Logo weiterlesen.de
Die Nacht, in der alles begann

1. KAPITEL

Matt Hammond war allein.

Er tippte die Nummernfolge ein, die ihm Zugang zum Allerheiligsten des Diamantenimperiums House of Hammond gewährte. Allein sein. Diesen Zustand kannte er gut. Selbst Lionel Wong, ohne den hier fast nichts lief und der die Firma normalerweise als Letzter verließ, war schon gegangen. Umso besser. Kurz blieb Matt stehen und genoss die Stille. Wie immer empfand er auch jetzt die tiefe Befriedigung eines Mannes, der nach Hause kommt.

Dieses Gefühl überkam ihn regelmäßig, wenn er die Räume des Familienunternehmens betrat. Hier war er zu Hause. Hier fühlte er sich wohl.

Aufatmend ließ er sich in den großen Ledersessel fallen und legte die Aktentasche auf den Schreibtisch. Nur zögernd mochte er sich eingestehen, dass er körperlich und seelisch erschöpft war, dass die letzten sechs einsamen Monate nicht ohne Wirkung geblieben waren. Dennoch durfte und wollte er sich nicht hängen lassen. Jeder Tag brachte neue berufliche Herausforderungen, die er annahm und letzten Endes siegreich bewältigte. Doch diese Siege waren das Einzige, was ihm noch im Leben geblieben war.

Schnell griff er nach den Notizen, die seine Sekretärin neben das Telefon gelegt hatte. Während er sie oberflächlich durchsah, bildeten sich zwei scharfe Falten neben seiner Nasenwurzel. Ein und derselbe Name tauchte immer und immer wieder auf.

Jake Vance. Oder, wie er seit Neuestem hieß, James Blackstone. Der Erbe und älteste Sohn von Howard Blackstone war nach dreißig Jahren wieder aufgetaucht und wurde seitdem stürmisch gefeiert.

Wütend knüllte Matt die Zettel zusammen und warf sie in den Papierkorb. Und wenn sie noch so oft das Gespräch suchten, mit einem Blackstone würde er auf keinen Fall reden. Schließlich waren die Blackstones schuld an dem Elend, das er in seinem Leben hatte erfahren müssen. Verräter und Diebe, das waren sie alle, auch Kimberley Blackstone, verheiratete Perrini. Auch sie hatte ihn verraten, und das hatte ihn hart getroffen. Denn das hätte er von seiner Cousine nie gedacht. In den letzten zehn Jahren hatte sie sehr eng mit ihm zusammengearbeitet, war sozusagen seine rechte Hand gewesen. Aber dann hatte sie sich doch genauso schäbig benommen wie ihr Vater und damit bewiesen, dass sie eine echte Blackstone war.

Verbittert lachte er auf. Und dann hatte sie noch die Unverschämtheit, zu glauben, dass die Blackstones und die Hammonds sich wieder versöhnen könnten!

Heißer Zorn, der immer unterschwellig in ihm brannte, loderte auf. Aber mit der ihm eigenen Disziplin gelang es Matt, sich zu beherrschen. Der Tag der Rache würde kommen. Und alles, was die Blackstones ihm angetan hatten, würde letzten Endes auf sie zurückfallen.

Mit einem triumphierenden Lächeln lehnte Matt sich zurück. Nicht mehr lange, und er würde bei Blackstone Diamonds das Sagen haben. Endlich würde ein Hammond das Unternehmen leiten, was schon lange der Fall gewesen wäre, wenn Howard Blackstone die Hammonds nicht skrupellos um ihre australischen Anteile betrogen hätte. Immer hatte er sich einfach genommen, was er wollte, und nur so hatte er sein Vermögen gemacht. Aber er war zu weit gegangen. Das mit Marise hätte nicht passieren dürfen.

An Howards Grab hatte Matt Hammond geschworen, dass er sich dafür rächen würde. Und jetzt war er kurz vorm Ziel. Es fehlte nur noch wenig, bevor er die ausreichende Menge Blackstone-Aktien aufgekauft haben würde.

