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Die Nacht auf der Jacht

1. KAPITEL

Katie hatte sich die Toskana heiß und staubig vorgestellt. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass der Himmel hier so strahlend blau war und die Luft nach Kräutern duftete.

„Man erwartet von Ihnen, dass Sie Ihre Arbeit zügig erledigen, Miss Carter. Signor Amato macht selten Zugeständnisse, schon gar nicht an Innenarchitekten!“ Eduardo, ein untersetzter, mit peinlicher Sorgfalt gekleideter Mann, beugte sich vor und klopfte an die Trennscheibe der Limousine, in der sie saßen. Er sagte kurz etwas auf Italienisch zu dem Chauffeur, bevor er sich wieder zurücklehnte. „Signor Amato muss heute Vormittag noch in sein Stadtbüro, und abends ist er Ehrengast bei dem Dinner einer australischen Delegation. Sein Arbeitstag ist straff organisiert und minutiös durchgeplant. Ich als sein persönlicher Assistent muss dafür sorgen, dass wir rechtzeitig eintreffen.“

„Tut mir leid, dass mein Flug gestrichen wurde. Ich wollte eigentlich schon gestern hier sein.“ Katie umfasste den Griff ihrer Aktentasche fester. Und dann hatte es ausgerechnet gestern einen Sicherheitsalarm gegeben. Dabei war dieser Traumjob wirklich wichtig für sie. Giovanni Amato war einer der öffentlichkeitsscheusten Multimillionäre der Welt. Und nun hatte sie durch die persönliche Fürsprache der Marchesa di San Marco den Auftrag bekommen, seiner Familienvilla ein neues Gesicht zu geben. Im ersten Moment hatte sie ihr Glück kaum fassen können. Alles war bis in die letzte Einzelheit geplant gewesen. Damit sie dem Grafen auch wirklich frisch und ausgeruht gegenübertreten konnte, hatte sie extra für die Nacht zuvor in Mailand ein Hotelzimmer gebucht. Doch dann waren alle ihre Pläne über den Haufen geworfen worden. Statt hellwach und konzentriert war Katie jetzt nach einer im Flughafen verbrachten schlaflosen Nacht nervös und übermüdet. Ihre Handflächen waren verdächtig feucht, außerdem klopfte ihr Herz zu schnell. So hatte sie sich ihren ersten Tag im Paradies nicht vorgestellt.

Hier zu arbeiten ist bestimmt keine Strafe, dachte sie, während sie durch eine idyllische Hügellandschaft fuhren. Immer wieder tauchten verstreut daliegende kleine Dörfer mit hübschen alten Häusern aus Stein auf. Schließlich bog die glänzende schwarze Limousine ab und hielt vor einem gewaltigen schmiedeeisernen Tor. Der Chauffeur ließ das Fenster herunter und schob eine Codekarte in den dafür vorgesehenen Schlitz. Gleich darauf glitt das Tor auf, und der Wagen fuhr langsam eine lange, mit Limonenbäumen gesäumte Auffahrt hinauf. Katie holte überrascht Luft, als eine klassische toskanische Villa in Sicht kam, die sich von der Größe her fast mit Windsor Castle messen konnte.

Während die Limousine vor dem Haupteingang vorfuhr, trat ein höchst effizient wirkender junger Mann in einem Designeranzug, Armani, wie Katie vermutete, aus dem Haus. Noch ehe der Wagen richtig angehalten hatte, riss er auf ihrer Seite die Tür auf. Die Hitze schwappte ins Innere und legte sich wie eine Thermodecke über Katie.

„Oh, was für ein herrliches Wetter Sie hier haben“, begann sie, aber das Personal der Villa Antico war nicht auf Small Talk eingestellt.

„Signor Amato erwartet Sie im weißen Büro, Miss Carter“, beschied der Butler Katie, bevor er an den persönlichen Assistenten gewandt fortfuhr: „Sie ist spät dran.“

„Sagen Sie mir einfach, wo es langgeht, ich beeile mich“, bat Katie.

Als Katie den kathedralenähnlichen lichtdurchfluteten Raum betrat, stand Conte Giovanni Amato mit dem Rücken zu ihr und telefonierte. Seine hochgewachsene schlanke Gestalt zeichnete sich schemenhaft vor der vom Boden bis zur Decke reichenden Fensterfront ab. Obwohl sein Gesicht im Schatten lag, erkannte Katie auf Anhieb, dass er eine unglaubliche Präsenz ausstrahlte. Er drehte sich halb zu ihr um und winkte sie befehlsgewohnt näher, allerdings ohne seinen italienischen Wortschwall zu unterbrechen. Er trug eine elegante Leinenhose, die von einem blütenweißen Hemd ergänzt wurde, doch um seine Erscheinung richtig würdigen zu können, musste Katie warten, bis er seinen Anruf beendete.

„Ich störe hoffentlich nicht, Signor Amato“, sagte sie, nachdem er sich ihr endlich zuwandte. Sein Gesicht war anbetungswürdig, ein Leckerbissen für jedes weibliche Auge, während es in Männern möglicherweise schlimmste Befürchtungen weckte. Beim ersten tiefen Blick in diese eindringlichen grauen Augen würde sie wahrscheinlich verloren sein. Für einen kurzen Moment wirkte er, als trüge er die Last der ganzen Welt auf seinen Schultern. Doch schon eine Sekunde später verzogen sich seine ebenmäßigen Gesichtszüge zu einem atemberaubenden Lächeln.

„Gar nicht … Miss Carter, nehme ich an? Ich bin angenehm überrascht, Ihre Bekanntschaft zu machen. Normalerweise empfiehlt mir Mima nämlich fast durchweg nur schlitzohrige Neapolitaner“, klärte er sie in perfektem Englisch auf. Bei seinen Worten fuhr er sich mit der Hand durch das volle dunkle Haar und lockerte kurz die breiten Schultern. Dann streckte er mit lässiger Eleganz den Arm, um einen Blick auf seine silberne Rolex zu werfen.

„Man hat mich vorgewarnt, dass Sie sich verspätet haben, aber was sind schon fünf Minuten?“ Als er jetzt wieder lächelte, blitzte in seinen Augen für einen Sekundenbruchteil etwas Diabolisches auf. „Manchmal nimmt es mein Personal etwas zu genau, aber ich werde mich hüten, das zu kritisieren. Je gewissenhafter sie sind, desto besser.“

Katie hatte es die Sprache verschlagen. Giovanni Amato war umwerfend charmant. Jetzt ging er um seinen Schreibtisch herum und ließ sich lässig auf der Tischkante nieder.

„Ein Schreibtisch ist immer eine trennende Barriere, finden Sie nicht auch?“ Er streckte die Hand nach einem Becher auf seinem Schreibtisch aus. Nachdem er einen Schluck getrunken hatte, schüttelte er sich angewidert. „Kalter Cappuccino … grauenhaft. Warten Sie einen Moment, ich besorge uns frischen.“

Während er telefonierte, schaute Katie sich in dem großen Arbeitszimmer um. Der hohe Raum mit der aufwendig verzierten Stuckdecke und den abblätternden Tapeten verströmte den verblassten Glanz früherer Zeiten. Außer den wertvollen alten Perserteppichen schmückte einzig Giovanni Amatos Schreibtisch nebst Hightechausstattung den Raum.

„Pech, Miss Carter, wir müssen es kurz machen. Ich muss in zehn Minuten los, zu einer Besprechung nach Mailand. Deshalb erlaubt sich mein äußerst effizienter persönlicher Assistent vorzuschlagen, dass wir uns besser nicht mit Kaffee aufhalten sollten.“ Er schüttelte lachend den Kopf.

„Äh … ja … also …“, stotterte Katie. Offenbar meinte er es ernst, deshalb tat sie gut daran, sich kurz zu fassen. „Ich bin Katie Carter …“

„Das ist mir bekannt. Sie wurden mir von einer Freundin, der Marchesa di San Marco, wärmstens empfohlen. Ich weiß nicht, was sie Ihnen erzählt hat, aber ich habe dieses Anwesen vor einer Weile von meinem Vater geerbt. Dass die Villa Antico heute in diesem bedauernswerten Zustand ist, ist seine Schuld, aber ich habe beschlossen, sie wiederauferstehen zu lassen. Ich möchte sie in ihren ursprünglichen Zustand zurückversetzen und alle Spuren ihrer letzten Bewohner weitgehend tilgen. Doch da mir die nötige Zeit wie auch die Kenntnisse hierzu fehlen, bin ich auf Fachleute angewiesen. An meine Mitarbeiter stelle ich hohe Ansprüche, und das gilt selbstverständlich auch für Sie.“

Nach diesem Vortrag schwieg er einen Moment und musterte sie mit einem schwachen Lächeln. Katie konnte nur erahnen, welche verheerenden Auswirkungen es bei voller Wattstärke entfalten würde. Gleich darauf wurde er wieder ernst.

„Nun gut. Tatsache ist, dass ich einen Ort brauche, an dem ich mich entspannen kann, Miss Carter. Ich habe also nicht vor, mich hier zu amüsieren oder rauschende Feste zu feiern – dafür habe ich meine Jacht und meine Stadtwohnungen. Und da Mima so große Stücke auf Sie hält, sind Sie jetzt hier, um für dieses Bedürfnis nach Entspannung den richtigen Rahmen zu schaffen.“ Bei diesen Worten machte er eine umfassende Handbewegung.

Katie sagte nichts. Sie wusste, dass Kunden zumeist sehr genaue Vorstellungen hatten von dem, was sie wollten. Deshalb war davon auszugehen, dass ein so erfolgreicher, viel beschäftigter Mann wie Giovanni Amato ihr gleich einen ellenlangen Wunschzettel präsentieren würde. Er lächelte immer noch. Wahnsinnsaugen, dachte Katie. Taubengrau, mit langen dunklen Wimpern – obwohl da auch Schatten waren. Sie fragte sich, woher sie wohl kommen mochten. War das Schmerz? Oder Argwohn? Die Art, wie er kaum merklich sein Gewicht verlagert hatte, als er auf seinen Vater zu sprechen gekommen war, deutete auf irgendetwas Belastendes in seiner Vergangenheit hin. Allem Anschein nach gab es unter dieser lässig eleganten effizienten Oberfläche Geheimnisse. Katie spürte es genau.

Ihre Unterredung fand ein abruptes Ende, als Eduardo zum Aufbruch mahnte. Giovanni rutschte von der Schreibtischkante.

„Ich werde in Mailand erwartet, Miss Carter. Kennen Sie das Amato-Gebäude? Dort bekommen Sie einen Cappuccino und alles, was Ihr Herz sonst noch begehrt.“ Und an seinen Assistenten gewandt, fuhr er fort: „Miss Carter wird mich begleiten, Eduardo.“ Dann fügte er, jetzt wieder mit Blick auf sie, hinzu: „Auf dem Weg nach unten kommen wir durch einen Teil des Hauses, in dem seit dreißig Jahren nichts mehr gemacht wurde. Es wäre nicht schlecht, wenn Sie ihn sich ziemlich zu Anfang vornehmen könnten.“

Er hielt ihr die Tür auf. Anschließend führte er sie durch verwirrend viele holzgetäfelte Korridore und Hallen, sodass Katie schon nach kürzester Zeit den Überblick verlor. Sie erstarrte fast vor Ehrfurcht angesichts der Größe und Pracht der alten Villa. Um sich hier zurechtzufinden, würde sie wahrscheinlich ihr ganzes Leben brauchen. Aber ihr Aufenthalt war auf dreißig Tage beschränkt. Am Ende eines langen Flurs blieben sie vor einer mächtigen Doppeltür mit schweren Türklinken aus Kupfer stehen. Beim Betreten des dahinterliegenden Raums schlug Katie ein Duft nach Bienenwachspolitur entgegen. Die Sonne fiel durch die hohen Fenster und warf breite Streifen aus Licht auf das alte Parkett, dem unzählige Schichten Bohnerwachs einen goldenen Glanz verliehen hatten.

„Wenn Sie nicht mehr herfinden, fragen Sie einfach nach der Raucherempore“, nahm er eine ihrer Fragen vorweg.

„Rauchen Sie, Signor Amato?“

Er lachte leise auf. „Nein, das ist alles nur Nostalgie. Mein Urgroßvater sah vor einem Jahrhundert bei einem Besuch in England einige architektonisch ziemlich interessante Kamine, die er teilweise nachbauen ließ. Dummerweise haben sie nie richtig funktioniert.“

Er ging zu einem großen schwarzen Marmorkamin auf einer Seite des Raums und deutete neben dem Kaminschacht nach oben. Dort hingen alte Holzpaneele, auf denen der Amato-Stammbaum abgebildet war. Er war mit bunten Wappen und Flaggen bestückt und hing wie ein Stalaktit von der Decke. Die Namen waren in Goldlettern geschrieben. Neben jedem einzelnen befand sich ein Schild oder ein Banner in den jeweiligen Familienfarben.

Dieser Mann hatte eine Geschichte. Katie fragte sich, was für eine. Sie warf ihm einen Blick zu und wollte etwas sagen, doch er wirkte plötzlich niedergeschlagen. Gleich darauf lächelte er schon wieder sein charmantes Lächeln, aber Katie war hellhörig geworden. Sie schaute erneut auf den Stammbaum und fragte sich, was ihn wohl so aus der Fassung gebracht haben mochte.

Sein Familienzweig bestand nur aus Jahres-, Namens- und Ortsangaben. Vor Katie war ein Großteil der Familiengeschichte der Amatos ausgebreitet, und am Ende stand ein einziger, in goldenen Lettern leuchtender Name: Giovanni Francisco Salvatore Amato. Daraus ergab sich für Katie, dass dieser Mann weder eine Ehefrau noch Nachkommen hatte – noch nicht. Vielleicht macht ihn das ja nervös, dachte sie. Möglicherweise hatte es ja doch seine Vorteile, in kleinbürgerliche Verhältnisse hineingeboren worden zu sein. Giovanni Amato hingegen oblag die Verantwortung, eine lange Familientradition fortzusetzen.

Wenig später entdeckte Katie, dass es wenig sinnvoll war, im Zusammenhang mit ihrem neuen Auftraggeber allzu viele Schlüsse zu ziehen. Sie ließen sich nämlich nicht wie erwartet in einer seiner Limousinen nach Mailand chauffieren, sondern flogen per Hubschrauber. Nachdem Giovanni ihr beim Einsteigen behilflich gewesen war, kletterte er auf den Pilotensitz und stülpte sich ein Headset über. Das konnte nur bedeuten, dass er vorhatte, das Fliegen selbst zu übernehmen.

„Warum holen Sie sich Ihre Geschäfte eigentlich nicht ins Haus?“, brachte sie nach dem ersten Schreck mühsam heraus. „Das dürfte für jemanden wie Sie doch kein Problem sein.“ Da er von den Startvorbereitungen in Anspruch genommen war, antwortete er nicht sofort. Nachdem sie in der Luft waren, flog er einen großen Bogen, damit sie einen Eindruck von der Größe der Villa mit ihren zahlreichen Nebengebäuden und dem Grundstück erhielt.

„Dafür gibt es zwei Gründe, Miss Carter“, kam er nach einiger Zeit auf ihre Frage zurück. Der Hubschrauber stand einen Moment reglos in der Luft, dann drehte er ab und flog in einem eleganten Slalom über die Dächer der Villa. Sie flogen so tief, dass Katie direkt in die Kamine hätte hineinschauen können – wenn sie nicht gezwungen gewesen wäre, sich an ihrem Sitz festzuklammern.

„Erstens geht nichts über einen Händedruck, egal wie gut die elektronische Verbindung auch sein mag. Außerdem sind die Leute neugierig, sie wollen mich persönlich kennenlernen, und wie käme ich dazu, ihnen dieses Vergnügen vorzuenthalten?“ Der Blick, den er ihr unter hochgezogenen Augenbrauen zuwarf, traf sie mitten ins Herz. Das ließ sich unmöglich leugnen, aber Katie wusste, dass sie sich auf keinen Fall etwas anmerken lassen durfte. Ihm lag wahrscheinlich die gesamte Frauenwelt zu Füßen.

Der Hubschrauber legte sich gefährlich in die Kurve, als Giovanni scharf nach Nordwesten abbog. Katie schnappte erschrocken nach Luft.

„Soll ich langsamer fliegen, Miss Carter?“ Mit einem feinen Lächeln brachte er die Maschine wieder in die Ausgangsstellung zurück. „Nur keine Aufregung. Bis jetzt habe ich noch nie einen Passagier verloren.“

Erleichtert ließ Katie das Sitzpolster los.

„Sie haben eben von mehreren Gründen gesprochen, Signor Amato.“

Sein Gesichtsausdruck bekam jetzt fast etwas Genüssliches.

„Oh ja …“ Nachdem er eine unfassbar enge Kurve geflogen war, schwebte der Hubschrauber im Tiefflug über die altehrwürdige, von Limonenbäumen gesäumte Auffahrt. „Ein weiterer Grund ist der, dass ich es gern tue, Miss Carter.“

Bald überwand Katie ihre anfängliche Angst. Nach einer Weile wagte sie es sogar, einen Blick aus dem Seitenfenster zu werfen, nur nach unten zu schauen war schlechterdings unmöglich. Sie überlegte, was ihre Mutter wohl sagen würde, wenn sie sie jetzt sehen könnte. Die arme kleine mausgraue Katie im Hubschrauber eines Multimillionärs! Es würde ihr die Sprache verschlagen.

Als Mailand in den Fokus rückte, wurden die Zypressen durch Wolkenkratzer ersetzt, die sich in einen dunstigen Himmel reckten.

„Sehen Sie das Hochhaus dort? Das ist der Stammsitz von Amato International.“ Giovanni deutete auf eines der imposanten Gebäude. Beim Näherkommen konnte Katie auf dem Dach ein großes, leuchtend weißes H erkennen. Als der Hubschrauber zur Landung ansetzte, musste sie sich wieder an ihrem Sitz festklammern.

„Amato International ist vor mehreren Hundert Jahren als kleine Firma gegründet worden“, erzählte Giovanni ihr, nachdem sie sicher gelandet waren. „Anfang des letzten Jahrhunderts mussten sich die Autohersteller entscheiden, welchen Treibstoff sie verwenden wollten. Die Investoren sahen sich vor eine ähnliche Wahl gestellt.“

„Und Amato International entschied sich für Benzin?“, fragte Katie. Ihr Auftraggeber nickte zustimmend. Seine Familie muss eine über Generationen hinweg anhaltende Glückssträhne gehabt haben, überlegte Katie, während sie ihm in den Vorstandslift folgte. Sie fragte sich, ob er es überhaupt zu schätzen wusste. Trotz seiner umgänglichen Art machte Signor Giovanni Amato einen eher verschlossenen Eindruck.

Sie fuhren in einem Lift aus Spiegelglas hinauf in die Vorstandsetage. Katie wusste nicht, wo sie hinsehen sollte. Überall war Giovanni Amato. Wenn sie nach vorn schaute, war es unmöglich, seinem Blick auszuweichen. Zur Rechten wie zur Linken wurde sie von seiner hochgewachsenen Gestalt eingerahmt – einmal in Wirklichkeit und das andere Mal im Spiegel. Und wenn sie an die Decke schaute, war er da ebenfalls, wenn auch um einiges weiter entfernt.

Beim Verlassen des Lifts versanken sie fast knöcheltief in einem luxuriösen Teppichboden, den Katie automatisch auf mindestens hundert Euro pro Quadratmeter schätzte. Sie stutzte. War ihr Leben schon so von ihrer Arbeit durchdrungen, dass sie bereits begann, ihre Umgebung in Preiskategorien zu unterteilen?

Katie war der Auffassung, dass Beruf und Familie unvereinbar waren. Für sie bedeutete ihr Beruf einfach alles. Das hatte mit Sicherheit etwas mit ihrer Geschichte zu tun. Ihre Arbeit gab ihr Freude und Sicherheit. Hinzu kam, dass sie sich damit nicht nur ihren Lebensunterhalt verdiente, sondern gleichzeitig die Menschen erfreute, für die sie arbeitete. Das war bisher ihr Patentrezept für ein glückliches Leben gewesen. Was wollte sie mehr? Sie hatte ihre berufliche Laufbahn mit vierzehn begonnen, samstags als Aushilfsverkäuferin in einem Stoffladen ihrer Heimatstadt. Ihr ursprünglicher Grund dafür war gewesen, einfach ein paar Stunden von zu Hause wegzukommen. Doch dann hatte ihr die Arbeit so viel Freude gemacht, dass sich in ihr der Wunsch verfestigt hatte, Innenarchitektin zu werden. Der Weg dorthin war oft steinig gewesen, doch am Ende hatte sie es geschafft. Und nun war sie hier und arbeitete für einen der reichsten Männer der Welt. Selbst jetzt konnte sie ihr Glück noch immer kaum fassen.

Ein solches Privileg bekam man jedoch nicht geschenkt. Katie wusste, dass neben fachlichem Können und Einfühlungsvermögen in die Gedankenwelt ihrer Kunden Diskretion eine der wichtigsten Voraussetzungen für ihren Erfolg war. Gerade sehr reiche Leute waren oft peinlich auf ihre Privatsphäre bedacht, und so ließ sie sich niemals auch nur ein einziges Wort über ihre Kunden entlocken. Das hatte sich so schnell herumgesprochen, dass es nicht lange dauerte, bis sie sich vor Aufträgen kaum mehr retten konnte und Leute einstellen musste. Obwohl sie die wichtigsten Dinge auch heute immer noch selbst machte, um sich nicht zu sehr auf andere verlassen zu müssen.

Weil sie das Risiko scheute, im Stich gelassen zu werden.

Die Vorstandslounge war spektakulär. Auf rotem Grund buhlte ausgefallene moderne Kunst um Aufmerksamkeit. Eine Seite des weitläufigen Raums hatte eine durchgehende Glasfront, von der aus man wie aus einem Adlerhorst auf die weit unten liegende Stadt hinabschauen konnte. Als Katie an der Seite von Giovanni Amato den Raum – offenbar eine reine Männerdomäne – durchquerte, erntete sie viele erstaunte Blicke und manches süffisante Grinsen. Sie hätte sich am liebsten unsichtbar gemacht, was Giovanni jedoch schon dadurch verhinderte, dass er ihr eine Hand auf die Schulter legte.

„Gentlemen, ich möchte Ihnen Miss Carter vorstellen. Sie ist Innenarchitektin und soll der Villa Antico ein neues Gesicht geben. Ich habe sie mitgebracht, damit sie sieht, was ich in meinem Privatleben garantiert nicht brauche“, scherzte er. Alle lachten.

„Miss Carter wird in diesem Monat eng mit mir zusammenarbeiten, deshalb möchte ich, dass sie sich zumindest einen ungefähren Eindruck von meiner Arbeitsumgebung verschafft“, fuhr er, jetzt ernster geworden, fort, und ergänzte nach einer kurzen Pause: „Ich werde sie gleich noch mit den Damen im Sekretariat bekannt machen.“

Die Vorstandsmitglieder von Amato International grinsten immer noch, wenn auch inzwischen nicht mehr ganz so abschreckend. In ihrer Welt waren Frauen entweder Dienstboten oder Ehefrauen, die bestenfalls ehrenamtlich tätig waren. Giovanni Amato führte sie an ihnen vorbei, und Katie war froh, dass sie ihre normale, aus einem schlichten schwarzen Hosenanzug bestehende Arbeitskleidung trug. Trotzdem berührten sie die Blicke der Männer unangenehm.

Giovanni Amato teilte zum Glück die Unsitte seiner männlichen Führungskräfte nicht – vielleicht, weil er aus Erfahrung wusste, wie man sich fühlte, wenn man so angestarrt wurde. Dennoch atmete Katie erleichtert auf, als sie wenig später einen großen Raum betraten, in dem sich die persönlichen Assistentinnen und Vorstandssekretärinnen versammelt hatten, obwohl sie auch hier neugierige Blicke auf sich zog.

Katie war so erpicht darauf, endlich mit ihrer Arbeit anzufangen, dass sie die Rückkehr in die Villa kaum erwarten konnte. Durch den Ausflug nach Mailand hatte sie viele Anregungen bekommen.

Auf dem Rückflug verzichtete Giovanni Amato glücklicherweise darauf, ihr seine Flugkünste zu demonstrieren.

„Ich habe wirklich sehr von diesem Ausflug profitiert, Signor Amato“, sagte sie, nachdem er sie heil auf den Boden zurückgebracht hatte. „Die Informationen Ihrer Angestellten haben sich als sehr nützlich für mich erwiesen.“

„Und das Mittagessen war bestimmt auch nicht zu verachten“, ergänzte er augenzwinkernd. „Ich hoffe, unsere Damen haben Sie in die beste Trattoria Mailands geführt?“

Damit meinte er die Firmenkantine. Katie spürte, dass sie rot wurde. „Wir waren alle pünktlich zum Ende der Mittagspause zurück, Signor“, glaubte sie, betonen zu müssen, und fuhr dann fort: „Aber … wäre es vielleicht möglich, dass ich mir die übrigen Büros auch noch irgendwann ansehe?“

„Warum sagen Sie es nicht offen heraus, dass Sie meinen Firmensitz auch noch ganz gern neu gestalten würden, Miss Carter?“ Er lachte anerkennend. „Ich muss schon sagen. So jung und schon so geschäftstüchtig.“

Katie wurde wieder rot. „Na ja … also, ich muss zugeben, dass mich dieser Gedanke zumindest gestreift hat.“

„Recht so. Im Geschäftsleben sollte man die Zukunft immer fest im Blick haben, sonst kann man gleich einpacken“, gab er zurück. Katie atmete auf. Sie überquerten einen Grasstreifen zwischen Hubschrauberlandeplatz und Villa. Irgendwann blieb er stehen, lockerte seine Krawatte und öffnete die beiden obersten Hemdknöpfe. Katie ertappte sich dabei, dass sie sich auszumalen begann, wie es unter diesem Hemd wohl aussehen mochte. Als es ihr bewusst wurde, schüttelte sie, peinlich berührt über sich selbst, den Kopf. Gleich darauf hörte sie ihn leise auflachen.

„Du meine Güte, Miss Carter, dieses Erröten würde ja jeder Contessa gut zu Gesicht stehen. Die Marchesa di San Marco hat mir kein Wort davon gesagt, dass Sie blaues Blut in den Adern haben. Da kann ich nur hoffen, dass Sie nicht ihrem habsüchtigen Verwandtenklüngel angehören.“

Obwohl er es in scherzhaftem Ton gesagt hatte, reagierte Katie pikiert. Das klang ja fast, als ob er ihr eine bewusste Täuschung unterstellte. Damit würde sie ihn nicht durchkommen lassen.

„Na, hören Sie mal! Ich bin weder habsüchtig noch irgendjemandes Verwandte! Dass ich hier bin, habe ich allein meiner Arbeit und meinem guten Ruf zu verdanken“, wehrte sie sich entschieden.

„Das will ich auch hoffen“, erwiderte Giovanni in einem Tonfall, in dem Genugtuung mitschwang. „Ich habe nämlich keine Zeit, hier jeden Ihrer Schritte zu überwachen.“

„Das wäre ja auch noch schöner.“ Katie hob trotzig das Kinn und schaute ihm fest in die Augen, obwohl sie es sofort bereute. Er war schlicht atemberaubend. Ein anderes Wort gab es dafür nicht.

„Na prächtig. Dann sind wir in diesem Punkt ja schon mal einer Meinung“, gab er, ohne mit der Wimper zu zucken, zurück, bevor er ihr mit einer Handbewegung bedeutete, ihm zu folgen.

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