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Die Ozeangefährten

Gewidmet: Mutter Erde.

Vorwort von Markus Mauthe

Prolog

Teil 1. Das Wal-Auge

1. Die Tierschützer

2. Der Sonntagsausflug

3. Die E-Mail

4. Im Labyrinth

5. Der Anruf

6. Mas Welten

7. Paul

8. Alte Bekannte

9. Training

10. Tiefsee

11. Auszeit

12. Unterwegs

13. Therapie

14. Ankunft

15. Verpasst

16. Delphin-Forschung

17. Tierfütterung

18. Alexis Fisher

19. Paul macht sich nützlich

20. Chronos

21. Das sehende Auge

22. Gwen

Teil 2: Die Muschel

23. Waffensicher

24. Vermittlung

25. Paul trainiert alleine weiter

26. Wieder zurück

27. Eine Begegnung der anderen Art

28. Das erste Treffen

29. David

30. Fluchtgedanken

31. Mit Chronos unterwegs in der Zeit

32. Verpeilt

33. Wissenschaftliches Meeting

34. Feigling oder Held?

35. Viel zu viele Stimmen

36. Auf eigene Faust

37. Die letzte Fahrt

38. Dr. Steins Triumph

39. Plastic Island

30. Die Kauri-Muschel

41. Auf Augenhöhe

Teil 3: Der Seestern

42. Überwacht

43. Miami Island

44. Der große Tag

45. Gregs Reise

46. Die Pressekonferenz

47. Der Kreisel

48. Endlich frei!

Mehr dazu:

Danksagungen:

Vorwort von Markus Mauthe

Eines Abends erscheint bei einer meiner Live-Fotoshows eine mir unbekannte Frau am Bühnenrand und bittet mich darum, einleitende Worte für ihren ersten Roman zu schreiben. Dieser handle vom Ozean und habe auch sonst viele Gemeinsamkeiten zu meiner Arbeit als Naturfotograf und Umweltaktivist. Aus einem Gefühl heraus sage ich zu, und merke bei der Lektüre der »Ozeangefährten« sehr schnell, dass uns sehr emotionale Dinge verbinden: Ich spüre in jedem Wort dieser Geschichte die tiefe Verbundenheit und Liebe der Autorin zur Natur. Kaum verwunderlich, dass wir darüber hinaus auch in der Sorge um die Zukunft unserer Heimat, der Erde, auf derselben Wellenlänge liegen.

Für mich hat Birgit Schmidmeier weit mehr als nur einen Zukunftsroman geschrieben, in dem hochbegabte Tiere uns Menschen vor Augen führen, was es bedeutet, menschlich zu sein.

Der Leser wird in eine Handlung hineingezogen, deren Gesellschaft eher innerhalb einer düsteren Version unserer Zukunft spielt. Dystopien sind ja in diesem Genre keine Seltenheit.

Ich bin sicher, eine überwältigende Mehrheit unserer Zeitgenossen würde sich eine andere Realität für unsere Nachfahren wünschen als die hier im Buch beschriebene.

Genau hierin liegt das Geschenk der Autorin und der Mehrwert des Romans. Sie zeichnet nicht nur Schwarz und schließt die Türe zum Paradies, sondern weist uns praktisch in jedem einzelnen Kapitel den Weg zu besseren Alternativen.

Die Abenteuer des jungen See-Esels Paul spielen nämlich nicht in einer weit entfernten Epoche unserer Zeit, sondern genau dann, wenn unsere Kinder erwachsen sein werden. Genauso wie wir heute haben sie ein Recht darauf, zusammen mit dann vielleicht neun oder zehn Milliarden Brüdern und Schwestern in Menschenwürde diesen schönen Planeten zu bevölkern. Vorausgesetzt, wir sind schlauer als die Romanmenschheit und lassen den dritten Weltkrieg ausfallen.

Nimmt man die hochbegabten Tiere aus der Geschichte heraus, wird in den »Ozeangefährten« der Zustand unseres Planeten erschreckend realistisch dargestellt.

In den letzten fünfzig Jahren haben wir Menschen es geschafft, sechzig Prozent aller auf der Erde lebenden Säugetiere zu töten, einen Großteil der Regenwälder zu vernichten und Flächen fruchtbaren Graslands in riesige Agrarwüsten zu verwandeln.

Greenpeace ist im Roman verboten und agiert nur noch im Untergrund. Ist das im Hier und Jetzt undenkbar?

Mitnichten – es ist vielmehr ein Traum des aktuell gewählten brasilianischen Präsidenten Bolsonaro, der gerne jeden Widerstand gegen seine wahnwitzigen Pläne zur Ausbeutung des Amazonasgebietes per Handstreich wegfegen würde.

Auch in vielen anderen Ländern erleben wir mehr und mehr diktatorische Strukturen, denen jegliches zivilgesellschaftliche Engagement ein Dorn im Auge ist. Vielerorts wird mit Gesetzen das Wirken von Nichtregierungsorganisationen erschwert. Auch in Deutschland, wo bei manchem Verein, der unangenehme Fragen stellt, inzwischen die Gemeinnützigkeit hinterfragt wird.

Viele Menschen sind aufgrund der Auswüchse eines unkontrollierten Kapitalismus zu Recht verängstigt und fühlen sich entwurzelt. Das wissen gerade Parteien, die im rechten Spektrum anzuordnen sind, mit lauten Parolen und einfachen Botschaften recht erfolgreich zu nutzen.

Doch gerade mit dem Erscheinen dieses Buches erhebt sich Widerstand, diesmal an der richtigen Stelle. Die junge Generation engagiert sich im zivilen Ungehorsam, und zwar weltweit. Das macht sie so kraftvoll und gibt auch mir persönlich wieder Hoffnung, dass wir das Ruder in Richtung einer nachhaltigen Gesellschaft doch noch herumreißen können.

»Die Ozeangefährten« kann zur Lektüre der »Generation Weltrettung« werden. Ich wünsche Birgit Schmidmeier viele LeserInnen jeglicher Altersgruppen, die sich von der spannenden Geschichte unterhalten lassen, und sich gleichzeitig motiviert fühlen, aktiv für den Erhalt dieses schönen Planeten einzustehen.

Wir sind die letzte Generation, die den Zusammenbruch der Ökosysteme noch verhindern kann. Das ist kein Alarmismus innerhalb eines Zukunftsromans, sondern die unschöne Wahrheit zu unserer aktuellen Lebensrealität.

Markus Mauthe

Naturfotograf und Umweltaktivist

www.markus-mauthe.de

Prolog

Nur drei kleine Heringe fing der alte Fischer an diesem späten Nachmittag. Müde lenkte er sein Boot an den einsamen Sandstrand am Rande des kleinen Dorfes zurück. Wie jedes Mal, wenn er es an Land zog, blätterte etwas mehr vom spröden Lack der Holzplanken ab. Das Boot hatte – ebenso wie er selbst – schon bessere Zeiten erlebt.

Ein schweres Unwetter hatte in der Nacht zuvor das Meer wild aufgepeitscht und allerlei an Land gespült. Der Strand lag deshalb an diesem Tag mit jeder Menge Seetang und Treibgut übersät vor ihm. Möwen pickten darin in der Hoffnung, Futter zu finden.

Der Fischer brachte den mageren Fang in seine Hütte und machte sich dann in der kühlen Abendluft auf den Weg, um das letzte Tageslicht für eine Sichtung des Treibguts zu nutzen. Vielleicht fand sich das eine oder andere Holzbrett, um ein paar morsche Dielen in der Hütte auszubessern. Er konnte es sich nicht leisten, Holz zu kaufen.

Mit den Füßen, die in alten Gummistiefeln steckten, schob er die Seetangberge und Plastikmüllreste auseinander. Ein alter Autoreifen war diesmal auch dabei. Er schüttelte den Kopf und ging weiter. Nach einigen Schritten stieß er mit der Stiefelspitze gegen etwas Hartes, und da ein hohler Ton zu hören war, blieb er stehen. Er grub mit dem Fuß ein wenig im Sand, bis er im Dämmerlicht die hölzerne Wand einer Kiste erkennen konnte.

Neugierig ging er in die Hocke, wobei seine Knie knacksten und der Rücken schmerzte. Mit bloßen Händen befreite er das Fundstück von Sand und Algen. Es war eine kleine Truhe aus dunklem Holz, die mit metallenen Eckbeschlägen verziert war.

Das Herz des Alten begann schneller zu schlagen. Eine Schatzkiste wie von einem gekenterten Piratenschiff! Hier im Atlantischen Ozean um Florida geschah es oft, dass Hurrikans Schiffe verschlangen. Vielleicht käme er nun durch einen wertvollen Fund zu etwas Geld. Er könnte seiner Enkelin das Studium im fernen Kalifornien mit einem Mietzuschuss erleichtern. Wie wundervoll das wäre!

Die Truhe schien unversehrt. An der Vorderseite war sie mit einem Schnappverschluss fest verriegelt. Mit zittrigen Fingern ließ er diesen aufspringen. Es knirschte, als er den Deckel öffnete, und die Truhe offenbarte dem erstaunten Fischer unter den letzten rötlichen Sonnenstrahlen ihr Inneres.

Er entdeckte eine etwa zehn Zentimeter große, gesprenkelte Kauri-Muschel, einen getrockneten blauen Seestern und eine seltsame graue Kugel, etwa so groß wie eine Grapefruit. Diese fühlte sich erstaunlich leicht und an der Außenseite wie welkes Laub an. Der Fischer kniff die Augen zusammen, denn im schwindenden Abendlicht konnte er nicht erkennen, was es mit den Gegenständen auf sich hatte. Er nahm die drei Dinge hastig heraus und legte sie neben sich. Die Truhe war mit weinrotem Samt ausgeschlagen und innen erstaunlicherweise ganz trocken und sauber. Irritiert untersuchte er die leere Kiste auf verborgene Falten im Stoff und Geheimfächer, konnte aber nichts entdecken. Sollte das jetzt alles gewesen sein? Keine Goldmünzen oder Edelsteine? Nur drei wertlose Dinge, die das Meer hier ohnehin zahlreich an Land spülte?

Enttäuscht packte er die Muschel, den Seestern und diese komische Kugel wieder in die Kiste und warf verärgert den Deckel zu. Er erhob sich mühsam, seinen Rücken spürte er jetzt mehr als zuvor. Die Lust am Stöbern war ihm gründlich vergangen. Resigniert machte er sich auf den Nachhauseweg.

Doch irgendetwas verlangsamte seinen Schritt bereits nach wenigen Metern. Wie von einem magischen Gummiband gezogen, das um seinen Bauch befestigt zu sein schien, ging er zur Truhe zurück, bis er wieder über ihr stand. Er blickte einmal um sich, um zu sehen, ob ihn jemand beobachtete. Doch der Strand war menschenleer. Langsam beugte er sich hinab, hob die Truhe hoch und nahm sie mit nach Hause. Vielleicht interessierte sich ja seine Enkelin, die Meereskunde studierte, für den Inhalt. Er würde ihr die Kiste zeigen, wenn sie ihn das nächste Mal besuchte.

Teil 1. Das Wal-Auge

1. Die Tierschützer

Es war heiß auf der Insel. Die See-Eselin Gwen robbte gemächlich zum Strand, um sich ihr tägliches Bad zu gönnen. Sie lebte hier nur mit ihrem halbwüchsigen Jungen Paul, der gerade im Schatten der Palmen seinen Mittagsschlaf hielt.

Trotz Ebbe stand das Wasser hier so hoch, wie sie es zuvor noch nicht gesehen hatte. Mittlerweile befand sich sogar ihr Lieblingsfelsen, auf dem sie nach dem Baden so gerne in der Sonne lag, ständig unter Wasser.

Die See-Eselin wusste nichts vom weltweiten Klimawandel. Doch dieser erwärmte die Atmosphäre kontinuierlich und brachte das Eis an den Polkappen zum Schmelzen. Dadurch war der Meeresspiegel in den letzten Jahren um mehrere Meter gestiegen.

Seit Paul auf der Welt war, mussten sie deshalb schon dreimal umziehen, da ihre bisherigen Inseln eine nach der anderen untergegangen waren.

Gwen erinnerte sich an ihre Kindheit bei den Florida Keys. Oft war sie damals mit den anderen See-Eseln aus ihrem kleinen Rudel bis in die Everglades hinein geschwommen, um mit den Alligatoren Verstecken zu spielen. Doch diese Zeiten gehörten längst der Vergangenheit an, denn seit einigen Jahren lagen die Inseln der Florida Keys etwa drei Meter unter der Meeresoberfläche, genau wie das Grasland der Everglades. Als Paul noch kleiner war, hatte sie ihn zu der Inselkette mitgenommen, um ihm ihre Heimat zu zeigen. Dabei hatte sie ihm das Tauchen beigebracht. Zuerst lernte er, seine langen See-Esel-Ohren anzulegen, damit beim Tauchen kein Wasser hineinlief. Das war ihm schnell gelungen und sie hatten viel Spaß. Sie hatte gehofft, dort auf Artgenossen zu treffen, denn sie vermisste die Gemeinschaft einer größeren Familie sehr. Ihr kleines Rudel wurde damals von einem Hurrikan in alle Winde zerstreut und sie hatten sich leider nicht wiedergefunden. Doch da es weltweit nur wenige See-Esel gab, war ihre Suche vergebens gewesen.

Die kleine Insel, die sie jetzt bewohnten, war vor nicht allzu langer Zeit noch ein Stück Festland im Süden Floridas gewesen. Gwen hoffte, hier noch länger wohnen zu können, denn es gab ein Labyrinth aus großen Steinen, das sie besuchte, wenn sie nachdenken wollte. An einer sonnigen Stelle wuchsen leckere wilde Möhren. In der Mitte der Insel standen alte Orangen- und Apfelbäume und am Strand sogar Kokosnusspalmen, die sie beide so liebten.

Mit einem genussvollen »Iaaa« glitt Gwen in die Brandung. Wie wohl ihr das samtweiche Wasser tat, das ihren Körper einhüllte und sie so leicht trug. Sie drehte sich auf den Rücken und ließ sich sanft von den Wellen schaukeln. Mit ihren schwarz-weiß gestreiften Flossen schaufelte sie sich das Wasser über ihren runden Bauch und betrachtete dabei die funkelnden Wassertropfen, die von ihrem hellgrauen Fell abperlten.