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Die Pilgerin von Montserrat

Auf den Gipfel ist das Ziel

Und das Ende unseres Lebens

Auf ihn ist unsere Wallfahrt gerichtet.

Francesco Petrarca, 1304–1374

Inhaltsübersicht

Cover

Impressum

1. Buch: Die Chronik

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

2. Buch: Die Reise

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

3. Buch: Das Geheimnis

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

4. Buch: Die Rückkehr

32. Kapitel

33. Kapitel

34. Kapitel

35. Kapitel

36. Kapitel

37. Kapitel

38. Kapitel

39. Kapitel

40. Kapitel

Nachwort

Informationen zum Buch

Informationen zum Autor

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1.

Teresa hielt einen Augenblick lang inne und schaute wie gebannt auf die Flamme der Öllampe. Der Sturm machte eine Pause, vielleicht um Atem zu holen für einen neuen Angriff. Es ächzte und stöhnte in den alten Mauern. Die Flamme zuckte, drohte zu erlöschen und brannte ruhig weiter, als wäre nichts geschehen. Der Regen klatschte gegen die gegerbte Lammhaut, die vor das kleine Fenster des Raumes gespannt war. Teresa nahm die Lampe, goss aus einem Kupferkännchen Rübsenöl nach und verließ die Kammer. Um zur Bibliothek zu gelangen, in der sie gewöhnlich mit ihrem Vater zu Abend aß, musste sie einen düsteren Gang durchqueren. Im Schein des Lichtes sah sie die feucht glänzenden Wände, roch den Modergeruch. Trotz der Mauerstärke hörte sie weit entfernt den Sturm heulen. Sie nahm direkt vor ihrem Kopf eine Bewegung wahr und hielt den Atem an.

Etwas näherte sich lautlos mit raschen Flügelschlägen und landete mitten in ihrem Gesicht. Teresa schrie auf. Schon war das Wesen wieder weg, aber sie spürte, wie ihr das Blut von den Wangen aufs Kinn tropfte. Rechts und links von ihr schossen weitere geflügelte Gestalten vorbei. Teresa drehte sich um und hob mit zitternden Händen die Lampe. Sie erkannte die großen Ohren und das seidenweiche, braunschwarze Fell der Tiere. Hatten die Fledermäuse hier schon ihr Winterquartier aufgeschlagen und waren durch sie aufgestört worden? Sie wusste, dass es harmlose Säuger waren, die in der Nacht auf die Jagd gingen, Insekten und Kleinlebewesen als Nahrung suchten. Und doch … sagte Ursula, die Köchin, nicht, dass sie Gefährten des Bösen seien?

Ihr Herzschlag hatte sich wieder beruhigt. Sie wischte sich das Blut aus dem Gesicht und lief schnell die letzten Schritte, bis sie aus dem Gang in eine kleine Halle kam. Sie öffnete die Tür zur Bibliothek. In dem großen Raum hatte der Diener Caspar ein Talglicht entzündet. Im Kamin prasselte ein Feuer aus Buchenholzscheiten. Teresas Vater, Froben von Wildenberg, saß in einem Stuhl mit hoher geschnitzter Lehne vor einem Pult, auf dem ein dickes, schon etwas vergilbtes Buch lag. Teresa liebte den Geruch der vielen Bücher, die an Regalen entlang der Wände aufgestellt waren. Sie rochen nach dem Staub von Jahrhunderten. An einer Seite der Bibliothek war die Wand mit Fresken bedeckt. Froben war in grauen Wollstoff gekleidet; grau waren sein Rock und sein langer Pelz, den er über die Lehne eines Stuhles gehängt hatte. Er blickte ihr aus seinen Augenspiegeln entgegen, die auf seiner Nase klemmten.

»Du kommst spät, Teresa, ich habe mir schon Sorgen gemacht. Du hast ja Blut im Gesicht!«

»Ich wurde im Gang von Fledermäusen gestreift.«

»Ach, du Armes, zeig mal.« Er untersuchte ihre Wunden. »Ich werde gleich die Ringelblumensalbe holen. Wie kommen die Tiere bloß dahin? Sonst ziehen sie sich zum Winterschlaf in die Höhlen der Umgebung zurück. Und natürlich hast du an die Worte von Ursula gedacht, dass sie etwas Böses an sich haben, diese kleinen Biester. Haben sie aber nicht, glaube den Unfug nicht.«

»Ich glaube, dass sie ein Unheil anzeigen. Heute wird bestimmt noch etwas geschehen.«

»Und wenn schon! Das werden wir schon meistern, du und ich. Haben wir bisher nicht alles zusammen erreicht, was wir wollten?«

»Als ich von Krähenstetten zurückkam, stand Wilhelm, unser alter Hakenschütze, im Tor. Der Wind war schon so stark geworden, dass er Äste und Zweige heruntergerissen hatte.«

»Und? Was hat er gesagt?«, wollte Froben wissen.

»Er hat gesagt, dass kurz vorher eine Kröte zu ihm hereingekrochen sei, seitdem müsse er immer an sie denken.«

»Ihr beide messt den Dingen zu viel Bedeutung bei«, brummte Froben. »Sie wird Schutz vor dem Wetter gesucht haben.«

Ohne ihre Antwort abzuwarten, wandte ihr Vater sich zur Tür, ging hinaus und kehrte bald darauf mit einem Töpfchen Ringelblumensalbe zurück. Die kühlende Arznei tat Teresas Haut wohl. Auf dem kleinen, runden Tisch mit den zierlich gedrechselten Füßen war das Familienporzellan für das Abendessen aufgelegt. Auch in diesem Raum hing zum Schutz gegen die nächtliche Kälte eine Decke vor dem Fenster, die sich im stürmischen Wind hin und her bewegte. Ein Kerzenleuchter warf sein Licht auf das Gedeck; es flackerte, wenn eine kühle Böe den Raum durchstrich.

Teresa setzte sich auf einen der beiden Stühle, ihr Vater tat es ihr nach. Er wandte ihr sein breites Gesicht mit dem gezwirbelten Schnurrbart zu. Ein Lächeln lag in seinen Mundwinkeln, und seine Augen glitzerten wie schwarzer Onyx.

»Unsere Magd Kathrin, die kleine Schwatzbase, hat dir sicher schon erzählt, dass uns die Einquartierung der adligen Nachbarn bevorsteht«, sagte er.

»Das hat sie. Fürchtest du auch …?«

»Es wird zu eng hier oben. Ich kann mich kaum bewegen, wenn sie da sind. Das war schon einmal der Fall. Vor allem können wir uns dann nicht mehr mit der Familienchronik befassen.«

»Sollen wir nicht auf unsere Residenz in Peterszell ausweichen?«

»Dort herrscht ebenfalls zu viel Geschäftigkeit. Teresa, die Aufgabe, diese Chronik zu vollenden, sehe ich geradezu als heilig an, die dürfen wir auf keinen Fall vernachlässigen.«

»Nun gut«, sagte sie. »Noch ist ja Zeit, noch hat keiner von ihnen ans Tor geklopft. Wir werden nachher weiterarbeiten. Aber eins möchte ich dich noch fragen: Sollte Barbara nicht zu uns kommen? Im Kloster Inzigkofen ist sie nicht sicher. Vom Schmalkaldischen Bund und dem Kaiser aus wird es bestimmt auch hier zu kriegerischen Handlungen kommen.«

»Ich habe gestern einen Boten nach Inzigkofen hingeschickt. Er kehrte unverrichteter Dinge zurück; deine Schwester wollte ihrem Gelübde treu bleiben. Und vielleicht ist es besser so.«

»Du meinst, weil sie … blind ist?«

»Sie müsste hier auf engstem Raum mit Männern leben.«

Der Diener Caspar, gekleidet in ein schwarzes Wams und graugestreifte Halbhosen, kam mit einer silbernen Kasserolle herein, stellte sie mit einer angedeuteten Verbeugung auf den Tisch und hob den Deckel. In Butter geröstete Weißbrotscheiben häuften sich neben glänzenden Artischockenherzen. Caspar stellte einen Gewürzständer in Form eines Schwanes daneben. Im Rücken und in den Flügeln des Tieres befanden sich Höhlungen, die mit Salz, Muskatblumen und Pfeffer gefüllt waren. Der Diener wünschte einen gesegneten Appetit und entfernte sich. Der zweite Diener mit Namen Heinrich trat ein und setzte einen Krug mit frischem, schäumendem Bier auf dem Tisch ab, einen anderen mit Wasser. Im Gegensatz zu Caspar, der groß und hager war, empfand Teresa Heinrich als klein, dicklich und verschlagen, weil er stets in eine andere Richtung schaute, wenn ihn der Blick eines Menschen traf.

»Den Herrschaften möge es wohl bekommen«, näselte er mit einer Stimme, die Teresa schon immer unangenehm gewesen war.

»Können wir nicht einen anderen Diener einstellen?«, fragte Teresa, nachdem Heinrich sich entfernt hatte. »Er ist mir unheimlich.«

»Es ist nicht leicht, hier auf dem Land Dienerschaft zu bekommen«, antwortete ihr Vater. »Jetzt lass uns beten.«

Teresa faltete die Hände, senkte die Augen auf den Tisch, und gemeinsam sprachen sie die Worte:

Der Mensch lebt nicht vom Brot allein,

sondern von jedem Wort,

das aus dem Munde Gottes geht.

Amen.

Teresa war so hungrig, dass sie am liebsten die Hälfte des Gemüses auf ihren Teller gehäuft hätte. Doch sie besann sich ihrer Erziehung, spießte eine Brotscheibe auf ihr Messer, legte ein paar Artischocken dazu und streute Gewürze darüber. Ihr Vater nahm nur ein Stück Brot.

»Du isst spartanisch wie eh und je«, neckte sie ihn. »Ich frage mich, warum du nicht noch mehr vom Fleisch gefallen bist – du ernährst dich ja von nichts anderem als von Brot und Wasser!«

»Dafür habe ich eine Tochter, die sich keinen Genuss entgehen lässt«, gab er zurück. »Doch nein, es erfreut mich immer wieder zu sehen, dass es dir schmeckt und du auch Freude am Kochen hast. Das wird dir einmal von Nutzen sein.«

»Zum Nutzen für wen?« Sie blickte ihn einen Moment lang schärfer an, als sie es beabsichtigt hatte.

