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Die Nacht der toten Seelen

Elsebeth Egholm

Die Nacht
der toten Seelen

Thriller

Aus dem Dänischen
von Kerstin Schöps und Max Stadler

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Wie in allen meinen Romanen habe ich auch in »Die Nacht der toten Seelen« die Wirklichkeit als Kulisse benutzt, der Plot und die Menschen aber sind reine Fiktion.

Ich habe mir allerdings in diesem Buch ein paar zusätzliche Freiheiten erlaubt, was das Setting anbetrifft: das Zisterzienserkloster Maria Hjerte auf Norddjursland und das alte Schloss Sostrup, deren Räume die Nonnen zum Teil als Ferienwohnungen vermieten. Das Kloster hat mich schon immer fasziniert. Und da meine Hauptperson Peter ein Tischler ist und in der Nähe wohnt, lag es nahe, ihm einen Auftrag im Schloss zu verschaffen und ihn auf diese Weise in die mystischen Begebenheiten zu involvieren.

Folgendes ist mir aber wichtig:

Ich habe die Nonnen zu keinem Zeitpunkt aufgesucht, darum kann keine der im Roman beschriebenen Personen den tatsächlichen Bewohnern der Anlage ähneln. Ich kenne das Kloster nur von außen, wie jeder andere neugierige Tourist. Ich habe mich auch nicht darum gekümmert, was in neuerer Zeit hinter den Mauern des Klosters geschehen ist. Auslöser für meine Geschichte waren allein der Schlossgraben, die dicken Mauern und die Mischung aus idyllischem Grusel und der Kraft des Glaubens.

Prolog

30. August, Korallentiefe, Kalø Bucht

Das Wasser war klar und sommerblau.

Die Boote mit den Tauchern verringerten ihr Tempo, Kim saß auf der Reling und sah über die flirrende Meeresoberfläche zur Burgruine auf der Insel Kalø. Das fühlrte sich alles so unwirklich an, als würde sich ihre Seele noch am Horn von Afrika befinden. Als würde jeden Augenblick ein Piratenboot am Horizont auftauchen können, und sie und ihre Kollegen würden das Kommando bekommen, es zu entern und die Besatzung zu übermannen. Alle Bewegungsabläufe, die für so eine Operation notwendig waren, waren in ihrem Körper einprogrammiert. Es musste nur ein einziger Knopf gedrückt werden und schon sprang die Maschine an.

»Okay. Wir sind da. Anker werfen.«

Ihre Muskeln unter dem Neoprenanzug spannten sich an. Das Gehirn pumpte Adrenalin in Arme und Beine. Aber ihr Chef war nicht Fregattenkapitän Herman Søderberg, sondern Korvettenkapitän Allan Vraa. Und sie war auch nicht im Einsatz als Elitesoldatin an Bord der Absalon, sondern Minentaucherin auf einem Sondereinsatz in der Korallentiefe in der Kalø Bucht. Sie musste ihre Waffe nicht griffbereit haben, weil sie durch ein unruhiges und kriegserschüttertes Fahrwasser fuhren, sondern sollte stattdessen die Fahrrinne in der friedlichen Kalø Bucht nach Minen absuchen.

Allan Vraa sah einer Segeljacht hinterher, die in der Bucht kreuzte. Zwei Kinder winkten den Minentauchern in ihrem Schlauchboot zu. Kirs Gedanken wanderte zu den deutschen Geiseln, die sie vor der somalischen Küste befreit hatten. Der eine Junge hatte auch so hellblondes Haar gehabt wie der Junge dort an Bord. Er hieß August, so wie der Monat, der bald vorbei sein würde.

»Nimm dich in Acht, dass du nicht aus Versehen ein paar unschuldige Touristen rettest«, sagte Alan Vraa augenzwinkernd. »Es ist schwer, sich das so schnell wieder abzugewöhnen.«

»Ja, es kribbelt mir schon in den Fingern.«

Er winkte den Kindern zu.

»Seid ihr bereit?«

Niklas und Kir sahen sich an. Dieser Auftrag war Pillepalle. Alle drei Jahre orteten und entsorgten sie Munition aus dem Fahrwasser in der Kalø Bucht. Vor ein paar Jahren erst hatte die Abteilung für Munitionsbergung und Kampfmittelräumung ihre Arbeit beendet, die Relikte aus der Besatzungszeit zu entfernen. Jetzt ging es um die Munition, die an den Stellen lag, wo der Meeresboden steiler abfiel. Denn sie drohte durch den Sog, den die großen Kähne auf ihrem Weg zum Kohlekraftwerk in Studstrup verursachten, in Bewegung zu geraten. Kir hatte den Spaß nicht von Anfang an miterleben können. Sie war erst vor zwei Tagen in Karup gelandet, nachdem sie ihren sechsmonatigen Einsatz in Afrika beendet hatte, der ursprünglich nur drei Monate hätte dauern sollen. Das war ihr erster Arbeitstag in der Heimat.

Sie justierte ihre Tauchermaske ein letztes Mal. Dann hob sie den Daumen und ließ sich rückwärts in die Tiefe fallen. Und in diesem Augenblick, als sie in das Meer tauchte, an dem sie aufgewachsen war und das sie mit seiner immer etwas unterkühlten Art empfing, fühlte sie es.

Sie war nach Dänemark zurückgekehrt.

Sie waren zu acht in ihrer Mannschaft und tauchten im Schichtwechsel – kein Taucher durfte in diesen großen Tiefen länger als vierzig Minuten arbeiten. So war es ihnen gelungen, bereits ein ordentliches Stück der Bucht abzudecken.

Die letzten zehn Minuten ihrer Schicht am Meeresgrund träumte Kir von ihrem Thunfischsandwich, das sie sich mitgenommen hatte. Sie liebte es, in zwanzig Metern Tiefe durchs Wasser zu gleiten, die Flundern dabei zu beobachten, wie sie sich schnell im Sandboden vergruben, oder unterwegs einem Dorsch oder Aal zu begegnen. Wie braune und grüne Zungen ragte Tang aus dem Boden und fing die Sonnenstrahlen ein. Und es war still. Auch sie bewegte sich lautlos. Die Ausrüstung von Minentauchern fing den Großteil der Atemluft wieder auf. Die Luftbläschen wurden durch einen Behälter geführt, der sie zerdrückte und so klein machte, dass nur noch ein ganz schwaches Rauschen zu hören war. Auch die Schlauchboote waren alle geräuscharm und nicht magnetisch, damit die Zünder der Minen nicht aus Versehen ausgelöst wurden. In der Kalø Bucht lagen zwar keine Minen mehr, dafür aber ein Haufen Granaten, Fliegerbomben und Handwaffenmunition. Die Minentaucher sollten nur Munition entfernen, die ein Gesamtgewicht von fünfzig Kilo überstieg. Ansonsten würde dieser Auftrag niemals abgeschlossen werden.

Kir stieß sich mit den Schwimmflossen vorwärts und ließ die Hände durch den Tang, die Pflanzen und den Sand gleiten. Ein Stück vor ihr sah sie eine Art Lichtung, als hätte jemand einen Krater gesprengt und alles Leben zerstört. Dort war nur sandiger Meeresboden. Sie kannte diesen Krater, denn sie war schon einmal hier gewesen, aber die Beschaffenheit des Bodens änderte sich ständig. Die Strömung bewegte den Sand, und so konnte jederzeit wieder etwas Neues auftauchen.

Sie schwamm näher heran. Es lag auch tatsächlich etwas in der Mulde, sie untersuchte es genauer. Es fühlte sich an wie die Ecke einer Holzkiste. Sie begann, den Sand wegzuschaufeln. Es dauerte eine Weile, die Kiste freizulegen. Sie war mit einem Metallbeschlag und einem Vorhängeschloss versehen, und auch die Ecken waren mit Metallkanten besetzt.

Das wird nichts Besonderes sein, sagte sie sich, während sie die Kiste ausgrub. Die Kiste war ganz sicher weder mit Granaten noch mit Waffen gefüllt. Es gab bestimmt eine ganz natürliche Erklärung, warum sie hier am Meeresgrund lag.

Nachdem sie die Kiste endlich freigelegt hatte, machte sie sich an den Aufstieg und wurde von einem überraschten, aber fröhlichen Allan Vraa in Empfang genommen, der ihr die mystische Kiste mit den Worten abnahm:

»Du bist echt wie ein kleiner Labrador. Du hast die besondere Eigenschaft, die wildesten Sachen wiederzufinden.«

»Ein Labrador ist ein Apportierhund«, belehrte ihn Kir, während sie sich wie ein nasser Wal an Bord des Schlauchbootes rollen ließ. »Das setzt voraus, dass jemand einen Gegenstand weggeworfen hat, der apportiert werden soll.«

»Ganz genau«, sagte Allan Vraa. »Jemand hat diese Kiste hier verloren, damit du die Gelegenheit bekommst, zu brillieren und sie wiederzufinden.«

»Das muss aber ein sehr geduldiger Mensch gewesen sein«, erwiderte Kir. »Ich glaube, die liegt hier schon seit Jahren.«

Die Kiste war mit Muscheln und Algen bewachsen. Und sie sah schief aus, als würden nur die Metallecken sie noch zusammenhalten.

»Was da wohl drin ist?«

»Wir können ja mal nachsehen«, sagte ihr Chef.

»Pass bloß auf. Es könnte etwas Gefährliches sein«, neckte sie ihn. »Vielleicht ist es etwas Ansteckendes. Ein alter Virus, wie in Tutanchamuns Grab?«

»Quatsch«, sagte Allan Vraa, als er das Schloss aufhebelte. Er hob den Deckel hoch und sie beugten sich neugierig über den Inhalt der Kiste.

»Was zum Teufel … Das glaube ich jetzt nicht …«

Kir sah ungläubig in die Kiste.

»Knochen?!«

»Und die sehen nicht aus wie Tierknochen«, sagte Vraa.

Vorsichtig hob Kir einen der Knochen hoch.

»Ein Oberschenkel?«

Sie drehte ihn hin und her. Der Knochen war ganz gelb, so alt war er. Man konnte auch einen geheilten Bruch erkennen.

»Und was ist das?«

Vraa zeigte auf den Knochen.

»Eine Zahl. 31.«

Sie betrachtete den restlichen Inhalt der Kiste.

»Die sind alle nummeriert.«

»Perverse Sau!«, Vraa schüttelte den Kopf. »Erst skelettiert er sein Opfer und dann nummeriert er dessen Knochen. Pfui Teufel!«

»Wir wissen doch gar nicht …«, versuchte Kir einzuwenden. »Es kann doch auch eine andere Erklärung dafür geben.«

Vraa sah sie streitlustig an.

»Und wie sollte die lauten?«

Sie schwieg. Ihr fiel auch nichts ein.

»Mach die Kiste wieder zu«, sagte ihr Chef. »Und ruf die Polizei in Århus an und sag denen, dass wir was Interessantes für sie haben.«

Gjerrild Klippe
Abend

Peter las Catos SMS und sprang aus dem Bett. Das Mädchen, das neben ihm gelegen hatte, setzte sich auf. Ihr Haar war zerzaust und das Make-up verschmiert. Sie zog die Decke über ihre nackten Brüste.

»Was ist denn los?«

Er zog sich schnell die Klamotten an.

»Du musst jetzt leider gehen.«

Sie sah ihn verwirrt an, begann dann aber, sich langsam anzuziehen. Ihre Mundwinkel zuckten.

»Was bist du denn für ein komischer Typ?«

Sie hieß Lykke und er hatte sie in der Diskothek Summertime kennengelernt. Sie war nichts für ihn und er war nichts für sie, aber das hatten sie sich beide noch nicht eingestanden. Der Sex war ganz okay, aber es fehlte etwas. Das Wichtigste.

»Nimm das nicht persönlich. Aber es kommt gleich jemand.«

»Deine Freundin?«

Sie war verletzt. Er wusste aber, dass es nur vorübergehend war. Morgen würde sie genauso erleichtert sein wie er.

»Ich habe keine Freundin, das weißt du doch. Jetzt beeil dich, sonst …«

»Sonst was?«

Er blieb keine Zeit für Diplomatie.

»Hör mal zu. Du bist ein süßes Mädchen. Das ist alles meine Schuld.«

Er warf die Arme in die Luft. »Ich will gerade einfach niemanden so nah an mich ranlassen, okay?«

Zum Glück hatte sie ihr eigenes Auto dabei. Fünf Minuten später fuhr sie aus der Einfahrt und aus seinem Leben.

Dann las er die SMS ein zweites Mal. Cato hatte nur gemeldet, dass seine Feinde auf dem Weg zu ihm waren. Darauf hatte er lange gewartet. Jetzt ging es also los.

Peter sah auf die Uhr. Es war elf Uhr, und die Klippe und das Meer waren in tiefes Dunkel gehüllt. Ihm blieb noch höchstens eine halbe Stunde.

Er nutzte die Zeit, um sein Alarmsystem zu überprüfen. Er nahm den Hund mit auf seine Kontrollrunde und inspizierte die Bewegungsmelder, die er in einem Abstand von etwa 100 Metern um sein Haus auf der Klippe herum installiert hatte. Die Leitungen hatte er verlegt, sie führten ins Haus und waren mit zwei Uhren und vier Vibratoren verbunden. Die Bewegungsmelder waren das erste Bollwerk gegen Ricos Soldaten, die zweifellos auf ihren röhrenden Motorrädern mit dem gesamten Arsenal an Waffen, Erkennungszeichen und Muskelkraft angerückt kommen würden. Man konnte so einiges über die Bandenmitglieder sagen, aber diskret konnte man sie nicht nennen.

Sie würden zu sechst kommen, hatte ihn Catos Nachricht gewarnt. Sechs Männer. Sechs Rächer aus dem Clubhaus der Rockerbande Midnight Cowboys in Århus. Das war der Preis, den er zahlen musste, weil er im vergangenen Winter ihren Anführer in einem Wald in Lisebjerg ermordet hatte. Die Tat war unvermeidlich gewesen, und von ihr hatte der jetzige Anführer Rico auch durchaus profitiert. Das juristische Nachspiel hatte zum Glück ein gutes Ende genommen und er war wegen Notwehr freigesprochen worden. Aber die Rechnung mit den Mitgliedern der Rockerbande war noch nicht beglichen. Sie hatten einen Ehrenkodex, dem sie Treue geschworen hatten. Das hatte er die ganze Zeit gewusst. Seine Gäste hatten von ihm zwar keine nette Einladung erhalten, wurden aber deswegen nicht weniger gespannt erwartet.

Nachdem er sich versichert hatte, dass alle Kabel richtig lagen und verbunden waren und die Anlage funktionierte, kümmerte er sich um das nächste Element seiner Verteidigungsanlage. In einer Entfernung von etwa 50 Metern hatte er entlang der Zufahrtswege und in mehreren Verstecken hinter Büschen und Bäumen insgesamt sieben schnurlose Klingeln angebracht. Die batteriebetriebene Fernbedienung trug er immer bei sich, wenn er sich im Haus aufhielt. Er hatte die Leitung gekappt, die das Klingelzeichen auslöste, und hatte sie stattdessen an eine altmodische Glühbirne gelötet, deren Glashülle er vorsichtig zerdrückt hatte. Jede dieser Glühbirnen befand sich in einer Plastiktüte mit etwas Schwarzpulver aus Knallern, die er in 1,5 Literflaschen voller Benzin gesteckt hatte.

Er überprüfte jede der sieben Brandbomben und versicherte sich, dass sie nicht versehentlich von Tieren umgestoßen oder von Spaziergängern gestohlen worden waren. Obwohl er sehr zurückgezogen in dem einsamen Haus auf der Klippe wohnte, zog die Gegend doch vor allem Naturinteressierte an, die sich die Vogelwelt ansehen, angeln oder einfach die raue Natur auf Djursland genießen wollten. Aber alle Flaschen standen dort, wo er sie platziert hatte. Sein Alarmsystem war einsatzbereit.

Als er ins Haus zurückkam, sah er erneut auf die Uhr. Seine Inspektion hatte ihn eine Viertelstunde gekostet. Die letzte Viertelstunde verbrachte er damit, alle Ketten, Bolzen und Schlösser der Fenster und Türen im Erdgeschoss zu kontrollieren. Dann löschte er das Licht unten, die Lampen draußen am Haus und ging mit dem Hund ins Obergeschoss.

Er hatte seine schweren Stiefel anbehalten. Dann zog er die schusssichere Weste unter die Camouflagejacke und kniete sich hin, um eines der niedrigen Bücherregale beiseite zu schieben. Seine Büchersammlung war im Laufe der vergangenen Jahre ansehnlich gewachsen. Sein Chef Manfred und er hatten so manchen Klassiker gelesen und sich darüber ausgetauscht.

Er öffnete den verborgenen Raum in der Abseite durch einen leichten Druck auf die obere rechte Ecke. Darin hatte er einen Stoffbeutel mit einem Jagdgewehr versteckt, das er sich von einem von Mattis Kontakten gekauft hatte. Er hatte zwar keinen Waffenschein mehr, aber die Waffe hatte er sich als eine Art force majeure, als Notlösung besorgt. Denn die Polizei konnte und wollte ihn nicht beschützen. Sie hatten nicht die nötigen Ressourcen, und er zog es außerdem vor, die Angelegenheit alleine zu regeln. Und dafür war eine Waffe unablässig, und seine Wahl war auf das Gewehr gefallen.

Er legte fünf Patronen ins Magazin und spannte den Hahn. Das Klicken war deutlich zu hören, als die erste Patrone in die Kammer geführt wurde. Den Karton mit der Munition stellte er auf den Tisch. Dann griff er nach seinem Jagdfernglas mit Nachtsichtfunktion und montierte es auf den Gewehrlauf. Er löschte das Licht im Obergeschoss, öffnete die beiden Fenster in den Dachschrägen, die nach Süden zeigten, und ließ auch die Balkontür offen stehen. Es war eindeutig ein Vorteil, in einem Haus am Kattegat zu leben: Der Feind konnte nicht von der Wasserseite kommen.

Er stellte sich ans Fenster, das auf die kurze Stichstraße zeigte und wartete. Das Gewehr ruhte auf dem Fenstersims und alle seine Sinne waren in Alarmbereitschaft.

Die Dunkelheit war noch kompakter geworden. Die Welt hatte sich zur Ruhe gelegt, aber diese Ruhe hatte etwas Beunruhigendes.

Endlich hörte er sie. Er konnte an den Geräuschen zwar die Harleys, nicht aber ihre Anzahl raushören und musste sich auf Catos Wort verlassen, wie viele es sein würden. Er spannte seine Muskeln an und lehnte sich gegen die Fensterkante. Der Hund auf dem Lammfell in der Ecke knurrte.

Peter zählte die Sekunden. Das Motorengeräusch kam immer näher. Die Luft bebte.

Dann begannen die Bewegungsmelder Signale zu geben, die Vibratoren schnurrten. Sie waren also nur noch hundert Meter vom Hause entfernt.

Er nahm die Fernbedienung aus der Tasche und behielt sie in der Hand. Mithilfe des Nachtsichtgerätes konnte er sie sehen. Die sechs Motorräder näherten sich in gleichmäßigem Abstand. Neunzig Meter. Achtzig Meter. Fünfundsiebzig Meter. Er legte den Finger auf den Auslöser.

Als sie bei der Fünfzig-Meter-Marke waren, drückte er auf den Knopf. Puff, machte es, als die kleine Flamme das Benzin in den Flaschen entzündete. Der erste Motorradfahrer wurde zu einer lebenden Feuerkugel, die hin und her schlingerte. Er betätigte den Knopf ein zweites Mal und das Schauspiel wiederholte sich. Jetzt fuhren zwei Feuerkugeln durch die sommerliche Dunkelheit. Und die Schmerzensschreie übertönten die Motorengeräusche.

Die Motorräder bremsten. Er hörte aufgebrachte Stimmen, konnte aber nicht verstehen, was sie sagten. Dafür konnte er das Szenario deutlich im Schein der Benzinfeuer sehen. Die vier unverletzten Rocker versuchten fieberhaft, ihre Kumpel zu retten, indem sie die Männer auf dem Boden rollten und die Flammen austraten. Dann hallten Schüsse durch die Nacht. Eins. Zwei. Drei. Ein halbherziger Versuch, das Gesicht in einer Schlacht zu wahren, die sie schon längst verloren hatten. Peter antwortete mit Schweigen.

Die beiden brennenden Motorräder blieben als enorme Fackeln zurück, als die Kollegen mit ihren verletzten Kumpeln auf den unbeschädigten Maschinen flohen. Bloß weg von dieser verdammten Klippe in der hintersten Ecke von Dänemark, wo ein Wahnsinniger gerade ein Attentat auf sein Leben abgewehrt hatte, sechs Männer gegen einen. So würden sie denken, nahm Peter an. Wenn sie überhaupt dachten. Auf jeden Fall würden sie so schnell nicht wieder kommen.

Aber erst nachdem sie seine Klippe verlassen hatten, das Feuer erloschen war und die Stille sich wieder über die Klippe gesenkt hatte, ließ er sein Gewehr sinken, schloss die Fenster und ging nach unten, um dem Hund etwas zu essen zu geben.

Am darauffolgenden Nachmittag
In einem Pflegeheim in Grenå

»Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Opa.«

Mark Bille Hansen beugte sich über den Mann im Rollstuhl und überbrachte so seine Botschaft. Sein Opa, der an diesem Tag fünfundneunzig wurde, packte ihn kräftig an den Ellenbogen und stieß ihn von sich weg.

»Ich muss deinen Mund sehen, wenn du sprichst, Mark, sonst kann ich dich nicht hören.«

Eigentlich hatte Mark gar keine Zeit, den Geburtstag des Alten zu feiern. Am Abend zuvor hatte es einen Schusswechsel an der Gjerrilds Klippe gegeben, und man hatte zwei ausgebrannte Motorräder gefunden. Alle wussten, dass es mit Peter Boutrup und seinen Feinden der Rockerbande zu tun hatte, aber Boutrup schwieg hartnäckig. In so einer Situation hätte Mark als Dienststellenleiter der Polizei Grenå vor Ort sein müssen, aber stattdessen stand er in diesem Pflegeheim. So wie er es seiner Mutter versprochen hatte, die immer ihren Willen bekam.

Er wiederholte seine Glückwünsche mit übertriebenen Lippenbewegungen.

»Vielen Dank. Du musst mich nicht anschreien!«

»Es gibt Kuchen«, sagte in diesem Augenblick zum Glück jemand.

Eine unscheinbare Frau schob einen Tisch auf Rollen herein, sie erinnerte Mark an eine Schildkröte.

»Wo sind die fünfundneunzig Kerzen?«, fragte Marks Großvater.

»Das meinst du doch nicht im Ernst?«, erwiderte Marks Mutter. »Die würdest du doch nie im Leben auf einmal auspusten können.«

»Natürlich kann ich die auspusten. Ich kann euch allen das Licht auspusten, wenn ich will. Raus mit euch! Raus!«

Das Geburtstagskind fuchtelte mit den Armen. Marks Mutter nahm den Rollstuhl und fuhr ihren Vater ein Stück zur Seite. Die anderen Gäste warteten ungeduldig darauf, dass der Kuchen verteilt und die Zeremonie überstanden war, damit sie so schnell wie möglich vor dem verrückten Alten fliehen konnten.

Mark hörte, wie seine Mutter ihren Vater beschwichtigte.

»Jetzt komm schon, Vater. Das ist doch nur dieser eine Tag. Du hast dich so darauf gefreut.«

»Es ist mir zu viel Lärm.«

»Du hörst doch gar nicht mehr so gut.«

»Lärm kann ich sehr gut hören.«

»Komm, iss ein Stück von dem Kuchen.«

Sie gab Mark ein Zeichen, dass er ihr einen Teller mit Kuchen holen sollte. Mark schnitt ein Stück an und brachte ihn seinem Großvater. Der griff gierig nach dem Teller und war kurz darauf in den Verzehr des Kuchens versunken.

Mark sah sich im Zimmer um. Er mochte seinen Großvater sehr. Es gefiel ihm, dass er sich über die Geburtstagspläne seiner Mutter beschwerte. Er hasste Geburtstagsfeiern auch, und seine Mutter hatte leider die Tendenz, alles zu übertreiben.

Da kam ihm ein Gedanke.

»Wollen wir eine Runde drehen, Opa?«

Dieses Mal war Mark sicher, dass der alte Mann seinen Mund sehen konnte. Er nickte.

»Kannst du mich nicht nach Tirstrup fahren? Zum Flughafen?«

Eigentlich hatte Mark an die langen Gänge im Pflegeheim gedacht und eventuell an eine kleine Runde durch den Garten, um den anderen Gästen und dem Lärm zu entkommen und an der frischen Luft zu sein. Aber da packte ihn der Trotz, er nickte und drehte den Rollstuhl herum.

»Wir drehen mal ne kleine Runde«, verkündete er dem Kreis der Gäste, die alle sichtbar erleichtert schienen. Sogar seine Mutter nickte und winkte ihnen zu. Wahrscheinlich ging auch sie davon aus, dass es sich um einen kleinen Spaziergang in der Anlage handeln würde.

Aber stattdessen schlich Mark mit seinem Großvater auf den Parkplatz, wo er ihm in den Beifahrersitz half, den Rollstuhl zusammenklappte und sie sich auf den Weg nach Tirstrup machten.

»Willst du wegfliegen?«, fragte Mark.

»Nee«, sein Großvater nuschelte und kaute an Kuchenresten, die noch zwischen den Zähnen klebten. »Ich will nur raus an die Luft.«

»Und über die Deutschen schimpfen?«

Sein Großvater lachte. Es klang fast wie ein Schluchzen.

»Ich will raus und meiner Kameraden gedenken.«

»Die im Krieg gefallen sind?«

»Und denen, die nach dem Krieg gestorben sind.«

Er sah Mark an.

»Die sollte man niemals unterschätzen. Die Toten. Aber dahinter kommt man erst, wenn man alt wird.«

Und dann sagte er wie zu sich selbst:

»Die haben nämlich die Angewohnheit zurückzukehren.«

Kapitel 1

Zwei Monate später

Peter strich mit der Hand über den neuen Türrahmen des Klavierzimmers, er war zufrieden mit seiner Arbeit.

»Das hält«, murmelte er.

»Das hält? Na, das wollen wir doch mal hoffen. Sonst wäre es ja verlorene Liebesmüh und auch verlorenes Geld.«

Er sah hoch. Schwester Beatrice hatte aufgehört, Klavier zu spielen, und musterte ihn. Ihre Mundwinkel umspielte ein schelmisches Lächeln. Aber ein Lächeln, das nicht wirklich erlaubt war und auch schnell wieder unter Kontrolle gebracht wurde.

»Das ist nur so eine Redensart«, sagte er.

»In der wirklichen Welt, nehme ich an?« Sie zeigte aus dem Fenster der Klosteranlage. »Dort draußen?«

Er erwiderte ihr Lächeln. Sie war eine der Nonnen, mit der ihm der Umgang leicht fiel. Und wenn er länger darüber nachdachte, hatte sich zwischen ihnen etwas entwickelt, das einer Freundschaft ähnelte.

Sie erhob sich und kam auf ihn zu. Die weiße Nonnentracht – für die es bestimmt einen Fachausdruck gab – schmiegte sich eng an ihren Körper, der üppige Kurven zu bieten hatte, die man am liebsten nicht sehen und schon gar nicht bewundern sollte. Ihr Gesicht drohte erneut einem Lächeln nachzugeben. Die Äbtissin hatte es mit ihr wahrscheinlich nicht so leicht, schließlich sollten die Nonnen immer schweigsam und ins Gebet vertieft sein. In diesem Kloster wurde rund um die Uhr gebetet, hatte er sich sagen lassen. Zu jeder Tages- und Nachtzeit, da konnte man sicher sein, hielt mindestens eine der Schwestern die Fahne hoch und den Kontakt zu ihm da oben lebendig.

Wie Schwester Beatrice ausgerechnet in diesem Kloster gelandet war, konnte er nicht verstehen. Sie war jung, Mitte zwanzig. Überhaupt waren die Nonnen gar nicht so alt, wie er angenommen hatte. Und sie kamen aus aller Herren Länder. Oft hatte er ihr gedämpftes Lachen in den Gängen gehört und ihre Augen blitzen und lächeln gesehen. Aber niemand von ihnen überbot Schwester Beatrice an Fröhlichkeit.

Ihr Gesicht verriet jede Regung, die in ihr vorging. Und die waren vielfältig, von Albernheit und Gekicher bis Betroffenheit und Milde. Peter hatte im Verlauf des Sommers einige Male das Vergnügen gehabt, sie zu beobachten, während er im Auftrag der Rimsø-Tischlerei diverse Reparaturarbeiten an den Gebäuden durchgeführt hatte. Ein noch viel größeres Vergnügen war es allerdings gewesen, sich mit dieser jungen deutschen Nonne zu unterhalten, deren Dänisch perfekt war. Sie hatten über alles Mögliche gesprochen, von Glaube, Hoffnung und Liebe über den ausgeprägten Geruchssinn von Hunden bis hin zu dem Unterschied zwischen einer Metallsäge und einem Hobel. Ihre Augen und ihre Stimme hatten dabei immer ehrliches Interesse verraten. Und sie hatte Gespür bewiesen für diese haarfeine Grenze zwischen der Nähe einer freundschaftlichen Begegnung und einer Nähe, die darüber hinausging. So wie in diesem Augenblick, wo innerhalb einer Millisekunde aus Spaß Ernst wurde.

»Und ihr habt die meisten einfangen können?«

»Die sind einfach zu überreden. Sie haben keine Vorstellung davon, was Freiheit ist.«

»Haben die ein Glück!«, sagte sie und sah ihn dabei mit einem Blick an, der mehr sagte als tausend Worte.

Er hatte ihr von den frühmorgendlichen Ereignissen in Gjerrild erzählt: Einige Tieraktivisten hatten in der Nacht die 6000 Tiere in Henrik Hansens Nerzfarm aus ihren Käfigen befreit und die Tochter des Besitzers niedergeschlagen, als sie die Täter verfolgen wollte. Nachbarn und Freunde hatten die Nacht und die frühen Morgenstunden damit verbracht, die Nerze wieder einzufangen, aber noch liefen ein paar Hunderte frei herum.

»Aber die kommen allein in der Wildnis gar nicht zurecht«, sagte er.

»So viel zum Traum von der Freiheit.«

Der Unterton gefiel ihm nicht. Meinte sie sich oder ihn damit? Er musterte sie scharf, aber ihr Gesicht verriet nicht, was in ihr vorging. Dann wechselte sie erneut das Thema, was sie meisterhaft beherrschte.

»Es ist noch so friedlich hier.«

Sie machte eine Kopfbewegung, die erneut hinaus in die Wirklichkeit zeigte. Die war in diesem Fall der Innenhof des Klosters, der in zunehmender Dunkelheit gerade von einem peitschenden Regen und Wind aus Nordwesten heimgesucht wurde.

»Noch?«

»Heute Nacht begegnen sich die Toten und die Lebenden. Wenn man den Geschichten Glauben schenkt.« Ihre Stimme war viel weicher geworden. Ihr Gesicht leuchtete. »In unserer Kirche feiern wir unsere Heiligen am 31. Oktober. Aber bei euch geht es um die Seelen. Die lebenden und die toten.«

»Die Nacht der toten Seelen?«

Sie nickte.

»So kann man das ruhig nennen. Wenn du jemanden hast, dem du wieder begegnen möchtest, solltest du die Augen offen halten.« Ihre Augen blitzten fröhlich. »Ach ja, du glaubst ja nicht an so etwas.«

Sie veränderte ihre Stimme und zitierte ihn mit einem tiefen Bass: »Was ist, das ist. Alles andere ist Aberglaube.«

Peter begann sein Werkzeug einzupacken. Er lächelte unfreiwillig, während er Hammer und Schraubenzieher einsortierte. Sie war das sonderbarste Mädchen, dem er seit My begegnet war. Seiner Freundin aus gemeinsamen Kinderheimtagen. Aber auf eine ganz andere Art und Weise sonderbar. My war ein angeschossenes Vögelchen, eine verletzliche Seele gewesen, Beatrice hingegen war wie ein kleiner runder Geist mit Lachgrübchen, der ihm gute Laune machte.

»Meinetwegen«, sagte er und richtete sich auf. »Ich könnte ja mal eine Ausnahme machen und zu so einem Treffen gehen. Nur zur Sicherheit.«

Sie neigte den Kopf zur Seite und durchbohrte ihn mit ihrem ein wenig triumphierenden Blick.

»Der Mann ist doch nicht nur rational veranlagt. Er hat auch Gefühle. Lässt sich ein Herz erahnen, das für jemanden schlägt, den er gerne um Mitternacht auf dem Friedhof wiedersehen möchte?«

»Aha, dort findet es also statt?«

»Traut man dem Aberglauben, wie du ihn nennst, ja.«

Er legte das letzte Werkzeug in den Kasten und stand auf.

»Ich kann ja mal mit dem Hund eine Runde drehen und sehen, ob da jemand auf den Gräbern tanzt.«

Sie rannte ihm hinterher, als er zum Abschied salutierte und sich zum Gehen wandte.

»Warte. Hier.«

Sie wühlte in ihrer Tasche, dann nahm sie seine Hand, drückte ihm etwas hinein und schloss seine Finger darum.

»Nur zur Sicherheit. Du brauchst es dringender als ich.«

Erst unten im Garten öffnete er die Hand und betrachtete den Gegenstand, den sie ihm gegeben hatte. Es war ein Rosenkranz. Schwarze Perlen. Er hatte beobachtet, wie sie ihn sich um die Finger gewickelt und dabei unverständliche Worte gemurmelt hatte.

Er zögerte einen Moment, überlegte, ob ihm das wirklich helfen könnte. Höchstwahrscheinlich nicht, war seine Schlussfolgerung. Trotzdem steckte er ihn sich in die Hosentasche.

Dabei bemerkte er eine Gestalt, die quer über den Innenhof lief, hinunter zum Wassergraben. Ohne darüber nachzudenken, folgte er ihr, sah, wie die Person die Brücke über den Graben überquerte und Richtung Kräutergarten lief. An der Tracht erkannte er Schwester Melissa, ein achtzehnjähriges Mädchen – die einzige Dänin im Kloster –, die dort eine Art Praktikum absolvierte. Darum hatte ihre Tracht auch eine andere, etwas dunklere Farbe als die weiße der anderen Zisterzienserinnen. Melissa wollte gar keine richtige Nonne werden, hatte sie ihm erzählt. Aber sie wollte ein ganzes Jahr in der Abgeschiedenheit des Klosters verbringen, und die Äbtissin war ihrem Wunsch entgegengekommen.

Beatrice und Melissa hatten ein besonderes Verhältnis. Das war ihm aufgefallen, auch wenn es unausgesprochen blieb. Aber Blicke konnten so einiges verraten und besonders die von Schwester Beatrice. In seinem Kopf tauchte das Wort Zuneigung auf. Ein altmodisches Wort, aber irgendwie passte es. Er zögerte, blieb stehen und sah Melissa hinterher. Sollte er ihr folgen und seine Hilfe anbieten? Vielleicht den Regenschirm aus dem Auto holen? Sollte er sie warnen, dass der Regen noch zunehmen würde und sie vollkommen durchnässt werde, denn es war ein ganzes Stück bis zum Kräutergarten.

Er wollte ihr gerade nachgehen, als sich eine zweite Gestalt aus der Dunkelheit löste. Es war ein Mann, aber durch den Regenschleier hindurch nicht genauer zu erkennen. Sie standen dicht beieinander. Schwester Melissa wirkte aufgebracht. Sie fuchtelte mit den Armen und warf ihren Kopf von rechts nach links. Der Mann – dunkle Hose und eine dunkle, kurze Jacke – blieb ganz ruhig, wirkte aber dennoch bedrohlich. Er griff Melissas Ellenbogen und führte sie weg. Es war nicht zu erkennen, ob sie freiwillig mitging.

Peter spürte Unruhe in sich aufsteigen, und einen kurzen Augenblick lang erwog er, den beiden zu folgen und einzugreifen. Aber in was eingreifen? Ein geheimes, privates Treffen? Einen Streit? Außerdem hatte er einen Grundsatz, dem er eigentlich immer treu blieb. Er wollte sich in nichts mehr einmischen, das ihn nichts anging. Und wen Schwester Melissa traf, ging nur sie etwas an.

Dennoch blieb er wie angewurzelt stehen, bis die beiden aus seinem Gesichtsfeld verschwunden waren. Dann packte er seinen Werkzeugkasten und fuhr nach Hause zu seinem Hund.

Es war spät geworden. Er hatte sein Alarmsystem erneut inspiziert und seine Matratze auf den Balkon gezogen, als ihm der Rosenkranz wieder einfiel, den Schwester Beatrice ihm geschenkt hatte, und ihre Worte über die Nacht der toten Seelen.

Er nahm den Rosenkranz in die Hand und ließ die Perlen durch seine Finger gleiten. Er glaubte an keinen Gott. Genau genommen hasste er jede Religion aus tiefstem Herzen, denn der Glaube anderer hatte ihn immer wieder in Schwierigkeiten gebracht. Trotzdem ließ ihm der Gedanke an eine mitternächtliche Begegnung keine Ruhe. Er konnte ihre Stimme hören. Eine helle Mädchenstimme mit einer gehörigen Portion Sturheit.

›Friere. Friere den Kopf. Verdammte Kackpisse. Packpisse.‹

My hatte eine sehr lebhafte Sprache gehabt, wenn es sie überkam. Er hatte ihre Asche ausgehändigt bekommen und einen Platz für ihre Urne auf dem Friedhof von Gjerrild gekauft. Es hatten sich nämlich keine Familienangehörigen gemeldet.

Er sah zum Hund, der auf seinem Lammfell lag und ihn beobachtete. Der Regen hatte sie bisher davon abgehalten, einen Spaziergang zu machen. Aber jetzt hatte er da draußen in der Dunkelheit endlich nachgelassen. Peter sah aus dem Fenster. Auf dem Kattegat konnte er ein paar Positionslichter von Schiffen ausmachen, die entweder auf Reede lagen oder übers Meer fuhren. Ansonsten war es draußen pechschwarz, aber das machte weder ihm noch dem Hund etwas aus.

»Komm, Kaj. Runde raus?«

Mys Schäferhund – er hatte ihn geerbt als sie starb – kam schwanzwedelnd auf ihn zu und legte seinen großen Kopf in Peters Hand. Seine Augen bestätigten, was er mit seinem wedelnden Schwanz bereits zum Ausdruck gebracht hatte.

Es hatten auch andere diese Idee gehabt. Zwar waren die nicht persönlich aufgetaucht, aber sie hatten Kerzen auf einige der Gräber gestellt. Vielleicht wollten sie, dass sich die toten Seelen willkommen geheißen fühlten, falls sie tatsächlich erscheinen sollten.

Ich muss verrückt sein, dachte er, während der Hund hin und her lief und schnupperte.

Was mache ich hier?

Na, wenn er schon einmal da war, konnte er auch die Gelegenheit nutzen und sich die Grabsteine ansehen. Er hätte eine Kerze mitnehmen sollen, aber er war mit seinen Gedanken woanders gewesen. Noch nicht einmal an eine Blume hatte er gedacht.

Beatrice wusste nichts von My. Eigentlich hatten sie kaum über Persönliches gesprochen. Als hätten sie eine stillschweigende Übereinkunft getroffen, die Entscheidungen des anderen zu respektieren und nicht über die Ereignisse zu sprechen, die sie beide an die äußerste Kante des windumtosten Dänemarks geführt hatten. Direkt auf die Nase des Landkartengesichtes und an den Rand des dunkelsten Meeres. Aber natürlich kannte sie seine Geschichte. Das tat jeder in dieser Gegend. Ein Mann, der wegen Totschlag im Gefängnis gesessen hat, genoss einen gewissen Bekanntheitsgrad.

Er fand das Grab ohne Schwierigkeiten. Darauf stand allerdings schon eine Kerze und zitterte in einem Plastikbecher im Wind. Er überlegte fieberhaft, wer diese Kerze hingestellt haben könnte. Denn es gab nicht viele, die von dem Grab wussten.

Er stand eine Weile schweigend davor und sah in die Flamme. Er hatte einen Naturstein ausgewählt und sich für eine einfache Inschrift in schwarzen Buchstaben entschieden: My Johansen 30. 11. 1984–26. 9. 2010. Mys Leben hatte sich nicht ganz so einfach gestaltet.

Die Bilder aus der Kindheit tanzten im Takt mit der Flamme. Sie waren gemeinsam im Kinderheim Titan aufgewachsen, wo Bestrafungen zur Tagesordnung gehört hatten. Er war der Überzeugung, dass diese Torturen My gebrochen und sie zu dem Menschen gemacht hatten, der sie gewesen ist. Aber die Ärzte hatten dennoch eine Diagnose für sie gehabt. Sie habe eine Form von Autismus, hatten sie gesagt. Schon sonderbar, wie so ein kleines und unscheinbares Wort benutzt wurde, um zu beschreiben, dass My anders war als jeder andere Mensch auf der Erde.

Niemand konnte sich so bewegen wie sie, die immer ihre übergroße Jacke und ihre Strickmütze trug und mit humpelnder Würde lief. Sie zog das eine Bein hinter sich her und konnte pausenlos unzusammenhängende und verrückte Sätze von sich geben, gespickt mit Wortspielereien, Reimen und einem Haufen von Flüchen und Verwünschungen. Ihre Statur war die einer Elfe, ihre Haare waren mausgrau und dünn. Und ihre Augen stellten unaufhörlich Fragen, die er nicht beantworten konnte.

Jetzt war sie also dort oben. Zumindest hatte er das Gefühl, wenn er in den Sternenhimmel sah. Vielleicht hatte er doch so etwas wie einen Glauben.

Etwas bewegte sich in seinem Augenwinkel. Er hörte ein Rascheln.

»Kaj?«

Aber das war nicht der Hund. Eine Gestalt kam auf ihn zu. Eine übergroße Jacke, offen getragen, die Seiten flatterten im Wind. Das Haar, das unter der Strickmütze hervorschaute, wurde vom Wind zerzaust. Er blinzelte. My?

Er wollte ihren Namen sagen, aber seine Lippen gehorchten ihm nicht, während die Gestalt im Schein der flackernden Totenkerzen immer näherkam.

»Ich war mir sicher, dass ich dich hier finden werde«, sagte eine Stimme plötzlich.

»Miriam!?«

»Lieber Gott, du siehst aus, als hättest du gerade ein Gespenst gesehen.«

Sie gab ihm einen Kuss auf die Wange, und er spürte, dass sie unverkennbar aus Fleisch und Blut bestand.

»Was machst du hier? Mitten in der Nacht?«

Sie sah ihn argwöhnisch an.

»Es ist doch erst elf Uhr. Ich dachte, du könntest mich vielleicht auf einen Kaffee einladen? Oder hast du hier gerade ein Stelldichein?«

Er schüttelte den Kopf und rief nach Kaj. Dann sah er zum Himmel hoch. Es hatte angefangen zu nieseln.

»Ich hoffe, du bist mit dem Auto da.«

Kapitel 2

Er hatte Miriam seit letztem Winter nicht mehr gesehen. Zwischenzeitlich hatte er sogar gedacht, er würde sie nie wiedersehen. Im Januar waren Dinge vorgefallen, die ihn sehr wütend gemacht und sein Vertrauen so tief erschüttert hatten, dass er sich nicht vorstellen konnte, jemals wieder mit ihr zu sprechen. Und jetzt saß sie da mit Strumpffüßen auf seinem Sofa und einem zerstörten Make-up nach dem Regenschauer, der sie doch noch erwischt hatte, ehe sie ihre kleine Blechschleuder erreicht hatten.

»Du siehst gut aus«, sagte sie und schaute dabei in ihren Teebecher, den sie in den Händen hielt. »Vermisst du sie sehr?«

»My?«

»Nein, das muss ich nicht fragen. Ich meine Felix.«

Er zuckte mit den Schultern. Er war nicht darauf vorbereitet, mit ihr über Felix zu sprechen. Sie konnte nicht einfach nach monatelangem Schweigen hier angestiefelt kommen und glauben, dass das gegenseitige Vertrauen intakt war.

Er spürte, dass sie das wusste. Sie nahm einen Schluck und verbarg ihr Gesicht im Becher.

»Warum bist du hier?«, fragte er. »Was willst du von mir?«

Er mochte Miriam, aber er war auch vorsichtiger geworden. Sie hatte nicht nur einmal bewiesen, dass bei ihr Geld und Sicherheit vor Freundschaft kamen. Aber sie hatte sich verändert, das musste er zugeben. Sie war ernsthafter geworden. Auch ihr kurviges Äußeres war schmaler geworden, wie geschält, aber sie war nach wie vor hübsch und sexy, und die Erinnerung an ihren Körper würde er niemals vergessen.

»Ich hatte vor kurzem Besuch«, sagte sie.

»Erzähl mir etwas, was ich noch nicht weiß.«

Miriam und Lulu betrieben ihr eigenes kleines Bordell in der Anholtsgade in Århus. Wenn sie nicht täglich Besuch hatten, dann bekamen sie ernste Probleme.

»Von einer Frau.«

»Wie aufregend.«

»Jetzt hör auf, Peter.«

Sie stellte den Becher geräuschvoll auf den Tisch. Da bemerkte er, dass ihre Nägel gar nicht lackiert waren. Ungewöhnlich. Er hatte sie auch noch nie in Jeans gesehen. Bei Miriam gab es immer nur Korsagen und Miniröcke und Absätze so hoch wie Schraubenschlüssel.

»Und wer war es?«

»Mys Mutter.«

»Wie bitte?«

»Du hast mich sehr gut verstanden.«

»Wie ist Mys Mutter denn auf dich gestoßen?«

Jetzt war sie an der Reihe, mit den Schultern zu zucken.

»Ich stehe im Telefonbuch.«

»Ja, aber das setzt voraus, dass man einen Namen hat.«

»Ich habe doch auch einen Namen.«

Mys Mutter. Dieser Gedanke war so fremd. Niemand von ihnen hatte Eltern gehabt. Zumindest keine, die ihre Kinder behalten wollten. Nicht einmal solche, die wenigstens Geschenke zum Geburtstag schickten oder sie mal auf einen Ausflug mitnahmen.

»Und was wollte sie?«

»Na, was glaubst du, was sie wollte?«

Seine Verwunderung wurde abrupt von Wut abgelöst, als ihm der Zusammenhang klar wurde. Er hasste es, wenn Eltern plötzlich von Reue ergriffen wurden und den Drang hatten, ihre Liebe über ihre mittlerweile erwachsenen Kindern auszuschütten, die sie in ihrer Kindheit und Jugend freudestrahlend anderen überlassen hatten. Er musste nur an seine eigene Mutter denken. Sie arbeitete als Journalistin in Århus, und wenn er ihr die Erlaubnis dazu geben würde, wäre sie schneller zur Stelle, als sie eine ihrer Schlagzeilen schreiben konnte. Er verabscheute alles in ihrem Bemühen, besonders mütterlich zu handeln. Geradezu lächerlich, wenn man berücksichtigte, dass sie ihn direkt nach der Geburt weggegeben und ihn fast 30 Jahre lang nicht gesehen hatte.

»Sag bitte nicht, dass sie auf der Suche nach ihrer verlorenen Tochter ist.«

»Und doch, sie hat nach My gefragt«, sagte Miriam. »Sie wollte sie finden und ihr erzählen, dass sie Geschwister hat. Halbgeschwister«, korrigierte sie sich.

»My finden? Ja, aber hat sie nicht gewusst, was passiert ist?«

Miriams Stimme klang wütend.

»Ob sie wusste, dass ihre Tochter ermordet und an einen Baum geknüpft wurde? Nein, Peter, das wusste sie nicht. Diese Art von Information erhält man nicht, wenn man sein Kind zur Adoption freigegeben hat.«

Langsam beruhigte sie sich wieder, ließ ihn aber nicht aus den Augen. Er erinnerte sich, dass auch Miriam als Jugendliche ein Kind zur Welt gebracht hatte. Damals war sie drogenabhängig gewesen, und das Kind war unmittelbar nach der Geburt gestorben. Das quälte sie noch heute. »Das macht ja auch Sinn«, sagte er. »Sie war nicht mehr Mys Mutter«. Nach einer kurzen Pause korrigierte er sich: »Sie wollte nicht mehr Mys Mutter sein.«

Miriam verdrehte die Augen und sah an die Decke, die dringend einen Anstrich brauchte.

»Du sitzt auf einem verdammt hohen Ross, Peter. Du kennst doch die Geschichte dahinter überhaupt nicht. Du hast keine Ahnung, warum sie My weggegeben hat.«

Er sprang auf und lief unruhig im Wohnzimmer auf und ab. Der Hund hob den Kopf und folgte ihm wachsam. Innerlich kochte Peter vor Wut. Es gab immer so viele Gründe und Entschuldigungen dafür, ein Kind im Stich zu lassen. Aber es hatte überhaupt keinen Sinn, mir Miriam darüber zu diskutieren, deren Herz für alles und jeden schlug, vom Hundewelpen bis zum Serienmörder.

»Okay, aber jetzt weiß sie ja Bescheid und kann wieder nach Hause fahren.«

»Sie will dich kennenlernen.«

»Mich?«

»Ja, sie will auch Mys Grab besuchen und ein paar Blumen darauflegen.«

»Himmelherrgott!«

Miriam lehnte sich vor und sah ihn durchdringend an. Mit milder Stimme sagte sie:

»Und sie will My auf einen Friedhof nach Århus verlegen lassen. In ihre Nähe.«

Er wusste, dass die Wahl seiner Worte unpassend war. Aber ihm fiel nichts Besseres ein, um auszudrücken, was das in ihm auslöste:

»Nur über meine Leiche!«

Kapitel 3

»Könnte sie nicht einfach …?«

Mark Bille Hansen hatte auf einmal Schwierigkeiten, sich vorzustellen, wo eine Nonne hingehen würde, wenn sie verschwand. Nach Hause? In die Stadt? Zum Tanzen …?

Eine ganze Reihe von Szenarien tauchte in seinem Kopf auf, und die waren alle nicht geeignet, um sie der besorgten Äbtissin zu unterbreiten, die ihn an seinem Arbeitsplatz in der Polizeistation von Grenå angerufen hatte.

Glücklicherweise schien Schwester Dolores, wie sie sich genannt hatte, trotz der traurigen Umstände eine gehörige Portion Humor zu besitzen.

»Nein«, sagte sie voller Ironie. »Sie ist nicht mit dem Gärtner durchgebrannt, sie ist nicht in die Diskothek gegangen, und sie hat sich auch nicht einem vorbeiziehenden Zirkus angeschlossen oder verkauft ihre Küsse für einen Zehner in der Fußgängerzone und behauptet, dass sie morgen heiraten wird. Sie ist weg. Verschwunden.«

»Seit gestern Abend, sagen Sie?«

Wie sprach man eine Äbtissin überhaupt an? Hatte sie einen anderen Titel?

»Um 17 Uhr ist sie in den Kräutergarten aufgebrochen.«

»Aber es hat geregnet«, erinnerte sich Mark.

Ihre Stimme wurde schneidend und triefte vor Ironie.

»Sie hat ihre wasserabweisende Supernonnentracht getragen. Und ihre Nonnengummistiefel.«

Er schwieg, fühlte sich zurechtgewiesen. Und es hörte nicht auf:

»Wir sind keine Freaks«, fuhr sie fort, jetzt in einem beschwichtigenden Ton. »Wir sind Menschen, die eine wichtige Entscheidung im Leben getroffen haben. Aber wir führen einen Alltag wie die meisten anderen Menschen auch. Wir gehen raus, wenn es regnet, und holen Kräuter aus dem Garten und wissen genau, dass es nichts nützt, ein Stoßgebet in den Himmel zu schicken und um fünf Minuten Regenpause zu bitten, um bloß trockenen Fußes wieder ins Haus zu kommen.«

Schwester Dolores holte hörbar Luft.

»Wir werden nass. Wie alle anderen auch. Und manchmal bekommen wir sogar eine Erkältung.«

»Und manchmal verschwinden sie«, sagte Mark.

Es entstand eine kleine Pause, als würde etwas in der Luft flattern. »Das ist das erste Mal. So etwas hat es hier noch nie gegeben.«

Er sah auf die Uhr. Es war erst zehn Uhr. Unter normalen Umständen hätte er noch einen Tag abgewartet, wenn nicht gerade tiefer Winter und minus 13 Grad herrschten. Junge Mädchen verschwanden gerne mal und tauchten meistens wieder auf. Das hatte ihn die Erfahrung gelehrt. Aber bei Nonnen war es offenbar etwas anderes.

»Ich komme lieber mal bei Ihnen vorbei. Ist das jetzt ein günstiger Zeitpunkt?«

»Vor zehn Minuten wäre es zwar besser gewesen, aber es wird schon gehen.«

Natürlich wusste Mark, dass in Sostrup ein Kloster aus dem 17. Jahrhundert stand. In seiner Kindheit aber, die er dort auf Djursland verbracht hatte, war die Klosteranlage nur ein Teil der Landschaft gewesen, mit ihrem monumentalen Tor, den vier Flügeln und Turm und Wassergraben, in der man hervorragend Krieg spielen konnte. Er hatte zwar ab und zu ein paar weiß gekleidete Gestalten in der Stadt gesehen, die wie Gespenster aussahen, aber ansonsten waren diese Nonnen mystische Wesen, die man kaum zu Gesicht bekam.

Kurz bevor er losfuhr googelte er das Kloster und las, dass sich das Schloss seit 1960 im Besitz des Zisterzienserordens befand. 1990 gründeten die Schwestern die Abtei Maria Hjerte in neu errichteten Gebäuden südlich der Wirtschaftsgebäude.

Bisher hatte die Abtei noch nie etwas mit der Polizei zu tun gehabt, und er konnte sich nur schwer vorstellen, worum es bei solchen Delikten hätte gehen könnte: Diebstahl von Gebetsbüchern? Eine Schwester, die zu tief in den Kelch mit dem Abendmahlswein gesehen hatte? Es war praktisch unmöglich, sich die Schwestern am Rande ihrer eigenen Gesetze und der Gesellschaft vorzustellen. Sie führten ein stilles und zurückgezogenes Leben, kümmerten sich nur um ihre Angelegenheiten und das Wohlergehen des Klosters und hatten sogar noch den Überschuss, für die verlorenen Seelen dieser Welt zu beten. Inklusive ihrer eigenen.

Als er mit seinem Dienstwagen die Brücke erreicht hatte, die über den Wassergraben führte, spürte er eine gewisse Dankbarkeit. Er kannte niemanden, der sich um seine armselige, von Krankheit zerfressene Seele scherte, und die hatte es mehr als nötig.

Er parkte und fasste beim Aussteigen den Entschluss, Schwester Dolores und ihren Mitschwestern mit mehr Respekt zu begegnen, als er es vorhin beim Telefonat mit der Äbtissin getan hatte.

»Mark Bille Hansen?«

Die Frau kam mit federnden Schritten auf ihn zu. Es sah fast aus, als würde sie schweben. Ihre weiße Tracht schwang bei jedem Schritt, und nur ihre schweren schwarzen Schuhe, deren Spitzen darunter hervorsahen, schienen sie am Boden zu halten.

»Schwester Dolores. Wir haben telefoniert.«

Schwester Dolores begrüßte ihn mit einem kräftigen Händedruck, ihrer schwebenden Erscheinung zum Trotz. Dann wandte sie sich ihrer Begleitung zu.

»Das ist Schwester Beatrice, die so freundlich ist, mir zu assistieren. Wir haben schließlich nicht jeden Tag die Ordnungsmacht zu Besuch.«

Schwester Beatrice war ein vollkommen anderer Typ als die schwebende Äbtissin. Allein schon die Schwere ihres Körpers verschaffte ihr festen Halt und Bodenkontakt. Ihre ganze Erscheinung war rund und weich, und auch die Nonnentracht konnte ihre üppige Oberweite nicht verbergen. Bei ihr schienen das Lächeln und die Fröhlichkeit dicht unter ihrer Oberfläche zu schlummern, aber jetzt gerade sah sie sehr bedrückt aus.

Sie überquerten den mit Kopfsteinen gepflasterten Innenhof, der umringt war von Backsteingebäuden.

»Das hier ist nicht das eigentliche Kloster, wir wohnen nicht hier«, klärte ihn Schwester Dolores auf. »Vielleicht haben Sie gehört, dass wir vor einigen Jahren Mittel zu Verfügung gestellt bekommen haben, um ein neues Kloster zu bauen. Das befindet sich dahinter. Diese Gebäude werden für Kurse und Veranstaltungen genutzt. Aber unser Kräutergarten befindet sich hier nach wie vor.«

»Dorthin war sie unterwegs, um ein paar Kräuter zu pflücken. Sie sollte Rosmarin holen. Schwester Maria hatte Lamm im Ofen.«

»Das hört sich lecker an«, sagte er und hörte selbst, wie dämlich das klang. Er hatte am Abend einen Burger vom Grillimbiss um die Ecke gegessen.

»Gestern war ja Freitag. Normalerweise essen wir dann Fisch, aber Schwester Maria hatte Geburtstag.«

Sie liefen über den Teil des Wassergrabens, der auf der gegenüberliegenden Seite der Brücke lag, über die er gerade gefahren war. Die Schwestern führten ihn weiter in einen großen, sehr gepflegten Garten, der voller Kräuter war, die er schon immer essen wollte, aber deren Zubereitung oder gar Erwerb er sich bisher versagt hatte. Vitamintabletten hatten sich in der Anschaffung als einfacher erwiesen.

»Sehen Sie. Sie ist hier entlanggelaufen.«

Schwester Dolores zeigte auf Abdrücke von schweren Stiefeln auf der Erde. Aber sie waren nicht ganz eindeutig zu unterscheiden, denn es gab auch andere Spuren.

»Und sie ist alleine gegangen?«

»Wer hätte denn bei ihr sein sollen?«, fragte Schwester Beatrice. »Wir hatten uns alle versammelt und waren in den Klosterräumen.«

»Vielleicht jemand von außerhalb? Ein Kursteilnehmer?«, schlug Mark vor, sah aber sofort, dass diese Idee nicht auf fruchtbaren Boden fiel.

»Wir haben das hier gefunden«, sagte Schwester Dolores und zeigte auf etwas. »Selbstverständlich haben wir es noch nicht berührt.«

Vielleicht schalteten die Nonnen doch ab und zu den Fernseher ein und sahen CSI, wer konnte das schon so genau sagen. Mark beugte sich nach unten, sah aber nicht sofort, worauf sie zeigte. Schwester Beatrice deutete auf ein paar Zweige, die wahrscheinlich von einer Tanne stammten.

»Rosmarin«, sagte sie dann. »Sie muss es gepflückt, dann aber verloren haben.«

Er ging neben den Zweigen in die Hocke. Da wurde ihm das Surreale dieser Situation erst bewusst. Kräuter! Nonnen! Er hatte Schwierigkeiten, das alles ernstzunehmen. Er unterdrückte ein Grinsen, während er das Gras in der näheren Umgebung absuchte. Erfolglos. Dann erhob er sich wieder, aber als er in die Gesichter der beiden Nonnen sah, packte ihn erneut die Scham. Angst und Entsetzen waren darin zu lesen, als verfügten sie über ein Wissen, zu dem er keinen Zugang hatte.

»Hat jemand beobachtet, wie Schwester Melissa in den Kräutergarten ging? Das war so gegen 17 Uhr, haben Sie gesagt?«

Die Äbtissin schüttelte den Kopf, aber Schwester Beatrice entfuhr ein Geräusch, das sie mit der flachen Hand vor dem Mund zu unterdrücken versuchte.

»Was ist?«, fragte er.

»Der Tischler ist um 17 Uhr gefahren. Vielleicht hat er etwas gesehen. Er hat im Klavierzimmer neue Türrahmen eingesetzt …«

»Wir haben einige Reparatur- und Restaurierungsarbeiten, die zur Zeit erledigt werden«, fügte Schwester Dolores erklärend hinzu.

»Da hatte sich einiges angesammelt, und wir konnten endlich die Mittel dafür aufbringen.«

»Und wie heißt die Tischlerei?«, fragte Mark.

Die Äbtissin sah Schwester Beatrice an.

»Wie hießen die noch …?«

»Rimsø-Tischlerei«, antwortete Beatrice. »Manchmal kommen sie zu zweit. Gestern aber war nur einer da. Er heißt Peter.«

»Boutrup?«

Beatrice lächelte. Das war das erste und einzige Lächeln des Tages gewesen, das er gesehen hatte, und es war darum umso strahlender.

»Kennen Sie ihn?«

Mark nickte.

»Ja. Ich kenne ihn.«

Kapitel 4

Peter sah den Streifenwagen schon von weitem, und sein erster Impuls war, umzudrehen und abzuhauen. Er hasste die Polizei und alle anderen Autoritäten aus tiefstem Herzen.

Aber auf ihn wartete Arbeit. Es gab noch weitere Türrahmen, die ausgetauscht werden sollten, und er hatte auch versprochen, sich die Regenrinne anzusehen, die an einigen Stellen reparaturbedürftig war. Später würden sie auch das Dach inspizieren müssen, aber dafür mussten sie mindestens zu zweit sein. In ein paar Tagen würden Manfred und er das Gerüst am nördlichen Teil der Klosteranlage aufbauen, um einige Dachziegel zu erneuern.

Er hievte den Werkzeugkasten aus dem Lieferwagen und warf die Seitentür zu. Dann packte er den Kasten und machte sich auf den Weg. Aber eine bekannte Stimme hielt ihn zurück.

»Peter!«

Mark Bille Hansen war zwar nicht sein Freund, aber auch nicht sein Feind. Er hatte den Eindruck gehabt, dass Mark Bille dafür gesorgt hatte, dass die Akte über die zwei ausgebrannten Motorräder auf der Klippe von Gjerrild im August möglichst schnell wieder geschlossen wurde. In Peters Augen war das so etwas wie ein Freundschaftsdienst gewesen.

Aber trotzdem freute er sich nicht gerade, den langhaarigen Polizisten auf sich zukommen zu sehen. Im Hintergrund erkannte er die Äbtissin und Schwester Beatrice, die im Schatten der Klostermauer standen.

»Was ist denn passiert?«

Der Polizist begrüßte ihn mit Handschlag. Sie sahen einander in die Augen. Sie waren gleich groß, aber Mark Bille war schlanker und eher der schlaksige Typ. Sein Gesicht war markant geschnitten, und seine pechschwarzen Haare trug er schulterlang. In seinen Stiefeln, Jeans und brauner Lederjacke sah er eher wie ein moderner Indianer und nicht wie ein Polizist aus.

»Eine der Schwestern ist verschwunden«, sagte Mark Bille, außer Hörweite der beiden Klosterfrauen.

»Und wer?«

Aber Peter wusste es bereits.

»Eine Schwester Melissa. 18 Jahre alt. Sie ist gegen fünf Uhr in den Kräutergarten gegangen. Etwa zur gleichen Zeit bist du nach Hause gefahren, wurde mir zugetragen.«

Peter hörte die Stimme wie aus weiter Ferne. Es prickelte am ganzen Körper, und das schlechte Gewissen breitete sich wie ein schwarzer Teppich in ihm aus.

»Peter? Hast du verstanden, was ich gesagt habe?«

Die Stimme durchbrach die Schallmauer. Mark Bille sah ihn durchdringend an. Peter nickte.

»Ich höre dich.«

Es war nur ein kurzer Moment. Bevor er von seinen Beobachtungen am Wassergraben vom Vorabend erzählte, tauchte der Gedanke in ihm auf, die Geschichte besser für sich zu behalten. Er wusste, dass er in eine Sache reingeraten könnte, mit der er nichts zu tun haben wollte. Außerdem bereitete es ihm keine ausgesuchte Freude, der Polizei behilflich zu sein.

»Ich habe sie gesehen«, sagte er dann. »Sie wurde von jemandem abgefangen.«

Sie liefen hinunter zum Wassergraben, und er zeigte die Stelle, wo der Fremde Melissa abgepasst hatte.

»Und du bist dir sicher, dass es ein Mann war?«

»Ganz sicher.«

»Kannst du ihn näher beschreiben?«, fragte Mark Bille.

Peter schüttelte den Kopf.

»Der sah ganz normal aus. Dunkle Jacke, dunkle Hose.«

»Größe?«

»So wie ich, glaube ich. Etwa 1,85.«

»Breit?«

»Vielleicht ein bisschen breiter. Also, als ich, meine ich … Aber es ist schwer, das aus dieser Entfernung zu sehen.«

Sie blieben einen Moment auf der Brücke stehen. Marks nächste Frage versetzte ihm einen Stich.

»Und warum hast du nichts gemacht? Obwohl du das Gefühl hattest, dass da irgendetwas nicht stimmt?«

Auch Schwester Beatrices Augen blickten ihn fragend an.

Er senkte den Kopf.

»Das geht mich doch nichts an«, hörte er sich die älteste Entschuldigung der Welt sagen.

»Es tut mir leid.«

»Vielleicht taucht sie ja wieder auf«, sagte Mark Bille nach eine kurzen Pause. »Zeig uns bitte, wo sie danach hingegangen sind.«

Er führte sie zu dem Weg, den die beiden Gestalten in der Dunkelheit genommen hatten. Mark Bille wies auf die Rosmarinzweige, Peter ging in die Hocke. Er entdeckte Fußabdrücke von zwei verschiedenen Personen und folgte der Spur. Das Gras war an einigen Stellen zertreten. Ein anderer Teil von ihm übernahm die Führung, als hätte Kaj eine Fährte aufgenommen. Er strich durchs Gras hinunter zur hintersten Ecke des Wassergrabens und entdeckte noch weitere gebrochene Zweige und zertretene Grashalme. Das war ihm vertraut. Das war sein Terrain: die Natur, das Jägerdasein. Er kannte jede Vogelstimme, jede Pflanze, jedes Tier. Seine Sinne waren geschärft und in Alarmbereitschaft. Er wusste, dass er etwas Wichtigem auf der Spur war.

Er hatte das Gefühl, dass die anderen ihn beobachteten, und vielleicht erwog Mark Bille sogar, ihn vom Zerstören von Beweismaterial und Spuren abzuhalten. Aber er folgte ungehindert seiner Fährte, zog weiter durchs Gebüsch. Dann plötzlich entdeckte er den schwarzen Gegenstand, der im feuchten Gras unten beim dunklen, modrigen Wasser des Wassergrabens lag.

Er griff nach einem Ast und schob ihn unter das Fundstück. Vorsichtig ließ er den Schuh in der Luft hin und her schaukeln. Alle starrten ihn an.

»Nicht anfassen«, sagte Mark Bille.

Tränen strömten Schwester Beatrice über die Wangen. Verzweifelt versuchte sie, sie wegzublinzeln.

»Das ist ihr Schuh. Die sind ganz neu.«

»Okay.«

Mark holte sein Handy hervor. Peter wusste genau, dass er mit der Dienststelle in Århus telefonierte, als er nach der Leiterin der Mordkommission Anna Bagger verlangte.

Sie hörten, wie er eine kurze Schilderung der Lage gab und mit der Zuständigen jener Abteilung besprach, deren Mitarbeiter bald wie die Bienen um einen blühenden Rosmarinbusch auf der Klosteranlage ausschwärmen würden. Mark Bille war ja ganz in Ordnung, aber Peter hatte vor nicht allzu langer Zeit das Vergnügen mit der Mordkommission aus der jütländischen Hauptstadt gehabt. Und diese Bekanntschaft wollte er um keinen Preis vertiefen.

»… Wir müssen den Wassergraben durchsuchen, von oben nach unten, und das muss sofort sein«, hörte er Mark Bille sagen. »… Können wir die Jungs aus Kongsøre bekommen?«

Peter sah Anna Baggers Gesicht am anderen Ende der Leitung förmlich vor sich: die zusammengekniffenen Lippen des ansonsten perfekten Mundes und ihre Augen, in deren kalten, graublauen Iris ›Ehrgeiz‹ in flammenden Buchstaben geschrieben stand.

»… Natürlich bin ich mir nicht sicher«, sagte Mark Bille. »Darum müssen wir da auch runter und nachsehen … Ja, ja, wahrscheinlich … Gut, dann machen wir das so.«

Er beendete das Gespräch und starrte einen Moment lang reglos in den Wassergraben.

»Kommen die Taucher?«, fragte Peter.

Mark antwortete nicht. Als würde der Graben seine ganze Aufmerksamkeit verschlingen.

»Sie liegt dort unten«, sagte er schließlich, den Blick unverwandt aufs schwarze Wasser gerichtet. »Wo sollte sie sonst sein.«

Kapitel 5

Sie musste sich unbedingt professionell verhalten.

Das war Kirs erster Gedanke, als sie Mark Bille mit Allan Vraa am Wassergraben ins Gespräch vertieft stehen sah. Sein halblanges Haar verdeckte sein Gesicht, aber seine Statur hatte sich nicht geändert. Er war nach wie vor so schlank und sehnig wie ein Läufer und trug wie immer Lederjacke, Jeans und Stiefel. Seine Handbewegungen waren geschmeidig, aber das unruhige Trippeln von einem Fuß auf den anderen verriet seine Rastlosigkeit.

Der Polizist war dabei, den Chef der Tauchermannschaft in die bevorstehende Aufgabe einzuweisen. Eine verschwundene Nonne, hatte Allan Vraa am Telefon gesagt. Das war allerdings etwas vollkommen anderes, als an einem strahlenden Sommertag in der Kalø Bucht nach Munition zu tauchen. Aber die Stimmung unter den Kameraden war gut, wenn auch etwas gedämpfter als sonst, und Kir freute sich auf die Aufgabe. Die Kollegen aus Seeland waren mit dem großen Geschütz gekommen: der Wagen mit der kompletten Ausrüstung, inklusive Schlauchboot. Sie freute sich, und das obwohl sie sich mit einem Mann auseinandersetzen musste, zu dem sie ein – milde ausgedrückt – kompliziertes Verhältnis hatte.

Sie wechselten ein paar unverfängliche Worte, die sie später unter Wasser in ihrem Kopf hin und her drehen würde. Das wusste sie jetzt schon. So war es jedes Mal. Ihr Denken funktionierte am besten unter Wasser.

»Okay. So machen wir es.«

Ihr Chef gab ihr ein kurzes Update. Kir und ein weiterer Taucher waren aus der Gegend einberufen worden. Darüber hinaus waren vier weitere Kollegen aus Kongsøre gekommen. Allan Vraa stellte ihr den neuen Kollegen vor.

»Das hier ist John Frandsen, von Freunden Frands genannt.«

Er klopfte dem Neuen auf die Schulter. Kir gab ihm die Hand und erkannte sofort, dass er mit Fingerhanteln trainierte.

»Ich dachte, das hier ist ein Männerberuf«, sagte Frands.

Kir zögerte. Sie war sich nicht sicher, ob er es ernst meinte.

»Kir ist unsere Beste«, sagte Allan Vraa ungezwungen. »Sie ist gerade aus dem Golf von Aden zurückgekommen, wo sie Piraten verkloppen war.«

Frands sah ihn skeptisch an, aber Allan Vraa schien das nicht zu registrieren.

»Das Wasser diskriminiert nicht«, sagte Kir. »Da unten sind wir alle gleich.«

Sie zeigte in den Graben und war kurz davor hinzufügen, dass sie dank ihrer geringeren Körpergröße zum Beispiel in Wracks an Stellen gelangen konnte, die größeren Tauchern versperrt blieben. Aber sie wollte nicht provozieren, darum versuchte sie so unbeschwert wie möglich zu klingen, als sie sagte:

»Nett, dich kennenzulernen, Frands.«

»Gleichfalls.«

Das klang angestrengt. Frandsen hatte diesen kalten Machoblick, den viele Menschen mit dem Soldatenleben verbanden. Auch rein physisch war er fast eine Karikatur eines Mannes, so perfekt war er gebaut. Ungefähr ein Meter neunzig groß, kantiges Gesicht und Kinn und Muskeln, die sich wie Hügel an seinen Hals schmiegten.

»Ich erwarte, dass ihr als Team arbeitet«, sagte Vraa. »Die anderen kontrollieren gerade den östlichen Teil mit dem Sonargerät. Solange könnt ihr hier die Orientierungsleinen positionieren.«

Ohne viele Worte erfüllten sie ihren Auftrag. Frands war offensichtlich ein Profi und kannte sich mit den Routinen aus. In kürzester Zeit hatten sie die Orientierungs- und Laufleinen auf dem Boden ausgelegt, während die Besatzung im Boot das Sonargerät justierte.

Das Sonargerät war ein effektives Hilfsmittel für das Aufspüren von Objekten unter Wasser. Es sah aus wie ein kleiner Torpedo und stand dem Schlamm im Burggraben gleichgültig gegenüber. Es hatte eine Sicht von 35 m und wurde vom Steven des Schlauchbootes ins Wasser gelassen und von dort über den Boden geführt. Zwei Taucher manövrierten das Boot und starrten gleichzeitig auf einen Monitor. Weiße Felder auf dem Monitor zeigten an, wenn auf dem Grund etwas Ungewöhnliches lag.

Während das Sonargerät am anderen Ende des Grabens im Einsatz war, tauchten Kir und Frands dort ins Wasser, wo sie die Laufleinen ausgelegt hatten.

Der Wasserstand war nach den anhaltenden Niederschlägen der vergangenen Wochen relativ hoch. Die Sicht hingegen war gleich null, aber das war sie ja gewohnt. Sollte jemand am Grund des Grabens liegen, würde sie ihn bestimmt finden.

Mit der einen Hand glitt sie durch den Schlamm und die Algen, mit der anderen hielt sie die Orientierungsleine fest.

Währenddessen erinnerte sie sich an die Tage in der Sommersonne, die sie mit ihren Kollegen verbracht hatte. Das reinste Leben wie im Schlaraffenland. Die einzige Überraschung war der Fund der Kiste mit den Knochen. Wie mit der Polizei besprochen, hatte sie die Knochen im Institut für Rechtsmedizin abgeliefert und war dort beinahe ausgelacht worden. Das Urteil war schnell gefällt, hart und ohne Rücksicht auf möglicherweise verletzte Gefühle: Es handele sich um Knochen für den Unterrichtsgebrauch, so wie anatomische Institute sie von Firmen erwerben, die auch andere Materialien anbieten. Diese Knochen stammten wahrscheinlich aus Indien und zwar von verschiedenen Menschen, nicht von einem einzelnen. Aber selbstverständlich würden sich die Rechtsmediziner den Inhalt genauer ansehen, zur Zeit sei die Arbeitslast jedoch leider zu hoch.

Kir lächelte unter ihrer Tauchermaske bei dem Gedanken an die bösen Bemerkungen, die Allan Vraa hatte ertragen müssen. Er war sich so sicher gewesen, die Hinterlassenschaften eines Serienmörders entdeckt zu haben. Die Stimmung war großartig gewesen. Sonne, Sommer und Salzwasser. Die Kollegen hatten ihr sehr dabei geholfen, Afrika zu vergessen. Nach der Begegnung mit Mark Bille und diesem Frandsen, wünschte sie sich dorthin zurück. Sogar die Piratenjagd wäre jetzt besser.

Auf ihrem Weg über den Grund des Wassergrabens bekam sie so einiges in die Hände, aber sie ließ alles liegen. Normalerweise bargen ihre Kollegen und sie die Gegenstände, die sie fanden: alte Öltonnen, Fahrräder, Autoreifen und so ein Zeug. Aber die Zeit drängte. Der Nachmittag neigte sich dem Ende zu, und bald würde die Dunkelheit die Operation beenden. Sie konzentrierte sich auf ihre Aufgabe: eine Leiche zu finden. Möglicherweise umhüllt von einem großen Berg aus schwerem, flatterndem Stoff, der an sich schon ausreichte, um den Körper am Grund des Grabens zu halten.

Die Enttäuschung über Marks Worte drückte wie eine schwere Last auf ihr.

Sie hatten sich beide professionell verhalten und sich mit Allan Vraa als Zeugen artig gegrüßt. Aber Marks Worte waren so kalt gewesen wie Frandsens Augen:

»Wie gut, dass ihr so schnell kommen konntet.«

Allerdings war auch ihre Antwort nicht wesentlich liebenswürdiger gewesen.

»Das ist unser Job.«

Er war ihrem Blick ausgewichen.

»Ich hoffe, ihr findet sie.«

Und sie hatte erwidert:

»Das tun wir, wenn sie dort unten ist.«

Er hatte genickt, ohne sie anzusehen, und unverwandt in das schwarze Brackwasser des Grabens gestarrt. Dann hatte er sich unvermittelt entschuldigt, dass er noch mit einem Kollegen reden müsse, und sie dort stehen lassen. Aus dem Augenwinkel hatte sie eine andere, bekannte Gestalt gesehen. Peter Boutrup. Der Tischler von der Klippe, mit der wilden Vorgeschichte und dem großen Schäferhund. Ein sonderbarer und einsam wirkender Mann, der aber in dieser Einsamkeit zu ruhen schien, als würde er niemanden und nichts brauchen. Boutrup hatte ihr freundlich zugenickt und sich dann vom Wassergraben abgewandt, die Hände tief in seiner Jackentasche. Sie hatte gehört, dass er Melissa als Letzter gesehen hatte. Das schien ihm zuzusetzen.

Kir konzentrierte sich wieder voll auf ihre Aufgabe, während die beiden Männer, Peter und Mark, wie Phantome in ihrem Kopf herumflirrten. Ein helles und ein dunkles Phantom. Einer, der gesessen hatte, und einer, der Menschen ins Gefängnis steckte. Einer, der das Gesetz gebrochen hatte, und einer, der das Gesetz mit aller Kraft verteidigte. Man sollte meinen, dass der Polizist die Ruhe ausstrahlen würde. Aber es war Peter. Der Mann von der Klippe, der wie der Fels wirkte, dessen Namen er trug.

Sie spürte hinter sich im Wasser eine angespannte Energie, als Frandsen ganz dicht an ihr vorbeiglitt, wie eine unheilverkündende Kraft. Sie zwang sich, ganz ruhig und gleichmäßig zu atmen, damit sich die Mischung aus Sauerstoff, Helium und Stickstoff gleichmäßig in ihrem Körper verteilen konnte. Sie war ein Kind der Elemente, darum wies sie die Menschen den vier Elementen zu. Wenn Peter Wasser war, war Mark Feuer. Frandsen konnte sie noch nicht zuordnen, aber er interessierte sie auch nicht besonders.

Etwa eine halbe Stunde später ertastete ihre Hand den groben Stoff, der schwerfällig im Wasser schwebte. Nur wenige Handbreit weiter berührte sie unverkennbar einen menschlichen Körper. Das Haar war mit einem Tuch bedeckt. Sie tastete das Gesicht ab: Nase, Augen, Mund. Die Zunge war herausgestreckt.

Sie gab Frandsen ein Signal, versah die Stelle mit einem Gewicht, an dem eine Schnur befestigt war, damit sie die Leiche wiederfinden konnte, und stieg an die unbewegte Oberfläche des Brackwasser, die nur durch ihren Körper durchbrochen wurde. Sie trat Wasser und schob sich dabei die Taucherbrille in die Stirn und hielt die Schnur in die Luft.

»Ich brauche eine Boje! Sie liegt hier.«

Kapitel 6

Es war nie genug. Nie war es gut genug.

Verdammt, verdammt, verdammt!

Peter stellte den Werkzeugkasten auf den Boden. Der Türrahmen sah mitgenommen aus. Er war so alt und undurchdringlich wie dieser ganze Ort hier. Er schlug mit der Faust dagegen. Wie um alles in der Welt war er ausgerechnet in diesem Kloster gelandet und in diese Geschichte reingerutscht? Und das ihm, der gar nicht an einen Gott glaubte.

Sollte es diesen Gott wirklich geben, was wollte er dann von ihm? Auch das hatte er nie begriffen. Er hatte sich so sehr bemüht, ein Leben zu führen, ohne andere zu behelligen. Er hatte immer versucht, ein guter Freund zu sein, ein guter Kollege. Und doch schien da ein Bumerangmoment eingebaut zu sein: Jedes Mal, wenn er sich nur um sich kümmerte, wurde er gezwungen, genau das Gegenteil zu tun und alles aufs Spiel zu setzen. Jedes Mal, wenn er sich nicht einmischte und raushielt, erwischte es ihn von hinten und traf ihn mit einem harten Schlag in den Nacken.

Er fing an, den alten Türrahmen herauszureißen. Das Holz splitterte, spitze Bruchstücke flogen durch die Luft und die Farbe fiel in großen Placken ab.

Zwei Jahre war es her, dass er aus dem Gefängnis entlassen worden und in sein Haus auf der Klippe zurückgekehrt war. Vier Jahre im Staatsgefängnis in Horsens hatte in ihm die Entscheidung reifen lassen, ein zurückgezogenes Leben zu führen. Sich nur um die eigenen Sachen zu kümmern. Einer geregelten Arbeit nachzugehen. Es stimmte, dass er Feinde hatte. Und er war gezwungen, ihnen gegenüber bestimmte Verhaltensmaßregeln an den Tag zu legen. Er musste sich verteidigen können, sonst würde er bald ein toter Mann sein. Aber er mischte sich in keine Angelegenheit ein, die nach Gesetzesüberschreitung, Gefängnis, schiefer Bahn oder verkehrter Entscheidung roch.

Und doch war er in das hier reingerutscht, vielleicht war es sogar Mord. Natürlich war er nicht schuldig im Namen des Gesetzes. Aber – und das war die Ironie dabei – schuldig, weil er sich an seine eigenen Gesetze gehalten hatte.

Sie hatten das Areal um den Wassergraben abgesperrt. Er hatte Kir gesehen, die von ihrem Chef gebrieft wurde und ihm zugelächelt hatte. Normalerweise versetzte ihn schon ihr Anblick in gute Laune, ihr fröhliches, spitzes Gesicht mit den roten Locken. Aber auch sie konnte ihm nicht die Last der Schuld nehmen.

Damit die Taucher ihre Arbeit beginnen konnten, hatte die Polizei die neugierigen Zuschauer verscheucht. Dazu gehörte er, aber auch die Schwestern Dolores und Beatrice. Seitdem war einige Zeit vergangen. Noch war es nicht offiziell, aber es hatte sich bereits das Gerücht verbreitet, dass sie Schwester Melissa auf dem Grund des Wassergrabens gefunden hatten.

Als er sie das letzte Mal gesehen hatte, war sie am Leben gewesen. Er allein hätte ihren Tod verhindern können.

In seinem Inneren hatte er gespürt, dass sie in Gefahr ist. Er hatte es gespürt und ihr dennoch den Rücken zugewandt. Und er konnte noch nicht einmal mit einer brauchbaren Beschreibung des Mannes dienen, dem Melissa dort unten begegnet war.

Felix hatte einmal sehr deutliche Worte dafür gefunden: ›Sie haben einen Namensvetter in der Bibel, er hat auch seinen Freund verraten.‹

War er wirklich so einer? Der seine Freunde verriet, um seine eigene Haut zu retten?

Das war nicht das Bild, das er von sich selbst hatte. Aber vielleicht entsprach es doch der Wahrheit.

Hinter sich hörte er Schritte und das Geräusch von raschelndem, schwerem Stoff. Schwester Beatrice kam den Gang herunter. Sie hatte einen Rosenkranz in der Hand. Ihr Gesicht, das immer so voller Freude und Leben war, war wie versteinert.

»Peter. Du arbeitest?«

Sie ließ sich schwer auf die Klavierbank fallen. Ihre Stimme war ohne die vertraute fröhliche Melodie.

»Es muss ja gemacht werden.«

»Muss es das? Ja, wahrscheinlich muss es das.«

Schweigend saß sie da und ließ den Rosenkranz durch ihre Finger gleiten. Er wandte sich wieder seiner Arbeit zu und hörte darum kaum, was sie sagte.

»Ich habe sie geliebt.«

Er ließ das Werkzeug sinken und sah sie an.

»Ich habe sie in jeder Hinsicht geliebt. Gott konnte ich das sagen. Aber du bist der einzige Mensch, dem ich es anvertrauen kann.«

Sie hatte Tränen in den Augen.

»Ich habe sie geliebt und ich habe sie verraten. Ich kann das niemandem erzählen, nicht einmal der Polizei. Ich kann es nur dir sagen.«

Ihm war der Ernst der Lage bewusst, dennoch hatte seine Stimme einen spöttischen Klang.

»Meinst du nicht, ich habe genug, womit ich mich herumschlagen muss? Ich habe sie auch verraten.«

»Dein Verrat ist nichts im Vergleich zu meinem«, sagte sie stur.

»Aha, ist das hier ein Wettkampf?«

»Ich habe sie geliebt. Hast du mir überhaupt zugehört? Sie hat mir Dinge anvertraut. Dinge, die ich hätte weiterleiten müssen. Jetzt ist es zu spät. Jetzt ist sie tot.«

Sie wischte sich die Tränen aus den Augen.

»Wenn du etwas weißt, musst du es der Polizei sagen«, sagte er eindringlich.

Sie sah ihn kopfschüttelnd an.

»Das ist nicht so einfach. Es gibt unsere Gesetze und die Gesetze der Gesellschaft. Sie kollidieren nicht oft, aber manchmal eben schon.«

»Weißt du, ob jemand hinter ihr her war? Weißt du, warum sie sterben musste?«

»Natürlich weiß ich das nicht, nichts in diese Richtung. Zumindest nicht mit Sicherheit.«

Sie kam auf ihn zu und legte eine Hand auf seinen Arm.

»Wir beide sitzen im selben Boot. Gott wird uns vergeben, aber können wir uns vergeben?«

Sie und ihr Gott, dachte er und spürte, dass er in eine Richtung gedrängt wurde, in die er nicht wollte.

»Du hast sie gut gekannt«, sagte er. »Vielleicht am besten von uns allen. Es muss eine Erklärung dafür geben, was mit ihr passiert ist. Eine alte Geschichte …«

Sie riss die Augen auf, und ihre Hand umklammerte seinen Arm.

»Sie hatte Angst«, sagte sie. »Sie hatte schreckliche, furchtbare Angst.«

»Und das kannst du niemandem sagen außer mir?«

Oh Mann, diese Sache wurde immer schlimmer. Er wollte nur noch nach Hause zu seinem Hund.

»Dinge, die hinter diesen Mauern im Vertrauen gesagt wurden, können nicht einfach der Welt außerhalb mitgeteilt werden. Und schon gar nicht irgendeiner Behörde«, sagte sie.

»Das ist wie bei einer Beichte. Sie hat mich um meine Verschwiegenheit gebeten. Auch wenn das Schlimmste eintreten sollte … Besonders wenn das Schlimmste eintreten sollte«, fügte sie hinzu.

Eigentlich wollte er das alles nicht hören. Andererseits fühlte er sich von einem Versprechen angelockt, wenn er sich darauf einließ. Vergebung, Erlösung, Buße. Seelenfriede. Das brauchte er.

»Sie hatte also Angst davor, umgebracht zu werden?«

»J

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