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Die Nummer auf deinem Unterarm ist blau wie deine Augen. Erinnerungen

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Eva Umlauf | Stefanie Oswalt

Die Nummer auf deinem Unterarm ist blau wie deine Augen

Erinnerungen

Hoffmann und Campe

Meinen Eltern Imro und Agi

Meiner Schwester Nora

Meinen Söhnen Erik, Oliver und Julian

Meinen Enkelinnen Nadja und Naomi

Bestandsliste der befreiten Häftlinge des Konzentrationslagers Auschwitz, angefertigt vom Polnischen Roten Kreuz, Februar 1945

© Archiv der Gedenkstätte Auschwitz, Archivnr. PCK t.12, S. 82

Ján Karšai
das zeugnis
(für e.h.)

tage wurden enthauptet

   und zerstochen

      vor den kirschbäumen

sonnenstrahlen wurden

   zu boden geschlagen

im durchgangslager zur hölle

   namens nováky

      und du warst so klein

so jung

sonnenstrahlen verloren wieder

   am bahnhof

      sie verloren gegen den sonderzug

und wachleute – männer mit dem trügerischen kreuz[1]

      an ihren uniformen

sonnenstrahlen verloren immer

   gegen die züge

      zum land

den polen gestohlen

   du warst fast

      zwei jahre alt

die nummer an deinem unterarm

   ist blau wie deine augen

wie der stumme himmel

   über nováky

dein bauch war geschwollen

   wie ein ballon

      als sie dich fanden

im fernen auschwitz

niemand konnte glauben

   dass du leben würdest

      dass du zurückkehren würdest

um zeugnis abzulegen

   für dein zerbrochenes heim.

Übersetzt von Mirjam Pressler

Kapitel 1 Der Herzinfarkt

Februar 2014

Die Vorzeichen waren da. Nur ignorierte ich sie lange Zeit. Seit ich lebe oder besser: seit jenen Monaten, die ich als Kleinkind im Konzentrationslager Auschwitz verbracht habe, versucht mein Körper, mir den Rhythmus meines Lebens zu diktieren. Oft muss ich mich ihm beugen. Er engt mich ein. Beschneidet mich in meiner Freiheit. Und immer erinnert er mich an die Vergangenheit. Ich weiß das, aber es fällt mir oft nicht leicht, es zu akzeptieren. Auch an diesem 7. Februar 2014, einem strahlenden Wintertag, hatte ich noch Etliches vor. Wie jeden Morgen stand ich unter der Dusche und freute mich auf die bevorstehenden Stunden: Eine Freundin feierte ihren Geburtstag.

Während das warme Wasser an mir herunterfloss und die Duschkabine mehr und mehr vernebelte, spürte ich, wie mir plötzlich die Übelkeit aus der Magengrube in die Kehle hinaufkroch. Ich fühlte einen starken Druck hinter dem Brustbein. Seit Jahren ahne ich, dass ich latent anfällig für Herzkrankheiten bin, denn es gibt eine familiäre Vorbelastung.

»Ruhig bleiben«, sagte ich mir also, »an den Kreislauf denken, atmen, ganz gleichmäßig atmen.« Ich nahm ein Handtuch und legte mich noch halbnass mit wackeligen Knien ins Bett. Zwei, drei Minuten später schien sich alles normalisiert zu haben. Schmerz und Übelkeit waren verflogen, die Beine trugen mich wieder. Nur der Gedanke an einen baldigen Kardiologenbesuch erschien mir dringlicher als zuvor. Der Tag wurde tatsächlich schön. Wir saßen in der milden Februarsonne im Café Tambosi am Hofgarten, schlenderten durch die Stadt und trafen uns später in der Wohnung meiner Freundin. Ich fühlte mich großartig, hatte den Zwischenfall am Vormittag völlig vergessen. Kurz vor Mitternacht kehrte ich nach Hause zurück, eine Freundin war mitgekommen, die nicht mehr nach Hause an den Chiemsee fahren wollte. Ich mag es, wenn das Haus voller Leben und Geräusche ist. An das Alleinleben habe ich mich, obwohl ich es seit Jahren tue, nicht gewöhnt.

Ich schlief ruhig ein.

 

Am Samstag wachte ich gegen sieben Uhr gut ausgeruht auf. Ich blieb noch einen Augenblick liegen und dachte über den kommenden Tag nach. An drei oder vier Wochenenden im Jahr treffe ich mich mit einer Gruppe von Kollegen – Psychotherapeuten –, um über den Einfluss der nationalsozialistischen Zeit auf die Generation der Kinder und Enkelkinder zu diskutieren. Es ist eine gemischte Gruppe, einige haben jüdische Wurzeln, andere sind Nachfahren von Tätern. Aus unserer therapeutischen Praxis wissen wir, wie sehr der nationalsozialistische Einfluss sich über die Generationen hinweg weitervererbt. Bei unseren reihum stattfindenden Treffen stellen wir Fallbeispiele vor und tauschen uns darüber aus. An diesem Wochenende erwartete ich die Kollegen bei mir in München. Alles war gut vorbereitet, eingekauft und vorgekocht – nur frisches Brot wollte ich vor ihrer Ankunft noch holen. Und mit meiner Freundin frühstücken, bevor sie heimfuhr.

