Logo weiterlesen.de
Die Muschelsammlerin

Impressum
Tora
Zwei Jahre später
Leseprobe: Die Muschelsammlerin – Deine Bestimmung wartet

Tora

Die Droge wirkt nicht mehr.

Kein Kräuterkram und kein Alkohol, der bevorzugte Kick der Erwachsenen, auch wenn ich nichts gegen einen Cocktail hin und wieder habe. Keine Pilze und kein Atem der Götter.

Meine Droge heißt Janol, liegt neben mir auf dem Bauch und schnarcht leise vor sich hin. Zehn Sekunden nach dem Sex einschlafen, das ist eines der Klischees, von denen ich nie gedacht hätte, dass sie sich in neunzig Prozent aller Fälle erfüllen.

Er lässt sich nicht stören, während ich ihn betrachte. Sein sandfarbenes Haar ragt strubbelig in die Höhe. Den Kopf hat er auf die Seite gedreht, das Kissen, das er sich unter die Wange geschoben hat, knautscht seine linke Gesichtshälfte und seine Lippen zusammen, sodass sein Mund wie ein Fischmäulchen aussieht. Abgestützt auf einen Arm studiere ich die Tätowierung, die seinen Rücken ziert und die ich noch immer völlig absurd finde.

Als sich Janol zum ersten Mal für mich ausgezogen hat und ich seine sonnenbraune Kehrseite bewundern durfte – wie aus einem Guss, nicht mal in der Po-Region wird seine Haut heller –, habe ich ihn gefragt, wessen Gesicht das sein soll.

Er hat mir über die Schulter zugezwinkert. »Was glaubst du denn? Das Gesicht meiner Seelenpartnerin natürlich.«

»So stellst du sie dir vor?«

»Genau so.« Er hat gelacht. »In einem Jahr schlägt für mich die Stunde der Wahrheit. Mal sehen, ob ich recht behalte.«

Also, wenn das auf seinem Rücken der Typ Mädchen ist, auf den er steht, einschließlich wallender Haare und Schlafzimmerblick, muss man sich schon fragen, warum er mit mir ins Bett geht.

Einfache Antwort: Das eine ist die Fantasie, das andere die Realität. Und letztere ist meistens besser, oder?

Das Gesicht auf Janols Rücken sieht jedenfalls total künstlich aus. Als hätte es jemand glatt gezogen und alles Leben darin überpinselt. Die Haut ist eben und makellos, von Pickelchen und Poren keine Spur, Perlmutt ist nichts dagegen. Die Finger würden abrutschen, wenn man eine solche Wange streichelt. Und einen Mund wie den kriegst du nur, wenn sie dich in ein Haus der Wandlung schleifen und dir diesen Honig draufschmieren, von dem deine Lippen für ein paar Stunden anschwellen wie Gummischläuche.

Der perfekte Eindruck wird natürlich durch die Kratzspuren auf der Stirn empfindlich gestört. Ich muss grinsen. Die stammen von meinen Fingernägeln. Was die Leidenschaft betrifft, kann ich mich über Janol echt nicht beklagen. Auch meine Schultern ziert schon ein Kratzer – der erste Tribut an eine wilde Nacht.

Im Grunde ist Janol das große Los. Er hat was im Kopf, er ist witzig und sieht vieles nicht so eng. Ihm macht es nichts aus, dass ich mich auch mit anderen Jungs in den Purpurzimmern oder am Strand oder sonst wo treffe; er selbst ist ja ebenfalls kein Kind von Traurigkeit. Doch vor allem – und das war bisher das Beste – will er nicht, dass ich so werde, wie er es gern hätte.

Aber jetzt ist was passiert. Genau genommen sind zwei Dinge passiert. Und diese zwei Dinge sorgen dafür, dass meine Janol-Droge ihre Wirkung verloren hat.

Ding Nummer eins: Ich muss fast ständig an Janol denken. Er geht mir nicht mehr aus der Birne, andere Jungs interessieren mich nur noch am Rande und, Schock: Ich habe angefangen, mit Fino über ihn zu sprechen. Das muss man sich mal vorstellen. Ist gerade erst letzte Woche passiert. Fino hat mich aus seinen dunklen Augen ruhig angesehen – definitiv die schönsten Augen der Welt – und hat leise gewiehert. Damals habe ich die Botschaft nicht kapiert. Aber jetzt, hier und heute Nacht, kapiere ich sie.

Weißt du echt nicht, was mit dir los ist, Tora? Du hast dich in Janol verliebt, das ist los.

O Götter.

Ding Nummer zwei: Bevor Janol vorhin eingeschlafen ist, hat er was gesagt, das mich noch nachträglich zusammenzucken lässt:

»In einem Jahr lerne ich meine Seelenpartnerin kennen. Und es gibt was, das ich total schön fände, Tora. Wenn wir in diesem letzten Jahr zusammenblieben. Richtig zusammen. Eine echte Verbindung, mit Treue und allem. Denk mal darüber nach.«

Dann hat er sich auf den Bauch gedreht und ist eingepennt.

Das absolut Erschreckende daran war, dass ich einen Moment lang gezögert habe; ich habe gedacht: He, Janol, genau das will ich auch. Abends mit dir einschlafen, morgens neben dir aufwachen, ein Jahr lang nur mit dir.

Immerhin war ich noch so klar, das nicht laut zu sagen.

Fino hat recht. Ich habe mich verliebt – und darum muss ich weg von Janol. Am besten im vollen Galopp. Verliebt sein bringt nur Ärger. Mit Janol und mir muss Schluss sein, das habe ich jetzt kapiert, ich muss ihn loswerden, ihn aus meinem Leben rauskicken und mir jemand Neuen suchen. Bewerber gibt es genug.

Während ich auf Janols tätowierten Rücken starre, wird mir so richtig und Stück für Stück klar, wie absurd die Situation ist. Ich, Tora Nerwad, in einen Jungen verliebt und mit ihm fest verbunden – hallo? Geht’s noch? Du liebe Götter, da habe ich echt andere Pläne. Schlimm genug, dass in zwei Jahren auch bei mir alles anders werden soll – wenn ich meinen Seelenpartner kennenlerne. Die meisten werden danach treu wie sonst was, sehen andere Männer und Frauen kaum noch an, haben nur noch Lust auf den einen oder die eine, was ich mir absolut schrecklich vorstelle. Langweilig wie der Tod. Ganz ehrlich? Ich brauche keinen Seelenpartner, ich will, dass es weitergeht wie bisher: Rummachen, mit wem ich will und wie lange ich will, Spaß haben, frei sein und diese Freiheit in vollen Zügen genießen. Bloß keine festen Geschichten.

Ich betrachte Janols im Schlaf leicht zerknautschten Mund, der mich erstaunlicherweise trotzdem enorm anzieht, und beschließe, mich vom Acker zu machen. Nicht irgendwann, sondern jetzt. Sofort. Runtergehen und mich umschauen, wer dort an potenziellen Nachfolgern herumtanzt. Darum geht’s schließlich auf einem Purpurfest: befreite Lust, Erfahrungen sammeln. Oder?

Leise stehe ich auf und verschwinde in dem marmorgefliesten Bad nebenan, dusche, trockne mich ab, kehre auf Zehenspitzen zurück, sammle meine Klamotten vom Boden auf und ziehe mich an. In dem abgedimmten Licht, mit dem sie alle Purpurzimmer ausstaffieren, sieht Janol aus wie mit Blut übergossen. Ich betrachte ihn eine Weile, dann hauche ich einen Kuss in die Luft und flüstere: »Mach’s gut, mein Süßer. War schön mit dir.«

Und weil ich nicht anders kann, lege ich meine Hand ein letztes Mal ganz sachte zwischen seine Schulterblätter, wo eine Haarsträhne seiner Seelenpartnerin von einem unsichtbaren Wind in perfekter Weise aus ihrer perfekten Stirn gepustet wird und wo ich das Zucken seiner Muskeln spüre, seinen Atem, der in ihn reingeht und ihn wieder verlässt.

Er klappt die Augen auf. Scheiße.

»Tora.«

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Die Muschelsammlerin. Tora - Der Ruf von Xerax" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen