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Die Mütter-Mafia und Friends

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über die Autorin
  4. Die Autoren
  5. Titel
  6. Impressum
  7. Homepage der Mütter-Society
  8. Man lernt nie aus
  9. Homepage der Mütter-Society
  10. Mama entspannt sich
  11. Homepage der Mütter-Society
  12. Zum Kuckuck
  13. Homepage der Mütter-Society
  14. Mama La Bamba
  15. Homepage der Mütter-Society
  16. Perlen-Paulas
  17. Homepage der Mütter-Society
  18. Von Rabenmüttern und Kuckuckskindern
  19. Homepage der Mütter-Society
  20. Ich will doch nur spielen
  21. Homepage der Mütter-Society
  22. Die Katze im Himmel
  23. Homepage der Mütter-Society
  24. Der Schwiegerdämon
  25. Homepage der Mütter-Society
  26. Zelten
  27. Homepage der Mütter-Society
  28. Mit freundlichen Grüßen
  29. Homepage der Mütter-Society
  30. Mutterkuchen mit Puderzucker
  31. Homepage der Mütter-Society
  32. Das Schwein
  33. Homepage der Mütter-Society
  34. Babysitter inklusive
  35. Homepage der Mütter-Society
  36. Das Günther-Prinzip
  37. Homepage der Mütter-Society

Über die Autorin

Kerstin Gier, Jahrgang 1966, lebt mit ihrer Familie in einem Dorf in der Nähe von Bergisch Gladbach. Sie schreibt mit sensationellem Erfolg Romane. FÜR JEDE LÖSUNG EIN PROBLEM und ihre MÜTTER-MAFIA-Romane wurden durch Mundpropaganda Bestseller und mit enthusiastischen Kritiken bedacht. Durch ihre Jugendbücher RUBINROT, SAPHIRBLAU und SMARAGDGRÜN ist ihre Fangemeinde noch größer geworden.
www.kerstingier.com

Die Autoren

Maximilian Buddenbohm wurde 1966 in Lübeck geboren. Er studierte Bibliothekswesen in Hamburg, weil er sich für kein sinnvolles Studium entscheiden konnte. Arbeitet heute als Controller in einem Marktforschungskonzern und führt mit seiner Frau eine kleine Internetagentur. Er bloggt seit sieben Jahren mit großem Publikumserfolg unter www.herzdamengeschichten.de über das Leben mit seiner Frau, seinen beiden kleinen Söhnen und seine Jugend an der Ostsee. Schreibt auch Bücher und Zeitungskolumnen.

Hanna Dietz, geboren 1969, arbeitet als freie Journalistin und veröffentlicht Bücher unter ihrem eigenen Namen (u.a. Soll das ein Antrag sein?, Lexikon der unnützen Küchengeräte) sowie unter dem Pseudonym Emma Flint (Hübsch in alle Ewigkeit, Männer verstehen das nicht). Außerordentliche Qualifikationen: Sie kann einem Kind im Stehen Windeln wechseln (es sei denn, es ist ein Riesenmalheur), ist außerdem diplomierte Playmobil-Ritterburg-Ingenieurin und talentfreie Sängerin schräger Lieder Marke Eigenbau. Sie hat immer eine Packung Gummibärchen für Notfälle dabei, die sie manchmal sogar mit ihren beiden Kindern teilt. Mit ihrer Familie lebt sie in Bonn.

Gabriella Engelmann, die gebürtige Münchnerin entdeckte in Hamburg ihre Freude am Schreiben und fühlt sich im Norden pudelwohl. Nach Tätigkeiten als Buchhändlerin, Lektorin und Verlagsleiterin genießt sie die Freiheit des Daseins als Autorin von Romanen, Kinder- und Jugendbüchern. Des Weiteren arbeitet Gabriella Engelmann als Literaturscout für Agenturen. Kinder hat sie nicht, mag sie aber sehr …Weitere Informationen zur Autorin finden Sie unter: www.gabriella-engelmann.de

Birgit Fuchs, geboren: an einem sonnigen Julitag. Bildung: Habe schon sehr früh Lesen gelernt auf einer Milchdose von »Glücksklee-Bärenmarke«. Später Uni-Studium: Pädagogik, Germanistik, Kunst, Psychologie, was man halt benötigt, um freche Schüler in den Griff zu kriegen. Verheiratet: Ja. Seit zwanzig Jahren und verliebt wie am ersten Tag (hehe, Spaß muss sein …). Kinder: drei. Lauter Mädchen. Habe mich bis heute nicht davon erholt. Haustier: eine schmutzweiße, ungewöhnlich naive Katze mit Laktoseintoleranz. Lebensmotto: »Hinter jeder Ecke lauern ein paar Richtungen.« Lieblings-Genre in jeder Hinsicht: die Komödie.

Kerstin Gier, Jahrgang 1966, lebt mit ihrer Familie in einem Dorf in der Nähe von Bergisch Gladbach. Sie schreibt mit sensationellem Erfolg Romane. Für jede Lösung ein Problem und ihre Mütter-Mafia-Romane wurden durch Mundpropaganda Bestseller und mit enthusiastischen Kritiken bedacht. Durch ihre Jugendbücher Rubinrot, Saphirblau und Smaragdgrün ist ihre Fangemeinde noch größer geworden. www.kerstingier.com

Dagmar Hansen schreibt sich mit ihren überaus erfolgreichen Romanen, von denen mehrere für ARD und ZDF verfilmt wurden, seit Jahren in die Herzen der Leserinnen. Wärme und ein verschmitzter Blick auf das Leben (und seine Tücken) würzen pikant ihre Geschichten über die Liebe und Menschen wie du und ich. Dagmar Hansen lebt mit ihrem Liebsten und ihrer Hündin Momo in Potsdam.

Henrike Heiland, geboren 1975, lernte Klavier und studierte Literatur. Heute übersetzt und schreibt sie (auch als Zoë Beck) Bücher aller Art, arbeitet als Redakteurin für TV-Produktionen und rezensiert Krimis bei culturmag.de und Focus Online. Für die Idee zu dem wunderbaren Herrn Grenzmeier dankt sie ganz herzlich Michael Gruber in München, der ihr einmal von einem ganz ähnlichen Herrn berichtete. www.henrikeheiland.de

Anne Hertz ist das Pseudonym der Autorinnen Frauke Scheunemann und Wiebke Lorenz aus Hamburg, die nicht nur gemeinsam schreiben, sondern als Schwestern auch einen Großteil ihres Lebens miteinander verbringen. Bevor Anne Hertz 2006 in Hamburg zur Welt kam, wurde sie 1969 und 1972 in Düsseldorf geboren. Fünfzig Prozent von ihr studierten Jura, während die andere Hälfte sich der Anglistik und Germanistik widmete. Anschließend arbeiteten 100 Prozent als Journalistin. Anne Hertz hat im Schnitt 2,0 Kinder und mindestens 0,5 Männer. Auch solo schreiben die Schwestern, Frauke Scheunemann zuletzt die Komödie »Katzenjammer«, Wiebke Lorenz das Psychodrama »Allerliebste Schwester«. Mehr Infos: www.anne-hertz.de

Heide John ist in Köln geboren und aufgewachsen. Nach einem achtjährigen Ausflug in die Provinz kehrte sie reumütig in die Stadt am Rhein zurück. Sie hat Germanistik und Politische Wissenschaften studiert und arbeitet als freie Journalistin, Redakteurin und Lektorin. Seit 2001 schreibt sie Bücher und Geschichten für Kinder und Erwachsene. In ihrer Freizeit bastelt und stickt sie gern. Nein, stimmt gar nicht: Liest, lacht, isst und kocht sie gern.

Andrea Koßmann wurde 1969 in Marl geboren, wo sie auch heute noch lebt und als Kauffrau für Bürokommunikation bei einem großen Chemiekonzern arbeitet. Sie unterhält eine mehrfach preisgekrönte und sehr beliebte Website (www.kossis-welt.de), auf der sie (Video)-Rezensionen, Autoreninterviews und eigene Texte veröffentlicht. »Männertaxi« erschien im September 2010 im Knaur-Taschenbuchverlag und ist – nach zwei Lyrikbänden – ihr erster Roman.

