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Die Pferdeflüsterin antwortet

Über die Autorin

Andrea Kutsch wurde 1967 in Frankfurt am Main geboren. Sie war Dressur- und Springreiterin, Polo-Spielerin und Profi-Windsurferin von Weltrang. Heute ist Andrea Kutsch die einzige von Monty Roberts legitimierte Ausbilderin und Problempferdetrainerin in Deutschland in seinem Namen. Im September 2006 nahm die von ihr gegründete »Andrea Kutsch Akademie« ihren Lehrbetrieb auf und bietet einen dreijährigen Studiengang der Pferdekommunikationswissenschaft an. Andrea Kutsch lebt und arbeitet in der Nähe von Berlin.

ANDREA KUTSCH

DIE
PFERDEFLÜSTERIN
ANTWORTET

Was Sie schon immer
über Pferde und Menschen
wissen wollten

Im weiten Meere musst du an beginnen!

Da fängt man erst im Kleinen an

Und freut sich, Kleinste zu verschlingen,

Man wächst so nach und nach heran

Und bildet sich zu höherem Vollbringen.

Johann Wolfgang von Goethe

INHALT

  1. Vorwort
  2. Über das Pferdeflüstern
    1. Wer hat eigentlich den Begriff »Pferdeflüstern« aufgebracht? Sind Sie damit einverstanden? · Welche körperlichen und geistigen Voraussetzungen sollte man für den Beruf des Pferdeflüsterers mitbringen? · Reagieren Pferde auf »Pferdefl üsterinnen« anders als auf »Pferdeflüsterer«? · Stoßen Sie beim Pferdefl üstern auch mal auf »taube« Pferdeohren? · Können Bücher wie Der Pferdeflüsterer von Nicholas Evans und der gleichnamige Film mit Robert Redford oder andere Bücher und Filme Ihrer Ansicht nach dazu beitragen, die Welt pferdefreundlicher zu machen?
  3. Über Pferde und Menschen
    1. Was ist das Geheimnis erfolgreicher Kommunikation zwischen Mensch und Pferd? · Sie sprechen von einer »Sprache der Pferde«. Verfügen Pferde tatsächlich über eine eigene Sprache? · Was ist JOIN-UP? · Lernen Pferde wie Menschen? · Findet die Sprache der Pferde Berücksichtigung in der heutigen Literatur und in den Lehrinhalten der traditionellen deutschen Reitlehre? · Gibt es von Natur aus schwierige Pferde? · Gibt es wichtige Unterschiede im Verhalten von Stuten, Hengsten und Wallachen? · Stellen Sie bei Ihrer Arbeit mit Pferden rassetypische Charakterunterschiede fest? Gibt es besonders menschenbezogene Pferderassen? · Arbeiten Männer anders mit Pferden als Frauen? · Was sind die Gründe dafür?
  4. Über den Umgang mit Pferden
    1. Was ist für Sie die Voraussetzung, dass Menschen mit Pferden richtig kommunizieren? · Was bedeutet es, in der Beziehung zu einem Pferd die Anführerrolle zu übernehmen? · Warum ist es wichtig, einem Pferd gegenüber konsequent zu sein? · Wie setzen Sie Ihr Prinzip, stets konsequent zu sein, in der Praxis um – wenn Sie zum Beispiel einem jungen Pferd beibringen, sich führen zu lassen? · Darf man gegenüber Pferden Kompromisse eingehen? · Wie unterscheidet sich Ihre Arbeit mit Pferden von anderen »sanften« Methoden, wie sie andere Trainer praktizieren und auch als artgerechten Umgang mit Pferden bezeichnen? · Warum klappt vieles bei Ihren Vorführungen in der Öffentlichkeit, doch danach fällt das Pferd bei seinem Besitzer in das alte Muster zurück? · Sie lassen Reiter auf rohe und wilde Pferde oft schon nach einer halben Stunde aufsteigen. Ist dieser Zeitpunkt nicht zu früh? · Warum haben so viele Pferde in der Gegenwart von Menschen, auf dem Turnierplatz und im täglichen Umgang Angst und sind nervös? · Warum scheuen Pferde, und