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Die Ordnung der Sterne über Como

Inhaltsübersicht

Die Erdzeitalter

Der Verehrer

Betty Morgenthal

Tom Holler

Weg der Schnecke

Das neue Leben

Der Lutz-Wegener-Abend

Der ganz allgemeine Tod

Fliegen

Schwiegerelternsonntag

Genua

Tag Zwei

Brieffreunde

Aha, das Meer

Das Zimmer des Wesentlichen

Beleuchtungsprobe

Rumfahren

WG

Die Liebe (allgemein)

Die Liebe (theoretisch)

Die Liebe (von fern)

Lebensunterhaltung

Das Meer der Möglichkeiten

Der Hundezettel

Das Konzert

Die Freundschaftsgalaxie

Die Freundin

Hotel Marina 1

Die gute Stube der Erinnerung

Keine Ahnung

Der Lebenslauf der Eintagsfliegen

Liebeseinsamkeit

Man kann es sich ja nicht aussuchen

Kurzer Dialog

Schneechaos

Ihr Blümlein alle

Der Liebesscheinwerfer

Aquaplaning

Eine Affäre in Genua oder: Osterhasen-Holler

Scheisszeit

Aschberg/Rhön

Der Schumann-Moment

Chääsmusik

Blumenroulette

Der Vollidiot

Einen Tag schwimmen

Die Ordnung der Sterne über Como

Rom, Stadt der Mode

Silvaplana

Schnee

Heimweg oder: Das Leben ist kein Campingplatz

Die Signora-Bonardi-Woche

Nacht

Morgen (nun will die Sonn’ so hell ...)

Morgen ist auch ein Tag

Besuchen sie mich einmal

Bis dann

Ein Jahr

Lebensmittwoch?

Der Gesang der Graumeise

Renovierung

Der Aufstieg

Das Pony oder: Geschichte der Liebe, Teil 2

Naufragio – Schiffbruch

Das Vorspiel

Die Länge des Augenblicks

Hotel Marina 2

Morgen früh am Hafen

Tirrenia

Für C.

Liebe und Tod sind da, das ist alles,

was man dazu sagen kann.

Roland Barthes

DIE ERDZEITALTER

An einem Spätabend, dem Wetter nach zu urteilen irgendwo zwischen November und Februar, bekam Holler unerwarteten Besuch von seiner Ehefrau, die, wie sie sagte, ein paar Kleinigkeiten abholen wollte. Obwohl sie noch einen Schlüssel hatte, klingelte sie mit dem Handy kurz bei ihm an, um nicht einfach so hereinzustürzen, aus heiterem Himmel, sagte sie, was angesichts der Witterungsverhältnisse unpassend erschien, denn der Himmel hing tief, und in den Lichtkegeln der Straßenlaternen wirbelte Schnee. Die Ehefrau berichtete dem Anrufbeantworter, dass sie zufällig in der Gegend und in circa fünf Minuten in der Wohnung sei. Thomas, der vermutlich neben dem Telefon stehe, solle sich also nicht wundern. Thomas wunderte sich aber trotzdem.

Er hatte, als es klingelte, nicht neben dem Telefon, sondern am Fenster gestanden. Die kahlen Winterbäume entlang der S-Bahn und die von Licht durchbrochenen schwarzen Fassaden der gegenüberliegenden Wohnhäuser waren nur undeutlich zu erkennen im Schneetreiben, das bis in sein Zimmer zu reichen schien. Er dachte an nichts, wenn nichts etwas ist, während das in sich bewegte und doch gleichsam in der Luft stehende weiße Geflimmer den Eindruck von Ewigkeit erweckte und großer Stille, wie sie in Schneehalbkugeln aus Plexiglas herrschen mochte und die erst durch das Klingeln des Telefons gestört wurde. Die Töne näherten sich von weit her, und als sie bei ihm anlangten, war die Stimme seiner Frau schon wieder verklungen. Das abschließende Tuten des Apparats erschien ihm nun lauter, nadelte in den Ohren. An der hektischen Reflexion auf der Fensterscheibe sah er, dass der Fernseher geräuschlos lief, und als sein Spiegelbild aus der Nacht vor ihm auftauchte, bemerkte er die längst verloschene Zigarette in seinem Mundwinkel. Auch fiel ihm, als er sich umwandte, um das Gerät auszuschalten, die Unordnung im Zimmer auf: die über die Holzdielen verstreuten Kleidungsstücke, leeren Sixpack-Kartons, Flaschen, zerknüllten Notenpapiere und darüber der Staub, der viele Staub, und alles das machte, wie er plötzlich dachte, den widersprüchlichen Eindruck einer über die Maßen bewohnten, gleichzeitig längst verlassenen Wohnung.

Es war aber sinnlos, noch ans Aufräumen zu denken. Schon als er im Badezimmer stand, wo er sich vor dem Spiegel mit der einen Hand durchs Haar fuhr, um wenigstens dieses zu ordnen, und mit der anderen sein Hemd in die Hose klemmte, hörte er das Kratzen des Schlüssels in der Tür.

»Hallo«, sagte Hedda.

»Hallo«, sagte er.

Sie war umschwebt von einem leichten Frostgeruch, dem Hauch eines Parfums auch, das Holler nicht kannte. Schneekristalle lagen auf ihrem hellen Haar und glitzerten im Licht, im Taschenlampenlicht seines Blicks, das sie nur flüchtig gestreift hatte und dem doch nicht entgangen war, dass sie ihren Hals sofort etwas gestreckt hatte, bemüht offenbar, über alles hinwegzusehen, über das, wie sie es nennen würde, Chaos, einschließlich seiner Person, aber er hätte ihr Gesicht viel genauer beobachten müssen, um auch das heimliche Entsetzen zu erkennen, das ihre Augen kaum merklich weitete. Sonst bewahrte sie Haltung. Sie erinnerte an eine Königin, die ein Leprakrankenhaus besucht.

»Du bist also da«, sprach die Königin.

»Ja, ich bin da«, sagte er. Er hatte lange nicht gesprochen und wunderte sich über den Klang seiner Stimme. »Du«, fuhr er fort und hob die Schultern etwas an, »bist ganz nass.«

»Es schneit«, sagte sie.

»Ich weiß«, sagte er.

»Aber der Schnee bleibt nicht liegen.«

»Tja«, sagten beide fast gleichzeitig, als bedauerten sie die Vergänglichkeit des Schnees oder etwas anderes, und sahen zu Boden. Ein Lächeln balancierte unsicher auf ihren Mündern, bevor es herunterfiel. Sie standen weit voneinander entfernt. Der lange Flur, der sie verband und gleichzeitig trennte, schien tief in die Vergangenheit hineinzureichen. Es war sehr still. Erst als Holler, die Hände in den Hosentaschen, mit der Fußspitze einen leeren Pizzakarton langsam um einige Zentimeter verschob, während er heimlich Heddas Schuhe betrachtete, helle, von Schneenässe verfärbte Wildlederstiefel mit einem dünnen hohen Absatz, da sie, die immer etwas größer gewesen war als er, es nun sicher genießen würde, sich seinetwegen nicht mehr kleiner machen zu müssen, erst da entstand ein leises Geräusch. Er schob den Pizzakarton wieder zurück. Er hob die Augenbrauen, atmete ein, als ob er etwas sagen wollte, sagte aber nichts.

Hedda blickte in die Tiefe des Flurs. »Du siehst dünn aus«, sagte sie.

»Ich bin dünn«, sagte er, dachte aber, dass sie ihn unwesentlich vorher für zu dick gehalten hatte.

Sie lächelte mit ihrem linken Mundwinkel. Beide sahen knapp aneinander vorbei in entgegengesetzte Ecken des Flurs, der sich auszudehnen und zu krümmen schien, bis Hedda, um sich zu retten aus dem Abgrund der Jahre, den Kopf noch höher hob und zu reden begann. Leider habe sie es total eilig, sagte sie mit ihrer ihn an einen nordischen Fluss erinnernden Stimme, und indem sie hastig an ihm vorbei in Richtung Schlafzimmer strebte, begann sie, etwas lauter als notwendig die Dinge aufzuzählen, die sie mitzunehmen beabsichtigte.

Holler, der mit verschränkten Armen an der Wand lehnte, hatte kurz den Eindruck, als ginge sie direkt ins Dunkel der Vergangenheit hinein. »Nimm ruhig alles mit«, sagte er.

Unter anderem, rief Hedda, die ihn gar nicht gehört hatte, handle es sich nämlich um die dreibeinige Mahagoni-Kommode, die gerahmte Italien-Fotografie über dem Esstisch, einige weitere Bilder, außerdem noch dies und das, technische Kleinund Küchengeräte und die Keramikschüssel mit dem Pflanzenmuster, ein Hochzeitsgeschenk, wie er wisse, einer norwegischen Verwandten, Kunstsammlerin in Oslo, deren Hund, ein gewisser Hanno, Mops, ihm, wie er sich vielleicht erinnere, bei einem Besuch einmal fast das Hosenbein zerrissen hätte, der sei jetzt übrigens gestorben, rief sie aus einem der Zimmer, als müsse das eine Genugtuung für ihn sein. Wo denn die Schüssel sei?

»Ich weiß nicht mehr, ich glaube, sie ist mir kaputtgegangen«, rief er. Auf einmal sah er Hedda wieder im Türrahmen, eingehüllt von Frostdunst, der aus dem beleuchteten Hausflur mit ihr hereingeströmt war. Er sah sie in einem Park, sieben Jahre jünger. In einem sie schattenhaft bedeckenden Kleid.

»Na ja, mach dir nichts draus!«, rief sie.

»Ich mach mir eigentlich nichts draus.«

»Was?«

»Nichts.«

Mit viel Abstand, so dass ihre Schulter die Wand streifte, ging sie an ihm vorbei über den Flur und bahnte sich den Weg durch den Müll, schwebte fast darüber hinweg auf einem Luftkissenboot der Höflichkeit. Ihr aufrechter Rücken, das eiserne Lächeln, wenn ihr Absatz doch einmal in der Schaumstoffverpackung eines chinesischen Nudelgerichts stecken blieb, ihre geschäftigen Bewegungen und ihr selbstverständlicher, zu selbstverständlicher Gang, signalisierten ihm, dass sie den Müll gar nicht sah, dass er ihretwegen Müll anhäufen konnte, so viel er wollte, und ruhig eine Müllsammlung anlegen sollte, ein Abfallmuseum, wenn er Lust dazu hätte. (Hatte er aber nicht.)

Er sah die Spitze ihres Pferdeschwanzes hinter der Badezimmertür verschwinden.

Wenn er eines Tages den MP3-Player finden sollte, sagte sie, dann könne er ja anrufen. »Welchen MP3-Player noch?«, fragte er, aber seine Ehefrau hörte ihn nicht, weil sie im Badezimmer klapperte. Ob sie das Arzneischränkchen mitnehmen könne, rief sie, da seien noch allerhand Sachen drin. »Klar, schmeiß einfach alles auf den Boden«, sprach er, hörte aber, wie die Ehefrau alles ausräumte und auf die Waschmaschine stellte, klack, klack und klick. Dann stand sie hochaufrecht im Flur. »So«, sagte sie. Ihre Gegenstände hatte sie neben der Eingangstür zu einem Turm aufgestapelt, und Holler überlegte, ob er sich unbemerkt daruntermischen sollte. »Gut! Dann hast du ja alles«, sagte er.

»Ja. Ich denke, ich habe alles«, sagte sie, aber sie zögerte, und ihr Gesicht wurde weich, schien an Tiefenschärfe zu verlieren, während sie ohne den geringsten Vorwurf ihm gegenüber (er nahm es erstaunt zur Kenntnis) mit ihren schlanken Fingern langsam über die Italien-Fotografie wischte, um den Staub zu entfernen.

»Weißt du noch, wie es hieß?«, wollte er fragen – die Fotografie war in irgendeinem August entstanden, da sie, während alle vernünftigen Menschen ans Meer fuhren, für eine Woche in einem glühenden Bergdorf nahe Bari gewesen und stundenlang verdorrte Hügel hinauf- und hinabgewandert waren –, aber da hatte sich ihr Gesicht schon wieder geschärft, und er ließ es sein. (»Nie tust du etwas!«) Er überlegte nur, wo all die Zeit hingekommen war, und Hedda sagte: »Ja, ich glaube, das war’s tatsächlich.«

Als sie, ohne seine Hilfe in Anspruch zu nehmen, gegangen war, erschien ihm die Schneekugelstille vollkommen. Ins Schlafzimmer floss etwas Straßenlicht und beleuchtete das helle Viereck, das von einem der fehlenden Gegenstände, einem Bilderrahmen, an der Wand hinterlassen worden war. Das Viereck erstaunte ihn. Auch erstaunte ihn, dass Hedda im Unterschied zu ihm selbst immer genau gewusst zu haben schien, was wem gehörte, dass sie die Umrisslinien, die Grenzen ihrer Gegenstände und ihrer Person, auch nach sieben Jahren des Zusammenlebens noch in voller Deutlichkeit wahrnahm, während er selbst das Gefühl hatte, die Konturen aller Dinge seien längst verschwommen, ineinandergelaufen wie auf einem dilettantischen Aquarell, der Tisch, das Sofa, Ich, Du, ein schmutziger ausufernder Farbfleck.

Als wüsste er endlich, was zu tun sei, ging er in sein Arbeitszimmer hinüber, wo seit Wochen nicht gearbeitet, sondern höchstens ferngesehen wurde. Er setzte sich an seinen Tisch, grub aus einem Papierhaufen ein zerknülltes Notenblatt und strich es glatt. Auf seinem Schreibtisch lag seit längerem ein Buch, »Geschichte der Erdzeitalter«, das er sich irgendwann gekauft hatte. Ich hätte es vielleicht doch zu Ende lesen sollen, dachte er. »Liebe Hedda«, schrieb er. Die Spitze des Bleistifts zerkratzte die Stille. »Du wunderst dich sicher, einen Brief von mir zu finden«, schrieb er, »aber du kannst ihn ja wegwerfen.« Er hielt inne, zündete sich eine Zigarette an und beobachtete den Rauch, der in langsamen Schnörkeln zur Decke stieg und sich auflöste. Sieben Ehejahre, überlegte er, der Unermesslichkeit der Erdzeitalter gegenübergestellt, werden sich zu letzteren verhalten ungefähr wie eine einzige Viertelnote zum Werk aller Komponisten, die zweit-, dritt- und die viertklassigen eingerechnet.

Am nächsten Morgen, nachdem er aufgestanden war, sich rasiert und sorgfältig angezogen hatte – gebügeltes weißes Hemd, denn im gebügelten weißen Hemd hatte er Hedda gefallen, einigermaßen zumindest, sogar noch zuletzt –, warf er den Brief, den er mit »Dein Thomas« unterzeichnet und in ein altes Sparkassenkuvert gesteckt hatte, in ihren nagelneuen Briefkasten, auf dem nicht Hedda Groning-Holler, sondern bloß wieder Groning stand.

Er grüßte einige Arbeiter in Heddas Hinterhof (»Creative-Village-Loftwohnungen« war hier auf einem riesigen Bauplakat zu lesen), die, pfeifend, bedächtig herumgingen. Er sah ihre Gesichter genauer, als er es wollte. Sie aber nahmen kaum Notiz von ihm.

Zu Hause machte er Ordnung. Er räumte auf, warf den Müll fort oder das, was er dafür hielt. Er putzte, entfernte sogar die in der Heizungsluft vibrierenden Spinnweben an den Möbelabdrücken, was Hedda erfreuen würde, und immer wieder sagte er sich, dass er es ihr nicht verdenken könne, wenn sie nur mehr wieder Groning hieß, schon jetzt, wie es auf ihrem Briefkastenschild zu lesen gewesen war, auch wenn es nicht – noch nicht – ganz der Wahrheit entsprach, aber er konnte es verstehen.

Das Bad sparte er aus. Es überstieg nun doch seine Kraft.

In der Küche füllte er ein Glas mit Leitungswasser. Er trank es in einem Zug aus. Wieder füllte er das Glas und goss eine Pflanze, die seit Jahren auf dem Fensterbrett stand, einen Rosmarinstock, von Hedda vergessen und vertrocknet. Er füllte das Glas ein letztes Mal und ging damit in sein Arbeitszimmer, wo er die Schreibtischschublade öffnete und ein Döschen herauszog und die darin aufbewahrten Tabletten ins Glas schüttete, bevor er es sorgfältig wieder verschloss und in die Schublade zurücklegte. Er konnte auch ordentlich sein, wenn er wollte.

Mit dem Interesse eines Chemikers beobachtete er, wie die Pillen sich auflösten. Sorgsam trug er das Glas vor sich her und ging zu seinem Flügel. Aber er spielte nicht, sondern sah in das Glas, das vor ihm auf der dunklen Holzfläche stand. Er wartete, dass sich alles vollständig auflöste, während der Name des italienischen Wüstendorfes sich in seinem Gedächtnis immer mehr verdichtete und plötzlich deutlich hervortrat: Monticchio.

DER VEREHRER

Betty Morgenthal hatte einen Verehrer. Er war jung, kaum dreißig, Assistenzarzt am Poliklinikum Neapel, und er hatte sie, am Kreis der interessierten Krankenschwestern vorbei, erwählt mit der Zielstrebigkeit eines abgeschossenen Pfeils. Nur flog dieser langsam, und sie eilte langsam vor ihm davon. Im Operationssaal, wo ein Weglaufen nicht denkbar war, verbarg sich Anästhesistin Morgenthal hinter dem Schutzschild des senkrecht gespannten grünen Tuches, um ihrer vom Piepsen der Monitore und Pumpen der Beatmungsmaschine geordneten Arbeit ungestört nachzugehen.

Carlo Vitelli, den sie in Gedanken immer beim Vor- und beim Zunamen nannte, obwohl man sich eigentlich duzte, bestand nicht nur im OP, sondern auch sonst hauptsächlich aus Augen. Sie taten sich vor Betty Morgenthal auf wie ein Abgrund, was sie aber nicht davon abhielt, an Vitellis Tiefgründigkeit zu zweifeln. Wenn sie einander in einem der Korridore des Poliklinikums begegneten, lächelte sie unverbindlich, fixierte etwas weit Entferntes und zog mit ihrem lautlosen Anästhesistinnengang an ihm vorbei. Sie wusste, seine Liebe würde vergehen. Der Pfeil des Begehrens würde mitten im Flug abstürzen oder noch abgelenkt werden von einer Medizinstudentin aus besserem Hause oder einer ärztesammelnden Schwesternschülerin. Wenn sie etwas gelernt hatte bisher in ihrem Leben, dann zweierlei: Überprüfe immer und unter allen Umständen den Sitz des Beatmungstubus, und – eine Weisheit, die ihr schon die Tübinger Großmutter mitgegeben hatte – : »Kommt’s allein, geht’s allein.«

Betty Morgenthal hatte auch einen Ehemann.

Morgens beim Frühstück, wenn sie Alfredo gegenübersaß, der redete und Kaffee eingoss und sich mit der Hand vom rechten zum linken Ohr hin über den Kopf strich, wo er sich nachdenklich kratzte, dann weitersprach, ohne aber weiterzuessen, zurückgelehnt plötzlich, als wäre ihm vor Aufregung der Appetit vergangen, denn er referierte über nichts Geringeres als den kommenden Weltkommunismus, der alle Menschen gleichermaßen zu Dante-Lesern machen würde, und zwar alle, die Putzfrau und auch den Drogenabhängigen, weil es einfach das gute Recht aller Menschen und nicht einiger weniger sei, Dante zu lesen etc., und wenn sie dann lächelnd in ihr Müsli hinabschaute, auf die Rosinen, die Apfelstückchen, die Bananenscheiben in Milch, die sich langsam braun verfärbten, stellte sie sich manchmal vor, wie sie mit ihm, ihrem Ehemann, in dreißig oder vierzig Jahren an diesem Frühstückstisch säße und er spräche über Dante und sie schaute ins Müsli hinab, und dann geschah es, dass sie dieses Bild nicht nur nicht ängstigte, sondern, im Gegenteil, dass sie es in Realität herbeiwünschte, und zwar sofort.

»Woran denkst du? Betty?«, fragte er dann.

»An nichts, an uns«, sagte sie.

Alfredo Sandri, der nicht nur die deutsche Literatur, das deutschsprachige Theater, sondern auch das deutsche Frühstück liebte – »Goethe, Musil, Müsli« –, wie er Betty schon in der Stunde ihres Kennenlernens mit vor der Brust gefalteten Händen eröffnet hatte, Alfredo war, nachdem er wie jeden Tag den Frühstückstisch gedeckt hatte, an einem frühlingswarmen Wintermorgen auf den an die Küche angrenzenden kleinen Balkon hinausgetreten, um auf seine Frau zu warten. Seine Kiefermuskeln arbeiteten, als wären sie daran beteiligt, zähe Gedanken zu zerkauen. Betty, etwas größer als er, trat auf ihn zu, umfasste ihn von hinten und blickte an seiner Wange vorbei auf ein Geschachtel von Dächern alter Palazzi, vielstöckiger beigefarbener Mietshäuser, Antennengeflecht. Nur wenn man sich weit über das Geländer hinauslehnte und den Kopf scharf nach rechts wandte, sah man das fern in der Tiefe wie zähflüssig liegende Meer. Alfredo beugte sich vor, tat, als fiele er, fielen sie beide vom hohen Balkon, sie lachten. Man sehe hier, sagte er, bereits wieder ernst, von oben auf alles herab, obgleich man nichts sehe. Mit schmalen Augen blickte er gegen das Licht. Ein feiner Strahlenkranz von Falten wies in Richtung Haaransatz, wo schon ein Anflug lag von Grau, das noch nicht zu diesem Gesicht passte, wie für einen Film hineingefärbt wirkte. »Ich mag diese Aussicht nicht. Ich mochte sie nie.«

»Du wirst dich dran gewöhnen. Die Luft ist besser.« Betty atmete hörbar ein, sah an seiner Wange vorbei über das Meer, das glatte Blau des Himmels.

»Ma che aria«, sagte Alfredo, dann verhaltener, wie ein Echo: »Che aria.« Er richtete sich auf, sprach weiter, belebter nun, mit wippendem Oberkörper, und erklärte, dass übrigens nichts sich geändert habe, und begann auszuholen zu einem Diskurs über den Zusammenhang des sozialen mit dem geographischen Gefälle in der Stadt, die Armen unten, die Reichen oben, wie seit jeher.

Betty, die das bereits kannte, ließ ihre Hände an seinem Wollpullover hinabgleiten und ging in die Küche zurück. Hier standen, wie in Flur und Zimmern, noch Umzugskartons herum, die inzwischen als Ablageflächen und Regale fungierten. Schon hatte sich Staub auf ihnen niedergelassen und sie zu Einrichtungsgegenständen befördert.

Erst vor wenigen Wochen waren sie von dem chaotischen, lärmenden und sozial benachteiligten Stadtteil mit dem euphemistischen Namen »Montesanto« auf den Hügel gezogen, in den bürgerlichen Stadtteil Vomero, was sich aufgrund von Verbindungen so ergeben hatte; auch deshalb, weil die Einzimmerwohnung auf dem »Heiligen Berg« definitiv zu klein geworden war für einen Kulturredakteur und eine Anästhesistin. Weil außerdem Betty und zufällig auch Alfredo nacheinander innerhalb weniger Wochen überfallen und ausgeraubt worden waren, was in Montesanto mitunter passierte, im Vomero eher nicht, und weil ein Arbeitskollege die geräumige Wohnung zu besonders günstigen Konditionen an Alfredo Sandri mit Frau vermietete, und weil sie keine fünfundzwanzig mehr waren und auch keine dreißig und Lebensabschnitte endlich sind, was an sich kein Grund zur Verzweiflung war. Alfredo aber hatte am Tag des Umzugs als Ausdruck seiner Trauer eine schwarze Krawatte um den Hals gebunden, weshalb zumindest seine Frau hatte lachen müssen, wie sie oft über ihn lachen musste, auch wenn er gar nicht beabsichtigte, einen Witz zu machen.

Beim Frühstück berichtete er halbherzig über die Goldoni-Premiere, die er am Abend zuvor gesehen hatte. »Sie entkleiden sich jetzt auch in Italien immer«, sagte er, »bei jeder Inszenierung.« Irgendein Regieassistent habe es vermutlich einmal in Berlin oder in Wien oder in Zürich gesehen, wo sie es längst schon nicht mehr machten, aber in Italien hielten sie es jetzt für modern, also hatten sie sich schon im ersten Akt ihrer Kleider entledigt, woraufhin er selbst spontan eingeschlafen und erst in der Pause wieder erwacht sei. Sie lachten beide. Betty vor allem deshalb, weil Alfredo, wenn er Deutsch sprach, solche Worte benutzte, entkleiden, sich entledigen, erwachen, Begriffe, denen man nur noch in Konversationslexika aus dem 19. Jahrhundert oder in Opernlibretti begegnete.

»Und was wirst du jetzt schreiben?«

»Dass ich eingeschlafen bin.« Sein Gesichtsausdruck hatte sich verändert, nur das Lächeln lag noch auf seinem Mund, als wäre es dort vergessen worden.

»Jetzt bekommen wir bald Kinder«, sagte er auf Italienisch, in einem Ton, in dem andere sagen, jetzt sterbe ich bald. »Wir kaufen eine Schrankwand. Wir schließen eine Lebensversicherung ab!«

Betty lächelte. Sie ahnte seit längerem, dass Alfredo, der Kinder angeblich für verzichtbar und spießig hielt, insgeheim vielleicht nichts gegen eines einzuwenden hätte. »Schrankwand und Lebensversicherung meinetwegen«, sagte sie leichthin und wischte mit der flachen Hand einige Müsliflocken vom Tisch.

Als sie ihn zum Abschied flüchtig auf die Wange küsste, hielt er ihre Handgelenke fest, stand auf und umarmte sie, nicht wie man sich für einen Arbeitsabschied umarmt, sondern wie für einen Reiseabschied, mindestens zwei Wochen Übersee. In der Tür drehte sie sich noch einmal nach ihm um, er nahm ein schmutziges Geschirrhandtuch von der Spüle, legte es sich um die Hüften: »Heute Abend gibt es eine schöne Lasagne.«

Mit seitwärts ausgestreckten Armen ging er einige Schritte rückwärts, ohne seine Frau aus den Augen zu lassen, drehte eine Pirouette, die verunglückte, aber Betty lachte, als sie aus dem Hausflur in die Helligkeit des Tages trat.

Wenn sie die Piazza Bellini überquerte, das Musikkonservatorium passierte, das schräg gegenüber vom Poliklinikum lag, beschleunigte sich ihr Schritt. Ihre Beine hasteten über das holprige Pflaster, an den Palmenkübeln, Cafétischchen, den Bücher- und Notenständen vorbei, drängten sich durch Reisegruppen, die mit aufgerissenen Augen und schiefen Köpfen den Glockenturm der Kirche San Pietro a Majella anstarrten. Sie hingegen, eilend, sah nur den Boden, das holprige Pflaster aus dunklem Vulkangestein, wenn sie an dem riesigen Renaissancegebäude vorbeirannte, aus dessen hohen Fenstern Klavierläufe wogten oder Gesangsgirlanden, Violinenzickzack.

In ihren ersten Jahren in Neapel hatte sie meist andere Wege gewählt. Als sie noch mit Alfredo in Montesanto gewohnt hatte, war sie, um das Konservatorium zu umgehen, lieber von der Via Roma über die Via Vincenzo Bellini gekommen, anstatt, wie es sich anbot, von der Piazza Dante direkt in die Via Port’ Alba abzubiegen, aber da man sich an alles gewöhnt, auch an die Außenfassade eines, wie sie sich sagte, drittklassigen Musikinstituts, ging sie jetzt täglich zweimal daran vorüber.

An diesem frühen Morgen hörte man aus dem Gebäude schon Klavierakkorde, und Betty zögerte einen Moment zu lange. Es war die Klavierexposition eines Schumannliedes, und wie ein Sonnenlichtstrahl, ein umgekehrter, drang durchs geöffnete Fenster heraus die Gesangslinie. Ein junger Tenor sang die »Mondnacht«, hell. Er hatte Probleme mit der deutschen Aussprache, mit den Umlauten, auch mit dem »h«, das er stärker aspirierte als notwendig – »es war als chätt der Chimmel /die Erde still gekusst«. Betty hielt ihr Gesicht schräg ins Licht dieser Stimme, schloss die Augen.

Sie kam spät in die Klinik. Demonstrativ verstummte im Besprechungszimmer der leitende Chefarzt De Santis, bis sie sich gesetzt und ihre Unterlagen zurechtgelegt hatte. Carlo Vitelli wurde während der gesamten Besprechung von Betty mit der Schere ihres Desinteresses scharfkantig aus dem Raum getrennt, obwohl sie auch heute, wie in den letzten Wochen meistens, größeren Wert auf die Auswahl ihrer Kleidungsstücke gelegt hatte, um zumindest äußerlich annähernd seinen romantischen Vorstellungen zu entsprechen, die Kontur seiner Vorstellung auszufüllen mit etwas Wimperntusche und engen Jeans, denn es war einige Zeit her, dass ihr jemand eine derartige Aufmerksamkeit geschenkt hatte.

Als sie über den langen Flur in Richtung OP lief und keineswegs auf den wartete, der, wie sie annahm, hinter ihr herkam, war sie sich ihres Ganges bewusst, des geschmeidigen, etwas gebogenen Oberkörpers, Birke im Wind, und der Geste ihrer Hand, die das kupferbraune Haar, das, wie man sagte, glänzte, hinter die Schulter gleiten ließ, wo es eine einzige Fläche bildete und hin und her schaukelte.

Der erste Patient an diesem Morgen war ein 84-jähriger Anwalt aus der Provinz Benevent. Mehrfach operiertes Kolonkarzinom. Jetzt hatten die Angehörigen zugestimmt, dass man ihn ein weiteres Mal von »innen inspiziere«, wie sich De Santis scherzend auszudrücken pflegte. Wenn der Arzt scherzt, so mochten sich die Angehörigen gesagt haben, dann kann es so gravierend nicht sein, dann ist von Tod überhaupt noch nicht die Rede. Schließlich glaubt kein Lebender an den Tod. Jeder Lebende, dachte Betty, die Vitalparameter auf dem Monitor fixierend, jeder ist davon überzeugt bis zuletzt, dass der Tod an der eigenen Familie vorübergeht.

Sie stellte sich den Anwalt als Kind vor. Wie das Anwaltskind über eine kleine Weltkugel hüpft, durch hüfthohes Gras, und keine Zeit und kein Alter, nur ausgedehnte Gegenwart, Blumen und so weiter. Bienen. Und keine Ahnung, wo das Leben unvermeidlich eines Tages hinläuft: an die gekachelte Wand irgendeines Poliklinikums.

Aus dem Radio dudelte die Pastorale von Beethoven. »Die Eroica«, sagte De Santis, Betty lächelte still.

Zu Mittag Spaghetti alle Vongole. Betty hatte sich allein an den hintersten Tisch der Kantine gesetzt und sah kauend aus dem Fenster auf den Parkplatz des Poliklinikums, wo Asphaltmulden mit Licht ausgegossen waren. Als sie schon beim zweiten Gang war, sah sie De Santis mit Gefolgschaft, darunter Carlo Vitelli, vorüberschweben wie ein Tross von Schwänen mit gespreizten Flügeln der Kittelschöße. Wenig später öffnete sich die große Glastür, und die weiße Gefolgschaft nahm an einem Tisch im vorderen Bereich Platz. Betty beobachtete aus dem Augenwinkel, wie Carlo zögerte, das Tablett vor seine Brust geklemmt, und den Blick durch den nur spärlich gefüllten hohen Raum schickte, sie dann offenbar entdeckte, sich in einem Ruck zur Theke drehte, um sein Menü abzuholen, und anschließend mit einem flüchtigen Gruß zum Oberärztetisch auf sie zusteuerte. Betty griff sich eine der herumliegenden Zeitungen.

»Darf ich mich setzen?«

»Hm?«

»Darf ich?«

»Klar«, sagte sie und schob die Zeitung zur Seite, damit er sein Tablett abstellen konnte. »Setz dich.« Sie blinzelte und senkte den Blick in die Zeitung hinein, zwirbelte mit den Fingerspitzen eine ihrer Haarsträhnen vor der Schulter, den Oberkörper andeutungsweise höflich zu ihm hingedreht, während die Augen noch an diesem Artikel über eine Korruptionsaffäre hingen, der zu Ende gelesen werden wollte.

Die Kröte sei gut gelaunt heute, sagte Carlo Vitelli nach einem Räuspern. Er war der Einzige außer ihr, der De Santis wegen seiner winzigen Augen hinter der stark verkleinernden Brille und der sich nach oben hin verjüngenden Kopfform die Kröte nannte, was sie als unangenehme Überschreitung empfand, Vorspiegelung einer Komplizenschaft, die es nicht gab.

»Was sagst du wieder dazu?«, fragte sie und zeigte, weil sie wusste, dass er nichts dazu zu sagen haben würde, auf den Zeitungsartikel.

»Tja.« Er hob die Schultern, schluckte hörbar, wodurch an seinem Hals eine kantige Wölbung auf und ab hüpfte. Er hatte noch nichts angerührt, saß nur da wie ein artiger Schüler, der auf das Signal zum Anfangen wartet.

Wenn er nicht langsam esse, werde alles kalt, sagte sie im Ton einer fürsorglichen Tante, blätterte in der Zeitung, und er begann wirklich zu essen, und ihr entging nicht der feine Schwung seines Handgelenks beim Entfalten der Serviette, der auf seine Herkunft hindeutete, weit oben in der Stadt.

Sie blätterte eine zweite, offenbar ältere Zeitung durch. Sie spürte auf ihrem Gesicht den Zeichenstift seiner Vorstellung, der sie retuschierte und mit Weichzeichner versah, und als sie unvermittelt über den Rand der Zeitung zu ihm aufblickte und er hastig die Lider senkte, hatte sie plötzlich das Gefühl, ihn nicht als das zu sehen, was er augenblicklich war, sondern als das, was er in spätestens fünfzehn Jahren sein würde: ein Chefarzt mit Bauchansatz, hoher Stirn aufgrund von Geheimratsecken, mit zwei bis drei hübschen Kindern und einer ebenso hübschen, dunkelblonden Gattin, wohnhaft in Posillipo oder einer besseren Gegend des Vomero, alle wie für ein Familienfoto auf einem antiken wertvollen Sofa angeordnet, lächelnd. Sie kann im Zimmer seiner Zukunft herumgehen und sich einen Augenblick lang mit der lächelnden Familie aufs Sofa setzen und bleibt doch ein Gast, der dort nicht hingehört.

Carlo räusperte sich, tupfte mit der Serviette über den Mund, bevor er sie zusammenfaltete und unvermittelt von einem Chirurgenkongress in Mailand zu reden begann. Hochkarätig besetzt, aber im Grunde sei es ja immer dasselbe. Dann schwieg er wieder. Sie blätterte in der Zeitung, hörte, wie Carlo sich räusperte, das Trommeln seiner Fingernägel auf dem Tisch, Geschirrklirren, die Glastür, die aufflatterte und mit einem Schwung zuschlug. Alle Geräusche erschienen größer zu dieser Stunde der fast leeren Kantine, der langsam, Sekunde um Sekunde, verrinnenden Mittagspause. Betty sah auf die Uhr. Vom Oberärztetisch flog schallendes Gelächter herüber, und ihr Blick sprang vom Zifferblatt zurück auf die Feuilletonseite, wo er abrupt bei einem Foto stehen blieb: ein Jazzquartett auf einer großen Bühne, die Gesichter weiß, etwas überbelichtet durch die Scheinwerfer, und doch erinnerte sie der Pianist an jemanden, eine Ähnlichkeit war es, nichts weiter, die Kopfhaltung oder das offenbar dichte dunkle Haar, die Körperhaltung im Allgemeinen, die nach vorn geneigten Schultern, der gebeugte Nacken, während der Blick aber erhoben ist zu dem in der Mitte stehenden Kollegen, den sie nun deutlich erkannte, weil es Diedrich ist, genannt Didi, von Jagow, der Saxofonist mit der lockigen, bis zum Kinn reichenden Frisur und dem etwas speckigen, scheinbar alterslosen Gesicht, und demnach kannte sie auch den Pianisten.

Vitelli sagte: »Qualitätsmanagement.« Betty nickte. Vitelli sagte: »Die Mailänder sind ja schon immer Snobs gewesen.« Betty nickte, entzifferte die Bildunterschrift, und erst jetzt, als sie diesen Namen las, merkte sie, wie ihr Herz pochte, während sie wieder und wieder die Anordnung von Schriftzeichen las, die doch nur Schriftzeichen waren in bestimmter Reihenfolge auf Papier: Il Quartetto mare, Tom Holler, Pianoforte, die Auflistung der Tourdaten, Genova, Roma, Napoli, Palermo. Und gleichzeitig begann es in ihrem Kopf zu rechnen. Nicht sie rechnete, sondern etwas, das aber nicht gut rechnen konnte, rechnete: Wann ist das, heute ist … und so weiter, also übernächste Woche, Dienstag oder Mittwoch, wie auch immer.

»Betty!« Sie hörte ihren Namen, fühlte sich aber nicht angesprochen. Carlo, der ihre Verwirrung offenbar auf sich bezog, berührte sie leicht am Handgelenk. Sie sah es, sah zu ihm auf, brauchte lange, um ihn scharfzustellen. Sein Mund bewegte sich weiter, aber ohne Ton. Und auch seine Gesichtszüge verschwammen wieder zu einer hellen Fläche.

Plötzlich hörte sie ihn sagen: »Betty. Ich würde dich gerne zum Essen einladen.«

»Ja«, sagte sie, auf einmal froh, ihn zu sehen. »Total gern.«

BETTY MORGENTHAL

Monticchio hieß das Nest. Ein Labyrinth steinerner Gassen und kreisrunder Plätze ohne Schatten. Hedda hatte entschieden, dorthin zu fahren, »nein, nicht ans Meer«, hatte sie gesagt, »da fahren alle hin, wir aber fahren in die Berge«, was so viel heißen sollte wie: »Wir sind etwas Besonderes.« In Wahrheit aber war nur sie etwas Besonderes mit ihrer norwegischen Diplomatenherkunft, den dunklen Augen, die sich erst im hellsten Licht als blau erwiesen, und mit ihrer Sprache wie aus dem Deutschbuch, aber seit sie mit ihm verheiratet war, hatte auch er besonders zu sein. Monticchio also. Nach einer Woche flüssiger Sonne, die sich aus einem uferlosen tiefblauen Himmel ergoss, hatte sie dann entschieden, doch noch ans Meer zu fahren.

Soweit Tom Holler sich erinnerte, hatte er selbst nie in seinem Leben eine nennenswerte Entscheidung getroffen. (»Nie tust du etwas.«) Nicht, als er Ende der sechziger Jahre in einem südhessischen Dorf mit jener Selbstverständlichkeit gezeugt und geboren wurde, mit der man damals Kinder zeugte und gebar und Einbauküchen und pastellfarbene Autos kaufte, nicht, als er in der fünften Klasse begann, sich das Klavierspielen beizubringen, weil das Instrument zufällig in demjenigen Zimmer, dem Dachzimmer, stand, das am weitesten von seinen Eltern entfernt war, ebenso wenig, als er nach dem Abitur ins kohlendunkle Berlin ging, um Jazzpiano zu studieren, ganz und gar nicht zehn Jahre später, als er gegen alle Erwartungen anfing, mit seiner Musik Geld zu verdienen, Geld, das ihm erlaubte, Dinge zu kaufen, von denen sich nun jemand würde überlegen müssen, wie man sie wieder loswurde, und natürlich nicht, als er Hedda heiratete.

Und das war es im Wesentlichen mit biographischen Eckdaten: Geburt, Klavier, Schule, Ausbildung, Beruf, Heirat, Kinder (noch nicht eingetreten), Tod (noch nicht eingetreten). Alle Begebenheiten, die im Nachhinein hätten als Entscheidungen deklariert werden können, waren im Grunde Zufälle oder Notlösungen gewesen, um nicht zu verzweifeln, um nicht zu sterben, um nicht in Hessen bleiben zu müssen. Die wichtigen Dinge aber, dachte er, sie kommen nicht in Biographien vor, sie hängen zwischen den Zeilen.

Holler saß an seinem Flügel und starrte ins Glas, dessen Inhalt inzwischen milchig war, nahezu undurchsichtig. Er wollte es in die Hand nehmen und auch wieder nicht. Er hatte plötzlich den Eindruck, noch manches überdenken zu müssen und dass es so schlimm gar nicht sei, hier in der warmen aufgeräumten Wohnung zu sitzen, während vor den Fenstern trübnasses Wetter die kahlen Baumwipfel bewegte, seinen sich verzweigenden, von ihm fortfließenden Gedanken zu folgen in der Langsamkeit des Nachmittags. Mit einem Mal erschien ihm diese Tageszeit, leere, dehnbare Stunden, die von ihm bis vor einigen Wochen möglichst durch Arbeit oder andere Zerstreuung überdeckt worden waren, wenn auch nicht gerade angenehm, so doch als ein tiefer, nahezu wahrhaftiger Zustand.

Er streckte die Hand aus und drehte das Glas langsam um die eigene Achse, wie man einen Kristall bewegt, um Veränderungen der Lichtreflexionen zu bewirken. Er überlegte, ob er nicht irgendetwas vergessen hatte, ob er nicht doch das Bad …?

Er stand auf, die Hände in den Taschen, Zigarette im Mundwinkel. Er lief in die Küche, er lief ins Badezimmer, ohne sich entschließen zu können, betrachtete flüchtig sein von weißen Flecken und Spritzern bedecktes Spiegelbild, das zu putzen er aber keine Lust hatte, ging zurück ins Arbeitszimmer und setzte sich wieder vor das Glas hin und begann es vorsichtig zu drehen, so dass ein Streifen Helligkeit darüberglitt, als das Telefon klingelte. Dreimal klingelte es, und er erwartete das vierte Klingeln, dann die Stimme seiner Ehefrau, die er noch immer nicht vom Anrufbeantworter gelöscht hatte, stattdessen aber folgte schrilles Piepsen, das in die Stille schnitt, dann das Rattern und Ächzen des Druckers, der, seit Hedda ihre Kommode mitgenommen hatte, auf dem Fußboden stand. Ohne die Hand vom Glas zu nehmen, beobachtete er, wie das Papier aus dem weißen Plastikgehäuse herausstotterte und direkt neben dem Flügel liegen blieb.

Faxe waren selten. Er wartete ab, legte seine Hände übereinander in den Schoß, als hätten sie soeben eine Etüde beendet. Das mit schwarzen Tintenstreifen verschmierte Papier erinnerte an einen Zeitungsausschnitt, er beugte sich nach vorn, mit schmalen Augen, und sah, dass es ein Artikel aus der italienischen »Repubblica« war, überschrieben mit: »Il Quartetto mare – Worldjazz in Italia.« Darunter befand sich eine handschriftliche Notiz, die offensichtlich von seinem Agenten Jens-Christian Hepp dorthin gesetzt worden war. »Na, was sagst du??« oder »Na, was lagst du??«, was weniger Sinn ergab, und »Ruf mich bitte endlich zurück!«, zweimal unterstrichen. Holler erhob sich zögernd von seinem Klavierhocker, bückte sich und griff nach dem Papier.

Sie spielten in Italien. Es war ihm noch nie passiert, dass er einen Auftritt vergessen hatte. Es war erstaunlich und nicht lustig, und doch musste er lachen. Es war ein glucksendes Auflachen, das seine Schultern schüttelte, und er erschrak über das laute Geräusch, das aus ihm selbst kam. Aber er begann, es wirklich lustig zu finden: Er stellte sich ihre Gesichter vor, wenn er nicht käme, die Gesichter der Veranstalter, die Gesichter der Kollegen. Didis Wut vor allem, die er hinter einer gespielten Trauer würde verbergen müssen, was ihm schlecht gelänge. Warum ausgerechnet jetzt?, würde er sich fragen, warum jetzt, wo nach Italien gefahren wird? Hätte er es nicht um drei Wochen verschieben können? Hätte er nicht wenigstens Bescheid geben können?

Aber das konnte er ja wirklich nicht.

Es wurde ihm bewusst, dass er absolut frei war. Frei vielleicht wie nie, aber gleichzeitig fiel ihm auf, dass diese Freiheit, die in Form des Wasserglases vor ihm dastand, sich selbst schon wieder zu einer Art von Zwang einzudicken begann. Er hätte nicht sagen können, wann er die Entscheidung getroffen hatte (er, der nie eine getroffen hatte), ein Wasserglas mit aufgelösten Medikamenten vor sich auf seinen Flügel zu stellen, und letztlich handelte es sich wohl auch hier nicht um eine solche, sondern eher um die Anwesenheit gewisser Gedanken, die sich mehr und mehr zu einer Art Nebel verdichtet hatten. Nebel aber, bedachte er jetzt, konnte sich auch wieder auflösen.

Er zündete sich eine Zigarette an. All das hatte nichts mit ihm zu tun. Das Glas nicht, das Zimmer nicht, der Zeitungsartikel nicht.

Stumm blickte er auf das Foto hinab, und erstaunt, wie sich ein für Fasching geschminktes Kind im Spiegel das erste Mal betrachten mag, sah er sich selbst im schwarzen Hemd am Flügel sitzen, sah Didi mit blitzendem Saxofon unter dem Arm, Franz, den Hals des Kontrabasses mit ausgestreckter Hand haltend, und hinten, etwas verschwommen, Ulrich am Schlagzeug. Die Aufnahme war offensichtlich bei einem Konzert entstanden. Sie lachten. Ihre Blicke kreuzten sich, spannten ein Netz durch den Raum, im Moment vor dem großen Schlussapplaus. Irgendjemand hatte einen Witz gemacht (vielleicht Didi, vielleicht sogar er selbst), und dann schickten sie sich an, aufzustehen, sich bei den Händen zu halten, den Applaus entgegenzunehmen, wie es hieß. Er selbst hatte den Oberkörper vorgebeugt, den Kopf schräg angehoben. So sah er zu Diedrich hinüber, der in der Mitte stand, lachend. Ein Bild aus glücklichen Tagen, was waren wir glücklich, was war ich glücklich, sollte man denken. Aber der grinsende Tintenfleck auf dem Faxpapier, unterschrieben mit »Tom Holler, Pianoforte«, hatte definitiv nichts mit ihm zu tun.

Wie grauenhaft Fotografien sind, dachte er. Sieht man gut aus auf ihnen, trauert man den alten Zeiten nach, sieht man schlecht aus, ärgert man sich auch. Dann, ohne Übergang, dachte er: Die Fenster sind dreckig, wenigstens scheint keine Sonne. Und: Das Bad ist ein Müllhaufen. Ich sollte noch die Heizung ausstellen. Gleichzeitig oder um einen Sekundensplitter versetzt, dachte er, wie wohl das Wetter wäre in Italien, und ausgerechnet Italien, und seine Gedanken vervielfältigten sich, kreisten, bildeten unzählige kleine Wirbel in seinem Kopf, bis bald nur noch ein einziger weiß stäubender, riesiger Strudel übrig blieb, der alle übrigen Gedanken aufzusaugen schien und ein gleichmäßiges tosendes Geräusch zwischen seinen (etwas abstehenden) Ohren erzeugte. So saß er einige Minuten. An alles gleichzeitig oder an nichts denkend.

Als das Rauschen zwischen seinen Ohren leiser wurde, hörte er das dünne Pfeifen eines Vogels. Er sah zum Fenster. Davor stand das Glas. Die weiße Farbe hatte begonnen, sich am Boden abzusetzen. Er dachte an Latte macchiato. Schiefe Cafétischchen in der Knaackstraße, in der Sonne spiegelnd. Und unter dem Glas die schimmernde Oberfläche des Flügels. Der schwarze Lack war dünn an einigen Stellen, durchschienen vom Braun des Holzes, und mit kleinen Kratzern übersät. Dieser Flügel hat schon viele Personen überlebt, dachte er, und wird auch mich überleben, so oder so. Vorsichtig klappte er den Deckel auf, der Geruch des alten Holzes strömte ins Zimmer. »Vielleicht schenke ich ihn dir mal«, hatte Marc am Tag eins ihrer Freundschaft gesagt, und Holler fragte sich wie so oft, ob er nicht doch alles von Anfang an geplant hatte.

Er hielt die gespreizten Finger über die mattweißen, schwach geäderten Tasten, aber er spielte nicht. Er sah Landstraßenfluchten unter staubigem Licht. Morgenaufgang über Berufsverkehr in sommerlicher Stadt, zwei Fußgänger mit Nacht in den Gesichtern, Zigarettenrauchnebel, der langsam in einem Raum herabsank. Die Rillen der Wohnzimmertapete in der Düsternis eines Abends. Ein durchgesessenes rotes Sofa, von Zeitungen bedeckt, bernsteinfarbene Augen. Als das Klingeln an seinem Ohr lauter wurde, wie ein erstes Geräusch, das in den Raum des Schlafs eindringt, wusste er nicht, seit wann er schon auf seinem Klavierschemel saß. Vor dem Fenster, stellte er fest, war noch Helligkeit, die flach und bleiern über der Stadt lag.

Es klingelte schrill und fordernd. Holler dachte kurz, sein Tag habe sich verhakt, spränge zurück wie die Nadel auf der Plattenrille, und das italienische Fax käme noch einmal. Tatsächlich aber klingelte das Telefon öfter jetzt, bevor sich der Anrufbeantworter mit Heddas Stimme meldete, »Thomas Holler und Hedda Groning-Holler, bitte das Übliche«. Dann der lange Signalton. Und eine Frauenstimme. Eine Frauenstimme, die aufrecht und schlank und nah und doch körperlos in der Wohnung stand. Die sich räusperte, dann wieder eine Pause ließ mit Atmen, als hätte sie es sich anders überlegt. »Hallo, … hallo Tom. Hier ist Betty. Betty Morgenthal.« Pause. Dann ging die Stimme leichter, stieg zwei Halbtöne nach oben: »Ich habe in der Zeitung gelesen, dass ihr in Neapel spielt. Ich würde gerne zum Konzert kommen. Vielleicht können wir ja danach was trinken gehen. Du, du kannst mich anrufen, wenn du willst. Meine Nummer ist …« Und eine Handy-Nummer. »Ciao« sagte sie, dann noch einmal, »ciao«, und sie legte den Hörer auf, dort in Italien, wo sie wohnte. Es rumpelte in der Leitung. Kurzes Tuten, vier-, fünfmal, und Stille.

Holler saß hochaufrecht und bewegte sich nicht, vielleicht aus Angst, durch die geringste Veränderung seiner Körperhaltung das Gewesene zu verscheuchen. Betty Morgenthal. Sie hatte tatsächlich ihren Nachnamen hinzugefügt. Als könne er sich ohne diesen Zusatz nicht erinnern. Betty, die du einmal gekannt hast, an die du dich eventuell nicht mehr erinnern kannst, Betty, die folgenden Nachnamen trägt, als wüsste sie nicht, dass dieser Name mit winzigen Buchstaben in die Zwischenzeilen seines Lebenslaufs graviert war. Betty, an deren Augen du eben gedacht hast.

Wieder entfuhr ihm ein Laut, schüttelte seinen Oberkörper, ein Ton zwischen Auflachen und Schluchzen, als er das Gesicht in die Handflächen grub, seine Stirn auf das Holz des Flügels sinken ließ. Und immer wieder dachte er einen einzigen Gedanken, nämlich dass das Leben aber wirklich komisch sein kann. Das Leben ist echt die allerkomischste Angelegenheit auf der ganzen Welt, dachte er, während das Glas, das er eigentlich schon zu vergessen begonnen hatte, durch eine vielleicht unbedachte, vielleicht gezielte Bewegung seines Ellbogens hinabstürzte und auf den Dielen zersprang.

TOM HOLLER

In Neapel war das große Licht ausgegangen.

Betty hatte sich, um allein zu sein, nach Feierabend von der trägen Menschenströmung hinunter zum Lungomare treiben lassen, war erst über die Kaimauer und später, um die Einsamkeit der Menschenansammlung mit der Meereinsamkeit zu tauschen, über die riesigen Bruchsteine gegangen und hatte sich nah ans Wasser gesetzt.

Als sie auf die dunkle Fläche hinaussah, ohne eine Horizontlinie ausmachen zu können, erschien es ihr absurd, dass sie ausgerechnet heute hatte Schumann hören müssen, wo man sonst mit Vorliebe italienische Arien, Puccini, Verdi, Bellini aus den hohen Fenstern des Konservatoriums hinaussang. Andererseits wusste sie, dass das Schicksal nichts ausrechnet, weil das Schicksal gar nicht rechnen kann und es nur der Mensch ist, der rechnet, weil er die Unordnung nicht erträgt und deshalb im Nachhinein alles zurechtsortiert, in eine scheinbare Logik bringt, indem er die Ereignisse in der großen Schachtel der Erinnerung sammelt und später auf eine Kette fädelt, anordnet wie der Juwelier die Perlen. Die Erinnerungsperlen. Auf dem Modeschmuckcollier des Lebens.

Sie wusste, dass der Schumann nichts mit Tom zu tun hatte. Sie war es, die ihn in eine direkte Verbindung zu ihm fädelte, weil sie den Zufall nicht ertragen konnte, weil der Mensch bestrebt war, Zeichen und Symbole und Ordnung in alles hineinzulesen, in die Sterne, ins Meer, in schwarze Katzen von links oder grüne Autos von rechts und auch in Erinnerungsglasperlen.

Sie wünschte sich eine Zigarette, wie sie sich schon lange keine mehr gewünscht hatte. Hinter ihr wogte der Verkehrslärm, vor ihr lag ruhig das Meer. Autoabgase mischten sich mit dem Salzgeruch, müde Wellen klatschten zu ihren Füßen. Ein paar Angler, schwarze Schatten am Ufer, hypnotisierten das Wasser, aber rechter Hand, auf Santa Lucia, waren bereits die Fäden der Leuchtgirlanden aufgehängt, für die wenigen Touristen, die auch in der Februarkälte draußen saßen, Cappuccino oder Rotwein trinkend, pensionierte Lehrerehepaare aus Schwaben mit großen Fotoapparaten oder winzigen Digitalkameras.

Betty beneidete sie, ohne zu wissen, warum. Zwar hätte sie eigentlich kein pensioniertes Lehrerehepaar sein wollen, aber dennoch beneidete sie es, wie es auf Santa Lucia saß und sich die Hand hielt und auch ein wenig fror und /oder auch ein wenig stritt. Sie beneidete es, weil sie im Augenblick fast alle beneidete, die nicht sie selbst waren.

Ein Wind flog übers Meer. Ein Anruf, dachte sie, oder auch nicht. Oder auch sitzen bleiben, dachte sie, hier auf diesem quadratischen Stein und versteinern und ihn nicht anrufen müssen, niemanden mehr anrufen müssen.

Weil sie aber zu frieren begann, stand sie auf und wanderte ein langes Stück auf der Kaimauer dahin. Draußen über dem Meer fraßen sich Sterne in die Nacht. Das Himmelsschwarz glich dort einem durchlöcherten Bühnenvorhang, von tausend Schweinwerfern hinterleuchtet. Der Autolärm bot eine vertraute Spur, der sie folgte. Kurz vor dem Castel Nuovo, am neuen Hafen, überquerte sie das Lungomare, tauchte wieder in die Menschenbrandung ein und unter und ließ sich in der Via Roma in eine kleine Bar spülen, wo sie Grappa und Espresso und abschließend einen Averna und noch einen Averna bestellte. Auch kaufte sie Zigaretten, die sie vor der Türe stehend rauchte, und sie legte den Kopf in den Nacken und suchte die Sterne.

Erst als sie die Haustür aufschloss, fielen ihr Alfredo und die Lasagne ein. Leise trat sie in den Flur, hängte ihren Mantel an einen provisorischen Kleiderhaken (einen Nagel, der schief in der Wand steckte). Stimmen und Gelächter drangen aus der Küche. Sie blieb stehen und horchte: Alfredo hatte offenbar Freunde eingeladen, Sergio und Paola, die seit Jahren, eigentlich seit ihrer Heirat, damit beschäftigt waren, ihre Eheprobleme zu lösen. Wahrscheinlich hatten sie eine Zeitlang gewartet, es schade gefunden, dass sie nicht kam, hatten dann aber gegessen, Wein getrunken und sich einen schönen Abend gemacht.

Sie stand im Flur und wusste nicht wohin mit sich. Sicher konnte sie nicht die ganze Nacht hier stehen bleiben, aber in die Küche wollte sie nicht, denn sie hatte keine Lust auf einen schönen Abend und noch weniger Lust auf Eheprobleme. Die Küchentür quietschte, öffnete sich, unterbrach ihre Überlegungen und entließ einen schmalen Lichtschein, der auf den Flur hinaus direkt auf ihre Füße fiel. Ins Licht hinein trat Alfredo.

»Hast du mich erschreckt!« Er steckte einen Hemdzipfel in seinen Hosenbund.

Sie schwieg. Dann sagte sie ein Hallo.

Wo sie denn um Himmels willen, sagte er, gewesen sei, er habe sie jetzt, in diesem Moment, zum ungefähr zwanzigsten Mal anrufen wollen, was sie jedoch für übertrieben hielt. Ihr Handy sei ausgestellt, erklärte sie ruhig, nicht aber entschuldigend.

Das habe er gemerkt, sagte Alfredo, dessen Stimme zögerte, weil sie offenbar nicht genau wusste, welchen Weg sie einschlagen sollte, den der Ironie oder den der Wut. Aber in der Küche saßen die Gäste, weshalb er die Stimme vorsichtshalber dämpfte, als er weitersprach und nochmals fragte, wo sie denn bitteschön gewesen sei, er habe sich Sorgen gemacht.

»Wo soll ich schon gewesen sein«, sagte Betty, »in der Klinik natürlich.«

»Du warst doch nicht bis eben in der Klinik«, sagte Alfredo. »Ich habe dort angerufen, die haben gesagt, dass du schon um sieben gegangen bist!«

»Ich weiß nicht, wann ich gegangen bin. Ich bin wahrscheinlich gegangen, als ich fertig war.«

»Es war sieben!«

»Dann war es eben sieben. Ob es jetzt sieben war oder acht oder neun, ist doch scheißegal, oder?«

Sie standen sich im schmalen Flur gegenüber, die Arme, die sie oft schon um den jeweils andern geschlungen hatten, fest über der eigenen Brust gefaltet. Betty berührte mit den Schulterblättern die von ihr gestrichene Wand, wippte etwas vor und zurück. Alfredo tat dasselbe auf seiner Seite. Es wurde beidseitig geschwiegen.

»Ist es denn verboten, noch durch die Stadt zu gehen?«, sagte Betty endlich in einem Ton harmloser Verwunderung, und sowie sie den Satz beendet hatte, kam es ihr tatsächlich absurd vor, dass es auf einmal verboten sein sollte, durch die Stadt zu gehen.

Nein, es sei nicht verboten, antwortete Alfredo, aber man könne doch anrufen! Er koche hier den ganzen Nachmittag, sagte er lauter, und sein Oberkörper zuckte hin und her, er kaufe ein, bereite alles vor, lade Leute ein, und la Signora geht lieber durch die Stadt?!

»Wenn du sonst nichts zu tun hast, bitte!«

»Was heißt, wenn ich sonst nichts zu tun habe?«

Offensichtlich habe er ja genug Zeit, neben Zeitung lesen und schön reden.

Alfredo schwieg fragend.

Das sei es doch, sprach sie weiter, was er den ganzen Tag über tue! Er spiele den Moralapostel, mache alles schlecht, aber im Grunde sitze er im Sessel, gehe in drittklassige Theateraufführungen, in denen er einschlafe, und … abends koche er! Bei diesen letzten Worten entfaltete sie ihre Arme und warf die Hände in die Luft.

Alfredo schob seine Schultern zurecht, die sich vor Empörung verschoben hatten. »Und? Was ist schlecht daran, abends zu kochen?«, sagte er und imitierte die Art ihrer Betonung, den deutschen Akzent, was sie für geschmacklos hielt.

Jetzt schrie sie: »Komm doch mal einen Tag in die Klinik, dann weißt du, was ich meine!«, schrie sie, nun absichtlich laut. »Das Leben besteht nicht aus Bücherlesen, verstaubten Theateraufführungen und abends kochen! Wenn du nur ein einziges Mal ins Poliklinikum kommen würdest, dann würdest du sehen, was los ist!«, schrie sie, meinte aber: … dann würdest du sehen, wie ich mich beim Mittagessen von den Blicken eines Bourgeoisie-Bübchens verspeisen lasse. »Dort, im Poliklinikum, werden nicht den ganzen Tag über Reden geschwungen, dort wird gehandelt!«, schrie sie und meinte: Dort wird mit der Hoffnung der Menschen viel Geld verdient! »Gute Nacht!«

Alfredo hatte den Mund fest verschlossen, wie um zu verhindern, dass dort etwas herauskäme, das er später bereuen würde. Auch das regte Betty auf in diesem Augenblick, weil er niemals etwas sagte, das er später bereute, weil er immer mit einem großen wissenden Auge auf sich selbst und sein Reden herabblickte und selten das Falsche sagte, obgleich er dazu Grund hätte. Diese seine große Gerechtigkeit. Seine großartige Selbstgerechtigkeit.

Plötzlich hatte sie die Befürchtung, losweinen zu müssen, was unter keinen Umständen vor Alfredo geschehen durfte. Also wünschte sie schnell eine gute Nacht, meinte es aber nicht so, meinte eher: Rette mich, Idiot, drehte sich um und stieg mit schnellen lauten Schritten die Wendeltreppe hinauf.

Oben zerrte sie ihr Bettzeug aus dem Schlafzimmer, räumte es auf die kleine Couch im Gästezimmer. Dort saß sie lange Zeit und hörte, wie sich unten Paola und Sergio diskret verabschiedeten, wie sie ihren alten Cinquecento starteten, der sogar auf Anhieb ansprang, als ahnte er, dass man von hier möglichst schnell verschwinden musste, hörte, wie Alfredo nach nebenan ging, wie er die Tür hinter sich schloss und dann nichts mehr. Nur das entfernte Motorengeräusch einer Vespa dann und wann, die Bewegungen und Arbeitsgeräusche ihres eigenen Körpers, das leise surrende, gluckernde, klickende Betriebsgeräusch von Betty Morgenthal, auf der Gästecouch sitzend, und tatsächlich kam sie sich vor wie ein Gast und wäre am liebsten nach Hause gegangen.

Am nächsten Tag verließ sie ohne Alfredos Frühstück die Wohnung. Noch bevor die Kollegen zur Tagschicht eintrafen, stieß sie im Internet auf die Seite des mare-Quartetts, das »Worldjazz mit einer Klangsprache verbindet, die vom experimentellen Jazz inspiriert ist«, wie es geschrieben stand, und fand Toms Telefonnummer und notierte sie auf einen kleinen Zettel, den sie in die Brusttasche ihres Kittels steckte. Am Nachmittag, als alle beim Essen saßen, ging sie zu dem alten weißen Telefon im Assistentenzimmer, bei dem man sich stets wunderte, dass es tatsächlich funktionierte, und wählte. Bevor es tutete, legte sie auf. Sie atmete tief. Dann nahm sie den Hörer erneut in die Hand, wählte, weit hinter den Alpen klingelte es viermal. Dann übernahm der Anrufbeantworter, eine Frauenstimme, Betty hörte nicht, was sie sagte, der lange Pfeifton, und sie begann zu sprechen.

WEG DER SCHNECKE

Tom Holler ist eine Schnecke, die auf die andere Seite der Bundesstraße will. Eine entschlossene Schnecke, die jemand aufhebt, in falscher Tierliebe in die Hand nimmt und zurückbringt, auf die andere Seite der Bundesstraße ins grüne saftige Gras setzt, und die Schnecke kann den ganzen Weg noch einmal machen.

Die Schnecke Tom Holler sitzt am Flügel, starrt auf das zerbrochene Glas am Boden, dessen Inhalt sich milchig auf den frisch geputzten Dielen verteilt hat, und wundert sich, dass es gerade Betty Morgenthal gewesen ist, die ihn aufgehoben und auf die andere Seite der Straße gebracht hat. Und jetzt, denkt die Schnecke Tom Holler, muss er schon wieder putzen, obwohl er den Fußboden so sauber geputzt hat, ein letztes Mal, um ihn nie wieder putzen zu müssen, aber das Leben lebt von Wiederholungen, weshalb er wahrscheinlich wird wieder und wieder putzen müssen, was ihn auf einmal erleichtert, denn das Putzen kennt er wenigstens.

Weil er aber keine Lust hat, sofort zu putzen, streckt er seine Hände aus und senkt sie, seit vielen Wochen zum ersten Mal, auf die Tasten hinab. Diese bewegen sich scheinbar ohne sein Zutun, produzieren eine Melodie, an die er sich nur schwach erinnert, seine Finger aber offensichtlich sehr wohl: Es ist eine Achtelbewegung in Moll, ein langsames Schreiten in beiden Händen, das er wiederholt, bis er weiß, wo es langgeht, und die Melodielinie aus dem Nichts kommt, ein leuchtendes Herbstblatt oder ein weggeworfenes Stück Papier, das von einer Windböe aufgehoben und in immer dramatischere Höhen getragen wird, ein Lied offenbar für Gesang und Klavier, ein spätromantisches Stück, Schubert, nein, Schumann, und dann kommt auch der Text, »du bist vom Schlaf erstanden«, Textlücke, er summt die Melodie, was sich nicht schön anhört, und wieder rinnen Tränen über sein Gesicht, obwohl er doch nicht eigentlich weint, obwohl sein Mund nicht bebt, kein Schluchzen, nichts, nur ist da diese Nässe in seinem Gesicht, die an seinem Hals hinab in den Hemdkragen rinnt, an seiner Brust entlang, während er spielt und summt, auch singt ab und zu, wenn er in der Abstellkammer seines Gedächtnisses über eine Zeile stolpert, die zu diesem Lied gehört haben könnte, »und morgens dann ihr meinet/stets fröhlich sei sein Herz«.

Er zieht seine Hände von den Tasten zurück, als hätte er sich die Finger verbrannt, schließt die Klappe, die hart auf dem Holz aufschlägt. Es ist ihm peinlich, er ist sich selbst peinlich, wie er am Flügel sitzt, nicht heulend, aber doch aus irgendeinem Grund mit tränenüberströmtem Gesicht, durchnässtem Hemdkragen, aber erleichtert, und doch in der Verpflichtung zu putzen, nach wie vor.

Er hat dieses Lied mit Betty Morgenthal gespielt. »Stille Tränen« für hohe Stimme und Klavierbegleitung, er weiß es wieder, er hat es die ganze Zeit gewusst, hatte es nur zu gut versteckt in seinem Gedächtnis, wie jenen kreisrunden grünen Edelstein, den er als Kind bei einem verregneten Sommerurlaub am Strand gefunden und Jahre später nach seinem Umzug nach Berlin auf dem Unterboden des Klaviers zufällig wiederentdeckt hatte, worauf er erkannte, dass der Stein keineswegs wertvoll, sondern ein von Meeresbrandung abgeschliffenes Stück Flaschenglas war.

Das Lied hat er in den Händen. Betty Morgenthal in seinem Kopf.

Sie steht jetzt darin im beigefarbenen Schlaf-T-Shirt. Lehnt im Türrahmen, ein Bein angewinkelt am Türstock, Arme vor der Brust verschränkt. Ihr Haar, vom Schlaf zerzaust. Kennermiene mit leicht geschürztem Mund, gehobenen Brauen, Blickrichtung auf die vergilbten Rillen der Wohnzimmertapete, in denen sich die Musik zu fangen scheint. So steht sie und verfolgt jede einzelne Note der Klavierexposition, die er sehr leise spielt, weil es frühmorgens ist und er Betty und Marc nicht wecken möchte. Es ist Sonntag. Berliner Winter vor dem Fenster, ein weißer Himmel wie heute, der pergamentartig bis auf die Konturen der Häuser hinabhängt, und seine Hände, erinnert er sich, sind gefroren, rot, tauen nur langsam auf, während er spielt und Betty ins Zimmer tritt und ihr Sopran sich in die Musik schleicht, kaum hörbar zunächst, vorsichtig, als klopfe sie an. Und dann hebt ein Kran oder Ähnliches sie langsam bis zu jenem traurigsten Höhepunkt, jenem endlosen Seufzer, auf den das ganze Lied hin steigt, während es gleichzeitig, wie gespiegelt, in immer tiefere Dunkelheit sinkt. »In stillen Nächten weinet /oft mancher aus dem Schmerz /und morgens dann ihr meinet /stets fröhlich sei sein Herz.«

Erst später bemerken sie, dass Marc in der Tür lehnt. Auch er im Schlafanzug, im Schlaf-T-Shirt (ein Volksbühnen-Pulli, mit dem runden Logo des Theaters). Er hat zugehört, lächelnd, versunken, den Blick irgendwo am Fußboden vergessen.

Auch Hollers Blick liegt jetzt am Fußboden, auf den Glasscherben. Berlin heute, nicht 1995. Aber was genau, denkt er, sind Jahreszahlen, woraus sind sie gemacht? Er wüsste nicht, dass sich diese rund zwölf, dreizehn Jahre irgendwo befänden, dass er auf sie deuten und sie wie verstaubte Bücher aus einem Regal herausziehen und auf einem Bibliothekstisch ausbreiten könnte. Stattdessen sieht er das zerbrochene Glas auf den Holzdielen: Das ist die Gegenwart, denkt er. Ein Glas, das zerbrochen ist, ist zerbrochen, zum Beweis dafür, dass die Ereignisse der Vergangenheit nicht rückgängig gemacht werden können. Oder doch?

Er steht auf, holt Lappen, Schaufel und Besen, er kehrt die Scherben aufs Blech. Aus dem Küchenschrank nimmt er ein neues, sauberes, intaktes Glas, füllt Whiskey hinein, trinkt und wartet, bis die goldene Flüssigkeit ein Flämmchen in seinem Körper anzündet. Mit dem dritten Schluck fällt ihm der Abschiedsbrief ein.

DAS NEUE LEBEN

Keineswegs brach jetzt Licht durch das kahle Geäst der Bäume, sondern es war immer noch kalt, und alles lag konserviert in einem trüben, einfarbigen, geleeartigen Himmel, der auch die Räume zwischen den Häusern bis hinab auf die Straßen auszufüllen und selbst das Strömen der Passanten und des erleuchteten Verkehrs in der Bewegung festzubannen schien.

Als Tom Holler zum zweiten Mal an diesem Tag in der Kastanienallee vor Heddas Haus stand, hatte er plötzlich das Gefühl, gar nicht mehr da zu sein, das Leben einen Augenblick lang von weit oben zu betrachten. So also wird es sein, dachte er und staunte: nämlich wie immer. Aber er ging durch den hohen dunklen Torbogen der Einfahrt ins Innere des Hofes wie in die Gegenwart zurück. Hier roch es nach frischer Farbe und feuchtem Holzlack, denn Heddas neues Leben bekam auch ein neues Gehäuse, neue Hochglanzverpackung, was er ihr gönnte, wenn es auch mit dem Umstand verbunden war, dass alle Fenster der Loftetagen derzeit mit Bauplanen verhüllt waren und auf den gerippeartig hinter den Planen sich abzeichnenden Gerüsten Bauarbeiter gemächlich hin und her gingen. Auch im Treppenhaus, aus dem der Geruch von Lack herauswehte, stand ein Arbeiter, der das Geländer grundierte, die Caprifischer pfeifend. Obwohl er es nicht wollte, pfiff Holler in Gedanken mit. Zum zweiten Mal an diesem Tag stand er vor dem nagelneu glänzenden Hedda-Groning-Briefkasten. Bella bella bella Marie, vergiss mich nie.

Hedda Groning, die ihn sicher bald vergessen würde, was er ihr wünschte, wusste nicht viel über Betty Morgenthal. Fast nichts über sie, dachte er, das Nötigste nur. Dass es B. M. einmal gegeben hatte und vielleicht irgendwo immer noch gab, zwischen den Zeilen seines Lebenslaufs, denn in Lebensläufen kommt es meist nicht vor, dass und wen man einmal geliebt hat. Und auch als sie B. M. gemeinsam fast begegnet wären, hatte er Hedda nichts gesagt, wie hätte er es auch tun können, auf dem Flughafen in Rom, auf ihrer ersten gemeinsamen Italienreise, verspäteten Hochzeitsreise.

Da waren sie, Hedda Groning-Holler und Thomas Holler – (Hedda hatte ihn nie Tom genannt, immer Thomas) –, das gewesen, was landläufig als ein schönes Paar bezeichnet wird. Wenigstens die junge Ehefrau war schön gewesen, was genügen mochte, weil ihre Schönheit den eher unscheinbaren Begleiter, so empfand er sich, wie ein Glanz überströmte und in ein positives Licht setzte – denn irgendetwas musste ja an ihm sein, innere Werte vielleicht, Geld, wie sich Außenstehende angesichts des jungen, glücklichen Paares gedacht haben mochten, das in Rom am Flughafen stand und auf sein Gepäck wartete, das aber nicht kam.

Das ist halt Italien, hatten sie sich gesagt, lachend, er hatte sie auf die Wange geküsst, und in diesem Moment sah er über ihre Schulter hinweg Betty Morgenthal mit einem Rollkoffer vorübergleiten. Das glatte Haar etwas kürzer als früher, aber nach wie vor rostfarben, über den Schultern schnurgerade abgeschnitten, eine schaukelnde Fläche, und das Gesicht, das er von der Seite sah, leuchtete bronzen kurz in der Menge auf.

Was mit ihm sei, fragte Hedda. Ob er eine Heiligenerscheinung gehabt habe, immerhin sei man in Rom, und sie hatte gelacht, weil er offenbar ein blödes Gesicht machte. Aber er, der noch immer in die Richtung starrte, in der Betty mit ihrem Rollkoffer längst in der Menschenmenge aufgegangen war, schüttelte langsam den Kopf und sagte, er habe nur einen Augenblick lang geglaubt, jemanden wiederzuerkennen, aber es könne eigentlich nicht sein. Nein!

Die gesamte erste Woche ihres Urlaubs hatte er darauf verwandt, diese Begegnung aus seinem Gedächtnis zu streichen. Und Hedda, ohne es zu wissen, hatte ihm sieben Jahre lang dabei geholfen.

Jetzt stand er vor ihrem Briefkasten und dachte, dass es ein Leichtes wäre, Gewalt anzuwenden, den Verschlusshaken nach oben zu biegen mit einem Schlüssel, das Problem aber waren die Arbeiter. Pfeifend gingen sie auf der Treppe oder vor dem Eingang im nassen, schmutzigen Hof herum, räumten Gerüstholz auf Stapel, warfen Scharniere auf große Haufen, während das Flatterecho von den Wänden her antwortete, als vervielfältigter metallischer Laut, der hell in den Ohren riss. Er lief wieder in den Hof zurück. Sein Leben war eine in die Vergangenheit gebogene Kreislinie. Heddas Leben eine Gerade, dachte er. Er blieb in der Mitte des Vierecks stehen, zündete sich eine Zigarette an und beschloss zu warten, bis die Arbeiter Feierabend machten. Er war in den letzten Wochen ein großer Wartekünstler geworden.

Ob er ihm sagen könne, wie spät es sei, bitte?, fragte er einen offenbar ausländischen Arbeiter mit blauer Wollmütze, der Gerüsteisen sortierte. Der Arbeiter aber arbeitete weiter, als hätte Holler nie etwas gesagt. Als er noch drei Eisen von einem kleineren auf einen größeren Stapel geschmissen hatte, richtete er sich langsam auf, drehte sich halb zu ihm und sagte, erstaunlicherweise ohne vorher auf die Uhr gesehen zu haben:

»Viertel nach vier.«

»Danke«, sagte Holler. Und ob er ihm auch sagen könne eventuell, welcher Tag sei.

Wieder dauerte es drei Eisen, drei schrille Geräusche lang, bis sein Gesprächspartner antwortete: »Ist Freitag, Wochenende.«

»Wochenende«, wiederholte Holler wie ein Papagei. »Und, welcher Monat?«, denn auf einmal befürchtete er, viele Wochen verpasst zu haben, weil sie vielleicht mit großen Umdrehungen an seinem Fenster vorbeigerollt waren, ohne ihn mitzunehmen.

Der Mann richtete sich jetzt zu ganzer Größe auf. »Freitag, 27. Februar, Viertel nach vier. Soll ich auch noch das Jahr sagen?« Obgleich Holler insgeheim nichts dagegen gehabt hätte, quittierte er diese, wie er annahm, als Scherz gemeinte Frage mit einem höflichen Lächeln und ging über den Hof in Richtung Kastanienallee davon. Das erste Orientierungsfähnchen, sagte er sich, steckt in der großen Zeitfläche, die nun wieder eingeteilt werden kann in große und kleinere Kästchen, mit Zirkel und Lineal von Uhr und Kalender. Um fünf, dachte er, das ist in einer Dreiviertelstunde, werden sie Feierabend machen, denn um fünf machen Arbeiter immer Feierabend, und das ist auf jeden Fall, bevor Hedda nach Hause kommen wird, zumal an einem Freitag, denn an einem Freitag finden oft Veranstaltungen statt in ihrem Kulturinstitut, Ausstellungseröffnungen, Lesungen, Konzerte, und dann, gerade freitags, wird es oft später bei ihr, erinnerte er sich, aber auch dienstags oder donnerstags oder mittwochs konnte es später werden, unter anderem deshalb hatten sie sich nicht oft gesehen in den letzten Monaten ihrer Beziehung, was vermutlich das Beste gewesen war, das ihnen hatte passieren können.

Eine Dreiviertelstunde war nichts für Tom Holler, war absolut lächerlich nach den letzten Wochen, obwohl er andererseits gar kein Gefühl mehr dafür hatte, was das war, eine Dreiviertelstunde, wie lang oder wie kurz er sie sich vorstellen müsse. Er dachte sie in der Farbe Gelb. Ein gelbes, relativ kleines Kästchen auf der großen Zeitfläche. Anstatt ein gelbes Kästchen lang auf der Kastanienallee zu warten, hätte er Dinge erledigen können, alltägliche Notwendigkeiten, schließlich würde er in den nächsten Tagen verreisen, und wenn man verreist, erinnerte er sich, hat man immer viel zu tun. Aber was? Was war alltäglich, was notwendig? Es fiel ihm nicht ein. Er fühlte sich komplett neu in dieser Stadt, als wäre er hier zufällig von einem Reisebus vergessen worden, zurückgelassen ohne Gepäck in einem interessanten Abenteuer, und als er die lange Flucht der Cafétischchen gegen Süden hin überblickte, meinte er plötzlich, erste Frühlingsluft zu ahnen. Er stand in einem fremden Land unter fremdem Himmel und roch den heimatlichen Duft des Frühlings. Er dachte: Das nächste Mal bringst du dich im November um. Und: Der Himmel ist schon weicher, man spürt zartfingriges Streicheln von fern oder Ähnliches. Ein Blechblasorchester auf einer Wiese. Ein Schalmeienchor. Erdgeruch mitten in der Stadt. Und und und.

Aber vielleicht waren dies die üblichen Illusionen, die der Februar gern verbreitet. Noch war Winter, und ein langer verregneter März und vielleicht ein ebenso verregneter April und ein vielleicht verregneter Sommer und ein ebensolcher Herbst würden folgen und dann wieder Winter, dachte er mehr oder weniger gleichzeitig, aber in schwächerer Intensität, gewissermaßen dachte er es in Bleistift.

Als er zur anderen Straßenseite hinübersah, erkannte er dort den kleinen Backshop, in dem er manchmal frühmorgens mit Marc, wenn sie mit Zigarettenrauch und Nacht in den Haaren nach Hause gegangen waren, Brötchen gekauft und schlechten Kaffee getrunken hatte. Es kam ihm ungeheuerlich vor, dass er noch immer existierte, dass er dem Wandel der Zeit standgehalten hatte wie mittelalterliche Kathedralen. Der Geschmack des Kaffees im Plastikbecher, erinnerte er sich. Die aus letzten trockenen Krümeln gedrehten Kippen. Marcs Lächeln hinter Zigarettenrauchschleiern. Er sah es vor sich ebenso deutlich wie die Leuchtreklame des Backshops. Und Betty Morgenthals Silhouette, von Wasser durchströmt, hinter der durchscheinenden Wand einer Duschkabine. Marc im Feinrippunterhemd am Klavier sitzend, Zigarette im Mundwinkel. Und plötzlich seine eigene persönliche Mutter, während sie auf Knien den Backofen säubert, leise seufzend, weil das Säubern eines Backofens ein nahezu unmögliches Unterfangen ist. Hedda Groning in einem wie ein Schatten sie bedeckenden Kleid im Dämmer eines Parks, ihre schimmernden Zähne als einzige Lichtquelle. Die schwarzen Tannen im Garten der Frau Hermanns. Ihre Glasmurmelaugen. Bettys dunkler Umriss im Gegenlicht, wie aus dem Himmel geschnitten.

Und gleich daneben die Zukunft: Italien. Er lächelte, während das Land in seiner Vorstellung auftauchte, merkwürdigerweise nicht mit seinen Stränden, Städten, Bergen und Meeren, sondern als rotweißgrün gestreifter Stiefel, aus dem kleine gelbe Fähnchen ragten, wie sie Jens-Christian Hepp, der Agent, zur Illustrierung ihrer Tournee auf der Höhe der einzelnen Stationen hineingesteckt haben könnte. Und als der Italienstiefel im Meerblau seines Hintergrundes verschwand, erinnerte er sich plötzlich, dass er sich als Kind sein Leben als ein täglich länger werdendes, hinter ihm liegendes Band vorgestellt hatte, in der Art der Bonzettel jener Rechenmaschinen, die sein Vater Gerhard Holler in seinem Souterrain-Büro auch dann noch zu verkaufen versucht hatte, als es längst Computer gab. Aber da war nichts Zusammenhängendes, nur ein Durcheinander vergangener, gegenwärtiger und zukünftiger Momente. Und weil er selbst ein Mensch war, der nicht einmal seine Fotografien in eine Reihenfolge zu bringen und in ein Album zu kleben vermochte, sondern sie zum Leidwesen Heddas stets in ungeordneten Haufen in Schachteln aufbewahrt hatte, schien auch sein Leben in besonders unordentliche Fragmente zu zerfallen, bunte, glitzernde Splitter im Kaleidoskop seines Gedächtnisses, die interessante, aber sinnlose Formen ergaben, die sofort verschwanden und wieder neu entstanden und letztlich nichts anderes waren als die unzähligen Spiegelungen einiger weniger immergleicher Teilchen.

Vielleicht, dachte er, hatte Hedda deshalb alles umso ordentlicher, auch ihre Ehe, der Reihenfolge nach beschriftet und zwischen die Pappdeckel eines Fotoalbums gepresst, als konserviere sie die Gegenwart noch in deren Anwesenheit und ermorde sie damit, wie ein Insektensammler seine Schmetterlingsexemplare leider ermorden, präparieren und aufspießen muss, um sie in den Glaskästen der Ewigkeit konservieren zu können. Zwei wunderschöne, buntgeflügelte und tote Falter waren sie im Glaskasten der Erinnerung.

Holler überlegte, zum Backshop hinüberzugehen und einen Kaffee zu trinken, aber er konnte sich nicht entscheiden, die Straße zu überqueren. Viele der vorübergehenden Menschen wirkten tief unglücklich, unglücklicher, als er selbst jemals hätte wirken können. Gelangweilte, aber sehr gut angezogene Mütter schoben ihre Kinderwagen dicht an ihm vorbei. Das flammende Rot der Kinderwagen. Zwei Hunde, die gleichzeitig an einen Baum pinkelten. Ein Kind, das mit Hilfe eines Stöckchens ein schmutziges Taschentuch wendete, zu weinen begann, als seine Mutter es weiterzog. Ein hinkender Mann redete mit sich selbst. Ein anderer redete wie mit sich selbst in die Freisprechanlage seines Handys. Zwei Frauen redeten miteinander. Sie sagten: »Präsentation. Kriegt keinen Urlaub. Am Sonntag bis um elf gearbeitet.« Jemand sagte: »3000 €.« Und alle befanden sich in einer großen Bewegung, die sie zu verbinden schien.

Weil er fror, stellt er seinen Kragen auf und begann, auf und ab zu gehen. Kurz überlegte er, jemandem zu folgen, um in einem dieser ihm ameisenhaft erscheinenden Wege ein Ziel zu finden, verwarf aber seinen Gedanken und blieb vor einem Schaufenster stehen. Seine Frühlingsahnung war verschwunden. Jetzt fühlte er sich kalt und fremd und verlassen, so als wäre er von einem Reisebus in einer fremden Stadt vergessen worden, aber es war kein angenehmes Gefühl mehr. Er sah in das Schaufenster, aus dem ihm sein eigenes Gesicht entgegensah und – ebenso klar umrissen und deutlich – das von Betty Morgenthal. Auch Marcs Gesicht neben einem grasgrünen Wecker.

Darüber stand »Accessoires«.

Obwohl er sich nicht besonders für Accessoires interessierte, ging er, nachdem die innenstehende Verkäuferin auf ihn aufmerksam geworden war, hinein, strebte mit der größten Entschlossenheit auf die Ladentheke zu und deutete auf eine Uhr in der Form eines Eis, die allerdings, wie man ihm entgegen seiner Annahme erklärte, keine Eieruhr, sondern eine ganz normale Uhr, ein sogenanntes Wohnaccessoire, sei. »Egal«, sagte er. Er wusste nicht, wann er das letzte Mal etwas gekauft hatte, schon gar nicht ein Wohnaccessoire. Er wusste auch nicht, ob das Wohnaccessoire ein sinnvoller Kauf war oder nicht, aber nachdem er gezahlt hatte und die immer lächelnde Verkäuferin mit schnellen Fingern die Wohnuhr in eine nach DDR aussehende geblümte Papiertüte gesteckt und über die Ladentheke zu ihm herübergereicht hatte, fühlte er sich für einen Augenblick fast glücklich, denn er hatte wieder eine Funktion in der Welt. Er war ein Kunde.

Die Tüte mit dem Wohnei baumelte tickend neben seinem Bein, als er in den Hinterhof zurücklief, wo die Arbeiter noch immer arbeiteten. Ein Vogel hämmerte sein metallisches Pfeifen, aber er konnte ihn nicht sehen, nur die schwarzen, reglosen Zweige des Baums vor der weißen Glätte des Himmels. Er rauchte, warf den Stummel auf die Erde. Mit der Spitze des Schuhs schabte er darauf herum, es gab ein sandiges Geräusch. Sofort zündete er sich wieder eine Zigarette an und wandte sich erneut an den Arbeiter mit der blauen Mütze. Ob er eine Zigarette wolle. Er arbeite, sagte der Arbeiter. Wie lange er denn noch müsse. Bis es dunkel sei, man müsse fertig werden, sagte der Arbeiter unwillig.

Als Holler darüber nachzudenken begann, was im Einzelnen dunkel bedeutete, denn im Februar war es meistens irgendwie dunkel, nur nahm die Dichte des Dunkels gegen Abend hin zu, näherte sich das Klacken hochhackiger Schuhe. Er warf den Zigarettenstummel in eine Pfütze. Hedda bog in den Hof, und er hörte sie einen Augenblick, bevor er sie sah. Sie aber bemerkte ihn erst, als sie schon fast an ihm vorbei war. Ihr Entsetzen war physisch wahrnehmbar, ließ ihn kurz schwanken, aber vielleicht war es auch der Lufthauch, der entstand, als sie so dicht an ihm vorüberwehte und dann abrupt stehen blieb.

»Was machst du hier?«

Holler betrachtete das kleine Dreieck zwischen Heddas Schlüsselbeinknochen, das er gut kannte, das sich, wie er sehen konnte, beim Atmen auf und ab bewegte. Früher hatte er es oft geküsst. Langsam stieg er mit seinem Blick nach oben.

»Ich ziehe um, das wollte ich dir mitteilen«, sagte er schließlich, über seinen Einfall selbst erstaunt. »Du hast noch ein paar Sachen bei mir vergessen. Ich war in der Gegend, und ich dachte, ich schaue mal rein.«

Hedda schien verwundert, nickte aber kurz, indem sie das Kinn mit einer kleinen Bewegung in die Höhe warf. »Verstehe«, sagte sie, senkte dann den Kopf.

»Du«, sagte sie lang gedehnt, was kaum wie Sprache, eher wie ein Ausatmen klang, »hast schon eine neue Wohnung?«

»Ja, aber ich habe die Adresse vergessen«, sagte er.

Hedda unterdrückte ein Lächeln. »Warum hast du mir nichts gesagt?«

»Du hast ja nicht gefragt.«

Sie sah zu Boden. »Du hast dich rasiert«, sagte sie und schien den Boden zu meinen, der sich aber sicher nicht rasiert hatte.

Holler fürchtete, sie würde, wenn es ihm nicht sofort gelänge, sie in ein interessantes Gespräch zu verstricken, sich umdrehen, eventuell im Gehen kurz die Hand heben, mit den Fingern in der Luft winken auf Höhe ihres Kopfes, den schwingenden Rücken ihm zugewandt, womit sie ihn früher, noch bevor sie ein Paar geworden waren, regelmäßig zu entzückter Verzweiflung gebracht hatte, ihn, der noch minutenlang nach ihren Filmstarabgängen in diejenige Richtung gestarrt hatte, in der sie verschwunden war. Jetzt sah er sie gegenüber stehen und gleichzeitig bereits davongehen, als gestrichelte Kontur, die ihren Körper verließ und zum Haus hinüberging. Schon hörte er die Schritte, aber sie entfernten sich nicht, sondern wurden lauter unter dem Bogen der Einfahrt. Der Gang eines Fremden.

Hedda wandte den Kopf zur Einfahrt, aus deren Dunkel in diesem Augenblick ein Mann hervortrat. Es war, als ob sich der grauschwarze Hof etwas durch ihn erhellte: Der beige Trenchcoat, das tiefblonde, wellige Haar, die braune Hornbrille machten einen freundlichen, hellen Eindruck. Zwei mit Papier eingewickelte Weinflaschen in beiden Händen, kam der Fremde zielstrebig auf sie zu, was Holler erstaunte, Hedda aber offenbar nicht.

»Ja«, sagte sie, indem sie ihrem Ton eine offizielle Färbung gab. Das hatte sie immer beherrscht, dieses chamäleonartige Wechseln der Tonfarben, dachte Holler fast bewundernd. »Darf ich vorstellen«, sagte sie. »Das ist Lutz Wegener, ein neuer Kollege von der Presseabteilung, Thomas Holler, mein Exmann.« Vor dem letzten Wort hatte sie kurz Luft geholt.

»Zukünftiger Exmann«, verbesserte Tom.

Lutz Wegener, der den Hof durch sein freundliches Erscheinen etwas erhellt hatte, sah nun seinerseits etwas verdüstert aus. Konzentriert schüttelte er Tom Holler die Hand. Er schien zu überlegen. Im Hof wurde augenblicklich viel überlegt, wodurch sich eine längere Gesprächspause hinzog, die, wie Holler annahm, für ihn reserviert war. Die Pause wäre lang genug gewesen, um eine oder gar mehrere Verabschiedungen darin unterzubringen, die Pause war ein langer gläserner Gang, durch den er diesen Hof hätte verlassen sollen, aber er blieb stehen und starrte durch die Leere zwischen Wegener und Hedda auf die Brandmauer. Unter der Reihe der schwarzen Kamine, auf denen bewegungslos die schwarzen Schatten einiger Krähen saßen, las er ein Graffito in weißen Großbuchstaben, das ihm bisher nicht aufgefallen war: ALLET GUTE KOMMT VON OBEN. Wer hat es dorthin geschrieben? Und wie ist er hinaufgekommen, dachte er.

Wegener, in seinem Augenwinkel, wandte den Kopf und schien interessiert die Gerüstholzstapel zu betrachten. Hedda, in seinem anderen Augenwinkel, stand wie gefroren, aber an der leichten Bewegung ihres Umrisses erkannte er, dass sie einatmete, den Mund öffnete, um, weil etwas geschehen musste, nun ihrerseits eine Verabschiedung zu äußern. Bevor jedoch das Wort fallen konnte, das endgültige Vorhangwort, hob er die Hand und deutete nach oben und sagte »dort«, woraufhin sich alle Köpfe zur weißen Schrift wandten. So gewann er Zeit. Als Hedda ihn mit leeren, nicht einmal fragenden Augen anblickte, sagte er: »Tja dann. Es wird nicht lange dauern.«

DER LUTZ-WEGENER-ABEND

In einer lockeren Reihe liefen sie schweigend über den Hof zum Wohnhaus hinüber. Wegener ging neben Holler, wodurch auch dieser überstrahlt wurde von der hellen Gesamterscheinung des neuen Kollegen, die ein wenig beeinträchtigt wurde höchstens durch den Umstand, dass er hinter seinen nicht gerade dünnen Brillengläsern etwas fischäugig blickte, dachte Holler, was aber auch als Anzeichen von Intelligenz durchgehen konnte bei Hedda. Und er gönnte es ihr. Er würde ihr niemals vorgehalten haben, hör zu, aber dein neuer Macker hat irgendwie Fischaugen, dazu ist er verdammt kurzsichtig, überleg es dir gut, ob du mit so einem wirklich Kinder herstellen willst, denn darum geht es dir ja doch letztendlich, um die Kinderfabrikation, etwas, das er selber immer kategorisch abgelehnt hatte, da er, wie er ihr von Anfang an erklärt hatte, niemanden, und am wenigsten ein ahnungsloses Kind aus seinem heimischen Nichts herauszerren und ungefragt als ein weiteres Spielfigürchen auf das Brettspiel dieser Welt setzen würde, aber andererseits, sagte er sich, gab es einfach Menschen, die Loftwohnungen und Kinder haben mussten, aber es ging ihn nichts an. Er würde komplett aus Heddas Leben verschwinden wie ein Sack alter Kleider, den man endlich zum Roten Kreuz gibt.

Hedda, offensichtlich verwirrt aufgrund der Unordnung, hielt, nachdem sie schon bei der Treppe angelangt war, auf der zweiten Stufe inne, streckte einen Zeigefinger auf Stirnhöhe fühlerartig in die Luft, murmelte »die Post« und kehrte um. Ihre beiden Begleiter verharrten an der Kante des ersten Tritts. Hedda öffnete den Briefkasten. Wegener schielte zu Holler. Holler schielte zum Briefkasten. Mit großen Flügelschlägen flatterte die Post Hedda entgegen. Zeitungen, Werbung, Umschläge aller Art. Aber kein Sparkassenkuvert schien darunter zu sein. Es musste, dachte Holler erleichtert, während er Hedda auf der Treppe dicht folgte, keuchend schon im ersten Stock, zwischen die Prospekte in die Zeitungen gerutscht sein.

Im dritten Stock öffnete Hedda mit einem langen Schlüssel eine hohe Eisentür zu einer geräumigen Diele, die im weichen Dämmer indirekter Wandbeleuchtung lag, belebt von den Schatten einiger weniger Einrichtungsgegenstände. An den Wänden nichts und etwas Kunst. Die Wohnung, wie Holler sofort feststellte, war überschrieben mit »Freiheit«, Untertitel: »Ich liebe es, allein zu wohnen«, und er gönnte ihr auch dies. Er wollte nur den Brief und dann abhauen und wollte ja gar nichts verunreinigen mit seiner Anwesenheit hier.

Aus dem Augenwinkel beobachtete er, wie sie den Poststapel auf die dreibeinige Mahagoni-Kommode legte, die sich in dieser weißen Leere wirklich viel besser machte als bei ihm.

»Schön hast du es hier!«, lobte er, was er sich hätte sparen können, wusste er doch, dass sie nicht allzu viel hielt von seinem Geschmack.

Hedda, demonstrativ noch immer im Mantel, sie dachte ja gar nicht daran, ihn abzulegen, überging seine Feststellung, indem sie die Arme vor der Brust faltete und sich in einem Ton, der genau auf ein vertrautes, nicht aber zu vertrautes Arbeitsverhältnis gestimmt war, an ihren neuen Kollegen wandte, er könne ja schon vorgehen, sie komme gleich. Mit dem Kopf wies sie flurabwärts ins Innere der Wohnung, und Holler dachte: Also kennt er sich aus. Aber Hedda, als hätte sie seine Gedanken hören können, sagte, es sei die Tür dort am Ende des Flurs, stets geradeaus, große Flügeltür. Und auch Wegener tat, als wäre er nie hier gewesen, indem er rechts der Flügeltür stehen blieb, ein Kunstwerk betrachtete, sogar die Brille abnahm und von nahem sehr lange darüberschaute, dann sagte: »ach, ein früher Surberg« oder »ach, ein früher Lurberg«, was Holler nicht richtig, Hedda aber offenbar sehr genau verstand, da sie sofort ihren Oberkörper um einige Zentimeter verlängerte, entweder vor Stolz über das Bild oder aus Freude darüber, dass Wegener im Gegensatz zu ihrem Exmann schon etwas mehr zu ihrer Wohnung zu sagen hatte als: »Schön hast du es hier.«

Jetzt tönte ein metallisches Quietschen, ein gespenstisches Geräusch zwischen Schreien und dem Lärm eines bremsenden Zuges. Ein heller Strich zischte aus einem der geöffneten Zimmer in den Flur: Es war Callas, die Katze, die er vollkommen vergessen hatte. Mit aufgestelltem, gesträubtem Schwanz blieb sie sitzen, fixierte aber nicht Wegener, der im Begriff war, die Flügeltür zum Wohnzimmer zu öffnen, sondern ihn. Sie hatte ihn nie leiden können, und obwohl er immerhin fast zwei Jahre mit ihr zusammengelebt hatte, war sie stets Heddas Katze, mein Kätzlein, geblieben (außer bei so unerfreulichen Angelegenheiten wie Tierarztbesuchen, Urlaubsplanung etc., wo es regelmäßig geheißen hatte unsere Katze, die sie einst angeschleppt hatte, ohne ihn zu fragen, an einem Punkt ihrer Beziehungsgeschichte, da er ohnehin wegen nichts mehr gefragt wurde). Nun saß sie in diesem weitläufigen Flur, weiß und bauschig, und starrte ihn mit tränenden Augen an wie ein großes Unglück.

Wie recht sie hat, dachte er. »Na du?«, sagte er, und um die Tierinhaberin nicht noch mehr zu verärgern, beugte er sich zur Katze hinab, wofür er, etwas wacklig, sogar in die Hocke ging, lockte mit den Fingern und spitzte die Lippen, um einige Geräusche zu machen, die die Katze dazu veranlassten, ihren Kopf eine Sekunde lang schief zu halten, bevor sie schreiend in die Richtung davonsprang, aus der sie gekommen war.

Hedda aber lehnte schmallippig im Türrahmen und winkte ihn mit einer knappen Kopfbewegung in die Küche. Es war dies eine Wohnküche, mit Sofa, was Holler freute, denn Hedda war immer eine große Freundin der Wohnküche gewesen. Und nun hatte sie also endlich eine, und zu Recht, wie er sich sagte, denn es gibt einfach Menschen, die Wohnküchen verdient haben! Vor dem Fenster allerdings klebte eine Bauplane, innen daneben das Monticchio-Foto.

»Es ist mir übrigens wieder eingefallen, wie es hieß«, sagte er, indem er mit dem Kinn auf das Foto deutete.

»Was?«, sagte Hedda. Sie lehnte an einer rückenergonomischen Arbeitsplatte, die nach frischem Holz roch.

»Monticchio«, sagte er.

»Ich weiß«, sagte sie, wollte aber nicht weiter darüber reden, denn es war ihr offenbar unangenehm, etwas mit ihm zu teilen, und wenn es auch nur ein paar verstaubte gelbstichige Erinnerungen waren.

Natürlich, dachte er. Und: Warum sie es überhaupt aufhängt?

»Kannst du mir jetzt bitte verraten, weshalb du hier bist?«, sagte sie, und ihre Stimme klang, als risse sie eine Seite aus einem Buch heraus.

»Das habe ich doch schon gesagt«, sagte Holler. »Ich wollte dir mitteilen, dass ich umziehe, dass du noch ein paar Sachen …«

»Thomas«, unterbrach sie ihn. »Das weiß ich.« Eine weitere Seite wurde zerrissen.

»Ich verreise«, fiel ihm ein.

Sie nickte.

»Italien«, sagte er. »Wir gehen auf Tour, ich wollte mich verabschieden.« Es hätte sich jetzt angeboten, ein unverfängliches Gespräch über Italien zu beginnen, aber er sah, wie Hedda ihren Kopf in einer empfindlichen Schräge hielt, und er zog es vor, zu schweigen. Warum geht sie nicht auf einen einzigen Moment ins Wohnzimmer, dachte er, oder ins Bad? Dann nämlich will ich sie erlösen, ich will den Brief nehmen, mich unverzüglich und in aller Diskretion entfernen. Es wird so sein, als hätte ich nie existiert. Nichts dergleichen aber geschah. Ein Wassertropfen fiel in die Spüle, zerbrach darin. Noch einer. Verzweifelt wandte er den Blick zum dunklen Fenster, worin sich die Wohnküche und er selbst und die sorgenvolle Hedda in die Tiefe des schwarzen Raums hinein verdoppelten. Da sah er das Wohnaccessoire, das neben seinem Oberschenkel hing und tickte. Er hielt die Tüte in die Höhe: »Ich habe dir auch eine Kleinigkeit mitgebracht«, sagte er fröhlich. »Zum Einzug!«

»Danke«, sagte sie und nahm die Papptüte an sich, während ein schwaches Lächeln auf ihrem Mund gleich wieder verlosch. Ohne rechte Neugier grub sie den Gegenstand hervor, wickelte ihn aus, betrachtete lange das Ei, betrachtete dann lange ihren Ehemann, wie man einen Hund betrachtet, der einem eine tote Maus geschenkt hat. Sie aber hatte Hunde nie besonders gemocht.

»Danke«, wiederholte sie. »Das ist offenbar eine Eieruhr, nicht?«

»Ja«, log Tom. »Ich dachte, für die neue Wohnung, du kannst sie vielleicht brauchen.«

Sie schwieg.

»Ich dachte, wo wir ja immer Schwierigkeiten hatten, den richtigen Moment zu erwischen, nicht?«

»Ja, die hatten wir«, sagte sie.

»Kann ich mal deine Toilette benutzen?«, fragte er, um das Gespräch fortzuführen.

»Zweite Tür links.«

Er dachte: Idiot. Aber die Situation ist auch wirklich schwierig. Alles ist wirklich schwierig, sagte er sich, auch im allgemeineren Sinn. Als er die Kommode mit den Briefen passierte, zögerte er, bog seinen Kopf über die Schulter zurück, um festzustellen, dass Heddas nachdenkliches Gesicht in den Flur ragte. Also betrat er das Badezimmer, schloss die Tür, stützte sich am Waschbecken auf und sah in den Spiegel. Wie erwartet erschienen darin dieselben klagenden Augen wie immer, etwas humorlos, obwohl er sich eigentlich gar nicht humorlos vorkam, gleich darüber das dunkle Haar, das (seit ihn niemand mehr freundlich, aber bestimmt darauf hinwies, dass er schon mindestens ein halbes Jahr nicht beim Friseur gewesen sei) unkämmbar tief in die Stirn hinabhing, und darunter links und rechts die beiden senkrechten Linien, die die Wangen zerfurchten wie zwei Felsspalten im Gebirge, und er verstand sowohl Callas’ als auch Heddas Entsetzen.

Idiot, sagte er sich. Du bist, ich bin ein Idiot.

Als er von draußen ein Klappern hörte, fiel ihm ein, dass es gefährlich war, Hedda mit den Briefen allein zu lassen. Hastig drückte er die Spülung, lief auf den Flur zurück, sah den Poststapel aber von weitem unverändert auf der Kommode liegen und spazierte daher, äußerlich ruhig und nahezu lautlos pfeifend, die Hände in den Taschen, wieder in Richtung Wohnküche. Hier aber stand Wegener und fragte, eine der Weinflaschen in die Höhe haltend, nach einem Korkenzieher. Holler zeichnete mit der Spitze seines Schuhs eine liegende Acht, bis Wegener, der im Begriff war, in einer geschmeidigen Bewegung den Korken aus der Flasche zu ziehen, auf ihn aufmerksam wurde. Höflich wandte er sich an ihn. Die Höflichkeit schien sich von Wegener abzuspalten und ein Eigenleben zu beginnen. Ob er denn ein Glas mittrinke, wurde von ihm höflich gefragt. Und Holler sah, wie die im Türrahmen stehende Hedda den Mund öffnete, ihn dann zu schließen vergaß, wodurch sie fast etwas dumm aussah, fischartig, so dass sie noch besser zu Wegener passte, dachte Holler. Es vergingen einige Sekunden, aber sie gingen auf der Stelle, sammelten sich auf einem Punkt, und er dachte, dass er etwas sagen müsse, schnell, bevor Hedda es tun konnte, und er sagte: »Ja, gern!«, und vermied den tief in seine Wange stechenden Blick der Gastgeberin. Er entfernte ein Haar von seinem Hemdsärmel.

Im Wohnzimmer, in das sie schweigend hinübergetrottet waren – es war ein weißer, fast quadratischer Raum mit Kappendecke und drei Pfeilern in der Mitte, Bauplane vor der langen Fensterfront –, kam man sich merkwürdig eingepackt vor.

»Gemütlich«, sagte Holler. »So ganz ohne Außenwelt!« Lutz Wegener lachte höflich, weil er dies für einen Witz hielt. Hedda sagte pragmatisch, nachdem sie sich geräuspert hatte: »Setzt euch.« Sie setzten sich. Es war ein runder Esstisch, den Holler noch nicht kannte, mit weiß leuchtender Tischdecke, einem Strauß roter Tulpen, und schräg gegenüber lag in einer Ecke eine Sofasitzgruppe mit kleinem Würfel davor, natürlich war Kunst an den Wänden, sonst Leere. Dort hinein machte Wegener Konversation, worin er geübt war.

Er sei ja Musiker, sagte er und lächelte. Wie er darauf komme, fragte Holler. »Hedda«, sagte Wegener mit einem Hüsteln. Holler überlegte. Die Situation kam ihm eigenartig vor. Er meinte, sie schon vorher irgendwo erlebt zu haben, in einem früheren Leben, mit einer früheren Ehefrau und deren neuem Liebhaber, und trotzdem fühlte er sich nicht heimisch darin. Er war in dieser Situation wie in einem Zimmer, in das man sich auf der Suche nach einem ganz anderen Zimmer verlaufen hatte und das einem gleichwohl bekannt vorkam. Er kämpfte gegen einen Lachanfall, trank schnell das Glas aus, um den Lachreiz hinunterzuspülen. Er hörte, wie Lutz Wegener sich räusperte. Er spürte die Blicke, vier Augenblicke, die sich von zwei Seiten auf seine Wangen legten. Man hatte ihn etwas gefragt.

Er hustete. »Hm?«

Wegener schaute zur Tischdecke hinab und wölbte den Mund. »Sie sind also Musiker?«, wiederholte er. Er lächelte gespannt.

»Ich? Nein, nein«, sagte Holler, und er schüttelte den Kopf. Hedda lächelte. Ihr Lächeln glitt von Thomas entschuldigend zu Wegener hinüber. »Thomas!«, sagte sie. Das Wort hallte im Raum. Die akustischen Verhältnisse waren so aufgrund der Leere, dass jedes Geräusch ein wenig nachhallte, und auch in seinem Kopf, der ebenfalls leer war, hallte dieser Tonfall, den er gut kannte, ein wenig nach. Er musste etwas sagen, also sagte er: »Ich spiele ein bisschen Klavier. Für Geld.«

»Wenn Sie es so formulieren möchten«, sagte Wegener lachend, und Hedda sagte fast gleichzeitig, Thomas habe im vorigen Jahr zum vierten Mal den German Jazz Award bekommen! Sie sprach von ihm wie von einem Kind, und es fehlte nur, fürchtete er, dass sie eine Platte von ihm auflegte.

»Ach«, sagte Wegener. »Herzlichen Glückwunsch!« Was er denn für eine Musik mache? In einer einzigen Bewegung schlug Wegener ein Bein über und führte gleichzeitig seinen gestreckten Zeigefinger an die Wange, so als könne er in dieser Stellung besser hören.

»Ach, nichts Besonderes«, sagte Holler. »Wir finden heraus, was den Leuten gefällt, und dann spielen wir es.« Er schenkte sich Wein nach, trank ihn in einem Zug aus. Das leere Glas stellte er auf die weiße Tischdecke. Es war eines der sogenannten »Familiengläser«, von denen er leider mehrere zerbrochen hatte. Die drei Familiengläser standen im Halbrund auf der Tischdecke. Zwei funkelten rot und voll, eines war leer. Er wusste, dass er weiterreden musste, um nicht aufzufallen, also redete er. Sie machten Musik im Zwischenbereich von Weltmusik und Jazz, erklärte er, wie er es unzählige Male erklärt hatte, und vielleicht stimmte es sogar. Sie arbeiteten für jedes Album mit Einflüssen verschiedener traditioneller Stile, Tango, italienische Canzone, Balkanmusik, Musette. Verorteten diese in einer neuen musikalischen Sprache, die vom experimentellen Jazz inspiriert sei. Von der improvisierten Musik. Nicht er sprach, sondern es sprach aus ihm. Lutz Wegener fand es aber sehr interessant.

»Ich kann ja mal was auflegen«, schlug Hedda vor.

»Nein!«, sagte Holler zu laut. »Nein«, echote er leiser und zerrte seine Mundwinkel in ein Lächeln, er habe das schon so oft gehört. Er schwitzte. Er fühlte sich wie ein vollgesogener Schwamm, der, sobald er von jemandem angetippt wurde mit einem Wort, einer Frage, überlief. Er hätte gern das Thema gewechselt, aber es fiel ihm nichts ein, denn sein Kopf war ganz weit und leer wie diese Wohnung, nur war keine Kunst darin. Lutz Wegener dachte auch gar nicht daran, das Thema zu wechseln, denn Musik im Allgemeinen war ein dankbares Gesprächsthema. Er redete jetzt viel, Namen und Daten und Epochen, während Hedda sich etwas entspannte. Holler schenkte Wein nach, trank mit großen Schlucken, nickte, ohne zu verstehen, hörte nur den Klang der Wörter, nicht aber deren Inhalt, bis Wegener ohne ersichtlichen Grund verstummte. Eine kurze Pause entstand, in der Holler sich hätte entschuldigen können, er müsse ein weiteres Mal auf die Toilette, um dann endlich den Brief zu nehmen und zu verschwinden, aber er staunte so sehr über die plötzliche Stille, dass er wieder zu langsam war und Hedda ihm zuvorkam. Sie murmelte etwas von Abendessen, sagte dann laut mehrmals das Wort Pasta (Hedda hätte niemals Nudeln oder Spaghetti gesagt, sondern immer »Pasta«, »Pasta con« etc.) und lief hinaus.

Holler saß lächelnd neben seinem Nachfolger. Die Anspannung wie ein Lineal im hochaufrechten Rücken und eingezwängt in die Schraubzwinge dieses Gesprächs, achtete er auf jedes einzelne der Küchengeräusche, denn erst wenn es still wird, dachte er, ist es gefährlich, solange sie kocht, ist sie beschäftigt, sagte er sich immer wieder, während Lutz Wegener an der Zwinge drehte und redete, über die Mehrfachakkorde im Bebop, über die aktuelle Berliner Jazzszene, die aber wirklich zu den besten gehöre, weltweit, könne man fast sagen, oder? Wie er persönlich das sehe, er, der Experte? Aber Holler hatte grundsätzlich dieselbe Meinung wie sein Nachfolger, nickte und sagte, dass er das wirklich genauso sah. Wegener lockerte die Gesprächszange. Schweigen breitete sich ungehindert aus, was Holler ganz gut hätte ertragen können, Lutz Wegener, der kurzzeitig beleidigt wirkte, aber nicht. Stumm nahm er die Brille ab, wodurch er sein leicht fischiges Aussehen verlor, putzte scheinbar gedankenlos die Gläser. Man könne fast meinen, sagte er seufzend, dass der Frühling bald käme, obwohl es wieder so kalt geworden sei. Und doch habe man den Eindruck, dass schon etwas in der Luft liege. Er winkte ein wenig mit der Hand auf der Höhe seines Ohres.

Holler schwieg.

Wegener räusperte sich, indem er eine locker zur Faust geformte Hand vor den Mund hielt. Ob Holler denn bald einmal in Berlin spiele, fragte er blinzelnd.

Er habe heute Nachmittag gespielt, antwortete Holler.

Wegener staunte.

»Schumann.«

»Ich meinte«, sagte Wegener, »ob Sie demnächst ein Konzert geben.«

»Ach so«, sagte Holler, »Italien«, fuhr er fort und drehte sich eine Zigarette und zündete sie an, obwohl er sich denken konnte, dass es Hedda nicht gutheißen würde: ein Nichtraucherhaushalt endlich, und er hatte nichts anderes zu tun, als ihr postwendend die schöne frische Leere vollzuqualmen.

»Italien?«, sagte Wegener. Tom verstand nicht, neigte fragend den Kopf.

»Sie sagten Italien?«

»Wir spielen in Italien, ja«, sagte er und sah sich nach einem Aschenbecher um, entschied sich für die Blumenvase. Lutz Wegener aber konnte es fast nicht glauben: Italien!, zufällig hatte er nämlich seine Dissertation in Literaturwissenschaft über einen italienischen Dichter mit einem Raubtiernamen verfasst, den mit Hölderlin zu vergleichen er sich zur Aufgabe gemacht hatte, und war bei dieser Gelegenheit in ganz Italien herumgekommen. Bologna, Rom, sogar Sizilien.

»Sogar Sizilien«, murmelte Holler.

»Ja, Sizilien ist herrlich!«

»Bestimmt«, sagte Holler und beendete somit auch das Italienthema. Er war kein dankbarer Gesprächspartner, zugegeben. Hatte er aber auch nie behauptet.

Er wippte mit den Knien, lauschte auf die Küchengeräusche, hohes Klappern, tiefes Klappern, immerhin schien sie beschäftigt, aber er konnte nicht verstehen, dass es so lange dauerte, ein paar Spaghetti zu machen, aber »Pasta con« dauerte vermutlich einfach länger. Holler rauchte. Wegener sagte: »Die vom Barock geprägte sizilianische Architektur.« Holler trommelte mit den Fingern auf seinem Knie. Wegener sagte: »Sie müssen unbedingt den Monte Pellegrino besuchen, wenn Sie in Palermo sind.« Er nickte aufmunternd. Holler nickte auch. »Zu Fuß«, sagte Wegener, »eine herrliche Wanderung, etwa drei Stunden, und«, fuhr er fort, »die Grotte der Heiligen Rosalia.« Holler nickte dankbar. Wegener sagte: »Die Grotte der Rosalia hat ja schon Goethe besucht.« Holler trank einen großen Schluck Wein. Er schnippte etwas Asche in die Vase. Er dachte an Goethe, dachte an seine Deutschlehrerin Frau Gabel, und Wegener sagte: »Normannische Zeit.« Holler stellte das Weinglas ab. Die Tischdecke blendete. Er dachte an das blauschwarze Haar der Gabel, dann nur noch an Schwarz, dann an nichts, wenn nichts etwas ist, und Wegener sagte: »Arabische Zeit«, er sagte »griechische Zeit«, er sagte »elymische Zeit«, und Holler nickte. Die gleichförmige Bewegung seines Kopfes und das ununterbrochene Rauschen der Worte riefen ein Gefühl der Ewigkeit hervor in ihm, als hätte er schon immer nickend hier gesessen, während Lutz Wegener schon immer über die elymische Zeit gesprochen hätte.

Als Wegener sagte: »Sizilien ist ja unter kunsthistorischen Aspekten einzigartig« (Holler verstand nicht den Sinn der einzelnen

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