Schnell richtete er sich wieder auf. Seltsam, dass von Quinn Everard noch keine Nachricht da war. Sollte der Edelsteinhändler bei der Suche nach dem fünften Stein des berühmten Diamantencolliers Blackstone Rose immer noch erfolglos sein? Zumindest hatte Matt erwartet, dass Quinn eine ziemlich sichere Spur hätte. Vielleicht waren seine Kontakte doch nicht so gut, wie er geglaubt hatte. Genau das war das Problem mit Diebesgut. Es war schwer wieder aufzutreiben. Das war umso ärgerlicher, weil das Collier eigentlich zum Familienschmuck der Hammonds gehören sollte, anstatt mit dem Namen Blackstone „beschmutzt“ zu sein.

Seufzend machte Matt die Aktentasche auf und nahm ein paar Unterlagen heraus. Seine Miene hellte sich auf, als er begann, darin zu lesen. Dieser Vertrag mit der neuseeländischen Handelsgesellschaft für die berühmten pazifischen Perlen versetzte ihn in die Lage, endlich mit seiner eigenen Schmuckmarke herauszukommen, mit Matt Hammond Antik-Design.

Seit Monaten arbeitete er an einer ganz bestimmten Design-Linie, die speziell antike Schmuckstücke reproduzieren und auf den Markt bringen sollte. Der Zugriff auf die Perlen ermöglichte ihm jetzt endlich, sich diesen Traum zu erfüllen.

Wenigstens etwas, dachte er. Viel Freude hatte er nicht mehr im Leben. Da er noch immer im Büro war, hatte er noch nicht einmal die Möglichkeit, seinen Sohn Blake zu Bett zu bringen. Nach einem schnellen Blick auf seine Uhr schüttelte er frustriert den Kopf. Es war wirklich zu spät.

Auch wenn seine Ehe mit Marise schon längst kaputt war, als sie ihn verließ, so hatte sie ihm immerhin den Sohn hinterlassen. Seinen Sohn? Er presste die Lippen aufeinander. Machte seine Frau sich noch nach ihrem Tod über ihn lustig? Nein, er wollte jetzt nicht darüber nachdenken, ob Blake wirklich sein Sohn war. Außerdem sollte es ihm gleichgültig sein. Eine enge Beziehung zwischen Vater und Sohn war weniger eine Sache des Blutes als das Ergebnis von Liebe, Zärtlichkeit und Fürsorge. Da er selbst von den Hammonds adoptiert worden war, wusste er, wovon er sprach.

Und dennoch quälte ihn die Ungewissheit wie ein kleiner scharfer, bohrender Schmerz, der sich höchstens ignorieren, aber nicht ausschalten ließ.

War etwa Howard Blackstone Blakes richtiger Vater?

Bei dem Gedanken krampfte sich ihm der Magen zusammen. Marise war immer schon von den Blackstones fasziniert gewesen. Dennoch hatte ihr Tod vor fünf Monaten viele Fragen aufgeworfen. Denn sie war zusammen mit Howard Blackstone an Bord der kleinen Maschine gewesen, die dann ins Meer gestürzt war. Warum? Hatte sie eine Affäre mit seinem Todfeind gehabt?

Howard Blackstone. Irgendwie schien er hinter allem zu stecken, was Matt Hammond an Negativem widerfuhr. Aber das würde bald ein Ende haben. In wenigen Wochen war es so weit. Dann würde er dieser überheblichen Black-stone-Sippe zeigen, was in ihm steckte.

Von diesem Gedanken beflügelt, erhob er sich schnell, verstaute den Vertrag, diktierte eine kurze Notiz an seine Sekretärin und verließ das Büro. Morgen war auch noch ein Tag. Allerdings hatte er noch eine lange einsame Nacht vor sich.

Auf der regennassen Einfahrt spiegelte sich die Gartenbeleuchtung, als Matt durch das hohe eiserne Tor fuhr. Er bewohnte das große Elternhaus in Devonport, dem exklusiven Vorort von Auckland, Neuseelands ältester Stadt. Vorsichtig sah er sich um. Glücklicherweise waren heute keine Paparazzi zu sehen, die ihm bis vor Kurzem noch jeden Abend aufgelauert hatten. Vor einigen Monaten hatte er oft nicht gewusst, wie er ins Haus kommen sollte. Inzwischen hatte sich die Aufregung über Howards und Marises Tod so gut wie gelegt, wenn auch Matt noch von tiefer Bitternis erfüllt war.

Der Garten war früher der ganze Stolz seiner Mutter gewesen. Auch heute noch konnte Matt nicht verstehen, warum die Eltern nach dem Schlaganfall des Vaters in ein luxuriöses Seniorenheim gezogen waren. Das Haus war nun wirklich groß genug, um für die Eltern ein komfortables Apartment einbauen zu lassen. Doch hartnäckig hatten sie darauf bestanden, dass es für ihn an der Zeit sei, das Elternhaus zum Heim seiner Familie zu machen.

Schöne Familie! Mit einer Frau, die sich von Anfang an nach ihrer Heimat Australien gesehnt und ihn und das Kind nach wenigen Jahren einfach so verlassen hatte. Das würde Matt ihr nie verzeihen, vor allem weil sie sich offenbar gleich Howard Blackstone an den Hals geworfen hatte.

Ein leichter Druck auf die Fernbedienung, und das Garagentor glitt auf. Matt parkte seinen schweren Mercedes neben dem Porsche, den Marise gefahren hatte. Wieder nahm er sich vor, den Sportwagen, der mit düsteren Erinnerungen belastet war, abzustoßen.

Wie oft hatte er Blakes Nanny Rachel aufgefordert, den Porsche zu nutzen. Aber Rachel nahm lieber den Wagen ihrer Mutter, der mit einem vernünftigen Kindersitz ausgestattet war.

Als Matt durch die Garage ins Haus trat, fiel ihm die bleierne Stille auf. Also war Blake bereits im Bett, wie er vermutet hatte. Erstaunlicherweise hatte Rachel oder ihre Mutter Mrs. Kincaid, die langjährige Haushälterin der Hammonds, noch das Licht angelassen. Mit schnellen Schritten ging Matt auf die Treppe zu, um nach seinem Sohn zu sehen, als sein Blick durch die geöffnete Wohnzimmertür auf die Couch fiel. Rachel. Sie hatte sich lang ausgestreckt und schien zu schlafen. Das nussbraune glänzende Haar hatte sie zu einem dicken Zopf geflochten, kleine Löckchen umrahmten ihr herzförmiges Gesicht.

Unwillkürlich blieb er stehen. Wie sie so entspannt dalag, wirkte sie glatt zehn Jahre jünger als achtundzwanzig. Ihr Alter kannte er genau, denn sein Bruder Jarrod und er waren sozusagen mit ihr aufgewachsen. Auf keinen Fall sah sie älter aus als damals, als er mit ihr zu ihrem Abschlussball gegangen war. Das ungestüme Kind hatte sich zu einer entzückenden jungen Dame entwickelt. Und leider hatte Matt seinem eigenen Verlangen nicht widerstehen können und die Situation ausgenutzt, zumal sie sich ihm auch nicht widersetzt hatte. Aber er war der Ältere gewesen und hätte es besser wissen müssen. Er hatte ihr Vertrauen missbraucht und sich danach geschworen, dass so etwas nie wieder passieren würde.

Leise murmelnd drehte sie sich jetzt um, als spüre sie seine Gegenwart. Dabei verrutschte ihr Sweatshirt und gab einen breiten Streifen der rosigen glatten Haut frei. Die vollen Lippen hatte sie leicht geöffnet, als erwarte sie den Kuss ihres Märchenprinzen. Matt stand wie angewurzelt da und konnte den Blick nicht von ihr lösen. Doch dann wandte er sich leicht angewidert ab.

Was dachte er sich nur dabei, sie so anzustarren? Er war wohl nicht recht bei Trost. Rachel Kincaid war die Nanny seines Sohnes und mehr nicht. Und er war ganz sicher kein Märchenprinz. Was damals vor zehn Jahren passiert war, war eine Riesendummheit gewesen, die er endlich vergessen sollte.

Warum war sie überhaupt noch hier? Sie war doch nur tagsüber für Blake zuständig. Er sollte sie schleunigst aufwecken und nach Hause schicken. Ihre Mutter hatte ein geräumiges Apartment am anderen Ende des Hauses. Nur wenn Matt über Nacht wegblieb, schlief Mrs. Kincaid in einem der Gästezimmer, um Blake nahe zu sein. Das ist heute aber nicht nötig, dachte Matt verärgert. Dass er Rachel tagsüber immer wieder begegnete, machte ihn bereits nervös. Aber nun auch noch nachts?

Mit schnellen Schritten ging er auf die Couch zu und streckte den Arm aus, zögerte dann aber doch, Rachel zu berühren. Denn plötzlich fiel ihm ein, dass die Fenster des Apartments von Mrs. Kincaid dunkel gewesen waren, als er die Einfahrt hochfuhr. Seltsam, so spät war es doch noch nicht. Ob sie nicht da war?

Beherzt ließ er die Hand jetzt auf Rachels Schulter sinken und schüttelte sie leicht. Die junge Frau regte sich und öffnete zögernd die Augen. Als er die Hand wegnahm, begriff sie, wer vor ihr stand, und setzte sich mit einem Ruck auf. „Du bist endlich zu Hause!“

Das hörte sich anklagend an, was Matt ganz und gar nicht gefiel. „Sieht so aus“, erwiderte er kühl.

„Blake war sehr traurig, als du nicht da warst, um ihn ins Bett zu bringen. Du hattest es ihm versprochen“, sagte sie vorwurfsvoll.

„Ich weiß. Aber mein Flugzeug hatte Verspätung, und ich musste noch schnell ins Büro.“ Verdammt, er war ihr doch keine Rechenschaft schuldig. Aber warum hatte er dann ein schlechtes Gewissen?

„Tatsächlich? Du musstest noch ins Büro? Am Sonntagabend?“ Energisch stand sie auf und musste mit ihren eins fünfundsechzig zu ihm hochblicken. „Was könnte denn wichtiger sein, als Zeit mit deinem Sohn zu verbringen? Du darfst nicht vergessen, er ist ein kleines Kind, noch nicht einmal vier Jahre alt. Er braucht seinen Vater.“

„Ich vergesse überhaupt nichts, Rachel.“ Ein paar Sekunden lang standen die Worte zwischen ihnen, und beide spürten, dass sie sich mehr auf die Vergangenheit als auf die Gegenwart bezogen. Dann machte Matt eine abwehrende Handbewegung, als wolle er wegwischen, was er eben gesagt hatte. „Geh jetzt, und schlaf dich aus. Deine Mutter kann sich morgen um Blake kümmern.“

„Eben nicht. Genau das ist das Problem.“

„Was meinst du damit?“

„Ich habe dir doch eine Nachricht auf deiner Mailbox hinterlassen“, sagte sie gereizt. „Mum musste überraschend zu ihrer Schwester fliegen, die gestürzt ist.“

Matt sah sie verblüfft an. Mrs. Kincaid war nicht da? Das bedeutete, dass Rachel und er …

„Deshalb musste ich hierbleiben“, fuhr sie fort. „Ich kann in Mums Apartment schlafen oder in einem der Gästezimmer, was vielleicht besser ist. Denn in der letzten Zeit kommst du oft sehr spät nach Hause.“

„Wie lange?“

„Was?“

„Wie lange bleibt deine Mutter bei ihrer Schwester?“

„Das weiß ich nicht. Tante Jane ist um einiges älter als Mum und nicht sehr kräftig. Aber in ein paar Tagen sollten wir schon wissen, wie es weitergeht.“

„In ein paar Tagen“, wiederholte Matt automatisch. Ein paar Tage, die würde er schon überstehen.

„Zumindest wissen wir dann Genaueres. Es kann natürlich auch länger dauern.“ Sie wandte sich zur Tür, drehte sich dann aber noch einmal um. „Ach ja, eine Sache wollte ich noch mit dir besprechen.“

„Hat das nicht Zeit?“

„Nein.“ Sie kam wieder näher und zog dabei ihr Sweatshirt straff über die Hüften.

Als Matt der Bewegung ihrer Hände folgte, fiel ihm wieder auf, wie zierlich sie gebaut war. Die schmale Taille, die runden festen Brüste, sie war ein kleines Energiebündel … und er musste die Hände von ihr lassen. So wie er damals, in der Nacht ihres Abschlussballs, die Hände von ihr hätte lassen sollen.

Aber leider hast du das nicht getan, erinnerte ihn eine innere Stimme unbarmherzig. „Worum geht es denn?“, fuhr er sie an, wütend auf sich selbst, weil er sein Verlangen nicht unterdrücken konnte.

„Ich mache mir Sorgen um Blake“, sagte sie leise.

„Sorgen? Warum denn? Ist er krank?“

„Nein. Die Erkältung von letzter Woche hat er überwunden. Es ist etwas anderes, Matt.“ Sie sah ihn ernst an. „Ich weiß nicht recht, wie ich es dir beibringen soll. Und so sage ich es ganz direkt: Du musst unbedingt mehr Zeit mit deinem Sohn verbringen.“

„Ich tue, was ich kann!“

„Das ist nicht genug. Er ist in letzter Zeit total auf mich fixiert. Das hast du sicher schon gemerkt.“

Allerdings, das war ihm auch aufgefallen, und es hatte ihm wehgetan. Etwa wenn Blake wie neulich strahlend von seinem Dreirad gestiegen und an ihm vorbei direkt in Rachels Arme gelaufen war. „Das ist doch vollkommen verständlich. Er hat seine Mutter verloren, und ich bin in der letzten Zeit viel weg gewesen. Das wird sich schon wieder ändern.“

„Wenn du dich da mal nicht täuschst. Er hat angefangen, Mummy zu mir zu sagen.“

„Was? Und das hast du zugelassen?“

„Natürlich nicht! Ich sage ihm immer wieder, dass ich nur seine Nanny bin. Aber er ist sehr stur. Genau wie du.“

In dem Punkt vielleicht schon. Aber sonst? Blake hatte dunkles Haar und grüne Augen, während Matt graue Augen hatte und aschblond war. Im Grunde sah Blake aus wie ein Blackstone. Gewaltsam schob Matt den quälenden Gedanken beiseite. „Das ist doch nur eine Phase“, murmelte er, selbst nicht ganz überzeugt.

„Das glaube ich eben nicht. Er braucht unbedingt Stabilität in seinem Leben. Ohne Mutter und mit einem Vater, der so selten zu Hause ist, scheint er beinahe schon Angst zu haben, einem Erwachsenen zu trauen. Außer Mum, die sich ja nicht ständig um ihn kümmern kann, bin ich seine einzige erwachsene Bezugsperson.“ Sie sah zu Boden. „Ich weiß, Matt, es war alles sehr schwer für dich. Erst hast du Marise verloren, dann hat dich die Presse belagert. Aber du musst an Blake denken. Er ist dein Sohn. Du musst für ihn da sein.“

Das ging zu weit. Verärgert trat Matt einen Schritt zurück. Auch wenn Rachel hier aufgewachsen war, war sie doch zehn Jahre lang weg gewesen. Da konnte sie nicht wissen, was inzwischen passiert war. Und es stand ihr nicht zu, ihn zu kritisieren. Zumal sie jetzt bei ihm angestellt war. Vielleicht sollte er sie deutlich darauf hinweisen.

Doch Rachel war noch nicht fertig. „Das ist mein voller Ernst, Matt. Du musst etwas tun. Zumal ich nicht ewig bleiben kann. Damals war nur von einer befristeten Stelle die Rede, nur während der Zeit, in der Marise in Australien war. Nun bin ich schon ein halbes Jahr hier, und meine Agentur in London drängt mich, endlich wieder eine unbefristete Stellung anzunehmen. Wenn Blake sich weiterhin so fest an mich klammert, wird er es kaum ertragen können, wenn ich wieder aus seinem Leben verschwinde.“

Verschwinden? Sie konnte nicht gehen, nicht jetzt. Nicht wenn er so viel um die Ohren hatte, dass er einfach keine Zeit für seinen Sohn finden konnte. Erst einmal musste die Übernahme von Blackstone Diamonds gelaufen sein. Dann stand er kurz davor, die neue Schmucklinie Matt Hammond Antik-Design der Öffentlichkeit vorzustellen. Außerdem musste er unbedingt den fünften Diamanten finden, der zur Blackstone Rose gehörte. All das konnte er nur erreichen, wenn er sich ganz darauf konzentrierte und nicht durch die Sorge um Blake abgelenkt wurde. Sosehr es ihn auch nervös machte, ja, quälte, Rachel in der Nähe zu wissen, weil sie ihn immer wieder an sein schäbiges Verhalten vor zehn Jahren erinnerte, er konnte sie jetzt nicht gehen lassen.

Rachel beobachtete ihn genau. Wenn sie doch nur zu ihm durchdringen könnte. Blake brauchte seinen Daddy so sehr wie nie zuvor, aber Matt wirkte merkwürdig abwesend, wenn er mit dem Kind zusammen war. Rachel schnitt es ins Herz, wenn sie die beiden beobachtete, aber sie wusste nicht, was sie tun sollte. Dass Blake neuerdings Mummy zu ihr sagte, wenn sie ihn vom Kindergarten abholte, hatte sie alarmiert. So hatte sie schließlich ihren ganzen Mut zusammengenommen und Matt auf dieses Thema angesprochen. Sicher, er hatte in den letzten Monaten viel durchmachen müssen, aber schließlich war er für den kleinen Jungen verantwortlich, und dieser Verantwortung durfte er sich nicht entziehen. Nur er konnte dem Kind die Stabilität geben, die Blake so dringend brauchte.

„Du kannst nicht gehen. Ich brauche dich.“ Seine Stimme klang hart und angestrengt, als sei er kurz davor, die Nerven zu verlieren.

„Wir wissen doch beide, dass das nicht stimmt“, sagte sie leise. Wie oft war ihr in letzter Zeit aufgefallen, dass er es offenbar kaum aushalten konnte, mit ihr in einem Raum zu sein. Ich brauche dich. Nach diesen Worten hatte sie sich seit zehn Jahren gesehnt. Und jetzt sprach er sie aus, wenn er sie auch in einem ganz anderen Sinn gebrauchte, als sie sich gewünscht hätte. „Ich habe sogar den Eindruck, dass du dich deinem Sohn immer mehr entfremdet hast, seit ich hier bin.“

Seit dem Ball vor zehn Jahren war er ihr aus dem Weg gegangen, wahrscheinlich aus irgendeinem falschen Ehrgefühl heraus. So als habe er damals die Situation ausgenutzt und sie zu etwas gezwungen, was sie eigentlich nicht wollte. Dabei war doch das krasse Gegenteil der Fall. Sie war immer schon in ihn verknallt gewesen und hatte gehofft, dass Sex sie einander näherbringen, nicht aber auf ewig voneinander trennen würde. Diese Distanz machte die jetzige Situation unerträglich, und das zu einer Zeit, in der der kleine Blake klare Verhältnisse und Stabilität brauchte.

Mit seinen dunkelgrauen Augen musterte Matt sie kalt. „Ich muss ein Unternehmen führen und kann deshalb nicht jeden Tag zu Hause sein. Aber du bist doch Nanny von Beruf, oder irre ich mich da? Deshalb habe ich dich angestellt, als Marise nach Australien ging.“

„Aber doch nur, weil du keine andere Möglichkeit hattest. Du solltest wenigstens zu dir selbst ehrlich sein, wenn du es mir gegenüber schon nicht sein kannst. Wenn ich nicht die einzige Nanny gewesen wäre, die so kurz vor Weihnachten verfügbar war, hättest du mich doch nie angestellt. Schon damals habe ich dir gesagt, dass ich nur für eine gewisse Zeit einspringen kann. Ich habe Verpflichtungen in England.“ Da ihr die Hände vor Erregung zitterten, steckte sie sie schnell in die Taschen ihrer Jeans. Um Blakes willen durfte sie nicht nachgeben und keine Schwäche zeigen.

„Verpflichtungen? Vielleicht einen Freund, der langsam ungeduldig wird?“

„Das geht dich zwar nichts an, aber nein. Auf mich wartet kein Freund.“

„Ich zahle dir das Doppelte, wenn du wenigstens so lange bleibst, bis deine Mutter zurückkommt.“

„Aber Matt!“ Am liebsten hätte Rachel vor lauter Frust mit dem Fuß aufgestampft. „Mit Geld ist dieses Problem nicht zu lösen. Dein Sohn braucht dich.“

„Ich weiß genau, was mein Sohn braucht, und werde mich schon darum kümmern, dass er es auch bekommt. Wie ist es, bist du bereit zu bleiben?“

Sie saß in der Falle. Unmöglich konnte sie den süßen kleinen Jungen da oben im Stich lassen. Zu sehr war er ihr bereits ans Herz gewachsen. Außerdem war er Matt Hammonds Sohn, der Sohn ihrer großen Liebe, für den sie alles tun würde.

„Okay, ich bleibe. Aber eins sage ich dir gleich: Sowie Mum aus Wanganui zurückkommt, kehre ich nach England zurück.“

Mit einem knappen Kopfnicken entließ er sie. „Wenn es nichts anderes zu besprechen gibt, dann bis morgen.“

Rachel wandte sich um. Nur weg von hier!, schoss es ihr durch den Kopf. Es war so schwer, seine Nähe zu ertragen. Doch dann hielt er sie an der Schulter zurück. Ihr Atem stockte, als sie seine warme Hand spürte.

„Rachel?“

„Ja?“

„Danke.“

Mit großen Augen starrte sie ihn an. Dieser maskuline Mund mit der vollen Unterlippe … die müden schönen Augen … das kantige Gesicht mit den blonden Bartstoppeln, wodurch er noch erschöpfter aussah, als er sicher war … Wie gut konnte Rachel sich vorstellen, welche Anstrengung es ihn kostete, sein Leben irgendwie zu bewältigen. Was er in den letzten Monaten hatte durchmachen müssen, hatte sie hautnah mitbekommen.

Da sie nicht wusste, was sie sagen sollte, nickte sie nur, entzog sich ihm schnell und verschwand aus der Tür.

Bevor sie etwas so Dummes tat, wie ihn zu trösten.

Oder sich selbst.

2. KAPITEL

Der nächste Morgen überraschte mit einem unwahrscheinlich blauen Himmel, wie man ihn nur im Winter sah. Während Rachel ihre Reisetasche mit der Winterkleidung in den Kofferraum stellte, warf sie einen Blick nach oben. Klar zeichnete sich der weiße Kondensstreifen eines Düsenjägers am wolkenlosen blauen Himmel ab.

Möglicherweise musste sie sich noch ein paar warme Sachen kaufen. Denn als sie zu Weihnachten, also im neuseeländischen Sommer, hier angekommen war, war sie davon ausgegangen, nur wenige Wochen mit ihrer Mutter zu verbringen. Keinesfalls hatte sie damit gerechnet, den ganzen Sommer hier zu sein. Und dass sie schließlich für Matt Hammond arbeiten würde, auf die Idee war sie schon gar nicht gekommen.

Als Matt sie damals gefragt hatte, ob sie nicht bleiben könne, solange Marise bei ihrer sterbenden Mutter in Melbourne war, hatte sie nicht lange überlegt. Es war für sie selbstverständlich gewesen, ihm in dieser Notlage zu helfen. Und auch Marise brauchte Hilfe, obgleich sie ihr, Rachel, nie sympathisch gewesen war. Als Marise dann auch nach dem Tod der Mutter in Australien blieb und ihr Name immer häufiger im Zusammenhang mit Howard Blackstone in der Presse auftauchte, bereute Rachel ihre Entscheidung.

Vor allem aber konnte sie nicht begreifen, wie eine Frau es fertigbrachte, Weihnachten nicht bei Mann und Sohn zu verbringen.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Die Nacht, in der alles begann" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple Books

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen