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Die Professorin

Erster Teil

Er trug eine schwarze Maske. Das schwarze Haar fiel bis auf seine breiten Schultern. Sein Oberkörper war nackt, die goldbraune Haut glänzte in der Sonne. Er ging auf den Swimmingpool zu. Aufreizend langsam öffnete er den Verschluss der sandfarbenen Leinenhose, ließ sie über die muskulösen Oberschenkel gleiten und bot sich ihrem Blick mit dem athletischen Körper eines jungen Gottes dar. Sein Schwanz, stark und hart, mit einer prallen purpurfarbenen Spitze, nahm ihr den Atem. Mit einem eleganten Kopfsprung tauchte er in das Becken. Voller Faszination beobachtete sie, wie er durch das grünlich schimmernde Wasser glitt. Bei seinem Anblick strömte eine heiße Welle durch ihren Leib. Ihr Schoß begann zu glühen.

Wie von einem Magneten angezogen stand sie auf, ging die Steintreppe hinunter zum Pool und trat auf die erste Stufe, wo das warme Wasser ihre Knöchel sanft umspülte. Gleißend heiß brannte die Sonne auf sie herunter. Die Luft war getränkt von dem betörend süßen Duft der weißen Lilien, die in großen Terracottakübeln rund um den Pool standen. Stille lag über der Villa. Sie wurde nur durch die leisen rhythmischen Bewegungen des schönen Schwimmers unterbrochen.

Stufe für Stufe ging sie weiter ins Wasser hinein. Es verwandelte ihren hauchdünnen Seidenkaftan in eine zweite durchsichtige Haut. Der Mann mit der Maske bewegte sich in kraftvollen Stößen von der gegenüberliegenden Seite des Beckens auf sie zu. Jetzt hatte er sie erreicht. Schwarze Augen schauten sie geheimnisvoll und fragend an.

Ja, dachte sie sehnsuchtsvoll. Ja, ich will.

Sie nickte leicht.

Zärtlich berührte er ihre Wange und fuhr mit seinen Händen langsam tiefer. Er begann mit seinen Daumen sanft ihre Brustwarzen zu umkreisen, die sich unter der nassen Seide aufrichteten wie kleine Phalli. Sie unterdrückte das lustvolle Stöhnen, das ihr aus der Kehle rinnen wollte. Noch wollte sie ihm nicht zeigen, wie sehr sie schon allein das Liebkosen ihrer Brustspitzen erregte. Sie wollte mehr, viel mehr.

Sie legte den Kopf in den Nacken, schloss die Augen. Genussvoll spürte sie diesem süßen Gefühl nach, das sich von ihren Nippeln bis in ihre Schamlippen ausbreitete. Sie begannen zu pochen, schwollen an. Als nach einer quälenden Ewigkeit seine Hände endlich den Weg zu ihrer feuchten Spalte fanden, hörte sie einen Schrei. Von weit her, aus einer anderen Welt, drang er in ihr Bewusstsein.

»Hilfe!«

Esther Winkler sah sich um, brauchte zwei, drei Sekunden lang, um sich im Hier und Jetzt zurechtzufinden.

Sie saß in der Werkstatt der Kunsthandlung vor der Staffelei, in der rechten Hand einen Pinsel, in der linken einen Lappen. Ihr Herz hämmerte, ihr Puls raste, sie spürte die Feuchtigkeit in ihrem Schritt. Dann hörte sie den Schrei klar und deutlich noch einmal.

»Hilfe!«

Er kam aus dem Kellergewölbe.

Sollte ihr Chef etwa gestürzt sein?

Ein paar Lidschläge lang lähmte sie das Schamgefühl, das sie nach solchen Fantasien immer überfiel. Dann jedoch sprang sie auf. Schwindel erfasste sie, sodass sie fast den Kanister mit Terpentin umgeworfen hätte.

»Hilfe!« Der Ruf klang dieses Mal weniger alarmierend als mehr kläglich.

Jetzt war sie sich sicher, dass die Stimme eindeutig Maximilian Aschenbach gehörte. Sie warf den Pinsel auf den Arbeitstisch.

Ihre Brille. Wo war sie? Dort, zwischen den Flaschen.

Mit einer einzigen Bewegung riss sie ihre Kurzsichtbrille mit der Lupe, die sie bei der Arbeit brauchte, von der Nase und setzte die andere auf. Danach eilte sie durch den langen Flur des Jugendstilhauses zur Kellertür. Hier blieb sie mit angehaltenem Atem stehen.

»Herr Aschenbach?«

»Hier unten. Ich bin gestolpert und hingefallen«, kam die Antwort stoßweise zu ihr hinauf.

»Ich komme. Bleiben Sie ganz ruhig.«

Sie zwang sich, ihre Panik zu unterdrücken. Ihr Chef war nicht mehr der Jüngste, und sie sah ihn schon mit einem Oberschenkelhalsbruch im Krankenhaus liegen.

Rasch lief sie die unregelmäßig gehauenen Steinstufen hinunter. Eine Glühbirne verbreitete in dem engen Gang ein trübes Licht. Hier befanden sich die Abstellräume der Kunsthandlung.

»Herr Aschenbach?« Esther blieb stehen und horchte.

»Hier«, erhielt sie die leise Antwort. Ihr folgte ein lautes Stöhnen.

Sie betrat den ersten Raum zu ihrer Rechten, wo Maximilian Aschenbach gekrümmt auf dem Steinboden lag. Die rote Brille war ihm von der Nase gefallen, die Fliege im Schottenmuster verrutscht, sein Bein in unnatürlicher Haltung abgewinkelt.

»Mein Gott«, flüsterte sie entsetzt. »Wie ist das denn passiert?«

»Die Metallschiene an der Tür«, stieß ihr Chef kaum hörbar hervor.

Esther kniete sich neben ihn. »Ist Ihnen übel?«

Der Galerist nickte mit schmerzverzerrtem Gesicht.

»Wahrscheinlich ein Bruch.« Sie schob seine Anzughose ein Stück in Richtung Knie und betrachtete das Bein.

Kein Blut, kein herausragender Knochen. Vielleicht hatte er Glück gehabt, und es war zumindest kein offener Bruch.

Mit großer Behutsamkeit gelang es ihr schließlich, den älteren Mann so aufzurichten, dass er sich mit dem Rücken gegen eines der Regale lehnen konnte. Dafür musste sie all ihre Kraft aufwenden. Maximilian Aschenbach war zwar zwei Köpfe kleiner als sie, dafür aber mehrfach so breit.

