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Die Partitur des Glücks

Über die Autorin

Blanca Busquets, geboren 1961 in Barcelona, ist eine der bekanntesten katalanischen Schriftstellerinnen. Seit sie im Alter von zwölf Jahren ihre erste Geschichte geschrieben hat, ist das Schreiben der Mittelpunkt ihres Lebens. Heute arbeitet sie als Journalistin und Romanautorin. 2011 wurde Blanca Busquets mit dem Premi Lliberter, dem katalanischen Buchhändler-Preis, ausgezeichnet.

BLANCA BUSQUETS

Die Partitur des
Glücks

Roman

Aus dem Katalanischen

von Ursula Bachhausen

BASTEI ENTERTAINMENT

Meinem Vater und meinem Onkel Francesc,

die immer alles für die Musik gegeben haben

Die Probe

TERESA

Meine erste Geige habe ich auf einer Müllkippe gefunden. Es war eine sehr gute Geige, auch wenn ich das damals noch nicht wusste. Doch ich erkannte auf den ersten Blick, dass sie etwas Magisches hatte. Sie glänzte in der Dunkelheit, und was glänzt, ist meistens magisch. Ich erfinde das nicht einfach so, die Geschichte stimmt wirklich. Meine Mutter und ich suchten früher oft im Müll nach Dingen, die sich noch verkaufen ließen. Die Leute hier würden sicher große Augen machen, wenn ich ihnen das erzählen würde.

Bis eben war ich allein im Theater. Dann waren mit einem Mal leise Schritte zu hören, die auf die Vorbühne zustrebten. Und nun erscheint der Kopf des ersten Musikers, eines Trompeters. Er ist ein farbloser Mann, der aussieht, als wäre das Instrument sein einziger Besitz von Wert. Er winkt mir zu und sagt ein paar Worte, doch ich verstehe ihn nicht. Irgendjemand hat mal erwähnt, er sei Rumäne; glaube ich jedenfalls.

Eine ganze Weile habe ich mit der Geige in der Hand einfach nur auf einem Stuhl gesessen und in den leeren Zuschauerraum gestarrt. Ich war es leid, mich einzuspielen, und sehnte mich nach Stille. Der Stille im Theater, aber auch der Stille draußen auf den laubbedeckten Straßen und Plätzen der Stadt.

Bevor ich hergekommen bin, habe ich eine Zeit lang am Hotelfenster gestanden und zugesehen, wie die Blätter von den Bäumen fallen und auf der Erde einen wunderschönen, herbstlich bunten Teppich bilden. Bei uns zu Hause in Katalonien muss man für eine solche Farbenpracht weit fahren. Bis in die Berge, die ich zum ersten Mal gesehen habe, als ich schon fast erwachsen war. Als Kind bin ich aus Barcelona nie herausgekommen.

Mit dem Fund der Geige sollte sich mein Leben grundlegend verändern. »Sieh mal, was ich hier habe«, rief ich meiner Mutter zu und hob triumphierend mit der einen Hand das Instrument und mit der anderen den Bogen hoch. Aus Versehen streifte ich dabei über die Saiten, und diese gaben einen schrillen Ton von sich, der mir durch und durch ging. Ich war mir nicht sicher, ob ich es schön oder schrecklich finden sollte, es war ein eigenartiges Geräusch. Dann nahm ich die Geige genauer in Augenschein. Ich presste ein Auge an eins der F-Löcher, von denen ich damals natürlich noch nicht wusste, dass sie so heißen. Für mich war es bloß ein langgezogenes Loch, durch das ich auf dem Boden des Instruments ein paar handschriftliche Lettern ausmachen konnte. Ich versuchte zu lesen, was da stand, verstand es jedoch nicht. Das Einzige, was ich entziffern konnte, war eine Jahreszahl: 1672.

»Was gibt es da zu sehen?«, murrte meine Mutter. »Nun bring sie schon her, die können wir zu Geld machen.« Sie achtete nicht darauf, wie die Gegenstände aussahen, die wir aus dem Müll zogen. Für sie zählte nur, ob man sie verkaufen konnte oder nicht. Dabei lebten wir nicht etwa auf der Straße oder im blanken Elend, oder vielleicht doch, je nachdem, von welcher Warte man es betrachtet. Aus heutiger Sicht würde man es definitiv so nennen, mittlerweile ist es ja bereits anrüchig, wenn man sich nicht ausgewogen ernährt, mit Obst, Gemüse, Kohlenhydraten und ich weiß nicht, was sonst noch allem. Damals aßen wir schlicht das, was es gerade gab, und das konnte mal nur Brot und ein bisschen Käse und mal ein Eintopf mit Kichererbsen oder Linsen sein.

Meinen Vater habe ich nie kennengelernt. Er war ein Ausländer, der, den Erzählungen meiner Mutter zufolge, ein paar Mal mit ihr geschlafen hatte und anschließend wieder verschwunden war. Allein war sie vorher gerade so über die Runden gekommen, doch dann musste sie auf einmal ein Kind ernähren. Von dem Zeitpunkt an stand ihr das Wasser bis zum Hals.

»Die blonden Haare und blauen Augen hast du von ihm«, sagte sie immer wieder zu mir und strich mir dabei sanft mit der Rückseite ihrer Finger über die Wange. Mehr als einmal habe ich gesehen, dass sie Tränen in den Augen hatte, wenn sie mich anschaute. Vielleicht fühlte sie sich noch immer an diesen Mann gebunden, der mit der Tramontana gekommen war und ein Kind gezeugt hatte, bevor ihn der Südwind wieder davongeweht hatte. Wenn meine Mutter davon sprach, wie ähnlich ich ihm sah, dass ich seine Augen und Haare hatte, wusste ich nicht, ob ich ihn lieben und vermissen oder dafür hassen sollte, was er ihr angetan hatte. Dieselbe Unsicherheit, dasselbe Gefühl, nicht zu wissen, was richtig und was falsch ist, spürte ich viele Jahre später wieder, als ich Karl kennenlernte.

An jenem Tag damals waren wir später auf der Müllkippe unterwegs als gewöhnlich. Ich kann mich daran erinnern, dass es bereits dunkel wurde, als mir auf einmal eine Holzkiste ins Auge fiel, die, halb unter dem Unrat verborgen, kaum zu erkennen war. Ich klaubte sie hervor, und als ich bemerkte, dass es sich um eine Geige handelte, suchte ich instinktiv nach dem Bogen. Nicht, dass ich in meinem Leben bis dahin viele Geigen zu Gesicht bekommen hätte, aber eine schon. Unsere Lehrerin hatte uns nämlich in der Schule ein Buch zu lesen gegeben, in dem ein Mädchen mit geschlossenen Augen auf einer Geige spielte. Ich konnte mir genau vorstellen, wie es sich anhörte. Ich hatte die Töne im Kopf, ohne sie zu hören. Und das Merkwürdigste daran war, dass es wirklich wie eine Geige klang, denn als ich zum ersten Mal eine echte Geige vernahm, stellte ich fest, dass sie sich genauso anhörte, wie ich es mir in meiner Fantasie ausgemalt hatte. Als ich dann zum ersten Mal spielte, schloss ich die Augen, wie das Mädchen im Buch. Später nicht mehr, später rang ich mit weit aufgerissenen Augen mit den Barockkomponisten, die selbst den größten Virtuosen einiges abverlangen, und mühte mich, ihren schwindelerregenden Melodien zu folgen, die etwas von einer Achterbahnfahrt haben können.

Aber das war erst viel später. Damals war ich gerade mal sieben Jahre alt und hatte auf einmal eine Geige für mich allein. Das sollte meinem Leben eine ganz neue Richtung geben. »Nun mach endlich, bring das her, es ist schon spät«, drängte meine Mutter, und ich musste das Instrument wohl oder übel auf den Karren legen, den wir immer zum Müllsammeln mitnahmen. Es war jeden Nachmittag das Gleiche. Meine Mutter hörte auf zu nähen, um mich von der Schule abzuholen, und dann machten wir eine Runde über die Müllkippe. Anschließend brachten wir unsere Fundstücke zum Schrotthändler, der uns für ein paar Peseten abkaufte, was in seinen Augen weiterverkäuflich war. Dieses Geld sicherte uns unser tägliches Brot, denn den Lohn für ihre Näharbeiten bekam meine Mutter nicht immer sofort, oft ließen sich die Kunden lange bitten. Trotzdem sorgte meine Mutter immer dafür, dass ich etwas zu essen hatte. Wie sie das anstellte, weiß ich nicht, aber ich musste nie Hunger leiden. Sie schon, jedenfalls bevor sie auf die Idee mit dem Altwarenhandel gekommen war.

Barcelona war damals das genaue Gegenteil von diesem Berlin heute, mit seinen bunten Blättern. Barcelona war eine düstere Stadt, noch gezeichnet von einem Krieg, der ihren Bewohnern alle Lebenslust geraubt hatte. Bis sich die Stimmungslage mit der Studentenbewegung radikal ändern sollte, war es da noch lange hin. Es gab nicht mal Fernsehen.

Ich aber hatte eine magische Geige. Als wir beim Laden des Althändlers ankamen, baute ich mich vor unserem Wagen auf. »Bitte verkauf die Geige nicht, bitte«, flehte ich händeringend.

Meine Mutter schaute mich überrascht an. »Aber Teresa, die bringt uns ein hübsches Sümmchen ein.«

»Ja, aber ich wollte schon immer Geige spielen. Ich will Geigerin werden«, improvisierte ich auf die Schnelle.

Der Blick meiner Mutter wurde weich. »Ach, das wusste ich ja gar nicht, davon hast du mir noch nie etwas gesagt.«

»Bitte, Mama«, bettelte ich.

Wir nahmen die Geige mit nach Hause. Natürlich hatte ich vorher nie auch nur im Traum daran gedacht, Violinistin zu werden, aber in der Schule gab es dieses Buch mit dem Mädchen, das mit geschlossenen Augen Geige spielte. Und das Instrument, das ich gerade gefunden hatte, schien mir etwas Magisches zu haben. Mit einem Mal spürte ich in mir die Musik aufwallen, die seither immer ein Teil von mir gewesen ist. Sie erfüllte mich mit einer Flut von Melodien, und auf einmal dachte ich wahrhaftig, aus mir müsste eine Geigerin werden.

MARIA

»Maria! Schlafen Sie nicht ein!«

»Nein, nein, natürlich nicht. Ich komme schon …«

Ja, jetzt soll ich rennen. Sie wollen schnell zur Probe, und ich muss hinterher. Dabei habe ich Magenschmerzen, schon seit Tagen, und außerdem bin ich aus dem Alter heraus, in dem man sich scheuchen lässt. Ich bin alt geworden, Senyor Karl, richtig alt.

