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Die Pforten des Todes

Peter Tremayne

DIE PFORTEN
DES TODES

Historischer Kriminalroman

Auss dem Englischen
von Irmhild und Otto Brandstädter

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Inhaltsübersicht

ANMERKUNG DES AUTORS

KAPITEL 1

KAPITEL 2

KAPITEL 3

KAPITEL 4

KAPITEL 5

KAPITEL 6

KAPITEL 7

KAPITEL 8

KAPITEL 9

KAPITEL 10

KAPITEL 11

KAPITEL 12

KAPITEL 13

KAPITEL 14

KAPITEL 15

KAPITEL 16

KAPITEL 17

KAPITEL 18

KAPITEL 19

KAPITEL 20

KAPITEL 21

Für Dorothea –

Sie hat mit mir Freud und Leid beim Schreiben geteilt.

Et septimus angelus tuba cecinit et factae sunt voces magnae in caelo dicentes: factum est regnum huius mundi Domini nostri et Christi eius et regnabit in saecula saeculorum

Und der siebente Engel posaunte. Und es wurden große Stimmen im Himmel, sie sprachen: Es sind die Reiche der Welt unseres Herrn und seines Christus geworden, und er wird regieren von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Offenbarung des Johannes 11,15

Vulgata, latein. Übersetzung des Hieronymus, 5. Jh.

HAUPTPERSONEN

Schwester Fidelma von Cashel, eine dálaigh oder Anwältin bei Gericht im Irland des siebenten Jahrhunderts

Bruder Eadulf von Seaxmund’s Ham, ein angelsächsischer Mönch aus dem Lande des Südvolks, ihr Gefährte

IN CLUAIN MÓR

Tóla, ein Bauer

Cainnear, seine Frau

Breac, sein Sohn

AUF DER BURG CASHEL

Colgú, König von Muman, Fidelmas Bruder

Finguine, Sohn von Cathal Cú-cen-máthair , rechtmäßiger Thronnachfolger von Colgú

Ségdae, Abt von Imleach und Oberster Bischof von Muman

Gormán, ein Krieger der Nasc Niadh, der Leibwache des Königs

Caol, Hauptmann der Nasc Niadh

Enda, ein Krieger der Nasc Niadh

Drón, Lord von Gabrán

Dúnliath, seine Tochter

Ailill, ein Krieger, Pflegesohn von Drón,Vetter von Fidelma und Colgú

IN FRAIGH DUBH

Saer, ein Zimmermann

Bruder Ailgesach

Fedach Glas, ein Gastwirt

Grella, seine Frau

Bruder Biasta

AM FLUSS SUIR

Torna, ein Barde

Echna, ein Fährmann

IN DURLUS ÉILE

Gobán, ein Schmied

Leathlobhair, ein leprakranker Bettler

Gelgéis, Prinzessin des Stamms der Éile

Spealáin, ihr Hofmeister

Daig, Bischof der Éile

Brocc, Gelgéis’ Brehon

Áedo, Oberster Richter von Muman

Lady Eithne/Étain von An Dún

Aidan, ein Krieger der Nasc Niadh

IN LIATH MÓR

Abt Cronán

Bruder Anfudán, sein Verwalter

Bruder Sillán

Ségnat, eine Geisel

IN OSRAIGE

Canacán, ein Schafhirt

IN BAILE COLL

Coccán, ein Schmied

ANMERKUNG DES AUTORS

Die im vorliegenden Band geschilderten Ereignisse schließen sich an die im Roman »Der Blutkelch« beschriebenen an und spielen im Jahr 670 AD. Ich habe die Handlung in die Erntezeit Fogamar, in die letzten Tage vor der Herbst-Tagundnachtgleiche gesetzt.

Karte - Munster im 7. Jahrhundert

KAPITEL 1

Bevor er aus dem Haus trat, blieb Tóla auf der Schwelle stehen, blickte auf die schwarzen Kuppen des Gebirgszugs im Osten, die sich scharf gegen den weißen Lichtstreifen abhoben, der den anbrechenden Morgen verkündete, holte tief Luft und atmete zufrieden aus. Es war ihm seit Jahrzehnten zum morgendlichen Ritual geworden. Er verharrte noch einen Moment und versuchte aus der Färbung des Himmels abzulesen, was für ein Tag es werden würde. Dann schweifte sein Blick über das dunkle leicht gewellte Land, das sich vor ihm Richtung Süden ausbreitete, und begleitete diese Geste mit einem Kopfnicken wie zur Bestätigung seiner Gedanken. Man konnte zusehen, wie das Licht des neuen Tages das Felsmassiv umfing, das nur wenige Meilen südlich Kontur gewann. Die grauweißen Gemäuer auf dem Rock of Cashel, dem Hauptsitz der Herrscher von Muman, schimmerten bereits deutlich in der Morgendämmerung.

Tóla trat ins Freie und dehnte sich träge. Er war von untersetzter, muskulöser Statur, ein Mann, dessen Körperbau verriet, dass er ein Sohn der Erde war, ein Mann, der den Acker bestellte und das Vieh versorgte. Die aufgehende Sonne verlieh seinem blauschwarzen Haar einen gewissen Glanz und brachte seine gebräunte Haut und die blassen Augen prächtig zur Geltung. Die Arbeit bei Wind und Wetter hatten die Haut gegerbt und seine Gesichtszüge geprägt, doch tat das seiner Erscheinung keinen Abbruch, er wirkte gutmütig und freundlich. Er gab das Bild eines Mannes ab, der mit seinem Leben und allem, was dazu gehörte, zufrieden war.

Unweit von ihm raschelte es, und um das Gebäude kam, freudig winselnd und Schwanz wedelnd, ein großer zottiger Jagdhund getrottet. Sein friedfertiges Gebaren stand im Widerspruch zu dem massigen Körperbau des Tieres. Der Mann beugte sich zu ihm, tätschelte seinen gewaltigen Kopf und erwiderte sein erneutes Winseln mit einem gutmütigen Brummen. Dann drehte sich Tóla um und rief gutgelaunt ins Haus hinein: »Es wird ein schöner Tag heute.«

Eine Frau tauchte im Türrahmen auf, wischte sich die Hände an der Schürze und warf ihrerseits einen raschen Blick auf die Berge im Osten. Sie war wettergebräunt wie Tóla, eine sympathische, wohlproportionierte Frau, der man ebenfalls ansah, dass sie zuzupacken verstand.

»Richtig schön, um die Ernte einzubringen?«

»Richtig schön, Cainnear. Bestimmt werden wir mit dem kleinen Feld heute fertig, und dann haben wir alles Korn unter Dach und Fach.«

»Sieh aber erst nach der Färse, ob sie endlich gekalbt hat«, meinte die Frau.

»Stimmt. Sie lässt sich ganz schön Zeit. Die anderen Kühe sind schon längst auf der Weide. Ich gehe gleich mal nach ihr schauen. Gestern Abend war sie noch unten am Fluss. Vielleicht ist das Kälbchen inzwischen da.« Er machte eine Pause, ehe er weitersprach. »Der Herr Sohn hat sich wohl noch nicht gerührt, oder? Treib ihn aus den Federn. Wir haben viel zu tun heute.«

»Mach ich; und dann komm ich raus aufs kleine Feld.«

Der Bauer nickte und ging zum Schuppen hinter dem bothán, dem aus Stein gebauten kleinen Haus, in dem sie wohnten, um Sense und Rechen zu holen. Geübt schulterte er beides und stapfte über die Felder hinüber zu der dunklen Baumreihe. Der Hund trottete ihm hinterher. Der Bach, der dort floss, begrenzte sein Land im Süden. Er strömte westwärts und mündete in den großen Suir, der die Westgrenze von Tólas Landbesitz bildete.

Als Herr und Hund das kleine Weizenfeld erreichten, das noch gemäht werden musste, war es bereits taghell. Nicht mehr lange, und am Nachthimmel würde der Gealach na gcoinnlíní stehen, der Mond der Stoppelfelder. Er hieß so, weil dann die Kornfelder gemäht und abgeerntet sein mussten. Tóla verharrte einen Moment, schaute über das Feld und schürzte die Lippen wie zu einem stummen Einverständnis. Nur noch heute, dann war alles in der Scheuer. Er konnte Gott danken; es war eine gute Ernte gewesen und überhaupt ein gutes Jahr, denn er hatte nicht eine Kuh verloren, kein Schwein, auch kein Huhn. Keines seiner Tiere war einer Seuche oder einem Raubtier zum Opfer gefallen. Der Gedanke an seinen Viehbestand erinnerte ihn an das Jungtier, das zum ersten Mal trächtig war. Er konnte nur hoffen, dass die Färse in der Nacht endlich gekalbt hatte, andernfalls würde sie schwer überleben. Er sah zur Baumreihe hinüber, aber noch lag sie zu sehr im Schatten, um irgendetwas ausmachen zu können. Tóla legte Sense und Rechen an dem Eckstein des Feldes ab und ging quer über die Stoppeln zu den Bäumen hinüber, auch jetzt in treuer Begleitung seines Hundes.

Er war dem Ziel schon ziemlich nahe, als der Hund plötzlich stehen blieb, den Kopf hob und leise knurrte. Offenbar witterte er etwas Ungewöhnliches.

Stirnrunzelnd blieb auch Tóla stehen und schaute sich um, konnte jedoch nichts Befremdliches entdecken.

»Was gibt’s, Cú Faoil?«, fragte er verhalten. Dann erkannte er am äußersten Ende des Feldes einen dunklen Schatten. Dort stand die Jungkuh und neben ihr ein Kälbchen. Er lächelte erleichtert, merkte aber sogleich, dass die Unruhe des Hundes etwas anderem galt. Er knurrte immer noch. Angestrengt spähte Tóla in die Richtung, die der Hund vorgab, aber ohne Erfolg. Langsam bewegte er sich vorwärts, der Hund gehorsam hinter ihm her, wachsam und argwöhnisch, mit erhobenem Kopf. Tóla wusste, dass Cú Faoil lange, bevor es ein Mensch vermochte, Gefahr wittern konnte und ein zuverlässiger Beschützer war. Er wusste auch, dass er laut und gereizt bellen würde, wäre ein Raubtier in der Nähe. Auch die Kuh mit dem neugeborenen Kälbchen würde nicht derart friedlich am Feldrand stehen, wenn unmittelbare Gefahr drohte. Und doch stimmte etwas nicht.

Das Rauschen des Bachs war an der Stelle hier deutlich zu vernehmen. Das war an sich nichts Besonderes. Die Strömung wurde durch etliche Steine behindert, die Menschen gelegt hatten, um leichter an das andere Ufer zu gelangen. Wenn Reisende ihren Weg nicht am östlichen Ufer des Suir nahmen oder aber ein Boot hatten, mussten sie sich an den Bach, den Arglach, halten, an eben dieser Stelle durch das flache Wasser waten, und konnten dann Richtung Süden weiterziehen. Drüben stießen sie schließlich auf den Weg, der zur Burg Cashel und die sie umgebende Ansiedlung führte. Tóla hatte sein Leben lang in dieser Gegend verbracht. Das Sprudeln des Wassers gegen die Trittsteine der Furt war ihm ein vertrautes Geräusch. Und doch klang es jetzt anders als sonst und lauter. Zudem war die Anspannung des Hundes unverkennbar, der erneut leise knurrte.

Tóla schlängelte sich durch die Baumreihe und lief weiter zum Pfad am Fluss. Sofort sah er, dass die Trittsteine an der Übergangsstelle durch etwas blockiert waren, so dass das Wasser Mühe hatte, das Hindernis zu umgehen, um dann mit neuer Kraft weiterzufließen. Er ging näher heran, um die Sache genauer zu betrachten, stutzte und hielt erschrocken den Atem an.

Als wäre er auf den Steinen ausgeglitten, lag mitten im Fluss ein Mensch.

Tóla zögerte nicht lange; das kalte Wasser reichte ihm bis an die Knie, als er ein Stück von der nassen Kleidung zu packen bekam. An körperliche Arbeit gewöhnt, hatte er einiges an Kraft aufzubieten. Trotzdem hatte er seine liebe Not, den Toten ans Ufer zu zerren; das Wasser drückte den Verunglückten immer wieder mit Macht gegen den kleinen Steinwall. Nach einer Weile aber hatte er es geschafft, und die Leiche lag ausgestreckt am Ufer.

Tóla holte etliche Male tief Luft und besah sich dann den Toten genauer. Es war ein junger, gutaussehender Mann; lange konnte er noch nicht tot sein. Seine Kleidung war aus feinem Tuch und reich mit Stickerei verziert. Um den Hals hatte er eine Goldkette, und an einem Finger leuchtete ein kostbarer Ring mit einem Halbedelstein. Eindeutig ein Mann von Rang. Der kurze, helle Umhang wurde an der einen Schulter von einer Brosche zusammengehalten, die von Kunstfertigkeit zeugte und so etwas wie ein Wappen darstellte. Der mit Edelsteinen besetzte Dolch links am Gürtel steckte noch in der Scheide, ebenso das Schwert an der rechten Seite.

Gedankenvoll rieb sich Tóla den Hinterkopf und betrachtete verstört den Leichnam. Zuallererst hatte er vermutet, der junge Mann wäre auf den nassen Steinen ausgerutscht und gestürzt, hätte sich vielleicht eine böse Kopfverletzung zugezogen. Weshalb aber hätte ein junger Mann von Rang in dieser Gegend und ohne Pferd unterwegs gewesen sein sollen? Eine beunruhigende Vorstellung. Wenn ein Mann von Ansehen auf Tólas Grund und Boden zu Tode gekommen war, selbst wenn es nur durch einen Unfall geschehen war, brachte das Probleme mit sich. Vage erinnerte sich Tóla an so etwas wie die Zahlung einer Wiedergutmachung an die Verwandten, die die Gesetzgebung in solchen Fällen vorschrieb.

Er bückte sich, um nach der Kopfverletzung zu sehen, konnte aber weder eine Platzwunde noch eine Abschürfung entdecken. Erst als er den Leichnam umdrehte, weil er den Hinterkopf genauer betrachten wollte, bemerkte er am Rücken die Schlitze und Risse in der Kleidung. Gleichzeitig wurde er gewahr, dass seine Hand nicht einfach vom Wasser nass war, sondern sich rot färbte. Blut. Beim aufmerksamen Betrachten der Kleidung wurde ihm klar, was passiert war. Er schluckte heftig. Man hatte dem jungen Mann mindestens dreimal in den Rücken gestochen.

Schlagartig ging Tóla auf, was das für ihn bedeutete. Er würde unweigerlich in Schwierigkeiten geraten. Erst das Winseln seines Hundes, der ihn mit der feuchten Schnauze anstupste, weil er spürte, dass mit seinem Herrn etwas nicht stimmte, löste ihn aus seiner Erstarrung. Man hatte den jungen Edlen, wer immer er sein mochte, auf seinem Grund und Boden ermordet, selbst wenn es auf einem häufig begangenen Weg, der über den Fluss führte, geschehen war. Leicht wankend stand Tóla auf, versuchte seine Befürchtungen abzuschütteln und überlegte, wie er sich nun verhalten sollte.

Bis zum Rock of Cashel war es nur ein kurzer Ritt. Auf der Burg gab es Brehons, Rechtsanwälte und Richter. Sie würden wissen, was zu tun sei. Sie würden sich der Sache annehmen, könnten ihm raten. Tóla war mit dem bedingungslosen Glauben an die Weisheit der Brehons aufgewachsen. Noch einmal schaute er auf den leblosen Körper vor sich. Die Brosche, die den Umhang an der Schulter zusammenhielt, hatte die Form eines Medaillons. Möglicherweise stellte sie das Wappen des Clans dar, dem der Tote angehörte. Auf alle Fälle würde sie einen Brehon vielleicht dazu bewegen, herzukommen und der Sache auf den Grund zu gehen. Er bückte sich, löste die Brosche von der Kleidung und nahm sie an sich. Rasch blickte er in die Runde und eilte dann zurück auf seinen Hof, der Hund neben ihm her.

Cainnear, seine Frau, sah ihn kommen und ging ihm besorgt entgegen. Seine Rückkehr musste einen besonderen Grund haben.

»Was ist geschehen?«, fragte sie.

»Ist der Junge auf?«, keuchte Tóla, und blieb ihre eine Antwort schuldig.

»Er wollte den Esel anspannen, um …«

»Breac! Breac!«, rief Tóla zum Schuppen hinüber.

Aus der Scheune kam aufgeschreckt ein sommersprossiger Junge angerannt, der nicht viel älter als sechzehn war.

»Was gibt es, Vater?«

»Ich brauche den Esel. Ich muss sofort nach Cashel«, erklärte Tóla gehetzt. »Nimm eine Waffe und geh an den Fluss zur Furt. Da liegt der Leichnam eines jungen Mannes.« Den Schreckenslaut seiner Frau ignorierte er. »Fass ihn nicht an und sorge dafür, dass auch niemand anders ihn berührt oder sich ihm überhaupt nähert. Cú Faoil lasse ich bei dir. Ich reite nach Cashel, um einen Brehon zu holen.«

Breac sah, wie erregt sein Vater war, und stellte keine unnötigen Fragen. Er rannte zum Stall und kam kurz darauf mit dem Esel zurück. Tóla nutzte die Zwischenzeit, um seiner Frau die Situation zu erklären und sie zu beruhigen. Dann drückte er Breac das Halsband des Hundes in die Hand, damit Cú Faoil verstand, dass er dazubleiben hatte, und sagte mehrmals seinem treuen Begleiter: »Pass auf! Pass auf!«, schwang sich auf den Esel, gab ihm einen Klaps und war auf und davon – zur Burg des Königs von Muman.

KAPITEL 2

Gormán stand gelassen vor den dunklen Eichentüren, die in die Privatgemächer des Königs von Muman führten. Sein Königreich war das größte, südwestlich gelegene von den fünf Königreichen des Landes Éireann. Gormán war ein junger Mann mit heller Haut, dichtem, rabenschwarzem Haar, dunklen Augen und einem gewinnenden Äußeren. Um den Hals hatte er einen goldenen Reif, und den trug er mit einem gewissen Stolz, wies er ihn doch als Mitglied der Nasc Niadh aus, als einen Krieger mit dem goldenen Reif der Leibgarde des Königs von Muman. Gormán war zu Recht stolz auf seine Stellung, denn er hatte sie sich gegen mancherlei Widrigkeiten aus eigener Kraft und Geschicklichkeit erworben. Meist waren Mitglieder der Leibgarde Söhne von Stammesfürsten oder großen Kriegern. Gormán aber war der Sohn einer bé táide, einer ehemaligen Prostituierten, doch dank seiner Fähigkeiten, nicht nur im Umgang mit Waffen, sondern auch dank seines scharfen Verstands, hatte man ihn für einen derartigen Vertrauensposten im Hausstand des Königs auserkoren.

Am hinteren Ende des Ganges tauchte eine Gestalt auf und kam auf ihn zu. Rasch nahm er Haltung an, entspannte sich aber noch im gleichen Moment, als er die Schwester des Königs erkannte. Er war immer noch nicht daran gewöhnt, sie nicht mehr in der Nonnentracht zu sehen. Heute trug sie ein enganliegendes, kragenloses Oberkleid, ein kurzes hellblaues Gewand, das ihr bis über die Hüfte reichte. Von den Schultern hing, von Broschen gehalten, ein cochnull, ein kurzer Umhang, gleichfalls aus hellblauem Stoff, aber mit Gold- und Silberstickerei reichlich verziert. Auch die triubhas, die knöchellangen Hosen, waren eng geschnitten und brachten ihre Figur perfekt zur Geltung. Hosen dieser Art wurden unten am Fuß durch ein schmales Band zusammengehalten. Lederstiefel umschlossen die Knöchel, und in der einen Hand trug sie Handschuhe.

Ihr langes rotes, sorgfältig gekämmtes Haar war gescheitelt, zu drei Zöpfen geflochten und um den Kopf gewunden. Silberne Reifen gaben ihnen den nötigen Halt und zeigten der Außenwelt, dass die Trägerin im gesellschaftlichen Leben tätig war. Das farblich auf die Kleidung abgestimmte kleine Seidentuch, das den Kopf bedeckte, wies darauf hin, dass sie verheiratet oder auf jeden Fall mündig war. Um die Taille war ein críss, eine Art Gürtel, geschlungen, an dem ihre Kammtasche, das cíorbholg, hing, das alle Frauen bei sich trugen und das die nötigen Toilettenartikel enthielt.

»Du bist reichlich früh auf den Beinen, Lady«, begrüßte sie Gormán und erlaubte sich ein Lächeln. »Willst du ausreiten?« Die Art ihrer Kleidung ließ unschwer darauf schließen.

Fidelma von Cashel, Schwester von König Colgú, erwiderte sein Lächeln. Dereinst hatte sie geholfen, Della, seine Mutter, gegen ungerechtfertigte Anschuldigungen zu verteidigen, und hatte seitdem zu ihr und Gormán ein durchaus freundschaftliches Verhältnis. Schon viele Male hatte Gormán ihr als Leibwächter zur Seite gestanden.

»Das Wetter lockt. Es verspricht ein schöner Tag zu werden, den sollte man nicht mit langem Liegen im Bett vertrödeln«, erwiderte sie. »Außerdem hat mich schon früh Pferdegetrappel geweckt, Reiter ritten von der Burg. Hatte das einen besonderen Grund?«

»Das war Finguine mit etlichen Begleitern.«

Finguine mac Cathal war der tánaiste, der Thronerbe ihres Bruders.

»Was hat ihn veranlasst, derart früh loszureiten?«

»Soviel ich weiß, sind die Cenél Lóegairi mit der Tributzahlung an Cashel in Verzug, und da die Erntezeit nun vorüber ist, hielt es der tánaiste für angebracht, den Stammesfürsten aufzusuchen und ihn an seine Pflichten zu erinnern.«

Der Clan im Südwesten des Königreiches war dafür bekannt, den Verpflichtungen gegenüber dem König von Cashel nur zögerlich nachzukommen. Finguine war ein entfernter Verwandter von Fidelma, ihr Vetter aus einem Familienzweig namens Eóghanacht Áine. Vor vier Jahren war er zum Nachfolger auf den Thron gewählt worden, und das war nach dem Tod des vorherigen Thronerben, Donndubhán, geschehen, der ein Komplott gegen Colgú angezettelt hatte, um ihn aus dem Wege zu schaffen und die Herrschaft zu übernehmen. Finguine war für seine gewissenhafte Arbeit bei der Verwaltung des Königreichs bekannt.

Fidelma deutete auf die geschlossenen Türen hinter Gormán. »Ist mein Bruder schon auf?«

»Auf war er bereits vor Tagesanbruch, und jetzt ist Abt Ségdae bei ihm.«

Ségdae war Abt und Bischof von Imleach sowie Oberster Geistlicher Ratgeber des Königs.

»Eine merkwürdig frühe Stunde für den Abt, um zu einer Unterredung mit meinem Bruder zu erscheinen. Ich habe gar nicht gewusst, dass er in Cashel ist.« Ein Schatten der Enttäuschung huschte über ihr Gesicht. Sie hatte gehofft, ihren Bruder dafür zu gewinnen, sie auf ihrem Morgenausritt zu begleiten. »Gibt es einen Anlass für so zeitige Besprechungen?«

»Abt Ségdae traf mit der Morgendämmerung hier ein. Er muss die ganze Nacht hindurch geritten sein und hatte nur einen seiner Mönche als Begleitung. Er wirkte verstört und verlangte Colgú unverzüglich zu sehen.«

»Das verheißt nichts Gutes«, meinte Fidelma stirnrunzelnd. »Haben sie geboten, nicht gestört zu werden?«

Gormán schüttelte den Kopf. »Mir hat man nichts dergleichen gesagt.«

»Dann gehe ich hinein.«

Gormán klopfte zweimal an die Tür und öffnete sie, um Fidelma einzulassen.

Vor einem Holzfeuer in dem großen Gemach, in dem König Colgú nur besondere Gäste empfing, saßen Fidelmas Bruder und sein Besucher in Armsesseln. Beim Eintreten seiner Schwester blickte Colgú auf und hieß sie mit einem Lächeln willkommen. Abt Ségdae, ein älterer Mann, wollte sich erheben, doch sie bedeutete ihm, sitzen zu bleiben.

»Ich wünsche einen guten Tag, Schwester Fidelma«, begrüßte sie der Prälat.

»Ich dir auch, Abt Ségdae«, erwiderte sie, nahm auf einem Stuhl Platz und fügte leise hinzu: »Aber ich darf dich daran erinnern, dass ich nicht mehr dem Kloster angehöre, nicht länger Nonne oder Schwester bin, sondern einfach nur Fidelma von Cashel.«

Der Abt reagierte schmunzelnd auf ihren Einspruch.

»Für uns bist und bleibst du Schwester Fidelma«, sagte er mit leicht tadelndem Unterton. »Du hast dir in allen fünf Königreichen einen solchen Ruf erworben, dass niemand von dir nur als Fidelma spricht, ohne das Wort ›Schwester‹ davorzusetzen.«

»Ich kann nur hoffen, die Leute gewöhnen sich eines Tages an eine andere Bezeichnung«, gab Fidelma zur Antwort.

»Ach ja!« Der Abt seufzte. »Ich bedauere, dass der Rat der Brehons von Muman deine Bewerbung ablehnte, nur ist für das Amt des Obersten Brehon des Königreiches sehr lange Erfahrung im Rechtswesen erforderlich.«

In Fidelmas Augen blitzte es für einen Moment gefährlich auf – meinte der Abt das etwa sarkastisch? Doch sie fasste sich rasch.

»Ich gebe zu, dass Brehon Áedo weit mehr Erfahrung hat als ich«, stellte sie nüchtern fest. »Es war eine weise Entscheidung des Rates, ihn zum Obersten Brehon meines Bruders zu ernennen.«

Colgú war eine innere Unruhe anzumerken. Er wusste sehr wohl, dass Fidelma nach dem Posten des Obersten Brehon von Muman gestrebt hatte. Als Brehon Baithen starb, hatte sie ihre Absicht bekundet, das Kloster zu verlassen und sich für diesen Posten zu bewerben. Die Wahl des Obersten Brehon lag in den Händen des Rates der Brehons, und deren Wahl war auf den älteren, sehr traditionsbewussten Brehon Áedo gefallen.«

»Und wie geht es nun weiter, Fidelma? Wie sieht deine Zukunft aus?«, fragte der Abt.

»Meine Zukunft? Ich mache so weiter wie bisher. Für mich hat sich nichts geändert.«

»Wo du doch aber dem Glauben entsagt hast?«

»Ich habe nicht dem Glauben entsagt, ich habe mich nur von der Klostergemeinschaft endgültig gelöst«, stellte Fidelma klar. »Ich habe das Kloster der Brigit von Kildare schon vor etlichen Jahren verlassen und seither unabhängig gehandelt, frei von Ordensregeln oder Weisungen geistlicher Würdenträger. Um ehrlich zu sein, meine kürzliche Entscheidung war nur noch eine Formsache, wie du selbst zugeben wirst. Insofern wird sich in meinem zukünftigen Leben nichts ändern. Es gibt genügend Vorkommnisse, die das Wissen und Können einer dálaigh, einer Anwältin, verlangen, und in einfacheren Fällen bin ich befugt, Richter zu sein.«

»Das stimmt«, sagte Colgú sinnend. »Aber vielleicht sollte man auch eine andere Möglichkeit in Betracht ziehen. Du hast den Rang eines anruth, das ist immerhin der zweithöchste Rang in unserem Land. Warum nicht wieder ein Studium aufnehmen und den höchsten Grad erwerben, den eines ollamh? Das könnte einem erneuten Versuch, vor den Rat der Brehons zu treten, nur dienlich sein.«

Fidelma enthielt sich einer Antwort, doch ihr Gesichtsausdruck sagte alles – der Vorschlag ihres Bruders fiel auf keinen fruchtbaren Boden.

»Wie steht eigentlich Bruder Eadulf zu der Sache?«, wollte der Abt wissen. Er sah keinen Grund, so zu tun, als wüsste er nichts von den Spannungen, die es zwischen Fidelma und dem Vater ihres Sohnes, des kleinen Alchú, gegeben hatte. Als sie nämlich Anfang des Jahres ihren Entschluss verkündet hatte, hatte Bruder Eadulf Cashel verlassen, um in der nahe gelegenen Klostergemeinschaft des Heiligen Rúan Ruhe und Zurückgezogenheit zu suchen. Nur auf Bitten des Königs war er zurückgekehrt, um Fidelma bei der Aufklärung des Mordes an Bruder Donnchad in Lios Mór behilflich zu sein.

»Eadulf hat sich mit meiner Entscheidung abgefunden«, entgegnete Fidelma kühl. »Wenn du aber genauer wissen willst, was in ihm vorgeht, solltest du ihn lieber selber fragen.«

Abt Ségdae errötete leicht und unterdrückte ein Husten. Colgú schüttelte verärgert den Kopf.

»Abt Ségdae meint es nur gut mit unserer Familie und dem Königreich, Fidelma«, merkte er tadelnd an. »Genau das ist es auch, was ihn zu so früher Stunde zu uns geführt hat.«

Ihr entging natürlich nicht, dass ihr Bruder versuchte, der Unterhaltung eine andere Richtung zu geben. Fidelma hatte nichts dagegen, wollte sie doch erfahren, weshalb der Abt durch die dunkle Nacht geritten war, um ihren Bruder aufzusuchen.

»Gibt es etwas, was der Familie oder dem Königreich ungelegen kommt?«, fragte sie harmlos. »Ich dachte, es ginge um Absprachen für einen fröhlicheren Anlass, die Abt Ségdae hierher geführt haben.«

Ihrem Bruder schoss das Blut in die Wangen. Seit drei Tagen waren Drón, Lord von Gabrán im Stammesgebiet der Osraige, und seine Tochter Dúnliath auf Burg Cashel zu Gast, und Colgú hatte Fidelma eröffnet, dass er mit ihm die Einzelheiten des Ehevertrags und der Hochzeitsvorbereitungen zu besprechen gedachte. Fidelma hatte sich Mühe gegeben, ihre Abneigung gegenüber dem großspurigen Edlen zu unterdrücken, und hatte seiner Tochter keine sonderliche Beachtung geschenkt. Sie versuchte sich einzureden, nur ein Vorurteil gegen sie zu haben, und war gewillt hinzunehmen, dass es für ihren Bruder und folglich auch für das Königreich durchaus von Vorteil sein könnte, wenn der König glücklich war.

»Es gibt beunruhigende Nachrichten aus dem Land der Uí Fidgente«, erklärte Abt Ségdae. »Und deshalb bin ich hier.«

»Das ist nichts Neues«, erwiderte Fidelma leichthin. »Die Uí Fidgente waren unserer Familie nie wohlgesinnt. Immer haben sie versucht, den Frieden im Königreich zu stören.«

Seit langem erhoben die Stammesfürsten der Uí Fidgente im Nordwesten des Königreichs Muman den Anspruch, zu der Linie der rechtmäßigen Herrscher des Königreiches zu gehören, und begehrten gegen die Regentschaft der Eóghanacht auf, Nachfahren des Eóghan Mór. Sie gingen sogar so weit zu behaupten, sie würden von Cormac Cass, dem älteren Bruder von Eóghan, abstammen, und nannten sich deshalb Dál gCais, Abkömmlinge von Cass. Außerhalb ihrer eigenen Clan-Gebiete fanden sie kaum Unterstützung für ihre Ansprüche. Es war schon etliche Jahre her, dass Colgú sich gezwungen gesehen hatte, mit seinen ihm treu ergebenen Kriegern gegen Fürst Eoghanán der Uí Fidgente und seine Verbündeten ins Feld zu ziehen, um ihre Unbotmäßigkeit im Keim zu ersticken. Solange Fidelma denken konnte, hatten immer, wenn es im Königreich Verschwörungen oder Unruhen gegeben hatte, die Stammesfürsten der Uí Fidgente ihre Finger im Spiel gehabt.

»Ich hatte gedacht«, fuhr Fidelma fort, »dass seit dem Tage, da Donennach ihr Herrscher wurde und einen Vertrag mit Cashel abschloss, einigermaßen Ruhe herrscht.«

»Dieses Mal lässt sich nicht mit Gewissheit sagen, ob die Uí Fidgente hinter den Unruhen stecken«, stellte der Abt mit einem Seufzer fest.

»Um was für Unruhen handelt es sich denn?«, fragte Fidelma.

Der Abt vergewisserte sich mit einem Blick zum König, ob er sprechen durfte, und erklärte dann: »Wie wir erfahren haben, sind im Gebiet der Uí Fidgente etliche Dörfer und Gehöfte in Brand gesteckt und viele Menschen getötet worden. Die Nachrichten drangen erst gestern morgen bis nach Imleach. Und so habe ich mich auf den Weg gemacht, um deinen Bruder davon in Kenntnis zu setzen.«

»Hast du Genaueres erfahren?«, drängte Fidelma. »Brennende Dörfer und Gehöfte? Wer hat die Nachricht überbracht?«

»Zuerst haben wir von einem Händler davon gehört. Der hatte einige niedergebrannte Gehöfte gesehen und war dann in ein Dorf geraten, das in Schutt und Asche lag.«

»Wo war das?«

»Eine Siedlung am Ufer des An Mháigh.«

»Soviel ich mich erinnere, ist das ein ziemlich langer Fluss. Hat der Kaufmann die Stelle näher benannt?«

»Die verwüstete Ortschaft liegt an einer Furt, an der Eichenfurt, Áth Dara.«

»Die Gegend gehört zum Gebiet der Uí Fidgente«, bemerkte Colgú, »und wenn ich mich nicht täusche, ist just dort die Grenze ihrer Ländereien. Das Ostufer des Flusses ist Herrschaftsbereich unseres Vetters Finguine von den Eóghanacht Áine.«

»Hat der Handelsmann Erkundungen einziehen können, was genau sich dort abgespielt hat?«

»Leider hat er nur noch Leichen vorgefunden. Männer, Frauen und Kinder hat man niedergemetzelt, vielleicht haben ein paar fliehen können. Der Kaufmann hat es für klüger gehalten, nicht länger an dieser Stelle zu verweilen, und ist geradewegs zu unserer Abtei bei Imleach weitergezogen. Er war völlig erschüttert von dem, was er gesehen hatte.«

»Ich habe dich so verstanden, dass er nicht der Einzige war, der euch die schreckliche Nachricht überbrachte«, warf Fidelma ein. »Du hast gesagt, der Händler war nur der Erste, von dem ihr von dem Unheil erfahren habt.«

Der Abt nickte bedächtig. »So war es. Kaum war er bei uns, traf eine Schar unserer Brüder aus der Abtei des heiligen Nessan bei Muine Gairid ein. Sie berichteten Ähnliches. Auf ihrer Wanderung nach Süden hatten sie nicht nur eingeäscherte Gehöfte gesehen, sondern auch einige niedergebrannte Kirchen. Die Leichname der Erschlagenen lagen noch unbestattet da.«

»Selbst Kirchen waren niedergebrannt?«, fragte Fidelma erstaunt.

»Auch Mönche waren unter den Hingemordeten«, bestätigte Abt Ségdae.

»Muine Gairid liegt nordwärts von der Eichenfurt«, überlegte Colgú laut. »All diese Mordtaten und Brandschatzungen haben sich auf dem Gebiet der Uí Fidgente ereignet. Sind die frommen Brüder jemandem begegnet, der wusste, wer das getan haben könnte?«

»Nicht einem Einzigen«, erwiderte der Abt.

»Wenn das Gebiet der Uí Fidgente angegriffen wird, hätten wir von Fürst Donennach davon erfahren müssen«, fuhr Colgú fort. »Als er unter den Bedingungen des Friedensschlusses Anführer seines Stammes wurde, haben wir vereinbart, dass er mich benachrichtigt, sobald irgendein Unruheherd in seinem Land entsteht.«

»Weiteres hast du also nicht in Erfahrung bringen können?« Fidelma schaute vom Abt zu ihrem Bruder. Sie schwiegen. Fidelma wartete kurz und fragte dann Colgú: »Was gedenkst du zu unternehmen?«

»Ohne das mindeste zu wissen, kann ich kaum etwas tun. Zunächst muss ich herausbekommen, wer diese Schandtaten verübt hat. Außer dem, was wir vom Abt gehört haben, ist vom Fürst der Uí Fidgente oder den Clans, die dort siedeln, weder eine Nachricht noch ein Hilfeersuchen zu uns gelangt.«

»Möglicherweise ist Fürst Donennach nicht in der Lage gewesen, Beistand anzufordern«, gab Abt Ségdae zu bedenken.

»Vielleicht ist dem so«, erwiderte Colgú. Es klang nicht sonderlich überzeugt. »Ich kann lediglich einige meiner Krieger mit dem Auftrag zu Donennach entsenden, Erkundigungen einzuziehen.«

Fidelma schwieg einige Augenblicke und stellte dann fest: »Ich wüsste auch nicht, was wir gegenwärtig sonst noch tun könnten. Merkwürdig ist schon, dass wir nicht bereits vorher erfahren haben, was geschehen ist. Daher sollten wir auf der Hut sein und unsere Krieger nicht in eine Falle schicken.«

»Eine Falle?« Colgú hob überrascht die Augenbrauen. »Wie kommst du darauf?«

»Die jüngste Geschichte lehrt es uns. Die Uí Fidgente haben einen Hang, Verschwörungen anzuzetteln. Ich muss dich wohl nicht an den Mordanschlag erinnern, dem du zum Opfer fallen solltest. Lass uns also vorsichtig sein, Bruder.«

Colgú verstand nur zu gut, welche Gefahren lauerten. »Ich werde Finguine anweisen, der Sache nachzugehen. Er gehört zu den Eóghanacht Áine und kennt sich in der Gegend aus.«

Fidelma zog die Stirn kraus. »Ich habe vorhin gehört, dass Finguine mit einigen Kriegern schon vor dem Morgengrauen losgeritten ist. Er will die Cenél Lóegairi daran erinnern, dass ihre Tributzahlung an Cashel überfällig ist.«

Colgú war einen Moment verblüfft. »Das kann doch nicht …« Er beherrschte sich und zuckte nur die Achseln. »Finguine ist mitunter zu gewissenhaft. Mir hat er nicht gesagt, was er vorhatte. Also werde ich Dego befehlen, den Trupp anzuführen.«

»Warum nicht Caol?«, fragte Fidelma sofort. »Der hat mehr Erfahrung.«

Caol war der Hauptmann von Colgús Leibwache und der beste Militärstratege in Cashel.

»Dego ist erfahren genug«, entgegnete ihr Bruder mit Nachdruck.

»Vielleicht wäre es angebracht, dass ihn jemand begleitet, der von Rechts wegen befugt ist, unbequeme Fragen zu stellen«, überlegte Fidelma laut.

Ihr Bruder lachte spöttisch. »Du meinst wohl dich, vermute ich mal? Darauf kann die Antwort nur lauten: Nein. Ich weiß, dass du seit der Zusammenkunft des Rats der Brehons unzufrieden bist, weil du nichts Ordentliches zu tun hast. Doch ich schicke dich nicht in eine Situation, die ziemlich gefährlich werden könnte.«

»Und warum nicht? Bin ich nicht oft genug mit gefährlichen Situationen zurechtgekommen?«, fragte Fidelma empört.

»Bevor wir nicht wissen, wer diese Räuber und Mörder sind und was sie im Schilde führen, bin auch ich der Meinung, dass äußerste Vorsicht geboten ist«, mischte sich Abt Ségdae ein. »Wenn im Gebiet der Uí Fidgente selbst Mönche ermordet werden, wird dir weder dein Rang noch deine Stellung bei Gericht Schutz bieten.«

»Der Abt hat völlig recht, Fidelma«, bekräftigte ihr Bruder. »Jedenfalls werde ich nicht erlauben, dass du den Trupp begleitest. Dego wird eine céta befehligen. Er wird in Richtung Nordwest aufbrechen und sich Klarheit über die Vorkommnisse verschaffen. Das muss erst einmal genügen.«

Eine céta war eine Hundertschaft bewaffneter Krieger. Wenn das Königreich nicht unmittelbar in Kämpfe verwickelt war, unterhielt der König nur ein stehendes cath oder Heer, das aus dreitausend Mann bestand. Das Bataillon war in kleine Kompanien zu je hundert Mann eingeteilt, die weiterhin in Einheiten von fünfzig und schließlich in Trupps von neun Mann unterteilt waren. Falls in Kriegszeiten eine größeres Anzahl Bewaffneter benötigt wurde, rief der König zum sluaghadh oder Heerbann auf, dem alle freien Clansmitglieder, angeführt von ihrem Stammesoberen, Folge zu leisten hatten. Solche Heeresaufgebote blieben auf die Sommermonate beschränkt, der Jahreszeit, in der Kriegszüge stattfanden, falls es einmal zu Kriegshandlungen kam. Das ganze Jahr über lebte das stehende Heer in wohlgeordneten Lagern. Dort übten sich die Männer im Waffenhandwerk, wurden aber auch in Musik und Dichtkunst unterrichtet und hatten sonstigen Zeitvertreib, wie sie es aus ihren Dörfern gewohnt waren. Ihre Anführer gehörten üblicherweise zur Nasc Niadh, der Leibgarde der Eóghanacht-Könige. So standen dem König in Notfällen jederzeit ausreichend Krieger zur Verfügung, ohne dass er warten musste, bis sich die Clans zur Heerfahrt gesammelt hatten.

»Ich möchte ziemlich bald nach Imleach zurückkehren«, sagte der Abt. »Ich erwarte Bran Finn, der binnen kurzem in der Abtei eintreffen müsste. Ich möchte ihn keinesfalls verpassen.«

»Bran Finn? Wer ist das?«, erkundigte sich Fidelma.

»Das ist der neugewählte Stammesfürst der Déisi Muman. Er ist auf dem Rückweg von der Grafschaft im Westen. Hat er dir nicht erst jüngst seine Aufwartung gemacht, Colgú? Bist du ihm dabei nicht begegnet, Fidelma?«

»Meine Schwester hat gerade an dem Tag jemanden in der Siedlung auf dem Rafonberg aufgesucht«, erklärte Colgú. »Bran Finn hat sich hier nicht lange aufgehalten, wollte rasch nach Imleach weiter. Eigentlich war er nur so lange hier, wie es sich bei einem Antrittsbesuch geziemt. Er schien ziemlich in Eile, und es hat mich einigermaßen gewundert, dass er ohne Begleitung unterwegs war.«

»Ich habe ihn nicht kennengelernt«, bestätigte Fidelma. »Dass ein Stammesfürst der Déisi Muman Imleach und einen Bezirk im Westen aufsucht, ist reichlich ungewöhnlich, meint ihr nicht auch?«

»Du weißt doch, dass unsere Abtei die Unglücklichen im Tal der Geisteskranken versorgt. Eine entfernte Verwandte von ihm lebt dort. Er kam vor ein paar Tagen zu uns, wollte sich vergewissern, dass seine Verwandte dort mit allem Nötigen versorgt ist, und hat der Abtei Geschenke gebracht. Dann ist er zum Tal der Geisteskranken weitergezogen. Er hat versprochen, auf dem Rückweg ins Gebiet der Déisi bei der Abtei Rast zu machen«, erklärte der Klosterherr. »Mir liegt sehr daran, von ihm zu erfahren, wie er unsere Arbeit dort einschätzt. Sein Patronat wäre uns sehr willkommen. Es ist schwierig und kostspielig, Menschen zu pflegen, deren Verstand getrübt ist, und …«

Heftiges Pochen an der Tür unterbrach Abt Ségdae. Jemand schien dringend Zutritt zu verlangen, und ehe noch Colgú »Herein!« rufen konnte, wurde die Tür aufgerissen. Caol, der Hauptmann der Nasc Niadh, trat ein. Fidelma sah sofort, ihm lag eine wichtige Nachricht auf der Zunge, doch Colgú sprach zuerst.

»Warum bin ich nicht unterrichtet worden, dass Finguine Cashel verlassen hat?«

Caol blinzelte verschreckt, weil die Frage so unerwartet kam.

»Er erklärte, du dürftest nicht gestört werden, solange Abt Ségdae bei dir ist. In ein paar Tagen ist er zurück, hat er gesagt. Ich habe es nicht für dringend gehalten, dir das sofort zu melden.«

»Wie dem auch sei, ich habe einen Auftrag für Dego …«

»Ich glaube, Caol hat uns etwas sehr Wesentliches mitzuteilen«, bemerkte Fidelma leise.

Ihr Bruder zuckte unmerklich und wandte sich an Caol. »Du kommst wohl wegen etwas Dringlicherem?«

»Ein Bauer ist hier, er berichtet, er habe einen Leichnam auf seinem Land gefunden«, erwiderte Caol. »Er benötigt den Beistand eines Brehons.«

Fidelma horchte auf. »Weshalb kommt er deswegen zum König? Unten im Ort wohnen doch etliche Brehons.«

Caol schüttelte den Kopf. »Ich war der Meinung, erst muss Colgú das hier sehen.« Auf der ausgestreckten Hand hielt er eine aufwendig gearbeitete Brosche. »Das hat der Bauer an der Leiche gefunden. Er meint, es könnte helfen, herauszufinden, wer der Tote ist. Es ist ein junger Mann in vornehmer Kleidung.«

Colgú nahm das Schmuckstück, eine Einlegearbeit mit Halbedelsteinen, und drehte es mehrmals hin und her. Seiner Miene war abzulesen, dass er erkannte, was der Fund bedeutete. Er reichte Fidelma das Schmuckstück und fragte: »Was hältst du davon?«

Fidelma betrachtete das Muster der Einlegearbeit und hob die Brauen. »Es ist ein Medaillon mit dem Stammeszeichen der Uí Máil«, sagte sie sofort.

Grimmig bestätigte Colgú ihre Meinung. »Genau das ist es. Es ist das Abzeichen eines Mitglieds des Königshauses von Laigin.«

KAPITEL 3

Aufhorchend beugte sich Abt Ségdae vor. Fianamail mac Máele Tule vom Clan der Uí Máil war König des benachbarten Königreichs Laigin. Sie alle waren sich der Bedeutung des Rangabzeichens bewusst. Fidelma betrachtete das Schmuckstück von allen Seiten und entdeckte einen kleinen Verschluss. Sie öffnete ihn, fand auch eine winzige Vertiefung, aber sie war leer.

»Wo ist der Bauer, der den Leichnam gefunden hat?«, fragte sie Caol.

»Er steht draußen, Lady«, erwiderte der Krieger. »Sein Name ist Tóla. Sein Gehöft liegt in Cluain Mór, gleich nördlich vom Fluss Arglach.«

Das war gar nicht weit weg, nordwestlich von Cashel, und Fidelma kannte die Gegend gut.

»Führ ihn herein, damit er uns seine Geschichte vortragen kann«, wies Colgú an.

Caol ging und kehrte im Nu mit dem unsicher dreinblickenden Bauern zurück. Vor seinem König, dessen Schwester und dem obersten Prälaten des Königreichs zu stehen, verwirrte ihn sichtlich.

Colgú winkte ihn lächelnd heran und versuchte, ihm seine Befangenheit zu nehmen. »Tritt nur näher, Tóla. Komm, hab keine Furcht.«

Zögernd machte der Mann ein paar Schritte vorwärts und verbeugte sich mehrfach leicht nach allen Seiten, wie um allen seine Ehrerbietung zu bezeugen.

»Wir haben gehört, du hättest einen Leichnam gefunden«, versuchte Fidelma, ihn zum Sprechen zu bringen, nachdem er eine Weile mit gesenktem Blick dagestanden hatte.

»Das ist richtig, Lady.«

»Erzähl uns, wie es dazu gekommen ist.«

Tóla setzte mehrfach zum Sprechen an und musste sich immer wieder räuspern, aber dann fand er den Faden und berichtete, was ihm am Morgen widerfahren war. Alle hörten ihm aufmerksam zu, keiner unterbrach ihn.

»Woraus hast du geschlossen, dass der Tote ein Adliger war?«, fragte Colgú.

»Aus seiner Kleidung, den Waffen und Edelsteinen.«

»Du hast uns diese Brosche mitgebracht«, sagte Fidelma und zeigte auf das Schmuckstück, das sie noch in der Hand hielt. »Weißt du, was es bedeutet?«

»Nein. Ich dachte nur, es würde helfen, herauszufinden, wer das ist. Ich habe ähnliche Stücke gesehen, von denen konnte man auf die Zugehörigkeit zu Adelsfamilien und ihren Clans schließen. Aufgrund der Brosche, der Kleidung und der ganzen Erscheinung des Toten kam ich zu dem Schluss, dass er ein hochgestellter Mann gewesen sein muss.«

»Glaubst du, er war ein Fremder hier?«

»Ich kann nur sagen, dass er nicht zu einem der Clans unserer Gegend gehörte, denn auf den großen Jahrmärkten und anderen Märkten bekomme ich die meisten der Stammesfürsten hier zu Gesicht und hätte ihn folglich erkannt.«

Tóla war kein Dummkopf, so viel stand fest.

»Und du bist dir sicher, dass er beim Überqueren der Furt nicht unglücklich gestürzt ist?«, mischte sich jetzt der Abt ein, der seit dem Augenblick, da der Bauer den Raum betreten hatte, geschwiegen hatte.

Tóla brachte sogar so etwas wie ein Schmunzeln zustande, als er entschieden den Kopf schüttelte. »Ich war in der Schlacht von Cnoc Áine im Aufgebot meines Clans dabei und habe kämpfen gelernt, Herr. Ich weiß, was Wunden sind, und kann sehr wohl unterscheiden, ob sie durch einen Unfall oder vorsätzlich verursacht wurden. Aber es steht mir nicht an, mich dazu näher zu äußern, das ist Sache eines Arztes. Ich habe meinen Sohn angehalten, den Leichnam zu bewachen, bis jemand mit Sachverstand kommt und ihn untersucht.«

»Das hast du völlig richtig gemacht, Tóla«, sagte Colgú anerkennend. »Caol, nimm unseren Freund und sieh zu, dass er mit etwas Erfrischendem versorgt wird, während wir uns noch über den Vorfall verständigen. Das Wahrzeichen behalten wir hier. Aber auf jeden Fall begleitet dich jemand auf deinem Rückweg, der sich den Toten näher ansieht und alles Weitere veranlasst.«

Als sich die Tür hinter ihm schloss, lehnte sich Colgú mit einem Stoßseufzer zurück. Er ließ sich von Fidelma das Medaillon reichen und wendete es hin und her.

»Das ist nun schon die zweite unheilvolle Nachricht heute morgen. Wenn dieser Mensch tatsächlich ein Mitglied der königlichen Familie der Uí Máil war, stellt sich die Frage, was er hier wollte und weshalb man ihn getötet hat.«

Fidelma verzog das Gesicht. »Keine Spekulationen …«

»… ohne genaue Kenntnis der Dinge«, vollendete ihr Bruder ihren Lieblingsspruch stöhnend. »Trotzdem, ein Uí Máil, der im Schatten der Burg der Eóghanacht umgebracht wurde, bringt uns arge Probleme. Unsere Beziehungen zum Königreich Laigin sind ohnehin nie die besten gewesen. Wenn wir nicht klären können, wer der Ermordete ist, weshalb man ihn getötet hat und wer dahintersteckt, kann König Fianamail von Laigin Wiedergutmachung verlangen. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger ist er ein hart gesottener Mann, mit dem nicht gut Kirschen essen ist.«

»Zuallererst müssen wir die Leiche identifizieren«, betonte Fidelma. »Nur weil jemand das Wahrzeichen der Uí Máil trägt, ist er noch lange kein Uí Máil.«

»Das stimmt«, sagte ihr Bruder. »Was schlägst du also vor?«

»Was wir tun müssen, liegt doch auf der Hand«, erwiderte sie.

Jetzt war es an Colgú, das Gesicht zu verziehen. »Du meinst doch nicht etwa, dass du den Bauern zurückbegleiten und dem Vorfall am Fluss auf den Grund gehen willst?«

Trotzig schob Fidelma das Kinn vor. »Es sei denn, du hast jemanden, der geeigneter dafür ist. Vorhin hast du ins Feld geführt, dass es zu gefährlich für mich wäre, mit Dego in das Gebiet der Uí Fidgente zu reiten. Mich um diese Sache hier zu kümmern ist doch wohl weniger gefährlich, oder?«

»Was, wenn dieser Vorfall im Zusammenhang mit den Unruhen bei den Uí Fidgente steht?«, gab Abt Ségdae besorgt zu bedenken. »Was, wenn eine kriegerische Bande ihr Unwesen im Land treibt?«

»Das ist nicht auszuschließen«, gestand Fidelma ein. »Aber noch fehlen uns für solche Erwägungen jedwede Anhaltspunkte.« Sie wandte sich ihrem Bruder zu. »Gestattest du mir, die Untersuchung des Falls zu übernehmen? Ich bleibe ja im Blickfeld von Cashel, da kann mir nicht viel passieren.«

Colgú entging nicht das Funkeln in ihren Augen, und er fragte lediglich: »Wen gedenkst du mitzunehmen?«

»Eadulf natürlich«, lautete die prompte Antwort. »Aber ich dachte auch an Gormán, falls er auf seinem Wachposten hier entbehrlich ist. Es hat sich immer als gut erwiesen, einen Krieger der Leibgarde bei sich zu haben.«

»Eine gute Wahl«, pflichtete ihr Colgú bei. »Aber nimm noch jemanden mit; es könnte sein, du brauchst einen, der dein reitender Bote ist.«

»Ja, gut. Ich bin also mit allen Vollmachten ausgestattet, mich in meiner Eigenschaft als dálaigh in deinem Auftrag um den Fall zu kümmern?«

»Der Rat mag das Amt des Obersten Brehon an Áedo gegeben haben, aber du bist und bleibst meine persönliche Ratgeberin und Schwester«, erwiderte ihr Bruder ernst.

»Ich werde Gormán bitten, einen geeigneten Begleiter auszuwählen. Und ich schicke dir gleich Caol her, damit du ihm Anweisungen erteilen kannst wegen Dego, der sich und uns Klarheit über die Berichte verschaffen soll, die Abt Ségdae uns übermittelt hat.«

»Danke. Wie bereits gesagt, wird Dego den Abt mit einer Kompanie zurück nach Imleach begleiten und kann dann weiter in das Gebiet der Uí Fidgente ziehen.«

Fidelma erhob sich. »Ich mache mich ohne weitere Umschweife auf den Weg. Ich hatte ohnehin vor, heute früh auszureiten, und dank der Umstände ist mir nun auch die Richtung vorgegeben.«

Ihr Bruder wirkte plötzlich merkwürdig befangen und sah sie geradezu verlegen an.

»Solltest du Lady Dúnliath begegnen, möchte ich dich bitten, sie wegen der Misslichkeiten im Zusammenhang mit den Uí Fidgente nicht unnötig zu beunruhigen.«

»Gut«, erwiderte Fidelma nur kurz. Dann aber fügte sie in verbindlicherem Ton hinzu: »Ich glaube allerdings nicht, dass sie schon auf ist. Soviel ich weiß, gab es gestern Abend eine Festivität, die lange bis in die Nacht ging.«

Im Grunde ihres Herzens tat ihr der Bruder leid. Er war längst jenseits des heiratsfähigen Alters, und trotzdem hatte sich bislang keine geeignete Partnerin angeboten. Und dann geschah plötzlich das Unerwartete. Colgú war im östlichen Teil des Königreichs im Gebiet der Osraige auf Jagd gewesen und war dort, als er die Gastfreundschaft von Drón, dem Lord von Gabrán, genoss, dessen Tochter Dúnliath begegnet. Fidelma hätte nie geglaubt, dass ihr Bruder ausgerechnet an dieser Person Gefallen finden würde.

Nun ja, jung war sie. Sie hatte strohblondes Haar und dunkelblaue Augen, ein herzförmiges Gesicht, das durchaus einen Liebreiz hätte haben können, wäre da nicht diese Knubbelnase im Kontrast zu den dünnen, kaum wahrnehmbaren Lippen gewesen. Sie war von untersetzter Figur und nach Fidelmas Geschmack wahrhaftig keine Schönheit. Ihr ständiges zur Schau gestelltes Lächeln ging Fidelma auf die Nerven. Natürlich konnte sie für ihr Aussehen nichts. Aber mit ihrer geistigen Beweglichkeit war es auch nicht weit her. Ihre Interessen waren auf Vergnügungen beschränkt, auf die Lieder der Barden, auf Tanzen, auf die Erzählungen der Geschichtenerzähler. Nach anspruchsvollerem Zeitvertreib oder gar nach Beschäftigung mit Fragen der Regentschaft stand ihr nicht der Sinn. Selbst in Brettspielen wie brandubh oder fidchell brachte sie wenig zustande, wie Fidelma herausgefunden hatte, und Fidelma schämte sich, dass sie so und nicht anders über die zukünftige Gattin ihres Bruders dachte. Schließlich war entscheidend, was Colgú für das Mädchen empfand und nicht, was Fidelma von ihr hielt. Als sie selbst sich damals entschieden hatte, Eadulf zu heiraten, der nicht nur für ihren Clan und ihr Königreich ein Fremder war, sondern auch nichts mit ihrem eigenen Kulturkreis gemein hatte, war es Colgú gewesen, der fest an ihrer Seite gestanden hatte. Unter ihren Landsleuten, den Eóghanacht, hatten sich viele gegen den »Sachsen«, wie sie Eadulf nannten, ausgesprochen. Ihr Bruder aber hatte zu ihr gehalten. Also war es jetzt an ihr, zu ihm zu halten.

So gab sie sich alle Mühe, ihre wahre Meinung über Dúnliath vor Colgú zu verbergen, als sie sich von ihm und Abt Ségdae verabschiedete, doch erkannte sie an seinem Mienenspiel, dass er sie mit unguten Gefühlen entließ. Er war empfindsam genug, um zu ahnen, was in ihr vorging.

Schon kurz darauf sah sie Eadulf ungeduldig zu, wie er seine Sachen für die Satteltasche zusammenpackte. Zwar nahm er es inzwischen als selbstverständlich hin, dass Fidelma nicht mehr der Schwesternschaft angehörte, trug aber selbst immer noch die Mönchstracht. Er fühlte sich nach wie vor zum Klosterleben hingezogen.

»Hast du Muirgen die entsprechenden Anweisungen wegen Alchú gegeben?«, fragte er sie, und das nicht das erste Mal.

Alchú war ihr drei Jahre alter kleiner Sohn. Immer, wenn sie nicht auf Cashel sein konnten, nahm ihn Muirgen, die zuverlässige Amme, deren Mann Nessán von Gabhlach Schafhirte bei Colgú war, in ihre Obhut.

»Selbstverständlich«, versicherte sie und verkniff sich die Bemerkung, er möge aufhören, sich so übertrieben um Alchús Wohlergehen zu sorgen.

Als sie in ihren Räumen unter sich waren, hatte sie ihn gefragt, ob er sie nach Cluain Mór begleiten würde, und ihm die Zusammenhänge erklärt. Eadulf war geradezu erleichtert gewesen. In all den Wochen seit der Zusammenkunft des Rates der Brehons hatte sie düster und in sich gekehrt dreingeschaut, und nun endlich hatte sie wieder dieses Strahlen in den Augen. Mehr als jeder andere hatte er nachempfinden können, wie viel ihr daran gelegen war, der Oberste Brehon von Muman zu werden. Seit Beginn ihrer Partnerschaft, und die währte nun schon sechs Jahre und war nicht ohne diesen oder jenen Streit geblieben, hatte sie stets betont, dass Recht und Gesetz für sie erste Lebensaufgabe waren und dass sie seinerzeit nur auf Anraten ihres Vetters, Abt Laisran, einer frommen Schwesternschaft beigetreten war, weil sie dort ihren Lebensunterhalt gesichert sah. Vater und Mutter waren gestorben, als sie noch ein kleines Kind und ihr Bruder noch nicht einmal der gesetzliche Thronfolger im Königreich Muman war. Als Eadulf und Fidelma sich auf dem großen Konzil zu Streoneshalh das erste Mal begegneten, hatte Fidelma bereits die Abtei Kildare verlassen und beriet geistliche Würdenträger in rechtlichen Fragen. Viele Jahre schon lebte sie nicht mehr in einem klösterlichen Orden und fühlte sich nicht an dessen Regeln gebunden. Und genau genommen konnte sich auch Eadulf nicht als zu einer bestimmten Bruderschaft gehörig betrachten. Er hatte wie sie etliche Jahre als Abgesandter zwischen Königen und Prälaten gewirkt.

Wenngleich eine wachsende Zahl von Asketen für das Zölibat stritt, verbot der Glaube nicht die Heirat von Mönchen und Nonnen, aber unterschiedliche Lebensauffassungen hatten oft zwischen Eadulf und Fidelma zu Reibereien geführt. Für Fidelma standen Recht und Gesetz an oberster Stelle, da ließ sie nicht dran rütteln. Er hingegen war von dem Gedanken beseelt, dass das gemeinsame Wirken in einer Gemeinschaft von Mönchen und Nonnen ihre Probleme lösen würde. Für kurze Zeit hatte er sogar versucht, in solch einer Gemeinschaft zu leben, doch dann hatte König Colgú Fidelma und ihn nach Lios Mór geschickt, wo sie in der dortigen Abtei den Tod von Bruder Donnchad, einem berühmten Gelehrten, aufklären sollten. Das war just, als Fidelma ihren festen Entschluss verkündete, sich von ihrem Gelübde als Nonne endgültig zu lösen. Damit überließ sie es ihm, auch für sich eine Wahl zu treffen.

Nach reiflicher Überlegung hatte er sich entschieden. Welche Ansprüche hatte er an das Leben? Er wollte für die Frau, die er liebte, da sein und ihr zur Seite stehen. Er wollte ihren gemeinsamen Sohn behüten und großziehen. Er wollte seine Talente zum Wohle der ihn umgebenden Menschen einsetzen und zum Wohle all derer, die ihn, einen Fremden in einem fremden Land, aufgenommen und ihm Unterstützung hatten angedeihen lassen. Als Verstand und Gefühl ihm das Gleiche sagten, fiel der Entschluss nicht mehr schwer. Er unterstützte Fidelma, ohne sich ihr unterzuordnen. Er wusste um ihren starken Willen, war aber sensibel genug, um zu erkennen, dass der gewachsen war, um sich gegen die Verunsicherung zu wehren, die sie als Kind durch den frühen Verlust ihrer Eltern durchlitten hatte.

Fidelmas derzeitige Unausgeglichenheit war nach der jüngsten Zusammenkunft des Rates der Brehons, der Richter des Königreichs, entstanden. Deren Entscheidung, Brehon Áedo und nicht Fidelma zum Obersten Richter zu wählen, war ein Schlag für sie gewesen, auch wenn sie versuchte, ihre Betroffenheit nicht zu zeigen. Selbst Eadulf gegenüber äußerte sie sich nicht näher dazu. Als er es einmal wagte, die Sprache auf dieses Thema zu bringen, sagte sie nur, der Rat hätte die logische und vernünftige Wahl getroffen. Áedo wäre älter und erfahrener, weiser als sie. Sie sagte es gezwungenermaßen; in ihrem Gesichtsausdruck, namentlich in den Augen, ließ sich unschwer ihre Enttäuschung ablesen. Die Entscheidung hatte einen Schatten auf ihr Zusammenleben geworfen, und Eadulf spürte, dass sie seiner Unerschütterlichkeit, seiner unaufdringlichen Unterstützung und seines Optimismus mehr als sonst bedurfte. Sie brauchte seine Verlässlichkeit und Zuneigung, und beides konnte er ihr geben.

Er empfand eine unsägliche Erleichterung, als er sie fröhlich erregt das Zimmer betreten sah. Es war seit Wochen das erste Mal, dass er sie so gelöst erlebte. Sie brauchte einfach eine sie fordernde Aufgabe, eine Aufgabe, die ihrem Talent und ihren Fähigkeiten entsprach und die ihr keine Zeit ließ, sich nutzlos vorzukommen.

»Du sagst, diese kleine Furt, an der der Bauer den Leichnam gefunden hat, liegt in Cluain Mór?«, vergewisserte er sich noch einmal, während er einen letzten prüfenden Blick auf den Inhalt seiner Satteltasche warf.

»Es ist nicht weit von hier«, bestätigte sie und nannte die genaue Entfernung – es waren in der Tat nur ein paar Meilen. Fidelma hatte ihren Beutel längst gepackt und wartete ungeduldig, dass auch er endlich fertig wurde.

»Wenigstens ist es kein langer Ritt«, meinte er leichthin. Er war kein großartiger Reiter und tat sich mit längeren Reisen schwer, obwohl er inzwischen wahrscheinlich weitaus mehr in der Welt herumgekommen war als die meisten seiner Zeitgenossen es jemals vermochten. Selbst in Rom war er zweimal gewesen und hatte sogar einmal das Konzil von Autun in Burgundia besucht. Zu seinen Sachen, die er jetzt zusammenpackte, gehörte auch eine Arzttasche, eine sogenannte lés, in der er allerlei Arztinstrumente und Arzneimittel hatte. Ursprünglich war Eadulf vor vielen Jahren ins Land der fünf Königreiche von Éireann gekommen, um in Tuaim Brecain im Land Udlaidh, dem im Norden gelegenen Königreich, an der dortigen führenden Schule für Medizin zu studieren. Dort hatte er medizinische Kenntnisse erworben und konnte so Fidelma bei vielen ihrer Untersuchungen nützliche Hinweise geben. Als er das Studium aufnahm, war er schon zum Neuen Glauben übergetreten. Er stammte aus Seaxmund’s Ham im Land des Südvolks, das zum Königreich der Ostangeln gehörte. Dort war er aufgewachsen und später als erblicher Nachfolger Friedensrichter, ein gerefa, gewesen. Ein irischer Missionar namens Fursa hatte ihn bekehrt, und folglich hatte er von der Verehrung Wodans und der anderen Götter und Göttinnen seiner Landsleute abgelassen.

Fidelma riss ihn aus seinen Vergangenheitsbetrachtungen. »Ich gehe noch einmal zu Muirgen, um letzte Dinge mit ihr abzusprechen«, erklärte sie. Ihr fiel es immer schwer, nur herumzusitzen und auf ihn zu warten. Wenn nötig, konnte sie sich allerdings in Meditation versenken, nur war das jetzt nicht der rechte Zeitpunkt. Also ging sie, die Amme aufzusuchen, und überließ es Eadulf, sich um die letzten Handgriffe zu kümmern.

Beim Überqueren des Innenhofes traten ihr unversehens zwei Gestalten in den Weg.

»Du bist offensichtlich in Eile, Lady.« Die Person, die sie ansprach, war Drón von Gabrán, ein Mann von kleinerer Statur; er hatte eine merkwürdig näselnde Stimme. Er war hellhäutig und hatte graues Stoppelhaar. Irgendwie wirkte er ausgezehrt, auch die Augenfarbe war nicht recht auszumachen, und die Augen selbst saßen so tief unter dicken Brauen, dass man auf den ersten Blick nur den Eindruck von schwarzen Löchern hatte. Die roten Lippen waren schmal und wie zu einem höhnischen Grinsen verzerrt. Nicht zum ersten Mal fand Fidelma, dass er und seine Tochter wenig Ähnlichkeit miteinander hatten. Und doch verwiesen ihre Gesichtszüge und die dünnen Lippen auf eine schwer zu definierende Gemeinsamkeit zwischen den beiden. Sie hatte gehört, Drón hätte zweimal geheiratet, auch waren Geschichten im Umlauf, er würde sich in seinem Hause mehrere Frauen halten. Seine Tochter Dúnliath, hieß es hinter vorgehaltener Hand, sei möglicherweise von einer dormun, einer Konkubine, und nicht von seiner Frau. Fidelma war es unverständlich, dass Frauen an so einem widerwärtigen Kerl Gefallen finden konnten.

Die zweite Person war ihr Vetter Ailill. Er stand ehrerbietig hinter Drón, wie es sich für einen Pflegesohn gehörte. Sein Großvater Fingen war der Bruder von Fidelmas Vater gewesen. Sie hatte Ailill als Kind erlebt, dann aber erst wiedergesehen, als er zu Dróns Gefolge gehörte. Man hatte ihn zur Erziehung und Ausbildung auf die Festung in Gabrán zu Drón gegeben, um die Bindungen des Königtums zu stärken, ein Brauch, der in Fidelmas Kultur von alters her in allen Schichten der Gesellschaft üblich war. Kinder wurden von zu Hause fortgeschickt, um woanders aufgezogen zu werden, und diejenigen, die diese Aufgabe übernahmen, wurden die Pflegeeltern des Kindes. Ailill war jetzt zwanzig und zu einem hübschen jungen Mann herangewachsen – groß, blaue Augen und dunkelrotes Haar, das von seiner Abstammung von den Eóghanacht zeugte. Er erwiderte ihren Gruß mit einem scheuen Lächeln.

»Du bist offensichtlich in Eile, Lady«, wiederholte Drón, und Fidelma merkte erst jetzt, dass sie so mit sich beschäftigt gewesen war, dass sie ihm gar nicht geantwortet hatte.

»Du musst schon entschuldigen, Drón, aber ich bin in der Tat mit den Gedanken woanders. Ich habe einen Auftrag von meinem Bruder, und da gilt es, keine Zeit zu verlieren.«

»Schade, ich hatte gedacht, du könntest vielleicht Ailill und mich heute auf der Jagd begleiten. Ich wollte gern eine kleine Gesellschaft zusammenbringen, um Rotwild zu jagen und Ailill für seinen vergeudeten Tag gestern zu entschädigen.«

»Vergeudeter Tag?«, fragte sie und war nicht recht bei der Sache.

Ailill zuckte betroffen mit den Achseln. »Ich bin gestern auf eigene Faust auf Jagd gegangen, habe den ganzen Nachmittag und Abend einen prächtigen Hirsch verfolgt und musste schließlich mit leeren Händen nach Cashel zurückkehren.«

Drón grinste über das Missgeschick seines Pflegesohns. »Er kam erst wieder, als das Fest gestern Abend schon zu Ende ging, da musste er sich mit kaltem Fleisch und Käse begnügen. Er hat uns ein bisschen leid getan, und deshalb wollten wir ihm heute etwas Gutes tun und gemeinsam auf Jagd gehen. Kannst du nicht doch mit von der Partie sein?«

Fidelma schüttelte den Kopf. »Nein, das geht wirklich nicht.«

»Zu schade aber auch. Ich hatte gehofft, Mitglieder der Familie, zu der nun auch bald meine Tochter gehören wird, näher kennenzulernen.« Fidelma spürte Verärgerung in sich aufsteigen, doch schon redete Drón weiter. »Andererseits ist ja Ailill, dein Vetter, als Pflegesohn beinahe wie ein Sohn für mich, so dass mir und meiner Tochter die Rechte und Privilegien deiner Familie nicht gänzlich fremd sind. Immerhin war Ailills leiblicher Vater ja auch mal König von Cashel.«

Hinter Dróns Rücken gab ihr Ailill mit Mimik und Blicken zu verstehen, wie unpassend er eine solche Bemerkung fand.

Fidelma musste nicht daran erinnert werden, dass Ailills Vater, Mánach, ihrem Vater auf den Thron gefolgt war und nach dessen Tod zwanzig Jahre lang Herrscher des Königreichs gewesen war. Mánach war vor acht Jahren gestorben, und ein anderer Vetter war Thronfolger geworden. Als den die Pest dahinraffte, wurde Colgú, ihr Bruder, König. Die Thronnachfolge verlief keineswegs immer gradlinig, oft war sie etwas verwirrend, denn es kam nicht allein auf die Blutsverwandtschaft an, sondern vielmehr auf die Wahl im derbhfine, einem Rat, der aus Vertretern von drei Generationen des Clans bestand. Dieser Rat wählte das Oberhaupt, wobei die Eignung und Fähigkeiten der Person, in einem solchen Amt bestehen zu können, ausschlaggebend waren.

»Wir werden noch genügend Gelegenheit haben, uns näher kennenzulernen«, erwiderte Fidelma.

»Das will ich gern hoffen. Wenn meine Tochter erst einmal richtig auf der grandiosen Burg hier eingeführt ist, werde ich häufig Gast auf Cashel sein.«

Fidelma kämpfte gegen den aufwallenden Ärger an und suchte krampfhaft nach einer sachlich und harmlos klingenden Antwort.

Dankenswerterweise tauchte just in dem Moment Eadulf auf. Er entbot Drón und Ailill kurz seinen Gruß und sagte zu Fidelma: »Muirgen ist mit Alchú bereits im Hof, und Gormán hat unsere Sachen geholt.«

»Ihr verlasst beide die Burg?«, fragte Drón und verzog den Mund zu einem schwachen Lächeln. »Das scheint ja ein wichtiger Auftrag zu sein, den du von deinem Bruder bekommen hast.«

»Es geht um eine Rechtsfrage«, entgegnete Fidelma kurz und bündig. »Du musst uns bitte entschuldigen.«

Ohne eine Reaktion abzuwarten, drehte sie sich um und lief, gefolgt von Eadulf, die Steinstufen hinunter, die auf den Haupthof führten. Als sie außer Hörweite waren, meinte Eadulf: »Ich mag Drón genauso wenig wie du. Wie kommt es, dass man bei manchen Menschen instinktiv spürt, dass man ihnen nicht trauen kann, und sich nicht mit ihnen anfreunden möchte?«

»Mir tut nur mein junger Vetter leid«, sagte sie mit einem kleinen Seufzer. »Ailill muss Drón hinterhertraben, als wäre er sein Diener.«

»Er ist doch längst mündig und ist nun wohl Dróns Leibwächter geworden«, sagte Eadulf. »Dabei macht er einen ganz vernünftigen und heiteren Eindruck. Wenn er glaubt, man behandelte ihn schlecht, müsste er doch nicht in Dróns Diensten bleiben. Er hat die Wahl, er könnte einfach gehen.«

Muirgen, die Amme, wartete mit Klein-Alchú an der Hand, um ihnen Lebewohl zu sagen. Auch wenn die bevorstehende Reise nur kurz war, bestand Fidelma doch darauf, Muirgen auf alle Fälle auf eine längere Abwesenheit vorzubereiten. Man konnte nie wissen. Alchú stand mit einem störrischen und gequälten Gesicht da, denn er wusste, was das Abschiedsritual bedeutete. Der Kleine nahm sich zusammen, niemand sollte merken, dass er am liebsten losgeheult hätte, und Eadulf fühlte sich schuldig, als er sah, wie krampfhaft sich sein Sohn an die Hand der Amme klammerte.

Mitten in den Abschied hinein kam Dúnliath auf sie zu, wie immer mit gekünsteltem Lächeln.

»Reitest du schon so früh aus, Lady?«, fragte sie und schaute verwundert in die Runde. »Oder willst du auf die Jagd? Mein Vater hatte etwas von Jagd gesagt.«

»Nein, nicht auf Jagd. Ich habe Verpflichtungen als dálaigh zu erfüllen«, gab ihr Fidelma Auskunft und hoffte, Dúnliath würde sie nicht länger festhalten.

»Ach ja, natürlich. Ich vergesse immer, dass du so klug bist«, meinte Dúnliath ohne Arglist. »Das kann ich von mir nun gar nicht behaupten. An einem Tag wie diesem sitze ich am liebsten im Garten und lausche wundersamen Geschichten von Zauberei und Liebe. Einer eurer Barden hat mir von Étain und ihrer Liebeswerbung erzählt, eine wunderschöne Geschichte von ewiger Liebe. Meine Mutter hieß Eithne, und ihr Kosename war Étain. Kennst du die Geschichte?«

»Ich habe sie gehört, ja.«

»Étain, die Frau von Midir, wurde in eine Fliege verwandelt und …«

»Ich kenne die Geschichte«, wiederholte Fidelma nicht gerade freundlich. »Schön, dass du jemand gefunden hast, der sie dir erzählt. Ich muss jetzt aber fort.«

Das gekünstelte Lächeln wurde breiter. »Ja doch, ja. Tut mir leid, dass ich dich aufhalte. Aber es ist so wundervoll hier in Cashel, dass ich …«

Fidelma befürchtete, das Mädchen würde weiterschwatzen, und ließ sie einfach stehen, auch wenn ihr dabei nicht ganz wohl zumute war. Am anderen Ende des gepflasterten Hofes standen Gormán und ein Krieger namens Enda mit vier bereits gesattelten Pferden. Auch Tóla, der Bauer, war bei ihnen. Er saß auf seinem friedfertigen Esel. Neben den Pferden gaben Reiter und Tier ein etwas unpassendes Bild ab, besonders neben Fidelmas Lieblingspferd Aonbharr, einer alten Rasse aus Urväter Zeiten – kurzer Nacken, aufrechte Schulter, markanter Körperbau, schmale Flanken und eine lange Mähne. Es schien Fidelma zu erkennen; sowie sie den Hof betrat, wieherte es leise und stampfte mit einem Vorderhuf auf die Steinplatten, dass die Funken stoben. Fidelma nannte es nach dem sagenumwobenen Pferd des heidnischen Meeresgottes Manannán Mac Lir »den Unübertrefflichen«, denn dessen Pferd konnte über Land und Wasser galoppieren und weder von einem Menschen noch einem Unsterblichen getötet werden. Das für Eadulf bestimmte Ross hielt Enda am Zügel; es war ein rötlichgraues, kleineres, gedrungenes Pferd, das er in letzter Zeit immer geritten hatte.

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