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Die Muschelsammlerin: Deine Bestimmung wartet

Über dieses Buch

Mariel hat immer darauf vertraut, dass sie in Amlon glücklich wird. Inmitten der perlweißen Strände und des türkisblauen Meeres sollte es ihr an nichts fehlen. Aber tief im Herzen spürt Mariel, dass sie nicht dazugehört. Als der Tag der Verbindung bevorsteht, an dem jeder Jugendliche seinem perfekten Partner begegnet, wird Mariels größte Angst wahr: Sie ist eine Sonderbare, eine von denen, für die es keine Liebesgeschichte gibt. Zusammen mit Sander, Tora und Tammo muss Mariel Amlon verlassen. Nur in Nurnen, dem Reich der Träume, können sie ihren Seelenpartner noch finden. Doch auf der Reise flammen in Mariel plötzlich Gefühle für einen anderen auf. Und diese Gefühle bedeuten in Nurnen den sicheren Tod …

Er kommt.

Ein Wiehern klingt durch die Nacht. In der Dunkelheit erkenne ich den Goldfuchs mit der Silbermähne – sein Pferd. Er selbst ist kaum mehr als ein Schatten. Langsam steigt er ab und kommt über die Planke an Bord. Ich taste nach der Schiffslaterne, doch er legt seine Hand über meine.

»Aber ich will dich endlich sehen«, flüstere ich.

»Bald«, murmelt er und zieht mich an sich. Seine Augen glitzern im Dunkeln. »Bald kommt unsere Zeit, Mariel.«

Seine Lippen berühren meine, erst sanft, dann fester. Ich schließe die Augen. Meine Hand gleitet zu seinem Nacken. Die Wärme seiner Haut schmilzt in mich hinein, so dass ich ein wenig Angst bekomme.

»Willst du?«, flüstert er.

»Was? Wie? Ja. Nein. Ich weiß nicht«, piepse ich.

Da wiehert an der Mole sein Pferd. Es klingt schrill und panisch. Ich spüre, wie sich etwas nähert. In der Ferne heult der Wind – ist das Wind? Ich klammere mich an den Mann, dessen Gesicht ich nicht sehe, das Heulen nähert sich wie ein riesiger Vogel, weicht zurück, zieht eine Schleife, bis es uns umzingelt.

»Halt mich fest«, flüstert er.

Ich umschlinge seinen Körper, doch er wird mir mit einem Ruck entrissen.

»Du musst mich suchen, Mariel!«, ruft seine entschwindende Stimme. »Du musst –«

»Die Bibliothek schließt in zehn Minuten.«

Was?

Ich öffne die Augen.

Über mir leuchtet der Abendhimmel. Die Wolken sehen aus wie riesige Orchideenblüten. In der Ferne rauscht das Meer. Meine Hängematte schwingt sachte hin und her.

»Liebe Götter, ich dachte, wir kriegen dich überhaupt nicht mehr wach.« Meine Schwester Asta blickt strahlend auf mich herunter. »Tammo meint, er hätte dich beim Turnier vermisst – und jetzt willst du dich auch noch vor dem Abschied drücken?«

Ich erröte bis zu den Haarwurzeln. Asta hat gut reden. Turnier, Abschied … Sie hat diese dämlichen Rituale vor zwei Jahren hinter sich gebracht und ist seither glücklich mit dem ihr Bestimmten vereint. Ich schaue zu Anneus, dessen Hände auf ihren Hüften ruhen. Sollte man sich nicht mit der Zeit an den Anblick der Bestimmten gewöhnen? Mir will das nicht recht gelingen. Anneus ist ein Traum von einem Mann – und die Spiegelseele meiner Schwester, der Mensch, der sie vollkommen ergänzt.

Ich rappele mich aus der Hängematte hoch; prompt poltert das Buch zu Boden, das auf meinem Bauch gelegen hat. Asta hebt es auf. »Die ersten Tage von Amlon.« Sie kraust die Nase. »Alle waren beim Turnier, nur du nicht, weil du lieber ein Geschichtsbuch gelesen hast?«

»Nun, äh … ja.« Trotzig füge ich hinzu: »Das Turnier ist keine Pflicht.«

»Alle Solitäre nehmen daran teil, Mariel«, erwidert Anneus mit seiner dunkel vibrierenden Stimme, bei der mir immer ein Schauer über den Rücken läuft.

»Tja, dann waren es in diesem Jahr eben alle minus eine.« Ich habe Angst vor Pferden und im Bogenschießen bin ich eine Niete, warum also sollte ich an einer Veranstaltung teilnehmen, bei der man von einem Pferderücken aus auf Zielscheiben schießt?

Asta kräuselt die Augenbrauen und wie so oft bilden sich Sorgenfalten auf ihrer Stirn. Als ob ich das nicht gesehen hätte, begräbt sie ihre bekümmerte Miene schnell unter einem weichen Lächeln. »Ich verstehe dich ja, kleine Schwester«, meint sie liebevoll. »Hier ist es sicher und warm. Aber schau doch.« Sie deutet über die Brüstung des Dachgartens und hinaus aufs Meer, auf die Korallenriffe und Strände, die im späten Licht leuchten, die großen und kleinen Inseln von Amlon. »Da draußen ist das Leben, Mariel. Da sind Menschen. Deine Freunde. Wenn du nicht immer in deinen Büchern …« Sie bricht ab und ich tue so, als hätte ich den schmerzlichen Zug um ihren Mund nicht gesehen.

»Wisst ihr, was? Nächste Woche machen wir einen Ausflug in die Berge. Oder lasst uns wenigstens ins Theater gehen«, füllt Anneus das peinliche Schweigen zwischen Asta und mir. Aufmunternd zwinkert er mir zu. »Komm schon. Vielleicht mag dein Bestimmter so was.«

Mein Bestimmter. Zum Glück ist außer uns niemand auf dem Dach der Bibliothek, ich muss wie ein Äffchen aussehen, so breit, wie ich plötzlich vor mich hin lächele. Morgen werde ich ihn kennenlernen. Dann werden keine Träume mehr nötig sein. Die Umarmungen, die Küsse – morgen wird das alles Wirklichkeit. Der Abschied ist einfach nur das letzte Hindernis, das ich auf meinem Weg zu ihm nehmen muss. Also los.

Hinter Asta und Anneus stapfe ich durch den Dachgarten, vorbei an Hibiskussträuchern und Oleanderbäumen. So weit das Auge reicht, glitzern die Inseln unter uns wie Diamanten, manche sind durch Brücken verbunden, andere durch Wasserstraßen, auf denen mit Blumen geschmückte Sonnenkraftboote kreuzen, alle mit demselben Ziel: Talymar, die größte von Amlons zweiundfünfzig Inseln, auf der es neben meinem Elternhaus und tausend Quadratmeilen Lorbeerwald, Orangenhainen, Magnolientälern, malerischen Dörfern und herrlichen Badebuchten auch den Strandpalast gibt, was ich weniger herrlich finde; zumindest im Moment. Während die anderen Achtzehnjährigen von Amlon es wohl kaum erwarten können, sich heute dort einzufinden und ihre letzte Nacht als Solitäre zu genießen, würde ich liebend gern auf den Abschied verzichten.

Asta und Anneus sind die Außentreppe schon halb hinunter, als ich einen Zwischenstopp einlege.

»Mariel!«, ruft Asta und legt die Hände um ihren runden Bauch. »Bin ich im achten Monat oder du?«

»Augenblick.«

In einer Pfütze, die nach dem letzten Regen auf einer Stufe zurückgeblieben ist, schwimmt ein Sonnenblatt. Die schillernd grünen Flügel des Schmetterlings haben sich über das Wasser gebreitet. Vorsichtig halte ich ihm einen Finger hin. Er kriecht hinauf und ich puste ihn behutsam trocken.

»Mariel …«

Es kitzelt, als das Tierchen auf meinen Handteller krabbelt. Kurz verharrt es, dann entfaltet es seine Flügel und fliegt davon. Das Abendlicht verwandelt den kleinen Schmetterling in einen Smaragd. Ich wende den Kopf, folge seinem Flug – und schrecke zurück.

Wie eine Reihe abgebrochener Zähne ragt fern am Horizont der Ring aus schwarzem Fels aus dem Meer. Mein Gesicht, mein Nacken, alles wird kalt. Xerax. Die Insel der Sonderbaren. Der Unvollständigen.

Ich habe mir geschworen, heute nicht an Xerax zu denken. Oder an den Tag vor zehn Jahren, an dem meine Tante Irina uns verließ.

Eilig wende ich mich ab und folge Asta und Anneus die Treppe hinunter.

Orangerot wie eine Beere, die in schmelzendem Eis versinkt, taucht die Sonne ins Meer. Geräuschlos fährt unser Sonnenkraftboot am Ufer entlang dem Strandpalast entgegen. Von allen Seiten nähern sich weitere Boote, lachend winken die Insassen einander zu.

Im Palasthafen ankern wir und gehen das letzte Stück zu Fuß. Der Strand füllt sich zusehends. Viele Gesichter kenne ich aus der Schule – kaum zu fassen, dass ich noch gestern in der Aula saß und der Abschiedsrede unserer Rektorin lauschte, die sich übrigens kaum von ihrer Begrüßungsrede an unserem ersten Schultag vor zwölf Jahren unterschied. Bis auf die letzten Sätze: »Amlon und Nurnen gehören zusammen wie zwei Seiten einer Medaille. Übermorgen, am Tag der Verbindung, wird sich das Tor zwischen beiden Welten öffnen und die Priester werden eure Seelenpartner willkommen heißen – jene Menschen, die euch von jeher bestimmt sind. Auf jeden von euch wartet eine große Liebesgeschichte.«

Dann sprach die Rektorin von den Göttern, die uns diesen Partner schicken, und, ja, ich bin froh, dass der Gott und die Göttin jedem von uns diese eine große Liebe schenken; ich selbst wäre wohl viel zu ungeschickt und schüchtern, um mir einen passenden Partner zu suchen. Aber so kann ich, keine vierundzwanzig Stunden von meiner großen Liebe entfernt, ganz unbeschwert über den Strand wandern.

Na ja. So unbeschwert wie möglich.

Im Rauschen der Brandung überhöre ich fast die Stimmen, die sich von hinten nähern: Tammo und Yelin, Jasemin und Sasched, meine Freunde aus unserem Dorf. Und Mervis. Kein Freund. Sein von der Sonne hellblond gebleichtes Haar fällt bis auf die Schultern. Eine Haut wie Karamell, Augen wie Saphire, Muskeln wie … Muskeln eben. Ihm will ich lieber nicht begegnen.

»Geht ihr schon mal vor?«, bitte ich Asta und Anneus. »Ich, äh, muss noch was erledigen.«

Meine Schwester mustert mich zweifelnd. Da sind sie wieder, die Fältchen auf ihrer Stirn, dieser Widerspruch aus Sorge und Liebe, der sich so oft auf ihrem Gesicht spiegelt. »Abhauen zum Beispiel?«

Ich bücke mich nach den Muscheln im Sand. »Natürlich nicht.«

Asta ringt sich ein Lächeln ab, doch ich höre den bedrückten Unterton. »Wieder einen Mutanten entdeckt?«

»Keine Ahnung, was du meinst«, erwidere ich ruhig.

»Alle Muscheln, die du aufhebst, sind Mutanten, Mariel. Und ich will gar nicht wissen, warum sie dich so faszinieren«, fügt sie mit bemüht fröhlicher Stimme hinzu.

Ist auch besser so, denke ich. Du würdest mich unverzüglich zu einem Heiler schleifen.

Anneus zieht sie mit. »Komm, lass ihr den Moment.«

»Spätestens in einer halben Stunde sehen wir uns im Strandpalast!«, ruft Asta über die Schulter. »Ich warne dich! Sonst sammele ich dich persönlich ein.«

Tammo und die anderen nähern sich. Schnell drehe ich mich weg und tue so, als würde ich unter den Muscheln ein besonders schönes Exemplar suchen.

Auf jeden von euch wartet eine große Liebesgeschichte.

Das Verrückte ist, dass ich ziemlich genau weiß, was unsere Rektorin meint. Ausgerechnet ich … Das ist schon ein Kunststück, wenn man bedenkt, dass ich noch nie mit einem Jungen zusammen war. Zu verdanken habe ich das meinen Träumen – und in gewisser Weise Mervis und seinem Geburtstag. Damals war ich sechs und er hatte mich eingeladen, genau wie alle anderen Mädchen aus dem Dorf. Und genau wie alle anderen Mädchen war ich unsterblich in ihn verliebt. Während der Feier beachtete er mich nicht, was mir nicht viel ausmachte, zunächst genügten mir die Tische voller Kuchen, die seine Eltern am Strand aufgebaut hatten. Seine Geschwister organisierten die Spiele, und als es mit dem Bogenschießen zu Pferd – oder vielmehr auf fetten kleinen Ponys – losging, verkrümelte ich mich unter einen knorrigen Olivenbaum. Dort fand ich das Silberkehlchen. Es war ein alter Vogel, der im Sterben lag.

Niemand möchte allein in den Tod gehen. Das hatte mir wenige Wochen zuvor meine Tante Irina erklärt, als die Sterbenacht meiner Katze Floh angebrochen war. Eigentlich habe ich mir ja geschworen, heute nicht mehr an Irina zu denken, doch nun lasse ich die Erinnerung trotzdem zu und spüre wieder, wie sie sanft meine Schulter drückt, rieche ihren Duft nach Zitrone und Vanille, höre sie flüstern: Sei einfach bei ihr, Mariel. Niemand möchte allein in den Tod gehen.

Auch damals unter dem Olivenbaum hörte ich ihre Stimme. Das Silberkehlchen kämpfte noch gegen den Tod und hatte mit seinem hilflosen Geflatter eine Kuhle in den Sand gefegt. Ich hob es auf und barg es in meiner Hand und wie meine Katze Floh wurde es ruhig. Aus den Augenwinkeln sah ich, dass Mervis mich beobachtete. Nach einer Weile kam er herüber und setzte sich neben mich. Niemand störte uns. Schweigend schauten wir zu, wie die Bewegungen des Vogels schwächer wurden. Wir waren eingeschlossen in einen magischen Kreis und das Herz des Silberkehlchens pochte gegen meine Hand. Bald konnte ich das Pochen kaum noch spüren. Dann hörte es auf. Ich strich über das Gefieder des Vögelchens, legte es zurück in die Kuhle und bedeckte es mit Sand. Mervis verschränkte seine Finger mit meinen. Ich war traurig, doch zugleich war es der schönste Augenblick meines Lebens. Ich wusste: So würde es sein, wenn mein Seelenpartner käme, meine Spiegelseele; immer würde es dann so sein und nicht nur die eine Viertelstunde, bis das hübscheste Mädchen aus unserem Dorf entschied, dass Mervis meine Hand lang genug gehalten hatte. Die beiden zogen davon, die schönste Viertelstunde wurde von der elendsten abgelöst, trotzdem hatte ich einen Moment des Glücks erlebt.

Mit einem Ruck kehre ich in die Gegenwart und zu dem zurück, was vor mir liegt: jede Menge Muscheln. Die Gruppe aus meinem Dorf ist jetzt auf einer Höhe mit mir. Tammo schaut kurz herüber. Spürt er, dass ich für mich bleiben will? Auf jeden Fall geht er weiter. Jasemin mit dem Goldhaar und Sasched, der älteste Sohn des Schmieds, haben einander die Arme um die Hüften gelegt. Mervis turtelt mit einem Mädchen. Natürlich. Was auch sonst?

Dass wir uns morgen mit den uns Bestimmten verbinden, bedeutet nicht, dass es vorher keine Liebesgeschichten geben darf, es ist sogar erwünscht, dass wir Erfahrungen sammeln. Den Edelstein schleifen, wie es heißt. Weniger erwünscht sind Schwangerschaften, das ist auch der Grund, aus dem wir Solitäre einmal im Monat den Nektar schlucken müssen. Doch damit ist ab morgen ebenfalls Schluss.

Sie ziehen vorbei. Gerade will ich ihnen in einigem Abstand folgen, als ich eine höchst eigenartige Muschel entdecke, orangerot wie der Sonnenuntergang, wunderschön – doch am unteren Ende bildet sie einen wurmförmigen Auswuchs, der ihre Vollkommenheit wohl für jeden in etwas Beunruhigendes verwandelt. Der Auswuchs irritiert, er ist wie ein Haken, der den Blick anzieht und bannt. Während sich andere davon sicher abgestoßen fühlen, fasziniert mich diese ganz eigene Schönheit der Muschel. Behutsam umschließe ich sie mit meiner Hand.

Allmählich steigt mir der Geruch der Grillfeuer in die Nase. Ich straffe mich und betrete den Palastgarten. Aus offenen Fenstern dringen Musik und Gelächter – da donnert von hinten ein Pulk von Reitern heran, Leute, die es sich nicht nehmen lassen, zu Pferd beim Abschied aufzukreuzen. Das vorderste rast direkt auf mich zu. Im letzten Augenblick reißt die Reiterin an den Zügeln, schlitternd kommt der Rappe zum Stehen und bäumt sich fünf Zentimeter vor meiner Nasenspitze auf. Als ich mich mit einem Sprung in Sicherheit bringen will, verheddere ich mich im Saum meines Kleides und schlage der Länge nach in den Sand.

»Hey, nicht so stürmisch«, höhnt die Reiterin.

»Verdammt, pass doch auf!« Es klingt wie: Vmpuf. Ich spucke einen Mundvoll Sand aus.

Tora Nerwad beugt sich zu mir herunter. Ihr geschminkter Mund glänzt wie eine Blutlache. Unter stoppeligem rotem Haar blitzen meerblaue Augen hervor. Zwölf Jahre haben wir dieselbe Schule besucht, wenn auch glücklicherweise nicht dieselbe Klasse. Entweder man rückt nah an sie heran oder man hält sich von ihr fern. Schon als Kind hat sie in jeder Pause einen anderen Jungen verprügelt, vorzugsweise jene, die stärker waren als sie. Noch heute geht sie keiner Rauferei aus dem Weg.

»Was?« Sie legt eine Hand hinter ihr Ohr. »Ich hör dich so schlecht da unten.« Ihre Gefolgsleute kichern.

»Wahnsinnig witzig«, knurre ich.

Tora mustert mich. Erinnert sie sich an mich? Während unserer Schulzeit haben wir nur einmal miteinander gesprochen. Vielmehr sie mit mir. Warum oder wobei ich ihr im Weg war, ist mir bis heute nicht klar, ich weiß nur, dass ich auf dem Schulhof einen Schubs in den Rücken erhielt und Tora brüllte: Platz da, Puddingmädchen! Der ganze Schulhof lachte. Na ja, ehrlich gesagt lachten nur zwei oder drei Leute, aber das machte keinen Unterschied.

»Und? Wie viele Kamelien staubst du heute Nacht ab?« Toras Stimme dröhnt so laut, dass man sie wahrscheinlich in ganz Amlon hört. Ich spüre, wie mein Gesicht rosa anläuft. Tora grinst, als könnte sie meine Gedanken lesen.

Keine einzige.

»Hast du dir wehgetan?« Eine sanfte Berührung lässt mich zusammenfahren. Ich blicke nach oben und schaue in ein vertrautes Augenpaar.

»Mir geht’s gut«, murmele ich.

Tammo wendet sich an Tora. »Schön, du bist die Größte hier, wir haben verstanden. Du kannst weiterreiten.«

Zu meiner Erleichterung tut sie das tatsächlich. Ihre Bande folgt ihr. »Bis bald, Kamelienmädchen!«, ruft sie.

Gepruste, Gekicher, danke schön, auf Wiedersehen.

Ich hocke noch immer auf dem Boden, auch wenn ich lieber darin versinken würde. Zornig spucke ich weiteren Sand aus und wische mir ein paar Haarsträhnen aus der Stirn. Na wunderbar. Meine Frisur ist nur noch eine Erinnerung.

»Tora Nerwad. Die Frau ist die Pest.« Tammo mustert mich kritisch. »Geht’s dir gut, Muschelsammlerin?«

Meine Linke schließt sich zur Faust, wenigstens habe ich die Muschel nicht fallen lassen. Tammo hält mir eine Hand hin und ich lasse mich von ihm auf die Füße ziehen.

»Äh, wo sind denn die anderen?« Dass sie von dem Zwischenfall nichts mitbekommen haben, wäre wohl zu viel verlangt.

»Im Palast.« Er lächelt. »Konnten es wohl nicht mehr erwarten.«

»Und du?«

»Ich wollte verhindern, dass du dich in letzter Sekunde vom Abschied verabschiedest.«

Ich schenke ihm mein unschuldigstes Lächeln. »Warum sollte ich?«

Er gibt mir einen Stups. »Willst du mir gerade weismachen, dass du Lust auf den Abschied hast?«

Fantastisch. Kaum angekommen und schon werde ich verdächtigt, nicht hier sein zu wollen.

»Sehe ich aus, als hätte ich was anderes vor?« Ich taste nach dem wirren Gebilde auf meinem Kopf, das einmal meine Frisur war. Tammo lacht und ich kann nicht anders, ich muss mit ihm lachen.

»Nicht in diesem Kleid.« Er mustert mich. Meine Wangen werden warm, aber wenigstens nicht rot, das hoffe ich jedenfalls. Tammo und ich sind seit Kindertagen befreundet. Wahrscheinlich klappt es so problemlos mit uns, weil wir nie ineinander verliebt waren. Eine Zeit lang war Tammo mit Yelin zusammen, darum wird er auch heute Nacht wenigstens eine Kamelie einheimsen.

»Nur schade«, er zögert, »dass es wieder so ein Wallegewand ist.«

Ich schaue an mir herunter. »Wieso schade?«

Seine Hände streichen durch die Luft, als würden sie die Konturen eines Stundenglases nachzeichnen. »Weil du locker etwas Figurbetontes tragen könntest.«

Jetzt sind meine Wangen rot. Garantiert. »Oh. Also. Ja.« Nur schnell das Thema wechseln. »Morgen.« Ich knuffe ihn in die Seite. »Morgen ist es so weit.«

»Hab davon gehört.«

»Freust du dich denn gar nicht?«

»Eigentlich gefällt mir mein Leben ganz gut, wie es ist. Keine Ahnung, ob ich diese Verbindung wirklich will.«

»Spinnst du?« Ich starre ihn an. »Was willst du denn?«

»Mir selbst einen Mann aussuchen?«

Ich muss lächeln. »Tust du doch. Deine Seele tut es.«

»Und wenn meine Seele eine falsche Entscheidung trifft? Was, wenn sie keine Ahnung hat, was ich will?«

Ich streiche ihm über die Wange. »Deine Seele macht keinen Fehler. Vertrau ihr. Vertrau dir.«

»Aber mir geht’s gerade gut mit mir allein.«

Ich stemme die Fäuste in die Hüften. »Du hast dich vor vier Monaten von Yelin getrennt. Vier Monate! Du hast keine Ahnung, was Alleinsein bedeutet.« Meine Stimme bebt vor unterdrücktem Zorn. »Wenn es nicht aufhört. Wenn du siehst, wie alle anderen …« Ich beiße mir auf die Lippe und atme aus. »Niemand will allein sein, Tammo, glaub mir. Dafür sind Menschen nicht gemacht.«

Schweigend stapfen wir weiter auf den weiß schimmernden Strandpalast zu.

»Weißt du, warum ich mir Yelin damals rausgepickt habe? Weil alle mit irgendwem zusammen waren. Ich wollte dazugehören.« Tammos Hände ballen sich zu Fäusten. »Aber vor allem wollte ich beweisen, dass man sogar mich lieben kann. Dass ich es wert bin, geliebt zu werden, obwohl …«

»Natürlich bist du es wert«, unterbreche ich ihn leise.

Seine Stimme klingt hohl. »Mein Vater sieht das anders.«

Sein Vater. Der beste Beweis, dass ein Seelenpartner – und das war er für Tammos Mutter – nicht unbedingt ein Geschenk für den Rest der Menschheit ist. Zum Glück ist Tammo vor zwei Jahren zu seiner Tante gezogen, weg von diesem grässlichen Mann.

»Ich habe es immer bewundert, wie du all die Jahre allein zurechtgekommen bist«, meint Tammo.

Das nennt man wohl einen Themenwechsel.

»Morgens aufstehen, abends schlafen legen, zwischendurch das Atmen nicht vergessen«, erwidere ich knapp, ich will jetzt nicht darüber reden. In vierundzwanzig Stunden ist sowieso Schluss damit, dann beginnt endlich das Leben, nach dem ich mich so sehne. Meine Freunde, meine Familie – sie sind mir wichtig. Doch etwas fehlt immerzu, als wäre ich nie ganz vollständig. Unwillkürlich schaue ich zu den Kokons, die überall in den Bäumen hängen und aus denen, wenn ihre Zeit kommt, schillernde Schmetterlinge schlüpfen, so groß wie meine Hände. Langsam bewege ich die Finger. Morgen wird der mir Bestimmte den Kokon aufbrechen, in dem ich stecke – und eine neue, ganz andere Mariel wird zum Vorschein kommen. An der Seite meines Seelenpartners werde ich endlich ich selbst sein können. Kein Grund mehr, mich zu verstecken.

»Jasemin hat beim Turnier die ganze Zeit geheult«, reißt mich Tammo aus meinen Gedanken. »Sie behauptet, sie kann sich nicht vorstellen, ab morgen mit einem anderen zusammen zu sein als mit Sasched. Übrigens habe ich dich beim Turnier vermisst.«

Diesen letzten Satz überhöre ich mal und erwidere nur: »Tja, Jasemin wäre nicht die Erste, deren angeblich unsterbliche Liebe sich in Luft auflöst, sobald der Seelenpartner auftaucht.«

»Sie meint, ihr Herz gehöre Sasched für immer und ewig. Und sie hat Angst, dass darum keiner aus Nurnen zu ihr kommt. Dass sie zu denen gehört, die … übrig bleiben.«

Mein Mund wird trocken. Niemand denkt gern über so etwas nach – und da droht immer die Erinnerung an jenen schwarzen Tag vor zehn Jahren …

»Was, wenn ich auch übrig bleibe, Mariel?«, redet Tammo weiter. »Wenn sich keine Spiegelseele mit mir verbinden will und ich ein Unvollständiger werde, ein Sonderbarer? Ich kann nicht nach Xerax gehen. Mein Leben ist hier. Und auf Xerax ist nichts. Weißt du, wie ich mir die Insel vorstelle? Karg. Grau. Eine Wüste. Eine Welt ohne Liebe.«

»Lass das, Tammo. Hör auf.« Meine Stimme klingt ganz hoch und piepsig. »Niemand bleibt morgen übrig.«

»Hast du in Geschichte nicht aufgepasst?«

Habe ich.

»Vor bald tausend Jahren haben der Gott und die Göttin das Tor zwischen Amlon und Nurnen geöffnet …«, lege ich los, doch Tammo unterbricht mich:

»Genau. Seit tausend Jahren bleiben Menschen übrig – und inzwischen passiert es regelmäßig. Die Zahl der Unvollständigen steigt und steigt. Letztes Jahr mussten schon fünfzehn nach Xerax gehen. Fünfzehn!«

»Und du hast in Religion nicht aufgepasst«, schieße ich zurück. »Es trifft diejenigen, die an den Göttern zweifeln und deren Glaube nicht stark genug ist. Der Gott und die Göttin wollen, dass wir glücklich sind, Tammo. Solange wir an sie glauben, kann uns nichts passieren.« Ich hole tief Luft. »Egal was dein Vater dir eingeredet hat: Die Götter lieben dich. Der Gedanke, dass du übrig bleibst, ist lächerlich.« Spontan drücke ich ihm die Muschel in die Hand und schließe seine Finger darum. »Der dir Bestimmte kommt. Für Jasemin gilt das genauso. Und für mich. Keiner von uns geht nach Xerax. Klar?«

Tammo nimmt mich fest in die Arme. »Klar. Und egal, wie sehr wir unsere Spiegelseelen lieben, wir bleiben Freunde«, flüstert er. »Allerbeste Freunde. Auch klar?«

Ich schlucke an dem Kloß in meiner Kehle. »Sonnenklar«, krächze ich.

»So. Und jetzt kümmern wir uns um deine Frisur.« Tammo zieht mich an den Parkplätzen für die Sonnenkraftmobile vorbei und weiter zu den Rondells, in denen die berittenen Gäste ihre Pferde unterbringen. Seine Schritte federn, Cocktailgang nennen wir das, obwohl Tammo gar keine Cocktails mag. Da kann ich auch Obstsalat essen, meint er immer. Aber ich schätze, er hat während des Turniers irgendwas getrunken oder inhaliert, so frech, wie er nun eine Muschelkette aus den Zöpfen von Toras Rappen zieht.

»Tammo, du kannst nicht …«

»An dem armen Tier hängen genug Klunkern, das bricht doch fast zusammen.« Er tätschelt dem Pferd den Hals und zeigt mir die Kette. Muscheln wie diese habe ich noch nie gesehen. Sie sind makellos, ganz anders als die Muscheln meiner Sammlung, und sie glühen in einem tiefen, fast schwarzen Rot. Mit ihren drei Zacken erinnern sie an halbe Sterne. Wunderschön. Und … gefährlich.

»Still halten.« Tammo stellt irgendetwas mit meinen Haaren an. Dann drückt er mir einen Kuss auf die Wange. »Jetzt passt die Frisur wieder zum Rest. Bereit?«

Ich taste nach meinem Haar. Fühlt sich gut an. Lächelnd schiebe ich meine Hand in seine. »Bereit.«

Das Palasttor ähnelt dem Eingang zu einer Grotte. Auch dahinter bleibt der Eindruck bestehen – schummriges Licht, geheimnisvolle Schatten, angestrahlt werden nur die Skulpturen und Bilder an den Wänden: Pferde mit wallender Mähne, eng umschlungene Liebespaare, Tiger in majestätischer Pose … Kunstwerke der Solitäre, die heute ihren Abschied feiern. Tammos Bild – ein schwarzes Schiff, das in einer Neumondnacht in einem lichtlosen Hafen ankert – wurde abgelehnt; die Malerei ist nicht sein größtes Talent. Dagegen hängt mein Bild – nackte Frau galoppiert auf weißem Hengst durch die Brandung – im Zentrum, womit ich auch gerechnet habe.

»Ziemlich gut«, findet Tammo.

Ich zucke die Schultern. »Angucken, schön finden, vergessen.«

Er runzelt die Stirn. »Es ist ein tolles Bild, Mariel.«

Jaja, fabelhaft. Nach Amlons künstlerischen Maßstäben. Zum Glück weiß niemand von meinen richtigen Bildern – den Bildern unter der losen Diele in meinem Zimmer. Man würde mich für verrückt erklären.

Weiter geht es in die große Halle. Der Name ist etwas ungenau, der Kameliensaal im Kellergewölbe ist deutlich größer, aber an den will ich noch nicht denken. Der Lärm nimmt mir den Atem. Die Musik dröhnt, die Bässe vibrieren in meiner Brust, im Bauch und in jedem Knochen meines Körpers. Die Silhouetten der Tanzenden zucken im flackernden Licht. Weiter hinten drängen sich die Gäste um das Buffet. Jasemin hält ihr Glas unter einen Springbrunnen, aus dem ein feuerrotes Getränk sprudelt. Sasched bedient sich an einer mit Früchten bestückten Pagode, die fast bis zur Decke ragt. Der Duft von gegrilltem Fisch, Knoblauchgarnelen und Orangenkuchen zieht mir in die Nase. Alles funkelt und glüht, sämtliche Gegenstände scheinen vergoldet zu sein, einschließlich des Fischs und der Zykler, in denen unverzüglich jedes Müllfitzelchen landet und in kostbaren Kompost verwandelt wird.

Tammo will tanzen, also trennen wir uns. Ich winke Jasemin und Sasched zu, plaudere mit Tammos alter Liebe Yelin und schlendere in den Innenhof, wo sich weitere Gäste in den Pools tummeln. Gitarrenmusik perlt durch die Nacht. Unter einem Baldachin mache ich es mir auf einem Kissenlager bequem und beschließe, dass ich den Abschied doch mag. Von meinem Platz aus kann ich ein tiefer gelegenes Areal einsehen, wo mehrere Leute den Sieger des Turniers beglückwünschen. Mervis. Wer auch sonst? Ich muss mich zwingen, ihn nicht anzustarren. Im Bogenschießen war er der König unserer Schule, was neben seinem Aussehen entscheidend dazu beitrug, dass er jederzeit ein Dutzend Verehrerinnen an jedem Finger hängen hatte. Gut, dass ich ihn mir nach unserem ersten Purpurfest endgültig abgeschminkt habe. Ich war sechzehn, das Alter, in dem wir das erste Mal ein Purpurfest besuchen dürfen, und obwohl ich vor Angst fast starb, wollte ich unbedingt hingehen, weil ich wusste, dass Mervis da sein würde. Er war der Erste, der mir im Dämmerlicht des Purpursaals über den Weg lief, was mindestens ein Wink der Götter sein musste. Also nahm ich meinen ganzen Mut zusammen und zwitscherte: »Erinnerst du dich an das Silberkehlchen?«

»Äh … kennen wir uns?«, fragte er.

»Ich arbeite daran«, seufzte ich, forderte ihn zum Tanzen auf und schaffte es sogar, ihm kein einziges Mal auf die Füße zu treten. Nach dem Tanz meinte er trotzdem sofort: »Oh, dahinten sind meine Freunde, da muss ich mal kurz …« Wahnsinnig originell. Wenig später verschwand er mit einem Mädchen in einem Purpurzimmer. Ich tat so, als mache mir das nichts aus. Doch es schmerzte. Und es nahm mir ziemlich den Wind aus den Segeln. Einen anderen Jungen auffordern? Die Leckereien, die in einem Nebenraum auf uns warteten, schienen mir verlockender. Als meine Eltern mich am nächsten Morgen nach meiner ersten Erfahrung fragten, berichtete ich von dem höchst interessanten Buffet: Austern in Petersilienbutter, Sellerie-Chili, Schokoladen-Vanille-Suppe …

Meine Mutter lächelte gezwungen. »Diese Gerichte sollen euch stimulieren, Mariel.«

Ich sei ihr regelrecht unheimlich, fügte sie nach meinem zweiten Purpurfest hinzu: ein junges Mädchen, das lieber aß, statt Erfahrungen zu sammeln. Sie bot mir an, gemeinsam mit ihr einen Plan zu entwickeln, der mich um ein paar Pfunde erleichtern würde. Warum? Ich fand meine Figur ganz in Ordnung. Meistens jedenfalls. Doch sie hörte mir gar nicht zu, richtig nett würde ich dann aussehen, mit meinen braungrünen Augen, dem braunen Haar und diesen waaahnsinnig langen Wimpern, die meinen Blick so geheimnisvoll umschleierten; nur anlächeln müsste ich die Jungen, der Rest würde sich schon finden. Also lebte ich eine Zeit lang von Obst- und Gemüsescheibchen, die meine Mutter für mich zurechtschnitzelte. Alles nach Plan. Zumindest, bis ich nachts in die Küche pirschte, um dort Pralinenorgien zu feiern.

»Ich glaube, Pläne sind nichts für mich«, gestand ich ihr. »Aber das mit dem Lächeln kann ich gerne versuchen.«

Und so lächelte ich bei meinem nächsten Purpurfest, bis ich Lippenkrämpfe bekam. Angesprochen wurde ich trotzdem nicht. Sprach ich meinerseits jemanden an, war spätestens nach zwei Tänzen Schluss. Während die Paare in den Purpurzimmern verschwanden, sann ich darüber nach, ob ich noch weitere Jungen auffordern sollte, schließlich hatten auch andere Mädchen nicht beim ersten, zweiten, fünften Mal Glück. Nur – wozu? Um zu tanzen? Mich von Mervis abzulenken? Doch in einem Purpurzimmer zu landen – den Edelstein zu schleifen?

Und wenn ich einfach der Edelstein blieb, der ich war, mit allen Ecken und Kanten?

Ein Junge beobachtete mich, ich kannte ihn aus der Schule, keine Schönheit wie Mervis, er hatte ein kleines, aber klares Gesicht und sein Lächeln schien sich darin wohlzufühlen. Als ich ihm verlegen zunickte, schlenderte er zu mir herüber. »Du hast eine tolle Haltung.«

»Was?«

»Deine Haltung. So aufrecht. Bestimmt tanzt du richtig gut.«

Sofort sackten meine Schultern nach vorn. Ich rang nach Worten. Er wartete.

»Nein, ich, äh, ich bin eine miserable Tänzerin«, stammelte ich.

»Ich könnte es dir beibringen.«

Wollte ich? Und – wollte er? Oder hatte er beschlossen, einfach irgendein Mädchen aufzufordern, bevor er leer ausging?

»Ich … ich … nein. Vielen Dank. Ich möchte nicht tanzen«, murmelte ich.

Er lächelte weiter, doch dieses Lächeln fühlte sich nicht mehr wohl. »Na, dann noch viel Spaß hier.« Mit steifem Rücken ging er davon. Mein Gesicht stand in Flammen. Wenig später verließ ich die Party.

Nach diesem Purpurfest weigerte ich mich, auch noch das nächste zu besuchen. Ich wusste ja, in wen ich mich schließlich verlieben würde, anders als die anderen kannte ich ihn aus meinen Träumen.

»Und wie willst du dann Erfahrungen sammeln?«, fragte meine Mutter.

»Gar nicht«, erwiderte ich ruhig.

Mein Vater hielt sich raus, meine Mutter gab mit Tränen in den Augen nach. Eine Tochter mit üppigem Liebesleben und weniger üppiger Taille hätte sie sehr erleichtert, aber man kriegt eben nicht immer, was man will. Sie selbst ist natürlich mit einer Traumfigur gesegnet, wie fast alle Seelenpartner. Ich komme eher nach meinem Vater: dunkles Haar, rundliche Statur, die Tammo wohl als kurvig bezeichnen würde, weil er nun einmal Tammo und mein bester Freund ist. Meine Schwester Asta dagegen ist eine jüngere Ausgabe meiner Mutter und entspricht ganz dem Schönheitsideal von Amlon: eine Figur wie eine Elfe, Haare wie Honig, ein Teint wie Karamell, zum Reinbeißen. Noch dazu ist sie ein Ass im Muscheltauchen, während mir schon beim Gedanken, den Kopf unter Wasser zu tunken, schwindelig wird. Umgekehrt würde Asta nie in der Bibliothek herumhängen oder stundenlang mit dem fünfjährigen Mondo von nebenan Bilder malen und ihm dabei selbst erfundene Geschichten erzählen. Vor ihrem Abschied hatte sie etliche Liebhaber und sicher keinen Bauchschmerz beim Gedanken an das Kamelienritual.

Prompt wandert mein Blick zur Stirnseite des Innenhofs und zu dem wie eine Kamelie geformten Tor.

Eigentlich ist nicht der Abschied mein Problem. Es ist das verdammte Kamelienritual. Alle werden sehen, dass ich anders bin. Kein geschliffener Diamant. Wie muss das für meine Eltern sein? Werden sie sich schämen, während um sie herum lauter stolze Mütter und Väter sitzen?

Bei dem Gedanken zieht sich mein Herz zusammen. Warum kann ich für sie keine Tochter wie Asta sein, ein Diamant, der leuchtet und strahlt?

Asta kommt auf mich zugetänzelt, ihr Fruchtcocktail ist über und über mit Melone und Ananas garniert. »Da bist du ja. Und – hui! Du hast eine andere Frisur.« Sie setzt sich neben mich. »Wie hast du das so schnell hingekriegt?«

»Öhm …«

Mit Kennermiene mustert sie die Kette in meinem Haar; der Schmuck, den sie in ihrer Werkstatt herstellt, ist in ganz Amlon berühmt. »Solche Muscheln habe ich noch nie gesehen.«

»Ähm …«

»Willst du nicht doch bei mir in die Lehre gehen?«, lächelt sie. »Warum musst du das mit dem Dienst unbedingt durchziehen?«

Der Dienst war in den letzten Monaten das Thema in unserer Familie. Geld verdienen muss natürlich keiner, in Amlon ist für alle gesorgt. Die meisten Menschen wollen ihre Persönlichkeit trotzdem in einem Beruf entfalten, sei es als Heiler oder Handwerker, als Architekt, Biologe – oder Künstler.

»Ich denke, der Dienst ist erst mal das Beste«, murmele ich.

»Die Götter haben dir ein Talent geschenkt, Mariel. Das darfst du nicht einfach verschleudern.«

»Bilder von Pferden mit Wallemähne sind nicht gerade eine Lebensaufgabe.«

»Und der Dienst schon? Du bist verrückt«, lässt meine Schwester mich wissen.

Weißt du, was du richtig verrückt fändest, Asta? Die Bilder unter der Bodendiele. Und für vollends wahnsinnig würdest du mich halten, wenn du wüsstest, dass ich die Mutanten, wie du sie nennst, sogar sammle: Sie inspirieren mich zu diesen Bildern.

Die Muscheln, die Bilder – und meine Träume. Sie sind mein drittes Geheimnis. Manchmal denke ich, ich bin überhaupt die Einzige, die sich an ihre Träume erinnert und nichts dagegen unternimmt. Träume gelten, genau wie beängstigende Erinnerungen, als gefährlich und werden mit einem Heilrauch behandelt: dem Atem der Götter. Doch ich will meine Träume behalten. Ohne sie und meine Muscheln blieben mir wirklich nur nackte Frauen auf weißen Pferden.

Anneus setzt sich zu uns, was Asta glücklicherweise von meiner beruflichen Zukunft ablenkt. Seine strahlend blauen Augen mustern mich. »Wie fühlst du dich?«

»Fantastisch«, versichere ich. Er schaut mich weiter fragend an. »Mir ist schlecht«, bekenne ich dann.

»Völlig normal.« Asta streichelt meine Hand. »Vor meinem Tag der Verbindung habe ich praktisch durchgehend gekotzt. Ach, Mariel, es wird wunderbar. In den ersten Wochen lädt man euch überallhin ein, man wird Feste zu euren Ehren feiern, Konzerte geben, alle wollen euch kennenlernen, ihr bekommt ein eigenes Haus …« Ihre Augen glitzern. »Wie er wohl aussieht?«

Ist es nicht wichtiger, dass wir einander lieben? Asta scheint nicht zu bemerken, dass ich zusammenzucke – oder sie ignoriert es, damit nicht gleich wieder etwas zwischen uns steht.

»Und was er wohl kann? Wenn er auch malt, eröffnet ihr eine Kunstschule, ja?« Hoffnungsvoll blinzelt sie mich an.

»Im letzten Jahr waren ein paar richtig gute Künstler unter den Bestimmten«, meint Anneus.

»Und im Jahr davor ein toller Politiker.« Asta beugt sich vor und küsst ihn auf den Mund.

Das ist auch eines der Wunder, die die Götter bewirken: Ohne Erinnerung an Nurnen treffen die Bestimmten in Amlon ein – und stecken doch voller Begabungen und tiefer Gefühle.

»Mariel liebäugelt übrigens noch immer mit dem Dienst«, klärt meine Schwester ihren Bestimmten auf.

»Welcher Dienst genau?«, fragt mich Anneus. »Auf den Plantagen arbeiten? Aufräumen nach den großen Stürmen? Ein Pflegedienst?«

»Ich könnte mich um die Kinder kümmern.«

Anneus überlegt. »Kinderbetreuung, da haben wir in der letzten Parlamentssitzung auf fünfzehn Wochenstunden aufgestockt. Bei der Müllsortierung kommst du billiger weg, da musst du nur fünf Stunden arbeiten.«

»Müll sortieren, iiih.« Asta schüttelt sich.

Anneus runzelt die Stirn. »Sie muss nur die Sortiermaschine bedienen, das ist weder anstrengend noch iiih.«

Aber öde. Da bändige ich lieber ein paar Stunden am Tag eine Horde Vierjähriger.

Asta beugt sich vor und berührt die Kette in meinem Haar. »Das sind wirklich außergewöhnlich schöne Muscheln. Aber warte erst, wenn du morgen das Haus der Wandlung verlässt – dein Seelenpartner wird umfallen, wenn er dich sieht. Nach der Schönheitskur dort fällt der eine oder andere Makel gar nicht mehr auf. Natürlich wäre es toll, wenn du bis dahin die Schokolade weglässt … Ach, mach dir keine Sorgen, auch nicht wegen deines Teints, das kriegen die alles in den Griff.« Sie tätschelt meine linke Schulter und mir wird noch mulmiger zumute.

Danke, Schwesterherz, und falls ich bisher keine Probleme mit meinem Aussehen gehabt hätte, hätte ich sie spätestens jetzt.

»Was wollt ihr eigentlich alle?«, frage ich leise. »Wollt ihr mich oder eine Elfe mit Puppengesicht?« Trotzdem kann ich nicht anders – wie Asta so dasitzt und mich anstrahlt, muss ich einfach lächeln. Zumindest bis mein Blick zurück zum Kamelientor huscht.

Anneus beugt sich zu mir. »Du machst dir immer noch Sorgen.«

Einfühlsame Männer können ganz schön anstrengend sein.

»Öhm, ja«, stammele ich – und platze heraus: »Was, wenn Tammo morgen übrig bleibt?«

Asta hebt die Augenbrauen. »Das ist doch Blödsinn, Mariel. Du weißt, dass allein sein Glaube an den Gott und die Göttin darüber entscheidet. Und ich kenne niemanden mit tiefer verwurzeltem Glauben als Tammo.«

»Und wenn es trotzdem passiert?« Jetzt klinge ich schon wie er. »Wenn sein Glaube zu schwach ist? Vielleicht hat er nicht genug gebetet, vielleicht …«

Asta stupst mich in die Seite. »Es geht nicht ums Beten. Denk an den alten Zerbatt. Hast du den je in einem Tempel gesehen? Und sogar der hat eine Seelenpartnerin abbekommen. Schade eigentlich. Ich hätte nichts dagegen gehabt, wenn sie ihn nach Xerax verfrachtet hätten.«

Trotz allem muss ich kichern. Zerbatt wohnt in unserer Straße und beschwert sich mindestens fünfmal täglich über die Futterstelle für die Papageien in unserem Garten, weil die Vögel im Landeanflug sein Sonnenmobil vollkacken.

»Tammo bleibt nicht übrig.« Asta drückt meine Hand. »Er muss morgen einfach er selbst sein. Genau wie du.«

Und da ist er, der Schatten von Sorge in ihrem Blick. Ich beruhige mich damit, dass mein Seelenpartner ganz sicher kommt, so oft, wie ich schon von ihm geträumt habe. Nur darf Asta von diesen Träumen nichts wissen, sie müssen mein Geheimnis bleiben.

Sei einfach du selbst, so lautet übrigens auch der Rat meiner Mutter. Doch was sie wohl eigentlich meint ist: Lass die Schokolade, Schatz, lass das Lesen, geh in die Wälder, spring ins Meer, tauche tief, schwimm zum nächsten Purpurfest, such das Abenteuer, sammle Erfahrungen, schleife den Edelstein, du bist nur einmal jung … Das Verrückte ist, dass sie mit Ratschlägen für eine geglückte Jugend um sich wirft, selbst aber nichts mehr über ihre Zeit als junges Mädchen weiß. Sicher hat sie es schon damals geliebt, Menschen um sich zu versammeln. In Amlon hat sie daraus einen Beruf gemacht: Turniere im Bogenschießen, Picknicks am Strand, es gibt nichts, was sie nicht organisiert.

»Wir fangen heute Abend mit der Party an, um Mitternacht ist Feuerwerk und wer will, kommt bei Sonnenaufgang mit zum Silberberg, beeil dich mit dem Frühstück«, habe ich sie unzählige Male auf unserer Veranda meinem Vater zurufen hören, »du musst noch Mangotörtchen für das Ponyreitfest backen, deine sind einfach die besten, und du«, wandte sie sich an mich, während ich wahrscheinlich in einer Hängematte las, am Frühstückstisch ein Geschichtsreferat vorbereitete oder in einer verborgenen Ecke heimlich eine Skizze anfertigte, »kannst ein paar Muschelgirlanden basteln. Oder hast du Lust, den Kletterwettbewerb zu organisieren? Es haben sich so nette junge Männer angemeldet.«

»Mama«, stöhnte ich.

Mein Vater zwinkerte mir zu und brummte in Richtung meiner Mutter: »Du machst deine Sachen, lass Mariel ihre machen.« Dann gab er ihr einen Kuss. Kein Zweifel: Sie ist die Frau, die sein ruhiges Naturell perfekt ergänzt und die er sich genau so gewünscht hat.

Wenn es um unsere Seelenpartner geht, haben wir wohl alle unsere Vorstellungen. Asta wollte einen Mann, der sich auf Küsse ohne nennenswerte Atempausen versteht und gern Parfum benutzt, dazu einfühlsames Zuhören und ein Händchen für Kinder. In wenigen Wochen kommt ihr erstes Baby. Ich freue mich riesig auf den Familienzuwachs und meine Eltern können ihren ersten Enkel sowieso kaum erwarten. Sie zanken sich schon jetzt, wer das Kleine wickeln darf, wenn sie es mal hüten müssen. »Setzen wir auf Zwillinge«, murmelt Asta in solchen Situationen nur.

Was mich betrifft: Ich hoffe auf einen Mann, der auf keinen Fall so schüchtern ist wie ich. Dazu kinderlieb wie Anneus; ich wünsche mir Gespräche, die in die Tiefe gehen, dass er mich versteht, leidenschaftlich ist … Wer weiß, vielleicht lerne ich an seiner Seite sogar das Muscheltauchen.

Man könnte ja meinen, dass sich alle so einen Partner wünschen, außer vielleicht diejenigen, die schon tauchen können, aber Sanja von nebenan will einen Mann, der Pferde liebt und mindestens fünf Jahre älter ist als sie, dazu Haare auf der Brust, Oberlippenbärtchen und saubere Fingernägel. Gut, gegen letztere habe ich auch nichts, mich wundert es nur, wie genau die meisten über das Aussehen ihrer Spiegelseelen Bescheid wissen, obwohl sie diese ja nicht einmal aus ihren Träumen kennen.

Sanja kann es jedenfalls kaum erwarten, ihren Pferdemann zu treffen, und rudert oft nach Merilon. Dort, auf der Pferdeinsel, sucht sie sich schon mal einen Schimmelhengst aus, den ihr Liebster dann für sie trainieren darf. Bis es so weit ist, schläft sie mit Yelin, der auch seine Wünsche hat: Er will eine Rothaarige mit schneeweißer Haut, die zwar schlau ist, aber nicht so schlau wie er. Das hat er mir während einer Übung im Empathieunterricht anvertraut. Tammo dagegen möchte einen blonden Mann mit dunklen Augen; Yelin, mit dem er ein paar Monate zusammen war, bevor der zu Sanja wechselte, hat immerhin braune Augen, ist aber nicht blond. Doch was Tammo aus meiner Sicht vor allem braucht, ist ein Mann, mit dem er über seine Vergangenheit sprechen kann.

Als hätten meine Gedanken ihn herbeigerufen, gesellt sich Tammo zu uns, in der einen Hand einen Cocktail für mich, in der anderen einen bunten Mischmasch für sich selbst.

Anneus berichtet von der letzten Debatte im Parlament: Soll man der Grundversorgung ein paar weitere Posten hinzufügen?

»Wir haben doch alles«, meint Tammo.

»Jeder Bürger Amlons könnte neben einem Sonnenmobil auch ein eigenes Sonnenboot bekommen.«

Mir fällt ein Satz ein, den ich heute in Die ersten Tage von Amlon gelesen habe: »Der Besitz ersetzte ihnen die Liebe.«

Anneus runzelt die Stirn. »Wie bitte?«

»Das war in den alten Zeiten. Als die ersten Siedler die Außenwelt verlassen haben und dem Ruf der Götter übers Meer gefolgt sind. Das wisst ihr doch alles. Sie kamen in Amlon an, das heißt erst mal auf Xerax, und nach den ersten paar Hundert Jahren lief es überhaupt nicht mehr gut.« Ich krame in meinem Gedächtnis. »Keine Grundversorgung. Arbeiten und Geld verdienen, das war für die meisten Menschen der Mittelpunkt, dem sie alles unterordneten. Und außerdem lebten sie in richtig schwierigen Verbindungen. Oder schlimmer.«

Anneus hebt fragend eine Augenbraue.

»Sie lebten allein. Und erst als die Götter am Ende des Ersten Zeitalters das Tor zwischen Amlon und Nurnen öffneten, waren Geld und Besitz nicht mehr so wichtig«, schließe ich.

»Die Götter schenken uns immer, was wir brauchen«, stimmt Anneus zu.

»Schenken sie uns auch genug Leute, die Lust haben, die Sonnenboote zu bauen, die ihr so großzügig verteilen wollt?«, erkundigt sich Tammo freundlich.

»Keine Sorge«, lacht Anneus und wiederholt: »Die Götter schenken uns immer, was wir brauchen. Denk an die Kraft der Sonne, unser fruchtbares Land, die Bodenschätze oder die Urtinktur, die jeden Müll in Kompost verwandelt. Wichtig ist allein, dass wir sorgsam mit den Geschenken der Götter umgehen – und manchen Ideen einen Riegel vorschieben.«

Er erzählt von einer Gruppe, die ein neues Kommunikationskonzept entwickeln will. Irgendwas mit Metalldrähten.

»Miteinander reden, ohne dass man dem anderen begegnet?« Tammo prustet los.

»Immerhin könnten diese Leute die Wahlbeteiligung aufmöbeln. Zwanzig Prozent zuletzt.« Anneus seufzt. »Wer alles hat, wird politisch träge. Demokratie braucht Opposition! Da wünscht man sich fast jemanden, der das ganze System anzweifelt …«

Asta legt die Hände wie einen Schild auf ihren Bauch, als müsse sie ihr Kind schützen, und wirft ihrem Mann einen strengen Blick zu.

»Frag auf Xerax an, da wirst du sicher fündig«, murmelt Tammo.

Es wird ganz still.

Asta räuspert sich und tippt auf Tammos Hand, die mit der orangeroten Muschel spielt. »Darf ich mal?«

Er reicht ihr die Muschel.

Mit dem, was sie sieht, hat sie wohl nicht gerechnet.

»Liebe Götter, ist die hässlich.« Damit wirft sie die Muschel in den Zykler neben unserem Kissenlager.

»He, spinnst du?«, brause ich auf. »Das war ein Geschenk für Tammo!«

»Lass nur.« Er legt seine Hand auf meine. »Schwangere sind so. Du findest eine bessere Muschel.«

Anneus bringt uns neue Getränke, was die Gemüter besänftigt. Asta entschuldigt sich und lässt mich das Baby fühlen, das meiner Hand einen Stups versetzt. Dann verstummt die Musik. Ein Gong ertönt.

Ich erstarre. »Ist denn schon Mitternacht?«

Von überall strömen Menschen in den Innenhof. Wer noch nicht steht, erhebt sich. Meine Knie zittern wie Austerngelee.

»Kopf hoch, Brust raus«, flüstert Asta – und nimmt mich in die Arme. »Es ist nur ein Ritual. Nur das letzte Hindernis.«

Das letzte Hindernis. Ich straffe die Schultern und hebe das Kinn. An Tammos Seite gehe ich auf das Kamelientor zu, das sich wie von Zauberhand öffnet. Asta und Anneus sind irgendwo hinter uns. Als wir die breite Treppe hinuntersteigen, schaue ich mich kurz nach ihnen um. Sie winken uns zu, dann wenden sie sich nach links in Richtung Zuschauerränge. Auch meine Eltern müssen dort irgendwo sein, was diesen Gang noch schwerer macht. Aber kein Angehöriger lässt sich das Kamelienritual entgehen.

Außer natürlich Tammos Vater.

Die Treppe führt uns in eine kreisförmige Arena. An den Wänden glühen rote Lichtampeln, der Marmorboden schimmert schwarz. In der Mitte öffnet sich eine Grube, um deren Rand sich Berge von schwarzen Kamelien türmen.

Während sich die Zuschauer ihre Plätze suchen, stellen wir Solitäre uns am Rand der Arena auf. Wie viele wir sind? Sicher ein paar Hundert. Alle Achtzehnjährigen von allen zweiundfünfzig Inseln Amlons, bereit, das Kamelienritual zu vollziehen. Mit einer Ausnahme. Sie heißt Mariel und würde liebend gern verzichten.

Jasemin drückt sich an Sasched und umklammert seine Hand so fest, als wollte sie ihm die Finger brechen. Ihre Haarflut wirkt leicht derangiert, vermutlich kommen sie gerade aus einem Purpurzimmer, wo sie sich ein letztes Mal geliebt haben. Jasemin weint nicht, aber ihr Kinn zittert so heftig, dass ich es gern festhalten würde. Nur wenige sind so ergriffen – der Sinn aller Liebesgeschichten, die der großen Liebesgeschichte vorausgehen, ist ja, dass wir die Höhen, aber vor allem die Tiefen gewöhnlicher Verbindungen kennenlernen: Aus Verliebtheit wird Vertrautheit wird Gewohnheit wird Langeweile …

Das habe ich mir zumindest sagen lassen.

Mein Blick fällt auf Tora. Lässig lehnt sie an der Wand. Mit den buschigen Augenbrauen, dem roten Stoppelhaar und ihrem in einem kleinen Lächeln nach oben gebogenen Mund sieht sie auf eigenwillige Weise gut aus.

»Die räumt garantiert ab«, flüstere ich Tammo zu.

Er drückt meine Schulter. »Das heißt nicht, dass sie liebenswerter ist als du.«

»Ich kann nicht!«, ruft Jasemin schrill und wirft sich Sasched an die Brust. »Geh mit mir fort, lass uns fliehen, lass uns …«

Die Zuschauer beugen sich vor. Sasched errötet bis unter die Haarwurzeln, legt hastig die Arme um Jasemin und raunt ihr etwas zu.

»Ich brauche keinen Seelenpartner«, heult sie, »ich will nur dich …« Schluchzend bricht sie in seinen Armen zusammen.

»Liebe Götter«, murmelt Tammo.

Der Gong ertönt zum zweiten Mal. Hier unten dröhnt er so laut, dass mir fast die Ohren wegfliegen. Die Zuschauer erheben sich. Obwohl die Angst wie ein Sturm in mir wühlt, stehe ich ganz still.

Der dritte Gongschlag erschallt.

»Volk von Amlon. Solitäre.« Die Stimme des Zeremonienmeisters wird von den Wänden zurückgeworfen. Das Publikum bricht in Jubel aus. Nach einer Weile hebt der Meister die Hand und Stille tritt ein. »Willkommen beim Kamelienritual.«

In stummem Protest verschränke ich die Arme vor der Brust. Ich will diesen Mist nicht mitmachen.

Aber ich muss.

Das Ritual folgt festen Regeln, nur die einführenden Worte denkt sich der Zeremonienmeister jedes Jahr neu aus. »Seit nahezu tausend Jahren feiern wir das Kamelienritual«, beginnt er heute. »Diesmal möchte ich an unsere Vorfahren erinnern, die aus einem Kriegsgebiet kamen: der Außenwelt. Menschen fügten anderen Menschen unsägliches Leid zu – wie auch der Natur. Orkane, Überflutungen, Dürrekatastrophen, das Elend war unvorstellbar. Und doch verließen nur wenige die Außenwelt, als die Götter sie riefen; nur wenige reisten über das Meer und wollten eine neue und bessere Welt aufbauen: die Welt, in der wir heute leben.«

Noch schöner fände ich diese Welt ohne Kamelienritual.

»Unsere Vorfahren kehrten dem Alten den Rücken. Sie wussten nicht, was kommen würde, doch sie vertrauten den Göttern. Damit sollen sie unseren Solitären ein Vorbild sein, die heute ihre Vergangenheit hinter sich lassen.«

Wie mag sie inzwischen aussehen, diese Außenwelt? Nach so langer Zeit gibt es dort vielleicht gar keine Kriege mehr, sonst würden doch weiterhin Flüchtlinge ankommen. Im Epilog von Die ersten Tage von Amlon steht, dass möglicherweise noch immer Menschen den weiten Weg übers Meer ins Unbekannte wagen, dass aber keiner die Reise überlebt hat. Jedenfalls ist seit jenen ersten Tagen niemand mehr aus der Außenwelt eingetroffen.

»Solitäre. Seid ihr bereit, das Ritual zu vollziehen?«, schmettert der Meister.

Mein Nein versinkt in einem Ja aus vielen Hundert Kehlen.

»Dann möge das Ritual beginnen.«

Niemand rührt sich.

Hoppla. Bin ich etwa nicht die Einzige ohne Erfahrung?

Der erste Solitär bewegt sich. Schwarzer Zopf, üppig eingeölt und kunstvoll geflochten. Mit vorgewölbter Brust schreitet er in Richtung Grube und hebt eine Kamelie auf. Zackig kehrt er um und stolziert die Reihe der Solitäre ab. Vor einem aschblonden Mädchen bleibt er stehen. In ihrem über und über mit Muscheln bestickten Kleid sieht sie wunderschön aus. Doch was mir vor allem gefällt, ist der kleine Höcker auf ihrer Nase, den außer mir vermutlich niemand bemerkt. Er stört die Harmonie ihrer ebenmäßigen Züge und ist zugleich das, was ihr Gesicht für mich unverwechselbar macht. Der Ölzopf überreicht ihr die Kamelie, zum Zeichen, dass ihre Körper und Seelen miteinander verbunden waren und sie eine Erfahrung geteilt haben. So kurz, wie der vorgeschriebene Abschiedskuss ausfällt, kann ich nur vermuten, dass sich die beiden entweder schon vor Monaten getrennt haben oder es ohnehin nur eine Purpurfestverbindung war; die dauern selten länger als eine Nacht.

Was mich betrifft, so habe ich es nicht einmal bis zu einem Kuss gebracht, abgesehen von einem Erlebnis vor etwa elf Jahren, als Tammo mir erklärte, was es mit dem Küssen auf sich hat:

»Man steckt sich gegenseitig die Zunge in den Mund.«

»Die Zunge?«

»Hab ich bei meinen Eltern gesehen. Das geht so.« Er presste seine Lippen auf meine.

Ich quetschte einen Entsetzenslaut hervor, woraufhin er mir vor Schreck in die Lippe biss.

Erst Wochen später konnten wir wieder unbefangen miteinander umgehen. Irgendwann merkte Tammo dann ohnehin, dass er lieber Jungen küsst.

Das Mädchen im Muschelkleid überreicht dem Ölzopf seinerseits eine Kamelie, die Ruhe im Saal ist dahin, das Publikum feuert uns an: »Komm schon, Silva, hast du das Wochenende mit Menelas vergessen?«

»Oliva und Cocca? Ich fass es nicht.«

»Und? Habe ich gewusst, dass Wolgas etwas mit Jenni hatte, oder hab ich’s nicht gewusst?«

Mervis hält schon dreißig Kamelien im Arm, vorsichtig geschätzt. Übertrumpft wird er nur von Tora. Ihr Gesicht ist hinter dem Strauß kaum noch zu sehen, was ich durchaus begrüße. Ich mag sie nicht, fürchte mich sogar vor ihr – und muss dennoch immer wieder zu ihr hinüberlinsen. Das rote Stoppelhaar, ihre ruppige Art; sie ist anders als alle und das zeigt sie ganz unverblümt.

Jasemin liegt schluchzend in Sascheds Armen, beide mit nur einer einzigen Kamelie in der Hand. Und ich? Mehr und mehr Leute starren mich an. Es ist noch beschämender, als ich dachte. Offenbar bin ich wirklich die einzige kamelienfreie Achtzehnjährige im Saal. In der Zuschauermenge entdecke ich meine Mutter. Ich sehe, wie sie um ein Lächeln ringt. Macht nichts, Schatz, ich liebe dich trotzdem. Das glaube ich ihr sogar, aber ich lese auch die Sorge in ihrem Gesicht: Und wenn meine Tochter morgen übrig bleibt? Beruhigend lächele ich zu ihr hoch. Keine Angst, Mama. Er kommt. In meinen Träumen ist er schon da. Ein Bündel Kamelien würde sie trotzdem stolz machen. Sicher hat sie heimlich gehofft, ich hätte ihr meine Liebesabenteuer nur verschwiegen. Mariel, das stille Wasser.

Aber ich war immer ein offenes Buch.

Irgendwie schaffe ich es, die Augen von meiner Mutter zu lösen, und sehe, dass ein Solitär mich beobachtet. Schmales Gesicht, borkenbraunes, äußerst flüchtig gekämmtes Haar. Auch um seine Kleidung hat er sich keine großen Gedanken gemacht: ein gewöhnliches cremefarbenes Hemd und schwarze Hosen. Ich kenne ihn nicht, trotzdem habe ich das Gefühl, ihm schon begegnet zu sein. Neben den vielen sonnengebräunten und durchtrainierten Solitären, die sich im Saal tummeln, wirkt er so schmal und blass, als hätte er sein Leben vorzugsweise in geschlossenen Räumen verbracht. Und da fällt mir ein, wo ich ihn gesehen habe: in der Bibliothek, im letzten Sommer – oder war es im vorletzten? In verknoteter Haltung saß er zwischen den Abteilungen Romantik und Abenteuer an einem Pult und kritzelte ein Notenheft voll.

Er beobachtet mich weiter. Seine Augen stehen etwas schief, was mich eigenartig fasziniert. Er hält keine einzige Kamelie in der Hand. Genau wie ich.

Das Folgende ist eher ein Reflex als eine gut durchdachte Tat. Ich gehe zu der Grube, hebe eine Kamelie auf und mache mich auf den Weg. Eigentlich ist das, was ich tue, verboten. Wir kennen uns nicht einmal; es ist ein klarer Verstoß gegen die Regeln.

Ich bleibe vor ihm stehen und halte ihm die Kamelie hin. Seine Nase zuckt, als würde die Blume seltsam riechen. Oder ich.

»Ich kenne nicht mal deinen Namen«, meint er und jetzt zucken auch seine Mundwinkel. Ich glaube, er lächelt.

Obwohl mir das Herz bis zum Hals klopft, lege ich so viel Fröhlichkeit wie möglich in meine Stimme. »Mariel.«

»Hallo, Mariel.«

Ich warte auf seinen Namen.

»Wir waren nicht verbunden«, flüstert er.

»Ich weiß.« Und dann platze ich heraus: »Lass doch mal deine Fantasie spielen.«

Wieder huscht ein Lächeln über sein Gesicht. »Fantasie. Das ist interessant.« Er legt den Kopf schief. »Hilf mir auf die Sprünge. Wann haben wir uns kennengelernt?«

»Letzten Sommer.«

»Wo?«

»Purpurfest.« Ich merke, wie ich rot anlaufe. »Am Buffet. Du hast mich mit Chilisoße bespritzt.«

»Würde ich nie tun.«

»Also schön, ich habe dich mit Soße bekleckert und … äh …«

»Sehr fantasievoll.« Er lächelt immer noch. »Klingt romantisch.«

»Ja. Ich meine … nein. Es war überhaupt nicht romantisch. Wir haben noch in derselben Nacht gemerkt, dass wir nicht zueinanderpassen.«

»Das ist alles?«

Ich straffe die Schultern. »Ja.«

»Kann es sein, dass du den spannenden Teil weggelassen hast?«

»Romantische Geschichten sind nicht gerade meine Stärke«, hüstele ich.

Die Kamelie nimmt er trotzdem, wofür ich ihm dankbar bin. Er zwinkert. »Dann brauchst du jetzt auch eine, ja?«

»Äh, ja.«

»Küssen! Küssen!«, ruft jemand von den Zuschauerrängen.

Ach herrje. Der Abschiedskuss. Den hatte ich nicht einkalkuliert. Fragend sieht er mich an.

»Ich weiß nicht, wie man küsst«, murmele ich.

Er lächelt schon wieder. »Dann streng mal deine Fantasie an.«

Ich atme tief ein und beuge mich ihm entgegen. In seiner linken Iris schimmert ein winziger Silberfleck. Wie ein Splitter sieht er aus; der Perlmuttsplitter einer Muschel. Inzwischen spielt mein Herz ziemlich verrückt, ich wusste gar nicht, dass man seine Schläge in den Fingerspitzen und sogar im Mund spüren kann. Ich schließe die Augen und schürze die Lippen. Ist es so richtig? Nichts passiert. Gerade als ich vorsichtig gucken will, berührt etwas meinen Mund so sacht, als würde mich ein Schmetterlingsflügel streifen. Meine Lippen öffnen sich leicht, sie glühen, dann breitet sich Wärme überall in mir aus. Es ist wie in meiner Fantasie. Nein. Besser. Es ist unbeschreiblich.

Und da kommt sie: die Angst. Ich weiß nicht einmal, wovor. Ich öffne die Augen und weiche zurück.

»Fantasie hast du jedenfalls«, meint er ruhig.

Ich bringe keinen Ton heraus.

Er holt eine Kamelie und überreicht sie mir. Weil niemand im Publikum auf einem zweiten Abschiedskuss besteht, lässt er diese Kleinigkeit beiseite, was ich ein bisschen schade finde.

»Ich habe dich letzten Sommer in der Bibliothek gesehen«, murmele ich verlegen.

»Ich dachte, am Buffet?«

»Nein, ich meine, ich habe dich wirklich gesehen.«

»Du bist mir gar nicht aufgefallen.«

Also schön, dann eben nicht. »Ja, du warst bis über beide Ohren in deine Kompositionen vertieft oder was das war«, erwidere ich würdevoll. So freundlich ist sein Lächeln auch wieder nicht. Unter seinen Augen liegen dunkle Schatten, seine Haut ist zu blass und gut küssen können sicher viele.

Er guckt noch immer, lächelt noch immer sein seltsames Lächeln. »Ich heiße Sander.«

»Äh, ja, gut. Sander.«

Sein Lächeln wird eine Spur breiter. »Hast du morgen auch was Außerplanmäßiges vor?«

»Wie bitte?«

»Willst du die Regeln noch einmal brechen? Das fände ich ziemlich spannend.«

»Nein, ich fürchte, dafür fehlt es mir gerade an Fantasie.«

Ich bin völlig durcheinander – ausgerechnet ich als Regelbrecherin … Aber irgendwie ist es auch … aufregend.

»Schade. Also, bis morgen, Mariel.«

Als ich an meinen Platz zurückkehre, sind Tammos Augen groß wie Spiegeleier. »Du?!«

»Purpurfest«, antworte ich knapp und erröte.

»Davon hast du mir gar nichts erzählt«, meint er vorwurfsvoll.

Ich werfe einen schrägen Blick auf sein Kameliensträußchen. »Hast du mir alles anvertraut?«

Er grinst verlegen. »Ich wollte halt auch mal was ausprobieren. Übrigens kenne ich ihn. Sander, richtig? Er hat vor ein paar Jahren beim großen Konzert mitgespielt.«

Die jährlichen Musik-, Theater- und Vorlesefestivals, auf denen besonders talentierte Kinder und Jugendliche ihr Können präsentieren, sind in Amlon sehr beliebt, auch ich habe sie schon oft besucht und einmal sogar teilgenommen. Das Konzert, von dem Tammo spricht, muss ich allerdings verpasst haben.

»Er hat dort ganz schön für Aufruhr gesorgt«, fügt Tammo hinzu.

Ich horche auf. »Inwiefern?«

Doch er ist in Gedanken schon woanders. »War da nicht was mit seiner Mutter?« Er reibt sich die Stirn. »Yelin hat mir so was erzählt. Sie ist gestorben und angeblich hatte Sander irgendwas mit ihrem Tod zu tun …« Er bricht ab. Seine Lippen sehen blass aus. Auch ich muss an den Tod denken, mit dem er etwas zu tun hatte: den Tod seiner Schwester Nersil. Obwohl es ein Unfall war, fühlt sich Tammo offenbar noch immer schuldig, weil Nersil verunglückt ist.

Gibt es in Sanders Vergangenheit einen ähnlichen dunklen Fleck?

»Und was war mit dem Konzert, auf dem Sander gespielt hat?«, kehre ich behutsam zum Thema zurück.

Tammo blinzelt. »Er hat was Selbstkomponiertes vorgetragen. Ein Lied. Kein Ton hat zum anderen gepasst, keine Spur von Harmonie, nicht mal Text, nur diese unheimlichen Laute. Es war gruselig. Erst als jemand auf die Bühne gekommen ist und Sander was ins Ohr geflüstert hat, hat er aufgehört.« Tammo schüttelt den Kopf. »So was hab ich noch nie gehört. Niemand im Publikum hat so was je gehört. Das Lied war … anders.«

Meine Augen wandern zurück zu Sander und ich kann nicht anders: Ich muss lächeln.

Wieder dröhnt der Gong zum Zeichen, dass es weitergeht. Jasemin löst sich unter Tränen von Sasched. Wir stellen uns um die Grube auf. Viele tragen große Kameliensträuße in den Armen, eine einzelne Blume haben nur wenige vorzuweisen.

Zwei Männer und zwei Frauen, von Kopf bis Fuß in schwarze Gewänder gehüllt, nähern sich unserem Kreis. Sie tragen Fackeln, die ihre Gesichter unheimlich beleuchten. Wir machen ihnen Platz. Ohne uns eines Blickes zu würdigen, werfen sie ihre Fackeln in die Grube. Das Holz dort unten muss reichlich in Öl getränkt sein, die Feuerzungen schlagen sofort dramatisch empor.

»Solitäre«, wabert die Stimme des Zeremonienmeisters durch den Saal. »Die Zeit ist gekommen, euch von eurem alten Leben, euren alten Verbindungen zu verabschieden.«

Die ersten Kamelien fliegen in die Grube. Jubel und Pfiffe belohnen die Werfer. Auch Tammo übergibt sein Sträußchen dem Feuer. Meine Augen suchen den Kreis der Solitäre ab. Da drüben steht er. Sander. Noch hält er seine Kamelie in der Hand. Unsere Blicke treffen sich. Glaube ich jedenfalls. Erkennen kann ich es nicht, die Flammen tauchen sein Gesicht von unten in ein feuriges Glühen. Schatten zucken über seine Wangen. Er nickt mir zu. Lächelt – und lässt seine Kamelie ins Feuer fallen. Meine Kamelie folgt. Erleichtert, aber auch ein wenig traurig schaue ich zu, wie unsere Lüge von den Flammen verzehrt wird.

Nur eine hält ihren Strauß weiter umklammert. Ein Riesenstrauß.

Tora.

»Übergib deine Kamelien dem Feuer«, wendet sich der Zeremonienmeister an sie.

Nichts passiert. Man kann hören, wie der Meister die Luft einzieht. »Lass das Vergangene los.«

Langsam wendet sich Tora ihm zu. Ihre Stimme schneidet durch die Stille. »Nein.«

Jemand hustet. Der Meister öffnet und schließt den Mund wie ein Fisch auf dem Trockenen. »Du weigerst dich?«

»Genau.«

»Sie weigert sich«, teilt er uns mit, als hätte Tora in einer fremden Sprache gesprochen. »Nun, das ist lange nicht vorgekommen. Du musst es dennoch tun«, wendet er sich wieder an Tora. »Das Heilige Gesetz verlangt es von dir.«

Alle Blicke sind auf Tora gerichtet, die ihrerseits niemanden anschaut. »Darf ich die Fackelträger bitten?«, fragt der Meister mit ausgesuchter Höflichkeit.

»Bleibt, wo ihr seid«, bellt Tora, als sich zwei der schwarz Gewandeten – ein Mann und eine Frau – auf sie zubewegen. Die beiden halten tatsächlich inne. »Ich mach diesen Mist nicht mit!«, ruft sie. »Ihr könnt mich gleich nach Xerax verfrachten, da kann ich wenigstens tun, was ich will und mit wem ich will, mit zehn, fünfzig, hundert Kerlen. Und meine Kamelien nehme ich mit!«, sie schreit jetzt, vermutlich, um die Fackelträger zu verwirren. »Fasst mich ja nicht an!« Sie fuchtelt mit ihrem Strauß durch die Luft, als wollte sie einen Mückenschwarm verscheuchen. Gelassen setzt sich die Fackelfrau wieder in Bewegung, offenbar macht sie das nicht zum ersten Mal. Ruhig streckt sie eine Hand aus – und presst ein würgendes Geräusch hervor. Tora hat ihr mit aller Kraft in den Magen geboxt.

»Liebe Götter«, murmelt Tammo.

A

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