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Die Nebel des Morgens

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über dieses Buch
  4. Über die Autorin
  5. Titel
  6. Impressum
  7. Widmung
  8. Teil 1: Vegur, Der Weg, Aufgesang
    1. Das Land der Untergegangenen. Die erste Erinnerung
    2. Das Land der Untergegangenen. Die zweite Erinnerung
    3. Das Land der Untergegangenen. Die dritte Erinnerung
    4. Das Land der Untergegangenen. Die vierte Erinnerung
    5. Das Land der Untergegangenen. Die fünfte Erinnerung
    6. Das Land der Untergegangenen. Die sechste Erinnerung
    7. Das Land der Untergegangenen. Die siebte Erinnerung
    8. Das Land der Untergegangenen. Die achte Erinnerung
    9. Das Land der Untergegangenen. Die neunte Erinnerung
  9. Teil 2: Hjartan, Das Herz, Abgesang
    1. Das Fest
    2. Das Land der Untergegangenen. Die zehnte Erinnerung
    3. Das Land der Untergegangenen. Die elfte Erinnerung
    4. Das Land der Untergegangenen. Die zwölfte Erinnerung
    5. Das Land der Untergegangenen. Die dreizehnte Erinnerung
    6. Das Land der Untergegangenen. Die vierzehnte Erinnerung
    7. Das Land der Untergegangenen. Die fünfzehnte Erinnerung
    8. Das Land der Untergegangenen. Die sechzehnte Erinnerung
    9. Das Land der Untergegangenen. Die Letzte Erinnerung
  10. Das Vermächtnis des Bryndt Högnisson

Über dieses Buch

Europa im späten fünften Jahrhundert. Ein Skalde wird von zwei Soldaten entführt und verschleppt. Obwohl der Dichter seit zwei Jahren kein Wort mehr gesprochen hat, ist er für den machtgierigen Auftraggeber der Entführung, einen minderen Burgunderkönig am Rhein, wertvoller als pures Gold. Denn er ist Bryndt Högnisson, das Kind von Königin Brynhild und ihrem heimlichen Geliebten Hagen von Tronje. Und Bryndt ist der Einzige, der die Wahrheit über die namenlose Tragödie im Hunnenland kennt ...

Über die Autorin

Viola Alvarez, in Lemgo/Westfalen geboren, schreibt seit 2003 historische Romane, u. a.»Die Nebel des Morgens«, eine Neufassung des Nibelungenlieds. Mit »Der Himmel aus Bronze« legt sie zwei spannende Romane um das größte Geheimnis der Bronzezeit vor. Die Autorin lebt mit ihrem Mann und den gemeinsamen Kindern in der Nähe von Köln.

Viola Alvarez

Der Nebel
des Morgens

Verbotene Erinnerungen
des letzten Nibelungensohns

Roman

Für meine Mutter

Vegur
Der Weg
Aufgesang

Das Land der Untergegangenen.
Die erste Erinnerung

Das wahre Nebelland liegt zwischen gestern und heute. Aber was ist schon wahr? Wer kann schon behaupten, dass die Bilder in seinem Kopf wirklich das zeigen, was gewesen ist?

Schaut dieses Bild, Ihr Fremden.

Glaubt Ihr mir, was ich jenseits der Nebel sehe?

Ein Boot mit zwei Männern darin. Es ist Nacht, der Wind weht träge, aber kalt. Beider Umhänge, einer rot, einer schwarz, sind feucht und klamm. Der von ihnen rudert, der Rote, lehnt sich so in die Strömung, dass ihm schließlich ein Ruder bricht, das Boot trudelt, treibt ab. Der andere Mann beginnt zu schreien.

Er fürchtet sich und fängt zu seinem Schutz mit der Anrufung seines Gottes an.

»Was soll das?«, grollt der Rudernde mit der Stimme eines wilden Tieres. »Was glaubst du, dass so was jetzt hilft!«

Das Boot schlingert weiter, Ufer ist nirgendwo mehr zu sehen. Der Mann in Schwarz will ohnehin nicht in das fremde Land. Die Wasser gurgeln, als würden die Geister lachen, den Feigen verlachen, wie sein Fährmann ihn gewiss verlacht.

Der Betende wird still, weil es ihm übel ist von den schnellen unvorhersagbaren Wendungen des Bootes, der Nässe, der Angst.

Er ist zum Heldentum nicht bestellt gewesen, nie.

Hilflos erbricht er sich in die schwarzen Wasser des schwarzen Flusses. Dann sagt er ganz leise: »Ich hab nun mal nicht Euren Mut, Herr. Ich möchte nur nach Hause.«

Es ist so dunkel und schwadig, dass keiner von beiden des anderen Gesicht mehr sehen kann. Aber es scheint dem Betenden, dass der Fährmann seine ewige Augenbinde abnimmt. Nie hat jemand den Finsteren ohne dieses Tuch über seinem fehlenden Auge gesehen. Dann blitzt dumpf eine Klinge in der Finsternis.

»Nein! O Herr Jesus, nein!«, flüstert der Betende. Dann zerreißt ihm ein Schrei die Seele, den er nicht mehr vergessen wird, ein Schrei, der die Nacht und die Wasser und die Fremde aufhören lässt.

Der Schrei eines Tieres, denkt er – und weiß doch, es ist sein wilder Fährmann, der so geschrien hat. Der Schrei eines Menschen, den er nie als Menschen gesehen hat. Eine Wolke lässt den Mond frei, nur einen Augenblick, und er sieht den großen Mann, den Unbesiegten, wie er mit gefletschten Zähnen keuchend etwas in seinem Schoß birgt. Das Boot dreht sich weiter, die Finsternis kehrt wieder. »Herr?«, fragt der Schwarzrock bestürzt. »Was ist Euch?«

Er versucht zu verstehen: alles zu verstehen. Wie er auf diese Höllenfahrt kam, weit weg der Welt, wie er sie kennt, allein mit dem Unheimlichen, der ihm das Blut gefrieren ließ, jenseits der Kälte mit seinem Schrei.

»Du willst nach Hause, ja?«, knurrt da der Held noch immer in seinem verborgenen, unbegreiflichen Schmerz. Der Schwarzrock nickt. Er will leben, er will es warm haben, er will seine Tage ohne Überraschungen aneinander reihen, Perlen der Bescheidenheit an einer einfachen Schnur, bis zu seinem Ende. Dies soll nicht sein Ende sein, denkt er immer wieder. Da greift sein fürchterlicher Begleiter nach seiner Hand und zwingt ihm etwas hinein, etwas, das in diese Binde gewickelt ist. Er fühlt den Stoff und etwas darin, das ist warm und feucht, aber auch metallen. »Halt mir das«, raunt der Fährmann.

»Lass es nicht los, bis du wieder in der Heimat bist. Lass es nicht los –« Er bricht ab, aus Schmerz? Der Schwarzrock kann keinen Finger rühren, er traut sich nicht, zu fühlen oder zu schauen, was er da in der Hand trägt.

Da erhebt sich der Fährmann im kreiselnden Boot und packt den Wimmernden. Er flüstert ihm etwas ins Ohr, das nicht einmal die Wassergeister hören können, das selbst den Winden entwischt.

»Ohh«, stöhnt vor Schreck und Erkennen der Schwarze, der so klein und schutzlos in den Armen des Herrn hängt.

Eine Winzigkeit lang sehen sich die beiden ins Gesicht.

»Ich verspreche«, haucht der Schwarzrock.

»Ich weiß«, antwortet sein Henker mit fast einem Lächeln.

Dann wirft er ihn aus dem Boot in die Kälte des schwarzen Flusses. »Ich verspreche«, gurgelt der Schwarzrock, er hält die Hand mit dem ihm Anvertrauten hoch aus den Fluten, die gierig an seinem Mantel ziehen.

»Ich verspreche«, schreit er und schluckt Wasser, er weiß gar nicht, wo das Ufer wäre, nach dem er sich sehnen könnte.

»Ich verspreche«, spuckt er hustend, er sieht das Boot schon gar nicht mehr. Er ist kalt, er strampelt und verliert einen Schuh.

Tausend unsichtbare nasse Hände drücken ihn unter die kleinen und großen Wellen. Wenn er beide Arme zum Schwimmen nehmen könnte, dann wäre es leichter. Aber in der rechten Hand hält er, was er nie wieder loslassen darf, bis zur Heimat.

Er taucht wieder unter, Wasser in der Nase und dem Mund, Dunkelheit überall. Er will schreien, wie der andere eben noch schrie. Ein Schrei, das wird dem Schwarzrock jetzt klar, der etwas mit einem Ende zu tun hatte. Er strampelt matter mit den Beinen. Ihm ist kein solcher Schrei vergönnt. Nur den Großen gebührt es, ihre Seele so herauszuschreien. Er ist kein Großer. Aber er will nicht loslassen. Wenigstens will er sein Wort halten. Auf seine kleine Art hat er immer versucht, wacker und aufrecht zu sein. Gerade jetzt musste er nun noch so ein großes Versprechen geben. »Nicht loslassen«, hämmert es noch in seinem Kopf, als die Wasser von allen Seiten gegen seinen Schädel drücken.

Als er am Morgen erwacht, halb erfroren, aber lebend, liegt er am Ufer, das zu seiner Heimat führt. Er hustet und schämt sich. Denn es ist ihm, als wären in der höchsten Not dieser furchtbaren Nacht nackte Weiber mit schilfgrünem Haar ihm zu Hilfe geschwommen und hätten ihm mit tiefen Küssen die schönste Luft seines Lebens geschenkt. Ihn ans Ufer gezogen und ihn gerettet. Ihn in seinem vierzigsten Jahr eines kleinen, bescheidenen Lebens abermals geboren aus den Fluten des Schreckens und der Angst.

Der müde Schwarzrock schüttelt den Kopf.

All seine Erinnerungen an die letzte Nacht, die allmählich in sein verängstigtes Bewusstsein dringen, müssen Trugbilder sein, Narrheiten seiner Pein.

Da öffnet er die rechte Hand, die er um etwas gekrampft hält. Und trotz des tiefen Grauens, das sich sogleich auf ihm niederlässt wie ein sirrender Schwarm Stechmücken, wirft er nicht von sich, was er sieht.

Dann ist es doch wahr? Alles? Er rappelt sich auf und versucht, zum anderen Ufer zu sehen. Aber da ist niemand mehr. Oder war nie jemand. Wie weit mögen sie wohl abgetrieben sein?

Er hat geschworen, er wird nicht loslassen. Er wird diesen Schwur halten. Sein kleines Leben, schlichte Perlen an einer schlichten Schnur. Nun ist für immer ein Knoten in dieser Schnur, den kann er nur lösen, wenn er sein Versprechen hält. Er schließt seine blau gefrorenen Finger wieder um das Grausige, das er nach Hause tragen muss.

»Im Namen Gottes«, flüstert er und geht mit dem rechten Fuß, an dem ihm der Schuh fehlt, voran den ersten Schritt eines unendlich langen Weges zurück. Er trägt ein Pfand und ein Geheimnis.

Seht Ihr ihn, Ihr Fremden?

Da geht er.

Und die Nebel des Morgens, wie auch die Nebel des Vergessens schließen sich schon hinter ihm.

Vor dem Anfang

Eine Geschichte mit ihrem Anfang zu beginnen, hieße zu glauben, dass es ein Ende geben könnte. Beides ist eine Lüge. Diese Geschichte hat keinen Anfang, und sie hat kein Ende.

Es gibt nur Erinnerungen und Vergessen. Das Vergessen gewinnt schließlich immer. Der Kampf zwischen Lügen und Wahrheit endet auf einem verlassenen Schlachtfeld, und nichts bleibt außer stummen Trümmern, die beiden gedient haben.

Dies ist die Geschichte meiner Familie. Alle haben sie mittlerweile so oft gehört, dass es jedem so vorkommt, als ginge es dabei um Leute, die man wirklich kennt. Für mich trifft das zu.

Ich erzähle von wirklichen Menschen, nicht jenen Sagengestalten, die überlebensgroß durch hehre und doch simple Lieder sirren. Ich weiß, wie sie aussahen, wie sie klangen, wie sie rochen.

Ich wünschte, ich könnte sagen, dass dies wirklich nur meine Geschichte ist, eine Familiengeschichte. Etwas, das wir alle haben, vor dem wir alle fortlaufen, was uns trotzdem sagt, wer wir sind.

Heimlich, verborgen hinter meiner Stille, der Gleichmut gegen die Dummheit und Brutalität, die mich umgibt, wünsche ich mir, dass es allein meine Erinnerung an Untergegangene, Vergessene und Verzerrte wäre, die mir erklären würde, was unerklärlich ist. Eine Geschichte, die mich in dieser Welt verankert, in der es mir immer so schwer gefallen ist zu sein. Ich wünsche mir, dass mein Leben einen Sinn hätte durch meine Geschichte, das Leid, die Tränen, das viele ungewollte Sehen, die Worte, die mir so leicht kommen. Aber es ist nicht nur meine Geschichte. Es ist die Geschichte so vieler Menschen, fast alle tot zu dieser Zeit, eine Geschichte der Untergegangenen. Es gibt Menschen, die habe ich gesehen, in Nord, Ost, Süd und West, denen ist nie etwas Besonderes geschehen. Sie leben, sie arbeiten, sie sterben. Ich habe diese Menschen lange beneidet.

Was macht meine Geschichte anders?

Es ist etwas daran, das mit Recht zu tun hat.

Vielleicht ist das der Sinn meines Lebens, vielleicht der einzige, diese Geschichte zu erzählen, um das Unrecht zu Recht zu machen, die Lügen zu Wahrheit. Mag sein, dass ich nicht das Ende dieses Liedes bin, sondern nur eine Wendung.

Ich überlasse es, Ihr Fremden, Eurem Urteil.

Wenn meine Mutter diese Geschichte erzählte, später in ihrer Krankheit, dann fing sie immer so an:

»Als die Götter sich langweilten, begannen sie ein Spiel.

Sie warfen uns alle in einen Beutel wie Runen und schüttelten uns im Dunkeln hin und her. Dann leerte Odin selbst den Beutel aus und lachte. ›Jetzt wollen wir sehen!‹, sagte er, ›jetzt wollen wir sehen, wo sie hingehen werden, wenn ihnen nicht mehr schwindlig ist!‹ Und seine Raben lachten auch.

Dann sahen die Götter uns zu, wie wir versuchten, uns zurechtzufinden. Aber es unterhielt sie nicht lange. Als die Götter sich langweilten und spielten, gaben sie nicht Acht. Es geschahen Fehler«, sagte sie. Dann sah sie mich an.

War ich das in ihren Augen? Ein Fehler? Oder bat sie im Gegenteil mich um Verzeihung für die Fehler, die sie selbst gemacht hatte. Fehler, die mein Leben lange formen sollten, zu lange. Ich brauchte so viele Jahre, bis ich aufhörte, nur der Sohn meiner Eltern zu sein. Alte Fehler, junge Fehler, es ist egal.

Ich bin lange kein Kind mehr. Ich glaube nicht an die Götter und ihre Spiele. Ich glaube nur an den Wind und seine Worte. Ich bin nicht verrückt, auch wenn alle das denken.