was ist Scheuen eigentlich? · Wie bestrafen oder belohnen Sie Pferde? · Gibt es Tageszeiten, die sich für die Arbeit mit Pferden besser eignen als andere? · Wie viel Schlaf braucht ein Pferd? · Was muss man beachten, wenn man einen Trainingsplan für ein Sportpferd erstellt? · Finden Sie das regelmäßige Longieren als Trainingsmaßnahme sinnvoll? · Was halten Sie von Führmaschinen und Laufbändern, auf denen im Bereich des Sports Pferde trainiert werden? Kann man sie auch in anderen Bereichen einsetzen? Halten Sie das für sinnvoll und artgerecht? · Sind manche Zweige des Pferdesports artgerechter und pferdefreundlicher als andere? · Was kritisieren Sie an den Sportreitern am meisten? · Wie bemisst man überhaupt sportliche Leistung beim Pferd? · Was halten Sie von einer Helmpfl icht im Umgang mit Pferden? · Welcher Fehler wird im Umgang mit Pferden am häufi gsten gemacht? · Was halten Sie von der traditionellen Arbeit mit Pferden? · Was halten Sie von Menschen, die gegenüber Pferden Gewalt anwenden? · Hat die Rangfolge eines Pferdes im Herdenverband Einfl uss darauf, wie sich das Pferd gegenüber Menschen gibt? Pferde schlagen sich doch gegenseitig – kann da der Mensch nicht auch »mal draufhauen«? · Wo beginnt für Sie Gewalt? · Viele Reiter sagen, dass die Peitsche und Sporen nur ein Signal seien und man damit dem Pferd kein Leid zufüge. Was halten Sie von dieser Aussage? · Kann durch Ihre Art des Umgangs mit Pferden Gewalt eingedämmt werden? · Was kann der Mensch von Pferden lernen?
  5. Die Andrea Kutsch Akademie
    1. Wie haben Sie es geschafft, Ihren Traum von der Akademie zu verwirklichen, und wie weit sind Sie bis heute gekommen? · Warum eine eigene Fachhochschule? · Es heißt häufi g, dass Sie mit Ihrer Idee nur Kommerz betreiben würden, geschickt eine Marke aufgebaut hätten und es Ihnen eigentlich gar nicht um die Sache ginge. · Welche Voraussetzungen muss man erfüllen, um an der Akademie angenommen zu werden? · Wie sind die ersten Monate in der Akademie verlaufen? · Warum arbeiten Sie wissenschaftlich? Der Umgang mit Pferden ist doch eigentlich praxisgebunden? · Was ist das Besondere am wissenschaftlich fundierten Umgang mit Pferden? Was machen Wissenschaftler anders als Reiter, die praktisch mit Pferden umgehen? · Wie setzt man wissenschaftliche Erkenntnisse in Ihrer Akademie konkret um? Wie bringen Sie das den Studierenden bei? · Wie lässt sich Ihre Arbeit mit der Auffassung von Paul Schockemöhle vereinbaren, der ja für einen gänzlich anderen Umgang mit Pferden bekannt ist?
  6. Persönliches
    1. Wer ist Ihr Lehrer Monty Roberts? · Wie unterscheidet sich Ihre Arbeit von der Ihres Lehrers? · Gibt es noch andere Pferdetrainer in Deutschland, die von Monty Roberts ausgebildet wurden und berechtigt sind, in seinem Namen zu arbeiten? · Was hat Ihnen die wissenschaftliche Arbeit persönlich gebracht? · Sind Sie zufrieden mit dem, was Sie bisher geleistet haben? · Was sind Ihre Ziele nach dem Aufbau der Akademie? · Was ist das Wichtigste, das Sie persönlich von Pferden gelernt haben?

VORWORT

Wir schreiben das Jahr 2007. Noch immer ist die Peitsche der meistverkaufte Gegenstand der Pferdewirtschaft. Noch immer sehe ich, selbst auf großen und erfolgreichen Gestüten, Machenschaften im Umgang mit Pferden, die mich tief betroffen machen. Ich spüre das Leid der Pferde so sehr, dass auch ich verletzt bin.

