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Die Nightingale-Schwestern – Zeit der Entscheidung

Inhalt

  1. Cover
  2. Über das Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. KAPITEL EINS
  8. KAPITEL ZWEI
  9. KAPITEL DREI
  10. KAPITEL VIER
  11. KAPITEL FÜNF
  12. KAPITEL SECHS
  13. KAPITEL SIEBEN
  14. KAPITEL ACHT
  15. KAPITEL NEUN
  16. KAPITEL ZEHN
  17. KAPITEL ELF
  18. KAPITEL ZWÖLF
  19. KAPITEL DREIZEHN
  20. KAPITEL VIERZEHN
  21. KAPITEL FÜNFZEHN
  22. KAPITEL SECHZEHN
  23. KAPITEL SIEBZEHN
  24. KAPITEL ACHTZEHN
  25. KAPITEL NEUNZEHN
  26. KAPITEL ZWANZIG
  27. KAPITEL EINUNDZWANZIG
  28. KAPITEL ZWEIUNDZWANZIG
  29. KAPITEL DREIUNDZWANZIG
  30. KAPITEL VIERUNDZWANZIG
  31. KAPITEL FÜNFUNDZWANZIG
  32. KAPITEL SECHSUNDZWANZIG
  33. KAPITEL SIEBENUNDZWANZIG
  34. KAPITEL ACHTUNDZWANZIG
  35. KAPITEL NEUNUNDZWANZIG
  36. KAPITEL DREISSIG
  37. KAPITEL EINUNDDREISSIG
  38. KAPITEL ZWEIUNDDREISSIG
  39. KAPITEL DREIUNDDREISSIG
  40. KAPITEL VIERUNDDREISSIG
  41. KAPITEL FÜNFUNDDREISSIG
  42. KAPITEL SECHSUNDDREISSIG
  43. KAPITEL SIEBENUNDDREISSIG
  44. KAPITEL ACHTUNDDREISSIG
  45. KAPITEL NEUNUNDDREISSIG
  46. KAPITEL VIERZIG
  47. KAPITEL EINUNDVIERZIG
  48. KAPITEL ZWEIUNDVIERZIG
  49. KAPITEL DREIUNDVIERZIG
  50. KAPITEL VIERUNDVIERZIG
  51. KAPITEL FÜNFUNDVIERZIG
  52. KAPITEL SECHSUNDVIERZIG
  53. KAPITEL SIEBENUNDVIERZIG
  54. KAPITEL ACHTUNDVIERZIG
  55. KAPITEL NEUNUNDVIERZIG
  56. KAPITEL FÜNFZIG
  57. KAPITEL EINUNDFÜNFZIG
  58. KAPITEL ZWEIUNDFÜNFZIG
  59. KAPITEL DREIUNDFÜNFZIG
  60. KAPITEL VIERUNDFÜNFZIG
  61. KAPITEL FÜNFUNDFÜNFZIG
  62. KAPITEL SECHSUNDFÜNFZIG
  63. KAPITEL SIEBENUNDFÜNFZIG
  64. DANKSAGUNG

Über das Buch

London, 1940. Während der Blitzkrieg über London wütet, setzen die Krankenschwestern des Nightingale Hospitals alles daran, den Krankenhausbetrieb aufrechtzuerhalten. Auch Dora, die inzwischen Mutter von Zwillingen ist, kehrt zurück, um ihre einstigen Kolleginnen bei der kräftezehrenden Arbeit zu unterstützen. Ganz anders als die Hilfsschwestern Jennifer und Cissy, die vor allem zwei Dinge im Sinn haben: schöne Kleider und attraktive Männer. Doch ihre romantischen Träume werden schon bald von dramatischen Ereignissen überschattet …

Über die Autorin

Donna Douglas wuchs in London auf, lebt jedoch inzwischen mit ihrem Ehemann in New York. Ihre Serie um die Schwesternschülerinnen des berühmten Londoner Nightingale Hospitals wurde in England zu einem Überraschungserfolg. Mehr über die Autorin und ihre Bücher erfahren Sie unter www.donnadouglas.co.uk oder auf ihrem Blog unter donnadouglasauthor.wordpress.com.

Donna Douglas

Die
NIGHTINGALE
SCHWESTERN

Zeit der Entscheidung

Roman

Aus dem Englischen von
Sabine Schilasky

Für die Jungvermählten, Harriet und Lewis

KAPITEL EINS

An jenem Freitag im Mai 1940, an dem Winston Churchill Premierminister wurde und die Deutschen einen Blitzkrieg begannen, kehrte Dora Riley zum Nightingale Hospital zurück, weil sie wieder dort arbeiten wollte.

Sechs Jahre war es her, seit sie als Schwesternschülerin vor der Oberin gestanden hatte. Und jetzt stand sie wieder in diesem Büro mit all den Regalen voll Büchern, dem schweren, dunklen Mobiliar und den ledergepolsterten Stühlen und lausch­­te dem langsamen, unheimlichen Ticken der Uhr auf dem Kaminsims. Doras Herz pochte genauso wie damals, als sie noch eine der nervösen Lernschwestern in der Probezeit gewesen war. Unsicher sah sie die Frau auf der anderen Seite des Schreibtisches an.

Die Welt mochte sich in den letzten sechs Jahren gewaltig verändert haben, doch Kathleen Fox wirkte so abgeklärt wie eh und je, saß gerade und vornehm da in ihrer schwarzen Uniform mit gestärkter weißer Haube, die ihr Gesicht umrahmte. Ihre ruhigen grauen Augen fixierten Dora, musterten sie wie an jenem Tag, als sie sich zum ersten Mal begegnet waren.

»Nun, Mrs. Riley«, sagte sie, wobei ihre weiche, wohlartikulierte Stimme immer noch ihre Herkunft aus Lancashire enthüllte. »Sie möchten also wieder zu uns kommen?«

Dora verschränkte die Hände auf dem Rücken und stellte sich ein wenig gerader hin, wie man es sie für das Gespräch mit Vorgesetzten gelehrt hatte. Alte Gewohnheiten ließen sich nicht so leicht ablegen. »Ja, Schwester Oberin.«

»Wie lange ist es her, seit Sie hier Stationsschwester waren?«

»Zwei Jahre, Schwester Oberin. Ich habe 1937 mein Examen gemacht und bin im Frühjahr danach gegangen, um zu heiraten.«

Ihren Blick hielt sie auf Miss Fox’ Haube gerichtet, während die Oberin des Nightingale die Notizen vor sich auf dem Schreibtisch durchging. »Und warum, wenn ich fragen darf, möchten Sie zurückkommen?«

»Ich möchte meinen Beitrag leisten, Schwester Oberin. Für den Krieg.«

»Aha.« Miss Fox machte eine Pause. »Ihr Ehemann dient, nehme ich an?«

»Ja, genau, Schwester Oberin.« Dora presste ihre Lippen zusammen, um nicht zu viel zu sagen. Ihr Stolz erlaubte ihr nicht, ihre wahren Gefühle zu zeigen. Sie war ein Mädchen aus dem East End, aufgewachsen in den Seitengassen von Bethnal Green, nur einen Katzensprung vom Krankenhaus. Wo Dora herkam, lief man nicht herum und jammerte über seine Pro­bleme. Man riss sich zusammen und packte zu, so wie ihre Mutter und ihre Großmutter es ihr vorlebten.

Innerlich jedoch war sie krank vor Sorge um Nick. Er war im März nach Frankreich geschickt worden, und Dora vermisste ihn mit jeder Faser ihres Seins.

Und das war auch der wahre Grund, weshalb sie beschlossen hatte, wieder ans Nightingale zurückzugehen. Sie musste etwas tun, und das nicht bloß, um in diesem Krieg einen Beitrag für ihr Land zu leisten, sondern weil sie wusste, dass sie verrückt werden würde, wenn sie zu Hause blieb und sich das Schlimmste ausmalte.

»Darf ich fragen, warum Sie sich direkt bei uns bewerben und nicht bei der Civil Nursing Reserve? Dort koordinieren sie den Zivilschutz«, unterbrach die Schwester Oberin ihre Gedanken. »Sicher wären Sie dort an der richtigen Stelle, wenn Sie als ehemalige Schwester Ihre Dienste anbieten wollen, nicht wahr?«

Dora sah sie direkt an. Sie hatte das Gefühl, dass Miss Fox ihre Antwort hierauf bereits kannte.

»Das habe ich, aber die wollten mich nicht«, sagte sie gerade­heraus. »Sie nehmen keine Mütter.«

»Ach ja.« Die Schwester Oberin lächelte. »Sie haben kleine Zwillinge, stimmt’s?«

Dora wunderte es nicht, dass die Oberin von Walter und Winnie wusste. Trotz allem, was sonst noch um sie herum vorging, schaffte Miss Fox es, sich über all ihre »Mädchen« auf dem Laufenden zu halten, den ehemaligen wie den heutigen. »Ja, Schwester Oberin«, bestätigte Dora.

»Wie alt sind die beiden?«

»Gerade ein Jahr, Schwester Oberin.«

»Das ist noch sehr klein. Ich muss sagen, mich erstaunt, dass Sie die beiden allein lassen und wieder arbeiten wollen.«

Dora sagte nichts. Sie sah Miss Fox an, dass sie ablehnen würde, und wappnete sich für eine weitere Zurückweisung.