»Nun ja, irgendwann werden wir die Chronik beendet haben, und irgendwann wird es auch Zeit für dich, dein Leben an der Seite eines Mannes zu verbringen.«

»Daran möchte ich nicht denken. Ich bin für etwas anderes geboren.«

»Ich weiß schon, du willst schreiben, etwas von der Welt sehen … Leider ziemt sich das nicht für ein Mädchen von Stand.«

»Ich habe Petrarca gelesen«, erwiderte Teresa. »Wie du weißt, ist er im Jahr 1336 auf den Mont Ventoux gestiegen, einzig zu dem Zweck, sich selbst und der Natur näher zu kommen.« Sie zitierte: »Und es gehen die Menschen hin, zu bestaunen die Höhen der Berge, die ungeheuren Fluten des Meeres, die breit dahinfließenden Ströme, die Weite des Ozeans und die Bahnen der Gestirne und vergessen darüber sich selbst. – Ich möchte wissen, woher wir kommen und wohin wir gehen«, fuhr sie fort. »Möchte weiterkommen, ferne Länder sehen und fremde Menschen kennenlernen!«

»Du wirst das ganz sicher erleben, mein Kind, aber hüte dich davor, es allzu wichtig zu nehmen.«

Nachdem Teresa die Gartenfrüchte mit dem köstlichen Aroma verspeist, der Vater sein Brot verzehrt hatte, öffnete sich die Tür. Caspar trat nah an ihren Tisch heran, so nahe, dass Teresa sich unwillkürlich zurücklehnte. Er fragte, ob die Herrschaften weitere Wünsche hätten.

»Eine kleine Scheibe Schweinsbraten mit Soße«, sagte Teresa.

Froben winkte ab. »Bring mir noch einen Krug Wasser«, sagte er zu Caspar.

Der Diener verbeugte sich. Teresa stellte sich vor, dass seine Hakennase dabei den Tischrand berühren würde, und unterdrückte ein Kichern. Der Wind ließ jetzt nach; im Raum war es kühler geworden, da das Holz im Kamin heruntergebrannt war. Caspar legte neues nach, räumte das Geschirr zusammen und entfernte sich. Kurz darauf kehrte er mit dem Braten, einer Schüssel voll Birnenmus und dem Wasser zurück.

»Du solltest dich ein wenig besser benehmen«, sagte Froben und drohte seiner Tochter scherzhaft mit dem Finger. Sein Gesicht wurde ernst. »Es geht mir heute noch nach, dass deine Mutter so früh hat sterben müssen, sie hatte sehr viel Sinn für gutes Betragen. Und da mir ein Sohn versagt blieb, bist du meine einzige Hoffnung. Mit deinen blonden Haaren und deiner zierlichen Figur erinnerst du mich immer wieder an sie.«

Seine Augen wurden feucht. Teresa erinnerte sich gut an die Krankheit ihrer Mutter. Sie dachte an das Stöhnen, das aus dem Krankenzimmer gedrungen war, an den scharfen Geruch, an die spitze Nase und die eingefallenen Wangen. Ihre Mutter war an der Cholera gestorben. Sie wischte die Erinnerung fort. Ob ihr Vater die Chronik deswegen zu Ende bringen wollte, weil sein Geschlecht mit ihr, Teresa, aussterben würde, selbst wenn sie heiratete? Sie wandte sich wieder ihrem Braten zu und nahm einen herzhaften Zug aus dem Bierkrug. Froben aß ein wenig von dem Birnenmus und trank Wasser.

»Wir werden nachher, bevor ich dir weiter aus der Chronik diktiere, noch in die Wunderkammer gehen, die hat deine Mutter sehr geliebt, wie du weißt.«

Darauf freute sich Teresa. Froben gewährte nur selten jemandem einen Blick in diese Kammer, und wenn, dann nur Familienmitgliedern oder engen Freunden. Daher konnte sie es kaum erwarten, dass die Mahlzeit beendet und das Geschirr abgetragen wurde. Nachdem er sich vergewissert hatte, dass niemand außer ihnen in der Bibliothek war, bat Froben seine Tochter, den Leuchter zu nehmen. Er selbst trat zu einem der Regale und schob es beiseite. Dahinter befand sich eine Tür, die mit scharlachrotem Damast bespannt war. Ihr Vater nahm einen Bartschlüssel von seinem Gürtel und schloss auf. Er ließ seine Tochter vorangehen. Wie immer, wenn sie diesen Raum betrat, befielen sie Verwunderung und gleichzeitig eine Angst, die sie sich nie hatte erklären können. Die Kammer war etwas größer als ihre Kemenate. Die Kerzen beleuchteten Truhen mit Holzbrandmalereien und Kommoden, deren vergoldete Schnitzereien Teresa immer aufs Neue beeindruckten. Einige der Schubladen waren halb geöffnet; aus ihnen quollen allerlei Dinge wie silber- und goldgeschmiedete Ketten, Korallen, Perlen und Bergkristalle, bemalte Straußeneier und Tiere aus Elfenbein. In einem Regal standen vergilbte alchimistische Bücher, und auf dem Tisch in der Mitte thronte neben einem Astrolabium ein Globus. Verschieden große Zirkel lagen neben Kolben, Schröpfgläsern und scharfen Messern. Teresas Blick fiel auf einen Gegenstand, der sie erstarren ließ. Es war eine präparierte Fledermaus. Die großen Ohren standen senkrecht über dem kleinen, mausähnlichen Kopf mit den Nagezähnen. Die Augen des Tieres wirkten lebendig, sie schienen sie anzustarren. Wieder spürte sie das weiche Fell an ihrem Gesicht, den Schmerz der winzigen Krallen.

»Vater«, sagte sie mit erstickter Stimme, »was bedeutet dieses tote Tier? Warum hast du es in deine Raritätensammlung aufgenommen?«

Froben, der hinter ihr den Raum betreten hatte, meinte: »Ich habe die Fledermaus nicht zu einem bestimmten Zweck in die Sammlung gebracht. Sie ist einfach eine Kuriosität, die ich während einer Reise auf einem Markt gekauft habe.«

Teresa drehte sich zu ihm um, breitete wie hilfesuchend die Arme aus.

»Was ist mit dir?«, fragte er. »Du bist ja ganz blass.«

»Ich glaube, dass bei uns bald ein Unheil geschehen wird.«

»Warum meinst du das?«

»Weil Fledermäuse Unglück bringen. Ich habe das Gefühl, dass etwas Entsetzliches passieren wird.«

»Das sind Hirngespinste.« Ihr Vater legte ihr beruhigend die Hand auf den Arm. »Ich werde Ursula sagen, dass sie dir keine Gespenstergeschichten mehr erzählen soll.«

»Es war nicht nur Ursula, sondern auch meine Amme Maria.«

»Vergiss es doch einfach. Wir beide sind hier, um die Chronik unserer Familie fertig zu schreiben, und es wird überhaupt nichts passieren, das verspreche ich dir!«

Teresa fühlte sich halbwegs getröstet. Sie trat auf eine der Kommoden zu, bückte sich, hob den Leuchter vor die unterste Schublade.

»Schau mal, da ist ein sehr hübsches Kästchen.« Sie nahm es heraus. Es war ein kleiner Kasten aus Kirschbaumholz, einer Truhe nachgebildet, wenn auch etwas wurmstichig und schwärzlich verfärbt, als hätte er einen Brand überstanden. Teresa erkannte aber deutlich die Schnitzereien und die versilberten Sterne auf dem Deckel.

»Das ist eine Hinterlassenschaft unserer Vorfahren«, sagte Froben hinter ihrem Rücken. »Das Kästchen ist mit Schmucksteinen gefüllt. Du darfst es ruhig öffnen.«

Der Wind hinter den Mauern des Raumes begann sich wieder zu erheben. Teresa war es ganz feierlich zumute. Der Stammbaum ihrer Familie reichte bis ins 11. Jahrhundert zurück. Es war ihr eine Ehre, so alte Gegenstände zu berühren. Sie wollte den Leuchter auf die Kommode stellen. In diesem Moment – war es ein Augenblick der Schwäche? – entglitt das Kästchen ihrer Hand und schlug mit einem Klacken auf dem Boden auf.

»Wie ungeschickt, Teresa«, entfuhr es ihrem Vater. »Hoffentlich ist es nicht beschädigt worden.«

Sie gingen beide gleichzeitig in die Hocke. Eine Menge glitzernder Perlen lag über den Boden verstreut. Mittendrin bemerkte Teresa noch etwas anderes. Das Kästchen war offensichtlich in zwei Teile zersprungen, und als sie näher hinsah, entdeckte sie eine kleine Pergamentrolle.

»Na, so etwas«, bemerkte Froben. »Das Ding scheint einen doppelten Boden gehabt zu haben.« Er nahm das Pergament und richtete sich mühsam auf. Teresa schien es, als wäre dem Kästchen ein Geruch nach Weihrauch entströmt.

»Komm, gehen wir zurück in die Bibliothek«, meinte ihr Vater.

Froben schob das Regal wieder an die alte Stelle zurück, ging hinüber zu seinem Schreibpult und breitete das Pergament darauf aus. Teresa setzte sich auf einen Stuhl und hörte mit wachsendem Interesse, was ihr Vater vorlas:

»Ich, Friedrich von Wildenberg, habe im Jahr 1096 am Kreuzzug zum Heiligen Grab teilgenommen. Gottfried von Bouillon aus Lothringen führte unseren Zug an. Bei der Schlacht um Jerusalem 1099 wurde mein Bruder Albrecht tödlich verwundet, ich selbst entkam schwer verletzt dem Massaker. Aus der Heiligen Stadt brachte ich einen Goldkandelaber in die Heimat mit, den ich dem Kloster Agenbach im Schwarzwald zur Aufbewahrung übergab. Dieser Kandelaber hat einen unermesslichen Wert für denjenigen, der ihn besitzt: Er verleiht ihm Macht über andere, Reichtum, Glück und dauernde Gesundheit. Ich spüre, dass meine Zeit bald um sein wird. Deshalb gebe ich diese Niederschrift meinem Diener Abel, damit er sie nach Wildenberg bringe.

Agenbach, im Jahre des Herrn 1099, 12. Dezember«

2.

Froben schaute von dem Pergament auf, blickte Teresa aus seinen Augengläsern an, die seine Pupillen stark vergrößerten, und fragte: »Was hältst du davon?«

»Das ist ein ganz wichtiges Dokument für unsere Familienchronik. Unser letzter bekannter Vorfahr starb im Jahre 1224. Dieser Friedrich muss zumindest einen Sohn hinterlassen haben, sonst wäre unser Geschlecht ausgestorben.«

»So sehe ich das auch«, meinte Froben. »Es ist ein sehr wertvolles Dokument. Ich möchte dich bitten, es gleich abzuschreiben, falls es verlorengehen sollte.«

Er holte eine Feder aus der Schublade des Lesepults, ein Tintenhörnchen und das Gefäß mit dem Löschsand. Teresa stellte sich an das Pult und schrieb. Dabei schob sich ihre Zunge unter die Unterlippe. Von der Tür her ertönte ein Klappen. Caspar trat ein und fragte: »Darf ich den Herrschaften noch etwas bringen?«

Froben blickte zerstreut in seine Richtung. »Ja, noch eine Kanne warmen Würzwein und für mich ein Wasser. Dann kannst du die heißen Steine in unsere Betten legen.«

Caspar kniff die Lippen zusammen, verbeugte sich und ging hinaus.

Teresa streute Sand auf das Geschriebene, wartete einen Moment, blies darüber und fragte: »Was sollen wir jetzt damit machen? Und wie bringen wir unsere Forschungen weiter?«

»Sag es selbst, du weißt es, Teresa.«

»Ja, ich kenne dich und mich und den Wagemut unserer Familie. Wir werden in das Kloster Agenbach reiten und schauen, wo dieses Familienerbstück geblieben ist.«

»Genauso machen wir es. Die Abschrift versteckst du am besten in deinem Ausschnitt. Wer weiß, ob dieser Raum nicht Augen und Ohren hat.«

»Wer sollte so ein altes Pergament haben wollen?«

»Bedenke, was da geschrieben steht: Der Besitz bringt seinem Eigentümer Reichtum, Macht und Glück. Dieser Kandelaber ist wundertätig.«

Caspar kehrte mit dem Würzwein und dem Wasser zurück, setzte die Kannen auf dem Tisch ab und stellte zwei gefüllte, grün glasierte Becher auf das Pult. Mit einer weiteren Verbeugung entfernte er sich. Vater und Tochter tranken in langsamen Zügen. Teresas Lider wurden schwer.

»Wir sollten zu Bett gehen«, meinte ihr Vater. »Morgen werden wir alles Weitere besprechen.«

Heinrich leuchtete ihnen voran zu ihren Kemenaten. Er sah stets aus, als habe er etwas Anrüchiges im Sinn, fand Teresa. Sie schloss die eisenbeschlagene Tür und zog sich aus. Die Decke vor dem Fenster hielt die Kälte nur ungenügend ab. Es war so kalt, dass sie wieder hellwach wurde. Ihre Schlafstatt hatte eine hohe Lehne, die mit zierlichen Blumen bemalt war. Schnell glitt sie unter die Decke. Ihre Zähne schlugen aufeinander. Durch den heißen Stein wurde ihr bald warm, und sie sank in den Schlaf.

Teresa träumte. Sie schritt mit ihrem Vater durch einen düsteren Gang in einem Kloster. Am Ende schien ein helles Licht: Das war der Goldkandelaber. Er war besetzt mit den herrlichsten Edelsteinen; ein Funkeln und Leuchten ging von ihm aus, dass sie meinte, nie etwas Schöneres gesehen zu haben. Ein Gefühl der Ruhe und Zufriedenheit erfüllte sie. Doch es währte nicht lange. Hinter sich hörte sie ein Trappeln und Keuchen, einen dumpfen Schlag und ein knirschendes Geräusch, als wenn ein Schädel splitterte. Im nächsten Moment spürte sie einen heftigen Schmerz und wachte auf.

Sie starrte in die Dunkelheit. Ihr Herz klopfte schneller als je zuvor. Angestrengt lauschte sie, aber es war nichts zu vernehmen. Es war nur ein dummer Traum, sagte sie sich, drehte sich um und wollte weiter schlafen. Doch da hörte sie es, das Rufen von einem Menschen, gar nicht so weit entfernt. Sie sprang aus dem Bett, warf hastig ihre Kleider über und eilte zur Kemenate ihres Vaters. Die Tür war angelehnt, das Bett leer.

Mein Gott, lass ihm nichts passiert sein, betete sie stumm.

Wohin sollte sie sich wenden? Da war das Geräusch wieder: Es kam aus der Bibliothek. Sie riss die Tür auf. Im Schein des Kaminfeuers sah sie eine Gestalt, die sich auf dem Boden bewegte. Mit zitternden Fingern nahm sie eine Kerze, ging zum Kamin, und nach einigen vergeblichen Versuchen gelang es ihr, sie anzuzünden.

»Vater! Was ist passiert?«, rief sie und eilte zu Froben, der auf dem Boden lag und stöhnte. Von seinem Kopf rann Blut. Er öffnete mehrmals den Mund, um zu sprechen.

»Sag jetzt nichts«, sagte Teresa. »Ich werde Verbandszeug holen.«

In fieberhafter Eile nahm sie den Kerzenhalter und lief zur Küche. Auf der Feuerstelle glomm noch ein Rest des Feuers. Sie suchte die Regale nach Leinenstreifen und Ringelblumensalbe ab. Dabei tropfte ihr Wachs auf den bloßen Arm. Sie schlug sich mit der Hand an die Stirn. Ihr Vater hatte die Salbe doch nicht aus der Küche geholt – er bewahrte sie in seinem Zimmer auf! Endlich wurde sie fündig. Sie lief zurück in die Bibliothek, wo sich inzwischen die schlaftrunkenen Diener, Ursula, die Köchin und Kathrin, die Magd, eingefunden hatten. Sie standen um Froben herum, als wüssten sie nicht, was in einem solchen Fall zu tun war. Ursula besann sich als Erste und nahm Teresa Salbe und Verbandszeug aus der Hand.

Sie langte in das Töpfchen, strich Froben mit der Salbe über den Kopf und wickelte saubere Tücher darum.

»Ich habe ein Geräusch gehört und bin hier herüber in die Bibliothek gekommen«, sagte Froben mit schwacher Stimme. »Die Kerzen brannten, und in ihrem Schein sah ich, wie sich zwei vermummte Gestalten an meinem Pult zu schaffen machten. Ich rief sie an, doch statt einer Antwort nahm einer von ihnen den Kerzenständer, rannte auf mich zu und schlug ihn mir über den Kopf. Ich verlor das Bewusstsein und bin gerade erst wieder zu mir gekommen. Da«, er wies auf sein Hemd, »alles ist mit Kerzenwachs beträufelt.«

»Fehlt etwas aus der Sammlung?«, wollte Caspar wissen. »Die Diebe müssen es auf die Bücher oder auf die Wunderkammer abgesehen haben.«

»Der Herr wird jetzt erst einmal zu Bett getragen«, protestierte Ursula, die Köchin.

»Ob etwas fehlt, können wir morgen untersuchen«, bemerkte Froben. »Das ändert auch nichts mehr daran. Weg ist weg, ob wir es nun gleich bemerken oder später.«

Caspar und Heinrich fassten Froben unter den Schultern und an den Füßen und trugen ihn in seine Kemenate. Während die anderen wieder ins Bett gingen, folgte Teresa den beiden Dienern. Von draußen her erhob sich plötzlich ein Lärm. Stimmen schrien durcheinander. Einer der Hakenschützenmänner stürmte zur Tür herein. »Wilhelm, der Torwächter, er ist …« Grauen stand in seinen Augen.

Froben sank in Ohnmacht, sein Kopf fiel zur Seite. Mit einem Gefühl, als wäre ihr der Boden unter den Füßen weggerissen worden, folgte Teresa dem Mann nach draußen. Beim Überqueren des Hofes mussten sie sich Wind und Regen entgegenstemmen. Sie stiegen die Treppe zu den Unterkünften der Mannschaft hinauf. Teresa keuchte, sie spürte Stiche in der Seite. Aus der Vorburg waren die Hakenschützen gekommen, müde und nur notdürftig bekleidet, ihre Katzbalger am Gürtel. Sie standen am Ende der Zugbrücke.

Als Teresa eintraf, öffneten sie den Kreis. Da lag Wilhelm, mit dem sie am Abend noch gesprochen hatte. Seine Kehle war aufgeschlitzt, die Augen waren weit aufgerissen. Es roch metallisch und süß nach dem Blut, das sich in einer Lache um ihn herum ausgebreitet hatte. Seine Arme hielt er noch im Tod vor sich hingestreckt, als wolle er einen Angreifer abwehren. Angst kroch Teresa die Kehle herauf.

»Wie konnte das geschehen?«, rief sie.

»Wilhelm hatte sich schon in sein Quartier begeben«, antwortete einer der Schützen. »Jemand hätte ihn ablösen müssen! So ist er wieder zurück auf seinen Posten, und so hat es ihn erwischt.«

Verlegen schauten die Männer auf den Boden.

»Er wollte es so«, sagte schließlich einer von ihnen. »Er traute niemandem außer sich selbst. Heute ist so ein Wetter, da ist was im Anzug, hat er gesagt. Und wir haben ihm seinen Willen gelassen.« Zustimmung heischend schaute er seine Kameraden an.

»Ja, er wollte es so«, bestätigte ein anderer.

»Bringt ihn hinein!«, sagte Teresa. »Ich muss nach meinem Vater sehen.«

Sie eilte über die Zugbrücke und durch den Burghof zurück in den Palas. In seiner Kemenate fand sie ihren Vater aufrecht im Bett sitzend. Er hielt die Federdecke zwischen seine Finger gekrallt.

»Vater, was machst du da?«, rief sie. »Du musst ruhen, du bist schwer verletzt worden.«

»Ach was!«, meinte er. »Das bisschen Blut schert mich nicht im Geringsten. Was war los da draußen?«

»Wilhelm … er ist tot, jemand hat ihm die Kehle durchgeschnitten.«

Froben zuckte zusammen. »Um Gottes willen! Was ist das heute für ein Tag! Wir müssen ihm eine anständige Beerdigung geben, morgen auf dem Gottesacker gegenüber der Burg.«

»Ich werde in der Frühe eine Magd schicken, um die Familie Wilhelms zu benachrichtigen.«

Frobens Blicke schweiften im Raum umher. »Hast du nachgeschaut, ob etwas fehlt?«

»Dazu hatte ich noch keine Muße. Ich werde gleich in die Bibliothek gehen und nachsehen.«

Teresa ergriff den Leuchter, der auf einem kleinen Tisch in der Nähe des Bettes stand, und ging zögernd hinaus. Durfte sie ihren Vater überhaupt allein lassen, ohne Licht? Anscheinend hatte es auch auf ihn jemand abgesehen. Von draußen drangen Rufe und Flüche herein, doch hier drinnen war alles still. Teresa erreichte den Gang zur Bibliothek. Die Wände rochen feucht und glitzerten im Schein des Lichtes. Sie betrat die Bibliothek und hob die Lampe. Auf den ersten Blick schien alles unberührt zu sein. Teresa ging näher zu den Bücherregalen hin und ließ ihren Blick darüber schweifen. Es fehlte kein einziges Werk. Auch von dem, was den Raum ausschmückte, wie antike Vasen, Bilder an den Wänden, war nichts entfernt worden. Siedendheiß fiel es ihr ein. Das Pergament! Sie lief zu dem Stehpult, in dem ihr Vater die Schriftrolle verstaut hatte, und zog die Lade auf. Sie war leer. Wo hatte sie nur die Abschrift hingetan? Was hatte das zu bedeuten? Wer wusste von diesem Pergament und seinem Geheimnis? Sie lief zurück durch den Gang und kam außer Atem im Zimmer ihres Vaters an.

»Das Pergament ist fort, gestohlen!«, platzte sie heraus.

»Es scheint jemand Wind davon bekommen zu haben«, meinte ihr Vater und zwirbelte sich den Schnurrbart. »Aber wir haben ja noch die Abschrift. Ich hoffe, du hast sie gut verwahrt.«

Teresa schaute sich vorsichtig um, als könne jemand ihr Gespräch belauschen.

»Jetzt fällt es mir wieder ein.« Sie senkte die Stimme. »Ich habe sie in meinem Zimmer versteckt. Als hätte ich geahnt, was passieren würde.«

»Schon deine Mutter bewunderte deine Fähigkeit, Ereignisse vorauszusehen«, versetzte Froben. »Eine Fledermaus hat diesen schlimmen Abend eingeleitet, und wir haben gesehen, wie er endete. Aber lasst uns jetzt schlafen, wir haben alle eine Menge durchgemacht.«

»Was sollen wir tun, Vater?«, drängte Teresa.

»Sobald die Beerdigung vorüber ist, werde ich alles Nötige veranlassen, um zu dem Kloster zu reiten und Nachforschungen über diesen Kandelaber anzustellen.«

»Ich möchte dich begleiten.«

»Das ist viel zu gefährlich für ein junges Mädchen. Ich werde dich, wenn ich aufbreche, sicher in der Obhut von Ursula und den Mägden wissen.«

»Aber heute ist jemand ins Haus eingedrungen, hat dich niedergeschlagen und Wilhelm getötet! Willst du mich angesichts solcher Gefahren hier zurücklassen? Bedenke, es gibt noch die Abschrift des Briefes, die ich gemacht habe.«

»Du bist ein kluges Kind, Teresa, aber ich fühle mich heute nicht mehr in der Lage, eine Entscheidung darüber zu treffen. Morgen ist auch noch ein Tag.«

In ihrem Zimmer nahm Teresa die Abschrift des Pergamentes an sich und steckte sie in die Innentasche ihres Mantels. Sie würden sie gewiss noch brauchen.

3.

Über der Wiese gegenüber Burg Wildenberg wölbte sich ein durchsichtig blauer Septemberhimmel, in dem einzelne Wolken segelten. Der Wind war abgeflaut, aber die Spuren des nächtlichen Sturmes waren nicht zu übersehen. Abgebrochene Äste und gelb verfärbte Blätter lagen auf dem Boden, und auf dem Weg hatten sich Regenpfützen gebildet. Die Familien des Burgherrn und des Torwächters, das Gesinde und ein paar Leute aus dem Dorf standen um das offene Grab versammelt. Der Geistliche in schwarzer Soutane, der auch sonst die Messen in der Burgkapelle las, sprach über das Leben Wilhelms, von seiner Treue zur Herrschaft und seiner Fürsorge für seine Familie. Frau und Kinder schluchzten laut.

Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen, der Name des Herrn sei gelobt.

Die Anwesenden sangen ein Lied, dann wurden die sterblichen Überreste Wilhelms in einem grob gezimmerten Sarg in die Erde gelassen. Teresa konnte ihre Tränen nicht zurückhalten. Solange sie sich erinnern konnte, war Wilhelm bei ihnen Torwächter gewesen. Sie ergriff eine Handvoll Erde und warf sie in das Grab. Das dumpfe Geräusch hallte in ihren Ohren nach.

Im Burghof war auf Tischen ein einfaches Mittagsmahl hergerichtet. Gerade noch waren die Menschen still und andächtig gewesen, jetzt schwatzten sie wie eine Herde von Elstern, während sie sich auf den Bänken niederließen. Ursula schöpfte Suppe in die Zinnteller und schnitt Brot. Teresa saß zwischen Froben und Kathrin, ihrer Magd. Die Sonne wärmte ihren Kopf, den sie mit einer schwarzen Haube bedeckt hatte. In einer Linde, die einen Teil ihres Laubes schon eingebüßt hatte, hockte ein Rabe. Teresa war es, als würde er zu ihr herüberschauen. Er krächzte misstönig und erhob sich flügelschlagend in die Lüfte, wo sich ihm andere zugesellten. Der Rabe war ein Bote aus der Unterwelt, er verkündete Unglück und Tod.

»Euer Vater hat uns gesagt, dass Ihr heute Nachmittag noch aufbrechen wollt«, hörte sie die Stimme von Kathrin. »Ursula und die Diener versuchten ihn wegen seiner Wunde am Kopf zurückzuhalten, aber Ihr kennt ihn ja, er lässt sich von niemandem was sagen.«

Teresa schreckte auf, so sehr war sie in Gedanken versunken gewesen.

»Heute Morgen hat er mir gesagt, dass ich ihn begleiten darf«, gab sie zurück. »Ich denke, in ein, zwei Stunden können wir aufbrechen.«

Ein Blick zum Himmel zeigte ihr, dass das Wetter freundlich sein würde.

Teresa hatte früh reiten gelernt. Oft dachte sie, sie müsste ihrem Vater den Sohn ersetzen, den er sich so sehnlich gewünscht hatte. Auch sein Unterricht im Rechnen, Lesen, in Grammatik, Latein und Griechisch entsprach seinem Ehrgeiz, einen gebildeten Menschen aus ihr zu machen. Andere, weiblichere Betätigungen wie Sticken und Nähen gingen ihr nicht so leicht von der Hand. Nur das Kochen, das Sammeln von Wildkräutern und Beeren, das Zubereiten und Konservieren von Nahrung waren schon immer eine ihrer Leidenschaften gewesen. So stieg sie jetzt mit Schwung auf das Pferd, das für sie bereitstand. Der Sattel war mit einer rotgolden bestickten Decke überworfen; die sollte ihr den langen Ritt, auch wenn sie über der Bruche Halbhosen und Beinlinge angezogen hatte, angenehmer machen. Auf dem Kopf trug das Pferd ein Büschel aus weißen Federn. Vor ihr war ein lederner Reisebeutel am Sattel befestigt. Froben und die zwei Hakenschützen, die sie begleiteten, saßen ebenfalls auf. Umringt von den Dienern und dem Geistlichen, der sie segnete, ritten sie zum Tor hinaus und über die Brücke. Teresa warf einen Blick ins Tal der Donau hinab. Umrahmt von goldenem Laub, erschien in der Ferne ihr Lieblingsfelsen mit seinem grauweißen Steilabhang. Wie oft hatte sie dort gesessen, den Schreien der Wanderfalken gelauscht, die sich um ihre Brut sorgten, und hatte in die schwindelerregende Tiefe geschaut, wo sich die junge Donau ostwärts wand.

Sie ritten auf der Hochfläche, an deren Spitze die Burg erbaut war, hoch über dem Tal. Auf der Wiese standen Champignons, und Teresa überlegte, wie sie in einem Eiergericht schmecken würden, zusammen mit Speck, Butter und Sahne. Sie war hin- und hergerissen zwischen dem Leid, das ihr Wilhelms Tod zugefügt hatte, und der Freude, aufzubrechen in eine Welt, von der sie noch wenig gesehen hatte. Gleichzeitig empfand sie Furcht vor dem Bösen, das mit der gestrigen Nacht in ihre vertraute Umgebung gedrungen war. Der Weg ging steil hinab ins Tal. Da, wo die Tannen zurückwichen, sah Teresa den Fluss, der sich zwischen Wiesen schlängelte und in der Herbstsonne glitzerte. Eine Zeitlang hörte sie nur das Schnauben der Pferde, das Scharren und Klopfen der Hufe, das Knarren der Sättel und roch den Schweiß der Tiere. Wenn eines von ihnen über einen Stein stolperte, fluchten die Männer leise. Gero und Jost waren Teresa als besonders treue Schützen bekannt. Sie hatten manchen Angriff auf die Burg abgewehrt und schon viele Fehden bestanden. Mit ihren Eisenhelmen, die in der Sonne funkelten, den Brustharnischen und den Kettenbeinlingen wirkten sie beruhigend auf die junge Frau.

Als sie endlich das Tal erreichten, stand die Sonne tief über den bewaldeten Höhen.

»Wir werden im Kloster Beuron übernachten«, beschied Froben. »Weiter kommen wir nicht vor der Dunkelheit.«

Sie folgten dem Weg am Fluss entlang. Ein Schwan fauchte sie an, als sie ihm zu nahe kamen. Immer wieder flatterten Blesshühner und Kormorane auf und zogen klatschend über das Wasser davon. Von den gemähten Wiesen ging ein würziges Duft aus. Nebel stieg aus den Wiesengründen auf. Die Dämmerung senkte sich schnell herab. Hinter ihnen war Hufgetrappel zu hören. Teresa hatte ein beklemmendes Gefühl. Wer mochte das sein, der zu dieser Abendzeit zum Kloster ritt? Sie brachte ihr Pferd zum Stehen, die anderen ebenfalls. Teresa erstarrte. Zwei Männer kamen auf dunklen Rössern angaloppiert. Sie trugen schwarze Kutten mit Kapuzen und sprengten so schnell auf die kleine Gruppe zu, dass alle zur Seite weichen mussten.

War das ein Spuk gewesen? Nein, das kann nicht sein, sagte Teresa sich. Es waren wirkliche Pferde mit wirklichen Menschen. Die Huftritte wurden leiser, klapperten in die Ferne, dem Kloster zu. Teresas Knie zitterten. Die Apokalypse der Johannesoffenbarung fiel ihr ein: Und ich sah, und siehe, ein fahles Pferd. Und der darauf saß, dessen Name war: Der Tod, und die Hölle folgte ihm nach.

»Kannst du dir erklären, Vater, wer das gewesen sein mag?«, fragte sie.

»Es werden Pilger sein, die befürchteten, zu spät ins Kloster zu kommen, bevor die Tore schließen.«

»Aber die Tore der Klöster öffnen sich doch immer für müde Reiter und Wanderer.«

»Dann waren es eben Mönche, die vom Markt kamen und sich verspätet haben«, entgegnete ihr Vater. »Lasst uns jetzt weiterreiten, bevor es gänzlich dunkel wird.«

Im Schein des aufgehenden Mondes sahen sie bald das Kloster vor sich liegen. Es war vor Jahrhunderten in dem weiten Tal erbaut worden, nahe am Fluss, umgeben von Steilwänden mit Felsen. Die Kirche war eine einfache romanische Basilika.

Als sie zur Pforte kamen, fragte der Pförtner, ein untersetzter Mönch im dunklen Habitus: »Habt Ihr diese wilde Jagd gesehen? Soeben sind sie an mir vorbeigeprescht. Ich rief sie an, erhielt jedoch keine Antwort.«

»Uns haben sie fast niedergeritten«, gab Froben zur Antwort. »Aber wir wissen nicht, wer unter diesen merkwürdigen Mänteln und Kapuzen stecken könnte. Wir suchen übrigens ein Quartier für die Nacht.«

»Das wird sich machen lassen«, sagte der Mönch lächelnd. »Für Eure Tochter haben wir ein Besucherzimmer, ihr Männer müsst Euch mit dem Schlafsaal der Mönche zufriedengeben, da heute noch mehr Gäste gekommen sind.«

»Damit sind wir zufrieden«, antwortete Froben. Der Mönch öffnete das Tor, und sie ritten in den großen Klosterhof ein. Aus der Kirche klangen Gesänge von der Vesper herüber. Der Mönch zeigte ihnen ihre Schlafplätze und wies den Cellerar an, einen Krug Wein aus dem Keller zu holen und den Gästen etwas zu essen vorzusetzen. Sie aßen schweigend, wie es hier zu Gebote stand, und begaben sich bald zu Bett. Die Glocke läutete zur Komplet, bald danach gingen alle Lichter im Kloster aus. Teresa streckte sich auf ihrem Strohsack aus, zog die wollene Decke über sich und versank bald in tiefen Schlaf. Der Gekreuzigte, der an der Wand hing, würde ihre Träume schon beschützen.

Mitten in der Nacht wachte Teresa vom Klang der Glocke auf. Im Kloster wurde es lebendig. Schritte trappelten in Richtung Kirche, und bald darauf erklangen gedämpft die Gesänge und Gebete der Morgenhore. Noch drang kein Tageslicht durchs Fenstergeviert. Teresa drehte sich noch einmal um. Wenig später ertönte die Glocke des Turmes sechs Mal. Teresa erhob sich, zog sich zitternd vor Kälte an und ging hinaus in den Kreuzgang, um ihr Gesicht zu waschen. Eine halbe Stunde später saß sie mit den Mönchen, ihrem Vater, Gero und Jost am Tisch im Refektorium und aß ihren Haferbrei. Jetzt erst fielen erste Sonnenstrahlen durch die vergitterten Fenster. Ihr Atem stand wie Dampfwölkchen vor ihrem Gesicht, Elstern schimpften in den Bäumen im Klosterhof.

Erneutes Fußscharren, noch ein Segen des Priors, und die Mönche machten sich auf den Weg zu ihren Arbeitsstätten. Die Schützen holten die Pferde aus dem Stall. Der Pförtner schenkte ihnen zum Abschied einen Beutel mit Walnüssen, dann ritten sie in den Morgen hinaus. Das gewaltige Panorama der Felsen und bunten Buchenwälder vor Augen, zogen sie die Donau aufwärts. Erinnerungen an den Bericht Fulcher von Chartres über den ersten Kreuzzug, den sie vor längerer Zeit gelesen hatte, stiegen in Teresa auf. Hier waren Friedrich und Albrecht, ihre Vorfahren, gewiss auch entlanggeritten. Sie mussten sich mit dem Heer Gottfrieds von Bouillon weiter nördlich, etwa im Kinzigtal, vereinigt haben. Vielleicht war es auch weiter nördlich geschehen.

Als sie den Pass erreichten, brachte Friedrich sein Pferd zum Stehen. Sein Bruder Albrecht schloss zu ihm auf. Unter ihnen breitete sich das Tal aus, dessen Wiesen noch saftiggrün im Herbstlicht schimmerten. Die gegenüberliegenden, dicht bewaldeten Berge verschwammen im Dunst des Nachmittags. Doch Friedrich hatte keine Muße für die Schönheiten der Landschaft. Er beschattete seine Augen mit der Hand und schaute nach Westen, dorthin, wo die Sonne sich dem Horizont zuneigte. Von Lothringen her sollten die Männer und Frauen des Kreuzzugsheeres eintreffen, eins der Heere, die dem Aufruf Papst Urbans II. gefolgt waren, um das Grab Christi in Jerusalem von den Ungläubigen zu befreien. Furchtbares war ihm und seinem Bruder zu Ohren gekommen: die Massaker an der jüdischen Bevölkerung von Köln und anderen Städten des Rheinlands, Plünderungen und Vergewaltigungen.

Nach drei Stunden wurden die Berge flacher. Sie passierten immer wieder kleine Ansiedlungen am Fluss. Mittags rasteten sie in einer Gaststätte am Weg. Während sie ihre Rübensuppe mit Speck verzehrten, setzte sich der Wirt zu ihnen.

»Darf man fragen, woher Ihr kommt und wohin es Euch zieht?«, fragte er mit heraufgezogenen Augenbrauen. »Nichts für ungut, aber Ihr solltet Euch in Acht nehmen.«

»Ich bin so frei«, antwortete Froben. »Wir kommen von der Burg Wildenberg, falls Euch das ein Begriff ist, nahe dem Dorf Krähenstetten, und sind unterwegs zum Kloster Agenbach im Schwarzwald. Warum sollen wir uns in Acht nehmen?«

»Gestern Nacht kamen zwei Reiter hier vorbei und fragten nach dem schnellsten Weg nach Agenbach. Sie haben sich … sehr merkwürdig gebärdet.«

»Inwiefern merkwürdig?«, fragte Teresa.

»Nachdem ich ihnen freundlich erklärt hatte, dass der beste und kürzeste Weg über Rottweil und Oberndorf ginge, haben sie grußlos kehrtgemacht und sind davon galoppiert. Ihre Gesichter waren bleich, mit kalten Augen darin. Ich glaube, dass sie etwas im Schilde führen.«

»Das ist gut möglich«, antwortete Froben. »Bei uns wurde gestern Nacht ein Mann ermordet, der Torwächter.«

»Davon habe ich schon gehört. Ihr meint …«

»Ich kann nichts Näheres dazu sagen. Wir haben einen Auftrag zu erfüllen, und sie wollen uns möglicherweise daran hindern.«

Sie hatten inzwischen ihre Mahlzeit beendet. Froben legte ein paar Münzen auf den Tisch.

»Gott schütze Euch auf Eurem Weg«, sagte der Wirt.

Froben und Teresa passierten den Weiler Tuttlingen und wandten sich bald darauf nach Norden. Sie ritten durch eine weite, fruchtbare Ebene, das Neckartal. Im Westen sah Teresa die dunkle Silhouette der Vogesen. In Rottweil, einer alten Stadt mit vielen Türmen und trutzigen Kirchen, übernachteten sie in einer Herberge. Tags darauf ritten sie auf einem schmalen, gewundenen Weg ins Waldgebirge hinein. Es war mühselig, auf dem schmalen Pfad zu reiten, der immer wieder durch einen reißenden Bach führte oder unter tiefhängenden Tannenzweigen verschwand. Teresa war in Gedanken versunken. Vor dem inneren Auge sah sie ihre Vorfahren, wie sie auf das Kreuzfahrerheer warteten. Endlich war es angekommen, es mussten fast hunderttausend Mann sein, die sich unter der Führung Gottfrieds von Bouillon langsam näherten. Gottfried, ein noch junger Mann, mit einem hellen Panzer und Kettenbeinlingen bekleidet, darauf das rot-orange Kreuz. In Siegerpose ritt er dem Heer voran. Fast alle hatten sich ein solches Kreuz auf ihre Rüstungen geheftet. Auch Friedrich und Albrecht trugen dieses Zeichen, das sie immer daran erinnern würde, warum sie sich dieser Wallfahrt angeschlossen hatten.

»Anhalten!«, befahl Froben mit unterdrückter Stimme. Teresa schreckte zusammen. Sie durchquerten gerade eine tiefe Schlucht, deren Grund im Schatten lag. Ein Stück weiter unten floss ein murmelnder, klarer Bach. Teresa blickte hinauf zur Spitze der farn- und moosbewachsenen Felsen. Sie erschrak, als hätte ein Blitz sie durchfahren. Dort oben standen unbeweglich zwei Reiter und blickten zu ihnen herunter. Sie waren in helle Gewänder gehüllt, auf denen Kreuze prangten. Waren das vielleicht … die Geister von Friedrich und Albrecht?

Du hast eine zu lebhafte Vorstellungskraft, hatte ihre Mutter immer gesagt.

Im nächsten Augenblick waren die beiden Reiter verschwunden.

Sind sie überhaupt da gewesen? fragte Teresa sich, doch kaum hatte sie das zu Ende gedacht, ertönte ein Rumpeln von der Spitze der Felsen, und sie sah mit schreckgeweiteten Augen, wie zwei Felsbrocken in einer Lawine aus Geröll donnernd den Felsen herabstürzten. Sie krachten auf den Weg, rissen die beiden Hakenschützen um und begruben sie unter sich. An der Stelle, an der die Brocken heruntergekommen waren, stieg rötlicher Staub auf. Ihre Pferde wieherten laut und stiegen mit den Vorderbeinen in die Luft. Teresa und ihr Vater hatten Mühe, sie unter Kontrolle zu bekommen.

Dann war es still, selbst die Vögel hatten ihren Gesang eingestellt. Froben erhob sich, klopfte sich den Schmutz von der Kleidung und half seiner Tochter beim Aufstehen. Teresas Knie zitterten heftig, ihre Zähne schlugen aufeinander.

»Dieser Anschlag galt nicht unseren beiden treuen Männern«, sagte Froben. »Jetzt müssen wir schauen, ob den armen Unglücklichen noch zu helfen ist.«

Mit vereinten Kräften versuchten sie, einen der Felsbrocken beiseitezurollen, doch vergebens. Die Waden der beiden, noch bedeckt mit dem Kettennetz, schauten unter dem Stein hervor, aber sie bewegten sich nicht mehr. Froben nahm ein leinenes Taschentuch vom Gürtel und schnäuzte sich. Teresa schluckte. Die Tränen liefen ihr über die Wangen.

»Es galt uns beiden, nicht wahr? So wie es schon auf Wildenberg uns gegolten hat.«

»Dir galt es nicht«, erwiderte ihr Vater. »Es könnte auch ein natürliches Ereignis gewesen sein. Aber das glaube ich nicht.«

»Hast du die beiden Reiter da oben gesehen?«, fragte sie.

»Was für Reiter? Nein, ich habe nichts gesehen. Aber mag sein, dass du recht hast. Das alles muss mit dem Pergament zusammenhängen. Warum nur habe ich dich mit hineingezogen? Ich hätte dich zu Hause lassen sollen.«

»Ach, Vater.« Teresa berührte seine Hand. »Unser Schicksal ist untrennbar miteinander verbunden. Hast du nicht oft gesagt, ich solle die Chronik auf jeden Fall zu Ende führen, selbst, wenn dir einmal etwas zustieße?«

»Ja, das habe ich, Teresa.«

Sie saßen auf, und es gelang ihnen mit Müh und Not, die Gesteinsmassen zu umgehen. Hoffentlich erreichten sie bald das Kloster. Teresa sehnte sich nach nichts mehr als nach einem Licht, nach Wärme und der Anwesenheit von Menschen, denen nichts Böses zuzutrauen war.

4.

Als die Sonne hinter den gegenüberliegenden Bergen versank, sah Teresa das Kloster in einer Senke unter sich liegen. Um die Kirche drängten sich Häuser aus braunrotem Sandstein. Der schmale Fluss zog nahe am Ort vorbei. Teresa schaute sich noch einmal schaudernd nach dem Wald um, aus dem sie gekommen waren, und machte sich dann leichteren Herzens daran, zusammen mit Froben den Berg hinunterzureiten. Der Duft nach Thymian und Heu stieg ihr in die Nase; ein Hund bellte. Die Hufe ihrer Pferde klapperten über die festgestampfte Lehmstraße.

Mächtig ragte das Kloster vor ihnen auf, mit rötlich dicken Mauern, Rundbogenfenstern und einem gewaltigen Tor. Wie schon im Tal der Donau wurden sie auch hier freundlich begrüßt. Teresa bekam ein Gastzimmer zugewiesen. Als der Bruder Pförtner, ein rundlicher, gutmütiger Mann mit breitem Gesicht, von dem Grund ihres Besuches erfuhr, versprach er, sie am nächsten Tag mit dem Librarius Alexis Furer und dem Abt zusammenzubringen.

Nach den Laudes mit ihren Hymnen, Psalmen und Wechselgebeten und dem Frühstück um halb acht gingen die Benediktinermönche ihrer Arbeit nach. Sie trugen schwarze Tuniken, Skapuliere und Kukullen mit Kapuze. Vom Kloster Inzigkofen, in dem ihre Schwester Barbara weilte, wusste Teresa, welche Arbeiten in solchen Stätten zu verrichten waren. Die einen waren in der Bäckerei beschäftigt, andere in der Küche, im Cellarium, im Garten oder im Waschhaus. Der Bruder Pförtner kam wie angekündigt und führte sie durch den Kreuzgang, der zu dieser Tagesstunde von den Mönchen nicht besucht wurde. Teresa war beeindruckt von den Gewölben und den Rosetten, die in jedem Durchbruch anders gestaltet waren. Sie gelangten zur Bibliothek, die in einem Raum im Obergeschoss untergebracht war.

Beim Eintritt stockte Teresa der Atem. Sie kannte die Bibliothek, die ihr Vater und ihr Großvater in der heimatlichen Burg zusammengetragen hatten. Eine Sammlung dieses Ausmaßes hatte sie jedoch noch nie gesehen. Unter einer Kassettendecke zogen sich an den Wänden Regale mit hellen, ledergebundenen Büchern entlang. Sie verströmten den Geruch nach altem, gepresstem Papier. Im unteren Bereich standen die Bücher zwischen Pfeilern und hölzernen Figuren. Die Regalschränke selbst waren mit Flachschnitzereien versehen, flankiert von schlanken Säulen. Auf einer Art Empore schlossen diese Säulen mit Voluten ab, die mit Masken besetzt waren. Zur Empore führte eine Wendeltreppe, die der Pförtner sie hinaufgeleitete.

Der Librarius Alexius Furer saß an einem Kirschholzpult, ein dickes Buch aufgeschlagen vor sich, in dem er tief versunken las. Seine Gestalt war untersetzt, sein Gesicht unter der Kapuze ein wenig gerötet und aufgeschwemmt, so als könne er sich gewisser weltlicher Genüsse nicht enthalten. Die Nase war breit, die Lippen waren fleischig, und unter dem Rand der Kapuze quollen eine Menge lockiger schwarzer Haare hervor. Als er ihnen entgegenblickte, langsam aufstand und auf sie zukam, bemerkte Teresa die Schärfe seiner Augen, mit denen er die Ankömmlinge musterte.

»Der Bruder Pförtner hat mir von Eurem Anliegen berichtet«, sagte der Bibliothekar mit einer tiefen, recht einnehmenden Stimme.

»Ich empfehle mich jetzt, muss wieder zum Tor zurück«, verabschiedete sich der Pförtner.

»Nehmt Platz«, sagte der Bibliothekar und schob ihnen zwei Stühle hin, die aus dem gleichen dunklen Holz und ebenso fein bearbeitet waren wie sein Lesepult. »Was führt Euch zu mir, in diesen finsteren Winkel des Schwarzen Waldes?«

Froben räusperte sich. »Wir haben Kunde erhalten, dass Euer Kloster reich ist an kirchlichen Schätzen, Eure Mönche voller Demut und Arbeitsamkeit sind und dass der Ruf Eurer Gelehrsamkeit weit über die Grenzen dieses Schwarzen Waldes hinausgedrungen ist. Wir kommen von der Burg Wildenberg im Donautal. Nachdem wir erfuhren, dass ein Vorfahr von uns nach dem ersten Kreuzzug einen goldenen Kandelaber hierher gebracht hat, machten wir uns auf den Weg, um nach dem Verbleib dieses Leuchters zu forschen. Dies ist übrigens meine Tochter Teresa, die mir beim Erstellen unserer Familienchronik behilflich ist. Ein Sohn blieb mir leider versagt. Eine weitere, blinde Tochter von mir lebt im Kloster Inzigkofen an der Donau.«

Warum plauderte Froben ihre Familiengeschichte aus? Dazu noch so salbungsvoll? Gewiss wollte er sich Vorteile beim Librarius verschaffen, damit er Zutrauen gewann. Es fehlte nur noch, dass er ihm vom Tod ihrer Mutter berichtete.

»Das ist eine sehr interessante Geschichte, die ihr mir vortragt«, erwiderte Alexius. »Und es ist eine wahre Geschichte, ich kenne sie. In den Annalen des Klosters ist sie aufgezeichnet. Es ist nur so, und insofern muss ich Euch enttäuschen, dass dieser Goldkandelaber kurz nach dem Eintreffen des Friedrich von Wildenberg verschwunden ist.«

»Verschwunden?«, fragten Froben und seine Tochter wie aus einem Munde.

»Wie konnte das passieren? Wohin ist er verschwunden?«, wollte ihr Vater wissen.

»Das kann niemand sagen, und die alten Bücher geben keine Auskunft darüber. Friedrich kehrte nach Syrien zurück, danach hat man nie wieder etwas von ihm gehört oder gesehen, geschweige denn, dass ein Lebenszeichen in irgendeiner Schrift aufgetaucht wäre.«

Teresa war enttäuscht. Sollten sie die Reise vergebens gemacht haben? Und die beiden Reiter – was hatten die zu bedeuten? Etwas im Ausdruck des Bibliothekars hinderte sie daran, über ihre Erlebnisse zu berichten.

»Ich werde Euch die Annalen zeigen«, fuhr Alexius fort. Er ging hinüber zu einem der Regalschränke und zog ein großes Buch heraus. Es war in schwärzliches Leder gebunden und mit goldenen Lettern verziert. Ihm entströmte der Geruch uralter Mauern. Er legte es vor sich auf das Pult und schlug es auf.

Annalen des Klosters Agenbach stand auf der ersten Seite in einer kunstvollen Schrift, mit verblassender indigoblauer Tinte geschrieben. Das Pergament war teilweise eingerissen, als hätten Hunderte von Bibliothekaren, Mönchen und Scholaren im Lauf der Jahrhunderte darin geblättert. Alexius ließ die Seiten vorsichtig durch seine wulstigen Finger gleiten.

»Das Kloster wurde im Jahre 1095 von Mönchen aus St. Blasien gegründet«, sagte er. »Spätere Äbte und Bewohner kamen aus dem niederen Landadel der Umgebung – und sie führten das Kloster zu der Blüte, die ihr heute vor Euch seht. Hier ist es.« Er hielt einen Moment mit dem Blättern inne.

»Am 12. Dezember 1099 erschien ein Kreuzfahrer an der Pforte des Klosters, der sich als Friedrich von Wildenberg ausgab. Er überreichte den Mönchen einen goldenen Kandelaber zur Aufbewahrung, den er später wieder holen und zu seiner Stammburg Wildenberg bringen wollte, nachdem seine Mission in Syrien beendet sein würde. Er diente wohl in Jerusalem seinem Heerführer Gottfried von Bouillon. Mehr ist zu diesen Ereignissen leider nicht zu sagen. Ich habe jahrelang nachgeforscht, aber weiter nichts gefunden.«

»Das ist auf jeden Fall sehr aufschlussreich«, meinte Froben. »Irgendwo muss dieser Kandelaber aber doch geblieben sein.«

»Es wurden viele Mutmaßungen angestellt. Nach einer Theorie hat ein Jakobspilger ihn mit nach Santiago de Compostela genommen, und dort wurde er lange als Heiliger Gral verehrt. Eine andere Theorie besagt, Friedrich habe ihn, aus Misstrauen gegen die Mönche, wieder nach Syrien und Jerusalem zurückgebracht, nachdem er hier nach seinen Besitzungen und seiner Familie geschaut hatte. Wie dem auch sei, wir werden es sicher in diesem unserem Leben nicht herausfinden.«

»Ich danke Euch auf jeden Fall für Eure bereitwilligen Auskünfte, Bruder Librarius«, sagte Froben.

Teresa murmelte ein paar Worte der Zustimmung. Dieser Mann verbarg etwas. Sie konnte es nicht benennen, aber ihr Gefühl trog sie selten.

»Ich lade Euch ein, in unserem Kloster zu Gast zu sein«, fuhr Alexius fort, »so lang es Euch beliebt. Ich habe es mit dem Abt schon besprochen. Ihr könnt Euch in der Bibliothek umsehen, am klösterlichen Leben teilnehmen und auch mit uns beten und arbeiten, sofern Ihr es wollt. Eure Tochter sollte ihre Gestalt durch Mönchskleidung verhüllen und ihre Haare verstecken, auf dass sie meinen Brüdern nicht zu unkeuschen Gedanken Anlass gebe.«

Das war ein sehr großzügiges Angebot. Vielleicht täuschte Teresa sich, vielleicht hatte er wirklich ein gutes Herz und bezweckte nichts Bestimmtes. Wenn die beiden Reiter wirkliche Menschen gewesen waren und keine Geister, mussten sie in der Gegend gesehen worden sein.

»Ich werde Euch meinen Gehilfen zur Seite geben«, sagte der Bibliothekar. »Er heißt Markus Schenk und stammt aus einem Dorf hier in der Nähe. Seine Begabung und sein Fleiß haben uns dazu bewogen, ihm die Stelle als Bibliotheksgehilfe anzubieten, die er seitdem mit Gewissenhaftigkeit versieht. Er war zunächst Novize, gehört jetzt jedoch zu den aktiven Mönchen.«

Alexius nahm eine silberne Schelle von seinem Pult und ließ sie ertönen. Aus dem Hintergrund der Bibliothek näherte sich eine Gestalt. Es war ein junger Mann mit dunklen, lustig funkelnden Augen. Er trug die schwarze Tracht der Benediktiner.

»Markus, ich bitte dich, in den nächsten Tagen für das geistliche und leibliche Wohl unserer Gäste zu sorgen«, sprach Alexius. »Führe sie herum, zeige ihnen alles und sei ihnen vor allem behilflich, Spuren ihres Vorfahren aufzudecken, der einst zu diesem Kloster in einer wichtigen Angelegenheit kam. Sei sittsam und hüte dich vor frechen Bemerkungen. Er ist eben ein Kind seines Dorfes«, wandte sich Alexius wieder an die beiden. »Unsere Scholaren haben ihm nicht eben die besten Umgangsformen beigebracht.«

»Ich werde mich zu benehmen wissen«, sagte Markus, und Teresa sah, wie er sie bei diesen Worten anschaute und ihm dabei der Schalk aus den Augen blitzte.

»Nun geh wieder an deine Arbeit!«, forderte Alexius den Gehilfen auf. »Ich selbst muss mich meinen Studien widmen. Erkundet nur die schöne Umgebung unseres Klosters und findet Euch zur Mittagszeit im Refektorium ein.«

Damit waren Froben und Teresa zunächst entlassen. Sie verließen die Bibliothek und machten sich auf zu einem Rundgang durch das Kloster. Es war gegen halb zehn, im Kreuzgang schickte die Sonne ihre ersten Strahlen zur Krone der Magnolie, die inmitten der Rasenfläche stand. Gemächlich wandelten Mönche zwischen Garten und Küche hin und her; keiner sprach ein Wort. Ora et labora, bete und arbeite – das war das Gesetz des heiligen Benedikt zum Tagesablauf der Mönche.

Nachdem Teresa vom Kammerverwalter Tunika, Skapulier und Kukulla erhalten und sich umgekleidet hatte, betrat sie mit ihrem Vater die Kirche, deren hoher Altarraum von einer Kassettendecke gekrönt war. Die Farben waren in Weiß und dem rötlichen Sandstein gehalten, den die Bewohner des Klosters in der Nähe abbauten. Die Rundbögen und Pfeiler standen in einer strengen Ordnung zueinander. Unterbrochen wurde diese Ordnung nur durch den Altar, eine blaugoldene Schnitzerei mit einer Darstellung von der Kreuzigung Christi. Ein junger Mönch, wahrscheinlich ein Novize, fegte mit einem Strohbesen den Boden.

»Lass uns an die frische Luft gehen«, sagte Froben. »Mir wird hier allmählich ein wenig eng zumute.«

Teresa stimmte ihm zu und folgte ihm zur Tür. Sie traten auf den Platz vor der Kirche. Darauf stand eine Linde, um deren mächtigen Stamm sich eine hölzerne Bank schmiegte, daneben ein Brunnen mit einer Steinfigur. Teresa nahm an, dass sie einen der hier früher lebenden Äbte darstellte. Aus den Fenstern des Schulgebäudes drang das unterdrückte Gelächter der Scholaren, und von der Küche her wehte ein Geruch nach Fleischbrühe. Die beiden schlenderten durch den Garten, der mit antiken Skulpturen geschmückt war. Auf die Wege hatte man Kies gestreut. Ein Bach floss durch das Gelände, dessen Ufer mit Minze und Mädesüß bestanden waren. Die Nebel begannen sich zu heben und ließen Tautropfen im Gras zurück. Im Osten kämpfte sich die Sonne vollends über die Berge, sie überstrahlte Garten, Wälder, Kloster und die kleine, winkelige Ortschaft mit ihrem goldenen Licht. Teresa und Froben wandten sich einem kleinen Tor in der Mauer zu. Dahinter begann ein Pfad, der sich steil den Berg hinaufwand. Sie folgten ihm in die Höhe. Durch dichten Tannenwald gelangten sie immer weiter hinauf.

Teresa musste öfter innehalten, um Atem zu holen. Dabei schaute sie ins Tal zurück, das gegen Süden noch im Dunst versunken war, auf die kleinen Häuser rund um das Kloster. Rote Schnecken krochen über den Weg. Als sie oben waren, schwitzte Teresa beträchtlich. Sie war es nicht gewohnt, so früh am Tag eine solche Anstrengung hinter sich zu bringen. Linker Hand zweigte ein Hohlweg ab, den sie nun beschritten.

»Es ist der Jakobsweg, den die Pilger aus dem heiligen Römischen Reich auf ihrer Wanderung nach Santiago de Compostela benutzten«, sagte Froben.

Santiago de Compostela – schon oft hatte sie diesen Namen gehört, und immer weckte er eine unbestimmte Sehnsucht in ihr. Was hatte der Librarius heute Morgen gesagt?

»Glaubst du, dass der Kandelaber nach Santiago de Compostela gebracht worden ist?«, fragte sie ihren Vater.

»Ich weiß nicht, was ich glauben soll. Wir brauchen sichere Hinweise. Bis jetzt wissen wir nur, dass ein Pergament gestohlen wurde und dass wir offensichtlich von zwei Reitern verfolgt werden.«

»Das beweist doch, dass es da etwas gibt, etwas, das wir nicht erkennen können und das keiner aus dem Kloster erkennen kann, auch der Bibliothekar nicht.«

»Vielleicht kann uns der Gehilfe etwas sagen. Wie war noch sein Name?«

»Markus Schenk«, beeilte sich Teresa zu sagen.

»Markus Schenk wird uns möglicherweise weiterhelfen können. Nach dem Mittagessen werden wir ihn mal zur Seite nehmen.«

Der Gedanke daran war Teresa angenehm. In der Gegenwart des Bibliothekars dagegen hatte sie eine düstere Beklemmung gespürt.

Sie wanderten noch eine Weile auf dem Weg dahin, der sich auf halber Höhe dahinzog. Er war von Brombeergebüsch und verblühten Heideröschen eingerahmt und gab immer wieder den Blick ins Tal frei. So hätte Teresa immer weiter wandern können, bis sie in Santiago angekommen wäre. Und bis sie wusste, wohin sie ihr Weg im Leben führen sollte. Ach, dieses Ziel würde sie niemals erreichen, schon gar nicht allein. Was war ihre Bestimmung?

Eine dunkle Wolke schob sich vor die Sonne, und Teresa fröstelte. Eine Dohle schrie hoch über ihrem Kopf.

»Lass uns umkehren«, bat sie ihren Vater.

»Hast du schon genug vom Wandern? War es nicht dein Traum gewesen, einmal nach Santiago de Compostela zu pilgern?«

»Ja, das war ein Traum von mir und ist es immer noch. Aber die Zeit ist noch nicht gekommen.«

»Ich würde dich auch niemals allein ziehen lassen.«

Da war es wieder. Warum konnte sie nicht allein in die Welt ziehen, wohin es ihr beliebte? Männer konnten das. Männer durften so viel tun, was ihr versagt blieb. Manchmal war sie voller Neid auf sie.

Sie kehrten durch eine andere Pforte in der Klostermauer zurück und überquerten den kleinen Friedhof mit seinen Eisenkreuzen. Eine Eiche stand dort mit einer Steinbank darunter, die aus drei mächtigen Klötzen zusammengebaut war. Teresa bemerkte eine Art Rundbogen in der Mauer, wie ein zugemauertes Tor.

»Was mag das wohl gewesen sein?«, fragte sie ihren Vater.

»Es war gewiss ein weiteres Tor, das nicht mehr gebraucht wurde.«

Die Kirchenglocke schlug zwölfmal. Sie würden gerade recht zum Mittagessen kommen.

5.

Der Saal war mit prächtigen Säulen, Kapitellen und Fresken ausgestattet, die Fenster waren mit bunten Glasmalereien geschmückt. In jeder Ecke stand ein Schutzheiliger, aus rotem Sandstein gehauen. Einige Mönche saßen schon im Refektorium, wo sie zusammen mit den Gästen des Klosters und dem Abt zu speisen pflegten. Der Abt war jedoch für einige Tage außer Haus, wie Teresa erfahren hatte. Die Novizen und die Arbeiter, die von draußen kamen, aßen miteinander in einem anderen Raum. Außer dem leisen Klappern von Löffeln war nichts zu hören.

Allmählich füllte sich der Saal. Teresa sah Alexius und Markus, den Bibliotheksgehilfen. Er nickte kaum merklich in ihre Richtung. Auf einer Steinbank in einer Wandnische saß der Vorbeter und las einen Psalm. Die Tür von der Küche her öffnete sich. Herein kamen vier Mönche, die einen großen Eisentopf trugen, aus dem es kräftig dampfte. Die Mönche nahmen ihre Teller in die Hand, standen einer nach dem anderen auf, was zu einem allgemeinen Stuhlrücken führte, und stellten sich in einer Reihe an, um sich von den Küchengehilfen Maultaschen und Brühe schöpfen zu lassen.

Bald waren auch Froben und Teresa an der Reihe. Sie erinnerte sich an die Worte ihrer Mutter, dass die Maultasche im Kloster Maulbronn erfunden worden war. Während der Fastenzeit bekamen die Mönche ein großes Stück Fleisch geschenkt. Da sie es nicht verderben lassen wollten, hackten sie es in kleine Stücke, mischten Petersilie und Spinat darunter, damit es wie eine Fastenspeise aussah, und wickelten es schließlich in einen Nudelteig, auf dass der Herrgott ihren kleinen Betrug nicht bemerkte.

Einen Moment lang sehnte sich Teresa zurück auf die väterliche Burg, wo sie so oft zusammen mit der Köchin Ursula diese Nudelflecken zubereitet hatte. Während des Essens bemerkte sie, dass ihr Markus verstohlene Blicke zuwarf. Er war ja vom Bibliothekar, nein vom Abt höchst selbst dazu abgeordnet worden, sie beide zu begleiten. Als Teresa sich nach dem Abschlussgebet zusammen mit Froben dem Ausgang zuschob, fühlte sie sich am Ärmel ihrer Kutte gefasst.

»Geht mit Eurem Vater zum Friedhof, dort können wir ungestört sprechen«, raunte Markus ihr zu. Seine schwarzen Augen funkelten. »Nach dem Mittagessen haben wir immer eine Freistunde, die wir mit Beten, aber auch mit Unterhaltungen begehen dürfen.«

Schon war er zwischen den anderen Mönchen verschwunden. Teresa schaute sich nach ihrem Vater um. Als sie ihn schließlich gefunden hatte, berichtete sie ihm von dem Vorschlag des Gehilfen. Eine freudige Anspannung trat in Frobens Gesicht.

»Ich glaube, dass er uns einiges zu berichten hat«, sagte er leise. Gemächlich schlenderten sie zur Tür hinaus, wandelten den Gang zur Pforte entlang und empfahlen sich dem Pförtner mit den Worten, dass sie ein wenig im Garten spazieren wollten. Schon von weitem sah Teresa Markus auf der steinernen Bank sitzen. Sie nahmen neben ihm Platz.

»Ergeht es Euch wohl hier bei uns?«, wollte Markus wissen.

»Es fehlt uns an nichts«, antwortete Froben. »Nur die Lösung auf unsere Fragen haben wir noch nicht gefunden.«

»Bruder Librarius hat mir erzählt, dass Ihr auf den Spuren eines Vorfahren oder mehrerer Vorfahren seid«, entgegnete Markus.«Ich kenne die Geschichte, denn ich habe die Chronik des Herrn Friedrich von Wildenberg mit eigener Hand abgeschrieben.«

»Die Chronik? Was für eine Chronik?«, fiel ihm Teresa ins Wort. Sie hörte, wie ihr Vater zischend die Luft einsog.

»Er hat eine Chronik, die er während des ersten Kreuzzuges geschrieben hat, hier zusammen mit dem Kandelaber abgegeben. Diese Chronik befand sich die ganze Zeit im Besitz unseres Klosters. Nachdem ich heute Morgen von Eurem Ansinnen hörte, bin ich sogleich hingeeilt, um sie zu holen, doch sie war fort. Ich kann mir nicht erklären, wie das passieren konnte.«

»Alexius hat aber nichts von einer solchen Chronik erwähnt«, sagte Froben.

»Vielleicht hatte er ihr Verschwinden ebenfalls bemerkt, und es war ihm unangenehm. Ich denke aber, Ihr habt ein Recht darauf, etwas über den Inhalt dieses Schriftstückes zu erfahren. Ich habe mir lange überlegt, wo und wie ich Euch diesen Inhalt zukommen lassen kann. Ich darf es nicht aus der Hand geben, aber ich will Euch diese Chronik gern vorlesen.«

»Ich bin begierig darauf, etwas über diese Zeit und vor allem über den Kandelaber zu erfahren«, sagte Froben.

»Dann kommt heute Abend, wenn die anderen schlafen gegangen sind, hinüber zur Wohnung des Abtes. Ich besitze einen Schlüssel, um an die Bücher seiner privaten Bibliothek zu gelangen. Wie Ihr wisst, ist er für einige Tage außer Haus. Ich werde die Fenster verhängen, so dass niemand ein verdächtiges Licht hervorschimmern sieht.«

»Bringt Ihr Euch damit nicht in Gefahr?«, fragte Froben.

»Ich glaube, ich werde hier von allen unterschätzt«, erwiderte Markus mit einem Lächeln. »Sie denken, ich sei der dumme Bauernbub aus dem nächsten Dorf, dem sie ein wenig Lesen und Schreiben beigebracht haben, dazu den Inhalt der Bibel, Psalmen und Litaneien. Sie wissen nicht, was sich hinter der Stirn dieses Tölpels abspielt.«

Ein warmes Gefühl stieg in Teresa auf. Auch dieser Junge hatte seinen Packen zu tragen. Außerdem gefiel er ihr mit seiner direkten, unaufdringlichen Art.

»Was schlagt Ihr vor, wie wir uns die Zeit bis zum Abendessen vertreiben könnten?«, fragte Froben.

»Ich habe die Erlaubnis, Euch im Kloster herumzuführen und Euch einige Wirkungsstätten der Mönche zu zeigen, als da sind die Schule, die Landwirtschaft, die Bäckerei und die Speisemeisterei.«

Als Erstes bekamen die beiden die Landwirtschaft zu sehen. Angrenzend an den Garten, in dem es auch Beete mit Wurzelgemüse und Kohl gab, sowie ein Kräutergärtchen, in dem ein Mönch Petersilie und Portulak schnitt, lagen die Ställe mit den Kühen, Pferden, Schweinen und dem Federvieh. Die Tiere begrüßten die Gäste mit einem Quieken, Wiehern, Grunzen und Gackern. Zwei schwarz gekleidete Männer schaufelten den Mist unter den Leibern der Kühe weg, und es stank kräftig nach Jauche.

»Den Mönchen ist es nur gestattet, Fleisch von zweibeinigen Tieren zu essen«, erklärte Markus. »Schweinefleisch und Rindfleisch gibt es nur in Ausnahmefällen – und für die Kranken, damit sie schneller wieder zu Kräften kommen.«

»Oder man versteckt sie unter einem Nudelteig«, neckte ihn Teresa.

»Ja, aber das ist überall so.« Er lachte. »Des Menschen Wille ist schwach, auch wenn er eine Kutte trägt.«

»Woraus werden die Kleider der Mönche gemacht?«, wollte Teresa wissen.

»Auf den Weiden oberhalb von hier hütet der Bruder Schäfer eine Herde«, versetzte Markus. »Die Wolle wird in der Spinnstube des Ortes von den Frauen verarbeitet und gewebt. Dann nähen sie unsere Kutten und anderes daraus.«

»Wie viele Mönche leben hier?«, fragte Froben.

»Annähernd siebzig. Die wollen alle, auch wenn wir bescheiden sind, verpflegt werden. Als Nächstes zeige ich Euch die Bäckerei.«

Sie verließen die Ställe und machten sich auf zum Klosterhof mit der großen Linde. Die Bäckerei war ein kleines, altes Steinhaus, aus dessen Schornstein der Rauch quoll. Es roch nach frisch gebackenem Brot. Sie traten durch die niedrige Tür. In dem geschwärzten Raum gab es nur einen Holztisch, auf dem ein Novize dabei war, aus Mehl, Wasser und Hefe einen Teig zu kneten. Nahe dem riesigen Ofen, aus dessen Öffnung die Glut strömte, waren Brotlaibe zum Gehen aufgereiht. Ein weiterer Novize schob mit einer langen Backschaufel drei Brote in den Ofen.

»Hier ist ein fertiges Brot, Ihr dürft mal kosten«, sagte Markus, schnitt mit seinem Messer zwei Scheiben ab und gab sie ihnen in die Hand. Das Brot war noch warm und schmeckte köstlich.

»Zum Vorgang des Backens brauche ich sicher keine langen Erklärungen abzugeben«, meinte Markus.

»Ich habe schon selber Brot gebacken«, beeilte sich Teresa zu sagen. Er sollte nicht denken, dass sie eine eingebildete Adlige sei, die den ganzen Tag nur stickte oder sich von jungen Männern den Hof machen ließ.

»Das habe ich Euch durchaus zugetraut«, sagte er mit einem Zwinkern. »Und nun kommt mit zur Klosterschule. Dort werden begabte Kinder armer Bewohner dieses Landstriches im Rechnen, Schreiben und Lesen unterrichtet. Sie werden schon im zarten Alter von fünf Jahren aufgenommen.«

Sie folgten ihm zum Hauptgebäude und gingen eine gewundene Holztreppe hinauf. Markus öffnete leise eine Tür, die mit verschnörkelten Eisenbeschlägen verziert war. Teresa trat neben ihn und erblickte eine Schar von vielleicht zehn Jungen, die an niedrigen Holztischen saß. Sie waren alle mit bräunlichen Hemden und Wämsern bekleidet, die ihnen viel zu groß waren. Ihre Beine steckten in grauen Pluderhosen und Strümpfen. Ihr Lehrer, ein hagerer Mönch mit Hakennase und einem Haarkranz um die Tonsur, die ihn ein wenig wie eine zerrupfte Krähe aussehen ließ, befahl gerade einem der Jungen, eine Rechnung mit Kreide auf die Wachstafel zu schreiben. Alle schauten mit großen Augen zu ihnen herüber.

»Jetzt gafft nicht so, Kinder!«, sagte der Lehrer mit strenger Stimme.

»Habt ihr noch nie Besucher von außerhalb gesehen? Also, was ist die Wurzel aus 81, Clemens?«

»Ich … ich weiß es nicht«, stotterte der Kleine.

»Dann wirst du es zu Hause üben und mir morgen über deine Bemühungen berichten. Setz dich! Und wehe, du kommst morgen nicht mit der Lösung, dann wirst du meine Rute spüren!«

Gott sei Dank hatte Teresas Vater sie selbst unterrichtet, und zum Glück war sie ein Mädchen, sonst müsste sie auch so lernen wie diese Jungen. Sie war froh, als Markus die Tür wieder zuzog und sie mit ihm nach draußen gehen konnten.

»Ihr wundert Euch sicher, dass der Lehrer so streng mit den Kindern umgeht. Ich habe schon versucht, ihn zur Mäßigung zu bringen. Die Kleinen sind so wissbegierig, die würden ihm alles von den Lippen ablesen, wenn er sie nur ließe. Es ist halt schwer, in unserer abgeschiedenen Lage geeignete Lehrer zu finden, und so kommt er aus den eigenen Reihen. Einer, der sich selbst kasteit und geißelt.«

Die Speisemeisterei war im Fruchtkasten untergebracht. Hier lagerten Säcke voll Getreide, Rüben und Kohlköpfe für den Winter, große Körbe mit Äpfeln und Dörrpflaumen sowie getrocknetes Fleisch. Von der Decke hingen geräucherte Schinken. Teresa betrachtete diese Dinge mit Vergnügen und wünschte sich, ihre Kochkunst unter Beweis stellen zu können.

Zum Abschluss führte der Bibliotheksgehilfe sie in die Küche. Teresa sah zwei Mönche, denen der Schweiß über die roten Gesichter lief. Einer rührte in einem Daubenbottich mit zwei Ringen zum Tragen, ein anderer wusch Geschirr an einem steinernen Ausguss.

»D

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