Die Herzensruhe trog. Kaum stand ich unter der Dusche, geriet das Herz erneut aus dem Tritt. Mit stoischer Ruhe wusch ich mir noch die Haare, wickelte mich wieder in ein Handtuch und legte mich zurück ins Bett. Wie tags zuvor beruhigte es sich wieder. Wenig später setzte ich mich ins Auto und fuhr zum Bäcker. Das Brot wog nicht schwer, und so nahm ich, wie sonst auch, die Treppen in den zweiten Stock. »Wenn möglich, sollten Sie Ihr Herz auch im Alltag trainieren«, hatte die Kardiologin bei der letzten Kontrolle geraten.

Ich kam nicht einmal die ersten vier Treppenstufen hinauf. Hinter meiner Brust begann es wieder zu drücken und zu brennen, ein stechender Schmerz loderte auf. Er nahm mir den Atem und hörte nicht auf. In meinem Kopf explodierten die Gedanken. Samstag früh ist das Haus wie ausgestorben, die Nachbarn liegen entweder in den Betten oder fahren übers Wochenende in die Berge. Panik machte sich in mir breit. Auf keinen Fall, dachte ich mir, darf ich den Aufzug nehmen. Schrie ich dort, würde mich kein Mensch durch die gut isolierten Türen hören. Trotzdem dachte ich auch an den Schlüssel, den man zur Bedienung des Aufzugs braucht: Wo steckte er, würde ich ihn überhaupt finden? Und: Würde mich jemand ohne Schlüssel im Notfall überhaupt aus dem Fahrstuhl befreien können? Wie in Zeitlupe sah ich mich, allein, zusammengesunken und blau angelaufen, im Erstickungskampf. Ironie der Geschichte: Da bin ich dem Tod in der Gaskammer als Kind in Auschwitz gnädig und völlig wider jede Wahrscheinlichkeit entronnen, um dann sieben Dekaden später im gläsernen Aufzug meiner komfortablen Münchner Wohnung allein zu sterben.

Ich weiß nicht mehr, wie es mir gelang, mich die Treppe hinaufzuschleppen in den zweiten Stock, wie ich mit übermenschlicher Anstrengung die Tür aufschloss, durch den Flur Richtung Sofa kroch und mit schwächer werdender Stimme nach meiner Freundin rief. Offenbar stand sie jetzt unter der Dusche, ich hörte das Wasser rauschen.

Wie lange es dauerte, bis sie endlich aus der Dusche kam – es fühlte sich an wie Ewigkeiten. »Ruf den Notarzt«, bat ich sie. Zwölf Minuten später klingelten die Sanitäter an der Wohnungstür.

Mich rührte, wie jung die Ärztin war, die mit den Sanitätern ins Zimmer trat, ein zierliches, freundliches Mädchen mit einem dunklen Pferdeschwanz, erstaunlich sicher in dem, was sie tat. Sie sprach sehr einfühlsam mit mir, machte ein EKG und gab mir Medikamente zur Blutverdünnung. Der Inhalt der Spritze war noch nicht in die Vene injiziert, als einer der Sanitäter nach meiner Krankenkassen-Karte fragte, eine Frage, die mich empörte.

»Die Kurve ist nicht ganz eindeutig, aber es sieht doch nach Herzinfarkt aus«, sagte die Ärztin. »Auf jeden Fall fahren wir jetzt erst einmal in die Klinik.« Die Sanitäter schnallten mich auf einen Krankenstuhl. Sie trugen mich durch das viel zu enge Treppenhaus – ein Ritt wie auf einem seekranken Elefanten, von dem man jeden Augenblick herunterfallen könnte. Erst im Krankenwagen realisierte ich, was los war. Siedend heiß fiel mir ein, dass ja die Kollegen um elf Uhr zu mir kommen wollten. Noch aus dem Rettungswagen telefonierte ich mit einer Kollegin. Sie versprach, die anderen zu informieren. Sie lieferten mich gleich auf die Intensivstation ein, obwohl ich mich inzwischen wieder besser fühlte. Auch das EKG im Krankenhaus wies keinerlei Auffälligkeiten auf. Trotzdem entschieden die Ärzte, mich über Nacht dortzubehalten. Tatsächlich verschlechterte sich das EKG nach sechs Stunden – ich hatte also einen Infarkt erlitten.

Zu Krankenhäusern habe ich ein gespaltenes Verhältnis. Gerade weil ich selbst Medizinerin bin, fällt es mir schwer, Patientin zu sein. Im Normalfall bestimme ja ich, was zu tun ist – nun plötzlich lag ich auf der anderen Seite der Spritze, hilflos und ohnmächtig. Merkwürdig war auch das Gefühl, völlig allein zu sein. Ich lag in meinem blütenweißen Krankenhausbett. Eine graue Maus aus der Krankenhausverwaltung saß neben mir und protokollierte.

»Name?«

»Eva Umlauf.«

»Geboren?«

»19. Dezember 1942

»Wo?«

»In Nováky. Das liegt in der Slowakei.«

»Einem Arbeitslager für Juden«, setzte ich im Kopf noch hinzu. Aber sollte ich das wirklich erklären? Wahrscheinlich hätte es sie nicht interessiert. Und falls doch … ich entschied mich dagegen, ich war zu müde.

»Staatsangehörigkeit?«

»Deutsch.«

»Wohnhaft?« Ich gab meine Münchner Adresse an.

»Versichert?«

»Familienstand?«

»Geschieden.«

»Religionszugehörigkeit?«

Ich glaubte meinen Ohren nicht zu trauen. Was interessiert ein bayerisches städtisches Krankenhaus meine Religionszugehörigkeit? Aber ich hatte keine Energie für Diskussionen. »Jüdisch.«

Mechanisch trug die Verwaltungsmitarbeiterin die Information auf dem Zettel ein.

»Wie viele Kinder haben Sie?«

»Drei.«

»Wer sind Ihre nächsten Angehörigen?«

Ich antwortete nicht sofort. Die Frau blickte mit ausdruckslosem Gesicht zu mir herüber und fragte: »Na, wen sollen wir im Notfall kontaktieren? Wir hätten da schon gerne eine Telefonnummer.«

 

Die Frage traf mich unvorbereitet. Ich dachte natürlich sofort an Julian, meinen jüngsten Sohn. Er arbeitet als Anästhesist in einer Klinik im Rheinland und lebt seit zwei Jahren in Köln. Ich hatte ihn noch aus dem Rettungswagen angerufen und ihm gesagt, dass ich auf dem Weg in die Klinik sei.

»Soll ich kommen?«, hatte Julian ganz aufgeregt gefragt. »Nein, nicht nötig«, hatte ich ihm geantwortet. »Wenn ich dich brauche, melde ich mich noch mal. Und bitte ruf Erik nicht an und mach ihn nicht narrisch, dass er aus Amerika kommen muss. Es ist alles nicht so schlimm. Ich melde mich wieder.«

Erik ist mein ältester Sohn, Controller bei einer großen amerikanischen Bank, lebt in New York, verheiratet, zwei Kinder. Keinesfalls wollte ich sein ohnehin anstrengendes Leben mit der Sorge um seine kranke Mutter in Deutschland belasten. Nun lag ich da und wusste keine rechte Antwort. Für den Notfall sollte es ja jemand sein, der schnell zu Hilfe eilen könnte. Mein mittlerer Sohn Oliver lebt zwar in München. Doch der Kontakt ist seit Jahren unterbrochen. Und meine Schwester Nora, die mit ihrer Familie in Deggendorf lebt, fiel mir zunächst nicht ein.

Schließlich gab ich aber doch ihre Kontaktdaten an. Die Verwaltungsmitarbeiterin stand auf, wünschte mir gute Besserung. Sie verschwand hinter dem weißen Vorhang, der die offene Überwachungsstation vom Schwesternbereich trennte. Ich lag verkabelt mit den verschiedenen Monitoren, rechts und links von mir fünf uralte Frauen mit ähnlichen Herzproblemen. Ich sehnte mich nach Stille und versuchte zu schlafen. Vergebens. Schwestern liefen herum, kontrollierten die Apparate, sprachen mit Angehörigen, verabreichten Medikamente, die Putzfrau wischte, Routinebetrieb im Krankenhaus. Dass ich keine Ruhe finden konnte, lag aber nicht nur an den äußeren Umständen, auch innerlich rumorte es. So nahe hatte ich mich dem Tod noch nie gefühlt. Obwohl ich ihm in meinem Leben wohl häufiger begegnet bin als viele andere. Verschiedene Situationen gingen mir durch den Sinn, verbunden mit dem unangenehmen Gefühl, dass die Geschichte sich immer wiederholt und man der Macht des eigenen Schicksals nicht entrinnen kann, egal, wie geschickt man es auch anzustellen glaubt. Ich sah mich neben meiner Mutter am offenen Grab von Jakob auf dem jüdischen Friedhof in München stehen. Jakob, mein erster Mann und Vater von Erik, der so früh tragisch verunglückte.

»Warum musste dir das auch passieren?«, fragte meine Mutter mich damals, ohne eine Antwort zu erwarten. Sie selbst hatte ihren ersten Mann, meinen Vater, in Auschwitz verloren. Noch mehr beunruhigte mich aber die Parallele mit der Uhr.

 

Zu meinem siebzigsten Geburtstag hatte ich die Idee, mir selbst etwas Schönes zu schenken. Dazu kam es aber nicht, ich hatte zu viel zu tun, und so kaufte ich mir die Uhr zu meinem 71. Geburtstag. Eine mechanische Uhr ist für mich nicht nur ein Schmuckstück, sie ist ein Kunstwerk. Sie lebt und hat durch das Ticken ihren eigenen Rhythmus. Tausendmal habe ich beim Pulsmessen die Frequenz des Herzschlags mit dem Vergehen der Zeit in Beziehung gesetzt. Auch erinnert mich die Feinmechanik, bei der ein Rädchen ins andere greift, an die Konstruktion des menschlichen Körpers.

Meine Mutter hatte sich zum 72. Geburtstag im September 1995 eine gute Uhr gewünscht. Gute Uhr bedeutet zwangsläufig auch teure Uhr. Nora und ich wunderten uns ein wenig über diesen Wunsch, denn sie hatte zeit ihres Lebens sehr bescheiden und eher wunschlos gelebt. Aber wir freuten uns, ihr mit diesem Geschenk eine Freude zu machen. Für mich drückte sich darin eine neue Lebendigkeit aus: Wer depressiv ist – und unter Depressionen hatte sie viele Jahre lang schwer gelitten –, hat keine Wünsche. Erst recht nicht den Wunsch nach einer Uhr. Ich ging mit meiner Mutter zu ›Uhren Huber‹ gegenüber der Münchner Oper. Wir ließen uns große Teile des Sortiments zeigen, probierten und diskutierten. Schließlich entschieden wir uns für eine kleine goldene Uhr mit römischen Ziffern. Meine Mutter war glücklich. Sie band die neue Uhr noch im Laden um. Der Verkäufer begleitete uns zur Tür und öffnete sie galant. Beschwingt verabschiedeten wir uns und traten auf die Residenzstraße hinaus. Die schwere Panzerglastür war noch nicht ins Schloss gefallen, da sagte meine Mutter zu mir beiläufig: »Du hast dir eine Uhr gekauft.« Der Satz traf mich. »Lass uns ins Café gehen«, antwortete ich, »lass uns den Kauf feiern.« Drei Monate später war sie tot.

 

Bis heute habe ich den Tod meiner Mutter nicht verwunden. Seit vielen Jahren litt sie an den Folgen der Nazizeit, das Leben war ihr physisch und psychisch zur Qual geworden. Vor Schmerzen lief sie gekrümmt, das wegen ihrer Osteoporose verordnete Korsett konnte sie oft nicht tragen. Spontanbrüche der Wirbel und der Verschleiß der Knie machten ihr sehr zu schaffen. Treppen konnte sie kaum noch steigen. Sprach ich sie auf ihre Schmerzen an, sagte sie nur: »Hättest du als junge Frau stundenlang nackt im Schnee auf dem Appellplatz stehen müssen, hättest du auch Knieschmerzen.« Hinzu kamen ihre schweren Depressionen und die Schlaflosigkeit. Im Dezember 1995 erlitt sie den dritten Herzinfarkt und erhielt eine Bypass-Operation. Am Telefon beruhigte mich der behandelnde Arzt: »Die Situation ist nicht so schlimm. Ihre Mutter kann nach dieser Operation noch gut zehn Jahre leben.« Erleichtert legte ich auf. Lange Zeit hatte ich mich zu wenig um sie gekümmert. Nora und ich überlegten uns, was wir in diesen zehn Jahren noch alles mit ihr unternehmen könnten. Bis sie sich wieder erholt hätte, würden wir sie abwechselnd zu uns nach Hause nehmen. Wir wollten ihr einen Teil der Fürsorge zurückgeben, die sie uns zeitlebens entgegengebracht hatte: in Nováky, in Auschwitz und später unter den schwierigen Bedingungen in der Tschechoslowakei, bei den vielen Schicksalsschlägen, die unser Leben prägten. Und endlich würde ich sie nach der Geschichte unserer Familie befragen. Hatte sie mir je ausführlich von meinem Vater erzählt, von all den Verwandten, Freunden und Nachbarn in Trenčín und Bratislava, die ermordet worden waren? Und was genau hatte es mit jenem kleinen Jungen auf sich, den sie damals aus Auschwitz mit nach Trenčín genommen hatte?

Umso mehr bestürzten mich die Neuigkeiten, als ich am nächsten Tag wieder in die Klinik kam. Sie hatten mich angerufen, die Laborwerte seien nicht in Ordnung. Wie sich später herausstellte, hatte meine Mutter in der Nacht eine schwere, sehr seltene Komplikation an der Bauchschlagader erlitten, irreparabel. Wir wussten, dass sie innerhalb der nächsten Stunden sterben würde. Als ich zu ihr auf die Intensivstation kam, dämmerte sie bereits vor sich hin, stöhnend trotz der starken Schmerzmittel. An ein Gespräch war überhaupt nicht mehr zu denken. Ich saß ein paar Stunden an ihrem Bett. Dann nahm ich ihre Hand und küsste sie. Danach fuhr ich durch die weihnachtlich geschmückten Straßen zurück nach Harlaching. Es war der 23. Dezember, Julians zehnter Geburtstag, und er saß mit Oliver und Erik allein zu Hause. Zwei Tage zuvor war ihr Vater ausgezogen.

Tatsächlich erhielt ich die Uhr meiner Mutter, als wir nach ihrem unerwarteten Tod den Hausstand auflösten. »Du hast dir eine Uhr gekauft.« Der Satz klang lange in mir nach. Sie musste damals gespürt haben, dass ihr nur noch wenig Lebenszeit blieb. Aber irgendwann vergaß ich ihn.

Kurz vor meinem 71. Geburtstag suchte ich den kleinen Schwabinger Schmuckladen eines Bekannten aus der jüdischen Gemeinde auf. Meine Wahl fiel auf eine goldene Piaget mit minimalistischem Zifferblatt und mechanischem Uhrwerk. Das Gehäuse ist mit diskreten Brillanten besetzt. Sie war nicht sofort lieferbar, und der Juwelier meinte: »Dieses Jahr kommt sie nicht mehr.« Am 20. Dezember rief er mich aber an, die Uhr sei nun doch schon geliefert worden, ich solle sie abholen und anpassen lassen. Ich freute mich, fuhr sofort zum Laden und suchte noch ein Lederband aus. Als ich die Uhr an meinem Arm sah, schoss mir plötzlich der Satz meiner Mutter wieder durch den Kopf. »Du hast dir eine Uhr gekauft.« Für einen Moment setzte mein Herzschlag aus.

Sechs Wochen später lag ich selbst auf der Intensivstation.

Am Nachmittag besuchten mich die Freundinnen. Abends stand Julian vor meinem Krankenhausbett. Mein Erschrecken übertraf im ersten Augenblick die Freude, eine Gefühlsreaktion, die sich deutlich auf den Monitoren abzeichnete, an die ich angeschlossen war: Der Puls schlug schneller, der Blutdruck schoss in die Höhe. Offenbar hatte mein Sohn die Lage als sehr ernst eingeschätzt. Es schockierte mich, wie hilflos er an meinem Bett stand. »Wenn ich jetzt sterbe, lasse ich ihn noch unwissender zurück, als meine Mutter mich damals«, ging es mir durch den Kopf. Wie ernst es um mich stand, sollte ich am nächsten Tag erleben, als ich während der Untersuchung einen zweiten Herzanfall erlitt. Sofort setzte mir der behandelnde Professor einen Stent. Die Erholung dauerte lange. Erst nach einem zweiten Eingriff im Frühjahr fühlte ich mich wieder fit. Die Gedanken jener Tage im Februar verließen mich nicht mehr.

Dass meine Mutter und ich so viele Lebenserfahrungen teilten und wir beide so kurz nach dem Kauf der Uhren einen Herzinfarkt erlitten, mag Zufall sein. Vielleicht aber doch der Beweis, dass eine Redewendung aus meiner Heimat zutrifft: Do roka a do dňa, sagen wir auf Slowakisch, wenn die Dinge in einem mystischen Zahlen- oder Kalenderverhältnis zueinander stehen. Wörtlich übersetzt bedeutet dies: Bis zu einem Jahr und einem Tag – auf den Tag genau. Und so wurde ich das Gefühl nicht los, dass mein Herzinfarkt ein Zeichen war: Meine Zeit läuft.

 

Dass meine Spurensuche schmerzhaft werden würde, ahnte ich. Nicht nur, weil die Erinnerung an traumatische Begebenheiten an die Grenzen des Erträglichen gehen mag, weil man bei dem Versuch, »das Unaussprechliche auszusprechen«, wie Elie Wiesel es einmal formuliert hat, auch scheitern kann. Sondern weil es Mut erfordert, der großen Anzahl von Überlebenden-Berichten einen weiteren hinzuzufügen. Noch dazu die Geschichte einer Frau, die Auschwitz als Kleinkind überlebt hat. Deren eigene Erinnerung an Verfolgung und Konzentrationslager nur im Unterbewusstsein existiert. Die die ausgelöschte Familie nicht gekannt hat. Aber deren Leben und das ihrer Familie immer von diesen Erfahrungen geprägt war.

Wenige Wochen nach dem Entschluss, meine Geschichte endlich aufzuschreiben, hatte ich folgenden Traum:

Ich befinde mich in einem Münchner Hotel, das ich gut kenne. Der Saal ist festlich dekoriert und voller Journalisten. Es herrscht eine allgemeine Anspannung, und ich soll mein Autobiographie-Projekt vorstellen. Ich fühle mich eigentlich sehr gelassen, nehme aber unbewusst wahr, dass besonders viele ältere, grauhaarige Damen im Raum sind. Eine spricht mich an und fragt mich abschätzig: »Na, was wollen Sie denn erzählen?« Ich greife nach meinem iPad, auf dem ich die Präsentation abgespeichert habe, aber die vorbereiteten Dateien sind verschwunden. Hektisch beginne ich zu suchen, der Moderator versucht, mich zu beruhigen. Immer neue Bilder und Texte öffnen sich im Display, doch der richtige Text findet sich nicht. Ich stammele, versuche frei zu sprechen, verhaspele mich. Die alte Frau steht auf. Sie klopft mit der flachen Hand energisch auf den Tisch und ereifert sich: »So etwas Pubertäres habe ich noch nie gehört.« Ihr Schwall nimmt überhaupt kein Ende. Der Moderator versucht zu beschwichtigen, sieht aber bald ein, dass die Veranstaltung abgebrochen werden muss.

Schweißgebadet wachte ich auf. Was sollte dieser Traum bedeuten? War das die Angst, mit der eigenen Geschichte in Konkurrenz zu der anderer Überlebender zu treten? Was macht es mir so schwer, für meine Geschichte den nötigen Raum einzufordern? Ich würde es nur herausfinden, das verstand ich sofort, wenn ich zu den Anfängen zurückginge.

Kapitel 2 Geburt in Nováky

Dezember 1942

Wo aber liegt dieser Anfang? Es ist, als bewegte ich mich in einen dichten Nebel hinein. Bald bin ich ganz von zähen Schwaden umfangen, das Atmen fällt mir schwerer, ich taste mich zögerlich voran. Es gibt Stellen, an denen die Schwaden lichter werden.

Naturgemäß habe ich keine eigene Erinnerung, denn die autobiographische Erinnerung, soviel weiß die Gedächtnisforschung heute, setzt frühestens mit dem dritten Lebensjahr ein. Zwar speichert das Gehirn schon sehr früh Gerüche und Geschmackseindrücke – beides ist für den Säugling, das Kleinkind überlebenswichtig, doch zum bildlichen Erinnern bedarf es der Sprache und einer Vorstellung der eigenen Persönlichkeit. Dazu reift das Gehirn aber erst nach dem zweiten Lebensjahr allmählich heran.

Trotzdem wissen wir natürlich oft von den Umständen unserer Geburt. Eltern, Verwandte und Freunde formen mit ihren Erzählungen die Vorstellungen von unserem Anfang. Der Nebel ist also nicht das Fehlen der eigenen Erinnerung, es ist das fehlende Wissen über meine Wurzeln, denn meine Mutter – und sonst gab es in meiner Umgebung kaum einen Nahestehenden mehr, der mir von den Familien meiner Eltern hätte berichten können – brachte nur Fragmente ihrer Erinnerung über die Lippen. Schon als Kind respektierte ich intuitiv die unausgesprochenen Grenzen, unternahm zwar einige zaghafte Anläufe, Näheres zu erfahren, forschte aber nicht eigenständig nach oder insistierte. Treffend hat dies der französische Schriftsteller Marcel Cohen beschrieben, auch er ein überlebendes Kind, das später von seinem Onkel etwas über die ermordeten Eltern erfahren möchte: »Jede Nötigung, mehr preiszugeben als das bereits hundertmal Erzählte – das ihn nicht mehr aufwühlte –, wäre unmenschlich gewesen.«[2] So empfand ich das auch: Tiefer in meine Mutter einzudringen stand mir nicht zu. Ich hätte sie, die ich so liebte, unerträglich gequält. Und zugleich litt ich am Nichtwissen. Ein Dilemma.

Andere Überlebende haben zwar auch nicht mit ihren Kindern und Enkeln über ihre Vergangenheit gesprochen, aber sie haben ihre Geschichten wenigstens für historische Archive zur Verfügung gestellt – etwa der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem oder der Shoah Foundation, einer Stiftung des amerikanischen Regisseurs Steven Spielberg. Sie allein hat mehr als 51000 Zeugnisse in 32 Sprachen videographisch festgehalten, und abgesehen von diesen beiden großen Initiativen gibt es zahlreiche kleine.

Blicke ich zu meinen Anfängen zurück, kommen mir zwei Episoden in den Sinn. Immer wieder, vornehmlich an meinem Geburtstag, wenn wir in der Familie bei einer selbstgebackenen Torte beisammensaßen, erzählte meine Mutter uns vom Tag meiner Geburt.

»Der 19. Dezember war ein bitterkalter Tag. Es gab Hebammen im Lager, und eine von ihnen assistierte mir bei der Niederkunft, die in der kleinen Kammer stattfand, die dein Vater und ich damals bewohnten. Sie brachte heißes Wasser, aber der Raum war unbeheizt. Es war so kalt, dass das Wasser binnen kürzester Zeit mit einer Eisschicht überzogen war.«

»War es eine schwierige Geburt?«, wollte ich wissen. Sie seufzte.

»Weißt du, Evička, ich war ja so jung und völlig ahnungslos. Ich wusste nicht, welch ungeheure Schmerzen man bei einer Geburt erlebt.«

Bei jeder Wehe habe sie gerufen: »Imrischko, was hast du mir bloß angetan?« Imrischko – kleiner Imrich. Ich halte inne und lausche dem Wort nach, das ich lange vergessen habe und das mir beim Schreiben wieder einfällt. Wie selten hat sie meinen Vater mir gegenüber mit diesem Kosewort bezeichnet.

»Aber letztlich verlief die Geburt ohne Komplikationen. Nach zweieinhalb Stunden warst du da: 3200 Gramm, ein gesunder, rosiger Säugling.«

Eine Art Frauenstolz schwang in dieser Erzählung mit, dass es ihr so leicht gefallen war, Kinder auf die Welt zu bringen. Und das trotz der widrigen Umstände im Lager. Denn kaum war ich aus ihrem Bauch heraus, fing ich an zu schreien und beruhigte mich nicht. Das angefrorene Wasser in der Waschschüssel musste wieder erhitzt werden, um das Baby von der Geburt zu säubern. Es dauerte ewig und wollte nicht gelingen: So badete mich die Hebamme schließlich im lauwarmen Wasser.

Je mehr ich mich mit den historischen Umständen beschäftigt habe, desto verständlicher wird mir, warum meinen Eltern meine glückliche Geburt wie ein Wunder erscheinen musste. Schließlich war Nováky eines von drei sogenannten »Arbeitslagern für Juden«, die der slowakische Staat 1941 eingerichtet hatte. Der Dreiklang – Arbeitslager, Juden, 1941 – weckt meine schlimmsten Assoziationen, aber ganz offensichtlich herrschten dort besondere Bedingungen, unter denen ein gesunder Säugling geboren werden und gedeihen konnte.

 

Meine Mutter gab mir den Namen Eva Maria, ein Name, der bei meinen jüdischen Freunden und in der jüdischen Gemeinde immer wieder Irritationen hervorruft. Warum »Maria« und nicht die hebräische Variante »Miriam«? Warum ausgerechnet den Namen der von den Christen als »Gottesmutter« verehrten Heiligen, und das in einer Zeit, da die meisten Katholiken in der Slowakei sich bedenkenlos auf die Seite der Mörder schlugen? Ob sich meine Mutter über solche Fragen Gedanken gemacht hat? Ich kann es mir kaum verstellen. Als Tochter aus jüdisch-assimilierter Familie trug sie selbst sogar einen germanischen Namen: Agnes Gertrud. Schon ihre Großmutter, Mitte des 19. Jahrhunderts geboren, hieß Theresia, worin sich mit Sicherheit auch eine Wertschätzung der österreichischen Kaiserin Maria-Theresia und des Hauses Habsburg ausdrückte. Auch Maria, so fand ich erst unlängst in einem Stammbaum meiner Familie, kam in der mütterlichen Linie als erster oder zweiter Vorname immer wieder vor. So trage ich die Namen der beiden biblischen Urmütter: Eva, hebräisch Chava, die Lebenspendende, die eigenmächtig vom Baum der Erkenntnis den Apfel aß und aus dem Paradies vertrieben wurde. Und Maria, im christlichen Glauben gewissermaßen die Gegenspielerin Evas, die Heilsbringerin, Mutter eines unehelichen Sohnes, der als Retter der Welt verklärt wird. Maria, die Trösterin …

 

Die zweite Geschichte zu meiner Geburt stammt von Štefania Schlesinger, genannt Šteffka. Sie war zwei Jahre älter als meine Mutter und wurde im Lager Nováky ihre engste Freundin. Zeitlebens liebte ich diese zierliche blonde Frau wie eine Tante, später wurde sie eine enge Vertraute.

»Am Tag deiner Geburt wollte ich wie jeden Morgen deine Mutter abholen, um mit ihr zusammen zu den Werkstätten zu gehen. Normalerweise standen die Fenster der kleinen Kammer deiner Eltern morgens offen. Wie jede gute slowakische Hausfrau legte deine Mutter nämlich nach dem Aufstehen die Bettdecken zum Lüften ins Fenster. An diesem Tag aber waren die Fenster geschlossen. ›Was ist los mit Agi‹, fragte ich mich. ›Hat sie verschlafen oder ist sie faul?‹ Schon als ich die Stiegen hinaufging, hörte ich ein Baby schreien. Das warst du.«

 

Beide Frauen erinnerten sich an die große Freude, die meine Geburt – es war die erste von fünfen in Nováky – nicht nur bei ihnen selbst, sondern auch bei allen anderen auslöste. Die Tatsache, dass in einem jüdischen Zwangsarbeiterlager ein gesundes Kind geboren wurde, erfüllte die Leidensgenossen mit Hoffnung, und es weckte in ihnen Solidarität und Hilfsbereitschaft. Der in der Slowakei bekannte Schriftsteller Juraj Špitzer hat dies auch literarisch verarbeitet. In seiner 1994 erschienenen Autobiographie Ich wollte kein Jude sein berichtet er über die Rückkehr des Lagerarztes Jakob Špira von meiner Geburt:

»Ich erinnere mich, als Špira bekannt gab, dass im Lager ein erstes Kind geboren worden war. Wenn dieses Menschlein die Zeit erlebt, dass es schreiben kann, wird es als Geburtsort ›Lager Nováky‹ angeben. Ich habe seinen Gesichtsausdruck vor Augen. Er hat vergessen, dass Krieg ist, dass wir Häftlinge sind. Nach dem alten Brauch hat er Gott für das neue Leben gedankt. Špira hat dem Leben geholfen, weil er wusste, dass das Leben mehr ist als Gefängnis und Todesdrohung, weil er glaubte, dass es Gottes Werk ist.«[3]

 

Auch meine Mutter sagte mir immer: »Du warst ein Zeichen des Lebens in einer Zeit der Verfolgung und des Todes«, und ich denke mir heute: Es war auch ein Zeichen des Widerstands gegen die Unterdrücker. Sie erzählte dann meist weiter, mit welcher Begeisterung die Frauen und die Alten mir später beim Essen von Mohnnudeln zugesehen hätten: »Mit bloßen Händen hast du nach den süßen Nudeln in der Schüssel gegriffen und sie dir in den Mund gestopft. Es war eine große Schmiererei: Der Mohn kleckerte überallhin. Alles war verklebt: Teller, Boden, das ganze Kind.« Sogar Butter, habe ich unlängst herausgefunden, gab es damals im Lager. Es war, so verstehe ich das heute, für alle ein kostbarer Augenblick unbeschwerter Normalität. Denn dass meine Mutter das Glück über ihre gerade geborene Tochter damals uneingeschränkt empfinden konnte, scheint mir eher zweifelhaft.

 

Meine Mutter, Agnes Eisler, wurde am 20. September 1923, an Jom Kippur, dem jüdischen Versöhnungstag, geboren. Sie war also bei meiner Geburt neunzehn Jahre alt. In den Monaten zuvor hatte sie alles verloren, was ihr Leben bis dahin ausgemacht hatte: ihre Eltern und Geschwister, Freunde, Nachbarn und Bekannten, ihr Elternhaus in Bratislava. Sie stammte aus einer wohlhabenden jüdischen Familie und war das jüngste von vier Geschwistern. Alle Eisler-Kinder hatten das Licht der Welt in Österreich erblickt, meine Mutter in Gattendorf im Burgenland, östlich von Wien. Die Familie lebte aber in Bratislava. Pressburg hatte die Stadt zur Zeit der königlich-kaiserlichen Monarchie geheißen. In der Geisteswelt meiner Großeltern und Eltern bestand die Donaumonarchie auch nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg und der Zertrümmerung des einst gigantischen Habsburgerreiches fort. Zwar rückte Wien 1918 aus dem Zentrum eines Vielvölkerreichs an den östlichen Rand der kleinen, neu gegründeten österreichischen Republik. Aber die Grenzen zur Tschechoslowakei standen offen, und die 1914 eingeweihte elektrische Straßenbahn ins 55 Kilometer entfernte Bratislava nahm nach der Unterbrechung durch den Krieg ihren Betrieb wieder auf. Meine Großmutter Elisabeth fuhr, so jedenfalls erzählte es meine Mutter mit nostalgischem Unterton, ganz selbstverständlich alle paar Wochen von Bratislava zu ihrem Friseur nach Wien, orientierte sich dort über die neueste Mode und erledigte ihre Besorgungen.

Hochzeitsfoto meiner Großeltern mütterlicherseits, Emanuel und Elisabeth Eisler, März 1911

© Eva Umlauf

Meine Großeltern väterlicherseits, Gisela und Hermann Hecht, mit meinem Vater Imrich, ca. 1912. Hermann Hecht fiel im Ersten Weltkrieg.

© Eva Umlauf

Die Familie meiner Großmutter, einer geborenen Lichtenstein, berief sich stolz auf rabbinische Vorfahren in der mütterlichen Linie. Tatsächlich stoße ich in einem Stammbaum auf den Rabbi Isaak von Luky nad Makytou, geboren 1786, gestorben 1852. Der Vater meiner Mutter, Emanuel Eisler, hatte sich allerdings vom jüdischen Glauben entfernt. Dabei wohnte die Familie im jüdischen Viertel, in einer Wohnung in der Ulica Heydukova, nur einen Steinwurf von der in den zwanziger Jahren errichteten Synagoge entfernt. Großvater Eisler achtete zwar noch die jüdischen Hohen Feiertage, ging aber nicht regelmäßig in die Synagoge. Auch die Speisegesetze spielten im Hause Eisler keine Rolle mehr. »Jegliche Speise, die in den Mund kommt, ist koscher«, so zitierte meine Mutter ihren Vater. »Wichtig ist vielmehr, darauf zu achten, dass koscher ist, was aus dem Mund des Menschen kommt.«

Meine Mutter muss ihren Vater sehr geliebt haben. Sie sprach von ihm viel häufiger als von allen anderen Verwandten. Sie rühmte seinen unverblümten Witz, seine Lebensweisheit und sein Interesse an schönen Dingen. Offenbar hatten die Großeltern auch Freude an gutem Essen. Das einzige Foto, das ich von ihnen besitze, zeigt sie wohlgenährt und etwas behäbig. Großvater Eisler arbeitete in den Zwischenkriegsjahren als Gutsverwalter, allerdings mit wenig ökonomischem Geschick, und so konnte er von Glück sagen, dass er in eine reiche Juristen-Familie aus Malacky eingeheiratet hatte, die seine Eskapaden duldete und ihm eine zweite Mitgift auszahlte, nachdem er die erste mit meiner Großmutter bald verjubelt hatte.

Nicht alle in der Familie hatten eine solch liberale Gelassenheit, und aus einer gelegentlich zitierten Episode ahne ich, dass dies durchaus zu Spannungen führte. So erinnerte sich meine Mutter mit Empörung an ihre Tante Hermine, die mit ihrem reichen Mann Arpad Kondor in luxuriösen Verhältnissen in Bratislava lebte und dort mit ihren beiden Kindern Ruben und Gideon und den Hausangestellten ein streng koscheres Haus führte: Verspäteten sich die Herrschaften am Freitagnachmittag bei den Besorgungen, wurde der – christliche – Chauffeur zu besonderer Eile angetrieben, damit sie vor Erscheinen des Abendsterns auch tatsächlich wieder zu Hause eintrafen. Gemäß den jüdischen Gesetzen ist es nach Anbruch des Schabbats verboten zu reisen, aber auch Funken zu zünden. So darf man am Ruhetag natürlich auch keinen Automotor betreiben. Auch Geld mit sich zu führen oder gar auszugeben ist strengstens untersagt. Meine Mutter erinnert sich, von Tante Hermine und ihren Cousins wegen ihrer deutlich liberaleren Erziehung immer wieder geschmäht worden zu sein: »Ihr seid ja ärger als die Gojim«, schimpfte Ruben, wenn es Streit unter den Kindern gab. Gojim ist ein hebräisches Wort mit wenig wertschätzendem Beiklang für Nichtjuden.

Zu Hause sprachen die Eislers deutsch und wie in vielen jüdischen Familien Bratislavas nicht nur ungarisch, sondern auch slowakisch, um sich mit der weitgehend ungebildeten einheimischen Bevölkerung zu verständigen. Jiddisch galt im Hause meiner Großeltern ebenfalls als Sprache der Ungebildeten, und wenn ich meine Mutter richtig verstand, blickte man eher etwas abschätzig auf jene Schtetl-Juden, die oftmals chassidischer Abstammung waren. Sie lebten vorwiegend im Osten der Slowakei, einfache Leute, deren Vorfahren oft aus Polen eingewandert waren. Sie verweigerten die Assimilation und hielten ihre, in den Augen meiner Großeltern altertümlichen, Bräuche bei.[4]