»Ich bewundere es, dass Sie sich zur Verfügung stellen wollen«, sagte Miss Fox schließlich. »Doch die Regeln der CNR gelten aus gutem Grund. Wie Sie selbst wissen, ist die Krankenpflege eine Berufung. Die Arbeitszeiten sind lang, die Arbeit ist sehr schwer, und – Krieg hin oder her – wir erwarten von unseren Schwestern, dass sie sich voll und ganz dem Krankenhaus verschreiben. Das ist keine Arbeit für eine Ehefrau und Mutter.«

»Ich komme zurecht«, beharrte Dora. »Ich bin wieder nach Hause gezogen, wo sich meine Mum um die Zwillinge kümmert, solange ich arbeite. Wir haben alles geregelt.«

»Verstehe. Und angenommen, Sie sind mitten in Ihrer Schicht, versorgen schwerkranke Patienten und erhalten plötzlich die Nachricht, dass es einem Ihrer Kinder schlecht geht. Was wollen Sie dann tun? Sie können nicht alles stehen und liegen lassen und nach Hause gehen, und Sie werden Ihre Arbeit kaum anständig machen können, wenn Sie sich um eines Ihrer Kleinen sorgen.«

»Das müsste ich nicht, wenn meine Mum dort ist«, sagte Dora trotzig. »Sie hat sechs eigene Kinder großgezogen und wird wissen, was zu tun ist.«

Miss Fox sah sie beinahe mitleidig an. »Ich denke, Sie werden anders empfinden, sollte der Fall erst einmal eintreten«, sagte sie freundlich. »Eine Mutter möchte sich instinktiv um ihre eigenen Kinder kümmern, nicht um die anderer.«

»Nun ja, mir bleibt wohl keine große Wahl, dank Hitler!« Dora hatte nicht vorgehabt, schnippisch zu werden, aber sie war es leid, dass man ihr überall die Tür vor der Nase zuschlug, wo sie doch nur helfen wollte. Bei der Arbeitsvermittlung war es dasselbe gewesen. Dort hatte man sie einfach nur von oben herab behandelt, als sie dort gewesen war, um sich freiwillig zu melden. »Glauben Sie mir, ich täte nichts lieber, als daheim bei meinem Mann und meinen Kindern zu sein, doch der alte Adolf und seine Meute haben etwas dagegen«, fuhr sie fort und achtete nicht auf Miss Fox’ erschrockene Miene. »Jetzt kann ich entweder zu Hause sitzen, Däumchen drehen und verrückt werden, oder ich kann hierherkommen und mich nützlich machen. Und so wie ich es sehe, Schwester Oberin, können Sie Hilfe gebrauchen. Wie ich gehört habe, sind Sie zurzeit auf Hilfsschwestern angewiesen, die bestenfalls fünf Minuten lang angelernt wurden. Ich weiß, dass es nicht ideal ist, aber wäre es nicht besser, jemanden wie mich hier zu haben? Ich möchte mich nützlich machen, und ich weiß, dass ich gute Arbeit leisten kann. Ich werde so hart arbeiten, wie ich kann, versprochen. Und wäre ich nicht in jedem Fall brauchbarer als eine Freiwillige, die eine Bettpfanne nicht von einem Verband unterscheiden kann?«

Dora bemerkte den frostigen Blick der Schwester Oberin und stellte fest, dass sie wieder einmal zu weit gegangen war. Warum musste dauernd ihr Temperament mit ihr durchgehen? Die Schwester Oberin würde sie jetzt erst recht nicht mehr nehmen, selbst wenn der Krieg hundert Jahre dauerte. Sie würde sich zum Frauen-Freiwilligendienst melden müssen, wo sie für Soldaten Tee kochen und Socken stopfen durfte.

»Wie ich sehe, nehmen Sie nach wie vor kein Blatt vor den Mund«, sagte Miss Fox und zog die Augenbrauen hoch.

»Verzeihen Sie, Schwester Oberin.« Dora senkte den Blick. Es war nicht Miss Fox’ Schuld. Sie hielt sich nur an die Regeln, so wie alle anderen auch. Doch die ganze Welt schien im Moment aus Regeln und nichts als Regeln zu bestehen. Plakate klebten an den Hauswänden, und Flugblätter von der Regierung wurden durch ihren Briefschlitz geworfen, die ihr vorschrieben, was sie kaufen und was sie essen sollte, wo sie hingehen und mit wem sie sprechen durfte. Tu dies, tu das, mach, was dir gesagt wird. Es war schlimm genug, dass sie ihr den Ehemann genommen hatten, da mussten sie nicht auch noch ihr Leben kontrollieren. Sie war das alles gründlich leid.

Jäh wurde sie in die Gegenwart zurückgerissen, als sie feststellte, dass die Schwester Oberin mit ihr sprach.

»Ich hoffe, Ihnen ist klar, Schwester Riley, dass Sie, wenn Sie wieder in diesem Krankenhaus arbeiten, nicht noch einmal so mit mir sprechen dürfen«, sagte sie.

Dora sah sie völlig verständnislos an. Sie hatte kaum mitbekommen, was die Schwester Oberin ihr sagte, weil sie nur Ohren dafür gehabt hatte, dass sie soeben mit »Schwester« angesprochen worden war. Es war lange her, dass sie jemand so genannt hatte, und ihr war nicht bewusst gewesen, wie sehr es ihr fehlte. Stolz durchströmte sie und straffte ihr Rückgrat, sodass sie sich noch gerader aufrichtete.

Noch immer konnte sie es kaum glauben. »Meinen Sie … Darf ich zurückkommen?«, fragte sie.

»Wie Sie selbst sagten, habe ich keine große Wahl«, gestand Miss Fox freimütig. »Und obwohl ich anmerken möchte, dass die meisten unserer Hilfsschwestern durchaus eine Bettpfanne von einem Verband unterscheiden können« – Dora krümmte sich innerlich unter dem strengen Blick –, »kann ich nicht leugnen, dass es hilfreich wäre, mehr Schwestern auf den Stationen zu haben.«

»Vielen Dank, Schwester Oberin.«

»Doch Sie dürfen, wie gesagt, keine Sonderbehandlung erwarten«, fuhr Miss Fox fort. »Sie werden hier genau wie jede andere Schwester behandelt, auch wenn man natürlich nicht von Ihnen erwartet, hier zu wohnen. Aber Sie werden die Anweisungen befolgen, und Ihre Pflichten haben absoluten Vorrang vor allem anderen. Ist das klar?«

Ihre Stimme war immer noch sanft, hatte allerdings jenen eisernen Unterton, an den Dora sich noch gut erinnerte.

»Ja, Schwester Oberin. Danke. Ich werde Sie nicht enttäuschen, versprochen.«

»Sorgen Sie dafür, Schwester Riley.«

Dora betrachtete die ernste, unerbittliche Miene der älteren Frau und glaubte, ein winziges Blitzen in den grauen Augen gesehen zu haben.

In einem hatte Dora Riley recht, dachte Kathleen Fox. Alles veränderte sich. Das Krankenhaus war kaum wiederzuerkennen. Die Fenster des vornehmen georgischen Gebäudes verschandelte braunes Klebeband, das bei einem Angriff vor Glassplittern schützen sollte, und die Sandsäcke stapelten sich so hoch an den Erdgeschossmauern, dass sie die unterste Etage verdunkelten.

Die meisten Stationen waren im letzten September nach der Kriegserklärung geräumt worden. Patienten, die auf dem Weg der Besserung waren, wurden nach Hause geschickt, und solche, die zu krank gewesen waren, hatte man mit einem Großteil der Belegschaft in den kleineren Ableger des Nightingale Hospital in Kent verlegt.

Inzwischen waren acht Monate ohne ein Anzeichen für die gefürchteten Bomben- oder Gasangriffe vergangen, und mehrere Stationen im Londoner Nightingale hatten den Betrieb wieder aufgenommen. Jedoch hatten sie sehr viele ausgebildete Schwestern an den Queen Alexandra’s Sanitätsdienst des Militärs verloren. Kathleen verübelte es den Schwestern nicht, dass sie fortgingen, um dem Land zu dienen, nur machte es die Leitung des Krankenhauses für sie sehr schwierig. Sie musste sich auf ehemalige Schwestern wie Dora Riley und ein Heer von Mädchen aus dem Freiwilligen Hilfsdienst verlassen.

Freiwillige, die eine Bettpfanne nicht von einem Verband unterscheiden können. Kathleen musste schmunzeln. Ja, Dora hatte recht. Die jungen Frauen waren recht eifrig und freundlich, nur bereiteten sie einige Kurse beim Roten Kreuz kaum für den Alltag auf einer vollbelegten Station vor.

Es klopfte an der Tür, und Veronica Hanley, die stellvertretende Oberin, trat ein, ohne auf eine Antwort zu warten. Kath­leens Stimmung trübte sich angesichts der großen, masku­linen Gestalt. Also hier war jemand, den sie ohne Weiteres nach Übersee geschickt hätte. Sie war sicher, dass Miss Hanley die Nazis sehr viel wirksamer das Fürchten lehren könnte als die britischen Truppen.

Sie rang sich ein Lächeln ab. »Hallo, Miss Hanley. Was kann ich für Sie tun?«

Miss Hanley klatschte ihr ein Blatt Papier auf den Schreibtisch. »Die Wäschebestellung«, sagte sie mit ihrer dröhnend tiefen Stimme. »Es gibt keine neuen Laken oder Kissenbezüge mehr. Die Fabrik, die sie herstellt, ist inzwischen für die Truppenversorgung zuständig.«

»Verstehe.« Kathleen nahm ihren Stift, um das Formular zu unterschreiben. »Ich fürchte, bald müssen wir unsere Patienten bitten, ihre eigene Bettwäsche mitzubringen.«

Miss Hanley erschauderte. »Gott bewahre, Schwester Oberin! Ist Ihnen bekannt, dass viele unserer Patienten aus ungezieferverseuchten Häusern kommen?«

»Es war ein Scherz, Miss Hanley.«

»Oh.«

Kathleen lächelte, als sie den verdutzten Ausdruck auf dem kantigen Gesicht ihrer Stellvertreterin sah. Miss Hanley besaß viele hervorragende Eigenschaften, Sinn für Humor zählte nicht dazu.

Es war einer der vielen Unterschiede zwischen ihnen. Veronica Hanley war eine Schwester der alten Schule, am Nightingale ausgebildet und enorm traditionsbewusst. Überdies hatte sie nie einen Hehl aus ihrer Verachtung für Kathleen Fox gemacht, deren Ausbildung sie für minderwertig hielt und deren forsche nordenglische Art sie ebenso ablehnte wie deren neue Ideen.

Bei Kriegsbeginn hatte Kathleen ihr angeboten, nach Kent zu gehen und dort die kommissarische Leitung der Klinik zu übernehmen. Sie hatte geglaubt, dass ihre Stellvertreterin die Chance sofort ergreifen würde, doch zu ihrer Verblüffung hatte Veronica Hanley abgelehnt.

»Ich würde lieber in London bleiben, wenn es Ihnen nichts ausmacht, Schwester Oberin«, hatte sie gesagt. »Es erscheint mir falsch, meinen Posten am Nightingale in dieser Stunde der Not zu verlassen.«

Kathleen hatte ihrem Wunsch zähneknirschend entsprochen, obgleich sie vermutete, dass es Miss Hanley vor allem darum ging, sie im Auge zu behalten.

Während sie die Bestellung unterschrieb, bemerkte sie, wie sich ihre Stellvertreterin ein wenig vorbeugte. Anscheinend wollte sie noch etwas sagen.

»Gibt es sonst noch etwas, Miss Hanley?«, fragte sie geduldig.

»Die Maler haben angerufen. Sie können frühestens in zwei Wochen mit der Arbeit auf den Stationen Holmes und Peel anfangen.«

»Wie ärgerlich.« Da das Krankenhaus bisher noch nicht wieder den vollen Betrieb aufgenommen hatte, war von den Treuhändern beschlossen worden, die beiden leeren Stationen im obersten Stockwerk streichen zu lassen. »Könnten sie dann vielleicht beide gleichzeitig streichen, damit es schneller geht?«

»Ist das klug, Schwester Oberin?« Miss Hanley runzelte die Stirn. »Sicher wäre es besser, sie nacheinander streichen zu lassen, damit im Notfall eine Station zur Verfügung steht …«

»Wir lassen sie beide gleichzeitig streichen«, fiel Kathleen ihr gereizt ins Wort. Warum musste die Frau über alles mit ihr streiten? »Ich bezweifle sehr, dass wir die Stationen so bald brauchen werden«, ergänzte sie etwas ruhiger. »Wir haben kaum genug Schwestern, um die Stationen zu versorgen, die im Moment in Betrieb sind.«

»Apropos Schwestern …« Miss Hanley räusperte sich, und Kathleen ahnte, was kommen würde. »Diese junge Frau, die ich vorhin aus Ihrem Büro kommen sah – gehe ich recht in der Annahme, dass sie hier gelernt hat? Lassen Sie mich überlegen. Schwester …« Sie gab ein wenig zu übertrieben vor, nachdenken zu müssen. »Schwester Doyle, richtig?«

Kathleen neigte den Kopf, damit ihre Stellvertreterin ihr Grinsen nicht sah. Als Widerstandskämpferin im Untergrund wäre sie denkbar schlecht geeignet. Ihr fehlte jedwedes Talent zur Verstellung, denn ihr breites, offenes Gesicht verriet sie immer.

»Das stimmt. Nur dass sie jetzt Mrs. Riley heißt.«

»Ja, richtig. Und was führt sie her?«

Als wüsstest du das nicht!, dachte Kathleen. Miss Hanley dürfte die letzte halbe Stunde an der Tür gelauscht haben.

Kathleen spielte mit und antwortete: »Sie möchte ihre alte Stellung wieder.«

»Dann sollte sie sich beim CNR bewerben«, sagte Miss Han­ley prompt.

»Die wollen sie nicht, weil sie Kinder hat.«

»Aha.«

»Ich habe sie trotzdem eingestellt.«

»Tatsächlich, Schwester Oberin?« Miss Hanley blickte so entsetzt drein, als hätte Kathleen ihr erzählt, dass Mussolini persönlich als Pförtner für das Krankenhaus eingestellt worden wäre. »Aber die Regeln besagen ganz klar, dass verheiratete Frauen mit kleinen Kindern …«

»Ich fürchte, wir werden noch häufiger gegen unsere eigenen Regeln verstoßen, solange dieser Spuk noch nicht vorbei ist. Der Krieg verändert alles, Miss Hanley. Und wenigstens hat Schwester Doyle – ich meine, Riley – hier gelernt, was mehr ist, als wir im Augenblick von einigen unserer Schwestern behaupten können.«

»Hmm.« Veronica Hanley kniff die Lippen zusammen. Soweit Kathleen sich erinnerte, hatte Miss Hanley ohnehin nie viel von Dora gehalten. Ihrer Ansicht nach sollte die Krankenpflege, ganz besonders im Nightingale, ausschließlich wohlerzogenen jungen Frauen aus ehrbaren Familien vorbehalten sein und nicht irgendwelchen Mädchen aus der Arbeiterklasse, wie Dora es war.

Kathleen blickte wieder auf die Wäschebestellung, auf der diverse Posten rot durchgestrichen waren. Das Leben war schon ohne ihre täglichen Kämpfe mit Miss Hanley schwer genug, dachte sie.

KAPITEL ZWEI

Dora lief den ganzen Weg zurück zur Griffin Street.

Niemand in dieser Straße benutzte den Vordereingang seines Hauses. Einzig Miet- und Geldeintreiber klopften an die vordere Tür. Dora eilte die enge Gasse hinter der Häuserreihe entlang, die von hohen, groben Ziegelmauern gesäumt war und auf einer Seite an den Bahndamm grenzte, während auf der anderen Seite die winzigen Hinterhöfe der Häuser lagen.

Sie hob den rostigen Riegel und öffnete die Holzpforte zum Hof von Nummer 28. Wie die benachbarten Höfe auch war er klein und quadratisch und mit spindeldürrem Unkraut bewachsen, das aus den Rissen in den Steinplatten lugte.

Doras jüngerer Bruder Alfie war auf dem Hof, hockte neben einem verbeulten Pappkarton und hielt ein Salatblatt über die Öffnung.

»Was hast du da, Alfie?« Dora näherte sich ihm und spähte in den Karton. Sie sah eine zuckende Nase, und ein schwarzes Augenpaar starrte zu ihr auf. »Oh Mann, ein Kaninchen. Wo hast du das denn her?«

»Ich habe ihn auf den Hackney Marshes gefangen. Er heißt Octavius, und er ist mein Haustier, aber Oma sagt, dass er in den Topf kommt.«

Er verzog das Gesicht. Die ganze Familie nannte ihn »Klein Alfie«, dabei war er mit seinen acht Jahren schon ein kräftiger Junge und reichte Dora bis zur Schulter.

Sie hockte sich neben ihn und streckte eine Hand aus, um das weiche braune Kaninchenfell zu streicheln. »Hör nicht auf Oma. Du weißt doch, dass sie das nur so dahinsagt.« Sie nickte zu dem Blatt in Alfies Hand. »Trotzdem solltest du ihn lieber nicht zu gut füttern, sonst überlegt sie es sich vielleicht doch noch anders.«

Sie verließ ihren Bruder, duckte sich unter der Leine mit tropfnasser Wäsche hindurch und ging durch die Hintertür ins Haus.

Ihre Mutter, Rose, war in der Spülküche und machte Tee.

»Hallo, Liebes.« Sie lächelte Dora über die Schulter hinweg zu. »Du musst den Kessel gehört haben.« Sie drehte sich um und wischte sich die Hände an ihrer Schürze ab. »Wie war es im Krankenhaus?«

»Die Schwester Oberin sagt, dass ich nächste Woche anfangen kann.«

Ihre Mutter strahlte. »Na, was habe ich dir gesagt? Ich habe ja gleich gewusst, die geben dir deine Stelle wieder, oder nicht?«

Aber Dora hörte nicht zu. Sie achtete nur auf den dünnen Vorhang, der die Spülküche vom eigentlichen Küchenbereich trennte. Das glucksende Lachen ihrer Kinder wärmte ihr das Herz, und sie musste sich beherrschen, nicht sofort zu ihnen zu laufen. »Wie haben sich die Zwillinge benommen?«

»Bestens.« Rose Doyle sah sie an. »Geh schon rein zu ihnen, ich bringe dir einen Tee. Wie du aussiehst, kannst du einen gebrauchen.«

»Danke, Mum.« Dora warf ihr ein dankbares Lächeln zu und schlüpfte durch den Vorhang.

Die kleine Küche war immer schon der Mittelpunkt des Hauses gewesen. Hier kam die ganze Familie zusammen, um zu reden, zu lachen, zu weinen und zu streiten. Oma Winnie saß wie üblich in ihrem Schaukelstuhl am Kamin und stopfte Socken. Es versetzte Dora einen Stich zu sehen, wie dicht ihre Großmutter sich die Arbeit vors Gesicht halten musste und wie angestrengt sie über den Brillenrand hinweg blinzelte. Ihr Augenlicht wurde immer schlechter, auch wenn sie das nie zugeben würde.

»Alles in Ordnung, Oma?«, begrüßte Dora sie munter, während ihr Blick bereits auf Walter und Winnie gerichtet war, die nebeneinander auf dem Läufer zu Füßen ihrer Oma hockten. Nicks Bruder Danny war bei ihnen und baute geduldig Türme aus Holzklötzen, die sie mit ihren Patschhändchen wieder umwarfen.

Walter bemerkte Dora als Erster und begann prompt zu weinen. Winnie stimmte ein, und bald heulten beide aus voller Kehle.

»Typisch! Den ganzen Tag haben sie nicht geweint, bis du reingekommen bist«, brummelte Doras Großmutter.

»Sie sind bloß aufgeregt, sonst nichts. Hallo, ihr Süßen.« Dora hob beide hoch, hielt jedes Kind auf einem Arm und küsste ihre Pausbacken. Sie sahen ihrem Vater so ähnlich, dass es Dora das Herz brach. Beide hatten dunkle Locken und strahlend blaue Augen.

Dora vergrub ihr Gesicht an Winnies Hals und atmete sehnsüchtig den vertrauten Babygeruch ein. »War wirklich alles in Ordnung?«, fragte sie.

»Ich habe dir doch gesagt, dass sie richtige kleine Engel waren«, antwortete ihre Mutter, die mit dem Teetablett he­reinkam. »Ich musste eigentlich kaum auf sie aufpassen. Danny hat die ganze Arbeit gemacht, stimmt’s nicht, Dan?« Rose sah liebevoll zu dem jungen Mann hinüber, der auf dem Läufer kniete und die Bauklötze zusammenräumte. Danny antwortete mit einem scheuen, etwas schiefen Grinsen.

»Ja, der ist ganz hin und weg von den beiden«, pflichtete Doras Großmutter ihr bei.

»Das will ich auch meinen«, sagte Dora. »Sie sind ja deine Nichte und dein Neffe, nicht, Danny?«

Er nickte ernst. »Sie sind meine F-Familie. N-Nick hat gesagt, ich soll auf sie aufpassen, wenn e-er weg ist.«

»Ja, hat er.« Dora lächelte ihn an. Mit seinem dichten hellen Haar und den ausdruckslosen Augen mutete Danny Riley auf den ersten Blick etwas seltsam an. Er war Anfang zwanzig, hatte jedoch den Verstand eines Kindes. Seine Mutter erzählte jedem, er hätte einen schrecklichen Unfall gehabt, doch Nick hatte Dora gestanden, dass es die Prügel seines brutalen Vaters gewesen war, die seinen Bruder zu dem gemacht hatte, was er war. Nick hatte ihr auch erzählt, dass er, als er es herausgefunden hatte, dem Mistkerl selbst eine ordentliche Tracht Prügel verpasst hatte. Er hatte keine Einzelheiten erzählt, doch Dora kannte ihren Mann gut genug, um es sich auch so vorstellen zu können. Was immer Nick getan haben mochte, es hatte Reg Riley ausreichend verschreckt, dass er aus der Stadt geflohen und nie wiedergesehen worden war.

Seitdem beschützte Nick seinen Bruder. Neben ihr und den Kindern war Danny der einzige Mensch auf der Welt, den Nick Riley wahrhaft liebte.

Und Dora liebte Danny ebenfalls, weshalb sie mit Freuden zugestimmt hatte, dass er nach der Heirat zu ihnen ziehen würde. In einem guten Zuhause und umgeben von Liebe war Danny richtig aufgeblüht. Er fügte sich sehr gut in ihre glückliche Familie, und die Zwillinge waren seit ihrer Geburt sein Ein und Alles. Stundenlang spielte er geduldig mit ihnen, sang ihnen vor, zog alberne Grimassen für sie und ließ sie klaglos an seinen Haaren reißen. Er half Dora, sie ins Bett zu bringen, und saß dann noch Stunden bei ihnen, um sie im Schlaf zu beobachten und ihre winzigen Finger und Zehen zu bestaunen.

Nun wollte er Dora die beiden abnehmen, damit sie in Ruhe ihren Tee trinken konnte, doch Dora schaffte es nicht, sie schon wieder loszulassen. Sie setzte sich an den Tisch, auf jedem Knie einen Zwilling, und plauderte mit ihrer Mutter und Großmutter.

Sie erzählte ihnen alles über ihr Gespräch mit der Schwester Oberin und dass Letztere nicht recht verstehen konnte, warum Dora die Kinder allein lassen und wieder arbeiten gehen wollte.

»Na, recht hat sie, oder?«, sagte ihre Großmutter. »Es ist nicht richtig, dass eine Mutter arbeiten geht. Sie gehört nach Hause, zu ihren Kindern.«

Dora wurde kreuzunglücklich, doch wie so oft sprang ihre Mutter ihr bei.

»Hör sich das einer an, Ma! Du hast selber unten in der Wäscherei gearbeitet, als du mit Brenda und mir im neunten Monat warst, also sei du mal ganz still! Und bei mir war es auch nicht anders.« Sie wandte sich zu Dora. »Achte gar nicht auf sie, Dor. Sie ist bloß mal wieder auf Zank und Streit aus. Du hättest hören sollen, wie sie mit den Nachbarn redet. Da könnte man glatt denken, du bist Florence Nightingale persönlich, so wie sie rumtönt.«

»Tue ich nicht!«, widersprach Großmutter Winnie, und auf ihren schlaffen Wangen erschienen rote Flecken. »Und was dich angeht«, hier drehte sie sich zu Klein Alfie um, der das Pech hatte, ausgerechnet in diesem Moment zur Hintertür hereinzukommen, »du gehst sofort wieder raus und ziehst die dreckigen Stiefel aus, bevor du in meine saubere Küche kommst. Du trampelst mir hier nicht alles mit Matsch voll. Und du hast hoffentlich nicht wieder das verdammte Kaninchen gefüttert. Je schneller das in die Pastete wandert, desto besser, sage ich dir.«

Rose blickte über den Tisch hinweg zu Dora und zwinkerte ihr zu. Dora grinste. Typisch Großmutter Winnie. Gott bewahre, dass sie auf ihre alten Tage noch milde würde!

Rose stellte ihre Teetasse hin und stand auf. »Also ich lege lieber los, sonst kriege ich nie ein Essen auf den Tisch.«

»Kann ich helfen?«, fragte Dora.

Bevor ihre Mutter antworten konnte, richtete sich der schlaksige Danny ein wenig linkisch auf.

»Ich h-helfe«, sagte er. »Ich m-mag Kochen.«

»Na, da sage ich nicht nein.« Rose lächelte ihm zu. »Komm mit, Danny. Du kannst mir helfen, das Gemüse zu schnippeln.«

»Falls das verfluchte Kaninchen nicht schon alles gefressen hat«, brummelte die Großmutter.

Als sie fort waren, blickte Dora zum Kaminsims hinüber, auf dem ein offizieller blauer Militärumschlag lehnte. Dora hatte ihn gleich gesehen, als sie reingekommen war, und ihr Herz hatte schneller geschlagen, denn sie hoffte, dass es Post von Nick war. Doch bei näherem Hinsehen erkannte sie die saubere Handschrift, die so gar keine Ähnlichkeit mit der krake­ligen Schrift ihres Mannes hatte.

»Ist der von Josie?«, fragte sie.

»Ist er.« Ihre Großmutter angelte den Brief hinter der Uhr hervor und reichte ihn Dora. »Und das hier war auch dabei.« Sie gab Dora eine Schwarzweißfotografie. »Sieht sie nicht schick aus in ihrer Uniform?«

Dora hatte einen Kloß im Hals, als sie ihre kleine Schwester Josie in ihrer schneidigen WAAF-Uniform sah. »Sie sieht so erwachsen aus«, murmelte sie.

»Das habe ich auch schon zu deiner Mum gesagt. Kaum zu glauben, dass sie zwanzig ist, was?«

Dora starrte das lächelnde Gesicht ihrer Schwester an. Sie war die Einzige in der Familie, die das dunkle Haar und die schlanke Gestalt ihrer Mutter geerbt hatte und nicht das rote Haar und die kräftige Statur ihres Vaters. Und sie war die Stillste und die Klügste aus dem ganzen lärmigen Doyle-Clan. Josie und Dora waren einander sehr nahe. Nun war Josie oben in Lancashire und lernte, wie man Flugzeuge reparierte, und Dora vermisste sie fast so sehr wie ihren Nick.

Und es war noch ein Brief von Doras Schwägerin Lily gekommen. Nachdem Doras Bruder Peter eingezogen worden war, waren Lily und ihre kleine Tochter Mabel nach Kent evakuiert worden. Dora hätte mit ihnen gehen sollen, ertrug den Gedanken jedoch nicht, weit weg vom Rest der Familie zu sein.

Ihre zweite jüngere Schwester Bea kam rechtzeitig zum Abendessen von der Arbeit, und bald saßen sie alle plaudernd und streitend um den Tisch herum.

»Die anderen bei der Arbeit denken, dass sie jetzt bald bei uns einmarschieren«, verkündete Bea und füllte sich Kartoffeln auf.

Dora bemerkte Dannys ängstlichen Blick. »Dazu wird es nicht kommen«, sagte sie.

»Woher willst du das wissen?«, konterte Bea. »Es ist doch gut möglich, oder nicht? Sie sind schon in Holland, also sind wir die Nächsten.«

»Nicht mehr, seit Churchill das Sagen hat«, prophezeite die Großmutter zuversichtlich. »Der alte Haudegen wird Hitler den Marsch blasen, keine Bange.«

»Mir tun unsere Soldaten leid«, fuhr Bea mit vollem Mund fort. »Was glaubt ihr wohl, wie es unserem Pete geht, der da drüben festsitzt? Und deinem Nick«, ergänzte sie und sah Dora an.

»Dem wird schon nichts passieren, keine Sorge.« Dora bedachte ihre Schwester mit einem strengen Blick, damit sie Ruhe gab. Die siebzehnjährige Bea war eine unverbesserliche Unruhestifterin und sorgte für Aufruhr, wo immer sie konnte.

»Ja, aber …«

»Können wir über etwas anderes reden?«, fiel Dora ihr ins Wort. »Was wollte eigentlich Mickey Malone heute Morgen vor Tau und Tag an unserer Pforte hinten?«

Bea wurde rot. »Weiß ich doch nicht.«

»Ach nein? Er sah aus, als würde er auf dich warten.«

Rose legte ihr Besteck hin. »Mickey Malone? Hier? Mit dem hast du hoffentlich nichts zu schaffen, junges Fräulein!«, warnte sie.

»Seine Familie macht nichts als Ärger«, stimmte die Großmutter ein.

»Ich weiß gar nicht, was ihr meint«, murmelte Bea und sah wütend zu Dora. Dora hatte nicht vorgehabt, ihre Schwester in Schwierigkeiten zu bringen, aber wenigstens hörte Bea so auf, über Nick und den Krieg zu reden. Es war schon schwer genug, nicht in tiefe Verzweiflung zu verfallen, da musste ihre Schwester nicht noch alles schlimmer machen.

Nach dem Abendessen ging Dora nach oben, um die Zwillinge ins Bett zu bringen. Danny bestand darauf, ihr zu helfen.

»Willst du nicht lieber Radio hören?«, fragte Dora ihn. »Gleich müsste Sandy’s Half-Hour anfangen. Und du hörst doch so gerne die Musik.«

Nick hatte ihnen das Radio gekauft, kurz bevor er fortmusste, und es war Dannys ganzer Stolz. Er saß Stunden davor, drehte an den Knöpfen, presste sein Ohr an das blanke Holzgehäuse und grinste verzückt, wenn es in dem Kasten knisterte und pfiff. Danny hörte sich alles an. Er kicherte vor Freude bei It’s That Man Again, summte zur Musik mit und lauschte ernst den Nachrichten und der Ratgebersendung The Kitchen Front, obwohl er nicht verstand, worum es ging. Dora lächelte, wenn sie ihn so glücklich sah.

»Ich helfe dir l-lieber.« Er grinste sie scheu an. »A-außerdem sagst du immer, ich b-bekomme sie besser zum Sch-schlafen als du.«

Dora schmunzelte. »Das stimmt, Danny. Dann komm. Waschen wir die zwei und ziehen ihnen die Pyjamas an.«

Sie war verblüfft, wie geschickt Danny sich beim Windelwechseln anstellte. Dieser junge Mann, der zu ungeschickt war, um sich die Schuhe zuzubinden, war sehr sanft und sorgfältig, wenn es darum ging, die unterschiedlichen Stofflagen zu falten und festzustecken. Verglichen mit den tapsigen Lernschwestern, die Dora früher auf der Säuglingsstation erlebt hatte, nahm er sich wie ein Experte aus.

Sobald sie die Zwillinge gewaschen, gepudert und in ihren Pyjamas hatten, legte Dora sie in die Mitte des Doppelbettes und polsterte sie zu beiden Seiten ab, damit sie nicht hinauskullerten. Walter schlief sofort ein, doch Winnie strampelte greinend und streckte ihre kleinen Hände aus.

»Sie w-will Aggy«, sagte Danny, zog die ramponierte Stoffpuppe aus seiner Tasche und gab sie Dora. »O-ohne die schläft sie nicht.«

»Danke, Dan. Ich hätte mir denken können, dass du es nicht vergisst.« Dora nahm die Puppe und stopfte sie neben ihrer Tochter unter die Decke. Tatsächlich gab Winnie ein zufriedenes Seufzen von sich, und ihre Lider senkten sich flatternd.

Ließen sich doch nur all unsere Probleme so leicht lösen, dachte Dora.

Während Danny den Zwillingen vorsang, ging Dora den Wäschehaufen sortieren, den ihre Mutter ihr in der Ecke bereitgelegt hatte. »You Are My Sunshine«, sang Danny wie üblich. Er hatte gehört, wie Jimmie Davis das Lied im Radio sang, und seither summte er es immerzu.

Es war seltsam, dachte Dora. Wenn er sprach, stotterte Danny für gewöhnlich, doch aus irgendeinem Grund geriet er beim Singen niemals ins Stocken.

Dora stimmte ein und summte vor sich hin, während sie ein Hemd von Danny aufnahm, um es zusammenzulegen. Doch beim Anblick des Kleidungsstücks hielt sie inne. Wie kam es, dass sie selbst die einfachsten Tätigkeiten daran erinnern mussten, dass Nick nicht hier war? Seine Abwesenheit durchzog jeden Teil ihres Lebens, von dem Moment an, wenn sie morgens ohne ihn aufwachte, bis sie abends mit dem Gedanken an ihn einschlief.

»Nick kommt d-doch nach Hause, n-nicht, Dora?«

Sie blickte auf und war erschrocken, als sie hörte, wie Danny ihre Gedanken aussprach. Er hatte aufgehört zu singen und beobachtete sie aufmerksam. Dora hoffte nur, dass er nicht sah, wie sie sich hastig die Tränen wegwischte.

»Sicher wird er das, Dan.« Sie zwang sich, munter zu klingen.

»A-aber Bea hat gesagt …«

»Hör nicht auf Bea«, beruhigte Dora ihn umgehend. »Sie redet eine Menge Unsinn.«

Danny schwieg für eine Weile. »Nick w-wird doch nicht sterben, oder, Dora?«, fragte er schließlich.

Dora wandte sich von ihm ab und betete zu Gott, dass Danny nicht sah, wie Zweifel ihre Miene verdunkelten. Was auch in ihr vorgehen mochte, sie musste um ihrer Familie willen stark sein. »Natürlich wird er das nicht.«

Danny schwieg abermals, und Dora sah an seinem besorgten Gesichtsausdruck, dass er sich anstrengte, alles zu begreifen. »Auf j-jeden Fall wünsche ich mir, dass er aufhört zu k-kämpfen und nach Hause k-kommt«, sagte er nach einer längeren Pause.

Dora lächelte traurig und faltete das Hemd.

»Ich auch, mein Junge«, seufzte sie. »Ich auch.«

KAPITEL DREI

»Kommt nicht in Frage. Meine Tochter wischt keinen Fremden den Hintern ab!«

Alec Caldwell knallte die flache Hand auf den Tisch, dass die Tassen klimperten. Er war ein großer, stämmiger Polizist, und seine Stimme füllte die winzige Küche, in der die Familie beim Abendessen saß.

Jennifer sah ihn ungerührt an. Sie war das Gepolter ihres Vaters gewohnt, und sie wusste, dass er nicht halb so schlimm war, wie er bisweilen klang. »Aber so wird es doch gar nicht sein. Ich werde eine richtige Krankenschwester. Sie bringen uns bei, wie man Spritzen gibt und solche Sachen.«

»Einen Teufel werden die! Denkst du, die trauen dir zu, Nadeln in Leute zu piken, Mädchen? Ich sage dir, du wirst nichts als ein Dienstmädchen sein, das Bettpfannen ausleert und weiß der Himmel was noch.«

Angewidert rümpfte Jennifer die Nase. Das hatte die nette Dame beim Roten Kreuz nicht gesagt. Bei ihr hatte es sich angehört, als würde Jennifer Leben retten oder zumindest fiebrige Stirnen kühlen. Sie hatte nichts von Bettpfannen gesagt.

»Sie hält sich für Florence Nightingale!«, kicherte Jennifers kleiner Bruder Wilf mit dem Mund voller Brot und Bratensoße.

»Sei du ja ruhig!«, fuhr sie ihn an. Wilf war vierzehn Jahre alt und ärgerte Jennifer immerzu. »Ich muss meinen Teil leisten, Dad«, erklärte sie ihrem Vater. »Entweder das, oder ich gehe zu den Truppen. Und das würdest du nicht wollen, oder?«

Sie sah, wie ihr Vater blass wurde. Ja, sie hatte ins Schwarze getroffen. Die Vorstellung, dass seine Tochter sich in Gefahr begeben würde, war unerträglich für Alec Caldwell, das wusste Jennifer. Nicht dass sie im Traum daran gedacht hätte, aber es war sinnvoll, diese Möglichkeit hin und wieder ins Spiel zu bringen, um ihren Vater in Angst und Schrecken zu versetzen. Jennifer wickelte den Guten um den kleinen Finger, seit sie ihr erstes Wort gesprochen hatte.

Ihre Mutter mischte sich ein. »Sie hat recht, Alec. Irgendwas muss sie tun, jetzt, wo sie achtzehn ist. Und es gibt weit Schlimmeres, als in einem Krankenhaus zu arbeiten. Mrs. Armitages Älteste ist gerade zum WTS gegangen, dem Transportdienst. Ich habe mit ihr geredet, als wir beim Schlachter anstanden, und sie ist außer sich vor Sorge.«

»Siehst du?« Jennifer schob ihrem Vater die Formulare hin. »Unterschreib sie einfach für mich, Dad. Bitte?«

Sie schöpfte neuen Mut, als er die Papiere aufnahm, nur legte er sie gleich wieder hin. »Trotzdem gefällt mir das nicht. Ich habe meine Tochter nicht großgezogen, damit sie das tut.«

»Sie ist nicht Prinzessin Elizabeth!«, murmelte Wilf in seine Teetasse.

»Cissy macht das auch.« Jennifer schenkte ihrem Vater nach, bemüht, ganz sein artiges kleines Mädchen zu sein. Es würde nichts nützen, wenn sie jetzt ihrem Ärger Luft machte. »Wir dachten, dass wir uns zusammen melden.«

»Ach ja? Also wenn sie es macht, musst du das natürlich auch?« Ihr Vater lächelte spöttisch. »Ich schätze, wenn sie in die Themse springen würde, müsstest du hinterherhüpfen.«

»Die schrecklichen Zwillinge!«, sagte ihre Mutter schmunzelnd.

Jennifer war beleidigt. »Nein, eigentlich war es meine Idee! Ich bin es, die das machen wollte.« Cissy und sie mochten beste Freundinnen sein, aber jeder wusste, dass Jennifer die Anführerin war. So war es schon immer gewesen.

»Und was hält Cissys Vater davon?«, fragte Alec Caldwell. »Nicht viel, wie ich ihn kenne!« Er und Bob Baxter waren seit Jahren Nachbarn und Freunde.

»Wenn du es genau wissen willst, er ist unbedingt dafür«, log Jennifer. In Wahrheit wusste sie, dass Cissy zwei Türen weiter in diesem Moment dieselbe Diskussion mit ihrem Vater hatte und ihm wahrscheinlich exakt dasselbe erzählte. So hatten sie es vorhin abgesprochen, als sie die Handschuhe in den Glasvitrinen des Textilgeschäfts sortierten, in dem sie beide arbeiteten.

»Ist er das?« Alec Caldwell kratzte sich nachdenklich am Kinn. Jennifer sah ihm an, dass er ins Schwanken geriet, aber sie wusste auch, dass sie auf der Hut bleiben musste. Ein falsches Wort könnte alles verderben. Ihr Vater betete sie an, und er würde ihr nie etwas verweigern, aber gleichzeitig sorgte er sich schon um sie, wenn draußen ein zu scharfer Wind wehte. Er würde sie auf ewig in Watte packen, wenn er könnte.

Jennifer blickte ihre Mutter stumm flehend an. Wenn jemand Alec Caldwell umstimmen konnte, war es Elsie Caldwell.

Und tatsächlich wandte Alec sich an seine Frau und fragte: »Was meinst du?«

Elsie nahm das Formular auf und überflog es. »Nun, es ist besser, als wenn sie zu den Truppen geht«, sagte sie. Und dann, noch bevor Jennifer erleichtert aufseufzen konnte, ergänzte sie: »Es würde auch bedeuten, dass sie zu Hause bleiben kann, wenn sie eine Stellung in einem der hiesigen Krankenhäuser bekommt.«

Jennifers Träume zerplatzten wie Seifenblasen vor ihren Augen. »Ich bleibe nicht zu Hause!«, rief sie entsetzt. »Ich will in einem Militärkrankenhaus arbeiten!«

Das war es jedenfalls, was ihr durch den Kopf gegeistert war, seit sie die Idee gehabt hatte. Sie hatte sich ausgemalt, wie sie von Bett zu Bett schwebte, ein Engel der Gnade, der gutaus­sehenden Soldaten Licht und Hoffnung schenkte.

»Sie will sich einen Verehrer suchen!«, trötete Wilf und zerstörte Jennifers Tagtraum.

»Habe ich nicht gesagt, du sollst den Mund halten?« Jennifer langte über den Tisch, packte sein Ohrläppchen und drehte daran, bis ihr Bruder vor Schmerz aufschrie.

»Hört auf, ihr zwei«, sagte ihre Mutter ruhig und bot ihrem Mann den Brotteller an. »Noch eine Scheibe, Dad?«

»Danke, nehme ich gerne.« Jennifers Vater griff sich eine Scheibe Brot und tropfte Bratensoße darauf. »Und du kannst das lassen, Wilf«, sagte er. »Unsere Jen hat keine Verehrer. Sie weiß, dass sie für so was noch viel zu jung ist.«

Jennifer zupfte an einem losen Faden in der Chenille-Tischdecke und vermied es, ihren Vater anzusehen. Soweit es Alec Caldwell betraf, war sie noch sein kleines Mädchen, und so sollte es auch bleiben. Jennifer würde ihn gewiss nicht korrigieren. Schließlich sollte er nicht mit der Faust auf den Tisch hauen, um ihr den ganzen Spaß zu verderben.

»Ich glaube sowieso nicht, dass ich es mir aussuchen kann.« Sie zuckte möglichst gleichgültig mit den Schultern. »Sicher schicken die mich dahin, wo sie gerade Hilfe brauchen.«

»Nein, das glaube ich nicht, Schatz«, erwiderte ihre Mutter. »Hier in dem Formular steht, dass man erst mit zwanzig in einem Militärkrankenhaus arbeiten darf. Und nach Übersee darf man erst ab einundzwanzig.«

»Was? Lass mich mal sehen!« Jennifer riss ihrer Mutter die Papiere aus der Hand und las hastig. Davon hatte die nette Dame beim Roten Kreuz auch nichts gesagt.

»Stimmt das? Ach, na, wenn das so ist …« Ihr Vater nahm ihr die Formulare lächelnd ab. »Hol mir einen Stift, Wilf, und ich unterschreibe.«

Jennifer sah finster zu ihrer Mutter hinüber, die sie zufrieden anlächelte. Es war ja klar, dass sie bestens informiert war! Elsie Caldwell zeigte es vielleicht nicht immer, doch sie konnte sehr gerissen sein, wenn sie wollte. Und sie kannte von der Tower Bridge bis zur Isle of Dogs praktisch jeden, sodass man ihr nichts vormachen konnte.

Jennifer verfiel in wütendes Schweigen, was jedoch niemand zu bemerken schien, denn die anderen am Tisch unterhielten sich weiter. Ihre Mutter erzählte, wie es in der Schlange vorm Gemüsehändler zu einem kleinen Tumult gekommen war. Unterdessen schob Jennifer recht geräuschvoll ihre Tasse auf der Untertasse hin und her, um darauf aufmerksam zu machen, wie verärgert sie war. Doch ihre Mutter sagte lediglich: »Sei vorsichtig, Liebes. Wenn die kaputtgeht, können wir sie nicht so bald ersetzen.«

Jennifer stieß einen erbosten Seufzer aus. Erst ab einundzwanzig … Es fühlte sich an, als hörte sie sich diese Worte schon ihr ganzes Leben lang an. Und sie machten sie wahnsinnig. Sie war noch fast drei Jahre von jenem magischen Tag entfernt, also quasi eine Ewigkeit.

»Wie ging es bei euch?«, fragte Jennifer ihre Freundin Cissy, als sie sich später trafen. Wie üblich an einem Freitagabend gingen sie zum Tanzen ins »Palais«. Es war ein nasser, ungemütlicher Abend, und sie drängten sich unter dem Regenschirm zusammen, damit sie ihre sorgsam gelegten Locken nicht ruinierten.

Cissy grinste. »Mein Dad ist sehr dafür.«

Jennifer starrte sie an. »Du verschaukelst mich? Was hat er gesagt?«

»Er findet es ziemlich gut, dass ich Krankenschwester werde. ›Ein schöner, ehrbarer Beruf für eine junge Frau‹, das hat er gesagt.«

Jennifer trat in eine Pfütze und murmelte einen Fluch. Sie wünschte, sie hätte sich nicht für ihre neuen Kalbsledersandalen entschieden. Nach diesem Regen dürften sie hinüber sein.

»Könnte er doch bloß mal mit meinem Dad reden«, murrte sie.

Cissy wurde blass. »Er hat doch nicht nein gesagt, oder?«

»Hätte er ebenso gut sagen können.« Jennifer seufzte. »Hast du gewusst, dass wir erst in den richtigen Einsatz dürfen, wenn wir zwanzig sind?«

»Nein! Aber ich dachte, wir kommen in ein Militärkrankenhaus?«

»Dachte ich auch, aber so ist es nicht.« Jennifer blieb stehen, um sich einige Schlammspritzer von den Strümpfen zu wischen. »Ich muss sagen, dass es mich jetzt gar nicht mehr so sehr reizt, Krankenschwester zu werden. Ich will mich um Soldaten kümmern, nicht um abscheuliche alte Männer mit Furunkeln und Hämorrhoiden und Gott weiß was!«

»Ich doch auch.«

Jennifer sah den verträumten Ausdruck in den blauen Augen ihrer Freundin und wurde aufs Neue unglücklich. Selbstverständlich dachte Cissy mal wieder an Paul Maynard. Er war schon beinahe ein Jahr ihr Verehrer, dennoch ließ Cissy keine Gelegenheit aus, ihn zu erwähnen.

Und es war noch schlimmer geworden, seit er zur Royal Navy gegangen war. Kaum eine Stunde verging, ohne dass Cissy jammerte, wie sehr sie Paul vermisste und welche Sorgen sie sich machte, weil er auf hoher See war. So wie sie redete, konnte man glauben, er würde als Einziger in diesem Krieg kämpfen!

Insgeheim fand Jennifer, dass ihre Freundin dumm war, sich in solch einer Zeit zu verlieben. Das Leben war bereits hart genug, ohne dass man sich wegen eines Mannes vor Sehnsucht verzehrte oder vor Sorge einging.

»Vielleicht sollte ich lieber zu den Wrens gehen?«, überlegte Cissy, als sie vor dem »Palais« anstanden.

»Was?« Jennifer drehte sich entsetzt zu ihr. »Warum das denn?«

»Ich möchte einfach näher bei Paul sein.«

»Und was ist mit mir?« Die Frage war heraus, ehe Jennifer sich bremsen konnte.

Cissy sah sie verwundert an. »Was soll mit dir sein?«

»Ich dachte, wir bleiben zusammen.«

Sie waren immer zusammen gewesen, seit ihre Mütter die Kinderwagen nebeneinander auf der Straße abgestellt hatten. In der Schule hatten sie stets in einer Bank gesessen, und später zusammen bei Wells, dem Textilgeschäft in der Old Ford Road, angefangen. Sie verbrachten praktisch jede wache Minute gemeinsam, lachten und hatten Spaß. Jeder nannte sie die schrecklichen Zwillinge, obwohl sie sich überhaupt nicht ähnlich sahen. Jennifer war früher sehr neidisch auf Cissys dichte blonde Locken gewesen, bis sie Vivien Leigh in Vom Winde verweht gesehen und beschlossen hatte, dass dunkelhaarig und heißblütig zu sein, viel besser war.

»Das wirst du verstehen, wenn du dich verliebst«, sagte Cissy.

Etwas an der Art, wie sie es sagte, störte Jennifer gewaltig. Waren sie sich nicht immer einig gewesen, dass keine von ihnen etwas Ernstes mit einem Jungen anfangen würde, bis die andere nicht auch einen Freund hatte? Aber dann war Paul aufgekreuzt und hatte Cissys Herz im Sturm erobert. Jetzt benahm sie sich, als wäre sie eine Erwachsene und Jennifer ein dummes kleines Mädchen.

Jennifers schlechte Laune besserte sich allerdings, als sie den Tanzsaal betraten und die Musik hörten. Wie jeden Freitagabend war der Saal zum Bersten voll. Soldaten standen in Gruppen an der Bar, lachten, tranken und beäugten die Mädchen. Andere Leute saßen an Tischen um die Tanzfläche herum, doch die meisten Paare waren in der Mitte und drehten sich Arm in Arm zur Musik.

Jennifer und Cissy hatten kaum ihre Mäntel ausgezogen, als zwei Soldaten zu ihnen kamen und sie zu einem Foxtrott auf die Tanzfläche führten. Und von da an machten sie keine Pause mehr. Sie tanzten ununterbrochen, hielten nur inne, um die Partner zu wechseln. Die Musik war zu laut, als dass man sich hätte unterhalten können, aber das störte Jennifer nicht. Sie interessierte nicht mal sonderlich, mit wem sie tanzte, solange man ihr nicht allzu oft auf die Zehen trat. Für sie ging es einzig darum, Spaß zu haben und den langweiligen Krieg für eine Weile zu vergessen.

Sie war froh zu sehen, dass auch Cissy sich amüsierte. Die Musik und die Atmosphäre im Tanzsaal schienen sämtliche Gedanken an Paul aus ihrem Kopf vertrieben zu haben, und sie war wieder das unternehmungslustige Mädchen von früher, das sich lachend über die Tanzfläche wirbeln ließ.

Jennifer freute sich für ihre Freundin. Und im Stillen hoffte sie auch, dass Cissy endlich erkannte, wie viel sie verpasste, wenn sie sich dauernd nur nach ihrem Freund verzehrte. Sie waren erst achtzehn, viel zu jung, um sich ernsthaft auf jemanden einzulassen. Warum sich festlegen, wo es so viele gutaus­sehende Männer gab, mit denen man flirten konnte?

Und Jennifer flirtete nicht zu knapp. Ein junger Mann, ein Soldat, war besonders erpicht darauf, all ihre Aufmerksamkeit für sich zu beanspruchen. Jennifer machte es nichts aus. Er war zwar nicht ihr Typ, doch in der schicken Uniform schien er ziemlich passabel. Er spendierte ihre Getränke, und nach einer Weile tanzte sie nur noch mit ihm, bis sie von ihren neuen Schuhen Blasen an den Fersen hatte und aufhören musste.

»Gehen wir ein bisschen frische Luft schnappen«, sagte der junge Mann. Er hatte ihr gesagt, wie er hieß, doch bei der lauten Orchestermusik hatte Jennifer es nicht verstanden. Und es spielte so oder so keine Rolle, weil sie ihn nach heute Abend nicht wiedersehen würde.

Jennifer sah ihn skeptisch an. Sie wusste genau, worauf er aus war, und das war nicht frische Luft.

»Es regnet«, antwortete sie gespielt naiv.

»Sicher finden wir einen gemütlichen Hauseingang, in dem wir uns unterstellen können.« Sein vielsagendes Lächeln ließ keine Fragen offen. »Komm, ich bring dich nach Hause.«

Sie waren in einer dunklen Ecke des Saals und standen hinter einer Säule, abseits der Menge. Irgendwie hatte der junge Mann Jennifer mit dem Rücken an die Wand gedrängt. Über seine Schulter hinweg konnte sie Cissy auf der Tanzfläche sehen, deren lachendes Gesicht von den farbigen Lichtern angestrahlt wurde.

»Nein danke, ich bin mit meiner Freundin hier«, sagte Jennifer.

»Die findet doch gewiss ohne dich nach Hause, oder?«

»Ich habe meinem Dad versprochen, dass wir zusammenbleiben.«

»Dein Dad ist aber nicht hier.«

Zum Glück für dich, dachte Jennifer. Ob in Uniform oder nicht, Alec Caldwell würde diesen hageren jungen Mann in Stücke reißen, weil er es gewagt hatte, seine Tochter anzusehen.

Der Soldat runzelte die Stirn. »Komm schon, Süße. Was denkst du denn, warum ich dir die vielen Getränke spendiert habe?«

Jennifer sah ihn direkt an. »Weil ich durstig war?«

Sein Lächeln wurde kühl. »Du bist eine ganz Schlaue, was?«

»Zu schlau für dich, mein Lieber.«

»Das werden wir ja sehen.« Er drängte sich dichter an sie, und sie konnte Bier und Zigarettenrauch in seinem Atem riechen. »Du hattest deinen Spaß, jetzt will ich meinen.«

Durch die Bluse packte er ihre Brust und drückte sie grob. Als er noch näher kam, hob Jennifer ihr Knie, wie ihr Dad es ihr beigebracht hatte, um es ihm so fest wie möglich zwischen die Beine zu rammen.

Doch ehe sie dazu kam, stolperte der Soldat plötzlich rückwärts von ihr weg.

»Du hast die Dame gehört, Bürschchen. Sie ist nicht inte­ressiert«, sagte eine raue Stimme.

Erschrocken blickte Jennifer zu dem Mann auf, der aus dem Schatten getreten war. Er war groß und kräftig gebaut und hatte das dunkle Haar mit Pomade zurückgekämmt.

Der Soldat befreite sich von dem Fremden. »Kümmer dich um deine Angelegenheiten, Kumpel, oder ich verpass dir eine.«

»Das kannst du ja mal versuchen.« Die Stimme war ruhig, aber bedrohlich.

Ein Kribbeln durchfuhr Jennifer, als sie die beiden Männer ansah, die Auge in Auge dastanden. Sie liebte es, wenn Männer sich um sie prügelten. Doch dann zuckte der Soldat leider nur mit den Schultern und murmelte: »Das ist sie nicht wert. Du kannst sie haben, wenn du unbedingt willst.«

Als er wegging, wandte Jennifer sich dem Fremden zu. »Warum haben Sie das getan?«, fragte sie. »Ich wäre schon mit ihm fertiggeworden. Ich weiß, was ich tue.«

Ein träges Lächeln erschien auf seinem Gesicht. Das ge­dämpf­­te Licht im Tanzsaal fiel auf eine blass-silbrige Narbe, die sich über seine Wange zog. »Ja, das möchte ich wetten«, sagte er.

Ehe Jennifer etwas entgegnen konnte, kam Cissy zu ihr geeilt. »Was war hier los? Gab es eine Schlägerei? Ich hätte mir denken können, dass du mittendrin steckst, wenn es irgendwo Ärger gibt, Jen Caldwell.«

»Ist schon gut«, sagte der Mann. »Ich habe die Ehre Ihrer Freundin gerettet.«

Cissy drehte sich zu ihm. »Und wer sind Sie?«

Er lächelte Jennifer an. »Nennen Sie mich einfach den Ritter in schimmernder Wehr.«

»Sehr rätselhaft, oh ja.« Cissy sah wieder zu Jennifer. »Komm, lass uns nach Hause gehen. Ich habe meiner Mum versprochen, um zehn zurück zu sein, und du weißt, wie lange man bei der blöden Verdunkelung für den Weg braucht.«

»Ich könnte euch fahren, wenn ihr möchtet«, bot der Mann an. »Mein Wagen steht gleich um die Ecke.«

Ein Auto! Jennifer kannte niemanden, der ein richtiges Auto besaß. Die meisten Jungen in Bethnal Green konnten sich gerade mal ein gebrauchtes Fahrrad leisten.

Doch ehe sie annehmen konnte, antwortete Cissy: »Nein danke. Wir gehen allein nach Hause.«

»Wie ihr wollt. Ein anderes Mal vielleicht?« Er zwinkerte Jennifer zu. »Aber schön vorsichtig sein, ja?«

Sie traten aus dem erleuchteten Tanzsaal hinaus in die pechschwarze Nacht. Es regnete immer noch, und sie klammerten sich unter dem Schirm aneinander, als sie die Straße entlangstolperten.

»Mein Haar wird vollkommen ruiniert. Wir hätten uns von dem Kerl fahren lassen sollen«, jammerte Jennifer und klappte den Kragen ihres Regenmantels hoch.

»Du machst wohl Witze! Ich steige nicht zu einem Fremden in den Wagen. Schon gar nicht zu so jemandem«, antwortete Cissy spitz.

»Was war denn verkehrt an ihm?«

»Weiß ich nicht. Aber irgendwas stimmte eindeutig nicht mit ihm.«

»Tja, mir kam er wie ein perfekter Gentleman vor. Immerhin ist er mir zu Hilfe geeilt.«

»Hmm.«

»Was soll das denn heißen?«

»Wenn du mich fragst, wärst du mit dem vom Regen in die Traufe gekommen.«

»Meinst du?« Jennifer lächelte in die Dunkelheit und war froh, dass Cissy ihr Gesicht nicht sehen konnte. Das Letzte, was sie wollte, war eine weitere Predigt von ihrer Freundin.

Doch Cissy kannte sie zu gut. »Ich meine es ernst, Jen. Mit dem war etwas nicht ganz richtig. Etwas – ich weiß nicht – Gefährliches.«

Weiß ich, dachte Jennifer. Und, bei Gott, sie könnte ein bisschen Gefahr und Aufregung in ihrem Leben brauchen.

KAPITEL VIER

Es fühlte sich seltsam an, wieder Schwesterntracht zu tragen. Dora erkannte sich selbst kaum wieder, als sie sich im Spiegel des Umkleideraums betrachtete. War es wirklich erst zwei Jahre her, seit sie sie zuletzt angehabt hatte? Ihr kam es wie eine Ewigkeit vor. Sie hatte sich so sehr an das Leben als Ehefrau und Mutter gewöhnt, dass sie sich in ihrem schweren blauen Kleid, der weißen Schürze und den schwarzen Wollstrümpfen auf einmal wieder wie ein junges Mädchen vorkam.

Sogleich versetzte es ihr einen Stich, und sie fragte sich, ob sie das Richtige tat. Es schien solch eine gute Idee gewesen zu sein, wieder als Krankenschwester zu arbeiten. Nun jedoch, da sie es wahrgemacht hatte, regten sich Bedenken in Dora, ob sie es schaffte. Was wäre, wenn sie alles Gelernte vergessen hatte? Plötzlich erschien ein Bild in ihrem Geist, wie sie furchtbar ahnungslos dastand und nur jedem im Weg war.

Und dann waren da ihre Babys. Es brach ihr das Herz, wie die Zwillinge geschluchzt und ihre Ärmchen nach ihr ausgestreckt hatten, als sie heute Morgen wegging. Sie war kurz davor gewesen, ihren Mantel wieder auszuziehen, aber ihre Mutter war eisern geblieben.

»Geh«, hatte sie gesagt und Dora sanft, aber entschlossen zur Tür geschoben. »Die haben sich schon beruhigt, ehe du aus der Gasse bist, versprochen.«

Vielleicht weinten die beiden Kleinen nicht mehr, Dora hingegen aber sehr wohl. Auf dem ganzen Weg zum Krankenhaus waren ihr die Tränen über die Wangen gelaufen. Die armen kleinen Würmer. Noch nie war Dora einen ganzen Tag von ihnen getrennt gewesen.

Doch ihr war klar, dass sie ihren Plan nicht einfach aufgeben konnte. Sie war so außer sich vor Sorge um Nick, dass sie befürchtete, vollkommen verrückt zu werden, wenn sie sich nicht mit etwas anderem beschäftigte.

Also schüttelte sie sich im Geiste. Es war deine eigene Entscheidung, Mädchen, sagte sie sich streng. Du warst es, die unbedingt wieder als Krankenschwester arbeiten wollte, und du stehst das auch durch. Wenn du jetzt gehst, kannst du nie wieder zurück.

Wenigstens war sie der Unfallstation zugeteilt worden, die Helen Dawson leitete. Sie beide hatten sich während ihrer Ausbildung ein Zimmer im Schwesternheim geteilt und waren seither gut befreundet. Helen würde nicht ganz so streng mit Dora umgehen wie einige der anderen Schwestern. Das war ein kleiner Trost.

Trotzdem zitterten ihre Hände, als sie die Nadeln an ihrem gestärkten Kragen und den Manschetten befestigte. Kaum vorstellbar, dass sie noch vor ein paar Jahren all das einhändig hinbekommen hatte, während sie die Treppe des Schwesternheims hinunterlief, weil sie wieder mal zu spät zum Frühstück war! Inzwischen war sie so ungeschickt wie eine nervöse Lernschwester.

Und was ihre Haube anging … egal, wie sehr sie sich bemühte, sie bekam das steife Leinenviereck einfach nicht zu etwas geformt, das auch nur im Entferntesten nach einer Haube aussah. Und sie fühlte, wie der weiße Stoff in ihren klammen Händen immer weicher wurde.

Dora fluchte leise vor sich hin, als die Tür aufging und eine dunkelhaarige Schwesternschülerin hereinschaute.

»Ich wollte Sie nur daran erinnern, dass die Schwester um acht da ist, und dann müssen wir alle fertig sein. Ah, anscheinend haben Sie Schwierigkeiten.« Sie kam mit ausgestreckten Händen auf Dora zu. »Soll ich Ihnen mal helfen?«

»Danke«, antwortete Dora und nahm das Angebot mit Freuden an.

»Da gibt es einen Kniff«, sagte das junge Mädchen. »Sie müssen diese Ecke auf diese Kante legen, sehen Sie? Und passen Sie auf, dass dieser Knick vorne ist, so … fertig.« Sie faltete das Leinenstück geübt zusammen.

»Danke. Entschuldigung, aber ich weiß nicht, wie Sie heißen.«

»Kowalski. Devora Kowalski. Alle meine Freunde nennen mich Dev.«

»Ich bin Schwester Riley. Und alle meine Freunde nennen mich Dora.«

»Freut mich sehr. Geben Sie mir Ihre Nadeln, dann stecke ich die Haube für Sie fest.«

»Danke.« Dora reichte ihr die Nadeln, die sie zum Glück mitgebracht hatte. »Schwester Sutton ist früher an mir verzweifelt, weil sich mein Haar ständig aus der Haube befreit hat. Sie sagte dann immer, sollte sie noch einmal eine rote Locke hervorschauen sehen, würde sie mir den Kopf kahlrasieren!«

Schwester Kowalski sah sie erstaunt an. »Sind Sie eine Nightingale-Schwester?«

Dora nickte. »Ich habe vor fast drei Jahren hier mein Examen gemacht.«

»Das muss zur selben Zeit gewesen sein, als ich mit der Ausbildung angefangen habe.«

»Dann sind Sie in Ihrem letzten Jahr?«

»Wäre ich, aber da ist dieser vermaledeite Krieg. Unsere Ausbildung wurde offiziell ›bis auf Weiteres ausgesetzt‹«, zitierte sie und verzog dabei das Gesicht.

»So ein Pech.« Dora erinnerte sich, wie ungeduldig sie ihrem Examen entgegengefiebert hatte, damit sie endlich das Abzeichen des Krankenhauses tragen und sich eine echte Schwester nennen konnte. »Dieser Krieg ist für alle die Pest, nicht?«

»Ist er«, pflichtete Dev ihr seufzend bei. »Aber zumindest haben sie uns wieder nach London gelassen. Es war so langweilig, als das ganze Schwesternheim aufs Land verlegt wurde.«

»Ist Schwester Sutton noch Heimleiterin?«

»Ja – leider!« Dev rümpfte die Nase. »Wir haben alle gedacht, dass sie in den Ruhestand geht, als der Krieg anfing, aber sie ist noch hier. Und sie ist noch schlimmer, seit wir wieder in London sind. Jetzt darf sie uns auch noch damit triezen, ja nicht unsere Gasmasken zu vergessen. Und dann dieser furchtbare kleine Hund von ihr …«

»Meinen Sie Sparky?« Dora lachte. »Um Himmels willen, lassen Sie das ja nie Schwester Sutton hören!«

»Na, aber er ist furchtbar«, beteuerte Dev inbrünstig. »Eine ungezogene, bösartige kleine Töle. Ich schwöre, dass der uns unten an der Treppe auflauert, um nach unseren Knöcheln zu schnappen. Neulich Morgen hat er mir ein Loch in meinen Strumpf gerissen. Und dann hatte Schwester Sutton auch noch die Stirn, deshalb mit mir zu schimpfen!« Sie steckte die letzten Nadeln in Doras Haube und trat zurück, um ihr Werk zu bewundern. »So«, sagte sie. »Ich denke, das ist gerade genug. Und jetzt Beeilung, ehe Schwester Dawson uns meldet. Sie ist ein Engel, aber sie hat es trotzdem gern, wenn alles nach ihren Vorstellungen läuft.«

Sie eilte zurück zur Eingangshalle der Unfallstation, wo Helen Dawson eben ihre Schicht begann. Es war ein kleiner Schock für Dora, ihre Freundin in der Stationsschwesterntracht zu sehen. Das strenge graue Kleid stand ihr. Es betonte Helens große, schlanke Gestalt, und die gestärkte Leinenhaube, die mit einer Schleife unterm Kinn befestigt war, brachte das perfekte Oval ihres Gesichts zur Geltung. Als Dora ihr zu Beginn der Ausbildung erstmals begegnet war, hatte sie Helen für das schönste Geschöpf gehalten, das sie je gesehen hatte. Und das fand sie bis heute.

Dora stellte sich neben Dev Kowalski und faltete die Hände auf dem Rücken. Helen und sie mochten außer Dienst Freundinnen sein, doch in Uniform war Schwester Dawson Doras Vorgesetzte.

»Willkommen auf der Unfallstation, Schwester Riley.« Ihre Begrüßung war förmlich, doch Dora entging der warme Glanz in Helens Augen nicht.

»Vielen Dank, Schwester.«

»Ich muss sagen, dass wir froh sind, ein paar zusätzliche Hände zu haben, nicht wahr, Kowalski? Und ich weiß, dass Sie schon auf einer Unfallstation gearbeitet haben, also wird Ihre Erfahrung von Nutzen sein.«

»Das hoffe ich, Schwester«, antwortete Dora.

»Eventuell bemerken Sie einige Veränderungen, seit Sie zuletzt hier waren«, sagte Helen. »Die Station wurde im letzten Jahr vergrößert, und wir haben jetzt zwei zusätzliche Behandlungsräume sowie eine Dekontaminationsstation für Gas­opfer. Obwohl wir die bisher zum Glück noch nicht nutzen mussten«, fügte sie hinzu. »Wir haben auch einige zusätzliche Sprechzimmer und eine postoperative Überwachungsstation am Ende des Korridors.«

Dora stutzte. »Werden die Patienten denn nicht mehr auf die obere Station verlegt, Schwester?«

Helen schüttelte den Kopf. »Nicht, sofern es nicht unbedingt nötig ist. Uns fehlt das Personal, um sie zu versorgen, müssen Sie wissen. Darum sind wir so froh, Sie zu haben.«

»Hört, hört!«

Dora blickte sich um und entdeckte Dr. McKay, den Stationsarzt, der auf sie zukam. Er leitete die Unfallstation bereits, als Dora ihre Ausbildung im Nightingale begonnen hatte. McKay war Mitte dreißig, dunkelhaarig, hatte ein waches, kluges Gesicht und trug eine Hornbrille, mit der er seinen Hang zu derben Späßen perfekt kaschierte. Dora wusste aus Erfahrung, dass es mit David McKay nie langweilig wurde. Und er war ein brillanter und engagierter Arzt.

»Guten Morgen, Schwester«, begrüßte er sie grinsend. »Ihr erster Tag hier?«

»Das stimmt, Doktor.«

»Es ist schön, Sie wieder bei uns zu haben.« Seine dunklen Augen blitzten hinter der Brille. »Obwohl ich sagen muss, dass Sie manches verändert vorfinden dürften.«

»Schwester Dawson hat mir schon von den Veränderungen erzählt, Sir.«

»Ach, hat sie, ja? Es hat sich recht viel getan, auch wenn einige Dinge nicht so offensichtlich sind wie andere. Stimmt’s nicht, Schwester?«

Er blickte zu Helen. Sie sah ihn nicht direkt an, aber Dora entging nicht, dass ihre Freundin ein klein wenig rot wurde.

»Jedenfalls, ähm, wie ich schon sagte, sicher werden Sie sich hier bald wieder zurechtfinden.« Für einen Moment verlor Helen die Fassung und wurde noch röter, als sie sich verhaspelte, was David McKay sehr amüsierte. Dora sah, wie sein Grinsen breiter wurde, als er davonschlenderte. Arme Helen, dachte sie. Ihre Freundin bemühte sich verzweifelt, die romantische Beziehung der beiden aus Rücksicht auf die Hausregeln geheim zu halten. McKay hingegen schien es am liebsten in die Welt hinausschreien zu wollen.

Helen fing sich wieder und gab Dora ihre Anweisungen für den Vormittag. Sie sollte in der Notaufnahme helfen.

»Dr. Jameson ist in der Notaufnahme. Sie erinnern sich sicher an ihn, nicht?«

»Ja, Schwester.« Vorausgesetzt, dass es sich um denselben Simon Jameson handelte, der bei ihrer letzten Begegnung noch ein schüchterner Medizinstudent gewesen war.

Helen beendete die Dienstanweisungen und entließ die Schwestern. Als sie wegging, flüsterte Dev: »Arme Schwester Dawson. Sie hat sich so darum bemüht, professionell zu sein. Dr. Mac sollte sie wirklich nicht so ärgern.«

Dora sah sie an. »Was meinen Sie?«

»Haben Sie das nicht gemerkt? Die beiden sind wahnsinnig verliebt!«

Dora hoffte, dass ihre Miene sie nicht verriet. »Wie kommen Sie darauf?«

»Ach, das weiß jeder hier«, sagte Dev unbekümmert. »Ich finde die Regel lächerlich, dass sie kein Paar sein dürfen, bloß weil beide hier arbeiten.« Sie seufzte. »Arme Schwester Dawson. Sie hat ein bisschen Glück verdient. Sie wissen doch, was ihr zugestoßen ist, oder? Ihr Mann ist an Scharlach gestorben, und das nur wenige Tage nach der Hochzeit. Aber wahrscheinlich erinnern Sie sich noch daran.« Dora gab einen unverbindlichen Laut von sich, und Dev fuhr fort: »Sie hat ihn im Krankenhaus geheiratet, als sie schon wusste, dass er sterben würde. Finden Sie das nicht romantisch?«

Dora biss die Zähne zusammen, damit sie das junge Mädchen nicht anherrschte. Es war alles andere als romantisch gewesen, wie Helens Herz in tausend Scherben zersprungen war, als Charlie starb. Ebenso wenig hatte es etwas Romantisches gehabt, mitansehen zu müssen, wie Helen Tag für Tag dafür gekämpft hatte durchzuhalten, bis ihr schließlich doch alles über den Kopf gewachsen war.

Dora war überzeugt gewesen, dass ihre Freundin sich nie davon erholen würde, aber dann war David McKay gekommen, und mit seinem medizinischen Talent hatte er Helens gebrochenes Herz wieder zusammengefügt.

Allerdings kannte Dora ihre Freundin gut genug, um zu wissen, dass sie todunglücklich wäre, wenn sie wüsste, dass alle über sie tratschten.

»Können Sie mir den Weg zur Ambulanz zeigen?«, fragte sie, um das Thema zu wechseln. »Und wenn Sie mir vielleicht etwas über Dr. Jameson erzählen könnten …«

Es war tatsächlich der Simon Jameson, an den Dora sich erinnerte. Er kam eine Minute vor seinem ersten Patienten herein, gutaussehend mit rosigen Wangen und blondem Haar. Sein weißer Kittel spannte sich über seinen breiten Rugby­spieler-­Schultern.

»Du meine Güte, wenn das nicht Schwester Doyle ist!«

Dora lächelte. »Jetzt Schwester Riley, Doktor.«

»Ja, richtig. Ich habe gehört, dass Sie geheiratet haben. Welch ein Verlust für uns andere.« Er zog ein Gesicht, das eher komisch als tragisch wirkte.

Dora lachte. »Hören Sie auf! Soweit ich mich entsinne, bevorzugten Sie Blond.«

Er grinste sie an, was ihn noch jünger machte, als er mit seinen vierundzwanzig Jahren ohnedies war. »Hätte ich mir denken können, dass Sie sich daran erinnern!«

Seine heitere Art half Dora, sich etwas sicherer zu fühlen. Trotzdem zitterte sie vor Nervosität, als der erste Patient kam. Dem Mann war ein Gastrostoma gelegt worden, ein Zugang für eine Magensonde durch die Bauchdecke, und nun war er gekommen, um sich die Fäden ziehen zu lassen. Dora hatte ihre liebe Not, ihre Hände ruhig zu halten, als sie den Katheter gründlich reinigte und ihn Dr. Jameson zurückgab.

Bald aber hatte Dora sich wieder eingewöhnt und fand alles weniger angsteinflößend. Sie fand in den Rhythmus, ging ganz im Reinigen und Sterilisieren der Instrumente, im Prüfen und Säubern von Wunden, im Verbandswechsel und Massieren auf. Viele der Patienten waren postoperative Fälle, deren Wunden sich infiziert hatten. Dora tupfte sie sorgfältig sauber und behandelte sie mit antiseptischem Puder, wobei sie den Atem hinter ihrer Maske anhielt, damit sie den scheußlichen Geruch nicht inhalierte.

»Es ist Krieg«, sagte Dr. Jameson. »Wir sollen die Patienten nach ihrer OP baldmöglichst nach Hause schicken, anstatt ihnen die Möglichkeit zu geben, sich auf der Station zu erholen. Und leider achten die wenigsten von ihnen darauf, ihre Wunden sauber zu halten, sodass sie am Ende wieder genauso schlecht dran sind wie vorher.« Er schüttelte bedauernd den Kopf. »Aber wer sind wir, solche Dinge in Frage zu stellen, was, Schwester? Also, wen haben wir als Nächsten auf der Liste? Wir beeilen uns lieber, denn ich muss in einer halben Stunde auf Station sein.«

»Tut mir leid, Doktor.« Dora war sofort verlegen und sah hastig ihre Notizen durch. »Ich versuche, schneller zu sein.«

»Ist schon gut, Schwester. Es braucht eine Weile, sich wieder einzufuchsen, nicht wahr? Außerdem ist es ja nicht so, als würden mich oben dringende Notfälle erwarten.«

Er war genauso freundlich, als sie das erste Mal eine intramuskuläre Injektion verabreichen musste. Erneut fingen ihre Hände an zu zittern, doch zum Glück lag der Patient bäuchlings auf der Liege und schien nichts mitzubekommen.

Dr. Jameson lächelte ihr zu. »Du liebe Güte, Schwester, ich war nicht sicher, ob die Nadel im Hinterteil des Patienten oder doch in der Matratze landen ...

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