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Die Nanny und der Traummann

1. KAPITEL

Das war nicht gut. Ganz und gar nicht gut.

Als ehemaliger Abwehrspieler, Spitzenathlet und Mannschaftskapitän der New York Scorpions zählte Cooper Landon zu den beliebtesten Sportlern der Stadt. Seine Eishockeykarriere war eine Aneinanderreihung von Erfolgen gewesen. Doch jetzt schien ihn das Glück zu verlassen.

Er blickte aus dem Fenster des Konferenzraums der Anwaltskanzlei auf Manhattan hinunter. Die Hände in seinen Jeanstaschen vergraben, beobachtete er den Verkehr auf der Park Avenue und die Passanten, die sich unten auf dem Gehweg tummelten. Die Hochhausfenster auf der anderen Straßenseite reflektierten das grelle Licht der Junisonne. Geschäftsmänner, die Taxen hinterherwinkten. Mütter mit ihren Kinderwagen. Noch vor drei Wochen war auch er einer dieser Normalbürger gewesen. Ein Mann, der keine Ahnung hatte, wie schnell sein Leben auf den Kopf gestellt werden konnte.

Ein sinnloser Unfall hatte ihm den letzten Rest seiner Familie genommen. Jetzt waren sein Bruder Ash und seine Schwägerin Susan tot. Und die Zwillinge Vollwaisen.

Beim Gedanken an die Ungerechtigkeit des Ganzen ballte Coop vor Wut die Fäuste. Am liebsten hätte er die getönten Glasscheiben zerschlagen.

Wenigstens hatte er noch seine beiden Nichten. Ash und Susan hatten sie zwar adoptiert, aber geliebt wie ihr eigen Fleisch und Blut. Jetzt unterlagen sie Coops Obhut, und er war fest entschlossen, ihnen das denkbar beste Leben zu verschaffen. Er würde ihnen all das ermöglichen, was Ash für sie gewollt hätte.

„Also, was hast du von der letzten Kandidatin gehalten?“, fragte ihn sein Anwalt Ben Hearst. Er saß Coop gegenüber am Konferenztisch, sortierte geflissentlich einen Stapel Bewerbungsunterlagen und machte sich Notizen zu all den Nanny-Kandidatinnen, die sie heute Nachmittag kennengelernt hatten.

Coop wandte sich ihm zu. Ihm gelang es nicht, seine Frustration zu unterdrücken. „Ich würde ihr nicht mal einen Hamster anvertrauen.“

Wie schon die drei Bewerberinnen zuvor hatte auch die letzte Kandidatin mehr Interesse an seiner Hockey-Karriere als an den Zwillingen gezeigt. Coop kannte sich aus mit dieser Sorte Frauen. Kurzer Rock, tief ausgeschnittene Bluse, stets auf der Suche nach einem berühmten Ehemann. In der Vergangenheit hätte er sich allerdings über die Aufmerksamkeit gefreut und die Situation wahrscheinlich sogar ausgenutzt. Mittlerweile fand er derartige Gespräche aber nur noch nervtötend. Er wurde nicht als der Erziehungsberechtigte zweier Kleinkinder wahrgenommen, die gerade ihre Eltern verloren hatten, sondern wie ein Stier auf dem Viehmarkt behandelt. Gerade mal zwei Wochen war es her, dass sein Bruder gestorben war – und nicht eine einzige Bewerberin hatte ihm ihr Beileid bekundet.

Nach zwei Tagen und einem Dutzend unproduktiver Bewerbungsgespräche befürchtete er mittlerweile, dass er nie im Leben eine Nanny finden würde, die seinen Ansprüchen genügte.

Aber seine Haushälterin, die ihm nur unter lautem Murren mit den Zwillingen half, war schon gute zwanzig Jahre über ihre Muttergefühle hinweg und drohte damit zu kündigen, falls er nicht bald jemanden für die Kinder fand.

„Tut mir wirklich leid“, sagte Ben. „Ich hätte damit rechnen müssen, dass es so kommt.“

Vielleicht hätte Coop auf den Rat seines Anwalts hören und eine Arbeitsagentur einschalten sollen. Andererseits bezweifelte er aber, dass ein Haufen Wildfremder dazu in der Lage war, eine Nanny auszusuchen, sie seinen Vorstellungen entsprach.

„Die Nächste könnte dir gefallen“, fuhr Ben fort.

„Ist sie qualifiziert?“

„Eigentlich sogar überqualifiziert.“ Er reichte Coop die Akte. „Ich habe mir sozusagen das Beste bis zum Schluss aufgehoben.“

Sierra Evans, sechsundzwanzig. College-Abschluss in Erziehungswissenschaften, derzeit tätig als Kinderkrankenschwester. Coop blinzelte erstaunt, dann sah er zu Ben auf. „Stimmt das, was hier steht?“

Der Anwalt nickte und lächelte. „Ich war auch überrascht.“

Sie war Single, kinderlos, keine Vorstrafen. Nicht mal ein Knöllchen wegen Falschparkens. Auf dem Papier wirkte sie absolut perfekt. Allerdings hatte Coop schon häufig feststellen müssen, wie sehr der erste Eindruck täuschen konnte. „Und was ist der Haken an der Sache?“

Ben zuckte mit den Achseln. „Scheinbar gibt es keinen. Sie wartet draußen in der Lobby. Soll ich sie reinrufen?“

„Ja, lass uns das hinter uns bringen.“ Zum ersten Mal, seit das Chaos ausgebrochen war, sah Coop einen Lichtstreif am Horizont. Vielleicht war diese Sierra ja wirklich so gut, wie es in ihrer Akte stand.

Über die Gegensprechanlage bat Ben seine Empfangsdame: „Würden Sie bitte Miss Evans hereinschicken?“

Eine Minute später öffnete sich die Tür, und eine Frau betrat den Konferenzraum, die schon auf den ersten Blick anders wirkte als all die anderen Bewerberinnen. Sie trug OP-Kleidung – eine dunkelblaue Hose und ein weißes Oberteil, auf das Sesamstraßen-Figuren gedruckt waren – und bequeme Schuhe. Vielleicht kein typisches Outfit für ein Bewerbungsgespräch, aber eine deutliche Verbesserung gegenüber den hautengen Klamotten ihrer Vorgängerinnen. Sie war durchschnittlich groß, durchschnittlich gebaut und alles in allem ziemlich unauffällig. Nur ihr Gesicht war alles andere als durchschnittlich.

Ihre Augen waren so dunkelbraun, dass sie fast schwarz wirkten, und saßen leicht schräg, weswegen man sie fast für eine Asiatin hätte halten können. Ihre Lippen waren voll und sinnlich, und ihr langes schwarzes, zu einem etwas schiefen Pferdeschwanz zusammengebundenes Haar schimmert wie Satin. Sie trug kein Make-up, und sie brauchte auch keins.

Noch viel wichtiger als ihr angenehmes Äußeres war aber, dass Coop sofort begriff, dass diese Frau kein Groupie war.

„Miss Evans“, sagte Ben und erhob sich, um ihr die Hand zu schütteln. „Ich bin Ben Hearst, und das hier ist Cooper Landon.“

Coop nickte kühl und blieb sitzen.

„Entschuldigen Sie bitte den OP-Anzug“, sagte sie. Ihre Stimme war tief und ein wenig heiser. „Aber ich komme direkt von der Arbeit.“

„Kein Problem“, versicherte Ben und wies dabei auf einen Stuhl. „Bitte, setzen Sie sich doch.“

Sie nahm Platz, stellte ihre Handtasche – ein billiges Ding, das schon bessere Tage gesehen hatte – neben sich auf den Tisch und faltete die Hände im Schoß. Coop beobachtete sie schweigend, während Ben eine ganze Litanei an Fragen auf die junge Frau herabprasseln ließ. Sie beantwortete jede einzelne ausführlich. Coop warf sie zwar immer wieder kurze Blicke zu, doch ansonsten konzentrierte sie sich voll und ganz auf ihren Gesprächspartner. Sie war die Erste, die nicht versuchte, Coop in ein Gespräch zu verwickeln, die ihn nicht anstarrte, als wäre er ein exotisches Tier, und die keinen einzigen Flirtversuch unternahm. Kein laszives Lächeln, keine Anspielungen darüber, dass sie wirklich alles für diesen Job tun würde. Nein, sie schien seinem Blick sogar auszuweichen. Fast wirkte es, als würde Coops Anwesenheit sie nervös machen.

„Ist Ihnen klar, dass Sie bei Mr Landon leben werden? Und dass Sie rund um die Uhr, sieben Tage die Woche für die Zwillinge verantwortlich wären? Ihre einzige Freizeit wäre sonntags zwischen elf Uhr vormittags und vier Uhr nachmittags sowie an jedem vierten Wochenende von samstags, acht Uhr morgens, bis sonntags, acht Uhr abends“, erklärte Ben.

Sie nickte. „Ja, das ist mir bewusst.“

„Hast du noch weitere Fragen?“, sagte Ben an Coop gerichtet.

„Ja, tatsächlich“. Jetzt richtete Coop seine Aufmerksamkeit ganz auf die Bewerberin. „Warum wollen Sie Ihren Job als Krankenschwester aufgeben, um Kindermädchen zu werden?“

„Ich arbeite sehr gerne mit Kindern“, erwiderte sie mit einem schüchternen Lächeln – einem schönen Lächeln, wie Coop sofort auffiel. „Aber die Intensivstation für Neugeborene bedeutet eine Menge Stress und ist eine große emotionale Herausforderung. Ich wünsche mir ein anderes Arbeitstempo. Und zudem, das kann ich nicht leugnen, ist es ziemlich verlockend, dass Kost und Logis in Ihrem Angebot inbegriffen sind.“

Alarmiert hakte Coop nach: „Und warum genau reizt Sie das so?“

„Mein Vater ist krank und braucht ständige Pflege. Mit dem Gehalt, das Sie zahlen, und der gesparten Miete könnte ich ihn in einer soliden Einrichtung unterbringen. In einem Pflegeheim in Jersey wird noch diese Woche ein Platz frei. Das Timing wäre also perfekt.“

Das war so ungefähr die letzte Antwort, die er erwartet hatte. Einen Augenblick lang war er sprachlos. Er kannte nicht viele Menschen, vor allem nicht in ihrem Einkommensbereich, die einen so großen Teil ihres Lohns für einen Verwandten geopfert hätten. Selbst Ben wirkte ein bisschen überrascht.

Er warf Coop einen „Was-meinst-du?“-Blick zu.

Tatsächlich fiel Coop kein einziger Grund ein, sie nicht sofort einzustellen. Aber er wollte nichts überstürzen. Hier ging es um die Zwillinge, nicht um seine Bequemlichkeit.

„Könnten Sie morgen bei mir vorbeikommen, um meine Nichten kennenzulernen?“, fragte er.

Hoffnungsvoll sah sie zu ihm herüber. „Heißt das, ich habe den Job?“

„Ehe ich eine endgültige Entscheidung treffe, würde ich gerne sehen, wie Sie mit den Kindern umgehen. Aber um ehrlich zu sein, sind Sie bislang bei Weitem die qualifizierteste Kandidatin.“

„Morgen ist mein freier Tag, ich könnte also kommen, wann immer es Ihnen recht ist.“

„Dann sagen wir doch ein Uhr, dann haben die Kinder schon gegessen. Ich bin noch nicht sonderlich geübt im Elterndasein, deswegen dauert im Augenblick alles noch etwas länger.“

Sie lächelte. „Ein Uhr passt mir hervorragend.“

„Die Wohnung liegt auf der Upper East Side. Mr Hearst wird Ihnen die genaue Adresse geben.“

Ben kritzelte Coops Adresse auf ein Stück Papier, das er Miss Evans reichte.

Nachdem sie es in ihrer Handtasche verstaut hatte, stand sie gleichzeitig mit Ben auf und schob sich die Tasche über die Schulter.

„Und eins noch, Miss Evans“, sagte Coop. „Sind Sie Hockey-Fan?“

Sie zögerte. „Ist das … eine Jobvoraussetzung?“

Er spürte, wie seine Mundwinkel zuckten. „Natürlich nicht.“

„Gut, dann kann ich ja ehrlich sein. Ich hab es nicht so mit Sport. Mein Vater war allerdings lange ein großer Hockey-Fan.“

„Dann wissen Sie also, wer ich bin?“

„Das weiß wohl jeder in New York.“

Da hatte sie vermutlich recht. „Ist das ein Problem für Sie?“

Sie neigte den Kopf und sah Coop fragend an. „Ich verstehe nicht ganz, wie Sie das meinen.“

Auf einmal hatte er das Gefühl, ein absoluter Idiot zu sein, weil er überhaupt gefragt hatte. War er mittlerweile schon so gewöhnt daran, dass ihm die Frauen zu Füßen lagen, dass er es einfach erwartete? Vielleicht war er ja nicht mal ihr Typ! Oder sie hatte einen Freund. „Ach, egal.“

Sie hatte sich schon zum Gehen gewandt, da hielt sie noch einmal inne und drehte sich um.

„Ich wollte noch sagen, dass mir das mit Ihrem Bruder und seiner Frau sehr leidtut. Ich weiß, wie schwer es ist, einen geliebten Menschen zu verlieren.“

In ihrem Blick lag ein solches Mitgefühl, dass Coop unwillkürlich zusammenzuckte. In seinem Hals bildete sich ein dicker Knoten, der ihm mittlerweile schon bestens vertraut war. Er war sauer gewesen, dass keine der anderen Bewerberinnen den Tod seines Bruders angesprochen hatte. Aber nun, wo diese Miss Evans es tat, fühlte er sich unwohl. Vielleicht weil sie wirklich aufrichtig zu sein schien.

„Danke“, erwiderte er. Was Verluste betraf, kannte er sich aus. Mit zwölf hatte er seine Eltern verloren, und jetzt Ash und Susan. Vielleicht war das der Preis, den er für seinen Ruhm und Erfolg zahlen musste.

Er hätte alles gegeben, hätte seine Seele verkauft, um seinen Bruder zurückzubekommen.

Nachdem sie gegangen war, fragte Ben: „Und? Glaubst du, sie ist die Richtige?“

„Qualifiziert ist sie auf jeden Fall, und sie scheint den Job zu brauchen. Wenn die Mädchen sie mögen, kriegt sie die Stelle.“

„Und nett anzusehen ist sie auch noch.“

Coop warf Ben einen Blick zu. „Es ist schwer genug, eine gute Nanny zu finden. Die werde ich wohl kaum für ein bisschen Spaß im Bett riskieren.“

Ben warf ihm ein Haifischgrinsen zu. „Im Ernst?“

Vor einem Monat wäre Coops Antwort wohl noch anders ausgefallen. Aber seit dem Flugzeugabsturz war nichts so wie früher.

„Ich stehe auf Blondinen“, versicherte er Ben. „Die Sorte ohne große Erwartungen, dafür aber mit fragwürdigen Moralvorstellungen.“

Und außerdem war ihm im Augenblick nichts so wichtig wie das Wohl der Zwillinge. Das schuldete Coop seinem Bruder – und mehr als das. Als ihre Eltern gestorben waren, war Ash gerade mal achtzehn gewesen. Aber er hatte alles aufgegeben, um Coop großzuziehen. Und der hatte es ihm anfangs nicht gerade leicht gemacht. Er war verletzt und verwirrt gewesen und hatte eine Menge Mist gebaut. Erst als die Schulpsychologin Ash mitgeteilt hatte, dass sein Bruder auf dem besten Weg in die nächste Besserungsanstalt war, wenn er keinen konstruktiven Weg fand, seinen Zorn auszuleben, hatte sich Coops Leben verändert. Denn Ash hatte ihn in der Hockeymannschaft angemeldet.

Davor war Coop nicht sonderlich sportlich gewesen. Trotzdem hatte er sofort begriffen, worauf es bei dem Spiel ankam. Und obwohl alle anderen in seiner Mannschaft von Kindesbeinen an auf dem Eis gestanden hatten, dauerte es nicht lange, bis er sie alle in den Schatten stellte. Zwei Jahre später galt er als Star der Junior League, und mit neunzehn war er von den New York Scorpions unter Vertrag genommen worden.

Vor zwei Jahren dann hatte eine Knieverletzung seiner Karriere ein frühes Ende bereitet. Doch Coop hatte klug investiert, was wiederum nur auf Drängen seines Bruders geschehen war. Und deswegen war er heute wohlhabender, als er es sich jemals zu erträumen gewagt hätte. Ohne Ashs Opferbereitschaft wäre nichts davon möglich gewesen. Und jetzt hatte Coop die Möglichkeit, sich erkenntlich zu zeigen. Aber allein hatte er keine Chance. Er wusste nicht, was es hieß, für ein Kind zu sorgen, ganz zu schweigen für zwei. Vor zwei Wochen war er noch nicht mal dazu in der Lage gewesen, eine Windel zu wechseln. Ohne seine Haushälterin hätte er auf ganzer Linie versagt.

Wenn Miss Evans die Richtige für den Job war – und er hatte in dieser Hinsicht ein ziemlich gutes Gefühl –, würde er alles dafür tun, dass sie blieb. Was hieß, dass er auf keinen Fall mit ihr schlafen würde.

Sie war tabu.

Kaum befand sich Sierra in der Sicherheit der Aufzugkabine, ließ sie sich erleichtert gegen die holzgetäfelte Wand sinken. Es war viel besser gelaufen, als sie jemals gedacht hätte. Sie war sich fast sicher, dass sie den Job bekommen würde. Was ein wahrer Segen war. Denn die Lage war noch ernster als befürchtet.

Cooper Landon hatte eindeutig Besseres zu tun, als sich um seine Nichten zu kümmern. Wahrscheinlich war er viel zu beschäftigt damit, den größten Playboy der westlichen Hemisphäre zu spielen. Nicht, dass Sierra viel auf Klatsch und Tratsch gegeben hätte. Aber was Cooper Landon betraf, kam man einfach nicht darum herum, das eine oder andere mitzubekommen. Und was sie gehört hatte, war ziemlich verstörend. Dieser Mann war keine gute Umgebung für ihre Töchter.

Ihre Töchter. So bezeichnete Sierra die Kinder erst seit Kurzem wieder.

Es konnte doch nicht sein, dass die Zwillinge nach dem Tod von Ash und Susan einfach so in die Obhut von jemandem wie Cooper Landon gegeben wurden! Aber Sierra würde sie retten. Sie würde sich um sie kümmern und ihnen all die Liebe geben, die sie brauchten. Das war im Augenblick das Einzige, was zählte.

Die Fahrstuhltüren glitten auseinander, und Sierra lief durch die protzige Lobby des Bürogebäudes hinaus in den strahlenden Sonnenschein. Während sie die Park Avenue entlang zur U-Bahn ging, hatte sie zum ersten Mal seit zwei Wochen das Gefühl, dass es Hoffnung gab.

Die Zwillinge wegzugeben war die schwerste Entscheidung gewesen, die sie je in ihrem Leben hatte fällen müssen, auch wenn sie gewusst hatte, dass es für alle Beteiligten besser so war. Mit ihrem Ausbildungskredit, der horrenden Miete und den steigenden Arztrechnungen für ihren kranken Vater wäre sie weder finanziell noch emotional dazu in der Lage gewesen, sich angemessen um die Kinder zu kümmern. Und sie hatte gewusst, dass Ash und Susan die idealen Adoptiveltern waren.

Doch nun waren die beiden tot – einfach so, ohne Vorwarnung. Als Sierra durchs Fernsehen von dem Flugzeugabsturz erfuhr, hatten ihr vor Entsetzen die Beine nachgegeben. Panisch hatte sie herauszufinden versucht, ob auch die beiden Mädchen mit an Bord gewesen waren. Doch dass die Kinder in Sicherheit waren, hatte sie erst eine grauenhafte, schlaflose Nacht später erfahren. Sierra hatte vor Erleichterung geweint – bis ihr klar wurde, wie viele Probleme die Situation mit sich brachte. Wo würden die Zwillinge unterkommen? Bei Susans Eltern, die sie gehütet hatten, als sich der Flugzeugabsturz ereignete? Oder etwa in einem Waisen­haus?

Sierra hatte umgehend ihren Anwalt kontaktiert, der ihr nach einigen Recherchen das Undenkbare mitteilte: Cooper Landon war der eingetragene Vormund der Kinder. Was zur Hölle hatte Ash sich nur dabei gedacht, ausgerechnet diesen Hallodri auszuwählen? Was sollte ein partysüchtiger, schürzenjagender Exhockeyspieler mit zwei Babys anfangen?

Sie hatte ihren Anwalt gebeten, Landon unter Auslassung ihres Namens zu kontaktieren und ihm mitzuteilen, dass die biologische Mutter der Kinder bereit sei, das Sorgerecht zu übernehmen. Doch Landon hatte nichts davon wissen wollen.

Laut Anwalt hätte sie zwar die Möglichkeit gehabt, vor Gericht um die Zwillinge zu kämpfen, doch ihre Chancen, das hatte er ihr ganz deutlich mitgeteilt, standen mehr als schlecht. Außerdem hätte sich ein Rechtsstreit ewig hingezogen, und Sierra wollte so schnell wie möglich bei ihren Kindern sein. Deshalb hatte sie sich sofort beworben, nachdem sie erfahren hatte, dass Landon eine Nanny suchte.

Nach einem kurzen Fußweg stieg Sierra um in die Bahn nach Queens, wo ihr Vater schon seit vierzehn Monaten in einem drittklassigen, schäbigen Pflegeheim untergebracht war. Als sie am Empfang vorbeikam, reagierte die diensthabende Schwester auf ihr freundliches „Hallo“ mit nichts weiter als einem genervten Schnauben.

Es machte Sierra rasend vor Wut, dass ihr Vater an diesem grauenhaften Ort vor sich hin vegetierte. Das Personal war träge bis faul, die Pflege entsprechend so nachlässig, dass es schon an Körperverletzung grenzte. Doch mehr bezahlte die Krankenversicherung nicht. Ihr Vater konnte nicht mehr sprechen, zeigte kaum Reaktionen auf irgendetwas und musste künstlich ernährt werden. Noch schlug sein Herz, noch funktionierten seine Lungen – doch früher oder später würde sein Körper auch das vergessen. Es konnte sich um Wochen, aber auch um Monate handeln. Vielleicht würde er sogar noch ein ganzes Jahr durchhalten. Und in dieser Zeit sollte er die bestmögliche Pflege erhalten. Doch die gab es nur in dem teuren Heim in Jersey.

„Hi, Lenny“, begrüßte sie den Zimmernachbarn ihres Vaters, einen einundneunzigjährigen Kriegsveteran, der in der Normandie sein rechtes Bein und seine linke Hand verloren hatte.

„Hallo Sierra“, erwiderte der alte Mann fröhlich und drehte seinen Rollstuhl zu ihr herum.

„Und, wie geht es meinem Dad heute?“, fragte sie, während sie ihre Handtasche abstellte und sich zu ihrem Vater auf die Bettkante setzte. Ihr brach es das Herz, ihn so klein und hilflos zu sehen. Von dem Mann, der er einmal gewesen war, dem Mann, der ganz allein zwei Töchter großgezogen hatte, war nur noch eine leere Hülle übrig.

„Er hatte einen guten Tag“, antwortete Lenny.

„Hi Daddy“, flüsterte Sierra und gab ihrem Vater ein Kuss auf die Wange. Er war wach, reagierte aber nicht auf ihre Anwesenheit. Dass er einen guten Tag hatte, bedeutete, dass er ruhig dalag. An schlechten Tagen stöhnte er leise und gequält. Niemand wusste, ob er Schmerzen hatte oder das Stöhnen nur ein unbewusster Reflex war. Doch zur Sicherheit gab man ihm an schlechten Tagen ein Beruhigungsmittel.

„Wie geht’s deinem kleinen Jungen?“, fragte Lenny. „Langsam müsste er doch alt genug für die Schule sein!“

Sierra seufzte in sich hinein. Lennys Gedächtnis war nicht mehr das Beste. An ihre Schwangerschaft konnte er sich noch erinnern. Doch wie lange sie her war, oder dass sie die Kinder zur Adoption freigegeben hatte, vergaß er immer wieder. Sie beschloss, einfach mitzuspielen.

„Er wächst wie ein Weltmeister“, sagte sie. Ehe Lenny weiterfragen konnte, wurde über die Lautsprecheranlage durchgesagt, dass im Gemeinschaftsraum gleich Bingo gespielt würde.

„Ich muss los“, verkündete Lenny und rollte zur Tür. „Soll ich dir nachher einen Keks mitbringen?“

„Nein danke, Lenny. Bis bald.“

Als sie mit ihrem Vater allein war, nahm sie seine Hand, die eiskalt und zur Faust geballt war. „Heute hatte ich mein Vorstellungsgespräch“, erzählte sie, obwohl sie bezweifelte, dass er sie hören konnte. „Es ist ziemlich gut gelaufen, und morgen darf ich die Mädchen sehen. Wenn die anderen Bewerberinnen genauso aufgetakelt waren wie die direkt vor mir, hab ich den Job so gut wie sicher.“

Sie strich ihm ein paar von Silberfäden durchzogene Haarsträhnen aus der Stirn. „Ich weiß ja, dass du mir raten würdest, mich rauszuhalten und darauf zu vertrauen, dass Ash und Susan wussten, was sie tun. Aber dieser Mann ist eine wandelnde Katastrophe! Ich muss die Mädchen beschützen – wenn schon nicht als ihre Mutter, dann wenigstens als ihre Nanny.“

Und wenn das bedeutete, dass sie ihre Freiheit aufgeben und für Cooper Landon arbeiten musste, bis die Mädchen alt genug waren, um für sich selbst zu sorgen, dann würde sie genau das tun.

2. KAPITEL

Am nächsten Tag, um sechs nach eins, klopfte Sierra an die Tür von Cooper Landons Penthousewohnung. Vor Aufregung schlug ihr Herz so heftig, als wolle es aus der Brust springen. In der Nacht zuvor hatte sie kaum ein Auge zugetan. Als sie die Zwillinge vor fünf Monaten weggeben hatte, war sie davon ausgegangen, dass sie sie vermutlich niemals wiedersehen würde. Und doch stand sie nun hier.

Eine ältere Frau in Hausmädchenuniform öffnete die Tür. Sie war groß und hager und hatte ein verkniffenes Gesicht. Die stahlgrauen Haare waren zu einem strengen Knoten hochgesteckt.

„Kann ich Ihnen helfen?“, fragte die Frau knapp.

„Ich habe eine Verabredung mit Mr Landon.“

„Dann sind Sie Miss Evans?“

„Genau.“ Was die Hausangestellte bereits gewusst haben musste, da der Portier vor nicht mal einer Minute in der Wohnung angerufen hatte, um Sierra anzukündigen.

Die ältere Dame musterte Sierra eindringlich von Kopf bis Fuß. Dann schürzte sie die Lippen und sagte: „Ich bin Ms Densmore, Mr Landons Haushälterin. Und Sie sind zu spät.“

„Es tut mir leid, ich habe kein Taxi erwischt.“

„Bitte seien Sie sich darüber im Klaren, dass Unpünktlichkeit nicht toleriert werden kann, falls Sie diese Stelle bekommen.“

Sierra war zwar nicht ganz klar, wie sie zu einem Rund-um-die-Uhr-Job jemals zu spät kommen sollte, aber sie verkniff sich einen schnippischen Kommentar. „Es wird nicht wieder vorkommen.“

Ms Densmore schniefte verärgert und bat: „Folgen Sie mir.“

Selbst der kühle Empfang, den die Haushälterin Sierra bereitet hatte, konnte ihre Vorfreude nicht mindern. Als sie Ms Densmore durch den großzügig geschnittenen Vorraum in einen modernen offenen Wohnbereich folgte, zitterten ihr vor ...

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