Logo weiterlesen.de
Die Nanny und der Milliardär

Rebecca Winters

Die Nanny und der Milliardär

1. KAPITEL

„Ms Chamberlain? Sie sind die Nächste. Zweite Tür links, bitte.“

Reese stand auf, bedankte sich bei der Frau am Empfang und ging in die Halle. Obwohl es erst zehn Uhr war, warteten mit ihr schon viele andere Menschen in der Arbeitsagentur auf der New Yorker Eastside. Man hatte sie ihr als eine der besten in der Stadt empfohlen. Doch nun fühlte Reese sich hier ein bisschen wie in der immer überfüllten Praxis ihres Zahnarztes zu Hause in Nebraska.

Dem war es allerdings egal, wie sie gekleidet war. Doch war sie für ein Vorstellungsgespräch passend angezogen? Nach langem Überlegen hatte sie sich wieder für das gelbe Ensemble, gelbe Bluse und dazu passendem Rock, entschieden, in dem sie schon vor drei Tagen hergekommen war, um sich für eine Stelle als Kindermädchen zu bewerben. Mehr als ein einziges Angebot hatte ihr die Agentur bisher noch nicht gemacht. Wenn sie diesen Job nicht bekam, würde sie morgen nach Hause zurückfliegen müssen. Und das war das Letzte, was sie wollte.

In der Holzhandlung ihres Vaters konnte sie zwar jederzeit arbeiten, doch bei ihm verdiente sie weniger, als sie benötigte. Außerdem würde ihr Exverlobter von ihrer Rückkehr erfahren, weil er die Darlehen in der Bank vergab, bei der ihr Vater Kunde war, und diese Aussicht gefiel ihr gar nicht.

„Kommen Sie herein, Ms Chamberlain.“

„Schön, Sie wiederzusehen, Mr Lloyd.“

„Ich möchte Sie Mrs Tribe vorstellen. Sie ist die Sekretärin von Mr Nicholas Wainwright hier in New York und sucht für ihn nach dem richtigen Kindermädchen. Am besten, ich lasse Sie beide ein paar Minuten allein miteinander sprechen.“

„Setzen Sie sich doch, bitte“, sagte die gepflegte dunkelhaarige Frau im Geschäftskostüm. Reese schätzte sie auf Anfang fünfzig.

„Ihren Unterlagen entnehme ich, dass Sie Studentin sind. Ihre Beurteilungen sind ausgezeichnet. Doch Sie haben offenbar keinerlei Erfahrungen mit eigenen oder fremden Kindern vorzuweisen. Deshalb frage ich mich, weshalb Sie ausgerechnet eine Stelle als Kindermädchen suchen?“

Reese hielt nichts von Notlügen, und Mrs Tribe sah so aus, als könnte sie jede durchschauen. „Ich muss in diesem Sommer genug Geld verdienen, um bis zum Examen weiterstudieren zu können. Mein Stipendium deckt nicht die Lebenshaltungskosten“, gab sie zu. „Und selbst wir aus der Provinz wissen, dass Kindermädchen in New York sehr gut bezahlt werden. Deshalb habe ich es versucht.“ Eine ehrlichere Antwort konnte sie nicht geben.

„Kinder zu versorgen ist eine verantwortungsvolle und anstrengende Angelegenheit. Das weiß ich, weil ich zwei eigene großgezogen habe.“

„Natürlich.“ Reese lächelte. „Ich bin die Älteste von sechs Geschwistern und habe oft auf die jüngeren auspassen müssen. Als die Kleinste geboren wurde, war ich vierzehn. Meiner Mutter ging es nach der Geburt gesundheitlich lange nicht gut. Ich habe ihr viel mit dem Baby geholfen. Es hat mir große Freude gemacht. Meine Schwester war ein niedliches Baby. Das ist nun zwölf Jahre her.“ Sie seufzte. „Doch ich bin sicher, dass ich nichts vergessen habe. Wer schwimmen kann, verlernt es nicht mehr. Und den liebevollen Umgang mit Kindern auch nicht. Was glauben Sie?“

„Das sehe ich auch so.“

„Wie viele Kinder hätte ich bei der Familie zu versorgen?“, fragte Reese und hoffte inständig, dass es nicht mehr als drei waren. Obwohl sie auch eine solche Aufgabe nicht ablehnen würde, wenn das Gehalt stimmte.