Meine beiden Wächter unterhalten sich oft darüber, wie seltsam ich ihnen vorkomme. »Der hat sie doch nicht alle«, sagt der, der wie ein Hahn aussieht. Das sagt er jeden Morgen, seit sieben Tagen. »Der ist so verrückt wie eine Fledermaus«, sagt dann der andere jedes Mal in seiner nervtötenden Einfallslosigkeit. Jeden Morgen, seit sieben Tagen. Der Hahn und der Einfallslose – das ist nun meine Gesellschaft. Sie finden alles, was ich tue oder meistens eher nicht tue, bemerkenswert, als Beweis meiner Verrücktheit. Mein Geisteszustand scheint sie sehr zu beschäftigen, ich vermute, ihr Auftraggeber hat sie entsprechend vorbereitet. Ich finde es viel eher bemerkenswert, dass jemand so beschränkt sein kann und doch die weite Reise gemeistert hat, um mich zu finden. Zumal ich mich selbst schon fast vergessen hatte. Es macht mir nichts aus, dass sie mich umbringen wollen.

Ich warte.

Sie wollen, dass, was ich weiß, mit mir verloren geht. Was für eine dumme Vorstellung. Was ich weiß, kann jeder andere auch wissen, wenn er nur zu hören wüsste. Es ist das Zuhören, das die anderen nicht können. Ich kann.

Wenn ich mein Ohr in den Wind lege, auf schrägem Hals, sodass mir kein Flüstern verloren geht, dann weiß ich genau, wie es war. Ich erinnere mich an alles. Ich kenne sie genau, die Lebenden und die Toten, jeden ihrer Gedanken. Und wenn auch das Vergessen schließlich gewinnen muss, dann habe ich aber noch nicht aufgegeben. Mit meinem Atem will ich noch einmal an ihm vorbeireiten, ihm meine Wortkrieger zeigen, meine ganze Macht des Erinnerns. Dann kann es kommen und mich vernichten. Ich habe nicht gelernt, wie man aufgibt.

Woher hätte ich es lernen sollen? Von ihr? Von ihm? Der Wind lacht. Ich lache auch. Ich weiß genau, was geschah. Ich habe keine Angst. Wenn mein Tod kommen wird, werden zwei herrliche Frauen in goldenem Glanz mich in die Halle meiner Ahnen führen, wo meine Lieben schon jetzt auf mich warten, alle.

So wird es sein, oder?

Als die Götter sich langweilten, da flüsterten sie den irdischen Herrschern ins Ohr, dass sie sich erheben, dass sie herumziehen und sich an Erfahrungen bereichern sollten. Aber die Könige und Fürsten des Südens, des Ostens und des Westens hörten den Göttern nur schlecht zu. Sie verstanden nur »Reichtum«. Sie sprangen auf und schrien nach ihren Pferden. Und alle ritten nach Rom, wo sie reich werden wollten, diese Toren.

Allein die Herrscher des Nordens hörten besser zu. Sie erzählten zuerst ihren Frauen und dann ihren Räten von den Worten der Götter. Sie saßen zusammen und dachten nach. Dann beschlossen sie zu warten. Die Götter hatten nicht gesagt, dass sie sofort aufbrechen sollten. Deswegen zogen sie nicht nach Rom, noch nicht. Wenn alle nach Rom zögen, dachten sie, dann gäbe es wohl nur einen, der dort auch ankäme. Mit dem könnte man sich ja dann später treffen. Wenn Odins Raben schon fett wären.

»Das ist gut, wir warten, wer ankommt«, sagten die Räte.

»Warten ist immer gut«, sagten die Frauen, »es wird auch Winter. Da muss man nicht unbedingt nach Rom fahren.«

Und die Herrscher und Könige des Nordens warteten.

Meine Mutter war Königin auf den Inseln.

Nur die ganz Alten wissen noch von ihr. Niemand lernt die Namen ihrer Ahnen, denn sie wollte vergessen werden. Selbst die ganz Alten, die sie noch kennen, haben Angst, sich zu erinnern. Mittlerweile reden alle so, als wäre meine Mutter eine Göttin, aus Feuer und Eis geboren, kein Mensch. Was für ein Unsinn.

Ich kenne meine Ahnen.

Meine Mutter war Brynhild Svenkesdottir, Tochter der Ylva, Tochter des Svenke, beide aus dem Geschlecht der gefürchteten Königin Yenka mit den blauen Zähnen.

Die Namen meiner Ahnen strahlen heller als jeder polierte Schild in der Morgensonne. Es waren tapfere Krieger und starke Bauern, große Lügner und herrliche Denker, große Könige und Königinnen zu ihrer Zeit. Ich vergesse keinen.

Es begann zu einer Zeit, da die Sonnenbarke einen Tag lang verankert geblieben war und viele sich um den Fortgang des Lebens sorgten. Das war vor mehr als einhundert Jahren.

König Vymanrik, der Tapfere, erschreckt durch die Dunkelheit dieses Tages, ließ verkünden, dass er zur Fortsetzung des Lebens eine Frau nehmen wolle. Und von überallher brachten ehrgeizige Leute sogleich ihre Töchter, eine schöner als die andere. Starke, gesunde Mädchen, an denen nichts auszusetzen war. Mein Ahnvater jedoch hatte keinen Sinn für schöne Frauen, er war ein alter Kampfstier, dem man außer Schnauben und Scharren nichts Neues mehr beibringen konnte. Er sah die vielen Mädchen nur an und zuckte die Schultern: »Die sehen alle gleich aus«, klagte König Vymanrik seinen Räten. »Woher soll ich wissen, welche sich zur Königin eignen würde, die mein Reich verteidigt, wenn ich tot bin?«

Die Räte berieten eingehend und verkündeten: »Versprecht allen eine Kleinigkeit, schenkt sie ihnen und nehmt sie ihnen dann wieder weg. Eine wahre Königin wird sich daran beweisen.«

Und König Vymanrik schenkte jeder von ihnen einen Ring aus rotem Gold, in den war Wolfshaar eingeflochten. Und jeder sagte er, nur sie erhalte diesen Gunstbeweis. Dann, als alle sich freuten, die Auserwählte zu sein, ging er hin und forderte den Ring zurück. Einige Mädchen weinten, einige schmollten, einige riefen nach ihren Vätern. Aber alle gaben den Ring zurück.

Nur eine weigerte sich: »Das ist mein Ring, König«, sagte sie und sträubte sich.

»Gib ihn mir, ich will ihn wiederhaben«, forderte Vymanrik und streckte die Hand aus, ihn der Störrischen vom Finger zu ziehen. Da biss sie ihm, so fest sie konnte, in den Daumen, dass schon Blut kam. Hätte er nicht aufgegeben, sie hätte ihm den Daumen abgebissen, das ist sicher.

»Donnerwetter!«, sagte König Vymanrik und war auf einmal ganz verliebt. Er sah dann auch, dass das Mädchen vorn zwei blaue Zähne hatte, und fand sie unvergleichlich schön. Keine der anderen hatte blaue Zähne. Keine der anderen hatte überhaupt ihre Zähne benutzt, um Vymanriks Herz zu gewinnen.

Die es getan hatte, hieß Yenka Fyrlissdottir und kam von den östlichen Bergen, wo zwischen Steinen und Regen die größten und stärksten unserer Leute siedeln.

»Die will ich heiraten«, verkündete Vymanrik seinen Räten, »und wenn ich nicht mehr bin, wird sie das Reich mit Klauen und Zähnen verteidigen.«

So ließ er alle anderen Ringe einschmelzen, und nur Yenka mit den blauen Zähnen behielt den ihren zum Zeichen, dass sie Königin auf den Inseln war, Verwalterin von Vymanriks Reich.

König Vymanrik und Yenka Fyrlissdottir hatten acht Töchter. Jeder hatte sie auf Vymanriks Geheiß mit ihren blauen Zähnen in den Hintern gebissen, als sie sie gebar, damit sie niemand stehlen würde.

In seinem achtzigsten Jahr, neunzehn Jahre, nachdem er Yenka geheiratet hatte, starb König Vymanrik.

»Was ich meinen alten Kerl doch vermisse, das hätte ich nicht kommen sehen«, sagte Yenka oft und starrte schwermütig ins Feuer. Sie trauerte sehr um ihn und nahm trotz einer reichen Auswahl keine Liebhaber, nachdem er tot war. Aber sie verteidigte, wie vorausgesagt, sein Reich mit Klauen und Zähnen, und niemand nahm ihr auch nur ein Hammelbein weg. Sie starb schließlich zu Mittwinter. Das war in einem Jahr, als es so kalt war, dass die Felsen barsten und das Wasser der Küsten gefroren war, sodass man sie nicht zur See verbrennen konnte, sondern ihr Feuer auf dem Eis entzünden musste.

»Yenka mit den blauen Zähnen wird sich schon bis zum Wasser durchbeißen, bis nach Walhalla, wenn es sein muss«, sagte einer ihrer Räte, und alle lachten und fanden, das wären die besten Worte, die man zu Königin Yenkas Tod hätte finden können.

Vymanriks und Yenkas zweite Tochter, Ylva die Ältere, blieb als Einzige an Königin Yenkas Hof und hatte zehn Kinder mit einem Mann, den ihr das Meer vor die Füße gewaschen hatte. Hver nannten sie ihn – wer? Denn er sagte nie, woher er kam oder wie er hieß. Und weil er aus dem Meer kam, nannte man ihn schließlich Hver Sjórson, Sohn des Meeres. Hver und Ylva waren dreißig Jahre verheiratet. Vier ihrer zehn Kinder überlebten. Und Ylva schärfte ihren Kindern sämtlich ein, nie Angst vor der Fremde zu haben, denn Hver war schließlich aus der Fremde gekommen, somit wären sie alle Kinder des Unbekannten.

Ylvas und Hvers dritte Tochter, Laila Hversdottir, wurde meine Urgroßmutter. Sie wollte erst nicht heiraten, sondern fuhr zur See. »Das ist Hvers Blut«, sagten alle, »der kam ja direkt aus dem Meer.«

Vier Jahre war Laila mit den Seefahrern fort, und wann immer sie wiederkam, brachte sie genauso reiche Beute mit wie jeder andere ihrer Gefährten. Als sie nach den vier Jahren heimkehrte, beschloss sie, sich einen Mann zu suchen.

Sie heiratete Auslís Ansson, der nur einen Hof entfernt lebte.

Auslís Ansson war ein wackerer Mann, ein guter Krieger, aber vor allem ein Künstler: Er konnte auf einer Flöte blasen, dass die Felsen schluchzen mussten, so schön war es. Noch heute gibt es auf den Inseln Wasserfälle, die tragen seinen Namen, Auslís Vatn werden sie genannt, denn als Auslís vor diesen Felsen spielte, da brachen die Tränen nur so aus ihnen heraus und versiegten nie mehr, auch nicht als Auslís schon lange weitergezogen war.

Vermutlich war es sein Flötenspiel, was Laila Hversdottir ans Herz gegangen war. Sie war ihm eine gute und zugewandte Ehefrau, da weiß niemand anderes zu berichten.

»Bevor ich euren Vater heiratete«, sagte Laila ihren Söhnen oft, »wusste ich mit Männern nicht mehr anzufangen, als ihnen bisweilen eins aufs Maul zu geben!« Zwischen Laila und Auslís war es eindeutig er, der der Empfindsamere war.

Laila und Auslís hatten sechs Söhne, einer größer und stärker als der andere, sodass Laila immer mal wieder zur See fahren musste, um diese Kinder überhaupt zu ernähren.

Ihr zweiter Sohn, Svenke Auslíson, war mein Großvater.

Als Ylva die Ältere starb, war sie schon sehr alt. Aber sie war eine gute Frau und Königin gewesen, deswegen tat es allen leid.

»Manche könnten gut ein bisschen kürzer leben, und es würde einem nichts abgehen«, sagte Auslís zu Laila, die untröstlich war, »aber deine Mutter hätte noch was bleiben können. Ich wäre nicht dagegen gewesen.«

Daran kann man sehen, was für ein angenehmer Mensch Ylva die Ältere war, denn selten vermisst ein Mann die Mutter seiner Frau, zumal wenn sie im gleichen Haus lebt.

Es kamen viele Trauernde an den Hof, um Lailas Mutter auf die letzte Fahrt zu schicken. Auch Orm Bengtson, ein Fürst von der anderen Seite des Meeres, und seine Frau Asgard, die von Stammmutter Yenkas ältester Tochter abstammte.

Asgard war schwanger. Sie hatte schon lange geträumt, dass es eine Tochter werden würde.

Orm und Asgard beschlossen, dass sie das Kind, das Asgard trug, nach der Verstorbenen benennen wollten.

Svenke Auslíson, mein Großvater, war damals sieben Jahre alt, und er hat genau gesehen, wie seine spätere Frau geboren wurde.

Kaum war das Kind ganz an der Luft, drängte er sich zu Asgards Lager vor und sagte: »Ich nehm sie dir schon ab, Tante. Das macht mir nichts aus.«

Als Asgard und Orm nach drei Jahren wieder abreisten, um nach ihrem Hause jenseits des Meeres zu fahren, blieb Ylva die Jüngere bei Königin Laila und König Auslís.

Das heißt, sie blieb bei Svenke, denn die Eltern konnten das Kind nicht von ihm fortlocken, so sehr sie sich auch mühten. Immer wieder, wenn die Eltern aufbrechen wollten, versteckte sich meine Großmutter Ylva bei den Kühen oder in der Waffenkammer, und einmal lief sie sogar ins Moor. Solcher Eigensinn ist ein Erbgut von Yenka mit den blauen Zähnen, das wissen alle. »Hier bleiben!«, heulte die kleine Ylva jedes Mal, wenn man sie fand. Da sahen Orm und Asgard schweren Herzens ein, dass sie ihre Tochter nicht mitnehmen konnten, wenn sie sie nicht ganz und gar unglücklich machen wollten.

Sie besprachen sich mit Auslís und Laila, die ihre Nichte gerne als Kind im Hause aufnehmen wollten.

»Ich pass schon auf sie auf«, sagte außerdem mein Großvater Svenke, »das macht mir nichts aus.« Als ihre Eltern fortritten, strahlte Ylva und sagte sehr zufrieden: »Hier bleiben!«

Man sagt also zu Recht, dass meine Großeltern, Ylva und Svenke, nie Augen für andere hatten, und es ist bekannt, dass sie schon, als Ylva vierzehn war, vor dem Stor Ting erschienen und eine Heiratserlaubnis haben wollten. Alle im Rat fanden, dass Svenke ein besonnener und kluger junger Mann wäre, der von seinen Eltern nur das Beste ererbt hatte, und sie erlaubten ihm deswegen, Ylva schon im nächsten Jahr zu heiraten. Es wurde eine Hochzeit, die sieben Tage lang dauerte, wenn auch die Brautleute nur für die erste Stunde anwesend waren.

Dann zog Ylva Svenke eilig in die Kammer.

»Das macht ihm sicher nichts aus«, johlten seine Brüder, die alle noch unverheiratet waren. Es heißt, dass Urgroßmutter Laila daraufhin jedem einen Schlag verpasst hätte. Am achten Tag nach Svenkes und Ylvas Hochzeit dankten Auslís und Laila als Könige ab.

»Der Junge soll ruhig machen«, sagte Auslís, »der kann das.« Nun hatte er noch mehr Zeit, seine Flöte zu spielen, als vorher, wo er doch herrschen musste.

Obwohl, wie ein anzügliches Wort ging, an Ylvas und Svenkes Hof in den nächsten Jahren eifrig an einer Verlängerung der Ahnenkette gearbeitet wurde, bekamen beide vierzehn Jahre lang keine Kinder. Vielleicht wurde Svenke deswegen ein so mächtiger und reicher König, weil er sich nicht um die Erziehung seiner Kinder kümmern musste, sondern mehr Zeit hatte als andere Könige, die Beutezüge und Kriege zu besorgen. Nach nur fünf Jahren Ehe war ihr Hof zwölf Mal so groß wie zu Zeiten Hvers und Ylvas der Älteren, und alles war aus Stein gebaut. Die endlosen Schnitzereien der Verkleidungen an den Türen und Erkern erzählten die Geschichten aller Götter, bezeugten den Hergang der Erschaffung der Welt, der Himmelslichter und der großen Helden. Wir hatten im Norden keine Städte wie die Römer oder die Aquitanier, aber wir haben unsere Burgen. Svenkes und Ylvas war die schönste von allen.

Járnsteinn nannten sie ihre Feste, weil die Mauern im Winter schimmerten, als wären sie aus Eisen. Vom Turm ihrer Burg aus konnte man weiter schauen, als man an einem Tag reiten oder an einem Morgen bei gutem Wind segeln konnte.

Händler aus allen Ländern kamen zu ihnen, und man tauschte gute Waren. Innen wie außen war es in Járnsteinn bestens bestellt.

Sie hatten viele starke Krieger, die Svenke alle treu ergeben waren, Pferde und Schiffe und mehr Vieh als jeder andere König im Land. Nur Kinder hatten sie nicht.

Svenke verstand das nicht. Die Geburtsweiber und Heilfrauen hatten Ylva zigmal untersucht und immer wieder verkündet, sie wäre ganz gesund. Obwohl er sich nicht krank fühlte, hatte er zunehmend Angst, dass es an ihm liegen könnte. Er ging häufig zu den Priestern und fragte sie um Rat, aber es kam nichts dabei heraus. Sie sahen nur Wohlwollen der Götter für ihn und Ylva. Und keine Anzeichen für den Fluch der Kinderlosigkeit.

»Mir macht es nichts aus. Aber bist du nicht unglücklich, dass wir keine Kinder haben?«, fragte Svenke Ylva mit den Jahren immer häufiger. »Die werden schon noch kommen«, antwortete Ylva mit Zuversicht, »wenn es so weit ist, werden wir Kinder haben.«

Als Ylva schließlich achtundzwanzig war und Svenke bereits fünfunddreißig Jahre zählte, wurde sie eines Sommers plötzlich schwanger. Svenke erschrak fürchterlich, aber Ylva lachte ihn aus. Sie überstand trotz ihres hohen Alters die Schwangerschaft und die Geburt, als hätte sie jedes Jahr ihrer Ehe ein Kind geboren.

Meine Mutter, Brynhild Svenkesdottir, Königin auf den Inseln, wurde siebzehn Tage nach der Tagundnachtgleiche im Morgengrauen eines besonders wilden Frühlingssturms geboren.

»Das ist das Temperament deiner Mutter«, sagte Ylva zu ihrem Mann, wenn Brynhild mal wieder die Beherrschung verlor. »Genau das gleiche Wesen!«

»Es liegt am Frühlingssturm, in den du sie geboren hast«, behauptete Svenke dann immer ein wenig trotzig, denn auf Laila ließ er nie etwas kommen.

Sie hatten wohl beide Recht. Brynhild war wild und streitsüchtig wie die Seefahrerin Laila Hversdottir und wechselhaft wie ein Frühlingssturm. Sie dachte immer erst nach, wenn es zu spät war. Manchmal ging es gut, aber einmal sollte es ihr zum Verhängnis werden.

Weil Svenke nach der Aufregung der Geburt viel zu erschöpft und an Ylvas Seite eingeschlafen war, ging mein Urgroßvater Auslís mit seiner ebenfalls schlafenden Enkelin herunter ans Meeresufer und zeigte sie den Göttern. Er schwor, dass sich die Wolken des Sturms aufgetan und einen goldenen Sonnenstrahl auf die Neugeborene hätten fallen lassen. Götterlicht hieß es, das Kind sah aus wie mit Bronze überzogen.

Deswegen nannten sie sie Brynhild, die Gepanzerte.

»Odin selbst hat gelächelt, als er sie zum ersten Mal sah«, sollte er später sagen, als es schon vielen anderen Männern ebenso ergangen war.

Es waren überall ums Haus und am Himmel nur die besten Vorzeichen zu sehen. Als Svenke sich einigermaßen erholt hatte, ging er mit einem Ochsen und zwei Ziegen zu den Priestern und dankte ihnen. Der jüngere der beiden Priester war sehr eifrig und bot an, die Götter zum Schicksal des Neugeborenen zu befragen. »Der Vater hat es nicht gewünscht«, tadelte der Ältere, »also schickt es sich nicht!«

König Svenke jedoch war so glücklich, dass er nicht wollte, dass der junge Priester seinetwegen ausgezankt wurde.

»Es sind zwar nur die besten Vorzeichen am Himmel und am Haus gewesen«, sagte er, »aber sicher kann es nicht schaden, nach dem Willen der Götter zu fragen. Mir macht das nichts aus.«

Der ältere der beiden Priester schüttelte besorgt den Kopf, aber der jüngere warf gleich beflissen die Runen.

»Ah«, rief er beglückt, »Schönheit, Kraft und Scharfsinn.«

König Svenke lächelte, er hätte von der Tochter seiner Frau und der Enkelin seiner Mutter nichts anderes erwartet.

Der Priester warf erneut. »Wieder Kraft, doppelt und dreifach«, freute er sich, »ein starkes Kind, eine zukünftige Königin. Sie wird Waffen tragen und viele Siege erringen.«

Er warf zum dritten Mal: »Eigensinn, aber ein gutes Herz, etwas wild vielleicht, aber viel Liebe, ich sehe Frigga lächeln!«

Der junge Priester lachte selbstsicher.

»Drei Mal ist genug«, schaltete sich der Ältere nun doch ein.

Aber da hatte der junge Priester schon zum vierten Mal geworfen, vielleicht wollte er sich selbst mit guten Wahrsagungen übertreffen. Er lachte schon siegessicher und wollte weitermachen in seinem Lobpreis. Aber es kam anders.

Erschrocken starrte er auf die Runen und blieb stumm.

Svenke wurde es ganz kalt im Nacken: »Was?«, flüsterte er.

Der ältere Priester blickte ebenfalls auf die Zeichen.

»Eine Reise«, murmelte er schließlich. »Eine große Reise, weit fort.«

König Svenke schluckte: »Vielleicht geht sie zur See. Meine Mutter ist auch zur See gegangen. Und mein Großvater kam direkt aus dem Meer.«

Der junge Priester war ganz blass: »Ja. Vielleicht«, sagte er mit heiserer Stimme.

Der Ältere stieß ihn beiseite, er war sehr aufgebracht.

»Die Götter zeigen uns eine Reise. Aber es ist keine gute Reise, König. Lasst sie nicht auf diese Reise gehen. Verhindert es. Möglicherweise vergessen es die Götter dann.«

»Was?«, wollte Svenke wissen. »Was sollen die Götter vergessen?«

»Den Schmerz, König, die Reise führt in den Schmerz. Schmerz und namenloses Leid.«

Svenke wankte.

»Vergessen die Götter denn je etwas?«, fragte er.

Die beiden Priester schwiegen. »Sie hat dennoch all diese Gaben«, sagte der Ältere schließlich, »Kraft, Eigensinn, Stolz und Scharfsinn. Und die Liebe. Mit solchen Gaben kann man es mit dem Schmerz wohl aufnehmen.«

»Mit namenlosem Leid? Damit auch? Namenloses Leid?«, sagte Svenke erschüttert. Er hasste diese zwei Worte, er fühlte sie im Herzen wie eine Wunde.

»Macht sie stark, König Svenke«, sagte der Priester da, »die Zeiten werden für uns alle nicht leichter. Die Welt ist in Unruhe.«

Verstört kehrte Svenke auf seine Burg zurück. Ylva war schon auf, obwohl sie das Stehen noch sehr schmerzte, und wusch das Kind. »Schau sie dir an, Liebster«, rief sie, »ich hab ja gesagt, wenn sie so weit ist, dann kommt sie.«

Der König trat still neben seine Frau und legte den Arm um sie.

Namenloses Leid, hörte er den Widerhall in seinen Gedanken.

»Ich habe Angst um sie, Ylva«, flüsterte er seiner Frau ins Ohr, »dass ihr etwas passiert.«

»Halt sie mal«, sagte Ylva und ging mit zusammengebissenen Zähnen nach etwas suchen.

»Haben dir die Priester einen Floh ins Ohr gesetzt?«, fragte sie über die Schulter. Sie klang gereizt, ihrer Ansicht nach lief Svenke zu oft zu den beiden Sehern.

Svenke zuckte ertappt und knurrte etwas Unbestimmtes.

»Wusst ich’s doch«, fauchte Ylva und stöhnte, als sie sich bückte, um in einer Kiste unter ihrem Bett nach etwas zu suchen. »So ein Unsinn! Immer rennst du zu diesen Priestern. Kannst du was dran ändern, wenn sie dir heute schon sagen, dass es morgen regnet? Das Morgen gehört niemandem!«

Svenke brummte wieder, und Ylva fuhr gereizt fort, in ihrer Kiste zu kramen. Das Kind quäkte in seinen Armen, und er schuckelte es, wie er Ylva nach ihrer Geburt beruhigt hatte, damals vor neunundzwanzig Jahren.

Die kleine Brynhild verzog wie ungehalten das Gesicht, war aber gleich still. Svenke lächelte. Er fühlte sich schon etwas besser. Ylva hatte Recht. Er wusste das, weil Ylva eigentlich immer Recht hatte. Natürlich hatte sie sich auch schon geirrt, aber Svenke war zu höflich, sich daran zu erinnern.

Mit einem Schmerzenslaut richtete Ylva sich auf.

»Ich muss mich wieder hinlegen«, sagte sie, ging aber auf Svenke und Brynhild zu. »Hier, du Angsthase!« Mit diesen Worten ließ sie ein Beutelchen auf das Kind in seinen Armen fallen.

»Was ist das?«, fragte Svenke.

»Gib mir das Kind und mach’s auf«, befahl Ylva. Brynhild wurde an ihre Mutter überreicht. Svenke fingerte an dem Beutel herum und schüttelte überrascht einen Ring heraus, der in seiner Handfläche zu liegen kam. Der Ring war breit und golden, mit eingeflochtenem Wolfshaar, das stumpf und schwarz den rotgoldenen Glanz teilte.

»Was ist das für ein Ring?«, fragte er entgeistert.

Ylva mied seinen Blick. Sie ging mit dem Kind zum Bett und legte sich umständlich hin: »Das ist der Ring von Yenka mit den blauen Zähnen«, teilte sie erschöpft, aber auch etwas schuldbewusst mit. »Sie gab ihn meiner Großmutter Tjonte, die gab ihn meiner Mutter Asgard. Und die gab ihn deiner Mutter zum Aufbewahren für mich, als sie damals abreisten. Jetzt gehört er der Kleinen. Er schützt die älteste Tochter aus unserem Geschlecht vor allem Schaden und zeigt jedem unserer Verwandten überall auf der Welt, dass die Trägerin die Nachfahrin von König Vymanrik und Königin Yenka mit den blauen Zähnen ist. Wo immer deine Tochter hingeht, wird sie Königin sein. Beruhigt dich das, Angsthase?«

Svenke sah auf den Ring, dann auf Ylva und das Kind, und dann wieder auf den Ring. Die Angst, die er seit dem Besuch bei den Priestern empfunden hatte, war ganz und gar verflogen und von einem anderen unbekannten Gefühl ersetzt worden.

Er atmete tief durch:

»Also wirklich, Ylva«, stieß er schließlich hervor, »dass du und Mutter Geheimnisse vor mir habt, das macht mir nun wirklich was aus!«

So kam es, dass an dem Tag, als meine Mutter geboren wurde, König Svenke erst müde, dann glücklich, dann stolz, dann furchtsam, dann beruhigt und dann ärgerlich wurde.

Niemand konnte sich erinnern, dass er je so viele Stimmungen hintereinander gezeigt hätte, und schon gar nicht, dass ihm je eine Sache »etwas ausgemacht« hatte.

Jedenfalls sagten die alten Frauen schon gleich damals, dass Brynhild eine war, die Dinge in Unordnung bringen würde.

Es war an diesem Tag dann auch das erste Mal, dass Königin Ylva sich bei König Svenke entschuldigen musste.

»Das ist mal ein ganz neues Gefühl«, sagte er zu ihr, »es gefällt mir.«

Brynhild lernte noch im Winter ihres ersten Jahres laufen, an der Hand von meinem Urgroßvater Auslís, dem großen Flötenspieler.

Und erst zur zweiten Hälfte des darauf folgenden Jahres, weit nach Mittsommer, sprach sie ihr erstes Wort, klar und deutlich und mit einem Lächeln: »Nein!«

Am anderen Ende der Welt

Der Wind lacht heute den ganzen Morgen über. Er redet vom Frühling. Mir gefällt der Frühling auch, es ist dann so neu. Wer kann im Frühling ans Sterben denken. Es ist, als erlebte die Welt alles zum ersten Mal. Im Frühling waschen die Götter die Erde und bleichen den Himmel. Dann dichten, schnitzen und hämmern sie uns ein neues Jahr. Ich kann das alles hören, sehen und riechen. Meine Sinne sind ganz wach. Ich lache meine dummen Wärter aus. Sie hören den Wind natürlich nicht.

Der Wind kommt von Süden her, vom anderen Ende der Welt. Vielleicht sollte ich Heimweh haben nach dem Süden.

»Wo bin ich denn zu Hause?«, habe ich meine Mutter früher immer gefragt vor Ewigkeit und Ewigkeit, als es noch wichtig war, zu sprechen. Als ich dachte, es gäbe Antworten für mich. Heute weiß ich, dass alle Antworten nur Krücken sind, für die, die die Wahrheit des Lebens nicht ertragen. Ich bin stark geworden.

Als mein Kind starb, da dachte ich, sterben zu müssen.

Und als dann auch meine Frau starb, da dachte ich, erst jetzt zu wissen, was wirklicher Schmerz ist. Ich jammerte und zürnte den Göttern jahrelang. Dann verstand ich. Es gibt keinen Trost. Ein Zuhause brauche ich nicht mehr. Ich komme von hier und da. Ich bin wie der Wind. Und mein Name ist überall verboten.

Ich mache die Geschichten zu meinem Namen. Zum Namen der Verbotenen, der Erschlagenen, der Vergessenen, der Untergegangenen.

Und die Geschichten hören nie auf.

Als die Götter die Herrscher der Welt aufriefen, sich in Bewegung zu setzen, da zogen die Könige aus dem Osten, dem Süden und dem Westen nach Rom. Vielleicht waren sie neugierig, was mit Rom geschehen würde, jetzt, da es zerfiel.

Rom war wie ein alter Hund, der zu lange gelebt hat. Erst böse und gierig, dann fett, dann blind und nun wehrlos. Und wenn man erst einmal weiß, dass ein alter Hund blind und wehrlos ist, dann fürchtet man ihn nicht mehr, egal wie gefährlich er einmal war. Roms Knurren war nur noch ein Husten; die, die seinen Untergang ersehnten, witterten seine Schwäche. So kamen sie:

Aus dem Westen kam ein Fürst, der Angst hatte. Aus dem Osten kam ein Herrscher, der siegen wollte. Aus dem Süden kamen Fürsten, die essen wollten. Und bevor sie sich auf den blinden, alten, fetten Hund Rom stürzen konnten, trafen sie einander.

Sie trafen einander in Burgund.

Ich werde Burgund bald wiedersehen. Mir wird der Atem faul, wenn ich nur an ihn denke, dieser schwache Schlächter, wie viel wird er für meinen Tod bezahlt haben, frage ich mich? Was ist es den Herren am Rhein wert, dass sich wirklich niemand mehr erinnert?

Von Osten zog ein Fürst nach Burgund, der viele Namen hatte. Er war wie ein Feuer, fraß alles, was ihm im Weg lag, und zog rastlos weiter, wenn er nichts als Tod und Asche übrig gelassen hatte. Noch heute erschrecken sie die Kinder am Rhein mit seinem Namen. Den »schwarzen Mann«, nennen sie ihn.

Er war der fürchterlichste aller Könige. Egal wie oft er siegte, er wurde doch nicht satt davon. Wenn er Gold gewann, warf er es in eine Truhe, Land wollte er nicht, dann hätte er bleiben müssen.

Étešil war sein Name, der große Herrscher, der große Vater.

Étešil, den wir im Norden Attlá nannten und die im Süden Attila und von dessen Ruhm wir hörten. Étešil kam nach Burgund, um zu siegen, zu töten und weiterzuziehen, er kam nicht, um zu bleiben.

Der Fürst des Westens war jung und unbeherrscht, er kam nach Burgund, weil er Angst hatte. Er fürchtete sich vor Stimmen in der Luft und Schatten in seinem Zelt. Sein Bruder musste stets mit ihm ziehen und mit ihm auf seinem Fell schlafen. Luideger, der Furchtsame, und Luidegast, der Wächter des Furchtsamen – zwei, die vor allem Angst hatten. Luideger kam nach Burgund, weil es ein Gesellenstück wäre, die Probe für Rom.

Der Fürst des Südens hieß Theothmarich. Er führte eine ewig wandernde, heimatlose Armee des Hungers, der Kranken und Lahmen. Nur wenige Soldaten marschierten mit ihm, er zog an der Spitze von wimmernden Bauern und müden Frauen, Sklaven ihrer verlorenen Länder.

Die Männer kämpften voll Furcht, die Frauen fraßen vor lauter Hunger ihre eigenen Kinder. Theothmarich zog im Kreis. Er brauchte Land für seine elende Brut. Theotmarich kam nach Burgund, um Nahrung zu stehlen, falls er siegte. Wenn er verloren hätte, dann hätte er gebettelt.

Das kommt davon, dass sie den Göttern nicht zuhörten, diese Fürsten des Todes, der Angst und des Hungers. Sie hatten nicht aufgepasst, jetzt bezahlten sie.

Und die Raben Odins wurden fetter an jedem Tag, der verging.

Étešil, Luideger, Theothmarich, taube Narren voll Ehrgeiz, Not und Furcht.

»Jetzt wollen wir sehen«, hatte Odin gesagt, als er seinen Beutel ausgeschüttelt hatte, »jetzt wollen wir sehen, wo sie hingehen!«

Ein Vielfraß, ein Feigling und ein Hungerleider, alle auf dem Weg. Es muss sie gefreut haben, auf Burgund zu stoßen. Gemästet, prall, sinnlos stolz, wie Gunther, Burgunds König, Herrscher zu Worms am Rhein.

Nun ist es so weit.

Wie kann ich von Gunther erzählen, diesem Herrn, der kleiner war als der Letzte seiner Untertanen. Nur mein Hass macht ihn groß. Er verdient meinen Hass nicht. Er verdient es nicht, dass man sich überhaupt an ihn erinnert, auch nicht im Zorn. Gunther sollte der Erste sein, den das Vergessen frisst, ein fettes Schwein, das in Todesangst quiekt.

Immer wieder belüge ich mich, so zu tun, als wäre er mir gleichgültig. Aber ich kann nicht aufhören, ihn zu hassen.

Auch heute, so viele Jahre nach seinem Tode, kann ich nicht aufhören, mir seinen Tod vorzustellen. Ich fühle, wie mein Hals im Zorn anschwillt, wenn ich nur an ihn denke. Mein Mund wird trocken, und meine Finger zittern. Was für ein Schnurrer ich doch bin. Ich täusche mir selber vor, meine menschlichen Regungen der Weisheit untergeordnet zu haben. Dabei steht das Menschsein hinter mir und lächelt, während ich mir Augen und Ohren zuhalte. Ich höre nicht einmal mehr die Worte des Windes, nur das Tosen meines eigenen Blutes. Nicht einmal meine Mutter hasste ihn so, wie ich ihn hasse.

Sie sprach nie von ihm. Ich habe sie an all die anderen mit Wut oder auch mit Trauer denken sehen, an ihn nie. Nicht, weil die anderen unschuldiger gewesen wären, sondern vielleicht nur, weil sie klarer waren als er.

Gunther ist wie ein Strauch im Moor gewesen, geduckt und ängstlich. Man sieht hin, kneift die Augen zusammen und denkt, ich sehe einen Strauch im Nebel. Dann streicht ein Wind, und es könnte doch eher ein Baumstumpf sein, aber auch ein Stein, oder ein verirrtes Schaf. Und wenn der Nebel stärker wird, ist er bald ganz verschwunden.

Gunther von Burgund, der schwache König.

Sohn des Gibich, Sohn der Uote. Ich kenne auch seine Ahnen.

An seinem Anfang war Gundahari der Rote, vor über hundert Jahren zu Zeiten, als an unseren Küsten der Steinkönig Hroder herrschte.

Gundahari schloss einen Pakt mit Rom. Er verkaufte seine Herkunft und sein Volk, nahm Roms Götter, Roms Bräuche, Roms Lügen an. Dafür bekam er dieses Land am Rhein und dachte, er wäre ein König. Gundaharis Sohn Diannaun herrschte nach ihm, sie nannten ihn Darius, nach Römerart.

»Niemand ist ein römischerer Römer als ein entlauster Burgunde«, lachten alle über Diannaun. Er rasierte sich den Bart und schabte sich die Haut nach dem Baden mit der Ölsichel, bis sie vernarbt war wie altes Leder. Es war Diannaun, der Worms zum Sitz seiner Macht erwählte, er baute einen römischen Palast und umgab ihn mit hohen Mauern aus Stein. Er ließ Gärten anlegen und Wasserspiele. Von jedem Kriegszug brachte er Gold nach Worms und wurde sehr reich.

Ihm folgte sein Vetter Giswillid. Dessen Sohn, Gosvild, war König für nur sechs Jahre, und er verlor jede Schlacht, in die er zog. Die Wasserspiele waren sehr bald hin, und die Gärten verkamen. Sein Nachkomme war Duoderich der Sänger. Der wollte lieber dichten als regieren. Duoderich der Sänger heiratete eine Frau aus dem Norden, die sich mit ein paar Gefolgsleuten auf einer Reise durch die Welt befand. Diese Frau aus dem Norden war Muadh, die jüngste Tochter meiner Ahnmutter Yenka mit den blauen Zähnen. Als eine Kammerfrau bei Muadhs Bad die Abdrücke von Stammmutter Yenkas blauen Zähnen auf ihrem Hintern erblickte, schrie sie laut auf und erzählte überall, was sie gesehen hatte.

Deswegen nannten sie die neue Königin »die Gebissene«.

Muadh und Duoderich der Sänger hatten vier Kinder, ihr dritter Sohn war Gibich, Gunthers Vater.

Gibich wurde König mit gerade sechzehn Jahren.

Es stand in den ersten Jahren eine bange Frage hinter seinem Thron, die niemand laut stellte. An einem römischen Festtag im Frühjahr gab es ein Feuer, und die halbe Burg brannte ab. Muadh und Duoderich starben in den Flammen, und auch Gibichs Geschwister und viele andere mehr. Gibich blieb verschont, weil er am Morgen allein zur Jagd geritten war.

Manche Zufälle sind zu zufällig, um kein Misstrauen zu erregen. Eine kurze Weile nach dem Unglück starb auch Gibichs bester Freund und Diener, der das Feuer einzig überlebt hatte. Er fiel beim Waffenputzen in sein eigenes Schwert. Man sagt zu Recht, dass die Südländer verglichen mit unseren Helden schlechte Krieger sind. Aber nicht mal ein Burgunde kann so dumm sein, in sein eigenes Schwert zu fallen, das schwöre ich. Wie konnte das geschehen, argwöhnten viele. Aber nach einer Weile wurde auch diese bange Frage vergessen, wie viele andere Fragen, wie immer, wenn ein neuer König bleibt und seinen Thron festigt.

Es hat wohl nur selten einen Mann gegeben, der dringender König sein wollte als Gibich. Man muss wissen, Gibich hatte zwei ältere Brüder, die würden ihn nicht gelassen haben. Er hatte auch eine jüngere Schwester, Hildiko, die ebenfalls bei dem Feuer starb. An der soll er wirklich gehangen haben.

Die Eltern, drei Geschwister, ein treuer Freund und Unzählige des Gesindes – alle tot. Daran kann man sehen, wie dringend es ihm war mit der Königswürde.

Fünfzig Jahre herrschte Gibich am Rhein. Er diente weiter den Göttern der Römer, oder dem neuen Gott mit seinem armen Sohn, sollte ich sagen, der zu Gibichs Zeiten große Mode wurde.

Wenn man sich auf diesen neuen Gott umschwor und für ihn einmal ins kalte Wasser stieg, bekam man ein Hemd von den Priestern, die für ihn warben. Deswegen gingen viele hin, obwohl man sich leicht einen Schnupfen holen konnte. Das Hemd bekam man auch erst, wenn man sich die Familiengeschichte des Gottes angehört hatte, die sehr unwahrscheinlich klang. Seine Mutter war nicht mit dem Gottvater zusammen gewesen und hatte ihn in ihrem Ohr empfangen. Später musste der Sohn dann sterben, weil andere Menschen böse waren. Der Gemordete grollte aber nicht, und seine Verwandtschaft verübte auch keine Blutrache, sondern wollte im Gegenteil, dass niemand sonst mehr Blutrache verüben sollte. Es war eine sehr lange, sehr verwirrende Ansprache, und wenige verstanden, worum es ging. Das Publikum nahm ein ungutes Gefühl mit, denn die Priester redeten lange von der Schlechtigkeit der Menschen und wollten ihnen so ein böses Gewissen für die einfachsten Dinge einreden. Sie forderten Keuschheit und Furcht und andere Unsinnigkeiten.

Offenbar halten manche Leute viel aus, nur um ein Hemd zu bekommen. Als die Priester dann aber keine Hemden mehr hatten, wurden die lange Beschimpften wütend, und ein paar Männer, die einen weiten Weg extra für die Hemden zurückgelegt hatten, erschlugen sie.

»Was nützt einem das kalte Wasser und die Meckerei, wenn es nachher kein Hemd dafür gibt. Das ist doch ein ganz schlechter Handel«, sagte einer von denen, die die Priester umgebracht hatten.

Das fanden die anderen Leute auch, und es gab einen kleinen Aufstand, als Gibich die Totschläger dann auch noch hinrichten ließ. Die Männer warfen Steine und Knüppel. Deswegen musste König Gibich notgedrungen bald das ganze Dorf niederbrennen und morden lassen, wo die Bekehrung stattgefunden hatte. Anschließend baute er auf dem verbrannten Grund einen Tempel für den Gott mit den Hemden. Weil aber fast alle aus dem Dorf starben, als Gibich die Aufständischen strafte, war es für die neuen Priester hinterher umso schwerer, den restlichen Leuten zu erklären, dass der Gott mit den Hemden sie im Grunde alle liebte und ihnen wohl wollte.

Am Anfang kamen nur die ganz Neugierigen in den Tempel und natürlich die Händler, die mit Gibich gute Geschäfte machen wollten und sich weder um Hemden noch Götter sorgten.

Gibich jedoch lernte aus der Geschichte und schickte von da an immer ein paar Soldaten mit den herumziehenden neuen Priestern, die ersatzweise aus Rom geschickt wurden. Er gab den Priestern Unterschlupf und Geld für Hemden oder etwas anderes, wenn sie es unbedingt wollten, und auch er opferte mit seinem ganzen Gefolge ihrem milden Gott mit den traurigen Augen. Dafür wiesen die Priester in ihren Ansprachen darauf hin, dass der neue Hauptgott Gibich selbst durch ein geheimes Öl erwählt und gezeichnet hätte, um König zu sein. Das wunderte die Leute sehr, denn Gibich selbst war weder milde noch traurig: Er stahl und kämpfte, und er gewann fast immer. Sein Reich war groß und mächtig, seine Schatzkammern und auch seine Waffenkammern sollten zum Bersten voll sein.

Sicher war Gibich ruchlos, stark und entschlossen, aber er konnte sich kaum anderer Gaben rühmen, die einen König groß machen. Er wäre bald vergessen worden, ausgehöhlt von seiner eigenen verzehrenden Kraft, wenn er nicht zwei Mal Glück gehabt hätte.

Zwei Mal in seinem Leben nämlich traf Gibich eine wirklich kluge Wahl. Diese beiden Entscheidungen zusammen reichten aus, Burgund über Jahre hinaus zu sichern, auch als er längst gestorben und Gunther nach ihm König war.

Das erste Mal wählte Gibich so weise, als er heiratete. Da war er schon dreiunddreißig Jahre König und stand in seinem fünfzigsten Lebensjahr, ein starker alter Mann, der sich vor nichts auf der Erde fürchtete und den Tod verlachte.

Er heiratete die wunderbare Uote von Franken, eine Prinzessin aus dem Nordwesten. Sie war gerade zwanzig Jahre alt und wunderschön. Ich habe Frau Uote noch gekannt, müsst Ihr wissen, natürlich als Witwe und alte Frau. Es ist wirklich kein Verdienst, in der Jugend schön zu sein. Aber Frau Uote war noch schön wie ein Sonnenstrahl, als sie schon alt war. Sie leuchtete von innen heraus, und ich habe sie nie ein böses Wort sagen hören, zu niemandem, über niemanden.

Ich halte Frau Uote am höchsten im leidigen Lied von Gunthers Ahnen, die ich nicht ehren will. Für sie mache ich eine Ausnahme. Frau Uote ehre ich für immer; ich spreche ihren Namen mit Achtung und Dankbarkeit.

Denn es war Frau Uote, die uns in jener einzigen, fürchterlichen Nacht die Tür öffnete, damit wir fliehen konnten.

Ich sehe sie vor mir, ihre freundliche Stimme zwitschert im hallenden Gewölbe des geheimen Ganges, so traurig, so gebrochen, sie wusste, dass alles verloren war. Alles. Ihr Leben, unseres, das ihrer Kinder. Alle ihre vier Kinder waren tot, miteinander, voneinander erschlagen. Es waren nicht nur die Menschen. Burgund war tot. Die lange Linie Gundaharis fast ganz verloschen. Worms nur noch ein Traum, aus dem alle allzu bald erwachen würden. Sie hätte Grund gehabt, uns zu hassen, meine Mutter zu hassen. Ihr hätte ich es vergeben, wenn sie die Lügen und Bösartigkeiten geglaubt hätte, die man über meine Mutter schon anfing zu erzählen.

Vielleicht hat sie die Wahrheit immer gewusst.

Und dennoch war sie es, die uns gehen ließ, die uns einen Weg wies, wo uns niemand finden würde.

Es war Nacht, und mir war kalt. Diese Nacht war anders als alle anderen Nächte zuvor. Wir standen in einem feuchten Gang, die Fackeln rußten, und überall rannten Menschen, schrien die Trauernden. So viele Witwen in einer Nacht, so viele Waisen.

So viele tote Menschen. Keiner von ihnen würde wiederkehren, keine Leiche könnte je beweint, je bestattet werden. Ihr Tod blieb ein Wort, ein unfassbares Wort. Die Nachricht vom Untergang, die doch so leise gekommen war, hatte sich in einen Brand des Schmerzes verwandelt. Nur Frau Uote weinte nicht. Sie war die Einzige in dieser Nacht, deren Augen trocken blieben. Vier Kinder, alle tot, niemand hätte es ihr angemerkt.

Sie ging gemessen und langsam, wie jeden Tag ihrer vielen Jahre als Königin. Wir hielten vor einer Tür an.

Frau Uote umarmte meine Mutter ganz vorsichtig, als könnte sie sie aus Versehen zerbrechen. Meine Mutter, die Stärkste, die Gepanzerte, Frau Uote hielt sie wie römisches Glas: »Geh irgendwohin, wo du vergessen kannst, meine liebe Tochter. Wenigstens vergessen. Glücklich werden wir alle nicht mehr.«

Frau Uote dachte wohl, dass es möglich wäre, das Vergessen! Dass es gut wäre. Es war eine barmherzige Lüge, mehr nicht.

»Mutter Uote«, flüsterte meine Mutter unter dem Torbogen, sie war heiser von ihren Schmerzensschreien, die Augen vom endlosen Weinen verquollen, die Wangen fleckig und bleich. Sie sprach die verhasste Sprache der Burgunden: »Es tut mir so leid, Mutter Uote.«

Und gleich fing sie wieder an zu weinen. Ich fürchtete mich, hatte Angst, dass sie nie mehr aufhören würde, dass sie sich zu Tode weinen könnte, wie ein zerbrochener Krug, aus dem Wasser rinnt und dann versickert. Ich zerrte an ihrer Hand, damit sie aufhörte, aber sie beachtete mich nicht.

»Mein armes Kind«, sagte Frau Uote und streichelte meiner Mutter die Wange: »Ich bin schwach gewesen, als sie dich herbrachten. Ich bin schwach gewesen, als sie dich hier hielten. Als sie dir unrecht taten und dich verleumdeten. Ich bin jeden Tag, an dem du mich gebraucht hättest, schwach gewesen.« Meine Mutter schluchzte heftiger, es klang, als müsste sie ersticken. Nur Frau Uote blieb ganz ruhig.

»Heute bin ich nicht schwach«, sagte die alte Königin sanft. »Ich werde dafür sorgen, dass du gehen kannst. Bei meinem Leben. Geht und versucht zu vergessen. Du und – dein Sohn«, sagte sie.

Dann küsste sie mich auf den Scheitel, legte zwei ihrer kühlen weichen Finger unter mein Kinn: »Ich wünsche dir ein wunderbares Leben, mein Kind.« Wenn ich ihre Augen in diesem Augenblick vor mir sehe, dann denke ich, dass sie es gewusst hat.

Und – hätte es nicht jeder wissen müssen, der mich sah?

»Ein wunderbares Leben«, wiederholte die alte Königin und richtete sich mühsam auf. Sie küsste auch meine Mutter und lächelte, als wäre dieser Abschied das Traurigste, was ihr in dieser schrecklichen Nacht widerfahren war. Sie machte das Schutzzeichen ihres Gottes über unseren Köpfen.

Dann gingen wir, rannten wir, die ganze Nacht, in dieser furchtbarsten aller Nächte.

Frau Uote war Gibichs Trumpf über den Tod hinaus. Seit sie in Worms war, konnte man den alten König nicht mehr nur verachten. Frau Uote machte Recht, was Unrecht war – im Rahmen ihrer Möglichkeiten. Sie rettete Gibichs Ruf. Ob sie ihn auch nur gemocht hat, diesen Gatten ohne Seele? Wer kann das wissen? Sie hatten vier Kinder zusammen, alle lebten.

Gunther, genannt nach seinem Stammvater Gundahari war der Älteste, dann kam Gernoth, dann Krimhild, Gibichs Tochter, die er allen anderen vorzog. Er hatte bei ihrer Geburt gefordert, dass sie nach Hildiko benannt werden sollte, seiner Lieblingsschwester, die verbrannt war. »Sie sieht auch genau aus wie sie!«, behauptete er stolz.

Aber das wusste niemand zu bestätigen, alle, die Hildiko noch gekannt hatten, waren längst tot oder hatten es vorgezogen, die ehemalige Königsfamilie zu Worms gründlich zu vergessen.

Gibich liebte Krimhild so viel mehr als seine Söhne. Es war auch nicht viel dran an den beiden, das einem Mann wie Gibich hätte gefallen können. Wenn Frau Uote sie liebte, dann nur weil sie so ein guter Mensch war. Gunther war dicklich und ungeschickt. Er ritt nicht gerne, fand die Waffen anstrengend und saß ständig bei seiner Mutter in der Kammer. Er aß gerne, sonst zeigte er keinerlei erkennbare Vorlieben.

Gernoth war dumm. Körperlich stark und zu allem entschlossen wie Gibich selbst, aber mit noch weniger Geist. Dauernd machte er etwas kaputt. Er konnte die Titel der Würdenträger am Hof nicht behalten, egal, wie oft man sie ihm vorsagte, und lauerte den Mägden auf, da war er noch keine zehn Jahre alt.

Gunther und Gernoth hatten Gibichs schlechteste Eigenschaften, aufgeteilt auf ein ungleiches Brüderpaar. Wenn sie eins einte, dann die Wut auf diesen Vater, der sich über sie lustig machte und sie sonst nicht beachtete. Denn Krimhild war sein Ein und Alles.

»Hildiko, mein Häselchen«, sang er ihr vor, und wann immer er nur einen Augenblick Zeit hatte, sah er nach ihr.

Kaum war sie ein halbes Jahr alt, hatte er sie den ganzen Tag bei sich, Uote traf ihre Tochter gar nicht mehr an. Wo immer Gibich saß, nahm er die Kleine auf den Schoß, auch in den Ratssitzungen oder bei Festen hatte er sie ständig dabei, ließ sie nur zum Füttern aus den Augen. Einmal hatte sie ihm sogar bei einer Ratssitzung mit ausländischen Würdenträgern auf den guten Mantel gepinkelt. König Gibich hatte begeistert gelacht.

»Da macht meine kleine Hildiko einen Bach«, hatte er laut gerufen und das noch pinkelnde Kind in die Höhe gehalten, als führte er den ausländischen Würdenträgern eine bemerkenswerte technische Errungenschaft vor. Er fing jede Sitzung erst an, wenn Krimhild ruhig war und auf seinen Knien saß oder zu seinen Füßen spielte.

Das ging so, bis Krimhild ihr zweites Jahr vollendet hatte. Sie war das glücklichste kleine Mädchen, das man sich vorstellen konnte.

Aber dann riet einer der römischen Priester König Gibich strikt davon ab, seine Tochter so zu verwöhnen. Der Priester fürchtete einen Rückfall in die alten Sitten, als Frauen noch im Rat saßen und manchmal Königinnen waren.

Die römischen Priester hatten im Allgemeinen etwas gegen Frauen. Man sagt, es rührt daher, dass vor langer Zeit eine Frau in einem weit entfernten Land ihrem Mann ein Obst weggegessen hatte. Daraus entwickelten sich dann alle möglichen Schwierigkeiten, die noch schwerer zu verstehen waren als die übrigen Geschichten. Jedenfalls sollten wegen der Obstdiebin nun keine anderen Frauen mehr Königinnen sein, und auch sonst sollten sie sich besser ruhig verhalten.

Von Gunther und Gernoth war nicht viel zu erwarten, das sah jeder, der Augen hatte. Der Priester fürchtete deswegen wohl, dass auf Burgunds Thron irgendwann eine Königin Krimhild sitzen würde, wenn er nicht einschritt.

König Gibichs Mutter, sagte man, war noch nicht einmal getauft gewesen. Man fing damals an, von den »Heiden« zu reden, damit meinten sie alle, die sich kein Hemd abholten. Das waren allerdings noch einige.

Muadh aus dem Geschlecht König Vymanriks und Königin Yenkas war eindeutig eine Heidin gewesen.

Der Priester ahnte einen späten, unheilvollen Einfluss der »Gebissenen« aus dem unheimlichen Norden, wo man die Priester der Einfachheit halber ja schon vor der Hemdenvergabe erschlug. Deswegen musste er hart durchgreifen und schnell eine Wende der Gepflogenheiten herbeiführen.

Prinzessin Krimhild dürfe den Ratssitzungen keinesfalls mehr beiwohnen, bedrängte er also den König zu dessen Überraschung.

Seine Uote hätte er ja auch nicht mitgenommen, aber die Kleine? Was für ein Harm war darin, wenn er die Kleine auf dem Schoß hielt und sie mit ihren Klötzchen spielte?

»Es ist überhaupt nie gut, wenn eine Frau mit den Räten im Raum ist«, erklärte der Priester. »Jede Frau ist von Übel, egal wie jung sie ist. In ihr lauert Evas Sünde.« Eva hieß die Frau, die das Obst gegessen hatte. »Sie könnte uns alle fälschlich beeinflussen, durch ihre bloße Anwesenheit! Denkt an Eure Todesstunde, Herr König!«

Diese letzten Worte sagte der Priester häufig, heißt es. Der Priester redete nämlich viel vom Tod und von einer sonderbaren Gerichtsverhandlung, die die Verstorbenen zu erwarten hätten.

Für alles, was sie im Leben getan hatten, würde dann Gericht gehalten, und jeder Verstoß gegen die Regeln des Gottes wurde mit furchtbarer Gewalt geahndet. Der beflissene Priester zählte mögliche strafbare Vergehen auf, von denen Gibich keines fremd war, wie er erschrocken feststellen musste.

König Gibich, der sich im Leben vor nichts gefürchtet hatte, wurde nun mit einem Mal unsicher, fragte nach, was er bei dieser Gerichtsverhandlung nach seinem Tod für ein Urteil zu erwarten hätte. Die vielen stummen Fragen seiner langen Regentschaft suchten plötzlich nach einer Stimme. Es ist nicht bekannt, ob der Priester von Gibichs Feuersbrunst, dem Tod seiner Familie oder so vielen anderen Geschehnissen wusste, aber er machte seine Sache auch so sehr gut.

»Ich sag es Euch nur ungern, König, aber vermutlich wird man Euch bei lebendigem Leibe verbrennen, wieder und wieder!«

Der Priester sprach mit Bestimmtheit und Befriedigung von diesem Strafgericht, er schien einer der wenigen Menschen zu sein, die Gibich in seinem Leben getroffen hatte, die nicht vor ihm kuschten.

»Verbrennen?«, hauchte Gibich entsetzt.

Nur er wusste, was er bei diesem Wort dachte.

»Denkt an Eure Todesstunde!«, wiederholte der Priester unheilvoll. Dann schwenkte er plötzlich um: »Aber Gott wird auch jeden noch so kleinen Umstand mildernd anerkennen. Er ist ein Gott der Liebe, wie Ihr wisst. Ich sage bloß, das Kind sollte nicht mehr im Rat erscheinen. Nur ein Beispiel.«

Daraufhin ließ Gibich für seine Tochter, seine Frau und alle anderen Weiber, die nicht zu wesentlicher Arbeit gebraucht wurden, binnen weniger Wochen einen Frauentrakt bauen, abgelegen vom übrigen Hof, aus dem Krimhild, bis sie erwachsen war, kaum je mehr herauskam.

Er besuchte sie nicht und gab Anweisung, sie vom höfischen Leben grundsätzlich fern zu halten. Sie durfte nicht einmal in den Garten geführt werden, der zwischen den beiden Gebäuden lag. Die ersten Tage in der fremden Einsamkeit soll Krimhild nur geheult und geschrien haben. Sie warf mit allem, was ihre kleinen Hände greifen konnten, und trat nach jedem, der sich ihr tröstend nähern wollte. An einem Morgen schließlich wollte sie nicht aufstehen und nicht essen. Ihre Amme stellte ein furchtbares Fieber fest, an dem das Mädchen beinahe gestorben wäre. Ich weiß, dass Krimhild nicht leiblich krank war. Sie verstand nicht, weshalb ihr Vater sie so plötzlich verstieß, nachdem sie zuvor sein Augenstern gewesen war. Welches Kind hätte es schon verstanden? Es ist nicht Krimhilds Schuld, auch nicht, was so viel später passierte, als die Menschen vom Teufel sprachen, der in sie gefahren wäre. Ich hasse sie nicht, obwohl ich sie verabscheuen sollte, für das, was sie tat. Aber Krimhild tötete ihn nicht um seinetwillen.

Sie sah ihn nicht einmal. Als sie ihm den Kopf abschlug, da meinte sie Gibich, den Vater, der sie verstoßen hatte, Siegfried, den Gatten, der sie betrogen hatte, und Gunther, den Bruder, der sie verschachert hatte. Sie rächte sich für alles, was man ihr im Leben erst gegeben und dann genommen hatte.

Die Menschen in Worms haben immer viel darüber geredet, wie verschieden meine Mutter und Krimhild gewesen wären.

Ich weiß es besser. Was meine Mutter tat, verbot Krimhild sich nur. Und was Krimhild tat, das tat sie – ohne es zu wissen – auch für Brynhild. Ich weiß, wie es war. Je weniger man weiß, umso leichter urteilt es sich. Ich weiß zu viel.

Als Krimhild sich damals vom Fieber erholte, schien sie ein gänzlich anderes Kind als vorher, ruhig, duldsam und still, als wäre sie gar nicht mehr wirklich da. Gibich erkundigte sich nur einmal kurz, ob sie noch lebte, sonst fragte er nie, wie es ihr ginge. Von nun an zwang er Gunther und Gernoth, beim Rat jedes Mal dabeizusitzen.

Giselher, den dritten Sohn, den sanften Träumer, hat er nicht mehr erlebt. König Gibich starb von den Füßen aufwärts. Seine Beine wurden dick und blau. Er konnte kein Wasser mehr lassen und blähte sich auf. Das Wasser, das seinen Körper nicht mehr verlassen konnte, stieg ihm in die Lunge, dass es bei jedem Atemzug brodelte. Er verbrannte nicht, er ertrank in sich selbst. In den letzten Wochen seines Siechtums, qualvoll ohne Beispiel, war der Priester ständig um ihn. Er redete immer noch von dem Gericht nach dem Sterben und dem Verbrennen, das Gibich drohte.

Auf dem Totenbett hatte der Alte deshalb gefordert, seinen letzten Sohn der Kirche zuzuführen, um für seine Seele zu beten.

»Wenn es nur ein Mädchen ist, sperr sie zu der anderen«, sagte er, er erwähnte nicht mal mehr Krimhilds Namen.

»Aber wenn es ein Junge wird, soll er ein Kirchenmann sein und für mich beten, sein Leben lang.«

Frau Uote schien diese Weisung später wohl vergessen zu haben.

König Gibich starb mit sechsundsechzig Jahren, sein ältester Sohn, Gunther, war erst dreizehn, Gernoth zwölf und die vergessene Krimhild dreijährig.

Giselher wurde im Winter nach Gibichs Tod geboren.

Das waren dann die Herren zu Worms, das Dreigestirn der Brüder: der Unentschlossene, der Dumme, der Sanfte.

Wie konnte Burgund mit solchen Königen bestehen?

Wieso war die stolze Burg in Worms nicht bald nach Gibichs Ableben überrannt und geschleift worden? Ich habe es ja schon gesagt, Ihr Fremden.

Weil König Gibich in seinem Leben noch eine zweite Wahl getroffen hatte, die ebenso klug war wie die Wahl seiner Gattin.

Er wählte einen Berater. Nicht irgendeinen. Er wählte den besten.

Das Land der Untergegangenen.
Die zweite Erinnerung

Der Mann im roten Mantel erreicht das Lager. Das Boot ist völlig hin, das eine Ruder geborsten, das andere kurz davor.

Die Müden schlafen noch. Der König, der Disziplin halten soll unter seinen Kriegern, friert und hungert.

Die Diener haben ein Feuer versucht, aber es qualmte so sehr, dass man nicht wusste, wen man damit anlocken würde. Alles ist nass geworden in den Regengüssen der letzten Tage und der letzten Nacht. Die Pferde husten, mit stumpfen Mähnen stehen sie an ein paar Pappeln gebunden und zittern. Was für ein Haufen! Binnen weniger Wochen ist aus einer Prachtarmee ein Bettelvolk geworden. Als er nicht zurückkam, in der vergangenen Nacht, da hat den König die letzte Hoffnung verlassen. Jetzt liegt der entschlusslose Herrscher in dem zugigen Zelt, das man ihm errichtet hat, und hat Heimweh.

Da kommt sein Bruder herein: »Gunther, steh auf!«, ruft er mit neuem Leben in der Stimme.

Der König hebt den Kopf: »Was?«, sagt er leise und wehleidig.

Da stürzt auch der Jüngste in sein Zelt: »Gunther«, jubelt der Jüngling mit dieser sich überschlagenden Stimme. »Er ist wieder da!«

Mit einem Ruck setzt der König sich auf: »Stimmt das?«, fragt er. Die feuchten Haare hängen ihm wirr ins Gesicht. Sie sehen alle aus wie die Barbaren.

Die beiden Brüder nicken, Gernoth zieht ihn vom Lager hoch: »Los, komm!«

Er folgt den beiden und ihren für ihn so unverständlichen Reserven an Lebenskraft in die fahle Morgensonne. Diese Nebel! Sollte nicht längst Frühling sein? »Wo denn, Gernoth?«, fragt er missmutig.

»Drüben beim ollen Knochenrenker«, antwortet der Bruder.

Da kommt Leben in den König: »Ist er verletzt?« Er läuft sogar ein paar Schritte, besorgt. Die Herren seiner Truppen nicken ihm unterwegs zu, alle sehen sie furchtbar aus. Die Gesichter zugewachsen, die Haare ungewaschen und filzig. Die tausend kostbaren Gewänder gerade noch gut für Putzlumpen und Pferdedecken. Wenigstens Ruomold hat ein Feuer zustande bekommen und kocht Suppe. Gunther knurrt der Magen. Dann beim Zelt des Heilkundigen, windschief, nass und beulig, sitzt Hagen, tatsächlich. Der kleine, hutzlige Arzt verbindet ihm gerade die linke Hand. »Hagen, was ist passiert!?«, ruft der König. Er würde ihm gerne um den Hals fallen, so erleichtert ist er, dass sein ewiger Beschützer noch lebt.

Hagen sieht auf, seine Haare fallen ihm ebenso ungekämmt ins Gesicht wie allen anderen. Seltsamerweise beunruhigt Gunther das mehr als alle Beobachtungen, die er heute Morgen machen musste. Mehr als alle Erkenntnisse, gegen die er sich in der vergangenen Nacht nicht wehren konnte.

»Die Ruder sind gebrochen«, sagt Hagen leise und erhebt sich, als wäre das hier der Hof. Er senkt höflich den Kopf. »Deswegen bin ich abgetrieben.«

»Na, Gott sei Dank, seid Ihr jetzt da«, ruft der König und kann der Versuchung nicht widerstehen, ihn anzufassen.

»Was ist mit der Hand?«, will Giselher wissen, der munter dabeisteht. Er ist der Einzige, dem dies alles nichts ausmacht. Sein erstes Abenteuer, er ist achtzehn vorbei, was kann man da sagen?

»Das Ruder«, antwortet Hagen ruhig, »eine Ungeschicklichkeit.«

»Aber, Hagen«, ruft Giselher, der sich den Verband genau betrachtet hat. »Da fehlt ja ein Finger!«

»Eine Ungeschicklichkeit«, wiederholt Hagen. Er wünscht sich, der Kleine wäre nicht mitgekommen.

»Wo ist denn Magister Conradus?«, fragt Gunther schnell.

Hagen sieht ihn ruhig an. »Er ist in einem Strudel aus dem Boot gefallen, Herr. Er wollte nicht stillsitzen.«

Die drei Brüder machen entsetzte Gesichter. »Habt Ihr ihn nicht retten können, Hagen?«, sagt Gernoth.

Der Arzt drückt Hagen ein paar Kräuter in die Hand, die soll er kauen. Der Verletzte nickt abwesend.

»Ich glaube, dass er sich selbst ans andere Ufer hat retten können.«

»Dann müssen wir ihn holen«, ruft Giselher. »Soll ich?«

»Das Boot ist zerstört, junger Herr«, antwortet ihm Hagen. Er erinnert den Prinzen nicht daran, dass auf der anderen Seite auch ein erschlagener Fährmann liegt, der ihnen sehr viele Schwierigkeiten bei Elsos Leuten machen wird. Dass es deswegen allein schon keine gute Idee wäre, zurückzugehen.

»Der arme Conradus!« Giselher kennt ihn sein ganzes Leben lang. »Was wird der jetzt bloß machen?«

Hagen bleibt geduldig mit dem Jungen. »Er wird sich gewiss seinen Weg zurück nach Burgund suchen.«

»Na, Hauptsache, dass Ihr wieder da seid«, seufzt Gunther. »Ist das schlimm mit der Hand?«

»Das Allerschlimmste, was mir im Leben passiert ist«, antwortet Hagen todernst, und alle starren sie ihn ungläubig an. Dann fängt Gernoth an zu lachen, dann Giselher und schließlich auch Gunther. Der Arzt lacht nicht mit. Hagen verzieht ein bisschen den Mund.

»Da habt Ihr uns aber reingelegt!«, benennt Gernoth mal wieder das Offensichtliche. Gunther schöpft Hoffnung.

»Sollen wir gleich aufbrechen?«, fragt der König seinen ewigen Helden.

Hagen nickt. »Volker soll die Leute führen«, sagt er. Dann versucht er, seine Haare zu ordnen, und streicht sie aus der Stirn.

Erst da fällt ihnen auf, dass er seine Augenbinde nicht mehr trägt.

Gunther macht den Mund auf und will etwas dazu sagen.

Aber dann hält er sich selbst zurück. Er kann das Zeichen nicht wirklich deuten. Aber er weiß, dass es kein gutes Zeichen sein kann.

Odins Sohn

Als König Gibich damals heiratete, im gleichen Sommer, fochten weit, weit südlich der Franken, in einem fernen Land bei Lusitanien, wo die Sonne die Erde verdorren soll, zwei Armeen. Noch heute fragen sich die Weisen bei uns, warum zwei Heere um ein Land stritten, in dem es heiß und schon am Morgen zu trocken für eine Ziege war? Aber diese Krieger kämpften nicht um Land oder Gut oder Sklaven. Sie waren im Gegenteil verstiegene Männer, die darum kämpften, welcher ihrer beiden Götter Recht hätte.

Beide Götter hatten kein Gesicht, einen Körper schon überhaupt nicht, beide hassten es, wenn man Fehler machte, und beide mochten es nicht, wenn man ihnen Fragen stellte. Sie stellten viele Anforderungen an ihre irdischen Verteidiger und waren sofort beleidigt, wenn etwas nicht nach ihren Befehlen geschah.

Hier bei uns im Norden kann man sich so einen Gott kaum vorstellen. Die Götter freuen sich doch, wenn die Menschen Fehler machen, es unterhält sie. Und wenn man sie fragt, dann geben sie entweder Antwort, oder sie spielen mit uns, dass wir die Antwort alleine finden sollen.

Die eine Armee kam vom Ende der Welt, aus einem Land jenseits der südlichen Meere. Man nannte ihr Volk die Mauren. Ihr Gott war unsichtbar und ständig unzufrieden.

Die andere Armee war eine Armee aus dem Westen, in ihr kämpften Tapfere vieler Stämme, miletes christiani nannten sie sich in der Sprache der Römer, Ritter ihres Kristur, des weißen Christus. Sie fochten für den Gott, dessen Priester in Gibichs Land Hemden verteilen ließen, den milden Gott, der diesen Sohn mit den traurigen Augen hatte, der für seine Milde dennoch harsche Opfer forderte. Er ging in vielen Namen und hatte viele Gestalten. Eine Flamme, ein Vogel, ein Mensch, ein kleines Kind und ein Mann an einem Kreuz.

Sie nannten ihn Kristur, römisch Christus oder Chrestos, oder Herr oder Allmächtiger Gott, dennoch war er alle zugleich. Viel Sinn machte dieser Feldzug also auf der ganzen Linie nicht. Es hat auch bis heute meines Wissens keiner gewonnen, sodass man immer noch nicht weiß, welcher dieser beiden Götter nun im Recht gewesen wäre.

Weswegen ich Euch mit dieser absurden Geschichte aufhalte, fragt Ihr? Weil es wichtig ist.

Denn einer von denen, die dort für den weißen Christus kämpften, war stärker und mutiger als alle anderen, ein gefürchteter Krieger, noch in jedem Kampf unverletzt geblieben, ohne auch nur einen Kratzer. Aber er soll einmal mit nur einem einzigen Schwerthieb vier Feinde zugleich enthauptet haben. Ich finde, es ist schon schwer, mit einem Schwerthieb vier Äpfel zu treffen, die doch leichter stillhalten als kampfwillige, tapfere Männer vom Ende der Welt, die am Erhalt ihrer Köpfe ein gewisses Interesse haben.

Deswegen sagten sogar die Krieger in der feindlichen Armee, dass der Unverwundete einer der Größten in diesem Kampf sei.

Es war Hagen, der, der aus dem Wald kam.

Hagen von Troneck, den sie am Rhein den Tronjer nannten.

Der Unverwundete redete nicht viel. Er mochte keine Fragen und stellte auch keine. Er war beherrscht wie ein Stein, niemand konnte je an seiner Miene lesen, was in seinem Inneren vorging. Er schien auf seine Weise dem Menschlichen entrückt, so viel stärker – auch im Geiste –, so ohne menschliche Schwächen.

Sein Haar war seine größte Eitelkeit, es war schwarz und glänzte wie ein Rabenflügel. Hagen war groß und voller Geheimnis.

Er trug niemandes Farben, noch ein bekanntes Wappen.

Auch später an Gibichs und dann Gunthers Hof, ihr wichtigster Rat, ging er doch nie in den Farben der Burgunden.

Es gab eine Besonderheit an Hagen, die widerfuhr ihm, da war er schon dreißig, und sein Ruhm zitterte wie heiße Luft über der trockenen Erde Lusitaniens.

In einer Schlacht an einem Felspass in diesem seltsamen Land rief ihn ein Mitstreiter um Hilfe an. »Tronjer, hilf mir«, schrie der andere. Und als Hagen sich umwandte, da streifte ihn ein Krummschwert an der Stirn, und er verlor sein rechtes Auge.

Was kann ich noch sagen?

Ist es nicht klar für jeden, der hören kann. Welche Vorzeichen muss man noch sehen? Hagen war der Tapferste. Er war Odins eigener Sohn. Den auf dem Schlachtfeld der Vater kennzeichnete. Die Völker im Südwesten und im Inneren der Inseln nennen ihn auch Gwydion oder Woden, aber es bleibt doch immer der Gleiche, Odin, der Sucher der Wahrheit.

Warum kämpfte Odins Sohn ausgerechnet unter den Kristinn maðurnar, fragt Ihr?

Vielleicht ging Hagen nach Lusitanien, weil dort der größte Kampf seiner Lebenszeit stattfinden würde.

Und nirgendwo anders wollte er sein, egal um was dieser große Kampf ging. Ich bin der Letzte, der sein wahres Lied singt, das Lied Hagens, Högni Odinsson, nenne ich ihn zu seiner höchsten Ehre.

Er war ein Krieger, wie es keine mehr gibt. Der größte seiner Zeit, begabt mit der Kraft von sechs Männern.

Aber nach dem Kampf, in dem er sein Auge verlor, fingen seine Gefährten an, ihn mit Unwohlsein anzusehen, denn sie kannten das Antlitz dieses anderen Gottes noch, der keine Hemden verteilen ließ und niemanden ins kalte Wasser schickte.

Sie sahen Odin in seinem Gesicht und rückten von ihm ab. Auf einmal stellten sie ihm Fragen: »Wer ist denn Euer Vater, Hagen von Troneck?«, wollten sie wissen. »Ich habe von Troneck nie gehört. Wo sagtet Ihr doch, dass Ihr her wäret?«

Er käme von Trier her, behauptete Hagen, der alten Römerstadt. Da brachten sie ihm zwei Knappen aus Trier, die sollten sagen, ob sie schon je von Troneckes gehört hätten. Die Knappen sahen Hagens von so vielen Hälsen schartiges Schwert an und zitterten. Aber sie sagten, sie hätten von diesem Hause nie vernommen.

Dann kamen Priester, die im Heerzug gingen, und befragten Hagen nach seinem Glauben. War er getauft? »Wer hat Euch denn getauft?«, wollten sie hören. Die furchtlosen Soldaten zeterten wie die Stare im Kirschbaum.

Odin muss seinen Spaß gehabt haben an diesem Spiel.

Hagen aber wurde leise wütend und sagte, dass sich alle wohl am besten um ihre eigenen Angelegenheiten kümmern sollten.

Das sagte er oft, auch später: »Ich glaube, alle hier sollten sich am besten um ihre eigenen Angelegenheiten kümmern!« Und hatte er nicht Recht? Und obwohl dies eine so große Wahrheit ist, hält sich doch kaum jemand daran. Ich frage Euch, wann wäre ein Unglück nicht erst dadurch entstanden, dass einer nach einer Sache fragte, die ihn nichts anginge! Ihr werdet noch sehen, was ich meine.

»Ja, kam er denn nun vom Rhein«, fragt Ihr? Niemand kann sagen, wo sein Zuhause lag. Er erzählte nur ein einziges Mal in seinem Leben, woher er kam und wer er war. Er wollte nicht, dass man es wusste, so kann ich es noch nicht sagen.

Später werde ich es tun müssen. Ich weiß, wenn ich seiner Erinnerung lausche, dass er mir dafür vergeben wird.

Einstweilen hört dies:

Högni Odinsson, Hagen von Tronje, war vierunddreißig Jahre alt, als er nach Worms kam. Hagen, der nach Burgund ritt, war ein Suchender, der überall gewesen war. Seine Suche blieb unbeendet, weil die Zeit sich noch nicht erfüllt hatte. So suchte er einen Platz zum Warten.

Er kam in einem roten Mantel, mit einem bronzenen Schild, Speer und Schwert und ritt auf einem braunen Wallach. Als er später fortritt, zweiunddreißig Jahre später, da ging er so, wie er gekommen war.

In einem roten Mantel, mit einem bronzenen Schild, Speer und Schwert auf einem Wallach. Außer ihm wussten nur an jenem Tag noch Frau Uote und Herr Huonold, der Kämmerer, dass er ebenso ging, wie er gekommen war. Und beiden gab es einen Stich des endgültigen Verlassenseins. Nur eins war anders, an dem Tag, als er ging: Er ließ etwas zurück, von dem niemand wusste, und nahm etwas mit, von dem niemand wusste.

Als Hagen also das erste Mal zu Gibichs Burg ritt, suchte er einstweilen nur ein Dach für den Winter, wie er sagte, und bot seine Dienste als Soldat in Gibichs Heer an. Gibich hatte längst von Hagen gehört und griff gierig zu. Als der Fremde, gerade angekommen, unter den Reitern Quartier nahm, sah er sich gründlich in der Feste zu Worms um.

Dann ließ er sich gleich wieder bei König Gibich melden.