»Ich rufe den Krankenwagen«, sagte sie entschlossen, stand auf und rannte die Treppe hinauf zum Telefon.

»Galerie und Kunsthandlung Aschenbach, Maximilianstraße zwanzig, weißes Jugendstilhaus«, nannte sie dem Rettungsdienst die Adresse und eilte danach zurück in den Keller.

Maximilian Aschenbach stand der Schweiß auf der kahlen Stirn.

»Der Krankenwagen wird gleich hier sein«, tröstete sie ihn.

»Sie müssen morgen für mich in die Toskana.«

Gleichermaßen erstaunt wie entsetzt sah sie ihn an.

»Sie wissen doch …« Sein ungeduldiger Blick traf sie.

Ja, sie wusste. Ihr Chef wollte am nächsten Tag nach Florenz fliegen, um eine private Kunstsammlung zu begutachten und um an ihr präventive Konservierungsmaßnahmen so wie kleine Reparaturen vorzunehmen.

»Nein, das kann ich nicht«, erwiderte sie hastig.

»Sie müssen. Graf d’Albertis ist einer meiner besten Kunden. Er wäre mit Sicherheit verstimmt, wenn ich seinen Auftrag auf unbestimmte Zeit hinausschieben würde. Den wäre ich dann sogar wahrscheinlich los. Außerdem sprechen Sie fließend Italienisch.«

»Nicht fließend«, korrigierte sie ihn.

»Sie schaffen das.« Seine Stimme gewann an Kraft. »Als Restauratorin sind Sie sogar noch besser als ich.«

Sie wusste, dass er ihr nur schmeicheln wollte. Sie war jung, hatte bisher kaum praktische Erfahrung gesammelt. Ihre Ausbildung zur Restauratorin hatte sie außerdem neben ihrem Kunstwissenschaftsstudium absolviert, dem sie sich bedeutend mehr gewidmet hatte. Bisher hatte er sie nicht an die wertvollen Gemälde herangelassen. Und jetzt hielt er sie für fähig, eine so große Aufgabe bewältigen zu können? Nein, in Wirklichkeit war er vielmehr von ihrem Ehrgeiz überzeugt; davon, dass sie das Vertrauen, das er in sie setzte, nicht enttäuschen würde.

»Sie fliegen morgen«, bestimmte er mit strenger Miene. »Sie werden dieser Aufgabe gewachsen sein, da bin ich mir sicher.« Sein Vertrauensbeweis sowie das warmherzige Lächeln, das diesen begleitete, trafen sie mitten ins Herz.

»Und wer wird dann hier im Geschäft sein?«, brachte sie ihren letzten Einwand vor.

»Meine Schwester.«

»Wenn Sie meinen«, murmelte sie, obwohl sich alles in ihr gegen diesen Auftrag sträubte. Außerdem hasste sie das Fliegen.

»Waren Sie schon einmal in der Toskana?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Das ist eine ganz besonders schöne Ecke von Italien. Allein Florenz, die Stadt der Künste, ist schon ein Traum. Und dann werden Sie auch noch in diesem wunderbaren Palazzo wohnen.« Mit schmerzverzerrter Miene tätschelte er ihre Hand. »Ich bin sicher, dass Sie dort viele neue Eindrücke bekommen werden.«

Damit sollte Maximilian Aschenbach recht behalten. Und das sogar in vielfacher Hinsicht.

Auf den ersten Blick verliebte sich Esther in die eigenwillige Schönheit der Toskana. Der Landsitz des Grafen, oder Palazzo, wie ihr Chef gesagt hatte, der jedoch gern übertrieb, lag außerhalb von Florenz im Hinterland.

Schnurrend glitt die Limousine des Grafen, dessen Chauffeur sie am Flughafen abgeholt hatte, durch die Landschaft. Sie fuhren einen dieser vielen sanft geformten Hügel hinauf, die sich bis zum Horizont erstreckten. Weizenfelder, die in der untergehenden Sonne golden leuchteten, breiteten sich am Fuße des Hügels aus, über ihnen grüne Weingärten. Auf der Mitte der Anhöhe bog der Fahrer in einen geraden langen Weg ein, den hohe dunkle Zypressen flankierten. Die unbefestigte Straße führte auf ein Anwesen zu, das die Bezeichnung »Palazzo« tatsächlich verdiente. Es stammte aus dem siebzehnten Jahrhundert, wie Esther als Kunsthistorikerin sofort erkannte. Der Besitz badete in der Abendsonne. Hinter dem Gebäude zog sich in einiger Entfernung ein Wald weiter den Hang hinauf.

Esther stieg vor dem Rondell aus und blieb fasziniert stehen.

Dieser Ort hier oben, dem Himmel näher als dem Land, hatte etwas an sich, was sie nicht hätte benennen können. Er löste eine eigenartige Erregung in ihr aus. Azaleen, Rosen, Hibiskus … Blüten in den Farben des Feuers und der Leidenschaft, eine Luft, die wie Champagner prickelte, und der warme seidige Wind, der eine unbestimmte Ahnung zu ihr herüberwehte.

»Dottoressa?« Der Chauffeur hatte ihren Arbeitskoffer sowie ihr Handgepäck bereits ins Haus gebracht, während sie sich umgesehen hatte.

Sie schrak zusammen, als er wieder vor ihr stand, und fand jäh zurück ins Hier und Jetzt.

»Si.« Sie nickte und folgte ihm zum Eingang.

Die kunstvoll geschnitzte Doppeltür des Palazzos stand einladend offen. Esther betrat eine mit weißem Marmor ausgelegte Halle. Sie sah sich in dem hohen Raum um, durch dessen Glasdach das Abendlicht fiel.

Deckenhohe Gemälde orientalischer Maler im Stil des Fotorealismus, sparsam verteilte Antiquitäten, eine Sitzecke in marokkanischem Stil und in der Luft der süßliche Duft aufgeblühter weißer Lilien, die überall in hohen Vasen standen. Von irgendwoher klang Musik zu ihr herüber. Der Bolero von Ravel. Sie liebte dieses klassische Stück, das sich langsam und leise dem Ohr des Zuhörers näherte, ihn neugierig machte, ihn unter Spannung setzte, um dann immer drängender auf einen Höhepunkt zuzusteuern, der sich schließlich mit Paukenschlägen orgastisch entlud. Doch noch war es nicht so weit. Noch konnte sie das Plätschern vernehmen, das sich unter die zurückhaltenden Töne mischte.

Woher kam es?

Sie drehte sich um.

Am anderen Ende der Halle stand ein Brunnen, eine fast mannshohe Säule aus Bronze, an der das Wasser wie Seide hinunterglitt, um sich in zwei nebeneinanderliegenden Halbkugeln zu sammeln.

Esther rückte ihr schwarzes Brillengestell gerade.

Sah sie richtig?

Zögerlich ging sie auf das Wasserspiel zu.

Nein, sie irrte sich nicht. Die Säule war einem Penis naturgetreu nachempfunden. Aus seiner Eichel sprudelte das Wasser und rann an dem geäderten Schaft hinunter. Langsam, gleitend, geradezu lasziv.

Esther schluckte. Ihr geschultes Auge erkannte die kunstvolle Arbeit. Die Plastik musste ein Vermögen wert sein.

Einem unwiderstehlichen Drang folgend wollte sie gerade die Hand nach ihr ausstrecken, um sie zu berühren, als sie eine samtig-rauchige Stimme in ihrem Rücken hörte.

»Gefällt er Ihnen?«

Peinlich berührt zuckte sie zusammen, drehte sich um und sah sich einem Mann gegenüber, den sie auf Mitte dreißig schätzte. Er war mehr als einen Kopf größer als sie, trug eine sandfarbene Leinenhose und ein weites weißes Hemd, dessen Ausschnitt den Blick auf eine unbehaarte, gebräunte Brust lenkte. Das lange schwarze Haar hatte er streng zurückgebunden, was seine ebenmäßig geschnittenen Züge betonte. Seine Augen funkelten sie an wie polierte schwarze Onyxe. Das Auffälligste an diesem Männergesicht waren jedoch die Lippen; weich, wundervoll geformt und geschwungen. Sie milderten die Härte des Kinns ab. Nur eine längliche Narbe an dem gebräunten Hals, neben der Halsschlagader, störte die Perfektion dieses Gesichts. Sie gab dem Mann etwas Verletzliches, das Esther zu ihrer Überraschung tief im Innern berührte.

Was war denn mit ihr los?, fragte sie sich vollkommen irritiert.

Sie rang um Fassung, hob das Kinn und straffte sich. Als wenn das noch nicht genug gewesen wäre, schob sie mit spitzem Zeigefinger ihr Brillengestell auf die Nasenwurzel und sagte mit hoch erhobenem Kopf sowie distanziertem Lächeln auf Italienisch: »Mein Name ist Dr. Esther Winkler. Herr Aschenbach, mein Chef, hat mich angemeldet. Ich möchte den Conte d’Albertis sprechen.«

Ein sichtlich amüsiertes Lächeln legte sich um die Lippen des Schwarzhaarigen, bevor er sich in übertriebener Manier vor ihr verbeugte.

»Ich bin Conte Roberto d’Albertis«, erwiderte er auf Deutsch.

Seine Antwort verschlug ihr erst einmal die Sprache. Ungläubig starrte sie ihn an.

Noch auf dem Flug hierher hatte sie sich den Grafen als alten weißhaarigen Mann vorgestellt. Von wegen. Dieser junge Typ sollte so unglaublich reich sein und eine der größten Kunstsammlungen Italiens besitzen? Das konnte nicht sein.

Sie räusperte sich energisch. Ihre klammen Handflächen strichen dabei den grauen Rock glatt, der unterm Knie endete und zu dem sie flache schwarze Schuhe trug.

»Ihren Vater«, stellte sie nun auch auf Deutsch richtig.

Seine Miene verhärtete sich, sah zwei, drei Herzschläge lang aus wie aus Stein gemeißelt.

»Mein Vater ist seit vierzehn Jahren tot.«

Die dunkle Männerstimme mit dem italienischen Akzent jagte ihr einen Schauer über den Rücken. Oder war es nur der Inhalt der Antwort, der so viel Tragik in sich barg?

Er muss noch sehr jung gewesen sein, als er seinen Vater verloren hat, schoss ihr durch den Kopf.

Wie auch immer, das ging sie nichts an, rief sie sich innerlich zur Ordnung. Sie war schließlich nicht hier, um seine Familiengeschichte aufzuschreiben. Und auch nicht, um sich aus ihrem inneren Gleichgewicht bringen zu lassen, trotz des intensiven Blickes.

Während ihre Gedanken Purzelbäume schlugen, wurde ihr Blick von seinem ein paar Herzschläge lang gefangen gehalten, und selbst, wenn sie gewollt hätte, hätte sie diesen Bann nicht durchbrechen können. Währenddessen schwoll die Musik im Hintergrund an. Der Bolero wurde leidenschaftlicher. Ihr Herzschlag schlug mit ihm im gleichen Takt. Ihr Atem ging schwerer.

Schluss jetzt, befahl sie sich, und zwang sich zu einem kühlen Lächeln, während sie Roberto d’Albertis herausfordernd in die Augen sah.

»Wie dem auch sei«, sagte sie knapp. »Herr Aschenbach erzählte mir, dass sich meine Unterkunft hier im Haus befindet.«

Der Conte trat einen Schritt zurück, lächelte ebenso distanziert.

»Meine Haushälterin hat für Sie, beziehungsweise für Herrn Aschenbach, ein Zimmer gerichtet. Paolo wird Sie dorthin führen. Er wird in den kommenden Tagen für Sie da sein. Wir beide sehen uns morgen nach dem Frühstück um neun Uhr hier in der Halle. Dann zeige ich Ihnen meine Sammlung und wir besprechen alles Weitere.« Er deutete eine Verbeugung an, die sie als pure Ironie empfand. »Ich entschuldige mich. Ich habe eine Verabredung.«

Genauso geräuschlos wie er gekommen war, entfernte er sich wieder. Barfuß.

Paolo, ein rundlicher, väterlich wirkender Mann mit weißem Haar, führte sie durch mehrere Gänge in den Gästetrakt.

»Der Conte hat für Herrn Aschenbach das schönste Zimmer herrichten lassen«, erzählte er ihr, während sie ihm mit klopfendem Herzen folgte. »Das bekommen Sie jetzt.«

»Warum sprechen Sie so gut Deutsch?«, erkundigte sie sich.

»Die Gräfin war Deutsche. Die zweite Frau von unserem verstorbenen Conte.«

War Deutsche?

»Ist sie auch tot?«

»Ja.« Die Antwort klang so, als wollte der Diener nicht mehr dazu sagen.

Roberto d’Albertis stand also allein da. Ein reicher Erbe. Ob er verheiratet war? Sie wagte nicht, auch noch diese Frage zu stellen. Außerdem, was ging es sie an? Sie würde hier ihre Arbeit erledigen und so schnell wie möglich wieder nach München zurückfliegen.

»Hier sind wir.« Paolo blieb vor einer Tür mit goldenem Knauf stehen. »Bitte …«

Er öffnete, und Esther fand sich nach ein paar Schritten in einem Zimmer wieder, dessen lange hohe Fensterfront den Blick auf eine tiefer liegende Poollandschaft inmitten von scharlachrot blühendem Oleander freigab. Auf den Natursteinen standen Deckchairs mit Beistelltischen. Weiße Voilevorhänge tanzten vor den geöffneten Fenstern anmutig im Abendwind. Durch den hohen Raum, den ein prunkvolles Himmelbett dominierte, schwebte der Duft von Sandelholz, der sich mit dem süßlichen der Blumen draußen mischte.

»Soll ich Ihnen das Abendessen auf Ihrer Terrasse servieren, oder möchten Sie im Atrium speisen?«

Sie räusperte sich.

»Ich habe keinen Hunger«, brachte sie schließlich mit belegter Stimme hervor.

Die vielen neuen Eindrücke allein machten sie schon satt.

»Aber Sie wollen doch bestimmt von unserem herrlichen toskanischen Rotwein kosten?« Paolo zwinkerte ihr aufmunternd zu. »Der Conte besitzt ein Weingut, das den besten Chianti der Gegend produziert.«

Sie lächelte.

»Ja, Rotwein ist gut«, erwiderte sie.

»Ich komme gleich wieder«, versprach Paolo väterlich lächelnd, was ihr gut tat.

Es wirkte beruhigend und so normal auf sie in dieser Umgebung, deren Atmosphäre eine höchst beunruhigende Wirkung auf sie hatte.

Nachdem der ältere Mann die Tür hinter sich geschlossen hatte, ging Esther in dem riesigen Zimmer auf Entdeckungsreise. Sie war zwar noch nie in einem Luxushotel gewesen, aber mehr Komfort als hier konnte ein solches bestimmt auch nicht bieten.

Auf dem Glastisch vor der cremefarbenen Sitzlandschaft standen ein riesiger Strauß Lilien und eine Schale mit frischen Früchten. Im Kleiderschrank warteten ein blütenweißer kuscheliger Bademantel, Badeschuhe sowie Handtücher auf sie. Es gab eine Bar mit alkoholischen und nichtalkoholischen Getränken, eine Espressomaschine und ein Badezimmer, das vielmehr die Bezeichnung »Badesaal« verdiente.

Goldene Wasserhähne, ein Bidet, eine in den Mosaikboden eingelassene Wanne, an deren vier Ecken dorische Säulen bis zur Decke ragten. Das WC befand sich hinter einer Trennwand aus kunstvoll gelegten Mosaiken. Über dem Waschbecken hing ein breiter Spiegelschrank.

Neugierig öffnete sie dessen Türen.

Hier war alles vorhanden, was man für die tägliche Pflege brauchte. Und noch mehr.

Esther machte große Augen, als sie die beiden, in Folie eingeschweißten Dildos entdeckte; in unterschiedlichen Größen, einer mit und einer ohne Noppen.

Das konnte doch nicht wahr sein.

In ihrer Kehle kitzelte ein Lachen, als sie daran dachte, dass dieses Zimmer ursprünglich für ihren Chef hergerichtet worden war. Wie sollte sie denn diese Zugabe verstehen? Ob sich ein solches Spielzeug in jedem der Gästezimmer befand?

Sie räusperte sich und schloss die Schranktür. Peinlich berührt. Dann sah sie die Frau an, die ihr aus dem Spiegel entgegenblickte.

»Ein Grund dafür, dass ich Sie einstelle, ist neben Ihrem hervorragenden Universitätsabschluss Ihr Aussehen«, hatte Maximilian Aschenbach vor einem halben Jahr zu ihr im Vorstellungsgespräch wenig schmeichelnd gesagt. »Bei einer schönen, attraktiven Frau vermutet man selten Sachverstand. Sie jedoch wirken befähigt, solide und bodenständig, was in unserer Branche sehr wichtig ist.«

Hätte er doch gleich »graue Maus«, sagen können, hatte sie damals pikiert gedacht. So war sie früher in der Schule genannt worden, trotz ihrer dunkelroten widerspenstigen Locken, die sie von ihrer schottischen Großmutter geerbt hatte. Bei ihr war sie nach dem frühen Unfalltod ihrer Eltern aufgewachsen. Ihre Oma hatte wenig Sinn für Mode gezeigt. Zweckmäßig hatte es sein müssen, wasch- und haltbar. Und nicht zu provokativ. Letztendlich war sie bei diesem Kleidungsstil geblieben. Konservativ, unauffällig, nur dass sie ihre Stoffhosen und Blazer in die Reinigung bringen musste.

Esther schaute in ihr ungeschminktes Gesicht. Es wurde von einem großen schwarzen Brillengestell beherrscht, das von ihren Augen ablenkte. Obwohl … Der intensive Blick des Conte hatte den Weg zu ihnen gefunden.

Bei dem Gedanken an die Begegnung mit ihm in der Eingangshalle neben dem sprudelnden Penis breitete sich eine Gänsehaut auf ihrer Haut aus. Ein paar Herzschläge lang war ihr zumute gewesen, als wäre der Blick aus den schwarzen Männeraugen durch den Stoff ihres grauen Kostüms bis auf ihre Haut gedrungen und hätte sie verbrannt.

Energisch schob sie mit dem Zeigefinger die Brille auf dem Nasenrücken hoch. Dabei schüttelte sie den Kopf, als könnte sie sich dadurch von dieser Vorstellung befreien.

Als Esther auf die Terrasse trat, wartete der Rotwein bereits auf dem Tisch. Paolo musste ihn während ihres Aufenthaltes im Bad gebracht haben. Er konnte nur durch den Garten gekommen sein, denn ihre Zimmertür hatte sie abgeschlossen. Neben dem Wein standen ein langstieliges bauchiges Glas und ein silberner Teller mit einer Haube.

Neugierig hob sie diese hoch. Unter ihr fand sie große fleischige Oliven, hauchdünn geschnittene Salami mit Fenchelsamen, ein Stück Pecorino und ein paar Scheiben knuspriges Brot. Bei diesem appetitlichen Anblick meldete sich dann doch der Hunger in ihr.

Sie streifte die Kostümjacke ab, hing sie über einen Stuhl, krempelte die Ärmel ihrer weißen Bluse hoch und zog die Schuhe aus. Bevor sie die Beine auf den gegenüberstehenden Stuhl legte, schenkte sie sich Wein ein. Der Chianti schmeckte herrlich und zwischendurch genoss sie immer wieder die köstlich schmeckenden Antipasti. Sie entspannte sich mehr und mehr und fühlte sich schließlich wie im Urlaub.

Die Sonne war längst untergegangen. Sie hatte den Himmel in ein flammendes Rot getaucht. Beinahe andächtig verfolgte Esther den Wechsel der Farben, das leuchtende Purpur, das sich ganz langsam in zarte Töne auflöste. Schwarze Zypressen ragten wie ein Scherenschnitt in den noch brennenden Himmel, eine Luft wie Seide, Zikadengesang, das Wasser des Pools unterhalb ihrer Terrasse glänzte wie ein Tablett aus Silber. Plötzlich mischte sich ein anderes Geräusch unter das Abendkonzert der Vögel, ein leises Wimmern, ein Stöhnen.

Sie setzte sich aufrecht hin, das Rotweinglas in der Hand. Mit angehaltenem Atem horchte sie in die Dämmerung.

Da war es wieder. Dieses Mal lauter und eindeutiger. Doch das, was ihre Ohren vernahmen, wollte noch nicht so richtig in ihren Verstand dringen.

Sie stellte das Glas auf den Tisch, stand auf. Wie von einer unsichtbaren Macht getrieben, ging sie langsam die Steintreppe hinunter, die von Oleanderbüschen gesäumt war. Auf der letzten Stufe blieb sie stehen und duckte sich.

Das, was sie durch das Blätterwerk sah, schnürte ihr schlichtweg die Luft ab.

Auf einem der Deckchairs lag eine schlanke Frau auf dem Rücken. Nackt. Ihre dunklen Haare fielen wie Schleier zu beiden Seiten auf den Steinboden. Sie hatte die Arme über dem Kopf verschränkt, sodass Esther ihre aufgerichteten Brustwarzen sehen konnte. Ihre Füße hatte sie zu beiden Seiten der Liege auf die Fliesen gestellt. Zwischen ihren geöffneten Schenkeln kniete ein Mann. Sein schwarzes Haar war im Nacken zusammengebunden. Er trug eine sandfarbene Hose. Sein Oberkörper war nackt.

Der Mann aus meinen erotischen Fantasien, schoss es Esther durch den Kopf. Nur die Maske fehlte.

Sie schluckte schwer. Sie erkannte ihn natürlich auf Anhieb, denn er war fast zum Greifen nah: Roberto d’Albertis. Er leckte die Scham der jungen Schönen. Voller Hingabe, sichtlich mit Genuss. Seine Zunge fuhr die Falten ihrer Spalte entlang. Aufreizend langsam. Dabei zeichnete sich unter dem Stoff seiner Hose ein beachtlich großer Penis ab. Jetzt bewegte sich seine Zunge schneller, sie umkreiste die Klitoris der Frau, seine Lippen umschlossen sie, saugten an ihr. Damit brachte er ihren Körper zum Beben. Sie richtete sich halb auf, grub ihre roten Fingernägel in seine breiten gebräunten Schultern, warf den Kopf in den Nacken und stöhnte laut auf. Er umfasste ihre Hüften, schob ihre Vulva noch näher an seinen Mund heran.

Esther fühlte die Trockenheit unter ihrem Gaumen, schluckte krampfhaft. Sie ballte ihre Hände zu Fäusten und spürte, wie sie zwischen den Beinen feucht wurde. Ihre Schamlippen begannen zu pulsieren. Ihr Schritt brannte sehnsüchtig. Wie angewurzelt blieb sie stehen, war unfähig, sich zu bewegen. Ihr Blick saugte sich an dieser Szene fest.

Jetzt wanderten die Hände der Frau von Robertos Schultern in sein Haar. Sie zog seinen Kopf noch tiefer zwischen ihre Schenkel, presste ihre hungrigen Schamlippen noch dichter an seinen Mund. Ihre Hüften bewegten sich im Takt seiner Zunge, die ihr lustvolle Schreie entlockte. Ekstase beherrschte ihren Körper. Sie hob den Po an, spreizte die Beine noch weiter, um Robertos Zunge noch tiefer in sich aufnehmen zu können. Sie keuchte, stöhnte, wimmerte, flüsterte dazwischen immer wieder etwas, das Esther nicht verstehen konnte. Jetzt hielt sie sich mit den Händen an der Liege fest, gab unterdrückte Schreie von sich und warf den Kopf hin und her, während ihr Liebhaber weiter unerbittlich an ihrer Klitoris saugte. Dann durchfuhren Zuckungen ihren Körper, als würde sie ein Blitz nach dem anderen treffen. Ihre Lustschreie gingen in ein Jammern über und ihr Körper fiel in sich zusammen, erschlaffte.

Roberto küsste ihre nasse Haut und streichelte dabei ihren flachen Bauch, der sich heftig hob und senkte. Auf seinen Wangen, auf denen ein dunkler Bartschatten lag, glänzte ihr Saft im Licht des Mondes.

Dann richtete sich die Frau auf, warf das Haar zurück, das ihr über den Rücken bis zur Taille floss. Sie lachte, sagte etwas zu Roberto, woraufhin er ebenfalls lachte, und zog ihn am Hosenbund über sich. Er hockte über ihr, die Knie zu beiden Seiten ihrer schmalen Taille aufgestützt. Mit einer routinierten Bewegung, die zeigte, dass sie dies nicht zum ersten Mal machte, öffnete sie seinen Hosenschlitz und holte seinen harten Schwanz heraus, der genauso perfekt geformt war wie der Phallus in der Eingangshalle.

Gebannt starrte Esther auf das Paar. Robertos Gespielin rutschte auf der Liege etwas tiefer, nahm seine Erektion in beide Hände und sagte wieder etwas zu Roberto, woraufhin er leise lachte. Dann leckte sie mit ihrer Zungenspitze seine Eichel, drängte sie in die kleine Öffnung, was dem Grafen ein Stöhnen entlockte. Er bewegte sich nicht, hatte nur den Kopf in den Nacken gelegt, die Augen geschlossen. Seine muskulösen Arme hingen an seinem Körper herab. Ihre Lippen wanderten nun an dem geäderten Schaft auf und ab, saugten an seiner Spitze. Sie nahm ihn wieder im Mund auf, umfasste seine Hüften und bewegte ihren Kopf nach vorn und zurück. Hungrig zog sie Robertos Penis immer wieder in ihren Mund. Sein Brustkorb hob und senkte sich, immer schneller. Ein leises Stöhnen kam über seine Lippen. Seine Hände griffen in ihr Haar, um ihre Bewegungen zu steuern. Dann hielt er ihren Kopf fest. Er sprach zu ihr, woraufhin sie seinen Schaft aufreizend langsam aus ihrem Mund gleiten ließ.

Sie legte sich flach auf den Rücken, Roberto rutschte tiefer und drang in sie ein, was ihr erneut ein leises Stöhnen entlockte. Ein paar Lidschläge lang verharrte er. Als sich ihr Leib ihm dann gierig entgegenbog, sich ihre Beine um seine Hüften schlangen, als würde sie ihn noch tiefer in sich aufnehmen wollen, begann er, sich in ihr zu bewegen. Zuerst langsam, dann schneller.

Esther konnte hören, wie seine Hoden an den Po der Frau klatschten. Stoß um Stoß, immer heftiger. Dann warf er den Kopf in den Nacken, ein kehliger Laut kam aus seinem Mund, ein Beben lief durch seinen Körper. Da wusste sie, dass er gerade gekommen war.

Ihr Herz raste, ihr schwindelte, ihr ganzer Kreislauf spielte verrückt. Nur weg von hier, befahl sie sich. Am liebsten wäre sie vor sich selbst weggelaufen, so sehr schämte sie sich in diesem Augenblick. Sie bemerkte erst jetzt, dass sich ihre rechte Hand in ihre Bluse geschlichen hatte und auf ihrer nackten Brust lag, auf deren steifen Nippel. Bevor sie sich umdrehen konnte, hob Roberto d’Albertis den Kopf. Er lag immer noch auf der Frau, sein Schwanz war immer noch in ihr. Mit ausgestreckten Armen stützte er sich von der Liege ab. Wie im Zeitlupentempo bewegte er langsam den Kopf in ihre Richtung, als hätte er ein Geräusch vernommen.

Hatte sie etwa auch gestöhnt?

Sein Blick blieb auf dem Oleanderbusch haften, hinter dem sie stand.

Meine Bluse, fiel ihr plötzlich ein.

Sie erschrak. Das Mondlicht, das die Poollandschaft inzwischen wie eine Bühne beleuchtete, musste auch das Weiß ihrer Bluse verraten. Vielleicht sogar ihre Brillengläser.

Ohne länger nachzudenken, drehte sie sich um und floh hastig die Treppe hinauf. Da sie keine Schuhe trug und sich dadurch lautlos bewegte, konnte sie nur hoffen, Roberto in der Unsicherheit zurückzulassen, nicht genau zu wissen, ob da tatsächlich ein nächtlicher Beobachter gewesen war. Der Gedanke, dass er ihr, der intellektuellen und unscheinbar wirkenden Dr. Esther Winkler, ein solches Verhalten gar nicht erst zutrauen würde, beruhigte sie nur halbwegs. Sie gehörte nicht zu den Frauentypen, denen die Männer Lust am Sex oder Sinnlichkeit bescheinigten. Das wusste sie nur zu genau. Und außerdem, vielleicht hatte sie ja Glück und der Conte beherbergte in dieser Nacht noch andere, ebenso neugierige Gäste wie sie.

Mit hämmerndem Herzen schlüpfte Esther ins Zimmer und blieb schwer atmend stehen. Sie fühlte sich ertappt, bloßgestellt, nackt und schmutzig. Wie hatte sie nur so wenig Verstand besitzen können? Normalerweise passte ein solches Verhalten nur zu Spannern, aber doch nicht zu einer Frau wie ihr. Die Vorstellung, dass der Conte sie tatsächlich entdeckt haben könnte, ließ ihr das Blut in den Adern gefrieren.

Tapsend fand sie im Dunklen den Weg zum Bett und schaltete die Nachttischlampe an. Bei jedem Schritt erinnerte sie die klebrige Feuchtigkeit zwischen ihren Beinen daran, was geschehen war.

Eine Dusche. Eine eiskalte Dusche, die die Eindrücke der vergangenen Minuten von ihr abspülen, ihren heißen Schoß kühlen und ihr wieder ihren klaren Kopf zurückgeben würde. Die brauchte sie jetzt.

Mit zittrigen Händen schlüpfte sie aus Rock, Bluse und Unterwäsche. Zuerst drehte sie das warme Wasser auf, ließ es an sich hinunterrinnen und versuchte dabei, zur Ruhe zu kommen.

Dass sie hin und wieder sexuelle Fantasien hatte, akzeptierte sie ja. Auch, dass sie sich ab und zu selbst befriedigte, aber dass sie jetzt zur Spannerin geworden war, entsetzte sie geradezu.

Wieder sah sie die Szene unten am Pool leibhaftig vor sich. Und ohne sich dagegen wehren zu können, schlich sich die Frage in ihren Kopf, wie es sich anfühlen mochte, an dem kräftigen prallen Schwanz des Conte zu lutschen, die Wölbung der Eichel zwischen ihren Lippen zu spüren, mit der Zungenspitze spielerisch die Adern seines Schaftes nachzuzeichnen. So etwas hatte sie noch nie gemacht, aber dieser Mann rief in ihr den Wunsch nach Sex hervor. Nach fantasievollem und befriedigendem Sex, einem anderen, als den, den ihr ihre bisherigen drei Sexualpartner beschert hatten. Kein unerfahrenes Herumfingern an und in ihr, kein nur viermaliges Rein und Raus in ihrer noch trockenen Vagina, dann sein Orgasmus und danach die stolz klingende Frage: »War es auch schön für dich?«, die sie stets mit einem Ja beantwortet hatte, aus Angst, ihr Freund hätte sie für frigide gehalten. Schluss jetzt, befahl sie sich.

Energisch drehte sie den Kaltwasserhahn bis zum Anschlag auf. Der plötzliche kalte Guss nahm ihr kurz den Atem, aber das musste jetzt sein. Bibbernd hielt sie die Dusche aus, bis sie zu frieren begann. Dann trocknete sie sich schnell ab und schlüpfte in ihr Blümchennachthemd. Sie hatte jetzt nur noch zwei Wünsche: zu vergessen und schlafen zu können. Dafür nahm sie eine Schlaftablette, wie an so manchen Abenden, wenn sich wider alle Vernunft der Hunger nach einem Mann in ihr meldete und sie nicht noch auf dumme Gedanken kommen wollte.

Silvia rekelte sich unter ihm wie eine Katze.

»Du lächelst«, sagte sie in schnurrendem Ton. »Hat es dir gefallen?«

Roberto glitt von ihr und setzte sich auf den Rand der Liege.

»Mir gefällt es immer mit dir«, antwortete er, behielt jedoch für sich, dass er aus einem ganz anderen Grund lächelte, als sie annahm.

»Holst du mir ein Glas Champagner, tesoro?« Silvias Hand streichelte zärtlich über seinen Rücken.

»Klar.« Er stand auf, froh darüber, ein paar Augenblicke mit sich und seinen Gedanken allein sein zu können.

Das Mondlicht hatte sie verraten. So wie Silvias Lustschreie, die ihn von Mal zu Mal mehr störten, Dr. Esther Winkler verraten hatten, dass auf seinem Anwesen irgendetwas im Gange gewesen war. Da hatte »Frau Professor« wohl einmal nachsehen wollen.

Er musste schmunzeln, während er die Steinstufen zu seinem Wohntrakt hinaufging.

Sie hatte Gefallen an ihrer Entdeckung gehabt. Ohne Zweifel. Die rechte Hand in der weißen Bluse, die vom Mondlicht reflektiert wurde, auf dem Gesicht der Ausdruck von Erregung, ja geradezu von Hingerissenheit. Ihre schönen Lippen waren halb geöffnet gewesen, die Brustwarzen hatten sich unter dem Stoff deutlich abgezeichnet.

Wieder musste er lächeln.

Er war schon gespannt darauf, wie sie ihm morgen früh begegnen würde. Sie musste mitbekommen haben, dass er sie entdeckt hatte. Wahrscheinlich würde sie wieder die Kühle, die unnahbare Intellektuelle mimen.

Roberto ging durch die Wohnräume in die Küche, holte den Champagner aus dem Kühlschrank und öffnete ihn.

Sein erster Eindruck hatte ihn also doch nicht getäuscht, sinnierte er amüsiert weiter. Die tizianroten Locken, die sie schmucklos in einem Knoten bändigte, die Augen von einem schillernden Smaragdgrün, welche sie hinter dieser schrecklichen Brille versteckte, ein Körper, der perfekt zu sein schien, obwohl das schlecht sitzende, mausgraue Kostüm viel zu viel von ihm verbarg … Selbst die flachen Treter konnten der Schönheit ihrer Beine keinen Abbruch tun. Auf den ersten Blick schon war sie ihm wie ein Rohdiamant erschienen, der durch den richtigen Schliff in vollem Glanz erstrahlen würde.

Er schenkte sich ein und trank das Glas in einem Zug aus.

Ja, diese Frau machte ihn neugierig. Sie war anders. Nach all den Models und Möchtegernschauspielerinnen, die er ständig irgendwo kennenlernte, erschien sie ihm als neue Herausforderung, die vielleicht frischen Wind in sein Liebesleben bringen würde.

Um fünf vor neun verließ Esther am nächsten Morgen ihr Zimmer – in dem Kostüm vom Vortag, allerdings mit frischer weißer Bluse und Laptoptasche unterm Arm. Abgesehen davon, dass sie außer ihrer Berufskleidung gar keine legere mitgenommen hatte, gab ihr das offizielle Outfit Sicherheit, wie eine Uniform, die Distanz schaffte.

Sollte dieser Conte ruhig wieder barfuß und im Freizeitlook auftauchen. Sie war zum Arbeiten hier.

Mit hämmerndem Herzen, aber aufrecht und strammen Schrittes ging sie durch den langen Gang des Gästetraktes in Richtung Eingangshalle. In dem Moment, als sie den Wasser sprudelnden Bronzepenis erreicht hatte, betrat ihr Gastgeber aus dem gegenüberliegenden Wohntrakt die Halle.

Sie kniff die Augen zusammen. Sah sie richtig? Entgegen ihrer Annahme trug er einen hellgrauen Anzug, ein weißes Hemd und eine locker gebundene Krawatte, die die blaue Farbe des Himmels über der Glaskuppel einfing. Ganz Geschäftsmann von Kopf bis zu den Füßen, die in polierten Slipper steckten. Mit einem zu diesem Outfit passenden, freundlich-geschäftlichen Lächeln kam er auf sie zu, deutete eine Verbeugung an. »Guten Morgen«, sagte er hörbar reserviert.

»Guten Morgen«, erwiderte sie rein mechanisch.

Jetzt stand für sie fest, dass er sie in der Nacht entdeckt hatte. Sie konnte sich fast denken, wie es nun weitergehen würde. Er würde sie rauswerfen, ihren Chef anrufen, der ihr dann kündigen würde.

»Gut, dann wollen wir mal«, fuhr er nicht weniger reserviert fort. »Wenn Sie mir bitte folgen würden. Zuerst zeige ich Ihnen mein Museum.«

Sie folgte ihm mit zitternden Knien.

Sein Gang war kraftvoll und elegant zugleich, seine Haltung gerade und lässig.

Und wieder sah sie ihn nackt vor sich. Das Bild am Pool drängte sich einfach vor ihr inneres Auge, ohne dass sie es verhindern konnte, und ließ eine heiße Welle durch ihren Unterleib schwappen.

Verdammt, was war bloß mit ihr los?

Hastig öffnete sie den obersten Knopf ihrer gestärkten Bluse.

Sie hatte die Türen nicht gezählt, an denen sie vorbeigegangen waren – ihr kam es vor, als wären es endlos viele gewesen. Vor einer blieb Roberto d’Albertis jedoch nun endlich stehen.

»Hier sind wir.« Er öffnete und deutete ihr mit einer Geste an einzutreten.

Sie straffte sich, hob das Kinn und lächelte gekünstelt.

Der Raum war quadratisch geschnitten, besaß eine geschnitzte Kassettendecke, glänzendes Parkett und eine ähnlich beachtliche Größe wie die Eingangshalle, nur dass es ihm an Höhe fehlte. An seinen Wänden hing ein Kunstwerk neben dem nächsten. Ölgemälde in geschnitzten und vergoldeten Rahmen aus unterschiedlichsten Epochen, Aquarelle, Radierungen und ein Acrylbild aus den fünfziger Jahren von dem bekannten Acrylmaler Jackson Pollock. Das Themenspektrum der Gemälde war breit gefächert. Porträts, Landschaften, Stillleben, Abstraktes.

Merkwürdig, kein einziger Akt, dachte sie und unterdrückte ein Lächeln. Nach den vielen Phalli im Haus und dieser Nacht hatte sie fast ein Erotikmuseum erwartet.

»Sehr beeindruckend«, sagte sie steif. »Herr Aschenbach hat nicht übertrieben, als er meinte, Sie würden eine der größten Privatsammlungen Italiens besitzen.«

Dass sie jetzt ein konkretes Thema mit ihm hatte, nahm ihr ein wenig von der Nervosität, die seine Gegenwart in ihr hervorrief. Ihr Herzschlag fand fast zu seinem normalen Rhythmus zurück.

Sie sah sich um.

Die Türen zum Garten standen weit offen. Die durchsichtigen weißen Stores blähten sich in der Morgenbrise. Sonnenlicht fiel in das Museum, malte Muster auf das Parkett, ohne die Kunstwerke zu erreichen. Der perfekte Raum, um Gemälde aufzubewahren. Was sie jedoch überraschte, war, dass sie nirgendwo Kameras entdeckte, die diese Schätze überwachten.

Roberto d’Albertis schien zu ahnen, was ihr durch den Kopf ging.

»Die Überwachungskameras sind sehr geschickt angebracht, sodass mögliche Diebe sie nicht so schnell lahmlegen können. Und bei Anbruch der Dunkelheit lasse ich meine beiden Hunde auf dem Anwesen frei laufen. Jeden Fremden beißen sie sofort«, fügte er hinzu, als eindeutige Warnung für sie, sich nachts nicht mehr am Pool herumzutreiben.

So konnte sie seine Worte nur auffassen. Nur, wo waren die Hunde vergangene Nacht gewesen? Ob er sie eingesperrt hatte, um sich ungestört vergnügen zu können?

Sie hob das Kinn, zwang sich zu einem leichten Lächeln und sah ihm tapfer, ja herausfordernd ins Gesicht.

»Wenn Sie keine Zuschauer wünschen, hätten Sie Ihrer Gespielin den Mund zuhalten müssen«, hätte sie am liebsten gesagt. Natürlich tat sie das nicht. Sie sagte gar nichts. Die schwarzen Männeraugen fixierten sie mit einer Eindringlichkeit, die ihr die Kehle zuschnürte. Die sinnliche Ausstrahlung dieses Mannes traf sie wie ein Schlag. Dennoch hielt sie seinem Blick stand. Dann wich der eindringliche Ausdruck in Robertos Augen einem wissenden, belustigten Funkeln. Sie rang nach Luft, wandte sich hastig ab und täuschte vor, sich interessiert in eines der Gemälde zu vertiefen.

»Die Alarmanlage ist mit der nächstliegenden Polizeistation geschaltet«, erzählte er in sachlichem Ton weiter. »Natürlich habe ich sie eben ausgeschaltet, da ich zwei Bilder abhängen will, die gereinigt werden müssen.«

»Welche?«, erkundigte sie sich, erleichtert darüber, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben.

Er zeigte auf zwei Ölgemälde eines deutschen Landschaftsmalers.

»Ich bin mir nicht sicher, ob das rechte vielleicht sogar doubliert werden muss zur Fixierung der Farbschicht am Rand.«

Sie räusperte sich, um ihrer Stimme einen festen Klang zu geben. »Das werde ich prüfen. Herr Aschenbach sagte, dass Sie die entsprechende Presse dafür besitzen.«

»In der Werkstatt werden Sie alles finden, was Sie brauchen.«

»Des Weiteren wollen Sie das Museum um einen Raum erweitern, den ich auf die Bedingungen dafür testen soll.«

»Exakt. Kommen Sie bitte.«

Sie folgte ihm in das dem kleinen Museum gegenüberliegende Zimmer.

»Warten Sie hier, ich muss erst Licht machen«, sagte er, nachdem er die Tür aufgeschlossen hatte.

Sie blieb stehen, ihre Augen versuchten, sich in dem abgedunkelten Raum zu orientieren. Dann zog er die schweren Vorhänge zurück, die eine lange Fensterfront mit Blick auf den Park freigaben. Alberto stieß die Flügeltüren zur Terrasse auf und sie trat hinaus. Von hier führte ein Natursteinweg in den Garten hinab auf einen kleinen Tempel zu.

»Der Flora-Tempel«, erklärte der Conte. »Flora, auch Flora mater genannt, war in der römischen Antike die Göttin der Blumen, Gärten und des Frühlings.«

»Ich weiß. Sie hat auch Eingang in die Malerei gefunden. Bei Böcklin, Rembrandt und Tizian zum Beispiel.«

»Verzeihen Sie, ich hatte ganz vergessen, dass Sie über mehr als nur ein profanes Allgemeinwissen verfügen«, erwiderte er voller Ironie.

Blödmann. Ohne sich zu ihm umzudrehen, konterte sie:

»Verzeihen Sie mir bitte, dass es so ist.«

Ihr Herz schlug hart gegen die Rippen, während sie die Marmorstatuen der Blumengöttin und der sie umgebenden steinernen Putten betrachtete, die den Hintergrund für einen Brunnen mit kunstvoll gestaltetem Wasserspiel bildeten. Die Szenerie umgaben üppig blühende rosafarbene Rosenbüsche, deren süßer Duft der laue Wind auf die Terrasse wehte.

»Schauen Sie sich bitte im Zimmer um«, hörte sie die samtig-rauchige Stimme des Conte sagen. »Ich muss gleich zum Weingut.«

Er musste dicht hinter ihr stehen. Sie hatte den Eindruck, seinen warmen Atem in ihrem Nacken zu spüren. Schnell trat sie zwei Schritte nach vorn und drehte sich dann erst um.

Roberto d’Albertis stand tatsächlich zum Greifen nah vor ihr. Er streckte den Arm nach ihr aus, berührte ihren Ellbogen und sagte mit dem verführerischen Lächeln des Teufels:

»Kommen Sie.«

Seine auffordernde Geste elektrisierte sie, obwohl sie ein ganz normales höfliches Zeichen war.

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