„Mr Wainwright ist Witwer und hat einen zehn Wochen alten kleinen Jungen namens Jamie.“

Nur ein einziges Baby? Mit so viel Glück hatte Reese nicht gerechnet. Andererseits taten ihr Vater und Sohn unendlich leid. „Dann trauert er noch um seine Frau.“ Sie schüttelte den Kopf. „Wie furchtbar für ihn und den Kleinen. Er wird seine Mutter nie kennenlernen.“

Sie schluckte den Kloß in ihrem Hals hinunter und dachte an ihre eigene wunderbare Mutter. Sie war ungefähr im Alter von Mrs Tribe, immer noch jung und sehr vital.

„Ja, es ist ein tragischer Verlust für die beiden. Eigentlich hat Mr Wainwright bereits ein Kindermädchen gefunden, doch die Dame kann erst im September anfangen, für ihn zu arbeiten. Deshalb passt es sehr gut, dass Sie keine unbefristete Stelle suchen, sondern sich nur für diesen Sommer zur Verfügung stellen. Das ist einer der Gründe, weshalb mich Ihre Bewerbung interessiert hat.“

„Und was sind die anderen Gründe?“, fragte Reese neugierig.

„Sie haben keine unrealistischen Gehaltsforderungen gestellt. Und Sie sind intelligent. Ein Stipendium für ein Master-Studium an der Wharton School erhalten nur die allerbesten Studenten. Vor ihnen liegt eine glänzende Karriere.“

„Ich habe schon Pläne“, sagte Reese und meinte damit den Aufbau einer eigenen Wertpapier-Maklerei. Diesem Traum hatte sie bereits ihr privates Glück geopfert. Jeremy hatte ihr krankhaften Ehrgeiz vorgeworfen. In Wirklichkeit wollte er aber keine Frau, die arbeitete. Und Reese hatte bei den Auseinandersetzungen herausgefunden, dass sie keinen Ehemann wollte, der ihre berufliche Zukunft bremste. Die Trennung war schmerzlich, doch unvermeidlich gewesen. Inzwischen ging es ihr wieder besser, und sie war entschlossener denn je, ihre Ziele weiterzuverfolgen.

Mrs Tribe hatte sich zurückgelehnt und Reese beobachtet. „Auch ich hatte einen Traum“, sagte sie. „Doch ich konnte nicht solche Noten vorweisen wie sie. Einer ihrer Professoren hat mir am Telefon sogar gestanden, dass er Sie für genial hält. Das habe ich gern gehört.“

Reese wurde rot vor Freude. Doch sie konnte sich nicht vorstellen, welcher ihrer Hochschullehrer so etwas gesagt haben könnte. „Danke. Damit ist der Tag gerettet.“

Mrs Tribe betrachtete sie nachdenklich. „Jedenfalls halte ich Sie für geeignet. Aber die letzte Entscheidung liegt bei Mr Wainwright und bei Ihnen natürlich. Auch über das Gehalt kann ich Ihnen nichts sagen. Und vor allem sollten Sie das Baby kennenlernen.“

„Ich weiß gar nicht, wie ich Ihnen danken soll, Mrs Tribe“, sagte Reese. Besser hätte das Gespräch nicht verlaufen können. „Ich verspreche, dass ich Sie und Mr Wainwright nicht enttäuschen werde. Haben Sie ein Foto von dem kleinen Jamie bei sich?“

Irritiert runzelte die Frau die Stirn. „Nein, habe ich nicht. Doch Sie werden das Baby und seinen Vater schon heute Nachmittag kennenlernen. Wo sind Sie hier in New York zu erreichen?“

„Im Chelsea Star Hotel, in der 30th Street.“

„Sagten Sie nicht, dass Sie sofort anfangen können zu arbeiten?“

„Ja.“ Das Bett im Schlafsaal kostete fünfzig Dollar die Nacht. Spätestens morgen musste sie ausziehen, da ihr Erspartes zur Neige ging.

„Gut. Wenn Mr Wainwright meiner Empfehlung vertraut und Sie mit seinem Gehaltsangebot einverstanden sind, können Sie noch heute anfangen zu arbeiten.“

„Brauche ich dafür irgendeine Arbeitskleidung? Und was soll ich zum Vorstellungsgespräch anziehen? Das Ganze ist ja ganz neu und ungewohnt für mich“, platze Reese heraus.

„Behalten Sie einfach an, was Sie tragen. Wenn er andere Vorstellungen hat, wird er es Ihnen mitteilen“, sagte Mrs Tribe.

„Das Baby wird sich bestimmt nur schwer an mich gewöhnen“, murmelte Reese nachdenklich. „Es ist daran gewöhnt, von seinem Daddy versorgt zu werden.“

Mrs Tribe antwortete nicht gleich. Dann räusperte sie sich. „Nun. Jamie wurde bis jetzt nicht von seinem Vater, sondern von den Eltern seiner verstorbenen Mutter versorgt.“

„Ach. Mr Wainwright wohnt mit seinen Schwiegereltern zusammen?“

„Nein. Die Hirsts leben in White Plains. Bei starkem Verkehr braucht man eine Stunde bis zu ihrem Wohnsitz.“

Dann war das Baby in seinen ersten Lebenswochen nicht beim Vater gewesen? Das konnte nicht sein. Wahrscheinlich waren die Großeltern erst kürzlich in ihr Haus zurückgezogen.

„Hat Jamie auch väterlicherseits Großeltern?“

„Ja. Doch die sind zurzeit auf Reisen.“

Auch das fand Reese merkwürdig. Sie kam aus einer großen Familie. Beide Großelternpaare lebten noch und waren immer eingesprungen, solange ihre Eltern Hilfe brauchten, obwohl sie noch andere Kinder und Enkelkinder hatten. Sieben Tanten und Onkel gehörten zu ihrer Familie, und einundzwanzig Cousinen und Cousins. Dann kamen noch sie selbst, ihre fünf Geschwister und die ersten Urenkel hinzu … Ihr Arbeitgeber hatte wohl keine Brüder und Schwestern.

„Sie scheinen Mr Wainwright schon eine Weile zu kennen. Gibt es etwas Wichtiges, das ich über ihn wissen sollte?“

„Er legt Wert auf Pünktlichkeit.“

„Das kommt mir entgegen.“

„Um ein Uhr wird Sie sein Wagen vom Hotel abholen“, sagte Mrs Tribe und erhob sich. „Es war mir ein Vergnügen, Sie kennenzulernen.“

„Danke, dass Sie mir eine Chance geben, Mrs Tribe. Ich werde vor dem Hotel warten. Oh, ich habe noch eine Frage. Was macht Mr Wainwright beruflich?“

„Entschuldigen Sie. Ich habe angenommen, Sie als Wharton-Studentin wüssten es ohnehin. Er ist Generaldirektor der Sherborne-Wainwright & Co am Broadway.“

„Danke“, murmelte Reese. Nicht mal im Traum wäre sie darauf gekommen, dass ihr künftiger Arbeitgeber etwas mit dem angesehenen Wertpapierhandelsunternehmen zu tun hatte. Es war nicht nur eines der besten der Welt, sondern auch eines der traditionsreichsten. Automatisch hatte sie sich vorgestellt, dass es von einem älteren Herrn mit langer Erfahrung geleitet wurde. Aber vielleicht war Mr Wainwright wirklich schon fünfzig oder älter, und die verstorbene Mutter seines Babys war sehr viel jünger als er und vielleicht nicht einmal seine erste Ehefrau gewesen.

Nick Wainwright stand vor dem Grab mit der Inschrift „In liebevollem Gedenken an Erica Woodward Hirst Wainwright“.

Zweiunddreißig Jahre war sie geworden. Viel zu jung, um zu sterben.

„Es tut mir leid, dass ich dich vernachlässigt habe, Erica“, sagte er leise. „Ich bedauere unsere Trennung. Ich wusste nicht, dass du schwanger warst, als wir uns scheiden ließen. Schon gar nicht, dass du bei der Geburt sterben würdest. Es macht mir Kummer, dass unser Sohn ohne Mutter aufwachsen muss. Ich will nun deinen letzten Wunsch, dass ich ihn großziehe, erfüllen. Doch ich habe lange daran gezweifelt, ob ich ihm ein guter Vater sein kann. Nur deshalb habe ich ihn bis jetzt deinen Eltern überlassen. Nun bin ich so weit und verspreche dir, dass ich alles in meiner Macht Stehende tun will, ihm ein besserer Vater zu werden, als ich dir Ehemann war. Wenn du mich nur hören könntest! Ich will dir schwören, dass ich dieses Versprechen halte.“

Nachdem er die frischen Blumen auf den Grabstein gelegt hatte, drehte er sich um und ging rasch zurück zu der Limousine, die vor dem Friedhof auf ihn wartete. Seit der Beerdigung war Nick nicht mehr hier gewesen. Der Besuch erfüllte ihn mit Trauer über die Vergangenheit, bestärkte ihn aber auch in der Entscheidung, Jamie nach Hause zu holen. Es war richtig gewesen, vorher hierher zu kommen.

Kaum hatte er die Tür des Wagens geschlossen, fiel sein Blick auf den nagelneuen Babysitz. Darin wollte er seinen zehn Wochen alten Jungen mit sich in die Stadt nehmen.

„Fahren wir zu meinen Schwiegereltern“, sagte er.

Paul, sein Chauffeur, nickte und startete den Motor. Er kannte Nick schon viele Jahre. Erst seitdem dessen Vater die Leitung des Unternehmens abgegeben hatte, arbeitete er für den Sohn. Nick und Paul hegten Sympathie füreinander und kamen bestens miteinander aus.

Sobald sie den Friedhof von White Plains mit der hundertfünfzig Jahre alten Grabstätte der Familie Hirst hinter sich gelassen hatten, rieb sich Nick die Stirn. In wenigen Minuten würde es eine Szene geben. Doch darauf war er innerlich vorbereitet.

Während Ericas Schwangerschaft hatte er nicht mehr mit ihr zusammengelebt. Ihr Tod war ein Schock für ihn gewesen. Er hatte sich zwar damit einverstanden erklärt, dass seine Schwiegereltern das Baby vorerst zu sich nahmen. Doch dass er so lange brauchen würde, um seinem Sohn ein Zuhause zu schaffen, war nicht geplant gewesen.

Spätestens seit er mit Jamies Kinderarzt telefoniert hatte, wusste er dann, dass er das Kind so rasch wie möglich selbst versorgen musste, wenn ihm eine enge Vater-Sohn-Bindung am Herzen lag. Der Arzt hatte ihm auch einen Kollegen in der City empfohlen, der seine kleinen Patienten in der Kinderklinik auf der New Yorker Upper Westside weiterbehandelte, wenn sie sehr krank waren.

Doch Nick hatte noch eine Weile gezögert, seinen Anwalt über seine Pläne zu informieren, damit der sich mit dem der Hirsts in Verbindung setzte. So hatten seine Schwiegereltern erst kürzlich erfahren, dass er bereit war, seinen väterlichen Pflichten nachzukommen und Jamie zu sich nach Hause zu nehmen.

Ericas Eltern wiederum hatten sich darauf eingerichtet, den Kleinen so lange zu behalten, bis das Kindermädchen, auf das sie schon so lange aus waren, seine Stelle antreten konnte. Sie wollten die Kontrolle über die Erziehung ihres einzigen Enkelkindes nicht ganz aus der Hand geben. Zumindest verlangten sie Mitspracherecht, was Jamies Umgang anging, welche Schule er einmal besuchte und an welcher Universität er später studierte, damit aus ihm ein echter Hirst würde, der die Familientradition fortsetzte.

Doch Nick ließ sich nicht länger vertrösten. Über die Anwälte hatte er zugesichert, bestimmte Angelegenheiten auch in Zukunft mit seinen Schwiegereltern zu besprechen und ihnen das Kind besuchsweise zu bringen, doch im tiefsten Inneren wusste er, dass sie das nicht zufriedenstellte.

Die Probleme waren vorprogrammiert. Zumal auch seine Familie, die auf Long Island lebte, die Kontrolle über die Erziehung ihres einzigen Enkels verlangte. Allerdings hielten sich seine Eltern zurzeit mit Freunden in ihrer Villa in Cannes auf und vertrauten darauf, dass Nick ihre Ansprüche gegen die der Hirsts geschickt vertrat. Ihr Plan war es, Jamies anderen Großeltern den Vortritt zu lassen, solange er klein war, um ihn dann später unter den eigenen Einfluss zu stellen.

„Wenn Ericas Eltern Jamie jetzt bei sich haben“, hatte seine Mutter am Telefon gesagt, „dann überlass ihnen doch das Kind für das nächste Jahr oder so. Du kannst ihn schließlich jederzeit besuchen, wenn du Zeit hast. Unter den gegebenen Umständen ist es die beste Lösung. Später sehen wir dann weiter.“

Nick kannte seine Eltern. Vorerst gönnten sie den Hirsts noch den gemeinsamen Enkel. Sie sahen ihn als eine Art Trostpreis an, auch als Wiedergutmachung, weil die Ehe ihrer Kinder gescheitert war. Inzwischen suchten sie schon wieder nach einer neuen passenden Partie für ihren einzigen Sohn.

Sie hatten ihm die ihrer Meinung nach allerbeste Erziehung angedeihen lassen. Viele Menschen hatten sich um ihn gekümmert, nur sie selbst nicht. Dass er ein einsames und unglückliches Kind gewesen war, hatten seine Eltern weder bemerkt noch für möglich gehalten. Jamie sollte es nicht auch so ergehen. Mit seinem Sohn wollte Nick es anders machen. Aber wie?

Obwohl er alle Erwartungen und Ansprüche mit mehr oder weniger großer Leichtigkeit erfüllt hatte und seit einiger Zeit das Familienunternehmen leitete, das seit Jahren erfolgreich mit Wertpapieren handelte, fühlte er sich als Vater vollkommen hilflos. Die Welt seines dreieinhalb Monate alten Babys war ihm schleierhaft geblieben, obwohl er es jeden Sonntag besuchte.

Wegen des vielen Personals und der Kinderschwester, die Jamie fütterte, badete und wickelte, hatte Nick sich immer überflüssiger gefühlt. Um dieser aufdringlichen Frau in weißer Tracht zu entkommen, war er mit dem Kleinen spazieren gegangen, wann immer das Wetter es zuließ. Doch die meiste Zeit hatte er im Kinderzimmer zugebracht und sein sattes, sauberes und schlafendes Kind angeschaut. Auf diese Weise war er ihm jedoch nicht nahegekommen.

Als das Auto in die Auffahrt des Anwesens einbog und die alte, noch aus der Kolonialzeit stammende Villa seiner Schwiegereltern in Sicht kam, beschloss Nick, ab sofort alles zu ändern. „Es wird nicht lange dauern“, teilte er Paul mit, bevor er ausstieg.

„Ich freue mich, Jamie wiederzusehen“, sagte der Chauffeur, dessen Kinder schon fast erwachsen waren. „Bin gespannt, wie viel er diesmal gewachsen ist.“

Genau darin bestand das Problem für Nick. Mit jedem Tag hatte das Baby sich verändert, und er war nicht da gewesen. Er wollte kein Sonntagsvater mehr sein, sondern ein richtiger Vater.

Noch bevor er die weiße Eingangstür erreicht hatte, wurde sie geöffnet. Ericas Vater, das dichte braune Haar vom Golfspielen noch windzerzaust, das gut geschnittene Gesicht von der Sonne gebräunt, trat ihm entgegen wie meist, nämlich mit finsterer Miene.