Britt Reißmann, Jahrgang 1963, arbeitet bei der Mordkommission Stuttgart und ist Autorin der Krimiserie um die Ermittlerin Thea Engel (Emons Verlag), einer Vielzahl von Kurzgeschichten sowie Mitherausgeberin einer Weinkrimi-Anthologie. Ihr Roman »Der Traum vom Tod« wurde 2009 mit dem DeLiA-Literaturpreis für den besten deutschsprachigen Liebesroman ausgezeichnet. Ihr erstes Dramolett für das Stuttgarter Theater »Die Rampe« feierte im November 2010 Premiere. Sie lebt mit ihrer Familie in Stuttgart, ist Mitglied bei DeLiA, den Mörderischen Schwestern und im Syndikat.

Matthias Sachau ist Vater von zwei Kindern und lebt mit seiner Familie in Berlin. Nach einem Architekturstudium arbeitete er als Texter und kam darüber nach und nach zum Schreiben. Sein 2007 erschienener Debütroman »Schief gewickelt«, eine haarsträubende Geschichte über das Papa-Dasein, wurde ein Bestseller. Es folgten die Comedy-Romane »Kaltduscher« (2009), »Wir tun es für Geld« (2010) und »Linksaufsteher« (2011). Wenn es mit seiner Karriere als spätberufener Weltklasse-Stürmer nichts werden sollte, wird er weiterschreiben.

Eva Völler hat sich schon als Kind gern Geschichten ausgedacht. Trotzdem hat sie zuerst als Richterin und später als Rechtsanwältin ihre Brötchen verdient, bevor sie Juristerei und Robe schließlich endgültig an den Nagel hängte. »Vom Bücherschreiben kriegt man auf Dauer einfach bessere Laune als von Rechtsstreitigkeiten. Und man kann jedes Mal selbst bestimmen, wie es am Ende ausgeht.« Die Autorin lebt mit ihren Kindern am Rande der Rhön in Hessen.

Mehr Infos: www.evavoeller.de

Jana Voosen, Jahrgang 76, verkündete ihren wenig begeisterten Eltern im zarten Alter von sechs Jahren, entweder Schauspielerin oder Schriftstellerin werden zu wollen. Vierzehn Jahre später absolvierte sie eine Schauspielausbildung in Hamburg und schrieb währenddessen ihren ersten Roman. Seitdem war sie in zahlreichen TV-Produktionen zu sehen und veröffentlichte insgesamt sechs Romane (u.a. »Er liebt mich«, »Zauberküsse«, »Allein auf Wolke Sieben«) sowie diverse Kurzgeschichten. Für das Theater schrieb sie das Bühnenstück »Hunger«. Im Juni 2011 erscheint ihr siebtes Buch »Prinzessin oder Erbse?«.

Steffi von Wolff kam am 8. März 1966 auf die Welt. Leider wurde später der Weltfrauentag nicht wegen ihr eingeführt. Nach langen Jahren beim Radio, wo sie so ziemlich alles gemacht hat, begann sie mit dem Schreiben, und das auch nur, weil sie keine Lust hatte, ihre Fenster zu putzen. Das erste Buch »Fremd küssen« kam 2003 heraus, mittlerweile sind zahlreiche weitere erschienen. Steffi von Wolff wollte unbedingt bei Kerstin Giers Anthologie dabei sein, weil sie dort endlich mal so richtig über einen bestimmten Frauenschlag ablästern konnte. Das hat ihr den Therapeuten erspart und bereitet hoffentlich vielen Leuten Freude!

Kerstin Gier (HG.)

Die Mütter-Mafia
und Friends

Das Imperium schlägt zurück

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23. Oktober

Auch von mir ein herzliches Willkommen an unser neues Mitglied Marina. Ich bin die Mama von Marie-Antoinette und hier die Fachfrau für Hand- und Bastelarbeiten sowie Alleinerziehenden-Fragen. Den Namen Anakin habe ich noch nie gehört, finde ihn aber ganz toll. Ist er ungarisch?

Ich bin doch ein wenig enttäuscht, dass sich niemand von euch zum Last-Minute-Laternen-Bastelkurs angemeldet hat. Aber gut, mehr als anbieten kann man es ja nicht. Wer von euch ist eigentlich noch für den Glühweinstand eingetragen? Wir müssten allmählich mal die verschiedenen Angebote Probe trinken. Der vom letzten Jahr schmeckte zu süß, der davor war eine ekelhafte Plörre, von der man nicht betrunken wurde, sondern direkt Kopfschmerzen bekam.

Mami Gitti

23. Oktober

Ist es nicht noch ein bisschen früh für einen Last-Minute-Kurs, Gitti? Es ist doch noch so lange hin bis Sankt Martin. Ich war übrigens für den Glühweinstand eingetragen, habe aber mit Sabine getauscht, weil ich ja nichts trinken kann. Bei den Weckmännern bin ich besser aufgehoben, hihi.

Herzlich willkommen, Marina! Ich find’s supi, dass außer mir noch jemand schwanger ist. Weißt du denn schon, was es wird? Bei mir wahrscheinlich – hoffentlich!!!!!! – ein Mädchen.

Mami Kugelbauch Ellen

24. Oktober

Du hast Recht, Ellen, es dauert noch ein bisschen bis Sankt Martin, aber um eine richtig hübsche Laterne zu basteln, braucht es eben Zeit, wenn man Kinderaugen zum Strahlen bringen will. Mir tun jetzt schon alle Kinder leid, die mit einer gekauften Laterne herumlaufen müssen. Oder mit einer vom Vorjahr.

Habe elf verschiedene Glühweinsorten eingekauft, für eine müssen wir uns entscheiden. Freue mich, dass sich so viele zum Testtrinken angeboten haben.

Mami Gitti

24. Oktober

Schon gut, schon gut, den Wink mit dem Zaunpfahl habe ich verstanden, Gitti. Folgendes Angebot: Während ich den Glühwein testtrinke, bastelst du unsere Laternen, einverstanden? Ich habe bekannterweise auch nüchtern zwei linke Hände – aber dafür mache ich Karriere und kann jemanden bezahlen, der meine Scheiß-Geschirrtücher bügelt und meinen Scheiß-Mann vögelt. Schrieb ich schon, dass die neue Haushälterin großartig ist? Ich dachte ja, sie wäre zu alt und zu hässlich für meinen Mann, aber da habe ich mich wohl getäuscht. Mache übrigens gerade Testtrinken mit Gin und Aperol. Glaube, Gin gewinnt.

Sabine

PS: Herzlich willkommen auch von mir, Marina. Bin gespannt, wie lange du deinen Scheiß-Doppelnamen noch trägst.

Kerstin Gier

Man lernt nie aus

Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Ich fand es großartig, dass Anton sich auf das Baby freute. Sie hätten mal sein Gesicht sehen sollen, als ich ihm sagte, dass ich schwanger bin – kein Oscargewinner hat jemals glücklicher ausgesehen. Es war so nett, dass er nicht »Oh! Wie konnte denn das passieren?« fragte (wie mein erster Mann bei unserem ersten Kind) oder »Oh – bitte sag, dass das ein Scherz ist!« (derselbe Mann beim zweiten Kind). Doch, wirklich, ich wusste Antons Freude zu schätzen. Und seine Fürsorge. Jeden Abend musste, äh, durfte ich die Beine hochlegen, ich bekam die Füße und den Nacken massiert und überhaupt jeden Wunsch von den Augen abgelesen. Aber das hier – das ging zu weit.

