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Die Pestärztin

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Hurenkind
  6. 1
  7. 2
  8. 3
  9. 4
  10. 5
  11. 6
  12. 7
  13. 8
  14. 9
  1. Die Pestärztin
  2. 1
  3. 2
  4. 3
  5. 4
  6. 5
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  9. 8
  10. 9
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  12. 11
  1. Die Juden von Landshut
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  9. 8
  1. Lucia von Bruckberg
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  1. Die Liebe der Herzogin
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  7. 6
  8. 7

Über die Autorin

Ricarda Jordan ist das Pseudonym, unter dem die Bestsellerautorin Sarah Lark (Im Land der weißen Wolke, Das Lied der Maori) jetzt auch historische Romane veröffentlicht. Sarah Lark wurde 1958 in Bochum geboren, studierte Geschichte und Literaturwissenschaft und promovierte. Sie lebt als freie Autorin in Spanien.

1

Der Regenvorhang tat sich wie eine Wand vor Rachel auf, als sie das Haus der Familie von Metz verließ. Müde und mutlos zog sie die Kapuze ihres wollenen Mantels über den Kopf. Lange würde er sie nicht vor den Fluten schützen, die sich an diesem Herbstabend über das Mainzer Judenviertel ergossen. Rachel machte den ersten Schritt in die Nässe und Dunkelheit und dachte sehnsüchtig an das warme, vom offenen Feuer erleuchtete Zimmer der Wöchnerin, das sie soeben verlassen hatte. Doch ein ruhiger, trockener Abend in einem der ersten Bürgerhäuser der Stadt sollte ihr heute nicht vergönnt sein. Gleich nachdem sie den neugeborenen Ezekiel gebadet und in seine Wiege gebettet hatte, war ein verhuschtes und völlig durchnässtes Küchenmädchen im Hause Metz erschienen.

»Die Hebamme, ist sie noch hier? Es ist dringend, meine Herrin liegt in den Wehen! Und wir haben große Angst, dass sie stirbt, der Herr und die Köchin. Obwohl die Maurin sagt, sie stirbt nicht, aber die meint ja immer, alles zu wissen …« Das Mädchen sprudelte die Worte nur so hervor und vermochte zwischendurch kaum Luft zu holen.

»Nun mal langsam.« Judith, die Amme, reichte der Kleinen ein Tuch, sodass sie sich ein wenig abtrocknen konnte. Das Mädchen musste völlig kopflos und ohne Regenschutz aus dem Haus gestürmt sein. Seine Haube hing schlaff und traurig wie ein nasser Vogel auf seinem krausen braunen Haar. »So schnell stirbt man nicht. Erzähl uns jetzt ganz ruhig, was geschehen ist und wer dich überhaupt schickt.«

Dabei wusste Rachel es längst. Schon als die Kleine die »Maurin« erwähnt hatte, war ihr klar gewesen, dass es Sarah von Speyer sein musste, die in den Wehen lag. Schließlich hatte nur eine einzige jüdische Familie in Mainz eine arabische Dienerin: Benjamin ben Juda von Speyer, ein Fernhandelskaufmann, hatte die maurische Sklavin vor einigen Jahren im spanischen Toledo gekauft – eine Transaktion, der ein größerer Skandal in der Bischofsstadt vorausgegangen war. Rachel wusste nicht genau, worum es ging, aber die Maurin, Al Shifa mit Namen, war offenbar knapp dem Scheiterhaufen entgangen. Seitdem diente sie im Hause der Speyers. Sie hatte sich Rachels größte Hochachtung erworben, indem sie Sarah bei deren letzter Entbindung äußerst kundig beigestanden hatte. Rachel selbst war damals bei einer anderen Wöchnerin aufgehalten worden und kam gerade noch zurecht, um Al Shifa bei der Arbeit zu beobachten. Während die anderen Frauen des Haushalts hilflos um das erstickende Kind herumstanden, hatte die Maurin seinen Hals kundig vom Schleim befreit, ihm Luft in die Lungen geblasen und es schließlich zum Atmen gebracht.

Rachel hatte sich seitdem oft gefragt, ob das auch mit den Mitteln möglich gewesen wäre, die sie selbst anwandte. Auf jeden Fall traute sie Al Shifas Urteil vorbehaltlos. Ihre Einschätzung von Sarah Speyers jetzigem Zustand war zweifellos richtig. Doch auch wenn die Speyerin sich nicht in Lebensgefahr befand – für Rachel bedeutete die Nachricht weitere Stunden harter Arbeit. Sie würde Sarah selbstverständlich beistehen und deshalb ihr eigenes Bett in dieser Nacht kaum zu sehen bekommen. Und wenn es weiter so regnete, würde sie obendrein bis auf die Haut durchnässt sein, ehe sie bei den Speyers ankam.

Rachel seufzte tief, als sie sich durch Kälte und Nässe kämpfte. Nach kurzer Überlegung wählte sie den kürzesten, wenn auch gefährlicheren Weg zum Stadthaus der Speyers in der Schulgasse. Bei Nacht bevorzugte sie größere und belebtere Straßen, denn sie fürchtete die verschlungenen Gassen im Viertel um die Synagoge. Zwischen den kleinen Geschäften und Wohnhäusern, in denen sowohl jüdische Familien als auch ein paar ärmere christliche Bürger lebten, befanden sich zwei berüchtigte Schenken. Sie zogen oft übelsten Abschaum an. Wahrscheinlich hätten die Stadtbüttel diese Spelunken schärfer überwacht, hätten sie sich nicht gerade im Judenviertel angesiedelt. Die Sicherheit der jüdischen Bürger kümmerte die Stadtwache allerdings kaum. Selbst schuld, wenn ein Mann mit gefüllter Börse oder gar eine schutzlose Frau sich zur Unzeit im Umkreis des »Blauen Bären« oder des »Güldenen Rads« aufhielt!

Rachel, die ihr Beruf zwangsläufig auch nachts auf die Straßen zwang, fragte sich zum wiederholten Mal, warum Mainz nicht über ein abgeschlossenes Judenviertel verfügte, wie die meisten anderen Städte. Manchmal wünschte sie sich schützende Mauern um sich – obwohl sie natürlich wusste, dass es im Zweifelsfall für Menschen ihres Glaubens keinen Schutz gab. Wenn eine Seuche ausbrach, wenn Missernten sich häuften oder ein Feuer wütete, suchte man die Schuld gern bei den Juden. Und brach der christliche Mob erst einmal ins Ghetto ein, waren die Mauern dem Überleben eher hinderlich, da sie jede Flucht unmöglich machten.

Rachel wappnete sich gegen den Gestank von billigem Bier und Spanferkel am Spieß, der um diese Zeit meist aus dem »Güldenen Rad« drang und die Nasen der umwohnenden Gläubigen beleidigte. Nun sollte in einer so kalten, nassen Nacht zumindest nicht allzu viel Betrieb herrschen. Selbst das lichtscheue Gesindel, das sich sonst hier herumtrieb, drängte sich heute in den dunklen Ecken schäbiger Kaschemmen. Dennoch hatte Rachel ihren Lohn sicherheitshalber bei den Metzens gelassen. Um ihr Leben und ihre Ehre fürchtete sie nicht so sehr. Schließlich war sie nicht mehr jung, und schön war sie nie gewesen. Und Fleisch war billig in der Gegend um das »Güldene Rad«! Der Wirt verschacherte junge Huren für wenig Geld; obendrein lungerten meist ein paar verzweifelte Mädchen in den Gassen rund um die Schenke und versuchten, auf eigene Rechnung ein paar Kupferpfennige zu verdienen.

Tatsächlich waren die Gassen vor der Wirtschaft in dieser Nacht menschenleer, auch wenn drinnen reger Betrieb herrschte. Man hörte Gläserklirren und obszöne Lieder. Angewidert zog Rachel ihren Umhang straffer um den Körper und mühte sich, rasch vorbei zu kommen. Aber dann vernahm ihr geübtes Ohr Frauenschreie. In dem Grölen und Lärmen, das aus der Kneipe drang, waren die Schreie kaum zu vernehmen. Ob die Kerle da drinnen ein Mädchen schändeten? Rachel zwang sich, weiterzugehen. Sollte ihre Befürchtung zutreffen, konnte sie dem armen Ding ohnehin nicht helfen. Sie murmelte rasch ein Gebet.

Doch als sie den Durchgang zum Innenhof der Schenke erreichte, wurden die Schreie lauter. Und sie kamen nicht aus der Schenke, sondern vom Hof dahinter. Rachel packte das kleine Messer, das sie immer bei sich trug, wenn sie diesen Teil des Viertels durchquerte. Sie war eine couragierte Frau, und selbst wenn sie am Galgen enden sollte, falls sie tatsächlich einmal einen christlichen Gauner vor seinen himmlischen Richter befördern sollte: Kampflos ergeben würde sie sich nicht! Und dieses Mädchen konnte sie nicht ihrem Schicksal überlassen, ohne sich wenigstens davon zu überzeugen, was vor sich ging. Vielleicht schrie ja bloß eine Hure in Ausübung ihrer Profession. Aber das arme Ding konnte durchaus auch Jüdin sein! Für die Kerle wäre das eine zusätzliche Verlockung, denn in diesem Fall wäre das Mädchen sicher noch Jungfrau – und ihre Schändung würde von den Stadtbütteln kaum geahndet werden. Sicher, die Juden standen auf dem Papier unter dem Schutz des Bischofs, doch bis eine Klage zu diesem hohen Herrn durchdrang, war die Untat wohl schon verjährt.

Beherzt betrat Rachel den Hof hinter der Schenke. Hier befand sich der Abtritt, der bestialisch stank, wobei er mit dem Abfallhaufen in einer anderen Ecke des Gelasses konkurrierte. Ein paar streunende Katzen, die sich an halb verfaulten Innereien gütlich getan hatten, stoben auseinander. Es gab allerdings auch einen Pferdestall, und Rachel fand schnell heraus, dass die Schreie des Mädchens aus diesem Verschlag drangen. Sie wurden nun schwächer, jedoch langgezogener, kläglicher, und in Rachel, der erfahrenen Hebamme, keimte ein Verdacht: Diese Frau wehrte sich nicht gegen männliche Angreifer. Wenn Vergewaltigung die Ursache ihrer Schmerzensschreie war, so lag die Untat neun Monate zurück.

Rachel folgte den Schreien, die von Wimmern und Weinen unterbrochen wurden, und hörte bald weitere Frauenstimmen.

»So viel Blut! Das darf nicht sein, Annchen, da stimmt was nicht … und das Kind sollte auch mal zu sehen sein. Aber sie presst nur und presst, und da kommt nichts!«

»Was verstehst du schon davon, Lene! Die einzigen Kinder, die aus dir rausgekommen sind, hat doch der Engelmacher rausgekratzt.« Die Angst in der noch jungen Stimme strafte die harte Wortwahl Lüge.

Rachel sah die Sprecherinnen nun vor sich: zwei Mädchen, die eine schmutzige Tranlampe in der äußersten Ecke des zurzeit leeren Stalles entzündet hatten und sich nun in deren trübem Funzellicht über ein wimmerndes, zartes Frauenzimmer beugten, das offensichtlich in den Wehen lag. Eine der besorgten Helferinnen war rotblond und lang aufgeschossen, die andere drall und dunkelhaarig.

»Sie stirbt, Annchen!«, flüsterte die Blonde. »Gott sei ihrer Seele gnädig. Meiner Treu, kann nicht ein Priester …«

»Ein Priester kommt nicht in ein Hurenhaus, dummes Lenchen.« Annas Stimme klang jetzt nachsichtig. Sie schien als Hübschlerin erfahrener zu sein als die lange Lene.

»Vielleicht reicht ja auch eine Hebamme!«, bemerkte Rachel und erschreckte die Mädchen damit beinahe zu Tode. Beide fuhren zu ihr herum und erschauerten beim Anblick der schwarz gekleideten, dick in ihre Schals und Umhänge vermummten Frau, die sich plötzlich aus dem Dunkel schälte.

»Der Tod …!«, wimmerte Lene.

Das beherztere Annchen schüttelte den Kopf. »Das wär’s erste Mal, dass der Sensenmann sein Weib schickt«, spottete sie. »Nein, die da kenn ich. Ist bloß ’ne alte Jüdin, die schleicht hier öfter rum. Auch nachts … wer weiß, vielleicht treiben’s die Hebräer ja lieber mit alten Vetteln.«

Rachel schlug verärgert ihren Kopfschutz zurück und enthüllte ihre Haube, die sie als ehrbare Frau auswies. »Die Hebräer liegen am liebsten den eigenen Frauen bei und wachsen und mehren sich, wie der Ewige befiehlt!«, gab sie streng zurück. »Und wenn er ihre Verbindung segnet, kommt das Kind meist nicht im Stall zur Welt, sondern im Haus und unter den Händen einer alten Vettel wie mir. Und jetzt lass mich vorbei, Dirne, ich will sehen, ob ich deiner Freundin noch helfen kann!«

Lene lamentierte, dass Rachel ihrer Ansicht nach lästerliche Reden über Christi Geburt geführt habe, doch Anna – offenbar praktischer veranlagt als ihre Freundin – gab rasch den Weg frei. Rachel machte sich auch keine Sorgen, obwohl ihr die Anspielung auf eine andere Geburt im Stall entschlüpft war. Wenn es jemanden gab, dem man noch weniger Glauben schenkte als einer Jüdin, so war es eine Hure. Und diese Mädchen drückten sich auch bestimmt nicht mit Billigung ihres Hurenwirtes im Stall herum. Der duldete keine schwangeren Hübschlerinnen in seiner Schenke. Lene und Anna mussten ihre Freundin also hier versteckt haben. Ihre Furcht vor Entdeckung war gewiss größer als ihr Glaubenseifer.

Rachel stellte ihre Tasche ins Stroh und warf einen ersten aufmerksamen Blick auf die junge Frau, die hier auf ein paar stinkenden Decken lag und vergeblich versuchte, ihr Kind herauszupressen. Einen Herzschlag lang stockte Rachel fast der Atem, als sie das Gesicht des Mädchens sah. Natürlich war es jetzt verschwollen und verweint, die Lippen zerbissen vor Qual. Doch es war immer noch zu erkennen, wie engelhaft schön dieses junge Ding gewesen sein mochte, als es das unselige Kind empfing. Es hatte zarte, elfenbeinfarbene Haut und goldbraunes, gelocktes Haar. Der Gesichtsschnitt war nicht grob wie die Züge von Anna und Lene, sondern so fein, dass sie einem Madonnenmaler hätte Modell stehen können. Schmale, zarte Hände krampften sich um die groben Decken, als ihr graziler Körper von einer neuerlichen Wehe erfasst wurde.

»Oh Maria, oh Jungfrau, oh heilige Mutter Gottes!«,

Das Mädchen stieß die Worte aus. Es war also noch bei Bewusstsein, auch wenn es eben keinen Ton von sich gegeben hatte, während Anna und Lene den Blutstrom kommentierten, der anstelle des Kinderkopfes zwischen den Beinen des Mädchens hervorschoss.

Rachel untersuchte es rasch.

»An eurer Mutter Gottes hättest du dir früher ein Beispiel nehmen sollen«, brummte sie dabei. »Jungfrauen passiert so was nur selten …«

Das Mädchen wimmerte, als die Wehe verebbte, schien dann aber seine ganze Kraft zusammenzunehmen und wandte sich mit klarer Stimme an Rachel.

»Es ist kein Hurenkind!«

Die Kleine schien noch etwas sagen zu wollen; dann aber erfasste sie die nächste Wehe. Sie folgten jetzt rasch aufeinander, doch die Hübsche konnte das Kind nicht herauspressen. Rachel hatte längst erkannt, woran es lag.

