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Die Protokolle von Zion

Prolog

Alle Handlungen und Personen sind frei erfunden und Ähnlichkeiten zu Gegebenheiten oder real lebenden Personen und Namen rein zufällig. 

 

Die Suche nach Sündenböcken, ist von allen Jagdarten die einfachste.“

Dwight D. Eisenhower

Maue Kasse

„Sie müssen mal wieder einen Knaller bringen“, sagte der Verlagschef zu Logan Best.

„Etwas mit Pfeffer, was einen geradezu anspringt vom Titel. Ich weiß, dass Sie sich bemühen. Aber mit der hundertsten Verschwörungstheorie zum elften September kommen wir nicht weiter. Sie sind ein fähiger Mann. Aber wir brauchen einen Hammer. Ihre Bezüge schwinden derzeit, mein Lieber“, sagte der Mann, dem es angesichts seiner Leibesfülle offensichtlich prächtig ging. Oder auch gerade deshalb nicht. Logan sah sich sein Büro an. Es war eines dieser typischen Verlagszimmer, die mit einigen verblassten Erfolgen vergangener Zeiten geschmückt waren. Sein Chef hatte vor ewiger Zeit eine riesige Welle mit der Veröffentlichung der Spitzelaffäre um den damaligen Senator in Gang gebracht. Das waren die fetten Jahre. Nun aber ging es sowohl mit seinen Finanzen als auch mit dem Verlag immer weiter abwärts.

„Ich kann mir keine Geschichte erfinden und ich finde, dass die Geschichte mit den gefälschten Klimaergebnissen ...“

„Ach, hören Sie doch auf“, fiel ihm der Verlagsboss ins Wort.

„Wenn ich hiermit aufmache, dann kann ich auch gleich Donald Duck aufs Cover setzen.“

Logan wurde ungeduldig.

„Ich kann ja einfach eine Geschichte erfinden. Aber ich bin kein Romancier, ich bin ein investigativer Journalist, der sich seinen ganzen Namen mit so was kaputt schreibt“, versuchte Logan sich zu rechtfertigen.

„Es ist nicht meine Miete, die ich nicht zahlen kann. Denken Sie daran. Also entweder Sie bringen mir was, oder wir werden bei der nächsten Auszahlung Tabula rasa machen. Das tut mir leid. Aber ich kann auch nur nach dem Erfolg eines Schreibers reagieren“, sagte der Chef.

„Es ist in Ordnung, ich habe verstanden“, sagte Logan resigniert und verabschiedete sich knapp, um das Büro zu verlassen.

Er fuhr mit der U-Bahn, denn sein Wagen hatte einen Schaden, dessen Reparatur er sich nicht erlauben konnte. Auf der Fahrt gingen ihm existenzielle Gedanken durch den Kopf. Was kann ich machen, wenn keiner meine Storys will? Was ist mit dem Geburtstag meiner Tochter? Sie wünschte sich so sehr, dass er ihr ein Keyboard schenkt. Mit Anschlagsdynamik. Das kostete bestimmt um die 300 Dollar. Seine besten Zeiten hatte er hinter sich. Dass es immer schwer ist, vom Schreiben zu leben, das war klar. Aber wenn man nichts anderes kann, dann ist es existenziell. Er war zwei Mieten im Rückstand. Die liebe Frau Miles würde es ihm auch dieses Mal vergeben. Aber er musste etwas tun. Wo ist die Story, die mich anspringt? Was für ein Vokabular das schon war. Die einen anspringt – das war es eben.

Er war es selbst schuld.

Warum hatte er nicht einen Job in irgendeiner Verlagsredaktion angenommen. Warum schrieb er nicht über Hochzeiten bei den Adeligen und über Missgeschicke bei den Prominenten? Das wäre der leichte Weg gewesen. Aber der lag ihm nicht. Dennoch aber verging die Zeit. Sie nagte an seinen Reserven. Er war jetzt 33 Jahre alt. Zu alt, um eine Legende aus dem Boden zu stampfen. Aber auch zu jung, um jetzt in der Kloake zu landen. Er hatte lange an dem Thema Klimawandel recherchiert. Aber das ist auch immer die Frage, ob man einen Artikel, ob man ein Buch auch wirklich bringen kann. Das Schreiben ist auch nichts anderes, als das Liefern von Autoteilen. Wenn das Teil eben nicht passt, wenn es nicht dahin gehört, wo es gewünscht wird, dann ist man kein guter Zulieferer. So ist das überall.

Als er die Straße zu seinem Loft hinaus trottete, hatte er kurz den Gedanken, noch bei Elly einzukehren. Auf einen Drink. Aber er trank zu viel in letzter Zeit. Er war instabil. Nein, heute nicht. Besser sich Gedanken machen. Bei dem letzten Glas Wein, das heute genügen musste.

Er öffnete seinen Briefkasten und sah die üblichen Rechnungen. Er hasste das. Am liebsten würde er den Briefkasten nicht mehr öffnen und er entschied das, je nach seiner Verfassung und Laune. Heute aber wollte er sich dem stellen. Deshalb nahm er die Briefe an sich und ging die Treppe nach oben. Frau Caster war wieder am Schnüffeln. Er hörte förmlich, wie sie jeden Besucher, der das Haus betrat, in ihrem Türfenster musterte.

Er setzte sich auf seine schäbige Couch, die er seit Jahrzehnten besaß, und nahm sich gleich die Flasche Wein. Es waren noch zwei Gläser in der Flasche. So etwas konnte er gut abschätzen. Das versprach keine ruhige Nacht.

Er nahm sich kein Glas, sondern trank einen tiefen Schluck. Dann streifte sein Blick zu den Briefen. Versicherung, Strom und Gas. Der Rechtsanwalt hatte wieder geschrieben. Wegen der alten Sache. Ach Gott, was eine unnütze Forderung. Dann fiel sein Blick auf ein blaues Kuvert. Er öffnete den belanglos scheinenden Brief und sah darin eine handschriftlich angefertigte Notiz:

Kümmern Sie sich um die Protokolle der Weisen von Zion. Dies ist die Essenz der Dinge.

Schon nach dem ersten Satz hätte er am liebsten den Brief zur Seite geschoben. Wie oft bekam er solche Post. Von Verrückten, Verschwörungstheoretikern, von Spinnern. Jeder hat seine Verschwörung, dachte er. Jeder hat irgendetwas, von dem er meint, dass es niemand weiß. Meistens war das aber nur okkulter Glaube. Da war fast nie Substanz. Er las aber dennoch weiter, weil ihm dieses Thema nicht besonders geläufig war.

Sie existieren. Es ist nicht wahr, dass sie gefälscht sind. Die Fälschung ist eine Fälschung. Die Protokolle sind echt. Suchen Sie in Nürnberg.

Ein anonymer Freund

Er musterte den Brief, auf dem sich weder eine Anschrift noch eine Unterschrift befand. Bei der Ortsangabe Nürnberg fiel ihm nur eins ein. Naziterror, braune Soße eben. Zion, das meinte wohl zionistische Dokumente. Also alles in allem, ein Thema, an dem viele Emotionen klebten, das aber auch dazu geeignet war, sich zu versteigen. Aber es war im Moment egal, wenn seine jetzige Recherche nichts bringt, dann konnte er auch hier einen Moment Zeit verschwenden. Er schaute im Computer nach. Im ersten Suchergebnis las er:

Bei den Protokollen der Weisen von Zion handelt es sich um gefälschte Dokumente, die besonders Antisemiten zur Begründung ihres Rassenwahns dienen. Wahrscheinlich wurden die gefälschten Dokumente zu Beginn des 20. Jahrhunderts von unbekannten Redakteuren fiktional erstellt und geben im Inhalt vor, dass die Protokolle das Ergebnis eines Treffens von jüdischen Weltverschwörern sind.

Im Jahre 1903 erschien in Russland eine Version, die 1921 von der Londoner Times als Fälschung entlarvt wurde. Dennoch aber verlegte Henry Ford eine Ausgabe, die in den Vereinigten Staaten einige Bekanntheit erlangte. Noch heute kursieren viele Theorien, die den Dokumenten angebliche Echtheit unterstellen und werden auch in einigen islamischen Ländern nach wie vor als Argumentationsgrundlage genutzt. Im Dritten Reich gab es eine Publikation von dem Nazi Rosenberg, die in Deutschland zur antisemitischen Hetze genutzt wurde.

Genau das hatte er befürchtet. Es handelte sich also um eine ganz braune Soße. Das war kein Thema für ihn. In Dokumenten, deren zweifelhafte Herkunft als Fälschung entlarvt wurde, herumzustochern, lag ihm nicht und widersprach seinem professionellen Gusto.

Er beschloss, sich dem Thema nicht weiter anzunehmen.

Den Abend wollte er damit verbringen, den letzten Rest Wein zu leeren und dann zeitig schlafen zu gehen. Er wollte noch ein Bad nehmen. Als er sich das Wasser einließ, klingelte sein Handy.

„Wer stört“, stöhnte er.

„Haben Sie den Brief erhalten?“, sagte eine merkwürdige und unheimliche Stimme.

„Wer sind Sie?“, fragte Logan.

„Das tut nichts zur Sache. Haben Sie den Brief erhalten?“

„Welchen Brief?“

„Über die Protokolle. Sie wissen, was ich meine.“

„Es interessiert mich nicht. Verstehen Sie, es interessiert mich nicht“, sagte Logan genervt.

„Das sollte es aber. Sie halten da einen Schlüssel in der Hand. Den Schlüssel aller Dinge“, sagte der Fremde bedeutend.

„Hören Sie doch auf. Ich kenne Sie nicht, und ich sage Ihnen was ganz ehrlich. Ich bin der falsche Mann für Sie. Ich stochere nicht in braunen Soßen herum, nur, um nachher herauszufinden, dass ich einer Propaganda aufsitze. Ich will auch mit solchen Dokumenten nichts zu tun haben. Und jetzt lassen Sie mich in Ruhe.“

„Moment noch ...“, sagte der Fremde.

„Sie mögen es nicht glauben, aber ich weiß, dass sie existieren. Die Protokolle sind in Nürnberg. Bei Rosenberg.“

„Wer ist das?“, fragte Logan.

„Er hat sie aufbewahrt. Er hat sie besessen. Suchen Sie dort. Sie werden schon sehen“, sagte der Fremde und legte auf.

Das war ein unheimlicher Anruf. Der Mann hatte eine Stimme, die einem das Grausen in den Nacken treibt, dachte Logan. Was wollte er? Warum gibt es nur so viele Spinner, warum muss ich mich mit solchen Menschen auseinandersetzen? Was werde ich sehen, ließ Logan das Gespräch Revue passieren. Was würde er sehen?

Logan erschrak, als das Handy danach wieder klingelte.

„Ja“, sagte er schreckhaft.

„Herr Best?“, sagte eine amtlich klingende Stimme.

„Ja, am Apparat.“

„Ich heiße Morgan, Dean Morgan. Ich habe mit ihnen zu sprechen. Morgen um acht Uhr in meinem Büro.“

„Wer sind Sie überhaupt?“

„Ich bin FBI-Agent, Herr Morgan. Dies ist eine dienstliche Aufforderung.“

„Was soll das? Ich verstehe nicht“, sagte Logan.

„Morgen um acht Uhr in der Dienststelle Ecke fünfte Straße“, sagte der Mann und legte auf.

Am nächsten Morgen war Logan früh auf den Beinen. Er hatte die ganze Nacht darüber nachgedacht, was das FBI von ihm wollte. Er wusste zwar, dass er durch einige Recherchen sicher schon manchmal in das Visier der Fahnder geraten war, aber dennoch, hatte er dies bisher nie bemerkt. Der Zusammenhang zwischen dem ersten und dem zweiten Anruf musste nicht marginal sein. Aber das könnte es doch auch nicht. Oder etwa doch?

Als er in die fünfte Straße einbog, hatte er ein flaues Gefühl. Er betrat das Gebäude, in dem das FBI-Quartier den Sitz hatte und fuhr mit dem Aufzug nach oben, nachdem er an der Rezeption das Büro von Morgan in Erfahrung gebracht hatte.

„Herein“, hörte er eine Stimme.

„Ich bin Logan Best, ich sollte hier heute vorbei kommen.“

„Ja, setzen Sie sich“, sagte ein Mann in den Fünfzigern mit einem Oberlippenbart.

In dem Büro sah es aus, wie in jedem Polizeibüro der Welt. Hier an der Wand einige Fotos aus der Zeit in der Army, darüber irgendeine Auszeichnung aus früheren Tagen.

Auf dem Tisch das obligatorische Bild, das wahrscheinlich seine Kinder oder Frau darstellte.

„Ich habe Sie eingeladen, weil ich gerne mehr über Sie erfahren würde.“

„Ähm, warum, wenn ich fragen darf?“

„Ich wüsste gerne, wer Sie sind. Was Sie so treiben“, sagte der Officer, während er an seinem Labtop herumspielte.

„Das ist interessant, dass das FBI so etwas interessiert. Wie es einem geht und wie man sich fühlt“, versuchte Logan eine Ironie.

„Nun, wir haben da Informationen“, sagte der Mann.

„Was für Informationen?“

„Sie haben sich mit dem Klimawandel beschäftigt, mit dem elften September, mit Geheimlogen, mit Illuminaten. Mit all dem unsinnigen Zeug, Herr Best. Solche Typen sind immer von Interesse für uns.“

„Aha, das freut mich zu hören“, gab Logan sich unbeeindruckt.

„Ich wüsste gerne, wo sie politisch stehen“, sagte der FBI-Mann und musterte ihn etwas abfällig.

„Ich bin ein lupenreiner Demokrat, wenn Sie das meinen. Und es ist das eine, ob man sich mit etwas beschäftigt und das andere, ob man dem auch Glauben schenkt. Ich glaube nicht, dass ich mich jemals verstiegen habe. Ich habe nichts geschrieben, was ich nicht auch belegen konnte“, sagte Logan brav.

„Mich interessiert auch weniger, was Sie so alles geschrieben haben, sondern eher, woher Sie Mauritz Berger kennen“, zog der Agent seine wichtigste Karte.

„Wen? Ich höre den Namen zum ersten Mal. Wer soll das sein?“, sagte Logan erstaunt.

„Mauritz Berger ist eine Schlüsselfigur im internationalen Faschismus. Er ist der Topschlüssel in der rechtsradikalen Szene. Aber nicht der Nationalen, sondern der internationalen, Herr Best“, sagte der Beamte, um fortzufahren:

„Und genau der hat sie gestern Abend angerufen.“

Logan schluckte. Was war geschehen? Ein Top-Terrorist hatte ihn angerufen? Warum?

„Was uns noch mehr erstaunt ...“, referierte der Polizist weiter, „ist die Tatsache, dass Herr Berger offensichtlich kein Interesse daran hatte, dieses Telefonat mit Ihnen geheim zu halten. Das ist ungewöhnlich. Das ergibt keinen Sinn. Ich gebe zu, Herr Best, wir hören Sie schon länger ab. Aber das ist reine Routine, die für uns keine Priorität hatte.“

„Das ist doch unglaublich“, entrüstete sich Logan Best.

„Nein, nur üblich. Sie haben doch sicher geahnt, dass wir da etwas Vorsicht walten lassen müssen. Oder etwa nicht? Aber wie dem auch sei. Mich interessiert, woher Sie Mauritz Berger kennen“, insistierte der Beamte.

„Ich kenne ihn nicht. Das müssen Sie mir glauben. Ich habe diesen Anruf gestern völlig überraschend erhalten und ich habe mit dem Menschen nie gesprochen. Nie vorher“, versuchte Best zu erklären.

„Was sind das für Protokolle? Wovon sprach Berger gestern mit Ihnen?“

„Herr Morgan, bitte verstehen Sie doch. Ich hatte gestern Post, also einen Brief. In dem stand, dass ich mein Augenmerk auf die Protokolle der Weisen von Zion richten sollte. Ich habe dem keine Bedeutung zugemessen. Dann kam dieser Anruf. Das ist alles, was ich weiß.“

„Die Protokolle sind gefälscht“, sagte Morgan.

„Das habe ich auch gelesen. Ich hatte auch nicht vor, mich weiter mit diesem Thema zu beschäftigen.“

„Warum denn nicht, Herr Best? Das ist doch ein interessantes Thema?“, hakte Morgan nach.

„Weil ich mich nicht mit einem Thema beschäftige, das den Nazis für ihre Massenmorde Legitimation erteilte. So etwas gehört nicht in mein Portfolio“, sagte Best.

„Und was, wenn sie echt wären? Würden Sie dann darüber schreiben?“, fragte Morgan verschwörerisch.

„Wie meinen Sie das? Es ist belegt, dass die Dokumente nicht echt sind. Ich weiß ja nicht einmal, was da drin stehen soll. Aber ich kann es mir denken“, antwortete Best.

„Bei den Protokollen von Zion handelt es sich um ein perfides Machwerk. Man vermutet, dass der russische Geheimdienst daran mitwirkte. Es war nicht leicht, die Dokumente als Fälschung zu entlarven, da sie von Profis verfasst wurden. Das war kein billiges Plagiat, das war eine konzertierte Aktion, die sich zum Ziel gesetzt hatte, nachhaltig Unfrieden zu stiften“, dozierte Morgan um auszuführen:

„Wenn man damals in Amerika dem Glauben geschenkt hatte, und das auch in Russland tat, dann kann man ermessen, dass es sich hier um eine Gerüchteküche handelt, die noch heute brodelt. Es gibt immer noch viele Verrückte, die dem Mythos Glauben schenken. Der Mythos ist auch umso schwerer aus der Welt schaffen, desto weniger Beweise man dagegen hat. Der Hauptbeweis, den die Spinner und Fanatiker aber immer wieder anführen, ist, dass es die Dokumente tatsächlich geben soll und das sie eines Tages gefunden werden. Angeblich sollen bestimmte Personen die Dokumente auch inspiziert und gesehen haben.“

„Das wusste ich nicht“, sagte Best kleinlaut.

„Es ist eine Art Mythos in rechten Kreisen, aber auch bei vielen Verschwörungstheoretikern. Die Dokumente und deren Existenz zu beweisen, liegt deshalb in hohem Interesse dieser Kreise. Es ist aber auf der Gegenseite schwer, zu beweisen, dass es etwas nicht gibt, wenn andere behaupten, dass es etwas gibt. Sie werden sicher verstehen, dass die Vereinigten Staaten aber kein Interesse daran haben, diesem Mythos auch noch Aufwind dadurch zu verleihen, dass dem immer wieder hinterher spioniert wird“, sagte Morgan und nahm einen Schluck Kaffee.

„Ich bin über die Entwicklung sehr überrascht. Ich wusste seit gestern nichts von diesen angeblichen Protokollen und ich habe auch kein Netzwerk, das rechte Kontakte beinhaltet“, rechtfertigte sich Logan.

„Wie dem auch sei, Herr Best. Ich kann Sie nur warnen. Seien Sie auf der Hut, denn mit solchen Kreisen ist schlecht Kirschen essen. Ich denke, wir haben uns heute nichts weiter zu sagen“, schloss Morgan das Gespräch und bedeutete Best, dass er gehen konnte.

Als Best das Bürogebäude verließ, war er wie vor den Kopf geschlagen. Noch gestern hatte er keine Idee, wie es mit ihm weitergehen sollte und schon heute sah er sich in einen Krimi versetzt, dessen Dimension er nicht erahnen konnte und wollte. Warum hatte ihn dieser Berger angerufen? Warum gerade ihn? Er versuchte, logisch zu denken. Gut, er hatte schon oft über heikle Themen geschrieben, er hatte auch sogenannte „heiße Eisen“ bearbeitet. Aber dieses Thema war nicht dazu angetan, dass man sich darauf einlassen konnte. Es war voller Ressentiments und kruder Theorie. Zudem war er bestimmt der Letzte, den man vor einen Karren spannen konnte. Er war kein Journalist, der sich von Spinnern vereinnahmen lassen wollte. Best nahm die U-Bahn, um sich bei Elly etwas sammeln zu können. Er brauchte jetzt unbedingt einen Drink.

Bei Elly war alles wie immer. Die gleichen, wenigen Gestalten saßen in dem Pub, der schon einmal bessere Tage gesehen hatte. Elly hatte die Gastronomie Ende der neunziger Jahre von einem Japaner übernommen. Die Sonne knallte in milchigen Schwaden durch das unsaubere Fenster.

Als Best sich einen Martini geordert hatte, versuchte er, sich zu entspannen. Vielleicht war dies alles ein Zufall. Vielleicht war alles nur ein dummer Zufall. Er bestellte noch einen. Danach bezahlte er hastig und fühlte sich schon besser.

Als er nach Hause kam, war er geschockt. Seine Wohnungstür stand offen. Was war denn jetzt los?

Er öffnete langsam die Eingangstür und sah das Chaos. Alle Papiere lagen auf dem Boden, die Schubladen waren aufgerissen und der Inhalt wild über dem Boden verstreut.

Irgendjemand war hier und hatte etwas gesucht.

Jetzt wurde ihm die Angelegenheit zu bunt. Er wollte nur noch, dass das aufhört. In diesem Moment klingelte sein Handy.

„Hatten Sie unerfreulichen Besuch?“, hörte er die unheimliche Stimme von Berger.

„Was wollen Sie. Lassen Sie mich in Ruhe. Ich will mit der Sache und Ihnen nichts zu tun haben. Haben Sie mich verstanden?“, schrie Best ins Telefon.

„Nun nicht so aufgeregt, junger Freund. Ich bin wahrscheinlich, auch wenn Sie das nicht glauben werden, ihr einziger Schutz“, sagte der Mann.

„Ich brauche Ihren Schutz nicht. Ich will Ihren Schutz nicht. Gehen Sie aus meinem Leben“, sagte Best fast flehend.

„Sie werden sehen, dass ich Ihnen nützlich bin.“

„Sie sind ein gesuchter Terrorist“, sagte Best.

„Nein, ich bin ein Unternehmer“, antwortete Berger.

„Was wollen Sie? Nun sagen Sie doch endlich was Sie von mir wollen“, sagte Best verzweifelt.

„Ich will Ihnen die Augen öffnen. Über mich werden Sie lernen, klar zu sehen. Wenn Sie kooperativ sind, dann kann dies Ihr Durchbruch sein. Ich habe mich für Sie entschieden, weil ich Sie für einen ehrlichen und anständigen Mann halte“, schmeichelte Berger.

„Ich brauche Ihre geheuchelte Sympathie nicht“, verwehrte sich Best.

„Ich habe Ihnen gesagt, dass Sie recherchieren sollten. Sie werden sehen, dass ich recht habe. Gehen Sie nach Nürnberg und suchen Sie die Protokolle.“

„Warum machen Sie das nicht Selbst? Sie wissen, doch wo sie sind“, antwortete Best.

„Wenn ich das wüsste, bräuchte ich Sie nicht“, antworte Berger knapp.

„Ich will mich in diese braune Soße nicht hinein begeben. Mich reizt das Thema nicht. Und erpressen lasse ich mich nicht. Haben Sie meine Wohnung so zugerichtet?

„Nein. Ich weiß aber, dass ihr lieber Freund Morgan Ihre Anwesenheit bei der kleinen Unterhaltung dafür nutzte, sich ein Bild über Sie zu verschaffen. Ich habe ein Bild. Ich muss nichts durchsuchen“, sagte Berger.

„Lassen Sie mich in Ruhe. Ich habe andere Sorgen, als mich mit Geheimdiensten und Esoterikern herumzuschlagen“, erwiderte Best.

„Gehen Sie in die Universität. Fachbereich Anthropologie. Alles Weitere findet sich.“, sagte Berger und legte auf.

Best setzte sich auf seine Couch. Bei dem Anblick seiner Wohnung begriff er, dass er in etwas hinein geraten war. In eine Sache, die ihn aufwühlte und die ihn ängstigte. Morgan hatte seine Wohnung auseinandergenommen? Konnte das sein? Was meinte Berger damit, dass er alles über ihn weiß, aber das FBI nicht?

Er beschloss, zu dem Fachbereich zu gehen. Was immer auch da ist, warum immer er das tun sollte, er wusste, dass er hier nicht bleiben konnte. Es war weniger Interesse, es war mehr der Versuch, sich Klarheit darüber zu verschaffen, was seit gestern in sein Leben getreten war.

II. Clare

Best schritt durch den Park, der vor der Universität lag. An diesem schönen Sommertag hatten sich Studenten auf den Rasen gelegt und studierten im Freien. Die Luft war weich und angenehm. Als er die Universität betrat, traf er auf ein heilloses Durcheinander. Noch immer überkam ihn ein Gefühl der Ohnmacht, wenn er eine Fakultät betrat. Er hatte es damals nicht gemocht und er mochte es auch heute nicht. Er suchte am Aushang den Fachbereich Anthropologie. Im zweiten Stock des Gebäudes musste er sich durch eine Schar von Studenten kämpfen, bis es immer leerer wurde.

Nun stand er hier. Er wusste nicht, was er hier suchen sollte und warum er hier war.

„Suchen Sie etwas?“, hörte er eine männliche Stimme sagen.

Er drehte sich um und sah einen Mann mit einer Fliege, der einen Bart hatte.

„Nein, ich schaue nur“, sagte Best verlegen.

„Ach Sie schauen nur. Vielleicht kann ich Ihnen helfen“, sagte der Mann.

„Ich suche den Fachbereich Anthropologie“, sagte Best.

„Da sind Sie hier goldrichtig. Was suchen Sie denn im Fachbereich?“

„Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht“, gab Best zu.

„Das ist natürlich schlecht, wenn man nicht weiß, was man sucht. Aber wenn Sie wünschen, kann ich Ihnen ja ein wenig die Räumlichkeiten zeigen“, sagte der freundliche ältere Herr.

„Nein danke, sehr freundlich von Ihnen. Aber ich glaube, ich gehe besser.“

In diesem Moment kam eine junge Frau aus einem der Zimmer. Sie hatte schwarze lange Haare und trug einen Aktenordner in der Hand.

„Professor Stone, ich hätte da noch eine Frage“, sagte die attraktive Frau zu dem Mann mit dem Bart, ohne die Anwesenheit von Best zu registrieren.

„Aber gerne, Clare. Der junge Mann dort scheint aber noch mehr Fragen zu haben“, sagte der Professor.

Clare blickte zu Best hinüber und ihre Blicke trafen sich kurz.

„Was halten Sie davon, wenn Sie dem jungen Mann mal etwas über unsere Arbeit erzählen?“, sagte der schlaue Professor.

„Nein danke, ich sagte doch, ich wollte sowieso gerade gehen“, sagte Best.

„Aber nicht doch. Bleiben Sie bitte. Ich sehe doch, dass Sie nicht umsonst hier sind“, gab der Professor nicht auf.

„Unsere liebe Clare ist nämlich meine beste Schülerin.“

Clare sah halb belustigt und verlegen zur Seite.

„Das freut mich sehr“, sagte Best, ohne zu wissen, was er damit anfangen sollte.

„Sie wird Ihnen sicher sehr hilfreich sein“, orakelte der Professor.

Langsam erschien es Best, als ob man ihn erwartet hätte. Irgendwie war die Fürsorglichkeit des Professors etwas übertrieben. Irgendetwas stimmte hier nicht. Aber auch das war nicht wichtig. Also ging er auf das Angebot ein.

Dies nicht nur, weil Clare attraktiv und schlau wirkte, sondern vielmehr, weil er nicht wusste, was er sonst hätte tun können.

„Ich nehme Ihr Angebot dann an“, sagte er zum Professor.

„Wunderbar. Dann überlasse ich Clare Ihnen, junger Mann. Und seien Sie lieb zu ihr ...“, sagte der Professor bedeutend, um zugleich in einen Raum auf der gegenüberliegenden Seite zu entschwinden.

Clare kam auf ihn zu und lächelte ihn an.

„Meinen Namen kennen Sie schon. Mit wem habe ich die Ehre?“

„Oh ich heiße Best, Logan Best. Ich weiß ehrlich gesagt nicht genau, warum ich eigentlich hier bin.“

Clare musterte ihn aufmerksam.

„Man muss nicht immer alles wissen. Manchmal sollte man sich treiben lassen“, antwortete Clare.

„Vielleicht zeige ich Ihnen mal, mit was ich mich gerade beschäftige. Aber natürlich nur, wenn Sie das interessiert“, sagte sie und wusste, dass ihr Charme seine Wirkung nicht verfehlte.

„Ja, das interessiert mich sehr. Ich bin Journalist“, ereiferte sich Best.

„Ein Journalist also. Sind das nicht die, die alles immer so lange vereinfachen, bis nichts mehr vom Kern übrig ist?“, sagte Clare.

„Da muss ich Sie enttäuschen, wenn das immer so leicht wäre, könnte ich sicher mehr Geld verdienen“, sagte Best wahrheitsgemäß.

Clare bedeutete ihm, dass sie in den Raum gehen sollten, aus dem sie gekommen war. In dem Raum sah es aus, wie in einem Arztzimmer. Das obligatorische Skelett und die Bücher, die Schädel in Vitrinen und die Knochen.

„Die Anthropologie beschäftigt sich mit dem Menschen. Wer sind wir? Woher kommen wir? Was unterscheidet und was verbindet uns? Darum geht es in unseren Studien“, dozierte Clare.

„Wir befassen uns damit, ob wir einmal eine Rasse waren oder ob es schon immer verschiedene gab. Wir haben Charles Darwin ebenso auf dem Schirm, wie die Irrlehren der Nazis.“

Best bekam einen Schreck bei dem Wort. Die Irrlehren der Nazis, das war es ja, warum er hier war.

Clare nahm einen Schluck Wasser und führte aus:

„Wir sind also auch Forscher und Ideologen in einer Person. Denn das, was wir herausfinden, beeinflusst das Welt- und das Menschenbild. Wir wollen wissen, woher wir kommen, weil wir dann auch besser sagen können, wohin wir gehen. Wir arbeiten mit vielen anderen Wissenschaften Hand in Hand. Wir sind multitaskfähig.“

„Interessant“, sagte Logan Best.

„Ja, das ist es. Aber vermutlich sind Sie nicht deshalb hier, oder?“, fragte Clare.

Best wusste nicht was er tun sollte. Er machte einen Vorstoß.

„Haben Sie schon einmal etwas von den Protokollen der Weisen von Zion gehört?“

Clare sah ihn wenig verwundert an. Ein leichtes Zucken umspielte ihre Mundwinkel.

„Eigentlich kein Thema der Anthropologie. Eher ein Thema für Geschichte. Aber ich kenne sie. Ich habe davon gehört.“

„Was wissen Sie darüber?“

„Ich weiß, dass die Protokolle eine Fälschung sind. Es gibt aber Menschen, die sie für echt halten und es gibt auch Menschen, die sie als Begründung für ihr antisemitisches Weltbild nutzen“, sagte Clare nachdenklich.

„Aber kommen Sie mal mit.“

Clare deutete Best an, dass er ihr folgen sollte. Sie verließen den Raum und gingen den Flur entlang bis zu einem anderen Zimmer. Sie schloss die Tür auf, denn Clare hatte offensichtlich Zutritt, was sicher ein Privileg für die Studentin war.

In dem Raum befand sich eine Art Archiv. Der Raum war mit Regalen gefüllt, die alte und vergilbte Bücher und Schriften beheimateten. Sie ging zielstrebig auf eine Regalwand zu und suchte etwas.

„Moment, ich habe es gleich. 415/365. Moment, nein, das muss es sein.“

Sie nahm ein großes und schweres Buch aus dem Regal und legte es auf einen Tisch. Sie blätterte eine Weile in dem Buch, bis sie die richtige Stelle gefunden hatte.

„Sehen Sie hier, Best. Das ist eine Auflistung über die verschiedenen Ausgaben und eine Historie über deren angeblicher oder vermeintlicher Herkunft.“

Best staunte nicht schlecht, denn es war offensichtlich, dass Clare dies nicht zum ersten Mal gesucht hatte. Warum nur, dachte er sich. Warum wusste die Studentin solche Details über die Schriften?

„Woher wissen Sie das alles?“, konnte Best seine Verwunderung nicht unterdrücken.

Clare schien, nicht überrascht über die Frage zu sein.

„Es wird das Thema meiner Magisterarbeit“, sagte sie.

Best ahnte jetzt, dass der Anruf von Berger kein Zufall war und das der Mann wusste, dass Clare an dieser Magisterarbeit über die Protokolle arbeitete. Was er aber nicht verstand, war, warum es Clare nicht ebenso verwunderte, dass er sie jetzt danach befragte. Dies alles musste doch jedem als kein Zufall erscheinen. Tatsächlich runzelte Clare die Stirn und sagte:

„Warum sind Sie hier?“

Best zögerte. Nach einer kurzen Weile des Überlegens fragte er sich, ob er Clare vertrauen könnte. Ob er es ihr anvertrauen sollte. Eigentlich nicht. Aber auf der anderen Seite war sein Leben so merkwürdig aus den Fugen geraten, dass er keine Alternative dazu sah, sich der jungen Frau zu offenbaren.

„Ich bin von einem Herrn auf Ihr Institut hingewiesen worden“, begann er.

„Das ist gut. Wir freuen uns immer, wenn man uns empfiehlt“, antwortete Clare.

„Es war keine richtige Empfehlung. Es war eher ein Rat oder ein Befehl, oder was immer“, sagte Best.

Clare dachte nach. Das war merkwürdig.

„Wie meinen Sie das, ein Befehl?“

„Ich bin da in etwas hineingeraten. Es fing mit einem Brief an und jetzt bin ich im Visier des FBI und eines Mannes, der angeblich ein rechter Ideologe ist“, sagte Best und spürte, dass es ihn irgendwie befreite, darüber zu reden.

Clare sah ihn aufmerksam an.

„Sie sind in etwas hineingeraten? Es wäre nicht das erste Mal, das die Protokolle zu schlimmen Dingen führen“, sagte sie, während sie ein unbehagliches Gefühl befiel.

„Ja, das kann sein. Mir ist die ganze Sache auch nicht geheuer. Irgendetwas macht mir hier Sorgen, geradezu Angst“, sagte Best.

„Es geht auch um keine Kleinigkeit. Denn die Protokolle sind eine Provokation und geschichtlich schwer belastet. Ich habe dies zum Thema meiner Magisterarbeit erwählt, weil Professor Stone mir dazu riet, mich mit einem Thema zu beschäftigen, das interdisziplinär zu behandeln ist. Das weniger heute, als in der Vergangenheit eine Rolle spielte und dessen Mythos es zu entlarven gilt.“

Das konnte Best nachvollziehen.

„Und zu welchen Schlüssen sind Sie bisher gelangt?“, fragte Best.

„Ich habe die Hetzschrift studiert. Es gibt verschiedene Versionen. Allen gemeinsam ist aber, dass hier eine Konstruktion einer Verschwörung entworfen wird. Die Protokolle sollen belegen, dass es eine konzertierte Aktion, einen Plan gibt, der die Geschicke der Menschheit seit langen Zeiten beeinflusst“, sagte Clare.

„Was sich schon gleich bescheuert anhört“, sagte Best.

„Ja, es ist die klassische Weltverschwörung, mit allen Botenstoffen für schlimme Weltanschauungen und unhaltbare Gerüchte“, warf Clare ein.

„Glauben Sie an Verschwörungen, Herr Best?“

„Nur dann, wenn ich meine Milchtüte nicht aufbekomme und offensichtlich niemand vor mir, das je auf seine Tauglichkeit hin untersucht hat“, versuchte Best einen Spruch.

„Sie haben ein Problem“, sagte Clare ernst.

„Ja, das kann schon sein. Ich fühle mich absolut nicht wohl bei der Sache. Mir kommt das Ganze vor, als will man mich für etwas instrumentalisieren, von dem ich nicht weiß, welche Interessen es bedient“, antwortete Best.

Clare schloss das Buch und ordnete es wieder ein.

„Ich muss jetzt aber gehen. Wir bleiben in Kontakt?“, fragte Clare.

„Gerne. Ich gebe Ihnen meine Nummer, wenn das nicht unverschämt ist“, sagte Best freundlich.

„Ja, geben Sie sie mir. Ich habe noch einen Termin. Es hat mich gefreut, Sie kennenzulernen“, sagte Clare schelmisch.

