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Die Nacht des einsamen Träumers

Über den Autor

Andrea Camilleri, 1925 in dem sizilianischen Küstenstädtchen Porto Empedocle geboren, ist Schriftsteller, Drehbuchautor, Regisseur und lehrt seit über zwanzig Jahren an der Accademia d’arte drammatica Silv io D’Amico in Rom. Mit seinem vielfach ausgezeichneten literarischen Werk löste er in Italien eine Begeisterung aus, die die welt treffend als »Camillerimania« bezeichnete. Vor allem die Kriminalromane um Commissario Salvo Montalbano haben Andrea Camilleri mittlerweile auch in Deutschland eine große Fangemeinde beschert.

Andrea Camilleri

Die Nacht des einsamen Träumers

Commissario Montalbano kommt ins Grübeln

Aus dem Italienischen von
Christiane v. Bechtolsheim

BASTEI ENTERTAINMENT

Die Generalprobe

Die Nacht war wirklich schlimm, wütende Windstöße wechselten sich mit so tückischen Regengüssen ab, dass man meinen konnte, sie wollten die Dächer durchbohren. Montalbano war gerade erst nach Hause gekommen, er war müde von einem Tag harter Arbeit, die vor allem für den Kopf anstrengend gewesen war. Er öffnete die Glastür, die auf die kleine Veranda hinausführte: Das Meer hatte den Strand verschlungen und berührte fast das Haus. Nein, das war nichts für ihn, er ging am besten unter die Dusche und legte sich mit einem Buch ins Bett. Schon, aber mit welchem? Die Auswahl eines Buches, mit dem er, das Bett und die letzten Gedanken teilend, die Nacht verbrachte, konnte bei ihm eine ganze Stunde dauern. Zuerst musste er sich für das Genre entscheiden, das am besten zur Stimmung des Abends passte. Ein Essay über die Ereignisse des Jahrhunderts? Vorsicht: Bei dieser Mode, historische Fakten in Frage zu stellen, konnte man leicht an einen Essay geraten, der einem weismachen wollte, Hitler sei in Wirklichkeit von den Juden bezahlt worden, damit er sie zu von aller Welt bemitleideten Opfern machte. Dann ärgerte man sich und tat kein Auge zu. Ein Krimi? Ja, aber was für einer? Vielleicht passte zu dieser Gelegenheit einer jener englischen Krimis, die vorzugsweise von Frauen geschrieben sind und nur aus verworrenen Gemütszuständen bestehen, einen aber nach drei Seiten langweilen. Er streckte die Hand aus, um einen Krimi herauszunehmen, den er noch nicht gelesen hatte, und in diesem Augenblick klingelte das Telefon. Himmel! Er hatte vergessen, Livia anzurufen. Bestimmt war sie das, die besorgt anrief. Er nahm den Hörer ab.

»Pronto? Ist das bei Commissario Montalbano?«

»Ja, wer ist da?«

»Genco Orazio.«

Was wollte denn Orazio Genco, der fast siebzigjährige Einbrecher? Montalbano mochte den Einbrecher, der noch nie in seinem Leben gewalttätig geworden war, und dieser spürte die Sympathie.

»Was gibt’s, Orà?«

»Ich muss mit Ihnen reden, Dottore.«

»Ist es was Schlimmes?«

»Dottore, ich weiß nicht, wie ich das erklären soll. Es ist was Merkwürdiges, es kommt mir komisch vor. Aber Sie sollten es wissen.«

»Willst du zu mir kommen?«

»Sissi.«

»Wie denn?«

»Mit dem Fahrrad.«

»Mit dem Fahrrad? Abgesehen davon, dass du eine Lungenentzündung kriegst, kommst du erst morgen früh an.«

»Wie machen wir es dann?«

»Von wo rufst du denn an?«

»Aus der Telefonzelle beim Gefallenendenkmal.«

»Warte dort auf mich, dann wirst du wenigstens nicht nass. Ich fahre sofort los, in einer Viertelstunde bin ich da. Bis gleich.«

Er kam etwas später an als geplant, weil er, bevor er losgefahren war, die gute Idee gehabt hatte, eine Thermoskanne mit heißem Kaffee zu füllen. Als Orazio Genco neben dem Commissario im Auto saß, trank er einen ganzen Plastikbecher.

»Ich hab so gefroren.«

Glücklich schnalzte er mit der Zunge.

»Jetzt eine schöne Zigarette, das wär’s.«

Montalbano reichte ihm das Päckchen und gab ihm Feuer.

»Brauchst du sonst noch was? Orà, hast du mich herfahren lassen, weil du Lust auf einen Kaffee und eine Zigarette hattest?«

»Commissà, ich bin heute Nacht wo eingebrochen.«

»Dann nehme ich dich fest.«

»Commissà, ich meine: Ich hatte die Absicht, heute Nacht einzubrechen.«

»Hast du’s dir anders überlegt?«

»Sissi.«

»Und warum?«

»Ich erzähl’s Ihnen. Bis vor ein paar Jahren hab ich in den Ferienhäusern an der Küste gearbeitet, wenn die Besitzer wieder weg waren, weil das Wetter schlecht wurde. Das ist jetzt anders.«

»Inwiefern?«

»Die Häuser sind nicht mehr unbewohnt. Jetzt bleiben die Leute auch im Winter da, mit dem Auto können sie ja überall hinfahren. Da kommt es für mich auf dasselbe raus, ob ich in der Stadt oder in den Ferienhäusern einbreche.«

»Und wo warst du heute Nacht?«

»Hier, in der Stadt. Kennen Sie die Autowerkstatt von Giugiù Loreto?«

»Die an der Straße nach Villaseta? Ja.«

»Direkt über der Werkstatt sind zwei Wohnungen.«

»Aber da wohnen arme Leute! Was willst du denn da klauen? Einen kaputten Schwarzweißfernseher?«

»Commissà, Entschuldigung. Aber wissen Sie, wer in einer der beiden Wohnungen wohnt? Da wohnt Tanino Bracceri. Und den kennen Sie bestimmt.«

Und ob er Tanino Bracceri kannte! Ein fünfzigjähriger Mann, der aus nichts als hundert Kilo Scheiße und ranzigem Speck bestand, verglichen mit ihm wirkte ein schlachtreif gemästetes Schwein richtig adrett, wie ein Mannequin. Ein widerlicher Wucherer, von dem es hieß, er lasse sich manchmal in Naturalien bezahlen, Mädchen oder Buben, das Geschlecht spiele keine Rolle, unglückliche Kinder seiner Opfer. Montalbano war es bisher nicht gelungen, ihm das Handwerk zu legen, was er zu gern getan hätte, doch es hatte nie konkrete Anzeigen gegeben. Die Idee von Orazio Genco, bei Tanino Bracceri einzubrechen, fand die uneingeschränkte Zustimmung des Hüters von Gesetz und Ordnung Commissario Dottor Salvo Montalbano.

»Und warum hast du es nicht getan? Wenn du es getan hättest, hätte ich dich vielleicht nicht festgenommen.«

»Ich wusste, dass Tanino jeden Abend Punkt zehn ins Bett geht. In der anderen Wohnung, auf derselben Etage, wohnt ein altes Paar, das man nie in der Stadt sieht. Sie leben sehr zurückgezogen. Zwei Rentner, Mann und Frau. Di Giovanni heißen sie. Das war also eine sichere Sache, auch weil ich wusste, dass Tanino sich mit Schlaftabletten voll stopft, um schlafen zu können. Ich kam an der Autowerkstatt an, habe ein bisschen gewartet, bei dem Wetter ist kein Mensch vorbeigekommen, ich habe die Haustür neben der Werkstatt geöffnet und bin schnell reingegangen. Im Treppenhaus war es dunkel. Ich hab die Taschenlampe angemacht und bin ganz langsam rauf. Auf dem Treppenabsatz hab ich mein Werkzeug rausgeholt. Da hab ich gesehen, dass die Tür bei den Di Giovannis nur angelehnt war. Ich hab gedacht, die beiden Alten hätten vergessen, sie zuzumachen. Das war mir gar nicht recht, bei der offenen Tür hätten die vielleicht was gehört. Also bin ich an die Tür gegangen, ich wollte sie vorsichtig zumachen. An der Tür hing ein Papier, es sah aus wie so ein Zettel, auf dem ›bin gleich zurück‹ oder so was steht.«

»Und was stand auf diesem Zettel?«

»Ich weiß nicht mehr. Ich erinnere mich nur an ein Wort: General.«

»Der Mann, der da wohnt, Di Giovanni, ist der ein General?«

»Keine Ahnung, kann sein.«

»Und dann?«

»Ich wollte schon ganz vorsichtig zumachen, aber die halb offene Tür war zu verlockend. In der Diele war es dunkel, im Wohn- und im Esszimmer auch. Aber im Schlafzimmer war Licht. Ich bin an die Tür gegangen, da hat mich fast der Schlag getroffen. Auf dem Ehebett lag, im Sonntagsstaat, eine Tote, eine alte Frau.«

»Woran hast du gesehen, dass sie tot war?«

»Commissà, die hatte ihre Hände auf der Brust, und jemand hatte ihr einen Rosenkranz um die Finger gewickelt, und dann war noch ein Taschentuch um ihren Kopf geknotet, damit der Mund zubleibt. Ihre Augen waren geschlossen. Aber das Beste kommt erst. Am Fuß des Bettes stand ein Stuhl, und da saß ein Mann mit dem Rücken zu mir. Er hat geweint, der Ärmste. Das muss ihr Mann gewesen sein.«

»Orà, da hast du eben Pech gehabt. Der hat Totenwache bei seiner Frau gehalten.«

»Klar. Doch dann hat er plötzlich was genommen, was er auf dem Schoß hatte, und hat es an den Kopf gehalten. Das war ein Revolver, Commissario.«

»O Gott. Und du, was hast du gemacht?«

»Ich wusste nicht, was ich davon halten sollte, aber da hat der Mann es zum Glück anscheinend bereut, er hat die Hand mit der Waffe fallen lassen, vielleicht hat ihm im letzten Moment der Mut gefehlt. Da bin ich umgekehrt, ohne mich bemerkbar zu machen, ich bin wieder in die Diele und raus aus der Wohnung und habe dabei die Tür so laut zugeknallt, dass es wie Kanonendonner klang. Damit der Mann eine Weile nicht daran denkt, sich umzubringen. Dann hab ich Sie angerufen.«

Montalbano sagte zuerst nichts, er dachte nach. Möglicherweise hatte sich der Witwer inzwischen erschossen. Oder er saß noch da, unschlüssig, ob er am Leben bleiben oder Schluss machen sollte. Der Commissario traf eine Entscheidung. Er startete den Wagen.

»Wo fahren wir hin?«, fragte Orazio Genco.

»Zur Werkstatt von Giugiù Loreto. Wo hast du dein Fahrrad abgestellt?«

»Keine Sorge, es ist an einem Pfosten angekettet.«

Montalbano hielt vor der Werkstatt.

»Hast du selber die Haustür zugemacht?«

»Sissi, bevor ich Sie angerufen hab.«

»Siehst du irgendwo Licht in einem Fenster?«

»Nein, ich sehe nichts.«

»Hör zu, Orà: Du steigst aus, öffnest die Haustür, gehst rein und siehst nach, was in dem Haus los ist. Du darfst dich nicht bemerkbar machen, was auch immer du siehst.«

»Und Sie?«

»Ich stehe Schmiere.«

Vor lauter Lachen bekam Orazio einen Hustenanfall. Als er sich beruhigt hatte, stieg er aus dem Auto, überquerte die Straße, öffnete rasch die Haustür und zog sie hinter sich zu. Es regnete nicht mehr, dafür war der Wind stärker geworden. Der Commissario steckte sich eine Zigarette an. Keine zehn Minuten später erschien Orazio Genco wieder, zog die Haustür zu, rannte über die Straße, öffnete die Wagentür und stieg ein. Er zitterte, aber nicht vor Kälte.

»Los, fahren wir.«

Montalbano gehorchte.

»Was hast du?«

»Ich bin so erschrocken.«

»Red schon!«

»Die Tür war zu, ich hab sie aufgemacht und ...«

»War der Zettel noch da?«

»Sissi. Ich bin reingegangen. Alles war wie vorher, das Licht im Schlafzimmer war noch an. Dann bin ich näher hingegangen ... Commissà, die Tote war nicht tot!«

»Was sagst du da?!«

»Was ich gerade gesagt habe. Der Tote war er, der General. Er lag auf dem Bett wie vorher seine Frau, mit Rosenkranz und Taschentuch.«

»Hast du Blut gesehen?«

»Nonsi, das Gesicht des Toten hat sauber ausgesehen.«

»Und seine Frau, die ehemalige Tote, was hat die gemacht?«

»Sie saß auf dem Stuhl am Fuß des Bettes und hielt sich weinend eine Pistole an den Kopf.«

»Orà, du machst doch keinen Witz, oder?«

»Commissà, warum sollte ich?«

»Komm, ich fahr dich nach Hause. Lass das Fahrrad stehen, es ist kalt.«

Dürfen zwei alte Leute, Mann und Frau, nachts in ihrer Wohnung tun und lassen, was ihnen in den Sinn kommt? Sich als Indianer verkleiden, auf allen vieren krabbeln, sich kopfüber an die Decke hängen? Natürlich dürfen sie das. Und nun? Wenn Orazio Genco keine Skrupel bekommen hätte, dann hätte er, Montalbano, von dieser ganzen Geschichte nichts erfahren und seelenruhig die drei Stunden, die ihm noch blieben, geschlafen, anstatt sich jetzt, fluchend und immer nervöser, im Bett herumzuwälzen. Da war nichts zu wollen: Er verhielt sich bei einer Geschichte, an der etwas faul war, wie Orazio Genco vor einer halb offenen Tür, er musste einfach hineingehen, das Wie und Warum herausfinden. Was hatte diese Art Zeremonie zu bedeuten?

»Fazio! Sofort zu mir, schnell!«, rief Montalbano, als er ins Büro kam. Der Morgen war noch schlimmer als die Nacht, scheußlich und kalt.

»Dottore, Fazio ist nicht da«, sagte Gallo, der ihm entgegenkam.

»Und wo ist er?«

»Heute Nacht hat es einen Schusswechsel gegeben, einer von den Sinagras wurde getötet. Das war vorauszusehen, Sie kennen das ja: einmal einer von der einen Familie, das nächste Mal einer von der anderen.«

»Ist Augello mit Fazio unterwegs?«

»Sissi. Hier sind ich, Galluzzo und Catarella.«

»Sag mal, Gallo, weißt du, wo die Werkstatt von Giugiù Loreto ist?«

»Sissignore.«

»Über der Werkstatt sind zwei Wohnungen. In einer wohnt Tanino Bracceri, in der anderen ein altes Ehepaar. Ich will alles über die beiden wissen. Fahr sofort los.«

»Also, Dottore. Er heißt Di Giovanni Andrea, vierundachtzig Jahre alt, pensioniert, geboren in Vigàta. Sie heißt Zaccaria Emanuela, geboren in Rom, zweiundachtzig Jahre alt, pensioniert. Sie haben keine Kinder. Sie leben zurückgezogen, aber es geht ihnen wohl nicht schlecht, denn das ganze Haus gehört Di Giovanni, sein Vater hat es ihm hinterlassen. Er hat eine Wohnung an Tanino Bracceri verkauft, behalten hat er die, in der er wohnt, und die Werkstatt, die er an Giugiù Loreto vermietet. Früher haben sie in Rom gelebt, vor etwa fünfzehn Jahren sind sie hierher gezogen.«

»War er General?«

»Wer?«

»Wie, wer? Dieser Di Giovanni, war der General?«

»Aber nein! Sie waren Schauspieler, beide, der Mann und die Frau. Giugiù hat gesagt, dass ihr Wohnzimmer voller Theater- und Kinofotos hängt. Sie haben Giugiù erzählt, sie hätten mit den größten Schauspielern gearbeitet, aber immer als, warten Sie, ich muss erst nachschauen, ich hab’s mir aufgeschrieben, da, als Charakterdarsteller.«

Anscheinend wollten sie in Übung bleiben. Oder sie gingen noch mal alte Szenen durch, die sie wer weiß wann gespielt hatten. Vielleicht spielten sie die Szene nach, die den größten Erfolg in ihrer ganzen Karriere gehabt hatte, die Szene, für die sie am meisten Applaus bekommen hatten ... Ach was. Das konnte nicht sein: Der Rollentausch ergab keinen Sinn. Doch eine Erklärung musste es geben, und Montalbano wollte sie haben. Wenn er sich in etwas festbiss, war nichts zu wollen. Er musste sich einen Vorwand einfallen lassen, um mit dem Ehepaar Di Giovanni sprechen zu können.