»König Gibich«, sprach er, »es ist mir doch aufgefallen, dass Eure Burg verschiedene Schwachstellen hat. Zu jeder Zeit, egal wie viele Wachen Ihr auf den Zinnen habt, könnten leicht feindliche Krieger hier eindringen. Und von innen befehdet, ist jede Burg zu Tode verwundet. Das ist wie ein Speer in den Rücken. Das geht dann schnell. Und man kann nichts mehr machen.«

König Gibich lachte nur: »Du kommst also hierher, lieber Gevatter, bist noch keinen Nachmittag da und redest schon schlecht über meine Anlagen. Also hör zu: Meine Burg ist lange Jahre unbelagert, meine Heere sind noch länger unbesiegt. Was bildest du dir ein! Du landloser … Söldner, du!«

Hagen stand unerschütterlich. Er schlug König Gibich mit ruhiger Stimme einen Handel vor. Der König möge im Burghof zusehen, wie man hinter Hagen die Tore nach draußen schließen würde. »Wenn ich nicht wieder hereinkomme, so behaltet Ihr mein Pferd und meine Waffen. Wenn ich aber in kurzer Zeit wieder vor Euch stehen werde, als wäre ich glattwegs durch den Stein gekommen, dann nehmt zurück, was Ihr gesagt habt, und entschuldigt Euch bei mir.« König Gibich war es gewohnt, dass alle vor ihm Angst hatten. Wenn einer mit ihm redete, als fürchtete er ihn nicht, passte er immer gut auf. Und Hagens Handel schien ihm leicht zu gewinnen.

So begab sich König Gibich, umgeben von seinen Räten, in den Hof und sah, wie man hinter Hagen die Türen schloss.

Der König drehte sich zu den Herren um und versuchte einen Scherz. Da Gibich wenig Witz besaß, war der Scherz so dünn wie ein Buchenblatt: »Da werden wir wohl um ein Pferd und ein Schwert reicher sein! Lasst gleich die Waffenkammer öffnen, Ruodolf!« Ruodolf von Alezeye war Gibichs Waffenmeister.

Die Herren des Rates kamen schon nicht mehr dazu, ihr übliches lahmes Lachen abzuliefern, mit dem sie des Königs schlechte Witze sonst vergalten. Denn Hagen stand hinter Gibich, als er die letzte Silbe sprach, so als wäre er aus dem Boden gewachsen.

König Gibich runzelte missbilligend die Stirn, weil keiner der Räte lachte, da deutete der junge Herr Huonold, der des Königs Kämmerer war, bleich über Gibichs Schulter. Der König drehte sich um und machte ein kleines Geräusch vor lauter Schreck.

Hagen lächelte nicht, obwohl es sehr komisch gewesen sein muss.

»Wie kommt Ihr –?«, stieß Gibich hervor und kam gleich außer Atem.

Alle hatten Hagen durch das große Tor gehen sehen. Alle hatten den Riegel gehört, der sich hinter ihm schloss. Niemand hatte gesehen, wie er wieder hereingekommen war. Er stand da, als wäre er glattwegs durch die Mauern getreten.

König Gibich schnappte weiter nach Luft wie ein Fisch, den man aus dem Wasser gezogen hat. Da redete Hagen:

»Ihr braucht Euch doch nicht zu entschuldigen, König. Ich habe gesagt, Ihr müsstet es tun, wenn ich vor Euch stehe. Ich bin aber hinter Euch angekommen.« Die Räte schwiegen betreten. Was für eine Größe!

Manche Könige brauchen weder einen Titel noch ein Land, um zu sein, wer sie sind.

Selbst Gibich fiel auf, dass Hagen mehr Geist, mehr Scharfsinn und bestimmt sowieso mehr Kraft hatte als er selbst. Es gibt nur zwei Erklärungen, wieso es ihm auffiel, denn König Gibich fiel wenig auf. Hagen war entweder so außerordentlich tapfer, so klug und so geistreich, dass es auch einem stumpfsinnigen König am Rhein klar werden musste. Oder die Götter schenken auch den Dumpfen bisweilen einen Moment der Helligkeit, damit geschehen kann, was geschehen muss. Ihr werdet selbst urteilen, welches von beiden es war, wenn Ihr die Geschichte weiter hört.

»Herr von Tronje«, sagte da also der Burgunde mit einem schwachen Anflug von Würde: »Euch möchte ich nie als meinen Feind haben, wirklich nicht. Ich bitte Euch daher, als der höchste meiner Berater an meinem Tisch zu sitzen und mit mir mein Reich zu regieren.«

Die Räte japsten nach Luft, das hätten sie nicht erwartet. Ein jeder überlegte schnell, ob diese Geisteswandlung des Königs und ihre Folgen ihm schaden oder nützen würde, aber keiner wusste genug über Hagen, um es einschätzen zu können.

Hagen selber blieb stumm ob dieses Angebots.

»Ich gebe Euch Gold und alles, was Ihr Euch wünschen könntet«, pries Gibich eifrig an, denn so gierig wie er war, dachte er, alle Menschen müssten so sein.

Aber der Tronjer schüttelte den Kopf. Mit dem Auge, das ihm geblieben war, hatte er eine Art, die Menschen anzusehen, dass es ihnen schwindlig wurde.

»Ich brauche kein Gold. Gebt mir einen besseren Grund zu bleiben«, forderte Hagen den verwirrten König auf.

Der sah zu seinen Räten und machte flehende Augen, dass sie ihm mit einer Antwort aushelfen sollten. Aber die Räte konnten sich auch nichts Besseres vorstellen als Gold. Sie zuckten verstört die Schultern, und einige begannen zu schwitzen, obwohl es kühl war in den Mauern von Worms. Der Fremde nickte bedächtig.

»Das ist dann wohl der Grund«, sagte Hagen. »Ich werde hierbleiben, König Gibich, weil weder Ihr noch einer Eurer Gefolgsleute außer Gold einen Grund weiß, warum man überhaupt ein Land regiert.«

Hagen entfernte sich. »Ein eigenes Zimmer hätte ich allerdings gerne!«, rief er noch über seine Schulter.

Von diesem ersten Tage an fürchteten und hassten die Räte Hagen von Tronje. Sie versuchten, Erkundigungen über ihn einzuziehen, und standen nur mit Luft in den Händen da.

Deswegen brüteten sie viele Gerüchte aus, arger Unsinn, den nicht einmal so manches Waschweib erzählen würde:

Sein Vater sei ein Waldgeist, der seine Mutter, ein entführtes Edelfräulein, geschändet hatte. Hagen reite des Weiteren bei Vollmond in den tiefsten Wald, wo noch die Bilder der alten Götter standen, und bespräche sich dort mit den Hexen und Zwergen. Der Waldgeistvater hätte ihm dazu überirdische Kräfte verliehen. Weil er an diesem ersten Tag so plötzlich im Hof erschienen war, behaupteten einige Neider sogar, Hagen könnte sich unsichtbar machen und durch Wände gehen.

Als Hagen schon einen Monat bei Hofe lebte, in seiner eigenen Kammer, in die er nur einen einzigen Diener hineinließ, nahm König Gibich nach einer Ratssitzung all seinen Mut zusammen und trug sein Anliegen vor. Es war einigen aufgefallen, dass der einäugige Hagen Odins Sohn hätte sein können. Für einen zivilisierten Hof, der leider noch um jeden Getauften unter seinen Würdenträgern ringen musste, war so etwas untragbar, setzte ein falsches Zeichen. Gibich brauchte die Verbündeten in Rom. In Rom regierten dieser Tage weder die Kaiser noch die Soldaten, das wurde immer klarer. In Rom regierten die Priester, die erst glücklich waren, wenn alle einmal im kalten Wasser untergetaucht wären. König Gibich ahnte mit einigem Unwohlsein, dass Hagen und die Priester wahrscheinlich sehr unterschiedliche Meinungen zu vielen Dingen in Bezug auf die Götter hatten.

»Herr Hagen«, begann er entsprechend unsicher, »einige der Frauensleute bei Hofe nehmen Anstoß an Eurer Verletzung da«, er deutete auf die Narbe über Hagens fehlendem rechtem Auge.

»Ich persönlich glaube, es ist egal, was Frauen denken, aber auch einige der Würdenträger aus Rom, namentlich die Kapläne …«

Seine Stimme verebbte. Kapläne waren besonders geschulte Priester, die dauerhaft an Gibichs Hof lebten. Wozu, war niemandem ganz klar, aber man konnte sie schlecht bitten, zu gehen. Sie waren Gesandte der fernen Männer, die Gibich als Freunde brauchte, um garantiert ein von seinem Gott auserwählter König zu bleiben.

Da lächelte Hagen das erste Mal, seit er nach Worms gekommen war. »So, die Kapläne«, wiederholte er.

»Es wäre ja nur eine Augenbinde nötig«, schnaufte Gibich.

Seit diesem Tag sah man Hagen bei Hofe nie mehr ohne ein schwarzes Band, das er sich schräg über den Kopf zog. Erst kurz vor seinem Tod sollte er die Binde wieder ablegen, und da war es schon egal, was alle dachten, die im Süden, die im Osten.

Man hat in den letzten Jahren so viel Unsinn über die Burgunden verbreitet, über den Xantener, über Hagen und natürlich über meine Mutter. Ich weiß, wer sich diese Lieder schreiben lässt. Ich sage seinen Namen nicht, nie. Ich gönne ihm keinen meiner Atemzüge. Er wird mein Henker sein, ohne dass ein Tropfen Blut seine Hand beschmutzt. Er wird mein Henker sein, feige und fern der Richtstätte. Deswegen nehme ich seine unwürdige Person zur Kenntnis. Jedoch vergesse ich seinen Namen schon vor meinem Tod. Ist das nicht komisch, dass der, der mir das Erinnern verbieten will, von mir vergessen wird? Von mir, der sich an alles erinnert.

Meine Wärter schauen nach mir, weil ich lache. Der Wagen schwankt. Sie denken, dass ich verrückt bin. Gefangen, auf dem Weg zum Tode und lachend. Was ist verrückt daran? Aber ich bin daran gewöhnt. Die meisten Menschen denken, dass ich verrückt bin. Aber er, mein ferner Henker, mein feiger, namenloser Mörder mit den sauberen Händen, der denkt es nicht. Er ist der Einzige, der weiß, dass es die Wahrheit ist, deren letztes Lied ich singe.

Wir sind wie die zwei Schalen einer Waage der Verdammnis.

Nur mein Niedergang wird ihn ungestört aufsteigen lassen. Und wenn ich bliebe, wo ich war, ginge er zugrunde. Söhne der Untergegangenen sind wir beide, doch ich bin – umgeben von Unglück – ein Kind des Glücks, mein Lebtag lang. Und er?

So sehr er sich auch mit dem Wahn von Sieg und Rache umgeben mag, er ist ein Unglückswurm. Der Sohn eines Lügners, der – vom eigenen Vater vergessen, von der eigenen Mutter ohne eine Träne verlassen – verschwunden wäre, wenn er nicht denen nützen würde, die ihn nun ihrerseits belügen. Ist das nicht komisch, Ihr Fremden?

Mein armer zukünftiger Mörder, mein belogener Verleumder, mein unerwünschter Bruder. Weißt du noch, wie wir spielten als Kinder?

Ich singe deinen Untergang, denn ich kenne die Wahrheit, die du erschlagen willst. Ich kenne meine Eltern, und ich kenne dich.

Dein Vater log sich seinen Weg stets gerade einen Schritt voraus.

Er betrog die, die ihm vertrauten, er betrog sich selbst.

Deine Mutter ließ dich zurück, wo du heute noch sitzt und in deiner Verdammnis brütest: Sie ging leicht und ledig, ohne dich mitzunehmen, weil zu gehen ihren Zielen dienlich war.

Und diese Ziele hatten nichts zu tun mit Liebe oder Gerechtigkeit.

Wie wirst du sie gesund lügen mit deinem Geld, deinen Abkommen und Verträgen?

Sohn einer Verrückten und eines Frauenschänders!

Das sind deine Ahnen. Und mag ich auch hier in deinem Käfig sitzen, auf dem Karren schwanken, der mich zu meiner Todesstätte bringen soll, wenn ich an dich denke, weiß ich, dass ich der Glückliche von uns beiden bin. Mir macht der Tod keine Angst. Zu oft schon hat er mein erstaunlich zähes Herz zwischen den Zähnen gehalten und es dann doch wieder ausgespien.

Ich bin ein Glückskind aus der Linie der Untergegangenen:

Mein Vater gedachte im Sterben nur meiner Mutter Wohl und Überleben, ihrem und meinem. Und meine Mutter, krank an namenlosem Leid, das sie erst ereilte, als sie es doch lang abgegolten wähnte, kämpfte für mich, jeden Tag, den ihr das Leben als Qual aufgab. Kämpfte so lange, bis sie mich alt genug erachtete, im Lebensstreit selbst fechten zu können.

Diese beiden sind die wahren Helden. Sie dachten, vom grausamen Spiel der Götter gebrochen, dennoch nur aneinander, nicht an sich selbst – bis zuletzt. Das macht sie unsterblich.

Meine Mutter, Brynhild Svenkesdottir, war Königin auf den Inseln.

Mein Vater, der Tapfere, der Krieger ohnegleichen, war Hagen von Tronje, Högni Odinsson, unbesiegt in seinem Herzen.

Ich bin beider Sohn, das Vermächtnis der Verschwundenen.

Sie warten auf mich in den Hallen des Lebens hinter dem Tod.

Ich bin Bryndt Högnisson.

Ihr Fremden, nennt mich bei meines Vaters Namen.

Sein Name allein wäre mir Grund, wieder zu sprechen.

Aber ich warte. Ich warte darauf, dich, von mir Vergessener, wiederzusehen. Ich warte, dass sie mich in diesem Käfig auf deinen stinkenden Burghof karren.

Du willst es doch sehen, oder? Natürlich. Du willst sicher sein, dass ich es wirklich bin, den du erschlagen lässt. Es soll kein Versehen geben. Du willst meines Vaters Augen sehen, meiner Mutter Züge, um sicher zu sein. Vielleicht wirst du nur hinter einem Fensterschacht stehen, verborgen in deiner Feigheit, und heruntersehen, wenn sie mich abladen wie ein Stück Vieh. Aber du wirst es sehen wollen. Du wirst da sein wollen.

Das weiß ich. Und dann werde ich ein letztes Mal sprechen, dann werde ich ein letztes Mal singen. Dann schick mir den, der dich als Henker vertritt. Er soll das Lied enden, wenn er kann.

Wie Worms wuchs

Als Hagen von Tronje, wie er nun allgemein hieß, schließlich dem Rat zu Worms vorsaß, da gab es keine Krieger, die die Grenzen des Reiches angriffen. Die Starken und Tapferen, die hörten, Hagen wäre Gibichs wichtigster Rat, schwärmten zum Rhein wie Bienen zu einem Feld voll Klee. Sie kamen, an Hagens Seite zu kämpfen, sich im Glanze seines Ruhms den eigenen zu erwerben.

Jedem der Waffenhungrigen sagte Hagen: »Hier soll es keinen Kampf geben, sondern Frieden. Hier werdet Ihr keinen Ruhm ernten, sondern das Leben anderer ruhig erhalten. Wenn Ihr bleibt, dann so, als könnte jeden Morgen eine Fehde anbrechen, doch wissend, dass es nicht geschehen wird. Burgund ist keine Heimat für Faulpelze, aber auch keine für ehrgeizige Jugend, die besungen werden will.« Fast alle, die eigentlich nach Worms gekommen waren, um zu kämpfen, blieben dank Hagen, um den Frieden zu sichern. Er selbst trainierte sie, und die Narben, die sie sich zum Zeichen ihrer Tapferkeit gewünscht hatten, bekamen sie dennoch. Nicht auf den Feldern für Odins Raben. Sie bekamen sie in den Übungsgängen mit Odins Sohn. »Ich habe ja gesagt«, rief er den Armen nach, die auf einer Bahre vom Waffenplatz getragen wurden: »Keine Heimat für Faulpelze.«

Und den bangen Umstehenden erklärte er: »Wer sich im Frieden nicht bereithält, überlebt den ersten Tag des Krieges nicht!«

Die Krieger liebten Hagen weit mehr als Gibich.

Wenn sie Gibich den Eid schworen, sahen sie doch Hagen an.

Das fiel den anderen Räten auf, und sie träufelten dem König spitzmündig Gift ins Ohr: »Hagen befehligt alle Männer unter Waffen mit weniger als einem Flüstern. Sie folgen ihm blind! Blind! Wenn der wollte, König, könnte er Euch schlicht absetzen lassen. Ihr könntet eines Morgens gefesselt nach der Wache rufen und rufen und müsstet entdecken, es ist die Wache, die Euch festhält. Tja.«

Gibich betrachtete die Räte eingehend und antwortete:

»Wenn Männer zu lange von der Heimat fern sind, dann kommen ihnen ganz seltsame Gedanken. Ihr solltet nach Hause zurückkehren, Ihr Herren. Euer König dankt Euch, ihm so lange gute Dienste geleistet zu haben. Nun seid Ihr entlassen.«

Damit hatten die Drohnen von Worms nicht gerechnet. Sie schwirrten in Angst durcheinander und versuchten ihren Posten zu retten, aber es war zu spät. Gibich, der Misstrauische, hatte in Hagen einen Berater gefunden, dem vertraute er mehr als sich selbst. Nur Herrn Huonold, den Kämmerer, behielt er. Herr Huonold war jung und geschickt, und er hatte Hagen nie verleumdet. Er übersah das Gesinde und hatte damit genug zu tun.

Als Hagen von der Entlassung der Räte erfuhr, war er verwundert, doch, was den Grund anging, nicht wirklich überrascht.

»Sie könnten sich rächen wollen, Herr«, sagte er zu Gibich. »Zehn kleine Feinde können manchmal mehr Schaden anrichten als ein großer.« Gibich winkte ab. Seine Räte konnten nicht einmal ihren Weg aus einem Mehlsack herausfinden, den man ihnen übergestülpt hatte, dachte er nun, da er sich nicht mehr auf sie verlassen musste.

»Ihr wählt den neuen Rat aus Euren Getreuen aus, Herr Hagen. Und wenn Euch zehn zu viel sind, dann kommen wir auch gut mit fünf Räten und Euch selbst aus, und Herrn Huonold.«

Hagen brachte dem König am nächsten Tag eine Hand voll junger Männer als Räte, von denen die meisten noch nicht einmal einen Bart hatten. »So jung?«, fragte Gibich erstaunt.

»Ihr seid schon älter, Herr. Die hier werden lange leben«, antwortete Hagen ruhig. »Wenn Ihr lang tot seid und Euer Nachfolger regiert, dann werden diese Männer noch wissen, wie es unter Euch war, und werden es dem neuen König beibringen können.« Da war Gunther schon geboren und Gernoth auf seinem Wege dazu.

»Dann sollen sie gleich auf meinen Sohn mitschwören, auf beide«, entschied Gibich und bewunderte Hagens Treue und Klugheit. Er selbst, das wusste Gibich, wäre weder zum einen noch zum anderen fähig gewesen.

Wie selten ist es doch, einen Ratgeber zu finden, der in seiner Weisheit glänzt wie Morgentau und dennoch nicht danach dürstet, sie mit Macht zu verbrämen. Man kann eher einen Rosengarten auf steinigen Felsen anlegen, als auf bestem Boden einen solchen Mann zu züchten. So jemand ist selten und wertvoll. Jeder König, der ihn auf seiner Seite wüsste, könnte einen ruhigen Schlaf schlafen. So ein Mann war Hagen von Tronje, das schwöre ich, und wenn es das Letzte ist, was ich tue.

Die neuen Räte am Hof zu Worms waren die, deren Namen man noch heute kennt: Ortwin von Metz, der Truchsess, der die Vorräte übersah, ein kluger Mensch, baumlang und dünn, mit Händen, die immer wirkten wie Schaufeln, kurzer, auffahrender Nase und Augen, die ihm trübe wurden, weswegen er sie zusammenkniff. Dann wählte Hagen Ruomold, den Küchenmeister, der Tapferste und Stärkste aller jungen Helden. »Ich! Der Küchenmeister? Och, nee! Lasst mich der Waffenmeister sein, der Quartiermeister, meinetwegen der Kellermeister, aber nicht der Koch!« Herr Ruomold saß da wie ein trauriger Ochse, die wulstige Stirn, die das Denken nicht gewohnt war, gekraust, dass sie weiß wurde. »Bitte, nicht der Küchenmeister«, flehte er.

»Du bist der Küchenmeister!«, wiederholte Hagen mit fester Stimme, und er sollte sich auch hier nicht geirrt haben. Wann immer die Burgunden ausrückten, ob zur Jagd oder zur Fehde, so speisten auch ihre Fußsoldaten wie die Fürsten, und dank Herrn Ruomolds Umsicht kostete es den König nur wenig Geld.

Es gab unter den Tapferen zu Worms zwei junge Markgrafen: Gere, der eine, Eckewart, der andere. Graf Gere wurde Gernoths Lehrer, Graf Eckewart erst Gunthers Aufwartung, später der treue Wächter der kleinen Krimhild.

Warum Hagen diese zwei zu Bewachern der Königskinder wählte? Nun lasst mich voll Takt sagen, dass die Möglichkeit, dass die Grafen Gere und Eckewart jemals selbst Kinder zeugen würden, sehr gering war: Eher, so hieß es in Worms, habe man mit einem heißen Januar zu rechnen. Aber umso fürsorglicher kümmerten sie sich um die ihnen Anvertrauten. Und als Gernoth sich nichts mehr sagen ließ, kümmerte sich Gere dann um Giselher, der übrigens wesentlich fügsamer war.

Dann kam auch eines Tages Volker von Alezeye in den Rat, ein Neffe des jäh entlassenen Ruodolfs, der seinem Oheim aus vielen Gründen bitter war. Er nahm seinen Platz als Waffenmeister ein. Zuerst hatte Volker natürlich daran gedacht, den Onkel zu erschlagen. Aber er entschied, dass sein Onkel sich über den neuen Posten seines Neffen länger ärgern würde als über einen gespaltenen Schädel. Jedem das Seine!

Zehn Jahre war Hagen nun schon bei den Burgunden, da erschien ein junger Mann vor den Toren der Burg, der war in Rot gewandet und hatte schwarzes Haar. Er nannte sich Herr Dankwart und behauptete mit angenehmer Stimme, Hagens jüngerer Bruder zu sein.

Wenn Yggdrasil, der Weltenbaum, Füße bekommen hätte und vor dem Tor von Worms aufgetaucht wäre, es hätte nicht mehr Geschrei und Fragerei auslösen können, das könnt Ihr mir glauben. Dieser Dankwart sah Hagen auch der Art nach ein wenig ähnlich, das gleiche schwarze Haar, der rote Mantel, wappenlos, tat sein Übriges. Aber er war ihm doch so ungleich wie ein Karrengaul dem Streitross. Dankwart begrüßte den Herausgerufenen, den er Bruder genannt hatte, mit aller Vorsicht, ähnlich, wie man an einen schnaubenden Stier herangeht. Gaffer säumten den Hof, ich schwöre, in diesem Moment ging nicht ein einziger Burgsasse seiner Arbeit nach. Selbst Frau Uote soll von ihrer Stickerei aufgestanden sein, um am Fenster zu stehen.

Dankwart war so jung, gerade neunzehn, Hagen schon vierundvierzig in jenem Herbst, als es sich zutrug. Ein Bruder? Halbbruder? War der Fremde vielleicht eher ein heimlicher Sohn, der nur als Bruder ging, um Hagen nicht zu entblößen?

Schon schwirrten die Gerüchte wie Fliegen im Kuhstall.

War er es, den Hagen in seinen einsamen Ritten besucht hatte? Hatte Hagen eine heimliche Gefährtin draußen in den Wäldern versteckt?

Kam dieser Dankwart da aus Tronje, wo immer es sein mochte.

»Hagen«, sagte Herr Dankwart lächelnd, als er ihm gegenüberstand. »Dankwart«, antwortete der leise und undurchdringlich. »Ich würde gerne hier zu Hof Arbeit tun!«, erklärte Dankwart darauf hölzern.

»Das muss der König entscheiden«, antwortete Hagen und ging gleich wieder hinein.

Auch König Gibich hatte natürlich gegafft und gelauscht.

»Ist das wirklich Euer Bruder, Herr Hagen?«, fragte Gibich mit der Neugier eines tratschenden Küchenmädchens, als sich dieser bei ihm melden ließ.

Hagen gab nie eine direkte Antwort: »Er möchte hier Wohnung nehmen, Herr«, war alles, was er sagte.

»Was für ein Amt schlagt Ihr denn für ihn vor?«, wollte Gibich wissen. »Ihr kennt ihn doch, welches sind seine Fähigkeiten?«

Hagen verzog keine Miene angesichts dieser plumpen List. »Ein Neuankömmling sollte zunächst wohl am besten bei den Soldaten sein«, sagte Hagen nur. Man bekam zum Leidwesen aller nichts über ihn aus Dankwart heraus, wobei gesagt sein sollte, dass sich überhaupt nur wenige trauten, zu fragen. Nach einiger Zeit war dann auch Herr Dankwart den Waffenkammern verantwortlich, aber man sagt, dass er sich mehr darauf verstand, wie eine Waffe auszusehen hatte, als darauf, wie sie sich am besten im Kampfe fügte.

Dies waren nun die Räte zu Worms, kaum dass Hagen zehn Jahre am Rhein weilte. Sie blieben bis zum furchtbaren Untergang, junge Männer, die im gesicherten Frieden alt und weise wurden, aber dann in einem Gemetzel starben, das ich noch nicht beschreiben kann, weil selbst der Wind erstirbt, wenn er an das denkt, was geschah. Ihr werdet noch davon hören, Ihr Fremden, und dann Euch vielleicht wünschen, es wäre Euch erspart geblieben.

Mit den Jahren ließ Gibich Hagen immer freiere Hand.

Auch den ungewöhnlichen Ratschlägen des Tronjers beugte er sich bald ohne Fragen, weil Worms an ihnen wuchs wie ein Fluss nach der Schneeschmelze. Die Grenzen Burgunds wurden nicht nur verteidigt, sie dehnten sich aus, so wie man Wein in einen Schlauch füllt, fassten mehr und mehr. Und während die Welt in Unruhe geriet, lag Worms im Frieden. Und wenn mal ein Kläffer an diesen Wällen anschlug, zog Hagen mit den Tapferen aus und brachte die Schädel der Unverfrorenen mit in die Burg zurück. Für Gibich und das Land tat er mehr Gutes als Gundaharis Erben bisher alle zusammengenommen.

So war es auch Hagen, der veranlasste, einige der versklavten Landsassen wieder zu befreien und ihnen kleine Höfe zu schenken, denn er sagte:

»Ein starker Bauer, der sein eigenes Land verteidigt, ist ein Krieger, mit dem man rechnen muss. Ein ängstlicher Landsasse, hungrig und arm, den sein König in Waffen steckt, ist bald tot.«

Die neuen Bauern, befreit nach Jahrzehnten der Sklaverei, aber wussten nicht, dass Hagen ihr Wohltäter war.

Im Gegenteil, sie mochten ihn nicht.

Bauern sind noch abergläubischer als Hofvolk. Wenn sie ihn auch nur von Weitem sahen, kniffen sie die Daumen ein und spuckten heimlich nach ihm aus. Und einige ganz Neumodische machten das Zeichen des milden Gottes, des weißen Christus, wozu man sich mit der rechten Hand erst an der Stirn, dann in der Herzgrube, dann an der linken und schließlich an der rechten Schulter berühren muss, das kann ich Euch verlässlich sagen.

So viele Gerüchte es auch über ihn gab, niemand konnte etwas tatsächlich Schlimmes berichten, wobei er Hagen beobachtet hätte. Er versah seine vielfältigen Aufgaben mit äußerster Disziplin und war von einer so vollkommenen Regelmäßigkeit in allen Pflichten, dass wieder von Zauberei geredet wurde. Nur hin und wieder, alle Vierteljahre vielleicht, immer wenn der Mond voll war und die Hunde mit den Wölfen um die Wette heulten, ritt Hagen aus und blieb zwischen einem und drei Tagen fort.

Auch Gibich wusste nicht, wo er hinging in diesen Zeiten. Hagen bat nie um Urlaub und entschuldigte sich auch nicht für sein Ausbleiben, wenn er wiederkam, geschweige denn, dass er eine Erklärung abgegeben hätte.

Als es das erste Mal vorgekommen war, da hatte sich Gibich noch ein wenig beunruhigt. Er fürchtete, Hagen verloren zu haben, dass er womöglich Verrat betrieb und sich mit fremden Unterhändlern traf, um die Gans, die er mästete, ans Messer zu liefern.

Nachdem er aber seinen ganzen Rat entlassen hatte, als die Herren Hagen misstrauten, konnte er nicht gut selbst damit anfangen, argwöhnische Fragen zu stellen. Und tatsächlich war Hagen auch nach zwei Tagen am frühen Abend wiedergekehrt, unverändert still, unverändert um das Wohl Worms’ bemüht.

Einer der Priester flüsterte Gibich schließlich ein, dass es auch noch andere Gründe als Hochverrat geben könnte, die Hagen geheim halten wollte: Ihr könnt Euch das nicht vorstellen, Ihr, die Ihr mir zuhört, aber die Priester des Gibich konnten immer nur an ihren Gott denken. Und daran, dass es gar keine anderen Götter geben dürfte. Es ist in der Tat eine seltsame Grille, aber wie heißt doch das Sprichwort: »In jedem Kopf befindet sich eine andere Welt.«

So müsst Ihr mir glauben, dass es wirklich der Priester wichtigster Gedanke war, dass niemand zu anderen Göttern betete, so lustig das auch klingt. Ihnen war es ernst.

So klagte einer von ihnen Hagen an: »Immer bei Vollmond! Herr König, Ihr wisst selbst, dass an Vollmond die alten Bräuche unglücklicherweise weiter gehalten werden. Und die unanständigen Lieder, Drachentöter und sprechende Bäume, unappetitliches Zeug! Wisst Ihr sicher, dass Euer oberster Ratgeber nicht an solchen Riten teilnimmt? Das wäre schändlich, ungut.«

Gernoth war damals gerade geboren worden, und der Priester war eigentlich gekommen, um Einzelheiten der bevorstehenden Tauffeier zu bereden. Deswegen war ausnahmsweise auch Frau Uote anwesend. Sie stickte ein Heiligenbild und hörte still zu.

»Im Umkreis von drei Tagesritten sind doch nun alle Menschen getauft, Pater, wie soll er da an Riten teilnehmen?«, fragte Gibich.

Der Priester schloss eindrucksvoll die Augen und schnaubte durch die Nase. »Es ist mir arg, vor der Königin über derlei Dinge sprechen zu müssen«, schnaufte er.

Frau Uote nickte ihm freundlich zu. Gibich schüttelte den Kopf: »Meine Frau hält schon was aus«, befand er. »Also raus damit!« Noch immer eindrucksvoll im Leid seiner Skrupel, zischte der Priester einen Befehl an einen seiner jüngeren Gehilfen. Der schleppte einen Sack an, etwa so groß wie ein Weinschlauch.

Der Priester nahm den Sack kummervoll entgegen und griff hinein mit einem Gesicht, als hätte er das Zahnreißen.

»D

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