten. Und ich bin auch sicher, dass den Aufpasser zu spielen nicht auf der Liste der Dinge steht, mit denen Sie sich am liebsten die Zeit vertreiben.“

„Sie sollten wissen, dass ich ein vollendeter Aufpasser bin. Erzählen Sie mir, woher Sie Brittany kennen. Eine College-Freundin? Sie sehen nicht aus wie eine Archäologin.“ Er hatte das angeborene Selbstbewusstsein eines Menschen, der noch nie in einer Situation gewesen war, mit der er nicht hätte umgehen können. Und jetzt ging er mit ihr um, indem er ihr Informationen entlockte, die sie nicht herausgeben wollte.

„Ja, wir haben uns auf dem College kennengelernt.“

„Wie geht es ihr denn?“

„Hat Sie Ihnen das nicht gesagt, als sie Sie bat, den Aufpasser zu spielen?“

„Das war eine Textnachricht, und nein, sie hat nichts gesagt. Gräbt sie noch auf Korfu?“

„Kreta.“ Emilys Mund fühlte sich trocken an. „Sie ist auf der westlichen Seite von Kreta.“ Da war etwas in diesen verschatteten dunklen Augen, das eine Frau ermutigte, sich ihm anzuvertrauen. „Dann kennen Sie Brittany schon Ihr ganzes Leben?“

„Ich habe sie in der ersten Klasse bei einem Streit gerettet. Sie hatte ein Stück von Kathleens Seeglas mit in die Schule gebracht, um es im Unterricht vorzustellen, und ein paar Kinder haben es geklaut. Sie ist explodiert wie ein menschliches Feuerwerk. Ich wette, die Funken waren bis Port Elizabeth zu sehen.“

Das klang so sehr nach Brittany, dass sie den Wahrheitsgehalt der Geschichte nicht infrage stellte.

Sie entspannte sich etwas, atmete tief durch und bemerkte, wie sein Blick flüchtig auf ihre Brust fiel.

Brittany hatte einmal scherzhaft gesagt, dass der liebe Gott ihr fünfzehn Zentimeter Größe verweigert und sie stattdessen Emilys Brüsten zugefügt hätte. Wenn es nach Emily gegangen wäre, hätte er sie besser ihrer Höhe zuteilwerden lassen.

„Sie kannten Kathleen?“

„Ja, ich kannte Kathleen. Heißt das, dass Sie mir die Tür öffnen werden?“ Seine Stimme klang heiser und amüsiert. „Puffin Island ist eine kleine Gemeinde. Die Inselbewohner kennen sich nicht nur, wir verlassen uns auch aufeinander. Vor allem im Winter, nachdem die Sommertouristen fort sind. Ein Ort wie dieser schweißt die Menschen zusammen. Abgesehen davon war Kathleen eine gute Freundin meiner Großmutter.“

„Sie haben eine Großmutter?“ Sie versuchte, sich ihn jung und verletzlich vorzustellen, doch es gelang ihr nicht.

„Das habe ich. Sie ist eine großartige Frau, die immer noch hofft, mich auf den rechten Weg zu bringen. Wie lange werden Sie bleiben?“ Seine Frage traf sie unvorbereitet. Sie begriff, wie wenig sie sich gewappnet hatte. Sie hatte keine Geschichte. Keine Erklärung für ihre Anwesenheit.

„Das habe ich noch nicht entschieden. Sehen Sie, Mr. …“

„Ryan Cooper.“ Er trat vor und streckte die Hand aus, sodass ihr nichts anderes übrig blieb, als sie zu ergreifen.

Warme Finger schlossen sich um ihre, und ein Schauer durchzuckte sie. Diese starke sinnliche Anziehung war ihr neu, doch das hieß nicht, dass sie sie nicht als solche erkannte. Sie flimmerte in der Luft, breitete sich auf ihrer Haut aus und drang in ihre Knochen. Sie stellte sich seine Hände auf ihrem Körper, seine Lippen auf ihrem Mund vor. Verstört zog sie die Hand zurück. Doch ein leises Kribbeln blieb, als ob seine Berührung etwas in Gang gesetzt hatte, von dem sie nicht wusste, wie sie es wieder ausschalten konnte.

Überrumpelt von einem Gefühl von Verbundenheit, das sie nicht erwartet hatte, trat sie einen Schritt zurück. „Ich bin sicher, dass Brittany es zu schätzen weiß, dass Sie vorbeigekommen sind, um nach dem Cottage zu sehen, aber wie Sie sehen, ist alles in Ordnung, so …“

„Ich kam nicht, um nach dem Cottage zu sehen. Ich kam, um nach Ihnen zu sehen. Eleanor, nehme ich an. Oder vielleicht Alison.“ Mit gespreizten Beinen stand er da, wich nicht einen Zentimeter. Offensichtlich würde er sich erst bewegen, wenn er es wollte. „Rebecca?“

„Was?“

„Ihr Name. Puffin Island ist ein freundlicher Ort. Hier in der Gegend ist der Name das Erste, was wir voneinander erfahren. Danach werden wir vertraulicher.“

Ihr stockte der Atem. War das eine sexuelle Anspielung? Etwas in seiner dunklen, samtenen Stimme ließ sie es vermuten, allerdings musste sie nur in den Spiegel sehen, um zu erkennen, dass ein Mann wie er seine Zeit kaum mit jemandem wie ihr verschwenden würde. Er war der Typ, der sich eine feurige Frau und keine eisige wünschte. „Ich glaube nicht, dass ich viel unter Leute gehen werde.“

„Das werden Sie nicht vermeiden können. Die Insel ist klein. Sie müssen einkaufen, essen und sich die Zeit vertreiben, und bei all dem treffen Sie zwangsläufig Menschen. Bleiben Sie einen Winter, und Sie lernen, was Gemeinschaft wirklich bedeutet. Nichts bringt Sie Ihren Nachbarn näher als anhaltende Stürme und wabernder Nebel. Wenn Sie hier leben wollen, müssen Sie sich daran gewöhnen.“

Sie konnte sich nicht daran gewöhnen. Sie war für die Sicherheit eines Kindes verantwortlich, und sosehr sie auch bezweifelte, der Aufgabe gewachsen zu sein, nahm sie diese Verantwortung dennoch ernst.

„Mr. Cooper …“

„Ryan. Vielleicht hat Ihre Mutter keine Vorliebe für traditionelle Namen und eher etwas Exotischeres gesucht. Amber? Arabella?“

Sollte sie ihm einen falschen Namen nennen? Doch worin lag der Sinn, wenn er Brittany bereits so gut kannte? Sie fühlte sich überfordert. Ihr Leben war aus der Bahn geraten, und um sie herum herrschte das Chaos. Statt sicher und vorhersehbar zu sein, lag die Zukunft plötzlich voller schwarzer Löcher vor ihr, die nur darauf warteten, sie zu verschlucken.

Und nun musste sie sich nicht nur um sich selbst Sorgen machen.

„Emily“, sagte sie schließlich. „Ich bin Emily.“

„Emily.“ Er wiederholte den Namen langsam und lächelte auf eine Weise, dass die Temperatur um ein paar Grad zu steigen schien. „Willkommen auf Puffin Island.“

2. KAPITEL

Geheimnisse und Angst. Er hatte beides in dem Moment gewittert, als sie die Tür gerade weit genug geöffnet hatte, um reden zu können, aber nicht so weit, um es als Willkommensgeste deuten zu können.

Er erkannte, wenn eine Person etwas zu verbergen hatte.

Es lag in seiner Natur, Geheimnisse aufzudecken und untersuchen zu wollen. Er hatte versucht, diesen Teil seiner selbst auszuschalten, doch der Drang, Fragen zu stellen und Antworten zu finden, war geblieben.

An manchen Tagen trieb es ihn in den Wahnsinn.

Um sich abzulenken, dachte er an Brittanys Freundin.

Er hatte sie aufgeweckt. Auf den ersten Blick hatte er sie als jemanden eingeschätzt, der gerne auf alles vorbereitet war, und dieser Besuch hatte sie unvorbereitet getroffen. Ein paar Strähnen ihres Haares hatten sich aus der Klammer an ihrem Hinterkopf gelöst und ihre vom Schlaf geröteten weichen Wangen umspielt. Sie war ziemlich nervös gewesen und hatte ihn aus diesen grünen Augen argwöhnisch angestarrt.

Sie hatte ausgesehen, als wäre sie bereit, jemanden oder etwas zu verteidigen.

Vielleicht diesen Körper.

Verdammt.

Ryan war stolz, dass er nicht seine Zunge verschluckt und rumgestammelt hatte. Er hatte es sogar geschafft, seinen Blick auf ihrem Gesicht zu lassen. Die meiste Zeit über jedenfalls. Dann hatte sie tief eingeatmet, was die Knöpfe an ihrer schlichten Bluse vor eine große Herausforderung stellte, und diese vollen Brüste hatten sich gewölbt, als ob sie auf ein Entkommen gehofft hatten. Das dadurch ausgelöste Aufflackern sexueller Lust war stark genug gewesen, um ihn den Gesprächsfaden verlieren zu lassen.

Es war schwer gewesen, nicht mit offenem Mund dazustehen. Noch schwerer, sie nicht gegen die Wand zu pressen und ihr zu beweisen, dass trotz WiFi nicht alles auf Puffin Island zivilisiert war.

Mit Glück hatte sie nicht bemerkt, wie abwesend er gewesen war.

Er steigerte das Tempo und lief den Küstenweg zurück, hinunter an das felsige Ufer und wieder hinauf, bis seine Lungen nach Luft schrien und seine Muskeln schmerzten.

Niemand, der ihn heute sah, hätte vermutet, dass er vor vier Jahren in seinem eigenen Blut gestorben war. Er hatte es der Kunst der Ärzte zu verdanken, dass sie ihn ins Leben zurückgeholt hatten.

Auf dem Gipfel hielt er an, weil eins der Versprechen, die er sich selbst gegeben hatte, darin bestand, sich Zeit zu nehmen, um das Leben wertzuschätzen. Von allen Orten, die er auf der Welt bereist hatte, erschien ihm die Penobscot Bay in Maine als der schönste. Vierzig Meilen lang und zehn Meilen breit erstreckte sie sich von Rockland aus am westlichen Ufer der Blue-Hill-Halbinsel entlang bis zum Mount Desert. Die Landschaft reichte von wellenumtosten Felseninseln bis zum üppigen Nationalpark. Für Wassersportler war es das Paradies, für Naturliebhaber eine Spielwiese. Für ihn war es sein Zuhause.

An einem Tag wie diesem fragte er sich, warum er so lange gebraucht hatte, um zurückzukommen. Warum er einen Totalabsturz hatte erleben müssen, bevor er diese Entscheidung treffen konnte. Er hatte in den Schlund der Hölle gestarrt und wäre vielleicht hineingefallen, wenn es diesen Ort hier nicht gegeben hätte.

Er hatte Stress gegen sandige Ufer und felsige Gezeitentümpel eingetauscht, die Gerüche und Geräusche von fremden Städten gegen das Krachen der Brandung und das Geschrei der Möwen, fremdländisches Essen, für das er meist keine Zeit fand, gegen gebackenen Hummer und selbst gemachtes Eis. Statt der Wahrheit nachzujagen, jagte er den Wind und die Gezeiten.

Er war klug genug, um die Ironie der Situation zu erkennen. Als Teenager hatte er sich so verzweifelt fortgewünscht, dass er sich vorgestellt hatte, mitten in der Nacht durch die Bucht zu schwimmen, um bloß von dieser verdammten Insel runterzukommen. Er hatte in der Falle gesessen, war durch die Umstände gefangen gewesen. Seine Zellengenossin war die Verantwortung, die seit dem Tod seiner Eltern auf ihm lastete. Um nicht verrückt zu werden, hatte er sich an andere Orte und in andere Länder geträumt. Am meisten hatte er sich gewünscht, anonym zu sein, an einem Ort zu leben, wo die Menschen nur das von einem wussten, was man ihnen freiwillig zeigte.

Er nahm einen Schluck Wasser aus seiner Flasche und beobachtete dabei einen Schoner, der mit geblähten Segeln über die Bucht glitt.

Aus einem Impuls heraus zog er sein Handy aus der Tasche und rief Brittany an. Nach seiner Berechnung musste es in Griechenland nachmittags sein.

Sie meldete sich sofort. „Rufst du mich an, um mir zu sagen, dass du es mit meiner Freundin vermasselt hast?“

„Wie gewünscht bot ich meine Hilfe an.“ Er wartete kurz. „Du hast mir nichts von einem Kind gesagt.“

„Das hatte ich vergessen.“

Da er wusste, dass sie nie etwas vergaß, fragte sich Ryan, warum sie es ihm nicht gesagt hatte. „Ich dachte schon, du hättest mir einen Gefallen getan. Ich hätte wissen müssen, dass da ein Haken ist.“

„Ein Kind ist kein Haken. Du behandelst Kinder wie Viren, Ryan. Werd erwachsen.“

Er lächelte. „Also, was steckt dahinter? Du sagtest, sie steckt in Schwierigkeiten. Habe ich Besuch von einem gewalttätigen Ehemann zu erwarten?“

„Was spielt das für eine Rolle? Du würdest auch linkshändig mit ihm fertigwerden.“

„Ich weiß gerne, womit ich es zu tun habe, das ist alles.“

„Du hast es mit meiner gestressten Freundin zu tun. Pass auf sie auf.“

Ryan dachte an den argwöhnischen Ausdruck in Emilys Augen. „Mein Hilfsangebot stößt bei ihr nicht gerade auf offene Arme.“

„Nein, wohl nicht.“ Eine kurze Pause entstand. „Sagen wir es so: Eine weitere Schutzschicht kann ihr nicht schaden.“

„Es wäre hilfreich zu wissen, wovor ich sie beschütze.“

„Das sagt sie dir, wenn sie bereit dazu ist.“ Es knackte in der Leitung, und im Hintergrund hörte er einen Wortwechsel zwischen Brittany und jemandem, den sie Spyros nannte.

„Wer ist Spyros? Hast du vor, einen Griechen zu heiraten und für immer nach Kreta zu ziehen?“

„Ich werde niemanden heiraten. Damit bin ich durch.“ Ihr flapsiger Ton konnte ihn nicht täuschen. Er wusste, wie sehr sie in der Vergangenheit verletzt worden war.

„Hör zu, Brit …“

„Ich muss los. Ich rufe dich bald an, Ryan.“ Sie legte auf, und er starrte aufs Meer hinaus.

Menschen faszinierten ihn. Die Entscheidungen, die sie trafen, und die Geschichten, die hinter diesen Entscheidungen lagen.

Er kannte Brittanys Geschichte. Er wollte Emilys erfahren, und im Geiste entwarf er verschiedene Szenarien, während er die sich brechenden Wellen beobachtete.

Er hätte so lange auf das Meer starren können, bis die Sonne darin verschwand, doch sie brauchten ihn im Ocean Club. Sie mussten das Sommergeschäft ausnutzen, um sie durch den langen Winter in Maine zu bringen. Er hatte all sein Geld in das Unternehmen gepumpt, und es sollte sich auszahlen – nicht nur, weil er Geld verdienen musste, um hier zu leben.

Die Insel hatte ihm so viel gegeben, und nun gab er ihr etwas zurück.

Den Menschen, die auf ihn angewiesen waren.

Es hätte Zeit gespart, wenn er mit dem Auto gefahren wäre, doch bei der Entscheidung, auf dieser Insel zu leben, war es um seine Gesundheit und nicht um Zeit gegangen, also rannte er stattdessen.

Er lief hinunter zum Wasser, vorbei an der alten Fischerhütte, wo Alec zweifellos in seine Recherchen vertieft war, und nahm dann eine Abkürzung ins Inselinnere.

Der Geruch des Meeres vermischte sich mit dem Duft von frisch gemähtem Gras und Frühlingsblumen.

Dies war seine liebste Jahreszeit, bevor die Sommergäste die Insel überschwemmten, sich in den Straßen drängten, bevor sie sich in einem Strom von Menschen und Picknickkörben auf die verschiedenen Strände verteilten.

Die Touristen spülten willkommenes Geld in die Wirtschaft der Insel, doch es gab noch immer Momente, in denen er sie als Eindringlinge empfand. Es war, als hätte man Gäste zu Hause, und selbst willkommene Gäste hatten ein Verfallsdatum.

Alec zog ihn damit auf, dass er seine Verbindungen in die Zivilisation nicht aufgeben konnte – High-Speed-Internet, Handyempfang. Und er hatte recht damit. Doch das änderte nichts an der Tatsache, dass er hierhergezogen war, um sein Leben zu ändern.

Er fragte sich, was Emily an diesen Ort geführt hatte. Es musste einen Grund geben. Es gab immer einen Grund.

Sie wirkte wie eine Städterin. Blass und weinerlich.

Auf Puffin Island wurden Besucher mit offener Tür empfangen.

Sie dagegen hatte ihm ihre Tür fast vor der Nase zugeschlagen.

Er nahm eine Abkürzung in Richtung Schule, lief durch das Tor und klingelte. „Hier ist Ryan.“

Die Tür öffnete sich, und er schritt durch die fröhliche Eingangshalle, vorbei an den Wänden mit den hellen, bunten Malereien.

Seine Schwester sprang aus einem der Klassenzimmer, ein Traumbild aus Locken und Farbe. Ihr Kleidungsstil war schon immer eklektisch gewesen. Heute trug sie eine spektakuläre Kombination aus Rot und Lila. Sie behauptete, dass Farben sie glücklich machten, doch Ryan wusste, dass sie einfach ein glückliches Naturell hatte. Sie sah Licht, wo andere in die Dunkelheit blickten, und in kleinen, alltäglichen Aufgaben, die andere langweilten, entdeckte sie aufregende Möglichkeiten.

Wenn er die perfekte Lehrerin für Erstklässler hätte wählen müssen, er hätte Rachel genommen.

Vielleicht, aber wirklich nur vielleicht, hatte er ihre Kindheit doch nicht versaut, dachte er bei ihrem Anblick.

„Stimmt was nicht?“ Der beunruhigte Ausdruck in ihren Augen ließ ihn sich fragen, wann seine Familie wohl damit aufhörte, sich Sorgen um ihn zu machen.

Er war an die Rolle des Beschützers gewöhnt und fühlte sich unbehaglich, wenn er auf der anderen Seite stand. Vermutlich war das der Preis, den er dafür zahlen musste, dass er ihr einen solchen Schrecken eingejagt hatte.

„Kann ein Mann nicht vorbeikommen, um seiner kleinen Schwester Hallo zu sagen? Warum muss gleich irgendwas nicht stimmen?“

„Weil die Schule in weniger als einer halben Stunde beginnt, du verschwitzt bist und du nur bei mir vorbeikommst, wenn du etwas von mir willst oder mir einen Vortrag halten möchtest.“

„Das ist hart.“

„Das ist wahr. Und wenn du mich noch einmal ‚kleine‘ Schwester nennst, wird etwas nicht stimmen.“

Er betrachtete ihre gekringelten Locken und erinnerte sich an die Minuten voller Ungeduld, in denen er versucht hatte, sich mit der Bürste durch ihr Haar zu kämpfen, als sie klein war. Mehr als einmal hatte er sich zwischen richtig gekämmtem Haar und einer Verspätung in der Schule entscheiden müssen, sodass er irgendwann aufgegeben und ihr Haar einfach mit einem Band zurückgebunden hatte. Zu seinem Glück hatten die Kinder in der Schule nichts von seinem Vorrat an Bändern gewusst.

Mit der Zeit hatte sie gelernt, ihr Haar selbst zu kämmen, doch nicht, bevor er mehr wusste, als er je wissen wollte über Zöpfe und Haarreifen und Mädchenhaar allgemein.

„Du bist meine kleine Schwester. Und du siehst immer noch aus, als solltest du in der Klasse sitzen und nicht davor stehen.“

Sie warf ihm jenen strafenden Blick zu, mit dem sie auch hyperaktive Kinder zur Ruhe brachte. „Nicht lustig, Ryan. Als du den gleichen Witz letzte Woche bei meinem Date mit Jared Peters machtest, war er sogar noch weniger witzig.“

„Ich wollte ihn ein wenig aus der Ruhe bringen. Der Kerl hat einen gewissen Ruf.“

„Deswegen gehe ich ja auch mit ihm aus.“

Ryan bezwang den Drang, Jared Peters aufzuspüren und sicherzustellen, dass er zu seinem nächsten Date mit Rachel nicht laufen konnte. „Der Typ will nur seinen Spaß mit dir haben und sonst nichts.“

„Ach, bitte, und bei dir ist das anders?“

„Er ist zu alt für dich.“

„Er ist genauso alt wie du.“

„Das meine ich ja.“

„Gibt es irgendeinen Grund, warum ich mich nicht auch amüsieren sollte, oder ist das ein männliches Vorrecht? Soweit ich weiß, dürfen auch Frauen einen Orgasmus haben.“

Ryan fluchte innerlich und fuhr sich mit der Hand übers Gesicht. „Ich kann nicht glauben, dass du das Wort in diesem Klassenzimmer benutzt hast. Dabei siehst du so mustergültig aus.“

„Ich werde das nicht mit einer Antwort würdigen.“

„Ich behalte dich im Blick.“ Aus irgendeinem Grund tauchte ein Bild von Emilys verängstigtem Gesicht vor seinem inneren Auge auf. Sie war auch mustergültig. Und überfordert. „Das ist meine Aufgabe.“

„Das war sie vielleicht, als ich vier war. Aber ich bin erwachsen. Deine Aufgabe besteht darin, mich meine eigenen Entscheidungen treffen und mich mein Leben so leben zu lassen, wie ich das möchte.“

Ryan fragte sich, wie Eltern sich zurückhalten konnten, wenn ihre Kinder im Begriff waren, einen riesengroßen Fehler zu begehen. „Ich kann die Elternrolle immer noch übernehmen, wenn ich muss.“

Sie grinste. „Okay, Daddy.“

„Denk nicht dran, darüber Witze zu machen.“

„Dass du uns – speziell mich – aufgezogen hast, das war doch ein lebenslanger Empfängnisschutz für dich, das wissen wir doch beide.“

„So schlimm war es nicht.“ Es war exakt so schlimm – bis hin zu dem Detail, dass er niemals in seinem Leben kein Kondom dabeihatte. „Du bist mir wichtig. Ich möchte nicht, dass du verletzt wirst.“

„Meinst du, du hast ein alleiniges Anrecht auf dieses Gefühl? Meinst du, ich habe es genossen, als du an all diese gefährlichen Orte gefahren bist? Es hat mich umgebracht, Ryan. Jedes Mal, wenn du gefahren bist, wollte ich dich anbetteln, nicht zu gehen, und als ich dann angerufen wurde …“ Ihre Stimme brach. „Ich dachte, ich hätte dich verloren.“

„Hey …“ Von den Emotionen in ihrer Stimme beunruhigt, hob er die Braue. „Ich bin immer noch da.“

„Ich weiß. Und ich liebe dich. Aber erzähl mir genauso wenig, wie ich mein Leben zu führen habe, wie ich dir sage, wie du deines führen sollst. Du bist mein Bruder, nicht mein Aufpasser.“

Er hob die Hände. „Du hast recht, und ich liege falsch. Wenn du mit Jared ausgehen willst, dann nur zu.“ Doch im Geiste nahm er sich vor, bei nächster Gelegenheit mit Jared ein längeres, ernsthaftes Gespräch zu führen.

Nicht dass er etwas gegen ihn hatte. Jared war ein talentierter Bootsbauer, der auch als Rettungssanitäter arbeitete. Aufgrund der ländlichen Struktur der Gemeinde wurde ein großer Teil der Notfallversorgung von ausgebildeten Freiwilligen geleistet, sie spielten eine wichtige Rolle auf der Insel.

„Ich brauche deine Erlaubnis nicht, Ryan.“ Ein Funkeln lag in ihren Augen. „Mische ich mich in dein Liebesleben ein? Erzähle ich dir, dass du allmählich darüber nachdenken solltest, dass es bei Beziehungen nicht nur um Sex geht, und dass du dich niederlassen solltest? Nein, tue ich nicht. Weil ich glaube, dass du mit der Zeit selbst herausfindest, was du wirklich möchtest.“

Er sah sie überrascht an. „Denkst du, ich weiß nicht, was ich will?“

Sie sah ihn scharf an. „Ich habe zu deiner Lebensführung einfach nichts zu sagen.“

„Schon verstanden.“

Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und umarmte ihn. „Ich bin froh, dass du am Leben bist. Ich bin sogar froh, dass du hier lebst, aber ich gebe auf mich acht.“

Sie war schon als Kleinkind ebenso bestimmt wie liebevoll gewesen, und das hatte sich nicht geändert. Sie hielt nichts zurück. Sie versteckte sich nicht und suchte bei anderen Menschen nicht nach einer Wahrheit hinter der Oberfläche. Sie nahm sie für bare Münze. Sie vertraute ihnen. Sie gab ihre Liebe freiwillig und erwartete keine Gegenleistung.

Das jagte ihm eine Heidenangst ein.

„Sag bitte einfach nicht ‚Ich liebe dich‘ zu Jared. Entweder die Worte ermutigen einen Kerl, sie zu seinem Vorteil auszunutzen, oder sie schlagen ihn in die Flucht.“

„Du meinst, sie schlagen dich in die Flucht. Nicht alle Männer sind wie du.“

„Hey, ich habe dir dein Essen klein geschnitten und dich zur Schule gebracht. Du kannst mir nicht vorwerfen, dass ich den Beschützer spiele.“

„Das kann ich umgekehrt auch. Wie geht es deiner Schulter?“

„Sie ist in Ordnung.“ Ohne auf das Thema weiter einzugehen, blickte er an die Wände ihres Klassenzimmers, die mit bunten Bildern verziert waren. „Da ist eine Frau in Brittanys Cottage. Ich hab mich gefragt, ob du etwas über sie weißt.“

„Aha, das ist also der Grund für deinen Besuch. Eine Frau.“ Interessiert sah sie ihn an. „Warum sollte ich etwas wissen?“

„Weil dort auch ein Kind ist.“ Ryan dachte an das kleine Gesicht, das hinter den hauchdünnen weißen Vorhängen im oberen Schlafzimmer hervorgelugt hatte. War das Kind der Grund, warum Emily die Tür nicht vollständig geöffnet hatte? Für ihn ergab das keinen Sinn. Nach seiner Erfahrung suchten Menschen mit Kindern Anschluss, erst recht an einem neuen Ort. „Ich dachte, du hättest vielleicht neue Schüler.“

„Nicht vor dem Sommer. Es sind nur noch zwei Wochen Unterricht.“ Rachel drehte sich um, um ihre Stunde weiter vorzubereiten. „Warum solltest du dich für eine Frau mit Kind interessieren? Wir wissen doch beide, dass du genug davon hast. Und ja, vielleicht fühle ich mich deswegen ein kleines bisschen schuldig, da ich ja der Grund bin, warum du den Gedanken nicht ertragen kannst, dich niederzulassen.“

„Das stimmt nicht.“

„Doch, das tut es. Als Teenager warst du gebunden, weil du dich um drei kleine Kinder kümmern musstest. Du konntest es nicht erwarten fortzukommen.“

„Aber nicht, weil ich dich nicht geliebt habe.“

„Das weiß ich. Ich sage nur, dass ich der Grund bin, warum du vor der Vorstellung, dich niederzulassen, davonläufst. Als wir Mom und Dad verloren, musstest du den ganzen ernsten Teil übernehmen, ohne irgendetwas von dem Spaß zu haben, und jetzt hast du eben den Spaß. Es war mit ein Grund, warum du deine Tasche immer gepackt hattest, damit du jeden Augenblick abhauen konntest.“

Er sah seine liebenswerte Schwester an, die so jung schon Waise geworden war. „Hey, ich lebe hier seit vier Jahren. Das ist beständig.“

Sie verteilte jeweils ein großes Blatt Papier auf die kleinen Tische. „Manchmal frage ich mich immer noch, ob ich eines Tages aufwache und du fort bist. Nicht dass es nicht in Ordnung wäre, wenn du das wirklich wolltest“, fügte sie rasch hinzu. „Du hast deine Pflicht getan.“

Er entdeckte, dass sich Schuld wie Sandpapier auf einer Wunde anfühlen konnte. „Ich habe keine ‚Pflicht‘ getan. Ich tat, was getan werden musste, und war glücklich, es zu tun.“ Wenn man all die Zeiten ignorierte, in denen er unglücklich war und die ganze Welt angeklagt hatte, in diese Lage geraten zu sein. „Und ich gehe nirgendwohin. Wie könnte ich das, nachdem du dich so angestrengt hast, mich zu retten? Das bin ich dir schuldig.“

„Keiner schuldet jemandem etwas, Ryan. Wir sind eine Familie. Wir helfen einander, wenn wir in Schwierigkeiten stecken. Das machen Familien so. Du hast mir das beigebracht.“ Sie ging durch das Klassenzimmer und nahm einen Eimer mit Seemuscheln.

Selbst als kleines Kind hatte sie schon alles geliebt, was mit dem Meer zu tun hatte.

Er hatte Stunden mit ihr am Strand verbracht, wo sie nach Seeglas suchten und Sandburgen bauten.

Ryan hatte sie immer um ihre ruhige Besonnenheit beneidet, die im direkten Gegensatz stand zu seiner eigenen rastlosen Energie und dem brennenden Wunsch, einfach das Weite zu suchen.

„Was machst du damit?“

„Wir machen eine Collage aus den Sachen, die wir bei unserem Ausflug in der letzten Woche am Strand gefunden haben. Ich verstehe immer noch nicht, warum du dich für die Frau interessierst, die das Cottage gemietet hat, erst recht nicht, wenn sie ein Kind im Schlepptau hat.“ Sie stellte Farben und Klebstoff auf jeden Tisch. „Warum die Frage?“

Die Frage war, warum sie Angst gehabt hatte.

„Ich bin eben neugierig.“

Sie warf ihm einen kurzen Blick zu. „Neugier ist der Katze Tod, Ryan.“

„Wenn dir nichts Originelleres einfällt, sehe ich wenig Hoffnung für die jüngere Generation.“

Doch er verstand den Grund für ihre Angespanntheit. Sie sorgte sich, dass ihm das alles hier nicht reichen könnte. Dass er eines Morgens aufwachen und sich entscheiden würde, in sein altes Leben zurückzukehren.

Da sie das letzte Mal diejenige gewesen war, die das Chaos hatte bewältigen müssen, konnte er es ihr nicht verübeln, dass sie hoffte, es würde nicht passieren.

„Miss Cooper?“ Eine leise Stimme erklang im Türrahmen, und als Ryan sich umwandte, erblickte er die Butler-Zwillinge Summer und Harry, die mit ihrer Mutter dort standen. Lisa Butler war im Sommer zuvor nach Puffin Island gezogen, wo sie den Eissalon Summer Scoop dicht am Hafen übernommen hatte.

Während seine Schwester die beiden aufgeregten Kinder beruhigte, schenkte Ryan Lisa ein Lächeln. „Machen Sie sich für den Sommeransturm bereit? Wie läuft es?“

„Es läuft gut.“ Ihr Gesichtsausdruck sagte ihm, dass es alles andere als gut lief, und sofort wollte er wissen, warum. Er konnte nicht anders. Manche mochten es für seine Leidenschaft halten, doch er wusste, dass es eher an eine Sucht grenzte, immer die Wahrheit finden zu wollen, die sich hinter der Oberfläche verbarg. Er wollte wissen, wer, was, warum, wann. In diesem Fall nahm er an, dass es sich bei dem Was um die Lage des Geschäfts handelte. Nach einem harten Winter in Maine, in dem die Erwähnung von Eiscreme ein Witz und keine Verführung war, musste es Summer Scoop schlecht gehen. Der Laden war jahrelang gerade über die Runden gekommen, bevor Lisa Butler entschieden hatte, ihre Ersparnisse darin zu versenken.

„Ich gehe mal, damit Sie junge Menschen formen können, Miss Cooper.“ Er nickte seiner Schwester zu. „Wir sprechen uns später.“

Und in der Zwischenzeit würde er mehr über die Frau im Castaway Cottage herausfinden.

Ist der Mann fort?“

„Er ist fort.“ Emily hatte noch immer sein Gesicht vor Augen. Bei dem Gedanken an das Zusammentreffen spürte sie Hitze in sich aufsteigen. „Es tut mir leid, dass er dich geweckt hat.“

„Das hat er nicht.“ Dunkle Schatten lagen unter den blassen grünen Augen, und Juliets langes Haar fiel ihr in zerzausten goldenen Locken über die schmalen Schultern.

Emily suchte nach Spuren von Tränen, doch es gab keine.

Das Mädchen wirkte unbewegt. Verschlossen.

Das war gut, oder? Sie versuchte, das unbehagliche Bauchgefühl zu unterdrücken, das sie vom Gegenteil überzeugen wollte.

„War das Bett gemütlich?“ Emily hatte das Mädchen am Abend zuvor in Brittanys altem Zimmer ins Bett gebracht und zugedeckt.

„Es war laut.“

„Das ist das Meer. Du kannst heute Nacht in einem anderen Zimmer schlafen, wenn du das möchtest.“

„Kann ich bei dir schlafen?“

Emily schluckte. „Sicher.“

Das kleine Mädchen stand da und betrachtete das Regal in der Küche. „Warum sind dort in dem Glas Juwelen?“

„Das ist Seeglas.“ Emily griff nach dem Glas. „Das wird am Strand angeschwemmt. Manchmal verklemmt es sich zwischen den Kieseln und Steinen. Kathleen hat es immer gesammelt. Immer wenn sie vom Strand zurückkam, hatte sie die Taschen voll damit. Sie mochte die Farben und dass jedes Stück seine eigene Geschichte hat.“ Erleichtert über die Ablenkung von Ryan Cooper, reichte Emily Juliet das Glas und sah zu, wie das Mädchen es in der Hand hin und her wendete, jedes einzelne Glasstück genau musterte, fasziniert von den Farben und Formen.

„Das ist wie ein Regenbogen in einer Flasche.“

„Kathleen hat das Glas immer ans Fenster gestellt, damit sich das Sonnenlicht darin brach. Sie nannte es ihren Schatz.“

„Wohnt sie hier?“

„Nicht mehr. Sie ist vor ein paar Jahren gestorben.“ Emily fragte sich, ob sie ein anderes Wort hätte verwenden sollen. Vielleicht hätte sie vage über den Himmel und die Sterne sprechen sollen. „Sie hat das Cottage meiner Freundin vererbt. Und manchmal, wenn eine von uns Probleme hat, kommen wir hierher.“

„Hast du ein Problem?“

Als Emily auf das Problem hinuntersah, spürte sie, wie sich Mitleid und Panik vermischten.

Sie wusste nichts über Kinder, aber sie wusste, wie es sich anfühlte, wenn einem etwas, das man liebte, entrissen wurde. Sie wusste, wie es sich anfühlte, viel zu jung zu erfahren, wie grausam und unberechenbar das Leben war. Dass es dir genauso unverhofft etwas wegnehmen, wie es dir etwas schenken konnte.

„Nein. Jetzt, da wir hier sind, gibt es kein Problem.“

„War sie deine Familie?“

„Kathleen? Nein. Sie war die Großmutter meiner Freundin, aber für mich war sie auch wie eine Großmutter.“ Dann erinnerte sie sich, dass der Begriff „Großmutter“ vermutlich nichts bedeutete für ein Kind, das sein Leben zwischen Menschen verbracht hatte, die bezahlt wurden, um auf sie aufzupassen und sie von der neugierigen Öffentlichkeit fernzuhalten. „Manchmal sind die Menschen, die dir am nächsten sind, nicht diejenigen, mit denen du verwandt bist.“

Lasst uns eins versprechen. Wenn eine von uns in Schwierigkeiten steckt, helfen die anderen, ohne zu zögern.

Das kleine Mädchen drückte das Glas an ihre Brust. „Du bist meine Familie.“

„Das ist richtig.“ Ihr Magen drehte sich. Panik flutete in ihr auf und überschwemmte die tiefen Risse, die ein Leben voller Unsicherheiten hinterlassen hatte. Sie wollte diese Verantwortung nicht. Sie hatte sie nie gewollt. „Warum erkunden wir nicht das Haus? Als wir gestern Abend hier angekommen sind, war es ja dunkel.“

In der Biegung der Shell Bay gelegen, bot Castaway Cottage von allen vorderen Räumen eine Aussicht auf das Meer. Emily konnte leicht nachvollziehen, warum Kathleen den Ort trotz der relativen Abgeschiedenheit und der langen Winter nie hatte verlassen wollen. Sie hatte dafür gesorgt, dass es im Haus bei jedem Wetter schön warm war. Holzbalken und Dielenböden bildeten den Hintergrund für ein sorgfältig ausgewähltes Mobiliar, das nautische Themen aufgriff. Ein gestreifter Ohrensessel, ein Strukturteppich, gerahmte Fotos von Seevögeln, die an der felsigen Küste nisteten.

Das Glas noch immer in der Hand, ging Juliet direkt zum Fenster und kletterte auf einen Stuhl. „Können wir zum Strand gehen?“

Die Frage lastete schwer auf ihrer Brust.

Emily musste bald entscheiden, wie sie mit dieser unausweichlichen Bitte umgehen sollte, doch im Moment hatte sie nicht die Energie dafür. „Wir müssen uns zuerst einrichten. Ich hole unsere Koffer aus dem Wagen, damit wir auspacken können.“

„Ich bin hungrig.“

Für gewöhnlich bestand Emilys koffeinhaltiges Frühstück aus nichts weiter als starkem Kaffee. Jetzt wurde ihr klar, dass sie gar nicht daran gedacht hatte, dem Mädchen etwas zu essen zu geben.

„Ich habe ein paar Sachen in den Wagen gepackt, aber heute Nachmittag müssen wir zum Hafen und ein paar Lebensmittel besorgen.“

Was sie vor ein erneutes Problem stellte.

„Ich dachte …“ Sie gingen zurück in die Küche, wo Emily die Schränke nach Lebensmitteln durchsuchte, die Brittany bei ihrem letzten Besuch vielleicht zurückgelassen hatte. „Juliet ist ein hübscher Name, aber wie wäre es, wenn wir dich anders nennen?“

„Juliet ist von Shakespeare.“

„Ich weiß, aber …“ Alle anderen wissen das auch. „Hast du noch einen weiteren Namen? Ich heiße Emily Jane.“

„Und ich Juliet Elizabeth.“

„Elizabeth. Wir wäre es mit Lizzy? Das klingt hübsch.“

„Warum brauche ich einen anderen Namen? Damit mich die Männer mit den Kameras nicht finden?“

Emily bevorzugte Ehrlichkeit und wusste nicht, warum sie diese Haltung jetzt ändern sollte. „Ja.“ Sie öffnete einen Schrank und holte eine hübsche kornblumenblaue Schale heraus. „Das ist ein Grund. Ich möchte nicht, dass die Leute Fragen stellen. Es wird wie ein Spiel sein.“

„Ich habe immer mit Mellie gespielt.“

„Mellie?

„Sie kocht. Manchmal passt sie auf mich auf, wenn Paula in ihrem Schlafzimmer ist und ihren Freund küsst.“

„P… Was? Wer ist Paula?“

„Sie ist eine meiner Nannys.“

Eine von ihnen? Na ja, immerhin hatte Lana sich um Kinderbetreuung gekümmert, was mehr war, als ihre Mutter je getan hatte. „Dann hat Paula auf dich aufgepasst.“

„Ja. Und manchmal haben wir meine Mom im Fernsehen gesehen.“ Lizzy hielt noch immer das Glas an ihre Brust gepresst. „Paula sagt, dass die Leute Fotos machen, weil sie berühmt und schön war.“

„Ja, das war sie.“

Die Leute werden Geld bezahlen, um mein Gesicht zu sehen. Du wirst nie so hübsch wie ich, und deswegen können die Leute dich nicht leiden.

Emily versuchte, die Erinnerungen abzuschütteln. „Hier wird niemand Fotos von dir machen. Die Menschen sind nett.“

Das zumindest stimmte. Sie, Skylar und Brittany hatten viele fröhliche Abende lachend und trinkend im Shipwreck Inn verbracht, und Brittany war ebenso bekannt wie beliebt auf der Insel. Sogar zu bekannt.

Sie versuchte sich daran zu erinnern, ob ihre Freundin jemals einen Ryan Cooper erwähnt hatte.

Emily selbst war ihm jedenfalls nie zuvor begegnet.

So ein Gesicht hätte sie bestimmt nicht vergessen.

Sie sah ihn immer noch vor sich, als sie weitere Schranktüren öffnete, um nach Dosen und Pasta zu suchen, die Brittany für den Notfall dagelassen hatte. Sie fand Frühstücksflocken, schüttete eine Portion in die Schale, gab die Milch dazu, die sie gekauft hatte, und stellte sie vor das Kind auf den Tisch. „Wir packen erst mal alles aus und erforschen dann die Insel.“ Das Auspacken würde nicht lange dauern. Ein paar Klamotten und ihre kostbaren Erstausgaben. Alles, was ihr in ihrem alten Leben etwas bedeutet hatte, passte in zwei Koffer. Sollte sie sich deswegen Sorgen machen? „Am Hafen können wir zu Mittag essen. Du darfst dir von der Speisekarte aussuchen, was du möchtest. Das wird bestimmt lustig.“

„Kann ich meinen Bär mitnehmen?“

Emily betrachtete das abgewetzte Plüschtier und entschied, dass seine Überlebenschancen bei dem Ausflug nur gering waren. Am Hals hatte er einen Riss, ein Auge fehlte. „Warum lassen wir ihn nicht lieber hier, damit er nicht verloren geht?“ Oder Teile von ihm.

„Ich möchte, dass er mitkommt.“

Weil sie die eine Hälfte des Bären schon vor sich im Hafenbecken liegen sah, wollte Emily schon widersprechen, doch sie befürchtete noch mehr, eine ohnehin schon fragile Situation aus dem Gleichgewicht zu bringen. „Wir nehmen den Bären mit.“

„Und kann ich meine Feenflügel tragen?“

Weil Feenflügel ja auch überhaupt nicht auffielen. Sie schloss die Augen und sagte sich, dass niemand auf einer Insel vor der Küste von Maine nach dem Kind eines Hollywoodstars suchen würde. Und wenn Skylar recht hatte, war Lizzy nicht die einzige Sechsjährige, die Feenflügel trug. „Wenn du das möchtest.“ Sie versteifte sich, als das Mädchen von seinem Stuhl rutschte und zu ihr kam.

Eine kleine Hand ergriff die ihre. „Werden sie uns finden?“

Die Berührung der Hand verstärkte den Druck auf ihrer Brust. „Nein“, sagte sie heiser. „Wir sind hier sicher.“

Zumindest hoffte sie, dass sie das waren.

Sie griff nach ihrem Handy, suchte Brittanys Namen und schickte ihr eine Nachricht.

Wer ist Ryan Cooper?

Offenbar hatte die Saison gerade erst begonnen, denn Emily ergatterte ohne Schwierigkeiten einen Parkplatz direkt am Hafen. Die belebte Wasserseite war ein beliebter Ort für Touristen, die alle Angebote von Puffin Island nutzen wollten. Die Hummerboote waren das Lebenselixier der Einheimischen. Sie lagen neben Jachten vor Anker, und so kamen die Fischer und Inselbewohner Schulter an Schulter mit den Touristen und Segelfans zusammen. Wenn das Wetter es zuließ, fuhr die Fähre, die die Insel mit dem Festland verband, dreimal am Tag. John Harris, der Hafenmeister, war schon seit Ewigkeiten im Dienst und fiel allen mit seinem weißen Haarschopf und den dichten Augenbrauen ins Auge.

Aus der Ferne erkannte sie Dan Brown, der drei Jahrzehnte lang in den Gewässern um Puffin Island nach Hummern gefischt haben sollte. Sie erinnerte sich, wie sie mit ihren Freundinnen dagestanden und aus sicherer Entfernung zugesehen hatte, wie er den Tagesfang hereingebracht hatte. Den Fisch hatten ihre Freundinnen direkt vom Boot gekauft und frisch gebraten im Garten gegessen, wobei die Butter ihnen über das Kinn und die Finger getropft war.

„Kann ich die Boote sehen?“ Neugierig lief Lizzy zum Rand der Hafenkante, woraufhin Emily sie an der Schulter ergriff und zurückzog.

Ihr Herz raste, und ihre Handflächen waren feucht. Warum hatte sie am Hafen geparkt? Sie hätte eine Seitenstraße nehmen und möglichst weit vom Wasser wegbleiben sollen.

John Harris kam zu ihnen herüber, seine zusammengezogenen Augenbrauen bildeten eine struppige Linie. „Vorsichtig. Das Wasser ist tief hier.“

Während Emily wartete, bis sich ihr Herzschlag beruhigte, hielt sie Lizzy weiter fest.

Einmal hatte Brittany ihnen gestanden, welche Angst der Hafenmeister ihr als Kind eingejagt hatte, und Emily und Skylar hatten gelacht, weil sie sich nicht vorstellen konnten, dass sich Brittany vor irgendetwas fürchtete.

Lizzy schien diese Angst nicht zu teilen. Sie blickte von dem Hafenmeister zur Fähre, die gerade auslief. „Ist das die gleiche Fähre, mit der wir gestern Abend gekommen sind?“

„Genau die gleiche. Die Captain Hook.“

„Wie in Peter Pan?“

John Harris musterte das Kind. „Sie ist nach Dan Hook benannt, der vor fünfzig Jahren das Geld für eine Fähre gespendet hat. Ist das dein erster Besuch auf Puffin Island?“

„Sie sind Freunde von Brittany.“ Die Männerstimme erklang hinter ihr, und als Emily sich umdrehte, stand da Ryan. Er nickte John zu. „Viel los heute Morgen.“

„Voll ausgelastet. Wir richten nächste Woche eine zusätzliche Verbindung ein, wenn die Saison noch mehr Fahrt aufnimmt.“ Nachdem Ryan sie vorgestellt hatte, wirkte John Harris ein wenig milder, denn er nickte Lizzy zu. „Dann wohnst du also in Castaway Cottage. Bester Ausblick auf die Insel. Sei vorsichtig am Wasser.“ Er schlenderte davon, und Ryan schüttelte den Kopf.

„Lass dich von ihm nicht erschrecken. Ein Kind ist mal hineingefallen, und seitdem ist er nervös. Der Sommer strengt ihn eben an. Aber wie ich sehe, habt ihr den Weg zum Hafen und zur Hauptstraße gefunden. Wenn ihr euch unter Leuten tummeln wollt, gibt es keinen besseren Ort als diesen hier. Darf ich den Weg weisen?“

Seit ihrer früheren Begegnung am Morgen hatte er geduscht und sich umgezogen. Er trug helle Hosen und ein dunkelblaues Hemd, dessen Ärmel er bis zu den Ellenbogen hochgekrempelt hatte. Doch auch die zusätzliche Stoffschicht vermochte es nicht, von seiner starken Erscheinung abzulenken.

Skylar würde jetzt stillschweigend feststellen, wie gut er gebaut war.

Brittany würde ihn als verdammt heiß bezeichnen.

Emily fand ihn beunruhigend. Nicht, weil er so souverän war. Denn sie war an selbstsichere Männer gewöhnt. Und nicht einmal wegen der unerwarteten Gefühle, die plötzlich in ihr aufwallten. Nein, was sie verängstigte, waren diese dunklen Augen. Er schien direkt durch die Mauer zu blicken, die sie um sich errichtet hatte. Neil hatte immer von einer unsichtbaren Aura gesprochen, die es unmöglich machte, sie zu erreichen.

Es passte ihr gut, unerreichbar zu sein. „Ich schätze Ihre Hilfe, Mr. Cooper …“

„Ryan.“

„Ryan, aber es geht uns gut.“

„Ich wusste nicht, dass Sie eine Tochter haben.“

Sie korrigierte ihn nicht. „Sie ist sehr schüchtern. Wir wollten gerade …“

„Ich bin Lizzy.“

Emily seufzte. Gerade jetzt hätte die Kleine doch etwas schüchterner sein können.

Sie erwartete, dass Ryan noch ein paar höfliche Floskeln zum Besten geben und sich dann zurückziehen würde. Ein Mann wie er führte bestimmt ein reines Erwachsenenleben, frei von jeder Verantwortung für Kinder. Überraschenderweise ging er in die Hocke. Durch die Bewegung spannte sich die Hose um seine Oberschenkel, und das Hemd legte sich enger über seine breiten, muskulösen Schultern.

„Hallo, Lizzy. Ein hübscher Bär.“

Alles an ihm signalisierte ihr, dass er ein richtiger Mann war. Ein Mensch, der in der Wildnis überleben konnte. Selbst wenn er nur mit einem Messer ausgestattet war. Es überraschte sie, wie unbefangen er mit Lizzy umging. Ihn zu beobachten, bewies ihr einmal mehr, wie wenig sie selbst ihrer neuen Rolle gerecht wurde.

Er nahm den Bären und gab bewundernde Laute von sich, während er das malträtierte Stofftier sanft in die Hand nahm. „Wie heißt er denn?“

Wie er heißt?

Nicht in einer Million Jahren hätte sie daran gedacht, dass der Bär einen Namen haben könnte, doch offensichtlich hatte er einen.

„Andrew.“ Lizzys Antwort kam zögernd, doch Ryan nickte, als ob der Name für ihn Sinn ergäbe.

„Na, und wie gefällt Puffin Island dir und Andrew?“

Zum Glück konnte der Bär nicht sprechen, denn er würde zweifellos berichten, dass er bislang völlig ignoriert worden war. Wenn es einen Verein zum Schutz von Teddybären gab, würde man sie vermutlich wegen Vernachlässigung anklagen.

Sie sah, wie Ryan den Bären vorsichtig zurückgab, und beneidete ihn um die Selbstverständlichkeit, mit der er mit dem Kind sprach. Er verwendete keine Babysprache, war aber auch nicht herablassend oder leutselig. Er verhielt sich, als ob Lizzy etwas zu sagen hatte, das er gerne hören wollte. Und als ob ihre Antworten wichtig für ihn wären. Die Anspannung in Lizzys Schultern löste sich etwas.

„Ich mag die Boote.“

Warum mussten es ausgerechnet die Boote sein, die ihre Aufmerksamkeit erregten?

Emily fragte sich, was sie nur geritten hatte, die Reise auf die Insel für eine gute Idee zu halten. Sie hätte Wyoming oder irgendeinen anderen Staat im Landesinneren wählen sollten.

„Ich mag Boote auch.“ Ryan erhob sich. „Was ist dein Lieblingsessen?“

Dieses Mal zögerte Lizzy nicht. „Waffeln. Und Kakao.“

„Das trifft sich gut, denn zufällig weiß ich, wo es die besten Waffeln gibt, die du je gegessen hast. Von den Tischen aus kannst du das Meer sehen und nach den Booten schauen. Ihr seid eingeladen.“

„Danke, aber wir kommen zurecht.“ Emily ertappte sich dabei, wie sie ihn anstarrte. Er war mindestens einen Kopf größer als sie. Obwohl er sich lässig kleidete, milderte das seine schlicht überwältigende Erscheinung ganz und gar nicht.

„Sie mögen keine Waffeln mit Kakao?“ Aus seinen Augen blitzte der Schalk und noch etwas anderes. Ein verführerischer, entspannter Ausdruck, der sie nervös machte. Er war die Art Mann, der die meisten Frauen dazu brachte, den Kopf zu verlieren und mit ihrer Unterwäsche auch jede Vorsicht fallen zu lassen.

Emily hatte niemals ihren Kopf verloren. Genauso wenig ihre Unterwäsche. Beziehungen sollten so wohlüberlegt, geplant und kalkuliert sein wie jede andere wichtige Entscheidung in ihrem Leben auch. Niemals war ihr das schwergefallen. Aber sie hatte auch niemals jemanden getroffen, der sie so fühlen ließ wie Ryan Cooper.

Sie war drei Jahre mit Neil zusammen gewesen, und nicht ein einziges Mal hatte sie dieses atemlose Prickeln bei ihm verspürt. Wenn er das Zimmer betrat, hatte sich ihr Puls nicht verändert.

„Vielen Dank für die Einladung, aber Lizzy und ich müssen noch einiges erledigen, bevor wir Mittag essen.“

Lizzy presste den Bären an ihre Brust. „Ich hätte gern Waffeln.“

Musste sie sich mit einem Mann an einen Tisch setzen, der ihr das Gefühl gab, nackt zu sein, nur um ihrer Nichte einen Gefallen zu tun?

Er lächelte. „Mir scheint, dass Sie sich vor allem erst einmal entspannen sollten. Sie sehen aus, als stünden sie kurz davor, in die Luft zu fliegen.“

„Ich bin zwei Tage gefahren, und …“

„Dann ist ein kühler Drink auf der Terrasse genau das, was Sie brauchen, um abzuschalten.“

„Ich muss nicht abschalten.“

Er musterte ihr Gesicht. „Ihr Rückgrat ist angespannter als der Mast dieser Jacht dort drüben.“

„Ich weiß Ihre Sorge zu schätzen, aber falls ich gerade gestresst bin, liegt das höchstens daran, dass ich nicht gerne gestalkt werde, Mr. Cooper.“

„Gestalkt?“

„Jedes Mal, wenn ich mich umdrehe, habe ich das Gefühl, Sie stehen hinter mir.“

„Willkommen im Inselleben, Emily. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass Sie mir mehrmals am Tag über den Weg laufen. Hinzu kommt der Umstand, dass ich Brittany versprochen habe, Sie im Auge zu behalten.“

„Ich weiß das zu schätzen, aber ich entbinde Sie von dieser Pflicht.“

„Sie sagte mir, Sie brauchen vielleicht jemanden, auf den Sie sich verlassen können. Sie bat mich, auf Sie aufzupassen. Hier bin ich also und passe auf Sie auf.“

Emily begegnete seinem entspannten, interessierten Blick und entschied, dass keine vernünftige Frau dumm genug war, ihr Vertrauen in einen Mann wie ihn zu setzen. Da konnte man ihm genauso gut sein Herz vor die Füße legen und sagen: „Trampel drauf rum.“

„Danke für das Angebot, aber ich brauche niemanden, der mich im Auge behält.“ Genau genommen war das sogar das Letzte, was sie brauchte.

Sie allein konnte sich zwischen Lizzy und die Medien stellen, die wie kreisende Geier nach einer Story gierten, um noch das letzte bisschen Fleisch von einem Kadaver zu reißen.

Lana war tot.

Das sollte ihnen doch genügen. Warum mussten sie ihr Leben auseinandernehmen? Sie hatten eine Geschichte nach der nächsten gedruckt. Ein ganzer Katalog anzüglicher Einzelheiten, die Lizzy vielleicht eines Tagen lesen würde.

Wenn Emily einen Weg wüsste, das alles zu vernichten, würde sie es tun.

Ryan trat einen Schritt auf sie zu, seine Stimme war gedämpft. „Erzählen Sie mir, was das Problem ist, und ich löse es.“

„Es ist weniger ein Problem als eine Veränderung von Umständen. Brittany hat übertrieben.“

Und sie würde sie dafür umbringen.

„Sie meinte schon, dass Sie mich abweisen würden.“

Sie würde sie nicht nur umbringen, sie würde sie langsam umbringen. „Es war falsch von ihr, Sie in diese Position zu bringen. Ich bin sicher, dass Sie ein sehr beschäftigter Mann sind, insofern sollten Sie gehen und tun, was auch immer Sie tun, und ich werde –“ Sie würde was? Weiter Lizzys Erziehung verpfuschen? „Ich werde zurechtkommen.“

„Ich habe es ihr versprochen. Ich halte meine Versprechen.“ Er schenkte ihr ein entwaffnendes Lächeln. „Außerdem habe ich Angst vor Brittany. Sie ist nicht nur Expertin für Waffen aus der Bronzezeit und hat eine beunruhigende Faszination für die Herstellung von Dolchen und Pfeilspitzen, ich erinnere mich auch, was geschah, als damals jemand ihr Seeglas gestohlen hat. Ich möchte Sie nicht erleben, wenn sie schlecht gelaunt ist.“

Emily beäugte seine breiten, kräftigen Schultern. Die Ärmel seines Hemdes spannten sich über seinem Bizeps. Sie würde darauf wetten, dass es nicht viel gab, was ihm Angst machte.

„Tante Emily?“ Lizzy zupfte an ihrer Hand. „Ich habe Hunger.“

Sie sah, wie Ryan eine Augenbraue hochzog, und wusste, dass er die Information abgespeichert hatte, dass sie eine Tante war, keine Mutter.

„Wir kaufen gleich etwas zu essen. Du kannst dir aussuchen, was du möchtest.“ Weil sie keine Ahnung hatte, was das Mädchen mochte.

„Harbor Stores ist der beste Ort dafür. Und gehen Sie nicht an der Bäckerei nebenan vorbei. Sie verkaufen den besten Käsekuchen, den ich jenseits von New York gegessen habe.“ Er brach ab, als eine ältere Dame über die Straße auf sie zukam. Ihr Gesicht war faltig, das Haar ergraut, doch ihre Augen funkelten.

„Ryan Cooper, der begehrteste Mann auf der Insel. Ich habe gehofft, dich zu treffen.“

„Das habe ich auch.“ Charmant ergriff er ihren Arm. „Alles bereit für heute Abend, Hilda?“

„Es könnte schwierig für mich sein, überhaupt hinzukommen. Der Arzt hat Bill gesagt, dass er ein paar Wochen nicht fahren soll.“ Sie sah ihn hoffnungsvoll an, und Ryan enttäuschte sie nicht.

„Wann willst du los? Um sieben?“

„Perfekt. Bringst du mich hinterher nach Hause?“

Er lachte. „Glaubst du etwa, dass ich meine Verabredungen sich selbst überlasse?“

„Du bist ein guter Junge, trotz der Gerüchte.“ Sie tätschelte seinen Arm. „Ich höre alle möglichen Geschichten über nächtelange Partys im Ocean Club, aber ich versuche immer wegzuhören.“

Junge? Verblüfft betrachtete Emily seinen dunklen Bartschatten, seinen Schlafzimmerblick. Sie konnte keinen Jungen in Ryan sehen, nur den Mann. Was waren das wohl für Gerüchte?

Frauen, zweifellos.

Bei einem Mann, der so aussah, musste es um Frauen gehen.

„Meinst du Daisys Party? Sie hat ihren einundzwanzigsten Geburtstag gefeiert, nicht die ganze Nacht, aber in der Tat bis kurz vor Sonnenaufgang.“

„Ich hörte, sie hat sich wie Seegras um den Allen-Jungen geschlungen.“

„Tatsächlich?“ Es war eindeutig, dass er nichts preisgeben würde, auch wenn er etwas wusste. „Falls noch jemand eine Mitfahrgelegenheit braucht, lass es mich wissen.“

Emily gefiel es, dass er nicht bereit war, irgendjemandes Geheimnisse zu verraten. Beruhigend für jemanden, der gerade selbst ein großes Geheimnis hütete.

Hilda blickte sich um und trat dann näher an ihn heran. „Das Buch des Monats war wirklich schockierend. Agnes hat es ausgewählt.“

Er sah amüsiert drein. „Das überrascht mich nicht. Meine Großmutter liebt es, Leute zu entrüsten.“

„Das stimmt. Ich weiß noch genau, wie sie ein Aktmodell für unseren Zeichenkurs engagiert hat.“ Die Frau verzog das Gesicht zu einem faltigen Lächeln. „An dem Abend hatten wir mehr Besucher als jemals sonst in der Geschichte unserer Gruppe. Wir mussten die Fenster zukleben, damit die Leute nicht mehr hereinstarrten. Aber dieses Buch ist die Höhe.“ Sie bemerkte Lizzy und senkte die Stimme. „Es gab nackte Menschen, die sich sogar den Hintern versohlten.“ Sie warf ihm einen bedeutungsvollen Blick zu. Ryans Augen funkelten.

„Langsam glaube ich, ich sollte mich der Gruppe schnellstens anschließen.“

„Das kannst du nicht. Testosteron ist nicht erlaubt.“

Damit war Ryan Cooper wohl raus, dachte Emily. Er sprühte geradezu vor Testosteron.

„Das hier ist Brittanys Freundin Emily“, sagte Ryan beiläufig. „Sie wohnt in Castaway Cottage, und das hier ist ihre Nichte Lizzy.“

Hilda musterte Emily eingehend. „Ich erinnere mich an Sie. Sie sind eine von Kathleens Freundinnen. Den Sommer haben Sie immer hier verbracht. Sie und das hübsche blonde Mädchen.“

Emily hatte nicht erwartet, dass jemand sie wiedererkennen würde. „Skylar.“

„Kathleen hat immer von Ihnen dreien gesprochen. ‚Hilda‘, sagte sie. ‚Diese drei sind wie Schwestern. Sie würden alles füreinander tun.‘ Sie waren die Ruhige.“ Hilda wandte ihre Aufmerksamkeit Lizzy zu. „Dir wird Puffin Island gefallen. Du solltest eine Bootstour zu den Seehunden und den Papageitauchern machen. Und vergiss nicht, bei Summer Scoop vorbeizuschauen. Dort gibt es das beste Eis von Maine, alles bio. Was ist denn dein Lieblingsgeschmack?“

Lizzy überlegte. „Schokolade.“

Emily fühlte sich unbehaglich.

Jeder außer ihr wusste, wie man mit einem Kind sprach. Sie redeten ganz natürlich und zwanglos, während sie den gleichen Tonfall benutzte, auf den sie auch bei einer Präsentation vor dem Firmenvorstand zurückgegriffen hätte.

Ihr wurde kläglich bewusst, dass sie erst einige Stunden eine Verantwortung trug, die ihr ganzes Leben andauern würde, als sie beobachtete, wie Ryan Hilda zurück über die Straße half. Das war die perfekte Gelegenheit, um sich aus dem Staub zu machen.

Sie könnte in den Laden gehen und das tun, was sie geplant hatte, nämlich Vorräte für das Cottage zu kaufen.

„Tante Emily?“ Lizzy presste den Bären so fest an sich, dass es unwahrscheinlich schien, dass die Nähte es überstehen würden.

Emily betrachtete die weißen Fingerknöchel und den verlorenen Gesichtsausdruck des Mädchens.

Sie wusste nichts über Feenflügel oder Teddybären. Doch das hier kannte sie.

Sie hockte sich vor Lizzy nieder. „Es muss merkwürdig für dich sein ohne deine –“ Köchin, Nanny, Putzfrau, Mutter? „– ohne die Menschen, die du aus deiner Umgebung kennst. Für mich ist es auch merkwürdig. Das ist für uns beide ein neues Leben, und es wird eine Weile dauern, bevor es sich normal anfühlt.“ Vielleicht würde es sich für sie selbst nie normal anfühlen, befürchtete Emily. Aber sie verlor kein Wort darüber. „Wir kennen uns noch nicht sehr gut, sodass ich nicht immer weiß, was du möchtest, wenn du es mir nicht sagst. Du sollst wissen, dass du mich alles fragen kannst. Sprich mit mir über alles. Und wenn es etwas gibt, das du möchtest, musst du nur fragen.“

Lizzy sah sie einen Moment aufmerksam an. „Ich möchte Waffeln und Kakao.“

3. KAPITEL

Ryan bestellte am Tresen und wechselte ein paar Worte mit Kirsti, die den Ocean Club führte und sich in der kurzen Zeit, seit sie für ihn arbeitete, unersetzlich gemacht hatte.

„Wer ist sie?“ Kirsti gab die Bestellung in die Küche durch und blickte dann auf die Terrasse, von der aus man über die Bucht sah. „Sie ist hübsch. Nicht auf eine offensichtliche, aber auf eine interessante Art. Sie sieht etwas zu unschuldig aus, um dein Typ zu sein, aber es ist ohnehin an der Zeit, dein Lotterleben aufzugeben. Vielleicht ist sie dafür genau richtig. Ich glaube, sie könnte die Eine für dich sein.“

Kirsti war fest überzeugt, dass es für jeden den einen Menschen, die große Liebe gab. Manche Leute machte das verrückt. Ryan brachte es zum Lächeln.

„Die Welt da draußen ist groß. Wenn es wirklich für jeden Menschen nur einen anderen gäbe, wären wir alle Singles.“

„Du bist Single. Und du bringst Sex und Partnerschaft durcheinander.“ Sie holte ein großes blaues Glas aus dem Regal. „Ein weitverbreiteter Fehler. Insbesondere beim männlichen Geschlecht. Das ist der Grund, warum so viele Paare scheitern. Du brauchst nicht nur jemanden, der deinen Körper zum Lodern bringt. Du brauchst jemanden, der auch deinen Geist befeuert.“

Ryan war ziemlich sicher, dass Emily zu beidem in der Lage war, doch er wollte Kirsti nicht beipflichten und behielt den Gedanken für sich. „Manchmal besteht die Partnerschaft aus Sex.“

„Bei dir besteht eine Partnerschaft immer aus Sex. Ich wette, du legst jeder Frau erst einmal eine Seite mit Klauseln und Bedingungen vor, wenn du dich mit ihr verabredest.“

„Tue ich nicht, aber das ist eine gute Idee. Ich bespreche sie mit meinem Anwalt.“

Sie sah ihn tadelnd an. „Du bist nicht lustig.“

„Ich bin sogar wahnsinnig lustig. Du teilst nur nicht meinen Sinn für Humor.“

„Tut das überhaupt jemand? Aber das meine ich ja! Du brauchst jemanden, der deine Aufmerksamkeit auf sich zieht. Dein Blick lässt sich von einem D-Körbchen fesseln, dein zynisches Herz braucht einen komplexeren Köder.“

Sein Blick glitt nach draußen zu Emily, auf ihre umwerfenden Kurven. „Meine Aufmerksamkeit ist gefesselt. Nur eine Sache stimmt nicht. Eine Sache, von der ich überzeugt bin. Weswegen sie auch nicht die große Liebe sein kann.“

„Sag mir nicht – das Kind.“ Seufzend drapierte Kirsti Sahne auf den Kakao, gab einen Strohhalm dazu und stellte das Glas auf den Tresen. „Was hast du gegen Kinder?“

„Nichts. Ich mag Kinder. Ich möchte nur nicht verantwortlich für sie sein.“

„Ein bisschen Pflichtgefühl würde dir guttun. Wer ist sie überhaupt?“

Er wusste alles über Verantwortung, wie sie einen in Schweiß ausbrechen und nachts nicht schlafen ließ. Doch Kirsti war keine Einheimische und wusste über seine Vergangenheit nur wenig.

„Eine Freundin von Brittany. Sie wohnt im Castaway Cottage.“

„Ich liebe diesen Ort. Der Garten ist verwunschen, wie aus dem Märchen.“ Sie kniff die Augen leicht zusammen. „Ich glaube, ihr werdet heiraten und glücklich bis ans Ende eurer Tage.“

„Herrje, Kirsti, nicht so laut.“ Er war hin- und hergerissen zwischen Verärgerung und Belustigung. „Man kann davon ausgehen, dass sie bereits verheiratet ist.“

„Ist sie nicht. Und das Kind ist nicht ihres.“

„Woher willst du das wissen?“

„Sie fühlt sich nicht wohl. Als ob diese ganze Sache neu für sie ist. Als ob sie einander kaum kennen und sie nicht sicher ist, wie sie sich verhalten soll.“

Ryan dachte an die Nachricht, die Brittany geschickt hatte.

Sie steckt in Schwierigkeiten.

Er wollte wissen, was für Schwierigkeiten das waren.

„Es gibt nicht so etwas wie die Eine oder den Einen. Liebe ist wie russisches Roulette. Du hast keine Ahnung, wo die Kugel landet.“

„Du bist so ein Zyniker. Warum arbeite ich eigentlich für dich?“

„Weil ich besser bezahle als jeder andere auf Puffin Island. Und weil ich dich nicht feuere, wenn du versuchst, nebenbei eine Partnervermittlung zu betreiben.“ Nachdem er das Gespräch erfolgreich in eine andere Richtung gelenkt hatte, schlenderte er auf Emily zu. Kirsti hatte recht. Sie wirkte unbehaglich. Nein, korrigierte er sich. Nicht unbehaglich. Verstört. Benommen. Wenn er sie so musterte, hatte er das Gefühl, sie könnte jeden Moment zerbrechen.

Er bemühte sich immer, Frauen aus dem Weg zu gehen, die mit Altlasten zu kämpfen hatten. Und er vermutete, dass Emily ein besonders großes Päckchen zu tragen hatte, das weit mehr wog als eine Flotte Frachtflugzeuge.

Ein Teilstück des Gepäcks, das seine Libido tatsächlich bremste, saß mit baumelnden Beinen neben ihr und wartete auf den Kakao.

Er bahnte sich seinen Weg zwischen den Tischen und registrierte zufrieden, dass nur wenige leer waren. Er hatte sie an einen Tisch platziert, von dem aus man den Strand überblickte, weil er wusste, dass dies einer der besten Aussichtspunkte auf der Insel war. Von hier konnte man die Schiffe zwischen der Insel und dem Festland sehen. Mit etwas Glück sah man die Seehunde auf der felsigen Landspitze in der Ferne. Bisher hatten sich drei Paare auf dieser Terrasse verlobt. Eine Trauung im Sonnenuntergang hatten sie auch schon veranstaltet.

Er kannte niemanden, der sich gegen einen Sitzplatz mit Blick zum Wasser entschieden hätte. Er hatte schon zwischen Paaren vermitteln müssen, die sich über den Tisch mit der besten Aussicht stritten.

Emily saß mit dem Rücken zum Meer und hielt die Augen auf Lizzy gerichtet, als hätte sie Angst, dass sie vor ihr verschwinden könnte. Es genügte ein Blick, um zu erkennen, wie extrem wachsam war.

Pass auf sie auf, hatte Brittany gesagt.

Genau das hatte er vor. Nicht nur, weil eine Freundin ihn darum gebeten hatte oder weil es zur Inselkultur gehörte, aufeinander achtzugeben, sondern weil er die Geschichte dahinter erfahren wollte. Kirsti hatte recht, dass Lizzy und Emily nicht so selbstverständlich miteinander umgingen wie Menschen, die einander lange kannten. Dennoch hatte Lizzy sie Tante genannt.

Er fragte sich, wo Lizzys Mutter war.

Gab es eine Familienkrise und Emily war eingesprungen?

„Eine heiße Schokolade, extra groß, zwei Tassen des wohlschmeckendsten Kaffees, den Sie überhaupt finden, und ein Teller mit unseren hausgemachten Waffeln. Sie sehen so gut aus, dass ich mich am liebsten hinsetzen und sie mit Ihnen essen würde.“ Schwungvoll und mit jenem Lächeln, das ihr hohe Trinkgelder und eine Vielzahl unpassender Einladungen einbrachte, stellte Kirsti alles auf den Tisch. „Guten Appetit. Sagen Sie Bescheid, wenn Sie noch etwas brauchen.“

„Für mich nichts, danke.“ Emily warf ihr einen dankbaren Blick zu. Alles an ihr wirkte improvisiert, als suchte sie tastend nach einem Weg durch die Dunkelheit. Ohne zu wissen, was sie als Nächstes tun sollte.

Der Wind blies ihr eine Strähne ihres Haars ins Gesicht. Ihre Züge faszinierten ihn. Ihre Augen hatten die gleiche grüne Farbe wie die des Kindes. Der volle, sanfte Mund gab ihm einen zarten Hinweis darauf, welche Sinnlichkeit sich hinter der maßgeschneiderten Kleidung versteckte. Seine Gedanken stürmten voraus. Vor seinem inneren Auge sah er sie nach einer Nacht voll wildem Sex, das Haar offen und zerzaust. Er war ziemlich sicher, jede Anspannung von ihr nehmen zu können, wenn man ihm nur einen Babysitter und ein paar Stunden Zeit ermöglichte. Überrascht, wie sehr es ihn danach drängte, diesen Gedanken in die Tat umzusetzen, hob er die Hand und strich ihr die Strähne aus dem Gesicht. Sie tat es im gleichen Moment, sodass ihre Finger sich streiften. Hitze durchflutete seinen Körper.

„Entschuldigen Sie.“ Er murmelte die Worte und ließ seine Hand sinken, während er zusah, wie sie die widerspenstige Locke mit ihren schlanken Fingern feststeckte. Ihr Haar hatte einen tiefen Karamellton mit Goldreflexen. Er wollte diese verdammte Haarspange ins Wasser werfen, sodass sie diese nicht wiederfand.

Um dem Drang zu widerstehen, wandte er seine Aufmerksamkeit dem Kind zu. Die Waffeln waren aufgegessen, nur ein Rest Walnusssirup in der Mitte des Tellers zeugte noch von deren Existenz. „Wie schmeckt dir deine Schokolade?“

Lizzy saß mit baumelnden Beinen auf dem Stuhl und sah zu, wie die Schiffe mit vom Wind geblähten Segeln über die Bucht glitten. Sie brauchte beide Hände, um das große Glas zu halten, weshalb sie den Bären auf den Stuhl neben sich gelegt hatte. „Sie ist gut, danke.“ Sie antwortete höflich und steif. Noch nie hatte er ein unbehaglicheres Paar erlebt.

Er erinnerte sich, wie unbefangen und verspielt Rachel in dem gleichen Alter gewesen war. Auch sie hatte sich von ihrem Lieblingsspielzeug nie trennen wollen, nur dass es bei ihr damals ein plüschiger Papageitaucher gewesen war, den sie ständig irgendwo verlor.

Er war unzählige Male auf der Insel herumgefahren auf der Suche nach diesem verdammten Vogel. Einmal hatte Scott Rowland, der Feuerwehrchef der Insel, das Plüschtier bei ihnen abgeliefert, nachdem jemand es in der Bibliothek als Rachels Spielzeug wiedererkannt hatte. Für den Fall, dass der Papageitaucher eines Tages von einem Touristen und nicht von einem Einheimischen gefunden wurde, hatte er seine Großmutter überzeugt, einen Ersatz-Papageitaucher zu kaufen, den er für den Notfall in seinem Zimmer versteckte. Sein bester Freund Zach fand das Spielzeug eines Tages in Ryans Zimmer, wo sie sich häufiger trafen und Videospiele spielten. Es kostete Ryan sechs Monate, um die Tatsache vergessen zu machen, dass er als junger Mann einen Plüsch-Papageitaucher in seinem Zimmer aufbewahrte. Jede Woche fand er nach dem Football-Spiel einen solchen in seinem Spind. Eines Morgens holte er sein Skateboard aus der Garage und entdeckte, dass jemand einen Papageitaucher daraufgemalt hatte. In diesem Sommer gab Ryan das Skateboarden auf und fing mit Basketball an. Ein ganzes Semester lang adoptierte das Team den Papageitaucher als Maskottchen. Bis Zach von dem Witz endlich genug bekam, hatte Ryan genug Plüschtiere, um Rachel eine ganze Kolonie davon zu schenken.

Wenn er abends zu Bett gegangen war, hatte er davon geträumt, irgendwo zu leben, wo es keine Papageitaucher gab.

„Brittany ist also in Griechenland.“ Er wollte das Gespräch sachlich halten und alle Themen vermeiden, die sie nervös machen konnten. Da er nicht wusste, welche das waren, dachte er, am besten über ihre gemeinsame Freundin zu sprechen. „Ich weiß noch, wie sie als Zehnjährige Archäologin gespielt und ein tiefes Loch in Kathleens Garten gegraben hat. Kathleen fragte sie damals, was mit ihren Blumen passiert sei, und meinte nur, wichtig sei das, was sich unter der Erde befände.“

Emily griff nach ihrem Kaffee. „Kannten Sie Kathleen gut?“

„Sehr gut. Auf der Insel gibt es eine Gruppe Frauen – Hilda, die Sie eben kennengelernt haben, gehört dazu –, die schon Ewigkeiten befreundet sind. Sie sind hier aufgewachsen, zusammen zur Schule gegangen, haben etwa zur gleichen Zeit geheiratet und ihre Kinder bekommen. Die Frauen waren unzertrennlich. Das Inselleben fördert solche Freundschaften. Sie waren sich so nah wie die eigene Familie.“ Er sah, wie ihre Miene sich veränderte. „Sie glauben nicht, dass Freunde wie eine Familie sein können?“

„Oh, doch.“ Ihr Blick war abwesend. „Das glaube ich durchaus. Manchmal können sie sogar besser sein als das.“

Dann hatte ihre Familie sie also im Stich gelassen.

Er versuchte sich dieses Detail zu merken. „Mit den Jahren veränderten sich ihre Treffen. Als ihre Kinder klein waren, war es eine Krabbelgruppe und eine Möglichkeit, aus dem Haus zu kommen, eine Abwechslung im langen Winter. Als die Kinder älter waren, verwandelten sie das Ganze für kurze Zeit in einen Wanderverein, und dann kam der Sommer, in dem sie mit dem Kajakfahren anfingen. Im Winter gab es Yoga, Malen – zu der Zeit passierte auch die Geschichte mit dem Nacktmodell –, und im Moment sind sie ein Buchclub.“ Nachdem er von zu Hause fortgegangen war, hatte er das Lesen eine ganze Zeit lang aufgegeben. Er schob es auf all die Male, die er Rachel Grünes Ei mit Speck von Dr. Seuss vorgelesen hatte.

„Wo treffen sie sich?“

„Sie trafen sich lange bei einer von ihnen zu Hause, doch inzwischen ist das zu aufwendig geworden. Deshalb überlasse ich ihnen einen unserer Veranstaltungsräume und liefere das Essen.“

„Ihnen gehört der Laden?“ Neugierig blickte sie um sich. „Es ist viel los. Offenbar machen Sie irgendetwas richtig.“

„Es war nicht einfach, etwas zu schaffen, das alle zufriedenstellt. Es sollte sich auch für die Inselgemeinschaft lohnen.“ Und es sollte sich auch für ihn gelohnt haben. „Die Gebäude und der Jachthafen waren schon da, doch wir haben vieles modernisiert, die Anzahl an Liegeplätzen für Mitglieder und Gäste erhöht, eine Bootswerkstatt und einen Reinigungsdienst angeboten. Als Erstes habe ich einen Club-Manager eingestellt. Wir hatten dieses riesige Gebäude, das im Grunde unbenutzt war, weshalb ich dort Apartments eingerichtet und das oberste für mich behalten habe. Dann haben wir diesen Ort hier entwickelt und das Ganze den Ocean Club genannt. Ich habe darauf gesetzt, dass die meisten Menschen, die gerade viel Zeit am Meer verbringen, am liebsten in den ersten anständigen Laden gehen, den sie finden. Im Sommer sind wir meist ausgebucht.“

„Leben Sie hier schon immer?“

„Nein. Wie die meisten Leute bin ich weggezogen, um zu überprüfen, ob es da draußen irgendwo besser ist.“

„Und war es das?“

Er dachte an das, was er gesehen hatte. Das Leben, das er geführt hatte. Seine Schulter pochte, und er versuchte sich zu entspannen. Wenn er sich verkrampfte, würde es noch schlimmer werden. „Es war anders. Ich bin auf dieser Insel aufgewachsen. Mein Großvater war Hummerfischer. Mein Vater wählte eine andere Laufbahn, verbrachte einige Zeit in der Handelsmarine, um dann auf dem Schoner Alice Rose anzuheuern und in der Gegend herumzusegeln.“

„Ich verstehe gar nichts von Schiffen.“

Ryan fragte sich erneut, was sie auf einer Insel zu suchen hatte, deren Gäste sich hauptsächlich mit dem Segeln befassten. „Das ist ein Segelschoner.“ Er deutete in Richtung Bucht, und sie drehte widerstrebend den Kopf, was ihm den Eindruck gab, dass sie lieber woanders hingesehen hätte. „Sehen Sie die zwei Masten? Einige haben mehr, aber zwei ist üblich. Die Schoner haben flache Kiele, perfekt für Küstengewässer, und ihre Takelage ermöglicht eine bessere Steuerung in den wechselnden Winden vor der Küste, sodass eine kleinere Mannschaft genügt.“

Lizzy reckte den Hals. „Es sieht aus wie ein Piratenschiff.“

Ryan lächelte, weil Rachel einst dasselbe gesagt hatte. „Meinen Vater haben sie dann zum Kapitän ernannt. Er lehrte Seefahrt und Navigation und dachte sich dann, dass die Teamarbeit, die man für das Segeln der Alice Rose braucht, auf die Geschäftswelt übertragbar sein müsste. Also überzeugte er ein paar große Unternehmen aus Boston, ihre Führungskräfte auf die Insel zu schicken. Die übrige Zeit bot er Küstenfahrten für Touristen an, und zweimal pro Jahr veranstaltete er eine vogelkundliche Tour um die Inseln. Er fand, dass man vom Deck der Alice Rose aus den besten Blick auf das Meer, die Inseln und die Tiere hatte.“

Lizzy stellte ihr leeres Glas ab. Sie hatte einen Schokoladenmund um ihre Lippen, und der Wind hatte ihre Wangen gerötet. „War er ein Pirat?“

„Nein. Das Gegenteil davon. Er war ein Pionier des nachhaltigen Ökotourismus, was eigentlich nur bedeutet, dass er die Natur liebte und dafür sorgte, dass alles, was er tat, der Insel half. Er hat einen Teil seines Einkommens für örtliche Naturschutzprojekte gespendet, vor allem für den Schutz der Papageitaucher.“

„Was ist ein Papageitaucher?“

„Das ist ein Seevogel. Vor langer Zeit haben sie auf dieser Insel gebrütet. Naturschützer arbeiten daran, sie wieder zurückzubringen.“

„Und das ist ihre Heimat? Heißt es deshalb Puffin Island?“

„Ja, auch wenn die Papageitaucher-Kolonie sich auf Puffin Rock befindet.“ Er deutete in Richtung einer kleinen unbewohnten Insel, die in der Ferne gerade noch erkennbar war. „Sie legen jedes Jahr ein Ei, und die jungen Papageitaucher kommen normalerweise zurück, um auf derselben Insel zu brüten, auf der sie geschlüpft sind.“

„Das ist faszinierend.“ Emily sah ihn neugierig an, und er bemerkte dunkle Sprenkel in ihren grünen Augen. Die Schatten unter ihren Augen deuteten auf Probleme hin, die sie wach hielten, worin auch immer sie bestanden. Vermutlich schlugen sie auch auf ihren Appetit, da sie nur einen Kaffee bestellt hatte.

„Ich schätze, sie haben eine Art Heimatinstinkt.“ Er hatte dasselbe getan, oder nicht? Auch ihn hatte es an seinen Geburtsort zurückgezogen.

Lizzys Augen weiteten sich. „Können wir sie sehen?“

„Ihr könnt eine Bootstour machen. Menschen dürfen nicht allzu nah heran, weil sie die Papageitaucher sonst verschrecken. Wo kommen Sie her?“

„New York.“ Emily sagte es rasch, und er bemerkte, wie sie Lizzy ansah und fast unmerklich den Kopf schüttelte. Er fragte sich, was das Kind ohne den warnenden Blick gesagt hätte.

Ohne ihn anzusehen, griff Emily nach einer Serviette und wischte Lizzys Mund vorsichtig sauber. Es war eine ganz natürliche Geste, etwas, das er bei seiner kleinen Schwester auch getan hatte, doch etwas an der Art, wie sie es tat, ließ ihn vermuten, dass es neu für sie war.

„Sie sagten, Sie hätten Brittany auf dem College kennengelernt. Was haben Sie studiert?“

„Angewandte Mathematik und Wirtschaft. Unsere Zimmer lagen nebeneinander.“

„Sie, Brittany und …“ Er suchte nach dem Namen. „Skylar.“

„Sie kennen Sky?“

„Nein. Aber Brittany hat von ihr erzählt. Hatte Brittany eigentlich tatsächlich ein Zimmer voller Schädel und alter Münzen, die sie ausgegraben hatte?“

Sie lächelte schwach, als von der Gruppe hinter ihnen plötzlich lautes Gelächter ertönte. Rasch drehte sie sich um. Offenbar hatte sie etwas entdeckt. Was auch immer ihre Aufmerksamkeit erregt hatte, es hatte sie aus der Fassung gebracht. Jede Farbe wich aus ihrem Gesicht, während sie weiter in die Richtung starrte. Blindlings griff sie nach ihrer Tasche und stand auf. „Wir sollten gehen. Danke für den Kaffee.“

Ryan erhob sich ebenfalls und fasste sie am Arm. „Wozu die Eile?“

Sie war ihm ganz nah, der Duft ihrer Haare stieg ihm in die Nase, die ungewöhnlichen Nuancen ihrer Farbe wurden sichtbar, und er musste zugeben, dass es tiefer gehende Gründe gab, warum er sich für sie interessierte. Es war mehr als der Wunsch, einer Freundin einen Gefallen zu tun.

Eine kühle Brise kam auf, doch er spürte nur Hitze, und die Kraft der Anziehung brachte ihn fast aus dem Gleichgewicht.

Ihr Mund befand sich direkt vor ihm. Wenn Lizzy nicht wäre, würde er sie jetzt küssen, davon war er überzeugt. Vielleicht würde sie ihn dafür ohrfeigen, doch das Risiko hätte er in Kauf genommen.

Die paar Beziehungen, auf die er sich seit seiner Rückkehr auf die Insel eingelassen hatte, waren kurz gewesen. Seine Entscheidung. Eine Meeresbiologin, die einen Sommer lang im Forschungslabor im Norden der Insel gearbeitet hatte. Eine Krankenschwester vom Festland, die gelegentlich in der medizinischen Ambulanz aushalf. Er wusste nicht, ob sie sich mehr erhofft hatten, weil er nicht danach gefragt hatte. Er lebte sein Leben im Augenblick.

„Wir haben noch so viel zu erledigen.“ Panik schwang in ihrer Stimme. „Danke für die Waffeln und den Kakao.“ Sie stand mit dem Rücken zu der Gruppe und hielt das Kind vor sich, als ob sie es vor einer für Ryan unsichtbaren Bedrohung abschirmen würde.

„Auf Wiedersehen, Ryan.“ Ohne eine Antwort abzuwarten, nahm sie Lizzys Hand und eilte mit gesenktem Kopf und ohne sich umzudrehen aus dem Café.

„War nett, Sie kennenzulernen“, murmelte er zu sich selbst und kämpfte den Impuls nieder, ihr nachzugehen. Was auch immer sie dazu bewegt hatte, den Tisch zu verlassen und fortzulaufen, er wollte sie davor beschützen.

Vielleicht war ihr plötzlich übel geworden? Sie war sehr blass gewesen, doch nur wenige Augenblicke zuvor ging es ihr gut, sodass ihre Gesundheit wohl kaum für den plötzlichen Stimmungswechsel verantwortlich sein konnte.

Auf der Suche nach Hinweisen ging er die Ereignisse durch und erinnerte sich, dass sie sich umgesehen hatte.

Sein Blick fiel auf eine Gruppe junger Leute, die den Sommer im Marine Center im Norden der Insel verbrachten. Das schwimmende Labor, das zu der Universität gehörte, brachte dem Ocean Club einen beständigen Kundenstrom ein. Die Studenten waren laut, voller Begeisterung, lebenslustig und harmlos. Und unordentlich. Sie hatten ihre Habseligkeiten über den Tisch und die freien Stühle verteilt. Rucksäcke, Wasserflaschen, Broschüren zu Bootsausflügen, ein Wissenschaftsmagazin und eine Zeitung. Sie waren in eine Diskussion über ökologische Fischfangmethoden vertieft. Er wusste, dass mindestens zwei von ihnen einen Doktortitel hatten. Sie waren völlig absorbiert von ihrer leidenschaftlichen Diskussion. Nicht einer von ihnen hatte ihrem Tisch Beachtung geschenkt.

Es gab keinen ersichtlichen Grund, der Emilys überstürzten Aufbruch erklärte.

„Du hast sie also verschreckt.“ Kirsti war zurück und räumte den Tisch ab. „Offenbar verlierst du deine Magie. Immerhin hast du einen Grund, ihr nachzulaufen.“

Ryan sah sie fragend an. „Habe ich das?“

„Sicher.“ Kirsti stellte das Tablett ab und griff nach dem Bären. „Den wird sie doch sicher vermissen. Außer, sie hat einen Ersatz. Wenn ich Mutter wäre, würde ich für alles einen Ersatz besorgen.“

Ryan nahm den Bären. „Sie kommt zurück, wenn sie bemerkt, dass sie ihn vergessen hat.“

„Oder du bringst ihn ihr.“ Kirsti stellte noch ein leeres Glas auf das Tablett. „Du solltest die Eine nicht fortgehen lassen. Dieser Bär ist das Pendant zu Aschenputtels Schuh. Nur, dass er zweifellos passen wird.“

Ryan verdrehte die Augen. „Ich habe meine Meinung geändert. Du bist gefeuert.“

„Du kannst mich nicht feuern. Ich mache großartigen Kaffee und beschwere mich nie, wenn wir viel zu tun haben. Und ich sehe es als meine moralische Pflicht, mich darum zu kümmern, dass die Menschen sich nicht den falschen Partner suchen. Apropos: Die beiden an dem Tisch bei der Tür sind völlig falsch füreinander. Kann sein, dass ich mich einmischen muss.“ Sie rauschte mit dem Tablett davon. Amor in Menschengestalt.

Gerade wollte er Emily mit dem Bären in der Hand folgen, als er versehentlich gegen einen Stuhl hinter sich stieß.

Eine Tasche und die Zeitung fielen zu Boden, und er bückte sich, um beides mit einer gemurmelten Entschuldigung aufzuheben.

Unwillkürlich überflog er die Schlagzeile, irgendetwas über die Gesundheitsreform.

Er legte die Zeitung auf den Stuhl und wollte zurück zur Bar, als ihm etwas anderes ins Auge fiel.

Juliet, Juliet, wo bist du, Juliet?

Nicht das falsche Shakespeare-Zitat erregte seine Aufmerksamkeit, sondern das Bild darunter.

Die Medien befassten sich immer noch mit dem Flugzeugabsturz, bei dem Lana Fox und ihr sehr viel älterer Liebhaber ums Leben gekommen waren. Man hatte endlose Spekulationen über den Verbleib ihrer kleinen Tochter angestellt.

Ryan ergriff die Zeitung und betrachtete das Bild näher. Und in diesem Moment hatte er die Antwort, die er gesucht hatte.

Er musste nicht länger überlegen, warum Emily fortgelaufen war. Er musste sich nicht fragen, warum sie ihm fast die Tür vor der Nase zugeschlagen hatte oder warum jemand, der nichts von Booten verstand, nach Puffin Island gekommen war.

Er wusste es.

Und er wusste, warum ihm das Kind so bekannt vorkam.

4. KAPITEL

Wir müssen zurück.“ Lizzy weigerte sich, auch nur einen Schritt zur Seite zu weichen und die Eingangstür freizugeben. „Ich habe Andrew dagelassen.“

„Es ist spät, Lizzy. Fast schon Zeit fürs Zubettgehen. Wir können jetzt nicht zurück. Ich rufe im Ocean Club an und erkläre alles. Sie werden auf Andrew aufpassen.“

Nein. Ich kann nicht schlafen ohne ihn. Jemand könnte ihn mitnehmen.“

Emily glaubte nicht, dass ein zerschlissener Teddybär mit fehlendem Auge und Riss im Hals für irgendjemanden das Traumspielzeug war, doch sie behielt diesen Gedanken für sich. Sie war zu beschäftigt, sich Vorwürfe wegen dieses grundlegenden Fehlers zu machen. Wie hatte sie den Bären vergessen können? Und warum war es ihr nicht früher aufgefallen? Das bewies nur, was sie bereits wusste – dass sie die falsche Person für diese Aufgabe war. „Die meisten Menschen nehmen nichts mit, was anderen gehört.“ In der Hoffnung, dass ihr Vertrauen in die menschliche Natur nicht falsch war, griff sie nach dem Handy. „Ich rufe dort an und bitte sie, auf Andrew aufzupassen. Wir holen ihn morgen ab.“ Bis dahin würden die Zeitungen im Papierkorb liegen, fortgeräumt von jemandem, der sie hoffentlich lieber wegwarf, als sie zu lesen.

Wenn sie Glück hatte, würde niemand die Verbindung herstellen. Dennoch hatte der Vorfall sie erschüttert.

Die Insel zu verlassen, daran war jetzt nicht mehr zu denken. Sie musste sich verstecken, und dafür gab es keinen besseren Platz als Castaway Cottage.

Lizzy verzog das Gesicht. „Ich will Andrew haben.“

Emilys Hand, in der sie das Telefon hielt, zitterte. „Ich rufe jetzt gleich an. Erinnerst du dich an die nette Frau, an Kirsti? Wir bitten sie, bis morgen auf Andrew aufzupassen.“

Lizzy antwortete nicht. Stattdessen rannte sie ins Wohnzimmer, um sich auf das Sofa zu werfen, ohne Emily eines weiteren Blickes zu würdigen.

Ein Wutanfall wäre leichter gewesen, dachte Emily unwillkürlich, doch Lizzy reagierte auf Stress offenbar mit Rückzug.

Sie suchte nach der Nummer des Ocean Club, als es an der Tür klopfte.

Was denn noch?

Hatte sie jemand erkannt?

War dies der Moment, den sie befürchtet hatte?

Sie wappnete sich für alles, was da kommen mochte, und öffnete die Tür. Sie würde die Polizei rufen. Sie würden sich in der Nacht fortschleichen. Sie würden …

Ryan stand vor der Tür, den Bären in der Hand. „Ich dachte, den würden Sie vermissen. Ich hätte ihn früher vorbeigebracht, doch wir hatten unglaublich viel zu tun.“

Emily ließ sich gegen den Türrahmen fallen. Nie war sie so erleichtert gewesen, jemanden zu sehen, wie in diesem Moment. „Sie sind ein Lebensretter. Sie himmelt diesen Bären an.“ Sie nahm ihm das Spielzeug ab und fragte sich, wo sie einen Klon des verschlissenen Teddys auftreiben sollte. „Ich hätte umsichtiger sein sollen.“

Beinahe hätte sie ihn umarmt. Doch Ryan Cooper zu umarmen kam in ihrem Fall einer gefährlichen Extremsportart gleich, der sie lieber aus dem Weg ging.

„Seien Sie nicht so streng mit sich. Als meine Schwester in Lizzys Alter war, hat sie ihre Spielsachen ständig vergessen. Außerdem hatten Sie es eilig.“

„Wir hatten einiges zu erledigen.“ Ihre Erleichterung wich der Vorsicht. „Es war nett von Ihnen, vorbeizukommen. Ich weiß nicht, wie ich Ihnen danken kann. Sie haben offenbar viel zu tun, also –“

„Es wird ruhiger um diese Zeit. Die Stille vor dem Sturm. Darf ich hereinkommen?“

Vor wenigen Minuten hatte sie sich gewünscht, nicht allein damit fertigwerden zu müssen. Nun wünschte sie, dass nicht ausgerechnet er den Bären gerettet hätte.

Sie wollte diese pure Männlichkeit nicht in ihr Haus lassen, doch Ryan hatte den Bären gebracht und ihr damit das Leben gerettet. Sie durfte nicht unhöflich zu ihm sein, nur weil er sie Dinge empfinden ließ, für die sie im Moment keine Zeit hatte.

Widerstrebend machte sie die Tür weiter auf. „Ich gebe Lizzy den Bären.“

Das kleine Mädchen lag immer noch lustlos auf dem Sofa und starrte gegen die Wand.

„Ryan hat Andrew zurückgebracht.“ Emily ging vor dem Sofa in die Hocke und legte den ramponierten Bären in Lizzys Arme. „Ich verspreche, dass wir ihn nie wieder vergessen.“

Lizzy drückte den Teddy so fest an sich, dass Emily befürchtete, er könnte seinen Kopf nun endgültig verlieren.

Ryan beobachtete die Szene von der Türschwelle aus. „Ich liebe Happy Ends.“ Er sah sich im Wohnzimmer um. „Ich war lange nicht mehr hier. Sie können sich nicht vorstellen, wie viele Angebote Kathleen für dieses Grundstück schon bekommen hatte.“

„Das überrascht mich nicht. Aber Brittany wird niemals verkaufen.“ Sie erhob sich. „Kann ich Ihnen etwas zu trinken anbieten? Wir hatten noch keine Gelegenheit, die Vorräte aufzustocken, aber ich habe Saft oder Soda. Oder Kaffee?“

Er folgte ihr in die Küche und überflog die noch nicht ausgepackten Tüten auf dem Tisch. „Das wird nicht lange reichen.“

„Für den Moment langt es.“ Sie holte Milch aus einer der Tüten hervor und verstaute sie im Kühlschrank. Sie hatte gerade einen Karton Eier in der Hand, als er das Wort ergriff.

„Emily, ich weiß es.“

„Wie bitte?“

Er blickte über die Schulter, um sicherzugehen, dass Lizzy noch im Wohnzimmer war. „Ich weiß, warum Sie davongelaufen sind.“

Sie zwang sich weiterzuatmen. „Ich weiß nicht, was Sie meinen.“

„Die Welt spekuliert über den Verbleib von Juliet Fox, der sechsjährigen Tochter der Hollywood-Schauspielerin Lana Fox, die vor einem Monat bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam, zusammen mit dem Mann, den man für einen ihrer Liebhaber hält. Es geht das Gerücht um, dass sich das Kind mit einer Freundin oder einer Verwandten an einem unbekannten Ort aufhält.“

Der Eierkarton glitt ihr aus den Fingern und fiel auf den Boden, wo der Inhalt zerbrach.

„Sie haben die Zeitung gesehen.“

„Ich wollte mir nur Ihren überstürzten Aufbruch erklären.“

Sie ignorierte die Eierpfütze, die sich auf dem Boden ausbreitete, und ließ sich auf den nächsten Stuhl sinken, um trotz der aufkommenden Panik einen klaren Gedanken zu fassen. „Ich kam her, weil ich glaubte, wir wären hier sicher.“

„Sicher wovor? Ich nehme an, Sie sind ihr Vormund.“

„Ja, auch wenn ich, wie Sie sehen können, nicht die richtige Person für die Aufgabe bin.“ Sie umfasste ihre Knie, bis ihre Knöchel weiß hervortraten, und er ging vor ihr in die Hocke, sodass sie sich auf Augenhöhe befanden.

„Warum sollten Sie nicht die richtige Person sein?“

„Wollen Sie eine Liste? Erst vergesse ich den Bären, dann riskiere ich ihre Enttarnung, indem ich sie mit in die Öffentlichkeit nehme. Ich hätte die Einladung nicht annehmen sollen.“ Sie wusste noch einen weiteren Grund, warum sie nicht die richtige Person war, den wichtigsten Grund von allen. Doch sie hatte nicht vor, ihn jemandem zu enthüllen.

„Ich war derjenige, der Sie eingeladen hat.“

„Aber die Verantwortung lag bei mir. Sie wussten nichts davon.“

Sein Blick war wie dunkler Samt, seine Stimme ruhig. „Haben Sie wirklich vor, sich zu verstecken?“

„Welche Wahl habe ich denn? Ich möchte nicht, dass die Presse erfährt, dass wir hier sind.“ Sie atmete tief durch und versuchte, sich zu beruhigen. „Ich sprach mit einem Haufen Leuten, die sich nach dem Unfall um sie gekümmert haben. Anwälte, Sozialarbeiter, Trauerbegleiter. Sogar mir hat sich der Kopf gedreht. Wie soll es da erst ihr ergangen sein? Aber die Quintessenz von allen lautete, ihr ein möglichst normales Leben einzurichten. Keine Presse. Keine Kameras. Es versetzt sie in Panik. Horden von Presseleuten standen vor dem Haus. Einer von ihnen hat sich sogar hineingeschlichen, sie in die Ecke gedrängt und versucht, sie über ihre Mutter auszufragen. Er hat sie am meisten verängstigt. Können Sie sich vorstellen, dass jemand das tatsächlich macht? Sie ist sechs Jahre alt. Sechs. Ich muss sie davor beschützen.“

Mit undurchdringlicher Miene erhob er sich wieder. „Sie haben Ihnen gesagt, dass ihr Leben so normal wie möglich verlaufen sollte. Nicht hinauszugehen ist nicht normal. Ein Kind darf nicht eingeschlossen in einem Haus leben, und Sie dürfen es auch nicht.“

„Ich glaube, dass sie viel Zeit in ihrem alten Haus verbracht hat, auch wenn das natürlich mehr ein Palast als ein Haus war und sie dort mit all dem Personal alles hatte, was sie brauchte.“

„Sie glauben? Dann kennen Sie sie nicht mal richtig?“

„Ich kenne sie überhaupt nicht.“ Da er bereits den gefährlichen Teil der Geschichte kannte, machte dieses Eingeständnis auch keinen Unterschied mehr.

„Wie auch immer ihr altes Leben ausgesehen hat, es ist vorbei. Sie muss ein neues aufbauen. Und es muss ein normales Leben sein. Sie braucht kein Personal, sondern Sicherheit.“

„Und aus diesem Grund werde ich das Cottage von nun an nur noch verlassen, wenn wir Lebensmittel brauchen.“

„Ich meine nicht diese Art von Sicherheit. Ich meine die Sicherheit, die mit dem Bewusstsein einhergeht, dass die Menschen um einen herum einen lieben und einem Rückhalt bieten. Sie können sie nicht im Cottage versteckt halten, Emily. Sie werden beide durchdrehen. Sie ist ein Kind. Sie muss die Welt erkunden und spielen. Sie muss andere Kinder kennenlernen. Und was ist mit Ihnen? Wollen Sie die nächsten zwölf Jahre hier ohne Gesellschaft von Erwachsenen zubringen?“

„Ich plane nur die nächsten zwölf Stunden. Weiter kann ich gar nicht denken.“ Zwölf Jahre? Der Gedanke brachte sie fast zum Hyperventilieren. „Ich werde Fahrten in die Stadt machen müssen. Sie ist zu klein, um allein zu bleiben, und ich habe niemanden hier, dem ich vertrauen kann.“

„Hey, lassen Sie uns das eins nach dem anderen angehen.“ Er setzte sich auf einen Stuhl ihr gegenüber. „Das meinte Brittany also mit den Schwierigkeiten, in denen Sie stecken.“

Es steckte weit mehr hinter ihrer Panik und ihrer großen Angst, zu versagen. Sie befürchtete nicht nur, Lizzys Identität nicht auf Dauer geheim halten zu können. Sie wusste, dass die Medien ihre Aufmerksamkeit mit der Zeit auf andere Dinge, andere Personen richten würde. Aber sie würde noch immer der Vormund des Kindes sein, und sie wusste, dass sie für diese große Aufgabe nicht gewappnet war. „Als ich ihr erzählte, was passiert war, schlug sie mir das Cottage vor. Kathleen hinterließ es Brittany, weil sie einen Ort für sich haben sollte, einen Ort, wo sie hingehen konnte, wenn das Leben schwierig ist. An unserem letzten gemeinsamen College-Tag gab Brittany uns beiden einen Schlüssel.“

„Ihnen und Skylar?“

„Ja. Kathleen habe es so gewollt. Wir sind damals in unterschiedliche Gegenden gezogen. Brittany selbst hat sogar eine Zeit lang auf einem anderen Kontinent gelebt. Es war ein Zufluchtsort, wann immer wir ihn brauchen sollten.“

„Und Sie brauchten ihn.“

„Es schien der perfekte Ort, um sich zu verstecken, während ich überlege, was ich tun soll.“

Für Lizzy war er perfekt. Für sie selbst war er ein Albtraum. Das Krachen der Wellen hielt sie wach und wühlte Erinnerungen auf, wie das Meer den Sand auf dem Meeresboden aufwühlte.

„Wie ist Ihr Verhältnis zu Lana Fox?“

Emily verspürte den lächerlichen Wunsch, sich an diesen starken Körper anzulehnen – ein Impuls, der für sie keinen Sinn ergab, weil sie schon für sich selbst gesorgt hatte, als sie noch jünger gewesen war als Lizzy.

„Sie war meine Schwester.“ Sie sah, wie sich sein Gesichtsausdruck von Betroffenheit zu Überraschung wandelte. „Ich habe Lana nicht mehr gesehen, nachdem ich weggezogen bin, um aufs College zu gehen. Ihr Kind habe ich vor drei Tagen zum ersten Mal kennengelernt. Wir haben keine Bindung. Lizzy hat ihre Mutter und alles Vertraute verloren und hat jetzt nur noch mich.“ Panik stieg in ihr auf. „Das ist nicht gut.“

„Das klingt nach einer höllischen Verantwortung, die auf Ihren Schultern lastet. Gibt es jemanden, der die Vormundschaft anzweifelt? Andere Verwandte?“

„Es gibt keine anderen Verwandten.“

„Wissen Sie, wer der Vater ist?“

„Lana hat es nie jemandem gesagt. Ich bin alles, was sie hat.“ Es fühlte sich noch schrecklicher an, wenn sie die Worte aussprach.

„Ich wusste nicht, dass Lana Fox eine Schwester hat.“

„Halbschwester. Wir hatten dieselbe Mutter. Andere Väter.“ Namenlose, gesichtslose Männer, die ihre Mutter nach einem ihrer vielen alkoholisierten Abende mit nach Hause gebracht hatte.

„Ich erinnere mich, dass ihre Mutter einmal erwähnt wurde. Sie war eine Alkoholikerin …“ Seine Stimme erstarb, als er ihr ins Gesicht sah. „Entschuldigen Sie. Sie war auch Ihre Mutter.“

„Ich habe keine Angst vor den Tatsachen, und Tatsache ist, dass meine Mutter mit Männern geschlafen hat, wenn sie betrunken war, um dann nüchtern den Konsequenzen ins Gesicht zu sehen. Sie ist vor ein paar Jahren gestorben. Ihre Leber hatte entschieden, dass es wohl eine Party zu viel gewesen war.“

„Ich wüsste nicht, dass Lana Fox in den Medien jemals selbst über ihre Familie gesprochen hat.“

„Sie erfand sich neu. Wir hatten nicht gerade eine märchenhafte Kindheit.“

„Manche Märchen sind ziemlich übel.“ Er streckte die Beine aus. „Diese Mutter in Aschenputtel war eine ziemliche Hexe.“

Das hellte die Stimmung auf, und ein Lachen stieg in ihr auf. „Ja. Und dann ist da die Königin in Schneewittchen. Ein klassisches Beispiel für eine narzisstische Persönlichkeitsstörung.“

„Cruella de Vil ist im Grunde eine Serienkillerin.“

„Von Dalmatinern.“

„Stimmt, aber sie zeigt die gleichen psychotischen Tendenzen, die bei anderen Mördern zu finden sind. Ein Mangel an Mitgefühl und Reue.“

„Vielleicht war meine Kindheit doch märchenhafter, als ich dachte.“

„Da fehlen zu viele Elemente. Zum Beispiel haben Sie Ihren Prinzen nicht gefunden.“ Er blickte auf ihre linke Hand. „Sie sind Single.“

„Wann immer ich ihn sah, wie er den Turm zu meinem Schlafzimmer hinaufkletterte, habe ich ihm einen kräftigen Stoß versetzt.“

„Wirklich? Nur aus Interesse, was hat Sie abgehalten?“

„Er war gruselig.“

„Garantiert.“ Sein Lächeln verblasste. „Dann standen Sie und Lana sich als Kinder nicht sehr nah?“

„Ich war die hässliche Schwester.“

„Angesichts der Tatsache, wie grundlegend falsch diese Beschreibung ist, gehe ich davon aus, dass sie von Lana stammte.“

„Sie hat nicht gelogen. Sie war sehr schön.“ Emily dachte an ihre Kindheit. „Und nein, wir standen uns nicht nah. Wir waren nur zwei Menschen, die eine Zeit lang unter dem gleichen Dach wohnten. Zu erfahren, dass sie mich als Vormund bestimmt hatte, war ein Schock für mich. Aber dann dachte ich darüber nach und begriff, dass es niemand anderen gab. Es war eine Entscheidung aus der Not, nicht aus freien Stücken.“

„Hat Sie Ihnen einen Brief hinterlassen?“

„Nichts.“

„Also haben Sie in der einen Minute noch Ihr Leben gelebt, in dem Sie seit Teenagerzeiten keinen Kontakt mehr mit Ihrer Halbschwester hatten, und in der nächsten waren Sie der Vormund ihres Kindes. Das ist ein mächtiger Lebenseinschnitt. Haben Sie gearbeitet? Was haben Sie mit dem Mathe- und Wirtschaftsstudium gemacht?“

„Bis letzten Monat war ich Unternehmensberaterin. Ich arbeitete für Taylor Hammond in New York.“

Er sah beeindruckt aus. „Das ist der Marktführer.“

„Das Unternehmen wurde umstrukturiert, und da gab es für mich keinen Job mehr. Ich hatte Vorstellungsgespräche für meine nächste Anstellung, als ich das mit Lizzy erfuhr.“ Sie knetete die Hände im Schoß. „Skylar würde sagen, dass es wohl ein Zeichen war. Dass es einen Zweck hatte. Eines Tages blicke ich zurück und bin dankbar dafür.“

Ryan lachte verhalten. „Kirsti würde vermutlich dasselbe sagen. Sie glaubt an das Schicksal. Vermissen Sie New York? Sie hatten Ihr Leben dort.“

Emily fragte sich, ob das, was sie gehabt hatte, wirklich ein Leben genannt werden konnte. „Ich hatte einen Job und einen Freund.“

„Also gab es einen Prinzen. Haben Sie ihn zusammen mit den anderen den Turm hinuntergestoßen?“

„Er sprang. Er erhaschte einen Blick auf die Prinzessin, entschied, dass sie nicht nach einem guten Handel aussah, und machte sich davon.“ Es half, einen Scherz daraus zu machen. „Er hat mich vor einem Monat verlassen.“

„Das ist aber kein royales Verhalten. Und das war noch bevor Lizzy aufgetaucht war. Dann war es nicht wegen des Kindes?“

„Nein.“ Sie starrte auf die Schweinerei am Boden. „Nicht deswegen.“

„Wie lange waren Sie zusammen?“

„Drei Jahre. Von denen wir zwei zusammenwohnten.“

„Das Leben hat Ihnen wirklich übel mitgespielt.“ Sein Blick war beruhigend, mitfühlend. „Nur damit Sie es wissen: Wenn Ihnen der Sinn nach Rache-Sex steht, stehe ich gerne zur Verfügung, Sie müssen es nur sagen. Oder benutzen Sie mich einfach und erklären mir hinterher die Details, wenn Ihnen das lieber ist.“

Sie hätte nicht gedacht, dass sie das zum Lachen bringen würde, doch das tat es. „Haben Sie das eben wirklich gesagt?“

„Das habe ich. Wollen Sie drüber nachdenken?“

Das Verrückte war, dass sie tatsächlich darüber nachdachte. Welche Frau würde das nicht tun? Ryan Cooper war unglaublich attraktiv. Wenn man nur eine unvergessliche Nacht wollte, wäre er die perfekte Wahl. „Ich versuche, eine verantwortungsvolle Elternfigur zu sein. Ich habe schon den Bären verloren. Beim Sex auf dem Küchentisch erwischt zu werden, wäre ein Kardinalfehler.“

„Möglich. Also nur zur Klärung – alles, was Sie davon abhält, ist Ihre Nichte, die im Wohnzimmer schläft?“

„Ich kann kaum glauben, dass ich darüber lache. Was gibt es da zu lachen?“

„Meiner Erfahrung nach hilft Lachen immer. Also, was haben Sie vor?“

„Ich habe es hierher geschafft. Bislang ist es das. Ich muss mich bedeckt halten und überlegen, was das Beste für Lizzy ist.“

„Und was ist mit Ihnen?“

Ihr Mund war trocken. „Was ist mit mir?“

„Sie haben sich nicht um diese Sache beworben. Es war nicht Ihre Entscheidung.“ Etwas an der Art, wie er das sagte, ließ sie sich fragen, ob mehr hinter dieser Bemerkung steckte als eine scharfsinnige Beobachtung.

„Keine von uns hat sich das ausgesucht.“

„Ich nehme an, Sie haben den Namen Lizzy gewählt, weil Sie fürchten, dass Juliet Aufmerksamkeit erregen könnte.“

„Es ist kein gängiger Name und momentan in der Presse verbreitet, deshalb hielt ich es für sicherer, ihn nicht zu benutzen.“

„Gute Entscheidung. Solange das Thema noch brisant ist, sollten möglichst wenige Menschen davon erfahren.“

„Aber Sie wissen es.“ Als ihr die Bedeutung dessen aufging, verschlug es ihr fast den Atem. „Was werden Sie mit der Information anstellen? Die Presse würde einen Haufen Geld für ein Foto von Lanas Kind zahlen.“

„Sehe ich aus, als müsste ich eine Story an die Presse verkaufen?“ Unter dem Mantel seiner sanften Stimme schwang ein stählerner Ton mit, der sie erschreckte. Er war so hilfsbereit gewesen, ihre Anschuldigung musste ihm undankbar erscheinen.

„Es tut mir leid. Das war unverzeihlich. Aber ich kenne Sie nicht, genauso wenig wie Lizzy.“

„Sie wissen, dass sie heiße Schokolade und Waffeln mag.“

Sie lächelte flüchtig. „Kleine Schritte.“

Er erhob sich. „Das Leben besteht aus kleinen Schritten. Fangen wir damit an, die Eier zu beseitigen, bevor Sie darauf ausrutschen. Wenn Sie sich die Beine brechen oder ohnmächtig werden, macht das die Zukunft nicht einfacher.“

„Die Eier waren für das Frühstück gedacht.“

„Ich bringe Ihnen Frühstück. Ich komme um neun Uhr vorbei. Verlassen Sie das Cottage nicht, bis ich hier bin. Damit sind die nächsten zwölf Stunden geplant. Und danach planen wir die nächsten zwölf Stunden. So kann man durch das ganze Leben kommen.“ Mit einer Effizienz, die sie erstaunte, wischte er den Schlamassel vom Boden auf und verstaute die Einkäufe aus den Tüten, während Emily nach Lizzy sah.

Sie schlief, Andrew noch immer an sich gepresst.

„Sie ist erschöpft. Ich sollte sie zu Bett bringen.“

„Ich trage sie rauf.“ Ryan stand hinter ihr, doch sie schüttelte den Kopf.

„Ich mache das schon.“

„Sind Sie sicher?“ Er musterte ihre Statur. „Sie sehen nicht kräftig genug aus.“

„Vorsicht. Sie fangen an, wie ein Märchenprinz zu klingen. Nur fürs Protokoll: Ich kann mir selbst ein Schloss erobern.“ Sie hob Lizzy auf die Arme und ging nach oben. Sie wog mehr, als Emily gedacht hatte, aber sie würde sich lieber das Rückgrat verrenken, als das Ryan Cooper gegenüber zuzugeben.

Sie legte Lizzy auf das Bett, zog ihr die kleinen Schuhe aus, bevor sie Andrew neben sie platzierte und Kind und Teddy zudeckte. Als sie aufstand, betrachtete sie die langen Wimpern und fühlte sich erdrückt von der Verantwortung.

Das hier war nicht vorübergehend. Das hier war nicht nur für ein paar Tage oder auch den ganzen Sommer.

Das hier war für immer.

Sie unterdrückte die aufsteigende Panik und trat vom Bett zurück. Sie konnte nicht an für immer denken.

Sie kehrte in die Küche zurück, wo Ryan gerade mehrere Schränke öffnete. „Wonach suchen Sie?“

„Wein?“ Er hielt inne. „Oder vielleicht trinken Sie ja nicht.“

Sie wusste, dass er an ihre Mutter dachte. „Ich trinke. Aber ich höre auch auf. Unglücklicherweise gehört Wein nicht zu den Sachen, die ich in meinem Zwei-Minuten-Durchgang durch die Hafengeschäfte eingekauft habe.“

„Hält Kaffee Sie wach?“

„Ich schlafe sowieso nicht.“ Sie hatte Angst, die Augen zu schließen, falls irgendwas geschah.

Und jetzt hatte sie Lizzy mit in ihrem Bett.

„Also, was ist das Schlimmste an der ganzen Sache? Der Freund, der Job oder das Kind?“ Er griff nach der Kaffeedose, während sie zwei Becher auf den Tresen stellte.

„Eindeutig das Kind.“

„Nicht der Freund?“

„Es wäre mit der Zeit sowieso auseinandergegangen.“

„Bindungsangst?“

„In gewisser Weise.“

„Viele Männer leiden daran.“

„Ich spreche von mir. Ich beende all meine Beziehungen.“

Er warf ihr einen neugierigen Blick zu. „Ich hätte Sie niemals als notorische Herzensbrecherin eingeschätzt.“

„Ich versuche, es zu verbergen. Ich schmirgele den Bettpfosten, um die Kerben zu verstecken.“

„Was erwarten Sie von einer Beziehung?“

Sie sah zu, wie er sich in der Küche bewegte, Kaffee in die beiden Becher schenkte und ihr einen reichte. Er wirkte souverän und entspannt. „Ich bin nicht auf der Suche nach dem traditionellen Happy End, wenn Sie das meinen. Zwei Kinder und ein Hund, das hat mich noch nie interessiert.“

„Was an diesem Szenario stört Sie am meisten? Der Hund?“

Sie wusste, dass er scherzte, doch diesmal konnte sie nicht darüber lächeln. „Alles daran stört mich.“

„Aber Sie haben jetzt trotzdem ein Kind.“

„Ja.“ Sie ging zum Fenster und versuchte, sich zu beruhigen. „Am liebsten an diesem Haus mag ich den Garten. Wir haben immer Blaubeeren gepflückt und sie zum Frühstück gegessen.“

„Das Klima und der Boden sind hier perfekt dafür. Sie sollten das Blaubeer-Eis bei Summer Scoop am Hafen probieren. Es ist köstlich.“ Ryan hielt inne. „Was wollen Sie wegen eines Jobs unternehmen? Puffin Island ist nicht gerade das Zentrum für Unternehmensberatungen.“

„Im Moment denke ich darüber nicht nach.“ Sie nippte an ihrem Kaffee und überlegte, wie seltsam es war, einen Mann in der Küche sitzen zu haben. „Ich versuche mich noch daran zu gewöhnen, für ein Kind verantwortlich zu sein. Ich habe etwas Geld gespart. Über den Rest mache ich mir später Gedanken.“

„Weiß Ihr Exfreund, was geschehen ist?“

„Nein.“

Seine Augen verengten sich. „Verstehe ich das richtig? Sie waren drei Jahre zusammen, und er hat nicht einmal gefragt, wie es Ihnen geht?“

„Die einzigen Menschen, die davon wissen, sind Brittany und Skylar. Und natürlich die Anwälte. Sogar Lanas Personal hat man nichts gesagt – aus offensichtlichen Gründen, da mindestens einer von ihnen den Journalisten ins Haus gelassen hat. Wer tut so etwas? Wer stellt einem Kind nach?“ Sie stellte den Becher ab und sah hinaus in den Garten. „Es wird mir nicht gelingen, es zu verheimlichen, oder? Dieser Ort wird im Sommer überschwemmt werden mit Touristen. Irgendjemand wird sie erkennen.“

„Nicht unbedingt. Sie vergessen, dass die Leute das hier nicht erwarten. Dieser Ort ist nicht Hollywood. Die Leute kommen hierher, um eine Auszeit von dem geschäftigen Treiben ihres Lebens zu nehmen. Sie kommen wegen der Küste und der Meeresluft hierher.“

„Dann wird einer der Einheimischen etwas sagen. Ihr Bild auf der Titelseite der Zeitung. Das sollte nicht erlaubt sein.“

„In der Gemeinde hat sich ein starker Zusammenhalt entwickelt.“

„Aber ich bin kein Mitglied der Gemeinde.“

„Sie sind Brittanys Freundin, leben in Brittanys Cottage. Das macht Sie zu einer Einheimischen.“

„Es braucht nur eine Person. Ein Anruf bei der Presse, und plötzlich wimmelt es auf der Insel vor Journalisten – wie Ameisen, die Zucker gefunden haben.“

Er trank seinen Kaffee aus. „Heute Nacht sind Sie hier sicher. Und morgen überlegen wir uns einen Plan.“

Sie wusste, dass ein Plan nichts an den Tatsachen ändern konnte.

Ob sie es wollte oder nicht, sie war für ein Kind verantwortlich.

Er fuhr auf der Küstenstraße nach Hause, als er ein Licht in Alecs Haus brennen sah und überlegte, ob er kurz bei ihm halten sollte. Dann entschied er, dass er sich Fragen einhandeln würde, die er nicht beantworten wollte.

Er vermied das Gewühl in der Bar und ging direkt in sein Apartment. Das Gebäude, in dem sich jetzt die Ocean Club Apartments befanden, war ursprünglich eine Werft gewesen. Sie hatte drei Jahrzehnte lang leer gestanden, ramponiert von den Stürmen und dem Winterwetter, weshalb er das Land auch zu einem lächerlich niedrigen Preis erworben hatte. Anders als andere hatte er das Potenzial darin gesehen.

Es war eine Heidenarbeit gewesen, es umzuwandeln, doch seine Belohnung bestand in einem profitablen Vermietungsgeschäft und einem Top-Apartment, das er zum Hundertfachen hätte verkaufen können. Es erstreckte sich über die Länge des Gebäudes und hatte einen offenen Wohnraum mit riesiger Glasfront, der unabhängig von Saison und Wetter von Licht durchflutet wurde.

Abends lag er gerne auf einem der Sofas und sah zu, wie die Sonne im Meer versank. Heute Abend ging er direkt zu seinem Büro in der Ecke des Raumes und klappte den Laptop auf.

Er schaltete ihn ein und holte sich ein Bier aus dem Kühlschrank, während das Gerät hochfuhr. Hingelümmelt auf dem Stuhl, dachte er über die Frau nach.

Als sie ihm am vorigen Tag die Tür geöffnete hatte, waren ihm als Erstes diese grünen Augen aufgefallen und kurz danach die herrlichen Kurven, die kein noch so diskreter Kleidungsstil verbergen konnte.

Dass sie für ihre verwaiste Nichte ihr eigenes Leben auf Eis legte, war löblich, bedeutete aber zugleich, dass sie nicht infrage kam.

Komplizierte Verwicklungen und andere Vertraulichkeiten gehörten nicht zu den Dingen, die er in einer Partnerschaft suchte.

Er hatte genug Elternschaft gehabt in einem Alter, in dem die meisten gerade erst die Bedeutung von Sex entdeckten.

Ohne die Bitte von Brittany, nach ihrer Freundin zu sehen, hätte er sich verdammt noch mal ferngehalten von ihr. Und nun, da er die Tatsachen kannte, wünschte er, er hätte es getan.

Er verstand ihre Situation besser, als sie sich vorstellen konnte, was die sinnliche Anziehung zwischen ihnen in einen Störfaktor verwandelte, den er tunlichst ignorieren wollte.

Eine Frau mit Kind passte nicht zu seinen Vorstellungen, und es machte keinen Unterschied, dass das Kind nicht ihr eigenes war. Er hasste die Rolle des weißen Ritters genauso wie Frauen, die sich Hochzeit und Familie wünschten.

Juliet Fox.

Offenbar hatte Brittany ihr nichts von seiner Vergangenheit erzählt. Wenn Emily die Wahrheit gekannt hätte, hätte sie ihm bestimmt die Tür vor der Nase zugeschlagen.

Mit einem unterdrückten Fluch wandte er sich seinem Laptop zu und tippte.

Er begann mit einer Internet-Suche. Er wusste, wo er die Informationen, die er brauchte, herbekam, und als er alles gefunden hatte, was keine tieferen Recherchen benötigte, griff er nach dem Telefon und wählte eine Nummer.

„Larry?“

„Hallo, Fremder.“

Er sah seinen alten Kollegen und Widersacher vor sich, wie er über seinen unordentlichen, von Unmengen Papieren bedeckten Schreibtisch gebeugt dasaß. „Keine Neuigkeiten heute?“

„Seit wann kümmern dich die Neuigkeiten? Ich dachte, du bist im Ruhestand, Bootsjunge.“

„Das bin ich, aber die Zeitung von heute schläfert mich erst so richtig ein. Lana Fox auf der Titelseite. Was hat es damit auf sich?“

„Warum willst du das wissen? Nicht gerade dein Interessengebiet. Und überhaupt: Als ich das letzte Mal von dir hörte, hast du nichts außer den Gezeitentabellen gelesen. Denkst du etwa daran, in das wirkliche Leben zurückzukehren?“

„Nein. Ich bin nur neugierig.“

„Neugier ist der letzte Schritt vor der Rückkehr aus dem Ruhestand.“

„Ich bin nicht im Ruhestand. Ich habe die Richtung geändert.“ Ryan nahm sein Bier, verdrängte die Bilder, die ihn nachts noch immer wach hielten, und schaute auf den Bildschirm. „Erzähl mir, was du über sie weißt.“

„Lana Fox? Sie ist tot.“

„Ja, das habe ich mitbekommen. Ich hoffte auf ein bisschen mehr Hintergrund und Tiefe.“

„Tiefe und Lana Fox sind Worte, die nicht gut zueinanderpassen. Was weiß ich? Eine total Verrückte. Keiner weiß, wie sie es geschafft hat, sich vor der Kamera zusammenzureißen. Es geht das Gerücht um, dass ihr beim letzten Film der Rauswurf drohte, weil sie so viele Drehtage versäumt hat.“

Ryan streckte die Beine aus und sah hinaus aufs Meer. „Die Zeitung hat ein Kind erwähnt.“ Ein Kind, das sie in der Obhut einer Tante zurückließ, die sie niemals getroffen hatte.

„Warum interessiert dich das überhaupt?“

„Ich kann mir Lana nicht als Mutter vorstellen, das ist alles. Schien nicht der Typ dafür.“

„Na ja, sie war nicht gerade Mary Poppins, wenn du es genau wissen willst. Ich glaube, sie hat häufiger vergessen, dass sie ein Kind hat, bis auf die wenigen Gelegenheiten, wenn sie mit ihr vor den Kameras angeben konnte. Wenn du mich fragst, war das Kind ein PR-Gag. Vielleicht wollte sie die Aufmerksamkeit. Sie hat es jedenfalls geschafft, dass alle über den Vater spekulierten. Wer weiß? Vielleicht hätte sie seine Identität irgendwann enthüllt. Sie irgendwann benutzt. Damit mal die anderen auf der Besetzungscouch sitzen. Und die Frau obenauf.“

Ryan dachte daran, wie Emily ihm erzählt hatte, dass Lizzy Angst vor Kameras und Fotografen hatte.

Nachdenklich betrachtete er die Lichter einer Jacht, die in der Dunkelheit blinkten. „Irgendeine Ahnung, was mit ihm geschehen ist?“

„Dem Mädchen? Das ist ein Geheimnis. Da gab es Gerede von Familie, doch ich dachte immer, dass Lana sich per Zauberstab und Feenstaub selbst auf die Welt gebracht hat. Niemand konnte Einzelheiten herausbekommen. Vermutlich versteckt sich da eine Story, wenn jemand bereit wäre, richtig zu recherchieren.“

„Klingt für mich nicht nach einer großen Story.“

„Für mich auch nicht, deshalb bevorzuge ich ja größere Aufgaben als die Jagd nach Erstklässlern. Also, warum all die Fragen? Hast du es satt, die ganze Zeit mit Hummern herumzulungern, und willst zu den glitzernden Lichtern der Großstadt zurückkehren?“

„Das wird in absehbarer Zeit nicht passieren.“

„Bist du gelangweilt davon, Manager zu sein? Denkst du daran, eine Zeitung zu gründen? Die Puffin Post?“ Larry lachte über seinen eigenen Witz. „Den Crab Chronicle.“

„Du bist zum Totlachen.“

„Nein, du bist zum Totlachen, weil du dich in der eisigen Ödnis des ländlichen Maine verkriechst, wo du hier an vorderster Front sein könntest. Du musst nicht reisen, falls dir das nicht mehr gefällt. Du könntest dir den Job aussuchen. So ist das, wenn man der Beste der Besten war. Komm zurück. Wisch den Staub vom Pulitzerpreis. Komm zurück auf die dunkle Seite.“

„Nein.“ Ryan betrachtete die blinkenden Lichter eines Bootes in der Bucht. „Diese Zeit ist vorbei.“

„Sie wird nie vorbei sein. Du bist ein Journalist aus Leidenschaft. Du kannst nicht anders. Du riechst Blut und gehst auf Jagd. Also, was geht da vor sich? Hat deine Nase eine Fährte aufgenommen?“

Ryan dachte an Juliet Fox. Wie sich die Medien auf diesen Leckerbissen von einer Information stürzen würden.

Er dachte daran, wie Emily reagieren würde, wenn sie von seiner Karriere vor seiner Rückkehr auf die Insel erfuhr.

„Nein“, sagte er langsam. „Ich habe nichts. Ich lebe hier in der eisigen Ödnis des ländlichen Maine, erinnerst du dich? Hier geschieht nie etwas.“

5. KAPITEL

Emily erwachte bei Sonnenschein und blauem Himmel nach einer weiteren Nacht, in der sie kaum geschlafen hatte. Sie schaltete ihr Handy ein und fand auf der Mailbox einen Anruf von Skylar, die fragte, wie es ihr ging.

Ryan Coopers dunkles, attraktives Gesicht tauchte vor ihrem inneren Auge auf. Der Gedanke an die ruhige Art, mit der er ihrem kleinen Nervenzusammenbruch begegnet war, hatte sie in ihrer Angst beruhigt, für Lizzy verantwortlich zu sein.

Sie schob den Gedanken beiseite und schrieb eine Nachricht an Skylar.

Bin okay, danke.

Auf keinen Fall würde sie einer unheilbaren Romantikerin wie ihrer Freundin von Ryan erzählen. Brittany, die in einer Nachricht aus den frühen Morgenstunden die gleiche Frage gestellt hatte, schickte sie einen ähnlichen Text und schlüpfte dann aus dem Bett.

Lizzy schlief noch, sodass sie in Kathleens hübschem Badezimmer kurz unter die Dusche ging. Danach klemmte sie ihr Haar mit einer Spange am Kopf fest und griff nach einer weiteren schwarzen Hose, die zum Grundstock ihrer Garderobe gehörte.

Früher oder später musste sie deswegen etwas unternehmen. Sie hatte keine Kleidung, die sich für ein lässiges Strandleben eignete.

Es fühlte sich merkwürdig an, nicht ständig nach der Uhr zu schauen und die Terminkalender zu synchronisieren.

In New York hätte ihr Arbeitstag vor Stunden angefangen. Um sechs Uhr morgens hätte sie am Schreibtisch gesessen. Wenn ein Kundentermin auf dem Plan stünde, befände sie sich vermutlich in zehntausend Metern Höhe in einem Flugzeug auf dem Weg zum Treffen. Ihr Leben war eine Abfolge von Übernachtungen in anonymen Hotelzimmern und endloser Arbeit an Projekten gewesen, an die sich nie jemand erinnern würde. Es hatte keine Zeit zum Innehalten gegeben, und sie begriff, dass das hektische Tempo ihres Lebens dafür gesorgt hatte, dass ihre Vergangenheit sie nicht einholte.

Neil wollte sie davon überzeugen, es ruhiger angehen zu lassen und in ihre Beziehung zu investieren.

Sie hatte nichts zu investieren gehabt. Sie war emotional bankrott.

Sie nahm nichts und hatte nichts zu geben. Was vermutlich der Grund war, warum sie nichts gefühlt hatte, als es zu Ende ging.

Während sie noch darüber nachdachte, wie ihr sorgfältig geordnetes Leben so außer Kontrolle hatte geraten können, ging sie nach unten, setzte Kaffee auf und öffnete die Tür zum Garten. Sie stand da, atmete den aromatischen Duft von Kaffee und genoss die Wärme. Das Geschrei der Vögel übertönte hier beinahe die Meeresbrandung.

Es war ein Sonnenfleckchen, geschützt vor dem peitschenden Wind und gestaltet als eine Oase der Natur. Kathleen hatte ihre Pflanzen sorgfältig ausgewählt. Verschiedene Stauden in Rot-, Blau- und Gelbtönen drängten sich aneinander, um die Bienen anzuziehen. Zwischen den Steinen wuchsen Wildblumen, Moos und Farne, und Schmetterlinge tanzten im Sonnenschein von Blüte zu Blüte.

Es war ein wunderbar friedlicher Ort. In manchen Sommern hatte sie Stunden zusammengerollt auf einer der Liegen verbracht, lesend, verloren in Welten, die nicht ihre waren.

„Tante Emily?“

Als sie sich umdrehte, stand Lizzy mit schläfrigen Augen vor ihr, die Hände um ihren Bären geklammert.

„Hallo.“ Emily sprach leise. „Hast du gut geschlafen?“

„Können wir zum Strand gehen?“

Die Ruhe verflüchtigte sich. „Nicht heute.“ Früher oder später musste sie sich der Herausforderung stellen, aber noch nicht. Da sie sich auf einen Streit eingestellt hatte, nahm sie erleichtert das Geräusch eines Wagens wahr. „Das wird Ryan sein. Er bringt uns Frühstück.“

„Waffeln?“

„Lass uns nachsehen.“ Sie hätte ihn vermutlich um ein gesundes Frühstück bitten sollen, aber sie sagte sich, dass dafür noch genug Zeit war. Widerstrebend verließ sie die flirrende Ruhe des Küstengartens und ging zur Eingangstür.

Dort stand Ryan – in der einen Hand hielt er mehrere Tüten mit Lebensmitteln, in der anderen die Leine eines aufgeregten Hundes, eines Spaniels mit lebhaften Augen und weichen Schlappohren. „Sitz. Sitz! Lauf nicht ins Haus. Nein, bleib unten …“ Er brach ab, als der Hund an Emily hochsprang und ihr die Pfoten auf die Oberschenkel legte. „Entschuldigung. Sie sehen ja, wer hier das Sagen hat.“ Er stellte die Tüten auf der Veranda ab und zog den aufgeregten Hund von ihr fort, doch Emily ging in die Hocke, weil sie diesen hoffnungsvollen Augen und dem wedelnden Schwanz nicht widerstehen konnte.

„Du bist prachtvoll.“ Sie gurrte und plapperte, fuhr mit der Hand über das weiche, samtige Fell und konnte sich nicht erinnern, jemals mit so viel Zuneigung belohnt worden zu sein. Als der Hund ihr die Pfoten auf den Schoß legte und versuchte, ihr Gesicht zu lecken, legte sie ihre Hände auf das herumwuselnde Tier und lachte. „Gehört er Ihnen?“

„Er ist eine Sie, und nein, nicht meiner. Ein Hund bedeutet Verantwortung, und ich habe kein Interesse daran, mir vorschreiben zu lassen, wie ich mein Leben lebe.“ Doch als er das zappelnde Tier von Emilys Schoß zurückzog, ging er sehr liebevoll mit ihm um. „Beruhige dich. Sie versteht übrigens keines der Kommandos. Ihr Wortschatz ist noch ausbaufähig. Bislang ist Fressen der einzige Begriff, den sie kennt.“

„Wem gehört sie?“

„Meiner Großmutter. Unglücklicherweise musste sie sich im letzten Winter einer Hüftoperation unterziehen und hat sich noch nicht vollständig erholt, sodass das Gassigehen mit Cocoa jetzt meine Aufgabe ist. Ich versuche es zu delegieren, aber wir haben heute viel zu tun im Ocean Club, sodass sie mit mir mitgehen musste. Ich dachte, sie könnte im Garten spielen, während wir frühstücken.“

Vor einer Woche hatte es weder Hund noch Kind in ihrem Leben gegeben. Nun hatte sie beides. „Wir halten Sie von der Arbeit ab.“

„Mein Personal wird es Ihnen danken. Die haben mehr Spaß, wenn ich nicht da bin.“

Die Hündin nutzte den kurzen Moment der Ablenkung, um in das Cottage zu stürzen, wo sie mit ihren Pfoten über den Boden und in Lizzy hineinschlitterte, die im Flur stand und ihren Bären in der Hand hielt.

Weil sie nicht wusste, wie Lizzy zu Hunden stand, eilte Emily in zwei Schritten zu ihr und hob sie hoch. „Sie heißt Cocoa und ist ganz brav.“ Das Kind versteifte sich in ihren Armen, und Emily fragte sich, ob es ein Fehler gewesen war, sie hochzunehmen. Hätte sie lieber Cocoa hochnehmen sollen? Sie wollte sie gerade hinunterlassen, als sie spürte, wie Lizzy die dünnen Ärmchen um ihren Hals schlang. Seidige Locken streiften ihre Wange, und sie spürte den warmen Atem an ihrem Hals, als Lizzy sich in einer schmerzhaft vertrauten Geste an ihre Schulter schmiegte. Tief in ihr regte sich etwas, und Emily schloss die Augen.

Nicht jetzt.

Dies war nicht der Zeitpunkt, um sich zu erinnern.

„Alles in Ordnung?“ Ryan griff nach dem Hund. „Das Tier ist ein echter Problemfall. Meine Großmutter dachte, ein Hund würde sie jung halten. Mich dagegen hat er zehn Jahre altern lassen.“

Emily richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf die Gegenwart und ließ Lizzy sanft zu Boden, wo Hund und Kind einander anstarrten.

Die Hündin winselte und legte sich vor Lizzys Füßen auf den Bauch.

Ryan hob die Augenbrauen. „Ich glaube, jetzt wissen wir, wer hier die Macht hat. Gute Arbeit, Lizzy. Sie mag dich. Von jetzt an hast du das Sagen. Streck deine Hand aus und lass sie daran schnüffeln.“

Die Hündin erhob sich schwanzwedelnd und stupste ihre feuchte Schnauze in die Kinderhand.

Lizzy lächelte. Das erste Lächeln, das Emily sah, seit sie das Mädchen am Flughafen mit ihrem Koffer in Empfang genommen hatte. Ein Koffer, aber mehr Gepäck, als ein kleines Wesen allein tragen sollte.

Emily fuhr sich über die trockenen Lippen. Im Moment spürte sie eine eigene Last auf ihre Schultern drücken.

Dankbar für die Ablenkung durch den Hund, holte sie die Tüten, die Ryan auf der Türschwelle abgestellt hatte, und brachte sie in die Küche.

Er folgte ihr. „Sie haben nicht geschlafen.“

„Woher wissen Sie das?“

„Blasses Gesicht. Dunkle Augenringe. Das ist ein todsicherer Hinweis. Keine Angst, ich habe das perfekte Geschenk für Sie.“ Er griff in eine der Tüten und holte zwei große Becher mit dem geschwungenen Logo des Ocean Club heraus. „Geeister Cappuccino mit einem Extra-Shot, per Hand zubereitet von Kirsti.“

Emily griff dankbar nach dem Becher. „Ich könnte mich in Sie verlieben.“

Er grinste. „Keine Drohungen so früh am Morgen.“ Er setzte sich mit seinem Kaffee an den Tisch, auf dem noch die Tüten standen. „Dann haben Sie also die ganze Nacht wach gelegen und sich gefragt, wie viele Menschen diese Zeitung gelesen haben.“

„Es war nicht nur das. Ich bin an Stadtgeräusche gewöhnt. Ich kann hier nicht schlafen.“ Seit dem Telefonanruf, der ihr ein Kind beschert hatte, für dessen Erziehung sie nicht qualifiziert war, hatte sie keine Nacht mehr durchgeschlafen.

„Die meisten Menschen finden das Rauschen der Brandung beruhigend.“

Sie gehörte eben nicht zu den meisten Menschen. „Was ist noch in den Tüten? Sagen Sie bitte, ein Monatsvorrat an geeistem Cappuccino.“

„Besser. Sie sagten, Sie hätten keine Zeit, Vorräte anzulegen, deswegen wollte ich dabei helfen. Hier …“ Er schob ihr eine Tüte zu. „Fangen Sie damit an.“ Er blickte über die Schulter, als Lizzy mit Cocoa in die Küche kam. „Was ist deine Lieblingsfarbe, Lizzy?“

„Pink.“

„Dann ist das heute dein Glückstag.“ Er holte aus einer anderen Tüte etwas Pinkfarbenes und reichte es ihr. „Das ist eine Kappe. Ich dachte, du würdest sie vielleicht tragen wollen, wenn ihr im Ort seid.“ Sein Blick wanderte kurz zu Emily. „Damit die Sonne dich nicht blendet.“

Und sie vor neugierigen Blicken geschützt ist, dachte Emily, während sie die Vorräte in Kühlschrank und Schränke einsortierte. Klug gedacht. Sie wünschte, sie wäre selbst darauf gekommen.

„Was hätten Sie getan, wenn Sie Blau als Lieblingsfarbe genannt hätte?“

Ryan griff in die Tüte und holte eine blaue Kappe hervor.

Lizzy drückte die pinkfarbene Mütze an sich. „Ich mag diese lieber. Was bedeuten die Buchstaben?“

„Kennst du denn einige der Buchstaben?“

„Das ist Schreibschrift.“ Lizzy betrachtete die Schrift angestrengt und nannte ein paar Buchstaben. „Da steht irgendwas mit Cl-ub.“

„Ocean. Da steht Ocean Club.“ Ryan unterstrich die Worte mit dem Finger. „Das ist eine ganz besondere Kappe. Die bekommen nur die, die auf der Terrasse Waffeln gegessen haben.“

Emily war gerührt. „Danke. Das ist sehr aufmerksam.“

Ihre Blicke trafen sich kurz, und sie verspürte das gleiche plötzliche Kribbeln wie am ersten Tag. Gebannt von der unverhohlenen Aufforderung in diesen dunklen Augen, stand sie da. Sie hatte keine Ahnung, wie sie darauf reagieren sollte. Ihre Beziehung zu Neil, in dessen Gegenwart sie sich sicher fühlte, war bequem und vorhersehbar gewesen. Er hatte ihr Herz nie aus dem Takt und sie nie aus dem Gleichgewicht gebracht. Ryan tat beides, und das wusste er.

Er wandte sich wieder Lizzy zu. „Wenn Sie den Schirm nach unten ziehen, ist sie vor der Sonne geschützt. Wobei ich nicht davon ausgehe, dass da ein großes Risiko besteht.“

Emily verstand, dass das Risiko, von dem er sprach, nichts mit der Sonne zu tun hatte.

Lizzy setzte die Mütze auf. „Ich mag die Kappe.“

„Kennst du Cocoas Lieblingsspiel?“ Er griff in eine andere Tüte und holte einen Ball hervor. „Apportieren. Nimm sie mit in den Garten und wirf den Ball. Sie wird ihn dir zurückbringen.“

Kind, Ball und Hund stürzten in den Garten zum Spielen, während Emily wie benommen auf ihr neues Leben sah.

Vor einem Monat hatte sie in Manhattan gelebt. Ohne Job, zugegeben, aber mit Plänen und Ambitionen. Mindestens zwei Firmen hatten ihr Interesse bekundet, sie vielleicht einzustellen. Wenn sie damals über die Zukunft nachgedacht hatte, so wie jetzt hatte sie keinesfalls ausgesehen.

„Ich wusste nicht, dass sie nicht flüssig lesen kann. Ich weiß nicht einmal, in welchem Alter die meisten Kinder damit anfangen.“

„Das ist unterschiedlich. Rachel konnte mit vier lesen, andere brauchen länger. Solange sie es irgendwann schaffen, sehe ich kein Problem dabei.“

„Sie kennen sich gut mit Kindern aus.“ Und das hatte sie nicht erwartet. Er schien der Typ Mann zu sein, der Kinder nur als unangenehme Nebenwirkung von Sex betrachtete. Dann kam ihr ein Gedanke, bei dem sich ihr der Magen umdrehte. „Sind Sie geschieden? Verheiratet?“

„Sie glauben, ich habe meine Frau im Bett gelassen, um herzukommen und mit Ihnen zu frühstücken? Sie halten ja nicht gerade viel von Beziehungen, Emily. Und ich bin nicht verheiratet.“ Er sah sie auf eine Art an, die ihr Herz schneller schlagen und ihr Innerstes zum Schmelzen brachte. Doch was ihr wirklich Sorgen bereitete, war die Tatsache, wie plötzlich und unerwartet sich ihre Stimmung hob, weil er Single war.

Warum kümmerte es sie, dass er Single war?

Ihr Leben war schon kompliziert genug. Wenn sie irgendwann wieder eine Beziehung eingehen sollte, dann sicher nicht mit einem Mann wie ihm.

„Sie sind so selbstverständlich mit Kindern. Die Art von Selbstverständlichkeit, die meistens daher rührt, dass man welche hat.“

„Dann wollen Sie jetzt also wissen, ob ich meine wilde Jugend damit verbracht habe, die Einwohnerzahl von Maine zu erhöhen.“

Er war attraktiv und charmant. Sie konnte sich gut vorstellen, dass er eine wilde Jugend gehabt hatte.

Sie sah zu, wie er die letzten Tüten auspackte. Sie nahm jedes winzige Detail an ihm wahr, von der Bewegung seiner Schultermuskeln bis zu der Narbe auf der gebräunten Haut über seinem Schlüsselbein.

Er musste ihren prüfenden Blick gespürt haben, denn er wandte den Kopf, und ihre Blicke begegneten sich. Langsam ließ er die Tüte sinken, als könnte er sich nicht mehr erinnern, warum er sie in der Hand hielt.

Hitze stieg in ihr auf und trieb ihr die Röte in die Wangen.

Oh Gott, sie dachte an Sex bei einem Mann, den sie kaum kannte.

Es fühlte sich so an, wie wenn man sie dabei ertappt hätte, wie sie sich einen Porno anschaute.

„Haben Sie mich was gefragt?“ Seine Stimme klang rau. Er sah sie unverwandt an, und sie wusste, dass er vergessen hatte, worüber sie gesprochen hatten.

Sie hatte es ebenfalls vergessen. „Sex. Ich meine, die Einwohnerzahl von Maine“, stammelte sie. „Kinder, ja, das war es. Kinder.“

Er hielt ihrem Blick weiter stand. „Kinder standen nie auf meiner Wunschliste.“

„Dann haben Sie also keine Erfahrung?“

„Ich habe jede Menge Erfahrung.“

„Nichten? Neffen?“

„Geschwister. Drei. Alle jünger.“ Er griff nach der Flasche Ahornsirup, die er mitgebracht hatte. „Ich war dreizehn, als meine Eltern ums Leben kamen. Die Zwillinge, Sam und Helen, waren neun, und Rachel war vier. Es war ein typischer Maine-Winter. Schnee, Eis und keine Elektrizität. Sie sind gegen einen Baum gefahren. Es war schon vorbei, bevor sie jemand fand.“ Er erzählte es in einem sachlichen Ton, der alle Fakten, aber kein Gefühl preisgab.

Sie wusste nicht, was sie erwartet hatte. Das jedenfalls nicht.

Die Geschichte betrübte sie auf so vielen Ebenen. Offenbar waren auch glückliche Familien nicht immun gegen Tragödien wie diese.

„Das tut mir leid.“

„Meine Großmutter zog bei uns ein und übernahm die Fürsorge, doch drei Kinder waren eine Herausforderung, und sie war nie bei guter Gesundheit.“

„Vier.“ Emily legte das Brot beiseite, das sie ausgepackt hatte. „Sie waren ebenfalls ein Kind.“

„Ich ließ meine Kindheit an dem Tag hinter mir, an dem meine Eltern ums Leben kamen.“ Seine Miene war ausdruckslos. „Ich erinnere mich, wie die Polizei kam und wie meine Großmutter aussah, als sie mir erzählte, was geschehen war. Die anderen schliefen, und wir entschieden, sie nicht zu wecken. Es war die schlimmste Nacht meines Lebens.“

Sie wusste genau, wie er sich gefühlt hatte, denn sie hatte das Gleiche erlebt, den brutalen Verlust von jemandem, der ein Teil von ihr war. Es kam ihr vor, als ob einem Fleisch und Muskeln von den Knochen gerissen wurden. Was blieb, war eine Wunde, die zu tief war, um jemals richtig zu heilen. Mit der Zeit schloss sie sich an der Oberfläche, doch sie formte Narben, die das bloße Auge nicht sah.

„Wie sind Sie damit fertiggeworden?“

„Ich weiß nicht, ob man das so nennen kann. Ich stand einfach jeden Tag auf und tat, was getan werden musste. Bevor ich zur Schule ging, half ich meinen Geschwistern morgens beim Anziehen und kam mittags zurück, damit meine Großmutter sich ausruhen konnte. Die Nächte waren lustig. Die Zwillinge schliefen monatelang bei meiner Oma im Bett, sodass Rachel bei mir blieb. In den ersten zwei Jahren nach dem Tod meiner Eltern klammerte sie sich an mich wie ein Affe. Schließlich stellte ich ihr Bett in mein Zimmer, weil ich kaum Schlaf bekam und meine Noten schlechter wurden.“

Sie musterte seine breiten Schultern und versuchte, sich hinter dem heutigen Mann den damaligen Jungen vorzustellen. Sie stellte sich vor, wie er seine kleine Schwester tröstete, während er selbst mit dem Verlust kämpfte. „Lizzy schläft im Bett bei mir.“

Sein Blick wanderte kurz zu ihr. „Ja, vermutlich fühlt sie sich so sicherer. Sie hat Angst, dass Sie ebenfalls verschwinden könnten.“

Emily sagte nicht, dass sie sich wie eine Schwindlerin fühlte, der man besser nicht trauen sollte.

„Aber Sie hatten drei Geschwister – da mussten Sie sich um so vieles kümmern.“

„Wir standen nicht allein da. Die Einheimischen haben sich zusammengetan, um uns zu helfen. Im ersten Jahr mussten wir nicht ein einziges Mal kochen. Sie wechselten sich ab, und jeden Tag brachte uns jemand etwas vorbei. Es wurde leichter, als Rachel in die Schule kam und die Zwillinge Teenager waren. Dank unserer Geschichte waren sie ziemlich selbstständig, und sie hatten immer jemanden, an den sie sich mit Problemen wenden konnten.“

Ryan konnte sich auf ein Netz von Unterstützern verlassen. Er hatte zwar gelitten, war aber nicht allein gewesen.

Ihre erste Erfahrung von Verlust hatte sie allein durchgemacht.

Aufgewühlt von ihren Gefühlen, nahm sie den Cappuccino mit zu der Flügeltür, die sich von der Küche zum Garten öffnete. Lizzy jagte noch immer mit dem Hund im Gras herum.

Nicht in einer Million Jahren hätte sie daran gedacht, dem Mädchen ein Haustier zu besorgen. Die Trauerberaterin hatte ihr geraten, nichts zu verändern, damit Lizzy Zeit hatte, sich auf die Situation einzustellen. Doch zu sehen, wie das Kind und die Hündin im Garten herumtollten, ließ sie daran zweifeln. Es gab keine Regeln dafür, wie man mit Trauer umging. Man sollte einfach alles tun, was einem hilft, einen weiteren Tag zu überstehen.

Sie drehte sich um und sah Ryan an. „Wo sind sie jetzt? Ihre Geschwister?“

„Rachel ist Lehrerin an der Grundschule von Puffin Island. Sie liebt das Inselleben. Liebt das Wasser und die Kinder. Im Sommer arbeitet sie im Camp Puffin im Süden der Insel. Sie gibt Kajak-Unterricht. Sam ist Arzt in Boston, und Helen arbeitet als Übersetzerin für die UNO in New York. Wenn man all die Fehler bedenkt, die ich gemacht habe, haben sie sich gut entwickelt.“ Es sollte ein Scherz sein, doch irgendwie befeuerte es nur ihre Vermutung, dem nicht gewachsen zu sein.

„Haben Sie viele Elternratgeber gelesen?“

„Keinen einzigen. Ich habe mich auf meinen Instinkt verlassen. Mit dem Ergebnis, es wieder und wieder zu vermasseln.“

Und doch war es Instinkt gewesen, der ihn veranlasst hatte, den Bären zurückzubringen und den Hund mitzubringen – etwas, das ihr niemals eingefallen wäre. In ihrem Leben hatte es nie Platz für Tiere gegeben.

„Haben Sie je gedacht, Sie würden es einfach nicht schaffen?“ Die Worte, die aus ihr herausplatzten, verrieten mehr, als sie verraten wollte.

Ryan sah sie lange aufmerksam an. „Geht es hier um mich oder um Sie?“

Ihre Hand, in der sie den Becher hielt, zitterte, und sie stellte ihn zurück auf den Tresen. „Hatten Sie je Angst, dass es Ihnen nicht gelingen könnte, für ihre Sicherheit zu sorgen?“

„Sicherheit wovor?“

„Vor allem.“ Ihr Mund war so trocken, als wäre sie einen Marathon durch die Wüste gelaufen. „Überall lauern Gefahren.“

„Ich habe viele Fehler gemacht, wenn Sie danach fragen. Glücklicherweise haben Kinder eine hohe Widerstandskraft. Sie überlebten die kulinarischen Katastrophen, die Wäschekatastrophen, die Tatsache, dass ich nicht nähen kann und keine Ahnung von kindlicher Entwicklung hatte. Rachel folgte mir überallhin. Sie hatte wohl Angst, dass ich genauso verschwinden könnte wie unsere Eltern.“

Sie versuchte es sich vorzustellen. Den Teenager und das kleine Mädchen. „Es muss ein schwerer Abschied gewesen sein, als Sie zum College gingen.“

„Machen Sie Witze?“ Er lachte kurz auf. „Nachdem ich meine Teenagerzeit mit drei Kindern um mich herum verbracht hatte, war ich so begierig, von hier fortzukommen, dass ich zum Festland geschwommen wäre, um die Insel verlassen zu können. Zu dem Zeitpunkt hatte ich mein Zimmer wieder für mich, aber ich freute mich auf einen Abend, an dem ich nicht zuerst Grünes Ei mit Speck vorlesen musste.“

„Sie haben sie nicht vermisst?“

Er dachte nach, bevor er antwortete. „Ich liebte sie, aber nein, vermisst habe ich sie nicht. Ich musste unbedingt wegkommen und ein Leben ohne Schulaufführungen und Elternabende führen. Meine Großmutter hatte Hilfe von den anderen Frauen in ihrer Gruppe und verschiedenen Anwohnern. Auf gewisse Weise waren sie eine große Familie. Sie wechselten sich mit dem Babysitting ab, holten sie von der Schule ab. Bei Schulaufführungen von Rachel saßen sie alle in der ersten Reihe.“

Sie lächelte. „Das war die gleiche Gruppe, die sich gestern zum Buchclub traf?“

„Ja. Und Kathleen natürlich.“

„Sie mussten in jungen Jahren schon viel Verantwortung tragen. Ist das der Grund, warum Sie nicht verheiratet sind?“

Er lachte. „Lassen Sie es mich so sagen: Ich schätze meine Unabhängigkeit. Die Möglichkeit, zu kommen und zu gehen, wie es mir gefällt. Ich habe nicht vor, das so bald wieder aufzugeben.“

Emily nahm ihren Kaffeebecher, zog einen der blauen Küchenstühle heran und setzte sich. Durch die geöffnete Tür sah sie, wie Lizzy ein ums andere Mal den Ball warf, dem die Hündin mit wedelndem Schwanz nachsetzte. „Als ich Kathleen das erste Mal traf, konnte ich nicht glauben, dass sie real war. Ich hatte nie jemanden wie sie kennengelernt. Sie war so freundlich und ungekünstelt und interessiert. Sie erwartete nie von jemandem, dass man sich anpasste. Sie schätzte wirklich Individualität.“

„Ja. Sie war eine besondere Frau mit der Gabe, Menschen zu lesen.“

„Bei meinem ersten Besuch habe ich kaum ein Wort gesprochen.“ Emily nippte an ihrem Kaffee. „Ich war so überwältigt von allem. Dem Gedankenaustausch. Dem Gelächter. Es war mir fremd, weil es bei mir zu Hause nichts davon gab.“

Falls er sich fragte, wie ihr Leben zu Hause ausgesehen hatte, behielt er es für sich. „Kamen Sie oft hierher?“

„Jeden Sommer. Ich konnte nirgendwo anders hin, und Skylar hätte alles getan, um nicht nach Hause zu müssen, sodass Brittany uns hierher einlud.“

„Die Gemeinschaft im College reichte nicht?“

Emily trank den Kaffee aus. „Als Brittany mich damals am ersten Tag in ihr Zimmer einlud, fragte ich mich, wie ich es mit einer so unbeständigen Zimmernachbarin aushalten sollte. Skylar kam ein paar Minuten später an. Der Familienchauffeur hatte sie gebracht statt ihrer Eltern, die der Meinung waren, sie würde ihr Leben mit dem Kunststudium verschwenden, wo sie doch Anwältin hätte sein können. Ich warf nur einen Blick auf ihre Klamotten und ging davon aus, dass wir nichts gemein hätten. Ich bewunderte ihr Kleid, versuchte, höflich zu sein, und sie sagte mir, dass sie es für weniger als zehn Dollar selbst geschneidert hätte. Dann erhielt Brittany einen Anruf von ihrem Anwalt wegen der Scheidung, und wir saßen mit offenem Mund da. Ich schätze, als Ihr Freund wissen Sie alles darüber?“

Er sah sie nicht an. „Ja, das weiß ich.“

„Sie war völlig durch den Wind, aber irgendwie brach es das Eis. Von Anfang an gab es keine Grenzen. Wir redeten, bis wir die Augen nicht länger offen halten konnten. Am Anfang hatten wir nur gemein, dass uns die Menschen im Stich gelassen hatten, denen wir am nächsten waren. Vielleicht war es ein Gefühl von Einsamkeit, das uns zusammenbrachte. Ich weiß es nicht, aber wir verstanden einander. Von da an wuchs unsere Freundschaft.“

„Ich kann nicht glauben, dass wir uns auf der Insel nie begegnet sind.“

„Vielleicht haben wir einander nicht bemerkt.“ Ihr Herz schlug unangenehm, als er sie ansah.

„Ich hätte Sie bemerkt.“

„Ryan –“

„Ich hätte Sie bemerkt.“ Seine Stimme war sanft, und seine Augen drückten eine solch unerschütterliche Aufmerksamkeit aus, dass sie spürte, wie sich etwas in ihr löste.

Die meisten Menschen blickten einen Menschen an und sahen die Oberfläche. Ryan ignorierte die Oberfläche und sah tiefer, als ob er gelernt hätte, dass das nach außen getragene Gesicht nicht mehr aussagte als ein Bild.

Er hatte sie nicht berührt, und doch prickelte ihre Haut und war ganz heiß.

Die erwartungsvolle Stille wurde von Lizzy unterbrochen, die mit der Hündin zurück in die Küche kam. „Kann sie bei uns bleiben?“

Mit sichtbarer Mühe löste Ryan seinen Blick von Emily und sah das Kind an.

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