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Die Oger

Inhalt

  1. Cover
  2. Titel
  3. Über den Autor
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. Danksagung
  7. Karte
  8. Prolog
  9. 1
  10. 2
  11. 3
  12. 4
  13. 5
  14. 6
  15. 7
  16. 8
  17. 9
  18. 10
  19. 11
  20. 12
  21. 13
  22. 14
  23. 15
  24. 16
  25. 17
  26. 18
  27. 19
  28. 20
  29. 21
  30. 22
  31. 23
  32. 24
  33. 25
  34. 26
  35. 27
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  51. 43
  52. 44
  53. 45
  54. 46
  55. 47
  56. 48
  57. 49
  58. 50
  59. 51
  60. 52
  61. Epilog

Über den Autor

Stephan Russbült wurde 1966 in Rendsburg in Schleswig-Holstein geboren. Er absolvierte eine Lehre als Großhandelskaufmann, studierte dann BWL und arbeitet heute als leitender Angestellter. Aus seiner langjährigen Begeisterung für Fantasy-Rollenspiele erwuchs auch seine Leidenschaft, Geschichten zu Papier zu bringen. Seine bezaubernde Reihe um die Oger ist insgesamt auf drei Teile ausgelegt. Stephan Russbült lebt mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in Breiholz, nahe dem Nord-Ostsee-Kanal.

Danksagung

Sich eine Geschichte auszudenken und sie auf Papier zu bringen ist eine Sache, sie zu einem Buch werden zu lassen eine andere. Im Alleingang ist dies kaum möglich, deshalb möchte ich an dieser Stelle all denen meinen Dank aussprechen, die dabei geholfen haben.

Zuerst zu nennen wären meine Agentinnen Natalja Schmidt und Julia Abrahams. Ihrer Unterstützung und Mitarbeit habe ich es zu verdanken, dass »Die Oger« veröffentlicht werden konnten.

Zu einer Veröffentlichung gehört natürlich auch ein Verlag. Im Team von Lübbe möchte ich mich insbesondere bei Ruggero Leo bedanken, der von der Geschichte und der Art meines Erzählens so überzeugt war, dass er »Die Oger« ermöglichte.

Weiterhin möchte ich mich bei meinen Testlesern Dirk, Doris und Hilde bedanken, die mit Kritik, Anregung und Lob nicht zurückgehalten haben, und meinem Bruder Peter, der mich vor rund zwanzig Jahren zum Rollenspiel gebracht hat. Ganz besonderer Dank gilt Dörte, die mich außerdem noch aus den Wirrungen der Rechtschreibreform befreit hat.

Zuletzt möchte ich noch einige Freunde erwähnen, die lieber unerkannt bleiben wollen, wie z. B. Matthias B. und Dirk H., die mit ihren Charakteristika dazu beigetragen haben, einigen meiner Protagonisten Leben einzuhauchen.

Stephan Russbült, Mai 2008

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Prolog

Auszug aus der Enzyklopaedia Mystica

Aufzeichnungen des Hofmagiers und Gelehrten der Universität zu Turmstein, Rodasan Libricus

 

Über die Rassen Nelbors

Oger:

Die Oger sind eine Rasse von riesenhaften Barbaren mit menschenähnlichem Aussehen. Ihre geistigen Fähigkeiten sind äußerst beschränkt, und ihr Umgang miteinander ist derb und oft gewalttätig. Oger sind grobschlächtig, scheuen das Wasser und die körperliche Reinigung und verhalten sich gegenüber allen anderen Rassen sehr feindselig. Ihre Kleidung ist auf das Nötigste beschränkt und lässt auf ein mangelndes Schamgefühl schließen. Zum Zweck der Vermehrung bilden männliche und weibliche Oger meist in vorgeschrittenem Alter eine kurzfristige Partnerschaft, die mit der Geburt des Nachwuchses endet. Durch ihre körperlichen Attribute - sie sind bis zu zehn Fuß groß und wiegen mehr als achthundert Pfund - sind sie äußerst gefährlich. Die Bekämpfung von einzelnen Exemplaren in der Nähe von Siedlungen sollte nur durch gut ausgebildete Krieger erfolgen. Ihre Bewaffnung besteht meist aus simplen Waffen wie Keulen, deren Wirkung man dennoch nicht unterschätzen sollte, da sie mit ungeheurer Wucht geführt werden.

Oger jagen alles, was für sie als Nahrung verwertbar sein könnte. Sie stehlen Vieh und Haustiere, vergreifen sich aber auch an Kornspeichern, wenn sie Hunger leiden. Entgegen allen Gerüchten konnte bislang nicht bestätigt werden, dass Oger ihresgleichen verspeisen oder je einen Menschen zum Zweck des Verzehrs getötet haben.

Die meisten Oger beherrschen unsere Sprache nur bruchstückhaft, und eine Verständigung mit ihnen ist nur schwer möglich.

Weibliche Oger sind recht selten und äußerst scheu. Sie verschanzen sich hoch oben in den Bergen und hüten die Jungen, bis diese ausgewachsen sind, was ungefähr nach fünf Jahren der Fall ist.

Viele Oger sind recht behäbig. Durch ihre unkontrollierte Nahrungsaufnahme und ihre ausgeprägte Abneigung gegen jede Art von überflüssiger Bewegung leiden sie oft unter Fettleibigkeit.

Versuche, sie in Gefangenschaft zu einfacher körperlicher Arbeit anzuleiten, sind bislang gescheitert. Sie huldigen dem Gott Tabal, wie andere bösartige Völker auch.

Nachtrag:

Einige Jahre später sollte diese Charakterisierung vollständig überarbeitet werden. Noch später entschloss man sich, den Text über Oger komplett aus den Büchern zu streichen und lieber über Rassen zu berichten, die es nicht als Sport betrachteten, Gelehrte über Stadtmauern zu werfen.

1
Jäger und Gejagte

»Trödel nicht so rum. Was machst du da eigentlich?«

»Ich suche Spuren, damit wir nicht in eine Falle laufen.«

»Bist du besoffen? Die Füße dieses Viehs sind so groß wie Schweinetröge, man kann seine Spuren gar nicht übersehen. Außerdem, hast du schon mal gehört, dass eins von diesen Biestern jemandem eine Falle gestellt hat?«

Der kleinere der beiden Männer zuckte mit den Schultern und zog verlegen mit seinem Fuß Linien am Boden.

Der andere schüttelte den Kopf und wandte sich ab, um die Verfolgung fortzusetzen. »Los, komm schon, du Schwachkopf«, brummte er und setzte sich in Bewegung.

Es war früher Nachmittag, und die Sonne stand an einem strahlend blauen Himmel. Dennoch ließ die Kühle dieses Herbsttages erahnen, dass ein strenger Winter bevorstand.

Die Spur, der die beiden Jäger folgten, verlief auf einem Wildpfad. Der Wald wurde hier immer dichter, und die Laubbäume wichen großen Nadelbäumen, die dem Wald den Namen Tannenverlies eingebracht hatten. Nach einer weiteren Meile erreichten die Tannen eine Höhe von bis zu vierzig Schritt und standen so dicht zusammen, dass kaum noch Tageslicht auf den Waldboden fiel.

Die beiden Gefährten waren bereits seit vier Stunden auf der Spur ihrer Beute, und langsam machte sich ihre Erschöpfung bemerkbar. Sie machten Rast, um sich mit Wasser und einigen Bissen Dörrfleisch zu stärken.

»Häng deinen Bogen an eine Astgabel. Wir holen ihn auf dem Rückweg wieder ab. Er wird uns hier im Dickicht nur stören«, sagte der größere der beiden Jäger, der das Kommando hatte.

»Meinst du nicht, es wäre besser, ihn aus der Entfernung zu erledigen, als sich zu nah an ihn heranzuwagen?«

»Nein, denn mein Plan war es ja, ihn ins Dickicht zu treiben, damit seine Bewegungsfreiheit eingeschränkt ist und wir leichtes Spiel haben. Aber wenn du einen besseren Vorschlag hast, dann nur heraus damit. Allerdings hört dir sowieso keiner zu. Besser wäre es noch, du würdest das Maul ganz halten, denn sonst muss ich Trebor sagen, dass du es leider nicht geschafft hast.«

»Warum hat er wohl das Schaf von Meister Trebor mitnehmen wollen?«, fragte der kleinere Jäger nach einiger Zeit. »Und was soll ich bitte schön nicht geschafft haben?«

»Die Rückkehr, du Schwachkopf«, kam prompt die Antwort, gefolgt von einer hart geschlagenen Geraden.

Der kleine Mann klappte zusammen. Seine Beine sackten weg und vollführten eine Drehung, sodass er beinahe im Schneidersitz landete. Er hob die Hände vor sein Gesicht und drückte die Nasenflügel zusammen, aus denen langsam Blut sickerte. Die routinierte Geste bewies, dass dies nicht die erste schlagfertige Antwort auf eine nicht allzu kluge Frage gewesen war, die er bekommen hatte.

Sein Begleiter stand einfach da und richtete seine Kleidung. Nach wenigen Augenblicken erhob sich der jüngere wieder. Seine Nase hörte rasch auf zu bluten. Gerade wollte er seinen Gefährten an die Schulter tippen und ihn fragen, ob er vielleicht einen Lappen hätte, doch er hielt in der Bewegung inne und nahm schließlich seinen Ärmel und ein bisschen Spucke zu Hilfe, um sein Gesicht zu säubern. Schweigend setzten sie ihren Weg fort.

Nachdem sie noch eine Weile gelaufen waren, brach der Anführer das Schweigen seinerseits und fragte: »Tut es noch weh? Du musst einfach disziplinierter werden, wenn du so ein Vieh jagen willst. Das ist hier kein Picknick. Jeder Fehler kann tödlich sein.«

»Ja«, lautete die knappe Antwort.

Der größere Mann blickte sich um und nickte seinem Kollegen aufmunternd zu. »Hier ist ein gutes Versteck für die Bögen.«

Sie hingen beide ihre Langbögen an einen Ast und folgten in leicht gebückter Haltung weiter der Spur ihrer Beute. Die Fußabdrücke waren im Waldboden gut zu erkennen, aber auch die abgebrochenen Zweige waren ein unübersehbarer Wegweiser. Das Sonnenlicht drang nur noch schemenhaft durch das Geäst und verschlechterte die Sicht der Verfolger enorm.

»Kann er eigentlich im Dunkeln sehen?«

»Ja, sicher«, erwiderte der Anführer gereizt, »er kann nur nichts erkennen, weil alles schwarz ist.«

Die Bäume in diesem Teil des Waldes waren gigantisch. Viele waren über fünfzig Schritt hoch und maßen fast zwei Schritt im Durchmesser. Hier konnten die Männer wieder aufrecht gehen und mussten nur ab und zu einigen Ästen ausweichen.

Als der Anführer sich wieder nach vorn wandte, traf ihn ein zurückschnellender Ast von der Dicke eines kräftigen Oberarms am Kopf. Sein halb geöffneter Mund erleichterte es dem Ast, eine hübsche Zahl Vorderzähne auszuschlagen und ihn zu Boden zu werfen. Hinter dem Stamm schnellte ein riesiger Arm hervor und packte den noch auf den Beinen stehenden kleineren Mann am Gürtel und schlug ihn mit voller Kraft gegen den Baum.

Er hatte dem Aufprall nichts entgegenzusetzen. Die Luft wurde ihm aus den Lungen gepresst, und ein furchtbares Krachen der Knochen war zu vernehmen. Er sank ebenfalls zu Boden.

Jetzt wurden die Äste des Baumes zur Seite gedrückt, und der Oberkörper einer riesigen menschenähnlichen Kreatur kam zum Vorschein. Das Geschöpf war ungefähr neun Fuß groß. Sein Kopf war etwas nach vorn gestreckt, und die Gliedmaßen schienen zu lang für seinen mächtigen Körper zu sein. Insgesamt machte es einen kämpferischen und auf jeden Fall brutalen Eindruck. Das breite Kinn und die vorgeschobenen Augenbrauenwülste ließen das Wesen nicht allzu intelligent aussehen.

Mit einem Schritt stand es über seinen beiden Verfolgern und beendete den Kampf mit einem nachlässig ausgeführten Vorhand- und einem Rückhandschlag.

Das Letzte, was die beiden Männer hörten, war: »Bin kein Vieh - bin Mogda … bin Oger.«

2
Das Duell

Ohne eine Verschnaufpause einzulegen, machte Mogda sich daran, seine beiden kürzlich verstorbenen Widersacher zu untersuchen. Er vermutete bei ihnen zwar nichts zu essen, aber er wusste, dass Menschen meist kleine Metallplättchen oder lustige bunte Steine bei sich trugen, mit denen er bei den Orks gute Tauschgeschäfte machen konnte. Er verstand zwar nicht, warum die Orks sich so darüber freuten, aber wer begriff schon, was einem Ork gefiel? Mit den Waffen der Menschen konnte er hingegen nicht viel anfangen, dafür waren sie einfach zu zierlich und zerbrachen viel zu leicht in seinen Fäusten.

Nachdem er seine Untersuchung beendet hatte, warf er sich den kleineren Mann über die Schulter, und den anderen zog er einfach am Fußgelenk hinter sich her. Ihm war klar, dass der Rückweg dadurch deutlich länger dauern würde, besonders in diesem Dickicht. Aber er hoffte darauf, dass die beiden Toten dem alten Mann im Turm so viel Angst einjagten, dass er flüchten würde, und Mogda sich in Ruhe seine Schafe schnappen konnte.

Er musste die Schafe unbedingt haben, denn der kommende Winter würde sicher noch härter werden, als der im letzten Jahr. Langes Jagen gefiel ihm nicht, denn es war schwierig, sich an ein Reh auf Keulenreichweite heranzupirschen, wenn man fast fünfhundert Pfund wog, im Schleichen eine Niete war und roch wie eine Herde Orks nach einer wilden Hetzjagd. Da war das Mitnehmen von Vieh aus irgendwelchen Pferchen oder Scheunen doch viel bequemer … wenn man nicht auf solche störrischen Einsiedler wie den Alten im Turm traf, die den Tod eines Schafes gleich mit dem Tod eines Ogers vergelten wollten. Mogda blieb jedoch keine Wahl, er musste zu dem Turm zurückkehren, um sich Nahrung zu beschaffen. Ein harter Winter, nichts zu essen und keine passende Höhle konnten auch für einen Oger das Ende bedeuten.

Tatsächlich war der Rückweg mit den beiden Toten mühselig. Ihre Ausrüstung scheuerte an seinem nackten Oberkörper. Er wunderte sich, wie er es schon oft getan hatte, über die Gewohnheiten der Menschen. Sie zogen sich unbequeme Metallrüstungen an, die sie im Kampf mehr einschränkten als schützten. Und was diesen Schild anging … Er mochte vielleicht die Sonne abhalten oder einem Koboldpfeil trotzen, aber einer Ogerkeule würde er sicher nicht widerstehen. Im Gegenteil, Mogda hatte immer das Gefühl, wenn er den Schild in der Mitte traf, wurden die Leute dahinter noch ein Stück weiter wegkatapultiert. Und Menschen so wie dieser hier, der seinen Schild auch noch polierte, waren für ihn so etwas wie laufende Zielscheiben. Durch den Schild hatte er seine beiden Verfolger im Wald schon frühzeitig bemerkt. Und wenn der Schild sie nicht verraten hätte, dann sicher ihr dauerndes Gerede. Er hatte zwar in seinem Leben noch nicht so viele Menschen bekämpft und hielt sich, wenn möglich, auch von ihren Siedlungen fern, aber alle Menschen, die er gesehen und beobachtet hatte, redeten die ganze Zeit. Von einem, den er letztes Jahr erschlagen hatte, war er sogar während des ganzen Kampfes beschimpft worden, was zugegebenermaßen nicht sehr lang gewesen war. Aber zumindest kannte Mogda jetzt den Ausdruck »warzengesichtiges Monster«. Und schließlich hatte er trotzdem das Pferd bekommen, das der Mensch nicht hatte hergeben wollen.

Für ihn war ein Pferd ein Vorrat von zwei Wochen, obwohl er Schafe lieber mochte.

Der Oger war noch zehn Schritt vom Rand der Lichtung entfernt. Die Sonne hatte eine blutrote Farbe angenommen und verschwand gerade hinter den Baumwipfeln. Der Turm, den Mogda beobachtete, warf einen langen Schatten in seine Richtung, den er nutzen würde, um sich dem Gebäude zu nähern. Er wartete noch ein paar Minuten, dann wurde im Inneren des Turms ein Licht entzündet.

Das war genau der richtige Moment. Mogda stand auf. Er hatte noch immer den einen Menschen geschultert, und den anderen zog er hinter sich her. Mogda wollte dem Alten die Toten in seine Behausung werfen und sich dann mit zwei Schafen auf den Weg in die Berge machen. Den Alten zu töten, empfand er als unnütz.

Das Gras der Lichtung war von den Schafen gleichmäßig kurz gefressen. Die Tiere grasten im Moment auf der anderen Seite des Turms. Mogda wollte ihnen lieber aus dem Weg gehen, weil er wusste, wie Tiere auf ihn reagierten. Sie würden ihn durch ihr ängstliches Blöken bestimmt verraten, und den Alten vielleicht dazu veranlassen, etwas Unbedachtes zu tun.

Mogda schritt den kleinen Pfad entlang, direkt auf die Tür des zwölf Schritt hohen Steinturms zu. Kurz bevor er den Eingang erreichte, hörte er die Stimme des Alten: »Na, habt ihr ihm eine Lektion erteilt? Ich hatte schon befürchtet, dass er euch abgehängt hat und vor euch zurückkommt, um sich doch noch ein paar Schafe zu holen. Was ist? Kommt rein und macht euch sauber.«

Der Alte hatte wohl das Scheppern der Rüstungen gehört und vermutete nun, dass seine Kameraden heimkehrten. Auf gewisse Weise stimmte das ja auch, nur brachten sie noch einen Überraschungsgast mit.

Mogda wollte die Tür nicht unbedingt auftreten, da sein Gleichgewicht von dem Körper über seiner Schulter beeinträchtigt wurde. Also bückte er sich leicht nach vorn und drückte den kleinen Türgriff nach unten, der durch den Druck der Ogerhand ein wenig an Form verlor. Er schob die Tür auf und sah den Alten, der ihm den Rücken zuwandte und in einem Topf rührte, der über dem Feuer im Kamin hing.

»Wie ist es, habt ihr nach der erfolgreichen Jagd ein wenig Hunger? … Dann setzt euch«, brummelte der Mann.

»Eher nicht«, knurrte Mogda.

Meister Trebor fuhr herum und ließ dabei den Löffel in die Suppe fallen. Der Anblick des geduckt in der Tür stehenden Ogers erschreckte ihn so sehr, dass er zurückwich und sich dabei die linke Hand an dem großen, gusseisernen Topf verbrannte. Auf seiner Miene wechselten sich Erstaunen, Schmerz und Wut ab. Dann hob er die Arme wie ein Gefangener, der sich ergeben will, und murmelte dabei einige unverständliche, leicht melancholisch klingende Worte. Aus seinen Fingerspitzen zuckten kleine hellblaue Blitze hervor, die sich einen Schritt vor ihm zu bündeln begannen und in einem ansehnlichen Blitzstrahl weitergeleitet wurden. Der Blitz zuckte unmissverständlich auf Mogda zu, der nur mit offenem Mund dastand und staunte.

Der Oger hatte zwar schon oft von Menschen gehört, die zaubern konnten, war aber noch nie einem begegnet. Er hatte keine Ahnung, was man alles mit Zaubern bewirken konnte, aber dieser hier ließ nur einen Schluss zu: Schmerzen und Tod. Dennoch wurde der Spruch so schnell gewirkt, dass er keine Zeit hatte, um zu reagieren. So stand er nur da und gaffte, doppelt so groß und nur halb so intelligent wie Trebor … wenn überhaupt.

Der Blitz traf Mogda in der Körpermitte. Doch anstatt den Oger zu grillen, wurde er von dem funkelnden Schild des Toten reflektiert und zurück in den Raum geworfen. Er schlug knapp neben Meister Trebor in den Suppenkessel ein. Die Suppe stieg daraus auf wie ein Geysir und regnete auf den Magier nieder, der verzweifelt zu schreien begann. Das Gebrüll ging aber rasch im ohrenbetäubenden Krachen des nochmals abgelenkten Blitzes unter. Der Lichtstrahl fuhr senkrecht unter die metallene Wendeltreppe, lief zickzackförmig im Geländer nach unten, entlud sich am Treppenpfosten und durchquerte den Raum. Grollend raste der Blitz eine Handbreit über den Tisch hinweg und entzündete umherstehende Phiolen und Tiegel, um dann noch einmal an einer Metallkiste abgelenkt zu werden. Kurz darauf fand der Energiestrom sein Ziel. Meister Trebor streckte sich, als ob eine riesige unsichtbare Hand ihn um die Taille gepackt hatte und ihn zerdrückte. Kleine Blitze teilten sich und tanzten zwischen seinen Gliedmaßen hin und her. Die heiße Suppe auf seinem Körper verdampfte in Sekundenschnelle und hüllte ihn in eine für Mogdas Nase nicht unappetitliche Dampfwolke. Dann fiel der Magier zu Boden, und Ruhe kehrte ein.

Der Oger starrte durch die offen stehende Tür. Er musste das Bild erst einen Augenblick auf sich wirken lassen, um zu begreifen, was geschehen war. Sein Blick wanderte immer wieder den Irrweg des Blitzes ab.

Nach einer Weile hob er die Mundwinkel und entblößte seine Hauer. Das Schmunzeln wurde schnell zu einem Prusten und dann zu einem schallenden Gelächter, was seinem Gesicht nicht unbedingt ein freundlicheres Aussehen verlieh. Diese überschwängliche Freude rührte zum einen daher, dass der Blitz ihn nicht getötet hatte, zum anderen aus dem Begreifen der Tatsache, auf welch komplizierte Art und Weise der alte Mann sich selbst gerichtet hatte.

Mogda ging geduckt durch die Türöffnung und löschte mit bloßer Hand erst einmal die entstandenen Feuer auf dem Tisch. Ihm fiel auf, dass sich die Härchen auf seinen Armen aufgestellt hatten und einen lustigen Tanz vollführten, wenn er mit der Hand in einigem Abstand darüberstrich. Genauer gesagt benahm sich seine komplette Körperbehaarung merkwürdig. Er fuhr mit der Hand über seine Stirn und stellte fest, dass sich sein Kopfhaar, das zu vielen Zöpfen geflochten war, eigenartig buschig anfühlte. Außerdem kribbelte es in seinen Fingern bei jeder Berührung.

Die kühle Abendbrise drang in den Raum und verwehte den Geruch nach angebranntem Eintopf, der noch in der Luft hing. Mogda begann damit, den Turm zu durchsuchen. Die meisten Dinge auf dem Tisch waren zerstört oder in den Augen eines Ogers nutzlos. Die Wände waren bis zur dritten Etage voll mit Büchern, die für Mogda keinen Wert besaßen. Sonst gab es kaum Einrichtungsgegenstände, nur ein Bett und zwei Stühle, die Mogda auch nicht gebrauchen konnte, da er keine Kinder hatte.

Plötzlich fiel ihm ein Funkeln ins Auge, ausgehend vom Hals des Magiers. Er beugte sich über den schwelenden Körper und zog den Kragen des dunkelblauen Umhangs zur Seite. Darunter kam eine stabile Kette mit einem hellblauen Stein als Anhänger zum Vorschein. Der Stein war groß und glitzerte verführerisch. Mogda zog dem Magier die Kette über den Kopf. Die würde er behalten und sich umhängen. Der Alte war zwar nicht gerade ein Drache, und auch sonst kein weithin gefürchtetes Untier, aber immerhin ein Zauberer, den er besiegt hatte und dessen Schatz ihm nun rechtmäßig zustand. Er freute sich über seine Beute, aber auch darüber, dass niemand dem Kampf beigewohnt hatte. Sonst wäre der Spott doch wieder auf seine Kosten gegangen.

Mogda hielt das Schmuckstück vor seine Augen, um abzuschätzen, ob die Kette über seinen Kopf passte. Er versuchte es, und mit ein wenig Anstrengung bekam er sie über den Kopf. Als die Kette endlich über sein Kinn rutschte, und der blaue Stein seine Brust berührte, fühlte Mogda plötzlich einen brennenden Schmerz in seinem Schädel. Das Stechen war schier unaushaltbar. Er trommelte mit den Fäusten auf den Boden und zuckte unkontrolliert mit den Beinen, unfähig, auch nur eine koordinierte Bewegung auszuführen. Sein Brüllen hätte selbst einem erzürnten Bären alle Ehre gemacht. Die Schmerzen wurden so unerträglich, dass Mogda sich zusammenkrümmte, die Sinne verlor und ohnmächtig am Boden liegen blieb, während der blaue Stein im Schein des Kaminfeuers funkelte.

3
Osberg bei Nacht

Zur selben Zeit, dreihundert Meilen westlich …

Malerisch lag die kleine Stadt Osberg in den Ausläufern des mächtigen Bergwall-Gebirges. Die untergehende Sonne ließ die Steinmauern der Häuser in hellem Rot erglühen. Nördlich ragte der Berg Zwergenesse hinter der Stadt auf und warf die letzten Strahlen der Sonne zurück ins Tal. Im Inneren des Berges waren die Zwerge seit mehr als zweihundert Jahren damit beschäftigt, verschiedene Metalle aus dem Gestein zu brechen und für die Weiterverarbeitung im ganzen Land vorzubereiten. Zwar gab es in ganz Nelbor seit dreißig Jahren keine Kriege mehr, doch Metall wurde natürlich nach wie vor gebraucht. Im letzten Krieg hatten sich die Bürger Nelbors gegen einen Trollfürsten zur Wehr setzen müssen, der es geschafft hatte, neun der elf Trollclans unter seinen Befehl zu bringen und mit dieser nicht unerheblichen Streitmacht plündernd, raubend und mordend durch die Lande gezogen war.

Drei Jahre dauerte der Krieg an, aus dem die Menschen, Elfen und Zwerge schließlich als Gewinner hervorgingen. Man sagte, Grind der Trollfürst, habe damals nicht auf eigene Faust gehandelt, sondern sei nur eine Marionette eines mächtigen Dämons gewesen. Dieses Gerücht ging dann aber nach dem Fall von Grind im allgemeinen Freudentaumel unter, denn niemand hatte auch nur die geringste Lust verspürt, irgendwelchen Gerüchten von finsteren Hintermännern nachzugehen. Jeder war froh, diese übermächtigen Ungeheuer aus den Bergen endlich zurück ins Ödland hinter dem Bergwall verscheucht zu haben.

Osberg hatte seitdem kaum mehr Schutz nötig gehabt. Die hundertzwanzig Gardisten waren mehr freundliche Helfer in der Not und als Schlichter für kleine Streitigkeiten bekannt. Es kam zwar ab und zu vor, dass einzelne, aus ihrem Clan ausgestoßene Trolle ihre letzte Chance darin sahen, einen Händler anzugreifen, doch dieses Problem lösten die Wachen meist schon aus großer Distanz mit ihren Langbögen oder Armbrüsten.

In den Abendstunden herrschte in der Stadt kaum weniger Betrieb als tagsüber. Obwohl es in der herbstlichen Dämmerung schon recht kühl wurde, herrschte in den Gassen noch geschäftiges Treiben.

Eine kleine Gruppe Zwerge war soeben dabei, drei große Bierfässer auf einen Karren zu hieven. Die roten Gesichter der Zwerge, ihre unbeholfenen Bewegungen und ihr lautstarkes Gegröle ließen vermuten, dass es vor nicht allzu langer Zeit noch vier Fässer gewesen waren.

Ihnen gegenüber standen zwei junge Damen, die für die kalte Jahreszeit deutlich zu leicht bekleidet waren und sich kichernd mit einem Gardisten unterhielten. Vermutlich war ihre Frage nach einer Wegbeschreibung nur vorgeschoben.

Eine alte Frau überquerte die gepflasterte Straße zwischen den mehrstöckigen Fachwerkhäusern und nahm von den Zwergen kopfschüttelnd Notiz. Ein Zwerg pfiff hinter der Alten her, die jedoch entweder nichts hörte oder nichts hören wollte. Ein anderer Zwerg stieß dem Pfeifer unsanft in den Rücken und sagte laut zu ihm: »So ist es richtig, wenn das Wild zu schnell wird, muss man sich am Aas vergreifen.«

Diese Bemerkung löste allgemeine Heiterkeit unter den Bärtigen aus. Ein Träger, der allein ein Fass geschultert hatte, wurde unter ihm begraben und zappelte hilflos mit Armen und Beinen. Den Übrigen standen die Tränen in den Augen, und sie mussten sich am Karren festhalten.

