Logo weiterlesen.de
Die Nacht des schwarzen Panthers

PROLOG

„Madison, Liebling, alles okay?“

Genervt sah ich auf die verschlossene Badezimmertür. „Ja doch, Mom!“

„Du bist seit über einer Stunde …“

„Ich weiß!“

„Da macht man sich eben Sorgen. Außerdem muss dein Bruder auch mal ganz dringend.“

Ich hörte, wie mein dämlicher Bruder meiner Mutter etwas zuflüsterte. Die beiden diskutierten, dann fluchte er laut und stampfte über den Flur, garantiert in sein Zimmer.

„Fünf Minuten, Liebling. Okay?“

Du nervst ! Das hätte ich jetzt am liebsten gesagt … aber sie meinte es ja nicht böse. „Okay“, meinte ich stattdessen und atmete erleichtert auf, als ich hörte, wie sie sich von der Badezimmertür entfernte.

„Na endlich.“ Mein Blick schweifte zum rechten Oberschenkel. „Sieht gut aus“, murmelte ich und begann damit, die verbliebenen Schaumreste wegzuspülen. Eine Rasur am Morgen vertreibt Kummer und … „Schön wär’s.“ Ich seufzte. In sechs Wochen würde ich diesem Haus und dieser Stadt den Rücken kehren und mein kleines Zimmer gegen ein noch viel kleineres in einem Studentenwohnheim in der Nähe der Brown University eintauschen. Highschool ade – willkommen in der Welt des Studiums. Eigentlich der perfekte Neuanfang, oder? Raus aus diesem Tollhaus und endlich das Leben führen, das ich schon immer führen wollte.

Ich blickte in den Spiegel … und spürte noch im selben Moment, wie die Beine unter mir nachgaben. „Hey!“ Ich krallte mich schwankend am Waschbeckenrand fest, den Blick noch immer nach vorne gerichtet. Jetzt nur nicht durchdrehen …

Als ich kurz die Augen schloss, sah ich plötzlich etwas Sonderbares: Schemenhaft sah ich eine im blutigen Morast kniende Gestalt. In der einen Hand hielt sie eine Urne, in der anderen ein langes Messer. Sie sagte etwas auf Cherokee – der Sprache meiner Ahnen.

Dann hörte ich das Schnauben eines Tieres. Direkt hinter mir. Panik überfiel mich. Ich riss die Augen auf und blickte geradewegs in den schwarzen Schlund eines weit aufgerissenen Mauls.

„Nein!“ Ich stolperte rückwärts und presste mich voller Angst an die Wand. „Was zum …“

Als ich es nach einiger Zeit wagte, einen Blick in den Spiegel zu werfen, sah ich nur mein Spiegelbild. Alles okay, dachte ich zitternd und wusste gleichzeitig, dass das eine Lüge war. Etwas war hier ganz und gar nicht in Ordnung.

1. KAPITEL

„Du siehst furchtbar aus“, meinte meine Mom und legte mir die Hand auf die Stirn. „Nicht dass du eine Erkältung ausbrütest.“

„Ich habe nur schlecht geschlafen“, erklärte ich und machte einen ausweichenden Schritt zur Seite in Richtung Kühlschrank. Ich öffnete ihn und suchte mir aus den Joghurts einen mit Kirschgeschmack aus.

„Noch immer diese seltsamen Träume?“

„Kann ich jetzt erst mal etwas essen?“

Mom schüttelte den Kopf. „Wie lange geht das jetzt schon so mit dir? Einen Monat?“

Eher zwei, dachte ich – aber das brauchte ich ihr nun wirklich nicht unter die Nase zu reiben. Und es sind ja nicht nur die Träume …

„Das ist doch nicht normal. Madison, du brauchst professionelle Hilfe.“ Sie schnippte mit den Fingern, eine Angewohnheit, die ich hasste. „Du solltest unbedingt diesen Doktor aufsuchen, von dem ich dir letztens erzählt habe. Die alte Hazel Judge von gegenüber schwört auf ihn. Der Mann ist wirklich eine Koryphäe und …“

„Es geht mir gut!“

„Madison … ich …“

„Nur in Ruhe lassen, okay?“ Ich verließ die Küche und prallte im Flur mit meinem Bruder Fred zusammen.

„Da ist ja die kleine Badezimmerdiktatorin. Schlecht geschlafen?“

„Fahr zur Hölle!“

Fred verzog die Mundwinkel zu einem schiefen Grinsen. „Definitiv schlecht geschlafen, du solltest …“

Ich war längst an ihm vorbei, bevor er mir erklären konnte, was ich seiner Ansicht nach sollte. Ich schlüpfte in mein Zimmer und schlug wütend die Tür hinter mir zu. Bevor ich mich aufs Bett setzte, hob ich eine herumliegende Strickjacke vom Boden auf und warf sie über den Spiegel an meiner Kommode. Da ich einen Löffel vergessen hatte, kippte ich mir den Inhalt des Bechers direkt in den Mund. Wer brauchte schon Löffel!

Nach dem Frühstück griff ich nach meinem Handy und wählte die Nummer meiner besten Freundin Olga. Fluchend betätigte ich die Abbruchtaste. Olga war von ihrem Freund zu einem einwöchigen Romantikurlaub eingeladen worden. Da wollte ich ungern stören.

Wem sonst außer der besten Freundin konnte man sich in einem solchen Fall anvertrauen, dachte ich und machte mich daran, die Kontaktliste meines Handys zu durchforsten. Meine Mom stand kurz davor, mich in die nächste Psychiatrie einzuweisen, mein Bruder war ein Idiot, und über meinen Vater wollte ich erst gar nicht nachdenken. Jeder, der sonst noch infrage gekommen wäre, befand sich entweder im Ausland oder war mit anderen Dingen beschäftigt.

Ein Name ließ mich innehalten. „Tree …“, las ich laut. „John Big Tree.“ Mein Großvater. Bevor ich wusste, was ich tat, drückte ich die grüne Taste. Das Freizeichen erklang, dann ein Rauschen, dicht gefolgt von der brummigen Stimme meines Großvaters. „Ja?“

Anscheinend benutzte er noch immer dieses uralte Handy, das keine Namen anzeigen konnte. „Madison hier“, sagte ich und überlegte, wie lange es her war, seit wir das letzte Mal telefoniert hatten.

„Sechs Monate“, erwiderte er, als hätte ich meine Frage laut gestellt. Er klang nachdenklich. Den Hintergrundgeräuschen nach zu urteilen, befand er sich unter freiem Himmel. Wie die meiste Zeit seines Lebens. „Über ein halbes Jahr.“ Der vorwurfsvolle Unterton war nicht zu überhören.

„Der Highschoolabschluss war ziemlich stressig, John.“ Er wurde nicht gern mit „Großvater“ angesprochen. Da fühle er sich alt, das hatte er mehrmals erklärt.

„Partys und Jungs?“

„John! In den letzten sechs Monaten war ich nur auf drei Partys. Und mit Jungs brauchst du mir auch nicht zu kommen.“ Ich war mit einem Typen namens Tobey aus gewesen. Er hatte anfangs nett und klug gewirkt. Die Fassade hatte aber nur bis zum zweiten Abend gehalten. Da war er aufdringlich geworden und hatte ein scharf gesprochenes Nein als ein Ja interpretiert, woraufhin ich ihm mein Knie in den Unterleib rammen musste. Das brauchte John Big Tree aber nicht zu wissen.

„Dann warst du fleißig.“ Er lachte. „Sehr gut. Aber jetzt erzähl mir, wie es dir geht.“

„Äh … gut …“

Am anderen Ende der Leitung war für Sekunden nur das Rauschen zu hören. „Du sollst doch nicht flunkern.“

„Mom will mich zu einem Psychiater schicken.“

Wieder nur Rauschen. Wahrscheinlich schüttelte er den Kopf. „Madison …“ Seine Stimme klang sanft und aufmunternd. „Sag mir, was los ist.“

„Ich habe diese Träume.“

„Träumen ist gut.“

Ich lächelte gequält. „Das dachte ich am Anfang auch …“ Ich holte tief Luft und fing an zu erzählen, wenn auch nicht alles. Die Blackouts behielt ich vorerst für mich.

„Ich denke“, sagte John am Ende meines lückenhaften Berichts, „du brauchst eine Auszeit.“

„Gut. Wenn ich jetzt meine Sachen packe, kann ich bis morgen Mittag bei euch sein.“

John lachte. „Deine Mutter wird es nicht erlauben. Dieses Land und sie vertragen einander nicht … Das war schon immer so und wird sich wohl nie ändern.“

„Aber ich bin nicht meine Mom.“ Mit einem Mal war ich wie elektrisiert. New York zu verlassen, um dem Land meiner Ahnen einen Besuch abzustatten! Verdammt. Es kam mir wie die beste Idee meines Lebens vor. Und dieses Mal würde meine Mom mich nicht davon abhalten können.

„Madison, ich würde mich freuen, dich wiederzusehen. Ellen und Sam denken bestimmt genauso, aber ich denke nicht …“

„Ich werde mit ihr reden“, fiel ich meinem Großvater ins Wort. „Außerdem bin ich alt genug, um meine eigenen Entscheidungen zu treffen.“

„Das ist doch nicht dein Ernst!“, sagte meine Mom und starrte mich entgeistert an.

Ich zuckte mit den Schultern. „Ist doch nichts dabei. Außerdem wäre es nur fair, schließlich hat John uns auch schon öfter besucht.“ Das letzte Mal vor drei Jahren …

„Da draußen kann dir weiß Gott was zustoßen.“

„Mom, wir leben in New York. Ich bin hier aufgewachsen.“ Ich streckte beide Arme aus. „Siehst du … noch alles heil. Wieso sollte es dort, wo John lebt, gefährlicher sein?“

„In dem Reservat gibt es Bären.“

„Es ist ja wohl wahrscheinlicher, von einem Auto angefahren zu werden, als im Magen irgendeines Tieres zu enden.“ Es war verrückt: Bisher war ich nur einmal dort gewesen und hatte mich nie wirklich nach diesem Ort gesehnt. Aber irgendetwas tief in mir wollte plötzlich mit aller Macht dorthin.

Mom ließ sich auf die Couch fallen und sah zu mir auf. „Ich mache mir eben Sorgen. Das ist doch verständlich. Ich meine, es hatte schon seinen Grund, warum ich dort weg bin.“

„Du wolltest Karriere machen.“

Sie biss sich auf die Unterlippe. „Das war nicht der einzige Grund …“ Bevor sie noch mehr sagen konnte, betrat Fred das Wohnzimmer. So wie ich ihn kannte, hatte er gelauscht.

„Haltet ihr Kriegsrat ab?“

„Das geht dich nichts an“, herrschte ich ihn an.

„Deine Schwester will nach Shinbone“, sagte meine Mutter.

Fred blinzelte verwirrt. „Das Stadtküken im Indianerreservat? Der war gut.“

„John hat mich eingeladen. Außerdem heißt es American Native Reservat“, korrigierte ich ihn.

„Der Indianer wird auf seine alten Tage wohl ein klein wenig senil.“

Ich starrte diesen Idioten von Bruder einen langen Moment an, dann holte ich aus und schlug ihm mit der offenen Handfläche ins Gesicht.

„Madison!“ Die Stimme meiner Mom überschlug sich.

Ich beachtete sie nicht und machte stattdessen einen Schritt auf Fred zu. „Der Einzige, der hier senil ist“, sagte ich so ruhig wie nur irgend möglich, „bist du.“

„Madison, bitte …“

Fred strich sich wortlos über die Wange, schon tat es mir leid. „Schon okay, Mom. Vielleicht haben wir ja Glück, und diese bescheuerte Kuh wird tatsächlich gefressen.“

Ich sah ihm nach, während er mit hochrotem Kopf das Wohnzimmer verließ. Erst als die Wohnungstür ins Schloss fiel, drehte ich mich wieder zu meiner Mom um.

„Das hätte es jetzt wirklich nicht gebraucht“, sagte sie kopfschüttelnd. „Irgendwann bringt dich deine aufbrausende Art noch in Teufels Küche.“

„Ja, ich weiß … Er hat John beleidigt, und ich …“

„Fred hat es nicht so gemeint. Du kennst ihn doch.“

Wir schwiegen kurz.

„Selbst wenn ich dich in deinem Zimmer einschließen sollte, wirst du diese Reise unternehmen. Habe ich recht?“

Ich nickte, ohne zu überlegen. „Ist ja nicht so, dass ich dort allein unter Männern leben würde. Ellen ist ja auch noch da.“

„Die du nur einmal in deinem Leben gesehen hast.“

Das stimmte. Nachdem meine Mom volljährig geworden war, war sie regelrecht aus Shinbone geflüchtet und danach nur ein einziges Mal zurückgekehrt, nämlich zu Grandmas Beerdigung. Damals waren wir nur einen Tag geblieben, und an jenem Tag hatte ich meine Cousine kennengelernt.

„Das kann man ja ändern“, erwiderte ich kampfeslustig. „Sie müsste jetzt fünfzehn oder sechzehn Jahre alt sein. Das heißt, ich werde mich gut mit ihr verstehen.“ In meiner Erinnerung war sie ein trauriges kleines Mädchen, das den Verlust ihrer Grandma beweinte. Aber das war eine halbe Ewigkeit her …

„Diese Hartnäckigkeit hast du von deinem Großvater“, sagte sie und massierte sich die Nasenwurzel. „Auch wenn ich dort geboren wurde – dieses Land und ich sind nie miteinander warm geworden. Manchmal hat es mir sogar Angst gemacht.“ Ihre Augen nahmen einen beunruhigten Glanz an. „Ich bitte ich dich nur um eines …“

In Gedanken machte ich mir bereits eine Liste mit den Dingen, die ich einpacken musste, und hörte meiner Mutter nur mit einem Ohr zu. Als ich nachfragte, wiederholte sie die bizarre Bitte. „Nimm dich in Acht vor dem Namenlosen.“

„Wenn das alles ist.“ Ich lächelte verwirrt. „Ich werde versuchen, mich daran zu halten.“

„Nein.“ Fast panisch ergriff sie meine Hand. „Nicht nur versuchen, Madison.“

„Mom, du tust mir weh.“

„Versprich es mir.“

„Ist ja gut!“ Ich zog meine Hand zurück. „Ich verspreche es dir. Zufrieden?“

Sie bedachte mich mit einem flüchtigen Lächeln. „Ich denke, schon. Tut mir leid.“

„Schon gut, Mom.“ Ich erklärte ihr, dass ich noch packen müsse, und ging zurück in mein Zimmer. Nur weg hier, dachte ich und robbte halb unter mein Bett. Der Namenlose … was sollte das überhaupt sein? Bei dem Versuch, an meinen Reisekoffer zu gelangen, hätte ich mir um ein Haar die Schulter ausgekugelt. „Jetzt komm schon“, befahl ich ihm und seufzte erleichtert auf, als ich ihn endlich hatte. Ich wollte mich gerade wieder aufsetzen, als mein Blick auf das in schwarzes Leder gebundene Buch fiel, das ich vorsorglich unter einem Haufen alter Stofftiere versteckt hielt.

„Keine Sorge“, flüsterte ich. „Du kommst auch mit.“

2. KAPITEL

„So still“, flüsterte Inola, den Blick gen Baumkrone gerichtet.

Aiyana nickte nachdenklich. „Die Ruhe vor dem Sturm“, sagte sie leise. „Alles wird sich ändern. Nichts wird mehr so sein, wie wir es liebten.“

Inola runzelte die Stirn und warf ihrer zwei Jahre jüngeren Schwester einen tadelnden Blick zu. „Du sprichst in Rätseln.“

Aiyana knickte einen hohen Grashalm um und rollte ihn zwischen den Handflächen. „Es wird etwas passieren.“

„Es passiert doch immer etwas. Gerade zum Neujahrsfest.“

„Nichts Schönes.“

„Wann hast du jemals etwas Schönes in deinen Visionen ge…“

„Aiyana!“

Sie warfen sich flach auf den Boden. Im hohen Gras waren sie praktisch unsichtbar.

„Die alte Seherin“, murmelte Aiyana fast verzweifelt. „Sie gibt nicht eher Ruhe, bis ich jeden Tag und jede Nacht mit Lernen verbringe.“

„Aiyana! Ich weiß, dass du hier steckst!“

Inola ertastete einen kleinen Stein, wog ihn kurz in der Hand und warf ihn in ein entferntes Gebüsch.

„Wusste ich es doch“, rief die Seherin triumphierend und marschierte auf die Geräuschquelle zu.

„Nichts wie weg“, flüsterte Inola und zog ihre Schwester mit sich.

Sie liefen geduckt, darum bemüht, keinen Laut zu machen. Plötzlich wechselte Aiyana die Richtung und bewegte sich einen Abhang hinunter. Inola folgte ihr leise fluchend. Nach einer Weile hielt Aiyana inne und warf einen Blick über die Schulter. „Wir sind außer Gefahr.“

Inola atmete erleichtert aus. „Was sollte denn dieser Hasenlauf?“

„Ich hatte so eine Ahnung.“

„Eine Ahnung?“

Aiyana nickte. „Ich denke, hier sind wir richtig.“

„Mit dir hat man es wirklich nicht leicht“, sagte Inola seufzend. Seit die Seherin des Stammes Aiyana als ihre Nachfolgerin auserkoren hatte, schien Aiyana sich mehr und mehr in dunklen Vorahnungen zu verlieren. „Und du hast mir noch immer nicht erzählt, was es …“

„Still.“

„Verbiete mir nicht …“

Aiyana hielt ihr den Mund zu. „Benutze deine Ohren!“

Inola kämpfte den aufsteigenden Ärger nieder und tat, wie ihr geheißen. Ausnahmsweise, dachte sie und fragte sich, ob es sich abermals um einen Ablenkungsversuch handelte. Doch als sie das ferne Plätschern vernahm, riss sie die Augen auf. „Ein See?“

„Nicht ganz. Es ist ein geheimer See.“ Sie ergriff die Hand ihrer Schwester und führte sie einen schmalen, verwilderten Pfad entlang, der an der Böschung des „geheimen“ Sees endete. Dichtes Strauchwerk, dessen Ausläufer bis ins Wasser reichten, boten ihnen Schutz.

„Eine Ahnung also“, sagte Inola mit einem Lächeln und betrachtete aufmerksam den im See badenden jungen Krieger. „So, so.“

Aiyana blickte beschämt zu Boden. „Visionen und Ahnungen sind schwer zu deuten. Nichts ist jemals klar“, sagte sie weiter und blinzelte zu dem Badenden. „Er ist etwas Besonderes – anders als die anderen.“

Inola horchte auf. Sie konnte sich nicht daran erinnern, dass ihre kleine Schwester jemals so wohlwollend über einen Mann gesprochen hatte. „Er gefällt dir. Ich spreche doch Wahres, oder?“

Aiyana zuckte erschrocken zusammen. „Unwahr“, sagte sie schnell. „Tlvdatsi ist …“

„Du kennst ja sogar seinen Namen!“

„Still …“

„Ist da jemand?“ Der junge Krieger mit dem Namen Tlvdatsi sah jetzt genau in ihre Richtung. „Kommt raus, wenn ihr euch traut!“ Während er rief, schwamm er bereits zurück ans Ufer.

„Wir können großen Ärger bekommen“, flüsterte Aiyana. „Besser, wir verschwinden von hier.“

Tlvdatsi erreichte das Ufer und stieg aus dem Wasser.

„Gut bestückt“, murmelte Inola und folgte ihrer bereits flüchtenden Schwester lachend.

Da ist noch alles in Ordnung, dachte ich bitter, den Blick nach wie vor auf die aufgeschlagenen Buchseiten gerichtet. Die Wörter schienen vor meinem Augen zu tanzen. Buchstaben verschmolzen miteinander und bildeten fremdartige, nie gehörte Begriffe.

„Das reicht für heute“, sagte ich mit fester Stimme. Es war nicht gut, darin zu lesen, wenn die Müdigkeit einen übermannte. Ich schlug das Buch zu, was die Aufmerksamkeit einer älteren, vor mir sitzenden Dame auf mich lenkte.

„Zu gruselig?“, fragte sie lächelnd. „Oder einfach nur langweilig?“

„Letzteres“, antwortete ich einsilbig. Für den Rest der Busfahrt war es mir lieber, ungestört zu bleiben.

„Wenn ich auf Reisen gehe“, sagte die alte Frau und schien nichts von meiner Ablehnung zu spüren, „packe ich mindestens zwei Bücher ein. Was anderes kommt für mich überhaupt nicht infrage.“ Zur Untermauerung tätschelte sie die große auf ihrem Schoß liegende Handtasche. „Am liebsten natürlich etwas Gruseliges.“

„Klar“, meinte ich zerstreut und schob den Vorhang am Fenster etwas zur Seite. Es herrschte tiefschwarze Nacht. Weiter als bis zur ersten Baumreihe konnte man nicht sehen.

„Darf ich denn fragen, was Sie da gerade gelesen haben?“

„Bitte?“ Ich sah der alten Frau direkt ins Gesicht. So viele Falten … Aber in den hellblauen Augen lag noch so etwas wie Vitalität.

„Ich fragte Sie, was für ein Buch das ist. Solche Ledereinbände haben heutzutage ja Seltenheitswert.“

„Es ist eigentlich kein richtiges Buch …“

Die alte Frau blinzelte verwirrt.

„Also, eigentlich schon … Aber es nur für mich bestimmt.“

„Jetzt verstehe ich.“ Sie legte die Hände aneinander und schüttelte offensichtlich peinlich berührt den Kopf. „Ich war schon immer schwer von Begriff. Meine Kinder können davon ein Lied singen.“ Sie beugte sich leicht vor. „Sicher ein Tagebuch, ja?“

„So was in der Art.“

„Ich wusste ja gar nicht, dass es da Unterschiede gibt.“

„Na ja …“ Am liebsten hätte ich mich umgesetzt, aber das wäre zu unhöflich gewesen. Auf der anderen Seite mochte ich es nicht, vor fremden Leuten über das Buch zu sprechen. „Tagebuch ist vielleicht gar nicht mal so verkehrt.“

Die alte Frau schien kurz über etwas nachzudenken. „Ich habe mich immer gefragt, was einen Menschen dazu treibt, seine geheimsten Gedanken im geschriebenen Wort festzuhalten. Haben Sie keine Angst, dass Ihnen jemand das Buch stehlen könnte?“

„Eigentlich nicht. Ich meine, wer stiehlt schon Tagebücher?“ Ich schluckte schwer und lehnte mich nach links. Außer mir und dieser aufdringlichen Kuh befanden sich kaum noch andere Fahrgäste im Bus.

Das Lächeln der alten Frau wurde breiter. „Der Inhalt ist entscheidend. Ganz besonders, wenn es sich nicht um ein Tagebuch im eigentlichen Sinne handelt, kleine Madison.“

Ich zuckte zusammen und wandte der alten Frau oder dem, was sich für sie ausgegeben hatte, langsam das Gesicht zu. „Du …?“

„Deine Träume“, sagte das Monster. „Ignorier sie. New York ist um diese Jahreszeit großartig. Es wäre schade, wenn du das verpassen würdest.“ Als sich sein Maul zu einem Grinsen verzerrte, fing ich an zu schreien.

„Geht es Ihnen gut?“, fragte eine Frau besorgt. Nicht die alte.

Ich sah mich gehetzt um. „Schlecht geträumt“, meinte ich schließlich. „Nur schlecht geträumt.“

Der Morgen dämmerte bereits.

Gegen Mittag, wenige Minuten vor Erreichen der Zielhaltestelle, klingelte mein Handy. „John.“

„Es gibt Probleme mit einem der Pferde. Das heißt, ich kann dich erst später abholen kommen.“ Im Hintergrund war ein lautes Wiehern zu hören. „Tut mir leid, Madison. Sobald es mir möglich ist, melde ich mich bei dir.“

Das war es dann wohl mit der erfrischenden Dusche. Ich steckte das Handy weg und schloss müde die Augen – öffnete sie aber gleich wieder. Der letzte Albtraum hatte die Qualitäten eines Freddy-Krueger-Films gehabt. Ich wollte lieber wach bleiben. Wenigstens so lange, bis ich wusste, was mit mir los war.

Als der Bus wenig später hielt, war ich heilfroh, nur einen einzigen Koffer bei mir zu tragen. Leider hatte das sperrige Teil keine Rollen, was im Grunde aber mein kleinstes Problem darstellte.

Shinbone hatte diesen typischen Kleinstadtcharme. Die Nähe zum Reservat wurde touristisch genutzt, Tourismus bildete eine der Haupteinnahmequellen der Bewohner. Sie hatten sich vor langer Zeit mit ihren indianischen Nachbarn arrangiert und pflegten eine Partnerschaft, die beiden Seiten zugutekam.

Auf ein Taxi musst du trotzdem lange warten, dachte ich und entdeckte hundert Meter von der Busstation entfernt eine Tankstelle. Trinken und Essen besorgen – guter Plan. Da ich den Koffer nicht unbeaufsichtigt lassen wollte, biss ich in den sauren Apfel und schleppte ihn mit.

Von Nahem wirkte die Tankstelle, als hätte sie jemand ausgeschnitten und an diese Stelle geklebt. Kurz bevor ich den rostroten Durchgang erreichte, wurde die Tür aufgestoßen. Drei Halbstarke stolperten heraus. Jeder von ihnen hielt in der einen Hand eine Tüte Chips, in der anderen ein Bier. Als sie mich sahen, blieben sie überrascht stehen.

„Da hat wohl jemand Schlagseite“, meinte der Typ in der Mitte. Er war groß und muskulös.

Wahrscheinlich das Alphatier, dachte ich und stellte den Koffer ab. Die Typen waren etwa in meinem Alter, doch dem äußeren Erscheinungsbild und Gebaren nach wenig vertrauenswürdig, obwohl der eine gar nicht mal so schlecht aussah. Blond und drahtig. Vielleicht ein bisschen klein geraten. Er war auch der Einzige, der Cola statt Bier trank.

„Hab dich hier noch nie gesehen“, sagte das Alphamännchen, noch immer grinsend. „Entweder hast du dich all die Jahre vor mir versteckt oder …“

„Nichts für ungut, aber du stehst mir im Weg.“

Er sah mich aus großen Augen an. Jetzt grinsten nur noch seine beiden Freunde. Der fette Kerl versuchte sogar verzweifelt ein Lachen zu unterdrücken.

„Das tut mir natürlich aufrichtig leid, Hoheit“, erwiderte das Alphamännchen gespielt freundlich, nachdem er meine freche Antwort verstanden hatte. Er machte einen Schritt zur Seite und wies mit übertriebener Geste zur Tür.

Nur nicht provozieren lassen. Meine Hand lag bereits auf der Klinke, als ein Ruck durch meinen Körper ging und ich um ein Haar das Gleichgewicht verlor.

Das Alphamännchen hatte den seitlichen Griff meines Koffers umklammert und machte dabei einen Knicks. „Oh, bitte um Entschuldigung. Ich wollte nicht aufdringlich erscheinen, aber normalerweise obliegt es mir …“, er riss mir den Koffer brutal aus der Hand, „… das Reisegepäck Ihrer Hoheit zu tragen. Ein Privileg, auf das ich nicht verzichten kann.“

Ich starrte nach links und rechts. Sie schienen sich köstlich über mich zu amüsieren, bis auf den Typ mit der Cola. „Roger, jetzt lass es gut sein“, sagte er.

„Halt dich da raus! Wollen doch mal sehen, was für Geheimnisse in diesem Koffer darauf warten, von mir entdeckt zu werden.“

„Wag es ja nicht.“ Jeder Muskel in meinem Körper spannte sich.

„Nicht?“ Er verzog den Mund und wiegte den Koffer demonstrativ im Arm. „Ist eigentlich ziemlich egal, was Ihre Hoheit denkt.“

Beim Klicken des Verschlusses sprang ich vorwärts und schlug dem Kerl mit der Faust ins Gesicht. Blut spritzte, und mein Koffer gehörte wieder mir.

„Die Schlampe hat mir die Nase gebrochen!“, presste er ungläubig hervor.

Der Fettwanst packte mich brutal am Arm und drückte zu. Ich schrie vor Schmerz und versuchte ihm das Gesicht zu zerkratzen, aber er ergriff blitzschnell meinen anderen Arm.

„Mal sehen, ob die kleine Schlampenhoheit genau so gut einstecken wie austeilen kann“, stieß das Alphamännchen zischend aus und kam langsam näher.

„Roger!“ Mir stand der Mund offen, als der Cola-Typ den Kerl, der mich festhielt, von mir wegzerrte und sich dann schützend vor mich stellte. „Es reicht!“

„Verdammt, Matt! Geh mir aus dem Weg! Dieses Miststück hat mir die Nase gebrochen!“

„Ich hab dir doch gleich gesagt, dass der Idiot nur Ärger macht“, beschwerte sich der fette Kerl.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Die Nacht des schwarzen Panthers" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple Books

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen