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Die Prinzessin und der Cowboy

Myrna Mackenzie

Die Prinzessin und der Cowboy

1. KAPITEL

„Es gibt gute Ideen, und es gibt schlechte, mein Freund. Dass du deine Schwester herschicken willst, gehört zu den schlechten.“ Owen Michaels lehnte sich im Sessel zurück und legte die Füße mitsamt den Cowboystiefeln auf den Schreibtisch.

„Unsinn, Owen, es ist die beste Idee überhaupt“, widersprach die kultivierte Stimme am anderen Ende der Leitung.

Owen warf einen Blick aus dem Fenster auf die endlose Weite, die sich bis zum Horizont erstreckte. Diese Aussicht war für ihn etwas Wundervolles, aber die meisten Menschen waren anderer Meinung.

„Hast du zu viel Cognac getrunken, Andreus? Vielleicht warst du schon zu lange nicht mehr in Montana? Du scheinst vergessen zu haben, dass auf meiner Ranch hart gearbeitet wird, auch wenn ich ein reicher Mann bin. Außerdem liegt die Second Chance ziemlich einsam. Deine Schwester ist eine Prinzessin und andere Umstände gewohnt.“

Was noch eine Untertreibung ist, dachte er. Sie würde sich nach Kultur sehnen, nach Bällen und High-Society-Partys. Frauen konnte man nicht hierher verpflanzen. Seine Mutter und seine Exfrau waren lebende Beweise. Die eine war einfach verschwunden, und die andere hatte sich scheiden lassen, nachdem … Owen fluchte stumm und verdrängte die bedrückenden Gedanken. „Nein, mein Lieber, daraus wird nichts.“

„Hör mir doch erst einmal zu, Owen“, drängte sein ehemaliger Mitbewohner aus Collegetagen. „Und um deine Frage zu beantworten, es war mir niemals ernster, und nein, ich habe nicht einen einzigen Tropfen getrunken. Ich bin nur begeistert, weil ich endlich weiß, was ich mit Delfyne machen soll.“

Die Stimme klang so gequält, dass Owen die Stirn runzelte. „Wieso musst du denn überhaupt etwas mit ihr machen?“

Ein tiefer Seufzer drang aus dem Hörer. „Weil sie eine Prinzessin ist und bald heiraten wird. Sie hat darauf bestanden, einen Sommer lang ihre Freiheit genießen zu dürfen. Es ist ihr gutes Recht. Wir alle hatten diese Auszeit, bevor wir die Rolle übernommen haben, die uns vom Schicksal bestimmt ist.“

Owen sah hinaus auf den grandiosen Sonnenuntergang. Die letzten Sonnenstrahlen tauchten die Landschaft in warmes rötliches Licht. Bald schon würde sich die abendliche Dunkelheit wie eine pechschwarze Decke übers Land legen, dicht und undurchdringlich, denn hier draußen gab es keine Straßenlaternen und im Umkreis von vielen Meilen keine Nachbarn. Und die Stille … es existierten sicher nur wenige Orte auf der Welt, an denen ein Mensch weiter vom Fürstenhof und höfischen Leben entfernt sein konnte. Owen war jedenfalls felsenfest davon überzeugt, dass Andreus’ Schwester sich ihre Auszeit anders vorstellte.

„Sie will ein paar Monate ungebunden sein, bevor sie heiratet, und eine Zeit lang ein anderes Leben führen? Wo ist das Problem? Schick sie in irgendein exotisches Urlaubsparadies, auf eine Kreuzfahrt oder nach New York.“

„Nein!“

Der Widerspruch klang heftig. Owen schwang seine Boots vom Schreibtisch, stand auf und schlenderte mit dem Telefon am Ohr zum Fenster. Er schaute in die zunehmende Dämmerung und zu den Wolken hinauf, die sich jetzt orange und purpurrot verfärbten.

„Warum nicht?“

Wieder seufzte Andreus. „Delfyne … ist …“

Ein ungutes Gefühl beschlich Owen. Er drehte dem Naturschauspiel den Rücken zu und konzentrierte sich auf das Gespräch. „Was ist mit Delfyne?“

Nur vage erinnerte er sich an sie. Vor sieben Jahren hatte er Andreus in Xenora besucht und dabei kurz dessen Schwester kennengelernt. Owen war zwanzig gewesen, sie ein siebzehnjähriger Teenager, mager und blass. Ihr aristokratisches Auftreten hatte ihn jedoch beeindruckt. Gleich nach seiner Ankunft war sie zu einer Cousine nach Belgien abgereist. Wahrscheinlich hatte man sie weggeschickt, weil ein amerikanischer Cowboy frei im Palast herumlief. Der Gedanke brachte ihn heute noch zum Schmunzeln.

„Sie ist … anders als meine Geschwister“, fuhr Andreus fort. „Behütet aufgewachsen, impulsiv und naiv. Ihr würde es nicht einmal in den Sinn kommen, dass ihr etwas Schlimmes zustoßen könnte. Sie gehört zu den Menschen, die erst an den Ofen fassen müssen, um zu begreifen, dass er heiß ist. Du kannst dir also vorstellen, was geschieht, wenn man sie in die Welt hinausschickt und ihr alle Freiheiten lässt …“

Na toll!

„Owen?“

„Unterm Strich heißt das, ich soll für deine kleine Schwester den Babysitter spielen?“

„So würde ich es nicht ausdrücken. Zumindest nicht vor Delfyne. Sie kann recht temperamentvoll sein.“

Das hatte ihm gerade noch gefehlt! Eine aufbrausende Prinzessin ohne gesunden Menschenverstand. Owen unterdrückte ein Stöhnen. „Andreus … Verdammt, du weißt, dass ich der Falsche bin, um auf eine Prinzessin aufzupassen. Zu rau und kantig.“

„Das ist ja das Gute. Du wirst verhindern, dass sie in Schwierigkeiten gerät.“

„Verlangst du von mir etwa, dass ich einer Frau mehr oder weniger Fesseln anlege?“

Andreus zögerte kurz. „Ich möchte, dass du sie ein bisschen im Zaum hältst.“

„Also soll ich doch den Babysitter spielen.“

„Sie wird dir keine Probleme machen.“

„Gerade hast du ein anderes Bild von ihr gemalt.“

„Bei dir wird sie sich benehmen, glaub mir.“

Owen lachte leise. „Schmierst du mir Honig um den Bart?“

„Ich schmiere dir gar nichts um den Bart“, entgegnete sein Freund etwas steif. Umgangssprache ging ihm nicht so leicht von den Lippen. „Du weißt selbst, wie energisch du sein kannst. Ich habe nicht vergessen, was du damals gesagt hast, als wir im Studentenheim unser Zimmer bezogen. Ohne Umschweife hast du mir klargemacht, welches Bett dir gehört und welches mir. Und dass du beim Lernen Ruhe bräuchtest und vorhättest, sehr viel zu lernen. Als Prinz und Thronfolger war ich andere Töne gewohnt.“

„Da hatte ich noch keine Ahnung, dass du ein Prinz bist.“

„Nachdem du es erfahren hattest, hast du mich auch nicht anders behandelt. Du ahnst nicht, wie dankbar ich dir dafür war. Du wurdest mein Freund. Mein bester Freund!“

„Und du hast mich rausgehauen, als diese vier Typen aus der Bar über mich herfielen. Du bist meinetwegen um die halbe Welt geflogen, als …“ Owen brachte den Rest des Satzes nicht heraus. Der Schmerz brannte immer noch, selbst nach so vielen Jahren. „Jedenfalls hast du mir geholfen, als ich Hilfe brauchte“, sagte er lahm. „Ich stehe tief in deiner Schuld.“

„Darum geht es nicht“, sagte Andreus. „Ich fordere nichts von dir ein. Das ist nicht mein Stil.“

Nein, sicher nicht. Aber er war auch ein stolzer Aristokrat, der nicht ohne Weiteres jemanden um einen Gefallen bat. Trotz seines lockeren Tonfalls fiel es ihm bestimmt verdammt schwer, sein Anliegen vorzubringen.

„Du machst dir wirklich Sorgen um deine Schwester, hm?“

„Sie bedeutet mir sehr viel, Owen. Delfyne ist etwas Besonderes … wie ein Sonnenstrahl. Und ich weiß, wie ihr im Moment zumute ist. Wir mögen zwar privilegiert sein, weil wir zur Fürstenfamilie gehören, aber ein Leben in Freiheit ist für einen Prinzen oder eine Prinzessin ein unerfüllbarer Traum. Nach den wenigen Monaten, die jetzt kommen, wird sich für sie alles verändern. Und das weiß sie.“

Was sollte Owen dazu sagen? Seine Freiheit und seine Ranch hier in Montana gingen ihm über alles. Dafür hatte er sogar das Glück anderer Menschen geopfert. Und ohne Andreus wäre es heute schlecht um ihn bestellt. „Okay, schick sie her“, sagte er. „Ich passe auf sie auf. Versprochen.“

„Danke, Owen. Wenn du wüsstest, was das für mich bedeutet. Du bist ein Heiliger, mein Freund.“

Owen lachte auf. „Wenn du mich für einen Heiligen hältst, leidest du unter Wahnvorstellungen! Hoffentlich bereut am Ende keiner von uns diese Vereinbarung.“

Das mulmige Gefühl setzte schon ein, noch während er auflegte. Owen fragte sich, ob seine Entscheidung wirklich klug gewesen war. Eigensinnig, arrogant, schroff, so hatte man ihn schon des Öfteren genannt. Ihn als Sonderling bezeichnet. Er war reich genug, um überall auf der Welt leben zu können. Aber er liebte die Einsamkeit seiner Ranch, die Ruhe – und den relativen Frieden, den er hier gefunden hatte.

Mit der Ruhe jedoch sollte es vorbei sein, wenn eine Prinzessin sich auf der Second Chance einquartieren würde.

„Eine Prinzessin?“, murmelte er. „Auf einer Ranch? Was für ein Blödsinn! Vielleicht findet sie es ja schrecklich hier und fliegt sofort wieder nach Hause.“

Ein Mann brauchte schließlich Hoffnungen und Träume.

Delfyne stieg aus dem Familienjet, warf einen Blick auf den hochgewachsenen Mann, der auf sie wartete, und wusste instinktiv, dass sie in Schwierigkeiten steckte.

Nicht, weil er ausgesprochen attraktiv war. Lange Beine in engen Jeans, breite Schultern, dunkelbraunes Haar und leuchtend blaue Augen – welche Frau würde nicht unwillkürlich den Atem anhalten? Aber gutes Aussehen konnte man ignorieren.

Das, was ihr wirklich unter die Haut ging, ließ sich gar nicht so einfach beschreiben. Der besondere Ausdruck auf seinem kantigen, sonnengebräunten Gesicht … dieser Mann war wie eine Fels. Ein Krieger. Aufrecht, eigenwillig, unnachgiebig.

Außerdem schien er nicht sonderlich erfreut, sie zu sehen. Delfyne ahnte auch, warum.

Zweifellos hatte ihr Bruder Owen Michaels gebeten, in den nächsten Monaten auf sie aufzupassen. Diese Auszeit stand jedem Prinzen und jeder Prinzessin einmal im Leben zu. Doch als sie ihre Freiheit einforderte, hatte auf einmal hektische Nervosität geherrscht. Man überschüttete sie mit Einwänden und guten Ratschlägen. Was sie auch vorschlug, es wurde aus den verschiedensten Gründen abgetan.

Irgendwann hatte sie begriffen, dass ihre Familie sie die süße Freiheit niemals wirklich kosten lassen würde.

Natürlich aus Angst, dass sie einen folgenschweren Fehler begehen würde … wieder einmal. So wie damals, als sie sich nachts heimlich aus dem Palast geschlichen hatte, um schwimmen zu gehen, und um ein Haar ertrunken wäre. Oder als sie sich von der Tochter eines Zimmermädchens hatte überreden lassen, ohne Bodyguard eine Party zu besuchen, und beinahe entführt worden wäre.

Wenn ihre Familie wüsste, was sie noch alles getan hatte, um sich von den Fesseln zu befreien, die ihr Leben so sehr einschränkten!

Ihre schlimmste Erfahrung hatte sie niemandem anvertraut. Nein, darüber konnte sie nicht sprechen … Delfyne spürte, wie die alte Panik in ihr aufstieg, und verdrängte diese Erinnerungen schnell wieder.

Trotzdem war sie nicht bereit, ein Leben hinter gläsernen Mauern zu verbringen, ohne diese Auszeit von der Rolle der Prinzessin gehabt zu haben. Sie brauchte sie wie die Luft zum Atmen. Nur dieses eine Mal wollte sie das berauschende Gefühl der Freiheit erleben und ein normales Leben führen wie alle anderen Menschen auch.

Leider klebten zwei Leibwächter an ihren Fersen, und keine zehn Schritte entfernt wartete ein grimmiger Aufpasser. Owen Michaels war deutlich anzusehen, dass ihm ihr Besuch alles andere als recht war.

Einen Moment lang tat er ihr richtig leid, weil er für sie den Babysitter spielen musste, aber das würde sie für sich behalten. Denn das hieße zuzugeben, dass er für sie verantwortlich war. Ausgeschlossen! Seine Gastfreundschaft in Ehren, aber er stand zwischen ihr und ihren Träumen.

Sie holte tief Luft, setzte das huldvolle Lächeln auf, das sie fast noch vor dem Laufen und Sprechen gelernt hatte, und hob den Kopf. „Owen, richtig?“ Grazil hielt sie ihm die Hand hin. „Es ist wirklich sehr freundlich und großzügig von dir, mir für die Dauer meines USA-Aufenthalts Unterkunft zu gewähren.“

Ein kaum merkliches Lächeln umspielte seine männlichen Lippen, dann kehrte der kriegerische Ausdruck zurück. „Hallo, Delfyne.“ Ein kurzes Kopfnicken. „Ich hatte den Eindruck, dass du nicht gerade begeistert warst, hierherzukommen.“

Das war noch milde ausgedrückt. Sie war wütend gewesen. Wollte lieber im fürstlichen Verlies verrotten als den Sommer auf einer abgelegenen Rinderfarm verbringen. Was natürlich ziemlich albern geklungen hatte, da es im Palast keinen Kerker gab und nie gegeben hatte. Aber schon als Kinder hatten sie diese Drohung benutzt, um gegen den elterlichen Willen aufzubegehren. Allerdings selten erfolgreich.

Auch diesmal nicht.

Andreus hatte von Montanas endlosen Weiten, seinem azurblauen Himmel und den sternenklaren Nächten geschwärmt und den stolzen, gastfreundlichen Menschenschlag gepriesen. Ihre Eltern waren hellauf begeistert gewesen.

Ungewollt hatten seine Erzählungen sie schließlich in ihren Bann geschlagen. Delfyne war neugierig geworden. Besonders, nachdem er berichtet hatte, dass Montana in manchen Teilen noch wild und ungezähmt sein sollte. So wie ich, hatte sie gedacht.

„Ich hatte mich anfangs nicht mit allen Möglichkeiten der Situation befasst“, erwiderte sie freundlich. „Besser gesagt, mit den Vorteilen. Das ist nun geschehen.“

„Aha. Die Vorteile. Erzähl mir gern bei Gelegenheit, was du damit meinst. Bis dahin …“ Er blickte auf ihre Hand. „Was die höfische Etikette betrifft, da fehlt es mir an Übung. Gebe ich dir ganz normal die Hand, oder bekommst du einen Handkuss?“

Er hatte eine raue, tiefe Stimme, die ein schwindelerregend irritierendes Gefühl in ihrem Bauch auslöste. Delfyne ließ die Hand sinken. „Ich denke, ein schlichtes Hallo genügt.“

Berührungen waren nicht nötig. Schließlich war dieser Mann, wenn auch eher ungern, ihr Gefängniswärter. Sie durfte und wollte ihn nicht attraktiv finden. Er war der Freund ihres Bruders und sie bereits einem Mann versprochen. Ihren Zukünftigen kannte sie zwar kaum, aber diese Verbindung würde für ihr Volk und für das Fürstenhaus von großem Vorteil sein. Selbstverständlich wollte sie ihre Pflicht erfüllen … nachdem sie das Leben in vollen Zügen genossen hatte.

Zuallererst jedoch musste sie Owen Michaels dazu überreden, sie ziehen zu lassen, damit sie all das tun konnte, worauf sie sich schon ein Leben lang freute. Und dann würde sie ihm das Versprechen abnehmen, niemandem von ihren Plänen zu erzählen.

Ein Blick in seine scharfen, wachsamen Augen hätte sie fast entmutigt. Dieser Mann war sicher nicht leicht zu überzeugen.

Delfyne unterdrückte einen Seufzer. „Ist es weit bis zu deinem Haus?“, fragte sie.

Er lächelte, und diesmal wirkte sein Lächeln echt. Es war atemberaubend. Seine blauen Augen blitzten verwegen, und eine heiße Welle durchzuckte ihren Körper an Stellen, die sie für gewöhnlich ignorierte.

„Wenn man es nicht gewohnt ist, lange Strecken zu fahren, schon. Können wir los?“

„Ja.“ Sie drehte sich zum Jet um und nickte leicht. Sofort tauchten in der Tür zwei Mitglieder der fürstlichen Garde auf. Stoisch. Massig. Ihre Gesichter waren ausdruckslos.

„Wer zum Teufel sind die beiden?“

„Meine Eskorte.“

„Deine Eskorte“, wiederholte Owen in einem Ton, als hätte sie gesagt, dass sie immer in Begleitung rosafarbener Ponys reise. „Fliegen sie jetzt zurück?“

Schön wär’s. „Du kannst gern versuchen, sie dazu zu bringen. Sie folgen mir überallhin. Es ist ihr Job.“

„Hast du noch mehr Gefolge, von dem ich wissen sollte?“

Zum ersten Mal seit ihrem Abflug war Delfyne nach Lachen zumute. „Wie ich sehe, hat Andreus dir nichts von meinen Begleitern erzählt“, erwiderte sie amüsiert. „Da frage ich mich doch, warum nicht.“

Die Antwort lag auf der Hand. Owen hatte sie hier nicht haben wollen. Ob er sich auf diesen Freundschaftsdienst eingelassen hätte, wenn er gewusst hätte, dass auch zwei Bodyguards mit von der Partie waren?

Wahrscheinlich nicht. Bestimmt gab es für ihn Grenzen, und wenn sie die überschritt, würde er Delfyne freiwillig ziehen lassen. Sie brauchte nur noch herauszufinden, wo Owen Michaels seine Grenzen hatte.

Das dürfte nicht schwer sein.

2. KAPITEL

Andreus’ kleine Schwester ist wirklich kein Kind mehr, dachte Owen, als er Delfyne zu seinem Geländewagen begleitete. Aus dem mageren Teenager war eine schlanke junge Frau mit aufregenden Kurven geworden. Dazu das seidig schimmernde schwarze Haar und veilchenblaue Augen – sie sah hinreißend aus. Und ihre Beine …

Unwillkürlich ließ er den Blick über ihre langen, schlanken Beine gleiten. Die schmalen Füße steckten in Stilettos – ein Hauch filigraner Spitze mit hohen Absätzen –, die in einen Ballsaal, den Sitzungsraum eines Firmenvorstands oder … in ein Schlafzimmer passen würden. Aber ganz sicher gehörten sie nicht auf eine Ranch in Montana, geschweige denn in die Nähe eines Mannes wie ihm.

Wütend unterdrückte er den Impuls, mit der Faust auf den Wagen zu schlagen. Am Horizont stand dunkel das Wort Katastrophe, und er ahnte, dass sie bald über ihn hereinbrechen würde, falls er nicht höllisch aufpasste. Wie konnte er auch nur daran denken, mit seinen schwieligen rauen Händen die Beine einer Prinzessin zu streicheln?

Frustriert blickte er hoch und bemerkte, dass sie ihn bestürzt ansah. Verdammt! Er hatte sie nicht nur ungeniert von Kopf bis Fuß gemustert, sondern auch ihr Gepäck eingeladen, ohne dabei einen Ton zu sagen.

„Entschuldigung.“

Ein erstaunter Ausdruck trat in ihre Augen. „Weshalb?“

Sie war wirklich gut. Wahrscheinlich hatte man ihr von klein auf beigebracht, auf schlechte Manieren mit kühler Gelassenheit zu reagieren.

„Als dein Gastgeber sollte ich dir das Gefühl geben, willkommen zu sein. Das habe ich bisher nicht getan.“

Schweigend betrachtete sie ihn einen Moment lang. Dann legte sie ihm die Hand auf den Arm.

Ein Stromstoß durchzuckte ihn bis in die Zehenspitzen.

Na toll! Owen unterdrückte einen Fluch. Er war scharf auf eine Prinzessin. Eine, die bereits für einen Prinzen bestimmt war. Und noch schlimmer, es handelte sich um die Schwester seines besten Freundes. Beschützen sollte er sie, nicht begehren!

Er atmete tief durch und zwang sich, nicht dorthin zu sehen, wo die sanfte Hand dieser schönen Frau seine Haut berührte.

In ihren Augen tanzte ein Lächeln. „Schluss damit“, sagte sie. „Machen wir uns nichts vor, ja?“

Er wartete.

Sie schüttelte den Kopf, sah auf ihre Hand, als würde ihr erst jetzt bewusst, dass sie ihn angefasst hatte, und zog sie langsam zurück. „Mein Bruder hat dich überredet, mich hier aufzunehmen. Ich bin nicht dein Gast, Owen, sondern eine lästige Verpflichtung. Das weiß ich. Also erwarte ich auch nicht, dass du den begeisterten Gastgeber spielst.“

„Du wolltest nicht auf eine Ranch. Hier wird es dir nicht gefallen.“

„Ehrlich gesagt, hatte ich es so auch nicht geplant.“

„Wie dann?“

Als sie zur Seite blickte, dachte er, sie würde nicht antworten. Doch dann begann sie zu erzählen.

„Mit acht Jahren begriff ich, dass ich nichts zu sagen habe. Egal, wie ich meine Geburtstagsparty plante, wie viele Kinder ich einlud, es war immer dasselbe. Alle bürgerlichen Gäste, die man mir widerstrebend zugestand, wurden genau überprüft. Wenn sie es dann durch die strenge Kontrolle geschafft hatten, mussten sie erst einen Kurs in höfischer Etikette durchlaufen, ehe man sie in meine Nähe ließ. So eingeengt würde niemand Lust haben, meine Freundin zu werden, das wurde mir schnell klar. Dieser Zwang zog sich wie ein roter Faden durch mein Leben, und mit der Zeit konnte ich es kaum erwarten, endlich eigene Entscheidungen zu treffen – in diesem Sommer. Selbst wenn es nur für begrenzte Zeit sein würde.“

„Verstehe …“ Auch Owen gehörte zu den Menschen, die sie daran hinderten, sich ihren Traum zu erfüllen. „Es tut mir wirklich leid.“

Sie blickte ihm in die Augen. „Du könntest mich gehen lassen.“

Er lachte leise und deutete auf die beiden Bodyguards.

„Die nehme ich natürlich mit.“

Ja, sicher – um sie bei der erstbesten Gelegenheit loszuwerden.

„Tut mir leid, Prinzessin. Aber ich belüge meine Freunde nicht, und Andreus ist mein bester Freund. Für eine Weile gehörst du mir.“ Er merkte, wie sich das anhörte, und fügte schnell hinzu: „Als Gast, natürlich.“

„Das wirst du doch nicht tun, oder?“

„Was?“

„Mich Prinzessin nennen, als wäre es mein Vorname.“

„Warum nicht? Es passt doch.“

„Bitte, Owen …“ Sie zögerte. „Ich weiß, dass du meiner Familie etwas versprochen hast, und Andreus sagte mir, du seiest ein Ehrenmann.“

„Höre ich da ein Aber?“

Die Schönheit atmete tief durch. Dabei spannte sich die blassblaue Seidenbluse über ihren Brüsten, und Owen wünschte, er könnte Delfyne den Gefallen tun und sie wegschicken.

„Also gut, du bist ein Ehrenmann. Dennoch möchte ich dich um einen Gefallen bitten, bei dem du nicht unbedingt dein Wort brichst.“

„Was für einen?“, erwiderte er knapp.

„Ich … Wie viele Menschen haben eine Ahnung, dass ich hier bin?“

Owen runzelte die Stirn. „Meine Mitarbeiter wissen, dass ich einen Gast erwarte. Mehr nicht.“

„Hast du ihnen gesagt, wer ich bin? Was für eine Frage – natürlich wissen sie es. Aber …“ Es klang beinahe verzweifelt.

Endlich begriff er. Sie war adlig und an einen Ort geschickt worden, der ihr wie eine Verbannung vorkommen musste. Natürlich fürchtete sie, hier nicht entsprechend behandelt zu werden.

„Tut mir leid, sie haben keine Ahnung, dass du eine Prinzessin bist. Zumindest noch nicht. Heute Morgen habe ich ihnen nur mitgeteilt, dass wir einen Gast haben werden.“

Weil er bis zum Schluss gehofft hatte, dass Andreus einsehen würde, welchen Blödsinn er sich da ausgedacht hatte, und alles wieder abblasen würde.

„Mach dir keine Gedanken“, fuhr er fort. „Die Second Chance beherbergt regelmäßig Gäste. Normalerweise sind es Geschäftsleute, die einen Tapetenwechsel brauchen. Aber selbst mit solchen Gästen aus hohen oder höchsten Kreisen werden meine Leute keine Probleme haben. Man wird dich entsprechend behandeln.“

„Darum geht es mir nicht. Ich … Also, ich bin froh, dass sie es noch nicht wissen. Ich möchte keine Prinzessin sein.“

Owen glaubte, sich verhört zu haben. „Wie bitte?“

Ein trauriger Ausdruck fiel wie ein Schatten über ihre schönen Augen. „Ich meinte es nicht so, wie es sich angehört hat. Natürlich bin ich stolz auf meine Abstammung und auf meine Familie. Ich möchte nur für die Dauer meines Aufenthalts hier anonym bleiben“, erklärte sie. „Wenn die Leute wissen, wer ich bin, fallen die Medien wie die Heuschrecken ein, oder …“

„Jemand könnte dir etwas antun oder dich entführen wollen“, beendete Owen ihren Satz. Er warf einen Blick auf die beiden Leibwächter, die sich alle Mühe gaben, mit der Landschaft zu verschmelzen. Allerdings waren sie ungefähr so unauffällig wie ein Spritzer Tomatensoße auf einem weißen Hemd. „Als ich Andreus versprochen habe, auf dich aufzupassen, meinte ich es ernst.

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