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Die Pfade des Bösen

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Danksagung
  6. Widmung
  7. Teil 1 SPINNEN
    • Kapitel 1
    • Kapitel 2
    • Kapitel 3
    • Kapitel 4
    • Kapitel 5
    • Kapitel 6
    • Kapitel 7
    • Kapitel 8
    • Kapitel 9
    • Kapitel 10
  8. Teil 2 MESSEN
    • Kapitel 11
    • Kapitel 12
    • Kapitel 13
    • Kapitel 14
    • Kapitel 15
    • Kapitel 16
    • Kapitel 17
    • Kapitel 18
    • Kapitel 19
    • Kapitel 20
    • Kapitel 21
  9. Teil 3 SCHNEIDEN
    • Kapitel 22
    • Kapitel 23
    • Kapitel 24
    • Kapitel 25
    • Kapitel 26
    • Kapitel 27

Über die Autorin

Tamara Siler Jones hat Kunst studiert und interessiert sich für Naturwissenschaften. Das Genre, in das ihre Reihe um Dubric Byerly einzuordnen ist, nennt sie selbst »forensische Fantasy«: eine Mischung aus Fantastik und Kriminalgeschichte, in der Brutalität nicht zu kurz kommt. Für den ersten Band und ihr Debüt Die Toten im Schnee erhielt Jones den Compton-Crook-Award für das beste Debüt des Jahres.

TAMARA SILER JONES

DIE PFADE
DES BÖSEN

ROMAN

Aus dem Amerikanischen
von Michael Krug

Danksagung

Ich möchte meinen Schriftstellerkollegen Gail Brookhart, Catherine Darensbourg, Johnny B. Drako, Andrew Heward, C. E. Murphy, June Drexler Robertson, Wen Spencer, Linda Sprinkle und Cassandra Ward dafür danken, dass sie mich ertragen haben, während ich diese Geschichte schrieb. Außerdem Joe und Gay Haldeman, Holly Lisle und Lynn Viehl dafür, dass sie für mich zugänglich und inspirierend waren und meine endlosen Fragen beantworteten. Weiterer Dank ergeht an meine Lektorin, die bewundernswerte Juliet Ulman, und an meinen Agenten, William Reiss, für … na ja, für alles eben.

Danke an Ashford Handicrafts (www.ashford.co.nz) dafür, dass ich ihr Webmuster auf schauerliche Weise benutzen durfte.

Besonders danke ich Meg Godwin, Website-Managerin, und ihrer Schwester Sam Godwin. Sams harte Arbeit sorgt dafür, dass meine Erzählungen sauber sind, und sie ist einfach ein toller Mensch.

Meinem Ehemann, meiner Tochter und meiner übrigen Familie möchte ich meine Liebe und Dankbarkeit zum Ausdruck bringen. Ohne sie hätte ich mich schon vor langer Zeit verirrt.

Und zu guter Letzt möchte ich Joshua Rode, seiner Frau Tracy und den Kindern der beiden danken. Josh hat mir den Weg erhellt und an mich geglaubt, schon lange, bevor ich es selbst getan habe. Ich werde immer seine treue Grashüpferin sein.

Josh, dieses Buch ist für dich.

Für Joshua Rode
Er hat meine Hand auf den Lichtschalter gelegt.
Es ist alles seine Schuld.
Vergesst das nicht.



Die Kettfäden einer Familie weben die Leben in ihr.
Die Dicke dieser Grundfäden stärkt die Schussfäden oder
verknotet sie, sie lässt ein wunderschönes Gewebe oder
nutzlose Lumpen entstehen.


Calladiere Bebhinn
Aus einer Ansprache in Burg Wasserfurt, Zehntmond, 2217

Teil 1


SPINNEN

Kapitel 1

Braoin sah Schnüre.

Sie strömten von irgendwo herab und baumelten ihm vor Augen. Schwarz und im Widerschein des Feuers glänzend, raschelten sie beim leichtesten Luftzug und hingen knapp außer Reichweite vor seinem Gesicht.

Er hätte die Hände ohnehin nicht bewegen können, um sie zu berühren. Braoin fühlte sich wie ein unbeweglicher Klumpen, träge und schwer. Er lag auf dem Bauch. Sein Kopf ruhte auf dem Kinn, die Muskeln waren erschlafft und gehorchten ihm nicht. Er blinzelte, und die Zeit zog sich vor ihm zurück, verblasste zu einem dunklen Fluss.

Als er die Lider mühsam wieder öffnete, waren die schwarzen Schnüre verschwunden, und sein Blickwinkel hatte sich verändert.

Sein Kopf lag nun auf der Seite, und er starrte auf seine rechte Hand – zumindest sah diese wie seine rechte Hand aus. Mit Farbe an den Knöcheln, wie er es in Erinnerung hatte. Allerdings lag sie schlaff da, wie ein Stück totes Fleisch auf einem Brett. Dahinter konnte er nur wabernde Dunkelheit ausmachen. Fest entschlossen, wach zu bleiben, holte er Luft und versuchte, die Finger zu bewegen. Nur ein Finger – der kleine – zuckte, die anderen hingegen blieben reglos.

Bei der Göttin, so betrunken bin ich noch nie gewesen, dachte er und ließ die Augen wieder zufallen, während er sich bemühte nachzudenken. Braoin erinnerte sich daran, bei der Familie seiner Tante zu Abend gegessen zu haben, aber er hatte dort vor Sonnenuntergang aufbrechen müssen, denn er musste früh nach Hause, weil …

Die Dunkelheit! Blinzelnd öffnete er die Augen. Seine farbfleckige rechte Hand und sein nackter Unterarm verharrten starr; es rührte sich nichts, als er abermals versuchte, die Finger zu krümmen. Ebenso wenig vermochte er den Kopf zu heben oder die Beine zu bewegen, die frei unter seiner Hüfte hingen. Sein bloßer Oberkörper lag mit der Brust auf einer harten, kratzigen Oberfläche, seine Arme waren nackt, sein Rücken und seine Schultern fühlten sich kalt an. Der Luftzug, den Braoin an Zehen und Hoden spürte, sagte ihm, dass er weder Stiefel noch Hosen trug.

Nein, nein, nein! Verzweifelt verstärkte er seine Bemühungen, sich zu rühren, und rang seinen toten Fingern ein Zucken ab. Ein Krampf erfasste seine Hand, und sie sprang kurz von dem Brett hoch wie ein Fisch aus einem Eimer.

»Aufgewacht, was?«, flüsterte die Stimme eines Mannes aus der Dunkelheit. »Hatt’ ich befürchtet. Hör auf zu zappeln, wenn du weißt, was gut für dich ist.«

»Bitte, lass mich gehen«, stieß Braoin mit träger Zunge hervor. Es klang eher wie: »Ige, ag mig gen.«

Ein Seufzen. »Durch’s Reden wird’s nicht besser.« Finger ergriffen Braoins linkes Fußgelenk, dann wurde es von Schmerzen eingeschnürt, als der Mann ihn festband.

Braoin presste weiter flehentliche, unverständliche Silben hervor, während der Mann sich seinem rechten Fuß zuwandte und auch diesen fesselte.

»Pst. Er kommt.«

Etwas bewegte sich hinter Braoin, etwas Großes und Schwerfälliges. »Red nicht mit ihm«, forderte eine zweite Stimme mit einem tiefen, bedrohlichen Knurren.

Eine gemurmelte Entschuldigung, dann vernahm Braoin, wie sich Schritte entfernten.

Lange Zeit hörte er nichts mehr, nur das gleichmäßige Rauschen des Blutes in seinen Ohren. So sehr er sich auch mühte, er konnte sich nicht rühren und sah nichts als ein langes Brett, das sich in die Finsternis verlief.

Ein schwarz gewandeter Mann mit dickem Bauch trat in sein Blickfeld. Er bückte sich und hob Braoins entwischte Hand auf, rammte sie zurück auf das Brett.

Braoin schluckte und versuchte zu flehen, aber seiner Kehle entrangen sich bloß verängstigte, weinerliche Laute.

Wulstige Finger wickelten schwarzen Zwirn um das Brett und Braoins Handgelenk, hielten seine Hand nieder und banden sie fest. Der Mann murmelte einen Fluch, dann bewegte er sich auf Braoins Haupt zu.

Braoin schrie auf und versuchte, den Kopf zu schütteln. Bitte, ich tue alles. Ich will nur nach Hause.

Der Mann packte Braoins Haare und zerrte daran, hievte seinen Kopf hoch. »Nein, bitte nicht.« Braoin presste die Lider zu.

»Still! Es ist uns nicht gestattet, hier zu spielen.« Der Mann bewegte sich nach links, um auch jene Hand festzubinden, dann beugte er sich dicht zu Braoin hinunter und flüsterte, während er einen Finger über Braoins nackten Arm wandern ließ: »Aber bald. Ich liebe es so sehr, zu spielen, vor allem mit Burschen wie dir. Und ich habe den perfekten Ort dafür. Ruhig und …« Die Fingerspitze kroch über seine nackten Schultern und bohrte sich ins Rückgrat, als sie sich kratzend abwärts auf seine Pobacken zubewegte. »… ungestört. Nur du und ich und die Dunkelheit.«

Bewegungsunfähig betete Braoin. Er schaute zu dem Vorhang aus glänzenden schwarzen Schnüren, der über dem Podium vor ihm hing, und bemerkte, dass Füße in Pantoffeln dazwischen hervorlugten. »Bitte«, sagte er undeutlich mit seiner gelähmten Zunge und hob den Blick im Versuch, den Beobachter zu sehen, der über ihm saß. »Bitte lasst mich gehen! Ich will nicht sterben. Um der Göttin willen, ich bin erst siebzehn …«

Der Mann schlang schwarzen Zwirn um Braoins Hals und zog daran, zerrte Braoins Kopf hoch und zurück. »Sieh den Meister«, sagte er und schnürte Braoin die Kehle zu. »Möge er dich als würdig erachten.«

Braoin blickte über die Schnüre hoch, über die in Pantoffeln steckenden Füße, bis er seinen stummen Beobachter ausmachen konnte: einen verdorrten, beinah skelettartigen Leichnam, der eine Peitsche hielt und dessen lange, tote Zähne gelblich schimmerten. Der Kadaver schien Braoin anzugrinsen, während der Junge in Bewusstlosigkeit versank.

Dubric Byerly saß an seinem Schreibtisch und dachte angestrengt nach. Vor ihm lag auseinandergefaltet ein Brief von der Mutter eines Mitglieds der Dienerschaft. Nach den Morden im vergangenen Mond war ihre verstörte Tochter – die Vormittagsköchin der Burg – nach Hause gereist, um ihre Kinder bei ihrer Mutter abzuholen. Dort angekommen, hatte sie mitten in der Nacht erst ihre Kinder, dann sich selbst getötet. Die trauernde Großmutter wollte wissen, was sich ereignet hatte. Was ihre geliebte Tochter in solche Verzweiflung gestürzt hatte. Warum sich ihr Kind das Leben genommen hatte. Warum ihr Schwiegersohn solch schreckliche Taten begangen hatte.

Dies waren keine Fragen, die Dubric beantworten konnte.

Schließlich traf er eine Entscheidung und verfasste ein Beileidsschreiben. Er brachte sein tief empfundenes Mitgefühl für den Verlust zum Ausdruck und bot an, eine Rente zu bezahlen, um die finanzielle Bürde zu lindern, die damit einherging.

Danach versiegelte er den Brief, legte ihn für die Zustellung beiseite und nippte an seinem Tee.

Plötzlich schwang die Tür auf, und Dubric zuckte zusammen, als Lars in die Amtsstube gerannt kam. Lars war schlaksig und groß gewachsen wie jeder Junge an der Schwelle zum Mannesalter. Seine Wangen wiesen eine aufgeregte Röte auf, das strohblonde, ungekämmte, vom Wind zerzauste Haar stand wie ein aufgesetzter Kranz in alle Richtungen ab. Er roch nach Schlamm und Pferdedung.

»Herr! Wir haben einen Boten aus den nördlichen Weiten.«

»Worum geht es?«, erkundigte sich Dubric und stand auf.

Lars begegnete dem Blick des Kastellans. »Um einen Mord, Herr. Zumindest glaube ich, dass er das gesagt hat. Er ist die ganze Nacht durchgeritten, und er scheint völlig verängstigt.«

Nicht schon wieder, dachte Dubric und stöhnte. Er ergriff seinen Mantel und folgte Lars aus der Amtsstube.

Als sie die Stallungen erreichten, hatte sich eine beträchtliche Menge Schlamm auf Dubrics Stiefeln und Hose angesammelt. Flavin, der Stallmeister, wartete vor dem Tor. Er knetete mit den Händen seine Mütze. »Der Bursche ist so gut wie am Ende«, sagte er. »Und sein Maultier … Ich werd tun, was ich kann, aber viel Hoffnung hab ich nicht, Herr. Maultiere sind nicht dafür geschaffen, so zu rennen. Ich lasse es von Goudin rumführen, aber mehr kann ich nicht tun, bis es sich abgekühlt hat.«

Dubric nickte mit verkniffener Miene, und Lars öffnete das Stalltor für ihn.

Dubrics Knappe Dien kniete in der Nähe einer offenen Abteiltür und stützte einen dreckigen, blutenden Jungen, während der Bursche Diens Stiefel und das Stroh auf dem Boden mit Erbrochenem bespritzte. Dien hielt den Jungen fest, als könnte er ihn vor dem Grauen beschützen, von dem zu berichten er gekommen war.

Dubric eilte auf die beiden zu, dicht gefolgt von Lars. »Was ist passiert?«

»Bin noch nicht sicher, Herr«, erwiderte Dien und klopfte dem Jungen sachte auf den Rücken, als das Würgen nachließ. »Eachann hat sich den Kopf angeschlagen, und was er sagt, ergibt nicht viel Sinn. Soweit ich es mitbekommen habe, ist jemand aus den nördlichen Weiten getötet worden. Darüber hinaus kann ich nur raten. Er besteht darauf, mit Euch zu reden.«

Das Stalltor öffnete sich erneut, und Otlee, Dubrics jüngster Page, kam mit Medicus Rolle im Schlepptau hereingerannt.

»Hol ihm Wasser«, sagte Dubric zu Otlee.

»Ja, Herr!« Otlee verneigte sich hastig und eilte wieder aus dem Stall.

Dubric näherte sich langsam dem Jungen. Dabei achtete er darauf, Rolle genügend Platz zum Arbeiten zu lassen. »Wie alt bist du, Junge?«

Der Knabe zuckte bei der Berührung des Medicus zusammen. »Dreizehn Sommer, Herr – so ungefähr. Hab nie groß drauf geachtet.«

»Und dein Name ist Eachann?«

»Ja, Herr, ich …« Er verzog das Gesicht und taumelte vom Medicus weg. »Mann! Ihr müsst mich nicht umbringen, ich bin schon halb tot!«

Dubric bedachte ihn mit einem mitfühlenden Lächeln. »Was wolltest du sagen?«

»Gänse, Herr. Ich hüte Gänse.« Der Medicus berührte Eachanns blutende Schulter, und der Junge schrie erneut auf.

Als Nächstes ergriff der Medicus das Kinn des Knaben und hielt ihn fest, während er einen Finger vor den Augen des Burschen hin und her bewegte. »Neben mehreren Prellungen hat er eine ausgerenkte Schulter, eine gebrochene Elle …« Der Finger senkte sich, und Rolle beugte sich vor, um aus nächster Nähe in die Augen seines Patienten zu blicken. »Und anscheinend auch eine Gehirnerschütterung.« Seufzend richtete er sich auf. »Ich denke zwar, er wird eine Befragung überleben. Aber bitte steckt ihn danach so bald wie möglich erst in ein Bad und dann in ein warmes Bett. Es geht nicht an, ihn hier im Stall zu lassen.«

Rolle sammelte seine Hilfsmittel ein. »Schickt mir einen Boten, um mir Bescheid zu geben, wenn er einquartiert ist, damit ich den Arm richten und ihm etwas gegen die Schmerzen geben kann. Bis dahin lasse ich ihn in Eurer Obhut.«

»Danke«, sagte Dubric, als Rolle an ihm vorbeiging.

Eachann zuckte zusammen, hielt sich den gebrochenen Arm und sah Dubric an. »Ihr seid’s, nich’ wahr? Fürst Dubric höchstpersönlich.«

»Ja. Was führt einen geschundenen Gänsehirten in meine Burg?«

Eachann schaute zu Dien auf, bevor er den gequälten Blick wieder auf den Kastellan richtete. »Die Dunkelheit, Herr. Es war die Dunkelheit.«

»Dasselbe hat er mir erzählt«, warf Dien ein, der seinen Mantel enger um die Schultern des Knaben zog. »Der Sturz hat sein Gehirn durcheinandergebracht.«

Dubric kauerte sich steif vor die beiden hin. Seine Knie kamen neben dem Erbrochenen zum Ruhen. »Warum die Dunkelheit, Eachann? Was ist in der Dunkelheit passiert?«

»Die Dunkelheit hat sich schon wieder einen geholt«, antwortete Eachann. »Diesmal jemanden, den ich gekannt hab.«

Dubric beobachtete, wie sich die Finger des Jungen in die feine Wolle von Diens Mantel bohrten und sie zusammenknüllten. »Was meinst du damit, dass sich die Dunkelheit jemanden geholt hat? Wen? Und warum kommst du zu mir? Warum wurde kein offizieller Kurier geschickt?«

»Es ist wieder einer verschwunden, und gestern hat man jemanden gefunden – tot! Der Fluss hat ihn in der Nähe von Barrorise ausgespuckt. Mein Pa hat gesagt, jemand muss losreiten – ich muss losreiten. Ich muss zur Burg und Fürst Dubric von der Dunkelheit erzählen. Ganz gleich, wie viel Angst ich hatte, ich musste davon erzählen. Wir hatten sonst niemanden.«

»Du hast ›wieder‹ gesagt. Wie viele hat sich die Dunkelheit denn schon geholt?«

Eachann schauderte. »Keine Ahnung. Ein paar. Viele. Ich hab zwar Geschichten über die Dunkelheit gehört. Und darüber, wie sie uns holt. Aber bis jetzt hat sie sich noch nie jemanden genommen, denn ich gekannt hab. Und sie hat auch noch nie zuvor jemanden wieder ausgespuckt.«

Dubric wiegte sich zurück und verlagerte das Gewicht auf die Fersen. »Wen hat sie sich zuletzt geholt?«

»Einen Nachbarn. Frau Maeves Jungen. Er heißt Braoin.«

Dien erbleichte und hielt Eachann fester. »Nein. Oh, bei der Göttin, nein.«

Dubric sah Dien an. »Du kennst diesen Braoin?«

Dien strich dem Jungen das vor Blut steife Haar glatt. »Ja, Herr. Er ist der Vetter meiner Frau, der Sohn ihrer Tante. Ein anständiger Bursche, macht nie Ärger. Sarea und die Mädchen sind seit einer Phase dort, um ihrer Familie bei den Vorbereitungen fürs Pflanzfest zu helfen. Ich hätte sie nie alleine hinschicken sollen.«

Dubric stand auf und löste Eachann behutsam aus Diens Umarmung. »Lars, hol meine Sachen, such Otlee und macht euch bereit für einen Ausritt. Dien, sag Rolle, dass ich Eachann in meine Gemächer bringe. Wir treffen uns dort in einer halben Glocke.«

Seine beiden engsten Vertrauten nahmen ihre Anweisungen mit einem Nicken zur Kenntnis, dann folgten sie Dubric aus dem Stall. Als er dem Jungen zur Burg half, frischte der Wind auf. Die Luft roch nach Regen.

Der graue Himmel hatte sich verfinstert, als vier verkniffene Reiter die Weiten erreichten. Schlammbespritzt und vom unablässigen Nieselregen völlig durchnässt trabten sie in das Dorf Stemlow und lenkten ihre Tiere auf die goldene Wärme einer Schenke zu.

»Otlee, bring die Landkarte mit«, sagte Dubric, als er sein Pferd anband.

Er betrat die Schenke als Erster und rümpfte angesichts des Gestanks von billigem Tabak die Nase. Bauern und Arbeiter schauten auf. Argwöhnische Blicke beäugten seine offizielle Aufmachung und sein kampfbereites Schwert. Die einzige Schankmagd, eine dürre Frau mit pockennarbigem Gesicht, verschüttete ein Getränk über ihre Hand, als sie ihn anstarrte, und der Schankwirt erbleichte, bevor er sich wieder seinen Aufgaben zuwandte.

Viele Gäste wandten sich ab, als Diens Masse den Türrahmen ausfüllte. »Ich schätze, hier bekommt man nicht oft Reisende zu sehen«, murmelte er.

Dubric schlug die Kapuze seines Mantels zurück. »Wahrscheinlich nicht. Wenn ich mich recht entsinne, ist dieses Dorf kaum mehr als ein Klecks auf der Landkarte.« Er führte seine Männer zu einem freien Tisch fernab der einladenden Wärme des Feuers und bahnte sich dabei den Weg zwischen Gruppen murrender Männer hindurch.

Die Schankmagd folgte ihnen mit einem Krug Bier und vier Humpen.

»Tee für den Jungen und vier Schalen mit irgendetwas Warmem«, bestellte Dubric.

»Kaninchen mit Klößen, Herr«, gab die Frau zurück. Er nickte, und sie eilte davon, ließ sie in Frieden.

»Mal sehen, wo wir sind.« Dubric breitete Otlees Landkarte auf dem Tisch aus. Er schaute Dien an. »Deine Familie ist in Tormod?«

»Einige Meilen nördlich, Herr«, bestätigte Dien. »Auf dem Gehöft von Sareas Eltern. Aber ihre Tante Maeve lebt in Falliet.«

Dubric tippte auf der Karte auf beide Punkte. Tormod lag fast genau im Norden entlang einer Straße, die sich leicht nach Nordosten krümmte. Falliet befand sich näher, aber in nordwestlicher Richtung. »Beide Orte können wir heute Nacht nicht erreichen. Dafür verläuft die Straße durch Falliet zu weit nach Westen. Das sind bestimmt zwei Glocken zusätzlicher Weg.«

»Ja, Herr.« Stirnrunzelnd betrachtete Dien die Karte. »Fast drei Glocken mehr, zumal wir entlang dieser Strecke drei Flussfurten queren müssen. Über die Straße durch Barrorise mit ihrer Brücke geht es schneller. Zumindest nach Tormod.«

Lars wischte sich Bierschaum von den Lippen. »Also, was tun wir?«

»Wir trennen uns.« Dubric gab Otlee die Karte zurück. »Dien muss sich um seine Familie kümmern, während ich ohne Aufschub den Todesfall zu untersuchen habe.«

Die Schankmagd brachte Otlee seinen Tee. »Verzeiht, Herr, aber ich hab Euch reden gehört. Die Jungen sollten vielleicht hier bleiben, wenn’s möglich is’. Oben im Norden is’ es nicht sicher.«

Dubric fielen ihre dünnen, verlebten Hände, ihre fadenscheinige Schürze und ihre aufrichtige Besorgnis auf. »Du hast von dem Todesfall in Falliet gehört?«

»Pah«, machte sie, wiegte sich zurück und rieb sich die Arme, als verspüre sie plötzliche Kälte. »Is’ nich’ bloß in Falliet so, sondern so gut wie überall in den Weiten. Soweit ich weiß, sin’ wir in Bendas die Einzigen, die keine jungen Leut’ verlier’n. Wir hör’n die Geschichten, Herr, und wir nehmen sie uns zu Herzen.«

Dubric nippte an seinem Bier, dankbar für die Wärme, die sich in seinem Bauch ausbreitete. »Was für Geschichten?«

»Die Ortschaften entlang des Flusses sind’s, die so leiden, Herr. Irgendwas passiert dort mit der Dunkelheit und mit dem Wasser. Jungvolk verschwindet im Regen oder auf dem Weg zum Brunnen, und die Göttin weiß, kein Kind darf dort mehr zum Angeln gehen, nich’ mal am helllichten Tag. Atro, der Höker, is’ hier vor ein, zwei Phasen vorbeigekommen. Er hat behauptet, er hätt’ geseh’n, wie sich die Dunkelheit einen Jungen geschnappt hat, und der Junge hätt’ nich’ mal geschrien. Im einen Augenblick da, im nächsten weg. Is’ dort nich’ sicher für Eure Jungs, Herr. Schon gar nich’ in einer verregneten Nacht wie dieser.«

Lars musterte die Frau über den Rand seines Humpens hinweg und schwieg. Otlee umklammerte mit den dünnen, tintenfleckigen Händen das Kartenfutteral und richtete sich im Sitzen etwas höher auf. »Ich fürchte mich nicht.«

»Vielleicht solltest du das.« Die Schankmagd schaute über die Schulter zur Theke. Sie winkte bestätigend, bevor sie sich wieder Dubric zuwandte. »Wir vermieten zwar an sich keine Zimmer, Herr, aber ich kann Earl sagen, er soll Euch eins geben, wenn Ihr wollt. Seine Tochter hat letzten Mond geheiratet, und ihr Zimmer steht immer noch leer. Wär’ zwar zum Schlafen ein bisschen beengt, aber die Jungen wären in Sicherheit.«

Dien trank sein Bier aus, als die Frau davonging. »Ihr und die Jungen könnt bis morgen früh hierbleiben, Herr, aber ich muss zu meiner Familie. Wenn die Kacke im Norden dermaßen am Dampfen ist, dass man sogar in diesem jämmerlichen Kaff davon weiß, dann muss ich meine Mädels beschützen.«

»Ich begleite dich«, meldete sich Lars zu Wort. Er trank einen ausgiebigen Schluck und stellte seinen Humpen auf dem Tisch ab.

Dien sah ihn stirnrunzelnd an und schüttelte den Kopf. »Vielleicht solltest du besser hierbleiben. Wir wissen noch nicht, womit wir es zu tun haben.«

Die Schankmagd kam mit dem Essen. Der immer hungrige Lars griff nach einer Schale und machte sich darüber her. »Ich hab keine Angst, und zwei Schwerter sind besser als eines. Erst recht, wenn es darum geht, deine Familie zu beschützen.«

»Ich kann meine Familie allein beschützen, Kleiner«, entgegnete Dien und blickte finster in seine Schale. »Außerdem braucht dich Dubric. Ist besser, wenn du ihm hilfst.«

Otlee strahlte Lars an. »Wir müssen nicht beide mit Dubric reisen. Ich kann so gut wie alles selbst. Größtenteils geht es ohnehin nur darum, Notizen aufzuschreiben.«

Dien stocherte in seinem Essen. »Vielleicht sollte keiner von euch beiden mitkommen. Immerhin werden Kinder entführt. Ich hätte gute Lust, euch beide zur Burg zurückzuschicken.«

Dubric ließ sie weiterreden. Ihre Stimmen verblassten im Hintergrund, während er aß. Vermisste Kinder lassen auf Sklavenhändler schließen. Bergwerke? Textilien? Warum nur in den Weiten? Und worin besteht die Verbindung mit Wasser? Und was ist mit dem, der tot aufgefunden wurde? Einer, der fliehen konnte? Oder etwas anderes? Seine Gedanken verlagerten sich, und der Löffel in seiner Hand zitterte.

Er wusste, was ihn entlang der dunklen Straße vor ihm erwartete, und er wusste auch, dass er keine andere Wahl hatte, als sich dem zu stellen. Es war der Fluch, mit dem er leben musste, und eine Bürde, die er tragen würde, ganz gleich, wie schmerzlich sie sein mochte.

Dubric trank einen Schluck Bier, um sich den üblen Geschmack der Beklommenheit und Abscheu aus dem Mund zu spülen. »Niemand bleibt zurück. Otlee, du reitest mit mir. Lars, du reitest mit Dien. Wir brechen auf, sobald wir fertig sind.«

Da die Angelegenheit damit besprochen war, aßen die anderen in Ruhe zu Ende, während sich Dubric wieder seinen Sorgen zuwandte. Seufzend stocherte er an seinem Kaninchen herum. Die Augen schmerzten ihn bereits.

In einer rasch kälter werdenden Nacht überquerten sie ohne Zwischenfall einen namenlosen Bach und verabschiedeten sich an der nächsten Kreuzung voneinander. Dien und Lars ritten nach Osten, während Dubric und Otlee den Weg in Richtung Norden fortsetzten.

In den Niesel mischte sich nun Schneeregen, der Dubrics Hände sogar durch die Handschuhe zum Frieren brachte und seine Knöchel steif werden ließ, bis er die Zügel nicht mehr spüren konnte.

Otlee ritt still und wachsam neben ihm. Mit einer Hand lenkte er das Pferd, die andere ruhte auf dem Heft seines Kurzschwertes.

Dubric öffnete eine Hand, beugte und streckte die schmerzenden Finger, um sie zu lockern. »Ich glaube nicht, dass es etwas zu befürchten gibt.«

»Ich weiß, Herr. Mir ist bloß kalt.« Otlee drehte sich um. Sein Gesicht war unter dem Mantel kaum erkennbar. »Gibt es in Falliet eine Herberge? Bei diesem Wetter draußen zu lagern, würde mir zutiefst widerstreben.«

»Mir auch«, pflichtete Dubric ihm bei. »Keine Sorge. Ob es eine Herberge gibt oder nicht – wir werden irgendwo schlafen, wo es warm und trocken ist. Darauf hast du mein Wort.«

Otlee zog den Mantel enger um die schmalen Schultern. »Danke, Herr.«

Sie ritten vorbei an weit abseits der Straße liegenden Gehöften, hinter deren Fenstern warme Lichter flackerten. Dubric sah Vieh, Steinzäune und gelegentlich ein Baumgrüppchen, aber keine anderen Reiter, keinerlei Menschen.

Woraus man niemandem einen Vorwurf machen kann, dachte der Kastellan, der abermals die Finger beugte und streckte. Was für eine erbärmliche Nacht.

Ein kalter Schmerz nistete sich plötzlich hinter seinen Augen ein, und er zuckte zusammen, als ein Geist auf der Straße erschien.

Dubric schüttelte den Kopf und zerrte an den Zügeln, erschrak beim Anblick des jungen Gesichts. Zierlich und hell – vertraute Züge. Der Geist humpelte auf ihn zu. Der Junge wies Schnitte im Gesicht, an der Brust, am Bauch und am Hals auf und blutete aus mehr Wunden, als Dubric zählen wollte. »Lars?«, flüsterte er und schluckte den Kloß der Beklommenheit in seinem Hals hinunter.

»Herr?«, fragte Otlee, aber Dubric winkte ab und stieß vor jäher Erleichterung den Atem aus.

Trotz der Ähnlichkeit erkannte Dubric, dass es sich bei dem Geist nicht um Lars handelte; er war kleiner, krumm und lahm. Ein Junge von vielleicht neun oder zehn Sommern. Eindeutig nicht sein Oberpage, gelobt sei der König, auch nicht der siebzehn Sommer alte Braoin. Dieser Geist bewegte sich frei, schien eigenständig zu sein und ein Bewusstsein zu besitzen wie alle seit langer Zeit toten Geister. Dubric schätzte, dass er vor mehreren Jahreszeiten gestorben war, jedenfalls hatte man den Leichnam bestimmt nicht erst kürzlich aus dem Fluss gezogen.

»Nichts«, sagte Dubric und trieb sein Pferd weiter. Der Geist reihte sich neben ihm ein und hinkte mit abgehackten, ungleichmäßigen Schritten neben ihm einher. Ein toter Junge ist nicht unmöglich zu ertragen, dachte Dubric und blickte auf den verkrüppelten Geist hinab. Der grinste ihn voll vergnügter Unschuld an. Jegliche geistigen Fähigkeiten schienen ihm zu fehlen. Dubric lächelte zurück und zeigte sich der Erscheinung gegenüber so duldsam, wie er es bei jedem anderen geistig zurückgebliebenen Kind gewesen wäre. Für einen solchen Burschen hätten Sklavenhändler wenig Verwendung. Eine Tragödie zwar, aber nicht unerwartet.

Dann explodierte abermals ein jäher, eiskalter Schmerz hinter seinen Augen. Dubric japste angesichts des vertrauten und verhassten Gefühls. Er tastete verzweifelt nach der Mähne des Pferdes, um sich daran festzuklammern, bevor er aus dem Sattel fallen konnte. Zwanzig oder mehr Geister lösten sich gleichzeitig aus der feuchten Dunkelheit rings um ihn, versperrten die Straße und griffen nach seinem Mantel, seinem Pferd, seiner Seele. Alle waren sie jung, allesamt männlich. Stumm heulten sie und streckten sich nach ihm. Von einigen troff Phantomblut auf die schlammige Straße. Ihre dampfartige Berührung strich durch seine Arme und Beine, hinterließ ein eisiges Gefühl. So viele, so plötzlich, dachte er und konnte angesichts der Schmerzen, die seinen Kopf ausfüllten, kaum atmen. Warum alle zusammen und nicht einer nach dem anderen? Und alles Knaben. Beim König, in was habe ich die Jungen da hineingezogen? Sklavenhändler würden nicht so viele Jungen töten. Im Gegensatz zu dem verkrüppelten Geist des ersten Jungen oder auch den sonstigen Geistern, die er bis zu dieser Nacht zu Gesicht bekommen hatte, handelte es sich bei den Erscheinungen hier um blasse, durchscheinende und schleierhafte Bilder.

Sein Pferd scheute, hielt jäh an und bäumte sich auf. Die vorderen Hufe hoben vom schlammigen Boden ab. Ein Geist griff nach dem Zaumzeug, und das Tier tänzelte schnaubend zurück.

»Herr!«, rief Otlee hinter den trüben, grünen Schreckensgestalten. Dubric konnte den Jungen durch das Gewirr der Geister nicht sehen.

Der lahme Geist, der Lars so ähnelte, humpelte auf Dubric zu und schob sich an den größeren, älteren, dunstigeren Jungen vorbei. Immer noch mit einem geistlosen Grinsen im Gesicht starrte er in Dubrics Augen. Er griff nach dem Sattel. Seine frostigen Finger strichen über das Leder, schlossen sich um Dubrics Fußgelenk, und der Knabe zog sich daran hoch.

»Nein!«, brüllte Dubric, zuckte zurück und trat nach dem an ihm hochkletternden Schemen. Der verkrüppelte Junge fiel in den Matsch und verblasste. Dubric rieb sich fieberhaft die Augen, und die meisten anderen Geister verschwanden. Nur zwei blieben zurück und versperrten die Straße.

Der eine Teil des verbliebenen Paares, ein drahtiger Bursche von vielleicht fünfzehn Sommern, überquerte die Straße und schien Dubrics Gegenwart nicht zu bemerken. Matsch sickerte aus einer platten Wunde hinter der rechten Schläfe der Erscheinung und tropfte von deren gequetschtem, entstelltem Ohr. Der andere Junge, zierlich gebaut und mit dem Schatten eines Barts am Kinn, verharrte wie angewurzelt. Er war nackt und brüllte stumm dem Himmel entgegen, während er die Hände an den Seiten zu Fäusten ballte. Phantomblut rann die Innenseite eines Beins hinab und sammelte sich an den Füßen zu einer Lache. Beim König, was geschieht hier?

»Herr?«

Dubric blinzelte und schüttelte den pochenden Kopf. Beide Geister blieben, brüllten und bluteten auf die schlammige Straße. Er rieb sich die Augen, aber die verfluchten Wesen weigerten sich, zu verschwinden.

»Herr!«

Dubric spürte ein Zupfen am Arm. Jungen, allesamt Jungs. Was habe ich getan? Lars! Otlee! Nein, bitte nicht. Kalte, nasse Finger schlangen sich um sein Handgelenk, verlangten von ihm, den Kopf zu drehen und hinzuschauen, bestanden darauf, dass er ihnen Beachtung schenkte, während die beiden Jungen vor ihm weiter einen endlosen Strom von Phantomblut vergossen.

Mit einem Knurren riss er seine Hand los und ließ sie dann vorschnellen, schlug die Erscheinung, die es wagte, ihn festzuhalten … allerdings traf er nasse Haut und einen triefnassen Wollmantel, nicht den eisigen Dunst eines Geistes.

Otlee schrie auf und fiel zurück, verschwand in der Dunkelheit.

Keuchend blinzelte Dubric und wischte sich mit zittriger Hand die Augen ab, als sein Pferd davontänzelte. Beim König, was habe ich getan? »Otlee?«

Keine Antwort. Nur Schneeregen und blutende Geister.

»Otlee!« Hastig stieg Dubric vom Pferd und sank auf die Knie. Dabei verfluchte er die Göttin dafür, ihn so zu quälen, verfluchte sie erneut für seinen Fehler. Indes pochte sein Schädel unablässig, und aus den Augenwinkeln nahm er schimmernde grünliche Schwaden wahr.

Er kroch auf Otlees Pferd und die reglose Gestalt zu Füßen des Tieres zu. Dubrics Finger gruben sich in den kalten Matsch. Stechende Schmerzen schossen durch seine arthritischen Knöchel, als er sich vorwärtszog.

Otlees dunkles, triefnasses Pferd stand über dem Jungen. Einer der Vorderhufe stapfte neben dem Kopf des Pagen auf.

»Es tut mir leid, so leid«, murmelte Dubric, während er weiterkroch.

Dampf wallte aus den Nüstern des Tieres, und derselbe Huf scharrte auf der Straße. So kalt, so nass, und dabei habe ich dem Jungen versprochen, ja, beim König geschworen, er würde ein warmes, trockenes Bett bekommen, nicht diesen verfluchten Matsch!

Die Kapuze von Dubrics Mantel fiel zurück, und eisiges Wasser lief ihm über das Rückgrat hinab, ließ ihn bis aufs Mark frösteln. Der scharrende Huf hielt inne, verharrte einen Schritt hinter Otlees Kopf. Dubric schleppte sich weiter und beobachtete das Pferd, als er sich nach Otlee streckte. Das Tier senkte den Kopf und wärmte Dubrics Gesicht mit einem Schnauben.

»Stirb nicht, Junge«, murmelte der Kastellan, als er sich zwischen schlammigen Hufen hindurchschlängelte. »Das ist ein direkter Befehl. Missachte ihn bloß nicht, hörst du?«

Mit zitternden Händen tastete er Otlees Nacken ab – alle Wirbel befanden sich dort, wo sie sein sollten, dem König sei Dank –, bevor er den Jungen auf den Rücken rollte.

Die Bewegung entlockte Otlee ein Japsen und ein Stöhnen, und er zog die Beine an die Brust an. Dubric spürte den dampfenden Atem des Pferdes im Nacken und untersuchte seinen Pagen hastig auf Verletzungen. Alle Knochen fühlten sich unversehrt an, und das Herz des Jungen schlug in einem gleichmäßigen Takt – aber er war so zierlich und besaß kein Fett, das ihn warmzuhalten vermochte.

Dubric schob die Finger unter Otlees Kopf und hielt inne. Die Kehle war ihm wie zugeschnürt. Er berührte die warme, klebrige Schwellung, tastete den Schaden behutsam mit den Fingerspitzen ab. Otlee stöhnte dabei erneut.

»Bleib bei mir«, sagte Dubric und hob Otlee hoch, als er unter dem Pferd hervorkroch. »Wir können nicht mehr weit von Falliet sein. Dort suche ich Hilfe, und es wird alles wieder gut. Ich schwöre bei meinem Leben, es wird alles wieder gut.«

Wankend mühte sich Dubric auf die Beine. Otlee hing schlaff auf seinen Armen. Die Geister schienen nichts davon zu bemerken. Dubric wickelte seinen Mantel um Otlee und kletterte in den Sattel. Mit dem zierlichen Jungen in den Armen trieb er sein Ross in einen Kanter, beeilte sich, so schnell er es wagte. Er hoffte, Otlees Pferd würde ihnen folgen.

Dubrics Tier scheute, als es sich durch den umherstapfenden Geist bewegte, aber der Kastellan hielt die Zügel fest in einer steifen Hand und setzte den Weg fort, achtete nicht auf die ihn durchdringende eisige Kälte. Otlee zuckte kurz, dann lag er still, schlaff und frostig an Dubrics Brust, und Dubric trieb sein Pferd in einen Galopp.

Dien und Lars überquerten die Brücke über den Casclian bei Barrorise und setzten den Weg nach Norden entlang der Straße fort, die dem Tormod folgte.

Kurz hinter der Brücke zügelte Dien seinen Wallach und stieg ab. »Siehst du das, Kleiner?«

Lars lenkte seine Stute zurück und glitt aus dem Sattel. »Ich sehe nur Regen und Schlamm.«

»Dann musst du genauer hinsehen.« Dien führte sein Pferd zum Rand der Straße und kniete sich hin.

Lars stellte sich neben ihn. »Scheint mir zu breit für einen Anglerpfad zu sein.«

Eine breite Schneise aus abgestorbenem Gras und zertrampeltem Unkraut erstreckte sich schlingernd zum Flussufer, und Regenwasser floss durch zwei tiefe Furchen im Schlamm hinunter. Dien richtete sich auf, kniff die Augen zusammen und zog sein Schwert. »Sehen wir uns das mal an.«

Lars spähte zum Fluss hinunter. »Wahrscheinlich ist es nichts.«

Dien trat den Abstieg an und hielt sich an einem Jungbaum fest, um das Gleichgewicht zu halten. »Hat der Junge heute Morgen nicht gesagt, man hätte jemandes Leiche unmittelbar nördlich von Barrorise gefunden?«

Lars drehte sich, um sich langsam seitwärts die tückische Böschung hinab zu kämpfen. »Du glaubst, man hat ihn dort unten gefunden?«

Dien kam unten an und schaute zu Lars auf. »Irgendjemand hat dieses Gewirr hier zum Ufer geschleppt. Es hat sich nicht von allein angesammelt.«

Lars sprang das letzte Stück und landete neben Dien im Kies. Ein wilder Haufen aus Ästen und Gestrüpp türmte sich am Ufer hoch auf und bohrte sich in den schlammigen Hang neben ihnen. Von einem abgebrochenen Ast hing ein Stück Stoff, das nass im Wind flatterte. »Da hat sich jemand das Hemd zerrissen«, stellte Lars fest und löste den Fetzen vom Ast. »Das ist Seide.«

»Vielleicht stammt das von Bray, nur bezweifle ich irgendwie, dass er sich Seide leisten konnte. Das können hier in der Gegend nicht viele Menschen.« Dien betrachtete den karierten Stoff mit zusammengekniffenen Augen. »Mir sagt es nichts, aber das muss nicht viel bedeuten.«

Lars fasste in seine Tasche, um einen kleinen Beutel aus Baumwolle hervorzuholen; eigens für Beweismittel gedacht und Teil der Grundausstattung, die Dubric sie immer mit sich führen ließ. »Ist wahrscheinlich von jemand anderem, aber es kann ja nicht schaden, es zu behalten.« Nachdem er das Stück Stoff verstaut hatte, schritt er das Ufer entlang, um den Kies und den Schlamm in Augenschein zu nehmen. »In dem Regen und der Dunkelheit werden wir nicht allzu viel erkennen können.«

Dien streckte sich und schaute zum Himmel auf. »Ich schätze, da hast du recht.« Über ihnen bewegten sich Wolken, doch vereinzelt zeichnete sich dazwischen das Funkeln von Sternen ab. »Und was hier mal war, ist wahrscheinlich längst weggewaschen.«

Lars kauerte sich am Rand des Flusses hin und griff ins frostige Wasser. »Aber nicht alles.« Etwas stand da im Wasser. Es ragte durch die Oberfläche und funkelte als vom Mondlicht erhelltes Rund vor nasser Schwärze. Er zog eine Flasche aus dem Matsch, richtete sich auf und reichte sie Dien. »Ob hier jemand was gefeiert hat?«

»Oder es war eine Totenwache«, ergänzte Dien. Er hielt die Flasche im Mondlicht schief, dann schnupperte er daran. »Riecht wie Whiskey. Kann nicht lange im Fluss gewesen sein. Weniger als eine Glocke, würde ich meinen.«

Lars wischte sich die Hände an der Hose ab. »Eachann ist heute Morgen in der Burg eingetroffen, nachdem er die ganze Nacht geritten war. Der Leichnam wurde wann gefunden? Gestern?«

»Ja. Gib mir noch ein Säckchen. Jemand ist heute Nacht hier runtergekommen.«

»Im Regen …«, fügte Lars nachdenklich hinzu und warf einen Beutel zu Dien hinüber. Er griff nach einem auf der Böschung wachsenden Busch und zog sich daran hoch. »Ich überprüfe die Straße.«

»Sei vorsichtig. Ich bin unmittelbar hinter dir.«

Lars kletterte weiter. Auf der Straße rappelte er sich auf die Beine und blickte in beide Richtungen. Er hielt Ausschau nach Spuren oder zertrampeltem Unkraut, allerdings hatte der Regen den Schlamm geglättet und einen Großteil des Wildwuchses geplättet. Er hörte, wie Dien die Böschung erklomm. »Ich glaube, hier laufen Wagenspuren lang«, rief Lars, »aber es ist schwer zu sagen. Falls es welche sind, führen sie nach Norden. Südlich der Pferde ist nichts zu sehen.«

»Bist du sicher, Kleiner?«, frage Dien, während er die Flasche in seinen Satteltaschen verstaute. Dann ergriff er die Zügel der Pferde und führte sie zu Lars.

»Überhaupt nicht«, gab Lars zurück und kniete sich neben eine gekrümmte Vertiefung im Gras. »Es ist alles weggewaschen. Aber ich glaube, hier hat jemand umgedreht. Schau.«

Die Straße mochte der Regen geglättet haben, doch die Rillen am grasbewachsenen Rand waren geblieben und prangten wie eine Wunde im Schlamm.

Lars deutete die Straße hinauf zu einem weitläufigen, hell erleuchteten Landgut. »Wer wohnt dort? Könnten die von da oben aus was gesehen haben?«

Diens Miene verfinsterte sich, als er Lars die Zügel seines Pferdes zuwarf. »Das ist Herrn Haconrys Anwesen. Der sieht rein gar nichts außer …« Dien verzog das Gesicht, schüttelte den Kopf und stieg auf sein Pferd. »Ist egal. Versprich mir einfach, dass du dich von ihm fernhältst.«

»Klar«, erwiderte Lars und stieg ebenfalls auf, »ganz wie du willst. Ich werde nicht mal in die Nähe des Ortes gehen.«

Das Pochen in seinem Schädel fühlte sich wie das Klatschen der Brandung gegen die Felsen der Bucht von Wasserfurt an, als Dubric das Dorf Falliet erreichte. Zwei Geschäfte, eine Kirche und eine Handvoll Eigenheime säumten einen gerodeten Streifen Land und einen breiteren Abschnitt der Straße. Im Vergleich dazu hatte es sich bei Stemlow um eine überlaufene Stadt gehandelt.

Dubric lenkte sein Pferd zum nächstbesten Gebäude, einem Geschäft mit auf der Rückseite angeschlossenem Haus. Drinnen schimmerte Licht, warm und einladend, dem König sei Dank. Selbst das mickrigste Feuer wäre besser als der eiskalte Regen.

Er drückte Otlee fest an sich, als er vom Pferd glitt, dann eilte er zur Tür und ließ die Pferde, ohne sie anzubinden, im Schlamm stehen. Beide Geister folgten ihm. Ihre Anwesenheit bedeutete eine Bürde für ihn, die für zusätzlichen Druck hinter seinen Augen sorgte, aber er biss die Zähne zusammen und kehrte ihnen den Rücken zu.

Der Kastellan hievte Otlee auf seine Beine, sodass ein Großteil von dessen Gewicht auf seiner Schulter ruhte, und hämmerte mit der freien Hand an die Tür. »Im Namen Fürst Brushgars und der Provinz Faldorrah, öffnet die Tür!«

Eilige Schritte, dann schwang die Tür einen Spalt auf und offenbarte Licht und warme Luft.

Eine Frau mit hoffnungsvollem Blick in den fein geschnittenen Zügen bedeutete ihm einzutreten. »Der Göttin sei Dank«, sagte sie. »Eachann hat Hilfe gefunden. Bitte kommt herein. Ihr müsst ja entsetzlich frieren.«

Dubric schob sich an ihr vorbei. »Ich brauche Licht, eine Schüssel sauberes Wasser, Verbände und ein Bett. Und alles sofort.«

»Warum?«, fragte sie. »Ist irgendetwas …« Sie klappte seinen triefnassen Mantel auf und zuckte zusammen, als sie Otlee erblickte. »Hier entlang«, sagte sie und führte Dubric eilig vorbei an Gestellen, vollgehängt mit Stoffen und Kleidung.

Im nächsten Raum hielten zwei einander gegenüberstehende Harnisch-Webstühle Wache, während an der hinteren Wand ein teilweise fertiggestellter Wandteppich in seinem Spannrahmen stand. Die Kerze der Frau ließ Licht über den Stoff und die Litzen flackern, wo es auf Fadensträngen schimmerte. Eine Katze fauchte von einem mit Garnspulen gefüllten Regal herunter. Die Augen des Tieres blitzten im Widerschein des Lichts golden auf.

Dubrics Gastgeberin geleitete ihn vom Geschäft in ihr Heim, eine aufgeräumte Behausung mit gepolsterten Stühlen, Kissen und Webteppichen. Sie führte ihn weiter, vorbei an einer kleinen, aber tadellos sauberen Küche zu einer geschlossenen Tür. »Das ist das Zimmer meines Sohnes, aber es wird ihm nichts ausmachen«, erklärte sie und hielt gerade lange genug inne, um eine Lampe anzuzünden. »Nehmt Euch nur, was Ihr braucht. Ich hole Wasser und Verbände.«

»Danke.« Dubric zog die Steppdecke beiseite und legte Otlee aufs Bett, bevor er mit zitternden Händen behutsam die völlig durchnässten Mäntel auszog. »Deine Bettwäsche«, murmelte er, als er das verschmierte Blut auf dem blitzsauberen Kissenbezug bemerkte.

»Zerbrecht Euch darüber mal nicht den Kopf«, sagte die Frau. Sie tauchte mit einer Schüssel Wasser und einem sauberen Tuch an seinem Ellbogen auf. »Wartet, lasst mich das machen.« Sie befeuchtete das Tuch und wischte Otlee das Gesicht ab, wusch den Schlamm aus dem Stoff und begann, die Wunde zu reinigen. »Im Geschäft habe ich eine gute Auswahl an Herrenbekleidung, und ich habe einen Kessel Wasser zum Wärmen auf den Ofen gestellt. Bedient Euch ruhig, bevor Ihr Euch noch den Tod holt. Ich kümmere mich um Euren Enkelsohn, bis Ihr zurückkommt.«

Dubric schluckte seine Schuldgefühle hinunter und presste mit erstickter Stimme hervor: »Er … er ist nicht mein Enkelsohn.«

»Ich kümmere mich trotzdem um ihn. Geht jetzt. Ihr helft niemandem damit, wenn Ihr mir hier den Boden volltropft.«

»Mama?«, murmelte Otlee, dessen Lider zuckten.

»Nicht deine Mama«, flüsterte die Frau und streichelte die Stirn des Jungen. »Bleib einfach ruhig liegen. Es wird alles gut.«

Dubric rappelte sich mühsam auf die Beine und kämpfte sich durch die unglaubliche Kälte, die ihn zu überwältigen drohte.

Otlee zuckte zusammen und stieß die Frau weg, ohne die Augen zu öffnen. »Es tut weh.«

Sie befeuchtete das Tuch erneut und scheuchte Dubric in Richtung der Tür. »Ich weiß, mein Schatz, aber es wird gleich besser. Du wirst schon sehen. Und jetzt leise, lass mich nur machen.« Sie streichelte mit einer Hand Otlees Wange, während sie mit der anderen die Wunde abtupfte. Dabei flüsterte sie ununterbrochen beruhigende Worte.

Dubric schleppte sich in den Flur, wo ihn bereits die zwei Geister erwarteten. Er schloss die Augen und stolperte durch sie hindurch. Seine Muskeln drohten dabei, sich zu verkrampfen. Zittrig und von den Geistern verfolgt taumelte er zum Gewandgeschäft. Er griff sich eine wunderbar dicht gewobene Wolldecke und schlang sie sich über die Schultern, doch das half kaum, die Kälte in seinem Innern zu vertreiben.

Seine Sicht verschwamm. Er blinzelte, um den Schleier zu lichten, und nahm sich von den Gestellen erst eine Hose, dann einen Kasack. Dubric lehnte sich in eine Ecke. Seine Finger hatten Mühe, die Knöpfe seines Hemds zu öffnen, denn sie waren steif und kalt, widerspenstig und von Arthritisschmerzen erfüllt. Die Geister starrten ihn weiter an. Er drehte den Kopf von ihnen fort und murmelte mit klappernden Zähnen eine Verwünschung. Einen Knopf hatte er geschafft, einen weiteren beinahe, als seine Beine unter ihm einknickten. Zitternd fiel er zu Boden und starrte die nackten Füße des unbeweglichen Geistes an. Nach wenigen Augenblicken begannen sie zu wabern und verblassten zusammen mit Dubrics Bewusstsein in Dunkelheit.

Kapitel 2

Jesscea Saworth saß in der Nähe des Fensters und versuchte, in einem abgegriffenen Buch zu lesen. Selbst die zugige Burg mit ihren Adeligen und ihrem steifen Protokoll fand sie besser, als in das Heim ihrer Großeltern verbannt zu sein und Hüte für das Pflanzfest anzufertigen. So sehr sie sich auch bemühte, daran zu denken, was der bevorstehende Frühling versprach – sie würde bald vierzehn Sommer alt sein; alt genug, um die Frühlingsjahrmärkte zu besuchen, alt genug, um zu tanzen –, ihre Gedanken kehrten immer wieder zu Braoin zurück. Seufzend ließ sie das Buch in ihren Händen sinken.

Sie hatte die Erwachsenen tuscheln gehört, dass Braoin nicht nach Hause gekommen war. Laut ihrer Großmutter hatte niemand mehr Bray seit dem vorvorigen Tag gesehen, seit er ihr Gehöft verlassen hatte. Und jetzt …

Regen prasselte unablässig gegen das Glas, und sie hoffte, er würde sich in Schnee verwandeln. Jesscea leckte sich über die trockenen Lippen und hob den Kopf, wagte einen Blick hinaus in die Dunkelheit. Was für eine grauenhafte Nacht, und Braoin ist nicht zu Hause angekommen.

Jess zog die Füße unter sich und versuchte weiterzulesen, aber die Worte verschwammen, als ließe der Regen sie zerfließen, und dieselben schrecklichen Gedanken kreisten wieder und wieder in ihrem Geist.

Braoin ist nicht zu Hause angekommen.

Und das würde er auch nie. Tief in ihrem Herzen wusste sie das. Irgendwie wussten es alle. Sogar die kleine Alyson, erst sechs Sommer alt, wusste, dass Braoin nie wieder zu Hause ankommen würde. Die Dunkelheit hatte ihn verschlungen.

Ein Schatten bewegte sich vor dem Fenster. Das Prasseln des Regens auf der Scheibe verstummte kurz, dann setzte es sich fort, als sich der Schatten entfernte. Jesscea schloss das Buch. »Da ist etwas auf der Veranda«, verkündete sie.

Jess’ Mutter Sarea hörte auf, den Säugling zu stillen, und stieß sich vom Tisch ab. »Nimm deine Schwester«, sagte sie und reichte Fynbelle das Kleinkind.

Großpapas Hund, ein runzliger Rattler und fast so klapprig wie sein Herr, knurrte und hob den Kopf von den Pfoten. Sarea griff nach dem Schürhaken. Der Spiegel auf dem schmalen Kaminsims zeigte ihr Gesicht. »Bist du sicher, Jess?«, fragte sie mit gefährlicher, leiser Stimme.

»Ja, Mama.«

Schritte polterten über den Verandaboden, und Jess unterdrückte ein Kreischen, als Sarea sie vom Stuhl zog. Der Hund bellte, rührte sich jedoch nicht von seinem warmen Plätzchen am Feuer weg.

»Es kommt uns holen!«, zeterte Großpapa. »Wir sind dem Untergang geweiht, dem Untergang geweiht!«

»Sei still!«, herrschte ihn Großmama an. »Du verängstigst die Kinder.«

Kialyn, mit sechzehn Sommern die Älteste, stieß ein Quieken aus, als sie vom Waschraum zurückkam. Ihr triefnasses, seifiges Haar flog ihr um den Kopf, als sie losrannte, um sich an Großmama zu kuscheln.

»Ruhig!«, befahl Sarea scharf.

Aly hastete zu ihnen und duckte sich unter Großmamas knochigen Ellbogen, während sich Fyn mit ihrer kleinen Schwester in die Ecke kauerte, wo ihr glattes, blondes Haar wie ein Vorhang über ihrer beider Gesichter hing.

Die Familie starrte die Tür an. Kia und Aly drängten sich näher an die Großmama. Somit blieb für Jess nur, entweder zu ihrem Großvater zu laufen oder allein stehen zu bleiben.

Sie holte tief Luft, ballte die Hände zu Fäusten und straffte die Schultern, während ihr das Herz laut wie Donner in die Ohren schlug.

»Es ist die Dunkelheit; sie kommt, um sich mit uns den Bauch vollzuschlagen!«, rief Großpapa. »Wir sind tot, unsere Knochen werden ausgesaugt …«

»Bitte, Papa, nicht jetzt!«, forderte Sarea ihn auf.

Stille zog sich wie ein langer, glatter Faden hin, in den allein ihre raue, ungleichmäßige Atmung Knoten knüpfte. Jess trat einen Schritt auf ihre Mutter zu, als ein kräftiges Klopfen die Tür erzittern ließ.

»Sarea?«, meldete sich Großmama zu Wort. Ihre Finger bohrten sich in die Rücken ihrer Enkeltöchter. »Wer ist es?«

»Das ist die Dunkelheit, du Dussel!«, beteuerte Großpapa. »Sie ist schließlich gekommen, um uns zu holen!«

Sarea schritt zur Tür. »Seid alle still!« Mit dem Schürhaken wie ein Schwert im Anschlag entriegelte sie die Tür und riss sie auf.

Fyn kreischte, Kia und Aly wimmerten. Allein Jess blieb ruhig. Das Erste, was sie in jener Nacht durch den Eingang erblickte, war das erleichterte Antlitz ihres Vaters, die Augen stechend und blau.

Und das Zweite war Lars, der sie anlächelte.

Lars saß für sich allein und hielt eine Tasse heißen Tee in Händen. Die Mädchen hatten sich zu Bett begeben, aber er hatte sich geweigert und es vorgezogen, in der Nähe zu bleiben, während sich die Erwachsenen unterhielten.

Dien, Sarea und Sareas Mutter Lissea sprachen mit gedämpften Stimmen über Braoins Verschwinden, aber Devyn, Sareas Vater, starrte Lars an, als hätten seine schlammigen Stiefel die Pest ins Haus geschleppt.

»Was ich gerne wüsste«, ergriff Devyn das Wort, schaute über die Schulter und leckte sich teefleckige Spucke von den Lippen, »ist, warum dieser reiche Bengel hier ist und schon wieder seinen Dreck verbreitet.«

»Dev!«, stieß Lissea hervor, verengte die Augen zu Schlitzen und senkte die Stimme. »Lars ist ein Adeliger und ein Gast …«

»Von wegen Gast, da lachen ja selbst die Hühner! Er ist gekommen, um meine Enkeltöchter zu verderben!« Devyn stand auf und fuchtelte mit dem Finger in Lars’ Richtung. »Es ist schlimm genug, dass meine Tochter einen Burgpfau geheiratet hat, aber ich lasse nicht zu, dass meine Enkelinnen dem bösartigen Zauber dieses Burschen oder seinesgleichen erliegen.«

Dien rieb sich die Stirn und murmelte etwas bei sich, während alle Devyn anstarrten.

Devyn wankte leicht, als er seinen Stuhl beiseitestieß. Eine dunkle Ader pulsierte neben seinem linken Auge, als er Lars anstarrte. »Ich kenne dich, du hinterhältiger Mistkerl, und ich weiß, was du im Schilde führst. Du bist hier ebenso wenig willkommen wie deine lüsternen Gedanken! Fein gekleidetes, uneheliches Lumpenpack in meinem Heim! Kaninchendreck und Wespenstich! Nach allem, was du getan hast! Wie kannst du es wagen, meine Schwelle zu besudeln? Ich will deinesgleichen nicht in der Nähe meiner Enkeltöchter haben!«

Dien schob seinen Tee beiseite. »Denk über mich, was du willst, aber Lars wird niemandem etwas zuleide tun, am wenigsten den Mädchen.«

Speichel troff über Devyns Kinn, und der Wahnsinn strömte mit seinem Atem hinter den fehlenden Zähnen hervor und aus ihm heraus. Er roch nach Fäulnis mit einem unterschwellig metallischen Beigeschmack, wie verdorbenes Fleisch auf einem rostigen Löffel. »Pah! Er will unter ihre Röcke und rammeln wie ein Tier. Hab ich alles schon erlebt.«

Lars stand wutentbrannt auf und ballte die Hände zu Fäusten. Sein Gesicht lief hochrot an, doch er verkniff sich eine Erwiderung.

Dien starrte weiter auf Devyns dürren Rücken. »Weißt du, wo Braoin ist?«, fragte er mit einer Stimme kaum lauter als Devyns ranziger Atem.

»Woher zum Henker soll ich das wissen? Ist ja nicht mein Kalb, der Junge. Und gesagt hab ich’s auch schon«, erwiderte Devyn und ließ sich auf Lars’ Stuhl plumpsen. »Ich hab ihn seit Tagen nicht mehr gesehen.« Die Hand des alten Mannes zitterte ruckartig, und seine linke Wange zuckte. »Tage«, murmelte er und sah Lars mit einem plötzlich sehnsüchtigen Blick an. »Vergangene Tage. Tage und Nächte. Tage voll Apfelwein und Veilchen.« Mit nach wie vor zittrigen Händen zwinkerte er Lissea zu. »Erinnerst du dich an jene Tage? An die Tage voller Apfelwein und Veilchen?«

Lissea eilte zu ihrem Gemahl und ergriff mit einer zierlichen Hand seine dicke Pranke. Unter ihrer Berührung beruhigte sich sein Zittern. »Ja, mein Schatz, das tue ich.«

»Tut mir leid, Kleiner«, murmelte Dien und verlagerte auf seinem Stuhl das Gewicht. »Er hat hin und wieder schlechte Augenblicke.«

»Schon gut«, gab Lars zurück und unterdrückte ein Schaudern. Ihm wäre nie in den Sinn gekommen, dass Wahnsinn einen eigenen Geruch haben könnte, und er hoffte, er würde ihn nie in seinem eigenen Atem oder auf der eigenen Haut riechen.

»Ist es schon Zeit fürs Abendbrot?«, fragte Devyn und stand auf. »Ich bin hungrig.«

»Sicher, Papa«, meldete sich Sarea zu Wort. Sie bedachte Lars mit einem bedauernden Lächeln und erhob sich. »Ich hole das Essen sofort.«

»Wer bist du? Kenne ich dich? Seit wann haben wir denn ein Dienstmädchen? Wie können wir uns überhaupt eines leisten?«

Lars bemerkte einen verletzten Ausdruck in Sareas Augen, als sie sich abwandte.

»Das ist Sarea«, erklärte Lissea und führte Dev zum Tisch. »Du erinnerst dich doch an Sarea, oder?«

»Unsinn. Sarea ist schon ins Bett geschickt worden. Und vorher hab ich sie dort drüben lesen gesehen.« Mit wieder zitternder Hand deutete er zur Sitzbank in der Nähe des Fensters. »Ich hab sie gesehen! Wirklich wahr! Das weiß ich genau!«

Lisseas Stimme blieb geduldig und ruhig. »Das ist Jesscea, deine Enkeltochter. Sarea ist erwachsen.«

Devyn blinzelte. »Tatsächlich? Wo ist sie? Wo ist meine Tochter? Wo ist unser Sohn? Wie soll ich ohne meinen Sohn Hüte verkaufen?«

»Ich bin hier, Papa. Iss jetzt erst mal.« Sarea stellte eine Schale mit Suppe vor ihm ab und legte eine Scheibe gebuttertes Brot dazu.

»Aber Stuart! Wo ist Stuart?« Mit finsterer Miene schaute Dev zu Lars. »Das ist nicht Stuart! Er ist viel zu alt. Nicht wahr?«

»Stuart ist fort«, sagte Lissea und seufzte.

»Fort bei der Dunkelheit. Ja, ich erinnere mich. Verdammt, Weib, ich bin nicht dumm.« Er schaufelte sich Suppe in den Mund, dann ließ er den Löffel fallen, der klappernd auf dem Tisch landete und Brühe darauf verspritzte. Devyn starrte auf die verschüttete Suppe und zog den Finger hindurch, zeichnete einen Schmetterling.

Lars beobachtete angespannt, wie Devyns Hand gleich einem sterbenden Fisch zuckte. Dann setzte sich der alte Mann aufrechter hin. Der Blick seiner wässrigen Augen richtete sich auf die Fenster. »Um der Göttin willen, es ist ja bereits finster. Zeit fürs Bett.«

»Gute Nacht, Papa.« Sarea zog ein Taschentuch hervor und putzte sich die Nase.

»Gute Nacht«, erwiderte er, und das Zucken seiner linken Wange verzerrte sein Lächeln zu einer Grimasse. »Ich erinnere mich noch an die Nacht, in der ich zu einem Mann geworden bin. Wenn ich nur noch ihren Namen wüsste …« Er stand auf und stupste Lars mit dem Ellbogen. »Wer war sie noch? Du hast uns doch einander vorgestellt, weißt du nicht mehr?« Er blinzelte und beugte sich näher, dann pikte er Lars mit einem Finger gegen die Brust. »Stuart? Bist du das?«

»Tut mir leid«, flüsterte Lissea zu Lars, als sie Devyn vom Tisch wegführte. »Er hat einen langen Tag gehabt.«

Lars widerstand dem Drang, den Vorfall mit Devyn seinen Notizen hinzuzufügen und nickte. »Gute Nacht.«

Devyn winkte und schlurfte davon. Er ließ dabei eine Hand über die Wand gleiten, um das Gleichgewicht zu halten.

»Tut mir leid«, sagte Sarea und wischte die von Devyn verschüttete Suppe auf. »Er hätte diese Dinge nicht sagen sollen.«

Lars verwarf die Entschuldigung mit einem Kopfschütteln. »Er hätte dich auch nicht vergessen sollen. Das ist eine viel schlimmere Untat als das, was er über mich gesagt hat.«

Sarea ließ den Kopf hängen und stellte das Geschirr klirrend ins Waschbecken. »Jedes Mal, wenn wir zu Besuch kommen, ist es schlimmer. Ich weiß nicht, wie Mama das aushält.«

»Weil ich es versprochen habe. Er ist immer noch mein Ehemann«, erklärte Lissea, als sie in die Küche zurückkam und sich eine frische Tasse Tee einschenkte. Die hagere Frau wirkte mit ihren rauen, verkniffenen Zügen im Vergleich zu ihrer wunderschönen Tochter und ihren genauso bezaubernden Enkelinnen verschrumpelt und hausbacken. Lars fand, dass sie sich neben ihrem Schwiegersohn geradezu zwergenhaft ausnahm, andererseits galt das für die meisten Menschen.

»Das Angebot steht, Liss«, meldete sich Dien zu Wort.

»Ich kann ihn nicht verlassen. Wer sollte sich dann um ihn kümmern?« Lissea setzte sich, sah Lars und Dien an und faltete die knochigen Hände. Nur ein leichtes Zucken verriet ihre Anspannung. Sie schien sich für schlechte Neuigkeiten zu wappnen. »Was können wir tun, um Braoin zu finden?«

Dien zog ein Notizbuch aus dem Ranzen neben seinem Stuhl hervor. »Ich hab den armen Burschen kaum gekannt, also müsst ihr uns etwas über ihn erzählen. Alles, was dir einfällt, sei es gut oder schlecht oder ganz normal. Wie war er so? Was hat er gemacht? Wer waren seine Freunde?«

Sarea ließ sich auf ihren Stuhl plumpsen. »Du sprichst von ihm, als sei er tot.«

Dien schaute Lars an, bevor er den Blick wieder auf seine Schwiegermutter richtete. »Das könnte er auch sein. Aber wir wissen nicht, wer aus dem Fluss gefischt wurde, also besteht noch Hoffnung. Wenn er noch lebt, tun wir alles in unsere Macht Stehende, um ihn nach Hause zu bringen.«

Sarea legte die Stirn in Falten und griff nach Diens Hand.

Lars holte einen Beutel aus seiner Tasche hervor und öffnete ihn. »Wir haben auf dem Weg hierher ein Stück Stoff gefunden. Seide. Könnte das hier von Braoins Kleidung stammen?«

Er legte den feuchten Streifen vor Sarea und ihrer Mutter auf den Tisch. Lissea schüttelte den Kopf und weigerte sich, den Stoff anzufassen, aber Sarea ergriff ihn. »Ich glaube nicht«, sagte sie und hielt ihn ins Licht. Rote Karos zeichneten sich auf einem schwarzen Hintergrund ab. »Brays Mutter Maeve ist Weberin und fertigt all seine Kleider an. Seide wird er kaum besitzen.«

Lars nahm den Streifen wieder an sich und verstaute ihn, während Dien sagte: »Eine Schankmagd hat uns erzählt, dass schon früher Kinder verschwunden sind. Was könnt ihr uns darüber erzählen?«

Sarea sah ihre Mutter an. Lissea saß ruhig und gefasst auf ihrem Stuhl. In ihrem leuchtend roten Haar schimmerten weiße Strähnen wie Silberfäden in einem Wandteppich. Ihr Mundwinkel zitterte, und sie starrte auf ihre Hände. »Kinder wachsen heran. Manche reißen von zu Hause aus.«

»Ja, aber die Schankmagd hat gemeint, die Dunkelheit hätte sie verschlungen.«

Das Seufzen, das sich ihr entrang, klang wie Wind, der durch das Geäst einer abgestorbenen Pappel säuselt. »Sie sind einfach weg. Des nachts verschwunden, so sagen die Gerüchte.«

Dien fragte: »Wie lange geht das schon so? Einige Monde? Weniger?«

»Zwei, vielleicht drei Sommer. Ich bin nicht sicher …«

Lissea zuckte zusammen, als Dien einen Fluch ausstieß. »Zwei oder drei Sommer? Verdammt noch mal, Liss! Warum wurden wir nicht früher darüber benachrichtigt?«

Ihre gefasste Fassade bekam Risse, und Unbehagen überschattete ihr Gesicht. »Bestimmt hat Schutzmann Sherrod Herrn Haconry davon erzählt. Früher haben die Leute auch noch gesagt, es würde Hilfe von der Burg kommen. Aber nachdem so viele verschwunden sind, haben sie die Hoffnung verloren.«

Diens Hand ballte sich zur Faust. »Liss, ich schwöre dir, wir haben noch nie etwas von verschwundenen Kindern gehört! Sonst wären wir gekommen. Ich wäre gekommen! Und all die Male, die wir zu Besuch hier waren, hast du nie etwas erwähnt!«

»Ich wusste ja, dass meine Familie in der Burg in Sicherheit ist. Ich wollte dich nicht mit solchen Geschichten belasten, schon gar nicht, wenn du mit den Kindern hier warst.«

»Verdammt noch mal, Mutter, das ist seine Aufgabe«, warf Sarea ein und stand auf. Sie hob Devyns umgekippten Stuhl vom Boden auf. »Ich kann nicht glauben, dass du nichts unternommen hast, obwohl du wusstest, dass …«

»Frau Paerth?«, ergriff Lars mit leiser Stimme das Wort. Ihr Blick richtete sich auf ihn. »Ich schwöre bei meiner Seele, dass uns jedes faldorrahische Leben wichtig ist. Hätten wir davon gewusst, wären wir gekommen.«

»Nicht du, Kleiner«, sagte Dien. »Und genauso wenig meine Mädchen. Von euch hat niemand etwas hier verloren. Bei Tagesanbruch bringe ich euch zurück nach Hause.«

»Wieso?«, wollte Lars wissen. »Ich habe denselben Eid wie du geleistet. Faldorrah vor allem anderen. Ich habe jedes Recht und allen Grund, hier zu sein.«

»Du magst Dubric davon überzeugt haben, dass es hier sicher für dich ist – verdammt, du hättest sogar mich fast überzeugt. Trotzdem bleibt es dabei. Hier werden Kinder …«

Ungeachtet des Zorns, der sich in ihm regte, schnitt Lars Dien mit leiser und ruhiger Stimme das Wort ab. »Ich bin kein Kind. Ich glaube, ich bin sogar nie ein Kind gewesen. Ich mag jung sein, das gebe ich gerne zu. Aber ich bin kein Kind. Und du bist nicht mein Vater.«

Dien knurrte, und seine Züge röteten sich. »Das brauchst du mir nicht so ins Gesicht zu schleudern! Ich liebe dich, als wärst du mein Sohn. Das weißt du genau.«

»Das gibt dir nicht das Recht, für mich über mein Leben zu entscheiden oder mich zu zwingen, meine Pflichten zu vernachlässigen.«

»Ich habe die Verantwortung, für deine Sicherheit zu sorgen.«

Sarea ließ die Hand auf den Tisch niedersausen. »Aufhören! Das ist weder die richtige Zeit noch der richtige Ort, um wie zwei Gockel miteinander zu streiten. Ihr liebt euch beide gegenseitig sehr, das wissen wir alle.«

Sie wandte sich ihrem Ehemann zu und sagte: »Seit mehreren Sommern höre ich immerzu, wie reif und verantwortungsbewusst Lars ist, wie zuverlässig. Und jedes Mal, wenn er einen Test fehlerlos bestreitet, stolzierst du herum, als hättest du es selbst geschafft. Und du«, fuhr sie fort und verlagerte den zornigen Blick auf Lars. »Als du dir vergangenen Frühling den Arm gebrochen hast, nach wem hast du da gerufen? Wer hat dir das Jagen beigebracht? Wer hält deinen Kopf, wenn dir schlecht ist und du dich übergibst?«

Lars zuckte beim Geschmack der Schuld in seinem Mund zusammen. Er nickte und murmelte: »Es tut mir leid.«

»Hört also gefälligst auf damit. Ihr wisst beide verdammt genau, dass Dubric die Befehle erteilt und ihr zwei sie befolgt. Das Pflanzfest ist schon in wenigen Tagen, und wir müssen dabei helfen, Hüte zu verkaufen. Also bleiben wir alle hier, ob euch das passt oder nicht. Und wenn ihr die Wahrheit wissen wollt: Ich fühle mich viel besser mit dem Wissen, dass ihr beide die Mädchen beschützt. Es gibt keine zwei Männer, denen ich mehr vertraue und die besser über meine Töchter wachen könnten. Mit euch beiden hier sind sie erheblich sicherer als mit mir allein auf der Straße.«

Mit einem letzten Schnauben wandte sie sich ab und wusch weiter das Geschirr. »Findet heraus, wer diese Taten begeht, und schnappt euch den Mistkerl. Dafür wurdet ihr beide doch ausgebildet, nicht wahr?«

Lars und Dien starrten einander über den Tisch hinweg an. »Du bleibst«, räumte Dien schließlich ein. »Aber du tust, was ich dir sage, zumindest so lange, bis Dubric etwas anderes befiehlt.«

»Einverstanden«, stimmte Lars zu. »Und wenn es sein muss, beschütze ich die Mädchen mit meinem Leben.«

Dien seufzte und ergriff seine Teetasse, schloss eine mächtige Faust um den Henkel. »Hoffen wir mal, dass es dazu nicht kommt.«

Braoin erwachte und prustete das Wasser weg, das ihm ins Gesicht tropfte. Er hing mit dem Rücken nach unten an den Hand- und Fußgelenken in der Dunkelheit. Allein die Göttin wusste, worüber er da hängen mochte, allein die Göttin wusste, wo das war.

Er hörte Regen auf das Dach über ihm prasseln, aber er hatte keine Ahnung, ob er in einem Schuppen, einer Scheune, einem Wohnhaus oder gar in einem Aborthäuschen hing. Dem Mief nach zu urteilen, hielt er Letzteres für die wahrscheinlichste Möglichkeit, allerdings stank die Luft wie kein Aborthäuschen, in dem er je gewesen war – schwer, ranzig, feucht und abscheulich. Um welches Gebilde es sich auch handeln mochte, es musste dringend instandgesetzt werden, wenn man danach ging, wie heftig es auf ihn herabtröpfelte. Ihm war bitterkalt, Schmerzen plagten ihn an Stellen, über die er lieber nicht nachdenken wollte, und ein fauliger Geschmack verunreinigte seinen gepeinigten Mund. Braoin fuhr sich mit der Zunge über die Zähne und zuckte zusammen. All seine Schneidezähne fehlten! Nur wundes, blutendes Zahnfleisch war geblieben.

Was bei den sieben Höllen ist bloß geschehen, während ich bewusstlos war? Er kämpfte gegen seine Fesseln an und schaukelte in der Dunkelheit hin und her. Bei der Bewegung drehte sich ihm der Magen um. Braoin würgte und drehte den Kopf zur Seite, um sich zu übergeben. Bittere, saure Flüssigkeit troff aus seinem Mund und landete irgendwo unter ihm.

Er spuckte aus, dann holte er Luft und versuchte, eine Hand freizubekommen. Ich muss meine fünf Sinne beisammenhalten, um von hier zu entkommen. Wenn ich bleibe, sterbe ich.

Nachdem er einen Mundvoll Regenwasser geschluckt hatte, beugte er einen Arm in der Hoffnung, den anderen zu entlasten, aber dadurch schwang sein Körper nur zur Seite, und die Spannung auf beiden Handgelenken blieb erhalten. Ganz gleich, was er versuchte, ganz gleich, was er tat, sein Gewicht hing unverändert an seinen Hand- und Fußgelenken. Es gelang ihm nicht, die Fesseln irgendwie zu lockern.

Stumm verharrte er und dachte angestrengt nach, wie er sich aus seiner Misere befreien konnte. Erschöpft und vom Geräusch des Regens eingelullt döste er ein, aber als er in der Nähe seines Kopfes ein metallisches Kratzen vernahm, riss er die Lider jäh auf.

Schepper, knarz, bumm. Eine Tür öffnete sich und ließ eine Bö nasser, kalter Luft herein. Braoin sah Regen, der von unten nach oben fiel, sah einen nächtlichen Himmel und ein fernes Licht. Genug Licht, um etwas zu erkennen, der Göttin sei Dank! In der Nähe seiner Schulter ragte ein Pfosten auf, und vielleicht drei Längen unter ihm befand sich Erde, die vor winzigen Würmern und dicken, geflügelten Insekten wuselte.

Braoin fand ein Gefühl von Raum, spürte die Gegenwart von etwas Normalem, das man begreifen konnte. Er hing in einer Scheune oder einem großen Schuppen wie dem hinter seinem Haus. Wenn dem so war, mussten die dünnen Seile um seine Hand- und Fußgelenke an Balken befestigt sein. Da sich der Boden drei Längen unter ihm zu befinden schien, konnten die Balken höchstens sechs oder sieben Längen über ihm sein. Konnte er so weit klettern? Wäre das möglich?

Als er die Hände drehte, um das Seil zu ergreifen, tauchte ein Schatten an der Tür auf – der Umriss eines Mannes.

»Lass mich gehen«, bettelte Braoin ungeachtet der pochenden Schmerzen in seinem Mund. Er ließ das Seil los. Braoin schwang hin und her. Der Schatten des Mannes verdunkelte sein Gesicht, dann entfernte er sich. Es wurde abwechselnd dunkel und hell, dunkel und hell. Braoins Magen drehte sich um, und er hoffte, er würde sich nicht erneut übergeben müssen. »Bitte«, presste er erstickt hervor und würgte angesichts der Krämpfe in seiner Kehle und seinem Bauch. »Ich tue alles, wenn du mich nur gehen lässt.«

Der Mann lachte und trat ein, begleitet von den warmen Gerüchen von Fleisch und altem Whiskey. »Du hast mir nichts zu bieten.«

Nein! »Bitte, ich werde nichts verraten. Nur bitte, lass mich gehen.«

Der Schatten kam näher, und Braoin hörte, wie etwas über den Boden schleifte.

»Hungrig, kleiner Köter?«

Braoin schüttelte den Kopf und schaukelte weiter, aber der Schatten ließ eine Hand vorschnellen und ergriff ein Seil. Trübes Licht erfasste die Ränder des Körpers des Mannes, schimmerte auf einem nassen Mantel und der nackten Haut eines ausgestreckten Arms, doch Braoin konnte weder das Gesicht noch sonstige eindeutige Merkmale erkennen.

»Du wirst essen, du neugieriges Karnickel«, sagte der Unbekannte. »Du musst für mich am Leben bleiben.« Braoin biss die Zähne zusammen, aber heiße, harte Finger zwängten seinen Mund auf und schoben sich zwischen sein wundes, zerfetztes Zahnfleisch. Bevor Braoin den Kopf wegdrehen konnte, stopfte ihm der Mann den Mund mit dickem Eintopf voll.

Braoin würgte und plagte sich damit, abwechselnd zu husten und zu schlucken. Der Mann hielt dem jungen Mann den Mund zu, bis er sich beruhigte, dann zwängte er ihn für eine weitere Ladung der schleimigen Masse erneut auf.

Braoin setzte sich zur Wehr – vergeblich. Sieben Happen fanden zwangsweise den Weg seine Kehle hinab in den Magen, während ihm Rinnsale der kalten Brühe in die Nase liefen und in den Augen brannten.

»Durstig?«, erkundigte sich der Mann. Braoin sah, wie eine leere Schale über den Boden zur Tür rollte. Die klumpigen Überreste darin erinnerten im schwachen Licht an schwarzes Blut.

Er hörte das Rascheln von Kleidung. »Nein«, stieß er hervor.

»Doch, bist du«, widersprach der Mann und packte Braoin an Ohren und Haaren. »Und jetzt trink das, du Bastard. Trink!«

Braoin kämpfte gegen das Eindringen der Flüssigkeit in seinen Mund an, doch diese Gegenwehr stachelte seinen Peiniger nur an. Durch sein Aufbegehren verschmierte er sowohl sich selbst als auch den Mann mit Eintopf, doch der Angreifer ließ nicht von ihm ab. Am Ende hatte er die dicke Brühe in der Nase, und sein Mund füllte sich mit einer noch viel schlimmeren Flüssigkeit. Braoin trank.

Bald danach ging der Mann, warf die Tür zu und schloss sie hinter sich ab. Braoin blieb allein und würgend in der Dunkelheit zurück. Nach einer Weile schlief er vor Erschöpfung ein, während das herabtropfende Regenwasser die Flecken und die Schande aus seinem geschundenen Gesicht wusch.

Kapitel 3

Jess schnippte sich die Haare aus den Augen, als sie nach dem Nudelholz griff. Die Luft roch nach Zimt und brutzelnden Würstchen. Großmama hatte mit der kleinen Cailin alle Hände voll zu tun, während Lars sich in der Nähe herumdrückte und das Geschehen beobachtete, als könne er seinen Augen und Ohren nicht trauen.

Kia hatte den Morgen damit verbracht, Lars schöne Augen zu machen und sich mit Fyn zu zanken. Fyn wollte nach Hause, Kia wollte bleiben, und keine der beiden ließ die andere in Ruhe. Mittlerweile beschränkte sich der Disput nicht mehr auf ein Wortgefecht, es wurde auch geschubst und gestoßen, auch wenn es keine Verletzungen gab; zumindest noch nicht. Zum Glück hatten sie die Küche verlassen, hatten ihren Streit woandershin verlagert und die Liebäugelei gleich mitgenommen.

Ihre Eltern unterhielten sich draußen, und das verhieß nichts Gutes. Jess rollte den Gebäckteig und wünschte, sie würden wieder hereinkommen. Es kümmerte sie nicht, ob sie bleiben würden, um beim Verkaufen der Hüte zu helfen, oder nicht. »Denk nur an die Steuern! Verdammt noch mal, Dien, wie sollen meine Eltern ihre Steuern bezahlen, geschweige denn sich in den nächsten Jahreszeiten das Essen leisten können?«, wetterte ihre Mutter unmittelbar vor dem Fenster. Aber Jess hatte für neun Leute Eier zu kochen, und der Gedanke an all die Dotter bereitete ihr Kopfzerbrechen.

Sie wendete die Würstchen, dann schnitt sie den Teig und sprenkelte jeden Streifen mit Zimt und Zucker, doch ihr Blick wanderte immer wieder zu dem Korb voll Eiern. Frischen Eiern. Sie hatte sie selbst erst diesen Morgen eingesammelt.

Ein Korb voll Eier, deren Schalen es fehlerfrei aufzubrechen galt. Die Dotter hatten ganz zu bleiben, das Eiweiß musste gewendet werden, ohne zu zerbrechen.

Bei der Göttin, ich hasse es, Eier zu kochen.

Jess öffnete den Ofen und stupste das Holz mit der Spitze ihres Messers an, um den Kohlenhaufen gleichmäßig zu verteilen. Dann schob sie die Pfanne mit Zimtbrötchen zum Backen hinein und wischte sich die Hände ab. Großpapas kleiner Hund kauerte zu ihren Füßen und wackelte hoffnungsvoll mit dem Schwanz.

Ob ich einfach Rührei machen soll?

Aly kicherte und quietschte. Gleich darauf folgte ein Knurren von Lars. Mit der Kelle in der Hand wich Jess aus, als Aly an ihr vorbeisauste, verfolgt von Lars. Er bekam sie zu fassen, als sie den Teppich erreichten, und die beiden rollten lachend über den Boden und kitzelten sich gegenseitig.

Seufzend holte Jess die Würstchen aus der Pfanne. Danach schlug sie ein Ei am Rand der Bratpfanne auf. Es landete tadellos im Fett und begann zu brutzeln. Als sie nach einem weiteren Ei griff, schaute sie auf und durchs Fenster. Sie erblickte einen Wagen, der sich den Weg herauf näherte.

»Der Zimmermann ist da«, rief sie.

Lars grinste sie an und löste sich von Alys Kitzelangriffen. »Ich sage deinem Papa Bescheid.«

»Danke«, erwiderte Jess und schlug das zweite Ei auf. Sie beobachtete, wie sich Lars auf die Tür zubewegte. Als Aly ihn ansprang, tat er so, als hätte er sich verletzt, und fiel zu Boden. Lachend rollte er sich auf die Füße und trug sie über der Schulter wie einen Mehlsack. Die beiden verschwanden zur Tür hinaus in den goldenen Morgen, und Jess wünschte, sie könnte ihnen folgen.

Aber sie musste ja Eier kochen, verdammt noch mal. Sie griff nach einem weiteren, dann hielt sie inne, als ihr Blick auf die Bratpfanne fiel. Das Ei, das sie aufgeschlagen hatte, als Lars ihre Schwester Aly nach draußen trug, brutzelte und blubberte wie das daneben, aber der Dotter war mit Blut gesprenkelt und durchzogen. Viel mehr Blut als der Fleck, den ein Gockel hinterlassen haben konnte.

Sie verzog das Gesicht, schob die Kelle darunter und trug das hässliche Ding zur Hundeschüssel. Als es darin lag, sah es aus wie ein blutendes, goldenes Auge. Mit einem mulmigen Gefühl kehrte sie zum Kochen zurück und kehrte dem blutigen Anblick den Rücken zu.

Bei der Göttin, was für ein wunderbarer Morgen! Pfeifend schlenderte Lars zur Scheune und scheuchte eine Schar Hühner aus dem Weg. Nach dem Aufwachen hatte es Unterhaltungen und ein warmes Frühstück im Umfeld des harmlosen Gezänks und der Herzlichkeit einer Familie gegeben. Eltern, Geschwister und sogar Großeltern unter einem Dach vereint – genau das, was er sich ein Leben lang gewünscht hatte. Er selbst hatte sich zurückgehalten, hatte beobachtet, aber sich nicht in die morgendlichen Rituale eingemischt, sondern die Augenblicke still genossen, das unbeschwerte Wunder von Heim und Verwandtschaft. Aly hatte mit ihm gespielt und sich von ihm die Schuhe zubinden lassen.

Der Zimmermann, ein breiter Kerl mit windgegerbtem Gesicht, nickte zum Gruß. »Junge!«, rief er und kam auf Lars zu. »Hast du einen Augenblick Zeit für mich?«

»Sicher.«

Der Zimmerer musterte ihn von oben bis unten, dann streckte er ihm die Hand entgegen. »Ich bin Jak, der Zimmermann, Junge, und ich brauche einen anständigen Burschen für schlichte Arbeit. Dauerhafte Arbeit, nicht die Gelegenheitstätigkeiten, die man sonst hier bekommt.«

Lars schüttelte den Kopf und lächelte. »Danke, aber ich bin nicht interessiert. Ich habe bereits eine Arbeit.« Damit ging er an Jak vorbei weiter zur Scheune. Dort schufteten vier junge Männer auf dem Dach und entfernten verrottete Schindeln. Lars kniff gegen die Sonne die Augen zusammen und winkte ihnen zu, doch sie schenkten ihm keine Beachtung.

Das Scheunentor stand einen Spalt offen und lud ihn mit den angenehmen Gerüchen von Tieren und Heu ein. Als Lars eintrat, erschreckte er einen Schwarm Schwalben. Die Vögel stoben flatternd von den Balken auf. Abteile und Pferche für Vieh sowie Lagerbereiche erstreckten sich in der Dunkelheit. Mit Stroh gesprenkelter Erdboden verlief zwischen den Reihen, und durch ein hoch gelegenes Fenster fiel unregelmäßiges Sonnenlicht auf dicke, grob bearbeitete Balken und Pfosten. Irgendwo weit vor ihm wieherte sein Pferd.

Auf der Suche nach einer Mistgabel kramte er in der Nähe des Tors umher, sah sich in den mit Werkzeugen gefüllten Abteilen und auf dem Gestell mit den Hacken und Sicheln um. Einige Längen entfernt blökte in einem geräumigen Pferch mit Lattenwänden eine hochträchtige schwarze Aue und bettelte offenbar darum, gestreichelt oder gefüttert zu werden. Da Lars nichts über Schafe wusste, hatte er keine Ahnung, was das Tier mehr begehrte, also kraulte er die Ohren und fütterte es gleichzeitig mit einer Handvoll Hafer. Danach schloss er die Tür des Pferchs, achtete darauf, den Riegel vorzuschieben, und wischte sich die dreckigen Hände am Hemd ab.

»Wer ist da?«, rief Devyn aus der düsteren Tiefe der Scheune.

Lars zuckte zusammen. Ich bin wohl doch nicht allein. »Nur ich. Lars.« Er kletterte auf einen Ballenstapel, um sich dahinter umzusehen. Keine Mistgabel. »Ich bin gekommen, um die Abteile zu putzen und die Pferde zu füttern. Wo finde ich denn eine Mistgabel?«

Devyn schlurfte ins Licht und sah Lars mit zusammengekniffenen Augen an. Er hielt einen halbfertig gewobenen Strohhut in den knorrigen Händen. Das Stroh stand wie ein Bündel dünner, bleicher Messer in alle Richtungen davon ab.

»Du weißt nicht, wo die Mistgabeln sind, Junge? Kaninchendreck und Wespenstich! Sie sind immer am selben verfluchten Ort. Wie oft muss ich es dir denn noch sagen?« Er bog in einen Quergang. Lars sprang von den Ballen und folgte ihm. Weiter vorn lehnten am Hauptträgerpfosten zwei uralte Mistgabeln wie ein Paar betagter Soldaten, die darauf warteten, zum Einsatz gerufen zu werden.

Devyn runzelte die Stirn und deutete auf die Mistgabeln. »Gleich hier, Stuart, wie immer. Hörst du denn niemals zu?« Damit ging er davon und brummte vor sich hin: »Verdammt, Junge, manchmal glaube ich, du hast nur Sand zwischen den Ohren.«

»Herr, ich bin nicht …«

Devyn drehte sich um und wich einen Schritt zurück. Der Hut fiel zu Boden. »Wer bist du? Was machst du in meiner Scheune?«

»Ich bin Lars«, antwortete der Junge und kniete sich hin, um den Hut aufzuheben. »Ein Page aus Burg Faldorrah. Ich bin gestern Nacht während des Unwetters mit Dien angekommen. Erinnert Ihr Euch?«

»Pah!« Devyn entriss ihm den Hut. Das raue Stroh schnitt Lars in die Finger. »Dien ist nicht hier, und Sarea treibt mich fast in den Wahnsinn, weil sie sich so nach ihm verzehrt. Glaub mir, Junge, ihr Herz gehört bereits jemand anderem. Du verschwendest deine Zeit.«

»Ja, Herr.« Lars entfernte sich einen Schritt von dem alten Mann und zuckte angesichts der brennenden Schnitte an seiner rechten Hand zusammen. »Ich werd’s mir merken, Herr. Danke.«

Devyn schlurfte an ihm vorbei und murmelte etwas über lüsterne junge Trottel. Lars wartete, bis Devyn außer Sicht war, bevor er eine der Mistgabeln ergriff.

Um zwei der Zinken hatte sich ein dreckiger schwarzer Faden verheddert; ein abgebrochener Zweig und ein Stück alten Stoffes hatte sich in dem Gewirr verfangen. Lars löste das Knäuel und ließ es vor seine Füße fallen. Dann trat er es von sich und wusste nicht recht, weshalb ihm der Anblick des seltsamen schwarzen Klumpens solches Unbehagen bereitete.

Dubric roch Speck. Er rollte sich auf den Rücken, ächzte, als er spürte, wie steif sich seine Beine anfühlten, und zog einen Arm über die Augen, um sie vor dem Licht abzuschirmen.

In seinem noch schlaftrunkenen Zustand schlugen die Gedanken ihre eigenen Wege ein. Wann hatte er beim Aufwachen das letzte Mal Speck gerochen? Vor einer Ewigkeit, während der besten Zeit seines Lebens. Bevor Oriana gestorben war. Bevor sich alles verändert hatte.

Er nahm die Gegenwart von Geistern als Pochen hinter den Augen wahr, seufzte und warf die Decken zurück. Mit einem Japsen zog er sie wieder über sich.

Beim König, er hatte sein Lebtag noch nie nackt geschlafen!

Dubric verzog das Gesicht, setzte sich auf die Bettkante, achtete darauf, sein Gemächt zu bedecken und rieb sich die Augen. Als er die Lider aufschlug, schrak er voll Grauen zurück, denn Lars’ gespenstisch grünes Antlitz grinste ihm fast Nase an Nase mit ihm entgegen. Sein Herz beruhigte sich, als er erkannte, dass es sich um den verkrüppelten Geist handelte, nicht um seinen Pagen. Die Erscheinung kletterte aufs Bett, setzte sich neben ihn und hopste auf und ab, wie ein Kind es tun würde. Dubric fragte sich, vor wie langer Zeit dieses Kind gestorben sein mochte. Auf jeden Fall vor vielen Sommern, wenn es eine dermaßen feste Form angenommen hatte.

Der Geist und er saßen am Rand eines abgewetzten, aus starkem, ungeflecktem Kiefernholz gefertigten Himmelbetts. Die Decke um seine Hüfte war lavendel- und cremefarben. Ihnen gegenüber in der Ecke stand ein Stuhl, auf dessen Polsterung sich eine grau getigerte Katze eingerollt hatte. Gewobene Spitzenvorhänge waren zurückgezogen worden und gaben den Blick auf den Morgenhimmel preis. Ritzen und Flecken verunstalteten die cremefarben bemalten Wände.

Die Frau kam mit einem Teller voll Pfannkuchen und Speck herein. »Wurde auch Zeit, dass Ihr aufwacht. Ich hätte schon den Medicus holen lassen, um Euch zu untersuchen, wenn ich nur jemanden hätte, den ich losschicken könnte.«

Dubric zog die Decke enger um sich, verhüllte seine nackte Haut von der Mitte der Brust bis zu den Schienbeinen. Er hatte keine Ahnung, ob das schiefe Stirnrunzeln in ihrem Gesicht von verhaltener Belustigung oder Besorgnis zeugte. »Wo ist meine Hose?«

»Beim Trocknen.« Sie reichte ihm den Teller, schob die Katze beiseite und nahm auf dem gepolsterten Stuhl Platz. »Ich habe Eachanns Vater gesagt, dass der Junge die Botschaft überbracht hat und wohlbehalten in der Burg ist. Das ist er doch, oder?«

»Ja. Er hat sich zwar bei einem Sturz von seinem Maultier den Arm verletzt, aber er wird wieder ganz gesund.« Das Frühstück roch köstlich und sah auch so aus, aber statt zu essen, fragte Dubric: »Wie geht es Otlee?«

»Er schläft.«

Die beiden starrten einander an, und der Augenblick zog sich hin. Schließlich holte Dubric Luft. Zwei weitere Geister trieben sich in ihrer Nähe herum. Einer schrie etwas in der Nähe der Tür, der andere lief im dahinter liegenden Gang auf und ab. Der Geisterjunge neben ihm rutschte vom Bett und kroch auf dem Boden hinter der Katze her. Dubric wünschte, alle drei würden verschwinden, damit er nachdenken könnte.

Während die Katze fauchte und unter das Bett flüchtete, starrte die Frau auf Dubrics Hände. »Euer Ring … dieses Symbol … Schlagt Ihr oft Kinder in Eurer Obhut?«

Dubric stellte den Teller aufs Bett, ohne den Blick von der Frau zu lösen. Plötzlich drehte ihm der Gedanke an Speck den Magen um.

Sie schluckte und sah ihm unverwandt in die Augen. »Ich habe Euch eine Frage gestellt, mein Herr, und ich möchte eine Antwort darauf.«

»Nein, das tue ich nicht«, erwiderte Dubric, strich die Decke glatt und zog sie in die Achselhöhlen hoch. Er spürte kalte Finger, die mit den Härchen auf seinem Fußrücken spielten, und zuckte zusammen. Beim König, sie hat mich in der Falle, und der Geisterjunge piesackt mich.

»Und doch habt Ihr dieses Kind geschlagen. Auf seiner Wange prangt ein Mal von Eurem Ring. Das Blatt hat sich in seine Haut geschnitten, um der Göttin willen.«

Bei der Erwähnung der Göttin ballte Dubric die Hände zu Fäusten. Mit einem Mal fühlte sich sein Ring schwer und heiß vor all den Pflichten und Bürden an, die damit einhergingen, ihn zu tragen; ähnlich dem Tag, als er ihn von seinem Vater bekommen hatte. »Ich wollte ihn nicht verletzen. Ich versichere dir, es war ein Versehen.«

Sie stand auf. »Und das soll ich glauben?«

»Es ist wahr. Darauf hast du mein Wort.« Er zog die Füße aus der Reichweite der kalten, zwickenden Finger des Geistes.

Die Frau trat erst einen Schritt auf ihn zu, dann einen weiteren. Der Blick ihrer Augen durchbohrte ihn förmlich. »Welchen Beweis könnt Ihr mir dafür liefern?«

»Keinen. Ich kann Euch nur schwören, dass ich den Jungen liebe, als wäre er mein Sohn. Als ich sah, was ich getan hatte, zerriss es mir fast das Herz. Ich würde alles dafür geben, ihn nie verletzt zu haben, sogar mein Leben, aber die Vergangenheit lässt sich nicht ungeschehen machen.«

Dubric verstummte und schloss die Augen, als Orianas Gesicht durch sein Gedächtnis tänzelte. Beim König, selbst nach all der Zeit vermisste er sie immer noch so sehr. Sechsundvierzig einsame Sommer hatten ihn welken lassen, dennoch liebte er sie nach wie vor so, als hätte er sie vor wenigen Augenblicken zuletzt gesehen. Als er die Augen wieder öffnete, sagte er: »Ganz gleich, wie sehr wir es uns wünschen, ganz gleich, welchen Preis wir bezahlen oder wie sehr wir büßen, die Vergangenheit lässt sich nie ungeschehen machen.«

Die Frau öffnete die Hände und legte den Kopf schief. »Wenn Ihr den Jungen liebt, warum habt Ihr ihn dann geschlagen? Noch dazu mit solcher Kraft und Wut?«

Der auf und ab laufende Geist setzte seine endlose Wanderung fort, doch der andere stand nicht mehr nackt und schreiend da. Stattdessen trug er nunmehr die maßgeschneiderten Gewänder eines Amtsschreibers und starrte Dubric unmittelbar hinter der Frau hervor an. Dubric fragte sich, vor wie langer Zeit er gestorben war. Wie lange mochte es gedauert haben, bis er in der Lage war, seine eigene Form zu wählen. Ein paar Tage? Eine Phase? Einen Mond?

Der Kastellan schluckte und löste den Blick von den Geistern. »Meine Vergangenheit sucht mich regelmäßig heim, meine Dame. In jenem Moment war ich nicht bei klarem Verstand, und ich bereue zutiefst, den Jungen verletzt zu haben.«

Die Katze bedachte ihn mit einem unheilvollen, finsteren Blick, und die Hände der Frau ballten sich wieder. »Eure Vergangenheit? Eure Vergangenheit hat Euch ausgerechnet in einer trüben, verregneten Nacht heimgesucht, hat Euch Eurer Sinne beraubt und gezwungen, ein Kind zu schlagen? Lächerlich! Vielleicht sollte ich die Behörden rufen, dann könnt Ihr es denen erklären.«

»Ich verkörpere die Behörden«, erwiderte er. »Als ordnungsgemäß bestellter Gesandter Fürst Brushgars verlange ich, dass du auf der Stelle meine Hose holst, damit ich nach meinem Pagen sehen kann.«

Sie verschränkte die Arme vor der Brust. »Nein.«

»Meine Dame, hast du eine Ahnung, wer ich bin?«

»Der Junge hat im Schlaf von Fürst Dubric Byerly geredet, Fürst Brushgars Ordnungshüter. Ich gehe davon aus, das seid Ihr.«

»Kastellan«, berichtigte er sie und biss die Zähne zusammen, als der Geisterjunge an der Decke zog. »Als solcher bestehe ich darauf, nein, ich gebiete dir, meine Anweisungen zu befolgen und meine Hose zu …«

»Fürst Dubric würde kein Kind schlagen. Wenn Ihr es wirklich seid, welche Entschuldigung habt Ihr dafür?«

Mühsam hievte er sich auf die Beine und hielt die Decke um seine Hüfte fest. »Die von der Göttin verdammten Geister haben mich bestürmt, und ich hielt Otlee für einen von ihnen! Und jetzt hol meine Hose!«

Die Frau wich einen Schritt zurück, stolperte beinah über die Katze und ließ sich auf den Stuhl fallen. »Geister? Was für Geister?«

Dubric seufzte und rieb sich mit der freien Hand die schmerzenden Augen. Möge mein Gemüt in die sieben Höllen verflucht sein. Was habe ich getan? Er schritt zur offenen Tür, achtete darauf, dass die Decke zwischen ihm und seiner Gastgeberin blieb, und schloss die Tür vor dem reglosen, starrenden Geist. »Du darfst nicht darüber sprechen, verstanden? Ich bin müde, ich bin besorgt, und ich hatte einen schwachen Augenblick. Sonst nichts. Aber ich schwöre dir bei meinem Leben, dass ich Otlee nicht verletzen wollte.«

Sie schaute auf. Angst schlich sich in ihre haselnussbraunen Augen. »Aber wie? Warum?«

Wo ist meine Hose? »Ich sehe die rastlosen Seelen derer, die im Einzugsgebiet meiner Zuständigkeit unrechtmäßig getötet werden. Vergangene Nacht haben mir ohne Vorwarnung etwa zwanzig oder mehr Geister aufgelauert. Inmitten des Wahnsinns und beim Versuch, ihnen zu entkommen, schlug ich um mich. Nur traf meine Hand Otlee, nicht die Geister. Mir war nicht bewusst, dass er sich mitten unter ihnen befand, bis es zu spät war. Bitte, meine Dame, du musst mir glauben. Ich hatte nie die Absicht, den Jungen zu verletzen, und wollte nur den verfluchten Geistern entkommen.«

Sie presste sich gegen die Rückenlehne des Stuhls, und ihre Lippen bewegten sich einige Atemzüge lang lautlos, bevor sie stammelte: »Ihr … Ihr sagt die Wahrheit. Ich … ich hole Eure Hose.«

Damit erhob sie sich, schob sich an ihm vorbei und eilte zur Tür hinaus. Der Geisterjunge verscheuchte auch die Katze aus der Kammer.

Von seinen schmerzenden Gliedern behindert wankte Dubric zum Bett, ließ sich darauf fallen und zog die Decke über sich. Verdammter Narr. Wie konntest du nur zulassen, dass dir das Geheimnis herausrutscht?

Als die Frau zurückkam, hielt sie Dubrics Kleider an die Brust gedrückt. Sie reichte sie ihm bleich und zittrig, dann trat sie zurück und stellte sich neben die Tür.

»Danke«, sagte er. Es erwies sich, dass die Kleider noch feucht, aber schon trocken genug waren, um sie zu ertragen. Sämtliche Spuren von Schlamm und Dreck waren beseitigt worden.

Die Frau fasste hinter sich, um mit zitternder Hand die Tür zu schließen, ohne den Rücken davon zu lösen. »Ich muss es wissen«, sagte sie, presste die Lider zu und wandte das Gesicht ab. »Seht Ihr den Geist meines Sohnes?«

Dubric ließ beinah seine Gewänder fallen. »Dein Sohn ist verschwunden?«

Mit bebender Wange starrte sie auf die Angel. »Vor mittlerweile drei Tagen. Er ging los, um meine Nichte Sarea und die Mädchen zu besuchen, aber er ist nie nach Hause zurückgekehrt. Jemand hat vorvorgestern eine Leiche im Fluss gefunden, und ich habe Angst, dass …« Sie drehte den Kopf, um Dubric anzusehen, drückte sich aber unverändert gegen die Tür. »Erblickt Ihr ihn? Ist mein Braoin tot?«

Beim König, sie ist Sareas Tante. Wenn ich mich nur an ihren Namen erinnern könnte. »Ich weiß es nicht, meine Dame.«

Sie sank auf die Knie. »Wie könnt Ihr es nicht wissen? Bitte sagt es mir! Seht Ihr den Geist meines Sohnes?«

Dubric ließ die Aufmerksamkeit auf sie gerichtet, als er seine Hose unter die Decke zog. »Ich kann nicht wissen, ob ich deinen Sohn sehe, weil ich ihm nie begegnet bin. Beide Geister sind für mich Fremde.«

Ihre Augen leuchteten. Die verquollene, blasse Gesichtshaut betonte die Form der feinen Knochen ihres Schädels. »Ihr habt gesagt, Ihr hättet zwanzig oder mehr gesehen.«

»Ja, meine Dame.« Seine Füße fanden umständlich den Weg in die Hosenbeine, und er zog die Hose bis zu den Knien hoch. »Auf der Straße haben mir zwanzig oder mehr aufgelauert, aber im Augenblick sind nur zwei davon noch hier. Die anderen sind gegangen, um an ihren Lieblingsorten herumzuspuken, wo immer die sein mögen.«

»War einer etwa so groß wie ich und hatte dunkles Haar und dunkle Augen und die Gestalt eines erwachsenen, aber schmächtigen Mannes? Er ist dünn und drahtig. Aber die Muskeln werden noch kommen, das sieht man ihm an.«

Dubrics stockte der Atem. Schlank, der fast dürre Körperbau eines Mannes, nahezu ausgewachsen, aber noch ohne zunehmende Leibesfülle. Genau wie die verbliebenen Geister und die meisten, die Dubric in der Nacht zuvor auf der Straße gesehen hatte. Der oder die Übeltäter bevorzugten Jungen, die noch keine ganzen Männer waren und die sie irgendwie fingen und töteten. Junge Männer wie Lars. Beim König, was habe ich getan?

»Oh Göttin, Ihr seht ihn!«

Stumm verwünschte Dubric die Göttin und zog die Hose mit einem Ruck über die Hüften. »Ich weiß nicht, ob ich ihn sehe oder nicht. Einer ist dunkelhaarig und zierlich gebaut. Der andere ist hellhäutig und hat Sommersprossen und lockiges Haar.« Dubric zog die Schnüre fest und stand auf, warf die Decke beiseite und griff nach seinem Hemd. Die Unterwäsche konnte bis später warten. Während er das kalte Hemd anzog, betrachtete er den dunkelhaarigen Geist. »Hat dein Sohn einen kurzen Bart? Eine Narbe auf dem linken Handrücken?«

Luft wurde jäh ausgestoßen. »Nein, Braoin ist glatt rasiert und besitzt die Hände eines Künstlers. Allerdings hat er aus seiner Kindheit eine Narbe in der Nähe des Rückgrats zurückbehalten.«

Dubric kniete sich vor die Frau hin. »Dann sehe ich seinen Geist nicht.«

Sie wischte sich über die Augen. »Also besteht noch Hoffnung?«

»Ja, meine Dame, es besteht noch Hoffnung.« Er ergriff ihre Hand und stellte fest, dass sie raue, abgewetzte Fingerspitzen aufwies. »Ich werde Hilfe brauchen, um den- oder diejenigen aufzuspüren und zu fangen, die in den Weiten diesen Schrecken verbreiten.«

Sie ließ sich von ihm auf die Beine ziehen. »Ich will tun, was immer ich kann.«

»D

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