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Die Prinzessinen von New York – Scandal

ANNA GODBERSEN

Die Prinzessinnen

von New York

Scandal

Roman

Ins Deutsche übertragen
von Franziska Weyer

Zu diesem Buch

Mädchen, die in schönen Kleidern nächtelang feiern. Junge Männer mit verführerischem Lächeln und gefährlichen Absichten. Das ist die Welt, in der Elizabeth und Diana Holland leben. Eine Welt voller Luxus und Vergnügen, aber auch Intrigen und Verrat. In der High Society Manhattans kann ein Skandal den Ausschluss aus der Gesellschaft bedeuten. Eigentlich beherrschen die Holland-Schwestern die Spielregeln der Elite perfekt und wissen, wie sie ihren Platz als deren Lieblinge halten können. Doch als ihre Mutter ihnen mitteilt, dass sie das Familienvermögen verloren haben, wird den Mädchen klar, dass sich ihr Leben bald vollkommen verändern könnte. Zum Glück ist die Rettung schon zum Greifen nah: eine Heirat zwischen Elizabeth und dem begehrtesten Erben der Stadt – Henry Schoonmaker. Nach diesen Enthüllungen muss vor allem Elizabeth fürchten, dass ihr Geheimnis ans Licht kommt. Denn die verbotene Liebe zu dem mittellosen Will würde nicht nur ihre Zukunft, sondern auch die ihrer Familie für immer ruinieren, und Elizabeth muss sich entscheiden, ob Will es wert ist, alles aufs Spiel zu setzen …

Für Suzanne und Gordon

Das war die Art des alten New York … die Art von Menschen, denen ein Skandal fürchterlicher war als eine Krankheit, die die Schicklichkeit höher hielten als den Mut und für die nichts ungebildeter war, als eine »Szene« zu machen – wenn man von denen absah, durch deren Benehmen so etwas heraufbeschworen wurde.

Edith Wharton, Zeit der Unschuld

Prolog

Am Morgen des 4. Oktobers 1899 nahm der Herrgott Elizabeth Adora Holland, die älteste Tochter des verstorbenen Mr Edward Holland und seiner Witwe Louisa Gansevoort Holland, zu sich in sein Himmelreich. Die Trauerfeierlichkeiten finden morgen, am Sonntag, den 8. Oktober, um zehn Uhr in der Grace Episcopal Church, Broadway Nr. 800, in Manhattan statt.

– Traueranzeige in der New York News of the World Gazette,
Samstag, 7. Oktober 1899

Elizabeth Adora Holland war zu Lebzeiten sowohl für ihren Liebreiz als auch für ihre moralische Unfehlbarkeit bekannt gewesen und würde daher nach ihrem Tod zweifellos einen besonderen Platz mit hervorragender Aussicht im Himmel ergattern. Und hätte Elizabeth an jenem Oktobermorgen von oben auf ihre eigene Beerdigung herabschauen können, so hätte sie sich wohl ziemlich geehrt gefühlt, denn die angesehensten New Yorker Familien waren gekommen, um sich von ihr zu verabschieden.

Der feierliche Zug ihrer schwarzen Kutschen, die allesamt von auf Hochglanz gestriegelten Rappen gezogen wurden, verstopfte den Broadway bis zur East Tenth Street, wo die Grace Church in düsterer Pracht aufragte. Obwohl zu diesem Zeitpunkt weder Sonnenschein noch Regen in Sicht waren, hielten die Diener große schwarze Schirme schützend über die Mitglieder der Trauergemeinde, um ihre von Betroffenheit und Erschütterung gezeichneten Gesichter vor den neugierigen Blicken der Passanten zu verbergen. Diese stoische Ernsthaftigkeit sowie die Gleichgültigkeit gegenüber den Schaulustigen, die sich hinter den Polizeiabsperrungen drängten, hätten sicherlich Elizabeths Anerkennung gefunden. Die versammelte Menschenmenge wunderte sich über den Tod dieses makellosen achtzehnjährigen Mädchens, das dank seiner glanzvollen abendlichen Auftritte, über die am nächsten Morgen stets in den Zeitungen berichtet worden war, etwas Farbe in den grauen Alltag der einfachen Leute gebracht hatte.

An diesem Morgen hatte eine Kältewelle New York erreicht und der Himmel war mit einer undurchdringlichen Schicht bleigrauer Wolken verhangen. Als die Kutsche von Reverend Needlehouse vor der Kirche hielt, murmelte er vor sich hin, Gott hätte wohl seinen Sinn für Schönheit verloren, nun da Elizabeth Holland nicht mehr auf Erden wandelte. Die Sargträger nickten zustimmend, während sie dem Reverend über die Straße zur gotischen Kirche folgten.

Diese jungen Männer gehörten zu Liz’ Bekanntenkreis – sie hatte auf zahllosen Bällen mit jedem einzelnen von ihnen Quadrillen getanzt. Irgendwann waren die Halbstarken dann nach St. Paul’s und Exeter verschwunden, um später mit erwachsenen Gedanken und dem leidenschaftlichen Wunsch zu flirten zurückzukehren. Und nun standen sie hier, in ihren schwarzen Gehröcken und mit Trauerflor am Arm und trugen vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben eine ernste Miene zur Schau.

Der Erste war Teddy Cutting, der für seine Unbeschwertheit bekannt war und zweimal um Elizabeths Hand angehalten hatte, ohne dass ihn irgendjemand ernst genommen hätte. Er sah wie immer vornehm aus, auch wenn Liz die winzigen Stoppeln an seinem Kinn aufgefallen wären – ein verräterisches Zeichen tiefer Trauer, denn Teddy wurde jeden Morgen von seinem Kammerdiener rasiert und ließ sich in der Öffentlichkeit niemals auch nur mit dem Hauch eines Bartes blicken. Hinter ihm kam der schneidige James Hazen Hyde, der erst im Mai diesen Jahres die Mehrheitsanteile der Equitable-Lebensversicherungsgesellschaft geerbt hatte. Einmal hatte er sich rasch nach vorn gebeugt, um an Elizabeths nach Gardenien duftendem Nacken zu schnuppern und ihr dabei zugeflüstert, sie würde weit besser riechen als die meisten Mesdemoiselles in der Faubourg Saint-Germain. Hinter James ging Brody Parker Fish, dessen Familienanwesen an das der Hollands am Gramercy Park grenzte, und nach ihm folgten Nicholas Livingston und Amos Vreewold, die häufig darum gewetteifert hatten, wer von ihnen Elizabeth als Tanzpartner aufs Parkett führen durfte.

Mit gesenktem Blick warteten sie auf Henry Schoonmaker, der als Letzter erschien. Bei seinem Anblick konnten sich die meisten der vornehmen Trauergäste ein überraschtes Keuchen nicht verkneifen, nicht nur deshalb, weil er sich sonst immer mit einem gefährlichen Glitzern in den Augen und einem Drink in der Hand zeigte. Die tragische Ironie, dass Henry just an dem Tag als Sargträger auftrat, an dem er Elizabeth eigentlich hätte heiraten sollen, wirkte wie ein furchtbar unfairer Schlag des Schicksals.

Wie die anderen Kutschen wurde auch der Leichenwagen von glänzenden Rappen gezogen, doch der Sarg darin war mit einer riesigen weißen Seidenschleife verziert, als Zeichen dafür, dass Elizabeth als Jungfrau gestorben war. Ein Raunen ging durch die Menge und der Atem zahlreicher Trauergäste erschien als weiße Wölkchen in der kalten Luft wie eine Schar schemenhafter Geister. »Was für eine Schande«, drang geflüstert aus aller Munde, während die Anwesenden sich mit betrübtem Nicken gegenseitig zustimmten, wie furchtbar es war, dass ein derart gutes Kind so früh gestorben war.

Henry hatte die dünnen Lippen zu einer schmalen Linie zusammengepresst und ging nun zum Leichenwagen, dicht gefolgt von den anderen Sargträgern. Gemeinsam hoben sie den ungewöhnlich leichten Sarg herab und traten auf das Kirchenportal zu. Einige hörbare Schluchzer wurden rasch in Taschentüchern erstickt, als ganz New York auf einen Schlag zu begreifen schien, dass niemand je wieder Liz’ Schönheit, ihre porzellanzarte Haut oder ihr warmes Lächeln zu Gesicht bekommen würde. Tatsächlich konnten sie nicht mal einen letzten Blick auf die Tote werfen, denn der Sarg war leer: Trotz zweitägiger intensiver Suche und einer vom Bürgermeister Van Wyck in Aussicht gestellten stattlichen Belohnung hatte man ihre Leiche nicht aus den Fluten des Hudson River bergen können.

Die gesamte Zeremonie war ungewöhnlich schnell auf die Beine gestellt worden, doch noch standen alle viel zu sehr unter Schock, um sich das klarzumachen.

Hinter dem Sarg schritt Elizabeths Mutter, die ein Kleid und einen Schleier in ihrer Lieblingsfarbe trug. Mrs Edward Holland, geborene Louisa Gansevoort, galt als unnahbar und Furcht einflößend – selbst ihren beiden eigenen Kindern gegenüber – und nach dem Tod ihres Mannes im letzten Winter war sie sogar noch härter und starrsinniger geworden. Edward Holland war ein merkwürdiger Mensch gewesen und sein sonderbares Verhalten hatte sich in den Jahren vor seinem Tod noch verstärkt. Er war jedoch der älteste Sohn des ältesten Sohnes eines Hollands gewesen – einer Familie, die schon damals auf der kleinen Insel Manhattan Fuß gefasst hatte, als sie noch New Amsterdam hieß – und so hatte die Gesellschaft ihm seine kleinen Schrullen stets vergeben. Doch in den Wochen vor ihrem eigenen Tod hatte Elizabeth auch an ihrer Mutter einen neuen und ziemlich bemitleidenswerten Zug entdeckt. Louisa hielt sich inzwischen immer ein wenig zur linken Seite gebeugt, so als würde sie sich immer noch auf den Arm ihres verstorbenen Ehemanns stützen wollen.

Als Nächste folgte Elizabeths Tante Edith, die jüngere Schwester des verstorbenen Edward Holland. Edith Holland gehörte zu den ersten Frauen, die nach ihrer Scheidung nicht in der Versenkung verschwanden, sondern sich weiterhin in der Gesellschaft bewegten. Es war allgemein bekannt – auch wenn natürlich kaum jemand darüber sprach –, dass sie in ihrer Ehe mit einem adeligen Spanier derart viel miese Laune und Alkoholexzesse hatte ertragen müssen, dass es für ein ganzes Leben reichte. Sie hatte nach der Scheidung wieder ihren Mädchennamen angenommen und wirkte so betrübt über den Tod ihrer Nichte, als sei Elizabeth ihr eigenes Kind gewesen.

Hinter ihr tat sich eine merkwürdige Lücke auf, die aus Höflichkeit kommentarlos ignoriert wurde, und dann folgte die vollkommen hemmungslos schluchzende Agnes Jones.

Den Schaulustigen, die sich immer noch hinter den Polizeiabsperrungen drängten, um einen guten Blick zu erhaschen, erschien Agnes’ Kleid für den Anlass als durchaus angemessen. Aber der Verstorbenen wäre es sicher auf traurige Weise bekannt vorgekommen. Elizabeth hatte das Kleid selbst nur ein einziges Mal getragen – bei der Beerdigung ihres Vaters – und es dann an Agnes weitergegeben. Für sie war es an der Taille ausgelassen und am Saum gekürzt worden. Elizabeth hatte nur zu gut gewusst, dass sich Agnes’ Vater nach seinem finanziellen Ruin von der Brooklyn Bridge gestürzt hatte, als sie gerade mal elf Jahre alt gewesen war. Anderen Leuten erzählte Agnes gerne, dass Elizabeth die Einzige gewesen war, die in jenen schweren Zeiten zu ihr gehalten hatte. Elizabeth sei ihre beste Freundin, hatte Agnes oft gesagt, und auch wenn Elizabeth eine derart übertriebene Bemerkung ziemlich peinlich gewesen wäre, hätte sie nicht mal im Traum daran gedacht, das arme Mädchen zu korrigieren.

Hinter Agnes folgte Penelope Hayes, die gemeinhin als Elizabeths echte beste Freundin galt. Elizabeth hätte mit Sicherheit den gut versteckten Anflug von Ungeduld bemerkt, der sich jetzt auf ihrem Gesicht abzeichnete. Denn Penelope wartete nicht gern, vor allem nicht im Freien. Auch eine Mrs Vanderbilt, die in der Nähe stand, sah diesen Ausdruck und schnalzte beinahe unhörbar mit der Zunge. Mit ihren schimmernden schwarzen Straußenfedern im Haar, dem ägyptischen Profil und den großen, von langen Wimpern gesäumten Augen wurde Penelope von fast allen Ladys der New Yorker High Society bewundert und beneidet. Aber diese Bewunderung ihrer Schönheit ging nicht gleichzeitig mit Vertrauen in ihren guten Charakter einher. Und die Tatsache, dass Penelope dabei gewesen war, als Elizabeth in den kalten Fluten des Hudson verschwand, verstärkte das Misstrauen noch. Sie war die Letzte, die Elizabeth lebend gesehen hatte, und das wusste mittlerweile jeder hier. Natürlich wollte niemand ihr deswegen etwas unterstellen. Allerdings schien die Sache sie weit weniger schwer erschüttert zu haben, als es eigentlich der Fall sein sollte. Sie trug eine prächtige Kette aus Diamanten um den stolz gereckten Hals und hatte sich bei einem eindrucksvollen Mann namens Isaac Phillips Buck untergehakt.

Isaac war entfernt mit dem alten Buck-Clan verwandt – so weit entfernt, dass sich diese Verwandtschaft weder wirklich beweisen noch in Zweifel ziehen ließ –, doch er machte eine stattliche Figur, war zwei Köpfe größer als Penelope und besaß einen kräftigen Körperbau. Liz hatte sich nie etwas aus ihm gemacht, denn sie hatte es insgeheim schon immer bevorzugt, lieber das zu tun, was ihr zweckmäßig und richtig erschien, anstatt sich für das zu entscheiden, was clever und schicklich gewesen wäre. Ihrer Meinung nach war Isaac nichts weiter als jemand, der sich stets nach dem neuesten Trend richtete, und tatsächlich passte die goldene Krone über seinem linken Schneidezahn perfekt zu der goldenen Uhrenkette, die unter seinem Gehrock hervorblitzte und in seiner Hosentasche verschwand. Hätte die aufmerksame Mrs Vanderbilt, die in der Nähe stand, in diesem Moment laut ausgesprochen, was sie dachte – nämlich dass er weniger wie ein Trauergast wirkte, sondern vielmehr wie jemand, der gerne mit seinem Auftreten Eindruck schindete –, so hätte er das vermutlich für ein Kompliment gehalten.

Hinter Penelope und Isaac strömte die restliche Trauergemeinde in schwarzen Gewändern in die Kirche, um sich raschelnd auf den jeweiligen Bänken, die ihren Familien vorbehalten waren, niederzulassen. Reverend Needlehouse stand schweigend hinter dem Altar, während die angesehensten New Yorker Familien – die Schermerhorns und Van Peysers, die Harrimans und Bucks, die McBreys und Astors – ihre Plätze einnahmen. Einige konnten sich offensichtlich nicht länger zurückhalten und begannen trotz der guten Akustik, die dem hohen Kirchenschiff zu verdanken war, im Flüsterton über den schockierenden Verlust zu reden.

Schließlich gab Mrs Holland dem Geistlichen mit einem knappen Nicken ein Zeichen.

»Schweren Herzens nehmen wir …«, begann Reverend Needlehouse. Das war alles, was er herausbrachte, bevor die Türen des bogenförmigen Kirchenportals aufflogen und krachend gegen die Steinmauern schlugen. Die Ladys der New Yorker High Society hätten sich nur zu gerne umgedreht, doch der Anstand verbot ihnen ein so offen neugieriges Verhalten. Daher hielten sie ihre wohlfrisierten Köpfe mit eisernem Willen geradeaus und ihre Blicke starr auf Reverend Needlehouse gerichtet, dessen Gesichtsausdruck dieses Unterfangen nicht gerade erleichterte.

Diana Holland, die kleine Schwester der Verstorbenen, kam mit ungezähmten Locken und vor Anstrengung geröteten Wangen den Mittelgang entlanggeeilt. Hätte Elizabeth in diesem Augenblick tatsächlich vom Himmel herabblicken können, so wäre sie die Einzige gewesen, die das kleine Lächeln deuten konnte, das rasch von Dianas Gesicht verschwand, als sie in der ersten Reihe Platz nahm.

1

Ein Monat zuvor

Familie Richmond Hayes bittet um das Vergnügen, Sie anlässlich eines Balls zu Ehren des Architekten Webster Youngham am Samstagabend, den 16. September, um neun Uhr in ihrem neuen Domizil Fifth Avenue Nr. 670, New York, begrüßen zu dürfen. Kostüme unbedingt erwünscht!

»Alle haben nach dir gefragt«, sagte Louisa Holland in ruhigem, aber bestimmtem Ton. Elizabeth hatte achtzehn Jahre damit verbracht, von ihrer Mutter als wertvollstes Kapital der Familie behandelt zu werden. Genug Zeit, um zur Expertin zu werden, wenn es darum ging, ihren Tonfall zu interpretieren. In diesem Fall machte der kompromisslose Unterton in ihrer Stimme deutlich, dass sie von Elizabeth erwartete, umgehend in den großen Ballsaal zurückzukehren. Dort sollte sie dann mit einem der Partner tanzen, die ihre Mutter für sie ausgesucht hatte. Vermutlich ging es auch diesmal wieder um einen jungen Mann mit beneidenswerter Abstammung, die nicht unbedingt frei von Inzucht sein musste. Elizabeth schenkte den Mädchen, mit denen sie zusammengesessen hatte, ein entschuldigendes Lächeln. Annemarie D’Alembert und Eva Barbey, die sie in jenem Frühjahr in Frankreich kennengelernt hatte, waren beide als Kurtisanen aus der Zeit Ludwigs XIV. verkleidet. Bevor sie von ihrer Mutter unterbrochen worden war, hatte Elizabeth den anderen gerade zu erklären versucht, wie fern ihr Paris inzwischen schon erschien, obwohl sie erst an diesem Morgen das transatlantische Dampfschiff verlassen und wieder New Yorker Boden betreten hatte. Auf einer Chaiselongue aus edlem Damast mit goldenen und elfenbeinfarbenen Streifen saß Elizabeths langjährige Freundin Agnes Jones und vervollständigte die kleine Damenriege. Nur Elizabeths jüngere Schwester Diana glänzte durch Abwesenheit, vermutlich weil sie den durchaus berechtigten Verdacht hegte, dass ihr Benehmen unter Beobachtung stand. Dieses kindische Verhalten, das Diana mit erstaunlicher Hartnäckigkeit an den Tag legte, führte dazu, dass eine vertraute Woge des Ärgers in Elizabeth aufwallte. Rasch unterdrückte sie das Gefühl.

Schließlich hatte Diana kein formelles Balldebüt erlebt, im Gegensatz zu Elizabeth, die vor zwei Jahren, kurz nach ihrem sechzehnten Geburtstag, offiziell in die Gesellschaft eingeführt worden war. Im Vorfeld hatte die ältere der beiden Holland-Schwestern zusammen mit Penelope Hayes ein Jahr lang von einer Gouvernante – und einigen anderen Hauslehrern – den letzten Schliff bekommen. Sie hatten Unterricht in Etikette, Tanz und den modernen Sprachen erhalten. Diana hingegen war im letzten April ohne viel Brimborium sechzehn geworden, während Elizabeth sich im Ausland aufhielt. Da die Familie zu der Zeit immer noch um den Vater getrauert hatte, schien es unangemessen, den Geburtstag der Jüngsten zu einem großen Spektakel zu machen. Während ihres Sommeraufenthalts bei Tante Edith in Saratoga hatte Diana dann kurzerhand damit begonnen, auf Bälle zu gehen, also konnte Elizabeth ihrer Schwester für ihre Ungeschliffenheit und ihr taktloses Verhalten schlecht Vorwürfe machen.

»Ich bin sicher, dass du deine Freundinnen nur ungern verlässt«, sagte Mrs Holland, während sie ihre Tochter vom weiblichen Getuschel des Salons wegführte und zielstrebig Kurs auf den großen Ballsaal nahm. In ihrem Schäferinnenkostüm aus weißem Brokat wirkte Elizabeth neben ihrer Mutter, die nach wie vor Trauerflor trug, besonders strahlend und hochgewachsen. Edward Holland war zu Beginn des Jahres gestorben, also würde ihre Mutter noch mindestens ein weiteres Jahr lang Trauer tragen.

»Aber du scheinst heute Abend beim Walzertanzen die begehrteste junge Lady zu sein«, fuhr Mrs Holland fort.

Warum das so war, konnte Elizabeth sich denken: Sie besaß ein zartes, herzförmiges Gesicht mit alabasterfarbenem Teint. Ein junger Mann, der an jenem Abend Richmond Hayes’ Ballsaal nicht betreten würde, hatte ihr einmal gesagt, ihr Mund sei so zierlich und wohlgeformt wie eine Pflaume. Jetzt gab sie sich Mühe, diesen Mund zu einem zustimmenden Lächeln zu verziehen, auch wenn der Tonfall ihrer Mutter, der inzwischen allzu deutlich herauszuhören war, ihr ein seltsam mulmiges Gefühl bescherte. Neben der gewohnten Härte lag ein gehetzter Unterton in ihrer Stimme, der Elizabeth bereits in dem Moment aufgefallen war, als Mrs Holland sie heute Morgen am Anlegeplatz des Dampfers in Empfang genommen hatte. Dass etwas nicht stimmte, hatte Elizabeth sofort bemerkt, dabei hatte sie ihre Mutter neun Monate lang nicht gesehen. Der Tod ihres Vaters hatte sie schwer getroffen. Um sich von ihrer Trauer abzulenken, hatte sie New York verlassen und war nach Frankreich gereist, um das gesamte Frühjahr und den Sommer damit zu verbringen, sich in den Pariser Salons einen gewissen Esprit anzueignen und beim Einkaufen in der Rue de la Paix ihren Modegeschmack zu schärfen.

»Ich habe heute Abend schon so viel getanzt«, erinnerte Elizabeth ihre Mutter.

»Das mag sein«, erwiderte diese erbarmungslos. »Doch du weißt, wie glücklich es mich machen würde, wenn einer deiner Tanzpartner um deine Hand anhalten würde.«

Elizabeth zwang sich zu lachen, um die Panik zu überspielen, die bei dieser Bemerkung in ihr aufstieg und drohte, ihr die Kehle zuzuschnüren. »Nun, du hast Glück, dass ich noch so jung bin und uns noch etliche Jahre bleiben, bis ich mich für einen von ihnen entscheiden muss.«

»Oh, nein.« Mrs Hollands Blick huschte durch den großen Ballsaal wie ein rastloser Vogel, der sich nirgends niederlassen wollte. Beim Anblick der mattierten Glaskuppel, der prächtigen Wandmalereien und unzähliger goldener Spiegel konnte einem durchaus schwindelig werden. Der Saal bildete das Zentrum eines Labyrinths weiterer Räumlichkeiten, die ebenso dekadent gestaltet waren. Das gesamte Haus war brechend voll mit den illustren Besuchern des Kostümballs.

Kreisförmig angeordnete, mit Palmen bestückte Blumenkübel standen nahe der Wände. Sie dienten dazu, all die Damen, die sich etwas abseits des Trubels am Rand aufhielten, von den ausgelassenen Tänzern abzuschirmen, die über den schachbrettartig gemusterten Marmorboden glitten. Für jeden Gast schien es mindestens vier Diener zu geben. Selbst einem Mädchen, das die letzten beiden Saisons in der »Stadt des Lichts« verbracht hatte, um seine Ausbildung zu einer Dame der Gesellschaft voranzubringen, kam das ziemlich verschwenderisch vor.

»Wenn wir eines nicht haben, dann ist es Zeit«, widersprach Mrs Holland.

Elizabeth spürte, wie ihr ein kalter Schauer über den Rücken lief, doch bevor sie ihre Mutter fragen konnte, was das nun zu bedeuten hatte, hatten sie den Ballsaal auch schon erreicht. Mutter und Tochter gesellten sich zu den Damen am Rand, in die Nähe ihrer Walzer tanzenden Freunde und Bekannten, und nickten den prunkvoll gekleideten Paaren zu, die leichtfüßig über das Parkett schwebten.

Sie alle besaßen den gleichen gesellschaftlichen Rang wie die Hollands; etwa siebzig Familien, ungefähr vierhundert Personen, die tanzten, als gäbe es kein Morgen. Und tatsächlich würden sie den morgigen Tag vermutlich verpassen, weil sie unter seidenen Baldachinen schliefen und höchstens dazu in der Lage waren, sich mit etwas Eiswasser bespritzen zu lassen und das Dienstmädchen wegzuscheuchen. Natürlich war da noch der Sonntagsgottesdienst, doch nach einer langen, glamourösen Nacht wie dieser würde man die Kirchgänger an einer Hand abzählen können. Es war die Hauptberufung dieser Gesellschaft, zu unterhalten und unterhalten zu werden. Eine Pause legten sie dabei nur ein, wenn sich ab und an die Gelegenheit ergab, ihr gewaltiges Vermögen in neue Unternehmungen zu investieren, die noch größere Gewinne versprachen.

»Percival Coddington war der Letzte, der nach dir gefragt hat«, erklärte Mrs Holland, während sie ihre Tochter neben einer gewaltigen rosafarbenen Marmorsäule postierte wie ein General, der seinen wichtigsten Leutnant in Stellung bringt. Im Saal gab es mehrere dieser Säulen und Elizabeth hatte keinen Zweifel, dass sie nicht nur als Stütze dienten, sondern vor allem die Gäste beeindrucken sollten. Beim Bau ihres neuen Hauses hatte die Familie Hayes offensichtlich sämtliche Möglichkeiten ausgereizt, die das Spektrum der modernen Architektur zu bieten hatte, um ihren prachtvollen Besitz zur Schau zu stellen. »Wie du weißt, hat Mr Coddington letzten Sommer das gesamte Vermögen seines Vaters geerbt«, fuhr ihre Mutter fort.

Elizabeth seufzte. Allein der Gedanke an jenen jungen Mann, der heute Abend als Einziger nicht am Kostümball der Hayes teilnehmen würde, ließ die Aussicht auf Percival Coddington noch weniger reizvoll erscheinen, als sie ohnehin schon war. Sie kannte Percival seit ihrer Kindheit: Schon damals hatte er zu der Art Jungs gehört, die menschliche Nähe mieden und stattdessen lieber kleine Tiere quälten. Er war zu einem ständig verschnupften Mann mit unreiner Haut herangewachsen, der als besessener Sammler anthropologischer Artefakte galt, obwohl er selbst wegen seines nervösen Magens wohl nie auf Entdeckungsfahrt gehen würde.

»Hör auf damit«, schimpfte ihre Mutter. Elizabeth blinzelte überrascht und bemühte sich, ihre Mimik in den Griff zu bekommen. Ihr war nicht klar gewesen, dass man ihr die Gefühle vom Gesicht ablesen konnte. »Du würdest dich längst nicht so beklagen, wenn dein Vater hier wäre.«

Bei der Erwähnung von Mr Holland stiegen Elizabeth Tränen in die Augen und etwas in ihrem Inneren rührte sich. Mit einem Mal hatte sie Verständnis für das Anliegen ihrer Mutter.

»Es tut mir leid«, wisperte Elizabeth und versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, dass ihre Emotionen in Wallung geraten waren. Ihre Kehle fühlte sich trocken an, so wie jedes Mal, wenn sie den Tränen nahe war und es gerade noch rechtzeitig geschafft hatte, die unerwünschte Flut zu unterdrücken. »Ich bin mir nicht sicher, ob sich der kultivierte Mr Coddington überhaupt noch an mich erinnert, wo ich doch so lange fort war.«

Mrs Holland atmete hörbar durch die Nase ein, als die beiden Misses Wetmores in raschelnden Kostümen an ihnen vorbeizogen. Beide waren nur wenige Jahre älter als Elizabeth. »Natürlich erinnert er sich an dich. Vor allem, wenn solche Mädchen die Alternative sind. Sie sehen aus, als ob sie im Zirkus auftreten wollten«, meinte Mrs Holland und musterte die beiden Mädchen kalt.

Elizabeth, die sich gerade den Kopf darüber zerbrach, ob sie irgendetwas über Percival Coddington sagen konnte, das auch nur ansatzweise wie eine nette Bemerkung klang, entging der frostige Kommentar ihrer Mutter. Worum ging es? Das vulgäre Benehmen irgendwelcher Mädchen? Noch während ihre Mutter sprach, erspähte Elizabeth ihre Freundin Penelope Hayes auf dem Balkon hoch über der Tanzfläche. Penelope trug ein gerafftes, mohnrotes Gewand mit einer tief ausgeschnittenen Korsage. Beim atemberaubenden Anblick ihrer Freundin fühlte Elizabeth beinahe so etwas wie Stolz.

»Ich hätte diesen Ball gar nicht mit meiner Gegenwart beehren sollen«, empörte sich Mrs Holland mit gesenkter Stimme. Noch vor nicht allzu langer Zeit hatte sie den Frauen der neureichen Hayes-Familie kaum Beachtung geschenkt, obwohl ihr Mann ein oder zwei Einladungen zur Jagd von Jackson Pelham Hayes angenommen hatte. Doch die Meinung der Gesellschaft hatte sich inzwischen geändert, das Ansehen der Hayes war gestiegen und hatte Louisa Holland schließlich zum Umdenken gezwungen. »In der Klatschpresse wird stehen, dass ich diese geschmacklose Zurschaustellung stillschweigend dulde, und du weißt, welche Kopfschmerzen mir das wieder bereiten wird.«

»Aber du weißt auch, dass es einen viel größeren Skandal gegeben hätte, wenn wir uns nicht hätten blicken lassen.« Elizabeth reckte den schlanken Hals und schenkte ihrer Freundin ein kleines, wissendes Lächeln. Wie sehr sie sich wünschte, jetzt dort oben bei ihr zu sein und gemeinsam über das arme Mädchen zu lachen, das das Pech hatte, mit Percival Coddington tanzen zu müssen. Penelope schaute herab und schloss eines ihrer dunkel geschminkten Augenlider – ihr Markenzeichen, ein langsames, schmachtendes Blinzeln –, und Elizabeth wusste, dass ihre beste Freundin keinerlei Schwierigkeiten hatte, ihre Gedanken zu erraten.

»Und überhaupt«, sagte Elizabeth nach einem Augenblick und wandte sich wieder ihrer Mutter zu, »du schaust doch sowieso nie in die Zeitung.«

»Richtig«, stimmte ihre Mutter zu. »Das tue ich nicht.« Sie schob ihr kleines, rundes Kinn mit dem Grübchen vor – das einzige Gesichtsmerkmal, das sie mit ihrer Tochter teilte –, während Elizabeth wieder zum Balkon hochschaute und so unauffällig wie möglich mit den Schultern zuckte. Die beiden Freundinnen verstanden sich auch ohne Worte.

Sie hatten sich schon früh kennengelernt und rasch Freundschaft geschlossen. Damals hatte Elizabeth sich vor allem dafür interessiert, eine junge modebewusste Dame zu werden. Penelope hatte dieses Interesse geteilt, obwohl sie die Regeln der Gesellschaft nicht kannte, deren Mitglied zu werden ihr sehnlichster Wunsch war. Elizabeth hatte gerade erst angefangen, sich diese Regeln anzueignen, und in dem anderen Mädchen sofort eine Freundin gesehen. Schnell war ihr klar geworden, wie gerne sie Zeit mit Penelope verbrachte – in Gesellschaft der jungen Miss Hayes erschien ihr die Welt einfach viel farbenfroher und lebendiger als sonst. Und schon bald beherrschte Penelope die gesellschaftlichen Spielchen geradezu perfekt. Elizabeth kannte niemanden, den sie lieber an ihrer Seite haben wollte, wenn es darum ging, einen unterhaltsamen Abend zu genießen.

»Oh, sieh nur!« Mrs Hollands scharfe Stimme riss Elizabeth aus ihren Gedanken und holte sie in die Gegenwart zurück. »Da ist ja Mr Coddington!«

Elizabeth setzte ein Lächeln auf und wandte sich dem unvermeidbaren Percival Coddington zu. Der versuchte sich an einer ziemlich ungeschickten Verbeugung, wobei sein Blick prompt in ihrem tief ausgeschnittenen Dekolleté landete. Ihr Herz sank, als sie sein Kostüm bemerkte: Grüne Reithosen, derbe Stiefel und bunte Hosenträger – er war als Schäfer verkleidet. Sie passten zueinander. Sein Haar war zurückgekämmt und reichte ihm bis in den Nacken. Er atmete hörbar durch den Mund, während Elizabeth schweigend darauf wartete, dass er sie zum Tanz aufforderte.

Ein kurzer Augenblick verstrich, dann sprang ihre Mutter dem Ahnungslosen mit säuselnder Stimme zur Seite: »Nun, Mr Coddington. Ich habe sie Ihnen gebracht.«

»Vielen Dank«, erwiderte er hüstelnd und musterte Elizabeth von Kopf bis Fuß. Sein Blick war mehr als unangenehm, doch sie bewahrte Haltung und sorgte mit eiserner Selbstkontrolle dafür, dass ihr Lächeln nicht verrutschte. Schließlich hatte sie gelernt, sich wie eine Lady zu benehmen.

»Miss Holland, hätten Sie die Güte, mit mir zu tanzen?«

»Natürlich, Mr Coddington.« Sie hob eine Hand, damit er sie ergreifen konnte. Während Elizabeth von seinen feuchten Fingern durch die Menge der kostümierten Tänzer gezogen wurde, blickte sie zurück und lächelte ihrer Mutter beruhigend zu. Eigentlich hatte sie erwartet, dass Mrs Holland ihr Lächeln zum Dank erwidern oder ihr wenigstens mit zufriedener Miene nachblicken würde.

Stattdessen sah sie, wie ihre Mutter zwei Männer begrüßte. Bei genauerem Hinsehen erkannte sie die schlanke Gestalt Stanley Brennans, des ehemaligen Buchhalters ihres Vaters. Neben ihm ragte die imposante Erscheinung von William Sackhouse Schoonmaker auf. Er war der Patriarch des alten Schoonmaker-Clans und hatte dank der Eisenbahn ein zweites Vermögen gemacht. Sein einziger Sohn Henry hatte im Frühjahr Harvard abgebrochen und war seitdem Gesprächsthema Nummer eins bei den Töchtern der New Yorker High Society. Zumindest war sein Name ständig in den Briefen aufgetaucht, die Elizabeth während ihres Parisaufenthalts von ihrer Freundin Agnes erhalten hatte – ebenso wie die Namen all der Mädchen, die sich nach ihm verzehrten. Henrys jüngere Schwester Prudie war ein oder zwei Jahre jünger als Diana und trug ausschließlich Schwarz. Das Mädchen ließ sich nur selten in der Öffentlichkeit blicken, vermutlich weil es Menschenansammlungen nicht ausstehen konnte. Elizabeth hatte nur einen vagen Eindruck von Henry Schoonmaker, obwohl sie ihn früher öfter gesehen und häufig seinen Namen gehört hatte, meist in Verbindung mit irgendwelchem Geschwätz.

Elizabeths Tanzpartner war wohl aufgefallen, dass sie mit ihren Gedanken nicht ganz bei der Sache war, und sorgte nun mit einer spitzen Bemerkung dafür, dass ihre Aufmerksamkeit wieder ganz allein ihm galt. »Vielleicht wären Sie lieber im Salon bei den Ladys geblieben«, sagte Percival mit einer deutlichen Spur von Bitterkeit in der Stimme.

Elizabeth musste darum kämpfen, trotz der stümperhaften Tanzbewegungen ihres Partners die Balance zu halten und nicht ins Stolpern zu geraten. »Nein, Mr Coddington, ich bin lediglich etwas müde«, erklärte sie. Und das war schließlich nicht einmal gelogen. Ihr Schiff hatte den Hafen erst mit drei Tagen Verspätung erreicht und sie war noch keine vierundzwanzig Stunden wieder zu Hause. Kaum hatte sie sich daran gewöhnt, wieder festen Boden unter den Füßen zu spüren, da musste sie auch schon wieder aufs Parkett und anmutig tanzen. Ihre Mutter hatte per Brief darauf bestanden, dass sie ihr französisches Dienstmädchen nicht weiter anstellen durfte, also war Elizabeth gezwungen gewesen, sich während der gesamten Reise selbst um ihre Frisur und ihre Garderobe zu kümmern. Am Nachmittag hatte Penelope vorbeigeschaut, um ihr die neuesten Tanzschritte beizubringen und ihr mitzuteilen, wie sauer sie gewesen wäre, wenn das Schiff noch später eingetroffen wäre und dafür gesorgt hätte, dass ihre beste Freundin einen der wichtigsten Abende ihres Lebens verpasste. Dann hatte sie ihr von einem neuen, geheimen Verehrer berichtet. Die Identität dieses Mannes wollte sie Elizabeth allerdings erst später unter vier Augen verraten, sobald sie einen ruhigen Moment zu zweit fanden. In den Stunden vor dem Ball waren die Mädchen pausenlos von den Heerscharen der Dienerschaft umkreist worden wie zwei Blumen von einem Schwarm emsiger Insekten. Da wäre es nicht gerade schlau gewesen, irgendwelche Namen zu nennen. Heute hatte Penelope anscheinend noch mehr Wert auf ihr Aussehen und ihre Kleidung gelegt als sonst. Und Elizabeth vermutete, dass dies ohne Zweifel mit dem geheimnisvollen jungen Mann und der Hauseinweihung der Familie Hayes zusammenhing.

Nicht zuletzt war da noch das merkwürdige Verhalten ihrer Mutter, die Elizabeth mit ihrem gehetzten Tonfall ganz nervös gemacht hatte. Die innere Anspannung, die deshalb von ihr Besitz ergriffen hatte, saß ihr schmerzhaft im Nacken und machte das Tanzen nicht einfacher.

Dabei hatte Elizabeth den bisherigen Abend eigentlich gut gemeistert. Sie hatte bei einigen Quadrillen mitgetanzt, bevor das Abendessen serviert wurde, und danach erfolgreich eine ganze Reihe höflicher Gespräche mit etlichen Tanten und Onkeln geführt, wobei sie immer wieder von ihrer unruhigen Überfahrt hatte berichten müssen. Und gerade in dem Moment, als sie sich endlich zu ihren Freundinnen gesetzt hatte, um ein Glas Champagner zu trinken und darüber zu reden, wie beeindruckend dieser Abend doch war, hatte ihre Mutter sie gezwungen, sich wieder ins Getümmel zu stürzen. Und das ausgerechnet, um mit Percival Coddington zu tanzen. Natürlich trug sie trotz allem auch jetzt ihr einstudiertes Lächeln zur Schau, das ihr inzwischen längst zur Gewohnheit geworden war.

»Nun, worüber denken Sie denn nach?« Percival runzelte die Stirn und presste seine Hand gegen ihren Rücken. Elizabeth fiel wirklich niemand ein, dem sie weniger vertraute, wenn es darum ging, sie sicher rückwärts zwischen all den ausgelassenen und leicht angetrunkenen Menschen über die Tanzfläche zu führen.

»Hm …«, begann Elizabeth, während ihr mit einem Schlag klar wurde, dass ihr nicht einmal im Salon eine Ruhepause vergönnt gewesen war. Wenn sie ehrlich war, war sie allerdings sogar ein wenig erleichtert gewesen, Agnes dort zurücklassen zu können. Die junge Miss Jones mochte eine wirklich loyale Freundin sein, doch ihr Kostüm für den Ball war einfach furchtbar: Ihr fransiges Lederkleid saß nicht nur schlecht, sondern war auch derart eng geschnitten, dass es ihrer Figur wenig schmeichelte. Ihr Mitleid für Agnes und ihr unvorteilhaftes Kostüm hatte Elizabeth dermaßen abgelenkt, dass sie kaum in der Lage gewesen war, der Unterhaltung zu folgen. Verglichen mit ihren neuen, glamourösen Freunden aus Paris wirkte Agnes wie ein peinliches Relikt aus ihrer Kindheit.

Sie konzentrierte sich wieder auf Percivals zuckendes, hässliches Gesicht und bemühte sich, ihre Füße im Dreivierteltakt über den Boden zu bewegen. Sie dachte an all die Abende, die sie bislang erlebt hatte – die vielen Stunden, gefüllt mit sinnlosem Geplapper und leeren Komplimenten, die mit gebührender Zurückhaltung entgegengenommen werden mussten. Die Aufmerksamkeit, die man stets dem eigenen Aussehen widmen musste. Der kalkulierte Luxus, der ihre Zeit in Paris bestimmt hatte. Was hatte sie all die Monate eigentlich gemacht? Hatte sie überhaupt irgendetwas getan? Was hatte er – der junge Mann, den sie so sehr zu vergessen versucht hatte, dass sie schon beinahe glaubte, es geschafft zu haben – in der Zeit ihrer Abwesenheit getan? Sie überlegte, ob er wohl aufgehört hatte, an sie zu denken. Schon jetzt spürte sie das erdrückende Gewicht des Bedauerns: Die Reue darüber, dass sie ihn hatte gehen lassen, würde sie zweifellos bis ans Ende ihrer Tage verfolgen. Das bittere Gefühl würde ausreichen, um sie lebendig zu begraben.

Plötzlich wirkte der Raum vollkommen still und viel zu grell erleuchtet. Sie schloss die Augen und spürte Percivals heißen Atem an ihrem Ohr, als er sich erkundigte, ob es ihr gut ginge. Ihr Korsett, in das ihr Dienstmädchen Lina sie ein paar Stunden zuvor praktisch eingenäht hatte, schien ihr die Luft abzuschnüren. Mit einem Mal erkannte sie, dass ihr gesamtes Leben so viel Charme besaß wie eine stählerne Bärenfalle.

Dann, so urplötzlich, wie die Panik in ihr aufgestiegen war, verschwand sie auch wieder. Elizabeth öffnete die Augen. Die Geräuschkulisse der ausgelassenen Feier strömte erneut auf sie ein. Sie hob den Blick zur hell erleuchteten Glaskuppel über ihnen, um sich zu vergewissern, dass die Konstruktion noch intakt war und nicht kurz davorstand, herabzustürzen.

»Ja, Mr Coddington, danke für Ihre Fürsorge«, erwiderte Elizabeth schließlich. »Ich weiß nicht, was plötzlich über mich gekommen ist.«

2

Garderobe, ein Uhr.
Bring Zigaretten mit.

– D. H.

Diana Holland beobachtete, wie ihre Mutter am anderen Ende des Ballsaals die gewundene Marmortreppe hinaufging und sich dabei auf einen dicken älteren Mann stützte, der Diana bekannt vorkam. Einige Schritte hinter ihnen folgte Stanley Brennan, Buchhalter und Freund der Familie. Kurz bevor die kleine Gruppe auf dem Weg zu einem der elegant eingerichteten Rauchersalons aus ihrem Blickfeld verschwinden konnte, schaute Mrs Holland über ihre Schulter und entdeckte Diana. Sie runzelte die Stirn und warf ihrer Tochter einen missbilligenden Blick zu. Diana verfluchte sich dafür, dass man sie ertappt hatte, und dachte kurz darüber nach, ob sie im großen Ballsaal bleiben und geduldig darauf warten sollte, von einem ihrer Cousins zum Tanz aufgefordert zu werden. Doch Geduld gehörte wirklich nicht zu Dianas Stärken.

Abgesehen davon war sie furchtbar stolz auf das, was sie gleich vorhatte und wie geschickt sie ihren Plan in die Tat umgesetzt hatte: Früher am Abend, als sie sich in der Damengarderobe frisch gemacht hatte, hatte sie die Gelegenheit genutzt und die kleine Einladung geschrieben. Wenig später hatte sie diese dem Assistenten des Architekten Webster Youngham zugesteckt, der unter den Bögen der Eingangshalle postiert war, um die vielen architektonischen Besonderheiten, die das neue Haus der Familie Hayes aufwies, zu erläutern. Diana hatte sich den Weg durch die Menge gebahnt, einen Knicks vor ihm gemacht und ihm den Zettel in die Hand gedrückt. »Sie sind ein wahrer Künstler, Mr Youngham«, hatte sie ihm zugesäuselt, obwohl sie genau wusste, dass Mr Youngham sich nach dem Genuss von reichlich Madeira längst in eines der oberen Zimmer zurückgezogen hatte.

»Aber ich bin nicht Mr Youngham«, hatte ihr der junge Mann erklärt und dabei ein wunderbar verwirrtes Gesicht gemacht. Bei diesem Anblick hatte Diana sofort gewusst, dass sie ihn an der Angel hatte. »Ich bin James Haverton, sein Assistent.«

»Das macht nichts.« Sie hatte ihm zugezwinkert, bevor sie wieder in der Menge verschwunden war. Haverton besaß breite Schultern und verträumte graue Augen, und auch wenn er nur ein Assistent war, so schien er doch jemand zu sein, der bereits etwas von der Welt gesehen und Erfahrungen gesammelt hatte. Und außerdem hatte sie in der letzten Stunde niemanden entdeckt, der auch nur annähernd so gut aussah.

Nun raffte Diana ihren Rock und schlängelte sich flink zwischen den riesigen Topfpflanzen und der Wand entlang. Bevor sie den Ballsaal verließ, blickte sie noch einmal zurück, um sicherzugehen, dass sie von niemandem beobachtet wurde, dann schlich sie sich in die Garderobe. Der Raum war für ihren Geschmack viel zu bombastisch und groß, um allein der Aufbewahrung von Mänteln zu dienen. Den Mänteln war die maurische Ausstattung mit dem bunten Mosaikfußboden und den mit kostbaren Antiquitäten bestückten Alkoven in der Wand sicher herzlich egal.

Diana schaute sich um und versuchte, ihren französischen Offiziersmantel zu finden. Sie hatte sich als die Heldin ihres Lieblingsromans Trilby verkleidet, die bei ihrem ersten Auftritt im Buch nichts weiter als einen Unterrock, Pantoffeln und einen Soldatenmantel trägt, während sie gerade eine Pause bei ihrer Arbeit als Modell eines Künstlers einlegt. Man hatte es Diana natürlich nicht erlaubt, nur im Unterrock zum Ball zu gehen, ohne den obligatorischen Rock darüber anzuziehen, doch allein die Tatsache, dass sie mit ihrer Wahl des Kostüms durchgekommen war, war ein Sieg an sich und hatte ihr einen gewissen Nervenkitzel verschafft. Eigentlich hatte ihre Mutter ihr sogar ein Schäferinnenkostüm nähen lassen, damit sie mit ihrer älteren Schwester Elizabeth im Partnerlook gehen konnte, was nicht nur erniedrigend, sondern auch ein absolut hässlicher Aufzug gewesen wäre. Stattdessen fühlte sie sich nun in ihrem schlichten rot-weiß gestreiften Rock und dem einfachen Baumwollmieder, das sie heimlich an ein paar Stellen eingerissen hatte, wie eine waschechte Bohemienne. Natürlich erkannte niemand, wen genau sie eigentlich darstellte – all die anderen Mädchen in Dianas Alter waren schrecklich einfallslos und passten sich stets dem an, was gerade Mode war. Dementsprechend hatten sie sich allesamt als sie selbst verkleidet, nur eben mit mehr Puder als sonst und noch enger geschnürten Taillen.

Sie fragte sich gerade, ob vielleicht eines der Dienstmädchen ihren wunderbar schäbigen grauen Mantel für ihren eigenen gehalten hatte, als ein einzelner Gongschlag von der Uhr in der Ecke sie zusammenzucken ließ. Überrascht schnappte Diana nach Luft, machte einen leicht wackeligen Schritt nach hinten – inzwischen spürte sie all den Champagner, den sie heimlich getrunken hatte – und prallte rücklings gegen die feste Brust eines Mannes. Zwei Hände legten sich auf ihre Hüften, um sie zu stützen. Ein Adrenalinstoß rauschte durch ihren Körper.

»Oh, hallo.« Sie bemühte sich, ihre Stimme ruhig und gleichgültig klingen zu lassen, auch wenn dies bei Weitem der aufregendste Moment des ganzen Abends für sie war.

»Hallo.« Havertons Mund befand sich nur wenige Zentimeter von ihrem Ohr entfernt.

Mit erzwungener Langsamkeit drehte Diana sich um und schaute ihm in die Augen. »Ich hoffe, Sie haben Zigaretten dabei«, sagte sie und setzte ein schmales Lächeln auf, während sie mit Mühe das breite Grinsen zurückhielt, dass ihr Gesicht zu erobern drohte.

Haverton besaß gerade, weit auseinanderliegende Augenbrauen, die seine Augen offen und aufrichtig wirken ließen. »Ich wusste gar nicht, dass Ladys Ihres Standes das Rauchen erlaubt ist.«

Diana zog einen Schmollmund. »Dann haben Sie also keine Zigaretten mitgebracht?«

Er schwieg einen Augenblick, ohne den Blick von ihr abzuwenden. Die Art, wie er sie ansah, sorgte dafür, dass sie sich kein bisschen wie eine Lady fühlte. »Oh, doch. Ich habe welche mitgebracht. Ich bin nur nicht sicher, ob ich Ihnen eine geben sollte oder nicht …«

Diana bemerkte das übermütige Glitzern in seinen Augen und beschloss, dass in diesem Mann eine verwandte Seele schlummern musste.

»Was muss ich tun, um Sie zu überzeugen?«, fragte sie und warf unbeschwert ihren Kopf zurück.

»Was Sie da von mir verlangen ist keine Kleinigkeit«, erwiderte er mit gespielter Strenge. Dann lachte er. Diana gefiel der Klang. »Sie sind hübsch«, sagte er und lächelte unverfroren.

Obwohl Diana und ihre Schwester äußerlich viel gemeinsam hatten, sahen sie sich kaum ähnlich. Wie Elizabeth besaß auch Diana das schmale Gesicht und den runden Mund der Holland-Frauen, auch wenn sie dank ihres Babyspecks noch deutlich weichere Züge hatte. Sie bildete sich ein, dass ihr Haar ihr etwas Geheimnisvolles verlieh, tatsächlich war es einfach nur mittelbraun und unmöglich zu zähmen. Ihre Augen wurden stets als »lebhaft« beschrieben. Und natürlich hatten sie und ihre Schwester das gleiche Kinn – das ihrer Mutter. Sie hasste ihr Kinn. »Ich schätze, ich sehe ganz passabel aus«, antwortete sie mit falscher Bescheidenheit.

»Mehr als passabel.« Er beobachtete sie unverwandt, während er ein Zigarettenetui aus seiner Brusttasche zog. Er zündete eine an und reichte sie ihr.

Diana zog daran und versuchte, dabei nicht zu husten. Sie liebte es zu rauchen – oder zumindest liebte sie die Vorstellung davon –, aber es war schwierig, das Ganze zu üben, wenn man unter ständiger Beobachtung stand. Sie machte ihre Sache jedoch gut – zumindest nahm sie das an – und blies kleine Rauchwölkchen in die Luft. Es fühlte sich richtig an, vor allem da die metallische türkisfarbene Wandbemalung des Raumes einen verschwommenen, weit entfernten Schauplatz suggerierte. Sie zog eine Augenbraue hoch und fragte sich, was Haverton wohl als Nächstes vorhatte. »Wenn Sie Architekt sind, heißt das, Sie sind Künstler?«

»Kommt darauf an, wen Sie fragen«, antwortete er leichthin. »Einigen von uns gefällt der Gedanke, dass wir die monumentalste und dauerhafteste Art von Kunst produzieren, die es überhaupt gibt.«

»Das trifft sich gut«, sagte Diana munter. »Sie müssen nämlich wissen, dass ich den ganzen Abend versucht habe, einen echten Künstler aufzuspüren.«

»Warum das?«, fragte er, lehnte sich gegen die Mäntel und steckte sich eine Zigarette zwischen die Lippen.

»Nun, natürlich um ihn zu küssen.« Nachdem Diana den Satz ausgesprochen hatte, hielt sie die Luft an. Manchmal war sie selbst überrascht, wie dreist die Sachen klangen, die gelegentlich aus ihr heraussprudelten. Haverton atmete gedankenverloren aus und der süße Duft des Tabaks hüllte sie ein. Einen Moment lang stellte Diana sich vor, sie wäre Tausende von Meilen entfernt in einem Zelt auf einem Basar irgendwo in Tunis oder Marrakesch und würde einen geheimen Handel mit Zauberpulvern arrangieren.

»Mir scheint«, begann Haverton, und sein amerikanischer Akzent erinnerte sie sofort wieder daran, dass sie sich in New York in einer Straße befand, die ihr so vertraut war wie die Fifth Avenue, »dass Sie ein sehr ungezogenes Mädchen sind.«

»Meinen Sie?«, fragte Diana und zog amüsiert an ihrer Zigarette. Sie lehnte sich ebenfalls gegen die weiche Wand aus Mänteln und rückte etwas näher an Haverton heran.

»Nun, wie oft kommt es vor, dass sich junge Ladys Ihres Standes mit älteren Männern in überdimensionalen Kleiderschränken treffen, während sich die restliche Gesellschaft kaum mehr als ein paar Meter entfernt aufhält?«

»Wieso glauben Sie, ich wäre mit irgendeinem anderen Mädchen meines Standes zu vergleichen?« Diana gab sich keine Mühe, die Abscheu in ihrer Stimme zu verbergen. Die Mädchen ihres Standes waren Sklavinnen der Anstandsregeln und verbrachten ihr Leben – wenn man es überhaupt so nennen konnte – als blutleere Puppen. »Ich sagte Ihnen doch, dass ich nach einem Künstler gesucht habe«, fuhr sie ungeduldig fort. »Wenn Sie also weiterhin so konventionell wie all die anderen denken wollen, kann ich genauso gut gehen.«

Haverton lächelte, ließ seine Zigarette auf den schwarz-weißen Marmorboden fallen und trat sie aus, bevor er sie mit der Fußspitze in eine Ecke schob. Mit einem Mal erschien er Diana furchtbar alt, obwohl er kaum älter als zwanzig sein konnte. Plötzlich bewegte er sich rasch auf sie zu. Sobald sich ihre Lippen berührten, wusste sie, dass sie keine Magie erleben würde. Das hier war nicht die atemberaubende Berührung, auf die sie den ganzen Abend gewartet hatte. Und dass er küsste, als wollte er ihre Lippen mit Gewalt zu Brei zerdrücken, war auch nicht gerade hilfreich. Ihr gesamter Körper erschlaffte angesichts dieser Enttäuschung.

Diana erwiderte seinen Kuss nur deshalb, weil sie wissen wollte, ob ihr erster Eindruck sie nicht getäuscht hatte. Denn sie war bereits geküsst worden und wusste, wie sich ein guter Kuss anfühlte. Haverton konnte bei Weitem nicht an Amos Vreewold heranreichen, den sie im Sommer in Saratoga mehrere Male geküsst hatte, und er war kaum besser als ihr erster Kuss mit dreizehn, der so ekelig gewesen war, dass sie die Identität des Jungen aus ihrem Gedächtnis gestrichen hatte. Diana hatte gerade damit begonnen, die Tatsache zu akzeptieren, dass James Haverton, der Assistent des Architekten, doch nicht die Art Künstler war, nach der sie Ausschau gehalten hatte, als Schritte ertönten und die Tür sich quietschend öffnete.

»Miss Diana …?«, fragte eine männliche Stimme, die eher verletzt als schockiert klang.

Diana spürte, wie Havertons Finger sich unangenehm in ihren Arm gruben, während sie sich zur Tür umdrehten. Diana erkannte sofort das lange, müde Gesicht von Stanley Brennan. Der junge Mann, der als Mr Hollands Buchhalter in die Fußstapfen seines Vaters getreten war, mochte erst sechsundzwanzig sein, doch dank der Besorgtheit, die ihn ständig zu verfolgen schien, wirkte er deutlich älter.

»Ihre Mutter. Sie hat mich geschickt, um nach Ihnen zu sehen …«, sagte er stockend. »Nur um sicherzugehen, dass Sie nicht in Schwierigkeiten geraten.«

Haverton ließ Dianas Taille los und trat einen Schritt zurück. Er schien nicht sonderlich begeistert, dass Brennan sie unterbrochen hatte, aber er schwieg. Diana fühlte sich sofort etwas freier und war froh darüber, dass Havertons raues Kinn nicht länger ihr Gesicht zerkratzte.

»Danke, Brennan«, sagte sie. »Würden Sie mich bitte zurück in den Ballsaal begleiten?«

Brennan trat vorsichtig näher und deutete mit einer Hand auf die Risse in Dianas Kostüm, die während des Stelldicheins, das diesen Namen wirklich nicht verdient hatte, noch größer geworden waren.

»Ach, lassen Sie nur. Es geht schon.« Sie hob einen Arm, damit er ihn ergreifen konnte. Dann wandte sie sich an Haverton. »Danke, dass Sie mir die islamischen Einflüsse in der Gestaltung von Richmond Hayes’ Garderobe erklärt haben. Ich werde mich stets daran erinnern.«

Sie blickte ein einziges Mal zurück und stellte sich vor, dass die Grimasse, die in diesem Moment Havertons Gesicht verzerrte, den Auftakt eines einsamen Lebens voll bitterer Enttäuschungen markierte. Es war ihr Schicksal, solche Verlustgefühle zu hinterlassen, dachte sie bei sich und stolzierte an Brennans Seite in Richtung des großen Ballsaals davon.

»Ich werde Ihrer Mutter nichts davon erzählen«, flüsterte Brennan, während ihre Schuhe über den glänzenden Marmorflur glitten. »Auch wenn ich als Freund Ihres verstorbenen Vaters das Gefühl habe, Sie daran erinnern zu müssen, dass ein derartiges Verhalten Sie zugrunde richten könnte.«

»Davor habe ich nun wirklich keine Angst«, entgegnete Diana vergnügt.

»Sie sind für mich so etwas wie eine kleine Schwester, also bin ich dafür verantwortlich, mich um Sie zu kümmern. Und Ihre Mutter sieht das genauso.« Er blieb stehen, als wollte er dadurch unterstreichen, wie ernst es ihm war. »Sollte sie herausfinden, was Sie da eben getrieben haben und dass ich davon wusste, wären wir beide so gut wie erledigt.«

»Nun, das ist wahr.« Diana kam neben ihm zum Stehen. Aus dem Ballsaal drangen bereits Musik und ausgelassenes Gelächter zu ihnen herüber, während die gleißenden Lichter sich im Marmorboden spiegelten. In wenigen Augenblicken würden sie sich wieder dem Trubel stellen müssen und von den Fluten der Tanzgesellschaft davongetragen werden. Diana verzog die Mundwinkel zu einem künstlichen Schmollen, während ihre Augen verschmitzt funkelten. »Aber wäre das wirklich so schlimm?«

Dann lachte sie, ergriff Brennans Hand und zog ihn zurück ins Zentrum des Geschehens. Sie war auf der Suche nach einem unbeschreiblichen Etwas und würde sich von einem einzigen miserablen Kuss mit Sicherheit nicht entmutigen lassen.

3

Bin nicht sicher, ob ich es schaffe, heute Abend zu deinem Ball zu kommen. Falls ich nicht da sein sollte, will ich mich im Voraus entschuldigen.

– H. S.

»Die kleine Unschuld vom Lande. Das passt ja perfekt zu Liz«, sagte Penelope Hayes mit dem für sie typischen giftigen Unterton.

»Nun, wenigstens hat sie nicht ihre bescheidene amerikanische Herkunft vergessen, während sie da drüben mit den Franzosen rumgemacht hat«, erwiderte ihr Freund Isaac Phillips Buck. »Und immerhin macht sie nicht so langweilig auf Marquis et Marquise wie all die anderen«, fügte er naserümpfend hinzu.

Penelope zuckte gleichgültig die Schultern. Wenn er etwas Gutes über Elizabeth Holland sagen wollte, sollte es ihr recht sein. Sie hatte Elizabeth, die gerade mit diesem Versager Percival Coddington über das riesige Parkett schwebte, schon seit Langem als ihre Hauptrivalin und deshalb als einzig mögliche beste Freundin ausgemacht. Doch nachdem Penelope gesehen hatte, wie beeindruckt alle von ihren Eltern als Gastgebern, vom neuen Haus und natürlich von ihr selbst waren, fühlte sie sich deutlich besser.

Die Nachricht, die ihr zu Beginn des Abends von einem Boten überbracht worden war, hatte ihrer Laune einen gehörigen Dämpfer versetzt. Sie war gerade erst von ihrem Besuch bei den Hollands heimgekehrt, wo sie Elizabeth zu Hause willkommen geheißen und ihr eine Standpauke gehalten hatte, weil sie um ein Haar ihr Fest versäumt hätte. Beim Lesen der nachlässig hingekritzelten Botschaft hatte sich ihr Herz schmerzhaft zusammengezogen, doch dann war sie von einer unglaublichen Wut übermannt worden. Inzwischen konnte sie sich eingestehen, dass es nicht sonderlich fair gewesen war, ihren Zorn an den Dienstmädchen auszulassen, die ihr vor dem Ball geholfen hatten. Ihre Verärgerung kam nicht daher, dass sie glaubte, der Verfasser dieser Botschaft würde sie nicht irgendwann lieben – wie lange konnte ein junger Mann ihr schon widerstehen? –, sondern eher daher, dass dieser bestimmte Mann genau diesen Ball verpassen würde. Welcher Ort wäre schließlich besser geeignet, ihm endlich klarzumachen, dass sie das Zentrum des Universums bildete und dass es eine kolossale Verschwendung war, ihre Beziehung geheim zu halten?

Jetzt, da sie vom Balkon aus den Ballsaal ihrer Eltern überblickte, während ihr rotes Flamencokleid ihren Körper perfekt umspielte, war sie sich absolut sicher, dass er kommen würde. Es war der Abend des Richmond-Hayes-Balls, der Abend, an dem sie als Familie ihren Höhepunkt erreicht und gezeigt hatten, dass sie zur Crème de la Crème der Gesellschaft gehörten. Es gab einfach keinen anderen Ort, an dem man sich heute Abend aufhalten konnte. Sie war sicher, dass er bald auftauchen würde. Nun, zumindest fast sicher. Penelope stemmte sich mit selbstbewusster Geste eine Hand in die Hüfte, während sie die andere Hand immer wieder zur Faust ballte und dabei die Nachricht zusammenknüllte.

»Jetzt schau sich einer Elizabeths Haltung an: kerzengerade und ach so herrschaftlich«, sagte Penelope, wobei Dutzende dünner goldgelber Armreifen an ihren Unterarmen klirrten.

Isaac richtete sich zu voller Größe auf und ließ die Hände auf seinem runden Bauch ruhen, den sein Hofnarrenkostüm kein bisschen kaschierte. »Ich denke, sie versucht, Percivals Atem auszuweichen.«

Sie lachten darüber, wie immer mit geschlossenem Mund durch die Nase. Die Freundschaft zwischen Penelope und Elizabeth hatte erst so richtig begonnen, als sie sich zu Beginn der Pubertät einen französischen Hauslehrer geteilt hatten. (Später hatte Penelope heimlich mitangehört, dass sich Mr Holland dieses Arrangement ausgedacht hatte, um Mrs Holland zu ärgern, und sie hatte diese Kränkung nie vergessen.) Er war ein schlaksiger und hinreißender Kerl gewesen, dem Elizabeth gerne die Röte ins Gesicht getrieben hatte, beispielsweise mit Fragen nach dem Unterschied zwischen décolletage und décolleté. Es war schon lustig, was für einen Aufwand Elizabeth mittlerweile trieb, um zu beweisen, dass sie eine echte kleine Miss war. Penelope machte sich nie so viele Gedanken, vor allem nicht darüber, ob man sie als Lady betrachtete oder nicht.

Das war auch gut so, denn Penelope war tatsächlich keine richtige Lady, zumindest nicht in den Augen alteingesessener Familien, zu denen auch Elizabeths Mutter gehörte. Nichtsdestotrotz genoss diese ganz offensichtlich schon den ganzen Abend über den prunkvollen Ballsaal der Hayes. Penelope konnte nicht anders, als daran zu denken, dass dieser Ballsaal hier um einiges größer und prunkvoller war als der der Hollands. Die Hollands lebten in einem alten, eher schlichten Anwesen mit einer langweiligen braunen Fassade und Zimmern, die alle in ordentlichen Reihen nebeneinanderlagen. Es befand sich in Gramercy Park, einer Gegend, die heutzutage längst nicht mehr zu den schicksten Vierteln der Stadt zählte.

Vielleicht hätte Penelope Liz dafür bedauert, dass sie immer noch in einer so provinziellen Ecke leben musste, während die Hayes in die Fifth Avenue im Nobelviertel gezogen waren, wenn sie nicht genau gewusst hätte, dass Liz’ Mutter sich ständig über ihre Familie den Mund zerriss, vor allem darüber, dass sie neureich waren und den eigenen Namen praktisch selbst »erfunden« hatten. Diese Sicht der Dinge war allerdings ziemlich harsch. Es stimmte zwar, dass das Hayes’sche Vermögen von Penelopes Großvater Ogden Hazmat jr. stammte, der seine bescheidene Änderungsschneiderei in Maryland aufgegeben hatte, um der Unionsarmee Baumwolldecken zum Preis von Wolldecken zu verkaufen. Doch seitdem Großvater nach New York gezogen war, seinen Namen geändert und einer bankrotten Familie aus dem Rheinland ein Stadthaus am Washington Square abgekauft hatte, war der Hayes-Clan ein Teil der New Yorker Gesellschaft.

Inzwischen hatten sie den Washington Square für immer hinter sich gelassen und heute feierten sie die Einweihung ihres neuen Anwesens – dem einzigen in New York mit drei Fahrstühlen und einem Swimmingpool im Untergeschoss. Sie waren in der Gesellschaft angekommen und ihr herrschaftliches Haus war der offensichtliche Beweis dafür. Oder besser gesagt ihr Palazzo, wie ihre Mutter das Haus nervigerweise ständig nannte.

»Gute Arbeit heute Abend, Buck«, sagte Penelope, wobei sich ihre vollen Lippen zu einem stolzen Lächeln verzogen. Dem hämischen Geschwätz der Leute nach ließ sich Penelopes Schönheit allein auf ihre Lippen reduzieren, doch die ewig tratschenden Hühner, die diese Ansicht vertraten, hatten absolut unrecht. Mindestens so auffällig wie Penelopes Lippen waren ihre Augen: groß, blau und stets bereit, Tränen der Unschuld zu produzieren oder jeden mit einem verächtlichen Blick zu strafen.

»Nur für dich«, erwiderte Isaac mit nasaler Stimme und in seinem falschen britischen Akzent. Er war der Anglomanie verfallen, was sich mittlerweile auch auf seine Aussprache auswirkte.

Da Isaac vom Buck-Clan nur zur Hälfte als einer der ihren anerkannt wurde, war er gezwungen, für seinen Lebensunterhalt zu arbeiten. Es war ihm gelungen, sich für Gastgeberinnen wie Mrs Hayes unentbehrlich zu machen. Er wusste immer, wo man die frischesten Blumen bekam und wo sich gut aussehende junge Männer auftreiben ließen, die tanzwillig waren und noch dazu Tanzpartner abgaben, mit denen man Spaß haben konnte, selbst wenn sie nicht wirklich heiratsfähig waren. Er wusste, wie man die Köche anbrüllen musste, damit das Fleisch perfekt gegart wurde. Isaacs Gebrüll war ziemlich unschön, aber seine Partys waren immer ein Erfolg.

»Ich muss sagen«, fuhr Isaac belustigt fort, »jeder hat sich für diesen Abend so hübsch herausgeputzt wie nur möglich. Es war nicht alles vergebens. Ich meine, allein schon die Juwelen. Damit könnte man ganz Manhattan kaufen.«

»Ja«, stimmte ihm Penelope zu. »Obwohl ich immer wieder geschockt bin, wie Leute es über sich bringen können, sich mit einer ganzen Wagenladung voll Geschmeide zu behängen, wenn sie darunter nichts als ein Stück Tierhaut tragen.«

»Oh, du redest von Agnes, und die besitzt ja kaum Geschmeide. Wie dem auch sei, ich glaube, sie will Annie Oakley darstellen, und ich schätze, ihr Schneider würde behaupten, das Kostüm sei aus Wildleder

»Ha! Du weißt doch genau, dass Agnes keinen Schneider hat, Buckie«, erwiderte Penelope mit einem fiesen Grinsen. »Und Amos Vreewold als Matador? Ich bitte dich.« Sie wandte sich ihrem Freund zu und zog eine dunkle Augenbraue hoch.

»Na ja, es kann eben nicht jeder Mann in Strumpfhosen würdevoll aussehen.«

»Oh, sieh nur – da ist Teddy Cutting!« Penelope unterbrach ihre Begutachtung der Kostüme und heftete ihren Blick auf den Neuankömmling. Mit seinen blonden Haaren, den strahlenden blauen Augen und dem geerbten Reedereivermögen gehörte Teddy zu der Sorte junger Männer, mit denen Penelope auf Bällen flirtete, seit sie vor zwei Jahren offiziell in die Gesellschaft eingeführt worden war. Teddy schwärmte für Elizabeth Holland, was der eigentliche Grund dafür war, dass Penelope es ständig darauf anlegte, mit ihm zu tanzen. Sie beobachtete, wie sich die jungen Frauen mit ihren gestärkten Röcken und ihren Puffärmeln um Teddy scharten, der sich wiederum galant verbeugte und jeder von ihnen die behandschuhte Hand küsste.

»Teddy sieht wirklich zum Anbeißen aus.« Isaac fuhr sich mit einer Hand über das Kinn.

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