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Die Nacht der gestohlenen Küsse

Inhaltsverzeichnis

1.

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4.

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7.

8.

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11.

12.

13.

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15.

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1.

Der Motor wehrte sich heulend gegen meinen Versuch zu beschleunigen. Zu meiner Linken raste verschwommen die gelbe Mittellinie vorbei, während das Meer rechts von mir ganz und gar ruhig dalag. Es gaukelte mir vor, ich sei noch nicht schnell genug. Die sanften Kurven auf dieser Strecke bettelten geradezu danach, in halsbrecherischem Tempo genommen zu werden. Ich drückte das Gaspedal noch ein paar Zentimeter weiter durch und das Auto schoss vorwärts. Mein Herz schlug schneller und ich konnte nicht anders, als zu lächeln. Der Fahrtwind peitschte durch die Fahrerkabine. Er ließ meine Haare fliegen und trocknete den Schweiß auf meiner Stirn, der von der letzten Trainingseinheit dieses Schuljahrs stammte.

In meinem Rückspiegel blinkten rote und blaue Lichter auf. Es war zwar sinnlos, aber ich nahm den Fuß trotzdem vom Gaspedal. Als ob mir das jetzt noch helfen könnte. Ich hielt nach einer Stelle Ausschau, wo ich rechts ranfahren konnte, und legte mir dabei eine Geschichte zurecht. Als der Polizist, den Strafzettelblock schon in der Hand, mein Fenster erreicht hatte, hatte ich zwei brillante Einfälle parat.

Doch als ich in sein Gesicht sah, waren meine Ausreden vergessen. Ich seufzte und ließ das Fenster herunter.

»Charlotte Reynolds, so trifft man sich wieder«, sagte er.

»Hi, Officer.«

»Das wievielte Mal ist das nun, das dritte?«

»Echt?« Mist. Wie groß war die Wahrscheinlichkeit, dass man drei Mal von ein und demselben Bullen angehalten wurde? »Mein Dad lässt grüßen.«

Er lachte. »Dein Dad ist ein guter Polizist, aber das wird dir diesmal nicht helfen. Nicht bei fünfundzwanzig Kilometern über der Geschwindigkeitsbegrenzung.«

»Wirklich? Das können doch niemals fünfundzwanzig gewesen sein.«

»Waren es aber. Deinen Führerschein bitte.«

»Darf ich einen Blick auf Ihr Radar werfen, um sicherzugehen, dass Sie sich nicht geirrt haben?«

Er zog bloß seine Augenbrauen hoch. Widerwillig reichte ich ihm meinen Führerschein.

Dad würde mich umbringen.

Zu Hause angekommen, schmiss ich meinen Rucksack unter den Tisch im Flur, noch immer sauer über den blöden Strafzettel. »Irgendjemand zu Hause?«, rief ich. Ich hörte ein Lachen und folgte dem Geräusch in die Küche. Auf der Kücheninsel stand ein Mixer, umgeben von Tabascosoße, einer Flasche Ketchup und Eierschalen. Gage schaute auf und sah mich an.

»Charlie! Du kommst wie gerufen.«

Ich konnte den abscheulichen Smoothie oder was immer sie da gebraut hatten, schon von der Tür aus riechen – es stank nach verfaulten Tomaten. »Oh nein, bitte nicht.«

»Aber ja.« Nathan schlang seinen Arm um meine Schulter und zog mich heran. »Holt noch ein Glas.«

Ein weiteres Glas gesellte sich zum Quartett, das bereits auf der Küchentheke stand. »Bei drei auf ex«, kündigte Gage an und goss das dickflüssige Gebräu aus dem Mixer in die fünf Gläser.

»Gibt’s einen Anlass?«, fragte ich und schaute die vier Jungs an, die um den Küchenblock herumstanden. Drei von ihnen waren meine Brüder – Jerom, Nathan und Gage – und der vierte hätte es genauso gut sein können – Braden. Seit zwölf der sechzehn Jahre, die ich alt war, wohnte er im Nachbarhaus und war ständig bei uns.

»Erstens, um zu beweisen, dass wir es können. Zweitens, um unsere Mägen gegen die Prügel zu stählen, die sie morgen beim Football einstecken müssen.«

»In anderen Worten also, um euch zu Idioten zu machen.«

»Das auch«, sagte Gage und hielt sein Glas hoch. »Auf die Plätze …«

»Wer’s nicht schafft, muss sich das Zeug über den Kopf gießen«, unterbrach ihn Braden.

»Jaja, jetzt macht schon. Ich will noch joggen gehen, bevor es dunkel wird.« Ich roch an meinem Glas. Das hätte ich lieber lassen sollen. Es stank schlimmer als in Gages Kleiderschrank.

»Das bringt sie nie. Charlie kneift«, höhnte Nathan und zeigte auf mich.

»Und du versuchst, Zeit zu schinden.«

Aber er hatte recht. Ich hatte nicht vor, das Zeug zu trinken. Die anderen allerdings auch nicht. Darum ging es ja in dem Spiel. Wir machten das nicht zum ersten Mal. Na ja, nicht genau das hier, im Laufe der Jahre hatte es die verschiedensten Varianten gegeben. Bei drei springen alle in den Pool. Bei drei brüllen alle: »Ich bin ein Loser« (mitten im Einkaufszentrum). Bei drei leckt jeder an dem Menschen, der rechts neben ihm steht. Es war reines Pokerspiel. Wenn einer die Aufgabe erfüllte, mussten alle anderen zur Strafe irgendetwas noch Idiotischeres tun. Wenn niemand irgendetwas tat, war alles bestens.

Der Einzige, der mir im Moment Sorgen bereitete, war Braden. In den Gesichtern meiner Brüder konnte man wie in einem Buch lesen. Heute Abend würde keiner von ihnen das Gebräu trinken, das hatte ich schon in dem Moment gewusst, als ich in die Küche kam – es stand in ihren Gesichtern geschrieben, die sie vor Ekel verzogen hatten. Aber Braden hatte ein Pokerface, selbst nach all den Jahren war er immer noch schwer einzuschätzen.

Angst? Nur seine Lippen bewegten sich.

Ich schüttelte den Kopf und sah ihm forschend in die Augen. Sie waren nussbraun, wobei sie manchmal mehr ins Grünliche, manchmal mehr zu einem Braun tendierten. Im Moment schien der Stich ins Grüne zu überwiegen und ich versuchte, daraus schlau zu werden. Würde er das Zeug trinken?

»Okay, macht die Augen zu«, befahl Jerom. »Nehmt eure Gläser.«

Ich schloss meine Augen. Ich hatte keine Lust, mir die Brühe über den Kopf zu gießen und heute Abend zweimal duschen zu müssen – einmal vor und einmal nach dem Joggen.

»Eins …«

Braden räusperte sich neben mir. Damit bluffte er doch nur, oder? Das hieß also, dass er nicht vorhatte, die Pampe zu trinken.

»Zwei …«

Er stieß mich mit dem Ellenbogen an. Mist, er versuchte, mich reinzulegen. Das bedeutete also, dass er es doch trinken würde.

»Drei.«

Lieber trinken, als das Zeug in meinen Haaren und auf meinen Klamotten zu haben. Ich leerte das Glas mit drei langen Zügen, fast ohne zu würgen.

»Charlie!«, jammerte Nathan. »Echt jetzt?«

Alle anderen hatten ihre vollen Gläser noch in der Hand.

»Ha! Über den Kopf damit! Ihr alle.« Ich schaute zu Braden, der ziemlich zufrieden mit sich wirkte, obwohl er im Grunde verloren hatte. Ich musste es irgendwann lernen, ihn zu durchschauen – dann könnte ich mir den ekligen Geschmack, der mir jetzt auf der Zunge klebte, das nächste Mal ersparen. Mein Magen war auch nicht gerade begeistert. »Lecker, schmeckt wie Gemüsesaft.«

»Igitt, Charlie, date nie einen Typen, der Gemüsesaft mag«, sagte Gage.

Ich verdrehte die Augen. Seit ich sechzehn geworden war – und damit das Date-Verbot meines Dads offiziell nicht mehr galt –, gaben mir meine Brüder andauernd Tipps, welche Eigenschaften einen Jungen in ihren Augen zu einem No-Go machten. Wenn man all das addierte, was sie in den letzten sechs Monaten so zusammengetragen hatten, dann gab es wahrscheinlich niemanden auf der Welt, mit dem ich noch hätte ausgehen dürfen.

»Und warum nicht?«, erkundigte ich mich.

»Weil man keinem Typen trauen kann, der Gemüse trinkt. Außerdem ist eine Tomatensaftfahne so was von vulgär.«

Dank der Tabascosoße fing allmählich mein ganzer Mund an zu brennen. Dann schlug der Pfeffer so richtig durch, sodass ich würgen musste. »Igitt. Was habt ihr da reingetan?« Ich drehte mich um und spülte meinen Mund unter dem voll aufgedrehten Wasserhahn aus. »Eure Köpfe sind ja immer noch sauber«, bemerkte ich und prustete das Wasser dabei in alle Richtungen. Ich hörte, wie sie sich das scheußliche Gebräu unter Gestöhn und Gejammer über die Köpfe gossen. Den Geschmack, den ich im Mund hatte, war es allerdings nicht wert. Ich gurgelte und spuckte noch einmal aus. »Okay, hat Spaß gemacht. Morgen beim Football! Dann seid ihr alle am Arsch!« Auf dem Weg aus der Küche verpasste ich Braden einen kräftigen Stoß. Er lachte, weil er genau wusste, dass ich den Drink nur seinetwegen runtergekippt hatte.

»Warte!«, rief Jerom. »Ich komme mit joggen.«

»Ich warte aber nicht, bis du geduscht hast.« Ich beugte mich vor und band mir die Schnürsenkel fester.

Er strich sich die Haare zurück. Die Tabascosoße verlieh seinen schwarzen Haaren einen rötlichen Ton. »Wer hat was von duschen gesagt? Ich gehe nur eben meine Schuhe holen.«

Vom Gestank, den Jerom beim Joggen ausdünstete, wurde mir kotzübel. Wahrscheinlich weil er mich daran erinnerte, was ich im Magen hatte. Der schwüle Sommerabend half auch nicht gerade. Hitze und dazu hohe Luftfeuchtigkeit gehörten nicht zu meinen Lieblingsbedingungen beim Joggen.

Ich lenkte mich ab, indem ich versuchte, die Bäume im Park näher zu bestimmen. Bei den großen Bäumen handelte es sich um Eukalyptus, das wusste ich. Sie wuchsen überall an der Küste, sie mochten wohl die salzige Luft. Selbst dort, wo wir wohnten, sechzehn Kilometer vom Meer entfernt, wuchsen und gediehen sie.

»Acht Wochen Sommerferien«, sagte Jerom und unterbrach meine vergeblichen Versuche, weitere Bäume zu erkennen. »Dann geht’s zurück in den Knast.«

»Erinnere mich bloß nicht daran. Wenigstens hast du ja ein bisschen Freiheit.«

»Du glaubst, College bedeutet Freiheit?«

»Äh … ja!«

Er lachte. »Okay, ja, irgendwie stimmt das schon. Ich habe aber trotzdem Seminare und Fußballtraining, so frei, wie es sein könnte, ist es nicht.«

»Hast du Nathan vorgewarnt? Ich glaube, er freut sich nämlich schon auf seine Freiheit.«

»Ja, na klar. Wenn es keine strengen Regeln gäbe, an die er sich halten kann, wüsste Nathan doch gar nichts mit sich anzufangen.«

»Stimmt auch wieder.«

Jerom warf mir einen Blick zu, er war ein bisschen außer Atem. Es tat gut zu wissen, dass ich meinem großen Bruder immer noch davonlaufen konnte. Ich atmete ganz ruhig.

