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Die Pfeiler der Macht

Inhalt

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. DANKSAGUNG
  5. PROLOG - MAI 1866
  6. TEIL I - MAI 1873
  7. 1. Kapitel
  8. 2. KAPITEL - JUNI 1873
  9. 3. Kapitel - Juli 1873
  10. 4. Kapitel - August 1873
  11. 5. Kapitel - September 1873
  1. TEIL II - JANUAR 1879
  2. 1. KAPITEL
  3. 2. Kapitel - April 1879
  4. 3. Kapitel - Mai 1879
  5. 4. KAPITEL - JUNI 1879
  6. 5. Kapitel - Juli 1879
  1. Teil III - September 1890
  2. 1. KAPITEL
  3. 2. KAPITEL - OKTOBER 1890
  4. 3. Kapitel - November 1890
  5. 4. Kapitel - Dezember 1890
  1. EPILOG - 1892
  2. Stammbaum der Familie Pilaster
  3. Unsere Empfehlungen

DANKSAGUNG

Den folgenden Freunden,
Verwandten und Kollegen danke ich
für die großzügige Hilfe,
die sie mir während der Entstehung
dieses Buches gewährt haben:

CAROLE BARON

JOANNA BOURKE

BEN BRABER

GEORGE BRENNAN

JACKIE FARBER

BARBARA FOLLETT

EMANUELE FOLLETT

KATYA FOLLETT

MICHAEL HASKOLL

PAM MENDEZ

M. J. ORBELL

RICHARD OVERY

DAN STARER

KIM TURNER

ANN WARD

JANE WOOD

AL ZUCKERMAN

PROLOG – MAI 1866

Image

An jenem Tag, an dem die Tragödie ihren Lauf nahm, standen alle Schüler der Windfield School unter Hausarrest und durften ihre Zimmer nicht verlassen.

Es war ein heißer Samstag im Mai. Normalerweise hätten sie den Nachmittag auf dem Rasen im Süden des Internats verbracht, wo die einen Cricket gespielt und die anderen ihnen vom schattigen Saum des Bischofswäldchens aus zugesehen hätten. Aber es war ein Verbrechen geschehen. Vom Schreibtisch Mr. Offertons, des Lateinlehrers, waren sechs Goldmünzen gestohlen worden, und alle Schüler standen unter Verdacht. Bis zur Entlarvung des Diebes mussten die Jungen in ihren Zimmern bleiben.

Micky Miranda saß an einem Tisch, in den schon Generationen gelangweilter Schulbuben ihre Initialen geritzt hatten, und blätterte in einer Regierungsbroschüre mit dem Titel Ausrüstung der Infanterie.

Gewöhnlich faszinierten ihn die Abbildungen von Schwertern, Musketen und Gewehren, doch heute war es so heiß, dass er sich nicht konzentrieren konnte. Ihm gegenüber, auf der anderen Seite des Tisches, sah sein Zimmergenosse Edward Pilaster von seinem Lateinheft auf. Er war gerade dabei, Mickys Tacitus-Übersetzung abzuschreiben. Mit einem tintenbeklecksten Finger deutete er auf die Vorlage und sagte: »Das Wort da kann ich nicht lesen.«

Micky sah sich das Wort an. »Decapitated, enthauptet«, sagte er. »Im Englischen das gleiche Wort wie im Lateinischen: decapitare.« Latein fiel ihm leicht, was daran liegen mochte, dass viele Wörter im Spanischen ganz ähnlich klangen. Spanisch war Mickys Muttersprache.

Edwards Feder kratzte wieder übers Papier. Von Unruhe getrieben stand Micky auf und trat ans offene Fenster. Kein Windhauch war zu spüren. Sehnsüchtig sah er über den Stallhof zu den Bäumen hinüber. Am Nordrand des Bischofswäldchens lag ein verlassener Steinbruch mit einem schattigen Teich. Das Wasser dort war kalt und tief …

»Komm, geh’n wir schwimmen«, sagte er unvermittelt.

»Geht nicht«, gab Edward zurück.

»Geht doch, wenn wir durch die Synagoge rausgehen.« Die »Synagoge« war das Zimmer nebenan, das sich drei jüdische Schüler teilten. In Windfield wurde Religion undogmatisch unterrichtet, man tolerierte jeden Glauben, weshalb das Internat für jüdische Eltern ebenso akzeptabel war wie für Mickys katholischen Vater und Edwards Eltern, die sich zum Methodismus bekannten. Allerdings hatten jüdische Schüler – tolerante Schulpolitik hin oder her – immer unter einem gewissen Maß an Hänseleien zu leiden. »Wir steigen in der Synagoge durchs Fenster, springen aufs Waschhausdach, klettern auf der Giebelseite vom Stall runter und schleichen uns in den Wald.«

Edwards Blick verriet, dass er Angst hatte. »Wenn du erwischt wirst, setzt’s den Rohrstock!«

Der »Rohrstock« war ein harter Eschenknüppel, den Dr. Poleson, der Direktor, schwang. Zwölf schmerzhafte Hiebe waren die Strafe für Entweichen aus dem Arrest. Micky hatte die Prügelstrafe schon hinter sich – wegen verbotenen Glücksspiels –, und ihn schauderte allein bei dem Gedanken daran. Aber die Gefahr, heute erwischt zu werden, war nicht groß – wohingegen die Vorstellung, die Kleider abzustreifen und nackt ins Wasser zu springen, äußerst verführerisch war. Micky glaubte schon fast, das kühle Nass auf seiner verschwitzten Haut zu spüren. Er betrachtete seinen Zimmergenossen. Der war nicht besonders beliebt hier: zu faul, um ein guter Schüler, zu plump, um sportlich zu sein, und viel zu eigensüchtig, um sich Freunde zu machen. Edwards einziger Freund war er, Micky, und Edward mochte es überhaupt nicht, wenn Micky mit anderen Jungen loszog. »Ich frag mal Pilkington, ob er mitmacht«, sagte Micky und ging zur Tür.

»Nein, lass das«, widersprach Edward nervös.

»Warum denn nicht?«, fragte Micky. »Du bist einfach viel zu feige.«

»Ich bin nicht zu feige«, behauptete Edward nicht sonderlich überzeugend. »Ich muss noch Latein machen.«

»Dann mach’s. Ich gehe solange mit Pilkington schwimmen.« Einen Augenblick lang schien Edward auf seinem Standpunkt beharren zu wollen, doch dann gab er klein bei. »Na schön, ich komme mit«, sagte er widerwillig.

Micky spähte zur Tür hinaus. Gedämpfte Geräusche erfüllten das Haus, doch im Gang ließ sich weit und breit kein Lehrer blicken. Micky schoss hinaus und verschwand im angrenzenden Zimmer. Edward folgte ihm auf den Fersen.

»Tag, ihr Hebräer«, grüßte Micky.

Zwei Jungen, die am Tisch Karten spielten, streiften ihn nur mit einem kurzen Blick und vertieften sich wieder in ihr Blatt, ohne ein Wort zu verlieren. Der dritte, Fatty Greenbourne, aß gerade Kuchen. Seine Mutter schickte ihm ständig Fresspakete. »Tag, ihr beiden«, sagte er liebenswürdig. »Stückchen Kuchen gefällig?«

»Himmel, Greenbourne! Du mästest dich wie ein Schwein«, tadelte Micky.

Fatty zuckte nur mit den Schultern und mampfte ungerührt weiter. Da er nicht nur Jude, sondern auch dick war, wurde er noch mehr gehänselt als die anderen, aber es schien ihm nichts auszumachen. Sein Vater, so hieß es, war der reichste Mann der Welt. Vielleicht ist Fatty deshalb so unangreifbar, dachte Micky. Er ging zum Fenster, riss es auf und sah sich draußen um. Der Stallhof lag verlassen da.

»Was habt ihr vor, ihr zwei?«, fragte Fatty.

»Schwimmen gehen«, sagte Micky.

»Das gibt ‘ne Tracht Prügel.«

»Ich weiß«, sagte Edward, und es klang ziemlich kläglich.

Micky schwang sich aufs Fensterbrett, robbte rückwärts und ließ sich dann auf das nur ein paar Zentimeter tiefer liegende Schrägdach des Waschhauses fallen. Er meinte, eine Schieferpfanne knacken zu hören, doch das Dach hielt. Als er aufblickte, sah er Edwards ängstliche Miene im Fenster. »Komm schon!«, raunte er ihm zu, kletterte das Dach hinunter, fand ein Abzugsrohr und ließ sich daran zu Boden gleiten. Eine Minute später landete Edward neben ihm.

Micky spähte um die Ecke. Kein Mensch war zu sehen. Er fackelte nicht lange und flitzte über den Hof in den Wald. Erst als ihn die Bäume so weit verbargen, dass er sicher war, von den Schulgebäuden aus nicht mehr gesehen zu werden, machte er halt und holte Luft. Gleich darauf tauchte Edward neben ihm auf.

»Geschafft!«, sagte Micky. »Kein Mensch hat uns gesehen.«

»Sie schnappen uns bestimmt, wenn wir zurückkommen«, maulte Edward.

Micky lächelte. Mit seinem glatten Blondhaar, den blauen Augen und der großen Nase, die wie eine breite Messerklinge wirkte, war Edward ein Engländer wie aus dem Bilderbuch. Er war ein großer Junge mit breiten Schultern, stark, aber unbeholfen. Er besaß keinerlei Stilgefühl, und entsprechend schlecht saßen seine Kleider.

Beide Jungen waren gleichaltrig, nämlich sechzehn, doch damit erschöpften sich ihre Gemeinsamkeiten auch schon: Micky mit seinem dunklen Lockenschopf und seinen dunklen Augen war peinlichst genau auf seine Erscheinung bedacht. Unordentlichkeit oder gar Schmutz waren ihm verhasst.

»Kein Vertrauen, Pilaster?«, stichelte Micky. »Hab ich nicht immer gut auf dich aufgepasst?«

Edward grinste besänftigt. »Schon gut. Los jetzt!« Sie schlugen einen kaum sichtbaren Pfad durch den Wald ein. Unter dem Laubdach der Buchen und Ulmen war es angenehm kühl, und Micky fühlte sich allmählich besser. »Was machst du in den Sommerferien?«, fragte er Edward.

»Im August sind wir immer in Schottland.«

»Habt ihr eine Jagdhütte dort?«, fragte Micky. Er hatte die Ausdrucksweise der englischen Oberschicht aufgeschnappt und wusste, dass »Jagdhütte« selbst dann die korrekte Bezeichnung war, wenn es sich dabei um ein Schloss mit fünfzig Zimmern handelte.

»Wir mieten eine«, erwiderte Edward. »Aber wir gehen nicht jagen. Mein Vater hat für Sport nicht viel übrig, weißt du.« Micky erkannte den abwehrenden Ton in Edwards Stimme und fragte sich, was er bedeuten mochte. Er wusste, dass sich die englische Aristokratie im August auf der Vogeljagd und den Winter über auf der Fuchsjagd vergnügte. Er wusste außerdem, dass kein Aristokrat seine Söhne nach Windfield schickte. Die Väter der Windfield-Eleven waren keine Grafen und Bischöfe, sondern Geschäftsleute und Ingenieure, Männer also, die keine Zeit zu verschwenden hatten, weder aufs Jagen noch aufs Schießen. Die Pilasters waren Bankiers, und wenn Edward sagte, sein Vater hätte nicht viel übrig für Sport, so gab er damit indirekt zu, dass seine Familie nicht gerade zu den oberen Zehntausend zählte.

Dass die Engländer Müßiggängern mehr Respekt entgegenbrachten als arbeitenden Menschen, war ein Umstand, der Micky immer wieder aufs Neue amüsierte. In seinem eigenen Land hatte man weder vor ziellos dahintreibenden Adligen noch vor hart arbeitenden Geschäftsleuten Respekt. Dort achtete man nur die Macht. Was mehr konnte ein Mann begehren, als Macht über andere zu besitzen – die Macht, zu ernähren oder verhungern zu lassen, die Macht, einzukerkern oder zu befreien, zu töten oder am Leben zu lassen?

»Wie steht’s mit dir?«, fragte Edward. »Wo verbringst du denn den Sommer?«

Auf diese Frage hatte Micky nur gewartet. »In der Schule«, lautete seine Antwort.

»Hier? Soll das heißen, dass du die ganzen Ferien über in der Schule bleibst?«

»Was denn sonst? Heimfahren kann ich nicht. Allein für den Hinweg brauche ich sechs Wochen – ich müsste schon umkehren, bevor ich überhaupt zu Hause wäre.«

»Das ist ja grässlich.«

Das mochte schon sein – nur: Micky hegte gar nicht den Wunsch, nach Hause zu fahren. Seit dem Tod seiner Mutter war ihm sein Vaterhaus verhasst. Dort gab es inzwischen nur noch Männer: seinen Vater, seinen älteren Bruder Paulo, mehrere Onkel und Vettern und dazu vierhundert Gauchos. Der große Held für all diese Männer war Papa, doch für Micky war er ein Fremder: kalt, unnahbar, ungeduldig.

Ein noch größeres Problem für Micky war Paulo. Der war ebenso stark wie dämlich, hasste den geschickteren und klügeren Micky, und nichts bereitete ihm größeren Spaß, als seinen kleinen Bruder zu demütigen. Wo immer sich eine Chance bot, aller Welt vorzuführen, dass Micky unfähig war, einen Stier mit dem Lasso einzufangen, ein Pferd zuzureiten oder eine Schlange mit einem Kopfschuss zu töten, wurde sie von Paulo weidlich genutzt. Besonderes Vergnügen bereitete es ihm, Mickys Pferd zu erschrecken, sodass es scheute und Micky nichts anderes übrig blieb, als sich in Todesängsten mit fest geschlossenen Augen an den Hals des Tieres zu klammern, bis es, nach wilder Jagd über die Pampa, erschöpft stehen blieb.

Oh nein, Micky wollte in den Ferien nicht nach Hause. Aber er wollte auch nicht in der Schule bleiben. Er spekulierte auf eine Einladung der Pilasters, den Sommer mit ihnen zu verbringen. Da Edward nicht sofort von selbst auf den Gedanken kam, ließ Micky das Thema fallen. Er war überzeugt, dass es wieder zur Sprache kommen würde.

Sie kletterten über einen verfallenden Weidezaun und stiegen eine kleine Anhöhe hinauf. Von oben war bereits der Teich zu sehen. Zwar waren die behauenen Wände des Steinbruchs ziemlich steil, doch jeder halbwegs gelenkige Junge fand ohne Schwierigkeiten hinunter. Das tiefe Wasserloch am Grunde schimmerte in trübem Grün und beherbergte Kröten, Frösche und ein paar Wasserschlangen.

Micky stellte verblüfft fest, dass sich schon drei andere Jungen im Wasser befanden.

Das Sonnenlicht brach sich an der Wasseroberfläche. Micky kniff die Augen zusammen und versuchte, die nackten Gestalten zu erkennen. Es waren drei Windfield-Schüler aus der Untertertia. Der karottenrote Schopf gehörte zu Antonio Silva, der trotz seiner Haarfarbe ein Landsmann Mickys war. Tonios Vater mochte nicht so viel Land besitzen wie der von Micky, doch die Silvas lebten in der Hauptstadt und hatten einflussreiche Verbindungen. Auch Tonio konnte in den Ferien nicht nach Hause fahren. Da er jedoch Freunde an der Botschaft von Cordoba in London hatte, musste er nicht den ganzen Sommer über in der Schule bleiben.

Bei dem zweiten Jungen handelte es sich um Hugh Pilaster, einen Vetter Edwards, wiewohl die beiden nicht die geringste Ähnlichkeit aufwiesen: Der schwarzhaarige Hugh hatte ein schmales, ebenmäßiges Gesicht, und sein lausbübisches Grinsen war unverwechselbar. Edward konnte ihn nicht leiden, denn Hugh war ein guter Schüler, neben dem er selbst wie der Trottel der Familie wirkte.

Der dritte Schwimmer war Peter Middleton, ein eher schüchterner Knabe, der gewöhnlich die Nähe des selbstbewussteren Hugh suchte. Drei Dreizehnjährige also, allesamt mit weißen, unbehaarten Körpern, dünnen Armen und schlaksigen Beinen.

Dann bemerkte Micky noch einen vierten Jungen. Er schwamm für sich allein am anderen Ende des Teiches. Er wirkte älter als die anderen drei und schien nicht zu ihnen zu gehören. Aber er war zu weit entfernt, als dass Micky sein Gesicht hätte erkennen können.

Edward setzte ein boshaftes Grinsen auf: Er sah eine Gelegenheit, den anderen einen Streich zu spielen. Verschwörerisch legte er den Finger auf die Lippen, bevor er an der Steilwand hinunterturnte. Micky folgte ihm schweigend.

Als sie den Vorsprung erreichten, wo die Jüngeren ihre Kleider abgelegt hatten, waren Tonio und Hugh untergetaucht, um irgendetwas zu erforschen, während Peter in aller Ruhe seine Bahnen zog. Er war der Erste, der die beiden Neuankömmlinge entdeckte.

»Oh nein!«, stöhnte er.

»Sieh da, sieh da«, sagte Edward. »Ihr wisst doch, dass das, was ihr hier treibt, verboten ist, oder?«

Jetzt hatte auch Hugh Pilaster seinen Vetter entdeckt und rief ihm zu: »Für dich ist es genauso verboten!«

»Ihr haut besser ab, bevor man euch erwischt«, erwiderte Edward ungerührt und hob eine Hose vom Boden auf. »Aber seht zu, dass eure Kleider nicht nass werden, sonst weiß jeder sofort, wo ihr wart.« Dann warf er die Hose mitten in den Teich und brach in wieherndes Gelächter aus.

»Du gemeiner Kerl!«, schrie Peter und stürzte sich auf die im Wasser treibende Hose.

Micky lächelte amüsiert.

Edward griff sich einen Schnürstiefel und ließ ihn der Hose folgen.

Die Jüngeren gerieten allmählich in Panik. Edward nahm eine weitere Hose auf und warf sie in den Teich. Es war ein Heidenspaß zuzusehen, wie die drei Jüngeren schreiend nach ihren Kleidern tauchten, und Micky musste lachen.

Unverdrossen warf Edward ein Kleidungsstück nach dem anderen in den Teich, während Hugh Pilaster aus dem Wasser kletterte. Micky glaubte, er würde sofort die Flucht ergreifen, doch ganz unerwartet rannte Hugh direkt auf Edward zu und versetzte ihm einen kraftvollen Stoß, sodass der Größere, der sich nicht rechtzeitig umgedreht hatte, die Balance verlor. Er taumelte und stürzte kopfüber in den Teich. Es gab einen gewaltigen Platscher.

Das alles hatte nur Sekunden gedauert. Hugh schnappte sich einen Armvoll Kleider und turnte wie ein Affe die Wand des Steinbruchs hinauf. Peter und Tonio stimmten ein brüllendes Hohngelächter an.

Micky setzte Hugh nach, gab jedoch bald wieder auf, da er einsah, dass er den kleineren und behänderen Knaben nicht würde einholen können. Als er zurückkehrte, sah er als Erstes nach Edward. Zur Sorge bestand kein Anlass: Edward war wieder aufgetaucht und hatte sich Peter Middleton gegriffen. Immer wieder drückte er den Kopf des Jüngeren unter Wasser, um ihm sein Hohngelächter heimzuzahlen.

Tonio rettete sich derweilen ans Ufer, ein Bündel triefender Klamotten umklammernd. Er drehte sich um und sah, wie Edward Peter misshandelte. »Lass ihn in Ruhe, du blöder Affe!«, schrie er ihm zu.

Tonio war schon immer ein tollkühnes Bürschchen gewesen, und Micky fragte sich unwillkürlich, was er wohl im Schilde führte. Tonio lief ein Stück am Ufer entlang. Dann drehte er sich erneut um, diesmal mit einem Stein in der Hand. Micky rief Edward eine Warnung zu, doch es war schon zu spät: Mit erstaunlicher Zielsicherheit traf der Stein Edward am Kopf. Sofort breitete sich auf seiner Stirn ein heller Blutfleck aus.

Edward brüllte vor Schmerzen auf, ließ von Peter ab und schwamm wutentbrannt aufs Ufer zu, um Tonio nachzusetzen.

Die Hände immer noch um die Restbestände seiner Kleidung gekrampft und die Schmerzen missachtend, die der raue Boden seinen nackten Sohlen bereitete, hastete Hugh Pilaster durch den Wald. Dort, wo sich der schmale Pfad mit einem zweiten kreuzte, schlug er einen Haken nach links und rannte noch ein Stück weiter, bevor er sich in die Büsche schlug und im Unterholz verschwand.

Er wartete ab, bis sich sein rasselnder Atem wieder beruhigt hatte. Dann lauschte er angestrengt. Sein Vetter Edward und dessen Busenfreund Micky Miranda waren die miesesten Schweine der ganzen Schule: Drückeberger, Spielverderber und Kinderschinder, denen man tunlichst aus dem Weg ging. Doch jetzt war ihm Edward bestimmt auf den Fersen, denn schließlich hasste er ihn, Hugh, seit eh und je.

Schon ihre Väter hatten sich zerstritten. Toby, Hughs eigener Vater, hatte sein Kapital aus der Familienbank genommen und ein eigenes Unternehmen aufgezogen, einen Farbenhandel für die Textilindustrie. Das schlimmste Verbrechen, das ein Pilaster begehen konnte, war, der familieneigenen Bank sein Kapital zu entziehen – das wusste Hugh bereits mit dreizehn Jahren. Und er wusste, dass Onkel Joseph – Edwards Vater – seinem Bruder Toby diesen Fauxpas nie verziehen hatte.

Hugh fragte sich, was aus seinen Freunden geworden war. Bevor Micky und Edward aufkreuzten, waren sie zu viert im Wasser gewesen: Tonio, Peter sowie er selbst am einen und Albert Cammel, ein älterer Schüler, am anderen Ende des Teichs. Tonio war normalerweise mutig bis zur Tollkühnheit, aber vor Micky Miranda hatte er eine Höllenangst. Beide kamen sie aus einem südamerikanischen Land namens Cordoba, und Tonio hatte erzählt, die Mirandas seien eine mächtige und grausame Familie.

Hugh kapierte nicht ganz, was das heißen sollte, doch er sah nur allzu deutlich, was es bewirkte: Während kein anderer älterer Schüler vor Tonios Hänseleien sicher war, verhielt er sich Micky gegenüber auffallend höflich, ja geradezu unterwürfig.

Was Peter betraf, der starb sicherlich vor Schreck – er fürchtete sich ja sogar vor seinem eigenen Schatten. Blieb nur die Hoffnung, dass er den miesen Kerlen entwischt war.

Albert Cammel schließlich, der auf den Spitznamen Hump – Höcker – hörte, war nicht mit ihnen gekommen und hatte seine Kleider woanders abgelegt. Wahrscheinlich war er unbehelligt geblieben.

Auch er selbst war ihnen entkommen, doch das hieß noch lange nicht, dass er nun aus dem Schneider war. Seine Unterwäsche, seine Socken und seine Schuhe waren weg. Er würde sich triefnass in Hemd und Hosen in die Schule schleichen müssen – hoffentlich erwischte ihn keiner der Lehrer oder älteren Schüler dabei! Bei diesem Gedanken stöhnte Hugh laut auf. Warum muss ausgerechnet mir immer so was passieren?, fragte er sich. Ihm war hundeelend zumute.

Immer wieder hatte er Ärger, seit er vor achtzehn Monaten nach Windfield gekommen war. Das Lernen machte ihm nichts aus – er lernte gut und schnell, und für seine Klassenarbeiten erhielt er stets Bestnoten. Es waren die kleinkarierten Internatsregeln, die ihm so fürchterlich auf die Nerven gingen. Statt jeden Abend Viertel vor zehn im Bett zu liegen, wie es Vorschrift war, fand er immer wieder einen zwingenden Grund, bis Viertel nach zehn aufzubleiben. Orte, die zu betreten streng verboten war, zogen ihn geradezu magisch an. Sein Forscherdrang trieb ihn immer wieder in den Pfarrgarten, in den Obstgarten des Direktors, in den Kohlen- oder den Bierkeller. Er lief, wenn er gehen sollte, las, wenn er schlafen sollte, und schwätzte während des Gebets. Und immer wieder endete es so wie heute: Er fühlte sich schuldig, hatte Angst und haderte mit seinem Schicksal. Warum tust du dir das bloß an?, fragte er sich, wenn wieder einmal alles schiefgegangen war. Minutenlang herrschte Totenstille im Wald, während Hugh düster über seine Zukunft nachgrübelte. Würde er wohl eines Tages als Ausgestoßener enden? Als Verbrecher womöglich, den man ins Gefängnis warf oder als Sträfling nach Australien verbannte? Als Galgenvogel, der am Strick endete?

Im Augenblick schien wenigstens Edward nicht hinter ihm her zu sein. Hugh stand auf und zog sich Hemd und Hose an, beides noch nass. Dann hörte er ein Weinen.

Vorsichtig spähte er aus seinem Versteck – und erkannte Tonios karottenfarbenen Haarschopf. Langsam kam sein Freund den Pfad entlang, die Kleider in den Händen, triefnass, nackt und schluchzend.

»Was ist los?«, fragte Hugh. »Wo bleibt Peter?«

Urplötzlich wurde Tonio wild. »Das sag ich nicht! Nie!«, rief er. »Sie würden mich umbringen!«

»Na schön, dann lass es eben bleiben«, meinte Hugh. Es war das Übliche: Tonio hatte eine Höllenangst vor Micky, und was immer auch passiert sein mochte, Tonio würde kein Wort verraten. »Am besten ziehst du dich erst mal an«, schlug Hugh vor. Das war das Naheliegendste.

Tonio starrte wie blind auf das Bündel triefender Kleider in seinen Händen. Er stand offenbar unter Schock. Hugh nahm ihm das Bündel ab: Die Schuhe und die Hosen waren da, dazu eine Socke, aber kein Hemd. Er half Tonio beim Anziehen. Dann machten sie sich gemeinsam auf den Rückweg.

Tonio weinte nicht mehr, wirkte aber immer noch zutiefst erschüttert. Hugh konnte nur hoffen, dass die beiden Quälgeister Peter nicht allzusehr zugesetzt hatten. Außerdem kam es jetzt vor allem darauf an, die eigene Haut zu retten. »Wenn wir bloß irgendwie in den Schlafsaal kommen«, sagte er, »dann können wir uns frisches Zeug und andere Schuhe anziehen. Und wenn der Arrest erst mal aufgehoben ist, kaufen wir uns in der Stadt neue Kleider auf Kredit.«

»Einverstanden«, sagte Tonio dumpf und nickte.

Schweigend setzten sie ihren Weg durch den Wald fort. Erneut fragte sich Hugh, was Tonio so verstört haben mochte. Schikanen durch die Älteren waren schließlich nichts Neues in Windfield. Was mochte am Teich noch geschehen sein, nachdem ihm selbst die Flucht gelungen war? Von Tonio konnte er sich kaum Aufklärung erhoffen. Der sagte den ganzen Rückweg über kein Wort mehr.

Das Internat bestand aus sechs Gebäuden, die einst den Mittelpunkt eines großen Gutshofs gebildet hatten. Ihr Schlafsaal befand sich in der ehemaligen Meierei unweit der Kapelle. Um dorthin zu gelangen, mussten sie eine Mauer übersteigen und den Spielhof überqueren. Sie erkletterten die Mauer und spähten hinüber.

Das Spielfeld lag verlassen vor ihnen, wie Hugh erwartet hatte. Dennoch zögerte er. Allein der Gedanke daran, wie der Rohrstock auf sein Hinterteil klatschte, ließ ihn zusammenzucken. Aber ihm blieb keine andere Wahl. Er musste in die Schule und sich trockene Sachen anziehen.

»Die Luft ist rein«, zischte er. »Los jetzt!«

Gemeinsam sprangen sie über die Mauer und hetzten über das Spielfeld in den kühlen Schatten der steinernen Kapelle. Immerhin – bis jetzt war alles gut gegangen. Sie schlichen sich um die Ostseite, indem sie sich dicht an der Wand hielten. Als Nächstes kam ein kurzer Sprint über die Auffahrt und in ihr Gebäude. Hugh verharrte reglos. Kein Mensch war zu sehen. »Jetzt!«, flüsterte er.

Die beiden Jungen rannten über den Weg. Doch dann, als sie die Tür bereits erreicht hatten, schlug das Verhängnis zu. Eine vertraute, autoritätsgewohnte Stimme erklang: »Pilaster, mein Junge, sind Sie das?« Da wusste Hugh, dass das Spiel verloren war.

Das Herz rutschte ihm in den Hosenboden. Er blieb stehen und drehte sich um. Ausgerechnet in diesem Moment musste Mr. Offerton aus der Kapelle kommen! Jetzt stand er im Schatten des Portals, eine hochgewachsene, missgelaunte Gestalt in College-Talar und Barett. Hugh unterdrückte ein Stöhnen: Mr. Offerton, genau der Lehrer, dem das Geld gestohlen worden war! Der war der Letzte, der Gnade vor Recht ergehen ließ! Und das bedeutete unwiderruflich den Rohrstock. Unwillkürlich verkrampften sich Hughs Gesäßmuskeln.

»Kommen Sie her, Pilaster!«, befahl Dr. Offerton.

Hugh schlurfte hinüber, Tonio im Schlepptau. Er war der Verzweiflung nahe. Warum lasse ich mich bloß immer wieder auf solch riskante Unternehmen ein?, dachte er.

»Ins Büro des Schulleiters, sofort«, sagte Dr. Offerton.

»Jawohl, Sir«, sagte Hugh kleinlaut. Es wurde immer schlimmer! Wenn der Direktor sieht, in welchem Aufzug ich umherlaufe, fliege ich womöglich von der Schule. Was soll ich nur Mutter sagen? »Also ab!«, befahl der Lehrer ungeduldig.

Beide Jungen machten kehrt, doch Dr. Offerton sagte: »Sie nicht, Silva.«

Hugh und Tonio sahen sich fragend an: Weshalb sollte Hugh bestraft werden, Tonio aber nicht? Doch Befehl war Befehl, und Fragen waren nicht gestattet. Also entkam Tonio in den Schlafsaal, während Hugh sich auf den Weg zum Haus des Direktors machte.

Schon jetzt konnte er den Rohrstock spüren. Er wusste, dass er weinen würde, und das war noch viel schlimmer als der Schmerz. Denn mit seinen dreizehn Jahren fand Hugh sich eigentlich schon zu alt für Tränen.

Das Haus des Direktors lag am anderen Ende des Schulgeländes, doch so langsam Hugh auch vorwärtsschlich – er kam viel zu früh an. Und das Hausmädchen öffnete die Tür schon eine Sekunde nach dem Klingeln.

Dr. Poleson erwartete ihn in der Diele. Der Schulleiter war ein kahlköpfiger Mann mit dem Gesicht einer Bulldogge, doch aus irgendeinem Grunde sah er nicht so aus wie erwartet. Das Donnerwetter, mit dem Hugh gerechnet hatte, blieb aus. Anstatt sofort Aufklärung darüber zu verlangen, weshalb Hugh nicht nur aus dem Arrest entwichen, sondern darüber hinaus auch noch tropfnass war, öffnete der Direktor schlicht die Tür zu seinem Büro und sagte ruhig: »Hier herein, mein Junge.« Er spart sich seine Wut für die Prügel auf, dachte Hugh und betrat klopfenden Herzens das Büro.

Zu seiner heillosen Verblüffung sah er dort seine Mutter sitzen.

Noch schlimmer – sie weinte!

»Ich war doch bloß schwimmen!«, platzte Hugh heraus.

Hinter ihm schloss sich die Tür, und er merkte, dass der Schulleiter gar nicht mit hereingekommen war.

Erst jetzt begann es ihm zu dämmern: Das alles hatte nichts mit dem Arrest zu tun und nichts mit dem Schwimmen. Es ging auch nicht um die verlorenen Klamotten und nicht darum, dass er Mr. Offerton halb nackt in die Arme gelaufen war. Er hatte das entsetzliche Gefühl, dass alles noch viel, viel schlimmer war.

»Was ist los, Mutter?«, fragte er. »Warum bist du gekommen?«

»Ach, Hugh«, schluchzte sie, »dein Vater ist tot.«

Samstag war der schönste Tag der Woche, fand Maisie Robinson. Am Samstag bekam Papa seinen Lohn. Dann gab es Fleisch zum Abendessen und frisches Brot.

Sie saß mit ihrem Bruder Danny auf der Eingangsstufe und wartete darauf, dass Papa von der Arbeit kam. Danny war dreizehn, zwei Jahre älter als Maisie, und sie himmelte ihn an, obwohl er manchmal gar nicht nett zu ihr war.

Das Haus war Bestandteil einer Reihe feuchter, stickiger Wohnquartiere im Hafenviertel einer Kleinstadt an der Nordostküste Englands und gehörte der Witwe MacNeil. Sie bewohnte das vordere Zimmer im Parterre, die Robinsons lebten im Hinterzimmer, und im ersten Stock hauste eine weitere Familie. Wenn Papa von der Arbeit kam, würde Mrs. MacNeil ihn auf der Türschwelle abpassen und sofort die Miete kassieren.

Maisie hatte Hunger. Gestern hatte sie ein paar zerhackte Knochen beim Fleischer erbettelt, und Papa hatte eine Rübe gekauft und Eintopf daraus gekocht. Das war ihre letzte Mahlzeit gewesen. Aber heute war Samstag!

Sie versuchte, nicht an das Abendessen zu denken, denn dann tat ihr der Bauch nur noch mehr weh. Um sich abzulenken, sagte sie zu Danny: »Heute Morgen hat Papa ein Schimpfwort gebraucht.«

»Was hat er gesagt?«

»Er hat Mrs. MacNeil eine paskudniak genannt.«

Danny kicherte. Das Wort bedeutete Schurkin. Nach einem Jahr im neuen Land sprachen die Kinder fließend Englisch, doch ihr Jiddisch hatten sie nicht vergessen.

Ihr richtiger Name war nicht Robinson, sondern Rabinowicz. Mrs. MacNeil hasste sie, seit sie wusste, dass sie Juden waren. Sie hatte nie zuvor einen Juden gesehen, und als sie ihnen das Zimmer überließ, war es in dem Glauben geschehen, die neuen Mieter seien Franzosen. In dieser Stadt gab es wohl keine Juden. Die Robinsons hatten auch nie hierhergewollt: Ihre Überfahrt hatten sie für eine Stadt namens Manchester gebucht, wo es viele Juden gab, und der Kapitän hatte ihnen vorgeflunkert, dies hier wäre Manchester. Als sie den Betrug bemerkten, hatte Papa gesagt, sie würden sparen, bis sie nach Manchester ziehen könnten – doch dann war Mama krank geworden.

Mama war noch immer krank, und sie waren noch immer hier. Papa arbeitete am Hafen in einem hohen Speicherhaus, über dessen Tor in großen Lettern Tobias Pilaster & Co. stand, und Maisie fragte sich oft, wer der »Co.« sein mochte. Papa arbeitete als Buchhalter bei Pilaster und erfasste die Farbenfässer, die hereinkamen und hinausgingen. Er war ein sorgfältiger Mann, ein gewissenhafter Protokollant und Listenschreiber.

Mama war das genaue Gegenteil von ihm, unternehmungslustig und wagemutig. Sie war die treibende Kraft gewesen, als es um die Übersiedlung nach England ging. Mama liebte Feste, Reisen, schöne Kleider und Gesellschaftsspiele und lernte gerne neue Menschen kennen. Darum liebt Papa sie auch so sehr, dachte Maisie: Weil Mama genau das ist, was er nie sein kann.

Doch inzwischen war Mama nur noch ein Schatten ihrer selbst. Den ganzen Tag lang lag sie auf der alten Matratze, döste und schlief; das blasse Gesicht glänzte vor Schweiß, und ihr Atem war heiß und übel riechend. Der Doktor hatte gesagt, man müsse sie täglich mit vielen frischen Eiern und Sahne und Rindfleisch wieder aufpäppeln – und dann hatte Papa ihn mit dem Geld bezahlt, das eigentlich fürs Abendessen vorgesehen war. Inzwischen fühlte sich Maisie jedes Mal, wenn sie etwas aß, schuldig, weil sie wusste, dass sie Nahrung zu sich nahm, die ihrer Mutter vielleicht das Leben retten konnte.

Maisie und Danny hatten sich das Stehlen beigebracht. An Markttagen gingen sie auf den Marktplatz und mausten Kartoffeln und Äpfel von den Ständen. Zwar wachten die Händler mit Adleraugen über ihre Ware, doch hin und wieder wurden sie abgelenkt – durch einen Streit übers Wechselgeld, durch raufende Hunde oder einen Trunkenbold –, und dann grapschten die Kinder nach allem, was sie erwischen konnten. Wenn sie Glück hatten, lief ihnen ein reiches Kind über den Weg, das nicht älter war als sie, und dann taten sie sich zusammen und raubten es aus. Solche Kinder trugen immer etwas bei sich – eine Orange oder eine Tüte voller Süßigkeiten, und sehr oft sogar ein paar Pennys. Maisie hatte ständig Angst, sie könnten ertappt werden – Mama würde sich in Grund und Boden schämen. Aber meistens war der Hunger größer als die Angst.

Als sie aufblickte, sah sie eine Traube von Männern die Straße entlangkommen. Wer sie wohl waren? Für Dockarbeiter waren sie noch ein wenig zu früh dran. Sie hielten zornige Reden, fuchtelten mit den Armen und stießen ihre Fäuste in die Luft.

Erst als sie näher kamen, erkannte Maisie Mr. Ross, der im ersten Stock wohnte und wie Papa bei Pilaster arbeitete. Wieso kam er schon nach Hause? Waren die Männer alle gefeuert worden? Nach Mr. Ross’ Zustand zu urteilen war das gut möglich. Sein Gesicht war puterrot angelaufen; er fluchte und schimpfte über »dumme Trottel, lausige Blutsauger und verlogene Schweinehunde«. Als die Gruppe das Haus erreicht hatte, wandte er sich brüsk ab und stampfte durch die Tür, sodass Maisie und Danny sich wegducken mussten, um nicht unter seine genagelten Stiefel zu geraten.

Als Maisie wieder aufblickte, sah sie Papa. Er war ein schmaler Mann mit schwarzem Bart und sanften braunen Augen, der den anderen in einiger Entfernung und mit gesenktem Kopf folgte. Er wirkte so niedergeschlagen und hoffnungslos, dass Maisie hätte weinen können.

»Was ist passiert, Papa?«, fragte sie. »Warum kommst du so früh?«

»Kommt mit rein«, sagte er so leise, dass Maisie ihn gerade eben noch verstand.

Beide Kinder folgten ihm ins Hinterzimmer. Dort kniete er sich neben die Matratze und küsste Mama auf die Lippen. Sie erwachte und lächelte ihn an, doch er erwiderte ihr Lächeln nicht.

»Die Firma ist kaputt«, sagte er auf Jiddisch. »Toby Pilaster hat Bankrott gemacht.«

Maisie verstand nicht, was er damit meinte, doch nach Papas Tonfall klang es wie eine Katastrophe. Unwillkürlich sah sie Danny an: Er zuckte die Achseln. Auch er begriff es nicht.

»Aber warum?«, fragte Mama.

»Es hat einen finanziellen Zusammenbruch gegeben«, sagte Papa. »Gestern hat eine große Bank in London Pleite gemacht.«

Mama runzelte die Stirn und versuchte sich zu konzentrieren. »Aber wir sind hier nicht in London«, sagte sie. »Was soll das heißen?«

»Genaueres weiß ich auch nicht.«

»Also hast du keine Arbeit mehr?«

»Keine Arbeit und auch kein Geld.«

»Aber heute haben sie dich doch bezahlt.«

Papa senkte den Kopf. »Nein, sie haben uns nicht bezahlt.«

Wieder sah Maisie Danny an. Das verstanden sie. Kein Geld bedeutete kein Essen, für keinen von ihnen. Danny war sichtlich erschrocken, und Maisie hätte am liebsten geweint.

»Aber sie müssen dich bezahlen«, flüsterte Mama. »Du hast die ganze Woche über gearbeitet, sie müssen dich bezahlen.«

»Sie haben kein Geld«, sagte Papa. »Sie sind bankrott. Bankrott heißt, anderen Leuten Geld zu schulden und sie nicht bezahlen zu können.«

»Aber du hast doch immer gesagt, Mr. Pilaster ist ein anständiger Mann.«

»Toby Pilaster ist tot. Er hat sich erhängt, gestern Abend, in seinem Londoner Büro. Sein Sohn ist so alt wie Danny.«

»Aber wie sollen wir nun unsere Kinder ernähren?«

»Ich weiß es nicht«, gestand Papa, und dann fing er zu Maisies Schrecken an zu weinen. »Es tut mir so leid, Sarah«, sagte er, während die Tränen in seinen Bart rollten. »Ich habe dich an diesen grauenvollen Ort gebracht, wo es keine Juden gibt und niemanden, der uns hilft. Ich kann den Arzt nicht bezahlen, ich kann keine Medizin kaufen, ich kann unsere Kinder nicht ernähren. Ich habe völlig versagt. Es tut mir so leid, so schrecklich leid.« Er beugte sich vor und vergrub sein tränennasses Gesicht an Mamas Busen. Mit zitternder Hand strich sie ihm übers Haar.

Maisie war entsetzt. Papa hatte noch nie geweint! Das schien das Ende aller Hoffnungen zu sein. Womöglich mussten sie nun alle sterben.

Danny stand auf, sah Maisie an und deutete mit dem Kopf zur Tür. Sie erhob sich, und auf Zehenspitzen verließen die beiden Kinder das Zimmer. Maisie setzte sich auf die Eingangsstufe und fing an zu weinen. »Was sollen wir bloß tun?«, schluchzte sie.

»Wir müssen weglaufen«, sagte Danny.

Bei seinen Worten bildete sich ein kalter Knoten in Maisies Brust.

»Das können wir nicht«, sagte sie.

»Wir müssen. Wir haben nichts zu essen. Wenn wir bleiben, verhungern wir.«

Maisie war das egal, doch plötzlich ging ihr ein anderer Gedanke durch den Sinn: Mama würde von sich aus zu Tode fasten, um ihren Kindern Nahrung zu verschaffen. Mama würde sterben, wenn sie blieben. Also mussten sie gehen, um Mamas Leben zu retten.

»Du hast recht«, sagte Maisie zu Danny. »Wenn wir weggehen, wird Papa vielleicht genug zu essen für Mama auftreiben können. Wir müssen wirklich gehen, um ihretwillen.«

Mit einem Mal wurde ihr das ganze Ausmaß des Unglücks bewusst, das ihre Familie getroffen hatte. Es war sogar noch schlimmer als an dem Tag, als sie aus Viskis hatten fliehen und das brennende Dorf hinter sich zurücklassen müssen. Ein eiskalter Zug hatte sie fortgebracht, mit ihrer gesamten Habe, die nicht mehr als zwei Segeltuchtaschen füllte. Damals war Maisie klar geworden, dass Papa sich allezeit um sie kümmern würde, was immer auch geschehen mochte. Jetzt aber musste sie sich um sich selbst kümmern.

»Wohin gehen wir?«, fragte sie flüsternd.

»Ich gehe nach Amerika.«

»Nach Amerika! Wie?«

»Im Hafen liegt ein Schiff, das mit der Morgenflut Richtung Boston ausläuft – wenn es dunkel ist, klettere ich an einem Seil an Bord und verstecke mich in einem der Boote.«

»Du fährst als blinder Passagier«, sagte Maisie, und in ihrer Stimme schwang ebenso viel Angst wie Bewunderung mit.

»Genau.«

Als Maisie ihren Bruder betrachtete, sah sie zum ersten Mal, dass über seinen Lippen ein Bartflaum zu sprießen begann. Er wurde allmählich ein Mann, und eines Tages würde er den gleichen schwarzen Vollbart tragen wie Papa. »Wie lange dauert die Fahrt nach Amerika?«, fragte sie.

Er zögerte und wirkte ein wenig stur, als er antwortete: »Ich weiß nicht.«

Ihr ging auf, dass er sie nicht in seine Pläne einschloss, und ihr wurde elend und ängstlich zumute. »Wir bleiben also nicht zusammen«, sagte sie traurig.

Sein Blick war schuldbewusst, aber er widersprach ihr nicht. »Ich geb dir einen guten Tipp«, sagte er. »Geh nach Newcastle. Zu Fuß bist du in vier Tagen dort. Es ist eine große Stadt, größer noch als Danzig – dort fällst du keinem auf. Schneid dir die Haare kurz, klau dir ein Paar Hosen, und tu so, als wärst du ein Junge. Such dir einen Mietstall, und hilf, die Pferde zu versorgen – mit Pferden konntest du schon immer gut umgehen. Wenn du deine Sache gut machst, kriegst du Trinkgelder, und vielleicht stellen sie dich nach einer Weile sogar richtig ein.«

Maisie konnte sich nicht vorstellen, ganz auf sich allein gestellt zu sein.

»Ich würde lieber bei dir bleiben«, sagte sie.

»Das geht nicht. Es wird schon schwierig genug für mich alleine. Ich muss mich verstecken, mir was zu essen klauen und so. Da kann ich mich nicht auch noch um dich kümmern.«

»Du brauchtest dich nicht um mich zu kümmern. Und ich wäre mucksmäuschenstill.«

»Ich würde mir aber Sorgen um dich machen.«

»Aber mich ganz allein zu lassen macht dir keine Sorgen?«

»Von heute an müssen wir selber für uns sorgen!«, gab Danny schroff zurück.

Maisie erkannte, dass sie ihren Bruder nicht würde umstimmen können – das war ihr noch nie gelungen, wenn Danny sich erst einmal etwas in den Kopf gesetzt hatte.

Voller Furcht im Herzen fragte sie: »Wann sollen wir gehen? Morgen früh?«

Danny schüttelte den Kopf. »Jetzt gleich. Sobald es dunkel ist, muss ich mich an Bord schleichen.«

»Ist das wirklich nötig?«

»Ja.« Wie zum Beweis dafür stand er auf.

Maisie tat es ihm gleich. »Sollen wir irgendwas mitnehmen?«

»Was denn?«

Sie zuckte mit den Schultern. Sie besaß kein Kleid zum Wechseln, keine Erinnerungsstücke, nichts. Es gab auch kein Geld und keine Lebensmittel, die sie hätten mitnehmen können. »Ich möchte Mama einen Abschiedskuss geben«, sagte Maisie. »Lass es sein«, sagte Danny mit rauer Stimme. »Sonst kommst du nicht von hier weg.«

Er hatte recht. Wenn ich jetzt zu Mama gehe, klappe ich zusammen und erzähle ihr alles, dachte Maisie und schluckte heftig. »Also gut«, sagte sie, während sie mit den Tränen kämpfte. »Gehen wir.«

Seite an Seite schritten sie davon.

Am Ende der Straße hätte Maisie sich gerne noch einmal umgedreht und einen letzten Blick auf das Haus geworfen. Doch sie hatte Angst, sie könnte schwach werden und umkehren. Also ging sie weiter und drehte sich nicht mehr um.

Ausschnitt aus der Londoner Times:
DER CHARAKTER DES ENGLISCHEN SCHULJUNGEN

Der Stellvertretende Untersuchungsrichter von Ashton, Mr. H.S. Wasbrough, leitete gestern im Bahnhofshotel von Windfield die gerichtliche Untersuchungskommission zur Aufklärung der Todesursache im Falle des 13-jährigen Schülers Peter James St. John Middleton. Der Knabe war in einem stillgelegten Steinbruch, unweit der Windfield School, in einem Teich schwimmen. Zwei ältere Schüler hatten, wie dem Gericht mitgeteilt wurde, gemerkt, dass er in Schwierigkeiten geriet.

Einer der beiden, Miguel Miranda, gebürtig aus Cordoba, sagte als Zeuge aus, sein Begleiter, der 16-jährige Edward Pilaster, habe sich seiner Oberbekleidung entledigt und sei ins Wasser gesprungen, um den Jüngeren zu retten, jedoch ohne Erfolg.

Der Schulleiter von Windfield, Dr. Herbert Poleson, sagte aus, der Aufenthalt im Steinbruch sei den Schülern untersagt, doch es sei ihm bekannt, dass diese Anordnung gelegentlich übertreten werde. Die Jury kam zu dem Schluss, dass ein Unfalltod durch Ertrinken vorliege.

Abschließend verwies der Stellvertretende Untersuchungsrichter auf die Tapferkeit des Schülers Edward Pilaster, der versucht habe, seinem Freund das Leben zu retten, und sagte, der Charakter des englischen Schuljungen, geformt von Institutionen wie Windfield, sei ein Faktum, auf das wir mit Fug und Recht stolz sein dürften.

Micky Miranda war hingerissen von Edwards Mutter.

Augusta Pilaster war eine große, stattliche Frau in den Dreißigern. Sie hatte schwarzes Haar und schwarze Augenbrauen und ein hochmütiges Gesicht mit hohen Wangenknochen, einer geraden, scharf geschnittenen Nase und einer starken Kinnpartie. Strenggenommen war sie nicht schön und schon gar nicht hübsch, aber ihr stolzes Gesicht besaß eine unglaubliche Ausstrahlung. Zu der gerichtlichen Untersuchung trug sie einen schwarzen Mantel und einen schwarzen Hut, was die Dramatik ihres Auftritts noch verstärkte. Doch das eigentlich Faszinierende an ihr war der untrügliche Eindruck, dass sich unter ihren sittsamen Kleidern ein wollüstiger Körper verbarg und dass ihre arrogante, gebieterische Haltung eine leidenschaftliche Natur kaschierte. Micky vermochte sich ihrer Persönlichkeit nicht zu entziehen, ja, er konnte kaum den Blick von ihr wenden.

Neben ihr saß ihr Gatte Joseph, Edwards Vater, ein hässlicher Mann um die Vierzig, der unentwegt eine Leichenbittermiene zur Schau trug. Er besaß die gleiche Hakennase wie Edward und hatte den gleichen hellen Teint, doch seine blonden Haare wichen allmählich einer Glatze, für die der buschige Backenbart wohl einen Ausgleich schaffen sollte. Micky fragte sich, was eine so eindrucksvolle Frau dazu bewegt haben mochte, diesen unansehnlichen Mann zu heiraten. Nun ja, er hatte Geld, sehr viel Geld – das war wohl der Grund.

Sie saßen in einer Mietkutsche, die sie vom Bahnhofshotel in die Schule brachte: Mr. und Mrs. Pilaster, Edward und Micky sowie Dr. Poleson, der Schulleiter. Micky fand es erheiternd, dass auch der Direktor offensichtlich Augusta Pilasters Charme verfallen war. Er erkundigte sich, ob die Untersuchung sie ermüdet habe und ob sie sich in der Kutsche wohlfühle; er befahl dem Kutscher, langsamer zu fahren, und am Ende der Fahrt sprang er als Erster aus dem Wagen, um Mrs. Pilaster beim Aussteigen die Hand reichen zu können. Sein Bulldoggengesicht verriet eine Erregung, wie Micky sie noch nie an ihm beobachtet hatte.

Alles war gut gegangen bei der gerichtlichen Untersuchung. Obwohl Micky innerlich furchtbare Ängste ausgestanden hatte, hatte er eine Engelsmiene aufgesetzt, um die Geschichte zu erzählen, die Edward und er sich ausgedacht hatten. Die scheinheiligen Briten nahmen es unglaublich genau mit der Wahrheit, und wäre man ihm auf die Schliche gekommen, wäre er geliefert gewesen, so viel stand fest. Aber die Geschichte vom heldenhaften Internatsschüler hatte das Gericht dermaßen entzückt, dass niemand sie in Frage gestellt hatte. Edward war nervös gewesen und hatte bei seiner Aussage gestottert, doch der Untersuchungsrichter hatte auch dafür verständnisvolle Worte gefunden. Edward, so meinte er, sei wohl noch nicht darüber hinweggekommen, dass seinen Rettungsversuchen kein Erfolg beschieden war. Edward solle sich doch keine Vorwürfe machen …

Von den anderen Schülern war keiner vorgeladen worden. Hugh war noch am Tag des Unglücks aus der Schule genommen worden, weil sein Vater gestorben war. Von Tonio verlangte man keine Aussage, weil niemand wusste, dass er gesehen hatte, wie Peter starb. Micky hatte ihn unter fürchterlichen Drohungen zum Schweigen verdonnert. Zwar gab es noch einen unbekannten Zeugen, den Jungen, der am anderen Ende des Teichs gebadet hatte, doch der hatte sich nicht gemeldet.

Peters Eltern hatte der Schicksalsschlag so hart getroffen, dass sie nicht erschienen waren. Sie hatten ihren Anwalt geschickt, einen alten Mann mit verschlafenen Augen, dessen einziges Ziel es war, die Sache mit möglichst geringem Aufwand hinter sich zu bringen. Anwesend war lediglich Peters älterer Bruder David; er hatte sich ziemlich aufgeregt, als der Anwalt darauf verzichtete, Micky und Edward kritisch zu befragen. Mit einer abwehrenden Handbewegung wies der alte Mann Davids geflüsterten Protest zurück. Ein Glück, dachte Micky, und war dem Anwalt überaus dankbar für seine Trägheit. Er war sich ziemlich sicher, dass Edward schon bei der ersten skeptischen Frage in die Knie gegangen wäre.

Im staubigen Wohnzimmer des Direktors nahm Mrs. Pilaster Edward in die Arme und küsste ihn auf die Stirn, wo Tonios Stein eine Wunde hinterlassen hatte. »Mein armer, geliebter Junge«, sagte sie.

Von dem Steinwurf hatten Micky und Edward niemandem erzählt, denn dann hätten sie erklären müssen, was Tonio dazu veranlasst hatte. Nach ihrer Version hatte Edward sich den Kopf angeschlagen, als er nach Peter tauchte.

Beim Tee lernte Micky eine ganz neue Seite an seinem Freund kennen. Edward saß auf dem Sofa neben seiner Mutter. Unablässig tätschelte und streichelte Augusta ihren »Teddy«, doch statt peinlich davon berührt zu sein wie andere Jungen seines Alters, schien Edward das zu mögen und schenkte seiner Mutter sogar ein gewinnendes Lächeln, das Micky noch nie an ihm gesehen hatte. Sie ist richtig vernarrt in ihn, dachte Micky – und Edward gefällt das.

Nachdem man minutenlang nichts als belanglose Höflichkeiten ausgetauscht hatte, stand Mrs. Pilaster plötzlich auf und brachte damit die Männer ganz durcheinander. Hastig rappelten sie sich auf. »Sie wollen gewiss rauchen, Dr. Poleson«, sagte sie und, ohne seine Antwort abzuwarten, fuhr sie fort: »Mr. Pilaster wird Sie auf eine Zigarre in den Garten begleiten. Teddy, mein Lieber, du begleitest deinen Vater. Ich werde mir ein paar Minuten stiller Einkehr in der Kapelle gönnen. Vielleicht kann Micky mir den Weg dorthin zeigen.«

»Aber gewiss doch, aber gewiss doch«, stammelte der Direktor und überschlug sich geradezu in seinem Eifer, Augustas Befehlen unverzüglich nachzukommen. »Los, los, Miranda!«

Micky war beeindruckt. Wie mühelos diese Frau die Männer zum Spuren brachte! Er hielt ihr die Tür auf und folgte ihr hinaus.

In der Diele fragte er höflich: »Hätten Sie gerne einen Sonnenschirm, Mrs. Pilaster? Es ist recht heiß heute.«

»Nein, danke.«

Vor dem Haus des Direktors drückten sich eine Menge Jungen herum. Offenbar hatte sich die Neuigkeit, was für eine tolle Frau Pilasters Mutter war, wie ein Lauffeuer in der ganzen Schule verbreitet. Alle brannten darauf, sie zu sehen. Micky genoss es, dass er die Dame begleiten und durch die verschiedenen Höfe zur Kapelle führen durfte. »Soll ich hier draußen auf Sie warten?«, bot er an.

»Nein, komm mit herein. Ich will mit dir reden.«

Das Vergnügen, die faszinierende Frau herumzuführen, wich Unsicherheit und Nervosität. Was will sie von mir?, fragte sich Micky.

Die Kapelle war menschenleer. Mrs. Pilaster setzte sich in eine der hinteren Bänke und deutete auf den Platz neben ihr. Dann sah sie ihm geradewegs in die Augen und sagte: »Jetzt erzähl mir, wie es wirklich war.«

Augusta sah Überraschung und Furcht in den Augen des Jungen aufblitzen und wusste sofort, dass ihr Verdacht gerechtfertigt war.

Doch Micky hatte sich schon wieder gefangen. »Ich habe doch erzählt, wie es war«, lautete seine Antwort.

Sie schüttelte den Kopf. »Nein, das hast du nicht.«

Micky lächelte nur, und nun war es an Augusta, überrascht zu sein. Sie wusste, dass sie ihn ertappt und in die Defensive gedrängt hatte. Und doch war er imstande, sie anzulächeln! Nur wenige Männer hatten ihrer Willensstärke etwas entgegenzusetzen, und wie es schien, gehörte dieser Knabe trotz seiner Jugend bereits dazu. »Wie alt bist du?«, fragte sie.

»Sechzehn.«

Sie musterte ihn aufmerksam. Mit seinen dunkelbraunen Locken und der glatten Haut sah er geradezu aufregend gut aus, wenngleich die schweren Lider und die vollen Lippen einen Anflug von Dekadenz ahnen ließen. Seine Selbstsicherheit und seine glänzende Erscheinung erinnerten sie an den Grafen Strang …

Der Gedanke versetzte ihr einen Stich, und sie verdrängte ihn voller Schuldgefühle. »Peter Middleton war nicht in Gefahr, als ihr zu dem Teich kamt«, sagte sie. »Er schwamm putzmunter im Wasser herum.«

»Wie kommen Sie darauf?«, fragte Micky kühl zurück.

Sie spürte seine Angst – und doch blieb er vollkommen beherrscht. Der Junge war schon erstaunlich reif. Er zwang sie, gegen ihre Absicht mehr von ihrem Wissen preiszugeben, als sie vorgehabt hatte.

»Du vergisst, dass Hugh Pilaster dabei war«, sagte sie. »Er ist mein Neffe. Du hast wahrscheinlich gehört, dass sein Vater sich vergangene Woche das Leben genommen hat, deshalb ist Hugh heute nicht hier. Aber er hat seiner Mutter, also meiner Schwägerin, von dem Vorfall im Steinbruch erzählt.«

»Was hat er gesagt?«

Augusta runzelte die Stirn. »Er sagte, Edward hätte Peters Kleider ins Wasser geworfen«, gestand sie widerwillig. Es wollte ihr einfach nicht in den Kopf, wie Teddy so etwas tun konnte.

»Und dann?«

Augusta musste lächeln – der Junge drehte einfach den Spieß um. Statt sich von mir befragen zu lassen, horcht er mich aus!, dachte sie. »Erzähl du mir einfach, was passiert ist«, sagte sie.

Micky nickte. »Wie Sie wünschen.«

Seine Worte erleichterten und beunruhigten Augusta gleichermaßen. Sie wollte die Wahrheit wissen, fürchtete sich aber auch ein wenig davor. Armer Teddy, dachte sie bei sich, er wäre als Baby fast gestorben, weil mit meiner Milch etwas nicht stimmte. Er siechte dahin, bis der Arzt das Problem endlich erkannte und vorschlug, eine Amme einzustellen. Der arme Teddy ist heute noch genauso anfällig und empfindlich wie damals. Er braucht den Schutz seiner Mutter. Hätte ich meinen Willen durchgesetzt, hätte er niemals dieses Internat besuchen müssen, aber in diesem Punkt blieb sein Vater einfach unnachgiebig. Augusta wandte ihre Aufmerksamkeit wieder Micky zu.

»Edward hatte nichts Böses im Sinn«, begann er. »Es war reiner Unfug. Ich meine, dass er die Kleider der Jungen ins Wasser geworfen hat, war ein Scherz.«

Augusta nickte. Soweit klang alles ganz verständlich. Jungs in diesem Alter kabbelten sich ja ständig. Sicher haben sie auch den armen Teddy immer geärgert, dachte sie.

»Dann stieß Hugh Edward ins Wasser.«

»Der kleine Hugh war schon immer ein Unruhestifter«, sagte Augusta. »Er ist keinen Deut besser als sein erbärmlicher Vater.« Dabei dachte sie: Mit ihm wird es wahrscheinlich das gleiche böse Ende nehmen.

»Die anderen lachten, und da hat Edward Peters Kopf unter Wasser getunkt, um ihm eine Lektion zu erteilen. Hugh ist davongerannt, und Tonio warf mit einem Stein nach Edward.«

Augusta war entsetzt. »Er hätte das Bewusstsein verlieren und ertrinken können!«

»Hat er aber nicht. Stattdessen setzte er Tonio nach. Ich hab ihnen zugesehen. Auf Peter Middleton hat kein Mensch mehr geachtet. Tonio ist Edward schließlich ausgebüxt, und erst da merkten wir, dass Peter keinen Mucks mehr von sich gab. Wir wissen wirklich nicht, was ihm zugestoßen ist. Vielleicht verlor er die Kraft, als Edward ihn unter Wasser drückte, und bekam nicht mehr genug Luft, um noch ans Ufer zu schwimmen. Jedenfalls trieb er mit dem Gesicht nach unten im Wasser. Wir holten ihn sofort heraus, aber er war schon tot.«

Dafür konnte Edward eigentlich nichts, dachte Augusta. Unter den Jungen sind solche rohen Spiele doch üblich! Dennoch empfand sie große Dankbarkeit, dass diese Geschichte bei der Untersuchung nicht zur Sprache gekommen war. Micky hatte Edward gedeckt, dem Himmel sei Dank! »Was ist mit den anderen, die dabei waren?«, fragte sie. »Sie müssen doch wissen, was los gewesen ist.«

»Wir hatten Glück, dass Hugh noch am gleichen Tag die Schule verließ.«

»Und der andere Junge – Tony, nicht wahr?«

»Antonio Silva, kurz Tonio. Keine Sorge. Der ist ein Landsmann von mir und tut, was ich ihm sage.«

»Wie kannst du dir da so sicher sein?«

»Wenn er mir hier Schwierigkeiten macht, wird seine Familie zu Hause dafür büßen müssen. Das weiß er.«

Mickys Stimme klang auf einmal eiskalt. Augusta schauderte.

»Soll ich Ihnen einen Umhang holen?«, fragte Micky aufmerksam.

Augusta schüttelte den Kopf. »Und sonst hat niemand gesehen, was passiert ist?«

Micky runzelte die Stirn. »Als wir ankamen, schwamm noch ein vierter Junge im Teich.«

»Wer war das?«

Er schüttelte den Kopf. »Ich konnte sein Gesicht nicht erkennen«, sagte er. »Ich hatte ja keine Ahnung, dass es später wichtig sein würde.«

»Hat er gesehen, was passiert ist?«

»Das weiß ich nicht. Ich kann nicht genau sagen, wann er weggegangen ist.«

»Er war schon fort, als ihr die Leiche aus dem Wasser holtet?«

»Ja.«

»Wenn wir nur wüssten, wer das war«, sagte Augusta sorgenvoll.

»Vielleicht war er gar nicht von der Schule«, erwog Micky. »Er kann ebenso gut aus der Stadt sein. Aber wie auch immer – er hat sich nicht als Zeuge gemeldet, also kann er uns wohl kaum gefährlich werden.«

Er kann uns wohl kaum gefährlich werden.

Mit einem Schlag wurde Augusta klar, dass sie sich mit diesem Jungen auf etwas Unehrenhaftes, ja womöglich sogar Gesetzwidriges eingelassen hatte. Was für eine unangenehme Situation! Blind war sie in die Falle getappt, die Miguel Miranda ihr gestellt hatte.

Mit strengem Blick sagte sie: »Was willst du?«

Zum ersten Mal hatte sie ihn überrumpelt. Er wirkte verwirrt, als er fragte: »Wie meinen Sie das?«

»Du hast meinen Sohn gedeckt. Du hast heute einen Meineid geschworen.« Ihre Direktheit brachte ihn aus dem Gleichgewicht. Augusta nahm es befriedigt zur Kenntnis: Jetzt hatte sie das Heft wieder in der Hand. »Ich glaube nicht, dass du das aus reiner Herzensgüte getan hast. Ich glaube, du erwartest eine Gegenleistung. Warum sagst du mir nicht einfach, was du willst?«

Sie sah, wie sein Blick sekundenlang auf ihrem Busen verweilte. Einen irrwitzigen Augenblick lang glaubte sie, er wolle ihr einen unanständigen Antrag machen.

»Ich möchte gerne die Sommerferien bei Ihnen verbringen«, sagte Micky.

Das hatte sie nicht erwartet. »Warum?«

»Ich brauche sechs Wochen für den Heimweg. Deshalb muss ich in den Ferien in der Schule bleiben, ganz allein. Das ist entsetzlich langweilig. Für mich gäbe es nichts Schöneres, als den Sommer mit Edward zu verbringen. Laden Sie mich ein?«

Urplötzlich war er wieder ein ganz normaler Schuljunge. Augusta hatte schon damit gerechnet, er würde Geld fordern oder eine Anstellung beim Bankhaus Pilaster. Und dann dieser harmlose, beinahe kindische Wunsch!

Nun ja, ihm liegt wohl wirklich sehr daran, dachte sie. Schließlich ist er ja auch erst sechzehn.

»Es freut uns, wenn du deine Ferien bei uns verbringst«, sagte sie. Der Vorschlag war ihr gar nicht unangenehm. Micky Miranda war ein Filou, gewiss, und in seiner Art nicht zu unterschätzen. Aber er verfügte über perfekte Manieren und sah gut aus: ein angenehmer Gast. Vielleicht, dachte Augusta, übt er ein wenig Einfluss auf Edward aus. Wenn Teddy einen Fehler hatte, dann war es seine Ziellosigkeit. Micky war das genaue Gegenteil von ihm, und vielleicht übertrug sich ja ein wenig von seiner Willensstärke auf Teddy.

Micky lächelte strahlend. »Vielen Dank«, sagte er. Seine Freude wirkte aufrichtig.

»Du kannst jetzt gehen«, sagte Augusta. Sie wollte noch eine Weile allein bleiben und über das Gehörte nachdenken. »Ich finde selbst wieder zurück.«

Er erhob sich von der Bank, in der sie saßen. »Ich danke Ihnen sehr«, sagte er und streckte ihr die Hand entgegen.

Augusta schüttelte sie. »Ich bedanke mich bei dir. Du hast Teddy beschützt.«

Er verneigte sich, als wolle er ihr die Hand küssen, doch zu Augustas großer Verblüffung küsste er sie auf den Mund. Es ging so schnell, dass ihr keine Zeit blieb, sich abzuwenden. Sie wollte protestieren, doch bevor ihr die richtigen Worte einfielen, hatte er sich schon wieder aufgerichtet und war gegangen.

Empörend!, dachte sie. Nein, küssen hätte er mich nicht dürfen, schon gar nicht auf den Mund! Für wen hielt sich der Bengel eigentlich?

Im ersten Moment hätte sie ihre Ferieneinladung am liebsten wieder rückgängig gemacht, aber das ging natürlich nicht.

Warum eigentlich nicht?, fragte sie sich. Warum kann ich nicht von dieser Einladung zurücktreten? Ein Schuljunge hat sich unverschämt benommen, also lädt man ihn wieder aus.

Aber Augusta Pilaster war sich ihrer Sache keineswegs sicher, und das nicht nur deshalb, weil Micky ihrem Teddy eine üble Schmach erspart hatte. Es war viel schlimmer: Sie hatte sich mit ihm auf eine kriminelle Verschwörung eingelassen und war ihm nun ausgeliefert.

Micky Miranda hatte sie in der Hand.

Noch lange saß Augusta in dem kühlen Gotteshaus, starrte die kahlen Wände an und fragte sich beklommen, wie dieser hübsche, frühreife Knabe seine Macht nutzen würde.

TEIL I – MAI 1873

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1. KAPITEL

Micky Miranda war dreiundzwanzig, als sein Vater nach London kam, um Waffen zu kaufen.

Señor Carlos Raul Xavier Miranda – für Micky seit jeher nur »Papa« – war ein kleiner, gedrungener Mann mit ausladenden Schultern. Aggressivität und Brutalität hatten tiefe Furchen in sein gebräuntes Gesicht gegraben. Im Sattel auf seinem kastanienbraunen Hengst, in ledernen chaparajos und Sombrero, mochte er eine eindrucksvolle, ehrfurchtgebietende Figur abgeben – hier jedoch, im Hyde Park, angetan mit Gehrock und Zylinder, kam er sich vor wie ein Idiot. Entsprechend übel war seine Laune. In diesem Zustand war er unberechenbar.

Sie sahen einander nicht ähnlich. Micky war groß und schlank und besaß regelmäßige Gesichtszüge. Wenn er etwas wollte, erreichte er es gewöhnlich mit einem Lächeln, nicht mit einem Stirnrunzeln. Er liebte die Annehmlichkeiten des Lebens in London über alles: schöne Kleidung, gute Manieren, linnene Bettwäsche und sanitäre Anlagen. Seine größte Sorge war, Papa könnte es sich in den Kopf gesetzt haben, ihn wieder mit nach Cordoba zu nehmen. Allein der Gedanke, seine Tage wieder im Sattel verbringen und des Nachts auf hartem Boden schlafen zu müssen, war Micky unerträglich – von der Aussicht, wieder unter die Fuchtel seines älteren Bruders Paulo zu geraten, der eine jüngere Ausgabe von Papa war, gar nicht erst zu reden. Sollte Micky eines Tages nach Cordoba zurückkehren, dann aus eigenem Entschluss und als bedeutender Mann, nicht als der jüngere Sohn von Papa Miranda. Er musste also seinen Vater davon überzeugen, dass er ihm hier in London mehr nutzen konnte als zu Hause.

Es war ein sonniger Samstagnachmittag, und sie flanierten über den South Carriage Drive. Der Park war bevölkert mit vielen gutgekleideten Londonern, die zu Fuß, zu Pferd und in offenen Kutschen das schöne Wetter genossen. Nur Papa war nicht in Genießerlaune. »Ich muss diese Gewehre bekommen!«, brummte er auf Spanisch gleich zweimal vor sich hin.

Micky antwortete in der gleichen Sprache. »Du könntest sie zu Hause kaufen«, bemerkte er versuchshalber.

»Zweitausend Stück?«, schnaubte Papa. »Ja, könnte ich wohl, aber dann pfeifen es die Spatzen von allen Dächern.«

Er wollte es also geheim halten. Micky hatte keine Ahnung, was Papa im Schilde führte. Der Preis für zweitausend Gewehre, zuzüglich der erforderlichen Munition, würde wahrscheinlich das gesamte Barvermögen der Familie verschlingen. Wozu brauchte Papa auf einmal so viele Waffen? Seit dem inzwischen legendären »Marsch der Gauchos«, als Papa seine Männer über die Anden geführt hatte, um die Provinz Santamaria von der spanischen Herrschaft zu befreien, hatte es in Cordoba keinen Krieg mehr gegeben. Und für wen waren die Waffen bestimmt? Alles in allem zählten Papas Gauchos, Verwandte, Pöstchenhalter und sonstige Anhänger keine tausend Köpfe. Papa hatte also vor, noch mehr Männer zu rekrutieren. Aber gegen wen wollten sie kämpfen? Darüber hatte er sich nicht geäußert, und Micky wollte ihn auch nicht danach fragen. Er fürchtete sich vor der Antwort.

Stattdessen sagte er jetzt: »Wie dem auch sei, Waffen von solcher Qualität bekommst du zu Hause ohnehin nicht.«

»Das stimmt«, sagte Papa. »Die Westley-Richards ist die beste Flinte, die ich je gesehen habe.«

Micky hatte Papa bei der Auswahl der Gewehre helfen können. Waffen aller Art hatten ihn schon immer fasziniert, und er hielt sich stets auf dem Laufenden, was die neuesten technischen Entwicklungen betraf. Was Papa brauchte, waren kurzläufige Gewehre, die auch für einen Reiter nicht zu unhandlich waren. Gemeinsam hatten sie die Fabrik in Birmingham besucht, in der die Westley-Richards-Karabiner hergestellt wurden, Hinterlader mit einem geschwungenen Abzugshebel, der ihnen den Spitznamen »Affenschwanz« eingetragen hatte.

»Außerdem arbeitet die Firma sehr schnell«, sagte Micky.

»Ich hatte mit einem halben Jahr Lieferfrist gerechnet. Aber sie brauchen nur ein paar Tage!«

»Das liegt an den amerikanischen Maschinen, die sie benutzen.« In früheren Zeiten, als die Feuerwaffen noch von Waffenschmieden mehr oder minder passend zusammengesetzt wurden, hätte es in der Tat ein halbes Jahr gedauert, zweitausend Gewehre zu bauen. Doch die modernen Werkzeugmaschinen arbeiteten so präzise, dass jedes Einzelteil eines bestimmten Modells genau zu allen anderen Einzelteilen passte. Eine gut ausgerüstete Fabrik konnte täglich Hunderte vollkommen identischer Gewehre herstellen, als handle es sich um Nähnadeln.

»Und die Maschine erst, die zweihunderttausend Patronen pro Tag herstellt!«, sagte Papa und schüttelte verwundert den Kopf. Doch dann schlug seine Laune wieder um, und er brummte grimmig: »Aber wie können die Geld verlangen, bevor sie liefern?«

Papa begriff nicht, wie der internationale Handel funktionierte. Er hatte sich eingebildet, der Fabrikant würde die Waffen nach Cordoba liefern und dort die Bezahlung entgegennehmen. In Wirklichkeit lief es genau andersherum: Die Zahlung war fällig, bevor die Waffen die Fabrik in Birmingham verließen.

Papa weigerte sich, Fässer voller Silbermünzen per Schiff über den Atlantik zu schicken. Mehr noch, er sah sich einfach nicht imstande, das gesamte Familienvermögen aus der Hand zu geben, bevor die Waffenlieferung sicher in Cordoba angekommen war.

»Es wird sich schon eine Lösung finden«, sagte Micky beschwichtigend. »Dafür sind Handelsbanken schließlich da.«

»Erklär mir das noch mal«, sagte Papa. »Ich will genau wissen, wie das gehandhabt wird.«

Es freute Micky, dass er seinem Vater etwas beibringen konnte. »Die Bank begleicht die Rechnung der Fabrik in Birmingham und kümmert sich darum, dass die Waffen nach Cordoba verschifft werden und auf der Fahrt ordnungsgemäß versichert sind. Wenn sie angekommen sind, wird die Bank in ihrer Niederlassung in Cordoba deine Bezahlung entgegennehmen.«

»Aber dann muss die Bank das Silber nach England verschiffen.«

»Nicht unbedingt. Vielleicht bezahlt sie damit eine Fracht Pökelfleisch von Cordoba nach London.«

»Aber wie wollen diese Bankleute davon leben?«

»Sie schneiden sich überall ein Scheibchen Profit ab. Sie handeln mit dem Waffenfabrikanten einen herabgesetzten Preis aus, berechnen eine Vermittlungsgebühr für Fracht und Versicherung und lassen sich von dir den vollen Preis für die Gewehre bezahlen.«

Papa nickte. Obwohl er versuchte, sich nichts anmerken zu lassen, war er beeindruckt. Micky spürte es und war glücklich.

Sie verließen den Park, überquerten die Kensington Gore und erreichten das Haus, das Joseph und Augusta Pilaster gehörte.

In den sieben Jahren, die seit Peter Middletons Tod vergangen waren, hatte Micky all seine Ferien bei den Pilasters verbracht. Nach Schulabschluss hatte er sich mit Edward für ein Jahr auf eine Reise durch Europa begeben und war danach drei Jahre lang Edwards Zimmergenosse an der Universität von Oxford gewesen, wo sie sich nur im äußersten Notfall ihren Studien, hauptsächlich aber ihren Zechgelagen und dem Glücksspiel widmeten und keine Gelegenheit ausließen, Unruhe zu stiften.

Micky hatte Augusta nie wieder geküsst, obwohl er es gerne getan hätte. Er hätte sogar gerne mehr getan, als sie nur zu küssen. Und er spürte, dass sie ihm das vielleicht sogar erlaubt hätte. Denn er war davon überzeugt, dass unter dem Firnis ihrer eisigen Arroganz das heiße Herz einer leidenschaftlichen, sinnlichen Frau schlug. Aus reiner Berechnung hatte Micky sich zurückgehalten. Dass es ihm gelungen war, von einer der reichsten Familien Englands beinahe wie ein Sohn aufgenommen zu werden, war ein unschätzbarer Vorteil. Es wäre heller Wahnsinn gewesen, Joseph Pilasters Ehefrau zu verführen und damit diese Vorzugsstellung zu gefährden. Trotzdem träumte er immer wieder davon.

Edwards Eltern waren erst kürzlich in ihr neues Haus gezogen. Auf der Südseite der Kensington Gore, vor nicht allzu langer Zeit noch eine Landstraße, die von Mayfair durch die Felder in das Dorf Kensington geführt hatte, reihte sich inzwischen Villa an Villa, eine großartiger und prächtiger als die andere. Auf der Nordseite lagen der Hyde Park und die Gärten von Kensington Palace. Für eine reiche Bankiersfamilie war diese Umgebung geradezu ideal.

Der Baustil des pilasterschen Hauses sagte Micky dagegen weniger zu.

Erstaunlich war das Haus aus roten Ziegeln und weißen Natursteinen auf jeden Fall. Große bleiverglaste Fenster zierten das Erdgeschoss und den ersten Stock, über dem ein hoher Dreiecksgiebel mit drei Reihen Fenstern aufragte: sechs in der untersten Reihe, vier in der mittleren und zwei weitere in der Giebelspitze. Vermutlich verbargen sich dahinter Schlafzimmer für unzählige Verwandte, Gäste und Dienstboten. Auf jeder Treppe des Giebels ruhte ein in Stein gehauenes Tier: Löwen, Drachen und Affen. Die Spitze des Giebels trug ein gemeißeltes Schiff, das unter vollen Segeln stand. Vermutlich stellte es das Sklavenschiff dar, auf das sich, der Familienlegende zufolge, der pilastersche Wohlstand gründete.

»Ein zweites Haus wie dieses findest du in ganz London nicht«, sagte Micky. Sie waren stehen geblieben und betrachteten das Gebäude.

Papa antwortete auf Spanisch: »Das ist zweifellos der Eindruck, den die Dame erwecken wollte.«

Micky nickte. Papa kannte Augusta noch nicht, schätzte sie aber offensichtlich richtig ein.

Das Haus verfügte über ein großes Untergeschoss. Über dem umlaufenden Fensterschacht führte eine Brücke zur Eingangstür. Sie stand offen. Vater und Sohn Miranda traten ein.

Augusta hatte zum Nachmittagstee geladen, um ihr neues Haus vorzuführen. Gäste und Dienstpersonal drängten sich in der eichengetäfelten Eingangshalle. Micky und sein Vater gaben ihre Hüte einem Diener und bahnten sich dann ihren Weg durch die Menge in das weitläufige Wohnzimmer im rückwärtigen Teil des Hauses. Die Flügeltüren standen offen, und die Gäste verteilten sich auf der Terrasse und in dem langgestreckten Garten.

Zur Einführung seines Vaters im Hause Pilaster hatte Micky ganz bewusst eine Gelegenheit wie diese abgepasst. In der großen Gesellschaft fiel Papa nicht so auf. Seine Manieren entsprachen nicht unbedingt dem, was man in gehobenen Londoner Kreisen gewohnt war. Die Pilasters sollten Papa deshalb erst allmählich kennenlernen. Selbst in Cordoba, wo geringere Ansprüche gestellt wurden, gab Papa wenig auf feine Umgangsformen. In London seinen Begleiter spielen zu müssen war mitunter, als führe man einen wilden Löwen an der Leine. Papa weigerte sich, seine Pistole abzulegen, er trug sie ständig unter dem Jackett.

Augusta musste Micky ihm nicht erst zeigen.

Die Dame des Hauses stand in der Mitte des Salons. Sie trug ein königsblaues Seidengewand mit weitem eckigem Ausschnitt, der den Ansatz des Busens frei ließ. Als Papa ihre Hand ergriff, bedachte sie ihn mit einem hypnotischen Blick aus ihren dunklen Augen und sagte mit leiser, samtener Stimme: »Señor Miranda – was für eine Freude, Sie endlich kennenzulernen.«

Papa war sofort hingerissen von ihr. Er beugte sich tief über ihre Hand. »Sie waren so freundlich zu Miguel. Das kann ich nie wieder gutmachen«, sagte er in stockendem Englisch.

Micky spürte genau, wie Augusta seinen Vater in ihren Bann zog. Sie hatte sich kaum verändert seit jenem Tag, da er sie in der Kapelle von Windfield geküsst hatte. Die wenigen neuen Fältchen um ihre Augen machten sie nur noch faszinierender, der Silberhauch in ihrem Haar betonte nur dessen nachtdunkle Schwärze. Gewiss, sie mochte ein wenig gewichtiger sein als früher, doch ihr Körper wirkte dadurch noch üppiger, noch verführerischer.

»Micky hat mir oft von Ihrer großartigen Hazienda erzählt«, sagte sie zu Papa.

Der senkte die Stimme. »Sie müssen uns eines Tages besuchen.« Da sei Gott vor, dachte Micky. Augusta in Cordoba – sie wäre dort ungefähr so fehl am Platz wie ein Flamingo in einem Kohlenbergwerk.

»Vielleicht werde ich das tun«, sagte Augusta. »Wie weit ist es denn bis dorthin?«

»Mit den schnellen neuen Schiffen dauert die Überfahrt nur noch vier Wochen.«

Noch immer hielt Papa ihre Hand, und seine Stimme schnurrte wie eine Katze. Er war ihr längst ins Netz gegangen. Micky spürte die Eifersucht wie einen Stich. Wenn hier jemand mit Augusta flirten darf, dann allenfalls ich, dachte er, nicht Papa.

»Wie ich hörte, soll Cordoba ein schönes Land sein«, sagte sie.

Micky hoffte inständig, dass Papa nicht in irgendein Fettnäpfchen treten würde. Wenn es ihm in den Kram passte, konnte er durchaus charmant sein, und tatsächlich schien er sich, Augusta zuliebe, in der Rolle des romantischen südamerikanischen Grande zu gefallen. »Ich verspreche Ihnen, wir werden Sie dort wie eine Königin empfangen«, sagte er mit tiefer Stimme, und jetzt war es offenkundig, dass er ihr schöne Augen machte, »ganz wie es Ihnen gebührt.«

Augusta war ihm durchaus gewachsen. »Sie führen mich direkt in Versuchung«, sagte sie mit schamloser Unaufrichtigkeit über Papas Kopf hinweg. Im gleichen Moment entzog sie ihm ihre Hand und rief über seine Schulter: »Ah, Captain Tillotson, wie reizend, dass Sie kommen konnten!« Und schon wandte sie sich ab, um ihren neuesten Gast zu begrüßen.

Papa stand hilflos da und brauchte einen Moment, um sich wieder zu fassen. Dann befahl er brüsk: »Bring mich zum Direktor der Bank.«

»Sofort«, sagte Micky nervös und sah sich nach dem alten Seth um. Der ganze Pilaster-Clan war anwesend, einschließlich sämtlicher altjüngferlicher Tanten, Neffen und Nichten, Schwägerinnen und Schwäger sowie der Cousins und Cousinen ersten und zweiten Grades. Micky erkannte zwei Parlamentsabgeordnete und ein paar Angehörige des niederen Adels. Die meisten anderen Gäste waren sogenannte »Geschäftsverbindungen«, schätzte Micky – oder Konkurrenten, dachte er, als er die hagere, aufrechte Gestalt Ben Greenbournes sah, des Leiters der gleichnamigen Bank, von dem es hieß, er sei der reichste Mann der Welt. Er war der Vater Solomons, des Jungen, den Micky als »Fatty« Greenbourne gekannt hatte. Seit ihrer Schulzeit waren sie einander nicht mehr begegnet: Fatty hatte weder an der Universität studiert noch eine Europareise unternommen, sondern war sofort in die väterliche Bank eingetreten.

Während es in der Aristokratie als vulgär galt, über Geld zu sprechen, kannten diese Männer keine derartigen Vorbehalte. Immer wieder hörte Micky das Wort Crash, »Zusammenbruch«. Die Zeitungen sprachen mitunter auch vom Krach, hatte das Ganze doch in Österreich begonnen. Nach Auskunft Edwards, der erst kürzlich in der Familienbank angefangen hatte, waren die Aktienkurse gesunken, und der Diskontsatz stand hoch. Manche Leute waren durch die Entwicklung sehr beunruhigt, doch die Pilasters glaubten zuversichtlich, dass Wien London nicht mit in den Abgrund reißen würde.

Micky führte Papa durch die Flügeltüren auf die Terrasse, wo man im Schatten gestreifter Markisen Holzbänke aufgestellt hatte. Dort saß auch der alte Seth. Trotz des warmen Frühlingswetters lag eine Decke über seinen Knien. Er war noch geschwächt von einer nicht näher benannten Krankheit und wirkte zerbrechlich wie ein rohes Ei, doch dank der charakteristischen Hakennase der Pilasters war er allemal eine Respekt einflößende Erscheinung.

Eine Besucherin bemerkte gerade überschwänglich: »Wie schade, Mr. Pilaster, dass Sie sich nicht wohl genug fühlen, um am königlichen Empfang teilzunehmen!«

Micky hätte der Dame sagen können, dass diese wohlgemeinte Bemerkung an einen Pilaster verschwendet war.

Und prompt grummelte der alte Seth: »Ganz im Gegenteil, ich bin froh über diese Ausrede. Ich sehe nicht ein, dass ich meine Knie vor Leuten beugen soll, die in ihrem ganzen Leben noch keinen Penny verdient haben.«

»Aber der Prinz von Wales – diese Ehre!«

Doch Seth war nicht empfänglich für Argumente – das war er ohnehin nur selten – und erwiderte: »Meine liebe junge Dame, der Name Pilaster gilt selbst in Gegenden, wo noch niemand etwas vom Prinzen von Wales gehört hat, als allgemein anerkannte Garantie für ehrenhaften Handel.«

»Aber Mr. Pilaster, das klingt ja beinahe, als lehnten Sie die königliche Familie ab!«, ereiferte sich die Frau und versuchte angestrengt, ihren heiteren Ton beizubehalten.

Seth hingegen hatte seit siebzig Jahren keinen Sinn für Heiterkeit.

»Ich missbillige Müßiggang«, sagte er. »In der Bibel heißt es: ›Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen.‹ Das hat der heilige Paulus geschrieben, in seinem zweiten Brief an die Thessaloniker, Kapitel drei, Vers zehn. Er hat demonstrativ darauf verzichtet, königliche Hoheiten von dieser Regel auszunehmen.«

Verwirrt zog sich die Dame zurück. Micky unterdrückte ein Grinsen und sagte: »Mr. Pilaster, darf ich Ihnen meinen Vater vorstellen, Señor Carlos Miranda, der aus Cordoba zu Besuch gekommen ist.«

Seth schüttelte Papa die Hand. »Aus Cordoba, wie? Meine Bank unterhält eine Niederlassung in Ihrer Hauptstadt Palma.«

»Ich komme nur selten in die Hauptstadt«, sagte Papa. »Ich besitze eine Hazienda in der Provinz Santamaria.«

»Demnach handeln Sie mit Rindfleisch.«

»Richtig.«

»Investieren Sie in Kühlung.«

Micky erkannte Papas Verblüffung und erklärte rasch: »Irgendjemand hat eine Maschine erfunden, mit der sich Fleisch kühl halten lässt. Wenn sich diese Maschine in Schiffe einbauen lässt, können wir unser Fleisch ungepökelt in die ganze Welt verschicken.«

Papa runzelte die Stirn. »Das könnte sich als schlecht für uns erweisen. Ich habe eine große Pökelanlage.«

»Reißen Sie sie ab«, sagte Seth. »Investieren Sie in Kühlanlagen.«

Papa mochte es ganz und gar nicht, wenn ihm andere sagten, was er zu tun und zu lassen hatte. Mickys Nervosität kehrte zurück. Nach einem raschen Seitenblick entdeckte er Edward und sagte: »Papa, ich möchte dir meinen besten Freund vorstellen.« Es gelang ihm, seinen Vater von Seth abzulenken und wegzuführen. »Erlaube mir, dir Edward Pilaster vorzustellen.«

Papa musterte Edward mit kühlem, klarsichtigem Blick. Der junge Mann sah nicht sonderlich gut aus – er geriet nach dem Vater, nicht nach der Mutter –, wirkte aber wie ein gesunder Junge vom Land, ein kräftiger Bursche mit hellem Teint. Die langen Nächte und der unmäßige Weingenuss hatten noch keinen Tribut gefordert – bisher jedenfalls nicht. Papa gab Edward die Hand und bemerkte: »Ihr beide seid also schon seit vielen Jahren Freunde.«

»Seelenverwandte«, erwiderte Edward.

Papa verstand ihn nicht und runzelte die Stirn, sodass Micky rasch dazwischenfuhr: »Können wir einen Augenblick fürs Geschäft erübrigen?«

Sie traten von der Terrasse auf den neu angelegten Rasen. Die Randbeete waren erst jüngst bepflanzt worden, sodass zwischen den winzigen Sträuchern noch viel nackte Erde zu sehen war. »Papa hat hier einige Großeinkäufe getätigt«, erklärte Micky. »Wir müssen nun die Fracht und die Finanzierung arrangieren. Das könnte der erste Geschäftsvorgang sein, den du in eure Familienbank einbringst.«

Edward horchte auf. »Es wird mir eine Freude sein, das für Sie zu erledigen«, sagte er zu Papa. »Könnten Sie morgen Vormittag in die Bank kommen? Wir werden dann alles Notwendige in die Wege leiten.«

»Ich werde kommen.«

»Verrat mir eins, Edward«, bat Micky. »Was passiert, wenn das Schiff sinkt? Wer trägt den Verlust – wir oder die Bank?«

»Weder – noch«, sagte Edward glatt. »Die Fracht wird bei Lloyds versichert. Wir lassen uns dann die Versicherungssumme auszahlen und senden eine neue Fracht an euch. Ihr zahlt erst, wenn ihr die Ware habt. Worum handelt es sich übrigens?«

»Um Gewehre.«

Edward zog ein langes Gesicht. »Oh … in diesem Fall können wir euch leider nicht helfen.«

Das war Micky ein Rätsel. »Warum?«

»Wegen des alten Seth. Du weißt, er ist Methodist. Na ja, das sind wir alle, die ganze Familie, aber er ist in dieser Hinsicht strenger als die anderen. Waffenkäufe finanziert er nicht, auf keinen Fall. Und da er der Senior unter den Teilhabern ist, ist das auch die offizielle Politik der Bank.«

»Teufel auch!«, fluchte Micky und streifte seinen Vater mit einem furchtsamen Blick, doch der hatte Gott sei Dank nicht zugehört. Micky verspürte ein flaues Gefühl im Magen. Sein Plan durfte doch nicht an Seths dämlicher Religion scheitern! »Der verdammte alte Heuchler steht doch schon mit einem Fuß im Grabe. Was mischt er sich da noch ein?«

»Er wird sich bald von den Geschäften zurückziehen«, erklärte Edward. »Aber ich nehme an, dass Onkel Samuel sein Nachfolger wird, und der hat die gleiche Einstellung.«

Das war ja noch schöner! Samuel war Seths Sohn, ein Junggeselle von dreiundfünfzig Jahren, der sich allerbester Gesundheit erfreute.

»Dann werden wir uns wohl eine andere Handelsbank suchen müssen«, meinte Micky.

»Das sollte euch keine Schwierigkeiten machen«, erwiderte Edward, »vorausgesetzt, ihr könnt zwei solide Referenzen vorlegen.«

»Referenzen? Wozu?«

»Nun ja, jede Bank trägt das Risiko, dass ein Kunde sich nicht an die Vereinbarungen hält. Dann sitzt die Bank am anderen Ende der Welt auf einer Fracht, mit der sie nichts anfangen kann. Sie braucht also eine gewisse Rückversicherung, dass sie es mit einem soliden Geschäftsmann zu tun hat.«

Edward war sich nicht im Klaren darüber, dass es in Südamerika so etwas wie einen »soliden Geschäftsmann« nicht gab.

Papa Miranda war ein Caudillo, ein Landbesitzer aus der Provinz, der über hunderttausend Morgen Pampa und eine Heerschar von Gauchos gebot, die ihm gleichzeitig als Privatarmee diente. Seine Herrschaft übte er auf eine Art und Weise aus, wie sie die Briten seit dem frühen Mittelalter nicht mehr erlebt hatten. Da konnten sie ihre Referenzen ja gleich von Wilhelm dem Eroberer erbitten!

Edward gegenüber gab Micky sich ungerührt. »Wir werden schon das Richtige vorlegen«, sagte er. In Wirklichkeit war er vollkommen ratlos. Doch wenn er in London bleiben wollte, musste er sich etwas einfallen lassen und dafür sorgen, dass das geplante Geschäft doch noch zustande kam.

Sie machten kehrt und schlenderten wieder auf die überfüllte Terrasse zu. Papa hatte bis jetzt noch nicht mitbekommen, dass das Geschäft gefährdet war, doch Micky wusste, dass er ihm bald reinen Wein einschenken musste – und dann war bestimmt die Hölle los. Für Misserfolge brachte Papa keine Geduld auf, und er war schrecklich in seinem Zorn.

Augusta erschien auf der Terrasse und wandte sich an Edward. »Teddy, sei so lieb und such mir Hastead«, bat sie ihn. Hastead war ihr willfähriger walisischer Butler. »Es ist kein Fruchtsaft mehr da, und der elende Kerl ist wie vom Erdboden verschluckt.« Edward kam ihrer Bitte umgehend nach, und Augusta beehrte Papa mit einem herzlichen, vertraulichen Lächeln. »Gefällt es Ihnen auf unserer kleinen Gesellschaft, Señor Miranda?«

»Danke, ganz ausgezeichnet«, sagte Papa.

»Sie müssen unbedingt noch eine Tasse Tee oder ein Glas Fruchtsaft trinken.«

Tequila wäre Papa lieber, dachte Micky. Aber da war nichts zu machen. Methodisten pflegten bei ihren Teegesellschaften keine alkoholischen Getränke anzubieten.

Augustas Blick fiel auf Micky. Ihr feines Gespür für die Stimmungen anderer ließ sie sofort erkennen, dass mit Micky etwas nicht stimmte. »Ich sehe, dass du dich nicht amüsierst«, sagte sie. »Was ist los?«

Ohne das geringste Zögern vertraute er sich ihr an. »Ich hatte gehofft, Edward mit Papas Hilfe einen neuen Geschäftsabschluss für die Bank zu verschaffen. Aber es geht um Waffen und Munition. Edward erklärte mir soeben, dass Onkel Seth dergleichen nicht finanziert.«

»Seth wird nicht mehr lange Seniorpartner sein«, meinte Augusta.

»So wie’s aussieht, denkt Samuel in dieser Angelegenheit genauso wie sein Vater.«

»So?« Augustas Ton war schelmisch. »Wer behauptet denn, dass Samuel der neue Seniorpartner wird?«

Hugh Pilaster trug eine neue himmelblaue Krawatte im Ascot-Stil mit breitem Knoten, der von einer Nadel festgehalten wurde. Eigentlich hätte er längst ein neues Jackett gebraucht, aber er verdiente nur achtundsechzig Pfund im Jahr, sodass er sich damit begnügen musste, seine alte Jacke mit einer neuen Krawatte aufzumöbeln. Der Ascot-Stil entsprach der neuesten Mode, und Himmelblau, war eine gewagte Farbe, doch als er einen Blick in den riesigen Spiegel über dem Kaminsims in Tante Augustas Wohnzimmer warf, sah er, dass die blaue Krawatte und der schwarze Anzug sehr gut zu seinen blauen Augen und seinem schwarzen Haar passten. Seine Hoffnung, die Ascot-Krawatte könnte ihm einen eleganten, draufgängerhaften Anstrich verleihen, stieg. Zumindest Florence Stalworthy sollte sie beeindrucken. Mode interessierte Hugh erst, seit er Florence kennengelernt hatte.

Es war immer ein wenig peinlich, einerseits so wenig Geld zu haben und andererseits bei Tante Augusta leben zu müssen. Aber die Tradition des Bankhauses Pilaster besagte, dass jedermann den Lohn bekam, den er wert war, gleichgültig, ob es sich dabei um ein Familienmitglied handelte oder nicht. Eine weitere Regel lautete, dass jedermann von der Pike auf zu dienen hatte. In Windfield war Hugh ein hervorragender Schüler gewesen, und er wäre Schülersprecher geworden, hätte er sich nicht immer wieder selbst in Schwierigkeiten gebracht. In der Bank galt seine Bildung freilich so gut wie nichts. Er machte eine Banklehre und wurde entsprechend dafür bezahlt. Weder Onkel noch Tante hatten jemals angeboten, ihm finanziell unter die Arme zu greifen – also mussten sie sich auch damit abfinden, wenn seine Kleidung ein wenig schäbig war.

Hugh interessierte es nicht sonderlich, wie die Pilasters über seine Erscheinung dachten. Florence Stalworthy war es, auf die es ihm ankam. Sie war ein hübsches blasses Mädchen und die Tochter des Grafen von Stalworthy. Doch das Wichtigste an ihr war, dass sie sich für Hugh Pilaster interessierte. Im Grunde war Hugh von jedem Mädchen, das auch nur ein Wort an ihn richtete, sofort hingerissen. Das bekümmerte ihn, bedeutete es doch gewiss, dass seine Gefühle sehr oberflächlich waren. Aber was sollte er dagegen tun? Ein Mädchen brauchte ihn nur zufällig zu berühren, und schon wurde ihm der Mund trocken. Die Neugier, wie ihre Beine unter all diesen Schichten von Röcken und Unterröcken wohl aussehen mochten, bereitete ihm wahre Qualen, ja, es gab Zeiten, da schmerzte ihn sein Verlangen wie eine offene Wunde. Das ging nun schon so, seit er fünfzehn war. Jetzt war er zwanzig, und die einzige Frau, die er in diesen fünf Jahren geküsst hatte, war seine Mutter.

Eine Veranstaltung wie Augustas Teegesellschaft entsprach einer exquisiten Folter. Da es eine festliche Angelegenheit war, gingen die Leute aus sich heraus, zeigten sich freundlich und entgegenkommend, plauderten angeregt und ließen sogar persönliches Interesse erkennen. Die jungen Mädchen hatten sich hübsch zurechtgemacht, lächelten unentwegt, und manchmal flirteten sie sogar diskret. Bei dieser Menschenmenge ließ es sich gar nicht vermeiden, dass das eine oder andere junge Mädchen Hugh im Vorbeigehen streifte, beim Umdrehen gegen ihn stieß, seinen Arm berührte oder sogar die Brüste gegen seinen Rücken drängte, wenn es sich an ihm vorbeidrückte. Das kostet mich eine ganze Woche Schlaf, dachte er betrübt.

Viele der Anwesenden waren natürlich mit ihm verwandt. Sein Vater Tobias und Edwards Vater Joseph waren Brüder gewesen. Doch Hughs Vater hatte sein Kapital aus der Bank genommen und sein eigenes Unternehmen aufgezogen – mit den bekannten Folgen: erst die Pleite, dann der Selbstmord. Hugh hatte deshalb das teure Windfield-Internat verlassen müssen und war Tagesschüler der Folkestone Akademie für die Söhne von Gentlemen geworden. Deshalb hatte er sich nicht die übliche Europareise und ein paar verbummelte Jahre an der Universität leisten können, sondern mit neunzehn Jahren zu arbeiten beginnen müssen; deshalb lebte er heute bei seiner Tante, und deshalb besaß er keinen neuen Anzug, den er auf dieser Gesellschaft hätte tragen können. Er war ein Verwandter, gewiss, aber er war ein armer Verwandter: ein Stein des Anstoßes für eine Familie, deren Stolz, Selbstvertrauen und Stand auf ihrem Reichtum beruhte.

Keinem Pilaster wäre es jemals eingefallen, das Problem dadurch zu lösen, dass er Hugh Geld gab. Armut war die Strafe für den schlechten Geschäftsmann, und fing man erst einmal damit an, Versagern ihr Los zu erleichtern – nun, dann hatten diese doch keinen Anlass mehr, sich anzustrengen. »Im Gefängnis schläft man auch nicht auf Daunen«, hieß es, wenn irgendwer auf die Idee kam, den vom Schicksal weniger Begünstigten ein wenig unter die Arme zu greifen.

Hughs Vater war das Opfer einer Wirtschaftskrise geworden, doch in den Augen der Pilasters spielte das keine Rolle. Sein Unternehmen hatte am 11. Mai 1866 Bankrott gemacht – ein Tag, der in Bankierskreisen nur als »Schwarzer Freitag«, bekannt war. An jenem Tag war eine Maklerfirma namens Overend & Gurney Ltd. mit fünf Millionen Pfund Schulden zusammengebrochen und hatte viele Firmen mit sich in den Abgrund gerissen, darunter nicht nur die London Joint Stock Bank und die Baugesellschaft Sir Samuel Petos, sondern auch Tobias Pilaster & Co. Aber nach der pilasterschen Philosophie gab es im Geschäftsleben keine Entschuldigung. Auch gegenwärtig herrschte wieder eine Wirtschaftskrise, die die eine oder andere Firma sicher nicht überleben würde. Doch die Pilasters kämpften rigoros darum, ihre Bank aus der Gefahrenzone herauszuhalten: Zahlungsschwache Kunden wurden rücksichtslos abgestoßen, die Kredite wurden verknappt und neue Geschäftsverbindungen nur dann eingegangen, wenn deren Erfolg außer Frage stand. Das Credo der Pilasters lautete: Oberste Pflicht eines Bankiers ist die Selbsterhaltung.

Nun ja, dachte Hugh, auch ich bin ein Pilaster. Ich mag zwar nicht die typische Nase haben, aber von Selbsterhaltung verstehe ich eine ganze Menge. Manchmal, wenn er über das Schicksal seines Vaters nachsann, kochte die Wut in ihm hoch und verstärkte seine Entschlossenheit, es zum reichsten und angesehensten Mann der ganzen verdammten Sippe zu bringen. An seiner billigen Tagesschule hatte man ihm so nützliche Fächer wie Mathematik und Naturwissenschaften beigebracht, während sich sein verwöhnter Vetter Edward mit Latein und Griechisch herumplagte. Der Verzicht auf die Universität hatte ihm einen frühen Start ins Berufsleben ermöglicht. Niemals hatte sich Hugh Pilaster versucht gefühlt, einen anderen Lebensweg einzuschlagen, etwa Künstler, Parlamentsabgeordneter oder Geistlicher zu werden. Das Finanzwesen lag ihm. Der aktuelle Diskontsatz war ihm stets vertrauter als das aktuelle Wetter. Zwar war er entschlossen, nicht so aalglatt und heuchlerisch wie seine älteren Verwandten zu werden, aber an dem Berufsziel des Bankiers hielt er fest.

Allerdings dachte er nicht allzu oft darüber nach. Meistens hatte er ohnehin nur Mädchen im Kopf.

Als er aus dem Wohnzimmer auf die Terrasse hinaustrat, sah er Tante Augusta auf sich zusegeln, ein junges Mädchen im Schlepptau.

»Mein lieber Hugh«, sagte sie, »hier haben wir die liebe Miss Bodwin.«

Hugh stöhnte in sich hinein. Rachel Bodwin war ein großes intellektuelles Mädchen mit radikalen Ansichten. Hübsch war sie nicht mit ihrem stumpfbraunen Haar und den hellen, etwas zu eng beieinanderstehenden Augen, aber sie war lebhaft und interessant und steckte voller subversiver Ideen. Anfangs, als er noch neu in London war, hatte Hugh sie recht gern gehabt. Doch dann hatte Augusta sich in den Kopf gesetzt, ihn mit Rachel zu verheiraten, und das hatte die Freundschaft ruiniert. Vorher hatten sie sich ebenso heftig wie unbeschwert über alle möglichen Themen streiten können – Scheidung, Religion, Armut und Frauenstimmrecht. Doch Augustas Verkupplungsstrategie hatte ihnen die Unbefangenheit genommen. Wann immer sie sich seither begegneten, wechselten sie nur noch belanglose Worte und fanden alles furchtbar peinlich.

»Sie sehen ganz reizend aus, Miss Bodwin«, sagte er nun automatisch.

»Wie freundlich von Ihnen«, erwiderte Rachel in gelangweiltem Ton.

Augusta war bereits im Gehen, als ihr Blick auf Hughs Krawatte fiel. »Grundgütiger!«, stieß sie aus. »Was ist denn das? Du siehst aus wie ein Kneipenwirt!« Hugh lief knallrot an. Wäre ihm eine ebenso bösartige Retourkutsche eingefallen, er hätte es riskiert und Augusta Paroli geboten. Aber ihm fiel nichts ein, und so konnte er nur murmeln: »Es ist nur eine neue Krawatte. Man nennt das Ascot-Stil.«

»Die gibst du morgen dem Stiefelknecht«, befahl sie, ehe sie sich endgültig von ihm abwandte.

Eine tiefe Abneigung gegen das Schicksal, das ihn zwang, mit dieser hochfahrenden Tante unter einem Dach zu leben, wallte in ihm auf. »Frauen sollten sich mit Kommentaren über die Kleidung eines Mannes zurückhalten«, sagte er missgestimmt. »Das ist nicht damenhaft.«

Rachel erwiderte: »Ich bin der Meinung, Frauen sollten zu allem, was sie interessiert, ihren Kommentar abgeben, deshalb sage ich Ihnen, dass mir Ihre Krawatte gefällt. Sie passt zu Ihren Augen.«

Hugh lächelte. Ihre Worte versöhnten ihn. Ja, Rachel war wirklich ein nettes Mädchen. Tante Augustas Ehepläne hatten freilich andere Hintergründe. Rachel war die Tochter eines Anwalts, der sich auf Handelsrecht spezialisiert hatte. Ihre Familie besaß kein anderes Einkommen als den beruflichen Verdienst ihres Vaters und rangierte auf der sozialen Leiter einige Stufen unter den Pilasters. Hätte Mr. Bodwin der Bank nicht nützliche Dienste erwiesen, wäre Rachel niemals zu dieser Gesellschaft eingeladen worden. Eine Verehelichung mit ihr hätte Hughs Status als Pilaster niederen Ranges endgültig festgeschrieben. Und nichts anderes hatte Tante Augusta im Sinn.

Hugh war dem Gedanken, Rachel einen Heiratsantrag zu machen, dennoch nicht gänzlich abgeneigt. Augusta hatte angedeutet, sie würde ihm ein großzügiges Hochzeitsgeschenk machen, wenn er sich ihrer Wahl beugte. Doch es war nicht das Hochzeitsgeschenk, das ihn in Versuchung führte – es war die Vorstellung, dass er dann Abend für Abend mit einer Frau ins Bett gehen, ihr das Nachthemd über die Fesseln, die Knie, die Schenkel schieben durfte. »Schauen Sie mich nicht so an«, sagte Rachel wissend. »Ich habe nur gesagt, dass mir Ihre Krawatte gefällt.«

Wiederum errötete Hugh. Sie konnte doch wohl nicht wissen, was ihm durch den Kopf ging? Seine heimlichen Gedanken über Mädchen gingen immer sehr in die Einzelheiten – die körperlichen, wohlgemerkt –, und meistens schämte er sich deswegen. »Entschuldigung«, murmelte er.

»Was für eine Unmenge Pilasters es doch gibt«, sagte sie strahlend und ließ ihren Blick durch die Runde schweifen. »Wie kommen Sie nur mit dieser Bande zurecht?«

Hugh folgte ihrem Blick und sah prompt Florence Stalworthy eintreten. Wie hübsch sie war mit ihren blonden Locken, die auf zarte Schultern herabfielen! Sie trug ein rosafarbenes Kleid mit Spitzenvolants und Seidenbändern, und ihr Hut war mit Straußenfedern geschmückt. Ihre Blicke trafen sich, und Florence lächelte Hugh quer durch den Raum zu.

»Ich sehe, Ihre Aufmerksamkeit gilt nicht mehr mir«, stellte Rachel mit der ihr eigenen Offenheit fest.

»Ich bitte vielmals um Entschuldigung«, sagte Hugh.

Rachel berührte sachte seinen Arm. »Hugh, mein Lieber, hören Sie mir einen Moment lang zu. Ich mag Sie. Sie gehören zu den wenigen Leuten in der Londoner Gesellschaft, die nicht unerträglich langweilig sind. Aber ich liebe Sie nicht, und ich werde Sie niemals heiraten, ganz egal, wie oft Ihre Tante versucht, uns zusammenzubringen.«

Hugh war erschüttert. »Ich muss schon sagen«, begann er.

Aber Rachel war noch nicht fertig. »Und ich weiß, dass Sie genauso empfinden, also brauchen Sie gar nicht erst so zu tun, als hätte ich Ihnen das Herz gebrochen.«

Nach einem Augenblick totaler Verblüffung musste Hugh grinsen. Genau diese Direktheit war es, die er an Rachel so mochte. Und er nahm an, dass sie recht hatte: mögen war nicht lieben. Er wusste nicht genau, was Liebe war, doch sie schien es zu wissen. »Heißt das, wir können unsere alten Streitgespräche über die Frauenemanzipation wieder aufnehmen?«, fragte er fröhlich.

»Ja, allerdings nicht heute. Ich gehe jetzt und unterhalte mich mit Ihrem alten Schulfreund, Señor Miranda.«

Hugh runzelte die Stirn. »Micky könnte ›Emanzipation‹ nicht einmal buchstabieren, geschweige denn erklären, worum es dabei geht.«

»Trotzdem umschwärmt ihn die Hälfte aller Debütantinnen in London.«

»Ich kann mir nicht vorstellen, warum.«

»Er ist eine männliche Florence Stalworthy«, sagte Rachel, und damit ließ sie ihn stehen.

Stirnrunzelnd dachte Hugh darüber nach. Er wusste, dass er von Micky zur armen Verwandtschaft gezählt und entsprechend behandelt wurde; deshalb fand er es schwierig, ihn objektiv zu betrachten. Micky war eine angenehme Erscheinung und stets hoch elegant gekleidet. Hugh erinnerte er an einen Kater – geschmeidig und sinnlich, mit glänzendem Fell. Irgendetwas stimmte nicht mit einem Mann, der immer wie geleckt auftrat. Manche hielten es schlicht für unmännlich, doch die Frauen schien es nicht zu stören.

Hugh folgte Rachel mit seinen Blicken. Sie gesellte sich zu Micky, der neben seinem Vater stand und sich mit Edwards Schwester Clementine, mit Tante Madeleine und der jüngeren Tante Beatrice unterhielt. Jetzt wandte sich Micky Rachel zu, schenkte ihr seine volle Aufmerksamkeit, gab ihr die Hand und sagte etwas, das sie zum Lachen brachte. Hugh ging auf, dass Micky sich immer mit drei oder vier Frauen gleichzeitig unterhielt.

Irgendwie empörte Hugh Rachels Vergleich. Florence war kein weiblicher Micky Miranda. Sie mochte ebenso anziehend und beliebt sein, ja – aber Micky war nach seiner Überzeugung charakterlich nicht ganz sauber.

Er durchquerte den Saal, bis er – aufgeregt und etwas nervös – an Florences Seite stand. »Wie geht es Ihnen, Lady Florence?« Sie lächelte betörend. »Was für ein außergewöhnliches Haus!«

»Gefällt es Ihnen?«

»Ich weiß nicht so recht …«

»Das sagen die meisten.«

Sie lachte, als hätte er eine witzige Bemerkung gemacht, was Hugh außerordentlich freute.

»Es ist hochmodern, müssen Sie wissen«, fuhr er fort. »Allein die fünf Badezimmer! Und im Keller gibt es einen riesigen Wasserboiler, der durch Heißwasserrohre das ganze Haus heizt.«

»Vielleicht ist das steinerne Schiff auf der Giebelspitze ein bisschen übertrieben.«

Hugh senkte die Stimme. »Das denke ich auch. Es erinnert mich an den Rindskopf, den die Fleischer vor ihre Läden hängen.«

Wieder kicherte sie. Hugh freute sich, dass er sie zum Lachen bringen konnte. Noch netter wäre es, sie für sich allein zu haben, entschied er. »Kommen Sie, lassen Sie sich den Garten zeigen«, sagte er.

»Wie hübsch.«

Der Garten war gar nicht hübsch, dazu war er zu frisch angelegt, doch das spielte keine Rolle. Hugh geleitete Florence aus dem Wohnzimmer auf die Terrasse hinaus, doch dort lauerte auch schon Augusta. Sie warf ihm einen vorwurfsvollen Blick zu und sagte: »Lady Florence, wie schön, dass Sie gekommen sind. Edward wird Ihnen den Garten zeigen.« Sie grapschte sich Edward, der ganz in der Nähe stand, und bevor Hugh auch nur einen Ton hervorbrachte, hatte sie die beiden auch schon fortgeschickt. Hugh biss frustriert die Zähne zusammen und schwor sich, sie damit nicht so einfach davonkommen zu lassen. »Mein lieber Hugh, ich weiß doch, dass du dich mit Rachel unterhalten möchtest«, sagte sie, nahm seinen Arm und schleppte ihn wieder ins Haus. Er war machtlos, es sei denn, er hätte ihr ärgerlich seinen Arm entrissen und es auf einen Skandal ankommen lassen. Rachel stand noch immer mit Micky Miranda und dessen Vater zusammen. »Micky«, sagte Augusta, »ich möchte Ihrem Vater meinen Schwager vorstellen, Mr. Samuel Pilaster.« Sie nahm die beiden mit, und wieder fand sich Hugh mit Rachel allein gelassen.

Rachel lachte. »Diese Frau ist nicht zu bremsen.«

»Das käme dem Versuch gleich, einen fahrenden Zug aufzuhalten«, schäumte Hugh. Durchs Fenster sah er, wie Florences Röcke neben Edward durch den Garten wogten.

Rachels Blick war dem seinen gefolgt, und sie sagte: »Gehen Sie ihr nach.«

Hugh grinste. »Danke.«

Er eilte in den Garten. Unterwegs kam ihm ein raffinierter Gedanke in den Sinn: Wie wär’s, wenn ich dasselbe Spielchen triebe wie Tante Augusta und Edward einfach wegschickte? Augusta wird zwar toben, wenn sie mir auf die Schliche kommt – aber das wird durch ein paar Minuten mit Florence unter vier Augen leicht wettgemacht … Zur Hölle mit Augusta! Er hatte die beiden eingeholt.

»Ach, Edward, deine Mutter bat mich, dich zu ihr zu schicken. Sie ist in der Eingangshalle.«

Edward hatte keinen Einwand – er war an plötzliche Meinungsänderungen seiner Mutter gewöhnt. »Bitte entschuldigen Sie mich, Lady Florence«, sagte er nur und ging ins Haus.

»Hat sie wirklich nach ihm geschickt?«, fragte Florence.

»Nein.«

»Sie sind ja ein ganz Schlimmer«, sagte sie und lächelte dabei.

Hugh sah ihr in die Augen und sonnte sich im Glanze ihres Einverständnisses. Später würde er für seinen Streich bitter büßen müssen – aber ein Lächeln wie dieses würde ihn das Schlimmste leicht ertragen lassen. »Kommen Sie«, sagte er, »ich zeige Ihnen den Obstgarten.«

Papa Miranda erheiterte Augusta. Was für ein ungehobelter Bauer! Ganz anders als sein wendiger, eleganter Sohn, den sie geradezu ins Herz geschlossen hatte. In seiner Gegenwart spürte sie immer viel deutlicher als sonst, dass sie eine Frau war, und das, obwohl er so viel jünger war. Wie er sie immer ansah – ganz, als hielte er sie für das begehrenswerteste Geschöpf, das ihm je unter die Augen gekommen war. Es gab Momente in ihrem Leben, da wünschte sie innig, er möge mehr tun, als sie nur ansehen – ein törichter Wunsch, gewiss, aber er stellte sich immer wieder ein.

Das Gespräch über die Nachfolge in der Bank hatte Augusta beunruhigt. Micky ging davon aus, dass Seths Sohn Samuel Seniorpartner werden würde, sobald der alte Seth sich aufs Altenteil begab oder starb. Diese Idee hatte Micky bestimmt nicht aus der Luft gegriffen – irgendein Familienmitglied musste ihn darauf gebracht haben. Doch Augusta wollte nicht, dass Samuel das Sagen bekam. Sie wollte den Posten für Joseph, ihren Gatten, der Seths Neffe war.

Sie warf einen Blick durchs Wohnzimmerfenster und sah die vier Teilhaber des Bankhauses Pilaster auf der Terrasse beisammen. Drei von ihnen waren echte Pilasters: Seth, Samuel und Joseph – die Methodisten des frühen neunzehnten Jahrhunderts hatten ihren Kindern mit Vorliebe biblische Namen gegeben. Der alte Seth saß mit einer Decke über den Knien da und wirkte nicht ein Jota jünger und gesünder als der alte Invalide, der er tatsächlich war – ein Mann, der seine eigene Nützlichkeit überlebte. Neben ihm befand sich sein Sohn Samuel. Er sah nicht ganz so distinguiert aus wie sein Vater. Zwar besaß er die gleiche Hakennase, doch sein Mund wirkte eher weich und steckte voller schlechter Zähne. Die Familientradition räumte ihm den ersten Anspruch auf die Nachfolge ein, da er nach Seth der älteste der Teilhaber war. Im Augenblick redete Augustas Gatte Joseph auf seinen Onkel und seinen Vetter ein, wobei er seine Worte mit kurzen, abgehackten Handbewegungen unterstrich, die die für ihn typische Ungeduld verrieten. Auch Joseph hatte die Pilaster-Nase geerbt, doch seine Gesichtszüge waren unregelmäßig und sein Haar wurde allmählich schütter. Der vierte Teilhaber stand daneben und hörte mit verschränkten Armen zu: Major George Hartshorn, der Ehemann von Josephs Schwester Madeleine. Der ehemalige Armeeoffizier trug eine unübersehbare Narbe auf der Stirn, die er sich vor beinahe zwanzig Jahren im Krimkrieg zugezogen hatte. Ein Kriegsheld war er deswegen allerdings nicht: Von einer dampfgetriebenen Zugmaschine erschreckt, hatte sein Pferd ihn abgeworfen, worauf er mit dem Kopf auf das Rad eines Kantinen-Waggons geschlagen war. Nach der Heirat mit Madeleine hatte er seine Offizierslaufbahn aufgegeben und war in die Bank eingetreten. Er war ein freundlicher Mann, der sich gerne der Führung anderer unterordnete. Die zur Leitung einer Bank erforderliche Klugheit und Schläue fehlte ihm. Ohnehin hatte es noch nie einen Seniorpartner gegeben, der nicht den Namen Pilaster getragen hätte. Die einzigen Kandidaten, die für die Nachfolge ernsthaft in Betracht kamen, waren Samuel und Joseph.

In der Praxis wurde die Nachfolgefrage durch Abstimmung unter den Teilhabern geregelt, und es war üblich, dass die Familie zu einem Konsens kam, dem jeder zustimmen konnte. In diesem Fall jedoch war Augusta fest entschlossen, ihren eigenen Willen durchzusetzen. Leicht würde es nicht werden.

Der Seniorpartner des Bankhauses Pilaster war eine der wichtigsten Persönlichkeiten der Welt. Von seiner Entscheidung hingen Königreiche ab: Sein Ja zu einem Kredit konnte einen König retten, sein Nein eine Revolution in Gang setzen. In seinen Händen – und denen einiger weniger Kollegen wie J. P. Morgan, den Rothschilds und Ben Greenbourne – ruhte das Wohl und Wehe ganzer Nationen. Der Seniorpartner des Bankhauses Pilaster wurde von Staatsoberhäuptern umworben, von Premierministern um Rat gebeten und von Diplomaten hofiert – und sie alle umschmeichelten seine Gattin.

Joseph wollte den Posten gerne haben, doch ihm fehlte jede Raffinesse. Schon allein die Vorstellung, er könne sich die Chance durch die Lappen gehen lassen, versetzte Augusta in Angst und Schrecken. Überließ sie ihm die Sache ganz allein, so würde er vermutlich deutlich aussprechen, dass er für den Posten kandidiere, die Entscheidung aber schlichtweg der Familie anheimstellen. Wahrscheinlich kam es ihm gar nicht in den Sinn, dass es auch noch andere Methoden gab, sich die angestrebte Position zu sichern. Es war zum Beispiel unvorstellbar, dass Joseph absichtlich seinen Rivalen in Misskredit brachte.

Augusta würde Mittel und Wege finden müssen, ihm diese Dinge abzunehmen.

Samuels wunden Punkt herauszufinden bereitete ihr nicht die geringste Mühe. Der dreiundfünfzigjährige Junggeselle lebte mit einem jungen Mann zusammen, der entgegenkommenderweise als sein »Sekretär« bezeichnet wurde. Bisher hatte sich noch kein Familienangehöriger um Samuels Privatleben gekümmert. Augusta fragte sich jetzt, ob sich das nicht grundlegend ändern ließe. Allerdings war Vorsicht geboten. Samuel war ein penibler Mensch, der zur Pedanterie neigte – ein Mann, der sich von Kopf bis Fuß umzog, nur weil ihm in Kniehöhe ein Tröpfchen Wein auf die Hose gespritzt war. Ein Schwächling, der sich leicht einschüchtern ließ, war er nicht. Ihn frontal anzugehen war die falsche Methode.

Bedenken, ihn zu verletzen, hatte Augusta nicht. Sie hatte Samuel noch nie gemocht. Manchmal tat er ihr gegenüber so, als fände er sie amüsant, doch oft hatte sie das Gefühl, er wolle sie partout nicht ernst nehmen, und das erboste sie jedes Mal von Neuem.

Während August sich um ihre Gäste kümmerte, verdrängte sie alle Gedanken an ihren Neffen Hugh und dessen empörenden Unwillen, einer jungen Dame den Hof zu machen, die genau die Richtige für ihn wäre. Dieser Zweig der Familie war schon immer etwas schwierig gewesen und durfte sie jetzt nicht von dem viel dringenderen Problem ablenken, das Micky ihr zu Bewusstsein gebracht hatte: Samuel war eine Bedrohung.

In der Eingangshalle entdeckte sie ihre Schwägerin Madeleine Hartshorn. Arme Madeleine! Man sah ihr an, dass sie Josephs Schwester war, denn auch sie hatte die Pilaster-Nase. Dem ein oder anderen Mann in der Verwandtschaft mochte die Nase ja eine gewisse Würde verleihen – eine Frau mit einem solchen Zinken war dagegen schlichtweg unattraktiv.

Madeleine und Augusta waren einst Rivalinnen gewesen. Vor vielen Jahren, als Augusta und Joseph jung verheiratet waren, hatte es Madeleine gar nicht gefallen, dass Augusta mehr und mehr zum Mittelpunkt der Familie wurde. Madeleine selbst besaß indessen weder die magische Ausstrahlung noch die Energie Augustas, die sich in eine Vielzahl von Aktivitäten stürzte: Augusta organisierte Hochzeiten und Beerdigungen, stiftete Ehen, schlichtete Streitigkeiten, kümmerte sich um die Unterstützung der Siechen, Schwangeren und Verwaisten. Durch Madeleines Haltung wäre es einmal fast sogar zu einer Spaltung der Familie in zwei feindliche Lager gekommen – doch dann war sie selbst es gewesen, die Augusta eine entscheidende Waffe in die Hand gegeben hatte.

Eines Nachmittags hatte Augusta ein exklusives Geschäft für Tafelsilber in der Bond Street betreten – und eben noch mitbekommen, wie Madeleine im hinteren Teil des Ladens verschwand. Augusta gab sich unentschlossen beim Kauf eines Toastständers und verlängerte auf diese Weise ihren Aufenthalt im Laden, bis sie nach einer Weile einen gutaussehenden jungen Mann auf dem gleichen Weg wie Madeleine entschwinden sah. Sie hatte schon gehört, dass die über solchen Läden liegenden Räume gelegentlich zu romantischen Stelldicheins zweckentfremdet wurden. Sie war sich fast sicher, dass Madeleine eine Affäre hatte. Eine Fünf-Pfund-Note entlockte der Ladeninhaberin, einer Mrs. Baxter, den Namen des jungen Mannes: Vicomte Tremain.

Augusta war aufrichtig schockiert gewesen – wiewohl sie im ersten Moment daran dachte, genau das, was Madeleine mit dem Vicomte Tremain trieb, mit Micky Miranda zu tun. Aber das kam natürlich nicht in Frage – zumal man sie ebenso leicht ertappen konnte, wie sie Madeleine ertappt hatte.

Es hätte Madeleines gesellschaftlicher Ruin sein können. Ein Mann, der sich einen Seitensprung leistete, galt zwar als Sünder, aber auch als Romantiker; eine Frau, die das Gleiche tat, war eine Hure. Drang ihr Geheimnis an die Öffentlichkeit, so wurde sie von der guten Gesellschaft geschnitten, und die Familie schämte sich ihrer. Augustas zweiter Gedanke bestand darin, Madeleine zu erpressen, indem sie ihr mit der Offenbarung ihres Geheimnisses drohte. Doch das hätte ihr Madeleines ewige Feindschaft eingetragen, und es war töricht, sich unnötig immer neue Feinde zu schaffen. Gab es nicht eine Möglichkeit, Madeleine zu entwaffnen und sie gleichzeitig zur Verbündeten zu machen? Augusta dachte gründlich darüber nach und fand schließlich die richtige Strategie: Statt Madeleine mit ihrem Wissen einzuschüchtern, tat sie, als stünde sie auf ihrer Seite. »Ein gutgemeinter Rat, liebe Madeleine«, hatte sie ihr zugeflüstert. »Mrs. Baxter ist nicht vertrauenswürdig. Sag doch deinem Vicomte, dass er sich um einen diskreteren Treffpunkt bemühen muss.« Madeleine hatte sie prompt um die Wahrung des Geheimnisses angefleht. Augusta schwor bereitwillig ewiges Schweigen, was Madeleine mit geradezu rührender Dankbarkeit quittierte. Von jenem Tag an gab es keine Rivalität mehr zwischen den beiden Frauen.

Jetzt nahm Augusta Madeleine beiseite und sagte: »Komm, ich zeig dir mein Zimmer. Es wird dir bestimmt gefallen.«

Im ersten Stock befanden sich sowohl ihr als auch Josephs Schlaf- und Ankleidezimmer und ein Arbeitszimmer. Augusta führte ihre Schwägerin direkt in ihr eigenes Schlafzimmer, schloss die Tür hinter sich und wartete auf Madeleines Reaktion.

Der Raum war nach der neuesten Mode im japanischen Stil eingerichtet, mit geflochtenen Stühlen, Pfauenaugentapete und Porzellantellern auf dem Kaminsims. Den riesigen Kleiderschrank zierten aufgemalte Motive aus Japan, und der Fenstersitz im Erker wurde teilweise von Libellenflügel-Stores verdeckt.

»Wie gewagt, Augusta!«, rief Madeleine aus.

»Danke.« Madeleines Reaktion machte Augusta beinahe glücklich. »Eigentlich wollte ich einen besseren Vorhangstoff haben, doch bei Liberty’s war er schon ausverkauft. Komm, schau dir auch noch Josephs Zimmer an.«

Sie ging durch die Verbindungstür voran. Josephs Schlafzimmer war im gleichen Stil, wenn auch in gedämpfteren Tönen möbliert, mit lederfarbenen Tapeten und Brokatvorhängen. Augustas ganzer Stolz galt jedoch einer lackierten Vitrine, in der Josephs Sammlung juwelenbesetzter Schnupftabaksdosen auslag.

»Wie exzentrisch Joseph doch ist«, meinte Madeleine mit einem Blick auf die Sammlung.

Augusta lächelte nur. Joseph war genau genommen nicht im Mindesten exzentrisch, doch wenn ein hartgesottener Methodist und Bankier sich eine derart erlesene und frivole Sammlung zulegte, war das schon irgendwie komisch. Die ganze Familie amüsierte sich darüber. »Er meint, sie seien eine gute Geldanlage«, sagte Augusta. Ein Diamanthalsband für seine Frau wäre eine ebenso gute Geldanlage gewesen, doch solche Dinge würde er ihr nie kaufen: Methodisten hielten Geschmeide für überflüssigen Luxus.

»Jeder Mann sollte ein Steckenpferd haben«, sagte Madeleine. »Dann kommt er nicht auf dumme Gedanken.«

Was sie eigentlich meinte, war: Das hält ihn von den Freudenhäusern fern. Die unausgesprochene Anspielung auf die lässlichen Sünden der Männer rief Augusta wieder ihre eigentlichen Absichten in Erinnerung. Sachte, sachte, ermahnte sie sich selbst.

»Madeleine, meine Liebe, so sag mir doch, was wir wegen Samuel und seinem ›Sekretär‹ unternehmen können?«

Madeleine war verwirrt. »Müssen wir denn da etwas unternehmen?«

»Wenn Samuel Seniorpartner werden soll, bleibt uns gar nichts anderes übrig.«

»Warum?«

»Meine Liebe, der Seniorpartner des Bankhauses Pilaster hat es mit Botschaftern, Staatsoberhäuptern und sogar königlichen Hoheiten zu tun. Sein Privatleben muss also untadelig, wirklich vollkommen untadelig sein.«

Madeleine dämmerte es allmählich, und sie errötete. »Du willst doch wohl nicht andeuten, dass Samuel irgendwie … abartig veranlagt ist?«

Genau darauf wollte Augusta hinaus. Sie hütete sich allerdings, es selbst auszusprechen, denn in diesem Fall hätte Madeleine sich bloß bemüßigt gefühlt, ihren Cousin zu verteidigen. »So genau möchte ich das niemals wissen«, sagte sie ausweichend. »Aber es kommt natürlich darauf an, was die Leute denken.«

Madeleine war noch nicht überzeugt. »Glaubst du wirklich, dass die Leute … so etwas denken?«

Augusta musste sich zur Geduld mit Madeleines Zartgefühl zwingen. »Meine Liebe, wir sind schließlich beide verheiratet und wissen, dass die Männer viehische Gelüste haben. Alle Welt geht davon aus, dass ein unverheirateter Mann von dreiundfünfzig Jahren, der mit einem hübschen jungen Kerl zusammenlebt, ein verderbtes Leben führt – und, weiß der Himmel, in den meisten Fällen hat die Welt wahrscheinlich recht.«

Madeleine runzelte bekümmert die Stirn, doch bevor sie eine Antwort geben konnte, klopfte es an der Tür. Edward trat ein. »Was gibt’s denn, Mutter?«, fragte er.

Die Störung verärgerte Augusta, zumal sie keine Ahnung hatte, worauf der Junge hinauswollte. »Was willst du hier?«

»Du hast nach mir geschickt.«

»Das habe ich gewiss nicht. Ich bat dich, Lady Florence den Garten zu zeigen.«

Edward setzte eine beleidigte Miene auf. »Hugh sagte, du wolltest mich sprechen.«

Augusta verstand sofort. »So, sagte er das? Und nun zeigt er wohl selber Lady Florence den Garten, wie?«

Edward begriff ihre Anspielung. »Ja, ich glaube schon«, sagte er mit waidwundem Blick. »Sei mir bitte nicht böse, Mutter.«

Augusta schmolz sofort dahin. »Keine Sorge, Teddy«, sagte sie. »Ich weiß, was für ein verschlagener Bengel Hugh ist.« Doch wenn er glaubt, er kann seine Tante Augusta an der Nase herumführen, dann ist er obendrein auch noch dumm, dachte sie bei sich.

Sie hatte die Unterbrechung anfangs als sehr störend empfunden. Inzwischen war ihr klar, dass das, was sie Madeleine über Vetter Samuel erzählt hatte, fürs Erste genügte. Im Augenblick galt es nur, Zweifel zu säen – alles Weitere wäre übereilt. »Ich muss mich wieder um meine Gäste kümmern«, meinte sie und führte Sohn und Schwägerin aus dem Zimmer.

Sie gingen die Treppe hinunter. Der Lärm aus Geschwätz, Gelächter und dem hellen Klingen von hundert silbernen Teelöffeln, die auf Porzellanuntertassen gelegt wurden, ließ den Schluss zu, dass dem Fest ein erfolgreicher Verlauf beschieden war. Augusta überprüfte kurz das Esszimmer, wo die Dienerschaft Hummersalat, Obsttörtchen und geeiste Getränke bereitstellte. In der Eingangshalle wechselte sie hie und da ein paar Worte mit Gästen, deren Blick den ihren traf, hielt dabei aber nach einer ganz bestimmten Person Ausschau – nach Lady Stalworthy, Florences Mutter.

Die Vorstellung, Hugh könne das Mädchen heiraten, erfüllte Augusta mit Sorge. Hugh machte sich ohnehin schon viel zu gut in der Bank. Er verfügte über das außerordentliche Zahlengedächtnis eines Straßenhändlers und die gewinnenden Manieren eines Falschspielers. Selbst Joseph äußerte sich lobend über ihn – und vergaß dabei ganz die bedrohliche Lage, in die ihr gemeinsamer Sohn dadurch geriet. Sollte Hugh tatsächlich eine Grafentochter ehelichen, so gewänne er zusätzlich zu seinen angeborenen Talenten auch noch gesellschaftlichen Status und würde zu einem gefährlichen Rivalen für Edward. Der liebe Teddy verfügte weder über Hughs oberflächlichen Charme noch über dessen kaufmännische Denkweise und benötigte daher jede Hilfe, die Augusta ihm verschaffen konnte.

Schließlich sah sie Lady Stalworthy am Erkerfenster des Wohnzimmers stehen, eine hübsche Frau mittleren Alters, die ein rosafarbenes Kleid trug, dazu einen kleinen, üppig mit Seidenblüten besetzten Strohhut. Augusta fragte sich besorgt, was Lady Stalworthy über eine mögliche Verbindung zwischen Hugh und Florence dachte. Hugh war zwar keine besonders gute Partie, aber aus Lady Stalworthys Sicht auch keine Katastrophe. Florence war ihre jüngste Tochter. Die beiden älteren hatten sich so gut verheiratet, dass Lady Stalworthy vielleicht ein Auge zudrückte. Dies galt es nun zu verhindern – die Frage war bloß, wie?

Sie stellte sich neben Lady Stalworthy und merkte, dass diese Hugh und Florence im Garten »beobachtete«. Hugh erklärte irgendetwas, während Florence ihm mit leuchtenden Augen lauschte. »Das sorglose Glück der Jugend«, kommentierte Augusta.

»Hugh macht einen sehr netten Eindruck auf mich«, sagte Lady Stalworthy.

Augusta fasste sie scharf ins Auge. Lady Stalworthy lächelte verträumt. Sie muss einmal ebenso hübsch gewesen sein wie ihre Tochter, vermutete Augusta, und erinnerte sich jetzt ihrer eigenen Jugendzeit. Höchste Zeit, dass sie wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgebracht wird … »Wie rasch sie vergeht, diese sorglose Zeit.«

»Doch wie idyllisch sie ist, solange sie währt.«

Der Zeitpunkt, das Gift zu verabreichen, war gekommen. »Hughs Vater ist tot, wie Sie wissen«, sagte Augusta. »Seine Mutter lebt sehr zurückgezogen in Folkestone, daher fühlen Joseph und ich uns verpflichtet, so etwas wie Elternstelle an Hugh zu vertreten.« Sie machte eine Pause. »Ich muss Ihnen wohl kaum sagen, dass eine Verbindung mit Ihrer Familie für Hugh ein außerordentlicher Erfolg wäre.«

»Wie freundlich von Ihnen«, erwiderte Lady Stalworthy, als habe man ihr soeben ein hübsches Kompliment gemacht. »Die Pilasters sind selbst eine sehr angesehene Familie.«

»Danke. Wenn Hugh sich anstrengt, wird er eines Tages über ein solides Auskommen verfügen.«

Lady Stalworthy wirkte leicht betroffen. »Sein Vater hat also gar nichts hinterlassen?«

»Nein.« Augusta musste ihr zu verstehen geben, dass Hugh bei seiner Heirat kein Geld von seinem Onkel zu erwarten hatte. »Er wird sich in der Bank hocharbeiten und von seinem Gehalt leben müssen.«

»Aha«, sagte Lady Stalworthy, und ihre Miene verriet gelinde Enttäuschung. »Glücklicherweise verfügt Florence über eine gewisse Unabhängigkeit.«

Florence besaß also eigenes Geld! Das war ein harter Schlag für Augusta. Sie fragte sich, wie hoch die Summe sein mochte. Die Stalworthys waren nicht so reich wie die Pilasters – das waren nur ganz wenige –, aber sie standen sich recht gut, wie Augusta glaubte. Doch wie dem auch sein mochte: Die Tatsache, dass Hugh ein armer Schlucker war, reichte nicht aus, um Lady Stalworthy gegen ihn einzunehmen. Augusta musste ein stärkeres Kaliber auffahren.

»Die liebe Florence wäre Hugh sicherlich eine große Hilfe – ein festigendes Element, da bin ich ganz sicher.«

»Ja«, sagte Lady Stalworthy geistesabwesend, doch dann runzelte sie die Stirn. »Festigend?«

Augusta zögerte. Solche Dinge waren nicht ungefährlich, aber sie musste das Risiko eingehen. »Ich gebe natürlich nichts auf das Gerede und Sie gewiss auch nicht«, sagte sie. »Tobias war tatsächlich vom Pech verfolgt, darüber kann kein Zweifel bestehen. Überdies gibt es bei Hugh kaum Anzeichen dafür, dass er seines Vaters Schwäche geerbt hat.«

»Schön«, sagte Lady Stalworthy, doch nun spiegelte ihr Gesicht tiefe Besorgnis wider.

»Dennoch wären Joseph und ich sehr froh, Hugh mit einem so vernünftigen Mädchen wie Florence verheiratet zu sehen. Man hat unwillkürlich das Gefühl, sie würde ihn an die Kandare nehmen, wenn …« Augustas Stimme erstarb. »Ich …« Lady Stalworthy schluckte.

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