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Die Nacht ist nicht zum Schlafen da!

1. KAPITEL

Die Bar des Restaurants war so überfüllt, dass es Cassie kaum gelang, ihr Glas zum Mund zu führen. Nicht dass es ihr etwas ausgemacht hätte, hier inmitten all des Trubels mit ihren Kollegen zu stehen und zu plaudern – ganz und gar nicht. Alle hatten sich schwer in Schale geworfen, was allerdings kaum überraschend war, denn für heute Abend hatte erstmalig ihr neuer Chef sein Erscheinen angekündigt.

Cassie war seit einer halben Ewigkeit nicht mehr aus gewesen, deshalb genoss sie es, hier zu sein. Sogar ein neues Kleid hatte sie sich geleistet, ein schickes enges Cocktailkleid aus schwarzer Seide, das ihrer schlanken Figur schmeichelte. Obwohl es für ihre Verhältnisse natürlich viel zu teuer gewesen war, aber daran wollte sie jetzt lieber nicht denken.

„Deine Augen funkeln wie Smaragde“, bemerkte Ella neben ihr trocken. „Gute Stimmung hier, findest du nicht?“ Cassie lächelte. „Ja. Ich hatte fast vergessen, wie sich das anfühlt.“

„Jetzt wo die Zwillinge ein bisschen älter sind, kannst du dir so was ruhig öfter mal gönnen.“ Irgendwie schaffte Ella es im Gedränge, ihr Glas so weit zu heben, dass sie mit Cassie anstoßen konnte. „Und seit du endlich diese unverschämt hohen Vorschulgebühren los bist, nagst du ja auch nicht mehr ganz so am Hungertuch.“

„Haha! Von der alleinerziehenden berufstätigen Mutter zum wilden Partygirl.“ Cassie lachte. „Soll ich mir vielleicht auch gleich noch einen Mann suchen?“

„Um Himmels willen, bloß nicht!“ Ella schüttelte sich, und Cassie beobachtete, wie ein Schatten über das hübsche Gesicht der Freundin huschte.

Ella hatte gerade eine schwere Enttäuschung hinter sich. Sie war jahrelang mit einem Mann zusammen gewesen, der sie sechs Wochen vor der Hochzeit mit der Begründung, „er sei einfach noch nicht so weit“ sitzen gelassen hatte. Cassie wusste nur zu gut, wie es sich anfühlte, verlassen zu werden. Bloß, dass sie selbst damals auch noch mit den Zwillingen schwanger gewesen war.

„Er ist Geschichte, Ella“, erinnerte sie die Freundin entschieden. „Denk nicht mehr an ihn.“

Ella blinzelte kurz, dann nickte sie so nachdrücklich, dass ihr das kinnlange Haar ums Gesicht flog. „Ja, klar. Ich bin doch längst über ihn hinweg, oder?“

„Genau. Und jetzt geht’s dir wieder gut“, sagte Cassie, dann stießen sie noch einmal an. „Du hast schließlich alles, was du brauchst. Lieber einen atemberaubenden baumlangen Bodybuilder mit dem Temperament einer Schmusekatze als einen messerscharfen Aktienhändler mit den genetischen Merkmalen einer Giftschlange.“

Der Vergleich brachte Ella zum Lachen. Als mehrere Umstehende sich umdrehten, wechselten Cassie und Ella das Thema, um ihre Kollegen mit einzubeziehen. Während der nächsten Minuten plätscherte die Unterhaltung leicht dahin, und der reichlich fließende Sekt sorgte für gute Stimmung.

„Ich wüsste nur zu gern, wann endlich die Raubtierfütterung beginnt“, seufzte Ella eine Weile später. „Ich bin schon am Verhungern.“

„Wahrscheinlich müssen wir erst noch auf unseren neuen Boss warten.“ Cassie trank einen Schluck aus ihrem Glas.

„Viel voller darf es hier aber nicht werden, sonst fühlen wir uns wie in einer Sardinenbüchse“, gab ihre Freundin zu bedenken. „Obwohl, mit dem Typ, der da eben eingelaufen ist, Sardine zu spielen, wäre bestimmt ziemlich aufregend.“

Auf den Anblick, der sich ihr bot, als sie in die von Ella angezeigte Richtung schaute, war Cassie schlicht nicht vorbereitet. Ihr blieb fast das Herz stehen. Im nächsten Moment war ihr, als stürze sie vom Rand einer schwindelerregend hohen Klippe. Ihre Beine drohten den Dienst zu versagen, dann begannen ihre Zehen wie verrückt zu kribbeln, während eine Stimme in ihrem Kopf einen Namen schrie. Und obwohl Cassie ihn sechs lange Jahre nicht gesehen hatte, erinnerten sich ihre Sinne an jeden Quadratzentimeter seines hochgewachsenen, harten, athletischen Körpers.

Wie hätte ich ihn übersehen können, dachte sie hilflos, während ihr Herz dumpf zu hämmern begann. Er überragte seine beiden Begleiter um Haupteslänge, obwohl er den dunklen Kopf gesenkt hielt, um in dem Lärm hören zu können was gesprochen wurde.

Die Erinnerung an diesen Mann hatte sich bis zum heutigen Tag so unauslöschlich in Cassie eingebrannt, dass ihr bei seinem Anblick fast das Weinglas entglitten wäre.

„Ich glaube, wir haben es hier mit unserem neuen Chef zu tun“, murmelte Ella überrascht.

Cassie schüttelte benommen den Kopf. „Nein“, flüsterte sie schließlich mühsam. „Das kann nicht sein.“

„Warum nicht?“ Ella musterte den Mann noch einmal, während Cassie nur dastehen und in ihre ganz private Hölle starren konnte. Bis ihre Freundin entschieden sagte: „Also echt, ich wette, das ist er. Und zwar, weil dieses atemberaubende Mannsbild gar nicht anders heißen kann als Alessandro Marchese.“

Den Namen ließ Ella sich genüsslich auf der Zunge zergehen. Cassie schüttelte verwirrt den Kopf. Alessandro Marchese? Von wem redete Ella?

„Wir blicken hier auf den hoffnungsvollen Spross einer milliardenschweren italienischen Dynastie“, bemerkte ihre Freundin in diesem Moment ironisch. „Und wenn mich nicht alles täuscht, ist die Dame in Rot an seiner Seite aus einem nicht minder hochwertigen Material gemacht.“

Die Dame in Rot …

Jetzt wusste Cassie, dass sie und Ella tatsächlich denselben Mann meinten, der ein in elegantes Rot gewandetes wunderschönes Geschöpf mit schulterlangen glänzend schwarzen Haaren am Arm führte. Die beiden wirkten so vertraut wie ein Paar, das schon lange zusammen ist.

Und Ella hatte recht. Sie waren von derselben Art. So wie auch der Name Alessandro Marchese viel besser zu ihm passte als der weit schlichtere Name Sandro Rossi, unter dem Cassie ihn kennengelernt hatte.

Sie befahl sich, ihren Blick von ihm loszureißen. Als er im selben Moment den Kopf hob und seine Begleiterin anlächelte, konnte sie direkt in sein Gesicht sehen. Dabei stellte sie sehr zu ihrem Leidwesen fest, dass er in den zurückliegenden sechs Jahren nichts, aber auch gar nichts von seiner beeindruckenden männlichen Schönheit und Faszination eingebüßt hatte. Bitterkeit stieg in ihr auf. Diese lang bewimperten Augen mit den schweren Lidern, die vornehme gerade Nase, dieser schmale, energische und doch so atemberaubend sinnliche Mund … Todesmutig sog Cassie den Anblick in sich ein.

Sie hatte große Lust, ihm dieses Lächeln aus dem verlogenen Gesicht zu wischen. Alessandro Marchese … Wem versuchte er etwas vorzumachen? War er ein Gauner und Hochstapler, oder warum trat er plötzlich unter einem anderen Namen auf? Oder hatte er sie damals belogen?

Der Schmerz des Verrats loderte in ihr, während sie die Aura lässiger Entspanntheit wahrnahm, die er um sich herum verbreitete. Cassie scheiterte bei dem Versuch, ihren Blick von ihm loszureißen. Sein eleganter, perfekt sitzender dunkler Anzug, zu dem er ein blütenweißes Hemd trug, unterstrich seine hochgewachsene athletische Erscheinung noch.

An die sie sich in allen aufregenden Einzelheiten erinnerte …

Sie musste raus hier, und zwar sofort …

Cassie straffte die Schultern, reckte das Kinn.

Und als ob er ihre heftige Reaktion gespürt hätte, hob er den Kopf und schaute ihr direkt ins Gesicht. Womit er sie zwang, seinen Blick zu erwidern, magnetisch angezogen von einem Paar tintenschwarzer Augen, die nie wiederzusehen sie gehofft hatte.

Plötzlich schien die Zeit stillzustehen. Das fröhliche Geplauder ringsum trat so jäh in den Hintergrund, als ob jemand ein Glas gegen die Wand geschmettert hätte. Schlagartig schien es, als wären sie beide allein, während die sechs lange Jahre währende Erinnerung an ihn in ihrer Fantasie wilde Blüten zu treiben begann.

Sandro, herzhaft lachend … Sandro, der ihre schüchternen Flirtversuche mit diesem trocken belustigten Grinsen zur Kenntnis nahm … Sandro, der sie hielt … und küsste … Sandro, der sie liebte … oh … anfangs so sanft und behutsam und später so leidenschaftlich … atemberaubend intensiv.

Ein flammender Pfeil reinsten sexuellen Verlangens durchbohrte so heftig Cassies Mitte, dass sie keuchend nach Atem rang. Sandro blinzelte irritiert. Ihr ganzer Körper begann vor Verlangen zu prickeln. Hilflos stemmte sie sich gegen die Flut unerwünschter Gefühle. Sie wollte das nicht. Sie wollte bei seinem Anblick kalt und ungerührt bleiben und musste doch feststellen, dass das exakte Gegenteil der Fall war.

Wie ein Mann, der alten Sinnenfreuden nachspürt, nahm er den leuchtenden Wasserfall ihres blass golden schimmernden Haars in sich auf, dessen Spitzen ihre entblößten Schultern streichelten. Sein Blick streunte weiter über ihr atemberaubendes Dekolleté, ihre Brüste.

Die Botschaft, die seine Augen aussandten, war von so sinnlicher Leidenschaft, dass Cassie befürchtete, gleich in Flammen aufzugehen. Am liebsten hätte sie ihren Protest laut herausgeschrien, aber sie war wie gelähmt. Noch nie in ihrem Leben hatte sie sich dermaßen entblößt gefühlt.

Nicht einmal in ihren schlimmsten Albträumen hätte sie sich vorstellen können, dass er so lange brauchen könnte, um sie wiederzuerkennen. Erst als ihre Blicke sich wieder begegneten, sah sie, wie der träge forschende Ausdruck in seinen Augen in blankes Entsetzen umschlug. In der nächsten Sekunde wirkte er fast, als würde er ohnmächtig werden. Er wurde gespenstisch bleich, während seine schwarzen Augen noch dunkler zu werden schienen. Cassie hielt erschrocken die Luft an.

Eine Sekunde später jedoch straffte er seinen hochgewachsenen Körper und wandte sich so abrupt ab, als ob er ihr eine Tür vor der Nase zuschlüge.

Ein weiteres Mal.

Jetzt drohte Cassie, das Bewusstsein zu verlieren. Als jemand sie anrempelte, wäre ihr um ein Haar das Glas entglitten, aber sie nahm es kaum wahr. Irgendwer sagte etwas zu ihr, doch sie hörte nichts. Sie konnte fühlen, dass sie blass geworden war, ihre Haut fühlte sich klamm und kalt an. Aber viel schlimmer, sehr viel schlimmer, war das Aufbrechen einer niemals wirklich verheilten alten Wunde.

Schließlich schaffte sie es irgendwie sich abzuwenden. Sie versuchte tief durchzuatmen und war froh, dass sie wenigstens ein paar flache Atemzüge hinbekam. Sie fühlte sich so in ihren Grundfesten erschüttert, dass sie am liebsten Hals über Kopf davongerannt wäre.

„Meinst du, wir bekommen jetzt endlich was zu essen?“, fragte Ella in diesem Moment, und Cassie antwortete mechanisch: „Ja.“

Wer ist das? schoss es Alessandro durch den Kopf. Dabei machte sich sofort wieder ein vertrauter Kopfschmerz bemerkbar, dem nur beizukommen war, indem er sich mit dem Zeigefinger intensiv die Stelle zwischen den Augenbrauen massierte.

Und warum fühlte er sich plötzlich so seltsam, fast wie innerlich ausgehöhlt?

Konnte sexuelle Anziehungskraft so stark sein, dass man davon weiche Knie bekam? Aber wann hätte der Anblick einer Frau je eine derartige Wirkung auf ihn gehabt? Und warum passierte das ausgerechnet jetzt und hier? Es war mehr als unprofessionell und wirklich verdammt lästig.

„Wieder Kopfschmerzen, Alessandro?“, fragte Pandora ihn besorgt. Wie immer, hatte sie sofort seine Stimmungsschwankung registriert.

„Nein, nein, alles okay.“ Er ließ die Hand sinken und wandte den Kopf, um die Blondine nicht aus den Augen zu verlieren.

Obwohl er sie jetzt nur von hinten sah, war da irgendetwas, das ihm bekannt vorkam. Aber was? Vielleicht ihr Haar … die Farbe oder die Art, wie es ihre schmalen weißen Schultern streifte?

„Sie sind aber schrecklich blass, Lieber“, beharrte Pandora. „Sind Sie wirklich sicher, dass …“

„Das ist nur der Jetlag.“ Er hatte Mühe, die Ungeduld aus seiner Stimme zu verbannen. „So ein Fünfzehn-Stunden-Flug ist anstrengend. Machen Sie nicht immer so ein Getue um mich, Pandora. Sie wissen, dass mich das nervt.“

Wer war sie bloß? Und warum hatte er das Gefühl, sie von irgendwoher zu kennen?

„Sie hätten während des Flugs eben nicht die ganze Zeit arbeiten, sondern sich lieber ausruhen sollen. Wirklich, Alessandro, eines Tages werden Sie noch …“

Der Rest blieb ihm erspart, weil Jason Farrow neben ihm plötzlich laut in die Hände klatschte. Das Geräusch hallte so schmerzhaft in seinem Kopf wider, dass Alessandro fast zusammengezuckt wäre.

„Ladies und Gentleman, dürfte ich einen Moment um Ruhe bitten?“, verschaffte sich der Geschäftsführer von BarTec Gehör. Prompt wurde es still.

Alessandro, der immer noch damit beschäftigt war, die seltsamen Empfindungen einzuordnen, sah sich einer neuen Herausforderung gegenüber: Hundert Augenpaare richteten sich erwartungsvoll auf ihn.

Von irgendwoher kannte er sie! Je länger er darüber nachgrübelte, desto sicherer war er, dass er sie schon einmal getroffen hatte. Dieses blass goldene Haar, die auffallend grünen Augen, der weiche rosa Mund … Er bemühte sich, nicht die Stirn zu runzeln, während er in seiner Erinnerung kramte. Dabei verstärkte sich dieses seltsam flaue Gefühl im Magen weiter.

Ihre hohen Wangenknochen, die hübsche kleine Nase, das herzförmige Gesicht …

„Ich möchte Ihnen den neuen Eigentümer von BarTec vorstellen und freue mich, Alessandro Marchese ganz herzlich bei uns begrüßen zu dürfen.“

Cassie, die keine andere Wahl hatte als sich wieder umzudrehen, sah, dass Sandro – oder wie er sich derzeit auch nennen mochte – immer noch irritiert wirkte. Willkommen im Club, dachte sie, während sie von einer Welle bitterer Verachtung überflutet wurde, die glücklicherweise ihren Schmerz und ihre Bestürzung hinwegschwemmte. Für wen zum Teufel hielt er sich eigentlich, wenn er glaubte, sie wie Luft behandeln zu können?

Wieder brandete Beifall auf, aber sie klatschte nicht. Eher würde sie sich die Hände abhacken. Sie hasste ihn. Nachdem sie ihm nun, deutlich ruhiger geworden, wieder ins Gesicht schaute, erinnerte sie sich daran, wie sehr sie Sandro Rossi – oder Alessandro Marchese – verabscheute.

„Grazie molto per la vostra accoglienza calorosa …“, sagte der Mann auf Italienisch. Seine aufregend sinnliche Stimme hatte einen tiefen satten Klang, der den weiblichen Anwesenden ein hingerissenes Keuchen entlockte. Als seine schöne Begleiterin ihn am Arm berührte und irgendetwas zu ihm sagte, stutzte er kurz, bevor sich auf seinem Gesicht ein charmantes Lächeln Bahn brach, mit dem er sofort im Sturm die Herzen aller Anwesenden eroberte. Bis auf Cassies Herz natürlich.

„Bitte entschuldigen Sie, ich versuch es noch mal“, fuhr er auf Englisch fort. „Vielen Dank für den freundlichen Empfang …“

„Oje“, hauchte Ella neben Cassie. „Das war aber wirklich sehr, sehr sexy. Ist er so, oder will er sich nur bei uns einschmeicheln?“

Was sonst, dachte Cassie zynisch, verzweifelt bemüht, sich ihre Bitterkeit nicht anmerken zu lassen. In Wahrheit war sie überrascht, dass die sonst so aufmerksame Ella nichts mitbekommen hatte von dem, was zwischen Cassie und ihrem neuen Chef abgelaufen war.

Sandro ließ es sich nicht nehmen, seine Zuhörerschaft um den kleinen Finger zu wickeln, während er in flüchtigen, aber gekonnten Ausführungen die Zukunft von BarTec skizzierte. Dabei schaffte er es, sich mit einer Aura von Glaubwürdigkeit zu umgeben, die keinen Zweifel an seiner Kompetenz aufkommen ließ. Er betonte ausdrücklich, dass niemand Angst um seinen Arbeitsplatz zu haben brauchte. Cassie stand immer noch wie gelähmt da und ließ sich unbewusst vom Rhythmus seiner Stimme davontragen. Hin und wieder schnappte sie ein Wort auf, aber der Zusammenhang entging ihr, weil sie in Gedanken ganz woanders war.

Seine Stimme hatte sich nicht verändert – er hatte sich nicht verändert. Auch wenn er heute einen anderen Namen trug, war er doch immer noch derselbe Mann. Der Mann, in den sie sich damals unsterblich verliebt hatte. Und der sie einfach weggeworfen hatte wie ein gebrauchtes Taschentuch, nachdem er ihren Körper benutzt und sie geschwängert hatte.

Ein zweiter Beifallssturm riss sie aus ihren quälenden Erinnerungen. Sandro hatte soeben seine Ansprache beendet und lächelte jetzt die Dame in Rot an. Cassie sehnte sich nach nichts mehr, als einfach zu gehen. Aber Alessandro, umlagert von Fans wie ein Popstar, blockierte den Ausgang.

Ob sie es schaffte, sich an dem Pulk unbeobachtet vorbeizuschlängeln? Und falls Sandro sie bemerkte, konnte es ihm doch eigentlich nur recht sein, wenn sie möglichst unauffällig verschwand, oder nicht?

„Na endlich, es geht los.“ Erst Ellas trockene Bemerkung machte Cassie darauf aufmerksam, dass sich die Menge langsam in Richtung Treppe in Bewegung setzte, die in das im Obergeschoss liegende Restaurant führte. Sollte sie oder sollte sie nicht? An diesem Punkt meldete sich ihr gesunder Menschenverstand zu Wort.

Dieser sagte ihr, dass sie unmöglich einfach gehen konnte. Der Job bei BarTec war überlebensnotwendig für sie. Während sie vorgab, Ellas ausufernden Schwärmereien über ihren aufregenden neuen Chef zuzuhören, drifteten ihre Gedanken wieder in die Vergangenheit.

Ich kenne Sie nicht, und ich will Sie auch nicht kennenlernen. Bitte rufen Sie nie wieder diese Nummer an …

2. KAPITEL

Cassie und Ella saßen zusammen mit ihren Kollegen aus der Finanzbuchhaltung im hinteren Teil des Restaurants an einem Tisch. Der einzige Fremde in ihrer Runde war Gio Rozario, ein attraktiver smarter Mitarbeiter aus Sandros Team.

Er wurde während des mehrgängigen Menüs mit neugierigen Fragen bombardiert, die er geschickt mit Gegenfragen beantwortete, was außer Cassie jedoch niemandem auffiel. Offensichtlich hatte er ein ähnliches Talent wie sein Chef, seine Umgebung mit seinem Charme einzuwickeln.

Cassie, die lustlos in ihrem Essen herumstocherte, steuerte zur Unterhaltung kaum etwas bei. Ihr war aufgefallen, dass an jedem Tisch mindestens ein Mitarbeiter von Sandros Team saß. Was den Verdacht nahelegte, dass die Spione in ihrer Mitte den Auftrag hatten, wertvolle Informationen über die Firma und ihre Angestellten zu sammeln.

Mit anderen Worten: Der Marchese-Mob arbeitete auf Hochtouren, während die ahnungslosen Angestellten von BarTec in Partylaune und nicht auf der Hut waren. Ganz schön schlau, dachte Cassie gereizt. Alkohol floss immer noch reichlich, und sie war bereit zu wetten, dass es nur sehr wenige ihrer Kollegen am Ende des Abends geschafft haben würden, ihre Geheimnisse zu bewahren.

Unbewusst wanderte ihr Blick durch den Raum zu dem großen runden Tisch in der Mitte, an dem ihr Geheimnis inmitten der Geschäftsleitung Platz genommen hatte. Er stand – wenig überraschend – ganz im Zentrum der Aufmerksamkeit, ein aalglatter, weltgewandter Konzernchef mit dem durchtrainierten Körper eines Hochleistungssportlers und dem Gesicht eines Herzensbrechers.

Und er hatte dasselbe glänzend schwarze Haar und dieselben dunklen Augen wie Anthony …

Oh Gott … Cassie stand abrupt auf. „Entschuldigung“, murmelte sie. „Ich bin gleich zurück.“ Sie griff nach ihrer Abendhandtasche und marschierte stur geradeaus schauend zur Treppe.

Alessandro beobachtete aus dem Augenwinkel, wie sich die schlanke Blondine ihren Weg zur Treppe bahnte. Wahrscheinlich wollte sie die Toilette aufsuchen, die unten im Barbereich lag. Unglaublich, mit welch einer sinnlichen Anmut sie sich bewegte! Während er ihr nachschaute, spannten sich die Muskeln in den unteren Regionen seines Körpers an.

Dieser erste ungehinderte Blick auf sie gestattete es ihm, sich an ihrer schlanken Figur mit den wohlgeformten Kurven zu weiden, die sich unter ihrem kleinen Schwarzen deutlich abzeichneten. Ihre Haut war weiß und glatt wie Porzellan, der Knochenbau elegant und zart. Sie hatte einen hübschen Po und traumhaft lange Beine mit schmalen Fesseln, die durch die hochhackigen schwarzen Lackpantoletten noch betont wurden.

Als sie den ersten Fuß auf die Treppe setzte, beugte sie leicht den Kopf. Dabei fiel ihr schimmerndes blondes Haar wie ein Seidenvorhang nach vorn, während sie eine zartgliedrige weiße Hand nach dem Treppengeländer ausstreckte. In diesem Moment beschlich ihn das seltsame Gefühl, als ob Fingernägel ganz zart über seine nackte Brust strichen, und wieder war es wie ein Blitz, der für einen Sekundenbruchteil Licht in das Dunkel seiner Erinnerungen brachte.

Heftig die Stirn runzelnd versuchte er gegen den Drang anzukämpfen, erneut die Hand zu heben, um sich die Nasenwurzel zu massieren. Dabei beobachtete er, wie sie hinter der Biegung der Treppe stehen blieb und nach irgendetwas in ihrer Abendhandtasche suchte. Gleich darauf förderte sie ihr Handy zutage, drückte eine Taste und hielt sich das Telefon ans Ohr.

Wen rief sie an? Ihren Freund? Ihren Ehemann?

Und warum störte ihn allein der Gedanke?

„Cassie Janus“, raunte Jason Farrow ihm in diesem Moment wie beiläufig zu. Alessandro schaute sein Gegenüber mit gespieltem Unverständnis an.

„Ich habe Ihr Interesse vorhin schon bemerkt“, erklärte der Noch-Geschäftsführer, der sich offenbar ein paar Pluspunkte verdienen wollte, in vertraulichem Ton.

Sandro schwieg, während er darauf wartete, ob der Name irgendetwas bei ihm auslöste.

Nichts.

„Sie leitet die Finanzbuchhaltung“, fuhr der ältere Mann fort. „Obwohl sie nur eine Frau ist, hat sie ein Gehirn wie ein Prozessor. Sieht man ihr gar nicht an, was?“

Alessandro, der Jason Farrow auf Anhieb nicht sonderlich sympathisch gefunden hatte, fühlte sich durch diese sexistische Bemerkung vollauf bestätigt. Fehlte bloß, dass der Idiot ihm auch noch verschwörerisch zublinzelte!

Eine Firma von der Größe BarTecs war nur ein kleiner Fisch im Vergleich zu den Brocken, die er normalerweise schluckte. Aber das Unternehmen war innovativ und hatte in der Mikroelektronik ein paar bahnbrechende Entwicklungen vorzuweisen, die er lieber bei sich selbst aufgehoben wusste als bei der Konkurrenz. Das Angebot Angus Bartons war genau zum richtigen Zeitpunkt gekommen. Angus war ein guter Freund seines verstorbenen Vaters gewesen. Und selbst wenn Sandro kein Fünkchen Interesse an BarTec gehabt hätte, wäre er nicht darum herumgekommen, Angus allein aus alter Freundschaft die Last der Verantwortung von den müden Schultern zu nehmen.

„Haben Sie ein Problem mit Frauen am Arbeitsplatz?“, fragte Alessandro maliziös.

„Niemals! Im Gegenteil, sie versüßen mir den Tag!“, erklärte Farrow mit einem schmierigen Grinsen. „Obwohl ich immer noch nicht wirklich überzeugt bin, dass sie genauso hart und ausdauernd arbeiten können wie wir Männer. Da sage ich nur: Hormone.“ Nachdem er Luft geschnappt und vielsagend genickt hatte, fuhr er fort: „Cassie hatte bei BarTec viel Glück. Angus hat sie sehr gefördert und stets seine schützende Hand über sie gehalten. Eigentlich ist sie ja noch viel zu jung, um so viel Verantwortung zu tragen. Trotzdem …“ Farrow zuckte die Schultern, aber Alessandro hörte schon gar nicht mehr hin.

Angus … War er ihr vielleicht bei einem seiner Besuche bei Angus Barton begegnet? Vielleicht erklärte das ja, warum sie ihm so bekannt vorkam.

„Im Geschäftsleben ist kein Platz für Sentimentalitäten, das wissen Sie schließlich am besten“, plusterte sich Farrow noch weiter auf.

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