»Und bei dir?«, fragte er. »Irgendwelche Vorurteile in Sachen elfte und zwölfte Klasse, die ich ausräumen muss?«

»Ich bitte dich, ich bin praktisch schon seit zwei Jahren in der Oberstufe, wenn man bedenkt, dass ich meine gesamte Highschool-Karriere mit Nathan, Gage und Braden verbracht habe.«

»Auch wieder wahr. Möglicherweise haben sie dir damit nicht gerade einen Gefallen getan. Möglicherweise hätten sie dich lieber noch in den Niederungen schmoren lassen sollen, bevor sie dich zu sich hochgeholt haben.«

»Möglicherweise sollte ich dich an dem Hügel da abhängen.« Ich zeigte nach vorne. Am Fuß des Hügels begann Kilometer Fünf unserer Laufrunde. In meinem Magen gurgelte es, er rebellierte gegen den Vorschlag, aber da sagte Jerom auch schon »Die Wette gilt« und ich konnte keinen Rückzieher mehr machen.

Als wir den Hügel hinaufkeuchten, fiel mir zum ersten Mal auf, dass es nicht nur schwül war; dunkle Wolken hingen über uns. Regenwolken. Die ersten fünfzig Meter oder so lag Jerom in Führung, aber der Anstieg war lang. Ich sparte mir meinen Spurt auf, bis ihm die Luft ausging, und überholte ihn dann. Oben angekommen, stützte ich mich mit den Händen auf die Knie, jetzt ziemlich außer Atem, und versuchte, wieder zu Luft zu kommen.

»Dein Stürmer-Dasein hat dich verweichlicht«, spottete ich. »Die Mittelfeldspieler aus aller Welt würden dich auslachen.«

»Wenn du das sagst.«

»Sieht nach Regen aus«, bemerkte ich und warf wieder einen Blick auf den Himmel. »Lass uns mal hoffen, dass wir morgen spielen können.«

»Oh, morgen spielen wir. Kann bloß sein, dass daraus Schlamm-Football wird.« Er schaute auf seinen Ärmel und schnippte etwas roten Glibber weg. Bei dem Anblick drehte sich mir der Magen endgültig um und ein saurer Geschmack stieg mir in der Kehle auf. »Warte kurz.« Ich lief an den Straßenrand und übergab mich in die Büsche. Allein dem Geruch nach hätte ich das wiederholen können, aber ich flüchtete schnell.

»Wie eklig«, sagte Jerom.

Ich wischte mir den Mund mit dem Handrücken ab. »Tja, die rohen Eier zusammen mit der Tabascosoße waren wohl nicht so der Hit. Aber jetzt fühle ich mich wesentlich besser.« Und das stimmte. »Weiter geht’s.« Ich rannte wieder los und steuerte den Weg an, der um den Park herum und dann zurück in unser Viertel führte.

»Ist dir schon mal der Gedanke gekommen, dass du es vielleicht übertreibst?«, fragte Jerom, als er wieder an meiner Seite war.

»Und das von Mr. Fußballstipendium, der damit auf die UNLV geht?« Ich konnte mich noch gut daran erinnern, als Jerom die Zusage für das Stipendium bekommen hatte. Obwohl Nevada seine Traumuni gewesen war, hatte ich heimlich auf ein College in der Nähe gehofft. Es fiel mir schwer, mich von einem meiner Brüder zu trennen. Ich wollte sie in meiner Nähe wissen. Umso mehr freute ich mich, dass er zumindest während der Sommerferien nach Hause kam. »Nein, ich glaube nicht, dass ich es übertreibe. Um der Beste zu sein, muss man sein Bestes geben, richtig?«

»Kann schon sein.«

»Kann schon sein? Du fängst doch dauernd davon an. Der Spruch hing jahrelang an deiner Zimmertür. Komm mir also nicht mit ›Kann schon sein‹. Abgesehen davon hatte das«, ich zeigte nach hinten auf die Büsche, »nichts damit zu tun, dass ich es übertrieben habe. Und das weißt du auch. Ich bin nicht mal müde. Das war der Drink, den ich mal lieber nicht hätte trinken sollen – und dessen Reste immer noch auf deinem T-Shirt kleben. «

»Schon gut, schon gut.« Wir joggten ein paar Meter weiter. »Warum eigentlich?«

»Warum was?«

»Warum hast du ihn getrunken? Du wusstest doch, dass wir es nicht tun würden.«

Aber ich hatte nicht gewusst, dass Braden es nicht tun würde. »Wie das eine Mal, als ich mir sicher war, dass du nicht einfach so irgendeine Fremde küssen würdest? Hast du aber. Ihr alle habt es getan, sogar Nathan, weswegen ich den nächsten vier Menschen, die uns über den Weg liefen, erzählen musste, dass ich mich in meinen Hund verliebt hätte und ob sie wüssten, wo ich dagegen Hilfe finden könnte.«

Er lachte so heftig, dass er für eine Minute stehen bleiben musste. »Die Strafe war saukomisch, aber die Aufgabe vorher war doch leicht. Deswegen haben wir es ja alle gemacht. Wo lag das Problem? Mochtest du den Typen nicht, den wir dir zum Küssen ausgesucht hatten?«

»So ungefähr.« In Wahrheit war der Typ, den sie für mich ausgesucht hatten, ganz süß gewesen. Mein Problem war nur, dass er meine Annäherungsversuche vermutlich nicht so toll gefunden hätte. Da war ich mir ziemlich sicher. Meine Brüder waren cool. Attraktiv. Die meisten Mädchen fanden sie sexy, groß, wie sie waren, gut gebaut und mit ihren sturmwolkengrauen Augen. Ich konnte mir vorstellen, dass die Mädels, die sie an jenem Tag geküsst hatten, immer noch davon sprachen.

Ich dagegen war … ziemlich jungenhaft. An jenem Tag damals im Einkaufszentrum, dem Küss-den-nächsten-Fremden-der-dir-über-den-Weg-läuft-Tag, trug ich meinen Jogginganzug vom Basketballtraining, meine Haare waren fettig und zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden und meine Lippen ganz rissig. Ich hatte nicht vor, irgendeinen Fremden zu küssen, der sich anschließend wahrscheinlich übergeben hätte. »Er wäre nicht damit klargekommen, wie umwerfend ich bin«, sagte ich schließlich, obwohl mir bewusst war, dass Jerom eine bessere Antwort erwartete.

»Nur wenige kommen damit klar, wie umwerfend du bist.«

Seit seinem Lachanfall waren wir nur gegangen, aber jetzt zog ich das Tempo wieder an. »Vermutlich war das als Beleidigung gemeint, aber ich fasse es mal als Zustimmung auf. Jetzt aber los. Nicht nachlassen.«

»Ja, Coach.«

Als wir zu Hause ankamen, war ich völlig verschwitzt und meine Beine fühlten sich wie Gummi an, aber ich konnte frei durchatmen und Adrenalin pulsierte durch meinen Körper. Das war einer der Gründe, warum ich joggen ging – dieses Hochgefühl, das ich davon bekam.

Nachdem ich am Abend in mein Bett gefallen war, schlief ich sofort ein und schlief wie eine Tote – kein einziger Traum. Das war der andere Grund, warum ich joggen ging.

2.

Anscheinend hatte es die ganze Nacht geregnet – nicht, dass ich irgendetwas davon mitbekommen hätte – und der gesamte Park stand unter Wasser. Es war, wie Jerom gesagt hatte: perfekt für Schlamm-Football. Mein Team bildete einen Kreis und Jerom warf mir einen Blick zu. »Ihr müsst eure Gegenspieler abschütteln, sie werden nicht lockerlassen. Und Charlie, es könnte helfen, wenn du dich diesmal nach außen drehst und nicht nach innen.«

»Kümmere du dich um deine Technik, ich kümmere mich um meine«, sagte ich.

»War ja bloß ein Vorschlag.«

»Ich weiß, wie man spielt.«

»Genau, Jerom. Charlie weiß, wie man spielt«, spottete Gage und stieß mich an. »Spar dir deine klugen Kommentare.«

»Gage.« Von allen meinen Brüdern verstand ich mich mit ihm am besten und er war der Einzige, dem ich einen solchen Spruch durchgehen ließ. Hauptsächlich weil er mir gleich darauf ein breites Grinsen schenkte und ich ihm nie lange böse sein konnte.

»Gut, dann los.« Jerom klatschte in die Hände und wir nahmen unsere Aufstellung ein. Fünf Minuten vor Schluss stand es sieben zu sieben. Meine Socken waren vom Schlamm durchnässt und meine Hände rutschten von meinen Knien ab, als ich in die Hocke ging, aber ich hatte fest vor, diesen Ball zu fangen. Die Jungs leiteten den nächsten Spielzug ein und ich rannte los. Jerom warf mir einen perfekten Pass zu. Ich fing den Ball und preschte vor. Irgendjemand packte mich von hinten am T-Shirt. Ich schüttelte ihn ab und rutschte dabei beinahe auf dem nassen Rasen aus.

Als keine Abwehrspieler mehr zwischen mir und den orangefarbenen Hütchen standen, fing ich an, mein eigenes Spiel zu kommentieren. »Sie hechtet über die Pfütze und sprintet in die Endzone. Touchdown!« Ich drehte mich um und reckte den Ball wie eine Trophäe in die Höhe. »Yeah! Wir sind die Besten!«

»Hör auf anzugeben«, schimpfte Braden und richtete sich mühsam vom Boden auf. »Das nervt.«

»Schlechter Verlierer«, murmelte ich. Er war genau wie meine Brüder – er hasste es zu verlieren. Er nahm mich in den Schwitzkasten und rubbelte mir mit seinen Knöcheln über den Kopf.

Ein Hauch von nassem Gras, Schweiß und Erde stieg mir in die Nase. »Iih. Du stinkst. Bleib mir vom Leib.«

»Das nennt man den Duft des Sieges.«

»Wohl eher den Gestank des Verlierers.«

Er ließ mich direkt über einer Pfütze los und gab mir einen kleinen Schubs, sodass ich das Gleichgewicht verlor. Ich landete auf meinen Händen und mein ganzes Gesicht wurde mit Matschspritzern übersät.

»Du bist so was von tot.« Ich sprang von hinten auf seinen Rücken und bohrte dabei meine Knie in sein Kreuz.

Er gab einen Laut, halb Brüllen, halb Lachen, von sich. Nachdem ich von seinem Rücken runtergerutscht war, lief ich an den Spielfeldrand, suchte nach seinem Sweatshirt und wischte mir damit das Gesicht ab. Dann kehrte ich aufs Spielfeld zurück. Ein paar Jungs standen zusammen, darunter auch zwei meiner Brüder – Nathan und Jerom. »Wieso stehen wir hier alle in der Gegend rum? Lasst uns das Spiel zu Ende bringen.«

Jerom und Nathan bedeuteten mir mit ihren Blicken, still zu sein. Erst als ich näher kam, bemerkte ich, dass einer der Jungs, Dave, telefonierte.

»Krisengespräche mit deiner Freundin sind jetzt tabu. Wir sind mitten im Spiel«, sagte ich. Dave schaute auf, sah aber durch mich hindurch.

»Charlie, pst«, flüsterte Nathan. »Da stimmt etwas nicht.«

Mehrere Jungs kamen dazu. »Was ist los?«, fragte Braden hinter mir.

Ich zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung, ich soll die Klappe halten.« Über Bradens Schulter konnte ich Gage sehen, der an der Startlinie stand und wieder und wieder den Ball in die Höhe warf. Unsere Blicke trafen sich und er breitete die Arme aus, als wollte er sagen: »Was dauert das denn so lange?« Ich schüttelte bloß den Kopf.

Irgendwann beendete Dave das Gespräch und sagte: »Ich muss gehen. Meine Großmutter.«

»Hast du deiner Großmutter klargemacht, dass wir mitten in einem Spiel sind?«, fragte ich.

»Sie ist gestorben.«

»Oh.«

Ein Stöhnen und Beileidsbekundungen machten die Runde. Dave sah aus, als stehe er unter Schock, seine Augen waren ganz glasig.

»Wie alt war sie denn?«, fragte ich.

Er strich sich abwesend mit der Hand über die Schulter. »So um die siebzig. Ich bin mir nicht sicher.«

»Was ist passiert?«

»Sie hatte Krebs, seit einem Jahr etwa. Wir wussten, dass das kommen würde. Nur nicht genau, wann.«

»Das ist furchtbar.« Ich rieb mir die Hände und schaute mich um. Alle standen da, keiner wusste so recht, was er sagen sollte. »Sollen wir das Spiel zu Ende bringen?«

Braden stieß mir einen Ellenbogen in die Seite.

»Was ist? Das wird ihn ablenken. Es sind nur noch fünf Minuten. Wir können doch jetzt nicht abbrechen.«

»Charlie«, mahnte Jerom mit seiner offiziellen Großer-Bruder-Stimme; gleichzeitig nahm Nathan mich an einem Arm und Braden am anderen und beide zogen mich von der Gruppe fort.

»Was ist denn schon so groß …« Ich konnte meinen Satz nicht beenden, weil Braden mir den Mund zuhielt.

»Gerade wir sollten Verständnis dafür haben«, sagte Nathan im Flüsterton. »Zeig ein bisschen Mitgefühl.«

Ich biss Braden in den Finger und er nahm seine Hand weg. Dann befreite ich mich aus ihrem Griff. »Was genau soll ich verstehen, wenn eine Frau an einer Krankheit stirbt, die sie sowieso schon lange hatte?«

Braden streckte seine Hand aus, wahrscheinlich wollte er mir wieder den Mund zuhalten. Ich machte einen Schritt von ihm weg.

»Pssst!«, zischte Nathan und warf einen Blick über die Schulter. »Du müsstest doch verstehen, wenn …«

»Na schön. Von mir aus. Richte Dave aus, dass es mir leidtut.« Und damit drehte ich mich um und rannte los, bog in den Weg ab, der um den Park herumführte, und lief dann weiter. Warum sollte ich dafür Verständnis haben, was Dave gerade durchmachte? Weil jemand in seinem Leben gestorben war, so wie jemand in meinem Leben gestorben war? Das ließ sich überhaupt nicht vergleichen. Meine Mom war einunddreißig gewesen, als sie starb. Ich hatte überhaupt keine Chance gehabt, sie richtig kennenzulernen. Ich hatte gerade mal sechs Jahre mit ihr. Sechs Jahre, an die ich mich nicht einmal mehr erinnern konnte.

Ich verspürte einen Druck auf der Brust, der es mir schwer machte zu atmen, und das machte es mir wiederum schwer zu laufen. Und das machte mich wütend. Rennen fiel mir nie schwer. Ich zwang mich weiterzulaufen, bis ich wieder normal atmen konnte. Es dauerte eine Weile.

Als ich zu Hause ankam, stand die Sonne bereits hoch am Himmel und ich war schweißgebadet. Braden wartete in unserem Vorgarten. Seine kastanienfarbenen Haare waren noch nass vom Duschen und wirkten fast schwarz. Er war ein bisschen größer als meine Brüder, was ihn schlaksiger erscheinen ließ, doch seine breiten Schultern ließen den Sportler erkennen. »Hey, geht’s dir wieder besser?«, fragte er.

»Riechst du wieder besser?«, konterte ich mit einem Lächeln.

»Ist das ein Ja?«

»Mir geht’s gut. Anscheinend bin ich bloß ein unsensibler Penner, aber das wussten wir ja schon.«

Braden zuckte zusammen. Er hasste das Wort Penner. So nannten wir alle seinen Dad – na ja, so nannte Braden ihn und wir gaben ihm recht. Für Braden war das Wort ausschließlich für seinen Dad reserviert und für jeden anderen erschien es in seinen Ohren als eine zu große Beleidigung.

»Geht es Dave gut?«

»Jerom hat ihn nach Hause gefahren, alles okay.«

»Was ist mit Jerom los? Zwei Jahre im College und plötzlich macht er einen auf Vaterfigur?«

»Dein Bruder war schon immer ein guter Zuhörer.«

Ach ja? Und woher wollte Braden das wissen? Ich zeigte auf die Einfahrt vor seinem Haus und den weißen Firmentransporter, der dort parkte. »Hat dein Dad heute früher Feierabend?«

Er fuhr mit der Hand durch die Luft, als wollte er die Frage wegwischen, die es anscheinend nicht wert war, beantwortet zu werden. Dann wandte er sich wieder mir zu. »Und was hast du jetzt vor?«

»Duschen.« Ich ging zur Haustür, drehte mich unterwegs aber noch mal um. »Wir sehen uns.«

Er hielt mich auf: »Wir gehen heute Abend essen. Meine Mom hat Geburtstag. Vermutlich sollte ich noch schnell ins Einkaufszentrum fahren und ein Geschenk für sie suchen.«

»Wahrscheinlich keine schlechte Idee.«

Meine Hand lag schon auf der Klinke, als er fragte: »Fällt dir irgendetwas ein, was ich ihr kaufen könnte?«

»Das fragst du mich?«, gab ich zurück. »Wie lustig.«

»Ich könnte die Meinung eines Mädchens gebrauchen.«

»Dann solltest du dir wohl besser eins suchen.«

»Egal, Meinung hin oder her, hast du Lust mitzukommen?«

»Ins Einkaufszentrum?« Ich drehte mich um. Er hatte diesen Blick. Braden mochte zwar ein Pokerface haben, aber meistens durchschaute ich ihn doch und im Moment hatte er Mitleid mit mir. Mitleid machte mich wütend. »Braden, mir geht’s bestens, okay?« Und anscheinend konnte ich ja auf Jerom zählen, wenn ich jemanden brauchte, bei dem ich mein Herz ausschütten konnte.

Er warf die Hände in die Luft und ergab sich. »Na gut.« Sein Blick schien zu sagen: Vielleicht hast du ja tatsächlich ein kaltes, kaltes Herz, Charlie.

Dem konnte ich nur zustimmen.

3.

An diesem Abend war Nathan mit Kochen dran und zog gerade punktgenau irgendeine Art Nudelauflauf mit Hackfleisch aus dem Ofen, als mein Dad draußen vorfuhr. Schleimer. Als Dad aus der Garage in die Küche kam, sah er sich nach mir um und entdeckte mich am Tisch. Aus zusammengekniffenen Augen schaute er mich an. Ich fragte mich, wer von meinen Brüdern gepetzt hatte und warum sich Dad so sehr darüber aufregte. Himmel, was hatten sie denn alle? Wäre ich wegen Daves Grandma in Tränen ausgebrochen, wäre mein Leben gerade um einiges einfacher. Vielleicht musste ich mal näher am Wasser bauen.

Dad war ein netter Kerl und ließ sich normalerweise problemlos um den Finger wickeln, aber wenn er in voller Polizistenmontur war und diesen Blick aufgesetzt hatte, machte er mir Angst. Er hängte seine Schlüssel an dem Haken neben der Tür auf, dann öffnete er den Verschluss seines Holsters, wobei die schwere Taschenlampe gegen die Wand schlug. »Charlie …«, sagte er mit müder Stimme.

»Es tut mir leid.« Ich durchbohrte meine Brüder mit einem tödlichen Blick. Gage machte große Augen und spielte den Unschuldsengel.

»Das sollte es auch, aber diesmal wird das nicht reichen.«

»Diesmal?« Hatte ich denn schon einmal einem Angehörigen einer toten Großmutter gegenüber kein Mitgefühl gezeigt?

Dad kam an den Tisch und knallte mir den rosafarbenen Durchschlag meines Strafzettels vor die Nase. Oh. Das war schlimmer als fehlendes Mitgefühl. Hier ging es darum, dass ich das Gesetz übertreten hatte.

Ich versuchte es mit Ausreden. »Ich hatte keine Ahnung, wie hoch die erlaubte Geschwindigkeit war, und ich hatte ihn nicht gesehen. Er hatte sich in einer Seitenstraße versteckt. Ist das nicht verboten? Wie jemanden zu einer strafbaren Handlung zu provozieren? Nathan? Ist das nicht verboten?«

Nathan verkniff sich ein Lächeln und brachte einen Krug mit eisgekühltem Wasser an den Tisch. Nathan würde nächstes Jahr aufs College gehen. Sein ultimatives Ziel – Rechtsanwalt werden.

Dad sah mich mit strengem Blick an. »Warum hast du mir nichts davon gesagt?«

»Es tut mir leid.« Ich hätte ehrlich sein sollen. Es war immer schlimmer, wenn er so etwas von anderen erfuhr.

»Das ist der zweite Strafzettel innerhalb von zwei Monaten. Und da zähle ich die noch gar nicht mit, aus denen du dich rausgemogelt hast, indem du meinen Namen ins Spiel gebracht hast.«

Ich zog meinen Kopf ein, um die Röte zu verbergen, die mir ins Gesicht stieg, weil ich erwischt worden war. Es fehlte gerade noch, dass sich meine Brüder über mich lustig machten, weil ich rot wurde. Dad hatte recht. Ich war einige Male angehalten worden. Ich hatte jedes Mal seinen Namen benutzt.

»Kannst du dir vorstellen, wie peinlich das ist, wenn eins meiner Kinder einen Strafzettel wegen erhöhter Geschwindigkeit bekommt? Und wenn ich von diesen Strafzetteln durch einen Kollegen erfahre?«

»Es tut mir leid.«

»Aber noch schlimmer als die Verlegenheit, in die du mich gebracht hast, ist die Summe, die jetzt auf meinem Bankkonto fehlt.« Mit Nachdruck fuhr sein Finger über den rosa Durchschlag und blieb unter einer Zahl stehen, die er dazugeschrieben hatte: $264,00.

Meine Augen wurden groß.

»Richtig, das ist eine ganze Menge Geld.«

Ich nickte.

»Und du wirst dafür aufkommen.«

»Was?«

»Du hast mich schon verstanden. Ich glaube nicht, dass du beim letzten Mal irgendetwas begriffen hast, weil nämlich ich deinen Strafzettel bezahlt habe. Deshalb wirst du nun nicht nur für diesen Strafzettel aufkommen, sondern auch für den letzten und die hundert Dollar pro Monat extra, die mir die Versicherung deswegen abknöpfen wird.«

»Aber so viel Geld hab ich nicht.«

»Dann such dir einen Job.«

»Wie denn? In sieben Wochen fängt das Basketballcamp an und danach ist wieder Schule und Fußballtraining.«

»Dad«, meldete sich Gage zu Wort und machte dabei erneut von seinem bestechenden Lächeln Gebrauch – diesmal zu meiner Verteidigung. »Charlie ist doch noch ein kleines Mädchen. Zwing sie nicht, arbeiten zu gehen. Das überlebt sie nicht.«

Okay, das war nicht gerade die Art von Verteidigung, auf die ich gehofft hatte.

»Gage, halt dich da raus«, erwiderte mein Dad.

Er salutierte. »Jawohl, Officer.«

Dad warf Gage einen finsteren Blick zu, aber wie wir alle konnte er Gage nicht lange böse sein. Stattdessen wandte er sich also wieder mir zu. »Sieh zu, dass du dir etwas einfallen lässt, denn meine Entscheidung ist endgültig.« Damit verließ er die Küche und ging in sein Zimmer, um sich umzuziehen. Meine Brüder starrten mich an und dann, als hätten sie bis drei gezählt, fingen alle gleichzeitig an zu lachen.

»Ja, saukomisch«, fauchte ich. »Als ob keiner von euch jemals von der Polizei angehalten worden wäre.«

Nathan hob seine Hand. »Noch nie.« Natürlich nicht.

»Zweimal«, sagte Jerom.

Ich schaute Gage an. Von allen meinen Brüdern stand er mir nicht nur am nächsten, sondern war mir auch mit Abstand am ähnlichsten. »Ein paar Mal«, gab er zu, »aber um die Strafzettel bin ich immer herumgekommen. Du musst ein bisschen mehr auf Unschuldsengel machen, Charlie. Den Bullen gegenüber darfst du nicht patzig werden. Das mögen die nicht.«

»Woher weißt du denn, dass ich patzig war?«

Wieder lachten sie alle, wurden diesmal aber vom Klingeln eines Handys unterbrochen, das zum Aufladen auf der Küchentheke lag. Gage sprang auf und schlitterte zur Küchentheke, um das Gespräch anzunehmen, bevor die Mailbox anging.

Dad kam zurück und mit seinem Klamottenwechsel schien auch seine Gemütsverfassung gewechselt zu haben. Er küsste mich auf den Kopf. Vielleicht bedeutete das ja, dass er sich die ganze Sache mit dem Job noch einmal anders überlegen würde. »Am besten fängst du gleich morgen früh an, dich umzusehen«, sagte er. Dann schaute er Gage an und blaffte: »Handy aus.«

Ich sank noch tiefer in meinen Stuhl und nahm mir ein paar Löffel von Nathans Auflauf-Kreation. Mein Dad sprach das Tischgebet (zwanzig Jahre im Polizeidienst hatten ihn Gottesfurcht gelehrt). Dann hauten wir alle rein. Bei uns war das Abendbrot das reinste Wettessen. Wer nicht schnell genug war, bekam keine zweite Portion mehr. Mir war gerade sowieso nicht nach einer zweiten Portion zumute.

Ich lag auf meinem Bett, die Füße gegen das Kopfende gestützt, und warf einen Tennisball gegen die Wand, wieder und wieder. Es klopfte einmal kurz an meine Zimmertür und jemand, der vermutlich Gage war, kam unaufgefordert hinein. Er war der Einzige, der nie eine Antwort abwartete. Ich legte den Kopf in den Nacken und erhaschte gerade noch einen kurzen Blick auf Gage – verkehrt herum –, bevor er einen Hechtsprung machte und auf meinem Kopf landete.

Ich knurrte missbilligend und er rollte sich von mir runter.

»Hm, ein Job also, was?«

»Erinnere mich bloß nicht daran.«

»Ich finde, der heutige Tag sollte als der Tag in die Geschichte eingehen, an dem Dad ein Machtwort gesprochen hat und einer seiner Sprösslinge sich einen Job suchen muss.«

»Echt jetzt. Was ist aus ›Dein Job ist die Schule‹ oder ›Der Sport muss dir dein Studium finanzieren – also betrachte ihn als deinen Job‹ geworden?«

»Anscheinend hat ihn eine gewisse Rennfahrerin umgestimmt.« Gage neigte dazu, immer alles von der positiven Seite zu betrachten (das Einzige, was wir nicht gemeinsam hatten). Er schwieg kurz und sagte dann: »Dir einen Job zu suchen, ist doch viel besser als Hausarrest. Hättest du Ausgehverbot, würde all die Drinnen-Luft, an die du überhaupt nicht gewöhnt bist, deine Poren austrocknen und dann würdest du verwelken und sterben.«

Okay, vielleicht nicht im eigentlichen Sinn positiv, aber nicht weit davon entfernt.

Er strich sich eine Haarsträhne aus der Stirn. »Na gut, falls es dir irgendetwas bringt, biete ich dir gerne meine Talente in Sachen Jobsuche an.«

»Und die wären?«

»Ich kann dich begleiten und dir Geschäfte zeigen, in denen du dir dann Bewerbungsformulare besorgst. Dir dabei helfen, deinen Namen in die kleinen Kästchen einzutragen. Du weißt schon, derlei unschätzbar wertvolle Dinge halt.«

»Was sollte ich bloß ohne dich anfangen?«

»Es tut weh, es sich überhaupt vorzustellen, aber es könnte mit ausgetrockneten Poren und Verwelken zu tun haben.«

4.

Ich kam mit einem Bewerbungsformular in der Hand aus Urban Chic und wartete, bis Gage seine Unterhaltung mit einer Rothaarigen und ihrer etwas zu kurz geratenen Freundin beendet hatte. Währenddessen lauschte ich der Brandung des Ozeans, der nur drei Blocks von uns entfernt war, holte tief Luft und atmete die Meeresluft ein. Von unserem Haus aus waren es nur zehn Minuten bis in die Altstadt, aber die Luft schmeckte hier anders.

»Bist du mitgekommen, um mir zu helfen oder um Mädels anzubaggern?« Nach der Art zu urteilen, wie die Verkäuferin hinter der Ladentheke mich gemustert hatte, war ich mir ziemlich sicher, dass aus mir keine zukünftige Urban-Chic-Mitarbeiterin werden würde. Mir war das nur recht. In dem Laden gab es viel zu viele Pailletten, die das Licht der Leuchtstoffröhren reflektierten; ich war sicher, dass ich dort drin nach spätestens fünf Minuten perverse Kopfschmerzen bekommen würde.

»Ich kann beides gleichzeitig«, versicherte mein Bruder mir. »Das ist Teil meiner Begabung.«

Der einzige Grund, warum ich mich für die Altstadt entschieden hatte, um mich nach einem möglichen Job umzusehen, war der, dass es dort jede Menge Läden gab, die dicht nebeneinanderlagen. So musste ich nicht durch die ganze Stadt fahren, um Bewerbungsformulare einzusammeln. Und im Gegensatz zum Einkaufszentrum würde hier hoffentlich niemand vorbeikommen, den ich kannte. Die Altstadt befand sich in Strandnähe; hier kauften größtenteils Touristen und reiche Leute ein. Die Geschäfte gehörten hauptsächlich Ortsansässigen und hatten die altstadttypischen Produkte im Angebot – es gab jede Menge Antiquitätengeschäfte und Vintage-Klamottenläden. Und obwohl ich das Viertel mochte, hoffte ich doch aus tiefstem Herzen, keinen Job zu finden. Vielleicht war das auch der Grund, warum ich einfach nur Jeans und T-Shirt trug und meine von der Dusche noch nassen Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden hatte.

»Date nie einen Typen, dessen Jeans nicht über die Knöchel reichen«, sagte Gage und zeigte auf einen Jungen zwanzig Meter vor uns. Er schüttelte sich.

»Aber er kann damit durch Pfützen gehen, ohne sich dabei die Hose nass zu machen. Vorausschauend.«

Ich fragte mich oft, warum meine Brüder die No-Go-Liste für mich führten. Es war ja nicht so, dass ich gar nicht hätte erwarten können, bis der Startschuss zum Dating ertönte.

Gage lachte und lotste mich nach rechts. »Das sieht doch nach einem netten Laden aus.« Bis jetzt waren seine Arbeitsplatzvorschläge davon beeinflusst gewesen, ob ein Mädchen in der Nähe war. Vor diesem Laden befand sich rein zufällig ein Springbrunnen, vor dem ein Mädchen und (möglicherweise) ihre kleine Schwester standen und Münzen ins Wasser warfen.

»Meinst du, dass da zweihundertvierundsechzig Dollar an Kleingeld drin sind?« Ich schaute zu, wie sich die Wasseroberfläche über den Münzen kräuselte. »Ich bräuchte ja bloß einmal die Woche herzukommen und das Geld aus den Brunnen einzusammeln.«

»Na, jetzt wirst du endlich kreativ«, lobte Gage. »Die Idee hat wirklich etwas für sich. Oder besser: mich.« Dann räusperte er sich und sprach ein bisschen lauter. »Meine Schwester« – er stellte immer sicher, dass attraktive Mädchen über unser Verwandtschaftsverhältnis im Klaren waren – »und ich haben gerade versucht zu erraten, wie viel Geld wohl in diesem Springbrunnen sein könnte.«

»Eine Million Dollar«, verkündete das kleine Mädchen.

»Siehst du, bitte sehr«, sagte Gage und schaute mich an. »Problem gelöst.«

Das dunkelhaarige Mädchen in ihren tiefsitzenden Jeans stieß ihre Schwester an, klimperte mit den Wimpern und kicherte. Bevor ich mich noch übergeben musste, ging ich in den Laden hinter ihr und sah mich darin um.

Der Laden roch nach alten Menschen – nach Büchern und Brot und Parfüm. Er war vollgestopft mit … allem möglichen Zeug – verspiegelten Schachteln, bunten Lampen, kleinen Hundestatuen. Wer kaufte denn bitte Hundestatuen?

Ein Mädchen, blond, mit rosa gefärbten Haarspitzen, stand vor einem Regal und ordnete Nippes in eins der Fächer.

»Hi. Könnte ich ein Bewerbungsformular bekommen?«, fragte ich.

»Na klar.« Sie ging zur Ladentheke und zog einen Zettel darunter hervor. »Im Moment stellen wir gerade niemanden ein, aber ein Versuch kann ja nicht schaden, richtig?«

»Richtig.«

Sie biss sich auf die Lippe. »Zwei Häuser weiter ist ein Geschäft. Eine kleine Modeboutique. Die Besitzerin heißt Linda. Dort solltest du es mal versuchen. Sag ihr, dass Skye Lockwood dich geschickt hat.«

»Okay, danke. Ich heiße Charlie.«

»Nett, dich kennenzulernen.«

Ich winkte ihr zu und verließ den Laden.

»Wie lief’s?«, fragte Gage.

»Kein Bedarf.«

»Mist. Na ja, ich hab bereits drei Telefonnummern abgestaubt; wenigstens bekommt einer von uns hier heute etwas auf die Reihe.«

»Danke. Äußerst motivierend.« Ich zeigte die Straße entlang. »Das Mädel hat mir allerdings geraten, es in einem Klamottenladen zu versuchen, zwei Häuser weiter.«

Wir gingen die Straße entlang und kamen an einem Puppenladen vorbei. »Oh, den darfst du auf gar keinen Fall auslassen«, sagte Gage.

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