Die Tür schlug heftig gegen die Wand, der Commissario sprang auf und bezwang seine überwältigende Mordlust nur mühsam.

»Catarè, ich hab dir tausendmal gesagt ...«

»Ich bitte um Verzeihung, Dottori, aber die Hand ist mir ausgerutscht.«

»Was ist denn?«

»Dottori, Genco Orazio ist da, der Einbrecher, der sagt, dass er ganz persönlich mit Ihnen selber reden will. Vielleicht will er ja was gestellen.«

»Gestehen, Catarè. Lass ihn rein.«

»Wissen Sie, dass ich heute Nacht nicht geschlafen hab?«, sagte Orazio Genco, als er eintrat.

»Ich auch nicht, wenn es darum geht. Was willst du?«

»Commissà, vor einer halben Stunde hab ich Kaffee getrunken mit einem Freund, den die Arma festgenommen hat und der drei Jahre gesessen hat. Er hat gesagt: ›Ohne Beweise haben sie mich eingelocht! Senza prove, ohne Beweise!‹ Und bei dem Wort prove ist mir eingefallen, was auf dem Zettel stand, der bei dem alten Ehepaar an der Tür hing. Jetzt weiß ich’s wieder ganz genau, da stand: ›Prova generale, Generalprobe‹. Deshalb hab ich gedacht, er wär ein General.«

Der Commissario dankte Orazio Genco, der wieder ging. Nach einer Weile erschien Fazio.

»Dottore, Sie wollten mich heute Morgen sprechen?«

»Ja. Du warst mit Mimì wegen diesem Mord unterwegs. Ich möchte nur eines wissen: Warum habt ihr euch nicht dazu herabgelassen, weder du noch Dottor Augello, mich zu informieren, dass es einen Toten gegeben hat?«

»Dottore, was sagen Sie da? Wissen Sie, wie oft wir bei Ihnen in Marinella angerufen haben? Aber Sie haben nie abgenommen. Hatten Sie vielleicht das Telefon ausgesteckt?«

Nein, er hatte das Telefon nicht ausgesteckt. Er war außer Haus gewesen, um für einen Einbrecher Schmiere zu stehen.

»Erzähl mir von diesem Mord, Fazio.«

Das Mordopfer beschäftigte ihn bis fünf Uhr nachmittags. Dann fiel ihm plötzlich die Geschichte mit den Di Giovannis wieder ein. Und machte ihm Sorgen. Sie hatten an die Tür geschrieben, dass sie eine Generalprobe abhielten. Und das bedeutete, dass am nächsten Tag die Theatervorstellung stattfand. Was war für die Di Giovannis die Theatervorstellung? Vielleicht die Ausführung dessen, was sie in der Nacht zuvor geprobt hatten, nämlich ein echter Tod und ein echter Selbstmord? Beunruhigt griff er nach dem Telefonbuch.

»Pronto, ist das bei Di Giovanni? Ich bin Commissario Montalbano.«

»Ja, ich bin Andrea Di Giovanni, worum geht es?«

»Ich würde gern mit Ihnen sprechen.«

»Was sind Sie denn für ein Kommissar?«

»Kriminalkommissar.«

»Ah. Und was will die Polizei von mir?«

»Gar nichts Besonderes. Es handelt sich um ein ganz persönliches Interesse.«

»Woran denn?«

Da hatte er eine Idee.

»Ich habe ganz zufällig erfahren, dass Sie beide Schauspieler waren.«

»Das stimmt.«

»Nun, ich liebe das Theater und das Kino. Ich wüsste gern ...«

»Dann seien Sie mir willkommen, Commissario. In dieser Stadt gibt es keinen Menschen, keinen einzigen, der etwas vom Theater versteht.«

»Ich bin spätestens in einer Stunde bei Ihnen, geht das?«

»Wann immer Sie wollen.«

Sie sah aus wie ein nacktes Vögelchen, das aus dem Nest geplumpst ist, er wie ein halb blinder Bernhardiner, dem die Haare ausgefallen sind. Die Wohnung war blitzblank und tipptopp aufgeräumt. Sie boten ihm einen kleinen Sessel an, sie selbst setzten sich ganz nah nebeneinander auf das Sofa, wie sie sonst vor dem Fernseher saßen, der gegenüberstand. Montalbano sah sich sehr interessiert eines der hundert Fotos an, die die Wände bedeckten, und sagte: »Ist das nicht Ruggero Ruggeri in Pirandellos Das Vergnügen, anständig zu sein?« Und das löste eine Lawine von Namen und Titeln aus: Sem Benelli und Das Mahl der Spötter, wieder Pirandello und Sechs Personen suchen einen Autor, Ugo Betti und Korruption im Justizpalast, und dazwischen Ruggeri, Ricci, Maltagliati, Cervi, Melnati, Viarisio, Besozzi ... Sie redeten eine gute Stunde lang auf ihn ein, Montalbano war am Ende ganz benommen, die beiden alten Schauspieler blühten auf und waren glückselig. Dann kam eine Pause, und der Commissario nahm gern ein Glas von dem Whisky an, den Signor Di Giovanni zur Feier des Tages anscheinend rasch gekauft hatte. Als sie das Gespräch wieder aufnahmen, ging es ums Kino, von dem die beiden alten Leute nicht viel hielten. Und noch weniger vom Fernsehen:

»Sie wissen doch, Commissario, was da für Sendungen kommen. Schlager und Shows. Wenn sie alle Jubeljahre mal ein Theaterstück zeigen, ist es zum Heulen.«

Jetzt war das Thema Theater erschöpft, und Montalbano musste unbedingt die Frage stellen, derentwegen er diese Wohnung betreten hatte.

»Gestern Nacht«, sagte er lächelnd, »war ich hier.«

»Wo, hier?«

»Auf Ihrem Treppenabsatz. Signor Bracceri hatte mich in einer Angelegenheit angerufen, die sich dann als bedeutungslos erwies. Sie hatten vergessen, Ihre Tür zu schließen, und ich habe mir erlaubt, sie zuzumachen.«

»Ach, Sie waren das.«

»Ja, und ich möchte mich entschuldigen, wenn ich vielleicht zu laut war. Doch da war etwas, was meine Neugier geweckt hat. An Ihre Tür war, ich glaube mit einem Reißnagel, ein Blatt Papier geheftet, auf dem ›Generalprobe‹ stand.«

Er lächelte und gab sich zerstreut.

»Was haben Sie denn Schönes geprobt?«

Die beiden wurden plötzlich ernst und rückten noch näher aneinander; mit einer selbstverständlichen, tausendmal wiederholten Geste fassten sie sich an den Händen und sahen sich an. Dann sagte Andrea Di Giovanni:

»Unseren Tod haben wir geprobt.«

Und während Montalbano wie versteinert dasaß, fügte er hinzu:

»Aber das ist kein Theaterstück, leider.«

Und dann sprach sie.

»Als wir heirateten, war ich neunzehn und er zweiundzwanzig Jahre alt. Wir waren immer zusammen, wir haben nie Engagements in zwei verschiedenen Theatertruppen angenommen und deshalb manchmal Hunger gelitten. Als wir dann zu alt zum Arbeiten waren, haben wir uns hierher zurückgezogen.«

Er fuhr fort.

»Seit einiger Zeit haben wir Beschwerden. Das ist das Alter, sagten wir uns. Dann haben wir uns untersuchen lassen. Unsere Herzen sind kaputt. Die Trennung wird plötzlich und unvermeidbar sein. So fingen wir an zu proben. Wer zuerst stirbt, wird im Jenseits nicht allein bleiben.«

»Eine Gnade wäre es, gemeinsam zu sterben, im selben Augenblick«, sagte sie. »Doch das wird uns wohl kaum vergönnt sein.«

Sie irrte. Acht Monate später las Montalbano eine Zeitungsnotiz. Sie war friedlich im Schlaf gestorben, und er wollte, als er es beim Aufwachen merkte, ans Telefon stürzen, um Hilfe zu holen. Doch auf halbem Weg zwischen Bett und Telefon hatte sein Herz versagt.

Die arme Maria Castellino

»Spreche ich mit Bonchidassa? Hä? Ist da Bonchidassa? Sind Sie das ganz persönlich selber, Dottori?«

»Ja, Catarè, ich bin’s persönlich.«

Catarellas Stimme klang sehr fern, es war kaum zu verstehen, was er sagte.

»Von wo rufst du an?«

»Ist doch klar, von wo ich anrufe, Dottori. Von Vigàta ruf ich an.«

»Ja, aber warum redest du so?«

»Ich hab mir ein Taschentuch in den Mund gesteckt, Dottori.«

»Wozu denn?«

»Damit die anderen mich nicht hören. Fazio hat mir befohlen, dass ich nur mit Ihnen allein telefonieren darf.«

»Also gut, was gibt’s denn?«

»Da hat einer eine Hure umgebracht.«

»Habt ihr ihn festgenommen?«

»Wen?«

»Den, der die Hure umgebracht hat.«

»Nonsi, Dottori, wir wissen ja nicht, wer es war. Ich hab gesagt, dass es einer war, weil die Hure erwürgt worden ist, es war also einer. Logisch, oder?«

»Einverstanden. Was will Fazio denn von mir?«

»Fazio sagt, dass der Dottori Augello das mit dem Mord nicht kapiert. Und es kann sein, dass die carrabbinera vor uns da sind. Er sagt, dass Sie schnell nach Vigàta kommen sollen. Fazio hat sogar was gesagt, was ich Ihnen nicht sagen kann.«

»Sag’s trotzdem.«

»Er hat gesagt, dass wir hier in der Scheiße stecken und Sie sich in Bonchidassa, mit Verlaub, Dottori, derweil einen runterholen.«

»Schon gut, Catarè, richte Fazio aus, dass ich so schnell wie möglich komme.«

Er leistete Fazios Aufforderung eine knappe Stunde lang Widerstand. Dann zog er sich an und verließ das Haus. Als er zurückkam, hatte er das Flugticket für den folgenden Tag in der Tasche, Abflug zwölf Uhr mittags. Livias gefürchtete Rückkehr erfolgte pünktlich um achtzehn Uhr. Als sie ihn sah, schlang sie die Arme um seinen Hals.

»Ach, Salvo, du weißt gar nicht, wie schön es ist, nach Hause zu kommen und dich hier zu haben!«

Wann sollte er ihr sagen, dass er beschlossen hatte, das Ende seiner Ferien in Boccadasse-Genua um zwei Tage vorzuverlegen? Vor oder nach dem Abendessen? Er entschied sich für danach, auch weil sie beschlossen hatten, in einem Restaurant zu essen, wo man den Fisch so zubereitete, wie der Fisch selbst zubereitet zu werden wünschte. Während sie auf die Rechnung warteten, sagte Livia etwas, das, wie Montalbano klar war, die Situation deutlich verschlimmern würde.

»Weißt du was, Liebling, wir müssen morgen sehr früh aufstehen.«

»Warum?«

»Weil wir den Tag in Laigueglia verbringen, bei meiner Freundin Dora, du kennst sie nicht, aber du wirst sie sicher mögen ...«

»Wo ist denn Laigueglia?«

»Bei Savona. Der Strand ist praktisch die Fortsetzung des Strandes von Alassio. Einfach entzückend. Und dann gibt es da ein Dorf, das der Norweger gekauft hat ...«

»Welcher Norweger?«

»Der mit so einer Art Floß den ...«

»Thor Heyerdahl mit der Kon Tiki

»Genau. Es heißt Colla Micheri.«

»Was?«

»Das kleine Dorf, das der Norweger gekauft hat. Was hast du?«

»Ich?«

»Ja, du. Was hast du?«

»Nichts. Was soll ich denn haben?«

»Komm, Salvo. Ich kenne dich doch. Du hörst mir gar nicht zu.«

Montalbano holte tief Luft, wie jemand, der ins Wasser springen will.

»Morgen fahre ich.«

Zuerst lächelte Livia noch, vollkommen überrascht.

»Ach ja? Und wohin?«

»Zurück nach Vigàta.«

»Aber du hast doch gesagt, dass du bis Montag bleibst«, sagte sie, während ihr Lächeln langsam wie ein Streichholz verlosch.

»Das Problem ist, dass ...«

»Das interessiert mich nicht.«

Sie stand auf, nahm ihre Handtasche und verließ das Restaurant. Montalbano zahlte sofort und folgte ihr. Livias Auto stand nicht mehr auf dem Parkplatz.

Er fuhr mit dem Taxi nach Hause, Gott sei Dank hatte er einen Zweitschlüssel, denn Livia hätte ihm todsicher nicht geöffnet. Wie sie ihm auch die Schlafzimmertür nicht öffnete und auf sein Rufen nicht reagierte. Bedrückt zog er sich aus und legte sich in dem kleinen Wohnzimmer aufs Sofa. Er konnte nicht einschlafen und wälzte sich von einer Seite auf die andere. Gegen fünf Uhr morgens hörte er, wie die Schlafzimmertür aufging und Livia sagte:

»Komm ins Bett, du Idiot.«

Er beeilte sich. Ein bisschen, weil er Lust hatte, seine Freundin in den Arm zu nehmen, und ein bisschen, weil er sich dringend bequem hinlegen wollte.

»Warum bist du denn schon wieder zurück?«, fragte Mimì Augello sofort argwöhnisch, als Montalbano ins Büro kam.

»Ach, weißt du, Livia wollte einer Freundin nicht absagen, die sie über das Wochenende eingeladen hatte, ich hatte keine Lust, und so ... Was sollte ich allein in Boccadasse? Gibt’s was Neues?«

»Weißt du von nichts?«

Mimì war immer noch skeptisch, die plötzliche Ankunft seines Chefs kam ihm spanisch vor.

»Woher denn?«

Augello sah ihn an, der Commissario sah so unschuldig drein wie ein Neugeborenes.

»Eine Frau ist umgebracht worden.«

»Wann?«

»Noch am Tag deiner Abreise.«

»Und wer ist es?«

»Eine Hure. Siebzig Jahre alt.«

Montalbano war so aufrichtig verblüfft, dass Mimì sein Misstrauen verlor.

»Eine siebzigjährige Hure? Soll das ein Witz sein?«

»Ganz und gar nicht! Siebzig und hat noch gearbeitet. Eine tüchtige Frau.«

»Erklär mir das genauer.«

»Sie hieß Maria Castellino, verheiratet, zwei erwachsene Kinder.«

Montalbano verstand überhaupt nichts mehr.

»Was heißt verheiratet?«

»Salvo, das Wort hat seine Bedeutung in den drei Tagen, die du in Boccadasse warst, nicht geändert. Verheiratet heißt verheiratet. Und du kennst den Ehemann. Es ist Serafino, der Kellner in der Bar Pistone.«

»Eine Frage: Hat Serafino sie geheiratet, bevor oder nachdem sie als Hure angefangen hat?«

»Währenddessen. Erst hat er sie als Freier regelmäßig aufgesucht, dann haben sie gemerkt, dass sie ineinander verliebt sind, und haben geheiratet. Eine glückliche Ehe. Sie haben zwei Söhne bekommen. Einer ...«

»Moment mal. Und dieser Serafino hat nach der Hochzeit zugelassen, dass seine Frau weiterhin ihrem Job nachging?«

»Serafino hat gesagt, dass sie nie über die Sache geredet haben. Sie fanden es beide selbstverständlich, dass die Frau weiter arbeitet.«

»Tat sie das zu Hause, während ihr Mann nicht da war?«

»Nossignore, Serafino sagt, dass ihr Haus anständig und ehrbar ist. Sie hatte sich ein catojo, ein ebenerdiges Zimmer, im Vicolo Gramegna gekauft, einer winzigen Straße mit vier Häusern, fast auf dem Land. Das Zimmer, dessen Luftzufuhr durch ein kleines Fenster neben der Tür kommt, war tipptopp in Ordnung. Und das Bad erst! Blitzblank. Wenn die Tür des Zimmers offen stand, bedeutete das, dass sie frei war, wenn sie geschlossen war, hieß das, dass sie einen Kunden hatte. Signora Gaudenzio sagt, dass ...«

»Moment. Wer ist Signora Gaudenzio?«

»Eine Frau, die über dem Zimmer wohnt.«

»Eine Hure?«

»Aber nein, Salvo! Sie ist eine junge Frau, dreißig Jahre alt, Mutter von zwei kleinen Kindern, einer ist sieben und der andere fünf, sie mochten die Tote sehr gern, sie nannten sie ’a zà Maria, Tante Maria.«

»Bleib beim Thema, Mimì. Was hat Signora Gaudenzio gesagt?«

»Dass die Castellino an schönen Tagen auf einem Stuhl vor der Tür saß, aber nie Anstoß erregt hat. Sehr diskret, sehr zurückhaltend.«

»Und wie kam sie an ihre Freier?«

»Es gibt eine Erklärung. Signora Gaudenzio sagt, dass das alles ältere Männer waren, anscheinend Kunden von früher.«

»Nie ein junger Mann?«

»Manchmal. Aber wieso soll sich ein junger Mann bei einer Alten austoben, wo so wunderschöne Huren unterwegs sind?«

»Na ja, Mimì, Gründe gäbe es schon. Du kannst das nicht verstehen, deiner macht ja nie schlapp, aber die jungen Typen, die so draufgängerisch wirken, sind oft unsicher und hilflos, wenn es zur Sache geht ... Und da ist eine verständnisvolle ältere Frau ... Verstehst du, was ich meine?«

»Ich verstehe, was du meinst. Und es kann auch ein junger Typ gewesen sein, der nicht, wie du sagst, Verständnis gesucht hat, sondern schlicht und einfach pervers war.«

»Was sagt Pasquano?«

»Der Doktor sagt, dass seiner Meinung nach der Mörder die Frau erst mit einem Schlag ins Gesicht betäubt hat, dann hat er seinen Gürtel ausgezogen, hat ihn ihr um den Hals gelegt und zugezogen. Pasquano hat gesagt, dass der Abdruck der Schließe auf der Haut ist. Dann hat er sich den Gürtel wieder umgeschnallt und ist gegangen. Und weg war er.«

»Fehlt etwas?«

»Nein, nichts. Die Handtasche mit dem Geld war auf dem Nachtkästchen neben dem Bett.«

»Wie hoch war der Tarif?«

»Fünfzigtausend.«

»Und wie viel war in der Handtasche?«

»Zweihundertfünfzigtausend.«

»Wie viel brachte sie am Tag nach Hause? Hat Serafino dir das gesagt?«

»Dreihundert, dreihundertfünfzig.«

»Dann muss sie an dem Tag schon mehrere Kunden gehabt haben, bevor einer von ihnen sie umbrachte.«

»Pasquano hat noch gesagt, dass der Tod eingetreten ist, nachdem das Mittagessen verdaut war. Ach ja, weißt du was? Laut Pasquano gibt es keine Hinweise auf einen Geschlechtsverkehr mit dem Mörder.«

»War das Opfer bekleidet?«

»Vollständig. Sie hatte nur die Schuhe ausgezogen, um sich hinzulegen. Der Mann hat sich neben sie gelegt, vielleicht ebenfalls in Kleidern, und ihr plötzlich einen Hieb verpasst.«

»Offenbar ist der Mann nicht zum Ficken, sondern zum Reden zu ihr gegangen.«

»Aber worüber?«

»Das ist der Punkt«, sagte Montalbano.

Nachdem er zu Hause in Marinella zwei Stunden geschlafen hatte, setzte sich der Commissario ins Auto und fuhr zurück nach Vigàta. Er hatte sich genau erklären lassen, wo der Vicolo Gramegna war, aber er brauchte trotzdem lange, bis er ihn gefunden hatte. Vier Häuser, hatte Mimì gesagt, und vier Häuser waren es. Drei waren Wohnhäuser, alle gleich, catojo unten und eine kleine Wohnung oben. Das vierte Haus war ein Lager, das mit einem verrosteten Riegel verschlossen war. Es lag dem Zimmer von Maria Castellino direkt gegenüber. Vor der geschlossenen Tür lag ein Blumenstrauß auf dem Boden. Zwei kleine Kinder kamen Fangen spielend und schreiend um die Ecke gelaufen. Als sie den Fremden sahen, blieben sie wie angewurzelt stehen.

»Ist Signora Gaudenzio eure Mutter?«

»Sissi«, sagte der Größere der beiden.

»Ist dein Vater zu Hause?«

»Nonsi, er arbeitet bis spät.«

»Ist deine Mutter da?«

»Sissi, ich hol sie.«

Er schlüpfte schnell durch die Tür. Der Kleinere der beiden Jungen musterte Montalbano aufmerksam.

»Sagst du mir was?«, fragte er plötzlich.

»Klar.«

»Veru è ca la nonna morsi, stimmt es, dass die Großmutter tot ist?«

Mimì hatte sich geirrt, sie nannten sie nicht Tante, sondern Großmutter. Er kam nicht dazu, sich eine Antwort zu überlegen, weil eine etwa dreißigjährige Frau auf den Balkon oberhalb des Zimmers trat, während ihr Sohn wieder in der Haustür erschien und wegrannte, gefolgt von seinem kleinen Bruder, der aus irgendeinem Grund weinte.

»Wer sind Sie?«

»Ich bin Commissario Montalbano.«

»Kommen Sie herauf, wenn Sie mich sprechen wollen.«

Die Wohnung war sehr gepflegt. Möbel von geringem Wert, aber auf Hochglanz poliert. Montalbano wurde gebeten, in dem kleinen Wohnzimmer in einem Sessel Platz zu nehmen.

»Kann ich Ihnen etwas anbieten?«

»Nein, danke, Signora. Ich bleibe nicht lange.«

»Was wollen Sie denn wissen? Ich habe Signor Augello schon alles gesagt.«

Montalbano hatte den Eindruck, dass die junge und anmutige Signora Gaudenzio, als sie diesen Namen sagte, leicht errötete. Hatte sich der allzeit bereite Mimì etwa schon ans Werk gemacht?

»Ich habe gehört, dass Sie die verstorbene Signora Maria gut kannten.«

Sofort ein paar Tränen. Signora Gaudenzio war eine Frau, die ihre Gefühle nicht verbarg.

»Sie gehörte zur Familie, Signor Commissario. Meine Söhne betrachteten sie als ihre Großmutter. Zum Dreikönigsfest mussten die Kinder immer Strümpfe in ihr Zimmer legen. Und die waren dann voller Sachen, die sich nur Maria mit ihrer Fantasie ausdenken konnte, Sachen, über die sie sich sehr freuten ...«

»Kannten Sie sie schon lange?«

»Seit acht Jahren. Ich bin gleich nach meiner Hochzeit hierher gezogen. Mein Mann Attilio arbeitet im Elektrizitätswerk. Pitrinu, mein jüngerer Sohn, der Fünfjährige ... Ich erwartete ihn, es war wenige Tage vor der Geburt, ich bin die Treppe hinuntergestürzt ... ich habe geschrien ... Nonna Maria hat mich gehört und ist sofort gekommen ... wenn sie nicht gewesen wäre, wäre ich gestorben, und Pitrinu wäre mit mir gestorben ...«

Sie fing an zu weinen und tat nichts, um die Tränen zurückzuhalten.

»Sie war so gut! Sie erregte keinen Anstoß, nie haben wir einen Streit zwischen ihr und einem Freier gehört ...«

»Signora, sprach sie mit Ihnen über diese Freier?«

»Nie. Sie war verschwiegen wie ein Grab.«

»Sie können mir also nichts sagen.«

»Nonsi, nein, aber ich muss Ihnen etwas sagen. Das hat mir erst heute me’ figliu Casimiru gesagt, mein älterer Sohn ...«

»Was denn?«

»Es passierte vor ungefähr zehn Tagen. Nonna Maria hatte die Tür zu ihrem Zimmer geschlossen, und Casimiru kam gerade auf dem Weg nach Hause vorbei, als er hörte, wie Nonna Maria ihn rief, sie stand hinter dem halb geöffneten Fenster. Sie sagte zu Casimiru, er soll schnell ans Ende der Straße laufen und schauen, ob da ein Mann wäre, der wegging ... Casimiru rannte los und sah tatsächlich einen Mann, der sich entfernte. Er kam wieder zurück und berichtete es der Nonna. Da machte sie die Tür des Zimmers auf.«

»Anscheinend jemand, dem sie nicht begegnen wollte. Sie hatte ihn kommen sehen und die Tür geschlossen, wie sie es tat, wenn sie einen Kunden empfing.«

»Das habe ich mir auch gedacht. Was machen wir, erzählen Sie diese Geschichte oder soll ich sie erzählen?«

»Wem denn?«

»Signor Augello.«

»Dann sage ich ihm Bescheid, und Sie erzählen ihm alles haargenau.«

»Danke«, sagte Signora Gaudenzio und wurde knallrot.

Montalbano erhob sich, um zu gehen.

»Ich habe vor der Tür des Zimmers einen Blumenstrauß gesehen. Wissen Sie, wer ihn gebracht hat?«

»Preside Vasalicò.«

»Der Direktor des Gymnasiums?!«

»Sissignori. Er kam einmal die Woche. Als er verheiratet war ebenso wie als Witwer. Sie waren befreundet.«

»Warst du etwa bei Signora Gaudenzio?!«, fragte Mimì wütend.

»Ja. Ist das verboten?«

»Nein. Aber eines muss jetzt ein für alle Mal klar sein. Wer bearbeitet den Fall, ich oder du?«

»Du, Mimì. Wenn ich also etwas Brauchbares erfahre, behalte ich das für mich. In Ordnung so?«

»Sei doch nicht so blöd!«

»Du auch nicht. Beantwortest du mir eine Frage?«

»Klar.«

»Woran liegt dir mehr – den Mörder zu finden oder die Beine von Signora Gaudenzio zu erkunden?«

Mimì sah ihn an und musste grinsen.

»Nach Möglichkeit beides.«

»Mimì, du bist unverschämt. Apropos, wie heißt sie eigentlich?«

»Teresita.«

»Also, dann fahr schnell zu Teresita, bevor ihr Mann von seiner Schicht im Elektrizitätswerk nach Hause kommt. Sie wird dir sagen, dass Signora Maria einen Freier hatte, mit dem sie nichts mehr zu tun haben wollte. Oder mit dem sie gar nicht erst anfangen wollte, etwas zu tun zu haben.«

»Dottori? Darf ich was sagen?«, fragte Catarella und betrat Montalbanos Büro mit echter Verschwörermiene.

»Na gut.«

Catarella schloss die Tür hinter sich. Dann blieb er stehen.

»Dottori, darf ich richtig abschließen?«

»Na gut«, sagte Montalbano schicksalsergeben.

Catarella schloss die Tür ab, trat an den Tisch des Commissario, stützte sich mit den Händen darauf und beugte sich nach vorn. Er hatte etwas mit viel Knoblauch gegessen.

»Dottori, ich hab den Fall gelöst. Ich hab abgeschlossen, weil ich nicht will, dass die anderen neidisch werden, wenn sie hören, dass ich die Sache rausgekriegt hab.«

»Welche denn?«

»Die mit der Hure, Dottori.«

»Wie hast du denn das gemacht?«

»Gestern Abend hab ich einen Film im Fernsehen gesehen. Die Geschichte von einem, der in Amerika alte Huren umgebracht hat.«

»Ein Psychopath?«

»Nonsi, Dottori, so hieß er nicht. Ich glaub, er hieß Tschonni Fest oder so.«

»Und warum hat dieser Tschonni alte Huren umgebracht?«

»Weil sie ihn an seine Mutter erinnerten, und die war eine Hure. Da hab ich mir gedacht, dass die Sache ganz einfach ist. Sie, Dottori, müssen nur suchen, und dann ist alles gelöst.«

»Wen soll ich denn suchen, Catarè?«

»Einen Freier von der Hure, der der Sohn von einer Hure ist.«

Am Telefon machte Preside Vasalicò keinerlei Schwierigkeiten, er war sogar sehr entgegenkommend.

»Soll ich ins Kommissariat kommen?«

»Aber nein, Signor Preside. Ich komme etwa in einer halben Stunde zu Ihnen nach Hause. Passt Ihnen das?«

»Natürlich.«

Doch vorher wollte er noch in der Bar Pistone vorbeischauen. Serafino war nicht da. Signor Pistone, der an der Kasse saß, erklärte ihm, dass er dem Ärmsten wegen des Unglücks, das ihm zugestoßen war, eine Woche freigegeben hatte. Der Commissario ließ sich die Adresse des Kellners geben.

Preside Vasalicò war ein hagerer, eleganter Mann. Er bat den Commissario in ein Arbeitszimmer, das eine riesige Bibliothek war, rundherum nichts als Bücher an den Wänden.

»Sie kommen wegen der armen Maria, nicht wahr?«

»Ja. Aber nur, weil ich erfahren habe, dass Sie einen Blumen ...«

»Ganz genau. Und ich habe nichts getan, um mich vor der Signora zu verstecken, die im oberen Stock wohnt und die ich übrigens sehr gut kenne.«

»Suchten Sie die ... Suchten Sie Signora Maria schon lange auf?«

»Ich war achtzehn, sie war zehn Jahre älter. Sie war die erste Frau für mich. Dann, nachdem ich verheiratet war, habe ich sie weiterhin besucht. Nicht um ... sondern aus Freundschaft. Ich beriet sie. Meine Frau wusste es.«

»Worin berieten Sie die Signora?«

»Ach, wissen Sie, Serafino ist so ein lieber Mensch, aber er hat keine Ahnung. Ich habe mich um die Ausbildung der Söhne gekümmert ...«

»Was machen sie?«

»Einer ist Geologe, er arbeitet in Arabien. Der andere ist Ingenieur, er lebt in Caracas. Beide sind verheiratet und haben Kinder.«

»Wie war die Beziehung zwischen ihnen?«

»Zwischen den Söhnen und der Mutter, meinen Sie? Ausgezeichnet. Sie zeigte mir manchmal Fotos von den Enkelkindern, die sie ihr schickten ...«

»Besuchten sie ihre Eltern?«

»Ja, jedes Jahr, aber ...«

»Sprechen Sie nur.«

»Bis sie geheiratet haben. Vielleicht fürchteten sie, ihre Frauen könnten etwas erfahren, Sie verstehen. Sie litt darunter, und die Fotos waren ein Trost.«

»Hat sie Sie nur hinsichtlich der Ausbildung ihrer Söhne um Rat gefragt?«

Der Preside schien etwas zu zögern.

»Nein ... manchmal auch über mögliche Anlagen ...«

»Wovon?«

»Sie hatte ziemlich viel Geld.«

»Wie viel?«

»Genau weiß ich es nicht ... sechs, siebenhundert Millionen ... und dann gehörte ihr das Haus, in dem sie mit ihrem Mann lebte ... hier in Vigàta hatte sie drei oder vier Wohnungen, die sie vermietete ...«

»Verstehen Sie etwas davon?«

»Wovon?«

»Von Kapitalanlagen, Spekulationen ...«

»Ab und zu spekuliere ich an der Börse.«

»Haben Sie Signora Maria auch spekulieren lassen?«

»Niemals.«

»Sagen Sie, hat Signora Maria Ihnen manchmal Probleme anvertraut?«

»Wie meinen Sie das?«

»Nun, bei dem Beruf, den sie ausübte, war sie gewiss üblen Begegnungen ausgesetzt, nicht wahr?«

»Soweit ich weiß, war sie nie in Schwierigkeiten. Nur vergangenen Monat war sie nervös geworden ... zerstreut ... Ich fragte sie, was los sei, und sie antwortete, ein Kunde habe ihr unannehmbare Vorschläge gemacht, sie hatte ihn weggeschickt, aber er kam immer wieder und ließ nicht locker.«

Montalbano dachte an das, was Signora Gaudenzio ihm erzählt hatte, wie Signora Maria sich in ihrem Zimmer eingeschlossen und den kleinen Casimiru geschickt hatte, er solle nachsehen, ob ein bestimmter Mann wegging.

»Hat sie Ihnen den Namen des Kunden genannt?«

»Sie scherzen wohl! Sie war die Diskretion in Person. Es war schon sehr viel, dass sie mir überhaupt von dem Vorfall erzählt hat.«

Auf dem Weg zu Serafino sah er an den Hauswänden die schwarz umrandeten Todesanzeigen, noch feucht vom Leim. Sie kündigten an, dass die Trauerfeier für Signora Maria Castellino am folgenden Tag, am Sonntag, um zehn Uhr in der Kirche Cristo Re stattfand. Auch in Serafinos Wohnung wurde Sauberkeit groß geschrieben. Der über siebzigjährige Kellner der Bar Pistone hatte auf den Commissario immer wie eine Schildkröte gewirkt, jetzt wirkte er wie ein prähistorisches Fossil. Durch den Tod seiner Frau war er, eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit, noch mehr gealtert. Seine Hände zitterten.

»Denken Sie nur, Commissario, Maria hatte beschlossen, nicht mehr zu arbeiten. Einen Monat noch, dann wollte sie aufhören.«

»Hatte sie die Arbeit satt?«

»Satt? Nonsi. Sie tat es für mich.«

»Wolltest du nicht, dass sie weitermacht?«

»Meinetwegen hätte sie weitermachen können, solange sie Freier hatte. Nein, sie tat es für mich, damit ich nicht arbeiten musste.«

»Serafì, entschuldige, aber das verstehe ich nicht.«

»Sehen Sie, Commissario, ich arbeitete in der Bar, weil Maria eben dieses Leben führte. Ich arbeitete und verdiente mir mein Brot, damit keiner in der Stadt sagen konnte, ich würde mich wie ein Zuhälter von meiner Frau aushalten lassen. Deswegen haben mich alle respektiert, allen voran Maria, Gott hab sie selig, und dann meine Söhne.«

»Serafì, hat deine Frau dir vielleicht mal von einem Freier erzählt, der ...«

»Commissario, Maria hat nie von ihrer Arbeit gesprochen, und ich habe nie danach gefragt. Nur Preside Vasalicò, der erst ihr Freier war und dann ihr Freund wurde, war manchmal hier.«

»Warum?«

»Er und meine Frau redeten miteinander. Sie setzten sich ins Esszimmer und redeten über Geschäftliches, davon verstehe ich nichts. Ich bin dann hier ins Wohnzimmer gegangen und habe ferngesehen.«

»Serafì, ich habe deine Frau nicht gekannt. Hast du ein hübsches Foto von ihr?«

»Sissi. Sie hat es vor einem Monat machen lassen, um es unseren Kindern zu schicken.«

Signora Maria Castellino war eine schöne, ernste Frau gewesen. Nicht übertrieben geschminkt, aber sie hielt auf ihr Äußeres. Und nicht nur wegen ihres Berufs, dachte der Commissario. Sie war einfach eine Frau, die auf sich achtete, genau wie darauf, dass ihre Wohnung und ihr Zimmer sauber waren.

»Kannst du mir das Foto leihen?«

Als er das Haus verließ, sah er auf die Uhr. Es war schon neun Uhr abends. Er setzte sich ins Auto und fuhr nach Montelusa, wo sich die Büros und das Studio von »Retelibera« befanden. Er wartete, bis sein Freund Zito die Nachrichten beendet hatte, dann reichte er ihm die Fotografie der Toten und bat ihn um einen Gefallen.

Danach setzte er sich wieder ins Auto und fuhr nach Marinella, ohne vorher im Kommissariat vorbeizuschauen. Seine Haushälterin Adelina, die bei ihm sauber machte und für ihn kochte, hatte die Eigenart, nicht ans Telefon zu gehen (»das Telefon, lu tilefunu, bringt Unglück«). Deshalb hatte Montalbano ihr seine verfrühte Rückkehr nicht melden können. Er musste sich mit dem zufrieden geben, was er im Kühlschrank fand: grüne und schwarze Oliven, tumazzo, Sardellen. Er taute ein panino auf und trug das Essen auf die Veranda. Es war ein lauer Septemberabend, der ihm Ruhe und Zuversicht schenkte.

Um Mitternacht schaltete er den Fernseher ein. Zito hielt Wort. Im Lauf der Nachrichtensendung zeigte er Maria Castellinos Fotografie und sagte, Commissario Montalbano und dessen Vice Augello bäten im Zusammenhang mit dem Mord um Informationen. Sie appellierten dringend an die »Sensibilität der alten Freunde der Signora«, genau so drückte er sich aus. Sie garantierten absolute Diskretion, es sei nicht notwendig, persönlich ins Kommissariat zu kommen, es genüge, anzurufen oder zu schreiben. Sie sollten alles berichten, auch Dinge, die sie für unwichtig hielten.

Der Schachzug mit der »Sensibilität der alten Freunde« gelang prompt. Als der Commissario am folgenden Tag um acht Uhr morgens ins Büro kam, fragte er Catarella:

»Hat jemand angerufen?«

»Sissi, Dottori. Sechs Leute haben wegen dieser Geschichte mit der bottana sasinàta, der ermordeten Hure, angerufen! Die Namen hab ich auf den Zettel da geschrieben.«

Zu jedem Namen gab es eine Telefonnummer, ein Zeichen, dass sie ihren unregelmäßigen Kontakt zu der Frau vor niemandem zu verbergen brauchten. Am Ende der Gespräche zeigte sich, dass die befragten Kunden alle um die sechzig waren und nichts voneinander wussten.

Die Tür wurde aufgestoßen, Montalbano zuckte zusammen. Es war Catarella.

»Sind Sie fertig mit telefonieren, Dottori?«

»Ja. Warum bist du so hektisch?«

»Weil seit heute Morgen um sieben einer da ist, der ganz persönlich mit Ihnen selber reden will, auch wegen dieser Geschichte.«

»Wo ist er?«

»Im Wartezimmer.«

»Seit heute Morgen um sieben? Warum hast du mir nichts gesagt, als ich kam?«

»Wie Sie gekommen sind, haben Sie mich gefragt, ob jemand angerufen hat. Das hab ich Ihnen gesagt. Von dem Signore hab ich nichts gesagt, weil der nicht angerufen hat.«

Catarellas Logik war wie immer unerschütterlich. Der Mann, der sich dem Commissario vorstellte, war um die vierzig und gut gekleidet.

»Ich heiße Marco Rampolla und bin Kinderarzt in Montelusa. Ich komme wegen des Mordes an dieser armen Prostituierten.«

»Setzen Sie sich und erzählen Sie. Kannten Sie sie?«

»Ja. Ich war einmal bei ihr.«

Er hielt einen Augenblick inne.

»Um mit ihr zu sprechen. Um eine gemeinsame Strategie zu überlegen.«

»Eine gemeinsame Strategie? Wozu?«

»Wegen meines Vaters. Er ist völlig verrückt, auch wenn es nicht so scheint.«

»Sie sollten mir die Geschichte lieber so erzählen, wie Sie sie sehen.«

»Vor sieben Jahren starb Mamma. Ein Autounfall. Am Steuer saß mein Vater, der Mamma über alles liebte. Er hatte die fixe Idee, dass er schuld war ...«

»War es so?«

»Leider ja. Und seitdem ist er nicht mehr er selbst. Depressionen, religiöser Wahn, Zwangsvorstellungen ... Ich habe versucht, ihn behandeln zu lassen. Ohne Erfolg, es wurde von Tag zu Tag schlimmer. Ich bin Junggeselle, nicht mehr lange, und hatte kein Problem damit, ihn bei mir zu Hause zu haben. Er war ja auch für niemanden gefährlich. Doch vor etwa vier Wochen kam er ganz aufgeregt nach Hause. Er erzählte mir, er sei in Vigàta gewesen und habe Mamma getroffen. Plötzlich schlug sein Glücksgefühl in Verzweiflung um, er sagte, Mamma sei Prostituierte. Und dass er das nicht dulden könne. Ich erschrak. In Montelusa gibt es einen Privatdetektiv, ich nahm Kontakt zu ihm auf. Er berichtete mir drei Tage später, es gebe in Vigàta eine alte Prostituierte. Da war ich ernstlich besorgt, auch weil Papà jetzt manchmal gewalttätig war. Ich fuhr nach Vigàta und sprach mit dieser armen Frau. Sie sagte, dass sie einen befreundeten Schuldirektor genauestens über die Geschichte informiert hätte und dass dieser, sollte ihr etwas zustoßen, zur Polizei gehen würde. Ich riet der Signora, dafür zu sorgen, dass Papà ihr nicht mehr begegnete. Sie versprach, dass sie ihn nicht mehr empfangen werde. Und so war es auch, doch Papà wurde wegen ihrer Zurückweisung immer gewalttätiger.«

»Was wollte Ihr Vater konkret?«

»Dass die Frau ihren Beruf aufgibt und zu ihm zurückkehrt.«

»Wie können Sie ausschließen, dass es Ihr Vater war, der ...«

»Nun, am Tag bevor die Frau umgebracht wurde, gelang es mir, Papà nach Palermo in eine Klinik zu bringen. Er hat sie seitdem nicht verlassen.«

Er langte in seine Jackentasche und holte einen Zettel hervor.

»Hier habe ich die Adresse und die Telefonnummern der Klinik notiert. Sie können sich erkundigen.«

»Eine Frage: Warum fühlten Sie sich verpflichtet, mir diese Geschichte zu erzählen?«

»Es handelt sich um einen Mord, und da wollte ich nicht, dass Papàs Name ins Spiel kommt. Außerdem hätte dieser Preside, wenn er von der Frau informiert wurde, sehr wahrscheinlich mit Ihnen darüber gesprochen. Und Sie wären unabsichtlich auf eine falsche Fährte gesetzt worden.«

Als der Doktor gegangen war, machte sich Montalbano nicht die Mühe, in der Klinik anzurufen. Er war sicher, dass Marco Rampolla die Wahrheit gesagt hatte.

Er hatte sich überlegt, dass der Gottesdienst gerade vorbei sein musste, als er zur Kirche Cristo Re ging. Er hatte Recht gehabt. Zu beiden Seiten des Portals lehnte ein Dutzend Kränze. Der Sarg wurde, gefolgt von einem Menschenstrom, aus der Kirche getragen. Der Commissario ging hin und drückte Serafino, dessen Hals mittlerweile jahrtausendealte Falten aufwies, die Hand.

»Meine Söhne haben es nicht geschafft, rechtzeitig da zu sein. Sie haben mir versprochen, dass sie am zweiten November kommen, an Allerseelen.«

Montalbano wollte gerade gehen, als Preside Vasalicò ihn einholte.

»Ich muss mit Ihnen sprechen, Commissario.«

»Gehen Sie nicht im Leichenzug mit auf den Friedhof?«

»Ich halte es für sinnvoller, jetzt gleich mit Ihnen zu sprechen.«

Sie machten sich auf den Weg ins Kommissariat.

»Ich habe lange über unser gestriges Gespräch nachgedacht«, fing der Preside an, »und da ist mir bewusst geworden, dass ich bei einer Sache, die mir, wenn ich es recht bedenke, sehr wichtig erscheint, nicht ausführlich genug war.«

»Ich wollte Sie auch etwas fragen«, sagte Montalbano.

»Ja?«

»Es geht um einen Freier, ich erinnere mich jetzt nicht mehr genau, er soll der Signora unannehmbare Vorschläge gemacht haben, ich glaube, so haben Sie sich ausgedrückt. Waren das unannehmbare Vorschläge in sexueller Hinsicht?«

»Also so ein Zufall!«, rief der Preside. »Genau darüber wollte ich mit Ihnen sprechen! Nein, Commissario, das war einer, der sich in den Kopf gesetzt hatte, Maria sei seine Frau, und er wollte, dass sie zu ihm zurückkehrt. Ein Tobsüchtiger. Er hat sie blutig geschlagen. Zweimal. Deshalb kann es sein ...«

»Moment. Sie meinen, weil die Signora ihm immer wieder einen Korb gegeben hat, hat dieser Verrückte den Kopf verloren und sie umgebracht?«

»Das ist eine plausible Hypothese, oder?«

»Sehr plausibel. Aber warum haben Sie gestern nichts davon gesagt?«

»Ach, wissen Sie, ich hatte Skrupel. Bevor man jemanden beschuldigt, der sich dann möglicherweise als unschuldig erweist ...«

»Ich verstehe Ihre Skrupel. Und ich danke Ihnen. Wissen Sie den Namen dieses Mannes?«

»Maria hat ihn nicht erwähnt. Doch es dürfte für Sie nicht schwer sein ...«

Sie waren am Kommissariat angekommen.

»Ich danke Ihnen aufrichtig für Ihre Unterstützung«, sagte Montalbano.

»Pronto, Dottor Rampolla? Hier ist Commissario Montalbano. Können Sie sprechen?«

»Ja. Fragen Sie, was Sie möchten.«

»Hat Ihr Vater Ihnen jemals gestanden, dass er Signora Maria geschlagen hat?«

»Nein. Und ich glaube auch nicht, dass er das getan hat.«

»Warum nicht? Sie haben doch selbst gesagt, er sei in letzter Zeit ziemlich gewalttätig gewesen.«

»Wissen Sie, bei seinem Zustand und wie er mit mir redete, hätte er es mir gesagt, wenn er es getan hätte. Aber es gibt noch etwas: Als ich diese arme Frau aufsuchte, sagte sie nichts davon, dass sie von Papà geschlagen worden sei. Sie sagte, er hätte nicht lockergelassen und sie bedroht. Aber von Schlägen hat sie nichts erzählt. Das hätte sie getan, wenn sie geschlagen worden wäre, meinen Sie nicht? Und nach unserem Gespräch hat die Frau Papà nicht mehr getroffen, da bin ich vollkommen sicher.«

Was der Doktor berichtete, stimmte mit dem, was der Sohn von Signora Gaudenzio erzählt hatte, überein: Um diesem speziellen Freier nicht zu begegnen, schloss Maria sich sogar in ihrem Zimmer ein.

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