Gleich werde ich wieder diese Musik hören. So oft, wie ich sie schon gehört habe, kenne ich sie auswendig, aber sie geht mir so zu Herzen, dass ich mir dabei jedes Mal die Augen ausweinen könnte. Dabei habe ich sonst eigentlich nicht nah am Wasser gebaut. Sie haben mir gesagt, ich dürfe in einem der roten Sessel im Parkett sitzen wie eine Dame, dabei will ich das gar nicht, aber jetzt bleibt mir ja nichts anderes übrig. Es war natürlich Senyor Mark, der dafür gesorgt hat. Für Senyora Anna bin ich Luft, die beachtet mich gar nicht.

Gestern bin ich mit dem Flugzeug gekommen. Es war das erste Mal, dass ich geflogen bin, und ich fand es furchtbar. Keinen festen Boden unter den Füßen zu haben ist einfach scheußlich, man weiß überhaupt nicht, wo man ist. Wenn ich an den Rückflug nur denke, Jesses Maria!

Ich kenne diese Stadt nicht, und ich finde sie seltsam, allerdings kommt es mir so vor, als würde sie ein bisschen nach Senyor Karl riechen, was mich ganz durcheinanderbringt. Ich habe Senyor Mark gesagt, ich wolle das Hotel lieber nicht verlassen, weil ich mich sonst bestimmt verlaufen würde, und er meinte, das könnte ich halten, wie ich möchte. Aber ich könnte mich doch auch wieder mit meiner Schwester treffen, so wie gestern. Da habe ich herumgedruckst, die müsse arbeiten, und bin im Hotel geblieben. Aber morgen geht das nicht mehr. Morgen ist das Konzert, da muss ich mich in Schale werfen wie eine Diva, wie die, die damals bei uns zu Hause gesungen hat. Morgen ist es so weit. Dann muss ich meinen Plan in die Tat umsetzen.

Eines Tages hatte Senyor Karl mich gefragt, ob ich Geige oder Klavier lernen wollte. »Aber was reden Sie denn da, Senyor Karl?«, gab ich erschrocken zurück und musste an den Kaplan aus meinem Dorf in Andalusien denken. Der bestand darauf, dass jeder bei der Erstkommunion sang, andernfalls durfte man das Sakrament nicht empfangen. »Wenigstens ein bisschen, nur ein ganz kleines bisschen«, sagte er, bis du schließlich anfingst zu singen. Großer Gott, wir loben dich …

Na ja, ganz dumm habe ich mich dabei nicht angestellt, das kann ich ruhig zugeben, jetzt hört mich ja keiner. Jedenfalls bin ich auf den Geschmack gekommen. Ich begann, unter der Dusche zu singen, später auch auf der Straße, und als ich nach Barcelona kam, da sang ich immer, während ich die Wohnungen der beiden eleganten Damen putzte, bei denen ich beschäftigt war, bevor ich bei Senyor Karl anfing. Als sich herausstellte, dass ich bei ihm eine anständig bezahlte Stelle in einem guten Haus hatte, sang ich weiter. Und er spielte am anderen Ende der Wohnung pausenlos Klavier. Also sang ich aus voller Kehle gegen das Klavier an, und immerzu diese Liebeslieder, bei denen mir so warm ums Herz wurde. Eins, das von einem Täubchen handelt, sang ich andauernd, weil es mein Lieblingslied war und mir dabei immer die Tränen kamen. Ich sang immer lauter und lauter und so hingebungsvoll, dass ich das Klavier schließlich gar nicht mehr wahrnahm. Oder zumindest glaubte ich das, denn in Wahrheit hatte Senyor Karl aufgehört zu spielen. Gleich am ersten Tag streckte er den Kopf durch die Tür, legte einen Finger auf die Lippen und machte »Pssst«. Ich hatte erwartet, er würde »Bravo« sagen, und war wie vor den Kopf geschlagen.

Das war das letzte Mal, dass ich den Mund aufmachte, wenn er zu Hause war, weil ich meine Arbeit nicht verlieren wollte, aber auch weil er mich gekränkt hatte. Und Senyor Karl war immer da, entweder spielte er auf der Geige oder auf dem Klavier, immerzu entweder das eine oder das andere. Aber jedes Mal, wenn er nicht da war, fing ich an zu singen, bis er mich eines Tages in flagranti erwischte und mich fragte, ob ich Klavier oder Geige lernen wollte, das könnte ich mir aussuchen. Ich spürte, wie meine Wangen glühend rot und heiß wurden. Als ich steif »Nein, danke« sagte, wirkte er enttäuscht.

Senyor Karl war ein Bild von einem Mann. Ich fand ihn vom ersten Augenblick an attraktiv. Jemand hatte mir erzählt, er sei erst kürzlich nach Barcelona gezogen und suche ein Hausmädchen, und wenn ich Arbeit wollte, sollte ich mich doch bei ihm vorstellen. Also ging ich hin, er öffnete mir die Tür und sagte nur »Hallo«, sonst nichts, weil er nichts anderes sagen konnte, jedenfalls in keiner Sprache, die ich verstanden hätte. Mit Händen und Füßen machte er mir dann klar, was er erwartete. Und da ich nicht auf den Kopf gefallen bin, begriff ich es sofort. Anschließend zeigte er mir neben der Küche ein Zimmer mit einem Bett und einer Toilette. Jesses Maria, ich hatte noch nie eine Stelle gehabt, bei der ich über Nacht bleiben sollte. Und dieser Mann wollte, dass ich bei ihm einzog. Mir kamen Zweifel, aber als er mir kurz darauf einen Zettel mit einer Summe vor die Nase hielt, waren sie wie weggeblasen. Eine derart astronomische Zahl hatte ich vorher ebenfalls noch nie zu sehen bekommen, und dann sollte ich auch noch einen ganzen freien Tag in der Woche bekommen. Das war mehr, als es irgendwo anders geben konnte.

»Einverstanden«, erklärte ich daher, ohne weiter zu feilschen. Im Kopf überschlug ich bereits, was ich mir mit all dem Geld würde kaufen können – so viel Schokolade, wie ich wollte, und Kleider und Schmuck, ja, ich würde mir sogar ein paar Schmuckstücke leisten können, einen schönen Ring und vielleicht ein Paar Ohrringe. Ausgaben hätte ich schließlich keine, denn ich würde ja in seinem Haus leben. Senyor Karl streckte mir die Hand entgegen, und ich schlug überrascht ein. Auch das war mir noch nie passiert. Was der Mann für eine Kraft hatte. Sein Händedruck tat so weh, dass ich um ein Haar aufgeschrien hätte. Aber ich schrie nicht. Ich riss mich zusammen und blieb.

Es war still in diesem Haus. Es war zwar ständig Musik zu hören, aber gedämpft. Senyor Karl schloss sich in einem Zimmer ein und ging seiner Arbeit nach. Das heißt, er spielte Geige oder Klavier oder beides, oder er spielte beides und sang auch noch dazu, und zwar sehr laut. Einmal sah ich ihn danach Noten auf ein Blatt Papier schreiben, doch ich verstand nicht, was das bedeutete, und traute mich auch nicht, danach zu fragen. Er muss es mir angesehen haben, denn er schaute mir in die Augen und sagte: »Ich komponiere, Maria.« Aber das war später, als wir schon miteinander reden konnten.

Anfangs sprachen wir nämlich kein Wort miteinander. Man konnte fast den Eindruck bekommen, als wollte Senyor Karl mir keine Anweisungen geben, nicht einmal, wenn ich nachfragte. Entweder er hörte mich wirklich nicht, oder er tat zumindest so. Doch schließlich sagte er zu mir: »Ich habe Sie angestellt, damit Sie tun, was Ihrer Meinung nach getan werden muss. Ich habe keine Zeit, mir über so etwas Gedanken zu machen.«

»In Ordnung, Senyor Karl«, sagte ich, zog mich zurück und dachte, dann machst du dir am besten eine Liste und schreibst alles auf, was in diesem Haushalt anfällt. Ab jetzt kannst du schalten und walten, als wär’s dein eigener.

Und als mein erster Lohn fällig wurde, war es genauso. Die Tage vergingen, doch Senyor Karl bezahlte mich nicht. Als ich schließlich schon zwei Monate bei ihm war und noch immer keinen Céntimo gesehen hatte, fasste ich mir ein Herz und sprach ihn darauf an. Er winkte mich zu seinem Schreibtisch und nahm aus einem Topf, den er dort stehen hatte, einen kleinen Schlüssel. Damit schloss er eine Schublade auf, und ich sah darin Geld liegen, viel Geld. Ich machte große Augen, sagte aber kein Wort.

»Hier«, erklärte er, »bedienen Sie sich jeden Monat selbst, ich vergesse so etwas. Und wenn Sie einmal kein Geld finden, sagen Sie mir Bescheid.«

»In Ordnung, Senyor Karl.«

Dann verließ er das Zimmer. Ich blieb allein zurück, nahm meinen Monatslohn aus der Schublade und überlegte kurz, dass ich jetzt alles einstecken und auf Nimmerwiedersehen verschwinden könnte. Einen Moment lang wäre ich der Versuchung fast erlegen, aber dann sagte ich mir, dass ich nicht zur Diebin geboren war, und ließ es sein. Ich schloss die Schublade ab, legte den Schlüssel zurück in den Topf, betrachtete mein Geld und überlegte, dass es für ein Schmuckstück zwar noch nicht reichen würde, aber immerhin für ein bisschen Schokolade, für mich ganz allein.

TERESA

Der Trompeter hat den Anfang gemacht, und nach und nach sind auch die anderen eingetrudelt. Alle außer Anna und Mark. Die beiden verspäten sich. Gedankenverloren tue ich es den übrigen Streichern des Orchesters nach, lege die Geige an und beginne, sie zu stimmen. Nun ist es vorbei mit der Stille. Wenn ich nachher noch Zeit habe, werde ich die schwierigen Passagen meines Parts noch einmal durchgehen, bei denen die Violine in gewisser Weise mit den Noten Fangen spielt, ein wahrer Geniestreich von Bach. Ich weiß jetzt schon, dass mir die Tränen kommen werden, sobald ich anfange zu spielen. Es macht mich traurig, wenn ich an unser letztes Gastspiel hier zurückdenke oder an den Tag, an dem Karl mich zum ersten Mal anrief und mir vorschlug, mit ihm gemeinsam zu musizieren: »Ich habe Sie gehört und finde, Sie spielen Bach genau so, wie er meiner Ansicht nach gespielt werden sollte.«

Zehn Jahre ist er nun schon tot, doch manchmal kommt es mir gar nicht so lang vor. Mir ist, als hätte ich noch seine Stimme im Ohr und hörte ihn wieder einmal sagen, ich solle nicht so viel Seele in mein Spiel legen. »Aber wenn ich nicht mit Herzblut an die Sache herangehen soll, warum wolltest du dann, dass ich überhaupt spiele?«, fuhr ich ihn eines Tages gereizt an. Er schaute mir in die Augen und antwortete: »Weil ein Zuviel leichter zu beheben ist als ein Zuwenig. Es gibt nicht viele, die mit Seele spielen können.«

Das allerdings habe ich schon immer getan. Musik hat mich seit jeher zum Weinen gebracht. Noch heute ringe ich um Fassung, doch viele Jahre musste ich mir jedes Mal die Tränen aus den Augen wischen, sobald ich anfing zu spielen. Auch damals, als ich sieben Jahre alt war und meine Mutter mir erlaubte, die Geige mit nach Hause zu nehmen, obwohl ich zu der Zeit weder wusste, wie man das Instrument richtig hielt, noch, wie es zu klingen hatte. Ich schaute mir noch einmal die Schrift in seinem Inneren an, konnte jedoch bis auf die Zahl 1672 nach wie vor nichts damit anfangen. Dann versuchte ich, mich an das Bild des Geige spielenden Mädchens zu erinnern. Ich rief mir ins Gedächtnis, wie sie das Instrument angelegt hatte, machte es genauso und strich mit dem Bogen über die Saiten. Die Geige gab einen schiefen, aber satten Ton von sich, der mich elektrisierte, einen Ton, bei dem mir der Atem stockte und das Herz aufging. Ich habe nie verstanden, wie es jemand in dieser entbehrungsreichen Zeit hatte fertigbringen können, eine so wertvolle, verhältnismäßig gut gestimmte Geige samt bespanntem Bogen in den Müll zu werfen.

Meine Mutter und ich wohnten damals in einer Einzimmerwohnung mit Küche und Bad. Alles, was wir besaßen, lag auf einem Stapel in der Ecke, denn wir hatten keinen Schrank. Doch es war ohnehin nichts davon so wertvoll wie die Nähmaschine. Sie war das Einzige, das meine Mutter nicht verkauft hatte, als sie, ein paar Jahre vor meiner Geburt, nach dem Tod meiner Großeltern aus der Wohnung hatte ausziehen müssen, in der sie mit ihnen zusammengelebt hatte. Die Nähmaschine sicherte unser Überleben. Mit dem Geld, das meine Mutter mit Näharbeiten verdiente, hatte sie die winzige Wohnung mieten können, in der ich zur Welt kam und aufwuchs. Morgens hatte ich immer ein Stück Brot und mittags und abends eine, wenn auch dürftige, warme Mahlzeit. Ab und zu fiel für mich sogar ein Stückchen Ersatzschokolade ab, die uns die Nachbarn schenkten. Sie erschien mir damals köstlich, doch heutzutage würde mir sicher speiübel davon.

Zuweilen arbeitete meine Mutter so viel, dass sie keine Zeit zum Essen fand. Während ich am Tisch saß und mir ruckzuck meine winzige Portion einverleibte, nähte sie unentwegt, und wenn es nichts zu nähen gab, dann putzte sie. Sie rackerte sich unermüdlich ab, und ich schaute ihr dabei zu, bis sie eines Tages vor meinen Augen einfach umfiel. Ich schrie vor Entsetzen auf. Damals muss ich etwa fünf Jahre alt gewesen sein, und meine Mutter war alles für mich.

»Mama, Mama!«, rief ich und schüttelte sie, doch sie reagierte nicht. Ich hatte gehört, wie sie mit dem Kopf aufgeschlagen war, und bekam solche Angst, dass ich zu den Nachbarn rannte, denen mit der Ersatzschokolade. Weinend klingelte ich bei ihnen Sturm, und als sie die Tür öffneten, stammelte ich schluchzend: »Meine Mama liegt auf dem Boden, ich weiß nicht, was sie hat …«

Ich war zu Tode erschrocken, weil meine Mutter auf einmal dalag und die Augen nicht öffnete. Mütter liegen nicht auf dem Boden. Nie. Die Nachbarn liefen in unsere Wohnung, und während der Mann gleich wieder davoneilte, um einen Arzt zu holen, versuchte die Frau, meine Mutter wiederzubeleben. Als der Doktor schließlich kam, war sie schon eine Weile wieder bei Bewusstsein und fragte leise, was passiert sei. Ich wurde hinausgeschickt, doch noch während sie mich in die Wohnung einer Nachbarin schoben, mit deren Sohn ich ab und zu spielte, hörte ich mit einem Ohr, wie der Arzt sagte: »Dafür gibt es nur ein Wort, gute Frau, und das heißt Hunger.«

Die Nachbarn versorgten uns daraufhin ein paar Tage lang mit Essen. Sie besaßen zwar selbst keine Reichtümer, aber der Mann hatte Arbeit, und sie kamen über die Runden. Meine Mutter war so schwach, dass sie in der ganzen Zeit, die sie brauchte, um sich zu erholen, nicht nähen konnte.

»Was wollen Sie denn jetzt machen?«, fragte die Nachbarin flüsternd, als sie glaubte, ich könnte sie nicht hören. Zuerst fing meine Mutter an zu weinen, aber dann sagte sie: »Sobald ich wieder bei Kräften bin, finde ich schon etwas. Ich muss stark sein für das Kind.« Und so kam meine Mutter schließlich auf die Idee mit der Müllkippe.

Bach nimmt mich hundertprozentig in Anspruch. Zum Zeichen, dass ich anfangen soll, schaut Mark mir jedes Mal in die Augen. Für den ersten Ton bin immer ich zuständig, seit meine Mutter tot ist. Damals ist sie noch nicht gestorben, das konnte sie sich nicht erlauben, weil sie mich erst großziehen musste. Sie starb etliche Jahre später, als ich bereits am Konservatorium unterrichtete und nicht mehr als Putzfrau arbeiten musste, denn eine Zeit lang habe auch ich anderer Leute Wohnungen geputzt. Da sammelten wir längst keinen Müll mehr, zu der Zeit war es schon üblich, dass gutsituierte Damen am anderen Ende der Stadt Haushaltshilfen beschäftigten. Man ging jeden Tag für ein paar Stunden hin und kümmerte sich um alles, bügelte, spülte, putzte die Klos und musste außerdem die Kinder von der Schule abholen und mit ihnen in den Park gehen.

Ich war ein Geige spielendes Dienstmädchen.

MARIA

Senyora Anna hat den Geigenkasten so hingelegt, dass er sich mir in die Beine bohrt. Ich glaube, sie macht das extra, sie will, dass ich mich beschwere, aber den Gefallen tue ich ihr nicht. Ich würde mich nie darüber beklagen, wegen einer Geige nicht in ein Taxi zu passen, und wegen einer Stainer schon gar nicht. Senyora Anna tut alles, um mir das Leben schwer zu machen. Ich glaube, sie will, dass ich abreise. Sie ahnt nicht, dass ich jetzt nicht wegkann, ich bleibe, ich habe hier etwas zu erledigen.

Ich weiß nicht, wie es damals zu der Verwechslung kommen und die gute Geige auf dem Müll landen konnte. Oder doch, natürlich weiß ich, wie es dazu kam, denn eigentlich war er es ja, der sich vertan hatte. »Werfen Sie die Geige weg, die auf dem Stuhl liegt«, hatte er zu mir gesagt. Also nahm ich die Geige vom Stuhl und warf sie weg. Heute brauche ich eine Ewigkeit für alles, da fällt es mir schon schwer, mich hinter den Herrschaften her zu diesem Taxi zu schleppen, mit dem wir zu einem Theater mit merkwürdigem Namen fahren, wie überhaupt alles in dieser Stadt merkwürdige Namen hat. Aber so flink, wie ich früher in allem war, packte ich die Geige, von der ich dachte, sie wäre die, die ich wegwerfen sollte, und trug sie zusammen mit dem anderen Abfall hinaus zum Müllwagen. Und das Ganze auch noch mit einem Lied auf den Lippen, um die Gelegenheit zu nutzen, aus dem Haus und damit außerhalb seiner Hörweite zu sein.

In aller Seelenruhe kehrte ich, immer noch trällernd, zurück. Wenn ich nur daran denke, bekomme ich eine Gänsehaut. Und beim Gedanken an Senyor Karls Reaktion erst recht. Er bemerkte es erst ein paar Stunden später, als es schon Zeit war, ins Bett zu gehen. »Wo ist meine Stainer?«, fragte er nach der Geige mit dem schier unaussprechlichen Namen, den ich zwar sehr hübsch, aber auch ziemlich sonderbar fand. Im ersten Moment war ich verblüfft, doch dann erwiderte ich: »Die sollte ich doch wegwerfen, Senyor Karl.«

Nun war er es, der mich verblüfft anstarrte. Dann fuhr er auf. »Aber was reden Sie denn da, Maria? Ich habe gesagt, Sie sollen die kaputte Geige wegwerfen.« In seiner Stimme lag ein Hauch von Verzweiflung, aber ich dachte gar nicht daran, mich einschüchtern zu lassen.

»Nein, Senyor Karl, Sie haben gesagt, ich soll die wegwerfen, die auf dem Stuhl liegt, und das habe ich getan.«

Da fing Senyor Karl an, nach der anderen Geige zu suchen, und stammelte die ganze Zeit »Oh mein Gott, oh mein Gott!«, bis er sie schließlich unter dem Klavier entdeckte. Er hob sie mit beiden Händen hoch und sagte: »Das ist die, die ich wegwerfen wollte.«

Wie versteinert betrachtete ich das Instrument, das kaum noch nach einer Geige aussah, so verformt, wie es war. Senyor Karl hielt es mir vor die Nase und sagte: »Die taugt nichts mehr, ich habe sie in der Sonne liegenlassen, sehen Sie?«

Die Geige sah in der Tat sehr mitgenommen aus, die Ober- und Unterseiten waren merkwürdig nach innen gesogen worden. Es war ein komischer Anblick. Wenn ich in diesem Moment nicht so erschrocken und schuldbewusst gewesen wäre, hätte ich mir sicher das Lachen nicht verkneifen können.

»Wo ist die …«, sagte er plötzlich und legte das kaputte Instrument dahin zurück, wo er es gefunden hatte. Er meinte die gute Geige.

»Im Müllwagen, das habe ich doch schon gesagt«, sagte ich, ohne mit der Wimper zu zucken.

»Ja, schon, aber wohin fährt der?«

»Na, zur Müllkippe«, erwiderte ich einfältig. Wir rannten beide auf die Straße, und als er mich fragend ansah, setzte ich zaghaft hinzu: »Die ist sehr weit weg.«

Er blieb stehen. Ich konnte seinen Blick in meinem Nacken spüren. Dann winkte er ein Taxi heran und schob mich in meiner Dienstmädchentracht samt Schürze und Häubchen hinein, stieg auch ein und befahl: »Zur Mülldeponie.«

Schweigend brachte der Taxifahrer uns dorthin. Es war ein weiter Weg, die Müllkippe lag buchstäblich am Ende der Welt, und die Fahrt war fürchterlich, denn keiner von uns beiden sprach ein Wort. Hin und wieder zuckte eins von Senyor Karls Beinen, und ich erschrak jedes Mal. Als wir ankamen, bat Senyor Karl den Taxifahrer zu warten, dann stiegen wir aus und betrachteten die riesige Halde aus Müll und Gestank. Offenbar waren um diese Zeit sämtliche Müllwagen der Stadt bereits geleert worden, denn es war kein einziger mehr zu sehen.

»Also los«, sagte Senyor Karl und führte mich bis dicht vor den Müllberg. Ich wusste, dass es Leute gab, die den Abfall durchsuchten, aber die waren tagsüber dort. Jetzt konnte man die Hand nicht vor Augen erkennen. Doch Senyor Karl hatte keinerlei Hemmungen. »Nun gehen Sie schon.«

»Wer? Ich?«, fragte ich alarmiert.

»Ja.« Es war ihm anzusehen, dass er keine Sperenzchen dulden würde. Also raffte ich meinen Rock und setzte erst einen Fuß zwischen die Abfallhaufen und dann den anderen. Schritt für Schritt bahnte ich mir langsam einen Weg durch den Müll. Widerlich. So etwas hatte ich noch nie tun müssen, weder hier noch in Andalusien, und habe es auch später nie wieder getan.

»Heilige Jungfrau, steh mir bei«, murmelte ich und begann, mit bloßen Händen im Unrat zu wühlen. Es stank zum Himmel, und ich machte mich dreckig, aber es half nichts, ich musste unbedingt diese Geige finden. Eine ganze Weile kehrte ich an der Stelle, an der die Müllwagen ihre Fracht leerten, das Unterste zuoberst, aber es war aussichtslos.

»Sie ist nicht da, Senyor Karl«, sagte ich schließlich und richtete mich auf. Im Gegenlicht konnte ich den Ausdruck auf seinem Gesicht nicht erkennen. Ich hörte nur, dass er sagte: »Suchen Sie weiter.«

Also suchte ich weiter, konnte die Geige aber nicht finden. Schließlich wandte er sich ab und schritt wieder auf das Taxi zu, und ich dachte schon, er hätte mich vergessen, hielt ihn jedoch nicht auf. Ich stakste aus dem Schmutz und hatte das Gefühl, es geschähe mir ganz recht, wenn ich jetzt den ganzen Weg zu Fuß nach Hause gehen musste. Da stolperte ich, fiel der Länge nach hin und schlug mir böse die Stirn auf. Als ich mich wieder aufrappelte, sah ich das Taxi noch immer an der gleichen Stelle stehen und mit geöffneter Hintertür auf mich warten. Ich stürzte darauf zu.

Senyor Karl sah mich nicht an. Er drückte sich ans andere Fenster und hielt sich verstohlen die Nase zu, aber immerhin zuckte sein Bein nicht mehr. Als ich einen Blick des Taxifahrers im Rückspiegel auffing, wurde mir klar, was ich für einen höllischen Gestank verbreiten musste.

Während der ganzen Fahrt fiel kein einziges Wort. Als wir zu Hause ankamen, ging ich in mein Zimmer, wusch mich und säuberte, so gut es ging, meine Stirn. Dann packte ich meinen Koffer. Wie kann man sich nur eine so gute Stellung verscherzen, dachte ich bedrückt. Nach nur sechs Monaten verlor ich meine Arbeit in einem der besten Häuser, die sich ein Dienstmädchen nur wünschen konnte. Ich hatte mich wohlgefühlt und den Eindruck gehabt, auch Senyor Karl wäre zufrieden mit mir. Aber nichts Gutes währt ewig …

Im Mantel und mit dem Koffer in der Hand ging ich zu ihm, um mich zu verabschieden. Er saß auf dem Sofa und starrte in die Luft. Bestimmt trauerte er der verschwundenen Geige nach. Ich sprach ihn an: »Entschuldigung, Senyor Karl. Es tut mir leid, was geschehen ist.«

Er blickte mich verwundert an und fragte: »Wo wollen Sie denn um diese Uhrzeit hin?«

»Ich gehe«, erwiderte ich verwirrt. »Ich denke, nachdem das passiert ist …«

Er stand auf und ging zum Klavier. »Reden Sie keinen Unsinn. Immerhin habe ich Ihnen ja gesagt, Sie sollten die Geige wegwerfen, die auf dem Stuhl liegt. Ach, übrigens … Kleben Sie sich ein Pflaster auf die Stirn, Sie haben da eine Wunde.«

TERESA

Die junge Frau am Cembalo braucht Hilfe, sie möchte ihr Instrument ein Stück verrücken. Schon springen zwei Cellisten auf, um ihr zur Hand zu gehen, und von irgendwoher taucht auch noch ein Dritter auf, ein wahrer Goliath. Man ist ja immer geneigt, große, kräftige Menschen für stark zu halten, bis sich herausstellt, dass auch sie eben nur Menschen sind. Ich hielt meine Mutter für unverwüstlich, bis ihre Mangelerscheinungen nicht mehr von der Hand zu weisen waren, weil sie, wie jeder andere auch, essen musste, um zu leben, und außerdem jemanden gebraucht hätte, der ihr zur Seite stand, statt eines kleinen Mädchens, das nur eine Last war und dem zuliebe sie mehr arbeiten musste, als für ihr bescheidenes Überleben nötig gewesen wäre.

Ich habe gelernt, die Stärke eines Menschen in seinen Augen zu erkennen. Karl wirkte auf mich von Anfang an stark. Anna nicht, dabei trug sie bei unserer ersten Begegnung ein ziemlich dreistes Was-kostet-die-Welt-Gehabe zur Schau. Normalerweise kamen zumindest zur ersten Stunde die Eltern mit, um mir ihr Kind vorzustellen, mir ihre Erwartungen mitzuteilen oder einfach, um mich kennenzulernen. Bei Anna war das anders. Sie kam von Anfang an in Begleitung eines Dienstmädchens, dabei wäre sie durchaus alt genug gewesen, um den Weg allein zu bewältigen. Doch das Dienstmädchen wartete jedes Mal draußen auf sie. Manchmal schaute ich ihnen vom Fenster aus nach, wie sie zur Diagonal gingen, um mit dem Bus zum anderen Ende der Stadt zu fahren. Die Kleine hatte mir erzählt, dass sie dort neben dem Park mit dem Teich wohnte.

In diesem Park habe auch ich früher viel Zeit verbracht. Ich ging mit den Kindern meiner Arbeitgeberinnen zum Spielen dorthin, nachdem ich ihnen die Küche geschrubbt, gebügelt und die Wohnung gescheuert oder die Badezimmer geputzt hatte … Und wenn ich »die Badezimmer« sage, dann meine ich das auch, denn diese Leute hatten nicht nur eins, sondern zwei, manchmal sogar drei. Für mich war das der pure Luxus. Ich hatte nie zuvor eine Wohnung mit mehreren Bädern gesehen. Und was für welche, wie im Film. Beim ersten Mal konnte ich einen Aufschrei nicht unterdrücken. Ich war fünfzehn, als meine Mutter sich eines Tages die Schweißperlen von der Stirn wischte und sagte: »So, jetzt müssen wir beide ran.« Meine Kindheit war zu Ende.

MARIA

Während der Taxifahrt durch die Straßen dieser Stadt ohne Sonnenschein entdecke ich auf einmal ein Schaufenster mit den unterschiedlichsten Pralinen. Da fällt mir ein, wie Senyor Karl mich einmal in flagranti ertappt hat, als ich heiße Schokolade löffelte, und muss schmunzeln.

»Was ist so lustig?«, fragt Senyora Anna plötzlich spitz.

»Ach, nichts weiter«, wiegele ich ab. Dieser Frau entgeht aber auch gar nichts. »Es ist bloß … Ich mag so gern Schokolade.«

Senyor Mark wirft mir einen belustigten Blick zu und grinst mich an. Als Senyora Anna das sieht, setzt sie ein Gesicht auf wie sieben Tage Regenwetter und starrt schweigend aus dem Fenster.

Normalerweise verbrachte Senyor Karl den Vormittag daheim und den Nachmittag außer Haus. Es sei denn, er bekam Besuch, oder es kam jemand zum Proben. In dem Fall rief er: »Maria, wir möchten nicht gestört werden«, und dann schlossen sie sich zum Spielen oder Singen im Musikzimmer ein. Schon zwei Monate nach seiner Ankunft in Barcelona konnte sich Senyor Karl mit jedem in der passenden Sprache unterhalten, Katalanisch oder Spanisch. Was er mit mir sprach, weiß ich nicht mehr, jedenfalls verstand ich ihn immer. Und wenn er mal ein Wort nicht wusste, behalf er sich mit Gesten.

Nach der Sache mit der Geige herrschte allerdings eine ganze Weile Funkstille zwischen uns. Keiner redete mehr als nötig. Ich tat meine Arbeit, und wenn ich damit fertig war, zog ich mich in die Küche oder in mein Zimmer zurück oder ging spazieren.

Doch eines Tages, kurz nachdem ich meinen Lohn bekommen hatte, kaufte ich mir in der Konditorei Kakaopulver, ein bisschen Sahne und ein paar Löffelbiskuits und setzte mich in die Küche, um mich daran gütlich zu tun. Ganz in der Nähe gab es ein Café, in dem manchmal Mütter mit ihren Kindern saßen. Gelegentlich war auch ein Dienstmädchen dabei, doch im Normalfall war dies Sache der Mütter, die damit ihren Kindern, vielleicht einmal in der Woche oder einmal im Monat, eine Art Belohnung gewährten. Beim Anblick der Kleinen, wie sie den Laden mit erwartungsvoll glänzenden Augen betraten und mit verschmierten Gesichtern wieder herauskamen, hätte ich platzen ...

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