„Dito.“

III. Recherchen

Als Best die Universität verließ, hatte er zwei widerstrebende Gefühle. Da war das Thema, das ihn immer mehr anwiderte und zugleich faszinierte. Dann war da aber auch Clare, die ein, nicht nur aus fachlicher Sicht, überaus angenehmer Kontakt war. Er würde sich freuen, wenn er sie bald wieder sehen würde. Das war aber natürlich nichts, was irgendetwas mit Gefühlen zu tun hatte. Natürlich nicht.

 

Best schlenderte noch etwas über den Campus und dachte nach. Eine Weltverschwörung anhand von Protokollen zu belegen, das empfand er aus vielen Gründen als dumm. Zunächst ist eine Verschwörung schon immer verdächtig. Eine Weltverschwörung ist aber schon fast Paranoia. Dann aber auch noch von Protokollen zu reden und an ihre Existenz wirklich zu glauben, die dies alles belegen sollen, das war die Krönung der Kruderie.

 

In diesem Moment klingelte sein Handy.

„Sie waren bei ihr?“, hörte er die unheimliche Stimme von Berger.

„Sie scheinen alles zu wissen, Berger. Das grenzt schon an Stalken, was sie hier abziehen“, sagte Best, wenig erstaunt über die neuerliche Kontaktaufnahme des unangenehmen Bekannten.

„Ich weiß eben, dass Sie schon mitten drin sind.“
„Wo mitten drin? Was meinen Sie.“

„Mitten drin im Thema. Beginnt es, Sie zu amüsieren“, fragte Berger.

„Mich amüsiert hier gar nichts mehr, Berger. Und Sie am Allerwenigsten.“

„Ich kann Sie ja verstehen. Aber sein Sie versichert: Der Kontakt mit Morgan und seinem FBI ist nicht weniger amüsant“, weidete sich Berger in seiner Macht.

„Machen Sie jetzt keinen Fehler. Ich gebe Ihnen einen gut gemeinten Rat. Seien Sie von jetzt an auf der Hut und überlegen Sie jeden Ihrer Schritte. Es ist wie auf einem Bergmassiv. Jeder falsche Tritt kann in den Abgrund reißen.“

„Danke für die Fürsorge, Berger. Was soll ich nun tun, Ihrer Meinung nach. Ich frage Sie das jetzt einfach mal. Sagen Sie mir doch einfach, was ich jetzt tun soll“, sagte Best genervt.

„Sie brauchen erst einmal gar nichts tun. Warten Sie ab“, sagte Berger und legte auf.

 

Bests Interesse war immer noch nicht wirklich geweckt. Dennoch wollte er sich jetzt einen genauen Überblick verschaffen. Sein Leben war derart aus den Fugen geraten, dass er wenigstens wissen wollte, warum dies so war.

Er nahm die U-Bahn und ging direkt in die Staatsbibliothek.

Dort suchte er sich ein ruhiges Plätzchen, und begann den Anforderungsschein auszufüllen. Die Protokolle, alles über die Protokolle.

Nachdem er sein Gesuch formuliert hatte, kam ein Bibliothekar mit einer Liste. Sie war sehr umfangreich.

Zunächst suchte er die Erstausgabe. Er erfuhr, dass eine russische Zeitung, namens Smanja, die Protokolle im Jahre 1903 als Erste herausgebracht hatte. Es handelte sich, wie eigentlich nicht anders zu erwarten war, um eine rechtslastige, nationalistische Zeitung.

Der Herausgeber war ein zwielichtiger Antisemit, der durch die Organisation von Pogromen gegen Juden auffiel. Er behauptete in der Erstausgabe, dass die Protokolle angeblich aus Frankreich stammten, wo sich die Hauptzentrale der Archive der Zionisten befände. Spätere Publikationen begannen, auch eine Verbindung zu Geheimlogen und speziell zur Freimauerei zu konstruieren. So wurde eine Loge angeführt, die sich Memphis-Misraïm-Ritus nannte.

Einige griffen zurück bis auf den König Salomo, der angeblich schon die Grundlagen einer Theologie des Bösen gegen die Mächte der Sonne initiieren wollte. Best war Salomo eigentlich eher von seinem berühmten salomonischen Urteil bekannt.

Grundsätzlich zielte das Ganze aber eindeutig in die Richtung, dass man den Juden eine Weltverschwörung unterstellte, die sie genau planen und deren Strategie sie seit Jahrhunderten verfolgen würden. Man baute den Antichrist, dessen Erscheinen das jüngste Gericht einläuten sollte, als Antipode zu dem Messias auf, der am Ende die Mächte des Bösen besiegen würde.

In späteren Behauptungen fand sich vor allem die These, dass Theodor Herzl, der als Begründer des modernen politischen Zionismus gilt, eine Rede auf einem Weltkongress der Juden gehalten hätte, wo er die Protokolle 1897 angeblich verlesen hätte.

Best erfuhr, dass anfänglich die Protokolle keine große Beachtung und keinen großen Widerhall fanden. Dies änderte sich aber mit der russischen Revolution.

Besonders ein Mann sollte dieses Thema später bearbeiten, der bei der ideologischen Ausrichtung der Nazidiktatur eine wichtige Rolle spielte. Er hatte die russische Revolution von 1917 miterlebt und war als Baltendeutscher einer der Ersten, der die Protokolle in Westeuropa verbreitete.

Es handelte sich um Alfred Rosenberg.

Der Schriftsteller und spätere profilierte Ideologe der Nazis hatte mehrere Schriften verfasst, die im Kern eine jüdisch-bolschewistische Weltverschwörung belegen sollten. Rosenberg interpretierte die gesamte Weltgeschichte nach dem Muster, das alle Klassenkämpfe, alle kriegerischen Auseinandersetzungen und alle ökonomischen Verwerfungen, alleinig dem Plan der Juden und des Marxismus zuzuschreiben wären, die die Geschicke der Welt im eigenen Interesse zu lenken beabsichtigen.

Best begriff, dass diese Schriften direkt in die Konzentrationslager führten, die später von der Nazidiktatur zum Zwecke der Eliminierung der Juden errichtet wurden. Ihm war nicht wohl dabei. Was Gedanken alles auslösen können, dachte er. Ihm war klar, dass die Protokolle eine wichtige Informationsquelle für bestimmte Kreise darstellten. Eine Begründungsschiene.

Zweifel an der Echtheit der Protokolle kamen erstmalig dezidiert durch einen Reporter der englischen Times auf, der nachweisen konnte, dass große Teile abgeschrieben worden waren. Abgeschrieben von Publikationen. Von Büchern und aus anderen Quellen.

Juristisch erlangten die Protokolle aber Bedeutung, als im „Berner Prozess“ in den Jahren 1933-34 die Echtheit der Protokolle erstmalig auch rechtlich eine Rolle spielte. Im Jahre 1933 war Adolf Hitler in Deutschland Reichskanzler geworden. Der Prozess in der neutralen Schweiz spielte also eine große Rolle, die besonders durch die juristische Wertung, in der ganzen Welt Beachtung fand.

 

Das Gericht kam nach zähen Verhandlungen zu einem Urteil. Entgegen der Ansicht der klagenden Nazipartei entschied das Gericht, dass die Protokolle Schundliteratur seien und eindeutig als Abschriften von literarischen Vorbildern entlarvt wären. Der Behauptung, es habe einen Kongress gegeben, auf dem die Protokolle als Handlungsanweisung der Zionisten verlesen worden wären, konnten die Richter als nicht beweiskräftig entlarven.

Dies alles tat aber der Popularität der Protokolle keinen Abbruch. Im Gegenteil erklärten die Ideologen der Nazis, dass es eigentlich gar nicht darauf ankäme, ob die Protokolle echt sind oder nicht, sondern darauf, dass man in den Protokollen aber den Lauf der Geschichte erkennen könne und daher der Wert der Protokolle ungeschmälert sei.

 

Best wollte langsam wissen, was eigentlich in den Protokollen stand. In diesem Moment klingelte sein Handy.

 

„Hallo, ich bin es, Clare.“

„Oh, hallo, wie nett von Ihnen zu hören.“

„Lassen wir das Förmliche. Sage mir, können wir uns treffen?“

„Natürlich. Wann?“

„Um drei Uhr am Square. Ok?“

„Ok.“

 

Best war erstaunt so schnell von Clare zu hören. Sie schien angespannt bei dem Telefonat. Best verließ die Bibliothek auf schnellstem Wege.

Als er auf die Straße trat, ging alles ganz schnell. Er merkte kaum, wie zwei Männer ihn ergriffen und in eine schwarze Limousine verfrachteten. Er wehrte sich, so gut er konnte, aber die Männer waren geschult im Aufgreifen von Personen.

 

„Was soll das? Lassen Sie mich los. Was wollen Sie von mir?“, sagte Best zu den Männern.

„Halt dein Maul. Und rede nur, wenn Du gefragt wirst“, antwortete ein Mann mit einer schwarzen Brille.

Best fand sich im Innern einer Luxuslimousine wieder. Die beiden Männer hatten hier ebenso Platz, wie ein alter Mann, der elegant gekleidet war und ihn fixierte.

 

„Guten Tag, Herr Best“, sagte der alte Mann.

„Wer sind Sie. Was soll das hier werden?“, sagte Best.

„Mein Name ist Berger. Wir kennen uns bisher nur telefonisch. Ich habe mir erlaubt, Sie zu einem Gespräch zu bitten.“

„Dies ist keine Einladung, dies ist eine Entführung. Ich verbitte mir den Kontakt mit Ihnen“, sagte Best mutig.

„Sie werden sich dagegen, wie die Dinge zu liegen scheinen, nun aber schwer wehren können“, sagte Berger.

„Was wollen Sie von mir?“, fragte Best.

„Ich habe etwas mit Ihnen zu besprechen. Ich erwarte, und dies ist kein Gesuch, sondern ein Befehl, ich erwarte von Ihnen, dass Sie mir nun gut zuhören.“

Der Blick der Bodyguards neben dem alten Mann ließ auch keine andere Verhaltensweise zu.

„Ich habe Sie für die, nennen wir es mal, Mission, deshalb ausersehen, weil ich will, dass Sie Licht ins Dunkel bringen. Licht in ein Dunkel, das von den Zionisten und anderen Logen verhindert wird. Ich will, dass Sie den Beweis erbringen. Den Beweis der Echtheit der Protokolle. Ich habe deshalb gerade Sie auserkoren, weil ich mich gut über Sie informiert habe. Sie sind ein Perfektionist. Auch wenn Sie Schwächen besitzen, wie ihre leicht zu manipulierende Libido und Ihren Alkoholmissbrauch, so weiß ich doch, dass Sie der Richtige sind. Ich hatte Ihnen gesagt, dass die Protokolle in Nürnberg sind. Nürnberg sagt Ihnen sicher was. Es war die Wiege der nationalistischen Revolution. Dort sind die Protokolle.“

Best fühlte sich erbärmlich. Was war das für ein Wahnsinniger?

„Ich weiß nicht, wovon Sie reden“, sagte Best.

„Sie wissen sehr gut, wovon ich rede. Ich will, dass Sie die Protokolle suchen. Es wird Ihnen sicher nicht entgangen sein, dass Clare eine überaus begabte und attraktive Person ist. Sie wird mit Ihnen die Protokolle suchen“, sagte Berger.

„Was hat Clare damit zu tun?“, fragte Best.

„Clare ist ebenso erwählt. Sie wird alles genau so tun, wie es der Plan vorsieht.“

„Wieso sind Sie sich da so sicher?“

„Ich bin kein Anfänger, was die, sagen wir es vorsichtig, was die Protektion von Menschen angeht. Dessen seien Sie sich gewiss. Ich bin kein Anfänger, Herr Best. Nennen Sie es Manipulation. Nennen Sie es Führung. Ich führe die Menschen. Oder nennen Sie es Schach. Ich bin nicht jemand, der da unangenehm werden möchte. Nein, wirklich. Ich bin kein Unmensch. Es mag ja sein, dass die Propaganda der westlichen Dekadenz Ihnen und Ihresgleichen gebetsmühlenartig den Kopf verdreht. Aber irgendwann kommt der Moment der Wahrheit.“

„Welcher Wahrheit?“

„Der Wahrheit, die den Menschen die Augen öffnet. Es wird Zeit für diesen Moment. Die Protokolle sind von äußerster Wichtigkeit.

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