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Die Muschelsammlerin

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Mariel
Zwei Jahre später
Leseprobe: Die Muschelsammlerin – Deine Bestimmung wartet

Mariel

Warum habe ich Idiotin bloß zugestimmt?

Ich will ja gehen. Aber ich will auch liegen, hier, auf der Veranda, in einer Hängematte, mit einem Buch in den Händen und einem Ananassaft neben mir. Und was tue ich stattdessen? Hocke auf einer Stufe eben dieser Veranda und warte mit ineinander gekrampften Fingern auf meine Freunde, damit sie sich gemeinsam mit mir in die Höhle des Löwen vorwagen. Wobei sie das sogar tatsächlich gerne tun. Für mich ein Rätsel. Sobald sich meine Gedanken auf das Purpurfest richten, wird mir flau im Magen.

Der Himmel hängt voller rosa Wolken, die einen Sonnenuntergang in tausend Farben versprechen. Die Luft riecht nach den Dattelpalmen hinterm Haus und in dem Mangobaum im Vorgarten turtelt ein Papageienpaar. Warum, um der Götter willen, findet das Purpurfest ausgerechnet an diesem traumhaften Abend statt?

Jungen. Mädchen. Tanzen. Knutschen. Und dann ...

In einem Purpurzimmer verschwinden und eine … Erfahrung sammeln.

Wie soll ich diese Nacht nur überstehen?

Am besten, indem ich mich auf das konzentriere, was ich auf dem Purpurfest will.

Und? Was willst du, Mariel?

Meine Finger verknoten sich noch fester. Meine Blicke sausen hin und her wie die Kätzchen aus dem Wurf meiner unvergessenen Floh, turnen über das Geländer der Veranda, spurten den Mangobaum hoch und bleiben auf halber Höhe hängen, dort, wo sich der Stamm zu einem Knubbel verdichtet.

Besäße dieser knorzige Auswuchs Zauberkräfte, wie meine Tante Irina behauptet hat, würde ich mir wünschen, dass Irina wieder bei mir ist – und dass mein Seelenpartner heute Nacht zu mir kommt.

Tja. Pech nur, dass ich noch zwei Jahre durchhalten muss. Und jetzt raus damit. Was will ich? Nicht in zwei Jahren, sondern heute.

Also schön.

Ich will Mervis.

Er ist der Grund, aus dem ich dieses Purpurfest auf mich nehme, weil er nämlich auch hingeht, das hat mir jedenfalls Jasemin erzählt. Oder vielmehr hat sie es in einem Nebensatz erwähnt, der nicht speziell an mich, sondern an die Allgemeinheit gerichtet war. Natürlich bin ich völlig entspannt geblieben, kein albernes Gekicher, habe nur lässig gefragt: »Wann ist das Purpurfest eigentlich?«, aber mein Herz ist losgerast wie ein Sonnenkraftboot bei Windstärke zwölf.

Mervis.

Heute Abend werde ich alles riskieren.

Meine Mutter ist begeistert. Aus ihrer Sicht habe ich mich lange genug gedrückt, schließlich liegt mein sechzehnter Geburtstag schon drei Monate zurück. Seit mir der Besuch eines Purpurfests offiziell erlaubt ist, habe ich meine kostbare Chance bereits zweimal verpasst. Absolut sträflich.

Gerade werkelt sie in der Küche herum – so geräuschlos wie möglich, damit ich nichts merke –, denn von dort hat sie unsere Veranda gut im Blick und kann sich überzeugen, dass ihre Tochter wirklich und wahrhaftig den Absprung findet und nicht in letzter Sekunde in die Tiefen ihrer Hängematte abtaucht. Mein Vater ist da viel entspannter. Er ist mit seinen Freunden auf eine Bootstour gegangen.

Fast kann ich hören, wie die Gedanken meiner Mutter sämtliche Küchenfenster sprengen, herausschießen und mir ins Ohr brüllen:

Und, Mariel? Ist heute die Nacht, in der es endlich passiert?

Tja. Das frage ich mich schon den ganzen Tag. Doch vor allem frage ich mich, ob ich will, dass es passiert.

In der Ferne nähert sich ein Sonnenkraftmobil der kleinen Allee zu unserem Haus herauf. Es ist so weit. Mir bricht der Schweiß aus, dummerweise vor allem unter den Achseln. Mein Magen fühlt sich plötzlich an wie eine mit schweren Steinen gefüllte Tüte. Heldinnenhaft raffe ich mich dennoch von den Verandastufen hoch und beneide jedes Würmchen, das ungesehen zwischen den Ritzen verschwinden kann. Schon meine ich, das aufgedrehte Lachen und Kreischen meiner Freunde zu hören. Nervös streiche ich mein Kleid glatt. Ich habe getan, was ich konnte, mir sogar etwas Neues zum Anziehen zugelegt, denn ich bin nicht der Typ, den man zwangsläufig bemerkt, kaum dass er einen Raum betritt. Jasemin, Sanja und überhaupt viele Mädchen, die ich kenne, halten sich auch nicht gerade für sonderlich hübsch, dabei sind sie wunderschön, und dass sie ihre Schönheit nicht erkennen, macht sie nur doppelt attraktiv. Da müssen sie gar nicht viel tun, die Jungs renken sich ohnehin regelmäßig den Nacken aus, weil sie ständig die Köpfe nach ihnen verdrehen. Meinetwegen hat sich noch keiner etwas verrenkt, nicht dass ich wüsste.

Als Asta gehört hat, dass ich mein erstes Purpurfest besuche, wollte sie sich unbedingt um mich kümmern. Will heißen, sie wollte mir irgend ein Kräuterzeug in die Haare schmieren, von dem ich honigblonde Engelslocken bekomme, oder mich in ein Kleid zwängen, das aus weniger Stoff als ein Geschirrtuch besteht, oder etwas in der Art. Glücklicherweise konnte ich alle Versuche meiner Schwester abwehren. Letztlich hat sie nicht auf ihrer Verschönerungskur beharrt und nur kurz gezuckt, als sie die Frisur gesehen hat, die ich mir selbst ausgedacht habe: zwei um den Kopf geflochtene und zu einer Muschelschnecke hochgedrehte Zöpfe. »Du siehst aus wie unsere Urgroßmutter«, lautete ihr einziger Kommentar. Seit sie mit ihrem Seelenpartner verbunden ist, ist sie viel umgänglicher. Die Zeiten, in denen sie mit wirklich verletzenden Sprüchen um sich warf, die vorzugsweise meine Figur oder meine Vorliebe für Schokolade betrafen, scheinen endgültig vorbei. Mit Anneus ist sie so glücklich, dass man sie kaum wiedererkennt.

Das Sonnenmobil biegt in unsere Auffahrt ab, ein kleines Modell, wie man es mit sechzehn fahren darf, Jasemin und Sasched müssen sich auf der Rückbank arg zusammenquetschen. Allerdings bezweifle ich, dass ihnen das etwas ausmacht, sie kleben ja auch sonst aneinander wie zwei Honigkuchen. Tammo hat es sich neben Yelin bequem gemacht, der am Steuer sitzt.

Gut sieht Tammo aus. Also, gut sowieso, das ist sein Betriebsmodus, aber seit er von zu Hause ausgezogen ist, kann er endlich wieder lächeln. Ich bin unheimlich froh, dass er diesen Schritt gewagt hat, auch wenn es schwer für ihn war und ich monatelang auf ihn einreden musste. Jetzt findet er hoffentlich bald zu seiner alten Form zurück.

Hinter mir knarzt die Haustür. Meine Mutter, die es offenbar nicht länger in der Küche aushält, tänzelt auf die Veranda. Du liebe Götter, womit fuchtelt sie denn da herum? Sieht aus wie ein Gürtel. Hellrosa Muscheln, bestreut mit irgendeinem Glitzerkram, damit auch ja jeder hinguckt.

»Der lässt sich ganz leicht öffnen«, flötet sie, während sie mir das Ding um die Taille schnüren will. »Falls du dein Kleid im Laufe der Nacht ausziehen möchtest.«

Schnell weiche ich einen Schritt zurück und werde vermutlich so rot, dass der Sonnenuntergang, den ich verpassen werde, nichts dagegen ist.

»Ja, äh … danke. Hm … weißt du, Glitzerkram steht mir einfach nicht.«

Und wenn Mervis so etwas gefällt?

Nun, mir gefällt es nicht.

»Unsinn.« Sie mustert mein Kleid. »Der Glitzerkram, wie du ihn nennst, passt hervorragend dazu.« Sie räuspert sich. »Außerdem würde dich der Gürtel etwas schlanker machen.«

Aha. Der magische Wir-verlieren-auf-einen-Schlag-zehn-Pfund-Gürtel.

»Danke, Mama. Aber ich komme schon zurecht.«

»Mariel?«, ruft Jasemin.

»Ich muss los.« Ich drücke meiner Mutter einen Kuss auf die Wange und springe die Verandastufen hinunter, bevor sie einen neuen Versuch starten kann, mir das Ding umzuschnallen.

»Viel Glück, Mariel!«, ruft sie mir nach. »Egal, was heute Nacht passiert, es wird wunderschön.«

Wenigstens gibt sie mir keine letzten Tipps mit auf den Weg: Nimm nicht gleich den ersten Besten. Tanz vorher mit ihm. Redet ein bisschen.

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