Nick ärgerte sich darüber, und musste sich zusammenreißen. „Walter?“

„Bevor ich dich hereinlasse, möchte ich dich darauf vorbereiten, dass Anne äußerst angespannt ist.“

„Damit habe ich gerechnet.“

„Sie hat mich gebeten, dir zu sagen …“

„Ich kann mir denken, was“, unterbrach Nick ihn. „Ich kann die Vergangenheit leider nicht ändern, aber ich kann ab jetzt das Richtige für die Zukunft unseres Sohnes tun. Das habe ich Erica versprochen. Ich war gerade an ihrem Grab.“

Walter sah ihn unsicher an. Dann trat er beiseite. „Komm herein. Die Kinderschwester hat Jamie für die Abreise fertig gemacht.“

„Ich danke dir.“

Noch immer war es nicht leicht für Nick, das Elternhaus von Erica zu betreten. Es weckte die Geister der Vergangenheit. Hierher war seine verstorbene Exfrau im letzten ihrer drei Ehejahre während des Scheidungsverfahrens zurückgekehrt. Und hier hatte sie auch schon vor der Trennung mehr Zeit verbracht als in der gemeinsamen Wohnung in der Stadt. Dabei waren sie bei der Hochzeit recht glücklich gewesen. Doch schon bald hatte sich herausgestellt, dass sie nicht zueinander passten.

Er hatte ihre stillen Erwartungen enttäuscht und sie seine. Das, was andere und sie selbst für einen Vorteil gehalten hatten, nämlich die gleiche Herkunft und Erziehung, war schließlich zum Grund ihrer Entfremdung geworden. Der förmliche, bald hölzerne Umgang miteinander hatte jede Lebensfreude erstickt. Das letzte intime Beisammensein war Nick als halbherziger Versuch in Erinnerung geblieben, das, was sie in den Flitterwochen verbunden hatte, wieder aufleben zu lassen.

Nick folgte seinem Schwiegervater ins Besucherzimmer, einem hellen, modern eingerichteten Raum, von Erica gestaltet, nachdem sie zu den Eltern zurückgezogen war. Zweifelsohne hatte sie die Änderungen vorgenommen, um sich bis zur Geburt des Babys zu beschäftigen. Von hier sah man durch hohe Fenster in einen weitläufigen Garten, dessen gepflegter Rasen wie grüner Samt aussah.

Inzwischen zeigte der Raum aber auch die Handschrift seiner Schwiegermutter. Anne hatte ihn mit Blumen und antiken Sammlerstücken dekoriert. Jetzt saß sie reglos und kerzengerade auf einem Stuhl. Daneben, auf dem Fußboden, stand eine schicke Babytragetasche. Darin lag ihr Enkelkind. Satt, trocken, für die Reise angezogen und – hellwach. Aber sie würdigte es keines Blickes.

Mit einemmal konnte Nick es kaum abwarten, Jamie von hier fortzubringen. Das Baby war bei den Hirsts gewiss perfekt versorgt worden, doch er wollte es keine Stunde länger in ihrer Obhut lassen. Er war ein emotional vernachlässigtes Kind gewesen, ebenso wie Erica, obwohl sie es weder sich noch ihm je eingestanden hatte. Seinen Sohn sollte nicht das gleiche Schicksal ereilen.

„Guten Tag, Anne.“

Seine Schwiegermutter ignorierte seinen Gruß, ja, sie schaute ihn nicht einmal an. Nick ging darüber hinweg und näherte sich der Tragetasche. Dieses winzige Wesen war sein Sohn. Er hatte sein schwarzes Haar geerbt. Von seiner Mutter den Mund. Erica war eine hübsche Frau gewesen, zart und nicht sehr groß.

„Hallo, mein Kerlchen. Kannst du dich an mich erinnern?“ Nick kniete sich neben die Tasche und griff nach Jamies Händchen. Das Baby begann zu strampeln und zu glucksen. Die Augen des Kleinen hatten in der letzten Zeit eine undefinierbare Farbe angenommen. Wahrscheinlich werden sie einmal braun, dachte Nick. Wie seine eigenen. Ob Jamie wohl schrie und weinte, wenn er sich bald in einer fremden Umgebung wiederfand, ohne die ihm vertraute Kinderschwester und seine Großeltern? Am besten erleichterte er ihm den Abschied, indem er ihn verkürzte.

Deshalb hob er seinen Sohn aus der Tragtasche und legte ihn sich gegen die Schulter. „Na los, mein Sohn. Wir machen jetzt eine kleine Spritztour mit Paul. Das wird dir bestimmt gefallen.“

Walter drückte ihm Decke und Wickeltasche in die freie Hand. Dabei sah er ihn warnend an, sich ja an die Abmachungen zu halten. „Im Seitenfach findest du ein Papier mit Informationen von der Kinderschwester über Jamies Tagesablauf, wie viel und wie oft er trinken muss, aber auch, was du an Ausstattung brauchst.“

„Ich danke euch, dass ihr das Kind bis jetzt versorgt habt. Nächsten Sonntag bringe ich ihn euch zu Besuch.“

„Wir freuen uns auf ihn“, sagte Walter. Anne hob nicht einmal die Augen.

„Wenn ihr ihn zwischendurch sehen möchtet, könnt ihr ihn gerne bei mir zu Hause besuchen. Sollte ich noch im Büro sein, lässt euch das Kindermädchen herein.“

Nun hob Anne den Kopf. Ihr Blick verriet Feindseligkeit. „Barbara Cosgriff kann ihr Kindermädchen bis September nicht entbehren. Es gibt also keinen Grund dafür, uns jetzt schon den Enkel wegzunehmen“, sagte sie vorwurfsvoll.

„Doch, es gibt einen Grund, Anne, einen schwerwiegenden sogar. Ich vermisse meinen Sohn. Deshalb stelle ich übergangsweise ein anderes Kindermädchen ein.“

„Wen?“, fragte sie herrisch.

„Das weiß ich noch nicht. Meine Sekretärin hat die letzte Woche mit Bewerberinnen gesprochen. Spätestens morgen werde ich persönlich mit denen sprechen, die infrage kommen, und mich für eine entscheiden. Ich bin sicher, eine geeignete zu finden. Auf Mrs Tribe ist Verlass.“

„Was kann sie schon von Kindermädchen verstehen?“, kam es verächtlich von seiner Schwiegermutter.

„Das wirst du vielleicht nicht zu schätzen wissen, Anne, aber sie ist mir in den vergangen Jahren nicht nur eine unentbehrliche Mitarbeiterin gewesen, sondern hat währenddessen auch ihre Kinder großgezogen. Deshalb wusste sie, wonach sie suchen musste. Wie gesagt, es ist nur eine Zwischenlösung, bis die richtige Nanny frei ist.“

In Wirklichkeit war Nick sich keineswegs sicher, ob er das Kindermädchen der Cosgriffs übernehmen wollte. Doch damit durfte er seine Schwiegereltern jetzt nicht beunruhigen. „Den Sommer über werde ich weniger arbeiten, deshalb ist die Nanny nicht zwölf Stunden mit dem Kind allein.“

„Wenn du schon früher weniger gearbeitet hättest und mit Erica mehr verreist wärst, hätte das eure Ehe gerettet.“

Nein, nichts hätte die Ehe gerettet. Doch was nützte es, nach Ericas Tod mit ihrer Mutter darüber zu streiten? Also schwieg Nick.

„Dein Penthouse ist für ein Baby doch gar nicht geeignet. Aber schon mit Erica musstest du unbedingt dort leben, um schnell an deinen Arbeitsplatz zu kommen. Dabei hat sie sich so sehr ein schönes großes Haus gewünscht, wo man viele Gäste empfangen mag.“

Nick unterdrückte den aufsteigenden Ärger.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Die Nanny und der Milliardär" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple Books

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen