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Die Nacht mit dem Wüstenprinzen

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1. KAPITEL

Künstliche Nebelschwaden durchzogen die Bar, laute Musik mit wummernden Bässen drang aus den Boxen. Tiffany Smith blinzelte und sah, dass ein Mann ihr zuwinkte. Er stand mit Renate und einem anderen Mann am Tresen. Erleichtert nahm sie zwei Cocktailkarten und schob sich zwischen den übrigen Gästen hindurch. Le Club, einer der angesagtesten Clubs in Hongkong, war gut besucht das Stimmengewirr, die hämmernde Musik und der Kunstnebel bewirkten, dass Tiffany sich fremd und unbehaglich fühlte. Seit man ihr am Vortag die Handtasche mit Geld, Kreditkarte, Pass und Travellerschecks geklaut hatte, kam sie sich ähnlich hilflos vor wie ein ausgesetzter Hund.

Am Tresen angelangt, fiel ihr auf, dass sie den älteren der beiden Männer schon einmal irgendwo gesehen haben musste. Doch es war der Jüngere, der sie mit kühlem dunklem Blick eindringlich, ja fast kritisch musterte. Er trug einen dunklen Anzug und wirkte distanziert. Hohe Wangenknochen und eine markante Nase verliehen ihm eine arrogante Ausstrahlung. Tiffany ließ sich nicht einschüchtern, hob das Kinn und erwiderte den Blick.

„Ich weiß nicht, was Rafiq möchte, aber Sir Julian will einen Gin Tonic“, sagte Renate und gönnte ihrem Begleiter, der mindestens einen Kopf kleiner war als sie, ein charmantes Lächeln. „Und mir bringst du einen Champagnercocktail, Hot Sex natürlich.“

Sir Julian. Sofort begriff Tiffany, wer der ältere der beiden Männer war. Sir Julian Carling, ein Hotelmagnat. Wenn Le Club von Leuten wie ihm besucht wurde, dann brauchte sie sich um ein großzügiges Trinkgeld keine Sorgen zu machen.

„Möchten Sie nicht lieber etwas Aufregenderes?“, fragte sie Sir Julian lächelnd, während sie den beiden Männern die Cocktailkarten reichte, und fügte im Stillen hinzu: etwas Teureres.

Sie hatte Glück gehabt, dass sie in der billigen Touristenunterkunft, die sie tags zuvor nach ihrer Odyssee zwischen Polizeistation und Konsulat gefunden hatte, auf Renate gestoßen war. Denn billig oder nicht – die Übernachtung hatte ihre letzten zwanzig Hongkongdollars aufgezehrt.

Renate hatte ihr Frühstück mit Tiffany geteilt und ihr einen Job als Hostess im Le Club verschafft, damit sie sich als Bedienung ein wenig Geld verdienen konnte.

Von Renate wusste sie auch, wo die Tabletts mit den „Champagnercocktails“ standen – das Einzige, was den Hostessen zu trinken erlaubt war. Sie bestanden aus Limonade. Aus billiger Limonade. Damit die Mädchen nüchtern blieben und die Gäste dazu animierten, teure Cocktails zu bestellen. Cocktails mit sexy Namen, für die Le Club offenbar berühmt war. Natürlich wurde erwartet, dass die Kunden auch für die völlig überteuerten Drinks der Hostessen aufkamen. Aber Tiffany konnte sich keine Skrupel leisten. Sie musste Renate dankbar sein, dass sie hier bedienen durfte. Sir Julian schien ohnehin nur zu gern bereit, Renates falsche Champagnercocktails zu bezahlen.

Es geht mich nichts an, dachte Tiffany. Mund halten und die Drinks servieren. Später dann die Trinkgelder einstreichen. Dafür war sie hier und würde lächeln, bis ihr das Gesicht wehtat. Sie warf dem jüngeren der beiden Männer einen Blick zu, doch ihr Lächeln erstarb, als sie sah, wie abweisend er wirkte. Selbst hier, in diesem überfüllten Club, schien er um sich herum einen magischen Ring gezogen zu haben, den niemand übertreten durfte.

Unsinn. Tiffany ärgerte sich über ihre melodramatischen Gedanken und setzte erneut ihr Lächeln auf. „Was kann ich Ihnen zu trinken bringen?“

Es war Sir Julian, der zuerst antwortete. „Ich bleibe bei meinem Gin Tonic.“ Er gab ihr die Cocktailkarte zurück.

„Für mich eine Cola. Kalt, bitte, und mit Eis, falls es hier welches gibt, das noch nicht geschmolzen ist.“ Der Mann, den Renate Rafiq genannt hatte, gönnte Tiffany die Andeutung eines Lächelns. Der harte Ausdruck seines markanten Gesichts wich purem Charme, und Tiffany stockte der Atem, als sie sah, wie unglaublich anziehend dieser Fremde war.

„Na…natürlich“, stammelte sie. „Ich bin gleich wieder bei Ihnen.“

„Du findest uns in einem der Separees dort drüben“, sagte Renate und wies auf die abgeschirmten Nischen im hinteren Bereich des Clubs.

Es war nicht schwer, die drei zu finden, als Tiffany ein paar Minuten später mit den Drinks zurückkehrte. Zuerst bediente sie Renate und Sir Julian, die nebeneinandersaßen, dann wandte sie sich Rafiq zu.

Ein interessanter Name, dachte sie. Er passt zu ihm. Sehr männlich. Exotisch. Wortlos reichte Tiffany ihm den Softdrink. Dabei klirrte das Eis im Glas.

„Danke.“ Er neigte den Kopf.

Sekundenlang verspürte Tiffany den verrückten Impuls, vor diesem Mann zu knicksen.

Renate beugte sich vor. „Hier.“

Tiffany nahm das Handy, das Renate ihr in die Hand drückte, und schaute die Kollegin verwundert an. Renate bedeutete ihr mit einer Geste, sie solle ein paar Fotos machen. Also versuchte Tiffany rasch, sich mit dem Fotomodus vertraut zu machen. Sobald sie fertig war, entdeckte sie, dass Renate mittlerweile auf Sir Julians Schoß saß und die Arme um seinen Hals geschlungen hatte. Tiffany machte ein paar Schnappschüsse.

Doch als der Blitz aufflammte, reagierte Sir Julian scharf und abwehrend. „Keine Fotos.“

„Tut mir leid.“ Tiffany errötete und bemühte sich, die Löschfunktion zu finden.

„Sind die Fotos gelöscht?“, fragte Rafiq, und seine Stimme klang eiskalt.

„Ja, ja …“ Tiffany schob das Handy in den breiten Ledergürtel und schwor sich, die Bilder zu vernichten, sobald sie ein paar Minuten Zeit fand.

„Braves Mädchen.“ Sir Julian lächelte, und Tiffany entspannte sich ein wenig. Das wäre es noch gewesen: Gefeuert zu werden, ehe sie Gelegenheit gehabt hatte, ihren Lohn einzustreichen.

„Setz dich neben Rafiq!“, forderte Renate sie jetzt auf.

Er saß Sir Julian gegenüber, und neben ihm war Platz, aber es schien nicht so, als wolle er diesen mit jemandem teilen.

„Hm, ich glaube, ich schaue lieber, ob noch jemand was trinken will.“

„Setz dich, Tiffany.“ Diesmal war klar, dass Renate keinen Widerspruch duldete.

Tiffany schaute sich um. Die meisten der Hostessen saßen in Nischen, tranken falsche Champagnercocktails und unterhielten sich mit den Gästen. Niemand schien zurzeit Nachschub zu brauchen.

Also schob sich Tiffany auf den gepolsterten Sitz neben Rafiq und hoffte, dass es bloß das schummrige Licht war, das ihn so unnahbar, fast grimmig wirken ließ. Was fiel diesem Mann ein, sie so abfällig zu betrachten?

„Wäre es nicht besser, mehr Licht zu haben?“, bemerkte sie.

Erstaunt zog Rafiq die Augenbrauen hoch. „Mehr Licht? Das wäre sicher nicht im Sinne des Erfinders.“

„Wieso?“, fragte sie verwundert.

„Man unterhält sich besser bei gedämpfter Beleuchtung, finden Sie nicht?“

„Die Musik ist doch viel zu laut, um sich wirklich unterhalten zu können.“ Tiffany verstummte. Hier in den abgeschirmten Nischen war es eigentlich gar nicht so laut.

Rafiq betrachtete sie, und Tiffany fühlte sich unbehaglich. „Ich hole mir was zu trinken“, verkündete sie.

„Nimm einen Champagnercocktail, die sind großartig“, rief Renate, prostete ihr zu und trank ihr Glas auf einen Zug aus. „Bring mir auch einen. Sir Julian möchte sicher noch einen Gin Tonic.“

Rafiq verzog seinen Mund zu einem sarkastischen Lächeln, und Tiffany begriff, dass er wusste, wie dieser Laden hier funktionierte. Wusste er auch, dass der Champagnercocktail aus billiger Limonade bestand? Sie riss sich zusammen. Wenn sie hier Geld verdienen wollte, dann durfte sie sich nichts von ihrer Unsicherheit anmerken lassen.

Sie straffte die Schultern, verließ die Nische und ging davon, um die Drinks zu holen. Dabei war sie sich bewusst, dass Rafiqs Blick ihr folgte.

Erst zehn Minuten später brachte Tiffany es über sich, mit einem Tablett voller Drinks zurückzukehren.

„Wieso hast du so lange gebraucht?“, wollte Renate wissen. Sie kuschelte sich noch enger an Sir Julian. „Jules ist halb verdurstet.“

Jules?

Tiffany musste zwei Mal hinschauen, ehe sie begriff, dass Renate Sir Julian in den vergangenen zehn Minuten offenbar nah genug gekommen war, um ihn beim Kosenamen zu nennen. Renate hing an dem älteren Mann wie eine Klette, kicherte albern und tätschelte seine Hand. Tiffany setzte sich neben Rafiq und war dankbar für den Eispanzer, der ihn zu umgeben schien. Keine Frau der Welt würde es schaffen, sich an ihn zu kuscheln.

„Das kann kein Champagnercocktail sein“, bemerkte Rafiq.

„Es ist Wasser.“

„Und wo ist die Flasche Perrier?“

„Das Wasser kommt aus der Leitung“, erwiderte sie schnell. Dann erst fiel ihr ein, dass es vielleicht besser gewesen wäre, in Hongkong ausschließlich Mineralwasser zu trinken. „Ich bin durstig.“

„Und da trinken Sie Leitungswasser?“ Anscheinend nahm dieser Mann alles, was in seiner Umgebung passierte, sehr genau wahr. „Warum trinken Sie keinen Champagner?“, wollte er jetzt wissen.

Da sie ihm nicht sagen konnte, dass sie keine Lust hatte, sich auf den Betrug des Lokals mit den „Champagnercocktails“ einzulassen, antwortete sie ausweichend: „Ich mag keinen Champagner.“

„Wirklich nicht?“ Es hörte sich an, als glaube er ihr nicht.

„Ich bin nie auf den Geschmack gekommen.“

Was nicht ganz stimmte. In Wirklichkeit hatte sie den Geschmack dafür verloren. Champagner floss auf den häufigen Partys im Haus ihrer Eltern in Strömen. Und die Kopfschmerzen, die sie davon bekommen hatte, stammten nicht vom Alkohol, sondern von den familiären Spannungen, die aus diesen feuchtfröhlichen Nächten resultierten.

Plötzlich fühlte sie sich entsetzlich einsam und verlassen.

Die Partys waren Vergangenheit …

Wut stieg in ihr auf, als sie an das Telefonat mit ihrer Mutter dachte, das sie am Vortag von der Botschaft aus geführt hatte. Diesmal hatte Taylor Smith seiner Frau endgültig das Herz gebrochen. Die Affären von Tiffanys Vater füllten schon seit Langem die Klatschspalten, aber nun war er mit Imogen einfach auf und davon gelaufen. Tiffany hatte versucht, ihn zu erreichen. Es war ihr verdammt unangenehm gewesen, ihn um Geld bitten zu müssen, doch in ihrer momentanen Situation war ihr keine andere Wahl geblieben. Außerdem wollte sie ihm sagen, was sie von ihm hielt. Imogen war kein Filmsternchen, sondern die langjährige Managerin ihres Vaters. Tiffany hatte sie immer gemocht. Ihr vertraut. Nun war auch dieses Band zerschnitten. Und Taylor Smith war nirgendwo zu erreichen. Kein Mensch wusste, wohin er mit Imogen abgehauen war. Wahrscheinlich genoss er in irgendeinem teuren Ferienresort so etwas wie Flitterwochen mit ihr. Tiffany hatte es schließlich aufgegeben, ihrem Vater hinterherzutelefonieren.

„Gibt es sonst noch etwas, das Sie nicht mögen?“, riss Rafiqs Stimme sie aus ihren unerfreulichen Gedanken. Zum ersten Mal wirkte er etwas offener. Irgendetwas schien ihn zu amüsieren.

Am liebsten hätte sie ihm gesagt, was sie von Männern hielt, die glaubten, nur weil sie gut aussahen, müssten die Frauen ihnen scharenweise zu Füßen liegen. Stattdessen lächelte sie zuckersüß und erwiderte: „Es gibt nur wenige Dinge, die ich nicht mag.“

„Das habe ich mir schon gedacht.“ Seine Miene wurde ausdruckslos, und er wirkte, als habe er sich auf einen anderen Planeten zurückgezogen.

Tiffany nippte verlegen an ihrem Wasser und überlegte, was, in aller Welt, er aus ihren Worten herausgelesen haben mochte.

Gegenüber flüsterte Renate Sir Julian etwas ins Ohr, worauf dieser laut auflachte und sie auf seinen Schoß zog.

Errötend warf Tiffany einen Blick auf Rafiq. Er beobachtete das andere Paar fast ohne jede Regung. Nur sein Mund war eine harte Linie.

Die schwüle Atmosphäre wurde zu viel für Tiffany. Sie trank ihr Glas Leitungswasser aus und sprang auf. „Ich muss mir die Hände waschen.“

Hinten im Club, wo die Toiletten waren, fühlte Tiffany sich halbwegs sicher. Sie beugte sich übers Waschbecken, drehte den Wasserhahn auf, ließ kühles Wasser in ihre Handflächen rinnen und wusch sich das erhitzte Gesicht. Dabei hörte sie, wie die Tür geöffnet wurde.

„Nicht“, rief Renate und hielt ihre Hände fest. „Du ruinierst dein Make-up.“

„Mir ist heiß“, entgegnete Tiffany panisch.

„Jetzt müssen wir dich komplett neu schminken“, erwiderte Renate ungehalten.

Tiffany hielt die Kollegin mit einer Handbewegung zurück. Sie hatte keine Lust auf eine neue Lage Schminke. „Es ist so heiß da drinnen. Wie ich aussehe, ist mir egal. Ich bin ja nicht hier, um zu flirten.“

„Aber du brauchst Geld“, gab Renate zurück und stellte ihre Schminktasche auf den Waschtresen. „Jules sagt, Rafiq sei sein Geschäftspartner. Bestimmt hat er eine fette Geldbörse.“

„Fette Geldbörse? Meinst du damit, dass ich sie ihm klauen soll?“ Tiffany starrte Renate ungläubig an. War die Kollegin verrückt geworden? Sie konnte sich nur zu gut vorstellen, wie gnadenlos Rafiq sein würde, wenn er sie erwischte. „So etwas würde ich nie tun.“

Renate verdrehte die Augen. „Stell dich nicht so dumm an. Wir sind doch keine Diebinnen. Da wären wir ja schnell im Knast. Und das ist hier in Hongkong kein Vergnügen, das kannst du mir glauben.“

„Oh ja, das glaube ich gern“, erwiderte Tiffany. Ihr wurde schon beim Gedanken daran schlecht. „Das, was ich gestern auf dem Polizeirevier erlebt habe, hat mir gereicht.“

Erst Unmengen von Formularen, dann das Verhör wegen des Diebstahls ihrer Handtasche. Danach stundenlang in der Schlange vor der Botschaft stehen, um einen vorläufigen Pass und ein paar Dollars zu kriegen, damit sie irgendwie übers Wochenende kam. Als der Sachbearbeiter jedoch erfahren hatte, wer ihr Vater war, hatte er ihr knallhart gesagt, dass die Botschaft ihr kein Geld geben würde. Sie solle sich etwas von ihrem Vater anweisen lassen. Dass Taylor Smith zurzeit nicht auffindbar war, interessierte niemanden.

Am Montag würde sie per Kurier eine neue Kreditkarte von ihrer Bank erhalten. Bis dahin waren auch ihre neuen Dokumente in der Botschaft abholbereit. Zum ersten Mal, seit sie auf Weltreise gegangen war, wünschte Tiffany, sie hätte noch Zugriff auf die monatliche Zuwendung, die ihr Vater früher regelmäßig auf ihr Konto überwiesen hatte. Doch da sie gegen seinen Willen mit einer Freundin auf diesen Trip gegangen war, hatte er ihr den Geldhahn zugedreht. Was als aufregendes Abenteuer begonnen hatte, war bald zu einem Albtraum geworden, der sie teuer zu stehen kam.

Montag würde sie sich ein Flugticket zurück nach Neuseeland kaufen können. Aber zuerst musste sie das Wochenende überstehen.

Renate sei Dank, hatte sie jetzt eine Chance, sich ein paar Dollars zu verdienen. Sie schuldete der Kollegin etwas. „Renate, bist du sicher, dass dein Flirt mit Sir Julian dich nicht in Teufels Küche bringt? Er ist alt genug, um dein Vater zu sein.“

„Und reich wie Krösus.“

„Ist das alles, was du willst? Einen reichen Mann? Glaubst du, er wird dich heiraten?“ Dann fiel ihr etwas ein. „Oh, vielleicht ist er ja längst verheiratet.“

Renate holte einen Lippenstift aus ihrer Schminktasche und zog sich die Lippen nach. Dann trat sie zurück und bewunderte den Effekt. Knallroter Mund gegen helle Haut und blondiertes Haar. „Natürlich ist er verheiratet.“

Schockiert über die Lässigkeit, mit der Renate das sagte, platzte Tiffany heraus: „Warum verschwendest du dann deine Zeit an ihn?“

„Er ist Milliardär. Ich habe ihn sofort erkannt, als er vorhin den Club betrat. Er war schon ein paarmal hier, aber ich hatte bisher nie Gelegenheit, ihn …“ Renate brach ab und warf Tiffany einen Seitenblick zu. „Ich hatte bisher nie Gelegenheit, ihn kennenzulernen. Und jetzt hat er versprochen, mich mit zum Pferderennen zu nehmen.“

„Und was ist mit seiner Frau? Wie wird sie sich dabei fühlen?“

Renate zuckte die Achseln. „Sie ist vermutlich damit beschäftigt, sich mit ihren Freundinnen im Countryclub zu treffen. Champagnerfrühstück. Wohltätigkeitsgala. Weshalb sollte es ihr etwas ausmachen?“

Tiffany dachte an ihre Mutter und hätte schwören können, dass es Sir Julians Frau etwas ausmachte, wenn ihr Mann fremdging.

„Neulich hat eine Kollegin erzählt, Sir Julian habe sie auf einen Trip mit nach Phuket genommen und ihr einen Schrank voll neuer Kleider geschenkt“, berichtete Renate. „Das würde mir auch gefallen.“ Sie begegnete Tiffanys entsetztem Blick im Spiegel. „Hey, hör mal, vielleicht ist Rafiq ja auch ein Multimillionär. Du solltest ein bisschen netter zu ihm sein.“

Netter zu ihm sein? Zu einem Mann, der sie ständig missbilligend betrachtete? Tiffany wusste genau, dass Rafiq nicht ihr Typ war. Zu abweisend. Zu arrogant. Und viel zu überzeugt von seiner Wichtigkeit. Sie brauchte keinen reichen Fuzzi und schon gar keinen, der daheim in der Wüste eine Ehefrau hatte, die auf ihn wartete.

Alles, wonach sie sich sehnte, war ein ganz normaler Mann. Einer, der sie so nahm, wie sie war. Einer, der weder Szenen brauchte noch hysterische Auftritte in der Öffentlichkeit. Einer, der im Gegensatz zu ihr aus einer intakten Familie kam.

„Du brauchst Geld, Tiff.“ Renate warf ihr einen verschlagenen Blick über die Schulter zu, während sie sich die Hände abtrocknete. „Was ist so schlimm daran, Rafiq ein wenig näher kennenzulernen?“

Tiffany schluckte. Hatte Renate es so gemeint, wie es sich angehört hatte?

„Hier.“ Renate drückte ihr etwas in die Hand.

Tiffany schaute hin, und ein kalter Schauer überlief sie – trotz der Hitze. „Wofür, in aller Welt, brauche ich ein Kondom?“

Doch sie wusste Bescheid, noch ehe Renate ihren Kopf in den Nacken warf und schallend lachte. „So unschuldig kannst du nicht sein, Tiffany. Schau dich doch an. Große dunkle Augen, Pfirsichhaut, lange Beine. Die Verführung in Person. Ich wette, Rafiq würde nicht Nein sagen.“

„Aber ich könnte das nicht …“

Renate nahm ihre Hände und zwang Tiffany, ihr ins Gesicht zu schauen. „Hör zu, Honey, wenn du schnell viel Geld verdienen willst, dann solltest du zu Rafiq so nett wie möglich sein. Er wird sich erkenntlich zeigen. Sein Maßanzug hat mindestens tausend Dollar gekostet. Bestimmt ist er reich. Und er ist heute Abend nicht in den Club gekommen, um allein wieder nach Hause zu gehen. Er weiß, was hier läuft.“

„Was meinst du damit?“, fragte Tiffany entsetzt.

„Die Männer, die in den Le Club kommen, suchen eine Gefährtin für die Nacht. Die ganze Nacht.“

„Oh, mein Gott.“ Entsetzt entzog Tiffany Renate ihre Hände. Wie hatte sie nur so dumm und ahnungslos sein können? Es war doch alles so offensichtlich gewesen. „Hier, du kannst mein Minikleid borgen“, hatte Renate gesagt. „Es bringt deine langen Beine zur Geltung. Und dein Mund ist so sexy, betone ihn noch ein bisschen mit diesem roten Lippenstift. Sei nett zu den Kunden, Tiff, dann kriegst du mehr Trinkgeld.“ Ihr hätte von Anfang an ein Licht aufgehen müssen. Aber sie war Renate so dankbar gewesen für ihre Freundlichkeit.

Renate lächelte und sagte sanft: „Das erste Mal ist immer scheußlich, aber beim nächsten Mal ist alles viel leichter.“

„Beim nächsten Mal?“ Tiffany wurde eiskalt, als ihr bewusst wurde, dass Renate sie ganz gezielt manipulierte. „Es wird kein nächstes Mal geben.“ Sie hatte nicht vor, noch einmal einen Fuß in dieses Etablissement zu setzen.

Renate nahm Tiffanys kleine, perlenbesetzte Handtasche vom Waschtresen und steckte das Kondom hinein. „Das kann man nie wissen“, meinte sie nüchtern.

Tiffany schnappte sich ihre Tasche. „Ich gehe.“

„Die erste Schicht endet um zehn“, erwiderte Renate knapp. „Wenn du vorher gehst, bekommst du kein Geld. Aber wenn du noch eine Schicht machst, verdienst du das Doppelte.“

Tiffany schaute auf ihre Armbanduhr. Es war halb zehn. Also musste sie noch eine halbe Stunde gute Miene zum bösen Spiel machen. Sie brauchte den Lohn, um die Jugendherberge bezahlen zu können. An eine zweite Schicht war überhaupt nicht zu denken. Sie blickte Renate in die Augen. „Gut, ich stehe es durch.“

„Denk doch mal nach. Es ist wirklich keine große Sache, wenn man das erste Mal hinter sich hat“, probierte Renate es erneut. „Das machen doch alle hier. Es gibt eine große Nachfrage nach jungen Touristinnen.“ Renate zuckte die Achseln. „Rafiq sieht gut aus. Es ist bestimmt angenehm mit ihm. Willst du lieber abgebrannt und verzweifelt in Hongkong rumsitzen?“

„Ja.“ Tiffany fröstelte, als sie an Rafiqs abschätzigen Blick dachte. „Rafiq hat kein Interesse daran, mit mir zu schlafen.“

Renate lachte. „Und ob er das hat. Allerdings wirst du dabei nicht zum Schlafen kommen“, bemerkte sie anzüglich. „Und hinterher kriegst du eine Menge Geld.“

„Lieber verhungere ich!“

„Unsinn. Nicht wenn du tust, was er von dir verlangt.“

„Nein!“ Entschlossen fügte Tiffany hinzu: „Und verhungern werde ich auch nicht. Ich wurde hier als Bedienung angeheuert, und wenn ich meine Schicht beendet habe, steht mir mein Lohn zu. Außerdem schuldet mir Rafiq noch mein Trinkgeld.“

Lohn und Trinkgeld würden sie übers Wochenende bringen. Und dieser Gedanke gab ihr neuen Mut.

Sir Julians überlaute Stimme dröhnte in sein Ohr, aber Rafiq konzentrierte sich auf den runden Durchgang, in dem Tiffany und Renate jetzt erschienen. Tiffany war nicht die Sorte Frau, die er in einem solchen Club erwartet hätte. Ihr Gesicht besaß etwas Frisches, fast Unschuldiges, und passte überhaupt nicht zu dem knallroten Lippenstift und dem lächerlichen schwarzen Fetzen, den sie trug. Aber vermutlich war alles bloß Show, das eine wie das andere. Tiffany, die perfekte Schauspielerin.

Und trotzdem – als sie zurück an den Tisch kam, hätte er schwören können, dass sie sich hier in dieser Umgebung nicht wohlfühlte.

Sie reichte ihm einen großen Softdrink mit viel Eis und sah unsicher zu ihm auf.

„Danke.“ Seltsam, wie diese Frau ihn irritierte. Er war es gewohnt, dass Frauen ihn anhimmelten und versuchten, ihn zu umgarnen. Doch Tiffany verhielt sich völlig anders. Der Blick ihrer großen dunklen Augen war fast ängstlich, als habe ihr jemand erzählt, er sei ein Mädchenhändler oder Schlimmeres.

Renate? Aber was konnte die große Blondine wohl über ihn gesagt haben? Sie hielt sich an Sir Julian. Offenbar versprach sie sich von dem Hotelmagnaten mehr als von einem Scheich aus königlicher Familie. Eigentlich hatte Rafiq sofort gehen wollen, nachdem er erkannt hatte, um was für ein Lokal es sich beim Le Club handelte. Aus Höflichkeit und um den Vertragsabschluss mit Sir Julian zu begießen, der ein Hotel in Dhahara, Rafiqs Heimat, bauen wollte, war er auf einen Drink geblieben.

Doch dann hatte Tiffany Leitungswasser getrunken statt eines falschen Champagnercocktails, und er war neugierig geworden, was für ein Spiel sie spielte.

„Setzen Sie sich“, forderte er sie auf. „Ich beiße nicht.“

Sie reagierte nicht, sondern starrte entsetzt zu Sir Julian und Renate hinüber. Rafiq folgte ihrem Blick.

Renate strich lasziv mit ihrem Daumen über Sir Julians fleischige Lippen und kicherte, als der Hotelier begann, an ihrer Fingerspitze zu knabbern, ehe er sie in den Mund nahm, um lustvoll daran zu saugen.

Rafiq presste die Lippen aufeinander. Tags zuvor noch war er bei Sir Julian zu Hause eingeladen gewesen. Stolz hatte der Baulöwe ihm seine Frau vorgestellt, mit der er fast dreißig Jahre verheiratet war. Seine erwachsene Tochter war ebenfalls anwesend gewesen. Sir Julian hatte sofort versucht, sie mit Rafiq zu verkuppeln.

„Ich verschlinge auch keine Daumen“, fügte er an Tiffany gewandt hinzu und nahm erstaunt wahr, dass sie sich ein wenig entspannte.

Zum ersten Mal bemerkte er, dass ihre braunen Augen goldgesprenkelt waren. Bisher war ihm nur aufgefallen, wie schön ihr Haar und ihre pfirsichzarte Haut waren. Nicht, dass er sich wirklich für eine Frau interessiert hätte, die in einem solchen Club ihr Geld verdiente …

Abrupt fragte er: „Warum arbeiten Sie hier?“

„Ich bin heute das erste Mal hier“, erwiderte Tiffany leise. „Renate meinte, es sei ein guter Ort, um Geld zu verdienen.“

„Haben Sie Geld denn so nötig?“ Als sie nicht antwortete, stieg so etwas wie Enttäuschung in ihm auf. „Sie sollten gehen.“

Tiffany errötete und starrte blicklos auf die Tischplatte.

Rafiq wandte sich ab und sah, wie Sir Julian seine Hand in Renates Ausschnitt gleiten ließ. Renate kicherte.

Erneut suchte Rafiq Tiffanys Blick. „Ist es das wert?“

Sie antwortete nicht, sondern beobachtete das Paar, das ihnen gegenübersaß. Dabei wirkte sie, als sei ihr übel.

„Sie würden sich für Geld von einem Mann betatschen lassen?“, fragte er härter als beabsichtigt. „In aller Öffentlichkeit?“

„Ich glaube, mir wird schlecht.“

Sie sprang auf und rannte Richtung Toilette. Rafiq lehnte sich zufrieden zurück. Heute war ihr erster Abend im Club. Vielleicht würde es ihm gelingen, sie zur Vernunft zu bringen, ehe es zu spät war. Eine junge Frau wie Tiffany durfte sich nicht auf diese Weise das Leben ruinieren.

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