Bei den Bürgern Osbergs waren die derben Späße der Zwerge wohlbekannt, und niemand nahm Anstoß daran. Sie konnten nämlich auch sehr hilfsbereit sein, und außerdem ließen sie bei ihren Besuchen viel Gold in der Stadt. Ein Sprichwort in Osberg lautete: »Ein Zwerg bringt den Tod, zwei bringen Geld und drei bringen Stimmung.«

Die alte Frau hatte die andere Straßenseite erreicht und drehte sich langsam und auf ihren Stock gestützt zu den Zwergen um. Sie sah den Zwerg unter dem Bierfass mit einem festen Blick an und begann zu lächeln, sodass ihre lückenhaften Zahnreihen sichtbar wurden. Dann senkte sie den Blick wieder, und wie von Geisterhand gezogen, sprang plötzlich der Zapfen aus dem Fass heraus, und das wohlschmeckende Gebräu ergoss sich über den darunter liegenden Zwerg. Jetzt gab es kein Halten mehr bei den bärtigen Trägern. Jeder zückte seinen Holzbecher, den er am Hosenbund befestigt hatte und sorgte dafür, dass so wenig Gerstensaft wie möglich im Rinnstein versickerte. Die Feier war in vollem Gange. Die alte Frau setzte unbemerkt ihren Weg fort, und man hörte nur ein leises Kichern unter ihrer Kapuze hervordringen.

Ihre Enkelin Cindiel, die am anderen Ende der Straße stand, hörte jedoch überdies noch ein gemurmeltes »Kind, es ist schon spät, bleib nicht mehr zu lange draußen.«

Das Mädchen hörte die Stimme zwar nicht mit ihren Ohren, dafür war das Flüstern in ihrem Kopf umso deutlicher. Cindiels Großmutter war bewandert in der Hexenkunst, und ihre Enkelin lernte von ihr. Hexerei hatte ihren Ursprung in der Natur und den Gefühlen, im Gegensatz zur arkanen Zauberei, die sich auf Wissenschaft, Formeln und Ingredienzien stützte. Die arkane Zauberei bot mehr Möglichkeiten und war auch sicherer in der Anwendung. Deshalb gab es auch kaum noch Menschen, die Hexerei ausübten. Zauberei wurde an großen Magierschulen unterrichtet. Hexerei wurde von Generation zu Generation weitergegeben. Manchmal wurde dabei auch eine Generation übersprungen, wie in Cindiels Fall. Ihre Eltern waren früh an einer Krankheit gestorben, welche die Atmung aussetzen ließ. Nun kümmerte sich die Großmutter seit vier Jahren um das Mädchen und gab ihm jeden Tag ein wenig ihres Wissens weiter.

Cindiel liebte es, abends in den Gassen umherzulaufen und sich das bunte Treiben anzusehen. Tagsüber waren fast alle Handwerker und Kaufleute damit beschäftigt, sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen, aber abends waren die Leute wesentlich ausgelassener.

Das Mädchen mochte die beleuchteten Fenster in den Häuserfronten und stellte sich gern vor, was dahinter gerade wohl geschehen mochte. Sie beobachtete oft den Rauch, der sich aus den Schornsteinen den Sternen entgegenkräuselte, und am liebsten betrachtete sie die Passanten und Nachtschwärmer, die die Straßen Osbergs nach Sonnenuntergang bevölkerten. Cindiel hätte dem bunten Treiben auf der Straße stundenlang zusehen können, aber gerade hatte sie ein bestimmtes Ziel, und deswegen eilte sie weiter ins Zentrum der Stadt.

Fünf Minuten, drei Seitengassen und zwei Betrunkene später erreichte sie ihr Ziel, die Taverne Kupfergrotte. Diese Taverne war in einem dreistöckigen Fachwerkhaus mit einem spitzen Schindeldach untergebracht. Die Fenster waren mit Fensterläden verschlossen, und nur ein kleiner Spalt dazwischen gewährte einen Blick auf den gut gefüllten Innenraum. Jedes Mal, wenn die Tür sich öffnete, wurde eine Dunstwolke aus Tabakrauch, Essensdüften und schwerem Parfüm auf die Straße geweht, und man konnte kurz das unentwegte Stimmengewirr vernehmen. Über der Tür hing ein hölzernes Schild, das von einer Laterne beleuchtet wurde, und auf dem man eine verbogene Münze erkennen konnte.

Allerdings wollte Cindiel nicht in der Taverne einkehren, sondern sie suchte jemanden, den sie darin vermutete. Sie musste nicht sonderlich lang Ausschau halten. Als zwei jüngere Männer die Treppenstufen zur Straße hinabstiegen, gaben sie den Blick auf einen älteren Mann in zerlumpter Kleidung frei, der auf der zweiten Stufe hockte und zu schlafen schien.

Cindiel näherte sich ihm im Schatten der Häuserwand, und wenn sie nicht ein kleines, blondes Mädchen mit Zöpfen gewesen wäre, hätte man denken können, es handelte sich bei ihr um einen Meuchelmörder auf dem Weg zu seinem Opfer.

Als sie noch zwei Schritt von dem Alten entfernt war, hob dieser ruckartig den Kopf und sagte: »Hüte dich vor zerlumpten Männern, die vor Tavernen rumlungern. Denn sie riechen schlecht, sind hässlich und arm, haben Hunger und Durst, und das Schlimmste von allem ist, sie sind alt …«

»Darauf werde ich achten«, sagte Cindiel, »Hast du heute schon so einen gesehen, Hagrim?« Sie lächelte unschuldig, und ein breites Grinsen erschien auf dem Gesicht des Alten.

Hagrim mochte so um die fünfzig sein, aber sein Erscheinungsbild ließ ihn um zehn Jahre älter wirken. Er rasierte sich regelmäßig, und zwar einmal die Woche. Genauso hielt er es mit dem Waschen. Die Haare des Alten waren schulterlang und grau meliert. Von der Statur her hätte er ein ehemaliges Mitglied der Stadtwache sein können. Von der Kleidung hingegen hätte man annehmen können, sie sei ihm in der dritten Generation vererbt worden. Nicht, weil sie aus der Mode gekommen war, wenn es für grauschwarze Umhänge und graue Leinenhosen überhaupt eine Mode gegeben hätte, nein, es war eher ihr mottenzerfressenes Aussehen. Dies alles schreckte Cindiel aber nicht ab, denn das Besondere an Hagrim waren seine Geschichten und seine Erzählkunst.

Das Mädchen warf Hagrim zwei Silbermünzen zu, die klimpernd auf der Treppenstufe landeten. »Du wolltest mir noch die Geschichte mit dem Oger und dem Barden zu Ende erzählen«, sagte sie.

»Das tue ich auch, sobald diese beiden kleinen Silberlinge mir den Einlass ins Paradies erkauft haben und ich sie gegen ein Glas des wunderbaren Traubensaftes eingetauscht habe, um meine trockene Zunge zu lockern. Ich bin gleich wieder da, Prinzessin.«

»Bitte vergiss nicht, aus dem Himmelreich wiederzukehren, wie vorletztes Mal …«, sagte sie kichernd.

Er drehte sich um, schaute ihr tief in die Augen und sagte mit gespielter Ernsthaftigkeit: »Für eine begrenzte Zeit ist der Himmel das Paradies, für die Ewigkeit ist er die Hölle.« Dann öffnete er die Tür und verschwand kurz darauf im Dunstschleier.

Es dauerte eine ganze Weile, bis er wieder herauskam. »Entschuldige, Prinzessin, aber ich war nicht der einzig Durstige im verheißenen Land.«

Cindiel schaute erwartungsvoll zu ihm auf, als er sich neben sie auf die Treppenstufe setzte.

Er nahm einen großzügigen Schluck aus seinem Rotweinbecher und schloss dabei genießerisch die Augen.

»Nun gut«, begann er dann, »wo waren wir stehen geblieben?«

»An der Stelle, wo der Barde nach einem Grund suchte, um den Oger zu überzeugen, ihn nicht zu töten«, antwortete Cindiel rasch.

»Ach ja … nun gut … also: Der Barde sah den Oger genau an, und er bemerkte die Traurigkeit in dieser Bestie. ›Oger, ich sehe die Unzufriedenheit und die Trauer in deinen Augen, und ich weiß, wie ich deinem Leben einen Sinn geben kann.‹ Der Oger schaute zu dem kleinen Menschen hinab, und brummte: ›Wie du machen mich mit Glück? Du Zaubermensch?‹

›In gewissem Sinne schon, ich kann andere Wesen mit meinem Können verzaubern?‹ ›Dann tun.‹

›Ich werde ein Lied über dich und dein Volk schreiben, damit ihr nie in Vergessenheit geratet. Somit werdet ihr praktisch unsterblich sein.‹ ›Können nicht sterben?‹ ›Eure Seele kann nicht getötet werden.‹ ›Ja, machen jetzt gleich.‹

Der Barde stimmte eine raue Melodie an und begann, dazu einen Text zu dichten. Er komponierte bis zum Morgengrauen, dann war er endlich fertig. Der Barde trug sein Lied schließlich dem Oger vor, und dieser war sehr angetan von der Ballade. Plötzlich tauchte am Horizont ein Ritter auf, welcher der Spur des Ogers gefolgt war, um ihn zu töten. Der Oger sprang auf und rannte dem Ritter entgegen und schrie dabei: ›Ich unsterblich!‹

Und das waren auch die letzten Worte in seinem Leben. Na Prinzessin, und was ist die Moral der Geschichte?«, fragte Hagrim.

»Ich würde sagen«, antwortete sie, »strebe nicht nach Unsterblichkeit, sonst ereilt dich der Tod noch früher als gedacht.«

»Gut überlegt, gut formuliert, aber dennoch falsch.« Der alte Geschichtenerzähler grinste. »Die Moral lautet eigentlich:

Wenn du einen Oger triffst, schreib ihm keine Lieder, schlag ihn lieber nieder!«

Die beiden begannen aus vollem Hals zu lachen, und Cindiel knuffte den Alten in die Seite. »Für die zwei Silberlinge möchte ich aber noch eine Geschichte hören, diese war so schnell vorbei«, sagte sie und schob dabei schmollend die Unterlippe nach vorn.

»Gut, lass mich einen Augenblick nachdenken und einen Schluck trinken.«

Unerwartet wurden Rufe aus einer Seitengasse laut. Diese steigerten sich rasch zu Hilfeschreien, und immer mehr Leute bogen in die Gasse ab, um dem möglichen Spektakel beizuwohnen. Nach kurzer Zeit hörte man auch das Schlagen eines Schwertknaufs auf einen Schildrücken. Dies war das Warnsignal der Stadtwachen.

Cindiel und Hagrim schauten sich verwundert an, erhoben sich und liefen mit einigen anderen Schaulustigen in die kleine Häusergasse. Vierzig bis fünfzig Personen standen bereits im Dunkeln beieinander. Der Blick auf die Ursache des Auflaufs war durch die Menschenmenge verdeckt.

»Lasst mich durch, ich bin Heiler«, sagte Hagrim und zog Cindiel an der Hand hinter sich her, als er sich einen Weg durch die Menge bahnte. Er wusste, dass dieser kleine Schwindel nur bei Nacht funktionierte. Bei Tageslicht hätte ihm eine solche Behauptung höchstens eine Menge Gelächter eingebracht.

In der Mitte der Gasse lag ein Zwerg reglos auf dem Bauch. Hagrim beugte sich über ihn, packte seine Schulter und drehte ihn auf den Rücken. Den Zuschauern bot sich ein grauenvoller Anblick. Der Zwerg hatte die Augen weit aufgerissen, und ein kleines Rinnsal aus Blut trat daraus hervor. Weiterhin blutete er aus Nase, Mund und Ohren. Sein halb offen stehender Mund gab den Blick auf seine dick angeschwollene, blau verfärbte Zunge frei. Urplötzlich spuckte der Zwerg eine kleine Fontäne halb geronnen Blutes in Hagrims Antlitz, krümmte sich mit schmerzverzerrtem Gesicht zusammen und hauchte ein letztes Wort, den Kopf dem Pflaster entgegengestreckt. »Krakenmann.«

Hagrims Blick hob sich von dem Toten, und er starrte durch die Beine eines etwas hilflos dastehenden Gardisten direkt auf einen geöffneten Kanalisationsschacht.

Cindiel erkannte in dem Toten einen der Zwerge wieder, die in ihrer Straße das Bier verladen hatten. »Komm«, sagte Hagrim leise, »ich bring dich nach Hause, Prinzessin.«

4
Das Erwachen

Mogda war wach. Er lag auf dem Boden und stützte den Kopf auf den Unterarm. Sein Schädel schmerzte, und sein Körper fühlte sich verspannt an. Seine Augen waren noch geschlossen, und er verspürte auch nicht den Wunsch, sie zu öffnen. Er döste noch einen Augenblick vor sich hin und genoss dabei die Wärme auf seiner Haut. Aus einiger Entfernung konnte er Vogelgezwitscher hören. Mogda mochte Vögel, denn es waren die einzigen Tiere, die nicht Reißaus nahmen, wenn er durch die Gegend stampfte. Dies lag wahrscheinlich daran, dass sie meist in zehn Fuß Höhe auf irgendwelchen Bäumen saßen und er auf sie nicht den Eindruck machte, ein besonders geschickter Kletterer zu sein, der sich mit Heißhunger auf einen ein zehntel Pfund schweren Vogel stürzte.

Mogda drehte sich um, ohne die Augen zu öffnen, und ließ sich die Sonne auf das Gesicht scheinen. Fast fühlte er sich wie in der sorglosen Zeit seiner Jugend, als seine Mutter noch für ihn gesorgt hatte. Ogerfrauen ließen es sich nicht nehmen, ihre Nachkommen allein aufzuziehen. Deswegen bildeten Oger auch keine Clans. Deshalb, und aus dem Grund, dass sie nicht besonders gesellig waren und sich auch wenig zu erzählen hatten. Als ich noch bei meiner Mutter lebte, roch es auch immer so gut in ihrer Höhle … nach Braten … Braten? … Dieser Geruch stammte nicht von einem Braten, sondern von … einem gerösteten Magier.

Mogda schreckte hoch und schaute sich verwirrt um. Jetzt fiel es ihm wieder ein. Er war im Turm zusammengebrochen, nachdem er den Magier getötet hatte … nein, der Magier hatte sich selbst geröstet. Und Mogda hatte das Bewusstsein verloren, nachdem er die Kette umgelegt hatte.

Er schaute an seiner Brust herunter, konnte aber das Amulett nicht sehen. Er blickte sich nach allen Seiten um, aber auch auf dem Fußboden konnte er nichts entdecken. Stirnrunzelnd fuhr er sich mit einer Hand durch die Haare. Mittellange Kette, blauer Stein, und das Ding war bestimmt wertvoll. So etwas würde niemand stehlen und mich in aller Ruhe weiterschlafen lassen. Ein gut gezielter Dolchstoß würde doch sicherstellen, dass ich dem Dieb später keinen Ärger mache, dachte er. Mogda fand keine einleuchtende Erklärung für das Verschwinden der Kette, und er hatte auch keine Lust, sich den ganzen Tag damit herumzuplagen. Viel wichtiger war es, das ganze Vieh in Sicherheit zu bringen und sich eine geeignete Höhle für den Winter zu suchen, um nicht von rachedurstigen Hüttenbauern zur Rechenschaft gezogen zu werden.

Er eilte aus dem Turm und lief zur Rückseite, um sich seinen Winterproviant genauer anzuschauen. In einem kleinen Pferch tummelten sich fünf Schafe und drei Schweine sowie unzählige Hühner, die durch einzelne Zäune voneinander getrennt waren. An jedem Gatter waren verschiedene Tröge angebracht, die sich in Größe und Form voneinander unterschieden.

Die Hühnerkäfige waren mit Weidenruten abgedichtet, damit sie nicht heraushüpften, und kleinere Raubtiere nicht hineinkonnten. Was für ein Aufwand für ein bisschen Essen, dachte Mogda. Obwohl? Er hatte sich mal an eine Händlerkarawane angeschlichen und sie aus dem Dickicht heraus beobachtet. Die Hüttenbauer ordneten ihr Essen auf kleinen Metallschilden an, und begannen dies dann mit ganz kleinen Waffen zu zerlegen und sich in den Mund zu schieben. Sie hatten sichtlich Vergnügen daran, auf diese Art und Weise ihre Mahlzeit zu verspeisen. Mogda hingegen kam es eher auf die Menge der Nahrung an.

Alle Tiere zu töten, war sicher keine gute Idee. Sie würden im Laufe der nächsten Tage verrotten, und den Geschmack von Aas konnte selbst ein Ogermagen nicht gut verkraften. Um alle Viecher lebendig zu einem geeigneten Winterquartier zu treiben, fehlte ihm die Geduld, da die Tiere beim Anblick eines Ogers alle in Panik davonlaufen würden. Was für eine verzwickte Situation. Mogda entschloss sich, das Problem erst einmal etwas zu verkleinern und ein Schaf zu töten, um seinen momentanen Hunger zu stillen.

Er hob einen Hammel aus dem Pferch und drückte ihn sich vor die Brust. Er wollte vermeiden, dass die anderen Tiere den Tod des Schafes mit ansahen. Nicht, weil er so feinfühlig war, sondern weil er vermeiden wollte, dass sie angesichts ihres unvermeidlichen Schicksals alle in Panik gerieten und ihn verrieten. Verrieten? An wen sollten sie ihn schon verraten? Er war ja völlig allein. Dennoch ging er um den Turm herum und hielt das Tier dabei mit der Rechten am Hals fest. Mit der anderen Hand griff er über den Schädel und wollte gerade eine ruckartige Drehbewegung machen, um dem Hammel einen schnellen Tod zu bescheren, als er bemerkte, dass das Tier sich an seinem Hals an etwas festgebissen hatte. Der Anhänger, fuhr es ihm durch den Kopf. Mogda wollte nicht weiter an dem Schaf zerren, da er befürchtete, das Tier könne ihn verschlucken oder auf jeden Fall die Kette zerreißen. Er wusste, dass er die Kette nicht reparieren konnte, dafür waren seine Hände einfach zu groß.

Er stand nur da und wusste nicht, was er machen sollte. Er versuchte, das Maul des Schafes zu öffnen. Mit einer Hand packte er die Schnauze und drückte leicht auf die Seiten des Kiefers. So, hatte seine Mutter ihm damals gezeigt, solle man Wölfe packen, die sich verbissen hatten und nicht locker ließen. Nichts passierte. Wenn er stärker zupacken würde, käme die Kette vielleicht zu Schaden. Schafe sind eben keine Wölfe, dachte er niedergeschlagen. Dann würde er das Tier eben vor sich hertragen, bis es sich beruhigte und den Stein freigab.

Er lief knapp eine Stunde durch die Gegend, bis ihm klar wurde, dass das Schaf mehr Ausdauer besaß als er. Kein Wunder, denn es ging ja auch um dessen Leben. Er setzte sich vor dem Turm ins Gras und hoffte, er könne es mit etwas Futter dazu bringen, loszulassen. Seine Hoffnung wurde enttäuscht.

Er legte sich auf den Rücken und hielt die Luft an. Wenn das Schaf denken würde, er sei tot, dann würde es gewiss loslassen. Das Schaf stand mit gesenktem Kopf auf seiner Brust, und für einen Unbeteiligten musste es so aussehen, als ob sich dieses Huftier gerade einen Oger geschlagen hatte, um damit seine Jungen zu füttern. Mogda war die Situation außerordentlich peinlich.

Das fehlte noch, dass dieses Vieh ihn dazu brachte, sich durch Luftanhalten selbst umzubringen. Er griff nach den Vorderläufen des Tieres, um ihm zu zeigen, wer hier der Jäger und wer die Beute war. Plötzlich keilte der Hammel aus und traf Mogda mit seinen Hufen kurz unterhalb seines Lederwamses. Er schrie auf. Dann krümmte er sich und rollte zur Seite. Er griff zum Schutz und um festzustellen, ob etwas verletzt war, unter seine Hose. Noch halb benommen stellte er fest, dass anscheinend nichts in Mitleidenschaft gezogen worden war bis auf … das Schaf. Es lag zwischen seinen angewinkelten Beinen und hatte den Kopf in einer recht ungewöhnlichen Stellung nach hinten gelegt. Zu weit nach hinten.

Mogda hockte sich auf die Knie und betrachtete das Tier. »Siehst du«, brummte er, »beide haben wir nachgedacht, und doch wurde das Problem durch Gewalt gelöst. Ist eben doch der beste Weg.«

Der Oger stutzte. Ihm kamen seine Gedanken irgendwie fremd vor. Er griff sich an die Brust, und stellte fest, dass der Anhänger noch unversehrt um seinen Hals hing. Er konnte ihn nur nicht sehen, weil die Kette zu stramm saß und sein vorstehendes Kinn ihm den Blick darauf verwehrte.

Nachdem er sich erhoben hatte, schleifte er das tote Tier hinter sich her in den Turm. Er würde Feuer machen und dann erst einmal essen. Wenn er nicht in außerordentlicher Eile war, briet er sein Fleisch immer. Nicht wie diese ungehobelten Orks, die alles roh in sich hineinschlangen und meist sogar darauf verzichteten, das Fell abzuziehen. Wie wilde Tiere, dachte er. Aber was sollte man auch anderes vermuten bei solchen Kriegstreibern, die nur aufs Töten aus waren. Sie waren sofort zu begeistern, wenn es darum ging, die Hüttenbauer anzugreifen und ihre Siedlungen niederzubrennen. Vielleicht, weil die Hüttenbauer so viel klüger waren als sie.

Mogda überlegte sich, ob die Orks ihn auch töten würden, wenn er mit einer kleinen Forke bewaffnet dieses Schaf essen würde. Vielleicht würden sie sogar denken, dass er jetzt in dem Turm wohnte, und das würde sicher den Hass der Orks schüren. Moment mal … im Turm wohnen? War das nicht eine ausgezeichnete Idee?

Der Turm war groß genug, die Höhe vollkommen ausreichend, da keine Zwischendecke eingezogen war. Es konnte nicht hineinregnen, und er hätte das Problem mit den Tieren auch gleich gelöst. Hervorragend.

Mogda sah sich um. Die Möbel konnte man durchaus auch zu anderen Zwecken verwenden als etwa zum Sitzen. Jeder Einrichtungsgegenstand, der von einem Oger nicht mal als Fußbank benutzt werden konnte, wurde zu Feuerholz gemacht. Somit verschwanden aus dem Raum ein Schaukelstuhl, eine kleine Trittleiter, die schon am Vorabend zu Bruch gegangen war, sowie etliche Gegenstände, deren Nutzen Mogda nicht erkennen konnte. Das Holz reichte zwar nicht aus, um den Winter über damit zu heizen, aber er wohnte ja mitten im Wald und konnte sich jederzeit etwas Feuerholz schlagen. Sogleich begann er mit bloßen Händen die Möbelstücke zu zerkleinern und im Kamin aufzuschichten. Meister Trebor lag noch immer neben der Feuerstelle und strafte Mogda mit einem vorwurfsvollen starren Blick, der wohl kaum daher rührte, dass sein Mobiliar gerade zu Bruch ging. Die beiden anderen Toten teilten sich einen Platz draußen vor der Tür.

Mogda war nicht besonders empfindsam, doch die vielen Leichen in und vor seinem neuen Zuhause mussten verschwinden. Wenn zufällig jemand vorbeikam und sie sah, konnte diese Aufmerksamkeit nur Ärger nach sich ziehen. Er wusste, dass die Hüttenbauer ihre Toten begruben, meist einzeln und an dafür vorgesehenen Plätzen, mit kleinen Steintafeln, die sie oben auf das Grab setzten und mit Schriftzeichen verzierten. Sie gaben sich immer viel Mühe dabei und brachten manchmal sogar Geschenke vorbei und legten sie auf die Grabstätte. Wobei Mogda nie verstanden hatte, ob sie den Toten damit eine Freude machen oder sie ärgern wollten, weil die Verstorbenen ja an die Geschenke nicht herankamen.

Er würde auf keinen Fall in dem wurzeldurchzogenen Waldboden drei Löcher graben. Ein großes musste reichen. Die drei waren schließlich befreundet und lebten zusammen, somit konnten sie auch zusammen in einem Grab liegen.

Mogda ging nach draußen, nahm sich eine Schaufel, die neben der Tür lehnte, und begab sich zum nördlichen Teil der Lichtung. Er schaufelte mit nur einer Hand, weil das Werkzeug viel zu klein für seine Statur war. Die Arbeit ging dennoch schnell voran, denn der Boden war trocken und somit sehr leicht. Die Wurzeln der Bäume erstrecken sich mehr in die Tiefe als in die Breite und leisteten kaum Widerstand. Mogda ragte jedoch noch immer zur Hälfte aus dem Loch, als er seine Arbeit beendete. Er stieg schwerfällig über den Rand und warf die Schaufel mit einem angewiderten Blick zurück in die Grube.

Der frische Wind kühlte den Oger ein wenig ab. Diese Art von körperlicher Betätigung fiel ihm trotz seiner gut ausgeprägten Muskeln schwer, da sie ungewohnt war. Er entschied sich, dass für die nächsten Leichen das Unterholz als Versteck reichen musste.

Mit einem Seufzer machte sich Mogda auf den Rückweg zum Turm, packte den toten Magier am Fuß und zog ihn hinter sich her. Die anderen beiden hielt er ebenso an der anderen Hand und schleifte sie quer über die Lichtung zum Grab. Mogda warf die Körper hinein und begann kniend, die Erde mit den Händen zurückzuschaufeln. Löcher zu füllen ging wesentlich schneller als sie auszuheben. Nach wenigen Minuten ragte bereits ein kleiner Hügel auf. Halb zufrieden stellte Mogda fest, dass jetzt nur noch eine Steinplatte fehlte. Dann würde er das Gefühl haben, alles im Sinne der Hüttenbauer gemacht zu haben. Aber woher sollte er so eine Steintafel nehmen? Ihm fiel ein, dass die Fußbodenplatten im Turm eine ähnliche Form besaßen. Wenn er eine lockern könnte, würde es wohl reichen, sie aufrecht auf das Grab zu setzen, Zeichen hin oder her.

Von der Arbeit müde und hungrig geworden, schlenderte er wieder zum Turm. Doch mit den Platten war leider nichts zu machen, die Fugen waren zu eng, als dass Mogda mit den Fingern eine Platte hätte lockern können. Ohne entsprechendes Werkzeug war sein Vorhaben unmöglich. Vielleicht mit der Schaufel … Mogda setzte sich verärgert auf den Boden. Die verflixte Schaufel hatte er ebenfalls begraben!

Er lehnte sich mit dem Rücken an die Turmwand und betrachtete die Wandregale, die mit Büchern angefüllt waren. Das da sieht genauso aus wie eine Steintafel, dachte er und fixierte einen dicken Folianten mit Ledereinband. Nicht lange grübeln, das nehme ich einfach. Der alte Mann mochte doch anscheinend Bücher. Er nahm den Band aus dem Regal und machte sich ein weiteres Mal auf den Weg zum Grab. Dort angekommen, steckte er das Buch in die lose Erde und befestigte es mit einigen kleinen Steinen. Stolz betrachtete er seine Arbeit. Sieht echt aus, dachte er, kleiner Sandhügel mit Steintafel und sogar einer Inschrift: Bestien Nelbors.

Bestien Nelbors? Mogda wich einige Schritte zurück, als ob das Buch nach ihm geschnappt hätte. Sein eben noch zufriedener Gesichtsausdruck wurde von Furcht überschattet … nein, von Grauen. Das konnte nicht sein. Er konnte nicht lesen. Alles, was Oger an Nachrichten irgendwo hinterließen, waren einfache Zeichnungen. Lesen war in ihrer Welt unnütz. Erstens gab es keine Ogerbücher, zweitens hätten sie nicht satt gemacht, und drittens gab es Wichtigeres, wie zum Beispiel … ach, egal.

Mogdas Augen verengten sich, und er starrte noch einmal auf den Bucheinband. Bestien Nelbors. Klein darunter geschrieben stand: Reiseberichte des Meisters Trebor aus vergangenen Tagen.

Er verstand tatsächlich, was dort geschrieben stand. Ob es wohl ein Zauberbuch ist?, überlegte er. Vielleicht ein Buch, das der alte Mann geschrieben hat, damit jeder es lesen kann, egal ob Hüttenbauer, Oger, Orks oder andere Kreaturen. Oder kann ich plötzlich jedes Buch lesen? Hat der Blitz mich klüger gemacht? Oder vielleicht das Haus des Magiers? Oder … der stechende Schmerz … die Bewusstlosigkeit. Ein Zauber würde auch meine merkwürdigen Gedanken erklären.

Vorsichtig näherte er sich dem rätselhaften Buch wieder. So behutsam, als wenn er sich am Einband verbrennen könnte, griff er danach. Er nahm es hoch und klappte es langsam mit einem Finger auf. Aufgrund der Größe seines Fingers und seiner Unsicherheit im Umgang mit Schriftstücken landete er auf Seite achtundvierzig. Er blieb verhältnismäßig ruhig, als er bemerkte, dass selbst die Zahl ihm eine gewisse Vorstellung davon gab, was sie zu bedeuten hatte. Unsicher betrachtete er die Worte, die auf das leicht bräunliche Papier geschrieben waren. Reiseroute, Hügelkette, Bergrücken, beschwerlicher Weg, strahlender Sonnenschein, und so weiter und so weiter. Alle diese Worte konnte er lesen, und er verstand sie auch. Er sah sich eine Zeichnung auf einer anderen Seite an. Sie zeigte einen Ausschnitt aus einer Landkarte. Darüber stand: Ausläufer des Tals von Flechtenberg.

Auf der Karte waren Häuser, Brücken, Wege, Wälder, Flüsse und vieles mehr eingezeichnet. Mogda war begeistert von dem Detailreichtum und der Beschriftung. Die Karte war zur besseren Übersicht in mehreren Farben dargestellt. Er blätterte ein paar Dutzend Seiten weiter und stieß wieder auf eine Zeichnung, diesmal auf die Darstellung eines Orks.

Links daneben stand: humanoide Gestalt, gedrungener Körperbau, sechs Fuß groß, sehr kräftig, wenig Intelligenz, grünliche Körperfärbung, lebt in Rudeln, gefährlich.

Mogda stimmte den kurzen Stichworten von Herzen zu. Zwar würde er Orks eher hinterhältig als gefährlich nennen, aber in Bezug auf Menschen würde das wohl zutreffen. Er klappte das Buch zu und eilte zurück in seine neue Behausung. Nach einigen Schritten blieb er stehen, drehte sich um und sagte: »Wenn ich es nicht mehr brauche, bring ich es zurück.« Dann ging er weiter.

Als er vor der riesigen, halbrunden Bücherwand stand, war er vollkommen sprachlos. Er konnte jeden Titel in dieser Bibliothek lesen. Dort stand nicht ein einziges Buch, welches ihm seine Geheimnisse nicht preisgegeben hätte. Er fragte sich, was es wohl alles so Wichtiges geben könnte, dass man damit so viele Bücher füllen wollte. Niemand könnte das alles lesen, geschweige denn behalten. Und wer hatte so viel Zeit, das alles aufzuschreiben? Es blieb ihm ein Rätsel. Er selbst musste ständig auf der Suche nach Nahrung sein, wenn das Schicksal es nicht so gut mit ihm meinte wie im Moment. Wenn er dann ausreichend Essen hatte, war er wieder auf der Flucht vor den rechtmäßigen Besitzern des Essens. Dann musste er die Nahrung zubereiten. Danach war er meist müde und machte ein Schläfchen. Wenn er aufwachte, knurrte höchstwahrscheinlich sein Magen wieder. Und so ging es Tag für Tag. Bis auf ein paar kleine Pausen hätte er also keine Zeit zum Schreiben und Lesen. Moment mal, zum Schreiben? Konnte er vielleicht auch schreiben? Er schaute auf die Erde und suchte bei den heruntergefallenen Utensilien nach Schreibwerkzeugen. Alles, was er fand, war ein kleiner, schon bis zur Hälfte abgenutzter Kohlestift, der nicht einmal groß genug war, um sich die Fingernägel damit zu reinigen. Zumindest keine Ogerfingernägel.

Aber im verloschenen Kaminfeuer fand er einen verkohlten Holzscheit, den er in die rechte Hand nahm und vor einem freien Stück Mauer an den Stein setzte. Was sollte ich denn schreiben? Grimmig senkte er den Blick und klemmte konzentriert die Zunge zwischen die Lippen.

MOGDA WAR HIER.

Es war ganz einfach. Er musste sich nur an die gelesenen Wörter erinnern und sie nachmalen. Seinen Namen hatte er einfach nur nach den Lauten geschrieben, die auch in anderen Worten vorkamen, zum Beispiel in mogeln und davon.

Mogda war begeistert. Er war bestimmt der schlaueste Oger seiner Familie, oder vielleicht war er sogar der schlauste Oger überhaupt. Was könnte er nur alles machen mit seinen neuen Fertigkeiten. Er könnte … er könnte … doch plötzlich war sein Kopf wie leergefegt. Er könnte noch nicht mal einem anderen Oger etwas schreiben, da diese ja alle nicht lesen konnten, und wem sollte er schon eine Nachricht zukommen lassen?

Egal, erst mal musste er jetzt dringend etwas essen, und das Schaf würde sicherlich nicht besser werden, wenn es noch lange in der Sonne herumlag. Er legte etwas Reisig aus einem Korb in den Kamin. Dann löste er zwei abgeflachte Flintsteine, die so groß waren wie die Teller der Hüttenbauer, von seinem Ledergürtel und entfachte damit in geübter Weise ein kleines Feuer. Am späten Nachmittag hatte er sein Mahl beendet, und es wurde Zeit für ein kleines Verdauungsschläfchen. Er kauerte sich auf das Bett, von dem nur noch die Matratze übrig geblieben war und schlief kurze Zeit später erschöpft ein.

Mogda erwachte erst am nächsten Morgen. Dies war für ihn aber nicht ungewöhnlich und auch für sonst keinen Oger, den er kannte. Ausgeruht und zufrieden nahm er sich vor, die Bücher näher in Augenschein zu nehmen. Sie zogen ihn so tief in den Bann, dass er jede freie Minute darin las. Er hatte meist mehrere Bände gleichzeitig aufgeschlagen, da in vielen Verweise zu finden waren, die auf andere der Fibeln und Folianten hinwiesen. Er verzettelte sich so sehr dabei, dass es ihm unmöglich war, ein Werk komplett durchzulesen.

Nach etlichen Tagen des Stöberns machte ihn das Lesen unzufrieden und übellaunig, und er begann, die Bücher wieder in die Regale zu stellen, um ein anderes Mal weiterzumachen. Vielleicht würde das mehr bringen. Wenn man ein Wild nicht einholen konnte, dann suchte man sich am besten ein anderes. Er hatte gerade die letzten Bände in die Regale gelegt, als er von draußen das Schnauben eines Pferdes hörte.

Mogda schossen alle möglichen Vermutungen durch den Kopf, vom entlaufenen Ackergaul über ein Einhorn bis hin zu einem Ritter mit gesatteltem Streitross. Wobei ihm die letzte Möglichkeit zwar nicht am unwahrscheinlichsten, aber am unerfreulichsten erschien. Ein gut ausgebildeter Reiter mit entsprechender Bewaffnung konnte einem Oger schlimm zusetzen. Mogda positionierte sich an der Wand zwischen zwei Fenstern und schaute vorsichtig hinaus. Mit Erleichterung stellte er fest, dass ein älterer Bauer mit einem Karren voll Brennholz, gezogen von einem alten Ross, und fünf Kühen im Schlepptau, aus westlicher Richtung auf den Turm zutrottete. Der kommt mir gerade recht, dachte Mogda, somit muss ich mich nicht um Brennholz kümmern, und der Proviant bis zum Frühlingsanfang ist auch gesichert.

Der Alte hatte anscheinend alle Zeit der Welt. Er brauchte schon drei Anläufe, um den Wagen so hinzustellen, dass er zufrieden war. Dann überprüfte er akribisch die Verzurrungen der Kühe, begutachtete den Wagen, fütterte schließlich sein Ross und tätschelte ihm liebevoll den Hals. Mogda hatte einem Pferd noch nie so viel Zuneigung geschenkt, für gewöhnlich sprach man ja auch nicht mit seinem Essen. Der Oger hoffte, dass der Bauer das rund fünfzig Schritt entfernte Grab nicht bemerkte oder es nicht als solches erkannte.

Langsam kam der Alte auf den Turm zu, den Blick immer auf den Boden gerichtet. Seine Bewegungen machten einen müden Eindruck. Er erreichte die Tür, klopfte kurz an und kam gleich herein, ohne auf eine Antwort zu warten.

Schneller als der Mann seinen Blick schweifen lassen konnte, griff Mogda seinen Nacken, hob ihn daran hoch, und drückte ihm mit zwei Fingern der anderen Hand den Mund zu. Er drehte den Alten zu sich, wie ein Puppenspieler eine Handpuppe bewegt. Der Bauer blieb nicht lang genug bei Bewusstsein, um das volle Ausmaß seiner Schwierigkeiten begreifen zu können.

Mogda wollte den Alten nicht töten. Er konnte sich ohnehin alles nehmen, ohne dass der Bauer es hätte vereiteln können. Er legte den Alten behutsam auf den Boden und rollte ihn, vom Hals abwärts, in den Teppich, der unter dem Tisch lag. Mogda hatte bis jetzt nicht erkannt, wofür man einen Teppich brauchen konnte, doch jetzt erfüllte er seinen Zweck. Er zog das Teppich-Paket hinüber zu einer kleinen Vitrine, die mit Büchern gefüllt war, und stellte sie auf die beiden überhängenden Enden des Teppichs. Der Alte atmete ruhig und beständig. Wenn er aufwachte, konnte er sich erst einmal von dem Schreck erholen, ohne gleich in Panik zu flüchten.

Mogda kümmerte sich unterdessen erst einmal um die mitgebrachten Geschenke. Es war gar nicht so einfach, die Tiere davon zu überzeugen, dass sie nicht in unmittelbarer Gefahr schwebten. Aber ohne hastige Bewegungen zu vollführen, gelang es Mogda, die Kühe hinter den Turm zu bringen und dort am Gatter festzumachen. Ganz anders verhielt sich das Pferd. Trotz seines vermutlich hohen Alters wurde es recht munter, als Mogda auf das Tier zuging. Nach einer Weile des Beobachtens schlug Mogda dem Pferd unerwartet mit einer schnellen Abwärtsbewegung auf den Schädel. Das Tier brach bewusstlos zusammen. Er zog es an allen vier Hufen hinter sich her, um es dann neben den Kühen festzuzurren. Den Karren mit Feuerholz deponierte er gleich neben der Eingangstür. So würde er sich im Winter den Weg nach draußen sparen. Er drehte sich noch einmal um die eigene Achse, um zu überprüfen, ob alles unverdächtig aussah, falls noch mehr Besucher eintreffen sollten. Mit einem zufriedenen Nicken betrat er wieder den Turm.

Sichtlich verwundert, aber kaum beunruhigt, sah er sich dem alten Bauern gegenüber. Dieser hatte es anscheinend geschafft, sich selbst aus dem Teppich zu befreien, und stand nun mit einem Holzscheit bewaffnet neben dem Kamin. Mogda drehte sich kurz um und schloss die Tür, um sich dann seinem Angreifer zu stellen. Dieser machte keine Anstalten, ihn zu attackieren, was Mogda nicht verwunderte. So standen sie sich für zwei, drei Augenblicke gegenüber, der Bauer trotz leichter Gicht angespannt und kampfeslustig, Mogda eher gelangweilt.

»Was ist?«, fragte Mogda, »warten wir jetzt, bis einer von uns an Altersschwäche stirbt, oder hungern wir uns gegenseitig aus?«

»Du … du … du sprichst«, stammelte der Alte.

»Du, du, du auch, aber du stotterst ganz furchtbar«, entgegnete Mogda, in einem für einen Oger ungewöhnlich ironischen Tonfall. »Ich dachte immer, dass Menschen genau nachdenken, bevor sie handeln. Das, was du da gerade versuchst, ist Selbstmord, aber wenn du keinen anderen Ausweg siehst, kann ich dir helfen. Ansonsten schmeiß endlich den blöden Scheit weg, oder ich zeige dir, was Oger so tun, die nicht sprechen!« Den letzten Satz schrie er beinahe heraus.

Der Bauer war sichtlich erstaunt und stand vor Angst stocksteif da. Aber er ließ den Holzscheit mit offen stehendem Mund zu Boden fallen.

»Setz dich da hin und beantworte mir ein paar Fragen«, sagte Mogda wieder in einem ruhigeren Ton. »Bist du allein gekommen?«

Der Alte nickte.

»Wirst du zu Hause von jemandem wieder zurückerwartet?«

Der Bauer schüttelte traurig den Kopf.

»Kannst du lesen und schreiben?«

Die Frage irritierte den Alten zwar offenkundig, aber er nickte trotzdem.

»Bist du schlau für einen Menschen?«

Der Alte zuckte mit den Schultern und schaute sein gegenüber nun endgültig verständnislos an.

»Meine Güte, du bist ja richtig geschwätzig. Du wärst genau der Richtige für die Jagd auf Oger.«

Der alte Mann warf Mogda einen erschrockenen Blick zu.

»Das war nur ein Witz. Hast du auch solchen Hunger?«, fragte Mogda schließlich.

»Bitte friss mich nicht«, sagte der Alte mit jammervoller Stimme und hielt sich die Hände vors Gesicht.

»Wie kommst du bitte schön auf die Idee, dass Oger Menschen fressen? Oger essen Tiere, genau wie ihr. Und nur, weil ihr mit Werkzeugen esst, heißt es nicht, dass alle anderen fressen. Ich habe in einem Buch gelesen, dass nur Tiere fressen. Habe ich dich übrigens schon gefragt, ob du kochen kannst?«

»Ja, das kann ich. Ich bin bekannt für meine Lammpfanne«, entgegnete der Alte in einem euphorischen Ton, der darauf schließen ließ, dass er noch immer befürchtete, sonst selbst als Mahlzeit zu enden. »Wie ist denn eigentlich dein Name?«, fragte der Oger. »Ich heiße Usil.«

»Ich bin Mogda«, sagte Mogda höflich. »Dann auf ans Werk, Usil. Uns steht ein langer Winter bevor.«

5
Unter der Erde

Der Ork hastete durch die spärlich beleuchteten unterirdischen Tunnel.

Die Gänge waren kreisrund, wie von einem riesigen Wurm ins Erdreich gefressen. Die Wände waren lehmartig, glitschig, und sie verschlangen alle Trittgeräusche. Dieses Labyrinth aus Tunneln verlief viele hundert Schritt in alle Richtungen und verzweigte sich wie das Geäst eines alten Baumes. Wer hier die Orientierung verlor, war hoffnungslos gefangen. Einen Ausstieg an die Oberfläche gab es nicht. Das Höhlensystem lag unter dem großen Grindmoor, seine Bewohner und deren Gäste konnten nur mittels Magie hierher gelangen. Und Magie war es auch, die einen Besucher hier gefangen hielt.

Der Ork fühlte sich in diesen Gängen nicht besonders wohl. Für gewöhnlich lebte er zwar unter der Erde, doch bestanden seine Tunnel stets aus purem Gestein und waren von Stützbalken gesichert. Allein der Gedanke daran, dass sich über ihm ein riesiges Moorgebiet befand und es keinen Fluchtweg gab, bereitete ihm Unbehagen.

Seine Aufgabe war nicht weniger unangenehm. Er sollte zum Meister kommen und neue Befehle entgegennehmen. Er wusste zwar nicht, als was er den Meister bezeichnen sollte, aber er wusste, dass es nicht gut war, in dessen Gegenwart auch nur darüber nachzudenken.

Die Rüstung, die der Ork trug, war hier eher hinderlich als nützlich. Der Helm schränkte die ohnehin schon schlechte Sicht zusätzlich ein, der Panzer erschwerte das Laufen in den Gängen und die Kettenstiefel fanden auf dem Lehmboden kaum Halt. Dennoch, es gab keinen Platz, wo er die Rüstung hätte aufbewahren können, und sie verlieh ihm ein Gefühl von Sicherheit.

Er hoffte, dass er den Meister bei guter Laune antreffen würde. Wenn man während des Gesprächs auch nur ein wenig geistesabwesend wirkte, oder ein bisschen begriffsstutzig, dann wurde dies hart bestraft, was nicht selten mit dem Tod endete.

Ihm war nicht genau klar, was die Meister vorhatten, aber es musste etwas sehr Großes sein. Orks aus dem ganzen Land wurden in verschiedenen Heerlagern zusammengerufen. Nur den Meistern war es vorbehalten, mit dem mächtigen Gott Tabal zu sprechen und seinen Willen durchzusetzen. Alle folgten dem Ruf Tabals: Meister, Orks, Oger, Trolle und Goblins. Angeblich sogar einige Drachen.

Der Ork folgte dem Gang noch eine Weile und kam dann an eine Abzweigung, die nach zwanzig Schritt an einer Tür aus altem Wurzelholz endete. Als er um die Ecke bog, stockte ihm der Atem. Ein Ork lag verkrümmt und regungslos vor der Tür. Das konnte nur eins bedeuten: Der Meister hatte schlechte Laune. Er näherte sich dem Toten und drehte ihn auf den Rücken. Aus seinen Augen, dem Mund, der Nase und den Ohren sickerte das grünliche Blut, das seinesgleichen durch die Adern rann. Die Augen waren weit aufgerissen und in unterschiedliche Richtungen verdreht. Er schluckte schwer.

»Was kramst du da draußen rum, du Missgeburt?«, drang die tiefe Stimme des Meisters, der seine Anwesenheit wohl bemerkt hatte, durch die Tür.

»Ich eile, Meister«, gab der Ork dienstbeflissen zurück. Dann öffnete er die Tür, trat ein und schloss sie wieder hinter sich.

»Ihr habt gerufen?«, sagte der Ork mit gefasster Stimme.

»Ihr habt gerufen, Meister!«, hallte es zurück. »Ja, das habe ich. Aber anscheinend nicht laut genug, sonst hätte es nicht so lange gedauert.«

Der Ork stand mit gesenktem Blick in der kleinen Kammer. Kerzen erhellten den Raum. Vor ihm befand sich ein massiver, aus Wurzelholz gefertigter Schreibtisch, der mit allerlei Karten, Schreibwerkzeug und anderen Utensilien, die ihm nichts sagten, bedeckt war. Dahinter stand ein ebenso gearbeiteter Sessel mit Fellüberzug. An den Wänden waren etliche Regale aufgereiht, die mit Büchern gefüllt waren. Hinter dem Sessel stand der Meister mit dem Rücken zu ihm. Man konnte schemenhaft seine schlanke, humanoide und sieben Fuß große Gestalt erkennen. Er trug einen langen schwarzen Mantel, der bis zum Boden reichte. Die Ärmel fielen ein Stück über seine Hände und verdeckten seine Finger. Der Kragen des Mantels ragte etwa einen Fuß hoch über seinen Nacken und verbarg seinen gesamten Kopf. Von der Mitte der Wirbelsäule bis zum Hals wirkte sein Rücken eigenartig verwachsen. Durch den langen Ornat schien es fast so, als hätte der Meister einen Buckel, jedoch war seine Haltung aufrecht, wenn auch steif.

Der Ork wagte es nicht, näher zu treten und behielt seinen Platz nahe am Ausgang. Er war der irrtümlichen Meinung, je mehr Abstand zwischen ihm und dem Meister läge, desto besser für ihn. Orks waren zwar nicht imstande zu schwitzen, obwohl sie unentwegt so rochen, doch er merkte, wie ihm die Anspannung das überflüssige Wasser seines Körpers in die Augen drückte. Eine kleine Träne löste sich von seinem Augenlid und kullerte ihm über das Gesicht.

»Sieh zu mir her, wenn ich mit dir spreche«, dröhnte der Meister, mit einer Stimme, die klang, als würde sie in einer riesigen Grotte nachhallen. »Du befehligst ab sofort einen Trupp von dreihundert Mann. Du wirst mit deinen Leuten Richtung Westen ziehen und dich bis auf fünf Meilen der Stadt Osberg nähern. Dort wartest du auf einen anderen Meister, der dir weitere Befehle geben wird.«

Der Ork hatte den Blick halb gehoben und stierte mit nach oben verdrehten Augen auf den Rücken des Meisters, denn dieser hatte sich ihm noch immer nicht zugewandt.

»Wir, wir können doch nicht mit, mit äh … dreihundert Mann die Stadt … a … a … angreifen«, stammelte der Ork.

Der Meister drehte sich ruckartig um. Er hatte eine braunschwarze Hautfarbe, die leicht glänzte, sich jedoch schlagartig veränderte, als er sich den Kerzen zuwandte. Innerhalb weniger Sekunden wies sie eine rötliche Färbung auf. Aus seinem Gesicht traten fast ein Dutzend bis zur Taille herabhängende fingerdicke Nesselstränge hervor. Seine obere Kopfhälfte war gewölbt, als ob sich das Gehirn einen Weg daraus hervorbahnen wollte. Die kreisrunden, übergroßen Augen leuchteten gräulich und standen weit auseinander. Seine spinnenartigen Hände umklammerten die Lehne des Sessels und hinterließen dabei ein schwach schabendes Geräusch. Die Gestalt sah aus wie eine Kreuzung aus Kalmar, Mensch und Albtraum. Und was am schlimmsten war: Ihre Stimme klang ärgerlich.

»Du verfluchte Missgeburt! Erstens beginnst und endest du mit ›Meister‹ wenn du mit mir sprichst! Zweitens habe ich nicht gesagt, dass ihr die Stadt angreifen sollt. Ihr sollt vor ihren Toren bleiben und auf neue Befehle warten. Und drittens mag ich es nicht besonders, von so einem stotternden, schwachgeistigen, hässlichen, stinkenden Wurm wie dir angesprochen zu werden. Du solltest besser einfach nur meine Befehle ausführen. Und nimm lieber noch ein Dutzend Oger mit, die euch helfen die Beute zu schleppen. Ihr werdet in drei Wochen dort erwartet. Nun beeil dich und kriech aus meinen Augen.«

»Ja, Meister. Wie Ihr wünscht, Meister. Sofort, Meister.« Der Ork machte auf der Stelle kehrt und eilte hinaus. Durch die Tür hörte er noch den gebrüllten Befehl: »Und besorg mir eine neue Wache für die Tür, die alte ist nicht mehr zu gebrauchen.«

»Unverzüglich, Meister«, antwortete der Ork. Irgendwann mach ich dir einen Knoten in die dämlichen Tentakel, Fischgesicht, dachte er.

Unvermittelt fuhr dem Ork ein stechender Schmerz durchs linke Auge. Eine lange Schnittwunde bahnte sich zwei Finger breit über der Braue bis zum Ansatz des Wangenknochens ihren Weg. Wie von einer unsichtbaren Klinge geführt, nahm sie dem Ork die Hälfte seiner Sehkraft. Er presste sich die Hand vor das Gesicht und stieß einen quiekenden Schrei aus. Grünes Blut drang unter seiner Hand hervor.

Noch einmal ertönte die Stimme aus dem Zimmer.

»Es heißt Teudraeda, nicht Fischgesicht.«

6
Nächtlicher Überfall

»Woher willst du wissen, dass es unter der Stadt keine Monster gibt? Du warst ja noch nie dort«, beharrte Cindiel.

»Ich habe dir doch gesagt, dass es dort keine Untiere gibt. Die Stadtwachen sind hinuntergeklettert, haben nach Spuren gesucht und nichts gefunden. Außerdem, wenn ich über einem Einstieg stehe und mir die Düfte von dort in die Nase steigen, weiß ich, dass dort nichts lebt, jedenfalls nichts, was eine Nase hat«, antwortete Hagrim ebenso beharrlich.

»Vielleicht lebt dort aber ein Monster ohne Nase, ein Käfer oder ein Fisch«, drängte Cindiel weiter.

»Ich habe schon viele Insekten gesehen, aber noch keines, das einem Tritt standhalten würde. Und wenn es dort Fische gäbe, hätten wir hier sicherlich auch Fischer«, gab Hagrim besserwisserisch zurück.

Dieses Gespräch hatte in den letzten drei Monaten schon oft in der einen oder anderen Form stattgefunden, aber für Cindiels Geschmack zu keinem befriedigenden Ergebnis geführt.

Die Bürger von Osberg hatten den Vorfall mit dem toten Zwerg recht schnell vergessen. In der ersten Woche mieden sie noch die kleine dunkle Gasse, aber in der darauffolgenden tummelten sich hier schon wieder Schwarzmarkthändler und Frauen von verhandelbarer Moral. Selbst die Markierungen, die die Stadtwachen am Ort des Geschehens hinterlassen hatten, überstanden den ersten Regenguss nicht. In den Berichten der Wachen war nur ein kleiner Vermerk zu lesen, in dem stand: Zwerg von einem unbekannten Täter in der Trunkgasse niedergeschlagen. Tot. Täter entkam durch Kanalisation. Spurensuche erfolglos (Familienfehde).

Der komplette Vorfall geriet einfach in Vergessenheit, nur Cindiel konnte ihn nicht ganz aus ihren Gedanken verbannen.

»Es könnte doch sein, dass ein wahnsinniger Mörder dort unten haust, der wahllos Leute umbringt und dann wieder in der Kanalisation verschwindet oder …?«

»Na ja …«, entgegnete Hagrim, »sein Wahnsinn hält sich dann aber noch in Grenzen. Er hat schließlich in den zwölf Wochen seit dem Vorfall niemanden mehr getötet. Aber wenn das so ist, dann werden sie ihn bestimmt bald fangen.«

»Wieso?«

»Wenn er seine Sachen zum Lüften raushängt, werden sie ihn wegen mangelnder Körperpflege verhaften«, lästerte Hagrim.

»Meinst du, es gibt eine Belohnung, wenn man den Mörder findet?«, fragte Cindiel mit finsterer Miene.

»Warum, hast du einen Verdacht?«

»Ja, sicherlich. So wie du riechst, ist das ein stichhaltiger Beweis.« Bei dem Wort »stichhaltig« piekste Cindiel Hagrim in die Seite.

»Los komm, Prinzessin, lass uns zum Marktplatz gehen, dort findet gleich ein Puppenspiel statt. Die Gaukler sind schon heute Nachmittag angereist und haben eine Vorstellung gegeben. Sie soll wirklich brillant gewesen sein. Heute Abend findet eine kostenlose Aufführung für arme Kinder und alte übelriechende Geschichtenerzähler statt, die ihr Geld immer versaufen. Wahrscheinlich sind wir die einzigen beiden Zuschauer.«

»Ein Puppentheater! Meinst du nicht, dass wir schon etwas zu alt dafür sind?«, fragte Cindiel.

»Niemals!«, kam die überzeugte Antwort von Hagrim, der dabei eine Bewegung machte, als wenn er ein Schwert zog. Er nahm Cindiel bei der Hand und marschierte in großen Schritten los.

Sie hatten gerade zwei Querstraßen hinter sich gelassen, als es zu schneien begann. Die spärlich herabfallenden Flocken tanzten vor den Straßenbeleuchtungen. Der Winter beugte sich zwar eigentlich bereits dem beginnenden Frühling, aber so weit im Norden konnte sich die kalte Luft des Abends noch immer durchsetzen. Cindiel lächelte. Der Schnee bedeutete Geborgenheit. Sie hatte immer das Gefühl, er legte sich auf die Dächer der Stadt und beschützte die Bewohner, vor was auch immer. Außerdem war sie ein Kind, und alle Kinder mochten Schnee. Hagrim ging es ähnlich, aber er dachte mehr daran, seinen Tee mit einem Schluck Rum würzen zu können. Die Leute waren bei so einem Wetter eher bereit, einem armen Geschichtenerzähler ein Glas zu spendieren. Vielleicht verpflichtete die kalte Jahreszeit die Menschen zu einer gewissen Fürsorge untereinander. Davon unabhängig schmeckte Hagrim jede Flüssigkeit mit etwas Alkohol wesentlich besser. Sie wärmte den Körper und die Seele im Winter und machte die Hitze, den Staub und die Trockenheit im Sommer besser erträglich.

Als sie auf dem Marktplatz ankamen sahen sie, dass bereits eine riesige Traube von Kindern die kleine Bühne der Schausteller umringte. Es wurde gedrängelt und geschubst, jeder versuchte einen besseren Platz zu ergattern, um den besten Blick zu haben.

Hagrim und Cindiel blieben weiter hinten stehen. Auf der vier Schritt langen und drei Schritt hohen Puppenbühne war noch nichts zu sehen. Ein roter Vorhang verwehrte den Blick auf die Kulissen. Cindiel zeigte Hagrim einen Mann, der seitlich in den Aufbauten der Bühne verschwand. Er war dunkel gekleidet, seine Sachen lagen eng am Körper an. Sein Gesicht war mit Ruß geschwärzt, und er trug dunkle Handschuhe.

Die Anspannung bei den Kindern stieg weiter. Es wurde gegrölt, gesungen und gelacht. Hinter dem Vorhang wurden zwei Laternen entzündet, die durch den schweren Stoff den Eindruck von zwei am Himmel stehenden Sonnen erweckten. Schlagartig kehrte Ruhe unter den Zuschauern ein, und sie starrten gebannt zur Bühne. Leise Flötenmusik erklang hinter dem Vorhang, der sich langsam öffnete. Die detailreiche Kulisse einer Landschaft teilte die Szene mit einer heroisch aussehenden Ritterpuppe.

»Nun, ihr kleinen Bürger von Osberg, ist es so weit«, sprach die Puppe. »Ein Freund von Kindern und Bewunderer meiner Kunst hat diesen Abend möglich gemacht. Alle, die sonst nicht die Möglichkeit haben, einem solchen Schauspiel beizuwohnen, sind herzlich eingeladen, den Abenteuern des Ritters Golderich im Kampf gegen den Drachen beizuwohnen.« Als der Name des Ritters fiel, verbeugte sich die kleine Figur in Richtung des Publikums und wurde mit tosendem Beifall begrüßt. Während des Schauspiels, das ungefähr eine Stunde in Anspruch nahm, glaubte Cindiel zweimal kurz am anderen Ende des Marktplatzes die schwer gerüstete Silhouette eines Mannes zu erkennen, die in den angrenzenden Gassen verschwand. Doch das Theaterspiel zog sie so sehr in seinen Bann, dass sie keine Zeit fand, Hagrim darauf aufmerksam zu machen. In ihren Augen hätte das Stück nicht besser sein können. Nachdem der Held den Drachen getötet hatte, wurde an beiden Seiten der Bühne ein Feuerwerk entfacht. Hoch aufsteigende Raketen erleuchteten den Himmel. Jede von ihnen wurde von einem begeisterten »Ooh« oder »Aah« der Zuschauer begleitet. An den Seitenverkleidungen der Schaustellerbude drehten sich große Funkenschlangen, die die begeisterten Gesichter der Zuschauer in gleißendes Licht tauchten. Knallkörper und Heuler sorgten zusätzlich für eine entsprechende Geräuschkulisse.

Es war ein Fest für die Sinne, und niemand wagte es auch nur beiläufig seinen Blick abzuwenden, aus Angst, etwas zu verpassen.

Die anfänglichen Schreie einzelner Kinder wurden zuerst als Begeisterungsrufe wahrgenommen. Bald jedoch wurde aus dem Jubel allgemeine Panik. Ein einzelnes Wort durchschnitt das Stimmengewirr immer wieder. »ORKS!«

Die Menschenmenge bewegte sich wie eine wogende Welle, und immer wieder versuchten kleine Gruppen aus dem Gewirr auszubrechen und in die nahe gelegenen Seitengassen zu flüchten. Kurz vor dem Eintauchen in die Dunkelheit der Gassen zerbarsten die Grüppchen und suchten nun wieder Schutz in der Masse. Cindiel, die in der Nähe eines Seitenausgangs im Süden stand, hörte hinter sich das schleifende Geräusch eines sich öffnenden Kanalisationsdeckels. Aus der Tiefe tauchte ein Ork aus dem Untergrund auf, der gleich darauf im Schatten der Häuser verschwand. Cindiel hatte noch nie zuvor in ihrem Leben einen Ork gesehen, doch aus den Erzählungen von Hagrim und den Berichten ihrer Großmutter wusste sie, was dort vor ihr aus der Kanalisation gestiegen war. Die Orks schienen leicht gerüstet zu sein. Sie bewegten sich sehr schnell und äußerst gewandt, und nicht plump und langsam wie in den Schilderungen aus den Trollkriegen.

Die Bewegung der Massen geriet nun vollkommen außer Kontrolle, die Menschen wurden wild durcheinandergescheucht, als ob mehrere Hunde eine Herde Schafe in einem abgesperrten Gatter hetzten. Die Orks griffen sich einzelne Kinder aus der Menge und stopften diese in den geöffneten Kanalschacht.

Die Anzahl der Feinde wuchs mit jedem Augenblick. Auf dem Marktplatz befanden sich im Angesicht des zurückliegenden Spektakels nur etwa drei Dutzend Erwachsene, davon eine Hand voll Stadtwachen, doch dieser Übermacht an Feinden hatten sie einfach nichts entgegenzusetzen. Zwei Orks sprangen aus dem Schatten in Cindiels Richtung. Hagrim drängte sich vor sie und schob das Mädchen mit der linken Hand hinter seinen Rücken. Er zog einen alten Krummdolch, den er von seinen Wanderschaften mitgebracht hatte, obwohl ihm bewusst war, dass dieses gute Stück eher zum Schälen von Obst oder zum Öffnen von Siegelbriefen zu gebrauchen war.

Zwei Orks waren mit wenigen Schritten heran. Sie waren beide mit kleinen stachelbesetzten Keulen bewaffnet, die gut geeignet waren, um in der Enge der Straßen und Gassen zu kämpfen. Große Waffen und schwere Rüstungen eigneten sich eher für eine Schlacht auf offenem Feld.

Das wussten selbst Orks.

Dem ersten Schlag wich Hagrim behände seitlich aus, während er unter dem zweiten hinwegtauchen musste. Cindiel stand vor Panik wie gelähmt hinter ihm und hatte Glück, dass der Angriff gegen Hagrims Kopf ausgeführt wurde, sonst hätte die Attacke sie getroffen, anstatt ins Leere zu gehen. Der kniende Geschichtenerzähler vollführte einen weiten sichelförmigen Stoß gegen den Oberschenkel eines Orks und grub die Klinge tief ins Fleisch seines Angreifers. Diesem sackten daraufhin die Beine weg, und nun sahen sie sich Auge in Auge gegenüber. Eine Kopfnuss von Hagrim brachte den Ork vollkommen aus dem Gleichgewicht, und er fiel rückwärts um. Hagrim drehte sich auf Fuß und Knie gestützt nach links, um den von oben geführten Schlag des zweiten Angreifers zu blocken: eines Orks, dem ein langer, kaum verheilter Schnitt im Gesicht ein noch unheimlicheres Aussehen gab, als es seine Rasse ohnehin schon besaß. Der Angriff traf ihn knapp unterhalb des Handgelenks und brach Elle und Speiche. Mit einem Schmerzensschrei ließ Hagrim die Waffe fallen und umklammerte den Arm. Der Ork wollte gerade zu einem letzten Schlag ausholen, um den nun unbewaffneten Mann niederzustrecken, als er sich plötzlich schmerzerfüllt an die linke Gesichtshälfte griff und den Handballen gegen die notdürftig vernähte Wunde am Auge presste.

Hagrim drehte sich verblüfft und mit schmerzverzerrtem Gesichtsausdruck zu Cindiel um. Sie stand nur da und starrte wie in Trance auf den sich vor Schmerz windenden Ork. Tränen liefen ihr über das Gesicht, aber ihre Miene zeigte keine Trauer und keine Angst. Hagrim wusste, dass sie des Zauberns mächtig war, aber nicht, wie weit ihre Fähigkeiten reichten. Er hatte gelesen, dass Hexenkünste nur Veränderungen erwirken konnten, aber nichts Neues hervorbringen. Das passte!

So wie es aussah, verstärkte Cindiel den bereits vorhandenen Schmerz des Orks.

Es gab keine Zeit zu verlieren. Irgendwann würde der Zauber nachlassen, und sie wären der Rache des Ungeheuers schutzlos ausgeliefert. Hagrim packte Cindiel mit der unverletzten Hand und zog sie ins Dunkel der Gasse. Nur fünfzig Schritt, dann wären sie im Straßengewirr untergetaucht und könnten in den Hausnischen Schutz suchen.

Das Glück war ihnen nicht hold. Nach der Hälfte der Strecke löste sich eine riesenhafte Gestalt aus dem Schatten. Zwar war sie unbewaffnet, aber ihre Größe und ihr Gewicht ließen darauf schließen, dass sie einen Menschen mit nur einem Faustschlag töten konnte.

»Ausgeburten Tabals«, entfuhr es Hagrim. Es kam ihm einen Augenblick lang unwirklich vor, dass es einem Trupp Orks und einigen Ogern gelungen sein sollte, unbemerkt in die Stadt zu gelangen. Wäre ihre Situation nicht so verzweifelt gewesen, hätte er sicher bei der Vorstellung gelacht, dass vor dem Stadttor zweihundert Orks und eine Hand voll Oger standen und zu den Wachen sagten: »Heute Puppentheater, wir auch da!«

Doch der Anblick eines Ogers, der zur Hälfte aus der Straße aufragte, beantwortete die Frage, wie die Angreifer in die Stadt gelangen konnten. Die Einfassung des Kanaldeckels umrahmte den Bauch des Ungetüms. Bei dem Versuch, aus dem unterirdischen Labyrinth zu steigen, hatte dieser Prachtbursche wohl die halbe Straße aufgerissen und konnte sich seines unfreiwilligen Korsetts nun nicht mehr entledigen - ein im Angesicht des Todes dennoch armseliger Anblick.

Hagrim blickte kurz über die Schulter, um zu sehen, ob die Möglichkeit eines Rückzugs bestand. Leider war der Ork schon wieder auf den Beinen und machte Anstalten seinem Kumpan zu Hilfe zu eilen, wenn dieser überhaupt welche brauchte. Es gab kein Entrinnen. Die Flucht nach vorn schien ihm noch am ehesten geeignet, um einigermaßen heil aus der Sache herauszukommen. Er stieß Cindiel an und deutete auf die rechte Seite der Gasse, auf der ein wenig mehr Platz zu sein schien.

»Du rechts, ich links«, raunte er ihr zu.

Cindiel stand noch immer fassungslos da, dennoch nickte sie. Hagrim zupfte sie kurz am Ärmel, und dann liefen sie los. Einige Schritte vor dem Oger suchten sie nach der lebenswichtigen Lücke … und fanden sie schließlich auch.

Der Oger hingegen machte keine Anstalten, auf sie zuzugehen. Er beugte sich nach vorn, stützte sich auf ein Knie und breitete die Arme aus. Die Reichweite seiner Arme war enorm. Er konnte die vier Meter auseinanderstehenden Wände der Gasse mit den Fingerspitzen berühren. Cindiel machte einen Schlenker und versuchte durch den toten Winkel unter seinem Ellenbogen zu laufen. Hagrim stürmte dicht an die Wand gepresst vor. Doch die schnelle Reaktion des Ogers machte jede Flucht unmöglich. Cindiel wurde vom Herabschnellen eines Armes zu Boden gedrückt und kurz darauf von der massigen Hand an der Taille gepackt und in die Luft gehoben. Hagrim hatte nicht so viel Glück. Die Hand des Ogers umfasste seinen Kopf, riss ihn nach hinten, und dann wurde er in einer kreisenden Bewegung von der linken Seite der Gasse mit voller Wucht zur rechten geschleudert. Er durchschlug die Läden eines geschlossenen Fensters. Das Brechen mehrerer Knochen war deutlich zu hören, und Hagrims Körper erschlaffte und sank zu Boden.

Cindiel hatte kurzzeitig das Bewusstsein verloren und bekam von dem recht einseitigen Kampf nichts mit.

Als sie langsam wieder zu sich kam, fühlte sich ihr Körper an, als ob sie unter großer Anstrengung eine schwere Last getragen hätte. Ihre Beine waren taub, die Schultern schmerzten, und ihr Magen hatte sich verkrampft.

Langsam öffnete sie die Augen. Sie hing zirka einen Schritt über dem Boden. Ihr Blick war auf die Straße gerichtet, und sie bewegte sich schnell vorwärts. Als sie den riesigen Fuß, der öfter durch ihr Blickfeld wanderte, sah, fiel ihr wieder ein, was geschehen war. Der Oger trug sie fort. Er hatte sie am Hosenbund gepackt und schleppte sie umher, wie ein Kind, das eine Puppe beim Aufräumen achtlos durch die Gegend trägt.

Cindiel schrie und zappelte mit den Armen und Beinen, um sich aus der Gewalt des Ogers zu befreien, obwohl sie ahnte, wie hoffnungslos dieses Unterfangen war. Mittlerweile war ihr Verstand wieder so klar, dass sie die Hilferufe und Schreie der anderen Kinder hören konnte.

Abermals wurde sie von Panik übermannt. Sie ließ sich im Griff des Ogers hängen und starrte auf die Pflastersteine, die an ihr vorüberzogen.

Nach kurzer Zeit endete ihr Weg an einem geöffneten Schacht, der in die Kanalisation führte. Von unten war schwacher Fackelschein zu erkennen. Zwei gigantische Hände, die mehr Haare auf dem Handrücken besaßen als manch alter Mensch auf dem Kopf, griffen aus dem Loch und packten sie abermals an der Taille, um sie dann in halber Höhe zu drehen und knöcheltief ins Abwasser zu stellen. Ihr Blick tastete sich ängstlich an der vor ihr stehenden Gestalt hinauf.

Der im Fackelschein stehende Oger maß bestimmt zehn Fuß oder mehr. Er musste gebückt stehen, um nicht mit dem Kopf gegen die Tunneldecke zu stoßen. Seine unnatürliche Haltung ließ die Muskeln an seinem Körper anschwellen. Er trug eine stachelbesetzte Rüstung in mattem Schwarz. Es war keine von diesen Ritterrüstungen, wie Cindiel sie vom Anblick der Garde her kannte, sondern eher ein aus Ketten und Metallplatten zusammengesetzter Schutz. Gesicht, Hals und Schultern des Ogers waren mit dunklen Ornamenten bemalt, was seinem Charisma nicht unbedingt zugutekam.

Er hob die massige Hand in die Höhe und hielt sie so, als ob er eine Handpuppe führen wolle. Dann klappte er die Finger auf und öffnete den Mund extrem weit. Man konnte in dem vorgestreckten Kiefer eine beeindruckende Anzahl von Zähnen sehen, die im Gegensatz zum sonstigen Erscheinungsbild des Ogers sehr gepflegt aussahen. Dennoch ließ der betäubende Mundgeruch auf ein weitgehend fehlendes Interesse an Körperpflege schließen.

Wie hypnotisiert öffnete Cindiel den Mund und starrte den Oger an. Mit der anderen Hand riss der Oger ihr den Ärmel des Hemdes ab und stopfte ihr den Stofffetzen, zwar vorsichtig aber mit Nachdruck in den Mund. Dann legte er einen Finger auf die Lippen und bedeutete ihr, ruhig zu sein.

Cindiels Panik ging in lähmende Furcht über. Sie konnte im Tunnel hinter dem Oger eine Reihe von Silhouetten erkennen, die trotz des Fackelscheins von ihren eigenen Schatten wieder ins Dunkel getaucht wurden. Das Geräusch von klirrenden, schweren Metallketten war zu hören, und dazu gesellte sich wimmerndes Kinderweinen. Der Eingang zur Kanalisation wurde vom Schacht aus zugezogen und verdunkelte den Schein der Straßenlaternen vollends. Ein Ork ließ sich von oben fallen und landete mit leicht angewinkelten Beinen in einer Wasserfontäne genau zwischen dem Oger und Cindiel.

Sein Blick fiel rachelüstern auf das kleine Mädchen. Mit seinem verbliebenen Auge starrte er sie hasserfüllt an und holte zum Schlag mit seiner stachelbesetzten Keule aus. Diese traf allerdings den hinter ihm stehenden Oger unter dem Kinn, der daraufhin mit seinem Kopf gegen die Tunneldecke prallte. Der Oger griff blitzschnell zu und hielt den Ork am Handgelenk fest. Dann hob er ihn zwei Fuß über den Boden in die Luft, drehte ihn zu sich und grummelte: »Er gesagt, nicht töten Kinder, keine Spuren lassen unter Erde. Wenn du noch mal schlagen mich, ich tragen toten Ork. Du verstanden, Einauge?« Dann ließ er ihn wieder los.

Einauge hatte seine Fassung wiedererlangt, dennoch schrie er: »Du Haufen stinkender Trollmist, wag es nicht noch mal, mich anzufassen. Ich habe hier das Sagen. Die Meister haben mich zum Truppführer ernannt, und du tust genau das, was ich befehle. Wenn ich dich hätte treffen wollen, dann hätte ich dich getötet, du stinkende Missgeburt. Und außerdem bin ich für dich Truppführer Ursadan und nicht Einauge. Hast du das verstanden, Rator?«

Der Oger blickte unbeeindruckt zu dem nur halb so großen Ork hinab und sagte in einem gleichmütigen Ton: »Jawohl, Truppführer Urseldran, wenn du mich richtig triffst, dann wirst du tot.« Dabei nickte er ein wenig mitleidig, verzog aber sonst keine Miene.

Urseldran? Ursadan stampfte empört mit dem Fuß auf. Wasser spritzte auf, und er ging an dem Oger vorbei weiter in den Tunnel hinein. Dabei schrie er Anweisungen für den Aufbruch.

Rator kniete sich vor Cindiel hin und zog eine Kette heran, an der eine Handfessel befestigt war. Diese machte er teilnahmslos an ihrem Handgelenk fest. Cindiel bemerkte, dass anscheinend das andere Ende der Kette am Fußgelenk des Ogers befestigt war. Von der Spitze des Gefangenentrupps wurden Befehle gerufen, und die Kolonne setzte sich langsam in Bewegung.

Cindiel kam an fünf weiteren Kindern vorbei, die alle an derselben Kette am Fuß von Rator hingen. Es waren vier Jungen und ein Mädchen. Alle ungefähr zwei bis vier Jahre jünger als sie selbst. Sie kannte keines der Kinder, was wohl daran lag, dass sie sich normalerweise in der Gesellschaft von Erwachsenen wohler fühlte. Wieder durchflutete sie ein neuer Schauer der Angst. Was ist wohl aus Hagrim geworden? Ob er noch lebt? Wenn ja, hat er sicher die Wachen alarmiert, und es werden schon Suchtrupps zusammengestellt. Irgendjemand wird uns bestimmt befreien. Ganz sicher. Irgendjemand.

Wenn Cindiel ihrem Orientierungssinn vertrauen konnte, gingen sie geradewegs nach Norden. Sie konnte den Anfang des Trupps nicht sehen und wusste nur, dass sie das Schlusslicht bildete.

Nach etwa einer halben Stunde Fußmarsch in der Kanalisation machte der Trupp halt. Cindiel hörte das Schlagen von schweren Hämmern gegen Stein und Eisen. Nach kurzer Zeit verstummten die Schläge, und der Trupp setzte sich wieder in Bewegung. Hundert Schritt weiter konnte sie den Ausgang der Kanalisation erkennen und die dahinter liegenden Berge, die vom Mondlicht beschienen wurden. Kurz bevor sie das Ende des Tunnels erreichten, kamen sie an einem Seitengang vorbei. Cindiel warf einen flüchtigen Blick hinein und erkannte im Fackelschein eine hagere Gestalt mit einem langen, kostbar aussehenden Mantel. Als sich die Gestalt umdrehte, um weiter dem Gang zu folgen, meinte Cindiel, so etwas wie sich windende Gliedmaßen am Kopf des Wesens zu erkennen. Erschrocken blickte sie wieder nach vorn.

Kurz darauf gelangten sie ins Freie, wo ihr schlagartig bewusst wurde, dass eine Rettungsaktion nicht so einfach zu bewerkstelligen sein würde.

Ihre Häscher bestanden aus ungefähr zwei- bis dreihundert Orks und nicht weniger als fünfzehn Ogern. Ihre Gefangenen waren ausnahmslos Kinder, ungefähr hundertfünfzig an der Zahl. Durch die Verkettung der Kinder mit den Ogern bildeten sich kleine Gruppen, die ungeordnet zwischen den Orks hockten, die mit rauen Stimmen Befehle erteilten. Eine Dreiergruppe von Orks näherte sich dem Pulk, bei dem sich Cindiel befand. Einer der Orks sprach mit Rator, während die anderen beiden sie aufmerksam beobachteten. »Du gehst als Nachhut, denn du hast die wenigsten Kinder. Pass auf, dass keiner zurückfällt. Wenn eins der Kinder umkommt, weißt du, was zu tun ist … Proviant und so.«

Rator nickte.

Sie machten sich wieder auf den Weg und marschierten geradewegs auf das Gebirge zu. Es hatte aufgehört zu schneien, und der Trupp hinterließ eine gut sichtbare Spur. Wenn Hilfe kam, würde es zumindest keine Probleme geben, sie zu finden. Wenn Hilfe kam.

7
Der Aufbruch

Usil war ein recht guter Koch, wie Mogda bemerkte. Der Alte musste sich schon seit vielen Jahren selbst versorgen, da seine Frau schon vor langer Zeit gestorben war. Kinder hatten sie keine. Usil lebte auf einem kleinen Hof am südlichen Rand des Tannenverlieses. Er verdiente sich seinen Lebensunterhalt, indem er Wintervorräte wie Brennholz, Dörrfleisch und Salz verkaufte. Usils Hof war, wie er selbst erzählte, nicht mehr besonders in Schuss, dennoch fühlte er sich dort wohl. Er hatte sein ganzes Leben auf dem Hof verbracht. Der anfängliche Gedanke, sein Heim vielleicht nie wiederzusehen, trübte seine Stimmung in den ersten Tagen, und er sprach so gut wie überhaupt nicht mit seinem Gastgeber, obwohl ihm viele Fragen durch den Kopf schossen. Usil war aber nicht der Einzige, der nach Antworten suchte.

Dies war der erste Winter in Mogdas Leben, der nicht an seinen Reserven zehrte. Er war angenehm überrascht, wie man den Geschmack von Fleisch mit einigen Kräutern und etwas Salz verfeinern konnte. Die reichhaltigen Vorräte und die vorzüglichen Kochkünste Usils hatten dazu beigetragen, dass seine Hose auch ohne zusätzliche Sicherung hielt, mehr noch, sie schnürte ihn sogar schon in der Taille ein.

Im Laufe der ersten Wochen wich Usils Angst und Misstrauen gegenüber Mogda allmählich, und er gewöhnte sich an den Anblick des riesenhaften Wesens.

»Kannst du mir sagen, wofür so viele Bücher gut sind?«, brummte der Oger eines Tages, während sie beide noch vor ihren Tellern saßen und auf den Boden starrten.

»Die Bücher enthalten das gesammelte Wissen von Leuten, die es wichtig fanden, anderen von ihren Kenntnissen zu berichten«, erklärte Usil. »Anstatt dieses Wissen immer und immer weiter zu erzählen, kamen sie auf die Idee, es aufzuschreiben. Somit konnten auch Leute davon erfahren, die sie gar nicht kannten. Es hält sich ewig, und nichts geht verloren. Aber nicht alle besitzen so viele Bücher wie Meister Trebor.«

Unsicher blickte Usil von seinem Teller hoch.« Kann ich dich auch etwas fragen, ohne dass du mich gleich erschlägst?«

»Alles, aber nicht wie viel ich wiege«, grinste Mogda, fasste sich dabei an den Wams und zeigte Usil, wie eng dieser saß. Das Lächeln des Ogers schien Usil nicht gerade zu beruhigen. »Ich hab in den Büchern gelesen, dass Menschen, besonders Menschenfrauen, auf ihr Gewicht achten, um den Männern besser zu gefallen. Bei uns kümmern sich die Männer um ihr eigenes Gewicht, um den Frauen zu gefallen. Viel Gewicht, viele Frauen«, führte Mogda noch an, um Missverständnissen vorzubeugen.

»Wo ist Meister Trebor?«, entfuhr es Usil.

»Er musste noch, äh … Er wollte noch … Er hatte einen Geistesblitz und ist dann verreist«, kam Mogdas stockende Erwiderung.

»Kommt er wieder?«

»Das wollen wir nicht hoffen«, entgegnete Mogda trocken.

»Ich hatte bisher noch nie einen Oger gesehen«, sagte Usil. »Die Leute erzählen sich zwar viel über euch, das sind aber alles nur Geschichten vom Hörensagen.«

»So?«, fragte Mogda interessiert. »Was erzählen denn die Leute so über uns Oger?«

»Das möchtest du sicherlich nicht wissen.«

»Raus damit, sonst muss ich … jemand anderen fragen.«

»Na gut, aber es ist wie gesagt nur Hörensagen und auf keinen Fall meine eigene Meinung, hörst du?«

Mogda nickte verständnisvoll, und Usil holte tief Luft, um seine Gedanken zu ordnen und sich die Sätze zurechtzulegen.

»Die Leute sagen, dass ihr Menschen nur so aus Spaß tötet, ohne irgendeinen Grund. Das, was euch an Intelligenz fehlt, hat euch euer Gott an Stärke gegeben. Ihr rottet euch mit den Orks zusammen, um das Land zu erobern und alle anderen Bewohner zu töten.

Auf euren Kriegszügen esst ihr eure toten Feinde. Ihr seid von Natur aus böse. Man sollte euch töten, wo man euch findet. Ihr fresst sogar … entschuldigung … esst sogar eure eigenen Jungen. Im Krieg werdet ihr von den Heerführern der Orks in Ketten gelegt, damit ihr im Blutrausch nicht die eigenen Leute tötet. Ihr seid so hinterhältig, dass …«

Mogda beendete die Aufzählung mit einer abrupten Handbewegung. Sein Gegenüber hatte sich in Fahrt geredet, und er wollte nicht das gerade entstandene Vertrauen durch eine übereilte Handlung wie Kopfabreißen zerstören. Mogda musste erst einmal schlucken, um seinen aufsteigenden Zorn zu zügeln. Doch es gelang ihm relativ schnell, sich wieder zu beruhigen. Vor einigen Wochen noch hätte er dieser armseligen Gestalt einfach die Gliedmaßen ausgerissen, wie man kleine Äste von einem Stamm reißt.

»Nun hör mal gut zu«, fuhr Mogda fort, »du wirst wohl noch einige Zeit mit mir hier verbringen. Du wirst mir einiges über dich erzählen, und ich werde dir etwas von mir erzählen. Ich hoffe, dass du dann ein anderes Bild von mir bekommst und dann ein paar Dinge richtigstellen kannst. Und außerdem«, ohne es zu wollen begann er nun doch zu schreien, »fressen wir unsere Jungen nicht, sonst gäbe es mich wohl kaum.«

Usil zuckte ängstlich zusammen und zog den Kopf ein.

»Eine Frage habe ich noch«, stieß er eingeschüchtert hervor. »Warum bist du so schlau?«

Mogda stieß mit einem Finger gegen das Amulett um seinen Hals. »Ein Geschenk von Meister Trebor.«

»Hast du in den Büchern etwas über die wahren Kräfte des Amuletts gefunden?«, fragte Usil.

»Nein, bis jetzt nicht, ich hatte noch nicht genug Zeit, mich durch all die Bücher zu wühlen, und du warst bis jetzt nicht sonderlich gesprächig. Es wäre gut, wenn du mir helfen könntest.«

Usil musterte seinen Gesprächspartner ebenso misstrauisch wie neugierig. Schließlich nickte er bedächtig.

Die Wochen vergingen, und Mogda und Usil tauschten allerlei Wissen aus, doch das Rätsel des magischen Anhängers konnten sie nicht lösen. Die Zeit des Frühlings kam immer näher.

Die beiden hatten sich zwar nicht gerade angefreundet, aber während des Winters hatten sie gelernt, sich gegenseitig zu akzeptieren.

Mogda hatte in den vergangenen Wochen viel dazugelernt. Er hatte sich viel mit der Welt und ihren Bewohnern beschäftigt. Er wusste nun einiges über die Entstehung von Nelbor und dessen Geschichte.

Mit Usil gab es zwar eine Menge Missverständnisse, bei deren Klärung es auch nicht immer leise zuging, aber ...

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