»Ich brauche keinen Geburtsvorbereitungskurs, Anton!«, hatte ich gesagt, als er mir stolz die Anmeldung unter die Nase hielt. »Ich habe doch schon zwei Kinder bekommen und weiß, dass man darauf nicht vorbereitet werden kann!«

Anton hatte sehr enttäuscht ausgesehen, und es hatte ein paar Tage gedauert, bis ich begriffen hatte, dass er nicht mir mit diesem Kurs einen Gefallen tun wollte, sondern der Meinung war, ihn selbst zu benötigen. Offenbar hatte ihn seine Exfrau von den Vorbereitungen für die Geburten seiner Töchter völlig ausgeschlossen. Beides waren Kaiserschnitte unter Vollnarkose gewesen, und Anton hatte nicht mal die Nabelschnur durchschneiden dürfen. »Dieses Mal möchte ich alles richtig machen!«, sagte er. Ich versicherte ihm, dass es völlig ausreichen würde, wenn er bei der Geburt dabei sei, meine Hand hielte und ab und zu vielleicht lobte, wie tapfer ich sei. Alles andere, sagte ich, sei vollkommen überflüssig. Aber Anton zeigte sich uneinsichtig. Er wollte partout das volle Programm: im Kreis sitzen und über seine Gefühle sprechen, die Vor- und Nachteile von ätherischen Ölen und Duftlampen während des Geburtsprozesses erörtern, einen Baum umarmen, händchenhaltend den Film über »sanfte« Geburt anschauen, dessen Soundtrack auch aus dem Film »Kettensägenmassaker Teil 3« stammen könnte, und – ganz wichtig! – gemeinsam hecheln. Nichts, was ich sagte, konnte ihn davon abbringen.

Da es leider noch keine Geburtsvorbereitungskurse nur für Männer gab – eine echte Marktlücke übrigens – hatte ich schließlich meine Abneigung überwunden und war mitgekommen – ihm zuliebe. Und das bereute ich jetzt schon sehr.

»Massieren Sie vorsichtig vom Steißbein aufwärts. Versuchen Sie dabei, instinktiv zu spüren, wie viel Druck Ihrer Partnerin angenehm ist.«

Die Hebamme hatte eine sanfte, beinahe hypnotische Stimme, und dazu kam diese monotone Entspannungsmusik vom Band, ich musste aufpassen, dass ich nicht einschlief. »Während der Wehen kann diese Massage Ihrer Partnerin große Erleichterung bringen.«

»Sie lügt!«, flüsterte ich Anton zu. »Während der Wehen kann einem nichts und niemand Erleichterung bringen. Außer einer PDA

»Psssst«, murmelte Anton und massierte mit Hingabe, instinktiv mit genau dem richtigen Druck. Anders als unser Zahnarzt, der eine Matte weiter saß und seine Frau nur mit einer Hand kraulte, während er mit der anderen sein iPhone checkte. Die Frau hieß Ellen und war einer der Gründe, warum wir Blondinen so einen schlechten Ruf haben. »Meine Gyn meint, es wird diesmal zu fünfzig Prozent ein Mädchen«, hatte sie vorhin in der Vorstellungsrunde gesagt und dramatisch geseufzt. »Wir hoffen soooooo sehr, dass sie dieses Mal Recht hat.«

Die Welt war ja so klein. Noch eine Matte weiter stöhnte Frau Sturdgang-Manne wohlig vor sich hin. Ausgerechnet! Ihr Sohn Anakin ging mit Julius in dieselbe Klasse, und Frau Sturdgang-Manne rief ziemlich oft bei uns an, um mich in den Wahnsinn zu treiben. Ich wäre bei ihrem Anblick – instinktiv – wieder gegangen, wenn Anton mich nicht festgehalten hätte. Die Frau war die Pest. Ich war sicher, Anakin würde das früher oder später auch mal so sehen. Aber noch war er erst sechs Jahre alt und fand seine Mami toll. Wahrscheinlich auch seinen Namen. Noch.

Unser letztes Telefongespräch hatte erst gestern stattgefunden. Ich steckte gerade mit beiden Händen in einem Hefeteig, und ich schwöre, dass er zusammenfiel, als er Frau Doppelname-Zungenbrechers Stimme hörte.

»Er hat es schon wieder getan! So geht das wirklich nicht.«

»Geht es wieder um Obst, Frau Sturdgang-Manne?« Wie jedes Mal, wenn ich den Namen fehlerfrei ausgesprochen hatte, atmete ich erleichtert auf. Ich hatte nämlich schreckliche Angst, aus Versehen »Stuhlgang-Panne« zu sagen. Oder zu sprechen wie Obi-Wan Kenobi.

»Ihr Julius hat Anakin die Mango-Stücke weggegessen. Wissen Sie, wie teuer eine Flugmango ist? Eine Bio-Flugmango?«

Ich seufzte. Das ging jetzt schon ein paar Wochen so. Anakin versuchte jeden Tag in der Pause, sein Obst gegen die Brote seiner Mitschüler zu tauschen, notfalls auch mit Gewalt. Ich war dazu übergegangen, Julius die doppelte Anzahl von Salamistullen mitzugeben, damit er nicht im Schwitzkasten Anakins Bio-Apfelschnitze in sich reinstopfen musste. Die anderen Mütter machten es genauso. Anakin war ein großes und starkes Kind, ungefähr doppelt so groß und doppelt so stark wie seine Mitschüler. Sehr gut im Futter.

»Ich habe Ihnen doch schon mehrfach erklärt, dass Sie aufhören müssen, andere für …«, begann ich so freundlich wie möglich. Was zugegebenermaßen nicht sehr freundlich war.

Sie ließ mich ohnehin nicht ausreden. »Aber darum geht es mir ja gar nicht! Es geht hier ums Prinzip! Julius kann und darf Anakin nicht länger die Vitamine und Ballaststoffe wegessen. Sorgen Sie dafür, dass das aufhört, oder mein Mann wird sich der Sache annehmen.« An dieser Stelle machte sie eine bedeutungsvolle Pause. »Er ist Anwalt!«

Ich hatte leider laut lachen müssen (seit ich schwanger war, lachte ich oft über die falschen Dinge) und konnte für ein paar Sekunden nicht sprechen. Weil Frau Sturdgang-Manne, oder Frau SM, wie sie bei mir der Einfachheit halber hieß, bald darauf auflegte, konnte sie auch mein albernes: »Mein Mann ist auch Anwalt, aber ein viel besserer, ätsch«, nicht mehr hören.

Sie war verständlicherweise genauso entsetzt wie ich, als wir uns vorhin im Eingang über den Weg gelaufen waren. Da sie kein bisschen schwanger aussah (im Gegensatz zu mir, ich sah aus, als hätte ich einen Volleyball verschluckt. Na gut, Basketball), hatte ich kurz die Hoffnung, dass sie den Kurs »Rhetorik für Frauen« ein Stockwerk höher besuchen würde. Aber leider war das nicht der Fall.

Zu allem Überfluss stellte sich dann noch heraus, dass der dazugehörige Mann, also Anakins Vater, geschäftlich mit Anton zu tun hatte. Er war ganz begeistert, ihn ausgerechnet hier wieder zu treffen. (Sagte ich schon, dass die Welt klein ist?) »Schatz, das ist Anton Alsleben von der Kanzlei Alsleben und Partner, du weißt schon, der den Fall Rodenkirchen gegen Rieder gerettet hat. Und das ist seine Frau – auch schwanger! Ist das nicht ein wunderbarer Zufall?« Er schüttelte mir entzückt die Hand.

Zufall? Unsinn, das war einfach Pech. Ich setzte meinen kühlsten Blick auf. »Wie weit ist denn Ihre Klage bezüglich des Falles Flugmango gegen Salamibrot gediehen?«, fragte ich unfreundlich.

Der Mann – hatte er auch einen Doppelnamen, oder hieß er nur Manne oder nur Sturdgang? Ach, wen interessierte das überhaupt? – runzelte verständnislos die Stirn, und Frau SM errötete leicht, weshalb ich vermutete, dass sie ihren Mann noch nicht in ihre Pläne eingeweiht hatte. Anton hingegen war beim Wort Flugmango sofort im Bild, denn wenn er abends meine Füße massierte, pflegte ich ihm immer eine Tageszusammenfassung meiner schönsten Erlebnisse zu liefern, und Anakin und Obst kamen darin häufiger vor, als mir lieb war.

»Ach, Sie die Eltern von Anakin sind? Das ja wirklich ein unglaublicher Zufall ist«, sagte er, und Herr SM war wenn möglich noch entzückter, als er begriff, dass unsere Söhne in dieselbe Klasse gingen.

Frau SMs Blick flackerte leicht, während er zwischen Anton und mir hin und her ging. Dann sagte sie: »Aber Sie haben einen anderen Nachnamen!« Womit sie wohl sagen wollte, dass sie jemand anderen wegen des gemeinen Vitamin- und Ballaststoffraubes bezichtigt hätte, wenn sie das gewusst hätte.

