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Die Nacht der tausend Küsse

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1. KAPITEL

„Mom, was hast du denn?“

Abby Dennison zwang sich ihrem Sohn zuliebe zu einem Lächeln. Er saß auf dem Beifahrersitz neben ihr und redete ununterbrochen – von der Ranch und den Tieren, auf die er sich so sehr freute. Sie hörte ihm nur halb zu, denn sie machte sich große Sorgen, weil das Wetter vor einigen Minuten umgeschlagen war. Abby und ihr Sohn Austin waren vorhin in Phoenix mit dem Flugzeug gelandet. Sie fuhren auf die Ranch von Sam McShane zur Hochzeit von Sam und ihrer Tante.

Mit dem Einbruch der Dunkelheit hatte das Unwetter eingesetzt.

„Mom, es regnet immer doller“, sagte Austin mit ängstlicher Stimme.

Abby umklammerte das Steuerrad und starrte angestrengt auf die Landstraße. „Die Engel spielen Kegeln“, sagte sie betont heiter, als es wieder donnerte.

„Wann sind wir endlich da?“

Erstaunlich, dass er diese Frage erst jetzt stellte. Geduld gehörte nicht gerade zu den Stärken eines siebenjährigen Jungen.

„Es dauert nicht mehr lange.“ Sie sprach lauter, um den Regen zu übertönen. Vielleicht hätten sie doch lieber in Phoenix übernachten sollen, aber sie hatte nicht mit so einem Unwetter gerechnet. Obwohl sie wusste, dass der Monsun im August unberechenbar sein konnte. „Wollen wir etwas singen?“, fragte sie, um Austin abzulenken.

„Was denn?“

Sie sang einen bekannten Country-Song, doch dann donnerte es direkt über ihnen so heftig, dass Abby vor Schreck aufstöhnte. Nein, diese Fahrt stand unter gar keinem guten Stern. Schon vor sechs Monaten nach dem Anruf ihrer Tante hatte sie sich Gedanken gemacht, ob sie noch einmal auf die Ranch fahren sollte.

Laura Gallagher hatte so überschwänglich und begeistert von ihrer bevorstehenden Hochzeit mit Sam McShane erzählt und Abby eingeladen. Nun, sie hatte nichts dagegen, Sam wieder zu sehen, aber dann würde sie auch Jack begegnen müssen.

„Whoa!“, schrie Austin.

Mehrere Blitze zuckten gleichzeitig am dunklen Himmel.

„Hast du das gesehen, Mom?“

„Ja, das habe ich.“ Warum konnte der Sturm nicht auf sich warten lassen, bis sie die Hütte erreicht hatten? Ein Wolkenbruch auf einer einsamen Landstraße in Arizona war gefährlich.

„Mom, soll ich Sam nun Onkel nennen, wenn er Tante Laura geheiratet hat?“

„Das liegt ganz bei dir. Was meinst du denn?“

„Ich weiß es noch nicht. Tante Laura hat gesagt, dass er ein berühmter Rodeo-Reiter ist.“

„Nein, nicht Sam, sondern sein Sohn Jack.“

„Woher kennst du ihn?“, fragte Austin und spähte nach draußen.

„Ich habe früher auf der Ranch gearbeitet.“ Vor acht Jahren, als Abby sich Geld für ihr Studium verdienen musste, hatte sie sich einfach ins Flugzeug gesetzt und einen Job als Küchenhilfe auf Sams Ferienranch angenommen. Das war das größte Abenteuer ihres Lebens gewesen. Zuerst hatte sie furchtbar unter der staubigen Hitze gelitten und wollte den Job gleich wieder aufgeben. Aber die Leute dort überredeten sie zum Bleiben. Insbesondere der Sohn des Besitzers.

„Gefällt es dir hier nicht mehr, Mom?“

Abby verzog schmerzlich das Gesicht. „Doch, sogar sehr gut.“ Am liebsten wäre sie damals für immer geblieben. „Manchmal ist es traurig, an einen Ort zurückzukehren, an den man viele Erinnerungen hat.“

„Warum?“

„Weil es nie mehr dasselbe wie früher sein wird“, versuchte sie zu erklären.

Austin sah seine Mutter fragend an. Dieser Logik konnte er nicht folgen.

„Ich habe dort gearbeitet und viele Freunde gefunden“, sagte sie. „Einige sind nicht mehr dort. Das macht mich traurig.“ Sie hatte Sam nach Lili Gentry gefragt, der älteren, energischen Küchenchefin. Lili hatte Abby angeleitet. Sie verlangte viel und ließ keine Nachlässigkeiten durchgehen, aber man konnte viel bei ihr lernen, und sie war immer fair. Nun hatte Abby von Sam erfahren, dass Lili vor fünf Jahren gestorben war.

„Gibt es da auch Cowboys?“, fragte Austin aufgeregt.

Besonders einen! „Ja.“ Abby bremste den Mietwagen ab, bevor sie auf der regennassen Straße ins Schlingern geriet. Wieder und wieder blitzte und donnerte es. Die Straße war nur noch ein einziger Sturzbach. Die Scheibenwischer kamen nicht mehr gegen den Regen an. Abby schaltete die Warnblinkanlage an und fuhr an den Straßenrand. Nur ein Dummkopf würde jetzt noch weiterfahren. Sie wollte jedenfalls nicht das Risiko eingehen, im Graben zu landen.

„Halten wir an?“, fragte Austin.

„Ja, es wird immer schwieriger zu fahren.“ Im Rückspiegel sah sie ein Fahrzeug hinter sich – der Höhe nach zu schließen, war es offenbar ein Lastwagen.

Wie weit konnten sie jetzt noch von der Ranch Double M entfernt sein? Die Erinnerungen wurden wieder lebendig. Und vor allem musste sie an Jack McShane denken. Immer wieder an Jack.

Der Lastwagen hinter ihr hielt an, und eine Tür wurde geöffnet und wieder zugeschlagen. Kam da nicht eine schemenhafte Gestalt auf sie zu? Oder hatte sie sich getäuscht?

„Mom, hast du Angst?“

Sie zwang sich zu einem heiteren Lachen. „Nicht die Spur!“ Wahrscheinlich war es einer der Rancharbeiter, der hinter ihr gehalten hatte.

Austin war nicht so recht überzeugt.

Jetzt entdeckte sie den Mann direkt neben sich. Er klopfte an die Seitenscheibe. Abby kurbelte sie etwas herunter.

„Alles in Ordnung mit Ihnen?“

Abby starrte ihn an und konnte kaum atmen. Auf diesen Moment war sie nicht eingestellt. Groß und breitschultrig stand er vor ihr, der Regen tropfte von seinem Stetson. Dieses eckige Gesicht mit den markanten Zügen kannte sie nur zu gut. Und auch diese blauen Augen, die ihr Herz zum Schmelzen bringen konnten! „Hi, Jack.“

„Abby?“

Sie atmete tief durch. In den vergangenen Jahren hatte sie sich eingeredet, dass sie Jack niemals wieder sehen wollte. Er war die Liebe ihres Lebens gewesen, ihr erster Mann, und auch der Mann, der sie im Stich gelassen hatte.

Jack blinzelte, um Abby besser erkennen zu können. Dann beugte er sich vor und sah ins Auto. Ungläubig starrte er Austin an.

„Lass uns aus dem Regen verschwinden. Ich fahre vor, und du folgst meinen Schlusslichtern“, sagte er und sah ihr in die Augen. „Dann kann euch nichts passieren.“

Für einen Augenblick überlegte Abby, ob sie nicht ganz schnell umkehren, zum Flugplatz fahren und nach Haus fliegen sollte. Doch dann verwarf sie den Gedanken sofort wieder. Jack bedeutete ihr gar nichts mehr. Sie war einfach nur nervös, weil sie acht Jahre lang ein Geheimnis für sich behalten hatte.

„Mom? Wer war das?“

Dein Vater. „Das ist Jack McShane, Sams Sohn.“ Mehr brauchte Austin erst einmal nicht zu wissen.

Sie wartete, bis Jack vorfuhr, und dann folgte sie ihm im dichten Abstand.

Was hatte sie nur erwartet, als sie die Reise zur Ranch unternahm? Jack hatte sie damals sehr verletzt und gedemütigt. Er war eines Nachts von der Ranch verschwunden, ohne sich von Abby zu verabschieden. Im Nachhinein hatte sie vielleicht zu große Erwartungen gehabt. Jack hatte sie weder angelogen, noch hatte er ihr jemals großartige Versprechungen gemacht. Von Anfang an hatte er ihr erklärt, dass er nicht heiraten und keine Kinder wollte. Aber jung und naiv, wie Abby gewesen war, hatte sie geglaubt, ihn umstimmen zu können.

Jack bog vor ihr ab und fuhr durch die Einfahrt der Ranch Double M. Als die Bremslichter seines Pferdeanhängers aufleuchteten, hielt auch Abby an. Aus dem offenen Fenster heraus signalisierte Jack ihr, geradeaus zu fahren, während er nach rechts abbog.

„Wohin fährt er, Mom?“

„Zu den Ställen.“ Dorthin, wo mich dein Vater zum ersten Mal geküsst hat.

„Da ist Tante Laura!“, schrie Austin, als er das Ranchhaus sah.

Laura, eine gepflegte Frau in den Fünfzigern, stand auf der hell erleuchteten Veranda. Sie trug Jeans, ein Western-Shirt und einen Stetson.

Austin schnallte sich ab, und Laura kam mit einem Schirm auf den Wagen zu.

„Wie geht es meinem großen Liebling?“, fragte sie und schloss Austin in ihre Arme.

Der Junge umarmte sie freudestrahlend. „Tante Laura. Darf ich auf einem Pferd reiten?“

„Aber natürlich darfst du das“, sagte sie, ohne zu zögern.

„Darüber sprechen wir noch“, stellte Abby klar. Sie musste keine Gedanken lesen können, um zu wissen, dass Laura Austin in den nächsten Wochen verwöhnen wollte.

„Ich freue mich sehr, dass ihr beide gekommen seid“, begrüßte Sam sie und holte ihr Gepäck aus dem Kofferraum. Er war groß und rundlich – nicht gerade ein Bild von einem Mann, aber er hatte ein gutmütiges Wesen und ein ansteckendes Lachen. „Schön, euch wieder zu sehen. Es hat sich inzwischen einiges verändert.“ Er sah ihre Tante liebevoll an. „Und das habe ich dir zu verdanken.“

Über Weihnachten war Abby mit Austin von Boston zu ihrer Tante nach Houston gefahren waren, um die Feiertage gemeinsam mit ihr zu verbringen. Sie waren auf einer Pferdeauktion gewesen und hatten dort Sam getroffen. Abby hatte ihm ihre Tante vorgestellt. Ja, und dann hatte es sofort zwischen den beiden gefunkt.

„Wir werden viel Spaß miteinander haben“, sagte Sam und schlug Austin auf die Schulter. „Aber als Erstes müssen wir einen richtigen Cowboyhut für dich finden.“

Austin war begeistert. „Mom! Hast du das gehört? Ich soll einen richtigen Cowboyhut bekommen!“

„Natürlich.“ Laura legte einen Arm um Austins Schultern und schob den Jungen zur Tür. „Aber zuerst zeige ich euch eure Zimmer.“

Drinnen sah alles noch so aus, wie Abby es in Erinnerung hatte. Sie durchquerten die getäfelte Eingangshalle mit dem steinernen Kamin und dem gewebten Wandteppich. Das riesige Fenster bot – zumindest an heiteren Tagen – einen herrlichen Ausblick auf die Hügel und Berge. Die weichen Ledersofas luden zum Sitzen ein, und um das Klavier herum waren einige gemütliche Kapitänssessel gruppiert.

„Freust du dich für mich, Abby?“, fragte Laura leise.

Was für eine Frage. Abby hätte nicht glücklicher sein können. Sie hatte Sam schon immer gemocht. Insgeheim hatte sie ihn sich vor acht Jahren als Schwiegervater gewünscht. „Aber natürlich freue ich mich für dich.“

Arm in Arm gingen die beiden Frauen die Eichentreppe in den ersten Stock hinauf. Sam öffnete eine Tür. „Hoffentlich mögt ihr eure Zimmer.“

Die Räume waren einladend und geschmackvoll eingerichtet.

Austin ging gleich durch das Wohnzimmer in den Schlafraum und ließ sich auf das riesige Bett fallen.

„Großartig“, sagte Abby voller Überzeugung.

„Wir sehen uns dann später“, sagte Sam und blickte aus dem Fenster. „Es regnet noch immer.“

„Mach dir keine Sorgen.“ Abbys Tante legte Sam beruhigend eine Hand auf den Arm. „Ich bin sicher, dass es ihm gut geht. Wir hatten schon längst mit Jack gerechnet“, erklärte sie Abby.

„Aber er ist doch hier“, sagte sie. „Er hat angehalten, um uns herzubringen. Wahrscheinlich ist er jetzt in den Stallungen.“

Sam atmete erleichtert auf. „Gut. Dann gehe ich jetzt zu ihm.“

Abbys Tante wartete, bis Sam die Tür hinter sich geschlossen hatte. „Er hatte schon Angst, dass Jack nicht kommen würde.“

„Warum?“

„Sie verstehen sich nicht mehr so gut wie früher.“

Hat das etwa mit jener Nacht zu tun? fragte sich Abby. Ray, der Vormann, hatte ihr berichtet, dass Jack die Ranch nach einem heftigen Streit mit Sam verlassen hatte. Niemand wusste, worum es bei dem Streit gegangen war.

„Weißt du, warum?“, fragte sie Laura. Dass Vater und Sohn zerstritten waren, tat ihr in der Seele weh. Sie hatte Jack immer um das enge Verhältnis zu Sam beneidet, denn ihr eigener Vater hatte kaum Zeit für sie gehabt.

„Ich habe keine Ahnung“, sagte Laura.

„Belastet es dich nicht?“

„Doch, aber ich möchte mich nicht in die Angelegenheit einmischen. Das ist ihre Sache.“

Abby hätte an Lauras Stelle nicht so schnell aufgegeben.

„Es tut dir doch hoffentlich nicht leid, dass du gekommen bist?“, fragte Laura besorgt.

„Im Gegenteil“, versicherte sie ihrer Tante. „Ich fühle mich geschmeichelt, deine Brautjungfer sein zu dürfen.“

„Abigail, keine Ausflüchte.“ Laura ergriff ihre Hände. „Wir haben noch nicht darüber gesprochen, aber ich muss es einfach wissen. Ist es schlimm für dich, Jack wieder zu sehen? Kannst du damit umgehen?“, fragte sie mit leiser Stimme, damit Austin sie nicht hören konnte.

„Ich komme schon damit zurecht.“ Sie musste es – für die nächsten zwei Wochen.

Laura zog die Brauen zusammen. „Ich dachte, dass du dich möglicherweise nicht wohl in seiner Gegenwart fühlen würdest. Du hast mir so wenig von Jack erzählt, aber ich weiß, dass er eine wichtige Rolle in deinem Leben gespielt hat.“

„Das liegt sehr lange zurück, Tante Laura“, sagte Abby und versuchte überzeugend zu klingen. „Damals war ich einundzwanzig und ging noch aufs College.“

„Ja, ich weiß.“ Laura musterte ihre Nichte forschend, aber dann wechselte sie das Thema, als Austin ins Zimmer kam. „So, nun will ich euch nicht länger beim Auspacken stören.“

Als Laura gegangen war, ließ Abby sich auf den nächsten Stuhl sinken. Austin hatte unterdessen den Fernseher angestellt. Sie schloss die Augen, und plötzlich überkamen sie die Erinnerungen. Sie spürte Jacks Hände auf sich, als sie sich das erste Mal liebten. Damals im Mai hatte er sie vom Flughafen abgeholt, und sofort waren ihm seine unwiderstehlichen blauen Augen aufgefallen. Ja, sie war sich sicher, dass er der Mann war, auf den sie immer gewartet hatte.

Am nächsten Tag begegnete sie Jack im Esszimmer der Ranch, wo sie servierte. Jedes Mädchen, das auf der Ranch arbeitete, hatte ein Auge auf ihn geworfen. Kein Wunder: Jack sah unverschämt gut aus, er war ein Rodeo-Champion, er hatte Geld, und er war einfach ein Frauentyp.

Abby wollte sich nicht lächerlich machen und sich keinen romantischen Schwärmereien hingeben, die alle um einen dunkelhaarigen, lockigen Cowboy kreisten, aber dann lächelte er sie mit seinen ebenmäßigen, strahlenden Zähnen an. Sie hatte das Lächeln erwidert und sich wieder um ihre Arbeit gekümmert.

Als sie später den Tisch abräumte, saß Jack noch immer lächelnd da und strahlte sie an. Das war der Anfang gewesen, und in den nächsten vier Monaten waren sie unzertrennlich. Eines Nachts war Jack dann ohne ein Wort des Abschieds verschwunden. Damit war für Abby klar, dass er sie nie geliebt hatte. Aber sie liebte ihn von ganzem Herzen und weinte wochenlang um ihn.

„Mom?“

Austin brachte sie wieder in die Gegenwart zurück. Abby war nicht länger ein unglücklich verliebtes junges Mädchen, sondern eine Mutter, und Mütter hatten Verantwortung und mussten mit beiden Beinen fest auf der Erde stehen.

„Mom, ich habe meine Comics im Auto vergessen“, sagte Austin. „Kann ich sie holen?“

„Ich bringe sie dir.“ Abby zog sich ihren Anorak an. „Ich schließe die Tür ab. Du kennst unsere Regel.“

Er verfolgte den Film „101 Dalmatiner“ auf dem Bildschirm. „Ich darf nie die Tür für Fremde öffnen. Nur für dich und Tante Laura“, spulte er pflichtgemäß herunter.

Nun bin ich also mal wieder zu Haus, dachte Jack, als er Roper in den Pferdestall führte. Seit den letzten Besuchen auf der Ranch und den gelegentlichen Anrufen war sein Ärger allmählich verflogen. Er und Sam kamen inzwischen einigermaßen miteinander aus. Sie würden wohl nie mehr das herzliche Verhältnis wie früher zueinander haben, und Jack würde die Ranch nicht mehr als sein Zuhause betrachten.

Mit achtzehn Jahren, als er nach Unabhängigkeit strebte, war er in ein Nebengebäude gezogen – in eine ehemalige, inzwischen renovierte Scheune. Hier würde er es für die nächsten zwei Wochen aushalten können.

Nachdem er sein Pferd gefüttert hatte, drehte er sich um. Dann entdeckte er Sam, der draußen auf ihn wartete.

„Abby sagte, dass ich dich hier finden würde.“ Jack ging einen Schritt auf seinen Vater zu. „Ich bin sehr froh, dass du gekommen bist“, sagte Sam. „Wir hatten uns schon Sorgen gemacht. Die Straßen sind bei dem Unwetter kaum befahrbar.“

Abby. Er dachte an ihre leuchtenden, strahlenden Augen. Wie sehr hatte er das Mädchen geliebt. „Es hat länger in Ogden gedauert, als ich dachte.“

„Hast du gewonnen?“

Jack nickte. „Es war nur ein kleines Rodeo.“

Sam verzog das wettergegerbte Gesicht zu einem angedeuteten Lächeln. „Ich kann dir gar nicht sagen, wie sehr ich mich freue, dass du nach Haus gekommen bist.“ Er wollte Jack den Arm um die Schultern legen, hielt dann aber in seiner Bewegung inne und steckte die Hände ein wenig verlegen in die Hosentaschen.

„Na hör mal. Schließlich heiratest du doch. Was wäre ich denn für ein missratener Sohn, wenn ich nicht einmal zur Hochzeit meines Vaters nach Haus kommen würde?“

Sam nickte. „Du wirst Laura mögen.“

Davon war Jack überzeugt. Er erinnerte sich, wie warmherzig Abby von ihrer Tante gesprochen hatte.

„Ich weiß nicht, was sie an mir findet“, gab Sam zu. „Aber sie behauptet, dass sie ganz verrückt nach mir ist.“ Er strahlte, als wenn er einen Hauptgewinn gezogen hätte. Mit seinen einundsechzig Jahren war Sam verliebt wie ein Jüngling. „Und du bist ständig unterwegs mit dem Rodeo-Zirkus. Bist du nicht sogar im Fernsehen aufgetreten?“

Es war offensichtlich, dass Sam unter allen Umständen ein Gespräch im Gang halten wollte. „Im Werbefernsehen. Für Jeans.“ Weltmeister waren eben gefragt. Aber wenn Jack seinen Titel im nächsten Jahr nicht verteidigen könnte, würde es niemanden interessieren, was er für Jeans trug. Er wechselte das Thema. „Ich habe gehört, dass die Geschäfte gut laufen.“

Auf der Ranch erholten sich in erster Linie begüterte Großstädter, die einerseits das Landleben genießen und kennen lernen wollten, andererseits aber nicht auf ihren gewohnten Luxus verzichten wollten – wie auf einen Swimmingpool, einen Tennisplatz, einen Golfplatz und Zimmerservice. Dennoch war Double M eine Ranch, auf der noch richtig Viehzucht betrieben wurde. Es gab Hunderte von Rindern und einen prämierten Zuchtbullen namens Duncan. Und natürlich Pferde.

„Die Ranch wächst mir allmählich über den Kopf.“ Sam nahm den Stetson ab und fuhr sich durchs Haar. „Ich könnte Hilfe gebrauchen.“

Das war die indirekte Frage, ob Jack sich vorstellen konnte, für immer hier zu bleiben. Sam hätte es niemals gewagt, seinem Sohn den Rücktritt vom Rodeo-Zirkus nahe zu legen. Verlegen wandte Sam sich ab. „Wir sehen uns dann später.“

Wahrscheinlich werden wir in Zukunft immer um den heißen Brei herumreden, dachte Jack. Eine verkrampfte Unterhaltung, und immer spielt die Angst mit, etwas Falsches zu sagen. Es wird nie mehr so sein wie früher. Mit Abby auch nicht, dachte er. Und das ist einzig und allein Sams Schuld. Wenn er nicht gewesen wäre, dann wären Abby und ich wohl heute noch zusammen.

Unsinn, korrigierte er sich. Das waren Wunschträume. Er war sich nicht sicher, ob Abby überhaupt das Leben gewollt hätte, das er ihr bieten konnte. Aber ohne den Streit mit Sam wäre er damals nicht einfach mitten in der Nacht verschwunden, und er hätte Abby auch nicht verletzt.

Abby trat hinaus in die kühle, feuchte Abendluft und blickte sich um. Zwischen den Stallungen stand Sams zweistöckiges weißes Farmhaus. Die Fenster waren hell erleuchtet. Jacks Haus dagegen lag in völliger Dunkelheit.

In der Ferne heulte ein Kojote. Als Abby vor Jahren von hier gegangen war, hatte sie nicht im Traum daran gedacht, jemals wieder zurückzukehren und dieses Heulen zu hören. Es war schon eine Ironie des Schicksals: Sie hatte einen geliebten McShane verloren, ihre Tante dagegen hatte einen anderen McShane gefunden.

Sie ging zum Wagen und schloss ihn auf. Dann nahm sie das Bettzeug heraus und entdeckte Austins Comics schließlich unter dem Vordersitz, wo auch jede Menge Abfall und Bonbonpapier lagen. Ordnung gehörte nicht gerade zu Austins Stärken.

Dabei war Abby schon immer ordnungsliebend gewesen. Vielleicht lag es daran, dass sie in ihrer Kindheit meistens aus einem Koffer gelebt hatte. Da musste man schon Ordnung halten.

„Verdammt lange her, Abby.“

Sie drehte sich hastig um, und ihr Herzschlag wurde schneller. Jack kam auf sie zu. Er war jetzt zum Greifen nah.

„Du siehst gut aus.“

Es ist vorbei. Aus und vorbei, redete sie sich ein. Das Kapitel Jack McShane ist längst abgeschlossen. „Danke. Wie geht es dir?“

„Ich war mir nicht sicher, ob du überhaupt mit mir reden würdest.“ Jack betrachtete sie aufmerksam. Er hatte damals einen unverzeihlichen Fehler begangen, als er sie verlassen hatte. Obwohl inzwischen acht ereignisreiche Jahre vergangen waren, hätte es ihn nicht gewundert, wenn sie immer noch verbittert gewesen wäre.

Aber Abby hatte sich schon vor der Abreise in Boston vorgenommen, Jack nicht merken zu lassen, wie sehr er sie damals gekränkt und verletzt hatte. „Das ist Vergangenheit. Ich habe gehört, dass du eine Berühmtheit geworden bist.“ Wie oft hatte er ihr damals erzählt, dass er unbedingt Weltmeister werden wollte. „Nun hast du ja dein Ziel erreicht.“

Jack hatte zwei Ziele gehabt: Rodeo. Und Abby. Beides ließ sich anscheinend nicht vereinen. „Tja.“

Vorhin war er schrecklich müde gewesen. Er hatte schon seit sieben Uhr morgens am Steuer gesessen. Als der Regen einsetzte, wollte er schon anhalten und irgendwo am Straßenrand übernachten. Aber er musste auch an sein Pferd im Anhänger denken, und Roper war im Stall weitaus besser aufgehoben. Nur deshalb hatte Jack seine Fahrt fortgesetzt. Jetzt war er darüber froh. Seine Müdigkeit war sofort verflogen, als er Abby sah. Er steckte die Hand in die Tasche, um nicht der Versuchung zu erliegen, Abby über das Haar zu streicheln. „Der Junge da im Auto …“

Abby hob den Kopf. „Er ist mein Sohn.“ Unser Sohn! Jahrelang hatte sie darum ein Geheimnis gemacht und sogar falsche Fährten gelegt. Sie hatte einer Rancharbeiterin mitgeteilt, dass es einen anderen Mann in ihrem Leben gebe und dass dieser angebliche Liebhaber der Vater ihres Sohnes sei. Nur damit niemand auf der Ranch die Wahrheit glaubte – dass Abby nämlich von Jack schwanger war.

Vorhin hatte er den kleinen, dunkelhaarigen Jungen verstohlen beobachtet, der seiner Mutter so ähnelte. „Wie heißt er?“

„Austin.“

Einige Wochen nachdem Abby die Ranch verlassen hatte, kamen ihm Gerüchte zu Ohren, dass sie sich schnell mit einem anderen Mann getröstet hätte. Das traf ihn sehr in seinem Stolz.

Allerdings hatte Jack auch gehört, dass Abby unverheiratet war. Wahrscheinlich hatte ihr der Vater des Jungen das Blaue vom Himmel versprochen und sich dann aus dem Staub gemacht.

„Ich muss jetzt wieder zu ihm.“ Sie mochte Austin nicht länger in der ungewohnten Umgebung allein lassen.

„Gut siehst du aus.“ Was für eine Untertreibung! In ihren figurbetonten Jeans, mit den kurzen, rötlichen Haaren und den warmherzigen, braunen Augen war sie für ihn der Inbegriff der Schönheit. „Wir werden sicher noch viel Gelegenheit haben, uns länger zu unterhalten. Wie lange bleibst du? Zwei Wochen?“

„Ungefähr. Jetzt muss ich aber wirklich los, Jack.“ Sie ging einen Schritt zurück und dachte an das Sprichwort: Alte Liebe rostet nicht. Konnten sie nicht einfach so tun, als seien sie gute Freunde?

„Abby?“

Ein Wort von ihm genügte, und sie blieb stehen. Nicht nur das, sie ließ vor Anspannung sogar die Autoschlüssel fallen.

Jack kam auf sie zu und bückte sich nach den Schlüsseln. Er nahm ihr Parfüm wahr, diesen leichten Frühlingsduft. Am liebsten hätte er ihr wie damals den Nacken geküsst. „Hier.“

„Danke.“ Abby griff nach den Autoschlüsseln.

„Ich bin froh, dass wir uns endlich wieder getroffen haben“, sagte er, und er meinte es ehrlich. Es war der größte Fehler seines Lebens gewesen, dass er Abby damals verlassen hatte.

Jack lächelte, und Abby schwieg. Plötzlich war sie wieder das junge Mädchen, das sich unsterblich in Jack McShane verliebt hatte. Sie starrte in die tiefblauen Augen, dann drehte sie sich hastig um und ging mit Austins Comics ins Haus.

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