Jahrhundertelang haben viele Menschen die Pferde falsch behandelt, sie unterdrückt, gequält und ihnen ihre Freiheit und ihren Lebensraum genommen. Dies kann man nicht ungeschehen machen. Doch es gibt einen Weg, den Pferden das zurückzugeben, was der Mensch ihnen genommen hat: ihren Frieden. Dies ist der Sinn meiner Arbeit mit Pferden und Menschen.

Dabei strebe ich immer wieder die Kooperation auch mit jenen traditionellen und bäuerlichen Pferdefachleuten und selbst ernannten Experten an, die nach wie vor darauf bestehen, man habe bestimmte Vorgehensweisen seit Jahrhunderten erfolgreich so praktiziert, dass es keinerlei Grund gäbe, sie zu ändern. Ihnen ist nicht bewusst, was Menschen den Pferden angetan haben. Ich bitte sie im Sinne der wissenschaftlichen Weiterentwicklung, ihre Haltung zu überdenken.

Inzwischen gibt es viele Menschen, die sich wünschen, Handlungen und Aktionen des Pferdes zu verstehen, und die ihren Wissensdurst stillen wollen. Im Zweiten Weltkrieg verlor die deutsche Armee zwei Millionen Pferde. Die russische Armee verlor vier Millionen. Noch immer basieren Teile der traditionellen Pferdelehre auf der Dienstheeresvorschrift Nummer zwölf, und Teile der Ausbildung der deutschen Pferdepraktiker orientieren sich an den damaligen Vorgehensweisen und Umgangsformen.

Mir liegt sehr viel daran, ein Bewusstsein dafür zu wecken, was Menschen den Tieren, insbesondere den Pferden, meist aus Unwissenheit angetan haben und antun, ihre Aufmerksamkeit dafür zu wecken, sie um Verständnis zu bitten. Es ist eine wunderschöne Vorstellung, zu der Erkenntnis beitragen zu können, dass es höchste Zeit ist, sich von althergebrachten Praktiken zu verabschieden: Peitschen, Sporen, Steiggebisse, Ausbinder, Hengstketten, Schlaufzügel, Kappzäume, Nasenbremsen sollten durch kompetente Kommunikation ersetzt werden und früher oder später der Vergangenheit angehören. Manche Werkzeuge, die in der bäuerlichen und militärischen Zeit ihre Berechtigung gehabt haben mögen, können nun langsam aus dem Unterricht an Berufs- und Reitschulen verabschiedet werden, da wir über neue Erkenntnisse verfügen. Mit Gründung der Andrea Kutsch Akademie (AKA) beginnt die Epoche der Wissenschaftlichkeit, und wissenschaftliches Denken zu verbreiten ist eine meiner wichtigsten Aufgaben.

Nun sagen viele Fachleute, man solle die alten Mittel der Pferdewirtschaft nicht verurteilen, sondern es komme nur darauf an, wie man mit ihnen umgeht. Meine Erfahrungen der letzten Jahre lassen mich allerdings mehr und mehr Abstand davon nehmen. Es kann durchaus sein, dass diejenigen, die solche Mittel jahrelang selbst verwendet haben, diese Betrachtungsweise annehmen müssen, um das eigene Gesicht zu wahren. Schmerzverursachung als Bestrafungsalternative hat jedoch auf Dauer nie zu Erfolgen geführt – weder in der Pädagogik noch in der Pferdewirtschaft.

Im Umgang mit Pferden erlebe ich bis heute Praktiken, von denen man denken würde, die Pferdewirtschaft hätte sich von ihnen endgültig verabschiedet. Aber sie sind immer noch da, manche davon verpackt in die Worte des natürlichen oder intelligenten Horsemanship. Oftmals sind die Mittel der Vergangenheit bei näherem Hinsehen nur verpackt in ein neues Gewand.

Erlauben Sie mir an dieser Stelle die Darstellung einer Haltung, die man einnehmen könnte, wenn man nur die eine Seite der Medaille betrachtet – wissend, dass sich in den letzten Jahren einiges getan hat, dass es viele Menschen gibt, die sich bemühen, alles richtig zu machen, und dass viele in der Praxis artgerecht und gewaltfrei agieren und dabei auch noch erfolgreich im Sport platziert sind.

Ich meine hier jene, bei denen es noch nicht so ist und gewaltfreier, artgerechter Umgang mit Tieren noch keinen Einzug gehalten hat. Da fliegen noch immer Stangen und Latten zwischen Pferdebeine, damit sie höher springen. Pferde bekommen die Bahnpeitschen zwischen die Beine, während die Sporen sie blutig stechen. Das scharfe Gebiss im Maul hält sie, um Dressurkunststücke zu erlernen.

Pferde, die keine Hufe geben, werden mit Gummischläuchen gefesselt. Pferde, die unreitbar sind, werden für den Freizeitsport verkauft. Dort ergeht es ihnen kaum besser. Menschen haben Pferde, die weder auf Hänger gehen noch Füße geben oder kopfscheu sind, buckeln, steigen, so zugerichtet und dann verkauft. Die Verkäufer, die für den Zustand dieser Pferde verantwortlich sind, schieben den Freizeitleuten die Schuld in die Schuhe und werfen ihnen vor, mit Pferden nicht umgehen zu können.

Aufgrund eigenen Erlebens nehme ich dazu eine ganz klare Haltung ein: Es kommt kein schlechtes Pferd auf die Welt. Kein Pferd wird geboren und sagt: »In einen Hänger gehe ich nicht.« Pferde versuchen, es richtig zu machen. Sie verfolgen nur zwei Ziele: Überleben und Fortpflanzen. Sie sind anders als Menschen. Sie sind Fluchttiere. Sie kämpfen nicht, sondern wollen nur überleben. Als Herdentiere verfügen sie über eine unglaubliche soziale Intelligenz, der Schutz des Herdenverbandes ist das oberste Gebot. Sie töten nicht, sie fordern nicht heraus. Sie leben im Einklang mit Natur, Raum und Zeit. Wenn Sie diese braunen, warmen, weichen Pferdeaugen aus meinem Blickwinkel sehen können, dann verstehen Sie, dass auch andere ihre Not und Hilflosigkeit erkennen.

Ich schreibe dieses Buch, um Augen zu öffnen, nicht, um anzuklagen. Ich möchte Missstände aufdecken – in der Hoffnung, eines Tages einen Zustand des Friedens, des gegenseitigen Verständnisses und der richtigen Kommunikation zwischen Mensch und Pferd herzustellen und den quälenden Umgang mit Pferden zu beenden. Wenn wir wissenschaftliche Forschung betreiben, wenn wir die unterschiedlichen Glaubensrichtungen im Umgang mit Pferden bestätigen beziehungsweise verneinen können, wenn wir wissen und nicht mehr nur glauben und uns gegenseitig zu überzeugen versuchen, erst dann kann ich selbst auch zur Ruhe kommen.

Dieses Buch soll Fragen beantworten, die mir am häufigsten gestellt werden. Es sind Fragen über die Unterschiede zwischen Menschen und Pferden, über die gängigsten Fehler der Pferdewirtschaft, über die Möglichkeit, andere Wege zu gehen, über mich und meine Arbeit. Es sind Fragen, die bewegen und erklären.

Ich werde nicht aufhören, Aufklärung zu betreiben, meine Philosophie von einer Welt in Frieden und Harmonie zu verbreiten. Ich werde bis ans Ende meiner Tage den starrköpfigen und uneinsichtigen Pferdeleuten mit konstruktiver Höflichkeit auf die Nerven gehen und mit Geduld und Weitsicht dafür Sorge tragen, dass eine Besserung eintritt. Dieses Büchlein ist ein weiterer kleiner Meilenstein auf diesem Weg und soll meinen Lesern dabei helfen, die Zusammenhänge besser zu verstehen.

Andrea Kutsch

ÜBER DAS PFERDEFLÜSTERN

Wer hat eigentlich den Begriff »Pferdeflüstern« aufgebracht? Sind Sie damit einverstanden?

Die Medien haben mich zur Pferdeflüsterin gemacht. Zunächst habe ich mich gegen den Begriff gewehrt, ihn aber mit der Zeit doch akzeptiert – und mittlerweile identifiziere ich mich zeitweise sogar gern damit.

Natürlich erinnert die Bezeichnung »Pferdeflüsterer« oder »Pferdeflüsterin« immer an den Film von Robert Redford, mit dessen Darstellung des Pferdeflüsterers ich persönlich nicht einverstanden bin. Das Wort »Flüstern« kann ich in diesem Zusammenhang jedoch akzeptieren, denn es macht deutlich, dass man mit dem anderen Lebewesen sehr ruhig, leise und behutsam umgeht. In der Realität jedoch setze ich, wenn ich mit Pferden »flüstere«, kaum jemals Worte ein, sondern Blickkontakt und Körpersprache. Diese Art der Kommunikation bewirkt, dass man mit seinem Gegenüber sehr besonnen umgeht. Und sehr leise.

Eigentlich jedoch bezeichne ich mich als Pferdetrainerin, die in der Form des Trainings immer versucht, so nah wie möglich an der Natur zu arbeiten. Das bedeutet, dass man Kompetenz über natürliche Spielregeln gewinnen und sich Kenntnisse aneignen muss, die unterscheiden helfen zwischen konditionierten, also erlernten Verhaltensweisen, die man umtrainieren kann, und instinktiven Verhaltensweisen, also angeborenen, die man kaum umtrainieren kann. Mit diesen muss man versuchen zu kooperieren und sie in positivem Sinne einzusetzen.

Welche körperlichen und geistigen Voraussetzungen sollte man für den Beruf des Pferdeflüsterers mitbringen?

Wichtigste Voraussetzungen für diesen Beruf sind Offenheit, Einfühlungsvermögen und die Fähigkeit, konsequent und auch streng zu sein – mit dem Pferd ebenso wie mit sich selbst. Mangelnde Konsequenz ist im Umgang mit dem Pferd ebenso schädlich wie die Anwendung von Gewalt. Unerlässlich ist außerdem eine gute körperliche Kondition.

Wer sich überlegt, diesen Weg einzuschlagen, sollte auch bedenken, dass das Pferdeflüstern bei aller Sanftheit im Umgang mit Pferden doch auch ein sehr harter Beruf ist. Ähnlich wie ein Tierpfleger, ein Pferdewirt oder ein Tierarzt ist auch eine »Pferdeflüsterin« immer im Dienst, Tag und Nacht, bei jedem Wetter, und kennt Wörter wie Urlaub oder Feiertage meist nur vom Hörensagen.

Reagieren Pferde auf »Pferdeflüsterinnen« anders als auf »Pferdeflüsterer«?

Frauen stehen Fluchttieren in gewisser Weise näher als Männer. Da Frauen und Kinder über vergleichsweise geringe körperliche Kraft verfügen, neigen sie dazu, Konflikte anders als durch körperliche Gewalt zu lösen – nämlich durch Kommunikation. Dementsprechend verstehen sich Mädchen und Pferde in vielen Fällen besser als Jungs und Pferde, vor allem in den ersten jungen Jahren des gegenseitigen Kräftemessens. Ein wichtiger Aspekt ist auch die Erziehung von Kindern und Jugendlichen. Mit einem Mädchen bleibt eine Mutter häufiger an einer Weide stehen und zeigt ihm bereits entsprechende Fürsorge zu Pferden wie Füttern und Achtsamkeit. Bei einem Jungen hingegen wird frühzeitig oftmals eher ein Bagger oder Kran Beachtung finden als das Kaninchen, das es zu versorgen gilt.

Sowohl Pferde als auch Menschen verfügen über angeborene Aktions- und Reaktionsweisen – kurz gesagt, über Instinkte. Ich bin davon überzeugt, dass Männer instinktiv körperliche Kraft eher einsetzen als Frauen. Dennoch kann man nicht pauschal sagen, dass Männer härter mit Pferden umgehen; ich finde es jedoch auffällig, dass Frauen dank ihres Einfühlungsvermögens und ihrer Kommunikationsbereitschaft häufig schneller und effizienter ans Ziel gelangen als Männer.

Stoßen Sie beim Pferdeflüstern auch mal auf »taube« Pferdeohren?

Das Kommunikationssystem des Pferdes existiert über viele Millionen Jahre und findet sehr erfolgreichen Einsatz in der Interaktion. Pferde sind angewiesen auf Stärke durch Anzahl und setzen eine sehr effektive soziale Interaktion wirksam ein. Das bedeutet, dass Pferde auf der ganzen Welt mit einem einheitlichen System agieren. Das Arbeiten mit »Equus«, der von Monty Roberts sogenannten Sprache der Pferde, erfordert kein Gehör, sondern nur ein gutes Auge. Pferde sind assoziative Denker: Sie nehmen Informationen in Bildern auf und speichern diese ab. Wenn man einem Pferd das richtige Bild bietet, erhält man von ihm eine entsprechende Information beziehungsweise Reaktion.

Viele Merkmale weisen darauf hin, dass ein Pferd nicht strategisch denken, sich also auch nicht verstellen kann. Wenn man dem Pferd einen Wunsch korrekt und auf eine verständliche Weise mitteilt, wird es diesen Wunsch erfüllen, indem es die geforderte Reaktion zeigt. Pferde haben nur zwei Ziele im Leben: die Fortpflanzung und das Überleben. Wer das berücksichtigt, wird stets auf willige und kooperative Pferdeohren treffen. Das Wichtigste ist, dass man die Information in einer für das Pferd verständlichen Sprache übermittelt – am sinnvollsten in »Equus«.

Können Bücher wie Der Pferdeflüsterer von Nicholas Evans und der gleichnamige Film mit Robert Redford oder andere Bücher und Filme Ihrer Ansicht nach dazu beitragen, die Welt pferdefreundlicher zu machen?

Der Film hat sicher dazu beigetragen, eine Entwicklung hin zum gewaltfreien Umgang mit Pferden in die Wege zu leiten. Dennoch kommt dieser Film nicht ohne Gewaltanwendung aus. Am Ende des Films wurde das Pferd gefesselt, und das Mädchen setzte sich zur brutalen Demonstration menschlicher Dominanz auf das gefesselte Tier.

Diese Darstellung findet nicht meine Zustimmung, da genau solche Szenen diejenigen sind, für deren Ausräumung ich mein Leben verwende. Ich wünsche mir von Herzen, dass diese Bilder bald der Vergangenheit angehören und aus der Realität der Reiterei und dem Umgang mit Pferden langfristig verschwinden. Ich finde, dass der gesamte Film letztlich nichts anderes darstellt als eine Aufarbeitung des amerikanischen Cowboy-Mythos, mit einer Liebesgeschichte garniert.

Unmittelbar nachdem der Film in den USA in die Kinos kam, wurde er – auch von mir – heftig diskutiert. Es war wohl nicht möglich gewesen, Robert Redford diese Schlussszene auszureden. Zahlreiche Tierschutzorganisationen haben sich im Vorfeld dafür eingesetzt, dass diese Szene aus dem Drehbuch genommen und beispielsweise durch Aufnahmen eines JOIN-UP ersetzt wurde. Leider hatte sich niemand gegen Robert Redford als Produzent des Films durchsetzen können.

Der gesamte Film, der wunderschöne Naturaufnahmen zeigt, verlor für mich seinen Zauber aufgrund dieser Szene.

ÜBER PFERDE UND MENSCHEN

Was ist das Geheimnis erfolgreicher Kommunikation zwischen Mensch und Pferd?

Menschen sind hochkomplexe Wesen und stehen nicht nur in Beziehungen zu ihresgleichen und anderen Lebewesen; sie haben auch ein Bewusstsein von sich, ihrer Umwelt und dem, was sich darin befindet. Das macht ihnen Kommunikation auf zwei Kanälen möglich. Zum einen können sie ihre Befindlichkeit und ihre Bestrebungen direkt und unverfälscht ausdrücken. Sie können aber auch etwas darstellen, das heißt, ihrer Umwelt etwas, das sie bewusst »konstruiert« haben, mitteilen. Verschiedenste Vorstellungen, Abwehrprozesse der eigenen Empfindung, Impulse aus dem Unbewussten oder ...

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