»Ja, in unserer Familie haben alle unterschiedliche Nachnamen«, sagte Anton und erläuterte – nicht ohne Stolz in der Stimme und ermuntert durch das begeisterte Lächeln des Mannes – unsere komplizierten Patchworkfamilien-Verhältnisse. Ich versuchte, ihn durch Telepathie davon abzuhalten, aber es funktionierte nicht. Ein Gutes hatte es aber: Auf diese Weise erfuhr Frau SM, dass Julius’ Vater Oberstaatsanwalt war, und ich sah genau, dass sie bei dieser Information erblasste. Ich wollte eine Matte möglichst weit weg von ihr, aber ihr Mann suchte eindeutig unsere Nähe. Während der ganzen Stunde versuchte er immer wieder, über die blonde Ellen und den Zahnarzt hinweg mit Anton über den Fall Rodenkirchen gegen Dingens zu kommunizieren. Anton erklärte, dass es ihm lieber sei, wenn sie das morgen telefonisch besprechen könnten, und widmete sich weiter hingebungsvoll der Massage meines Rückens. Entspannung wollte sich trotzdem nicht einstellen, denn immer, wenn Herr SM ruhig war, fing Ellen in unserer Mitte an zu plaudern.

»Mein Männe wollte eigentlich gar nicht mitkommen«, sagte sie. »Er meint, beim dritten Kind müsste man doch eigentlich wissen, wie es geht. Aber ich finde, es ist so ein tolles gemeinschaftliches Erlebnis, das muss man einfach auskosten. Und man lernt auch immer so nette Leute kennen, nicht wahr, Schatz?«

»Hm«, machte der Zahnarzt abwesend.

»Wir werden es Kimberley nennen, weil Kimmi sich auf Timmi und Jimmi reimt und ich das supi-supi-süß finde«, fuhr Ellen fort. »Habt ihr auch schon Namen ausgesucht?«

»Ja«, sagte Frau SM kurz angebunden, und ich hob neugierig den Kopf. Obi-Wan? Jabba? »Aber da reden wir nicht drüber.«

Nee, klar. Wahrscheinlich hatten sie Angst, jemand würde ihnen ihren Namen sonst klauen.

»Und jetzt drehen wir uns langsam von der Seite auf den Rücken, die Männer strecken sich neben den Frauen aus, und alle atmen wir zum Abschluss der Stunde gaaaaaanz tief hinab ins Becken«, sagte die Hebamme und drehte die nervtötende Entspannungsmusik noch ein wenig lauter.

Anakins Papa musste nun fast schreien, damit Anton ihn verstand. »Das kann doch kein Zufall sein, oder? Also, wenn das mal kein Wink vom Schicksal ist! Wir feiern am Wochenende eine kleine Party und würden uns wirklich freuen, wenn ihr da auch kommen würdet.«

»Wir sind auch da«, sagte Ellen und strahlte mich an. »Und alle von der Mütter-Society. Das wäre wirklich supi-schön, wenn noch ein Kugelbauch dabei wäre, dann wäre ich nicht mehr die dickste.«

»Nur über meine Leiche«, wollte ich sagen, aber Anton kam mir zuvor. Er sagte, es würde schwer werden, so kurzfristig einen Babysitter zu besorgen.

»Kein Problem. Es ist eine Eltern-Kind-Party«, erklärte Anakins Papa. »Mit einer Hüpfburg im Wohnzimmer und einer Kletterwand.«

Da sagte Anton, dass wir gerne kommen würden. Mein Ellenbogen traf ihn eine ganze Sekunde zu spät in die Rippen. (Seit ich schwanger war, waren meine Reflexe nicht mehr so schnell, wie sie sein sollten.)

Die Hebamme erklärte die Stunde für beendet. In der nächsten Woche könnten wir uns aber auf das Erlernen von schmerzlindernder und stimulierender Dammmassage freuen, sagte sie.

»Ich glaube, nächste Woche bin ich krank«, murmelte der Zahnarzt.

Im Auto auf der Rückfahrt erklärte ich Anton geduldig, warum wir unmöglich auf diese Party gehen konnten. Aber er fand, dass wir unbedingt hingehen sollten, um das »Missverständnis« zwischen Julius und Anakin ein für alle Mal auszuräumen. Und wir könnten bei der Gelegenheit auch gleich mal mit Anakin persönlich sprechen und ihn darauf aufmerksam machen, dass Gewalt keine Lösung sei.

»Anton! Du bist doch sonst nicht so naiv! Da gibt es nichts mehr zu retten. Du weißt über die Abgründe der Menschen Bescheid …«

»Constanze, der Junge ist sechs Jahre alt … du solltest der Familie eine Chance geben. Und denk nur: eine Hüpfburg im Wohnzimmer! Das wird Julius gefallen.«

»Tut mir leid, aber das geht nicht«, sagte ich und erinnerte ihn an alles, was Anakin Julius schon angetan hatte und was mir Frau SM anschließend an den Kopf geworfen hatte. »Ich habe auch meine Prinzipien.« Und dann waren da ja noch all diese Hyänen von der Mütter-Society! Sie würden mich wieder fertigmachen, indem sie fragten, ob ich Zwillinge bekäme und wie viele Wochen ich denn schon über den errechneten Termin sei. Und ob der Arzt mich auf Zucker getestet habe und ob ich das Ungeborene schon beim Babyschwimmen und Chinesisch für Fortgeschrittene angemeldet hätte. »Es wäre vielleicht etwas anderes, wenn ich mich betrinken und eine ordentliche Rauferei anfangen könnte. Aber ich bin ja schwanger.«

Anton versuchte mich davon zu überzeugen, dass ein Besuch der Party für alle Beteiligten zum Vorteil, ja sogar für Julius’ Wohl unumgänglich sei, aber ich blieb stur. (Seit ich schwanger war, war ich insgesamt ein wenig, äh, weniger nett geworden. Ich hoffte, dass sich das später wieder geben würde.) Anton blieb ebenfalls stur. Schließlich – am nächsten Vormittag – sagte er, dann würde er eben ohne mich hingehen. Mit Julius und Emily.

»Na gut«, sagte ich. »Aber wenn ihnen auch nur ein Haar gekrümmt wird, kann ich für nichts garantieren. Ich werde im Haus der SMs Amok laufen … Und glaub nicht, dass ich ein Geschenk besorge oder ein Mitbringsel für das dämliche Blag!«

»Geschenk? Mitbringsel?«, fragte Anton alarmiert. »Was kauft man denn für eine Eltern-Kind-Party?«

Ich zuckte schadenfroh mit den Schultern. »Tja – das musst du wohl selbst herausfinden. Vielleicht schaust du mal auf der Website der Mütter-Society nach, bestimmt haben sie da Tipps für Anfänger.«

»Blumen?«, murmelte Anton, mehr zu sich selber. »Blumen gehen doch immer. Oder, äh, Wein?«

Ich lächelte nur rätselhaft und überlegen.

Anton griff nach dem Autoschlüssel. »Ich gehe jetzt auf den Markt. Hast du besondere Wünsche?«

»Ach, nur ein bisschen Rohmilchkäse, ein Laserschwert und ein paar hundert Gramm Solidarität«, sagte ich trotzig.

Anton brachte mir Blumen mit. Bunte Dahlien.

»Sehr hübsch«, sagte ich, während ich sie in einer Vase arrangierte. »Hast du für Frau SM die gleichen gekauft?«

Er schüttelte den Kopf. »Das war der letzte Strauß«, sagte er und küsste mich. »Aber ich habe ein hübsches Herbstgesteck besorgt. Davon hatten sie massenhaft an dem Stand.« Er warf sich ein wenig in die Brust. »Weißt du, auch Männer können stilvolle Geschenke besorgen. Wir sind nur nicht so gut im Einpacken.«

Ich runzelte die Stirn. Herbstgesteck? »Darf ich es mal sehen?«

»Ich hab’s direkt im Kofferraum gelassen. Ist aber sehr hübsch, vertrau mir, Tannenzweige, Grünzeug … – und erstaunlich günstig.«

Jetzt musste ich grinsen. »Anton, du weißt schon, dass morgen der erste November ist, oder?«

»Ja, und?«

»Allerheiligen? Bist du nicht katholisch?«

»Willst du damit sagen, dass man am Tag vor Allerheiligen keine Party feiern darf? Du bist nur sauer, dass ich auch ohne dich dorthin gehe.«

»Nein, ich will damit sagen, dass du …« Ich stockte. Ach, warum sollte ich es ihm eigentlich verraten? Manche Erfahrungen muss man seine Mitmenschen einfach selber machen lassen. Auch Anton. Ich lächelte so nett ich konnte. »Hast du mir Rohmilchkäse mitgebracht?«

»Nein, aber Käsekuchen! Einen ganzen für dich allein«, sagte Anton. »Du kannst ihn essen, während wir uns auf der Party amüsieren, Freundschaft mit den SMs schließen und das Anakin-Problem aus der Welt schaffen.«

»Um was wetten wir, dass das nicht passieren wird?«

»Um alles, was du willst. Du unterschätzt meinen Charme und mein Verhandlungstalent.« Gott, er lächelte so süß. So selbstbewusst. Ein bisschen eingebildet, vielleicht.

»Okay. Dann … wenn du Frau SMs Sympathien gewinnst und die Sache mit Anakin regelst, dann werde ich weiterhin klaglos mit dir diesen Geburtsvorbereitungskurs aufsuchen und im Kreis hecheln. Solltest du aber versagen, gehen wir stattdessen ins Kino – solange wir das noch können.«

Anton zögerte kurz. Dann sagte er siegessicher: »In Ordnung.«

Tja.

Ehrlich gesagt, tat es mir jetzt leid, dass ich nicht dabei sein würde, wenn er Frau SM das Grabgesteck überreichte, das er für sie gekauft hatte. Das Gesicht wollte ich zu gern sehen.

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1. November

Marina, die Party gestern war einfach nur toll. Ich habe mich sehr gefreut, dass dir meine gequiltete Waschmaschinenabdeckung so gut gefallen hat. Für die anderen: Ihr könnt diese Abdeckungen für 24,90 Euro bei mir erwerben, auf Wunsch mit Initialen bestickt.

Wir haben uns übrigens für eine Glühweinsorte entschieden. Und ich versichere euch, sie schmeckt auch, wenn man keinen Wodka hineingießt, wie Sabine es »zur Verfeinerung« getan hat.

Mami Gitti

PS: Tut mir sehr leid, dass Marie-Antoinette sich in die Hüpfburg übergeben hat, aber glaub mir, es war viel schlimmer, als sie bei Ikea ins Bällchen-Bad gekotzt hat.

1. November

Ja, die Party war einfach nur der Brüller, Marina. Ich habe wirklich Tränen gelacht, als Anton Alsleben dir das Allerheiligen-Grabgesteck überreicht hat. Ich weiß, du denkst, er hat das mit Absicht gemacht, aber das ist Blödsinn. Der Mann ist einfach nur ein Trottel, wie alle Männer! Ohne uns Frauen sind sie hoffnungslos verloren.

Schreibe übrigens gerade das Exposé zu einem Sachbuch. »Die Alkoholdiät – Abnehmen mit Spaß«. Kann bereits fünf Kilo minus vermelden. Heute »Aperol«-Tag. Mal schauen, was der bringt.

Liebe Grüße von Sabine – das Leben ist schön!

Sonntag

Wie schön, dass sich so viele zu dieser Leserunde eingefunden haben. Ich finde es klasse, dass wir Mamis unsere Aktivitäten hiermit auf den literarisch-kulturellen Sektor ausweiten und freue mich ganz doll auf eure Kommentare zu den Geschichten von »Die Mütter-Mafia und Friends − Das Imperium schlägt zurück.«

Mami Gitti

Sonntag

Ich hatte mich für diese Leserunde angemeldet, bevor ich das grauenhafte Cover gesehen habe. Sorry, tut mir leid, aber das geht gar nicht. Wenn mich jemand mit diesem Buch sieht, ist mein Ruf hoffnungslos ruiniert. Da ich aber nur morgens in der S-Bahn zum Lesen komme, melde ich mich hiermit wieder ab. Habe in die erste Geschichte reingelesen und fand sie erschreckend realitätsfern. Nee, sorry, das tue ich mir wirklich nicht an.

Sabine

Sonntag

Das Cover ist doch supi-süß, Sabine, und es würde deine schwarze Garderobe auch farblich etwas aufpeppen − ein Buch kann nämlich durchaus auch ein Accessoire sein. Ich freue mich jedenfalls total, dass wir jetzt unter die Literaten gehen! Die erste Geschichte fand ich auch schon mal echt supi-komisch. Irgendwie kam mir das alles total bekannt vor.

Mami (Kugelbauch) Ellen

Sonntag

Auch wenn ich ja sonst eher anspruchsvolle Literatur lese, freue ich mich darauf, mich mit euch anhand der Lektüre dieser Kurzgeschichten über das Familienleben auszutauschen. Schließlich sind wir ja Expertinnen auf diesem Gebiet. Und ab und zu braucht man einfach auch ein wenig leichte Lektüre.

Frauke (die parallel Franzens »Korrekturen« liest. Sehr empfehlenswert, wenn man seine Gehirnzellen benutzen möchte!)

Hanna Dietz

Mama entspannt sich

Nach anderthalbstündiger Aufbruchaktion sind wir gerade auf dem Weg zum Strand, da muss Moritz Aa. Also schiebe ich den mit Sonnenschirm, Strandmatte und Schäufelchen bepackten Kinderwagen von Nico zurück den Berg hoch, zerre Moritz mit einer Hand mit, ermahne Fiona nicht zu trödeln und ärgere mich. Denn unser eigentliches Appartement hätte direkten Zugang zum Strand gehabt. Unser eigentliches Appartement, das wir fest gebucht hatten, war bei unserer gestrigen Ankunft nur leider schon besetzt gewesen. Der Manager der Anlage konnte das weder erklären noch ändern. »Wollen Sie Ihre Reise stornieren?«, fragte er mit einem maliziösen Lächeln unter seiner fleischigen Nase, während Moritz und Fiona sich kreischend um unseren gigantischen Gepäckhaufen jagten und Nico schrie wie am Spieß. »Oder nehmen Sie ein anderes Appartement?«

Das andere Appartement liegt auf einem Hügel, gefühlte drei Kilometer vom Meer entfernt. Mich konnte es auch nicht beruhigen, dass mein Mann Ralf meinte, die Aussicht von hier oben wäre schöner.

Während Moritz auf dem Klo sitzt, mache ich Nico eine Apfelschorle und schimpfe mit Fiona, die eine Reiswaffel atomisiert, um damit ihren scheußlichen Plüschhund Chi Chi Love, ein rattenähnliches Ding im Ballerina-Kostüm, zu füttern. Ich gucke auf die Uhr. Ralf ist im Ort, um einen Leihwagen zu organisieren. Seit geschlagenen zwei Stunden. Was will er denn mieten? Einen Spähpanzer? Das Papamobil? Die Air Force One? Während ich Moritz’ kleinen Popo abwische und gleichzeitig mit hypnotischer Stimme versuche, Nico davon abzuhalten, das Glas auf der Tischkante abzustellen, erinnere ich mich daran, was ich mir für diesen Urlaub fest vorgenommen habe. Nämlich, mich zu erholen. Und zwar gründlich! Ich atme tief ein und aus. Genau. Der Plan ist einfach: Mama entspannt sich und fängt heute damit an. Und nimmt deswegen ein Buch mit an den Strand. Schluss mit der üblichen Lese-Imitation aus mechanischem Umblättern von Seiten kurz vor dem Einschlafen. Ich lese ein richtiges Buch! Ich habe den neuen John Irving dabei und einen Klassiker der Weltliteratur als unterhaltsame Weiterbildungsmaßnahme. Diesmal Die Brüder Karamasow von Dostojewski. Welches soll ich einpacken? Die sind sicher beide super. Aber als Hardcover vielleicht etwas schwer und unhandlich für den Strand. Da fällt mein Blick auf ein anderes Buch, das auf dem Regal liegt. Mmmhhh. Es gehört nicht mir. Und ist auch nicht so meine Welt. »Mama, Moritz macht meinen Chi Chi Love kaputt!«, heult Fiona und zerrt an ihrem Bruder, der mit seinem Plastik-Tyranno ihr Schoßhündchen zerfleischen will. Aber warum eigentlich nicht? Weiterbilden kann ich mich auch heute Abend noch. Also stecke ich es ein. »So, Kinder, Abmarsch!«, rufe ich.

Eine halbe Stunde später sitzen wir tatsächlich unter einem Sonnenschirm auf einer Strandmatte, deren Sauberhaltung ich nach dreißig Sekunden aufgegeben habe. Zum Glück habe ich meine Kinder schon vorher sorgfältig eingecremt. Natürlich nicht mit einer Sonnencreme mit chemischem Filter, sondern mit Mikropigment-Schutz. Das ist viel gesünder. Blöd ist nur, dass die wasserfeste Creme nicht richtig einzieht, sondern sich wie ein weißer Film auf die ohnehin käsige Haut legt, und meine Kinder jetzt aussehen wie Vampire. Doch nicht lange. Denn der schwarze Sand pappt auf der Creme wie Papierfetzen auf Kleister und verwandelt meine Kinder in Zombies, die gerade dem Grab entsprungen sind. Tja. Das ist eben der Preis dafür, dass sie weder eine Allergie noch Hautkrebs kriegen. Die anderen Mütter werden schon sehen, was sie davon haben, wenn sie normale Sonnencreme benutzen. Ha! Sollen deren Kinder ruhig jetzt gut aussehen, spätestens in dreißig Jahren wird sich herausstellen, dass mein Sonnenschutzkonzept besser war. Genau, Gerda, so ist es richtig. Konzentrier dich auf die positiven Dinge. Zum Beispiel, dass dir der Badeanzug von vor vier Jahren noch passt. Er hat Größe 42. Und das ist ein Erfolg! Denn jeder weiß, dass Größe 42 die letzte Ausfahrt vor der Schnellstraße nach Adipositas ist. Ich strecke meine Beine aus, lasse Sand durch die Zehen rinnen und betrachte das Meer und die Segelboote. Nachdem ich Moritz vor dem Ertrinken bewahrt habe und Nico davor, die Sandburg der Nachbarn aufzuessen, buddeln sie jetzt in ungewohnter Eintracht ein Loch, während Fiona sich mit ihrem iPod verkabelt hat und in ihrer eigenen Welt schwebt. Das ist die Gelegenheit, um endlich etwas für mich zu tun! Ich ziehe das Buch aus der Tasche. Gut, es ist keine anspruchsvolle Literatur. Eigentlich weiß ich noch nicht mal, ob es überhaupt Literatur ist. Wo es doch Das Buch zum Film heißt. Und für Mädchen ab zehn ist. Ähem. Aber solange ich den Einband schön nach unten halte, kriegt ja keiner mit, dass ich ein Kinderbuch lese. »Mama«, kreischt Fiona. »Was machst du da mit meinem Hannah-Montana-Buch?« Sie ist aufgesprungen und trompetet in Affenlautstärke herum.

»Schschsch, schon gut. Nicht so laut«, mahne ich. Aber Vernunft und neunjährige Mädchen passen nicht zusammen. »Das ist mein Hannah-Montana-Buch. Und du machst es dreckig!«, brüllt sie und reißt es mir aus den Händen. »Wieso liest du überhaupt so was, Mama? Du bist doch erwachsen!«

Das Ehepaar mit den Strohhüten und den Birkenstocks ein Handtuch weiter lässt den Wanderführer, den es gemeinsam studiert hat, sinken und taxiert uns aufmerksam, wobei es vermutlich automatisch Noten verteilt.

»Ja-ha«, sage ich laut. »Ich muss doch kontrollieren, welche Medien du konsumierst. Aus pädagogischen Gründen, weißt du.«

»Mama, du bist eine Scheißkuh.«

»So was sagt man nicht«, rufe ich demonstrativ. »Woher hast du das nur?« Aber meine Tochter hat sich schon wieder mit ihrer Musik verkoppelt und schwebt im siebten Miley-Cyrus-Himmel. Nico wiederholt begeistert »Scheißkuh, Scheißkuh«, ich werfe einen entschuldigenden Blick auf das Lehrerpaar, das die verbeamteten Augenbrauen hochzieht, Moritz schüttet eine Schaufel Sand auf Nicos Haare, doch bevor ich anfangen kann zu schimpfen, schreit Moritz: »Papa!«, und rennt los. Mein Mann, der angeschlendert kommt, schmeißt ihn in die Luft. Er trägt ein neues blaues Hemd und passende Shorts und sieht sehr zufrieden aus. »Wo warst du so lange?«, motze ich.

»Bei der Autovermietung war es brechend voll, also habe ich einen Kaffee getrunken«, antwortet er strahlend.

Ich verdrehe genervt die Augen.

»Reg dich ab«, sagt Ralf. »Ich habe mich immerhin um unseren Urlaub gekümmert, während ihr hier am Strand rumhängt.« Ich muss mich zusammenreißen, um ihm nicht mit der Sandschaufel eins über den Scheitel zu ziehen. »Und die Klamotten? Woher hast du die?«, bohre ich weiter.

»Neben der Autovermietung war dieser Laden. Sieht gut aus, oder?«

»Mmppff. Aber das war ja nun wirklich nicht nötig.«

»Na und?« Er lässt seinen Blick von meinen strähnigen Haaren bis zu den nicht lackierten Zehen wandern. »Du könntest dich ruhig auch mal schick machen. Läufst immer noch in diesem unmöglichen ausgeleierten Ding rum.«

»Na und? Hier kennt mich doch keiner«, gebe ich patzig zurück. Ich möchte nicht zugeben, dass ich keinen neuen Badeanzug kaufe aus Angst, nicht in eine ungedehnte 42 zu passen.

»Ach so. Schon klar. Und für mich brauchst du dir auch im Urlaub keine Mühe zu geben. Ich bin ja nur dein Mann«, sagt er beleidigt. Mir fällt ein, dass ich vor ein paar Wochen zu Hause behauptet habe, hier könne ich ruhig in einer ollen Jogginghose rumlaufen, weil die Leute mich ja kennen. Hmm. Ich sollte mal über dieses Konzept nachdenken. Aber nicht jetzt. Jetzt entspanne ich mich. Ich lege mich hin und schließe die Augen.

»Ich gehe ins Wasser«, sagt Ralf.

»Ich komme mit«, ruft Moritz, und die beiden ziehen mit dem Schwimmreifen in Krokodilform los. »Nico auch mit«, sagt mein Jüngster und dackelt hinterher. Ich seufze und wuchte mich hoch, um ihm hinterherzulaufen. Dabei versuche ich, von oben den Cellulite-Bestand meiner Oberschenkel zu erfassen, beschließe aber, dass das Sonnenlicht eine verzerrende Wirkung hat und dieses Geschwabbel nicht real sein kann. Aber wenn doch, dann sollte ich dringend was dagegen tun. Und einen Pareo kaufen. Wenn man nicht gerade Heidi Klum ist, hat man als Mutter nun mal keine Möglichkeit, sich in Form zu halten. Und das erwartet ja auch keiner!

In diesem Moment taucht sie an der Treppe zum Strand auf wie eine Fata Morgana, wie eine Erscheinung aus dem Land der Märchen und Medienklischees. Die perfekte Familie. Mutter, Vater, drei Kinder. Die Mutter in einem Traum von Bikini, mit einem Traum von Body, straffe, leicht gebräunte, sagenhaft glatte Haut. Ihre blonden Haare sind zu zwei mädchenhaften Zöpfen geflochten, sie trägt Lippenstift. Am Strand! Ihr Mann, muskulös, graumeliertes volles Haar, ein Gentleman, mit Taschen bepackt. Und die Kinder erst! Wie aus dem Katalog für neidische Eltern. Die blonden Haare des älteren Mädchens, ungefähr Fionas Alter, fließen in seidigen Bahnen den Rücken hinunter, sie trägt ebenfalls Bikini, genau wie die Kleinste, eine blond gelockte Prinzessin, vielleicht drei. Den Jungen schätze ich auf sechs, er hat kurze Haare und trägt den Sonnenschirm und eine große Tasche. Auf einen Fingerzeig seiner Mutter legt er alles ordentlich hin, und die Kinder fangen an, in Ruhe zu buddeln. Sie rennen nicht, sie schreien nicht, sie zanken nicht, und ich möchte hingehen und sie an den Haaren ziehen, um zu sehen, ob sie echt sind.

»Gerda, pass auf«, schreit Ralf, und ich bemerke, dass eine Welle auf Nico zurollt, ich haste ins knietiefe Wasser und schnappe ihn im letzten Moment. Puh, das war knapp. Reiß dich zusammen, Gerda. Ist doch völlig egal, dass andere dünn sind. Davon wirst du nicht dicker. Ist doch völlig egal, dass andere bravere Kinder haben. Davon wirst du keine schlechtere Mutter. Und wenn, dann nur in deiner Einbildung. Ich überrede Nico, mit mir Muscheln zu sammeln. So kann ich heimlich diese unheimliche Familie beobachten. Der Vater pustet seiner Frau ein Strandkissen auf, dann geht er mit den zwei älteren Kindern zu den Steinen, um Krebse zu beobachten. Die Kleinste spielt neben der Mutter mit einem Bagger. Und auch jetzt klebt noch kein einziges Sandkörnchen an ihr. »Mama«, brüllt Moritz mir ins Ohr, als er an mir vorbeistürmt und sich in den trockenen Sand schmeißt. »Schön warm«, ruft er und wälzt sich herum. Im Nu ist er schwarz paniert. Ralf ist auch aus dem Wasser raus, trocknet sich ab und lässt das nasse Handtuch auf die sandige Matte fallen. Ich schleppe Nico zu unserem Platz, wo er Pipi macht. »Ich muss jetzt das Auto abholen«, informiert mich Ralf.

»Was?«, sage ich erschrocken. »Hat das nicht Zeit, bis wir im Appartement sind?«

»Nee, dann machen die Mittagspause. Und wir wollen doch heute Nachmittag in die Stadt!« Er schnappt seine Adiletten und winkt zum Abschied. »Bis nachher.« Und schon ist er weg. Und ich muss nachher alleine zwei komplett sandige und ein komplett zickiges Kind vom Strand nach Hause befördern. Was eigentlich Aufgabe für eine Spezialeinheit wäre. Wobei ich fest davon überzeugt bin, dass die GSG 9 daran scheitern würde. Ich überlege mir gerade eine Strategie: Moritz unter die Dusche oder Nico in den Kinderwagen oder vielleicht doch erst die Spielzeuge einsammeln, die über den Strand verteilt sind wie die Bestandteile einer Splitterbombe. Mein Blick wandert unwillkürlich zu der Traummutter, die auf dem Rücken liegt, den Kopf bequem auf das Kissen gebettet, und liest. Sie liest! Keiner zerrt an ihr rum, keiner plärrt ihr ins Ohr. »Mama«, sagt Moritz.

»Ja, was denn, Schatz?« Aber er antwortet nicht, sondern kramt im Kinderwagennetz, schmeißt alle Teile vom Ball bis zu Nicos voller Windel in den Sand, bis er endlich seinen Tyranno gefunden hat. Ich möchte mal wissen, was das für ein Buch ist. Bestimmt irgendwas Seichtes. Ich meine, keine Mutter der Welt hat Hirnkapazitäten für anspruchsvolle Literatur. Das höchste der Gefühle wäre ein Krimi. Oder vielleicht Chick-Lit. Jedenfalls muss es irgendetwas Belangloses ohne geistigen Nährwert sein. Gaby Hauptmann oder so. So was schaffe ich auch ab und zu. Die Neugier nagt an mir wie eine Ratte am Käfiggitter. »Komm, Moritz!«, sage ich, »Lass uns Fußball spielen.«

»Och nöö«, sagt Moritz, der gerade ein Gehege für seinen Tyranno baut und sogar Nico mitspielen lässt. Ich werfe den Ball aufreizend in die Luft. Das Lehrerpaar von nebenan guckt skeptisch. Gut, es ist eigentlich zu voll, um Ball zu spielen. Aber ich muss auch nur ein einziges Mal in die Nähe der Traummutter kommen, um unauffällig den Buchtitel lesen zu können, dann packe ich ihn sofort wieder weg.

»Los, Moritz«, rufe ich und lege den Ball neben ihn. »Na gut, Mama.« Er steht auf, schießt unwillig und der Ball kullert Richtung Wasser.

»So doch nicht«, rufe ich. »Guck mal, so schießt man richtig!« Ich werfe den Ball in die Luft, bringe irgendwie den Fuß darunter und will ihn elegant über die Traummutter lupfen, doch plötzlich komme ich ins Straucheln und treffe den Ball viel fester als geplant, und er fliegt los, fliegt viel weiter als beabsichtigt, senkt sich wieder, und ich denke, oh nein, bitte nicht ein Kind treffen, und dann donnert der Ball auf den Rücken eines krebsroten Mannes, der wie ein trächtiges Flusspferd im Sand liegt. Der Mann schreit, als hätte ich ihm die Haut abgezogen. »Entschuldigung«, murmele ich. »Es tut mir sehr leid.«

»Wenn Kinder mal einen Ball schießen, dann hat man ja noch Verständnis, aber wenn eine erwachsene Frau hier rumbolzt, hört das Verständnis auf«, meldet sich die Lehrerfrau zu Wort. »Unmöglich«, fügt ihr Mann hinzu.

»Es war ein Versehen«, sage ich mit tomatenrotem Kopf. Immerhin ist der Ball in etwa da gelandet, wo er hin sollte, und ich mache mich auf den Weg, als plötzlich Moritz lossprintet. »Ich hole ihn, Mama!«

»Nein, ich hole ihn.« Ich renne ebenfalls los. Im weichen Sand ist das Laufen nicht einfach, und Moritz ist verdammt schnell, aber ich werde nicht kurz vor dem Ziel aufgeben, überhole ihn keuchend und schnappe ihm den Ball vor der Nase weg.

»Mama, du bist gemei-hein!« Moritz lässt sich heulend in den Sand fallen.

»Ja«, sage ich abgelenkt, denn ich versuche, das Cover von dem Buch zu erkennen. Vergeblich. Die Schrift vom Titel ist zu dünn, und ich habe meine Brille nicht an. Vermutlich ist der Titel deswegen nicht fett gedruckt, weil er so peinlich ist. Ich lasse den Ball fallen, er rollt neben die perfekte Mutter, ich gehe hin und dann erkenne ich es. Christa Wolf. Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud. Ach du meine Güte. Ich verstehe noch nicht mal den Titel! So was könnte ich nicht in einer Million Jahren lesen! Die Traummutter dreht den Kopf. Schaut mich an. Vermute ich mal. Sie trägt eine Valentino-Brille in Diva-Größe. Ich hebe den Ball und rufe zu Moritz: »Ich habe ihn!«

»Wie sehen die Kinder denn aus?«, fragt Ralf entsetzt und legt die Zeitung weg, als wir vom Strand kommen. »Hättest du sie nicht wenigstens ein bisschen sauber machen können?«

»Hab ich ja«, gebe ich patzig zurück. »Der Rest wird abgeduscht.« Ich verfrachte Moritz und Nico in die Wanne, wo ich ihnen zwei Kilo Sand alleine aus den Poporitzen spüle.

»Meinst du nicht, das verstopft den Abfluss?«, gibt Ralf zu bedenken, der entspannt im Türrahmen lehnt.

»Mach es besser, wenn du es besser kannst«, gifte ich.

Am Nachmittag quetschen wir uns in den Mietwagen, der sich als klappriger VW Passat entpuppt. »Du warst den ganzen Vormittag unterwegs und das ist alles?«, entfährt es mir. Ralf seufzt. »Es gab nichts anderes, wo drei Kindersitze reinpassen.«

»Aber der hat noch nicht einmal eine Klimaanlage!«

»Mach es besser, wenn du es besser kannst.«

»Mach ich auch demnächst. Dann komme ich wenigstens einmal dazu, in Ruhe einen Kaffee zu trinken und shoppen zu gehen.« Trotz der eisigen Stimmung klebt mir das Kleid am Körper, die Haare pappen an der Kopfhaut, und auch die Kinder sind völlig verschwitzt, als wir endlich in der Nähe der Fußgängerzone einen Parkplatz in der prallen Sonne gefunden haben. »Diese Kirche an der Plaza soll sehr interessant sein«, sage ich, aber Ralf ruft: »Wer will ein Eis?«

»Ich, ich, ich«, schreien die Kinder.

»Also los! Wer zuerst an der Eisdiele ist, der hat gewonnen.«

Moritz und Ralf machen ein Wettrennen, ich trage Nico, der im Auto geschlafen hat, und Fiona übt sich in präpubertärer Verweigerungshaltung, die ihr verbietet, irgendetwas außer ihrem iPod und ihrem dämlichen Plüsch-Fiffi auch nur ansatzweise akzeptabel zu finden. Neben mir hält ein schwarzer Ford Galaxy, der einen Parkplatz unter einem schattigen Baum gefunden hat, die Tür geht auf und ein Schwall kühler Luft streift mich. Dem cremeweißen Inneren entsteigt die Familie Perfekt, lächelnd, entspannt und wie aus dem Ei gepellt. Vermutlich haben sie auf der Fahrt mehrstimmig Lieder gesungen. Was sind das nur für Leute? Fiona stürzt sich auf ein Schaufenster mit Hannah-Montana-Krimskrams und drückt sich die Nase platt. Ich warte geduldig etwa zehn Sekunden, dann beginne ich mit dem »Komm jetzt«-Mantra, das nahtlos übergeht in das »Ich geh jetzt«-Mantra. Familie Perfekt trabt an uns vorbei, der Junge hüpft vorneweg, das große Mädchen nimmt die Kleine an der Hand, der Vater legt einen Arm um die Mutter. Das ist nicht mehr normal. Und wenn die auch noch Sex haben, dann lasse ich mich scheiden. Irgendwie bin ich nicht überrascht, dass Familie Perfekt uns den letzten Tisch der Eisdiele wegschnappt, sodass wir gezwungen sind, unser Eis unter einer Markise im Stehen zu essen. »Warum schlingst du denn so?«, fragt mich Ralf.

»Weil du Waffeln genommen hast, anstatt Becher, und die Kinder sich gleich von oben bis unten mit geschmolzenem Eis vollschmieren, Nico halt das Hörnchen gerade.«

»Guck mal, Mama, ich esse wie der Tyranno!«, sagt Moritz und reißt den Mund weit auf.

»Mach das nicht«, sage ich automatisch.

»Ach was«, sagt Ralf. »So einen Fleck kann man doch leicht rauswaschen.« Bevor ich ihn fragen kann, wen er mit man meint, schnellt Moritz’ Kopf vor und schnappt nach der Eiskugel. »Nicht!«, rufe ich erneut, doch zu spät. Die Kugel hält der Erschütterung nicht stand und plumpst auf den Boden. Moritz jault auf. »Siehst du, Moritz, das nächste Mal hörst du auf die Mama«, sage ich.

»Ich will ein neues!«

»Nein.«

Er bricht in apokalyptisches Heulen aus. Das wird ihm eine Lehre sein. »Moritz, ich habe eine Idee«, ruft Ralf. »Du darfst dir ein Spielzeug aussuchen.«

»Au ja!« Moritz hüpft vor Begeisterung. Das Eistrauma ist überwunden, die Lehre gleich null, danke lieber Gatte. Ich stöhne auf.

»Wenn Moritz was kriegt, will ich auch was«, mault Fiona.

»Nico auch«, ruft Nico.

»Los, dann kommt alle mit«, sagt Ralf und verschwindet mit den dreien im Spielzeuggeschäft gegenüber. Ich setze mich auf ein Mäuerchen und beobachte mit verkniffener Miene Familie Perfekt, die ihre Eisbecher leert, den Platz überquert und in der Kirche verschwindet. Na klar, denke ich, die gehen in die Kirche und meine Familie schafft es nur in den nächsten Konsumtempel.

»Guck mal, Mama!« Moritz kommt atemlos angelaufen und schreit: »Peng, peng, peng!«

»Was hat Papa dir denn da gekauft?«

»Das ist total cool!« Er hält die Pistole hoch und schwenkt in der anderen Hand ein Maschinengewehr aus billigem Plastik.

»Da können wir uns ja gleich ein Schild um den Hals hängen: Wir erziehen unsere Kinder scheiße«, gifte ich Ralf an.

»Er ist ein Junge. Jungs spielen nun mal mit Waffen.«

»Meinetwegen mit einem Holzschwert. Aber doch nicht mit so was. Was sollen denn die Leute denken?«

»Wieso? Hier kennt uns ja keiner«, erwidert Ralf schnippisch.

»Ha, ha.«

»Komm, Gerda. Entspann dich mal. Ist doch alles halb so wild.«

Der erste echte Urlaubstag neigt sich dem Ende zu – da steht natürlich das eigentliche Großereignis noch an: das Abendessen!

»Gut, dass wir Halbpension gebucht haben. Dieses ewige Überlegen, was man kochen könnte, und vor allem das Einkaufen ist echt stressig!«, sage ich auf dem Weg zum Speisesaal und klatsche genervt in die Hände. »Los, Leute, kommt jetzt. Sonst kriegen wir nur einen doofen Tisch.« Ralf und Moritz sind stehen geblieben, um einen Käfer zu bewundern. »Ich bin ein Forscher!«, ruft Moritz und verschwindet ins Gestrüpp. »Nico auch Forscher«, ruft der Kleine und tappt hinterher.

»Ralf, würdest du bitte deine Söhne holen.«

»Ach, lass sie doch spielen.«

»Ich sehe schon kommen, dass wir gleich wieder doof sitzen.«

»Ist doch egal. Wir werden schon nicht verhungern.«

»Das sagst du. Du weißt doch, wie die Leute zuschlagen, wenn es umsonst ist. Eigentlich müsste das nicht All you can eat heißen, sondern All you can eat, bevor your Nachbar es isst

Ralf lacht.

»Das ist nicht zum Lachen«, sage ich.

»Wann kommen die denn endlich«, nölt Fiona und streichelt ihrem dämlichen Plüsch-Fiffi über den Kopf, den sie in bester It-Girl-Manier in einer rosa Tasche unter dem Arm trägt. Andere Familien streben an uns vorbei und laufen in den mit Kerzen dekorierten Eingang des Speisesaals. Mein Puls steigt. Meine Hände fangen an zu schwitzen. Meine Beine haben einen enormen Bewegungsdrang. Klassische Symptome des Büfettschlacht-Fiebers. »Moritz! Nico! Herkommen. Aber sofort!«, brülle ich. Als Ralf sie schließlich aus dem Gebüsch zerrt, sehe ich, dass das Vorhaben, meine Kinder wenigstens sauber in den Speisesaal zu bringen, gescheitert ist. Aber mit Abputzen von Erde, Blütenstaub und Kletten halte ich mich jetzt nicht mehr auf. Es ist höchste Eisenbahn! Denn obwohl das Büfet erst vor einer Viertelstunde eröffnet wurde, ist es natürlich schon brechend voll. Während wir uns zwischen den Raffkes mit ihren überfüllten Tellern hindurchschlängeln, merke ich, dass ich insgeheim nach Familie Perfekt Ausschau halte. Würde mich nicht wundern, wenn die ganz vorne auf dem Präsidentenplatz direkt am Büfet sitzen würden. Aber ich kann sie nicht entdecken. Vielleicht haben sie sich verspätet. Haha! Da werden sie staunen. Denn wir bekommen schon nur noch einen Tisch neben dem Kücheneingang. Wer jetzt kommt, kann sich vor die Toiletten hocken. »Na super«, sage ich und versuche, das Büfet von hier hinten überhaupt zu erkennen. »Hab ich es doch gewusst.«

»So trainiert man wenigstens beim Nachschlagholen sein Essen wieder ab«, sagt Ralf und grinst. Aber diese Angelegenheit ist zu ernst für Humor. Nach zehn Minuten haben alle Kinder ihr Essen vor sich und ich kann mir endlich auch was holen. Das Büfet ist natürlich ziemlich abgegrast. Morgen müssen wir einfach früher kommen. Ich habe nur noch einen Hühnerschenkel erwischt, ein paar Kartoffeln und gemischtes Gemüse und stehe gerade vor der Schüssel mit einem Rest Meeresfrüchtesalat – da kommt sie: Mutter Perfekt. Mit einem leeren Teller.

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