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Die Nightingale-Schwestern – Ein Weihnachtsfest der Hoffnung

Inhalt

  1. Cover
  2. Über das Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. KAPITEL EINS
  8. KAPITEL ZWEI
  9. KAPITEL DREI
  10. KAPITEL VIER
  11. KAPITEL FÜNF
  12. KAPITEL SECHS
  13. KAPITEL SIEBEN
  14. KAPITEL ACHT
  15. KAPITEL NEUN
  16. KAPITEL ZEHN
  17. KAPITEL ELF
  18. KAPITEL ZWÖLF
  19. KAPITEL DREIZEHN
  20. KAPITEL VIERZEHN
  21. KAPITEL FÜNFZEHN
  22. KAPITEL SECHZEHN
  23. KAPITEL SIEBZEHN
  24. KAPITEL ACHTZEHN
  25. KAPITEL NEUNZEHN
  26. KAPITEL ZWANZIG
  27. KAPITEL EINUNDZWANZIG
  28. KAPITEL ZWEIUNDZWANZIG
  29. KAPITEL DREIUNDZWANZIG
  30. KAPITEL VIERUNDZWANZIG
  31. KAPITEL FÜNFUNDZWANZIG
  32. KAPITEL SECHSUNDZWANZIG
  33. KAPITEL SIEBENUNDZWANZIG
  34. KAPITEL ACHTUNDZWANZIG
  35. KAPITEL NEUNUNDZWANZIG
  36. KAPITEL DREISSIG
  37. KAPITEL EINUNDDREISSIG
  38. KAPITEL ZWEIUNDDREISSIG
  39. KAPITEL DREIUNDDREISSIG
  40. KAPITEL VIERUNDDREISSIG
  41. KAPITEL FÜNFUNDDREISSIG
  42. KAPITEL SECHSUNDDREISSIG
  43. KAPITEL SIEBENUNDDREISSIG
  44. KAPITEL ACHTUNDDREISSIG
  45. KAPITEL NEUNUNDDREISSIG
  46. KAPITEL VIERZIG
  47. KAPITEL EINUNDVIERZIG
  48. KAPITEL ZWEIUNDVIERZIG
  49. KAPITEL DREIUNDVIERZIG
  50. KAPITEL VIERUNDVIERZIG
  51. KAPITEL FÜNFUNDVIERZIG
  52. KAPITEL SECHSUNDVIERZIG
  53. KAPITEL SIEBENUNDVIERZIG
  54. KAPITEL ACHTUNDVIERZIG
  55. KAPITEL NEUNUNDVIERZIG
  56. KAPITEL FÜNFZIG
  57. KAPITEL EINUNDFÜNFZIG
  58. KAPITEL ZWEIUNDFÜNFZIG
  59. KAPITEL DREIUNDFÜNFZIG
  60. KAPITEL VIERUNDFÜNFZIG
  61. NACHWORT
  62. DANKSAGUNG

Über das Buch

London, 1941. Bald ist Weihnachten, und den Schwestern des Nightingale Hospitals steht ein harter Winter bevor. Nach einer verheerenden Bombennacht werden einige von ihnen in ein kleines Dorfkrankenhaus versetzt. So auch Jess, die sich mit dem Umzug aufs Land schwertut. Erst mit der Ankunft ihrer quirligen Freundin Effie scheint sich das Blatt zu wenden. Als dann auch noch ein gut aussehender amerikanischer Soldat im Dorf eintrifft, lässt das die Herzen der Krankenschwestern höher schlagen und mit der ländlichen Ruhe hat es ein Ende …

Über die Autorin

Donna Douglas wuchs in London auf, lebt jedoch inzwischen mit ihrem Ehemann in New York. Ihre Serie um die Schwesternschülerinnen des berühmten Londoner Nightingale Hospitals wurde in England zu einem Überraschungserfolg. Mehr über die Autorin und ihre Bücher erfahren Sie unter www.donnadouglas.co.uk oder auf ihrem Blog unter donnadouglasauthor.wordpress.com.

Donna Douglas

DIE NIGHTINGALE
SCHWESTERN

Ein Weihnachtsfest der Hoffnung

Roman

Aus dem Englischen von
Ulrike Moreno und Dietmar Schmidt

Für Becki Ward

KAPITEL EINS

In einer kalten, nebligen Novembernacht traf Jess Jago mit dem letzten Zug aus London in Billinghurst ein.

Sie war der einzige Fahrgast, der an dieser verlassenen Haltestelle mitten im Nirgendwo den Zug verließ. Jess stellte ihren Koffer und den Gasmasken-Behälter auf den Boden und versuchte, sich im Nebel und in der Dunkelheit zurechtzufinden. Der Nebel war so dicht, dass sie das Gefühl hatte, gespenstisch feuchte Hände berührten ihr Gesicht.

Sie lachte nervös. Das bildest du dir doch nur ein, Mädchen! Es ist bloß ein bisschen Nebel, nicht schlimmer als der zähe gelbliche Smog, der das East End regelmäßig einhüllte.

Sie holte tief Luft und ärgerte sich über sich selbst, weil sie so angespannt war. Immerhin hatte sie ihr ganzes Leben in Bethnal Green verbracht, wo sie zwischen Gaunern, Dieben und Gott weiß was sonst noch aufgewachsen war, und jetzt hatte sie Angst, weil sie auf dem Land war, umgeben von ein paar Bäumen und … dieser Totenstille.

»Sind Sie die neue Krankenschwester?«

Die leise, heisere Stimme, die aus der Düsternis zu ihr sprach, erschreckte sie zu Tode.

Schnell zog sie ihre Taschenlampe aus der Manteltasche und richtete den Lichtstrahl in den Nebel. Langsam schwenkte sie ihn nach rechts und links und zuckte zusammen, als er plötzlich ein altes graubärtiges Gesicht unter einem formlosen Hut erfasste.

»Machen Sie um Himmels willen dieses Ding aus«, knurrte der Mann. »Oder wollen Sie, dass der Luftschutz auf uns aufmerksam wird und uns für verdammte Deutsche hält?« Er lachte rasselnd. »Was stehen Sie noch da rum? Ich hab nicht die ganze Nacht Zeit, wissen Sie. Es ist schon kurz vor zehn, und einige von uns haben Betten, die sie gern aufsuchen würden. Außerdem ist dieser Nebel Gift für meine Lunge.«

Jess hörte das schwache Klimpern eines Pferdegeschirrs und das Stampfen schwerer Hufe auf dem harten Boden. Als sie den Strahl ihrer Taschenlampe senkte, sah sie einen Wagen und ein dralles graues Pferd, das müde den Kopf hängen ließ.

»Wer sind Sie?«, fragte sie.

»Der Weihnachtsmann, was dachten Sie denn?« Der alte Mann seufzte ungeduldig. »Mein Name ist Sulley – Mr. Sulley für Sie –, und man hat mich hergeschickt, um Sie zum Schwesternheim zu bringen. Also kommen Sie jetzt oder nicht? Sie können natürlich auch zu Fuß gehen, wenn Sie wollen, aber es sind über fünf Meilen, und ich bezweifle, dass Sie in einer solchen Nacht den Weg finden, zumal hier alle Wegweiser entfernt wurden.«

Jess richtete den Strahl ihrer Taschenlampe auf den Boden, während sie ihren Koffer zum hinteren Teil des Wagens trug und ihn auf die Ladefläche hievte, bevor sie wieder um das Fuhrwerk herumging und hinaufstieg, um sich neben den alten Mann zu setzen.

»Na endlich!«, murmelte Sulley. Nachdem er sich laut geräuspert und auf den Boden gespuckt hatte, ließ er die Zügel klatschen, und Pferd und Wagen setzten sich langsam in Bewegung. Die kalte Nachtluft roch nach Dung und feuchter Erde.

Das Schwanken des Wagens hatte eine einschläfernde Wirkung auf Jess, die spürte, wie ihre Augenlider schwerer wurden und sie den Kopf kaum noch aufrecht halten konnte. Sie war tatsächlich todmüde nach der Reise. Der Zug war überfüllt gewesen wie immer und schien sich nur zentimeterweise voran zu bewegen, und zu allem Überfluss hatte er auch noch alle fünf Minuten angehalten, um einen weiteren Truppentransport vorbeizulassen.

Jess hatte mit einem Dutzend junger Soldaten, die alle furchtbar ausgelassen und aufgedreht gewesen waren, in einem sehr beengten Abteil gesessen. Sie hatte ihre Sandwichs mit ihnen geteilt, und sie hatten sie zum Lachen gebracht mit ihrem Gesang und ihren Scherzen. Die jungen Männer erinnerten sie an Sam, der genauso lustig war und sich weigerte, das Leben ernst zu nehmen.

Doch Jess hatte genug Leid und Trauer gesehen und genug verwundete Soldaten im Nightingale gepflegt, um zu wissen, was ihnen widerfahren konnte. Sie lachte mit ihnen, blickte in ihre strahlend lächelnden Gesichter und ertappte sich gleichzeitig dabei, dass sie sich fragte, wie viele von ihnen wieder heimkehren würden.

Und erneut erschien ein Bild von Sam vor ihrem inneren Auge, das sie wie immer schnell verdrängte. Sie konnte es sich nicht leisten, den Ängsten nachzugeben, die in den düstersten Winkeln ihres Verstandes lauerten und nur darauf warteten, sie anzuspringen, wenn sie es zuließ.

Sulley hatte zu reden begonnen. »Das Dorf ist jetzt voller Londoner«, brummte er. »Mit euch vom Krankenhaus und all den Evakuierten ist es schlimmer als zur Hopfenernte. Es fühlt sich kaum noch wie unser Zuhause an.«

Jess reagierte leicht gereizt auf seine Worte. »Es war nicht unsere Entscheidung, hier herunterzukommen«, entgegnete sie heftig. »Wir müssen hingehen, wohin man uns schickt.«

Sie hätte London bestimmt nicht verlassen, wenn sie in dieser Sache ein Wörtchen mitzureden gehabt hätte. Die Bombenangriffe der deutschen Luftwaffe hatten sowohl dem East End als auch dem Nightingale Hospital buchstäblich das Herz herausgerissen, und es war illoyal, fand sie, es in der Stunde der Not im Stich zu lassen.

Aber die Oberin war nicht umzustimmen gewesen. Die meisten der Patienten waren aus London evakuiert und in den kleineren Ableger des Nightingale Hospitals in Kent verlegt worden, wo mehr Schwestern gebraucht wurden.

»Es wird vielleicht nur für ein paar Monate sein«, hatte die Schwester Oberin gesagt. »Aber bis wir die Stationen hier wieder öffnen können, werden Sie dort unten nützlicher sein als hier. Außerdem bin ich mir sicher, dass Sie die frische Landluft sehr begrüßen werden«, hatte sie mit einem kleinen Lächeln hinzufügt. »Eine Veränderung wird Ihnen guttun.«

Sie hatte es so hingestellt, als würde sie Jess einen Gefallen tun. Falls sie das wirklich glaubt, kennt sie mich nicht, dachte Jess. Sie war in den ärmlichen Gassen des East End geboren und aufgewachsen, und seit dem Moment ihrer Geburt hatte sie den Smog auf ihrer Zunge geschmeckt und in ihrer Lunge gespürt. Sie war gewöhnt an das Geschrei der Straßenhändler, den Geruch der Docks und der Klebstofffabrik und das Gerumpel von Straßenbahnen und Bussen. Und nach zwei Jahren Krieg hatte sie sich auch an das Heulen der Luftschutzsirenen gewöhnt, an das donnernde Einschlagen der Bomben, den Gestank des Schießpulvers und den erstickenden Staub, der auf einen jeden Angriff folgte. Sie hatte keine Zeit für das Landleben oder die Leute dort.

Ein solch unheimlicher Schrei erklang aus dem Nebel, dass Jess entsetzt von ihrem Sitz hochfuhr.

»Was zum Teufel war das?«, rief sie erschrocken.

Sulley lachte. »Nur eine Eule. Keine Bange, die wird Ihnen nichts tun.« Er griff in seine Tasche und zog eine Kippe hervor, die er sich zwischen die Zähne steckte und mit einer Hand anzündete, während er mit der anderen das dicke alte Pferd unter Kontrolle hielt, auch wenn das bei diesem Tier kaum nötig gewesen wäre. Jess’ eigene Füße hätten sie schneller vorangebracht als der gleichmäßige Trott der alten Stute.

Wieder überkam Jess Müdigkeit, und diesmal musste sie wirklich eingeschlafen sein, denn ehe sie sichs versah, blieb der Wagen mit einem Ruck stehen.

»Da sind wir«, sagte der alte Mann. »Trautes Heim, Glück allein.«

Jess spähte in die neblige Dunkelheit hinaus. »Ich kann überhaupt nichts sehen.«

»Das Schwesternheim liegt hinter diesem Tor und ein Stückchen weiter den Weg hinauf. In dem Schwesternheim im Krankenhaus war kein Platz für euch Londoner, deshalb mussten sie ein paar alte Wirtschaftsgebäude einer Farm umbauen.«

Jess rümpfte die Nase. Ein starker Geruch nach Dung hing in der Luft. »Hier riecht es ja wie in einem Schweinestall!«

»Richtig.« Sulley lachte. »Und ich wage zu behaupten, dass es genau das ist, woran ihr Londoner gewöhnt seid.« Sein Lachen wurde zu einem pfeifenden Husten, und er spuckte wieder auf den Boden.

Jess warf ihm einen bösen Blick zu. Zumindest stinke ich nicht wie eine alte Ziege, dachte sie. Der Mantel, den er trug, roch stark nach Schweiß und Zigaretten.

Sie stieg vom Bock des Wagens und hob ihren Koffer von der Ladefläche, während der alte Mann ihr zusah und an seiner dünnen Kippe zog.

»Ich werde morgen in aller Frühe hier sein, um Sie abzuholen«, rief er ihr nach, als sie ging und ihren Koffer hinter sich herzog.

Dann drehte sie sich doch noch einmal um. »Sie werden was?«

»Ich muss Sie und die anderen Schwestern zum Krankenhaus hinunterbringen, weil Sie sonst zwei Meilen laufen müssten.« Er klatschte mit den Zügeln, und das alte Pferd trappelte in die Dunkelheit hinein, bevor Jess etwas erwidern konnte.

Das Schwesternheim, sofern man es so nennen konnte, befand sich am Ende einer mit tiefen Spurrillen durchzogenen Holperpiste. Es war ein langgestrecktes, flaches Gebäude mit groben, weißgetünchten Wänden, an dessen Eingangstür ein Eimer stand, der die Wassertropfen auffing, die von dem klapprigen alten Blechdach fielen.

Jess straffte ihre Schultern. Na ja, wer A sagt, muss auch B sagen, dachte sie und klopfte an die Tür.

Sie wurde ihr von einer großen älteren Frau in einem schlichten grauen Kleid und einer dazu passenden Haube geöffnet. Jess erkannte in ihr sofort Miss Carrington, eine der gefürchtetsten Stationsschwestern des Nightingale Hospitals, und ihr sank das Herz bis in die Schuhe. Als Oberschwester auf der Frauenstation für Chronische Erkrankungen in London hatte Gertrude Carrington regelmäßig Schwesternschülerinnen zum Weinen gebracht. Jess mochte sich gar nicht vorstellen, wie sie als Heimschwester sein würde, deren Aufgabe darin bestand, für das Wohl der Schwestern zu sorgen.

Nachdem sie Jess einen Moment lang von oben herab gemustert hatte, sagte sie kühl: »Sie wurden schon vor über einer Stunde hier erwartet, Schwester Jago.«

Und auch Ihnen einen schönen guten Abend, dachte Jess. »Der Zug hatte Verspätung, Schwester.«

Miss Carringtons Augen verengten sich. »Sie sollten besser hereinkommen. Und ziehen Sie diese Schuhe aus«, befahl sie. »Ich will nicht, dass Sie damit das ganze Haus beschmutzen.«

Drinnen wirkte das Gebäude nicht einladender als von außen. Die Luft war schneidend kalt und roch nach Feuchtigkeit. Jess’ Atem kringelte sich wie eine dünne weiße Rauchfahne, als sie der Heimschwester über einen langen Gang folgte, von dem zu beiden Seiten Türen abgingen.

»Wie Sie sehen können, ist unsere Unterkunft ein bisschen – einfach«, sagte Miss Carrington nüchtern. »Aber es herrscht Krieg, und deshalb müssen wir das Beste daraus machen.« Sie fixierte Jess mit ihrem kalten Blick. »Darf ich Sie daran erinnern, dass Sie, auch wenn Sie sich nicht in London befinden, nach wie vor eine Schwester des Nightingale Hospitals sind, von der erwartet wird, dass sie die Richtlinien Ihrer Ausbildung als verbindlich betrachtet.«

»Selbstverständlich, Schwester.«

»Die Regeln in diesem Heim sind die gleichen wie in London. Keine männlichen Besucher, egal zu welcher Zeit, und um halb elf Uhr abends wird das Licht gelöscht. Die Haustür wird um zehn Uhr abgeschlossen, und bis dahin haben Sie hier zu sein, es sei denn, Sie hätten eine Sondererlaubnis von der Schwester Oberin. Haben Sie das verstanden?«

»Ja, Schwester.« Jess blickte auf ihre bestrumpften Füße herunter, damit Miss Carrington ihr Schmunzeln nicht sah. Sie kannte keine Schwester, die diese Regeln nicht mindestens einmal missachtet hatte. Den meisten von ihnen gelang es, direkt vor der Nase ihrer Vorgesetzten ein sehr munteres und geselliges Leben zu führen. Als sie den Gang hinunterging, dachte Jess bereits, wie leicht es sein würde, durch ein offenes Fenster hinauszuschlüpfen, nachdem das Licht gelöscht worden war. Hier würde sie auch nicht ihr Leben riskieren, weil sie an der Regenrinne hinaufklettern musste.

Dann fiel ihr wieder ein, dass sie sich hier mitten im Nirgendwo befand und meilenweit entfernt von was auch immer … Wozu sollte man sich hier nachts hinausschleichen, wenn es weder ein Tanzlokal, ein Kino oder sonst etwas Vergleichbares gab?

Außerdem war sie ohnehin kaum noch ausgegangen, seit Sam eingezogen worden war. Ihr war nicht wohl dabei, auszugehen und sich zu amüsieren, während er …

Sie hatten das Ende des langen Korridors erreicht, und Miss Carrington öffnete die allerletzte Tür. »Das hier ist Ihr Zimmer«, erklärte sie.

Es war so klein, dass es kaum genug Platz für die beiden schmalen eisernen Bettgestelle bot, zwischen denen eine Kommode stand. Auf jedem Bett lag ein kleiner Stapel gestärkter und gebügelter Bettwäsche. Über einem der Betten befand sich dicht unter der Decke ein schmales, mit einem schweren Verdunkelungsvorhang verhängtes Fenster. Jess betrachtete es stirnrunzelnd. Vielleicht hatte sie sich ja geirrt, was das Hereinschleichen nach dem Löschen des Lichts betraf. Durch diesen kleinen Spalt zu schlüpfen, wäre in etwa so, als wollte man sich durch einen Briefkastenschlitz zwängen.

»Wir erwarten nächste Woche noch eine Schwester aus Irland, doch bis dahin werden Sie das Zimmer ganz für sich alleine haben«, sagte Miss Carrington. »Zum Badezimmer müssen Sie den Gang hinuntergehen, es liegt hinter der vierten Tür auf der rechten Seite. Am anderen Ende des Gebäudes gibt es einen Gemeinschaftsraum für die Schwestern, falls Sie ihn benutzen möchten.« Ihre Oberlippe kräuselte sich missbilligend. »Allerdings liegt er direkt neben meinem Zimmer, wo ich nicht gestört zu werden wünsche. Das bedeutet, keine Musik, kein Tanz, kein lautes Lachen und kein Übermut.«

»Ja, Schwester.«

»Der Fahrer wird Sie und die anderen Schwestern morgen früh um halb sieben abholen und zum Krankenhaus hinüberfahren«, fuhr Miss Carrington fort. »Dort sollten Sie sich unverzüglich im Büro der Schwester Oberin melden, die Sie einer Station zuweisen wird. Wie Sie wissen, müssen wir uns das hiesige Krankenhaus teilen, und daher werden Sie sich sofort bei der Schwester Oberin, Miss Jenkins, melden.« Sie schnupperte an Jess’ Kopf und rümpfte die Nase. »Und vergessen Sie nicht, ein Bad zu nehmen, bevor Sie zu Bett gehen. Ich sehe schon, dass ich mit Mr. Sulley noch einmal über den Transport von Mist auf seinem Wagen reden muss!« Sie verdrehte ein letztes Mal die Augen, dann ließ sie Jess allein.

Die lauschte den sich entfernenden Schritten der Heimschwester und setzte sich dann auf das Bett. Die dünne Rosshaarmatratze gab kaum nach, aber sie konnte schon jetzt die Sprungfedern des alten Betts unter der Matratze spüren und wollte sich gar nicht erst vorstellen, wie es sein würde, darauf zu schlafen.

Jess streifte ihre Handschuhe ab und massierte ihre vor Kälte wie erstarrten Finger. Sie pochten und schmerzten, als das Blut in sie zurückfloss, sodass Jess sehnsüchtig an ihre Unterkunft in London denken musste. Auf dem Höhepunkt der Bombenangriffe waren alle Schwestern, Oberschwestern, Ärzte und Schülerinnen dazu übergegangen, im Keller des Nightingale zu schlafen. Dort war es zwar heiß, beengt und manchmal auch sehr unheimlich gewesen, wenn die Bomben auf sie niederregneten, aber Jess hätte all die Unannehmlichkeiten diesem eisig kalten Raum gerne vorgezogen.

Ohne ihren Mantel abzulegen, machte sie sich daran, das Bett zu beziehen. Die dünne Decke und die Laken sahen nicht so aus, als ob sie sie warmhalten würden.

Für einen Moment betrachtete sie das leere Bett neben sich, dann nahm sie die Decke von dem ordentlich gefalteten Bettzeug und breitete sie über ihrer eigenen aus. Wenn ihre neue Zimmerkameradin kam, würde sie sie wieder abgeben, doch bis dahin brauchte sie sie dringend.

Sowie das Bett gemacht war, packte sie ihre Sachen aus. Viel hatte sie nicht mitgebracht. Ihre Bücher stellte sie ordentlich nebeneinander auf das Fensterbrett und die gerahmte Fotografie von Sam daneben. Für einen Moment hielt sie inne und strich mit der Fingerspitze über die Konturen seines gutaussehenden Gesichts. Er sah so ernst aus in seiner Uniform, dass sie den frechen jungen Mann kaum wiedererkannte, der sich vor vier Jahren mit seinen Scherzen den Weg in ihr Herz erschlichen hatte.

Sie konnte sich gut vorstellen, wie er sie jetzt auslachen würde. »Nun sieh doch nur, wie du dich anstellst«, würde er sagen. »Glaub mir, das Leben könnte sehr viel schlimmer sein!«

Und er hätte recht damit, dachte Jess, als sie sich auf dem harten Bett ausstreckte, weil ihr die Augen zufielen. Wie Miss Carrington gesagt hatte, befanden sie sich im Krieg und mussten das Beste aus ihren Möglichkeiten machen.

Und wie schlimm konnte es schon werden?

KAPITEL ZWEI

Selbst mit einer zweiten Decke und fast vollständig bekleidet, fror Jess in jener Nacht viel zu sehr, um Schlaf zu finden, und war daher völlig übernächtigt, als Mr. Sulley am nächsten Morgen mit seinem Pferdekarren vorfuhr, um sie und ein Dutzend anderer verschlafen aussehender Schwestern ins Krankenhaus zu bringen. Da es um halb sieben noch stockfinster war, saßen die jungen Frauen dicht zusammengedrängt hinten auf der Ladefläche, um sich gegenseitig zu wärmen, und hüllten sich fest in ihre Umhänge.

»Wenigstens regnet es nicht«, bemerkte das Mädchen neben Jess, eine sympathisch aussehende Stationsschwester namens Alice Freeman. »Dann ist es noch viel schlimmer. Vor allem, wenn Mr. Sulley die Plane nicht hochziehen will.«

»Sie meinen, er lässt es zu, dass Sie einfach nass werden?«, sagte Jess ungläubig.

»Wir sind manchmal durchnässt bis auf die Haut.« Alice nickte düster. »Wir sind alle erkältet, und Schwester Owen wurde letzte Woche mit einer Lungenentzündung auf die Krankenstation fürs Personal geschickt.«

Nachdem auch die anderen Schwestern ihre Horrorgeschichten über das Leben außerhalb Londons erzählt hatten, war Jess mehr als nur deprimiert, als sie die Krankenhaustore erreichten.

Hinter den anderen kletterte sie vom Wagen und fand sich vor hohen Mauern und imposanten schmiedeeisernen Toren wieder. Der Morgen brach gerade an, und so konnte sie vor dem trüben schiefergrauen Himmel die dunklen Umrisse eines großen, soliden Bauwerks am Ende einer langen, sanft geschwungenen Auffahrt erkennen.

»Das ist das Spital. Furchterregend, nicht?«, flüsterte Alice neben ihr. »Früher war es wohl ein Irrenhaus, dann wurde es geschlossen und in ein Krankenhaus verwandelt. Wir vermuten übrigens alle, dass es dort spukt.«

Es sah nicht gerade einladend aus, das stand fest. Nun, da sich ihre Augen an das heller werdende Licht gewöhnten, konnte Jess ein trostloses dreistöckiges Gebäude mit schnurgeraden Reihen von Fenstern sehen, die für ein so großes Gebäude viel zu klein erschienen. Sie sahen aus wie Dutzende von leeren Augen, die zu ihr hinunterstarrten.

»Ich glaube nicht an Gespenster«, sagte sie.

»Ist wahrscheinlich auch besser«, erwiderte Alice.

Sie eilten die Einfahrt hinauf, und Alice zeigte zum Hauptgebäude hinüber, in dem sich das Büro der Oberin befand.

»Sieh dich vor«, sagte sie zu Jess. »Sie wird bestimmt ziemlich ruppig sein. Sie behandelt alle Londoner Krankenschwestern so.«

»Warum?«

»Keine Ahnung. Wir glauben, sie ist verärgert darüber, dass wir ihr Krankenhaus übernommen haben.« Alice verdrehte die Augen. »Als ob es unsere Schuld ist, dass wir hier sind.«

»Ist sie wirklich so schlimm?«

Alice warf ihr einen vielsagenden Blick zu. »Sie ist nicht annähernd so wie unsere liebe Miss Fox, so viel ist sicher.«

Eine besorgt dreinschauende Reihe von Schwestern wartete bereits vor dem Büro der Oberin, als Jess dort ankam. Eine von ihnen trug den Beweis für ihr Vergehen, ein zerbrochenes Thermometer, in einer Schale bei sich.

Als Jess sich am Ende der Reihe anstellte, hörte sie die beiden Schwestern vor sich miteinander flüstern.

»Was hast du gemacht?«, fragte die eine die andere.

»Ich hab mir nur die Reste vom Teller eines Patienten genommen. Was hätte ich tun sollen, die Oberschwester hat mir die Pause für das Abendessen gestrichen, und ich war völlig ausgehungert. Jetzt werde ich wegen einer blöden Kartoffel einen halben freien Tag verlieren!«

Nur allzu bald war Jess an der Reihe und wurde ins Büro der Oberin zitiert. Von Kopf bis Fuß in Schwarz gekleidet, saß Miss Jenkins hinter ihrem Schreibtisch. Sie war älter als Miss Fox, kräftiger gebaut und gab sich viel herrschaftlicher. Kein Lächeln zierte das Gesicht unter der kunstvoll gearbeiteten Haube aus gestärktem Leinen, als sie Jess über den Rand ihrer Brille hinweg musterte.

»Wer sind Sie?«, fragte sie.

»Jess Jago, Schwester Oberin. Ich wurde aus London hergeschickt.«

»Noch eine?« Miss Jenkins schnalzte missbilligend mit der Zunge. »Also wirklich! Wir sind auch so schon überlaufen. Braucht Miss Fox denn keine Schwestern? Sie scheint ja sehr erpicht darauf zu sein, Sie alle hierherzuschicken.«

»Ich bin mir sicher, dass sie Ihnen nur helfen will, Schwester Oberin.«

Jess merkte sofort, dass sie genau das Falsche gesagt hatte, als Miss Jenkins’ blassblaue Augen sich verhärteten.

»Wollen Sie damit andeuten, dass ich Hilfe brauche?«, fauchte sie. »Womöglich glauben Sie ja nicht, dass meine Schwestern ihrer Aufgabe gewachsen sind?«

»Nein, ich wollte damit nicht …«, begann Jess, aber Miss Jenkins unterbrach sie.

»Das ist das Problem mit euch Londoner Schwestern, dass ihr euch anscheinend für allwissend haltet. Ich möchte wetten, dass auch Sie gekommen sind, um den Landeiern hier das eine oder andere beizubringen?«

Jess versuchte erneut zu protestieren, aber Miss Jenkins ließ sie noch immer nicht zu Worte kommen.

»Lassen Sie sich von mir etwas gesagt sein, Jago. Ich habe dieses Krankenhaus dreißig Jahre lang geführt und glaube zu wissen, was ich tue. Und ich muss zugeben, dass ich es satthabe, von Außenseitern gesagt zu bekommen, was wir hier zu tun und zu lassen haben. Als ob Ihre Londoner Ausbildung Sie irgendwie zu etwas Besserem gemacht hätte!«

Dann verstummte sie und errötete ein wenig. »Na gut«, sagte sie schließlich etwas ruhiger. »Da Sie schon einmal hier sind, sollten Sie sich auch nützlich machen. Melden Sie sich bei Oberschwester Allen auf der Gynäkologischen. Sie wird wissen, was sie mit Ihnen anstellen kann, denke ich. Und schicken Sie mir auf dem Weg hinaus bitte das nächste Mädchen herein.«

Und das war es auch schon. Jess war noch immer wie betäubt, als sie wieder zur Eingangstür hinaus- und die Steinstufen hinunterging.

Natürlich hatte sie nicht erwartet, dass die Oberin sie in die Arme schließen und sich dafür bedanken würde, dass sie ihr zu Hilfe kam. Aber es wäre schön gewesen, sich wenigstens nicht so unerwünscht zu fühlen …

»Vorsicht!«

Jess fuhr herum und sah ein Fahrrad auf sich zukommen. Der Fahrer trat wie wild in die Pedale und wurde immer schneller, fast so, als wollte er sie umfahren. Jess konnte gerade noch zur Seite springen, bevor er an ihr vorbeischoss.

»Passen Sie doch auf!«, rief sie ihm nach. »Sie hätten mich beinah umgefahren.«

»Sie sollten hier aber auch nicht so herumtrödeln«, schrie der junge Mann ihr über seine Schulter zu.

»Und Sie nicht auf dem Weg fahren. Sie sind ja eine Gefahr für die Allgemeinheit!«

Aber er war schon weg, und sein Schal flatterte im frühen Morgenlicht hinter ihm her wie eine Flagge.

Sie fand die Gynäkologie im obersten Stock des Hauptgebäudes. Wie die Station im Nightingale in London war es ein weitläufiger Raum mit hohen Decken, der nach Bohnerwachs und Desinfektionsmittel roch. Vierzig Betten standen sich in zwei langen Reihen an den Wänden gegenüber, hinzu kamen ein langer Tisch und der Schreibtisch der Stationsschwester in der Mitte der Station.

Schwester Allen war ebenso wenig erfreut über ihren Anblick, wie Miss Jenkins es gewesen war.

»Und die Schwester Oberin hat Sie zu mir geschickt?«, fragte sie seufzend. Sie war etwa Ende zwanzig und hatte rotblondes Haar und Sommersprossen. »Na ja, sie wird wohl ihre Gründe haben. Sie können Maynard bei den Bädern helfen. Dann machen Sie die Betten und richten die Patienten für die Arztvisite um halb elf her. Glauben Sie, dass Sie das schaffen?«

»Ja, Schwester.«

»Hm.« Schwester Allen machte ein Gesicht, als bezweifelte sie das sehr. »Aber Sie können ja Maynard fragen, wenn Sie nicht mehr weiterwissen. Nur kommen Sie nicht zu mir, ich bin beschäftigt.«

Jess fand Maynard im Badezimmer, wo sie Handtücher auf der Heizung vorwärmte. Sie war eine lebhafte grünäugige Blondine und etwa im gleichen Alter wie Jess.

»Oh, hallo«, begrüßte Maynard sie über die Schulter. Sie war der erste Mensch, der Jess anlächelte, seit sie durch das Krankenhaustor getreten war. »Wo kommen Sie denn plötzlich her?«

»Ich bin Schwester Jago und wurde aus London hierher versetzt.«

»Wirklich? Sie Arme.« Das Mädchen machte ein mitfühlendes Gesicht. »Ich bin Schwester Maynard, aber Sie können mich Daisy nennen.«

»Was kann ich tun, um Ihnen zu helfen?«

»Mrs. McCready braucht ein Pflegebad. Sie ist Diabetikerin, und ihre Haut juckt wie verrückt. Glauben Sie, Sie könnten das Leinsamensäckchen für mich vorbereiten? Im Vorbereitungsraum nebenan finden Sie alles, was Sie brauchen.«

»Dann mache ich das gleich.« Als Jess sich abwandte, fiel ihr Blick rein zufällig auf den Inhalt der Badewanne. »Ist es normal, dass das Wasser diese Farbe hat?«, fragte sie erschrocken.

»Oh ja, es ist immer braun, wenn man die Hähne nicht schon ewig vorher aufdreht«, erwiderte Daisy fröhlich. »Ich glaube, die Rohre sind verrostet oder so etwas.«

»Sollte die Oberschwester nicht jemanden danach sehen lassen?«

»Oh, das hat sie schon versucht. Aber hier einen vernünftigen Klempner zu finden ist nahezu unmöglich, da fast alle Männer eingezogen wurden. Wir müssen mit dem vorliebnehmen, was wir haben.«

Jess beäugte das schmutzig-braune Wasser, denn es sah alles andere als unbedenklich aus. »Und wenn Sie ein heißes Getränk für die Patienten machen wollen?«

»Die Oberschwester sagt, das sei in Ordnung, solange wir das Wasser richtig abkochen. Und die meisten Patientinnen sind sowieso zu krank, um sich über den fauligen Geschmack zu beklagen!« Sie warf Jess ein entschuldigendes Lächeln zu. »Ich möchte wetten, dass Sie in London an was anderes gewöhnt sind, nicht?«

Jess dachte an die Arbeit in dem ausgebombten Krankenhaus, wo sie jeden Morgen abgebröckeltes Mauerwerk von den Böden gefegt und stundenlang Instrumente auf Spiritusbrennern abgekocht hatte, wenn der Strom ausgefallen war. Einmal hatte sie sogar bei einer Operation ausgeholfen, um dem Chirurgen mit einer Taschenlampe über die Schulter zu leuchten.

»Da wäre ich mir nicht so sicher«, sagte sie. »Auch wir mussten mit dem vorliebnehmen, was wir hatten, und das Beste daraus machen.«

»Ich würde liebend gern nach London gehen«, sagte Daisy, während sie ein weiteres Badetuch entfaltete. »Sie werden es hier bestimmt sehr langweilig finden, da wir nur alte Damen mit Diabetes, Herzproblemen und Bronchitis haben.«

Jess ging zu dem Vorbereitungsraum, der nicht mehr als eine winzig kleine Kammer mit Regalen und Glasschränken war, die mit einer Vielzahl von Präparaten in Töpfchen und Flaschen gefüllt waren. Zwei andere Schränke enthielten Geräte und Verbandsmaterial. Direkt vor Jess befand sich eine Arbeitsfläche mit einem Spülbecken und einer Herdplatte.

Jess fand einen Topf in dem Schrank darunter, füllte ihn mit Wasser und stellte ihn auf die Herdplatte. Als sie den Sack mit Leinsamen vom Boden aufheben wollte, flitzte etwas an ihr vorbei.

»Eine verflixte Maus!«, rief sie und lief ihr nach, um sie einzufangen, aber das Tier war schon in einem Loch in der Bodenleiste verschwunden.

»Ich weiß. Sie sind leider überall«, sagte Daisy Maynard, die hinter ihr stand. »Aber sie sind nicht einmal annähernd so schlimm wie die Ratten.«

»Ratten?« Jess fuhr entsetzt herum.

»Es sind nicht viele«, versicherte Daisy ihr schnell. »Und hier oben sehen wir sie nur äußerst selten. Sie halten sich hauptsächlich auf den Fieberstationen auf«, sagte sie, als ob Jess das beruhigen könnte.

Sie sah sich die angeknabberte Ecke des Jutesacks genauer an und hoffte, dass sie nie einen Schaden würde begutachten müssen, den eine Ratte anzurichten vermochte.

Während sie sich an das Abwiegen des Leinsamens machte, ihn dann in ein Säckchen gab und alles aufkochte, stand Daisy in der Tür und plauderte. Jess erfuhr, dass sie einundzwanzig war, ihre Eltern nicht mehr lebten, und sie bei ihren Brüdern und Schwestern wohnte. Einer ihrer Brüder war in der Armee, und ihre ältere Schwester arbeitete als Hausmädchen auf Billinghurst Manor, wo sie alle in einer der Bauernkaten auf dem Schlossgut lebten.

Jess fand auch heraus, dass Oberschwester Allen so verbittert war, weil ihr Freund, ein Marineoffizier, ihr den Laufpass gegeben hatte und die vorherige Stationsschwester auf der Gynäkologischen das Krankenhaus »aus familiären Gründen« urplötzlich hatte verlassen müssen.

»Und wir alle wissen ja, was das bedeutet, nicht?«, bemerkte Daisy mit einem Seitenblick zu Jess.

»Ach ja?«

»Na, kommen Sie – Sie wissen, was ich meine!« Daisy streckte ihren Bauch heraus und mimte die Schwangere. »Obwohl ich ehrlich gesagt erstaunt bin, wie sie es geschafft hat, sich in Schwierigkeiten zu bringen, wo es im Dorf doch kaum noch Männer gibt. Oder zumindest keinen, mit dem man gern gesehen würde. Wenn Sie einen anständigen Mann finden wollen, müssen Sie schon bis Tunbridge Wells fahren, und es gibt nur einen Bus am Tag, der hin- und wieder zurückfährt«, erklärte sie seufzend.

Jess nahm das Säckchen aus dem kochenden Wasser, legte es zum Abseihen in ein Sieb und hob den Topf hoch. »Ich mache das schon«, sagte sie schnell, bevor Daisy weiterreden konnte. Jess war nämlich inzwischen zu dem Schluss gelangt, dass Daisy Maynard eine schreckliche Klatschtante war und es bestimmt nicht lange dauern würde, bis auch über sie im Krankenhaus getratscht werden würde.

Irgendwann gelang es Jess, Daisys Geplapper lange genug zu entkommen, um die eine oder andere Arbeit zu erledigen. Sie machte Betten oder strich die Laken glatt, reinigte Zahnprothesen, kämmte Haare, wusch Gesichter und rieb schmerzende Rücken und Schultern mit großzügigen Mengen Methylalkohol ein.

Und dann wurde es Zeit für die Arztvisite. Jess hatte ihre Ärmel heruntergerollt und befestigte noch ihre gestärkten Manschetten, während sie zu Daisy und Schwester Allen hinausging, die auf dem Gang vor den Türen zur Station standen.

»Du liebe Güte, Jago – was für eine schlampige Erscheinung!«, zischte Schwester Allen. »Ich weiß nicht, was für Maßstäbe Sie in London hatten, aber hier geht das so nicht. Sorgen Sie dafür, dass Sie in Zukunft anständig gekleidet sind.«

»Ja, Schwester.« Jess blickte an sich herab und konnte nichts feststellen, was Kritik verdiente, aber sie wusste, dass man einer Stationsschwester besser nicht widersprach.

Im nächsten Moment kamen auch schon die Ärzte den Gang hinauf. Beide waren angehende Assistenzärzte, zwei junge Männer in den Zwanzigern, von denen der eine dunkelhaarig und gutaussehend war, während der andere strubbeliges braunes Haar hatte, eine Brille trug und etwas unbeholfen wirkte. Jess erkannte in dem Unbeholfenen sofort den jungen Mann, der sie morgens mit seinem Rad fast umgefahren hatte.

Falls auch er sie erkannte, zeigte er es nicht. Sein ernster Blick glitt über sie hinweg zu Schwester Allen.

»Dr. Drake«, flüsterte Daisy. Ihre herabgezogenen Mundwinkel verrieten Jess alles, was sie wissen musste. »Und der gutaussehende ist Dr. French.«

Dr. French war auch viel freundlicher. Zuerst begrüßte er Schwester Allen und Daisy, dann wandte er sich an Jess.

»Und wen haben wir denn da?«, sagte er augenzwinkernd. Sein dunkles Haar war glatt aus seiner hohen Stirn zurückgekämmt, und seine Oberlippe zierte ein schmaler Schnurrbart, sodass er Errol Flynn ähnelte.

Jess räusperte sich nervös. »Schwester Jago, Sir.«

»Freut mich sehr, Sie kennenzulernen, Schwester Jago.« Seine gewinnenden Manieren verwirrten sie. Das letzte Mal, dass ein Arzt sie direkt angesprochen hatte, war im Nightingale gewesen, wo Dr. Prentiss, der Hals-, Nasen- und Ohrenarzt, sie angefahren hatte, weil sie ihm die falsche Pinzette angereicht hatte.

Dr. Drake seufzte ungeduldig. »Können wir weitermachen?«, sagte er. »Wir haben noch einige Patienten vor uns.«

»Ja, ja, natürlich. Wir alle wissen, was für ein vielbeschäftigter Mann Sie sind, Dr. Drake.« Hinter dem Rücken seines Kollegen grinste Dr. French die Krankenschwestern spöttisch an. »Gehen Sie voran, Schwester«, forderte er Schwester Allen auf. »Nach Ihnen, Dr. Drake.«

Sie hätten nicht unterschiedlicher sein können, dachte Jess. Dr. Drake war dünn wie ein Strich in der Landschaft und verbreitete Ungeduld und Eile, während Dr. French sich lieber Zeit nahm. Er blieb bei jeder Patientin auf ein Schwätzchen stehen, hielt ihre Hände und bot ihnen Zigaretten an. Die Frauen gerieten ins Schwärmen, als wäre ein Filmstar zu Besuch gekommen.

Dr. Drake dagegen stand die ganze Zeit über seufzend am Fußende des Betts, und Jess konnte den schnellen Puls am Ansatz seines Halses sehen.

»Nimmt Dr. French sich immer so viel Zeit für seine Runden?«, fragte sie Daisy.

»Das kommt darauf an. Manchmal dauert es auch noch länger – es sei denn, Dr. Drake macht die Visite alleine, dann ist sie in fünf Minuten vorbei. Aber Dr. French ist geduldig, und deshalb ist er auch so beliebt bei allen. Er ist wunderbar, nicht?«, schloss sie seufzend.

»Das ist Geschmackssache.« Jess warf einen Blick auf ihre Uhr. Es war fast Zeit zum Mittagessen, und sie waren nicht einmal annähernd fertig. Wieder einmal vermisste sie schmerzlich die Stadt, wo die Leute nichts übereinander wussten. Wo es festgelegte Arbeitsabläufe gab, die schnell und effizient erledigt wurden, und wo die Hähne kein rostiges Wasser ausspuckten.

Jess glaubte nicht, dass sie sich je an das Landleben gewöhnen würde.

KAPITEL DREI

»Was tun Sie da?«

Wenn das Mädchen nicht so jung und hübsch gewesen wäre, hätte Stan Salter vom Arbeitstrupp der Britischen Luftwaffe sie noch nicht einmal gegrüßt. Er hatte ohnehin schon einen Anpfiff von seinem Kommandanten bekommen, weil die Arbeit nicht schnell genug voranging. Hinzu kam, dass es eisig kalt war und er hier fertigwerden wollte, bevor ihm die Finger abfielen.

Aber er hatte schon immer eine Schwäche für Blondinen gehabt, und diese hier war bildhübsch.

Langsam ließ er seinen Blick über ihren Körper gleiten, von ihren blankpolierten Reitstiefeln bis zu den blonden Locken, die ihr Gesicht umrahmten. Sie erinnerte Stan an eine Porzellanpuppe mit ihren großen blauen Augen und der perfekt gewölbten Oberlippe. Er wäre jede Wette eingegangen, dass sie ein sehr schönes Lächeln hatte.

Aber sie lächelte nicht, als sie ein paar Schritte von ihm entfernt stehenblieb, mit einer Hand ihr Pferd am Zaumzeug festhielt und mit der anderen eine Reitgerte gegen ihren schlanken Schenkel schlug.

Nicht, dass Stan das Angst gemacht hätte. Sein RAF-Overall verlieh ihm ein Gefühl der Stärke und machte ihn attraktiver, als er es in Zivilkleidung je gewesen war. »Wonach sieht es denn aus?«, entgegnete er. »Ich vermesse das Gebiet.«

»Warum?«

Er lehnte sich an einen Baumstamm und zog ein Päckchen Zigaretten aus der Tasche. Da er nun doch eine Pause machte, konnte er sich auch ein bisschen amüsieren. »Dieser Baum zum Beispiel muss gefällt werden und für das Flugfeld Platz machen.«

»Für ein Flugfeld?«

»Sie stellen ganz schön viele Fragen, was?« Hinter vorgehaltener Hand, um die Flamme vor dem schneidenden Novemberwind zu schützen, zündete er seine Zigarette an. »Für den Flugplatz, den sie auf diesem Land anlegen.«

»Seit wann bauen sie hier denn einen Flugplatz?«

»Seit die Britische Luftwaffe dieses große Haus dort drüben beschlagnahmt hat«, sagte er und nickte zu dem Herrenhaus hinüber, das hinter den Bäumen zu erkennen war. »Nächsten Monat um diese Zeit wird das ganze Gebiet voller Flugzeughallen und Start- und Landebahnen sein. Dann werden Sie sich etwas anderes zum Reiten suchen müssen, junge Frau.«

»Das werden wir erst noch sehen.« Die junge Frau machte ein finsteres Gesicht.

»Ach, haben Sie sich nicht so, Schätzchen. Betrachten Sie es von der positiven Seite. In ein paar Wochen wird es hier von Angehörigen der Luftwaffe nur so wimmeln. Das wird Ihnen doch bestimmt gefallen, oder?«

Das Mädchen runzelte die Stirn. »Das glaube ich nicht«, antwortete sie.

»Sie wollen mir doch nicht ernsthaft sagen, dass Sie nicht gern einen Piloten zum Freund hätten?«

Ihr Pferd scheute ein wenig, und als die junge Frau ihm beruhigend den Hals klopfte, sah Stan etwas Goldenes an ihrer linken Hand aufblitzen. Typisch, dachte er. Die Hübschen waren immer schon vergeben.

Was heutzutage jedoch nicht mehr allzu viel bedeutete. Bei so vielen Männern, die im Krieg waren, freuten ihre einsamen Ehefrauen sich oft sehr über ein bisschen männliche Gesellschaft.

»Wenn Sie Ihre Trümpfe richtig ausspielen, könnte ich Ihnen sogar eine Einladung ins Herrenhaus besorgen«, sagte er. »Da oben wird es hoch hergehen, schätze ich. Mit Partys, Tanzveranstaltungen und allen möglichen Vergnügungen. Wir Jungs von der RAF wissen nämlich, wie man feiert.«

»Tatsächlich?« Das Mädchen wandte sich ab und schwang sich mit einer einzigen geschickten Bewegung in den Sattel. »Ihr Angebot ist sehr freundlich, aber ich glaube nicht, dass ich eine Einladung von Ihnen brauche, um dieses Haus zu besuchen.«

»Ach?« Stan nahm einen tiefen Zug aus seiner Zigarette. »Und wie kommt das?«

»Weil es mein Haus ist«, rief das Mädchen ihm über die Schulter zu, bevor sie ihrem Pferd die Absätze in die Flanken drückte und in Richtung Wald davongaloppierte.

Mr. Rodgers, der Gutsverwalter, saß im Büro des Anwesens gleich hinter dem Pferdestall. Er sprang auf, als Millie eintrat.

»Lady Amelia! Entschuldigen Sie, aber ich hatte Sie nicht erwartet …«

»Was hat es damit auf sich, dass die RAF mein Haus übernehmen soll?«, unterbrach ihn Millie.

Mr. Rodgers errötete. »Oh.«

»Nun reden Sie schon! Ist es wahr?«

Er räusperte sich. »Leider ja, Mylady. Der Brief kam vor drei Tagen.«

Millie starrte ihn verwundert an. »Warum haben Sie mir das nicht sofort gesagt?«

»Um Sie nicht zu beunruhigen.«

»Um mich nicht zu beunruhigen?«, wiederholte sie ungläubig. »Ich bin kein Kind mehr, Mr. Rodgers! Hätten Sie diese Nachrichten auch meinem Vater vorenthalten?«

»Nein, natürlich nicht. Aber …«

Sie sind nicht Ihr Vater. Die Worte hingen unausgesprochen zwischen ihnen in der Luft.

Millie zwang sich, ruhig zu bleiben. »Und wann wollten Sie es mir sagen?«, fragte sie. »Oder dachten Sie, ich würde es nicht bemerken, wenn die RAF in mein Haus zieht?«

Mr. Rodgers hielt den Blick gesenkt und starrte die Papiere auf seinem Schreibtisch an. »Ich versuchte, es noch zu verhindern und hatte gehofft, dass am Ende doch nichts daraus würde«, erwiderte er leise.

»Und in der Zwischenzeit wollten Sie mich im Dunkeln lassen«, sagte Millie. »Sie hatten nicht das Recht dazu, Mr. Rodgers. Ich bin jetzt für Billinghurst verantwortlich, und Sie können nichts entscheiden, ohne es vorher mit mir zu besprechen.«

»Dann bitte ich um Entschuldigung, Mylady. Ich … ich habe nur versucht zu helfen.«

Als Millie Mr. Rodgers’ zerknirschte Miene sah, bereute sie es, ihn so angefahren zu haben. In den sechs Monaten seit dem Tod ihres Vaters hatte sie sich immer mehr auf ihren Gutsverwalter verlassen. Da sie nichts von der Verwaltung und Bewirtschaftung eines Landguts verstand, war Mr. Rodgers ihre Stimme der Erfahrung und Vernunft gewesen und hatte sie freundlich und geduldig angeleitet, wenn sie zu betäubt vor Gram gewesen war, um auch nur einen einzigen Entschluss fassen zu können.

Es muss auch für ihn nicht einfach gewesen sein, dachte sie jetzt. Solange sie zurückdenken konnte, war er der Gutsverwalter ihres Vaters gewesen, und es war ganz sicher nicht leicht für ihn gewesen, plötzlich Anweisungen von einer jungen Frau entgegenzunehmen, die er schon als kleines Mädchen gekannt hatte.

»Und was genau wird jetzt geschehen?«, fragte sie leise.

»Dem Schreiben zufolge, das ich erhalten habe, will die RAF das Land an der südöstlichen Ecke des Parks für einen Flugplatz haben.«

»Ich weiß«, sagte Millie. »Sie haben sogar schon mit den Vermessungen begonnen.«

Mr. Rodgers erschrak. »Das tut mir leid, Mylady.«

»Das nützt uns jetzt nichts mehr«, erwiderte Millie. »Sagen Sie mir lieber, was die Herrschaften sonst noch wollen?«

»Vielleicht wäre es das Beste, wenn Sie den Brief selber läsen?« Mr. Rodgers reichte ihn ihr.

Millie überflog den Brief, ohne irgendwelche Einzelheiten, wie die Details zu einer angemessenen Miete und so weiter, in sich aufzunehmen. Was sie dem Brief entnahm, war, dass die Britische und Kanadische Luftwaffe ihr Haus als Offiziersquartier und Ausbildungszentrum für eine Bomberstaffel übernehmen wollten.

Wenigstens sind es keine Kampfflieger, dachte Millie. Sie war sich nicht sicher, ob sie den Anblick von Spitfires ertragen könnte, wenn sie aus ihrem Fenster sah. Nicht nach dem, was Seb passiert war.

»Wie bereits gesagt, habe ich versucht, es zu verhindern«, sagte Mr. Rodgers. »Ich habe Briefe geschrieben, Telefongespräche geführt …«

»Aber warum wollen Sie es denn verhindern?«, fragte Millie und gab ihm den Brief zurück.

Er starrte sie verwundert an. »Verzeihung, Mylady, aber ich hatte angenommen … Ich dachte, Sie würden nicht wollen, dass man Ihnen Ihr Zuhause nimmt?«

»Billinghurst Manor ist ein großes Haus, Mr. Rodgers, in dem wir doch wohl auch Platz für ein paar RAF-Offiziere finden werden.«

»Aber ausgerechnet für die RAF, Mylady? Unter den gegebenen Umständen werden Sie doch gewiss nicht …«

»Es herrscht Krieg, Mr. Rodgers, und wir alle müssen unseren Beitrag leisten«, unterbrach Millie ihn, bevor er Sebs Namen erwähnen konnte. »Ich wäre nur gern darüber informiert worden. Weiß meine Großmutter schon etwas davon?«

Mr. Rodgers sah sie mit gequälter Miene an. »Nein, Mylady.«

»Dann werde ich es ihr wohl sagen müssen, nicht?«

»Wäre es Ihnen lieber, dass ich ihr die Nachricht überbringe, Mylady?«

Wieder einmal sah Millie sich durch seine Augen – und sah ein Kind, das Schutz benötigte. »Es wäre sicher besser, wenn sie es von mir erfährt.« Sie lächelte den Verwalter grimmig an. »Wünschen Sie mir Glück, ja?«

»Oh, ich bin mir sicher, dass Sie das nicht brauchen werden, Mylady.« Aber das Funkeln in seinen Augen sprach eine ganz andere Sprache.

Millie fand die Gräfinwitwe im Salon, wo sie mit Mrs. Huntley-Osborne beim Nachmittagstee saß. Millie sank das Herz beim Anblick der Wichtigtuerin des Dorfes. Elizabeth Huntley-Osbornes Besuche auf Billinghurst schienen neuerdings immer häufiger zu werden, vor allem, wenn sie etwas wollte.

Was es wohl diesmal sein mag?, fragte Millie sich gereizt. Eine weitere Kleidersammlung? Oder wieder mal die Beschaffung von Geldmitteln für die Russen?

»Ah, da bist du ja, Amelia.« Ihre Großmutter setzte ihre Tasse ab. »Mrs. Huntley sammelt Kleidungsstücke für Flüchtlinge in Europa.«

»Ja, und deshalb wollte ich Sie fragen, ob Sie vielleicht etwas entbehren könnten, Lady Amelia?«, sagte die Besucherin. Sie war in ihrer üblichen nüchternen ›Uniform‹ aus Tweedmantel und robusten Halbschuhen erschienen. Eine schmale Fuchsfellstola um ihre breiten Schultern war ihr einziges Zugeständnis an die Mode. Aber sie schaffte es trotzdem, neben der schnörkellosen Eleganz von Millies Großmutter, Lady Rettingham, herausgeputzt zu wirken.

»Ja, natürlich. Ich werde eines der Mädchen hinaufschicken, um etwas herauszusuchen.«

»Das ist nicht nötig. Ich habe meine Zofe schon gebeten, deine Garderobe durchzusehen«, warf ihre Großmutter ein.

»Wie … aufmerksam von dir.« Millie warf ihr einen ärgerlichen Blick zu, den ihre Großmutter jedoch ignorierte, sodass Millie sich gezwungen sah, sich wieder an ihren Gast zu wenden. »Falls es Ihnen nichts ausmacht – ich müsste dringend unter vier Augen mit meiner Großmutter reden.«

Mrs. Huntley-Osbornes Augenbrauen fuhren in die Höhe. »Aber nein – ich möchte doch gewiss nicht stören …« Doch ihr umfangreiches Gesäß verharrte im Sessel, als wäre es festgeklebt.

»Unsinn, meine Liebe, Sie müssen doch nicht gehen, bevor Sie Ihren Tee beendet haben«, sagte Lady Rettingham sogleich. »Was auch immer Amelia mit mir besprechen will, es wird doch sicher warten können.«

»Natürlich.« Millie zog sich auf den Fenstersitz zurück und versuchte, ihre Verärgerung zu unterdrücken, als sie beobachtete, wie Mrs. Huntley-Osborne sich wieder in ihrem Sessel zurücklehnte. Millie war die Hausherrin auf Billinghurst, kam sich aber wie ein Kind vor, das von den Erwachsenen zum Spielen in eine Ecke geschickt worden war.

Sie starrte aus dem Fenster, und ihr Blick glitt über die Grünanlagen zum vorderen Teil des Hauses, wo eine Gruppe von Landmädchen emsig damit beschäftigt war, die sehr gepflegte Rasenfläche in einen Gemüsegarten zu verwandeln.

Millie lächelte, als sie ihr lautes, fröhliches Gelächter hörte. Auch sie war einmal so jung und frei und ungebunden gewesen. Damals hatte sie den Wünschen ihrer Großmutter getrotzt und war als Miss Millie Benedict nach London gegangen, um sich zur Krankenschwester ausbilden zu lassen. Diese drei Jahre, in denen sie sich mit zwei anderen Schülerinnen eine Mansarde geteilt hatte, gehörten zu den glücklichsten ihres Lebens.

Wenn sie heute zurückblickte, konnte sie kaum glauben, dass sie noch derselbe Mensch war. Manchmal fragte sie sich, was aus dem unbeschwerten Mädchen von damals geworden war.

Endlich stellte Mrs. Huntley-Osborne ihre Tasse ab und erhob sich, um zu gehen. »Ich sollte nicht noch mehr von Ihrer kostbaren Zeit in Anspruch nehmen«, sagte sie. »Außerdem habe ich in einer Stunde eine Besprechung mit dem Kriegsgefangenen-Komitee, und dann muss ich mit dem Freiwilligen Hilfsdienst über eine weitere Sammelaktion reden. Es gibt so viel zu tun – so viel, so viel!«, trillerte sie.

»Ja, wir fühlen uns schon ganz erschöpft, meine Liebe.« Mrs. Huntley-Osborne schien die Ironie in diesen Worten zum Glück nicht zu bemerken.

Millie zwang sich, geduldig zu bleiben, als ihre Großmutter sich umständlich von ihrer Besucherin verabschiedete. Als sie endlich gegangen war, fuhr Lady Rettingham ihre Enkelin verärgert an:

»Du könntest dich wirklich ein bisschen liebenswürdiger und gesitteter verhalten, Amelia! Ich wäre fast im Erdboden versunken, als du hier hereingestürmt kamst wie ein Wildfang!«

»Diese Frau ist wirklich sehr ermüdend«, sagte Millie.

»Natürlich ist sie das«, tat Lady Rettingham ihren Einwand ab. »Das sind ihresgleichen immer. Aber sie ist auch eine sehr nützliche Frau, die man gern auf seiner Seite hat, wenn man etwas erreichen will. Das solltest du bedenken, Amelia.« Sie setzte sich wieder in ihren Sessel und strich den Rock über ihren Knien glatt. »So, und was hattest du mir so Wichtiges zu sagen, dass du wie eine Bäuerin gekleidet hier hereinstürmen musstest?«

»Wir haben einen Brief vom Luftfahrtministerium bekommen.«

»Was können die denn von uns wollen?«

Millie erwiderte den Blick ihrer Großmutter so fest sie konnte. »Dieses Haus.«

Lady Rettingham saß stocksteif in ihrem Sessel, während Millie ihr erklärte, dass Billinghurst Manor beschlagnahmt worden war. Die Augen ihrer Großmutter verengten sich zwar, doch abgesehen davon bewahrte sie Haltung und blieb vollkommen gefasst. Wie sie Millie ständig predigte, galt es für Damen als unfein, sich ihre Gefühle anmerken zu lassen.

»Fremde?«, sagte sie, als Millie ihren Bericht beendet hatte. »Hier in unserem Zuhause? Aber wo sollen wir dann leben?«

»Weiß ich nicht. Ich nehme an, dass sie uns ein paar Zimmer lassen werden. Vielleicht könnten wir auch ins Pförtnerhaus umziehen?«

»Im Pförtnerhaus ist ja kaum genug Platz, um sich umzudrehen!«

»Es ist groß genug für dich, Henry und mich.«

»Und was ist mit den Dienstboten?«

»Wir werden so viele behalten, wie wir können. Aber ich rechne ohnehin damit, dass die meisten von ihnen bald eingezogen werden.« All die Diener, die Knechte und der größte Teil der Landarbeiter hatten sich schon verpflichtet, und nun wurden auch die Frauen einberufen.

Die Gräfinwitwe sah entsetzt aus. Arme Granny, dachte Millie. Sie war eine unbeugsame Frau, doch seit Kriegsbeginn hatte sie erleben müssen, wie ihrem Lebensstil nach und nach die Grundlage entzogen wurde. Und all das kam noch zu dem Kummer über den Verlust ihres Sohnes vor sechs Monaten hinzu.

Lady Rettingham löste sich aus ihrer Erstarrung. »Das können wir nicht zulassen«, sagte sie entschieden.

»Aber es gibt nichts, was wir dagegen tun könnten«, wandte Millie ein.

»Unsinn, es muss etwas geben. Sie versuchen, uns unter Druck zu setzen und uns auszunutzen. Dagegen müssen wir uns wehren. Ich werde mit Rodgers sprechen und ihn einen Brief schreiben lassen …«

»Das hat er bereits getan, und es hat nichts genützt. Außerdem bin ich ziemlich froh, dass das Haus beschlagnahmt wird«, sagte Millie.

Ihre Großmutter starrte sie mit ausdrucksloser Miene an. »Hast du den Verstand verloren?«

»Denk doch einmal darüber nach, Granny. Diese Männer kämpfen für unsere Freiheit. Da ist doch wohl das Mindeste, was wir tun können, ihnen eine Unterkunft zu bieten.«

»Mal sehen, ob du noch so froh darüber bist, wenn die ersten Flugzeuge auf unserem Rasen landen«, sagte ihre Großmutter finster. »Dein Vater hätte sich das nicht bieten lassen.«

»Im Gegenteil. Ich glaube, Vater wäre stolz gewesen, seinen Beitrag zu leisten«, sagte Millie, aber ihre Großmutter beachtete ihren Einwand nicht.

»Das wäre nicht passiert, wenn er noch lebte«, murmelte sie. »Sie hätten es nicht gewagt, sich so etwas einfallen zu lassen, das hätte dein Vater nämlich nicht geduldet.«

»Tja, aber Vater ist nicht mehr, nicht wahr?«, versetzte Millie. »Und die Hausherrin bin jetzt ich.«

»Leider Gottes«, murmelte ihre Großmutter.

Millie ignorierte den Seitenhieb. »Wie gesagt, ich bin ganz und gar dafür«, sagte sie. »Und ich werde tun, was ich kann, damit die RAF sich bei uns wohlfühlt.«

Lady Rettinghams Lippen wurden schmal. »Das werden wir ja sehen.«

Millie dachte an die Worte ihrer Großmutter, als sie nach oben zum Kinderzimmer ging. Sie hoffte nur, dass die Gräfinwitwe nicht eigenmächtig etwas unternehmen würde, um die Beschlagnahmung des Hauses zu verhindern. Wie sie wusste, konnte Lady Rettingham sehr stur sein, wenn sie wollte.

Aber nicht nur das ärgerte Millie, sondern auch, dass ihre Großmutter ihr nicht zutraute zu entscheiden, was das Beste für sie alle war.

Leider Gottes. Die Worte schmerzten immer noch, obwohl Millie an die scharfe Zunge ihrer Großmutter gewöhnt war. Als ob sie nicht jeden Tag schmerzlich daran erinnert würde, dass ihr Vater tot und sie nur ein schlechter Ersatz für ihn war. Sie gab sich die größte Mühe, das Gut so zu führen, wie er es gewollt hätte, aber das war nicht leicht.

Nanny Perks saß im Sessel am Kamin des Kinderzimmers und beschäftigte sich mit Flickarbeit. Als Millie eintrat, blickte sie stirnrunzelnd auf.

»Lady Amelia.« Sie legte ihr Nähzeug hin und rührte sich nur widerstrebend. Sie war eine stämmige Frau mittleren Alters mit dichten dunklen Augenbrauen, die tief über ihren missbilligend schwarzen Augen saßen.

»Hallo, Nanny. Wo ist Henry?«

»Ich habe ihn zu seinem Nachmittagsschläfchen hingelegt.«

»Ich werde nur einen kurzen Blick hineinwerfen …« Millie ging auf die Tür zu, aber Nanny Perks trat ihr in den Weg und ließ sie nicht vorbei.

»Das geht jetzt nicht«, sagte sie. »Er schläft.«

Kaum hatte sie die Worte ausgesprochen, als ein leises Stimmchen rief: »Mama?«

»Das hört sich für mich aber so an, als ob er wach ist.«

Millie wollte an Nanny Perks vorbeigehen, aber die trat ihr erneut in den Weg.

»Sie dürfen seine Gewohnheiten nicht stören«, beharrte sie. »So verziehen Sie ihn.«

Für einen Moment lang sahen sie sich schweigend an. Im Verhalten der Nanny lagen eine Härte und Unnachgiebigkeit, die Millie verunsicherten. Manchmal musste sie sich in Erinnerung rufen, dass sie Miss Perks Arbeitgeberin und nicht selbst ein unartiges Kind war.

»Mama?«, ertönte Henrys Stimme hoffnungsvoll und klagend von der anderen Seite der Tür. Millie drängte sich an Nanny Perks vorbei und öffnete sie schnell.

Henry war schon aus dem Bett heraus, stürzte sich auf sie und schlang seine Ärmchen fest um ihre Taille. Millie zauste ihm das Haar, und all ihre Ängste fielen von ihr ab. »Hallo, mein Engel.«

»Bist du zum Spielen gekommen, Mummy?«, fragte er und blickte bittend zu ihr auf.

»Nein.« Nanny Perks’ Stimme war fest und unnachgiebig. »Jetzt ist keine Spielzeit, Master Henry, wie Sie sehr wohl wissen.«

Millie zwinkerte ihm verschwörerisch zu. »Vielleicht nur ein kurzes Brettspiel«, sagte sie. »Wozu hast du Lust? Snakes and Ladders?«

Sie konnte die Missbilligung spüren, die wie in Wellen von der Nanny ausging. »Bitte versuchen Sie, nicht allzu lebhaft mit ihm umzugehen, Lady Amelia«, sagte sie mit schmalen Lippen.

Henry beeilte sich, das Spiel zu holen, und sie setzten sich an den kleinen Tisch am Fenster, von dem aus man einen fabelhaften Ausblick auf den Park hatte. Millie beobachtete ihren Sohn, wie er sorgfältig die Spielsteine und Würfel zurechtlegte. Seine Wangen waren leicht gerötet, und seine blonden Locken standen in widerspenstigen Büscheln von seinem Kopf ab. Er war seinem Vater so ähnlich, dass es ihr das Herz zerriss. Wann immer Millie ihn ansah, erkannte sie Sebastian in diesen ruhigen grauen Augen und dem breiten Lächeln.

»Ich muss dir etwas sehr Aufregendes erzählen, Schatz«, sagte Millie zu ihm. »Wir werden bald in ein anderes Haus umziehen. Und dort wirst du ein neues Kinderzimmer und ein neues Schlafzimmer bekommen. Und rate mal, was ich dir sonst noch zu erzählen habe?« Sie beugte sich vertraulich zu ihm vor. »Wir werden Flugzeuge in unserem Park stehen haben.«

Henrys Gesicht hellte sich auf. »Richtige Flugzeuge?« Er blickte aus dem Fenster und presste seine Nase an das Glas. »Wo, Mama?«

»Sie sind noch nicht hier. Es muss zuerst noch etwas gebaut werden, ein Flugplatz. Er wird gleich dort drüben hinter diesen Bäumen sein«, sagte sie und zeigte ihm die Stelle.

»Können wir sie uns ansehen, wenn sie kommen?«, fragte Henry.

»Bestimmt, Henry.« Millie lächelte über seinen Enthusiasmus. Wenn ihre Großmutter doch nur auch so viel Interesse gezeigt hätte! »Deshalb müssen wir aus dem Haus ausziehen, weißt du. Damit auch die Piloten irgendwo leben können.«

»Piloten?« Henry legte den Kopf ein wenig schief. »Wird Daddy dann nach Hause kommen?«

Millie war nicht auf den jähen Schmerz gefasst, der sie durchfuhr. »Nein, Schatz«, sagte sie geduldig. »Daddy ist tot, das weißt du doch?«

Henry nickte, aber Millie wusste, dass er es noch immer nicht verstanden hatte. Er war noch keine vier Jahre alt und wusste einfach noch nicht, was tot bedeutete. An der Beerdigung seines Großvaters hatte er zwar teilgenommen, aber trotzdem lief er manchmal noch durchs Haus und suchte seinen ›Opa‹, um mit ihm Ball zu spielen.

Millie war sich nicht sicher, ob er sich wirklich noch an seinen Vater erinnerte. Henry war kaum drei Jahre alt gewesen, als Sebastians Flugzeug über dem Englischen Kanal abgeschossen worden war. Millie tat ihr Bestes, um die Erinnerung an ihn in ihrem Sohn wachzuhalten, indem sie Henry Geschichten erzählte und ihm Fotos zeigte. Aber sie befürchtete, dass Sebastian Henrys Gedanken immer mehr entglitt. Bald würde er nicht mehr als ein Gesicht auf einem Foto sein und nicht realer als einer der Helden in Henrys Lieblingsmärchen.

Manchmal wünschte Millie fast, dass die Erinnerung an Seb auch in ihr verblassen möge, weil sie ihn dann vielleicht nicht mehr ganz so sehr vermissen würde.

»Mama!« Als sie die ungeduldige Stimme ihres Sohnes hörte, blickte sie auf. Henry hatte das Brettspiel aufgebaut und wartete darauf, dass sie begann. Millie lächelte und nahm den Würfel, aber in Gedanken war sie immer noch woanders, irgendwo da draußen bei ihrem Ehemann.

Millie mochte gar nicht daran denken, wie er gestorben war. Sie behielt ihn lieber so in Erinnerung, wie er zu Lebzeiten gewesen war, bevor der verfluchte Krieg ihn ihr genommen hatte. Bevor er zur Luftwaffe gegangen war und seine blaugraue Pilotenuniform getragen hatte. Sie erinnerte sich an ihre erste Begegnung während ihrer Debütantinnensaison. Sie war eine widerstrebende Debütantin gewesen und er der beste Freund ihres Bruders. Als jüngerer Sohn eines Herzogs hätte er unter all den Schönheiten der Gesellschaft wählen können, aber er war nicht von Millies Seite gewichen und hatte sie galant zu den zahlreichen Diners und Bällen begleitet. Damals hatte sie geglaubt, er täte es aus reiner Herzensgüte und um ihrer Freundin Sophia einen Gefallen zu erweisen. Erst Jahre später hatte er Millie gestanden, dass er vom ersten Moment an in sie verliebt gewesen war.

Bei ihr war die Liebe langsamer gekommen. Sie hatte drei Jahre in London verbracht, um sich zur Krankenschwester ausbilden zu lassen. Während dieser Zeit hatte es einige Flirts gegeben, aber Seb hatte geduldig auf sie gewartet, bis er sie durch seine unerschütterliche Liebe schließlich ganz für sich gewonnen hatte.

Sie hatten geheiratet, nachdem Millie ihre Ausbildung beendet hatte. Und diese beiden Jahre waren von unbeschwertem Glück geprägt gewesen. Sie war eine junge Ehefrau und Mutter, die ein schönes, behütetes Dasein auf dem Landgut ihrer Familie genoss, immer auf der Sonnenseite des Lebens, ohne die kleinste Sorge.

Selbst als der Krieg ausbrach und Seb zur Luftwaffe ging, war Millie nicht bewusst gewesen, dass etwas geschehen war, das ihr perfektes Leben bedrohen konnte. Bis zu jenem furchtbaren Morgen im September 1940, als das Telegramm eintraf.

»Du bist auf einer Schlange gelandet, Mama! Sieh nur! Jetzt musst du zurück und wieder von vorn anfangen.«

»Bin schon dabei.« Millie verrückte ihren Spielstein, aber in Gedanken war sie immer noch woanders.

Der Tag, an dem das Telegramm eingetroffen war, hatte alles verändert. Im darauffolgenden Frühling war ihr Vater einem Herzanfall erlegen, sodass es fortan Millie überlassen blieb, sich um ihre Großmutter, ihren Sohn und das Gut zu kümmern.

»Ich hab gewonnen!« Henry stieß einen Freudenschrei aus, sodass Nanny Perks augenblicklich ins Zimmer stürmte.

»Es ist jetzt Zeit für Ihr Schläfchen, Master Henry.«

»Aber ich will bei Mama bleiben!«

»Lassen Sie ihn …«, wollte Millie widersprechen, aber Nanny Perks hatte Henry schon am Arm gepackt.

»Deine Mutter wird bestimmt zu beschäftigt sein«, sagte sie streng. »Sie hat zu tun, genau wie ich.«

Ihre Worte waren eine unmissverständliche Botschaft, die an Millie nicht verschwendet war: Diese Zimmer waren Nanny Perks’ Domäne und nicht die ihre. Sie gehörte nicht hierher.

KAPITEL VIER

»Ein Flugplatz? Hier auf Billinghurst?«

»So habe ich es gehört«, sagte Grace.

»Und wir werden Piloten der RAF im Haus haben? Richtige Luftwaffenoffiziere?«

»Eine Bomberstaffel, wie ich hörte.« Grace gab ein Schmortopfgericht in eine Schüssel und ließ sie zum Ende des Tischs hinunterreichen. »Und sieh zu, dass du auch genug von dem Gemüse isst, Walter«, forderte sie ihren jüngeren Bruder auf. »Denk einfach daran, wie gut es dir tun wird.«

Er verzog das Gesicht. »Aber ich mag keine Karotten.«

»Sie werden dir helfen, im Dunkeln besser sehen zu können. Alle Kampfpiloten essen sie.« Grace lächelte, als Walter widerstrebend nach der Schüssel griff und sich ein paar Karotten auf den Teller legte. Er war ein schnell wachsender Junge, der jedoch viel zu dünn war für seine zwölf Jahre.

Daisy stocherte in dem Fleisch auf ihrem Teller herum. »Was ist das?«

»Schmorbraten. Wonach sieht es denn aus?«

»Was für Fleisch?«

»Kaninchen.«

Daisy zog ein Gesicht. »Nicht schon wieder! Wenn ich noch mehr Kaninchen esse, wird meine Nase noch anfangen zu zucken!«

»Dann solltest du dir besser auch von den Karotten nehmen«, sagte Walter grinsend und schob ihr die Schüssel zu.

»Hört auf damit, ihr zwei.« Grace zeigte mit dem Schöpflöffel auf sie. »Arme Leute dürfen nicht wählerisch sein, wisst ihr. Ich kann nicht einfach zum Metzger gehen und mir ein Pfund Rumpsteak geben lassen.«

»Ich hab schon vergessen, wie Steak aussieht«, maulte Daisy.

»Wenn dieser Krieg vorbei ist, werde ich dir das größte und saftigste kaufen, das du je gesehen hast. Das verspreche ich«, sagte Grace. »Aber bis dahin werdet ihr essen müssen, was auf den Tisch kommt. Kopf hoch, Daisy«, sagte sie, als ihre Schwester unglücklich in ihrem Essen herumstocherte. »Zum Nachtisch gibt es Aprikosencreme.«

Walter blickte hoffnungsvoll zu ihr auf. »Richtige Aprikosencreme?«

»Was glaubst du?«, murmelte Daisy.

Grace lächelte. »Sagt es mir, wenn ihr sie gegessen habt.« Hoffentlich würde ihr Bruder nicht bemerken, dass sie aus noch mehr Karotten bestand, die sie mit ein wenig Bittermandelaroma und einem Klacks Pflaumenmarmelade gewürzt hatte.

»Und was wirst du tun, wenn Lady Amelia aus dem großen Haus auszieht?«, fragte Daisy mit vollem Mund. »Dann werden sie all die Dienstboten doch bestimmt nicht mehr benötigen?«

Grace warf ihr einen raschen Blick über den Tisch zu, an dem Walter und ihre jüngste Schwester, die zehnjährige Ann, beim Essen saßen. »Tatsächlich«, sagte sie mit leiser Stimme zu Daisy, »ist vorhin das hier gekommen.«

Sie nahm den Brief aus der Tasche, den sie den ganzen Tag mit sich herumgetragen hatte, und schob ihn ihrer Schwester zu.

Daisy starrte den Umschlag an, bevor sie den Blick wieder zu Grace erhob und sie aus großen grünen Augen ansah. »Deine Einberufungspapiere?«, flüsterte sie.

Grace nickte. »Maggie, das zweite Hausmädchen, hat gestern den gleichen Brief bekommen.«

Beide starrten den Brief auf dem Tisch so voller Entsetzen an, als ob sie einen bösen Geist heraufbeschworen hätten.

»Was wirst du tun?«, fragte Daisy.

»Was kann ich schon groß tun?«, entgegnete Grace achselzuckend. »Ich werde zum Arbeitsamt hinuntergehen müssen, um zu hören, was sie sagen.« Aber ein nagendes Gefühl der Furcht in ihrer Magengrube verriet ihr, wie beunruhigt sie war.

Daisy biss sich ängstlich auf die Lippen. »Sie werden dich doch nicht wegschicken, oder?«

»Pst!« Grace blickte zu Walter und Ann hinüber. Sie zankten sich und bekamen nichts von der geflüsterten Unterhaltung ihrer Schwestern mit. »Ich weiß es nicht«, erwiderte sie ehrlich. »Das ist es, was mir Sorgen macht. Maggie sagt, wir sind das, was sie ›mobil‹ nennen, weil wir keine Kinder haben.«

»Und Walter und Ann?«

»Ich bin ihre Schwester, nicht ihre Mum.« Auch wenn sie es sehr gut hätte sein können, da sie für die Kinder gesorgt hatte, seit sie dreizehn Jahre alt gewesen war.

Grace schob ihren Teller weg, weil ihr der Appetit vergangen war. Der Gedanke, sie alle alleinlassen zu müssen, war zu viel für sie.

»Es muss doch etwas geben, was du tun kannst«, meinte Daisy.

»Darüber habe mir auch schon den Kopf zerbrochen. Aber leider besitze ich nicht viele Fähigkeiten. Ich bin eine Dienstmagd, und ich glaube nicht, dass Fußböden schrubben eine große Hilfe im Krieg wäre!«

»Aber du kannst nicht von hier weggehen! Wer wird sich dann um uns kümmern?«

Die Angst in den grünen Augen ihrer Schwester krampfte Grace das Herz zusammen. Sie erinnerte sich an den Tag, an dem ihre Mutter gestorben war und die anderen Kinder alle darauf gebaut hatten, dass sie sich um sie kümmern würde.

»Ach, ich bin sicher, dass sich alles finden wird«, beruhigte sie Daisy, wie sie es auch an jenem traurigen Tag getan hatte. »Ich werde mir etwas einfallen lassen, also macht euch keine Sorgen.« Sie stand auf und räumte automatisch das Geschirr ab. »Und wenn es euch recht ist, könntet ihr jetzt die Aprikosencreme holen. Ich muss pünktlich um sechs bei der WSV-Versammlung im Gemeindesaal sein.«

Daisy grinste, ihre Ängste waren schon wieder vergessen. »Und was müsst ihr im Moment für Mrs. Huntley-Osborne tun? Wieder Kleider sammeln? Oder Socken für Soldaten stricken?«

»Ich glaube, wir sollen Kleidung für die Flüchtlinge in Europa aussortieren.«

»Besser du als ich. Ich würde wirklich nur sehr ungern Mrs. Huntley-Osbornes abgelegte Sachen durchsehen!«

»Dann sei froh, dass du es nicht tun musst.« Grace schabte die Essensreste von den Tellern in den Eimer für das Schweinefutter. »Ich werde jetzt noch schnell die Hühner füttern und sie für die Nacht einschließen, bevor ich gehe. Achte darauf, dass Walter sich gründlich wäscht, bevor er zu Bett geht, ja? Man könnte Kartoffeln anbauen hinter seinen Ohren«, sagte sie und schnitt ihrem Bruder eine Grimasse.

»Ich werde selbst ein schönes langes Bad nehmen.«

»Solange du die Wanne nur bis zur Markierung füllst«, erinnerte Grace sie.

»Sei kein Unmensch, Grace! Mir tut alles weh. Schwester Allen hat uns heute stundenlang die Station reinigen lassen.«

Grace lachte. »Und du beklagst dich! Das tue ich jeden Tag im Herrenhaus.«

»Ja, aber du bist es gewöhnt. Ich sollte eigentlich Kranke pflegen und nicht putzen …« Daisy unterbrach sich plötzlich. »Das ist es!«, rief sie dann. »Das ist die Lösung!«

»Was?«

»Du könntest bei uns im Krankenhaus arbeiten!« Daisys Gesicht rötete sich vor Eifer. »Sie suchen händeringend VADs, die auf den Stationen aushelfen können.«

»VADs?«

»Hilfsschwestern. Natürlich müsstest du an ein paar Schulungen teilnehmen, aber ich bin sicher …«

Doch Grace schüttelte bereits den Kopf. »Das kann ich nicht«, sagte sie. »Was ist, wenn es zu schwierig für mich ist? Ich habe schließlich nicht deine Ausbildung, vergiss das nicht.«

»Ach was, als Hilfsschwester zu arbeiten ist nicht schwer. Du musst nur die Station reinigen, Betten machen und den Schwestern zur Hand gehen. Das hast du jahrelang für Seine Lordschaft und Lady Amelia getan!«

»Nun ja, das schon …« Grace runzelte die Stirn, als sie darüber nachdachte. »Aber der Gedanke macht mich nervös. Ich meine, schließlich habe ich noch nie woanders als oben im Herrenhaus gearbeitet.«

»Du wirst dich schnell daran gewöhnen«, meinte Daisy. »Komm schon, es wird Spaß machen zusammenzuarbeiten!«

Grace wünschte, sie besäße die Zuversicht ihrer Schwester. Daisy war zwar zwei Jahre jünger, aber sehr viel selbstsicherer als sie. »Und du glaubst wirklich, ich könnte das schaffen?«

»Natürlich. Und ich wäre ja auch noch da, um dir zu helfen, nicht wahr?« Daisy stand auf und half Grace mit dem Geschirr. »Versprichst du mir, zumindest darüber nachzudenken?«

»Versprochen«, sagte Grace.

Nach dem Gespräch mit ihrer Schwester fütterte sie noch die Hühner und kam so zu spät zur WSV-Versammlung. Im Gemeindesaal sortierten Frauen, die in Grüppchen an langen Tapeziertischen mit Bergen von Kleidungsstücken und Pappkartons saßen, bereits eifrig Kleidung aus.

Grace hatte gehofft, sich unbemerkt hineinschleichen zu können, aber Mrs. Huntley-Osborne steuerte augenblicklich auf sie zu.

»Ah, da sind Sie ja, Grace. Wir dachten schon, Sie kämen nicht mehr«, sagte sie mit einem starren Lächeln. »Wir hatten doch sechs Uhr gesagt?«

»Tut mir leid«, murmelte Grace, während sie rasch ihren Mantel auszog.

»Na ja, jetzt sind Sie ja da. Gehen Sie zu Ihrer Freundin Mrs. Kemp dort drüben. Ich glaube, sie hat Ihnen einen Platz freigehalten.«

Pearl Kemp war Grace’ älteste Freundin. Sie hatten zusammen die Dorfschule besucht und dann auf Billinghurst Manor als Dienstmädchen gearbeitet, bis Pearl mit achtzehn heiratete. Heute war sie eine mollige, glückliche Farmersfrau mit zwei Kindern.

»Hat Mrs. Huntley-Osborne dir eine Strafpredigt gehalten?«, fragte sie, als Grace zu ihr hinüberkam. »War sie sehr verärgert?«

»Nicht allzu sehr. Ich bekam nur das Lächeln, nicht den bösen Blick.« Sie imitierte Mrs. Huntley-Osbornes steifes und gezwungenes Lächeln, und Pearl schnaubte vor Lachen, was beiden einen missbilligenden Blick von besagter Dame eintrug.

Grace setzte sich. »Was machen wir?«

»Wir sortieren diesen Stapel hier und legen beiseite, was geflickt werden muss.« Pearl nickte zu dem Tisch auf der anderen Seite des Raums hinüber, wo Mrs. Huntley-Osborne mit ihren engsten Freundinnen Miss Pomfrey, Miss Wheeler und Mrs. Urquart zusammensaß. »Sieh sie dir an! Ich wette, sie behalten all die guten Sachen für sich selbst.«

»Ich weiß, dass Lady Amelia einige sehr hübsche Kleidungsstücke gespendet hat«, sagte Grace.

»Na bitte. Mrs. Urquardt, diese habgierige alte Hexe, hat sich bestimmt schon alles herausgesucht, was ihr gefällt.«

»Lady Amelias Sachen werden ihr nicht passen. Ganz im Gegensatz zu diesem Ungetüm«, sagte Grace und hielt eine voluminöse Damenunterhose aus pinkfarbener Seide hoch.

Pearl lachte schallend. »Oh nein! Das werden sie doch wohl nicht den armen Flüchtlingen schicken? Als ob die nicht schon genug Elend in ihrem Leben erlebt hätten, ohne auch Mrs. Huntley-Osbornes abgelegte Unterhosen tragen zu müssen!«

»Du glaubst, dass es ihre ist?«

»Na, Miss Pomfrey gehörte sie ganz sicher nicht. Sie ist dürr wie eine Bohnenstange.«

»Wir sollten das Ding beiseitelegen und es der RAF als Fallschirm schicken«, sagte Grace.

Beide lachten, bis ihnen die Tränen kamen, und Grace wischte sich die Augen mit der Unterhose ab – bis sie merkte, was sie tat, und beide noch lauter lachten. Selbst als Mrs. Huntley-Osborne ihnen etwas zurief und zu ihnen herüberkam, konnten sie nicht aufhören zu lachen.

»Was ist denn hier so lustig, meine Damen?«

»Nichts, Mrs. Huntley-Osborne«, antworteten sie gleichzeitig.

»Du liebe Güte! Das ist ja, als würden wir wieder zur Schule gehen!«, beklagte Pearl sich, als die Frau wieder gegangen war. »Es ist schlimm genug, dass wir unsere Freizeit opfern, da müssen wir uns nicht auch noch böse anstarren lassen, nur weil wir lachen!«

»Ich könnte Lachen gut gebrauchen«, gestand Grace seufzend und strich sich eine lose rötlichblonde Haarsträhne hinter das Ohr.

»Wieso? Was ist denn los?«

»Mein Einberufungsbescheid war heute Morgen in der Post.«

»Nein! Ach, du Arme. Was wirst du denn jetzt tun?«

»Ich weiß es nicht. Daisy meinte, ich sollte einen Job im Krankenhaus annehmen, aber ich bin mir nicht sicher, ob ich intelligent genug dafür bin.«

Pearl schwieg für einen Moment, während sie sich den Saum an einem Rock ansah. Dann sagte sie: »Weißt du, vielleicht wäre es sogar ganz gut für dich, wenn du das Dorf verlassen müsstest.«

»Ach? Und wie kommst du darauf, wenn ich fragen darf?«

»Womöglich wäre es genau das, was du brauchst. Die Chance, das Nest zu verlassen und endlich einmal etwas für dich selbst zu tun.«

Grace starrte sie betroffen an. »Aber was soll dann aus meiner Familie werden?«

»Sie sind keine kleinen Kinder mehr, Gracie. Ann ist wie alt – zehn? Sie sind durchaus in der Lage, allein zurechtzukommen. Außerdem könnte Daisy ja auch mal einspringen, nicht?«

Grace schüttelte den Kopf. »Daisy hat genug mit ihrer Krankenpflege zu tun.«

»Trotzdem könnte sie dich ein bisschen mehr unterstützen.«

»Sie leistet ihren Beitrag und tut ihr Möglichstes.« Grace ignorierte den vorwurfsvollen Blick ihrer Freundin, weil sie wusste, dass Pearl Daisy nicht mochte. ›Ein verwöhntes kleines Fräulein‹ hatte sie sie bei mehr als einer Gelegenheit genannt. Grace wusste selbst, dass Daisy manchmal ein bisschen gedankenlos sein konnte, aber trotz all ihrer Fehler hatte sie ein gutes Herz.

Und wenn sie tatsächlich eine zu hohe Meinung von sich selbst hatte, war es Grace’ Schuld, sie hatte sie darin bestärkt. Daisy war ein intelligentes Mädchen, und Grace war froh gewesen, als sie weiter die Schule besucht hatte, anstatt dabei zu helfen, die Familie zu ernähren. Es war eine Belastung gewesen, aber sie hatte sich ausgezahlt, denn inzwischen war sie ausgebildete Krankenschwester. Grace war sehr stolz auf ihre kluge Schwester.

Am Ende des Abends dankte Mrs. Huntley-Osborne allen für ihre Unterstützung und erinnerte sie daran, dass in der nächsten Woche eine weitere Papierverwertungsfahrt anstand.

»Ich erwarte, dass alle daran teilnehmen und ihren Beitrag leisten«, sagte sie warnend und ließ ihren Blick wie einen Suchscheinwerfer durch das Gemeindezentrum gleiten.

Pearl verdrehte die Augen. »Sie ist wohl nie zufrieden, was?«, flüsterte sie.

»Und darf ich Sie auch daran erinnern, dass Miss Wheeler am nächsten Donnerstag einen Vortrag über sparsames Kochen halten wird?«, fuhr Mrs. Huntley-Osborne fort. »Ich glaube, das ist etwas, wovon wir alle profitieren werden.

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