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Die Nacht mit dem Normannen

1. KAPITEL

Das Gebräu schmeckte bitter. Aber es verhieß den süßesten Segen, den man sich vorstellen konnte. Isolda trank den Becher leer und erschauerte.

Dann richtete sie ihren Blick auf die zweite Hälfte des Plans, der die Sehnsucht ihres Herzens erfüllen sollte, und die würde viel besser schmecken. Zumindest malte sie sich das aus.

Isolda of Iness spähte über einen tief hängenden Ast in dem Versteck nahe ihrer Waldhütte hinweg und musterte den Jäger, der zwischen den Bäumen dahinwanderte. Hochgewachsen und kräftig trat er erstaunlich lautlos auf herabgefallene Zweige und welkes Laub. Er war jung. Und er strotzte vor lauter Manneskraft.

Eine bessere Wahl konnte sie nicht treffen. Zweifellos würde er der perfekte Vater ihres Kindes sein.

Seit vielen Monden beobachtete sie ihn, wenn er in ihrem Wald jagte, und sie bewunderte seinen Respekt vor den Tieren. Niemals erlegte er mehr, als er brauchte, und er begegnete der Natur und ihren Geschöpfen mit allergrößter Sorgfalt. In einer Welt voller wahnwitziger Kriege und roher Gewalt, wohin immer man sich wandte, hatte Isolda eine starke, aber sanfte männliche Hand schätzen gelernt.

Ihr Jäger stellte eine Rarität unter den Männern dar, und kein anderer durfte ihr das Einzige geben, was ihr in der Waldheimat fehlte – in dem Exil, das sie sich selbst auferlegt und lieb gewonnen hatte.

Noch vor ihrem Rückzug in die Wälder war der Wunsch nach einem Kind erwacht. Normannische Eindringlinge hatten den benachbarten Lord getötet, der ansonsten ihr Gemahl geworden wäre. Sie liebte ihn nicht, und die Ehe erschien ihr auch gar nicht erstrebenswert. Doch sie hatte die Mutterschaft erhofft, ehe ganz Northumbria in Kriegswirren versinken würde.

Der Jäger blieb in ihrer Nähe stehen, wandte den Kopf in ihre Richtung, und Isolda sah, wie sich seine kräftigen Muskeln anspannten.

Noch nie hatte sie sich so nahe an ihn herangewagt und stets Abstand gehalten. Wann immer jemand an ihrer verborgenen Hütte vorbeiging, pflegte sie hinter dichtem Unterholz zu verschwinden. Aber an diesem Tag wollte sie gesehen werden. Und beachtet.

Immer wieder hatte sie den Moment geplant – die beste Methode, den Jäger in ihr Bett zu locken, die Sehnsucht ihres Herzens zu stillen und ihn dann wegzuschicken, ohne ihn auf unwillkommene Weise für ihre Lebensweise zu interessieren. Für ihre Vergangenheit. Die gefährdete Position einer Edelfrau. Im Exil.

Welches Los würde ihrem Kind drohen, wenn die Wahrheit über ihre Herkunft herauskäme? Nein. Sie musste sehr, sehr vorsichtig sein. Also durfte sie nicht wie eine Adelige an ihn herantreten, der man distinguierte Manieren und respektvolle Höflichkeit beigebracht hatte.

Um des Babys willen, das sie sich so verzweifelt wünschte, würde sie alle Regeln der Schicklichkeit missachten. Dieses Kind wollte sie in der Sicherheit des Waldes nach ihren eigenen Gesetzen großziehen, bis ihr Erbe stark genug war, um das Geburtsrecht von Iness zu beanspruchen.

Deshalb musste sie sich dem Jäger mit der unbefangenen Verführungskunst einer jungen Küchenmagd nähern. Hätte sie solche Begegnungen bloß aufmerksam studiert, statt den Blick von gelegentlichen Liebespielen in den dunklen Ecken der Halle oder in schattigen Winkeln zwischen den Wandbehängen der Korridore abzuwenden …

Jetzt ließ der Jäger den Blick seiner goldbraunen Augen über die Hecke hinwegschweifen, die Isolda rings um ihr winziges strohgedecktes Cottage gepflanzt hatte. Ihr Herz pochte schneller, von jener seltsamen Erregung erfüllt, die sie nur plagte, wenn sie ihn sah. Wie üblich redete sie sich ein, das würde nur geschehen, weil sie ihm die angestrebte Mutterschaft zu verdanken hoffte.

Andererseits – in der Gesellschaft ihres Verlobten, bevor ihre Welt zerstört worden war, hatte sie nie solche Gefühle empfunden.

„Wer ist da?“ Die Stimme des Jägers verschaffte ihr einen neuen Eindruck. Bisher hatte er nie gesprochen und nur nach seinem Zwergfalken gepfiffen, wenn der im Sturzflug einen Vogel erlegen sollte.

Der Wohlklang dieses tiefen Baritons schien in ihren Adern widerzuhallen – ein einladendes Echo, das sie beruhigte und ermutigte, ihr Versteck zu verlassen.

An die dornige Hecke gewöhnt, glitt sie mühelos zwischen stacheligen Hindernissen hindurch und trat hinaus. Ins Blickfeld.

„Seid gegrüßt, Sir“, begann sie, unsicher in der Wahl ihrer Worte, aber sie tat ihr Bestes, um einen warmherzigen Ton anzuschlagen. „Gewiss habt Ihr einen langen Weg zurückgelegt, da Ihr in einen so abgeschiedenen Teil der Wälder geraten seid. Hattet Ihr eine angenehme Reise?“

Schweigend musterte er sie – mit der gleichen stillen, raubtierhaften Konzentration, die sie oft genug beobachtet hatte, wenn er sich an eine Beute heranpirschte.

Noch nie war sie ihm so nahe gewesen, noch nie hatte sie ihn so eingehend betrachtet. Er besaß die geschmeidige Kraft und muskulöse Anmut eines Hengstes. Sein Aussehen erinnerte sie nicht an die fremdartige äußere Erscheinung der Normannen. Allerdings waren die goldbraunen Augen ungewöhnlich für einen Schotten. Das schimmernde, fast schwarze Haar zeugte von guter Gesundheit und sorgsamer Körperpflege, was zu den vielen Gründen zählte, warum sie ihn für die besondere Aufgabe ausgesucht hatte.

In die gedämpften Schattierungen des Waldes gekleidet, trug er dunkle Beinkleider, die seine muskulösen Oberschenkel umspannten und an den kraftvollen Waden endeten. Oberhalb der Fußknöchel geschnürt, schützten ihn Stiefel vor dornigem Gestrüpp und ermöglichten ihm geräuschlose Schritte.

Seine Tunika wies eine schmutzig-graue Farbe auf, wie man sie bei Feldarbeitern sah. Aber die feine Fältelung und die schmückende Stickerei um den Ausschnitt herum verrieten einen vornehmeren Status. Ein enteigneter Adeliger? Der Gedanke erschreckte Isolda. Nein. Kein Edelmann würde so oft allein im Wald zur Jagd gehen wie dieser Krieger. Zudem prangten keine Juwelen oder kunstvoll geschnitzte Schnörkel am Griff seines Schwerts. Ein schlichter Lederriemen diente ihm als Gürtel. Darin steckte an der Hüfte ein einfaches kleines Messer, das er vermutlich bei seinen Mahlzeiten benutzte.

„In der Tat, ich unternahm eine lange Reise“, bestätigte er schließlich. Während er sprach, fesselten seine sinnlich geschwungenen Lippen ihren Blick. „Befinde ich mich in der Nähe einer Stadt, weil ich einer schönen Maid begegne, die ich nie zuvor sah?“

„Oh, ich wasche meine Kleider dort drüben am Fluss“, log sie und zeigte in eine Richtung, die von ihrer Hütte wegführte.

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