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Die Prinzessin und ihr schottischer Boss

1. KAPITEL

Erschöpft und außer Atem blieb Lotty auf dem höchsten Punkt des steilen Pfads stehen, ließ ihren Rucksack zu Boden gleiten und schlug nach den lästigen Mücken, die sie umschwirrten. Dann erst gönnte sie sich einen Blick hinab ins Tal.

Dort erhob sich, eingebettet zwischen einer schroffen Felswand und einem See mit spiegelglatter Oberfläche – einem Loch, wie Seen in Schottland genannt wurden – ein imposantes graues Herrenhaus.

Das muss Loch Mhoraigh House sein, dachte sie. Das große Gebäude wirkte kalt und abweisend – genau wie sein Besitzer, wenn man den Bewohnern des gleichnamigen Dorfs Glauben schenken durfte.

„Für einen Chef wie ihn habe ich noch nie gearbeitet“, hatte Gary am Nachmittag in der Hotelbar seinem Ärger Luft gemacht. „Er benimmt sich wie ein Gefängnisaufseher. Für ein Lächeln oder ein ‚Guten Morgen‘ hat er keine Zeit, dafür lässt er dich für einen Hungerlohn schuften wie einen Sklaven. Ich hab’ ihm deutlich gesagt, wohin er sich seinen Job stecken soll! Ersatz für mich findet er hier jedenfalls nicht.“

„Gut gemacht“, hatte die Barfrau ihm zugestimmt und Lotty ausdrücklich davon abgeraten, sich um die soeben frei gewordene Stelle zu bewerben. „Niemand im Dorf kann Corran McKenna leiden oder ist bereit, für ihn zu arbeiten. Der Besitz hätte an seinen Bruder fallen müssen. Gehen Sie lieber nach Fort William, dort finden Sie sicher einen geeigneteren Job.“

Die Fahrt dorthin konnte Lotty sich jedoch nicht leisten. Finanzielle Sorgen waren bislang für sie kein Thema gewesen – bis sie vor einer Stunde den Verlust ihres Portemonnaies bemerkt hatte. Zum ersten Mal in ihrem Leben stand sie vor einem existenziellen Problem, und sie war fest entschlossen, es zu bewältigen.

Behütet und in Luxus aufgewachsen, hatte sie sich nie behaupten müssen. Sie hatte keine Gelegenheit gefunden zu entdecken, wer sie wirklich war, welche Fähigkeiten in ihr steckten und ob sie aus demselben Holz geschnitzt war wie ihre tapferen Vorfahren. Hatte Ihre Königliche Hoheit, Prinzessin Charlotte von Montluce, mehr zu bieten als ein elegantes Auftreten und ein charmantes Lächeln? Um sich darüber klar zu werden, hatte sie sich eigenmächtig einige Wochen Freiheit von ihren Verpflichtungen bei Hof verordnet.

Jetzt stand sie vor ihrer ersten Bewährungsprobe. Sie musste sich ihren Lebensunterhalt verdienen wie andere Menschen auch. Entschlossen schulterte sie ihren Rucksack und nahm den Abstieg ins Tal in Angriff.

Nach weiteren vier Kilometern Fußmarsch, inzwischen war sie todmüde und von Mückenstichen übersät, schoss ihr wie ein Blitz aus heiterem Himmel ein Gedanke durch den Kopf: Ihr Vorhaben war alles andere als ungefährlich! Loch Mhoraigh House lag abgeschieden, und Corran McKenna lebte dort ganz allein.

Sollte sie es wirklich wagen, an seine Tür zu klopfen und ihn um einen Job zu bitten? Die Barfrau jedenfalls hielt ihn für wenig vertrauenswürdig. Sie hatte angedeutet, er hätte sich das Gut unrechtmäßig angeeignet.

Die Alternative wäre ein Anruf in Montluce: Innerhalb kürzester Zeit würde ein Hubschrauber kommen und sie zurück in die Geborgenheit des Palasts bringen, wo sie sich weder mit Geldsorgen noch mit unkalkulierbaren Risiken auseinandersetzen musste. Sie hätte sich lediglich ihrer Großmutter zu stellen – und dem Wissen um ihr Versagen. Ihre Auszeit hätte dann nicht länger als eine Woche gedauert.

Dabei hatte sie mit Philippe und Caro verabredet, für drei Monate in die Anonymität abzutauchen, um zu sich selbst zu finden.

Nein, es kam nicht infrage, beim ersten Problem die Flinte ins Korn zu werfen. Immerhin stammte sie von einer Reihe von illustren Herrschern ab.

Also rückte sie den Rucksack auf ihren Schultern zurecht und marschierte weiter, den holprigen Pfad hinab.

Das eindrucksvolle Steingebäude wirkte auf Lotty immer bedrohlicher, je näher sie ihm kam, und sie bemerkte Anzeichen von Vernachlässigung. Die Fensterscheiben mussten dringend gesäubert werden, die einst vermutlich säuberlich geharkte gekieste Auffahrt war von Unkraut überwuchert. Es herrschte eine unheimliche Stille, die nur gelegentlich vom Ruf eines Vogels über dem See unterbrochen wurde.

Vor dem Portal zögerte sie einen Moment. Was sollte sie tun, falls Corran McKenna nicht zu Hause war? Ihre Kraft reichte nicht mehr für den langen Marsch zurück zum Hotel.

Und wenn er da war? Jemanden von etwas zu überzeugen, hatte sie nie nötig gehabt. Man hatte sich im Gegenteil beeilt, jeden ihrer noch so geringfügigen Wünsche umgehend zu erfüllen. Wie sollte sie sich verhalten, wenn er ihr den Job nicht gab?

Mit einem Nein lasse ich mich nicht abspeisen, nahm sie sich vor. Sie musste sich ihrer Vorfahren würdig erweisen, die ihre Ziele mit geschickten Verhandlungen, unbeugsamem Willen oder in längst vergangenen Zeiten mit Gewalt durchgesetzt hatten.

Einmal atmete sie noch tief durch, dann drückte sie beherzt auf den altmodischen Klingelknopf.

Irgendwo im Haus schellte eine Glocke. Sogleich erhob sich lautes Gebell wie von einer ganzen Hundemeute, und Lotty trat unwillkürlich einen Schritt zurück. Eine Männerstimme rief ein Kommando, und der Lärm brach ab. Lediglich ein hohes Kläffen war noch zu hören, das erst verstummte, als eine Tür mit lautem Knall ins Schloss fiel.

Kurz darauf wurde die Haustür aufgerissen, und ein hochgewachsener Mann mit markanten Gesichtszügen stand vor ihr.

„Ja, bitte?“

„Ich m… möchte mich auf die freie Stelle bewerben.“ Immer, wenn Lotty nervös war, begann sie leicht zu stottern.

„Stelle? Welche Stelle meinen Sie?“

„Im Hotel hieß es, Sie suchen jemanden, der Ihnen bei der Renovierung Ihrer Ferienhäuser hilft.“

„Gerüchte haben Flügel. Oder hat Gary auf dem Weg nach Glasgow einen Zwischenstopp in der Bar eingelegt?“

Lotty schlug nach den Mücken, die ihr ums Gesicht schwirrten. Wieso bat er sie nicht wenigstens ins Haus? „Er meint, Sie hätten niemanden und auch keine Aussicht auf Hilfe.“

„Hat er Ihnen auch erzählt, dass dieser Job der schlimmste seines Lebens war und der am schlechtesten bezahlte obendrein, ganz zu schweigen von dem unausstehlichen Chef?“

„In etwa.“

„Wieso wollen Sie unter solchen Umständen für mich arbeiten?“

„Ich brauche das Geld.“

Er musterte sie kritisch, was ihr ausgesprochen unangenehm war.

„So sehen Sie, ehrlich gesagt, gar nicht aus.“ Corran McKenna war die teure Funktionskleidung nicht entgangen, die sie erst vor vier Tagen in Glasgow erstanden hatte. „Wenn mich nicht alles täuscht, tragen Sie brandneue Markenkleidung. Zudem sind Sie denkbar ungeeignet für diese Art von Arbeit.“

„Inwiefern?“

„Sie sind kein Mann.“

„Haben Sie noch nie von Geschlechterdiskriminierung gehört?“

„Um so etwas kümmere ich mich nicht. Ich brauche jemanden, der über mehr Kraft verfügt, als das Auftragen von Wimperntusche erfordert.“

Wütend blitzte sie ihn an. „Ich trage keine, außerdem bin ich viel stärker, als ich aussehe.“

Statt einer Antwort griff Corran nach ihren Händen, drehte sie um und betrachtete sie skeptisch. Als er die Daumen über ihre Handinnenflächen gleiten ließ, erschauerte Lotty.

„Sie haben noch keinen Tag ihres Lebens körperlich gearbeitet“, stellte er sachlich fest.

„Das heißt aber nicht, dass ich damit nicht anfangen kann.“ Rasch entzog sie ihm ihre Hände. „Bitte, ich bin auf den Job angewiesen!“

„Und ich suche einen Helfer, der ihn bewältigen kann. Es tut mir leid, aber meine Antwort lautet: Nein. Sehen Sie mich nicht so mitleiderregend an“, fügte er barsch hinzu. „Dagegen bin ich immun.“

Verblüfft schnappte sie nach Luft. „Aber das mache ich doch gar nicht!“

Zumindest ist sie eine gute Schauspielerin, dachte Corran, denn dass sie sich der Wirkung ihrer leuchtend grauen Augen nicht bewusst war, die von einem Kranz dichter, dunkler – und bei genauem Hinsehen tatsächlich ungeschminkter – Wimpern betont wurden, hielt er für ausgeschlossen.

Überhaupt bot die junge Frau einen überaus angenehmen Anblick. Sie war schlank, feingliedrig und wirkte selbst in ihrer Wanderaufmachung elegant. Ein weicher Schal um ihren Hals verlieh ihrem Auftritt eine edle Note, die lediglich durch das kurze rote Haar geringfügig beeinträchtigt wurde.

Leider hatte die Erfahrung ihn gelehrt, Eleganz mit Skepsis zu begegnen.

Er runzelte die Stirn und sah an ihr vorbei. In der Auffahrt stand kein Auto. „Wie sind Sie hierhergekommen?“

„Zu Fuß.“

„Sie hätten vorher anrufen sollen, dann hätten Sie sich die Mühe sparen können.“

„Mein Telefon funktioniert hier nicht.“

„Mobilfunk gibt es hier nicht, aber ich bin über das Festnetz zu erreichen.“

„Oh!“

Ihre Verblüffung wirkte echt, und er fragte sich, ob sie jemals ein normales Telefon benutzt hatte. Vermutlich nicht – alles an ihr deutete darauf hin, dass sie ein privilegiertes Leben geführt hatte: ihre Haltung, das aparte Gesicht, die gepflegten Hände …

Umstimmen ließ er sich dadurch jedoch nicht, und dass sie Geld brauchte, nahm er ihr ohnehin nicht ab.

„Na ja, ich wandere gern“, erwiderte sie, nachdem sie sich von ihrer Überraschung erholt hatte.

„Sie sehen aus, als würden Sie gleich vor Erschöpfung umfallen. Wie weit sind Sie heute bereits marschiert?“

„Fünfundzwanzig Kilometer.“

Unter diesen Umständen konnte er sie nicht mit gutem Gewissen ins Hotel zurückgehen lassen. Er seufzte tief und fügte sich ins Unvermeidliche. „Wie heißen Sie?“

„Lotty … Lotty Mount“, fügte sie nach kurzem Zögern hinzu, das sofort seinen Argwohn weckte.

„Also gut, Lotty“, wenn sie wirklich so hieß. „Warten Sie hier, bis ich meine Schlüssel geholt habe.“

Erfreut lächelte sie ihn an. „Dann darf ich also bleiben?“

„Nein. Ich bringe Sie zurück ins Hotel.“

„Ich will aber nicht dorthin fahren.“

„Was Sie wollen oder nicht, ist mir, offen gesagt, gleichgültig. Ich wünsche, dass Sie meinen Besitz verlassen. Da Sie nicht so aussehen, als könnten sie die Strecke ein weiteres Mal bewältigen, fahre ich Sie. Wenn Sie auf meinem Land zusammenbrechen, schadet das meinem ohnehin schon miserablen Ruf.“

„Das wird nicht passieren. Außerdem habe ich bestimmt nicht die Absicht, zu Ihnen ins Auto zu steigen.“

„Ihre Skrupel kommen ein wenig spät! Sie sind zu mir gekommen, obwohl ich hier ganz allein mit meinen Hunden lebe.“

„Bei diesem herrlichen Wetter ziehe ich es vor, zu gehen.“

Corran blickte nach oben. Wie so oft in Schottland war der morgens noch bedeckte Himmel im Lauf des Nachmittags aufgeklart. Nur vereinzelte weiße Wolken schwebten darüber. Obwohl es bereits kurz vor neunzehn Uhr war, würde es um diese Jahreszeit – es war Ende Mai – noch stundenlang hell bleiben.

Nicht ein Windhauch kräuselte die Oberfläche des Lochs, was bedeutete, dass nichts den Fluch der Highlands vertreiben würde. „Die Mücken werden Sie bei lebendigem Leib auffressen – sofern sie es nicht bereits getan haben“, gab er zu bedenken, als sie sich mit der Hand über die Wange rieb.

„Ich komme schon zurecht“, beharrte sie starrsinnig und hob sich den Rucksack auf den Rücken.

Als sie unter der Last zusammenzuckte, runzelte Corran die Stirn. „Machen Sie sich nicht lächerlich. Sie können unmöglich die ganze Strecke bewältigen, wenn Sie heute schon so weit gelaufen sind.“ Er wies mit dem Zeigefinger auf sie. „Warten Sie hier, ich hole die Wagenschlüssel.“

Zwei Minuten später kam er wieder an die Haustür, doch Lotty war bereits losgegangen.

„Dann eben nicht“, rief er ihr wütend hinterher. „Brechen Sie bloß nicht auf meinem Grund und Boden zusammen!“

„Keine Sorge“, rief sie zurück.

Frustriert blieb er an der Tür stehen und beobachtete eine Weile die zarte Gestalt, die sich mühsam den Berg hinauf schleppte. Er fluchte.

Was hatte sie sich nur dabei gedacht, auf gut Glück zu ihm zu kommen und ihn um Arbeit zu bitten? Als hätte er nicht genug eigene Sorgen! Dennoch ließ er sie nicht aus den Augen, bis sie hinter einer Wegbiegung verschwunden war. Er beschloss, eine halbe Stunde abzuwarten und ihr dann hinterherzufahren. Bis dahin war sie wahrscheinlich so erschöpft, dass sie die Mitfahrgelegenheit dankbar annehmen würde.

Als er ihr schließlich folgte, fand er jedoch keine Spur von ihr. Er fuhr die ganze Strecke bis ins Dorf. Dann kehrte er um, ohne sich im Hotel nach ihr zu erkundigen. Wenn sie es so weit geschafft hatte, war sie in Sicherheit.

Ehe Corran abends zu Bett ging, fasste er den festen Entschluss, nicht länger an die junge Frau zu denken. Dennoch schlief er schlecht und machte sich am nächsten Morgen entsprechend unausgeschlafen auf den Weg zur Arbeit an den Ferienhäuschen. Wie üblich liefen ihm die Hunde voraus, vorbei am Gemüsegarten und den ehemaligen Stallungen, hinunter zum baufälligen Bootshaus, weiter über den Pfad zu den alten Schuppen, bis zu den heruntergekommenen Hütten am Loch, die sein Ururgroßvater für die Arbeiter auf dem damals florierenden Gut errichtet hatte.

In der Nacht hatte es geregnet, und die Luft duftete herrlich frisch und süß. Es herrschten ideale Bedingungen für einen Ausflug in die Berge, doch einen freien Tag konnte er sich nicht leisten. Da Gary es nur zwei Tage bei ihm ausgehalten hatte, musste er erneut ein kostspieliges Inserat in die Zeitung setzen. Das erinnerte ihn an Lotty, und er schüttelte bedauernd den Kopf. Sie war einfach zu schwach für diese anstrengende Arbeit.

Im Gehen plante er seinen Tagesablauf. Zunächst wollte er das Haus verputzen, das er gerade renovierte, dann die Stellenanzeige aufgeben. Das konnte er online erledigen. Er überlegte, wie er den Job attraktiv darstellen und gleichzeitig potenziellen Bewerbern verdeutlichen konnte, dass sie für einen Hungerlohn bis zum Umfallen schuften mussten, als er bemerkte, wie sein Collie Meg vor der offenen Hüttentür innehielt – die er gestern hinter sich geschlossen hatte, wie er genau wusste.

„Was ist los, Meg?“, fragte er, als er sie erreichte, und sah sich suchend um. „Und wo ist der kleine Kläffer?“

Er befahl ihr zu warten und trat ein. Die Tür zu seiner Linken führte ins Wohnzimmer des Häuschens. Dort entdeckte er den Hund seiner Mutter, den er in Pflege genommen hatte, der wild mit dem Schwanz wedelnd um die junge Frau herumsprang, die am Vorabend auf seiner Türschwelle aufgetaucht war.

Für einen Moment verschlug es ihm die Sprache.

Sie trug die Kleider vom Vortag. Den Schal hatte sie sich um den Kopf geschlungen wie eine Hausfrau aus den Fünfzigern, was an ihr seltsamerweise nicht lächerlich wirkte, sondern ausgesprochen chic. Offenbar hatte sie gerade das Zimmer ausgefegt, denn sie hielt den Besen noch in einer Hand, während sie sich zu dem aufgeregten Hund beugte, um ihn zu streicheln.

Als Corran eintrat, richtete sie sich auf. „Guten M… morgen.“

„Was, um Himmels willen, tun Sie hier?“

„Ich mache sauber.“

„Habe ich mich gestern so unklar ausgedrückt? Sie haben den Job nicht bekommen!“

„Aber ich kann arbeiten! Bitte, geben Sie mir eine Chance, mich zu beweisen.“

„Ich bin extra noch nach Mhoraigh gefahren, um sie unterwegs aufzulesen, aber Sie waren hier, nicht wahr?“, fuhr er sie wütend an.

„Ich habe im Schuppen geschlafen, auf dem Stroh.“

Es war die unbequemste Nacht ihres Lebens gewesen. Nachts war es in den Highlands kalt, und sie hatte bitterlich gefroren, obwohl sie sämtliche Kleidungsstücke aus ihrem Rucksack übereinander angezogen hatte.

Hätte ich doch nie von Loch Mhoraigh gehört, hatte sie gedacht. Sie hätte darauf bestehen sollen, im Hotel zu arbeiten, bis sie sich die Fahrt nach Fort William leisten konnte. Stattdessen hatte sie Corran McKenna um eine Anstellung gebeten, und ihr Stolz hatte es ihr verboten, ein Nein zu akzeptieren.

Sein Blick verhieß nichts Gutes. Wütend betrachtete er sie, was nicht weiter verwunderlich war, wenn er ihr bis zum Hotel gefolgt war. Aber wie hätte sie diese Anwandlung von Ritterlichkeit ahnen können? Könnte er ihr stattdessen nicht lieber Arbeit geben?

Sie beschloss, sich aufs Verhandeln zu verlegen. „Das tut mir leid. Und ich weiß, dass ich mich widerrechtlich auf Ihrem Grund aufhalte, aber ich wollte Ihnen beweisen, dass ich alle anfallenden Arbeiten erledigen kann. Gary sagte, er musste putzen und anstreichen. Das kann ich ebenso gut. Sie brauchen mich noch nicht einmal zu bezahlen“, fügte sie rasch hinzu, als Corran den Mund zu einer Entgegnung öffnete. „Ich arbeite für Kost und Logis.“

Er schwieg verblüfft, und sie fuhr ermutigt fort: „Geben Sie mir eine Chance. Ich koste Sie nichts und bin allemal besser als gar keine Hilfe.“

„Das kommt darauf an, wie Sie sich anstellen. Auf dem Bau haben Sie jedenfalls noch nie gearbeitet.“

„Aber ich weiß, wie wichtig Sauberkeit auf jeder Baustelle ist.“ Das hatte sie bei der Grundsteinlegung für einen neuen Krankenhausflügel gelernt: „Unordnung ist eine nicht zu unterschätzende Gefahrenquelle“, gab sie ihr Wissen weiter, doch Corran zeigte sich wenig beeindruckt.

„Auf wie vielen Baustellen waren Sie denn bisher?“

Sie überlegte kurz. Nach dem Tod ihrer Mutter hatte sie deren Repräsentationspflichten übernommen. „Sie wären überrascht.“

„Wäre ich das?“, fragte er skeptisch, und sie erschrak. Sie hatte seine Zweifel zerstreuen wollen und nicht Verdacht erregen. In ihrer Verwirrung bückte sie sich, um den kleinen Hund zu tätscheln, der ihr nicht von der Seite wich.

„Ich verstehe, dass Sie einen erfahrenen Handwerker mir vorziehen würden, doch die stehen hier nicht gerade Schlange. Wieso wollen Sie es nicht wenigstens mit mir versuchen? Putzen und Anstreichen kann nicht allzu schwierig sein – und ich verursache keine Kosten.“

Nachdenklich strich er sich mit der Hand übers Kinn, und Lotty merkte, dass es ihr leicht schwindlig wurde. Das musste am Schlafmangel liegen, möglicherweise aber auch an seinen markanten Zügen. Sie ertappte sich dabei, wie sie davon träumte, seine raue, unrasierte Wange zu streicheln.

Errötend wandte sie den Blick ab und fuhr fort, das Sägemehl und die Staubflocken auf dem Boden zusammenzufegen. Es konnte nicht schaden, ihm ihre Fähigkeiten vorzuführen. Geistesgröße war für diesen Job gewiss keine Voraussetzung, dafür gab es reichlich zu tun, wie ein schneller Blick in die Runde offenbarte.

„Zugegeben, ich habe noch niemanden gefunden, der bereit war, länger als einige Tage für mich zu arbeiten“, gestand Corran schließlich ein.

„Das könnte an Ihrem Führungsstil liegen.“

„Wie ich sehe, hat Gary Sie umfassend informiert. Aber wozu bedarf es Managerqualitäten, wenn es lediglich darum geht, ein paar Wände zu verputzen?“

„Ein kleines Lob hier und da, eine Ermutigung schaden nie.“ Die Worte waren ihr entschlüpft, ehe sie sie zurückhalten konnte. „Ich brauche das allerdings nicht“, fügte sie hastig hinzu.

„Kein Lob, kein Lohn … Ich verstehe einfach nicht, wieso sie unbedingt für mich arbeiten wollen. Weshalb suchen Sie sich nicht einen bezahlten Job?“

Lotty beschloss, ihm die Wahrheit zu verraten – einen kleinen Teil davon zumindest. „Ich kann es mir nicht leisten, anderswohin zu fahren, weil ich gestern mein Portemonnaie verloren habe.“

So dumm kann auch nur ich sein, dachte sie. Auf ihre Wertsachen aufzupassen, war sie nicht gewohnt. Stets wurde sie von Personal begleitet, das sämtliche Rechnungen beglich und dafür sorgte, dass sie nichts liegen ließ.

„Ich besitze kein Geld, weder für eine Tasse Kaffee noch für ein Busticket.“

„Wieso gehen Sie nicht zur Polizei, statt bei fremden Männern um einen Job zu betteln, für den Sie nicht qualifiziert sind, oder widerrechtlich in Privateigentum einzudringen.“

„Ich wusste einfach nicht, was ich tun soll.“ Sie errötete.

„Rufen Sie Ihre Bank oder Kreditkartenfirma an.“

Dass ein solcher Anruf unweigerlich das Sicherheitspersonal ihrer Großmutter auf ihre Spur führen würde, konnte sie ihm unmöglich erklären. „Niemand darf erfahren, wo ich mich aufhalte.“

Überrascht sah Corran sie an. „Haben Sie Ärger mit der Polizei?“

Einen Moment lang erwog sie, ihm eine Story von einem Diamantenraub aufzutischen, doch die würde er ihr ohnehin nicht abnehmen.

„Das nicht. Ich … ich breche für eine Weile aus meinem gewohnten Leben aus“, erklärte sie so vage wie möglich. Wenn sie in nächster Zeit unerkannt bleiben wollte, durfte sie nicht mehr von sich preisgeben als unbedingt erforderlich. „Meine Mutter hat mir vor ihrem Tod oft von ihrer Wanderung über den West Highland Way vorgeschwärmt. Ich wollte ihn gehen und mir dabei darüber klar werden, was ich mit meinem Leben anfangen will.“

Das war keineswegs gelogen. Gleichzeitig unterschlug sie Corran, wie sie ihrem Leibwächter in Paris entkommen und nach Hull gereist war, in der festen Überzeugung, dort auf keinen ihrer Bekannten zu stoßen. Zur Tarnung hatte sie sich in einem winzigen, altmodischen Friseursalon das Haar schneiden lassen und es noch in derselben Nacht in ihrem Hotelzimmer gefärbt. Leider entsprach das Ergebnis nicht ihren Erwartungen. Das knallrote Haar sah scheußlich aus – doch sie hatte ihr Ziel erreicht: Niemand würde sie mit der dunkelhaarigen, eleganten Prinzessin Charlotte in Verbindung bringen.

Letztendlich war sie an jenem Abend zufrieden eingeschlafen. Ihr war die Flucht über den Kanal geglückt und damit der erste Schritt in die Freiheit.

Ohne ihre vielfältigen Pflichten war es ihr in ihrem Hotelzimmer jedoch schnell langweilig geworden. Also hatte sie beschlossen, dem Wanderweg zu folgen, von dem ihre Mutter gesprochen hatte. Sie war nach Glasgow gefahren, hatte ihren Koffer in einem Schließfach am Bahnhof verstaut und sich auf den Weg gemacht, nur mit dem, was in ihren Rucksack passte.

„Es war wunderbar“, berichtete sie begeistert. „Der Pfad ist gut ausgeschildert und unterwegs trifft man auf viele interessante Menschen. Leider habe ich gestern nach dem Lunch meinen Geldbeutel in einem Pub liegen gelassen. Es fiel mir erst viel später auf. Ich habe sofort dort angerufen, aber niemand hatte ihn gefunden.“

Die Enttäuschung darüber, dass niemand ihr Portemonnaie voller Bargeld und Kreditkarten abgegeben hatte, stand ihr deutlich ins Gesicht geschrieben, und Corran wunderte sich über ihre Naivität. Er wusste nicht recht, was er von ihrer Geschichte halten sollte, doch es war offensichtlich, dass sie ihm nicht die ganze Wahrheit erzählt hatte.

Vielleicht war sie eine Berühmtheit, die sich für eine Weile vor der Presse verstecken wollte. Lotty besaß das gewisse Etwas. Sie strahlte Persönlichkeit aus, über die selbst der staub- und strohbedeckte Pulli und die Mückenstiche in ihrem Gesicht nicht hinwegtäuschen konnten. Dass er sie nicht erkannte, war dennoch kein Wunder. Die High Society hatte ihn noch nie interessiert.

Ein wenig erinnerte sie ihn an das Reh, das er am frühen Morgen vom Schlafzimmerfenster aus beobachtet hatte. Es hatte im Licht der Morgensonne auf dem Rasen innegehalten, den Kopf anmutig gehoben und sich vorsichtig umgesehen. Lotty wirkte ebenso unschuldig, daran vermochten weder ihre teuren Kleider noch der lächerliche Schal, den sie sich so stilvoll um den Kopf geschlungen hatte, etwas zu ändern.

Was ist nur los mit mir? wunderte er sich unvermittelt. Er hatte nicht die Absicht, sich von ihr einwickeln zu lassen. Schließlich hatte er bereits einmal schmerzlich erfahren, wie leicht man einer schönen Frau in die Falle gehen konnte.

Und ihre Geschichte überzeugte ihn nicht wirklich.

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