»Das Kind liegt falsch«, erklärte sie den Mädchen und der jungen werdenden Mutter, sofern diese überhaupt noch imstande war, die Worte aufzunehmen. Nach der letzten Wehe wimmerte sie nur noch. »Mal sehen, ob ich es drehen kann. Aber es ist spät, sie ist schon sehr geschwächt. Obendrein ist irgendwas in ihr zerrissen, sie verliert zu viel Blut. Wie heißt sie denn? Wie heißt du, Mädchen?«

Rachel wandte sich hoffnungsvoll an die Wöchnerin, doch es war Anna, die schließlich antwortete.

»Beatrix heißt sie. Aber woher sie kommt, wissen wir nicht. Tauchte vor ein paar Monaten hier auf, zusammen mit ihrem Stecher. Den Kerl hat’s dann bald erwischt. Ließ sich vom Roten Hans für seine Bande anwerben, Leuten aufzulauern und ihnen die Börsen zu stehlen. War aber zu dumm dazu. Sie haben ihn aufgeknüpft, auf dem Platz vor der Stadt …«

»Nur wegen einer gestohlenen Börse?«, fragte Rachel erstaunt. Sie tastete Beatrix’ Leib ab und suchte nach einem Ansatzpunkt für den Griff, der das Kind durch eine geschickte Bewegung in die richtige Lage für die Geburt befördern sollte. Das gelang nicht immer, doch bei diesem zarten, dünnen Persönchen war Rachel guten Mutes. Die Lage des Kindes war leicht von außen zu ertasten. Wenn sie nur zwei Stunden früher gekommen wäre …

»Nein, nicht nur wegen der Börse«, sagte Anna. »Der Rote Hans hatte vorher noch einen Kerl abgestochen. Das hat Beas Stecher wohl arg verwirrt. Konnte offenbar kein Blut sehen. Als die Büttel kamen, ist die ganze Bande weggerannt. Nur er stand noch da und starrte auf die Leiche wie ’n Hase ins Licht, das blutige Messer in der Hand, das der Rote Hans ihm rasch zwischen die Finger gedrückt hatte. Da war jedes Leugnen zwecklos.« Anna zuckte bedauernd die Schultern.

Beatrix stöhnte unter der nächsten Wehe. Dann aber schien sie das Bewusstsein endgültig zu verlieren. Viel zu viel Blut war geflossen. Rachel glaubte nicht daran, das Mädchen noch retten zu können. Aber das Kind rutschte jetzt mit einem Ruck in die richtige Lage. Rachel richtete sich aufatmend auf – und musste dann auch schon neben der Wöchnerin niederknien, um das Kind in Empfang zu nehmen. Das Köpfchen, das sich nun endlich in die Welt schob, war winzig. Das Mädchen hätte eine leichte Geburt gehabt, wäre da nicht diese Querlage gewesen. Rachel seufzte. Wer kannte die Wege des Ewigen?

Sanft zog sie am Kopf des neuen Erdenbürgers und beförderte so auch die Schultern des Kindes zutage. Mit einem letzten Schwall Blut und Fruchtwasser glitt das Kind ins Freie.

»Ein Mädchen«, sagte Rachel.

»Lebt es?«, fragte Anna beinahe verwundert.

»Aber ja!« Rachel hob das zerknitterte, blutige kleine Wesen an den Füßen hoch, klopfte ihm energisch auf den Rücken und löste damit einen kräftigen Protestschrei aus. »Da hört ihr’s!«

Selbst Beatrix in ihrer barmherzigen Ohnmacht schien das Kind gehört zu haben. Noch einmal schlug sie die Augen auf. Rachel sah ein beinahe irritierend dunkles Blau, in dem helle Lichter blitzten, als die junge Mutter ihr Kind erkannte.

Beatrix schien etwas sagen zu wollen, brachte aber kein Wort mehr hervor. Ihre Hände machten eine fahrige Bewegung, die an einen Segen erinnerte. Dann sank ihr Kopf zur Seite. Die junge Mutter war tot.

Rachel schloss ihr bedauernd die Augen.

»Es war zu viel für sie«, sagte sie leise. »Armes kleines Ding.«

Die Hebamme ließ offen, ob sie damit Beatrix oder deren neugeborene Tochter meinte. Mitleid empfand sie für beide. Was würde nun aus dem kleinen Mädchen werden, das im Stall eines Hurenhauses das Licht der Welt erblickt hatte? Sofern man die trübe Tranfunzel überhaupt als Licht bezeichnen konnte.

Rachel suchte ein paar Tücher aus ihrer Tasche zusammen und säuberte das Kind notdürftig. Dann wand sie den trockensten ihrer Schals um den winzigen Körper.

»Wer von euch wird sich des Kindes annehmen?«, fragte sie Anna und Lene, die fassungslos auf die Leiche ihrer Freundin blickten. Lene hatte sich bei Beatrix’ Tod immerhin bekreuzigt. Anna hingegen schien sich eher um die Folgen ihres Tuns zu sorgen. Der Hurenwirt würde nach Mitwisserinnen suchen, wenn er am Morgen die Tote fand.

»Von uns?«, fragte sie dann entsetzt. »Ihr glaubt doch nicht etwa, wir könnten hier ein Kind aufziehen? Meiner Treu, dann hätt ich auch meine eigenen drei Bälger zur Welt bringen können, aber ich war nicht so dumm wie die da! Es wäre noch Zeit gewesen, meinte der Engelmacher. Aber nein, sie wollt’s ja haben. In Teufels Namen. Das hat sie nun davon. Und das Mädchen …«

»Können wir’s nicht ersäufen?«, schlug Lene vor. »Wie die kleinen Katzen? Mein Alter hat immer gesagt, die merken da nichts von. Und wenn wir’s vorher taufen, kommt’s geradewegs in den Himmel.«

»Und du endest in der Hölle, weil du einen Christenmenschen vom Leben zum Tode gebracht hast!« Anna verdrehte die Augen vor so viel Dummheit. »Wir setzen es aus. Am Dom, da kommt vor morgen früh keiner hin. Dann ist es auch tot.«

»Die Jüdin könnt’s ertränken«, bemerkte Lene. »Bei der kommt’s nicht drauf an. Vor dem Dom aussetzen ist grausam. Da erfriert’s doch!«

Rachel wiegte das winzige Neugeborene, das jetzt traurig vor sich hin wimmerte, als verstünde es die Worte der Dirnen. Es brauchte Wärme und Milch – und die einzigen Menschen, denen seine Mutter sich hatte anvertrauen können, dachten nur darüber nach, wie man es ohne größere Auswirkung auf ihr eigenes Seelenheil möglichst schnell loswurde.

»Ich hab’s nicht zur Welt gebracht, um es zu ertränken!«, herrschte Rachel die Mädchen an. »Die Mutter sagte, es sei kein Hurenkind. Was kann sie damit gemeint haben? Gibt es irgendwelche Verwandten?«

Anna zuckte die Schultern. »Sie sagte, sie wär verheiratet gewesen mit ihrem Stecher. Geglaubt haben wir’s nicht. Aber dem Hurenwirt verdingt hat sie sich erst, als der Kerl am Galgen baumelte. Noch ehe er kalt war, sonst hätt sie raus gemusst aus der Stube bei der Schenke. Konnt ja die Miete nicht mehr zahlen, und da kennt er keine Gnade, unser Herr Heinrich. Jedenfalls war sie dann allein mit ihrem Balg im Bauch …« Sie zeigte auf das Mädchen in Rachels Armen.

Rachel seufzte. Wie es aussah, blieb die Sache an ihr hängen. Wenn sie Anna und Lene das Kind überließ, würde es die Nacht nicht überleben.

Lene beugte sich jetzt immerhin über das Neugeborene und schaute in sein zartes Gesichtchen.

»Ein Jammer«, murmelte sie. »Aber Ihr müsst es einsehen! Wenn wir’s behalten, fliegen wir raus … der Herr Heinrich setzt uns schon vor die Tür, wenn er nur mitkriegt, dass wir Bea versteckt haben. Und dann stehen wir mit dem Balg auf der Straße. Da ist keinem mit geholfen. Und davon kriegt’s auch keine Milch.«

Letzteres war nicht von der Hand zu weisen. Diese Mädchen waren nicht böse. Grausam war nur das Leben, das sie führten. Rachel urteilte jetzt ein wenig milder über sie, nur half das auch nicht weiter.

»Also schön, ich nehm’s mit«, fügte sie sich schließlich in ihr Schicksal. »Vielleicht werde ich’s in einem Kloster los.«

Sehr viel Hoffnung machte sie sich allerdings nicht. Die Nonnen hätten ihr die Geschichte erst einmal glauben müssen. Eine jüdische Hebamme, die nachts in einem dunklen Stall ein christliches Kind entband – wer konnte sagen, welche Folgen das für sie selbst haben mochte? Rachel stand nur Jüdinnen bei; die Christen hatten ihre eigenen Geburtshelferinnen, und die verteidigten ihre Pfründe. Natürlich hätte sich keine von ihnen dazu herabgelassen, einer kreißenden Dirne zu helfen, egal ob Christin oder nicht. Aber wenn Rachel sich hier einmischte und obendrein eine tote Mutter zurückließ … Sie hatte keine Lust, dieses Abenteuer womöglich auf einem Scheiterhaufen zu beschließen!

Anna und Lene wirkten deutlich erleichtert, als Rachel schließlich mit dem Neugeborenen abzog. Es regnete immer noch, und Rachel musste das Kind unter all ihren Tüchern und Umhängen verstecken, damit es nicht nass wurde und womöglich doch noch erfror.

Aus den Wohnvierteln der Christen erscholl jetzt der Ruf des Nachtwächters. Die elfte Stunde hatte geschlagen. Rachel überkam ein Anflug von Schuldgefühl: Über Beatrix’ Entbindung hatte sie Sarah von Speyer fast vergessen! Die Wöchnerin und ihr Gemahl würden bereits ungeduldig warten. Hoffentlich war es nicht wieder eine so schwere Geburt wie damals bei David! Und dem Ewigen sei Dank, dass Sarah immerhin Al Shifa an ihrer Seite hatte.

2

Rachel kam jetzt schnell vorwärts und erreichte bald das wuchtige steinerne Stadthaus in der Schulstraße, das Benjamin von Speyer mit seiner Familie bewohnte.

Der Hausherr selbst öffnete so schnell auf ihr Klopfen, als hätte er hinter der Tür auf sie gewartet. Zweifellos stand ihm Davids knappes Überleben noch zu deutlich vor Augen, als dass er der Sache gelassen gegenübertreten konnte. Vielleicht hatte er sich in dem kleinen Kontor im Vorderhaus mit Arbeit abgelenkt.

»Da seid Ihr ja endlich, Frau Rachel!«, bemerkte er erleichtert. Benjamin von Speyer war ein hochgewachsener Mann in mittleren Jahren, der erst spät eine Familie gegründet hatte. Als Fernhandelskaufmann hatten seine Reisen ihn um die halbe Welt geführt. Seiner jungen Frau war er nun aber herzlich zugetan, wie Rachel schon bei früheren Besuchen bemerkt hatte. Seine beiden Söhne, Esra und David, vergötterte er. »Wo habt Ihr denn bloß gesteckt? Ich habe schon vor Stunden nach Euch schicken lassen!«

Von Speyer ließ Rachel ein, und das zittrige Küchenmädchen von vorhin machte Anstalten, ihr die Umhänge und Schals abzunehmen.

»Ich wurde aufgehalten, Reb Speyer.« Rachel wählte eine ehrfurchtsvolle Anrede. »Wobei mir dies hier in die Hände fiel.«

Sie wickelte das Neugeborene aus dem Schal und hielt es dem Hausherrn entgegen. Die Kleine wimmerte, als sie sich dem Schutz und der Wärme der Wolle beraubt fühlte. »Würdet Ihr wohl veranlassen, dass man dem armen Wurm etwas Milch gibt und ihn wärmt und wickelt?«

Benjamin von Speyer musterte das Kind mit einem Blick, der zwischen Verwunderung und Abscheu schwankte. »Das ist ein Neugeborenes! Habt Ihr es … gefunden, Frau Rachel?«

Rachel vernahm die vorwurfsvolle, unausgesprochene Frage »Und dafür habt Ihr uns warten lassen?« hinter seinen höflichen Worten.

»In gewisser Weise, ja«, sagte sie ungeduldig. »Kann es mir nun einer abnehmen, sodass ich Eurer Frau zu Hilfe eilen kann?«

»Aber es ist ein Christenkind, nicht wahr? Oder glaubt Ihr …?«

Benjamin von Speyer gehörte zu den Vorstehern der Jüdischen Gemeinde. In Gedanken ließ er alle heiratsfähigen Mädchen vor dem inneren Auge vorüberziehen. Nein, von denen konnte keine schwanger gewesen sein.

»Es ist ein Christenkind, aber kein Hurenkind, wie man mir sagte«, bemerkte Rachel. »Vor allem ist es ein Kind und hat Hunger. Ein Mädchen übrigens. Hier, nimm es, aber lass es nicht fallen!« Sie drückte der kleinen Küchenmagd das Bündel in die Hand und steuerte dann energisch die Wochenstube an.

»Ich werde es nehmen«, sagte eine dunkle Stimme mit seltsam singendem Akzent. Al Shifa, die Maurin, hatte das Lager ihrer Herrin verlassen. Dabei konnte sie die Stimmen Rachels und Benjamins im oberen Stockwerk kaum gehört haben. Aber vielleicht war Sarah auch nur ungeduldig geworden und hatte nach ihrem Gatten verlangt. Das Küchenmädchen betrachtete Al Shifa dennoch mit Argwohn; es schien der Frau aus dem Morgenland magische Fähigkeiten zuzutrauen.

Rachel teilte diesen Glauben nicht, fühlte sich aber dennoch seltsam berührt von Al Shifas Anblick. Von der Maurin ging eine Würde aus, die keiner anderen Frau gleichkam, mit der die alte Hebamme je zu tun gehabt hatte. Die Sklavin bewegte sich mit tänzerischer Anmut, und jede ihrer Gesten schien eine seltsame Geschichte zu erzählen. Man konnte den Blick kaum von ihr wenden; sie beherrschte unweigerlich den Raum. Al Shifa war nicht mehr jung, musste aber eine außergewöhnliche Schönheit gewesen sein. Ihre Haut war dunkler als die der meisten Jüdinnen, aber nicht schwarz oder olivfarben, sondern eher, als habe man Sahne mit dunkler Erde vermischt. Al Shifas Züge waren edel, die Wangenknochen hoch, die Lippen fein und klar geschnitten. Ihre Augen leuchteten in hellem Braun, fast golden, eine seltsame, betörende Farbe, und ihr Haar musste tiefschwarz gewesen sein, ehe sich erste graue Fäden darin gezeigt hatten. Als artige Dienerin trug sie ihre Haarpracht aufgesteckt unter einer Haube, doch die Flechten waren so üppig, dass es kaum möglich war, sie gänzlich zu verbergen. Hätte Al Shifa sie offen gelassen, hätte das Haar ihren Körper wie ein Mantel umweht. Was nun diesen Körper anging, gab die Maurin sich alle Mühe, ihn unter der schlichten Kleidung einer Magd zu verstecken, doch war nicht zu übersehen, dass Al Shifas Körper vollkommen war. Rachel fragte sich, ob Sarah nicht manchmal um die Treue ihres Gatten fürchtete. Doch Benjamin von Speyer hatte wohl keine Augen für Al Shifas Reize, und die Maurin selbst ermutigte keinen Mann. Zumindest wurde nicht über sie getratscht, was das betraf.

Jetzt näherte sie sich der Hebamme und verbeugte sich.

»Ihr seid nicht zu spät, das Kind liegt richtig, und es ist nicht groß. Die Herrin leidet nicht schlimmer, als Gott es jeder Frau auferlegt, doch eine oder zwei Stunden wird es wohl noch dauern. Die Pforte öffnet sich langsam. Wenn Ihr gestattet, werde ich mich um Euer Findelkind kümmern, während Ihr nach der Herrin seht. Ruft mich, falls Ihr mich braucht.«

Al Shifa wartete nicht ab, ob Rachel irgendetwas gestattete. Sie nahm dem Küchenmädchen ganz selbstverständlich das Kind aus dem Arm und legte sein Gesichtchen frei – und dann sah Rachel die Maurin zum ersten Mal lächeln. Ihre langen, schlanken Finger streichelten die zarten Züge des kleinen Mädchens.

»Das Licht der Sonne hat dich geküsst«, sagte sie selbstvergessen und strich über den goldenen Flaum auf dem Köpfchen der Kleinen. »Mögen alle Küsse, die du je empfangen wirst, so warm und süß sein!«

Rachel ließ Al Shifa mit dem Kind allein. Sie hatte jetzt anderes zu tun, und bei der Maurin war das Mädchen offensichtlich in guten Händen.

Sarah von Speyer erwartete sie ungehalten. Die junge Frau war schön und verwöhnt. Sie schien die Schmerzen einer Geburt als persönliche Beleidigung zu betrachten und ließ ihren Zorn an jedem aus, der ihr am Wochenbett beistand. Rachel ließ ihre Vorwürfe für ihr Ausbleiben geduldig über sich ergehen, während sie die Gebärende untersuchte. Al Shifa hatte recht gehabt. Alles ging gut, nur ein wenig langsam. Rachel gab dem Küchenmädchen ein paar Kräuter, um einen Tee aufzubrühen. Vielleicht ließ die Sache sich ja etwas beschleunigen. Vor allem musste Sarah wissen, dass man sich um sie kümmerte. Rachel bemühte sich, sie bequemer zu betten, und unterhielt sie mit der Nachricht von der Geburt des kleinen Ezekiel ben Salomon von Metz, dem sie vorhin auf die Welt geholfen hatte.

»Ach, das freut mich für die Metzens, dass es ein Junge ist!« Sarah war gleich besserer Laune, war sie doch mit Ruth von Metz eng befreundet. »Ich dagegen würde mich nicht ärgern, wenn es diesmal eine Tochter würde. Ich glaube, Benjamin auch nicht, obwohl er natürlich sagt, ein Mann könne nicht genug Söhne haben. Und wenn nun Ruths Ezekiel und mein Mädchen am gleichen Tag geboren werden … Vielleicht ist das ja ein Zeichen! Wir mögen sie miteinander verheiraten, wenn sie erwachsen sind!«

Rachel hielt die Bemerkung zurück, dass man das Kind doch besser erst mal zur Welt brächte, bevor man es verkuppelte. Auch ließ sie die Uhrzeit unerwähnt. Es hatte noch nicht zwölf geschlagen, doch bevor das Kind zur Welt käme, würde der Tag auf jeden Fall zu Ende gehen. Dabei schien Sarahs Kind es jetzt ein wenig eiliger zu haben. Die Geburt ging schneller voran, als Rachel und Al Shifa angenommen hatten. Die Anwesenheit der Hebamme hatte Sarah wohl mit neuem Mut erfüllt. Dennoch war Zeit zwischen den Wehen, und Rachel nutzte sie, um Sarah Speyer eine verkürzte Version ihres Abenteuers im Stall des »Güldenen Rads« zu erzählen. In aller Vorsicht natürlich; die junge Frau durfte auf keinen Fall denken, Rachel habe sie zu Gunsten einer christlichen Hure vernachlässigt. Aber Sarah war jetzt gut aufgelegt.

»Und Ihr habt das Kind mitgebracht?«, fragte sie beinahe belustigt. »Ein Hurenkind? Was wollt Ihr damit anfangen?«

Rachel zuckte die Achseln. »Eurer Al Shifa scheint es zu gefallen. Ich hab sie nie so glücklich gesehen wie in dem Moment, als sie es an die Brust nahm. Vielleicht erlaubt Ihr ja, dass sie es behält …?«

Rachel glaubte nicht wirklich daran und versuchte deshalb, die Frage ein wenig scherzhaft klingen zu lassen, doch sie konnte die Hoffnung in ihrer Stimme nicht gänzlich verbergen.

»Sie hat wohl selbst Kinder gehabt«, meinte Sarah und bäumte sich gleich darauf unter der nächsten Wehe auf. Rachel stützte und beruhigte sie, wies sie an, richtig zu atmen und gab ihr Tee zu trinken, als sie wieder zur Ruhe kam. Erst dann griff sie das Thema erneut auf.

»War sie denn verheiratet, dort im Morgenland, wo sie herkommt?« Rachel war neugierig.

Sarah schüttelte den Kopf. »Sie kommt nicht aus dem Morgenland, sondern aus den iberischen Landen. Al Andalus, wie sie es nennt. Es liegt tief im Süden, aber man muss kein Meer überqueren, um dorthinzukommen. Ich glaube allerdings nicht, dass sie dort Kinder hatte; das muss schon im christlichen Spanien gewesen sein. Sonst wären die Bälger wohl nicht im Kloster gelandet, und da sind sie angeblich. Ihr früherer Herr hat sie fortgegeben … oh, es geht wieder los! Der Schmerz! So tut doch etwas, Frau Rachel!«

Rachel konnte nicht viel tun, doch es war sicher nicht ratsam, jetzt weiter über irgendetwas anderes zu reden als über Sarahs Niederkunft. Sie bemühte sich also, die junge Frau zu beruhigen und zu trösten. Und schließlich hielt sie wortlos durch, als Sarah ihre Hände in der letzten Phase der Geburt schmerzhaft drückte und zerkratzte. Die junge Mutter schrie dabei zum Steinerweichen; dann aber schob sich das Kind endlich ins Freie. Zum zweiten Mal in dieser Nacht nahm Rachel ein blondes kleines Mädchen in Empfang. Sarah vergaß ihre Schmerzen sofort und strahlte übers ganze Gesicht.

»Sie soll Lea heißen!«, bestimmte sie und versuchte, sich aufzurichten. »Nach Benjamins Mutter. Was macht Ihr denn so lange, Frau Rachel? Lasst sie mich halten, ich will sie sehen!«

Rachel ließ sich nicht hetzen. In aller Ruhe goss sie kaltes Wasser aus einem Holzbottich und warmes aus einem Tonkrug in eine bereitstehende Mulde, badete das Kind und wickelte es in saubere Tücher. Erst dann bettete sie es in die Arme seiner Mutter. Die kleine Lea sah ihrem Findelkind ähnlich. Aber was für ein unterschiedliches Leben die beiden Mädchen erwartete! Lea würde wie eine Prinzessin aufwachsen. Das andere kleine Mädchen hatte nicht einmal einen Namen …

Benjamin von Speyer drängte jetzt in die Wochenstube, und auch David und Esra durften hereinkommen und ihre Schwester willkommen heißen. Die Jungen konnten nicht viel mit dem Neugeborenen anfangen, zeigten sich jedoch erleichtert, dass ihre Mutter wohlauf war. Sie hatten die letzten Stunden in der Küche bei der lamentierenden und ängstlich betenden Köchin verbracht, die ihre Herrin schon tot wähnte. Auch fehlte der Reiz des Neuen, was das Kind anging, denn Al Shifa hatte die Jungen bereits das Findelkind bewundern lassen.

»Haben wir jetzt zwei Schwestern?«, fragte der kleine David. »Dann müssen wir aufpassen, dass wir sie nicht verwechseln. Die andere sieht genau so aus.«

Sarah runzelte die Stirn. »Natürlich ist nur Lea deine Schwester, David! Und sie ist unverwechselbar. Auf was für Ideen du kommst!« Sie lachte ein wenig unsicher. »Aber nun müsst Ihr mir Euer Hurenkind doch zeigen, Frau Rachel. Schon, damit ich nicht denken muss, es sei womöglich hübscher als das meine!«

Rachel versicherte ihr, niemals ein schöneres Kind gesehen zu haben als die kleine Lea, und Benjamin beeilte sich, ihr beizupflichten. David jedoch nutzte die Gelegenheit, zurück in die Küche zu hüpfen und Al Shifa zu rufen.

»Mutter will das Huhnkind sehen. Warum nennt sie es Huhnkind, Al Shifa?«

Das christliche Küchenmädchen bekreuzigte sich. Die jüdische Köchin warf ihm einen misstrauischen Blick zu.

Al Shifa runzelte die Stirn. »Es heißt nicht Huhnkind, David. Und das andere Wort wollen wir nicht sagen. Das Kind ist ein Geschenk Allahs, egal wer es gezeugt hat.«

Bei der Erwähnung Allahs bekreuzigte das Mädchen sich ein weiteres Mal.

Al Shifa stand auf und machte Anstalten, sich weisungsgemäß mit dem Kind in die Wochenstube zu begeben. Das kleine Mädchen schlief süß an ihrer Schulter. Es war satt und sauber: Al Shifa hatte die Zeit genutzt, es zu baden und mit verdünnter Milch zu füttern.

»Aber Mutter hat es so genannt …«

»Deine Mutter hat nur Spaß gemacht«, behauptete Al Shifa. »Sie hat Frau Rachel bloß necken wollen.«

Mit dem Kind an der Brust verneigte sie sich tief, als sie an Sarahs Bett trat. Rachel fiel ein, dass sie Al Shifa niemals hatte knicksen sehen. Und ihre Verbeugung drückte eher Würde aus als Unterwürfigkeit.

Sarah warf kritische Blicke auf das fremde Neugeborene, denn Al Shifa hatte es in ihre Windeln gewickelt. Doch Sarah war an diesem Tag so glücklich, dass sie keine Bemerkungen darüber machte.

»Es ist in der Tat ebenfalls blond, und auch recht niedlich«, meinte sie huldvoll. »Man könnte es wirklich behalten – als Spielgefährtin für Lea. Was meinst du, Benjamin? Würde der Ewige das als Geste des Dankes annehmen? Für Lea und unsere wundervollen Söhne? Für Davids Überleben nach der schweren Geburt?«

In Rachel keimte Hoffnung auf. Al Shifa schaute mit zunächst leerem, dann jedoch lauerndem Blick von einem zum anderen. Schließlich fixierte sie ihren Herrn. Davids Überleben dankte er nicht seinem Gott, sondern ihr, Al Shifa! Und sie wollte dieses Kind!

Benjamin von Speyer fing ihren Blick auf und verstand die Botschaft. Dennoch zuckte er die Schultern.

»Der Ewige würde es zweifellos als Geste der Güte und Freundlichkeit anerkennen. Aber wie stellst du dir das vor, Sarah? Du kannst kein Christenbalg an Kindes statt annehmen. Und du auch nicht, Al Shifa, frag gar nicht erst! Habt Ihr das Kind überhaupt schon getauft, Frau Rachel? Wenn nicht, so wird es Zeit. Ihr könntet sonst in größte Schwierigkeiten kommen!«

»Ach, niemand wird den armen Wurm anmahnen«, meinte Rachel wegwerfend. »Ob der getauft ist oder nicht, wen kümmert’s? Hätte ich das Kind nicht mitgenommen, hätten seine feinen Gevatterinnen es wie eine Katze ersäuft!«

»Niemand wird das Kind anmahnen, solange keiner es sieht«, bemerkte von Speyer und warf einen prüfenden Blick in das Gesichtchen des Kindes. »Aber sobald es irgendwo auftaucht, wird man Fragen stellen. Und dann kommt schnell heraus, dass keine Jüdin es geboren hat. Und keine Muselmanin!« Er wandte sich an Al Shifa. Die streichelte das Kind schicksalsergeben. Ihr kurzer, aufbegehrender Blick war erloschen. Al Shifa kannte ihre Möglichkeiten. Für sie und dieses Kind gab es in Mainz keine Zukunft.

»Aber grundsätzlich würdet Ihr es aufziehen, Reb Speyer?« Rachel gab so schnell nicht auf. »Wenn sich vielleicht eine christliche Pflegemutter fände?« Obwohl sie sich an Benjamin als den Hausherrn wandte, blickte sie Sarah an. Die junge Mutter lächelte dem fremden Kind jetzt zu. Al Shifa hatte es geistesgegenwärtig neben sie gelegt, damit sie es genauer anschauen konnte. Und Sarah fand sich plötzlich mit einem Neugeborenen in jedem Arm wieder.

»Grundsätzlich schon …«, meinte von Speyer zögerlich. Auch er sah das Schimmern in Sarahs Augen, doch für ihn bedeutete es weniger Hoffnung als Komplikationen.

»Dann fragen wir jetzt euer Küchenmädel!«, erklärte Rachel entschlossen. »Die ist doch Christin, oder? Jedenfalls bekreuzigt sie sich alle naslang, auch wenn sie sonst nichts zustande bringt. Wo habt ihr sie überhaupt her? Sie scheint mir nicht sehr aufgeweckt.«

Benjamin lächelte. »Da war Sarah auch wieder zu weichherzig. Die Mutter kam an unsere Schwelle, um das Mädchen in Lohn zu geben. Sie ist nicht die Klügste, aber das zweitälteste von zehn Kindern, und sie brauchte eine Stelle. Und um Wasser zu tragen und am Sabbat die Lichter anzustecken, braucht’s nicht viel Verstand …« In fast jedem jüdischen Haus gab es einen oder mehrere christliche Diener. Sie nahmen den Herrschaften am Samstag Verrichtungen ab, die ihnen als gläubigen Juden untersagt waren.

Rachel nickte. »Bei zehn Kindern fällt eins mehr oder weniger kaum auf«, erklärte sie mit einem Blick auf ihr Findelkind. »Die Mutter wird’s gern für ein paar Pfennige in Kost nehmen. Und wenn die Kleine zur Arbeit kommt, kann sie’s mitbringen. Das Mädel wohnt doch zu Hause, oder?«

Sarah nickte. »Selbstverständlich. Das Grietgen geht jeden Abend heim. Ihr wisst doch …«

Juden war es verboten, christliche Diener unter ihrem Dach zu beherbergen.

Rachel strahlte. »Na also! Wo zehn unterkommen, da kommen auch elf unter! Und keiner wird fragen, woher sie das neue Balg haben, da zählt doch gar niemand mehr mit. Wie ist es, Reb Benjamin? Wollt Ihr mit dem Mädchen reden?«

Al Shifa griff fast ungläubig nach dem Kind, von dem sie sich vorhin wohl schon verabschiedet hatte. Benjamin von Speyer sah den Ausdruck in ihren Augen. Er schuldete ihr etwas. Ohne ihr Eingreifen hätte sein Sohn damals nicht überlebt.

Schließlich nickte er.

»Dann denkt euch einen Namen aus«, meinte er, während er aufstand, um das Küchenmädchen aufzusuchen, das wahrscheinlich schon süß neben dem Ofen schlief. Die Speyers mussten es jeden Abend fast mit Gewalt nach Hause schicken. Ob es wirklich eine so gute Tat war, nun auch noch das Findelkind in diese Familie zu stecken? Viel Wärme und Geborgenheit gab es in Grietgens Heim ganz sicher nicht.

Grietgen verstand nicht recht, worum es ging; sie war wirklich nicht die Klügste. Von Speyer musste schließlich mit ihr nach Hause gehen und mit ihrer Mutter sprechen. Voller Abscheu tastete er sich durch die verschmutzten Straßen am Rand des Viertels »Unter den Juden«. Raffgierige Vermieter hatten hier die Gänge zwischen den Häusern, die ursprünglich dem Brandschutz dienten, mit Holz überbaut. So entstanden primitive Unterschlüpfe, »Buden« genannt, in denen arme Familien ein Dach über dem Kopf fanden. Sollte es wirklich mal brennen, raffte es diese Bauten natürlich als Erstes dahin. Zum Schutz der angrenzenden Steinhäuser hatte man Brandmauern errichtet. Von Speyer zog den Kopf ein, als Grietgen klopfte. Die Dachkallen waren nicht dicht, und der Regen ergoss sich aus den rissigen Rinnen auf seinen Kopf.

Grietgen schien die Nässe kaum zu bemerken. Sie huschte rasch ins Innere der Bude und überließ von Speyer die Verhandlungen mit ihrer Mutter. Rike Küferin erwies sich dabei als zäh und gerissen. Binnen kürzester Zeit handelte sie einen geradezu fürstlichen Pensionspreis für das kleine Mädchen aus.

»Ihr müsst das verstehen, Herr, es geht auch um die Ehre«, erklärte sie treuherzig. »Die Leute werden alle denken, das Balg sei von meinem Grietgen. Dabei ist das Mädel unschuldig wie das Lamm Gottes, Herr! Und wer weiß, vielleicht find sich gar ein Ehemann. Aber wenn da erst ein Balg ist …«

»Ihr könntet es als das Eure ausgeben«, meinte Speyer und bemühte sich um Geduld. Rikes Kindern war deutlich anzusehen, dass mehr als ein Mann an der Zeugung dieser Horde beteiligt gewesen war.

»Und dann lass ich’s mit dem Grietgen rumziehen? Nein, nein. Wenn’s das meine sein soll, dann legt Ihr noch drei Kupferpfennig im Monat drauf, dafür behelligt’s Euch auch nicht mehr!«

Benjamin warf einen Blick auf die unordentliche Wohnung, den schmutzigen Lehmboden und die verdreckten, kalten Schlafstätten der Kinder, die man vor dem Schlafengehen sicher nicht gewaschen hatte. Tagsüber sah er sie mitunter auf der Straße, gelangweilt und verwahrlost. So hatte er sich das Leben von Rachels kleinem Findling nicht vorgestellt.

»Ich leg drei Kupferpfennig drauf, aber Ihr gebt es Grietgen jeden Tag mit, und Ihr legt es abends in ein sauberes Bett. Das Grietgen lernt, wie man ein Haus sauber hält und ein Bett bezieht. Es wird wissen, was ich will. Und bringt mir das Kind auch nur eine Laus oder einen Floh ins Haus, zieh ich Euch die Pfennige wieder ab! Können wir uns so einigen?« Benjamin zückte seine Börse.

Die Küferin nickte. Aber noch gab sie nicht auf. Wäre ja noch schöner, wenn der reiche Jud das letzte Wort hätte!

»Aber Ihr bringt es mir nicht ins Haus, bevor’s getauft ist, hört Ihr?«, bemerkte sie. »Ein Heidenkind nehm ich nicht, und erst recht kein Judenbalg!«

Benjamin bat seinen Gott um Langmut und nickte. »Es wird christlich getauft, und am Sonntag in der Kirche lasst Ihr es einsegnen«, erklärte er und musste Grietgen anschließend noch einmal wecken. Das Mädchen war auf seinem heimischen Strohsack gleich wieder eingeschlafen und begriff nicht, warum es jetzt noch einmal mit zu den Speyers gehen und das fremde Kind holen sollte.

»Ach, lasst die beiden Bälger heut Nacht bei Euch!«, meinte die Küferin großzügig. Anscheinend hatte sie keine Lust, die Tür nachher noch einmal für Grietgen zu öffnen. Und auf das Geschrei eines Neugeborenen konnte sie auch verzichten. »Die Nachbarn haben ja gesehen, wie das Grietgen heimkam, da wird keiner tratschen.«

Grietgen tappste also brav neben ihrem Herrn her, zurück ins Haus der Speyers. Dort schlief es selig vor dem Ofen in der Küche und hätte seine neue kleine Schwester dabei auch durchaus im Arm gehalten. Die erhielt jedoch erst mal ihren Namen, über den Al Shifa lange nachdachte.

»Es muss ein christlicher Name sein. Aber er soll auch ein bisschen Sonne in sich tragen …«, meinte sie, als Rachel schließlich couragiert Wasser über die Stirn des Neugeborenen rinnen ließ, widerwillig ein Kreuz schlug und die christliche Taufformel sprach. Das Gesetz verpflichtete sie dazu, wenn sie ein christliches Kind auf die Welt holte, das womöglich nicht lange überlebte. Wobei eine Nacht im Haus eines Juden wahrscheinlich als gefährlicher angesehen wurde als eine zu frühe oder schwere Geburt.

»Ich taufe dich auf den Namen …«

»Lucia«, bestimmte die Maurin. »Das Licht.«

3

So begann das Leben der kleinen Lucia in zwei Welten, die unterschiedlicher nicht sein konnten. Wenn Grietgen das Kind im Morgengrauen in die Schulstraße brachte, wartete Al Shifa bereits darauf, es zu baden und frisch zu wickeln. Sie fütterte es mit süßer Milch und später mit Honigbrei, sang ihm vor und bettete es schließlich, sauber in Hemdchen aus edelstem Leinen gekleidet, in die gleiche Wiege wie Lea. Wenn Sarah von Speyer aufstand, fand sie dann meist schon beide Kinder vor und liebkoste und wiegte sie fast gleichermaßen. Ihre »kleinen Prinzessinnen« wurden gehegt und gepflegt, und sobald sie die ersten Worte verstanden, las man ihnen vor und spielte mit ihnen.

Doch nach Sonnenuntergang, wenn Grietgens Dienst endete, wurde Lucia dem Prinzessinnendasein ebenso rasch entrissen, wie man sie morgens hineinbeförderte. Grietgen trug sie wie einen Sandsack, ließ sie gleich nach dem Heimkommen auf ein unordentlich gemachtes Lager sinken und dachte gar nicht daran, ihr bei Nacht die Milch zu geben, die Al Shifa sorglich für sie vorbereitete. Die Leckerei landete stattdessen in den Mägen der jüngeren Küfers, die sich meist so lauthals darum stritten, dass Lucia erwachte und vor Angst und Kälte schrie, bis die Erschöpfung sie übermannte. Die Küferin wertete dies als Erziehungserfolg. Sie hatte alle ihre Kinder schreien lassen, sobald ihre eigene Milch versiegte; und das ging im Allgemeinen rasch, schließlich empfing sie meist wenige Wochen nach der Geburt das nächste Kind.

Am schlimmsten waren die Feiertage, an denen Grietgen nicht zur Arbeit musste. Dann blieb Lucia zwischen den Kindern der Küferin, wurde selten gewickelt und noch seltener gefüttert. Meist erbrach sie das altbackene, in Wasser aufgeweichte Brot sofort, mit dem Grietgen ihr »das Maul stopfte«, wie die Küferin es nannte. Am folgenden Tag kam sie dann schmutzig und mitunter verlaust zurück zu den Speyers. Al Shifa rügte Grietgen scharf für die schlechte Pflege des Kindes, aber das Mädchen hatte längst begriffen, dass ihm die Fürsorge für Lucia eine gewisse Machtposition bot: Wenn die Speyers Grietgen hinauswarfen, verloren sie Lucia. Das Mädchen machte sich insofern wenig aus Al Shifas Vorwürfen und bot mitunter sogar frech Paroli. Schließlich gab die Maurin es auf. Letztendlich war es ja nur eine Frage von wenigen Jahren, bis Lucia selbst laufen und in die Schulstraße flüchten konnte. Und allzu viele freie Tage hatten Dienstmädchen wie Grietgen nicht.

Als Lucia heranwuchs, wurden ihr die Unterschiede zwischen Lea und ihr selbst zunehmend bewusster. Nun gab es jeden Abend Kämpfe und Tränen, da die Kleine nicht mit Grietgen gehen wollte. Auch Lea trennte sich nur schwer von ihrer »Milchschwester« und schrie lauthals mit. Aber ihr stand zumindest nicht das abendliche Martyrium bei den Küfers bevor. Lucia schlief jetzt nicht mehr gleich ein, wenn Grietgen sie nach Hause brachte, sondern wurde ins »Familienleben« einbezogen, das größtenteils daraus bestand, dass die anderen Kinder sie neckten und quälten.

»Was ist ein Hurenkind?«, fragte sie eines Morgens Al Shifa, als sie drei Jahre alt war. Die Maurin ließ die Kinder zu ihren Füßen spielen, während sie Sarahs feine Truhen aus edelsten Hölzern abstaubte und wachste. Lucia und Lea stellten Tonfigürchen zusammen und spielten »Familie«.

Sarah von Speyer, die mit einem Buch am Feuer gesessen hatte, schlug die Hände über dem Kopf zusammen.

»Was kennt das Kind für Ausdrücke, Al Shifa? Lucia, Spätzchen, solche Worte wollen wir nicht in den Mund nehmen!«

Lucia blickte verständnislos, wobei der fragende Blick aus ihren tiefblauen Augen zwischen ihren beiden Pflegemüttern hin und her wanderte.

»Aber die Küfer-Kinder tun’s!«, sagte sie. »Gestern haben sie mich so genannt. Und wenn ich ein … äh … bin, muss ich doch wissen, was das ist.«

Der gestrige Tag war Karfreitag gewesen, stets der meistgefürchtete Tag des Jahres für die Juden von Mainz. Der jüdischen Bevölkerung war es am Tage der Kreuzigung Christi verboten, sich in der Öffentlichkeit zu zeigen. Sie verschanzten sich in ihren Häusern, ängstlich bemüht, nicht die geringste Aufmerksamkeit zu erregen. Schon Kleinigkeiten konnten an solchen Tagen Verfolgungen auslösen. Der Bischof von Mainz hielt zwar offiziell seine schützende Hand über die Gemeinde, doch bei den letzten Ausschreitungen hatten seine Büttel erst eingegriffen, nachdem zehn Gemeindemitglieder getötet worden waren.

Al Shifa war zwar keine Jüdin, hielt sich aber trotzdem zurück, obwohl ihr Herz blutete, wenn sie Lucia mit den Küfers zur Kirche gehen sah. Sie fürchtete sich stets vor dem, was die Kleine dort zu hören bekam – sowohl während der Messe von den Priestern als auch vorher und hinterher von den anderen Kindern. Dazu kam, dass Lucia im Hause der Speyers unweigerlich an jüdischen Festen und Zeremonien teilnahm. Das Kind plapperte die hebräischen Gebete ebenso eifrig nach wie die Lieder und Kinderreime, die Al Shifa ihm in ihrer eigenen Sprache vorsang. Nicht auszudenken, wenn Lucia etwas davon vor dem Pfarrer wiederholte!

Aber nun hatte sie wohl weniger ihre Erziehung bei den Juden als ihre eigene Vergangenheit eingeholt. Al Shifa seufzte.

»Du musst nicht darauf hören, Lucia!«, meinte sie schließlich. »Hurenkind bedeutet … nun, es bedeutet, dass Mutter und Vater eines Kindes nicht miteinander verheiratet waren. Aber das ist bei dir nicht so. Deine Mutter hat der Frau Rachel versichert, sie sei deinem Vater vor Gott und Gesetz angetraut gewesen. Die Kinder wollen dich nur ärgern, Lucia.«

Lucia überlegte. »Aber die Küferin hat doch auch keinen Mann«, folgerte sie dann. »Sind ihre Kinder dann nicht …«

Sarah von Speyer unterdrückte ein Lachen.

»Deshalb reden wir nicht darüber!«, beendete Al Shifa resolut das Gespräch. »Und nun komm, Lucia. Du kannst mir helfen, den Herd zu befeuern, damit es heute noch etwas Warmes zu essen gibt …«

Den Juden war dies am Sabbat verboten. Ihr heiliger Tag diente allein der Ruhe und Gelehrsamkeit. Üblicherweise verbrachten die Männer fast den ganzen Tag in der Synagoge; an diesem Ostersamstag jedoch verzichtete Benjamin von Speyer auf die Teilnahme am gemeinsamen Studium der Thora. Es war besser, die Christen nicht durch den Anblick der Juden zu reizen, die sie an der vorgeschriebenen Tracht, dem Judenhut und dem gelben Ring auf der Kleidung, sofort als solche erkannten. An hohen kirchlichen Festtagen blieb man als »Hebräer« lieber zu Hause.

Lucia durfte niemals mit in die Synagoge, so wie die Kinder der Speyers; dennoch liebte sie den Sabbat. Sie freute sich an jedem Freitag auf das Sabbatmahl und genoss die Zeremonie mit wohligem Schauern, wenn Sarah die Sabbatkerzen entzündete und Benjamin den Feiertag willkommen hieß. In Grietgens Familie wurden christliche Feste kaum begangen. Zwar schleppte die Küferin ihre Brut in die Kirche; danach aber blieben die Kinder auf sich allein gestellt, während sie selbst durch die Schenken zog. So war es kein Wunder, dass Lucia sich weit mehr auf Chanukka und Pessach freute als auf Weihnachten und Ostern. Auch der Kirchgang behagte ihr nicht, obwohl sie die christlichen Lieder und Gebete ebenso rasch lernte wie die der Juden. Aber die Kirche war nicht warm und gemütlich wie die Wohnstube der Speyers. Lucia empfand den nur von Kerzen erhellten großen Raum als dunkel, während es den meisten Christen gerade umgekehrt erging. Die Küfer-Kinder konnten sich nicht sattsehen an den dicken Wachskerzen und den Laternen vor den Heiligenbildern. Bei den Speyers dagegen erhellten Kerzen in Hänge- und Wandleuchtern die Wohnstube, und Lea hatte sogar ein Nachtlicht, eine Art gläserne Kugel, in die man eine Kerze stellen konnte. Verglichen mit all dem war die Christenkirche düster und unheimlich.

Auch der Messe konnte Lucia nichts abgewinnen. Das endlose Knien während der Predigt und der Gebete strengte sie an und langweilte sie. Und zu allem Überfluss stürzten die Christenkinder sich auf das »Hurenkind«, sobald der Gottesdienst zu Ende war. Sie bewarfen Lucia mit Unrat, jagten sie durch die Straßen und versuchten, sie in die Höfe der Schenken und Freudenhäuser zu treiben: »Vielleicht findste deine Mutter, Hurenkind!« Lucia fiel dabei oft hin und machte ihre Kleider schmutzig. Und dann schämte sie sich, wenn sie zurück zu den Speyers kam.

Als Lucia älter wurde und die Zusammenhänge erkannte, lieh sie sich zum Kirchgang die Kittel der Küferkinder, um weniger aufzufallen. Das edle Tuch, in das der reiche Kaufmann von Speyer selbst seine Pflegetochter hüllte, erregte bloß Neid. Allerdings verschwanden Lucias eigene Sachen dann oft wie durch Zauberhand während des Kirchgangs. Die Küferin wollte nichts davon gewusst haben, und Grietgen schon gar nicht. Lucia schlich sich dann schuldbewusst und in Lumpen zurück in die Schulstraße, wo Al Shifa sie schimpfend von Flöhen und Läusen befreite. Wenigstens dauerte die Qual nicht mehr tagelang. Inzwischen war das Mädchen alt genug, um nach der Kirche allein in die Schulstraße zu laufen, sobald man die Kinder sich selbst überließ.

Lea und Lucia waren inzwischen zu hübschen kleinen Mädchen herangewachsen. Beide waren blond, wobei Lucias Haar mehr ins Honigfarbene spielte, während Leas wie goldenes Haferstroh glänzte. Auch die blauen Augen waren beiden Mädchen geblieben – ein wenig bedauert von Sarah, die selbst braune Augen hatte. Das Blau bildete einen reizvollen Kontrast zu dem blonden Haar der Mädchen. Bei Lea hatte sich die hellblaue Farbe ihres Vaters durchgesetzt, während Lucias Augen dunkler waren: Wenn Rachel sie sah, fühlte sie sich auf beinahe unheimliche Weise an den Blick der sterbenden jungen Frau erinnert, die sie vor nunmehr sechs Jahren von diesem Kind entbunden hatte. Auch in Lucias Augen konnten helle Blitze aufleuchten, wenn sie sich freute oder über etwas erregte.

Doch auf den ersten Blick waren diese Unterschiede zwischen Lea und Lucia kaum zu bemerken. Nach wie vor wurde Sarah oft gefragt, ob Gott sie mit Zwillingsmädchen gesegnet habe. Sarah lachte darüber, Al Shifa jedoch schien es nicht gern zu hören. Sie nannte Lucia oft »mein Mädchen« oder gar »Tochter«, wenn sie unter sich waren und die Maurin in ihrer seltsam singenden Sprache mit der Kleinen tändelte. Besonders die Morgenstunden, in denen Lea und Sarah noch schliefen, gehörten ihnen allein. Lucia lernte dabei ganz selbstverständlich Arabisch, während Lea Al Shifas Sprache nur in Bruchstücken aufschnappte. Ohnehin war Lucia lerneifriger als ihre Milchschwester. Sie erfasste auch das Hebräische schneller und überraschte Al Shifa, indem sie selbst lateinische Verse nachplapperte. Dabei saß sie nur spielend dabei, wenn Al Shifa Leas ältere Söhne unterrichtete.

»Aber du kannst das doch auch alles!«, meinte Lucia gelassen, als Al Shifa sie darauf ansprach. »Wenn die Mädchen in deinem Land es lernen …«

Lucia wusste längst, dass es in Mainz höchst ungewöhnlich war, wenn Mädchen Latein und Griechisch lernten. Die meisten Bürgerkinder konnten zwar lesen und schreiben, doch Frauen wie die Küferin legten keinen Wert darauf. Grietgen und ihre Geschwister beherrschten es folglich nicht. In jüdischen Familien dagegen lernten zumindest die Jungen meist mehrere Sprachen, auf jeden Fall ausreichend Hebräisch, um die Thora zu studieren. Wenn die Familie sich keinen Privatunterricht leisten konnte, fand der Unterricht in der Synagoge statt, der »Schul«. Mädchen wurden fast immer zu Hause unterrichtet, häufig von ihren Müttern, seltener von den Hauslehrern ihrer Brüder. Hier bot der Haushalt der Speyers eine echte Ausnahme, über die man auch unter den Juden von Mainz tuschelte: Al Shifa, die Maurin, unterrichtete Latein und Griechisch. Nur für das Studium des Hebräischen kam ein anderer Lehrer ins Haus.

Al Shifa lächelte. »Auch in meinem Land lernen es nicht alle Mädchen«, erklärte sie dann. »Ich habe eine Schule besucht …«

»Ja, ich weiß!« Lea lachte und drehte sich anmutig in der Mitte der Stube. Sie trug ein neues Kleid aus Seide, die ihr Vater aus den Manufakturen in Al Andalus hatte kommen lassen. »Und da hast du auch tanzen gelernt und singen und die Laute spielen! Wenn ich groß bin, will ich auch in solch eine Schule!«

»Was der Ewige in seiner übergroßen Güte verhüten möge!«, bemerkte Sarah entsetzt.

Lea schaute verständnislos. Im Gegensatz zu der eher ernsten Lucia war sie der Sonnenschein der Familie. Singen und Tanzen waren ihre größte Freude, und sie schlug auch schon ein wenig die Laute. Was mochte ihre Mutter wohl dagegen haben, wenn sie sich hier vervollkommnete?

Al Shifa lächelte. »Man geht nicht einfach in eine solche Schule, Lea, man wird dorthin verkauft!«, erklärte sie dann gelassen. »Das ist kein allzu erstrebenswertes Schicksal, wenn auch nicht das Schlimmste, was einem Sklavenmädchen passieren kann. Aber du, meine Süße, bist ja keine Sklavin, sondern eine Prinzessin. Allein dein späterer Mann soll sich an deinem Gesang und Tanz freuen. Und das wird er gewiss, auch wenn du diese Künste nicht studierst! Latein und Griechisch dagegen haben nichts Anstößiges. Frauen können es ebenso lernen wie Männer, auch wenn sie es seltener benötigen.«

Lea zeigte allerdings kein Interesse an der Aneignung dahingehender Kenntnisse. Lucia blieb allein, wenn sie nach dem Unterricht der Jungen in ihren Büchern schmökerte.

Inzwischen musste Lucia sich jeden Tag damit auseinandersetzen, dass sie anders war. Sie fiel sowohl unter den Christen auf als auch unter den jüdischen Kindern, die manchmal zu den Festen der Speyers kamen und deren christliches Pflegekind spätestens dann misstrauisch beäugten, wenn es nicht mit in die Synagoge durfte. Das Mädchen fand jedoch Trost darin, dass sich auch Al Shifa von allen anderen Frauen unterschied, die sie kennen lernte, und sie schöpfte Kraft aus der würdevollen Art der Maurin, damit umzugehen. Das Leben in Mainz war nicht immer leicht für Al Shifa. Die Juden waren in den christlichen Städten zwar nur widerwillig geduldet, hatten aber immerhin Bürgerrechte. Vor der Maurin dagegen spien die Christen ungeniert aus, wenn sie über den Budenmarkt am Dom ging oder durch die Läden am Flachsmarkt schlenderte. Lucia verstand nicht ganz warum. Sie konnte auch nicht nachvollziehen, warum man den Juden vorwarf, Jesus Christus getötet zu haben. Sein Tod lag schließlich schon so lange zurück, dass Benjamin von Speyer und die anderen Gemeindemitglieder schwerlich daran beteiligt gewesen sein konnten. Und Al Shifas Volk beschuldigte man, das Heilige Land gestohlen zu haben. Dabei kam Al Shifa gar nicht aus Palästina, und die Speyers hätten sie auch kaum im Haus behalten, wenn sie zu Diebstählen neigte. Al Shifa würdigte die Pöbeleien und Schmähungen denn auch nie einer Antwort. Sie bewegte sich so anmutig und würdevoll unter ihren boshaften Mitbürgern, als würde sie von einer Glocke aus venezianischem Glas geschützt.

Lucia jedoch nahm all das auf, empörte sich darüber und hielt ihre christlichen Glaubensgenossen bald für ziemlich dumm. Sie wäre lieber Jüdin gewesen, oder auch Maurin wie Al Shifa.

»Ach, wünsch dir das nicht, Tochter. Das Leben einer Frau ist nicht einfach in meinem Land!«, sagte Al Shifa lächelnd, als Lucia diesen Wunsch eines Tages laut äußerte. Wieder einmal bewunderte Lucia die besonderen Fähigkeiten ihrer Pflegemutter, diesmal im Bereich der Krankenpflege. Esra hatte sich beim Spielen verletzt, und Al Shifa behandelte die Wunde mit einem Umschlag und einer heilenden Salbe. Lucia beobachtete fasziniert, welche Essenzen und Kräuter sie dazu verwendete.

»Wenn ich groß bin, werde ich Medikus!«, erklärte sie schließlich, löste damit aber nur wieherndes Lachen bei den Söhnen der Speyers aus.

»Bei den Mauren geht das, nicht wahr, Al Shifa? Da gibt es Schulen! Ich gehe einfach nach Al Andalus, und dann …« Lucia schaute ihre Pflegemutter hoffnungsvoll an, senkte dann aber enttäuscht den Blick, als Al Shifa bedauernd den Kopf schüttelte.

»Nein, Liebes, Medikus kannst du auch in Al Andalus nicht werden«, zerstörte sie Lucias Träume. »Es gibt Schulen, aber sie unterrichten keine Mädchen. Einzig in Salerno soll es eine Schule geben, an der Frauen in Heilkunde unterwiesen werden, aber wie viel sie dort wirklich lernen, weiß ich nicht. Du wirst dich also mit dem bescheiden müssen, was ich dir beibringen kann. Komm, wir sehen mal, wie es Lea geht!«

Auch Lucias Milchschwester war zurzeit krank. Sie schlug sich mit einer bösen Erkältung herum, und Sarah saß besorgt an ihrem Bett. Al Shifa scheuchte Grietgen herum, ihr Kräuter für Umschläge zu stampfen und Tee aus Salbei und Weidenrinde aufzubrühen. Das Mädchen war verärgert darüber und herrschte Lucia an, als sie in die Küche kam, um die Sachen zu holen.

»Was soll das heißen, es müsste längst fertig sein?« Unwirsch füllte Grietgen den Tee in einen kostbaren Krug aus Keramik, der eigentlich schonender behandelt werden sollte. »Spiel dich nicht auf, Herzchen, du bist nicht meine Herrschaft! Als gutes Christenkind solltest du sowieso nicht ständig an den Lippen dieser Hexe hängen! Geh lieber zur Kirche, und bete für deine Freundin. Vielleicht erhört Gott dich ja, auch wenn sie Hebräerin ist!«

Erschrocken zog Lucia sich zurück und dachte nach. Ob es wirklich half, wenn sie zur Kirche ging? Gott konnte Lea sicher schneller gesund machen als alle Kräuter Al Shifas. Der Pfarrer predigte schließlich jeden Sonntag von den Wundern, die Jesus und sein Vater geschehen ließen. Und beten war einfacher als studieren – Lucia hatte Herrn von Speyer sagen hören, man müsse sieben Jahre und mehr lernen, um Medikus zu werden.

Das Mädchen brachte also nur rasch den Tee nach oben und stahl sich dann aus dem Haus. Die Kirche St. Quintin, die älteste Pfarrkirche von Mainz, lag nur wenige Gassen von der Schulstraße entfernt. Jetzt, am Alltag, jagte der Kirchweg Lucia keine Angst ein. Die Kirche jedoch war bedrohlich, und Lucia musste sich überwinden, um einzutreten. Am wirkungsvollsten war das Gebet sicher vorn am Altar, aber sie traute sich nicht, in der ersten Bankreihe Platz zu nehmen. Stattdessen verkroch sie sich in einer Kapelle und betete zu einer Jesusstatue mit offenem, blutigem Herzen. Lucia empfand es als tröstlich, dass der Gottessohn trotzdem ganz gesund aussah. Wenn er mit einer solchen Wunde herumlaufen konnte, schaffte er bestimmt auch eine schnelle Heilung bei Lea.

Lucia formulierte also förmlich ihre Bitte, machte sich dann aber Sorgen, ob Gott sie auch verstand. Die Priester sprachen schließlich immer Lateinisch zu ihm! Nun, das konnte sie auch. Langsam, um nur ja keinen Fehler zu machen, der Gott womöglich so erzürnte wie Davids Grammatikfehler seinen Hebräischlehrer, sprach sie die Worte noch einmal in Latein, dann auf Hebräisch. Das musste Jesus eigentlich gefallen; er war doch der König der Juden gewesen. In der Folge sagte Lucia alle Gebete auf, die sie kannte, sowohl christliche als auch jüdische. Kniend in der kalten Kirche war das harte Arbeit, doch Gott musste sehen, wie ernst es ihr war. Erst als es draußen dunkel wurde und die Kerzen die Kirche in noch gespenstischeres Licht hüllten, bekreuzigte sich Lucia, knickste brav vor dem Allerheiligsten und machte sich auf den Heimweg. Sie war sehr zufrieden. Bestimmt wartete Lea schon auf sie, und alle waren verwundert über ihre schnelle Gesundung.

Tatsächlich aber wartete nur Al Shifa, die ihre Ziehtochter bereits in den unteren Höfen in Empfang nahm. Sie war fast verrückt vor Sorge.

»Das fehlte mir gerade, dass ich mich auch um dich noch ängstigen musste!«, fuhr sie das Mädchen in ungewohnt harschem Ton an. »Lea hat hohes Fieber, ihre Mutter sorgt sich zu Tode, und all meine Mittel wirken nicht richtig. Und du verschwindest, statt mir zur Hand zu gehen! Wo warst du überhaupt? Du siehst ganz verfroren aus und blass!«

Al Shifa zog ihren Liebling ins Haus und versorgte Lucia erst mal mit heißem Tee.

»Nicht, dass du mir auch noch krank wirst. Und nun erzähl! Was hast du angestellt?«

Lucia kam sich ein wenig dumm vor, als sie von ihrem Ausflug zur Kirche erzählte. Zumal er ja nichts gebracht hatte. Im Gegenteil, Lea ging es schlechter, und auch Esras Knie, für dessen Heilung sie pflichtschuldig ebenfalls ein paar Gebete gesprochen hatte, war immer noch geschwollen und steif.

»Vielleicht hilft Gott den Juden wirklich nicht«, meinte sie schließlich resigniert. »Aber gerecht finde ich das nicht.«

Al Shifa wusste offensichtlich nicht, ob sie über die Geschichte lachen oder weinen sollte. Schließlich setzte sie zu einer Erwiderung an, doch Benjamin von Speyer kam ihr zuvor. Der Kaufmann war eben eingetreten und hatte sich im Korridor vor dem Küchentrakt seines Mantels entledigt. Dabei musste er Lucias letzte Worte gehört haben.

»Nun, die Leitung Gottes ist wunderbar. Wenn auch die Wohltaten gegen Israel nicht so augenfällig sind«, zitierte der Kaufmann den großen Rabbiner Eleazar ben Juda.

Lucia sah verstört zu ihm auf, während Al Shifas Anspannung sich in einem nervösen Lachen Luft machte. Von Speyer zwinkerte ihr zu, ehe er sich direkt an Lucia wandte.

»Es ehrt dich sehr, Kind, welche Sorgen du dir um deine Freundin machst, und wie viel Mühe du dir gibst. Aber so funktioniert es nicht mit Gottes Wohltaten. Nicht bei den Juden, nicht bei den Christen und nicht bei den Mauren. Schau, Lucia, der Ewige hat uns den Verstand geschenkt, auf dass wir ihn gebrauchen. Nicht nur zum Nachplappern von Gebeten, sondern zum Forschen und Lernen zur Ehre seines Namens. Irgendwo auf der Welt gibt es ein Heilmittel für fast jede Krankheit, Lucia. Aber die Menschen müssen es selbst finden und dann anwenden im Namen des Ewigen, der es geschaffen hat, so wie er uns geschaffen hat. Wenn wir ihm dann noch im Gebet dafür danken – umso besser. Aber Wunder tut Gott nur in seltenen Ausnahmefällen. Darauf kannst du nicht bauen. Und handeln kannst du erst recht nicht mit ihm. Wie geht es meiner Lea denn nun wirklich, Al Shifa? Sarah weint sich ja die Augen aus, wie ich höre. Sie hat extra ins Kontor nach mir schicken lassen. Ist es wirklich so schlimm?« Der Kaufmann schien das nicht anzunehmen. Wenn Lea tatsächlich lebensbedrohlich erkrankt wäre, hätte Al Shifa an ihrem Bett gesessen, statt hier mit Lucia zu philosophieren.

Al Shifa verneigte sich. »Ich denke, das Fieber wird morgen sinken, Herr. Es schien auch im Laufe des Tages herunterzugehen, stieg gegen Abend aber wieder. Das kommt vor, Herr. Ich denke nicht, dass Leas Leben in Gefahr ist.«

Benjamin von Speyer murmelte ein Gebet, bevor er Al Shifa dankend zunickte.

Lucia hätte gern noch einiges gefragt, doch eben stieg das missmutige Grietgen die Treppe herunter und machte Anstalten, sie mit nach Hause zu nehmen. Die Magd hatte länger bleiben müssen und machte Lucias Ausbleiben dafür verantwortlich.

Auch die Küferin schimpfte, als die Mädchen mit Verspätung eintrafen. Sie hatte ausgehen wollen, aber ihr jüngstes Kind war gerade erst sechs Wochen alt. Das mochte sie denn doch nicht mit Grietgens jüngeren Geschwistern allein lassen. Die Küfers lachten wiehernd, als Lucia sich mit ihrem Kirchenbesuch entschuldigte.

»Gott hört halt nicht auf Hurenkinder!«, rief Eberhard, der Lucia im Alter nahe stand und sich gern und erbarmungslos über sie lustig machte.

»Und auf Judenkinder erst recht nicht!«, höhnte die etwas ältere Gudrun. »Gib’s doch zu, Lucia, du glaubst gar nicht an unseren Herrn Jesus Christus! Du plapperst Gebete nach, aber im Herzen bist du ein Jud!«

Lucia kroch unter ihre Decken. Zu solchen Vorwürfen sagte sie am besten gar nichts – erst recht nicht, seit sie angefangen hatte, auch die Gebete mitzumurmeln, die Al Shifa fünfmal am Tag gewissenhaft sprach. Die Maurin pflegte dazu jede andere Arbeit zu unterbrechen und sich in Richtung Osten zu Boden zu werfen. Letzteres traute Lucia sich nicht; vielleicht lag es ja daran, dass auch Allah ihre Fürbitten bislang stets überhörte. Aber dem Mädchen gefielen die Worte, die Al Shifa dabei murmelte. Der Singsang klang tröstlich und auch irgendwie geheimnisvoll.

Am nächsten Morgen ging es Lea immer noch nicht gut, aber das Fieber war tatsächlich gesunken. Lucia durfte ein paar Stunden mit der Freundin spielen und ihr vorlesen, aber Schule hielt Al Shifa noch nicht wieder mit den Mädchen. Außerdem langweilte sich Lucia um die Mittagszeit, als Lea erschöpft schlief. Ein bisschen missmutig folgte sie Al Shifa ins Bücherkabinett. Die reichhaltige Büchersammlung Benjamin von Speyers füllte ein ganzes Zimmer und bildete das Allerheiligste seines Hauses. Grietgen ließ er hier nicht herein, das regelmäßige Abstauben der Folianten übernahmen Sarah oder Al Shifa selbst. Viel Arbeit machte das Zimmer dabei nicht. Im Gegensatz zu den sonstigen Wohnräumen, die Sarah mit zum Teil reich verzierten, filigranen Möbelstücken aus dem Orient bestückt hatte, bestand die Einrichtung nur aus einem Lesepult, einem schmucklosen Eichentisch und einem Stuhl. Auf dem Tisch lagen Schreibmaterialien. Benjamin pflegte hier auch seine private Korrespondenz zu erledigen. Für die geschäftliche besaß er ein Kontor bei seinen Lagerhäusern am Rhein, nahe der Anlegestelle. Von Speyer versuchte, seine Arbeit und sein Familienleben strikt getrennt zu halten. Den Abend, und erst recht den Sabbat, widmete er Frau und Kindern – sowie seiner großen, unschätzbar wertvollen Büchersammlung. Das Bücherkabinett war seine ganze Freude, und er wollte nicht gestört werden, wenn er sich für ein paar Stunden hierhin zurückzog. Lediglich Esra, sein ältester Sohn, wurde mitunter zugelassen, auch wenn er sich nicht wirklich für die Bücher interessierte.

Lucia und Lea betraten den Raum nur selten, meist im Schlepptau von Sarah oder Al Shifa, die genau aufpassten, dass die Mädchen ja nichts anfassten. Lea hatte dazu auch keine Lust. Anstelle der Bücher schaute sie sich lieber die hübschen Tonfliesen mit aufgemalten Figuren an, mit denen der Fußboden des Raums ausgelegt war. Lucia dagegen war neugierig. Voller Ehrfurcht betrachtete sie die Folianten und Pergamentrollen, die sich in den Regalen häuften. Sie nahmen die gesamten Wände des großen, hellen Raumes ein. Nur im Bereich der mit feinstem Pergament bespannten Fensteröffnungen wurden keine aufbewahrt. Speyer fürchtete wohl, dass hier Feuchtigkeit oder Sonnenstrahlen eindringen könnten, die seine Schätze verdarben.

Lucia strich bewundernd an den Regalen entlang und versuchte, die Titel der Bücher und Codices zu lesen. Leicht fiel ihr das nicht, waren die Werke doch in den verschiedensten Sprachen abgefasst. Lucia entzifferte Latein und ein wenig Griechisch. Die hebräischen Schriftzeichen erkannte sie, vermochte sie aber nicht zu deuten: Der Hebräischlehrer der Jungen pflegte Lucia aus dem Zimmer zu scheuchen, wenn sie dem Unterricht lauschen wollte. Wieder so eine Sache, die nur Jungen vorbehalten war!

»Latein, Griechisch, Hebräisch …« Lucia sang die Sprachen vor sich hin, die sie erkannte. Aber dann stockte sie und blickte mit gerunzelter Stirn auf mehrere Schriften, die mit ganz andersartigen Zeichen beschrieben waren. Auch das Material war seltsam; es schien kein Pergament zu sein wie bei den meisten anderen Büchern. Lucia griff vorsichtig danach und tastete über die raue Oberfläche der zusammengehefteten Blattsammlung. Als Al Shifa hinter ihr erschien, zog sie erschrocken die Hand zurück.

»Ich … ich wollte nicht …«

Al Shifa lächelte und zog den Kodex aus dem Regal. Vorsichtig legte sie ihn in Lucias Augenhöhe auf den Tisch.

»Schau es dir nur an, Tochter. Du hast nichts zu befürchten, es gehört mir.«

»Dir?« Lucia war verblüfft. Al Shifa war eine Sklavin. Außer der Kleidung, die sie trug, durfte sie eigentlich gar nichts besitzen.

Die Maurin verstand. »Sagen wir, die Schriften kamen mit mir«, erklärte sie. »Ansonsten gehören sie natürlich dem Herrn. Aber er kann nicht viel damit anfangen. Zwar spricht er ein paar Worte meiner Sprache, aber lesen kann er sie nicht.«

»Dann ist es deine Sprache?«, erkundigte sich Lucia. Sie hatte die Zeichen fast für Blütenranken gehalten. Auf einigen der maurischen Einrichtungsgegenstände, mit denen Sarah ihr Haus schmückte, meinte sie, Ähnliches gesehen zu haben. Die Bücher mochten Musterzeichnungen enthalten.

Al Shifa nickte. »Ja. Das ist arabische Schrift. Und dies ist ein sehr nützliches Buch. Es heißt ›Qanun al-Tibb‹, Kanon der Medizin, und stammt von Ali al-Husain ibn Sina, dem größten Arzt, der je gelebt hat …«

Lucia betrachtete das Werk voll Ehrfurcht. »Da steht alles drin?«, fragte sie flüsternd. »Alles, um alle Krankheiten zu heilen?«

Al Shifa lächelte. »Nicht alle Krankheiten. Das hat dir der Herr doch gestern schon erklärt. Aber Allah hat Ibn Sina in seiner Güte so manches Heilmittel offenbart, und er hat es niedergeschrieben. Es gibt auch noch einfachere Bücher …« Sie suchte zwischen den Codices auf den höheren Regalen und förderte eine weitere Heftung von Blättern zutage.

»Hier: ›Handbuch für alle, die keinen Arzt in der Nähe haben‹. Von dem großen Gelehrten Ar-Rasi. Darin ist ganz einfach geschildert, was man tun kann, wenn jemand Fieber hat wie Lea oder eine kleine Verletzung wie Esra.«

Lucia hoffte auf bekannte Schriftzeichen, aber leider war auch das Handbuch in arabischer Sprache verfasst. Das Mädchen fasste einen Entschluss.

»Bringst du mir bei, das zu lesen?«, fragte sie gespannt. »Oder dürfen Mädchen das wieder nicht?«

Al Shifa lachte. »Ich kann es doch auch lesen, Tochter. Und es wurde mir von einer anderen Frau geschenkt. Wenn es nun auf dich übergehen könnte, würde ich mich geehrt fühlen.«

Sie verbeugte sich leicht vor ihrer Ziehtochter. Lucia errötete. Und sie wurde sich gleich über die Konsequenzen dieses Erbes klar: Al Shifa konnte ihr die Schriften nicht wirklich vererben oder gar schenken. Sie waren Eigentum der von Speyers. Wenn Al Shifa daran Anteil haben wollte, musste sie den Inhalt auswendig lernen. Aber erst kam das Studium der Schrift.

»Können wir gleich anfangen?«, fragte Lucia.

4

Benjamin von Speyer gab Al Shifa gern die Erlaubnis, die Kodizes mit Lucia zu studieren.

»Es kann auch Lea nur gut tun, ein wenig darüber zu lernen, wie man Krankheiten bekämpft. Aber seid vorsichtig! Schon wir Hebräer gelten dem Volk und der Kirche als verdächtig. Es ist mir gar nicht recht, dass Lucia so viel von unserer Sprache aufschnappt. Eines Tages könnte sie im falschen Moment damit herausplatzen und den Christen als Ketzerin erscheinen. Umso schlimmer, wenn man dann auch noch maurische Schriften bei ihr findet. Also beschränkt euch auf dieses Haus, am besten auf das Bücherkabinett und vielleicht noch deine Kammer, Al Shifa. Wir dürfen nicht unvorsichtig werden. Wenn die Jungen Arabisch lernen, so ist das Teil ihrer Ausbildung zum Fernhandelskaufmann. Aber Lucia ist keine von uns!«

Das wusste Lucia nur zu gut. Je älter sie wurde, desto bösartiger fielen die Sticheleien der Küferkinder und ihrer Nachbarn aus. Das »Hurenkind« geriet dabei fast ein bisschen in Vergessenheit; lieber neckte man sie jetzt mit ihrer Beziehung zu den Juden.

Der neueste Ausdruck, den Eberhard für sie erfunden hatte, war »Judenliebchen«. Lucia hatte einmal den Fehler gemacht, gemeinsam mit David aus dem Haus der Speyers zu treten und sich dabei angeregt mit ihm zu unterhalten. Das war an sich eine Ausnahme – eigentlich verhielten David und Esra sich zu Lea und Lucia wie Hund und Katze. Die Jungen nahmen ihren kleinen »Schwestern« übel, dass die Mutter sie verwöhnte. Lea und Lucia durften schließlich oft spielen, während ihr eigener Tag mit dem Studium bis zum Bersten ausgefüllt war. Ein jüdischer Junge, der später zur Kaufmannschaft gehören wollte, musste ein enormes Pensum an Wissen bewältigen. Viel Freizeit blieb David und Esra da nicht. An diesem Tag hatten David und Lucia aber kurzzeitig Frieden geschlossen. Die Jungen studierten seit einigen Wochen die arabische Sprache, und David erhoffte sich von Lucia Hilfe bei einer Hausaufgabe. Lea bestand allerdings darauf, dass sie diese Hilfe nicht kostenlos gab. Die Kaufmannstochter war ziemlich geschäftstüchtig und hatte längst Regeln aufgestellt, welche Nachhilfe mit wie viel Zuckerzeug vergütet wurde. David und Lucia waren nun auf dem Weg zum Flachsmarkt, und als Lucia dort größere Mengen Honigkuchen und Zuckerstangen von David in Empfang nahm, war für Eberhard die Sache klar: Lucia hatte was mit diesem »Judenbengel«.

Die anderen Kinder griffen das »Judenliebchen« genauso bereitwillig auf wie damals das »Hurenkind«, aber diesmal bekam das Mädchen auch einen ersten Eindruck davon, wie gefährlich die Sache werden konnte. Der Pfarrer von St. Quintin bestellte sie am Freitag nach der Vesper ein, um ihm Rede und Antwort zu stehen. Eberhard überbrachte die Nachricht feixend am Hintereingang des Hauses Speyer. Er erhoffte sich wohl eine Belohnung, aber die Köchin warf ihn hinaus.

Al Shifa war äußerst besorgt, als die Vorladung sie erreichte.

»Sei vorsichtig, was du sagst, Tochter!«, wies sie Lucia an. »Am besten erzählst du so wenig wie möglich – diese Pfaffen drehen dir das Wort im Munde um!« Al Shifas Stimme klang bitter, als habe sie Erfahrung mit solchen Verhören. »Hast du wirklich keine Vorstellung davon, worum es geht?«

Lucia, die sich schon den ganzen Tag müde und schwindelig fühlte, schüttelte den Kopf. Sie dachte gar nicht an die dummen Sprüche der Küferkinder – die musste sie sich schließlich schon ihr Leben lang anhören. Umso überraschender kamen die Vorwürfe des Priesters.

»Ein Mägdelein, dazu noch ein so junges, das mit einem Juden herumzieht!«, mahnte er sie gleich, nachdem er sie – offensichtlich zum ersten Mal – gründlich gemustert hatte. Ihr offener Blick und ihre ordentliche Kleidung schienen sie ihm nicht sympathischer zu machen. »Sag mir, Tochter, was ist wahr an den Geschichten, die man über dich erzählt? Liegst du dem Jungen bei? Verführt er dich zu unzüchtigen Gedanken und Handlungen?«

Lucia wusste nicht, was sie darauf antworten sollte. Unzüchtige Gedanken und Handlungen wurden im Hause der Speyers nie erwähnt; sie wusste nur ungefähr, was überhaupt darunter verstanden wurde. Natürlich sprach man mitunter schon von einer Verheiratung Leas, aber vor dem sechzehnten Lebensjahr wurden die jüdischen Mädchen der Gemeinde selten vermählt. Was mit Lucia selbst geschehen sollte, war überhaupt noch nicht erörtert worden, und das Mädchen dachte auch nicht darüber nach. Bislang blutete sie nicht einmal in jedem Monat wie Lea. Bei der hatte die Menstruation vor zwei Monaten eingesetzt, worum Lucia sie glühend beneidete.

Schließlich half sich das Mädchen mit einem Gemeinplatz.

»Ich bin Christin, Herr. Und ein Jude darf keine Christin zur Frau nehmen. Seine Familie stößt ihn sonst aus, wisst Ihr. David würde nie …«

»Mit den Bräuchen der Hebräer scheinst du ja gut vertraut zu sein!«, meinte der Pfarrer, ein rotgesichtiger kleiner Mann, dessen Kutte zu eng um seine rundlichen Körperformen saß. Wie die meisten seiner Gemeindemitglieder schien er nicht reich zu sein, und er betrachtete Lucias Kleid aus feinem Tuch und den Spitzeneinsatz am Ausschnitt voller Argwohn. Andererseits schien er Gefallen an ihrem zarten weißen Gesicht und dem züchtig zu Zöpfen geflochtenen honigfarbenen Haar zu finden. »Und du gehst in ihren Häusern ein und aus! Weißt du, dass dies in anderen Christenlanden verboten ist? Der Erzbischof von Mainz ist sehr gütig zu seinen Juden, manchmal vielleicht schon zu nachlässig …«

Lucia wusste wieder nicht, was sie antworten sollte. Tatsächlich wusste sie von solchen Verboten, was Kontakte zwischen Juden und Christen betraf. In Kastilien zum Beispiel waren die Bräuche sehr streng; ein Freund der von Speyers, der dort oft geschäftlich zu tun hatte, berichtete immer wieder davon. Aber davon erzählte Lucia dem Priester besser nichts.

»Im Haus der von Speyers gibt es Juden, Christen und …« Lucia stockte. Auf keinen Fall durfte sie dem Mann auch noch von ihren Beziehungen zu einer Muselmanin erzählen! »Juden und Christen«, verbesserte sie sich rasch. »Ich gehe mit meiner Ziehschwester Grietgen hin, die dort als Magd arbeitet. Die Speyers sind sehr gütig zu mir; das betrachten sie als …« Beinahe hätte sie »Christenpflicht« gesagt! Damit pflegte die Küferin zu erklären, warum sie das Findelkind Lucia aufgenommen hatte. Aber bezogen auf Benjamin von Speyer wäre es wohl anstößig gewesen. »Als Gott wohlgefällig, ein Waisenkind zu nähren und zu kleiden.«

Sie senkte schüchtern die Augen. »Waisenkind« oder »Findelkind«? Hoffentlich hatte der Priester nicht »Hurenkind« hören wollen …

»Und es womöglich zum Abfall von seinem Gott zu bewegen!«, erregte sich der Pfarrer. Lucias Herkunft war ihm offensichtlich egal. »Also gut, Lucia. Zweifellos wäre es das Beste, dir den Aufenthalt bei den Hebräern zu untersagen. Aber die Küferin hat vierzehn Bälger zu ernähren, da ist es ihr recht, wenn die Juden eins der Mäuler stopfen! Aber das darf deine unsterbliche Seele nicht gefährden. Von jetzt an kommst du jeden Freitag nach der Vesper zu mir, und ich werde dich in unserem Glauben unterweisen. Ich werde dich auch prüfen, Lucia, und jede Sünde unnachgiebig strafen!« Dabei fuhr er dem Mädchen über die Wange, eine Geste, die väterlich wirken sollte, Lucia aber unangenehm berührte und eine unbestimmte Angst in ihr weckte. Sie fühlte sich auch nach wie vor nicht wohl und litt unter heftigen Leibschmerzen, als sie ins Haus der Speyers zurückkam.

Auf das Angebot des Pfarrers hin hatte sie nur nicken können. Und Al Shifas Gesichtsausdruck bei ihrem Bericht trug auch nicht dazu bei, dass sie sich sicherer fühlte.

»Unterweisen will er dich?«, fragte die Maurin spöttisch. »Oh, ich kann mir gut denken, in welcher Kunst! Wir hätten einen weiten Kittel für dich wählen sollen, Kind, kein Kleid wie dieses. Wer hat euch bloß erlaubt, den Ausschnitt so tief zu legen? Kaum lässt man euch Mädels selbst schneidern, da werdet ihr schamlos! Die Herrin hat Lea auch schon zusammengestaucht. Aber gut, es hätte dir wahrscheinlich auch nicht geholfen, wärest du in Sack und Asche vor diesen Herrn getreten. Dein Haar und deine Augen genügen, um ihn zu reizen. Es hat schon etwas für sich, dass wir Frauen in meinem Land angehalten werden, uns zu verschleiern!«

»Aber warum denn?«, fragte Lucia unsicher und versuchte, eine Haltung zu finden, in der ihr Leib nicht schmerzte. Außerdem zupfte sie am Ausschnitt ihres Kleides herum, eines eng anliegenden, ziemlich weit ausgeschnittenen Gewandes nach neuester Mode. Lea hatte Abbildungen dieser Kleider gesehen, und die Mädchen hatten sie nachgeschneidert. »Er wird den Katechismus abfragen, und den kann ich doch.«

Plötzlich wurde Lucia schwarz vor Augen. Sie tastete nach einem Halt, fühlte sich von Al Shifa umfangen – und ließ sich in ihre Umarmung fallen. Als sie wieder wach wurde, lag sie auf einem Diwan in Sarahs privaten Räumen. Sarah schätzte dieses orientalische Möbel sehr, und die Mädchen waren sonst angehalten, es schonend zu behandeln und nicht darauf herumzutollen. Jetzt aber hatte man Lucia darauf niedergelegt und ihr Kleid sowie das eng geschnürte Hemd darunter gelöst.

Lucia setze sich unsicher auf. Al Shifa bot ihr einen Tee an.

»Mach dir keine Sorgen, Liebes, du bist nicht krank!«, nahm sie ihre Frage vorweg. »Du hast dir nur den ungünstigsten Moment ausgesucht, zur Frau zu reifen. Es ist beinahe so, als hätte dieser Pfaffe dich verhext!«

Von nun an blutete auch Lucia jeden Monat und fühlte sich sehr wichtig in ihrem neuen Status als junge Frau. Gemeinsam mit Lea registrierte sie jede Veränderung ihrer Körper und freute sich, als ihre Brüste zu schwellen begannen und ihre Hüften sich rundeten. Al Shifa schien das jedoch eher mit Sorge zu betrachten. Besonders am Freitag, bevor sie Lucia zum »Beten« schickte, wies sie das Mädchen an, Leinenbinden um ihre Brust zu winden, um den Busen zu verstecken. Sie gab ihr weite Kleider und große Hauben, die ihr Gesicht fast so versteckten wie ein Nonnenschleier.

Dabei trat ihr der Pfarrer nur selten zu nahe. Meist fragte er nur den Katechismus ab und las Lucia aus der Bibel vor. Anscheinend war er der Ansicht, das Mädchen könne das nicht selbst. Natürlich rückte er ihr dabei manchmal so nahe, dass sein Bein unter der Kutte das ihre unter dem weiten Rock streifte, und oft war auch sein Atem an ihrer Wange fühlbar. Lucia hasste besonders Letzteres, da die Zähne des Priesters verfault waren und bestialisch stanken. Da war es ihr schon lieber, wenn er zum Abschied über ihre Wange oder ihre Schulter strich oder ein unsichtbares Kreuz auf ihre Stirn malte. Mehr kam jedoch nicht vor – und auch, wenn Lucia diese Annäherungen verhasst waren: Manchmal ließen sie ein seltsam sehnendes Gefühl in ihr erwachen. Mit einem Mann, den man gern hatte und dazu einlud, mochten »unzüchtige Handlungen« gar nicht so unangenehm sein.

Verstohlen sprach sie mit Lea darüber, die wissend nickte.

»Oh ja, es soll wundervoll sein, wenn ein Mann einem in Liebe beiwohnt. Das sagt zumindest meine Mutter. Und es gibt auch Gedichte in der Bibel. ›Siehe, meine Freundin, du bist schön …‹ Das Hohelied Salomons! Wenn das mal ein Mann zu mir sagen würde!«

Lea warf ihr Haar zurück und blickte sehnsuchtsvoll. Sie wusste, dass die Speyers seit einiger Zeit nach einem Gatten für sie Ausschau hielten. In der Synagoge spähte Lea oft von der Empore der Frauen hinunter zu den Männern und versuchte, sich den schönsten der heiratsfähigen Jungen auszuwählen. Sie hatte zwar nur ein geringes Mitspracherecht bei der Wahl ihres Gatten, aber wenn sie einen Jungen fand, den sie mochte und der obendrein reich und klug war, würden ihre Eltern sich nicht sträuben, auch mit seiner Familie Verbindung aufzunehmen.

Lucias Gedankengänge waren noch nicht so konkret. Die christlichen jungen Männer, die sie kannte, stießen sie allesamt ab. Dabei hatten Eberhard und seine Kumpane jetzt aufgehört, sie zu necken. Stattdessen begannen sie, das hübsche Mädchen zu umgarnen, sprachen davon, ihr Küsse zu rauben, und folgten ihr mit lüsternen Blicken.

Eines Tages beobachtete Al Shifa dieses Treiben und erregte sich fast so darüber wie über die »Privatstunden« beim Pfarrer.

»Geh niemals im Dunkeln aus dem Haus, Lucia! Gesell dich den Frauen zu, wenn du zur Kirche und zurück gehst. Ich werde den Herrn auch bitten, dir den Knecht mitzugeben, wenn du abends mit Grietgen nach Hause gehst. Deine Jungfräulichkeit ist dein höchstes Gut, Lucia. Achte darauf, sie nicht zu vergeuden!«

Tatsächlich wandte die Maurin sich gleich am Abend an ihren Herrn, doch Benjamin von Speyer winkte ab.

»Nun übertreib es mal nicht, Al Shifa«, mahnte der Kaufmann. »Wir sind nicht in Al Andalus, und es geht um keinen Brautpreis. Unter den Christen sind die Sitten lockerer, erst recht bei Familien wie der Küferin. Dem Grietgen würd’s nicht schmecken, wenn du sie unter die Aufsicht vom Hans stellst. Oder hast du nicht gesehen, dass neuerdings ein Galan auf sie wartet, wenn sie nur um die Ecke geht?«

Al Shifa mochte das nicht bemerkt haben, aber Lucia war es selbstverständlich nicht entgangen. Sie wusste jetzt auch ziemlich genau, was unter »unzüchtigen Handlungen« zu verstehen war, und es machte ihr Angst, wenn Grietgen in den Armen des Jungen quietschte und stöhnte, sobald er unter ihre Röcke griff. Meist überließ sie die zwei dann sich selbst und rannte allein zur Bude der Küferin. Die Begleitung des Knechtes wäre ihr dabei nicht unlieb gewesen.

»Lucia ist nicht so!«, beharrte Al Shifa und fixierte ihren Herrn mit beinahe bösem Blick.

Von Speyer jedoch ließ sich nicht erweichen. »Lucia muss sich klar werden, welchem Stand sie angehört«, erklärte er kühl. »Ich mache mir da langsam Sorgen, Al Shifa. Sie wird erwachsen. Und so sehr es dir und Sarah auch gefallen hat, das Kind zu hätscheln wie einen Schoßhund: Sie ist nicht unseresgleichen, und deinesgleichen erst recht nicht! Auf die Dauer muss sie aus dem Haus und sich behaupten. Du tust ihr keinen Gefallen, wenn du ihr jetzt eine Leibwache stellst.«

Al Shifa wollte erneut auffahren, senkte dann aber demütig den Kopf. »Ihr habt recht, Herr«, sagte sie widerwillig. »Aber es kann nicht richtig sein, wenn ein Kerl sie in eine Ecke hinter der Schenke drängt und missbraucht. Sie ist erst vierzehn, Herr! Und auch brave Christenmädchen gehen als Jungfrauen in die Ehe.«

»Dann finde doch einen Mann für sie!«, meinte Benjamin von Speyer brüsk und ließ die Maurin stehen. Ganz offensichtlich wollte er sich mit Lucias Angelegenheiten nicht weiter befassen.

Al Shifa sah ihm verständnislos nach. Seine Härte überraschte sie. Bislang hatte sie stets angenommen, dass auch von Speyer Lucia mochte und sich an ihrem aufgeweckten Wesen freute.

Lucia selbst dagegen ahnte, warum ihr Pflegevater ihr neuerdings abweisend gegenüberstand. Erkannte sie in den letzten Wochen doch das lüsterne Glimmen im Blick der Straßenjungs in den Augen eines Knaben wieder, bei dem sie es am wenigsten erwartet hätte: David von Speyer betrachtete sie wohlgefällig – gut möglich, dass dies seinen Vater erzürnte. Benjamin von Speyer hätte es gern gesehen, wenn Lucia einen christlichen Galan gefunden hätte, wie Grietgen Küfer. Dazu aber konnte Lucia sich nicht überwinden. Nach wie vor gefiel ihr keiner der Jungen, die sie auf dem Weg zur Kirche ansprachen und neckten.

Als sie am Abend mit Grietgen nach Hause ging, folgte ihnen David von Speyer. Der Junge hatte die Unterhaltung zwischen seinem Vater und Al Shifa gehört und war nun fest entschlossen, Lucia selbst den Geleitschutz zu geben, den sein Vater ihr verwehrt hatte. David selbst besaß noch keine Waffe, auch wenn er sich ein wenig im Schwertkampf übte. Den Juden war der Besitz eines Schwertes nicht untersagt; aber es wurde nicht gern gesehen, wenn sie es in der Öffentlichkeit trugen. Schließlich standen sie unter dem Schutz des Bischofs, und es wurde als Undankbarkeit ausgelegt, wenn sie trotzdem meinten, sich verteidigen zu müssen. Die reichen Kaufleute ließen ihre Söhne allerdings durchweg im Gebrauch der Waffe unterrichten. Auf ihren Reisen durften sie nicht hilflos sein.

Doch David musste jetzt all seinen Mut zusammennehmen, um das Schwert seines Vaters aus dessen Kontor zu holen. Von Speyer selbst trug es fast nie, hielt es aber stets parat.

David schloss die Hand um den Griff und ließ die Waffe nicht los, während er hinter Grietgen und Lucia her schlich. Missbilligend beobachtete er, wie die kleine Magd mit ihrem Liebhaber in einem Hinterhof verschwand, und behielt Lucia anschließend im Auge, bis die Tür der Küferin sich hinter ihr schloss. Dabei hegte er grimmige Gedanken. Egal, was sein Vater dachte und sagte, Lucia durfte nichts geschehen. Niemand sollte sie berühren!

Niemand außer ihm.

5

Lucia hatte David von Speyer nie mehr als brüderliche Gefühle entgegengebracht. Eigentlich nicht einmal die, denn der Altersunterschied zwischen Lea und ihren Brüdern war zu groß, als dass sie wirklich miteinander hätten aufwachsen können. Außerdem waren die Jungen praktisch den ganzen Tag mit ihrem Studium beschäftigt. Natürlich sah sie David und Esra bei den gemeinsamen Mahlzeiten oder bei Festen, aber auch da tanzten, sangen und plauderten Männer und Frauen meist getrennt, und die Jungen fühlten sich schon zu erwachsen, um mit den Kindern zu spielen. Erst jetzt, da sie Davids forschende Blicke bemerkte, sah Lucia auch ihrerseits genauer hin, bemerkte Davids Ausdruck und betrachtete seine Gestalt. Dabei gefiel ihr der Junge durchaus. David war hochgewachsen und sehnig wie sein Vater, und er besaß auch dessen klaren Gesichtsschnitt. Allerdings hatte das Leben noch keine Falten in Davids Antlitz geschnitten, und die Strenge und der Ernst in den Zügen der meisten jüdischen Männer ging ihm bislang ab. Stattdessen zeigte Davids Gesicht noch einen Hauch von kindlicher Weichheit, die fast rührend wirkte, wenn der Junge Zerknirschung heuchelte, um nach irgendeinem Streich der Bestrafung zu entgehen. Sein Haar war flachsblond wie Sarahs, und sie hatte ihm auch ihre Augenfarbe vererbt: David blickte aus dunkelbraunen, klugen Augen in die Welt. Sein Blick war forschend, aber genau wie sein Bruder und Lea zeigte er wenig wissenschaftliche Neugier. Die Kinder der Speyers studierten pflichtschuldigst, doch ohne große Begeisterung. Den Jungen ging es nur um das Rüstzeug für spätere Geschäftsreisen, denen sie jetzt schon voller Spannung entgegensahen. Lea lernte gerade so viel, um ihrem späteren Ehegatten eine kluge und weltgewandte Gesprächspartnerin zu sein und ihren Töchtern eine angemessene Erziehung angedeihen zu lassen. Alle drei Speyer-Kinder verstanden sich denn auch besser aufs Rechnen als auf Grammatik, Philosophie und Sprachen. Lucia hatte sich oft Zuckerzeug verdient, indem sie die Hausaufgaben der Jungs in diesen Fächern gewissermaßen nebenbei erledigte. In letzter Zeit fragte David sie aber nicht mehr danach. Er war wohl zu stolz, um Schwächen einzugestehen.

Auch das Studium der Medizin, selbst wenn es nur um Hausmittel ging, interessierte Lea wenig. Je älter sie wurde, desto häufiger fand sie Gründe, Al Shifas Unterrichtsstunden zu schwänzen. Lieber ließ sie sich von ihrer Mutter im Nähen und Sticken unterweisen und begleitete Sarah bei allen Verrichtungen, die zur Führung eines großen Haushalts erforderlich waren. Sarah sah es mit Wohlwollen, bestand aber darauf, dass Lea weiterhin Hebräisch lernte und die wichtigsten medizinischen Ratgeber studierte.

»Du wirst später keine Al Shifa um dich haben, wenn deine Kinder krank sind!«, mahnte sie. »Und die Bücher selbst kannst du nicht lesen. Der ›Kanon der Medizin‹ soll ja jetzt ins Lateinische übersetzt sein. Benjamin sucht nach einer Ausgabe für deinen späteren Haushalt. Aber auch dann wärest du auf deinen Gatten angewiesen. Es ist besser, du lernst die wichtigsten Dinge selbst.«

Also hockte Lea mürrisch auf dem Diwan im Zimmer ihrer Mutter, während Lucia aus Ar-Rasis »Handbuch« vorlas und dabei gleich übersetzte.

»Als Abführmittel eignen sich Sennesblätter, Tamarinden, Cassia, Aloe und Rhabarber«, fasste sie einen längeren Abschnitt des Werkes zusammen. »Und wir sind gehalten, das Quellwasser vor dem Kochen getrockneter Bohnen abzuschütten, damit das Gericht weniger Blähungen hervorrufe.«

»Wer hat es dir eigentlich geschenkt?«, fragte Lea unvermittelt und blickte Al Shifa fragend an. Die Langeweile war ihr seit Stunden anzumerken, und nun war ihr wohl endlich eine Idee gekommen, wie sie die Maurin zum Themenwechsel anregen konnte. »Das Buch, meine ich. Und all die anderen Bücher über Medizin. Lucia sagt, du hast sie von einer Frau.« Die Mädchen versuchten immer wieder, die Maurin über ihr früheres Leben auszuhorchen, nur war die Strategie selten erfolgreich. Al Shifa pflegte höflich zu antworten, behielt ihre Geschichte aber im Wesentlichen für sich. Auch heute versuchte sie wieder, mit einer knappen Antwort davonzukommen.

»Die Mutter eines Fürsten. Ich lebte eine Zeitlang in ihrem Harem.«

»In ihrem Harem?«, quietschte Lea. »Aber Frauen haben doch keinen Harem! Gehören Haremsdamen denn nicht alle dem Sultan?«

Al Shifa schüttelte den Kopf, und die Mädchen triumphierten: Diese Bewegung leitete stets ausführlichere Erklärungen ein. »Der Harem bezeichnet die Frauengemächer in einem maurischen, arabischen oder persischen Haushalt. Das kann ein Palast sein; dann sind diese Gemächer groß und weitläufig. Aber es können auch nur ein oder zwei Zimmer in einem großen Haus sein, oder ein Zelt bei den Beduinen. Darin leben alle Frauen einer Familie. Also die Ehefrauen und Konkubinen des Hausherrn, aber auch seine Schwestern, seine Töchter – und häufig seine Mutter. Die ist dann die Herrscherin des Harems. Man kann ihn durchaus den ihren nennen.«

»Aber wohnt sie denn nicht bei ihrem Mann?«, erkundigte sich Lea. »Sie müsste doch beim Vater des Hausherrn leben.«

Al Shifa zuckte die Schultern. »Natürlich, solange der lebt. Aber mitunter wird sie Witwe und zieht zu ihrem Sohn. Und sehr oft teilen sich ein Vater und seine Söhne auch einen einzigen Harem. Nur Fürsten können sich leisten, schon den ersten Frauen des fünfzehnjährigen Sohnes eigene Gemächer einzurichten.«

»Und du warst die Frau des Fürsten?«, fragte Lucia bewundernd. Sie konnte sich das gut vorstellen. Al Shifa war so schön und klug! Aber wie hatte es sie dann nach Mainz verschlagen? Das Mädchen schob ihr Buch unauffällig von sich. Das hier war interessanter als die Weisheiten Ar-Rasis!

Al Shifa schüttelte den Kopf. »Aber nein, Kleines, was denkst du«, meinte sie stattdessen. Sie schien ihren gesprächigen Tag zu haben. Oder befand sie ihre Zöglinge endlich für reif genug, ihre Geschichte zu verstehen? Auf jeden Fall machte sie keine Anstalten, Lucia zur Wiederaufnahme der Arbeit zu ermahnen. »Ich lebte im Harem des Emirs von Granada, aber den Herrn habe ich nur einmal gesehen.«

»Dann warst du nur Dienerin?«, fragte Lucia enttäuscht. Sie hatte sich Al Shifas früheres Leben immer sehr schillernd vorgestellt. Und nun war sie bloß eine Haussklavin gewesen?

»Auch das nicht«, erklärte Al Shifa. »Ich gehörte zum Haushalt des Herrn, ich war ihm geschenkt worden.«

Die Mädchen lauschten mit gespitzten Ohren und weit aufgerissenen Augen. Es gab nur wenige Sklaven in den Judenhäusern von Mainz – schon deshalb, weil es den Juden verboten war, christliche Unfreie zu besitzen. Aber auch in den reichen Adelsfamilien war es in deutschen Landen nicht üblich, Diener zu verschenken wie ein Schmuckstück oder ein edles Pferd. Meist waren die Unfreien an die Scholle ihrer Dörfer gebunden und verließen sie höchstens im Gefolge eines Herrn oder einer Herrin, dem oder der sie sich unentbehrlich gemacht hatten.

»Nun schaut nicht so, das ist so üblich in meinem Land!«, meinte Al Shifa mit einem Lächeln zwischen Bitterkeit und Wehmut. »Ich war von Kindheit an Sklavin … zumindest solange ich denken kann. Geboren wurde ich in Freiheit, als Tochter eines Fischers. Aber dann brachen christliche Söldner in unser Dorf ein. Man nennt das Cabalgada, einen kleinen Überfall. Meine Eltern kamen dabei ums Leben. Was mit meinen Geschwistern geschah, weiß ich nicht. Ich selbst entging dem Tod und der Schändung, weil ich ein schönes Kind war und eine außergewöhnliche Stimme besaß. Man erzählte mir später, ich hätte neben all den Leichen gesessen und gesungen. So als wollte ich sie ins Leben zurückzaubern. Die Söldner fürchteten daraufhin, mich anzurühren. Ihr Hauptmann jedoch sah die Möglichkeit, ein gutes Geschäft zu machen. Er nahm mich mit und verkaufte mich an einen jüdischen Kaufmann, der auch hinter der maurischen Seite der Grenze Handel trieb. So kam ich in eine Schule, an der Haremssklavinnen ausgebildet wurden. Die Herrin Farah, die diese Schule leitete, war selbst Sklavin gewesen, hatte sich aber freikaufen können, nachdem ihr Herr gestorben war. Nun bestritt sie ihren Lebensunterhalt, indem sie schöne kleine Mädchen billig kaufte und ihnen eine Erziehung angedeihen ließ, wie sie sonst nur Prinzessinnen erhalten. Wir lernten musizieren, singen und tanzen; wir lasen die Schriften der Römer und Griechen, und natürlich auch die großen Dichtungen und philosophischen Abhandlungen der arabischen Weisen. Das Ziel dieser Ausbildung war, eine Frau hervorzubringen, die nicht nur sehr schön ist, sondern ihren Herrn auch in jeder anderen Hinsicht aufs Trefflichste zu unterhalten versteht …«

»Und die Liebe?«, fragte Lea vorwitzig. »Ist es wahr, dass man arabische Mädchen auch in den Künsten der Liebe unterrichtet?«

Lucia wurde rot. Al Shifa jedoch antwortete unbeeindruckt: »Der geschlechtlichen Liebe. Ja, auch hier lernten wir, unsere späteren Herren zu überraschen und zu entzücken. Vor der wahren, wirklichen Liebe aber pflegte Farah uns zu warnen! Diese Liebe ist ein romantischer Traum, und wenn man ihm blindlings folgt, birgt er unendliche Gefahren. Natürlich glaubten wir das nicht. Schließlich lasen wir ein Liebesgedicht nach dem anderen, berührten gegenseitig unsere Körper …«

»Aber das ist Gott nicht wohlgefällig!«, rügte Lea.

Al Shifa nickte. »Wir haben es nicht um der Lust willen getan, sondern um uns auf jenen Tag vorzubereiten, an dem wir unserem Herrn zu Willen sein sollten. Wir dürften dann nicht ängstlich und unerfahren scheinen – eine scheue Jungfrau erfreut ihren Herrn nur wenige Stunden, dann beginnt sie ihn zu langweilen. Jedenfalls, wir lernten die Lust kennen! Wir begannen über die Männer nachzudenken, die wir verstohlen von unseren vergitterten Fenstern aus über die Straßen vor dem Haus flanieren sahen. Wir sehnten uns nach einem Prinzen und malten uns in glühenden Farben aus, wie der Mann sein sollte, dem wir einmal gehören würden …«

»Und war es dann auch so?«, fragte Lucia mit leuchtenden Augen, denn die Maurin fasste ihre eigenen Phantasien und Träume in Worte.

Al Shifa lachte. »Natürlich nicht, Kleines! Was denkst du, was ein Mädchen aus der Schule der Herrin Farah kostete! Wir waren ein Vermögen wert, und es kam selten vor, dass ein Herr eine solche Kostbarkeit für den eigenen Harem erwarb – erst recht kein junger Herr, der gerade die Wege der Liebe mit seiner ersten Gemahlin beschreitet, zugleich aber rasch in Leidenschaft für jedes beliebige Mädchen entbrennt. Nein, wir wurden meist als Geschenke für Geschäftsfreunde oder Gönner erworben, die sonst bereits alles hatten – einschließlich Ehefrauen und einer Anzahl weiterer Konkubinen. Oft waren es alte Männer, die all unserer Kunstfertigkeit bedurften, um die Liebe noch genießen zu können … und die uns deshalb umso mehr schätzten! Uns Mädchen wie auch die Männer, die ihnen dieses großzügige Geschenk gemacht hatten. So gelangte ich an den Hof des Emirs.«

»Mochte er dich nicht?«, fragte Lucia ungläubig. »Wollte er dich nicht zur Frau?«

»Zur Frau nehmen solche Männer ihre Sklavinnen nur selten«, erwiderte Al Shifa. »Aber der Sultan wollte mich nicht einmal anrühren. Ihm gefielen blonde, blauäugige Frauen, die obendrein sehr üppig sein mussten. Auf Bildung gab er nichts. Wenn er sich über Philosophie unterhalten wollte, rief er seinen Wesir. Die Mädchen in seinem Harem waren größtenteils Christinnen, die man außerhalb von Al Andalus geraubt hatte. Viele von ihnen sprachen nicht einmal unsere Sprache. Dem Herrn war das egal, aber für uns wurde das Leben in seinem Harem dadurch langweilig und traurig. Die Frauen mochten sich mit ihrem Los nicht abfinden. Sie betrachteten den Harem als Gefängnis, und man hörte mehr Weinen und Jammern in den verschiedensten Sprachen als Musik und Gesang.«

»Und wie bist du dort herausgekommen?«, wollte Lea wissen. Ihr wurde die Geschichte schon wieder zu langatmig, zumal die Stunde längst um war. Sie wollte jetzt keine Haremsgeschichten mehr hören, sondern ihre Mutter zu den Lagerhäusern des Vaters begleiten. Es waren Seidenstoffe aus den Manufakturen in Al Mariya eingetroffen, und von Speyer hatte »seine Damen« eingeladen, sich im Vorfeld die schönsten Tücher auszuwählen. Außerdem schien draußen die Sonne. Lea freute sich schon den ganzen Tag auf den Ausflug.

Lucia dagegen wollte mehr über Al Shifas Jugend erfahren. Sie atmete auf, als die Sklavin weitersprach. Al Shifa erzählte jetzt selbstvergessen; ihr Blick schien in weite Fernen gerichtet.

»Doch ich konnte die Frauen oft trösten. Zu den Fertigkeiten, die Farah ihre Mädchen gelehrt hatte, gehörte es auch, die Sprachen der Christen zu sprechen. Man verschenkte uns ja nicht nur an maurische Herrscher oder Handelsherren. Mitunter gingen wir auch zu christlichen … hm, Würdenträgern …«

Lucia fragte sich, wen genau Al Shifa damit meinte. Von maurischen Liebessklavinnen an christlichen Adelshöfen oder in den Häusern reicher Christen oder Juden hatte sie nie gehört. Wie hätten die Männer das auch ihren Gattinnen verständlich machen sollen?

»Eines Tages hörte die Mutter des Sultans – Zafira hieß sie -, dass ich mit einem der Mädchen sprach. Sie bat mich daraufhin, am Bett einer Wöchnerin, die sie von einem Kind ihres Sohnes entbinden sollte, zu übersetzen. Zafira interessierte sich für Medizin. Sie besaß sämtliche Werke der berühmten Ärzte und beschäftigte sich, indem sie die anderen Frauen im Harem als Heilerin und Hebamme betreute. Mitunter wurde sie sogar in andere Paläste gerufen. Der Emir konnte seinen Würdenträgern keine größere Gunst angedeihen lassen, als ihren Frauen seine Mutter zu schicken, wenn eine Geburt anstand. Ich diente Zafira zuerst als Übersetzerin; später weihte sie mich in die Feinheiten ihrer Kunst ein. So erwarb ich mein Wissen über Heilkunst. Und Zafira schenkte mir die Bücher von Ar-Rasi und Ibn Sina, als ich den Harem verließ.«

»Aber warum hat man dich fortgeschickt?«, wollte Lucia wissen, während Lea ungeduldig aufsprang. Die Geschichte schien zu Ende zu sein, und sie sah die Möglichkeit zu verschwinden.

Al Shifa zuckte die Schulter. »Nun, wenn du ein teures Geschenk erhältst, damit aber nichts anfangen kannst, ist es doch nur sinnvoll, wenn du es weiterverschenkst, nicht wahr?«, fragte sie bitter. »Der Sultan war klug genug, mich nicht anzurühren, und als Jungfrau behielt ich meinen Wert. Als Verhandlungen über einen Friedensschluss mit Kastilien anstanden, sandte man mich nach Toledo …«

Lucias Gedanken arbeiteten fieberhaft. Toledo! In dieser Stadt hatte Benjamin von Speyer Al Shifa bekommen! Aber sie war ihm doch nicht geschenkt worden …? Es war stets von einem Bischof die Rede gewesen, in dessen Haus sie gedient hatte. Und was war mit den Kindern, die sie geboren hatte?

Lucia öffnete schon den Mund, um zu fragen, aber jetzt schien auch Al Shifa genug zu haben. Sie löste sich mit einem Blick aus ihrer Geschichte, als tauche sie aus dunklen Wassern der Erinnerung auf. »Zieht euch um, Kinder, ihr müsst gehen. Die Herrin wird bereits warten. Es ist ein herrlicher Tag für einen Spaziergang. Der helle Sonnenschein und Seide aus Al Andalus … ihr könnt euch beinahe in meiner Heimat wähnen!«

Lucia sah dem Ausflug mit gemischten Gefühlen entgegen. Seit sie fast erwachsen war, empfand sie es nicht mehr als selbstverständlich, jede Vergünstigung und jeden Luxus mit Lea zu teilen. Auch Sarah und Benjamin gaben ihr auf mehr oder weniger subtile Art zu verstehen, dass sie den Abstand zwischen dem Mädchen und ihrer Familie zu vergrößern wünschten. Das hatte mit jener Weigerung begonnen, ihr den Hausdiener als Schutz beizugesellen, und zog nun immer weitere Kreise.

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