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Die Moskauer Diva

Boris Akunin

Die Moskauer Diva

Fandorin ermittelt

Roman

Aus dem Russischen von Ganna-Maria Braungardt

 

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Inhaltsübersicht

Noch acht Einheiten bis zum Soloabend

Sieben Einheiten bis zum Soloabend

Noch fünf Einheiten bis zum Soloabend

Noch vier Einheiten bis zum Soloabend

Noch zwei Einheiten bis zum Soloabend

Der Soloabend

Nach dem Soloabend

Zwei Kometen am sternenlosen Himmel

ERSTER AKT

ZWEITER AKT

DRITTER AKT

Noch acht Einheiten bis zum Soloabend

Ein harmonischer Mensch

Für einen harmonischen Menschen hielt sich Erast Petrowitsch, seit er die erste Stufe der Weisheit erlangt hatte. Das geschah weder zu spät noch zu früh, sondern genau zur rechten Zeit – in einem Alter, in dem man bereits Bilanz ziehen sollte, aber seine Pläne noch ändern kann.

Die wichtigste Schlussfolgerung, die er aus den erlebten Jahren zog, war eine äußerst kurze Maxime, die ebenso viel wert war wie sämtliche philosophischen Lehren zusammen: Alt werden, das ist gut. »Alt werden« bedeutet reifen, das heißt, nicht schlechter werden, sondern besser – stärker, weiser, vollkommener. Empfindet der Mensch das Altern jedoch nicht als Gewinn, sondern als Verlust, heißt das, dass sein Schiff vom Kurs abgekommen ist.

Um im seemännischen Bild zu bleiben, kann man sagen, dass Fandorin die Riffe des fünfzigsten Geburtstages, an denen Männer häufig Schiffbruch erleiden, mit vollen Segeln und wehender Flagge umschifft hatte. Zwar hätte die Mannschaft beinahe rebelliert, aber es war noch einmal gut gegangen.

Der Meutereiversuch hatte just am Tag seines halbhundertjährigen Jubiläums stattgefunden, was natürlich kein Zufall war. Diese Zahl besitzt zweifellos eine gewisse Magie, die nur Menschen ohne jede Phantasie nicht spüren.

Nachdem Erast Petrowitsch seinen Geburtstag mit einem Spaziergang im Taucheranzug auf dem Meeresgrund begangen hatte (zu der Zeit war er ein leidenschaftlicher Taucher), saß er am Abend auf der Veranda, betrachtete das auf der Esplanade flanierende Publikum, schlürfte einen Rumpunsch und sagte sich dabei in Gedanken immer wieder: »Ich bin fünfzig, ich bin fünfzig« – als koste er ein unbekanntes Getränk. Plötzlich blieb sein Blick an einem uralten Greis mit einem weißen Panamahut hängen; ein Mulatte schob die vertrocknete, zitternde Mumie in einem Rollstuhl. Der Blick des Methusalems war trübe, an seinem Kinn hing ein Speichelfaden.

Ich hoffe, ich werde nie so alt, dachte Fandorin – und begriff, dass er erschrocken war. Noch mehr erschrak er darüber, dass der Gedanke an das Alter ihn erschreckt hatte.

Die Stimmung war verdorben. Er ging in sein Zimmer, ließ seine Jadekette durch die Finger gleiten und malte das japanische Schriftzeichen »Alter« auf ein Blatt Papier. Als er das Blatt mit Darstellungen des Symbols in allen möglichen Stilen bedeckt hatte, war das Problem gelöst und eine Konzeption entwickelt. Die Meuterei an Bord war besiegt. Erast Petrowitsch hatte die erste Stufe der Weisheit erklommen.

Das Leben kann nie bergab gehen, nur bergauf – bis zum allerletzten Augenblick. Das erstens.

Die oft zitierte Puschkin-Zeile »So eilt denn Tag um Tag, und jeder Tag raubt uns ein Teilchen unsres Seins« enthält einen logischen Fehler. Wahrscheinlich war der Dichter gerade von Schwermut befallen, oder es handelt sich einfach um einen Schreibfehler. Das Gedicht müsste lauten: »So eilt denn Tag um Tag, und jeder Tag schenkt uns ein Teilchen unsres Seins.« Wenn der Mensch richtig lebt, macht ihn der Lauf der Zeit nicht ärmer, sondern reicher. Das zweitens.

Altern muss eine gewinnbringende Transaktion sein, ein natürlicher Tausch physischer und intellektueller Stärke gegen mentale, äußerer Schönheit gegen innere. Das drittens.

Alles hängt von der Sorte deines Weins ab. Ist er minderwertig, wird er mit der Zeit sauer. Ist er edel, wird er nur besser. Daraus folgt: Je älter der Mensch wird, desto qualitativ besser muss er werden. Das viertens.

Und schließlich fünftens. Ein Nachlassen der physischen und intellektuellen Kraft wollte Erast Petrowitsch nicht zulassen. Zu diesem Zweck erarbeitete er ein spezielles Programm.

In jedem kommenden Lebensjahr wollte er eine neue Grenze erreichen. Sogar zwei Grenzen: eine sportlich-physische und eine intellektuelle. So würde das Altern nicht beängstigend, sondern interessant sein.

Relativ schnell war der Perspektivplan der bevorstehenden Expansion erstellt – ein Plan, für den womöglich die nächsten fünfzig Jahre gar nicht reichen würden.

An intellektuellen Aufgaben nahm Fandorin sich vor: endlich richtig Deutsch zu lernen, da ein Krieg gegen Deutschland und Österreich-Ungarn offensichtlich unvermeidlich war; Chinesisch zu lernen (dafür würde ein Jahr nicht reichen, er würde zwei brauchen – und das auch nur, weil er mit den Schriftzeichen bereits vertraut war); eine schändliche Lücke in seinem Weltbild zu schließen und sich gründlich mit der muslimischen Kultur zu befassen, wofür er Arabisch lernen und den Koran im Original lesen musste (schätzungsweise drei Jahre); die klassische und zeitgenössische Literatur zu lesen (dafür hatte er immer zu wenig Zeit gehabt) und so weiter und so weiter.

An sportlichen Aufgaben für die nächste Zeit: einen Aeroplan steuern lernen; ein Jahr der interessanten und für die Koordination nützlichen olympischen Sportart des Stabhochspringens widmen; Bergsteigen; unbedingt ohne Skaphander tauchen lernen, mit dem neuartigen Rebreather, bei dem ein vervollkommneter Regulator für die Sauerstoffzufuhr es gestattet, für einen längeren Zeitraum in beachtlichen Tiefen zu tauchen. Ach, es war gar nicht alles aufzuzählen!

In den fünf Jahren, die verstrichen waren seit Fandorins Erschrecken vor seinem eigenen Schreck, hatte seine Methode des richtigen Alterns beachtliche Resultate erbracht. Jedes Jahr hatte er eine neue Stufe erklommen – genauer gesagt, zwei, so dass er auf sich als Fünfzigjährigen nun von oben herabsah.

 

Zu seinem einundfünfzigsten Geburtstag hatte Erast Petrowitsch zur intellektuellen Vervollkommnung Spanisch gelernt, das ihm bei seinen Seereisen in der Karibik so gefehlt hatte. Die physische »Stufe« war die Kunst der Dshigiten. Geritten war er natürlich auch früher schon, aber nicht eben glänzend, dabei war das eine nützliche und zudem äußerst spannende Angelegenheit, viel schöner als Autorennen, die ihn mittlerweile langweilten.

Mit zweiundfünfzig sprach Fandorin Italienisch und hatte sich beträchtlich verbessert in der Beherrschung des Kenjutsu, des japanischen Schwertkampfs. Unterrichtet wurde er in dieser großartigen Kunst vom japanischen Botschafter Baron Shigema, einem Träger des höchsten Dan. Am Ende besiegte Erast Petrowitsch den Baron in zwei von drei Kämpfen (einen Sieg überließ er dem Sensei, um diesen nicht zu kränken).

Das dreiundfünfzigste Jahr widmete Fandorin einerseits der antiken und neueren Philosophie (Fandorins Bildung beschränkte sich nämlich leider auf das Gymnasium), andererseits dem Motorradfahren, das in Punkto aufregender Empfindungen dem Reitsport in nichts nachstand.

Im zu Ende gegangenen Jahr 1910 war Fandorins Geist ganz von der Chemie beherrscht, der sich am rasantesten entwickelnden modernen Wissenschaft, während er seinen Körper in der Kunst des Jonglierens übte (scheinbar nichtiger Spielkram, aber sehr nützlich für die Feinmotorik und die Körperbeherrschung).

In der laufenden Saison schien es ihm logisch, vom Jonglieren zur Hochseilakrobatik zu wechseln – ein ausgezeichnetes Training für das körperliche und nervliche Gleichgewicht.

Die intellektuellen Übungen hatten teilweise mit dem vorjährigen Interesse für die Chemie zu tun. Fandorin hatte beschlossen, diese zwölf Monate seiner alten Leidenschaft zu widmen – der kriminalistischen Wissenschaft. Die gesetzte Frist war bereits abgelaufen, doch Fandorin führte seine Forschungen fort, denn sie hatten eine überraschende und äußert vielversprechende Richtung eingeschlagen, mit der sich außer Erast Petrowitsch noch niemand beschäftigte.

Die Rede ist von neuen Methoden der Arbeit mit Zeugen und Verdächtigen: Wie konnte man sie zu völliger Aufrichtigkeit stimulieren? In den barbarischen Zeiten hatte man sich dafür eines brutalen und recht unzuverlässigen Mittels bedient – der Folter. Fandorin fand heraus, dass die vollständigsten und zuverlässigsten Ergebnisse durch die Kombination dreier Methoden erzielt wurden – psychologische, chemische und hypnotische Einwirkung. Wenn man jemanden, der über eine benötigte Information verfügte, sie aber nicht preisgeben wollte, zunächst analysierte und seinem Typ entsprechend vorbereitete, dann seinen Widerstand mit Hilfe bestimmter Präparate schwächte und ihn anschließend unter Hypnose setzte, war dessen absolute Aufrichtigkeit garantiert.

Die Ergebnisse der Experimente waren beeindruckend. Allerdings hegte Fandorin ernsthafte Zweifel an ihrem praktischen Wert. Nicht nur, dass Fandorin seine Entdeckungen um nichts in der Welt mit dem Staat teilen wollte (ihn graute bei der Vorstellung, wie die unsensiblen Herren der Geheimpolizei und der Gendarmerie diese Waffe einsetzen würden), nein, auch er selbst würde sich sicher nicht gestatten, bei einer Ermittlung einen Menschen, und sei er noch so schlecht, mittels chemischer Einwirkung zu manipulieren. Immanuel Kant, der sagte, dass man die Menschen nicht als Mittel zum Zweck benutzen dürfe, würde das wohl kaum gutheißen – und nach einem Jahr philosophischer Studien betrachtete Fandorin den Königsberger Weisen als höchste moralische Autorität. Darum war die Erforschung des »Aufrichtigkeitsproblems« für Erast Petrowitsch eher abstrakter wissenschaftlicher Natur.

Offen blieb allerdings die Frage, inwieweit die Anwendung der neuen Methode bei der Verfolgung von besonders üblen Taten und von Verbrechen, die eine echte Gefahr für Staat und Gesellschaft bargen, ethisch vertretbar war.

 

Just darüber dachte Fandorin seit drei Tagen angestrengt nach – seit er vom Attentat auf Premierminister Stolypin erfahren hatte. Am Abend des 1. September hatte ein junger Mann in Kiew zwei Mal auf den obersten russischen Politiker geschossen.

Vieles an diesem Ereignis wirkte geradezu phantasmagorisch. Erstens hatte sich das blutige Drama nicht irgendwo abgespielt, sondern im Theater, vor den Augen eines vielköpfigen Publikums. Zweitens lief ein recht heiteres Stück – »Das Märchen vom Zaren Saltan«. Drittens war nicht nur der Märchenzar zugegen, sondern auch der echte, und den rührte der Attentäter nicht an. Viertens wurde das Theater so streng bewacht, dass kein Gwidon1 dort hätte eindringen können, auch nicht in eine Mücke verwandelt. Die Zuschauer wurden nur mit von der Geheimpoliziei ausgestellten persönlichen Besucherkarten eingelassen. Fünftens – und das war am unglaublichsten – besaß der Terrorist eine solche Besucherkarte, und die war nicht einmal gefälscht, sondern echt. Sechstens hatte der Täter nicht nur in das Theater gelangen, sondern auch noch eine Handfeuerwaffe einschmuggeln können.

Nach den Informationen zu urteilen, die Erast Petrowitsch erreichten (und seine Quellen waren zuverlässig), machte der Verhaftete keinerlei Aussagen, die dieses Rätsel zu lösen vermochten. Hier wären die neuen Vernehmungsmethoden sehr hilfreich gewesen!

Während das Regierungsoberhaupt im Sterben lag (die Verwundung war leider tödlich), während unfähige Ermittler sinnlos Zeit verloren, bebte und schwankte das ohnehin von zahlreichen Problemen heimgesuchte Riesenreich – womöglich würde es unversehens stürzen, wie ein überladenes Fuhrwerk, das in einer scharfen Kurve seinen Kutscher verloren hat. Allzu viel bedeutete Pjotr Stolypin für den Staat.

Fandorins Verhältnis zu diesem Mann, der fünf Jahre lang fast uneingeschränkt Russland regiert hatte, war kompliziert. Erast Petrowitsch schätzte den Mut und die Entschlossenheit des Premiers, hielt jedoch vieles an Stolypins Kurs für falsch, ja für gefährlich. Dennoch stand für ihn außer Zweifel, dass Stolypins Tod ein empfindlicher Schlag für den Staat war und das Land dadurch in ein neues Chaos zu sinken drohte. Vieles hing jetzt von einer raschen und effektiven Aufklärung ab.

Fandorin war sicher, dass man ihn als Experten hinzuziehen würde. Das war auch früher häufig geschehen, wenn die Ermittlungen in einem außerordentlichen Fall stagnierten, und etwas Außerordentlicheres und Wichtigeres als das Kiewer Attentat war schwer vorstellbar. Zumal Erast Petrowitsch den Premierminister persönlich gekannt hatte – er hatte mehrfach auf dessen Bitte an kniffligen oder besonders heiklen staatswichtigen Ermittlungen mitgewirkt.

 

Die Zeiten, da Fandorin aufgrund eines Konflikts mit den Mächtigen gezwungen gewesen war, sein Land und seine Heimatstadt für viele Jahre zu verlassen, waren längst vorbei. Fandorins persönlicher Widersacher, einst der mächtigste Mann in der alten Hauptstadt (besser gesagt, das, was von seinem kaiserlichen Leib übrig war), ruhte seit langem in einer pompösen Gruft, von den Bewohnern der Stadt nicht übermäßig betrauert. Nichts hinderte Fandorin, so viel Zeit in Moskau zu verbringen, wie er wollte. Nichts – außer seinem Hang zu Abenteuern und neuen Eindrücken.

Wenn Fandorin sich in der Stadt aufhielt, mietete er stets ein Gartenhaus in der Maly-Uspenski-Gasse, die im Volksmund Swertschkow-Gasse hieß. Vor langer Zeit, vor rund zweihundert Jahren, hatte ein gewisser Kaufmann Swertschkow2 hier ein Steinhaus errichtet. Der Kaufmann war lange tot, das Palais hatte mehrfach den Besitzer gewechselt, doch der anheimelnde Name hielt sich noch immer im Moskauer Gedächtnis. Hier erholte sich Fandorin von seinen Reisen und Forschungen und lebte ruhig und still – wie ein Heimchen hinterm Ofen.

Das Haus war bequem und für zwei Personen recht geräumig: sechs Zimmer, Bad, Wasserleitung, Strom, Telefon – für 135 Rubel im Monat, inklusive der Kohle für die holländischen Kachelöfen. In diesen Wänden absolvierte Fandorin den größten Teil seines intellektuellen und sportlichen Programms. Hin und wieder stellte er sich mit Behagen vor, wie er sich eines Tages, wenn er der Reisen und Abenteuer überdrüssig war, für immer in der Swertschkow-Gasse niederlassen und sich ganz dem interessanten Prozess des Alterns hingeben würde.

Eines Tages. Noch nicht jetzt. Noch nicht so bald. Wahrscheinlich mit über siebzig.

Von Überdruss war Erast Petrowitsch einstweilen weit entfernt. Jenseits des Heimchenofens gab es noch zu viele rasend interessante Orte, Ereignisse und Phänomene. Manche Tausende Kilometer entfernt, manche mehrere Jahrhunderte.

Vor rund zehn Jahren hatte Fandorin begonnen, sich für die Unterwasserwelt zu interessieren. Er hatte sogar ein eigenes Tauchboot entworfen und gebaut, das auf der entfernten Insel Aruba lag und dessen Konstruktion er ständig verbesserte. Das erforderte enorme Ausgaben, doch nachdem Erast Petrowitsch mit Hilfe des Unterseebootes eine wertvolle Fracht vom Meeresboden hatte bergen können, hatte das Hobby sich nicht nur mehr als rentiert, sondern ihn darüber hinaus auch der Notwendigkeit enthoben, von Honoraren für Ermittlungen und detektivisch-kriminalistische Beratungen zu leben.

Nun übernahm er nur noch die interessantesten Fälle oder solche, die er aus verschiedenen Gründen nicht ablehnen konnte. Jedenfalls war der Status eines Mannes, der jemandem einen Gefallen oder einen Dienst erwies, weit angenehmer als der eines noch so geschätzten bezahlten Dienstleisters.

Seine Ruhe hatte Fandorin nur selten und nie für lange. Das verdankte er dem Ruf, den er sich in internationalen Profikreisen in den letzten zwanzig Jahren erworben hatte. Seit dem unseligen japanischen Krieg suchte auch sein eigener Staat häufig die Hilfe des unabhängigen Experten. Manchmal lehnte Erast Petrowitsch ab – seine Vorstellungen von Gut und Böse deckten sich nicht immer mit denen der Regierung. Zum Beispiel übernahm er höchst ungern innenpolitische Fälle, es sei denn, es handelte sich um eine besonders üble Tat.

Das Attentat auf den Premier roch nach einer solchen üblen Geschichte. Es gab dabei verdächtig viele unerklärliche Merkwürdigkeiten. Nach Fandorins vertraulich eingeholten Informationen waren gewisse Kreise in Petersburg derselben Ansicht. Freunde aus der Hauptstadt hatten Fandorin per Telefon mitgeteilt, dass der Justizminister am Vortag nach Kiew gereist sei, um die Ermittlungen persönlich zu leiten. Das bedeutete, dass er kein Vertrauen hatte zur Geheimpolizei und dem Polizeidepartement. Heute oder morgen würde man den »unabhängigen Experten« Fandorin hinzuziehen. Wenn nicht, konnte das nur bedeuten, dass die Fäulnis im Staatsapparat auch die oberste Spitze durchdrungen hatte …

 

Erast Petrowitsch wusste bereits, wie er vorgehen würde.

Über den Einsatz chemischer Mittel musste er noch nachdenken, psychologische und hypnotische Methoden aber konnte man bei dem Täter durchaus anwenden. Vermutlich würden diese genügen. Der Terrorist Bogrow sollte vor allem eines gestehen: wessen Werkzeug er war, wer ihm die Besucherkarte besorgt und ihn mit einem Revolver ins Theater gelassen hatte.

Außerdem wäre es nicht übel, den Chef der Kiewer Geheimpolizei, Oberstleutnant Kuljabko, und den für die Sicherheitsmaßnahmen zuständigen Vizedirektor des Polizeidepartements, Staatsrat Werigin, zum Reden zu bringen. Bei diesen beiden in höchstem Maße verdächtigen Herren musste man eingedenk ihrer Tätigkeit und ihrer allgemeinen Unsensibilität nicht sonderlich heikel sein. Hypnotisieren würden sie sich wohl kaum lassen, aber er konnte sich mit jedem zu einem Tete-à-tete in inoffiziellem Rahmen verabreden und dem Oberstleutnant ein geheimes Präparat in seinen geliebten Kognak und dem Nichttrinker Werigin in den Tee tröpfeln. Dann würden sie schon von der rätselhaften Besucherkarte erzählen und auch, warum in der Pause kein einziger Leibwächter bei dem Premier gewesen war. Und das, obwohl Stolypin schon seit Jahren von Sozialrevolutionären, Anarchisten und Einzelkämpfern gegen die Tyrannei gejagt wurde.

 

Der Gedanke, in das Attentat auf das Regierungsoberhaupt könnten die für die Sicherheit des Imperiums verantwortlichen Organe involviert sein, ließ Fandorin schaudern. Seit drei Tagen tigerte er unruhig durch die Wohnung, ließ seine Jadekette durch die Finger gleiten oder zeichnete allein ihm selbst verständliche Schemata. Dabei rauchte er Zigaretten und verlangte ständig nach Tee, aß jedoch fast nichts.

Masa – Diener, Freund und einziger ihm nahestehender Mensch – wusste sehr gut, dass er seinen Herrn in diesem Zustand lieber in Ruhe ließ. Der Japaner war die ganze Zeit in Fandorins Nähe, kam ihm jedoch nicht unter die Augen und verhielt sich mucksmäuschenstill. Er sagte zwei Rendezvous ab und schickte die Hauswartsfrau mehrfach zum Kaufmann nach Tee. Die schmalen Augen des Asiaten funkelten leidenschaftlich – Masa erwartete interessante Ereignisse.

Im vorigen Jahr war auch Fandorins treuer Vertrauter fünfzig geworden und diesem Meilenstein mit echt japanischem Ernst begegnet. Er hatte sein Leben noch radikaler geändert als sein Herr. Erstens hatte er sich, der alten Tradition folgend, den Kopf kahlgeschoren – zum Zeichen, dass er innerlich in einen mönchischen Zustand wechselte und sich, um sich auf das Jenseits vorzubereiten, von allem Eitlen lossagte. Allerdings hatte Fandorin nicht feststellen können, dass Masa seine Liebesgewohnheiten geändert hätte. Aber die Regeln der japanischen Mönche verlangten ja keine körperliche Enthaltsamkeit.

Zweitens hatte Masa beschlossen, einen neuen Namen anzunehmen, um sich endgültig von seinem früheren Ich zu lösen. Hier ergab sich eine Schwierigkeit: Es stellte sich heraus, dass man nach den Gesetzen des Russischen Reichs seinen Namen nur bei der Taufe ändern konnte. Doch dieses Hindernis schreckte den Japaner nicht ab. Mit Vergnügen wechselte er zum orthodoxen Glauben, hängte sich ein gewaltiges Kreuz um und bekreuzigte sich inbrünstig vor jeder Kirchenkuppel und bei jedem Glockenläuten, was ihn jedoch nicht hinderte, nach wie vor Räucherstäbchen vor seinem heimischen buddhistischen Altar abzubrennen. Auf dem Papier hieß er nun nicht mehr Masahiro, sondern Michail Erastowitsch (nach seinem Taufpaten). Fandorin musste mit dem frischgebackenen Knecht Gottes auch seinen Familiennamen teilen – der Japaner hatte ihn darum gebeten, als höchste Auszeichnung, die ein treuer Vasall für lange, eifrige Dienste von seinem Herrn bekommen kann.

Doch Papiere hin oder her, Erast Petrowitsch hatte sich das Recht ausgebeten, seinen Diener weiterhin Masa zu nennen. Und unterband gnadenlos jeden Versuch seines Patensohnes, ihn »Otoo-san« (Vater) zu nennen oder gar »Batjuschika«3.

 

Erast Petrowitsch und Michail Erastowitsch saßen nun also vier Tage ununterbrochen zu Hause und blickten in Erwartung eines Anrufs immer wieder ungeduldig zum Telefon. Der lackierte Kasten blieb stumm. Mit Lappalien wurde Fandorin selten behelligt, kaum jemand kannte seine Telefonnummer.

Am Montag, dem 5. September, um drei Uhr nachmittags, klingelte das Telefon endlich.

Masa packte den Hörer – er polierte den Apparat gerade mit einem Samttuch, als wolle er den launischen Gott gnädig stimmen.

Fandorin ging ins Nebenzimmer und trat ans Fenster, um sich innerlich auf die wichtige Unterredung einzustimmen. Ich muss maximale Vollmachten verlangen und absolute Handlungsfreiheit, dachte er. Oder ablehnen. Das erstens …

Masa schaute zur Tür herein. Sein Gesicht wirkte konzentriert.

»Ich weiß nicht, auf wessen Anruf Sie all die Tage gewartet haben, Herr, aber ich vermute, das ist er. Die Stimme der Dame zittert. Sie sagt, die Sache sei dringend, von auße-le-ohden-te-licheh Wichtige-keite.« Die letzten Worte hatte Masa auf Russisch gesagt.

»Eine Dame?«, fragte Erast Petrowitsch erstaunt.

»Hat gesagt, ›Oliga‹.«

Vatersnamen hielt Masa für unnütze Dekoration, darum merkte er sie sich selten und ließ sie häufig weg.

Fandorins Verwunderung legte sich. Olga … Natürlich. Das war zu erwarten gewesen. In einem so verworrenen Fall mit womöglich unvorhersehbaren Komplikationen wollte die Regierung nicht direkt eine Privatperson um Hilfe bitten. Es war angemessener, über die Familie zu gehen. Mit Olga Borissowna Stolypina, der Frau des verwundeten Premierministers, einer Urenkelin des großen Feldherrn Suworow, war Fandorin bekannt. Eine starke, kluge Frau, sie ließ sich von keinem Schicksalsschlag unterkriegen.

Sie wusste natürlich, dass sie sehr bald Witwe sein würde. Es war nicht ausgeschlossen, dass sie aus eigenem Antrieb anrief, weil sie spürte, dass die offiziellen Ermittlungen schleppend verliefen.

Nach einem tiefen Seufzer griff Erast Petrowitsch zum Telefon. »Fandorin. Ich höre.«

Ach, wie unschön!

»Erast Petrowitsch, um meinetwillen, um unserer Freundschaft willen, um der Barmherzigkeit willen, zu guter Letzt um meines toten Mannes willen, weisen Sie mich nicht ab!«, sagte eine klangvolle, Fandorin zweifellos bekannte, wenn auch von Erregung entstellte Frauenstimme. »Sie sind ein nobler und hilfsbereiter Mensch, ich weiß, Sie werden mich nicht abweisen!«

»Er ist also gestorben …« Fandorin senkte den Kopf, obgleich die Witwe das nicht sehen konnte, und sagte mit aufrichtigem Gefühl: »Nehmen Sie mein t-tiefempfundenes Beileid entgegen. Das ist nicht nur Ihr persönlicher Kummer, sondern ein gewaltiger Verlust für ganz Russland. Sie sind ein starker Mensch. Ich weiß, Sie werden nicht den Kopf verlieren. Und ich meinerseits werde selbstverständlich alles tun, was ich kann.«

Nach einer kurzen Pause entgegnete die Dame leicht verwirrt:

»Ich danke Ihnen, aber ich habe mich bereits daran gewöhnt. Die Zeit heilt alle Wunden …«

»Die Zeit?«

Erast Petrowitsch starrte verwundert auf das Telefon.

»Nun ja. Immerhin ist Anton Pawlowitsch schon seit sieben Jahren tot … Hier ist Olga Leonardowna Knipper-Tschechowa. Ich habe Sie wohl geweckt?«

Ach, wie unschön! Fandorin warf einen wütenden Blick auf den unschuldigen Masa und errötete. Kein Wunder, dass ihm die Stimme bekannt vorgekommen war. Mit der Witwe des Schriftstellers verband ihn eine langjährige freundschaftliche Beziehung – sie waren beide Mitglieder der Kommission zur Verwaltung des Tschechowschen Erbes.

»Um Himmels w-willen, v-verzeihen Sie!«, rief er, heftiger stotternd als üblich. »Ich hielt Sie für … Unwichtig …«

Durch das dumme, im Grunde komische Missverständnis befand sich Fandorin bei diesem Gespräch von Anfang an in der Position des Schuldigen, der sich rechtfertigte. Anderenfalls hätte er auf die Bitte der Schauspielerin vermutlich mit einer höflichen Absage reagiert, und sein ganzes weiteres Leben wäre anders verlaufen.

Doch Erast Petrowitsch war verlegen, und das Wort eines Ehrenmannes war kein Spatz, es ließ sich nicht zurückholen.

»Werden Sie wirklich alles für mich tun, was Sie können? Ich nehme Sie beim Wort«, sagte Olga, bereits weniger erregt. »Da ich Sie als Ritter und Ehrenmann kenne, bin ich sicher, dass die Geschichte, die ich Ihnen erzählen will, Sie nicht gleichgültig lassen wird.«

Übrigens wäre es Fandorin auch ohne den konfusen Beginn dieses Gesprächs nicht leichtgefallen, dieser Frau ihre Bitte abzuschlagen.

In der Gesellschaft wurde das Verhalten von Tschechows Witwe missbilligt. Es galt als guter Ton, sie zu verurteilen, weil sie es vorgezogen hatte, auf der Bühne zu glänzen und die Zeit fröhlich mit ihren Freunden vom Künstlertheater zu verbringen, statt den todkranken Schriftsteller in seiner traurigen Einsamkeit in Jalta zu pflegen. Sie hatte ihn nicht geliebt, nein, sie hatte ihn nicht geliebt! Sie hatte den Sterbenden aus kalter Berechnung geheiratet, um an Tschechows Ruhm teilzuhaben, zugleich ihren eigenen zu mehren und sich überdies für ihre Bühnenkarriere den berühmten Namen zu sichern – so das allgemeine Urteil.

Erast Petrowitsch empörte diese Ungerechtigkeit. Tschechow war ein reifer und kluger Mann gewesen. Er wusste, dass er nicht irgendeine Frau heiratete, sondern eine große Schauspielerin. Olga Leonardowna war bereit gewesen, die Bühne aufzugeben, um ständig bei ihm zu sein, aber was taugte ein Mann, der dieses Opfer annahm? Lieben hieß, dem Geliebten Glück zu wünschen. Ohne Großmut war Liebe keinen Groschen wert. Dass die Frau ihrem Mann den Sieg in diesem Großmut-Wettbewerb überlassen hatte, war richtig. Und unmittelbar vor seinem Tod war sie bei ihm gewesen und hatte ihm das Sterben erleichtert. Sie hatte erzählt, dass er am letzten Abend viel gescherzt habe und sie beide herzlich gelacht hätten. Was konnte man sich mehr wünschen? Ein guter Tod. Niemand hatte das Recht, diese Frau zu verurteilen.

Diese Gedanken gingen Erast Petrowitsch wieder einmal durch den Kopf, während er dem stockenden, verworrenen Bericht der Schauspielerin lauschte. Sie sprach von einer gewissen Elisa, einer Freundin, offenbar auch Schauspielerin. Dieser Elisa war etwas passiert, wodurch »die Ärmste in ständiger Todesangst schwebt«.

»Ich bitte um Verzeihung«, schaltete sich Erast Petrowitsch ein, als die Anruferin innehielt, um aufzuschluchzen. »Ich v-verstehe nicht ganz, Altaïrskaja und Lointaine – ist das eine Person oder sind das zwei?«

»Eine! Elisa Altaïrskaja-Lointaine, das ist ihr voller Name. Früher war ihr Bühnenpseudonym Lointaine, dann hat sie geheiratet und wurde eine Altaïrskaja, nach ihrem Mann. Allerdings haben sie sich schon bald wieder getrennt, aber Sie müssen zugeben, für eine Schauspielerin wäre es dumm gewesen, auf einen so schönen Namen zu verzichten.«

»Trotzdem habe ich nicht ganz …« Fandorin runzelte die Stirn. »Diese Dame hat vor irgendetwas Angst, Sie haben ihren nervlichen Zustand sehr anschaulich beschrieben. Aber was genau macht ihr Angst?«

Und vor allem: Was wollen Sie von mir, setzte er in Gedanken hinzu.

»Das sagt sie nicht, das ist es ja! Elisa ist sehr verschlossen, sie klagt nie. Eine Seltenheit bei einer Schauspielerin! Aber gestern hat sie mich besucht, wir haben uns sehr angenehm unterhalten, und plötzlich brach es aus ihr heraus. Sie fing an zu schluchzen, warf sich an meine Brust, stammelte, ihr Leben sei ein Alptraum, sie würde es nicht mehr aushalten, sie fühle sich gehetzt und gequält. Doch als ich genauer nachfragte, wurde Elisa schrecklich blass, biss sich auf die Lippen, und ich bekam kein Wort mehr aus ihr heraus. Offensichtlich bereute sie ihre Offenheit. Schließlich stammelte sie etwas Unverständliches, bat mich, ihre kurzzeitige Schwäche zu entschuldigen, und lief davon. Ich habe die Nacht nicht geschlafen und fand den ganzen Tag keine Ruhe! Ach, Erast Petrowitsch, ich kenne Elisa schon sehr lange. Sie ist nicht hysterisch und phantasiert sich nichts zusammen. Ich bin sicher, ihr droht Gefahr, und zwar eine, von der sie nicht einmal ihrer Freundin erzählen kann. Im Namen all dessen, was uns verbindet, flehe ich Sie an: Finden Sie heraus, was da los ist. Für Sie ist das eine Kleinigkeit, Sie sind schließlich ein Meister im Lüften von Geheimnissen. Sie haben so genial das verschwundene Manuskript von Anton Pawlowitsch wiedergefunden!«, erinnerte sie Fandorin an die Geschichte, mit der ihre Bekanntschaft begonnen hatte, und er verzog das Gesicht ob dieser unverhüllten Schmeichelei. »Ich werde Sie in Elisas Kreise einführen. Sie ist im Moment die Jugendliche Heldin in der »Arche Noah«.

»Was? W-wo?«, fragte Erast Petrowitsch erstaunt.

»Sie spielt im Rollenfach Jugendliche Heldin in diesem neumodischen Theater, das versucht, dem Künstlertheater Konkurrenz zu machen«, erklärte Olga. In ihrem Ton schwang leichte Herablassung mit – gegenüber Fandorins Unwissenheit oder gegenüber jenen Toren, die sich erdreisteten, mit dem großen Künstlertheater zu konkurrieren. »Die ›Arche Noah‹ ist auf Gastspiel aus Petersburg angereist, um das Moskauer Publikum zu verblüffen und zu erobern. Man bekommt keine Karten dafür, aber ich habe alles arrangiert. Sie werden auf dem besten Platz sitzen, damit Sie sich alle dort genau ansehen können. Und anschließend gehen Sie hinter die Kulissen. Ich rufe Noah Nojewitsch an (das ist der Direktor, Noah Nojewitsch Stern) und bitte ihn, Sie in allem voll zu unterstützen. Er umwirbt mich schon eine Weile, er hofft, mich zu sich zu locken, er wird meine Bitte also ohne überflüssige Fragen erfüllen.«

Erast Petrowitsch trat ärgerlich gegen ein Stuhlbein, woraufhin es in der Mitte brach. Eine alberne, lächerliche Angelegenheit, die hypochondrischen Launen einer Diva mit unmöglichem Namen, aber eine Absage war völlig ausgeschlossen. Und das, da er jeden Moment damit rechnete, zu den Ermittlungen in einem historischen, ja epochalen Fall hinzugezogen zu werden!

Zungenschnalzend griff Masa nach dem beschädigten Möbelstück. Er versuchte, sich darauf zu setzen, und der Stuhl kippte.

»Sie schweigen? Sie werden mir meine Bitte doch nicht etwa abschlagen? Wenn auch Sie mich im Stich lassen, das überlebe ich nicht!«, sagte die Witwe des großen Autors im Tonfall der Arkadina, die Trigorin4 beschwört.

»Wie k-könnte ich es wagen«, entgegnete Erast Petrowitsch trübsinnig. »Wann soll ich im Theater sein?«

»Sie sind ein Schatz! Ich wusste, dass ich mich auf Sie verlassen kann! Die Vorstellung beginnt um acht. Ich erkläre Ihnen alles …«

Halb so schlimm, beruhigte sich Fandorin. Schließlich verdient es diese bemerkenswerte Frau, dass ich einen Abend für ihre Launen opfere. Sollte allerdings ein Anruf wegen des Falls Stolypin kommen, erkläre ich ihr, dass es sich um ein staatswichtiges Problem handelt …

Doch bis zum Abend kam kein Anruf – weder aus Petersburg noch aus Kiew. Erast Petrowitsch band eine weiße Krawatte um und begab sich, vergebens gegen seine Gereiztheit ankämpfend, ins Theater. Masa schärfte er ein, sich nicht vom Telefon zu entfernen und im Fall des Falles mit dem Motorrad zum Theater zu eilen.

Der Tag des Gedenkens an Elisabeth

Fandorin selbst nahm eine Droschke, weil er wusste, dass er zu der Stunde, da im Bolschoi, im Maly und im Neuen Theater gleichzeitig die Vorstellungen begannen, sein Automobil auf dem Theaterplatz nirgends abstellen konnte. Beim letzten Mal, bei einem Besuch von Wagners »Walküre«, hatte er seinen Isotta-Fraschini unvorsichtigerweise zwischen zwei Kutschen geparkt, und ein heißblütiger Traber hatte mit einem Tritt mit dem dornengespickten Huf den verchromten Kühler zertrümmert – es hatte zwei Monate gedauert, bis aus Mailand ein neuer eintraf.

In den wenigen Stunden seit dem Anruf der Schauspielerin hatte Erast Petrowitsch einige Informationen über das Theater zusammengetragen, in dem er den Abend verbringen sollte.

Er wusste nun, dass die Truppe, die letzte Saison in Sankt-Petersburg entstanden war, in der ersten Hauptstadt bereits Furore gemacht, das Publikum bezaubert und die Kritiker in zwei unversöhnliche Fraktionen gespalten hatte, von denen die eine das Genie des Regisseurs Stern in den Himmel hob, die andere dagegen ihn einen »Scharlatan der Kunst« nannte. Viel wurde auch über Elisa Altaïrskaja-Lointaine geschrieben, doch hier sah das Meinungsspektrum ein wenig anders aus: es reichte von verzückter Bewunderung bei wohlwollenden Kritikern bis hin zu Bedauern bei boshaften – schade um das Talent der großartigen Schauspielerin, die ihre Gabe in den prätentiösen Aufführungen des Herrn Stern ruinieren muss.

Jedenfalls war über die »Arche Noah« viel und leidenschaftlich geschrieben worden, nur las Fandorin normalerweise die Zeitungen nie bis zu der Seite, auf der Neuigkeiten aus dem Theater besprochen wurden. Erast Petrowitsch schätzte die Schauspielkunst leider nicht, er interessierte sich nicht dafür, und wenn er doch einmal ins Theater ging, dann ausschließlich in die Oper oder ins Ballett. Theaterstücke las er lieber selbst, um sich den Eindruck nicht durch die Ambitionen eines Regisseurs oder durch schlechtes Spiel verderben zu lassen (denn selbst in der besten Inszenierung gibt es immer jemanden, der gekünstelt spielt und damit alles verdirbt). Fandorin betrachtete das Theater als eine zum Aussterben verurteilte Kunst. Wenn die Kinematographie sich erst richtig entwickelte, sich Ton und Farbe erschloss – wer würde dann noch viel Geld ausgeben, um sich Pappkulissen anzuschauen und so zu tun, als höre er das Flüstern des Souffleurs nicht, als entgingen ihm das Wehen des Vorhangs und das vorgerückte Alter der Jugendlichen Heldin?

Für das Moskauer Gastspiel hatte die »Arche Noah« das Gebäude des ehemaligen Neuesten Theaters gepachtet, das jetzt einer gewissen »Gesellschaft für Theater und Kinematographie« gehörte.

Auf dem berühmten Theaterplatz angelangt, musste Erast Petrowitsch bereits am Brunnen aussteigen – bis zum Theater vorzufahren war aufgrund der Ansammlung von Kutschen und Zuschauern unmöglich. Dabei fiel ins Auge, dass das Gedränge vor dem Neuesten Theater weit dichter war als vor dem gegenüberliegenden Maly-Theater mit seinem ewigen »Gewitter«5 und selbst als vor dem Bolschoi, das die Saison mit der »Götterdämmerung« eröffnete.

Wie geplant ging Fandorin zunächst zum Anschlag, um sich anzuschauen, wer alles zur Truppe gehörte. Vermutlich beruhten die herzzerreißenden Leiden der Diva, wie üblich in der Theaterwelt, auf Intrigen eines Kollegen. Um das schreckliche Geheimnis zu lüften und die alberne Geschichte so rasch wie möglich abzuschließen, musste er sich zunächst die Namen der Akteure notieren.

Der Titel des Stücks verdarb dem Theatergänger wider Willen endgültig die Laune. Mit finsterem Blick betrachtete er das affige Plakat mit den Vignetten und sagte sich, dass der Abend noch quälender zu werden versprach als vermutet.

Erast Petrowitsch verabscheute die Karamsin-Erzählung »Die arme Lisa«, die als Meisterwerk des Sentimentalismus galt, und zwar aus persönlichen, äußerst gewichtigen Gründen, die nichts mit Literatur zu tun hatten. Noch mehr schmerzte es ihn, zu lesen, die Aufführung sei »dem Gedenken an die heilige Elisabeth« gewidmet.

Just in diesem Monat ist es fündunddreißig Jahre her, dachte Fandorin, schloss für einen Moment die Augen und schüttelte sich, um die schreckliche Erinnerung zu vertreiben.

Um sich davon zu lösen, ließ er seiner Gereiztheit freien Lauf.

»Was für eine alberne Phantasie – im z-zwanzigsten Jahrhundert solchen altmodischen Quatsch aufzuführen!«, murmelte er. »Und wo ist da genug Stoff für eine ›Tragödie in drei Akten‹, selbst ohne Pause? Und dafür nehmen sie auch noch erhöhte Preise!«

»Wünschen Sie eine Karte, mein Herr?« Ein Mann mit einer über die Augen gezogenen Schirmmütze fasste ihn unter. »Ich habe eine Karte fürs Parkett. Ich wollte die Vorstellung selbst besuchen, muss aber aus familiären Gründen leider darauf verzichten. Ich kann sie Ihnen überlassen. Ich habe sie aus dritter Hand, sie ist also, verzeihen Sie, recht teuer.« Mit einem raschen Blick streifte er den Londoner Smoking, die geometrisch perfekten Kragen und die schwarze Perle in der Krawatte. »Fünfundzwanzig …«

Unerhört! Fünfundzwanzig Rubel, und das nicht einmal für einen Logenplatz, sondern fürs Parkett! In einem höchst boshaften Artikel über das Gastspiel der »Arche Noah«, betitelt mit »Erhöhte Preise«, hatte Fandorin von den exorbitant teuren Karten für die Vorstellungen der gastierenden Truppe gelesen. Ihr Leiter, Herr Stern, besaß großes unternehmerisches Talent. Er hatte sich eine höchst effektive Methode des Kartenverkaufs ausgedacht. Die Plätze in den Logen, im Parkett und im ersten Rang kosteten doppelt oder sogar dreimal so viel wie üblich, dafür gelangten der zweite Rang und die Galerie gar nicht in den Verkauf, sondern wurden für geringes Entgelt unter der studierenden Jugend verlost. Die Lose für Studenten und höhere Töchter kosteten fünfzig Kopeken; jedes zehnte Los gewann. Der glückliche Gewinner konnte entweder selbst in das Theater gehen, über das so viel geredet und geschrieben wurde, oder seine Karte vor der Vorstellung verkaufen und mit seinen fünfzig Kopeken einen ordentlichen Gewinn machen.

Diesen Einfall, der den Verfasser des Zeitungsartikels zutiefst empört hatte, fand Fandorin ziemlich klug. Erstens kosteten so die billigsten Plätze bei Stern trotzdem zehn Rubel (wie ein guter Parkettplatz im Bolschoi). Zweitens redete das ganze studentische Moskau über die »Arche Noah«. Drittens saßen in jeder Vorstellung viele junge Leute, und deren Begeisterung fördert den Erfolg eines Theaters am meisten.

 

Ohne den Spekulanten einer Antwort zu würdigen, schritt Erast Petrowitsch finster entschlossen auf eine Tür mit der Aufschrift »Verwaltung« zu. Hätte Fandorin seine Karte drinnen abholen müssen, wäre er umgekehrt und gegangen. Um keinen Preis hätte er sich an den vielen Leuten vorbeigedrängt. Aber Olga Leonardowna hatte gesagt: »Fünf Schritte neben der Tür, auf der Treppe, wird ein Mann mit grünem Portefeuille stehen …«

Tatsächlich: Genau fünf Schritte entfernt von der die Tür belagernden Menge stand, an die Wand gelehnt, ein breitschultriger Mann in einem Nadelstreifen-Anzug, der einen gewissen Kontrast zu seinem derben, wie aus braunem Lehm geformten Gesicht bildete. Ungerührt, die lärmenden Liebhaber der Melpomene gleichgültig ignorierend, stand der Mann da und pfiff vor sich hin, ein auffälliges grünes Portefeuille unter den Arm geklemmt.

Fandorin konnte nicht gleich zu dem gestreiften Herrn vordringen; ständig drängelten sich andere vor. Sie hatten allesamt eine diffuse Ähnlichkeit mit dem Gauner, der Erast Petrowitsch fünfundzwanzig Rubel für eine Karte abknöpfen wollte – sie waren ebenso flink, huschten umher wie Schatten und sprachen hastig und gedämpft.

Der Besitzer des grünen Portefeuilles fertigte sie rasch ab, ohne ein einziges Wort – er pfiff nur. Bei dem einen kurz und spöttisch, woraufhin derjenige unverzüglich verschwand. Beim nächsten drohend – und derjenige zog sich zurück. Beim dritten wohlwollend.

Der Chef der Schwarz- und Zwischenhändler, konstatierte Fandorin. Schließlich hatte er die Kunstpfeiferei und das unablässige hin und her Gerenne satt. Er trat auf die Treppe, hielt den nächsten der wie aus dem Nichts auftauchenden Schatten an der Schulter zurück und sagte, wie ihm aufgetragen worden war:

»Ich komme von Frau Knipper.«

Zum Antworten kam der Pfeifer nicht. Erneut schob sich jemand zwischen ihn und Fandorin, der ihn jedoch nicht bei der Schulter oder einem anderen Körperteil packte – aus Respekt vor seiner Uniform. Es war ein Offizier, ein Husarenkornett, überdies ein Gardeoffizier.

»Sila Jegorowitsch, ich flehe Sie an!«, rief der junge Mann, die vollkommen irren Augen auf den gestreiften Herrn gerichtet. »Im Parkett! Nicht weiter hinten als sechste Reihe! Ihre Leute sind total übergeschnappt, verlangen zwei Rote! Von mir aus, aber nur auf Pump. Ich hab alles, was ich hatte, für einen Blumenkorb ausgegeben. Sie wissen doch, Wladimir Limbach begleicht seine Schulden immer! Bei Gott, ich erschieße mich!«

Der Händler sah den verzweifelten Kornett träge an und stieß einen gleichgültigen Pfiff aus.

»Keine Karten mehr da. Alles ausverkauft. Ich kann dir eine Freikarte für einen Stehplatz geben, aus alter Freundschaft.«

»Ach, Sie wissen doch, als Offizier darf ich keinen Stehplatz nehmen!«

»Tja, wie Sie wollen … Einen Augenblick, mein Herr.«

Die letzten Worte wie auch das ehrerbietige Lächeln, das dem Lehmgesicht sichtlich schwerfiel, galten Erast Petrowitsch.

»Hier, bitte sehr. Eine Karte für die vierte Loge. Meine Verehrung an Olga Leonardowna. Stets gern zu Diensten.«

Begleitet vom freundlichen Pfeifen des Händlers und einem neidischen Blick des jungen Husaren, ging Fandorin zum Haupteingang.

»Na schön, geben Sie mir wenigstens den Stehplatz!«, hörte er noch.

Eine seltsame Welt

Die vierte Loge war die allerbeste. Wäre dies kein privates, sondern ein kaiserliches Theater gewesen, hieße sie vermutlich »Kaiserloge«. Die sieben Sessel mit vergoldeten Rückenlehnen – drei in der ersten Reihe, vier in der zweiten – standen ihm ganz allein zur Verfügung. Umso eindrucksvoller war der Kontrast zum übrigen Saal, wo keine Stecknadel zu Boden fallen konnte. Bis zum Beginn der Vorstellung blieben noch fünf Minuten, aber die Zuschauer saßen bereits alle auf ihren Plätzen, als fürchte jeder, es könne noch ein weiterer Anwärter auf denselben Platz erscheinen. Nicht ohne Grund: an zwei oder drei Plätzen redeten Saaldiener beruhigend auf Leute ein, die aufgeregt Karten schwenkten. Eine solche Szene spielte sich direkt unter Fandorins Loge ab. Eine füllige Dame in einer Hermelinstola rief, den Tränen nahe: »Wie – gefälscht? Wo hast du diese Karten gekauft, Jaquot?« Bei einem seriösen Herrn, stammelte der puterrote Jaquot, für fünfzehn Rubel das Stück. Die an derartige Szenen gewöhnten Saaldiener schleppten bereits zwei zusätzliche Stühle herbei.

Auf den Rängen saßen die Zuschauer noch gedrängter, manche standen sogar in den Gängen. Dort überwogen junge Gesichter, Studentenjacken und die weißen Blusen der höheren Töchter.

Um Punkt acht, sofort nach dem dritten Klingelzeichen, erlosch das Licht im Saal, und die Türen wurden fest geschlossen. Die Regel, die Vorstellung pünktlich zu beginnen und keine Verspäteten mehr einzulassen, hatte das Künstlertheater eingeführt, doch nicht einmal dort wurde sie so strikt eingehalten.

Fandorin vernahm hinter sich ein Knarren.

Wie ein Pascha in der Mitte der ersten Reihe sitzend, drehte er sich um und erblickte nicht ohne Verwunderung den jungen Husaren, der angekündigt hatte, sich zu erschießen.

Der Kornett Limbach – so hieß er wohl – flüsterte: »Sind Sie allein? Ausgezeichnet! Haben Sie etwas dagegen, wenn ich mich setze? Was wollen Sie allein mit so vielen Plätzen?«

Fandorin zuckte die Achseln – meinetwegen, warum nicht. Er rückte einen Platz nach rechts, damit sie nicht zu eng saßen. Doch der Offizier zog es vor, sich hinter ihm niederzulassen.

»Schon gut, ich sitze hier«, sagte der Kornett und packte einen Feldstecher aus.

Erneut knarrte die Logentür.

»Den schickt der Teufel! Verraten Sie mich nicht, ich gehöre zu Ihnen!«, flüsterte der Kornett Fandorin kaum hörbar ins Ohr.

Herein kam ein Mann in mittleren Jahren in Frack und gestärktem Hemd, wie Erast Petrowitsch mit einer weißen Krawatte, nur war die Perle darin nicht schwarz, sondern grau. Bankier oder erfolgreicher Anwalt, mutmaßte Fandorin nach einem kurzen Blick auf das gepflegte Bärtchen und die feierlich glänzende Glatze.

Der Eintretende verbeugte sich respektvoll.

»Zarkow. Und Sie sind ein Bekannter der unvergleichlichen Olga Leonardowna. Stets erfreut …«

Aus diesen Worten schloss Fandorin, dass Herr Zarkow der Besitzer der wundervollen Loge war und dass die Schauspielerin ihn um einen Platz gebeten hatte. Er verstand nicht ganz, was der Pfeifer mit dem grünen Portefeuille damit zu tun hatte, aber darüber wollte er sich nicht den Kopf zerbrechen.

»Gehört der junge Mann zu Ihnen?«, fragte der liebenswürdige Herr mit einem Blick auf den Kornett (der mit seinem Feldstecher den Stuck an der Decke studierte).

»Ja.«

»Nun denn, herzlich willkommen …«

In den wenigen Minuten bis zum Beginn – während das Publikum raschelte, knarrte und sich schnäuzte – erzählte der neue Nachbar Fandorin von der »Arche Noah«, und zwar mit einer solchen Sachkenntnis, dass dieser seinen ersten Eindruck revidieren musste: kein Bankier oder Anwalt, nein, vermutlich ein wichtiger Theatermann oder ein einflussreicher Kritiker.

»Die Meinungen über Sterns Talent als Regisseur sind geteilt, aber als Geschäftsmann ist er zweifellos ein Genie«, begann Zarkow gesprächig, wobei er sich ausschließlich an Fandorin richtete, als säßen sie beide allein in der Loge. Aber der Kornett Limbach schien nur froh, dass er nicht weiter beachtet wurde.

»Er hat mit seinen Vorstellungen eine Woche vor Saisonbeginn angefangen und dieses Monopol sozusagen voll genutzt. Das Publikum strömte ihm zu, erstens, weil es sonst nirgendwohin gehen konnte, zweitens startete er gleich mit drei Inszenierungen, über die in der letzten Saison ganz Petersburg gestritten hat. Zuerst zeigte er ›Hamlet‹, dann ›Drei Schwestern‹ und jetzt ›Die arme Lisa‹. Wobei er vorab erklärte, jedes Stück würde nur ein einziges Mal laufen. Und nun sehen Sie, was am dritten Abend los ist.« Der Theaterkenner wies mit einer ausholenden Geste auf den überfüllten Saal. »Das Ganze ist zudem ein hinterhältiger Schlag gegen den wichtigsten Konkurrenten, das Künstlertheater. Sie wollten nämlich in diesem Jahr das Publikum mit Neuinszenierungen von ›Drei Schwestern‹ und ›Hamlet‹ überraschen. Ich versichere Ihnen, nach Stern wird das Publikum jede Neuinterpretation, und sei sie noch so innovativ, nüchtern finden. Und ›Die arme Lisa‹, das ist schlicht eine Provokation. Weder Stanislawski6 noch Jushin7 hätten gewagt, diesen Stoff auf die Bühne zu bringen. Aber ich habe die Aufführung in Petersburg gesehen. Ich versichere Ihnen, das ist etwas! Die Lointaine als Lisa ist göttlich!« Der glatzköpfige Herr küsste seine Fingerspitzen – an einem blitzte ein beeindruckender Brillant auf.

Nein, wohl kaum ein Kritiker, dachte Erast Petrowitsch. Wie käme ein Kritiker zu einem Solitär von einem Dutzend Karat?

»Aber das Interessanteste kommt erst noch. Ich erwarte von der ›Arche‹ in dieser Saison sehr viel. Nach dem salvenartigen Auftakt mit drei Vorstellungen unterbrechen sie für einen Monat. Der schlaue Stern gibt dem Künstlertheater, dem Maly und Korsch8 Gelegenheit, dem Publikum ihre Neuheiten zu zeigen – er tritt quasi beiseite. Und danach, im Oktober, will er mit einer eigenen Premiere herauskommen und damit natürlich ganz Moskau anlocken.«

Fandorin verstand zwar wenig von den Gepflogenheiten des Theaters, doch das erschien ihm seltsam.

»A-aber erlauben Sie, das Gebäude ist doch gepachtet? Wie kann ein Theater einen ganzen Monat ohne Einnahmen auskommen?«

Zarkow zwinkerte listig.

»Die ›Arche‹ kann sich diesen Luxus leisten. Die ›Gesellschaft für Theater und Kinematographie‹ verpachtet ihnen das Gebäude mit allen Dienstleistungen für einen Rubel im Monat. Oh, Stern versteht sich einzurichten! In einem, anderthalb Monaten stellt er eine komplett neue Inszenierung auf die Beine. Noch ist unbekannt, um was für ein Stück es sich handeln wird, aber schon jetzt wird eine Karte für die Premiere mit fünfzig Rubeln gehandelt!«

»Was heißt – noch unbekannt?«

»Genau das! Er spekuliert auf den Überraschungseffekt. Morgen versammelt Stern seine Truppe, und da wird er den Schauspielern mitteilen, welches Stück sie proben werden. Übermorgen wird es in allen Zeitungen stehen. Und das Ziel ist erreicht: Das Publikum wird gespannt auf die Premiere warten. Egal, was sie inszenieren. Oh, mein lieber Herr, vertrauen Sie meinem Gefühl. Dank der ›Arche Noah‹ steht Moskau eine unerhört fruchtbare Saison bevor!«

Das sagte er mit so echtem Gefühl, dass Erast Petrowitsch seinen Nachbarn voller Respekt ansah. Eine so aufrichtige, selbstlose Liebe zur Kunst nötigte ihm unwillkürlich Achtung ab.

»Aber psst! Es geht los. Gleich kommt etwas – das wird ein Knüller!« Der Theaterfreund kicherte. »Diesen Kunstgriff hat Stern in Petersburg nicht gezeigt …«

Der Vorhang öffnete sich. Vor die gesamte Hinterbühne war ein weißes Tuch gespannt. Ein Viereck leuchtete auf. Eine Leinwand! Darauf erschien eine Kutsche mit vier Pferden. Sie galoppierten.

Eine Kombination aus Kinematographie und Theater? Interessant, dachte Erast Petrowitsch.

Der Kenner hatte recht – durch Parterre und Ränge ging ein begeistertes Raunen.

»Tja, er kann den Zuschauer vom ersten Moment an packen, der Teufel«, flüsterte Zarkow, zu Fandorin gebeugt – und schlug sich auf den Mund: Pardon, ich bin schon still.

Pastorale Musik ertönte, und auf der Leinwand erschien eine Schrift: »Eines Tages, gegen Ende der Herrschaft von Katharina der Großen, kehrte ein glänzender junger Gardeoffizier aus seinem Regiment zurück auf sein Gut …«

Die Inszenierung war höchst abwechslungsreich, mit vielen guten Einfällen, spielerisch und zugleich philosophisch, mit wunderschönen Dekorationen und Kostümen, angefertigt von einem populären Künstler der Gruppe Miriskussniki9. Die kurze Parabel vom einfachen, armen Mädchen, das sich wegen der Untreue ihres Geliebten ertränkt, war mit diversen Sujetschnörkeln angereichert. Zusätzliche Personen tauchten auf, teils gänzlich neue, teils solche, die bei Karamsin nur am Rande vorkommen. In dem Stück ging es um eine leidenschaftliche, sich über alle Verbote hinwegsetzende Liebe – schließlich gibt sich die arme Lisa ihrem Erast hin, ohne sich um Gerede oder mögliche Folgen zu scheren. Das Stück erzählte von selbstlosem weiblichem Mut und von männlicher Feigheit vor der öffentlichen Meinung; von der Schwäche des Guten und der Macht des Bösen. Letzteres verkörperten sehr lebendig und anschaulich die reiche Witwe (Lissizkaja) und der Falschspieler (Mefistow), den die Witwe anheuert, um den verliebten Erast zu ruinieren und ihn zur Heirat aus Berechnung zu zwingen.

Für die Veranschaulichung des historischen Moskau, von Landschaft und Natur wurde immer wieder die kinematographische Leinwand genutzt. Großartig war die Szene des Kampfs mit dem Geist von Lisas Vater (verkörpert von Rasumowski), der von einem hellblauen Scheinwerfer angestrahlt wurde. Beeindruckend waren auch Monolog und Tanz des Todes, der das Mädchen in den See lockt (diese Rolle spielte Herr Stern selbst).

Am meisten beeindruckte das Publikum jedoch der Trick mit der Skulptur. Fast den gesamten zweiten Akt hindurch stand eine Pan-Statue auf der Bühne, ein Sinnbild für die pastorale Sinnlichkeit der Liebeslinie. Nach einigen Minuten beachteten die Zuschauer die Statue natürlich nicht mehr und hielten sie für einen Teil des Bühnenbilds. Wie groß aber war das Entzücken, als der antike Gott am Ende des Aktes plötzlich lebendig wurde und auf seiner Flöte blies!

Zum ersten Mal erlebte Erast Petrowitsch eine Truppe, bei der keine Niveau-Unterschiede im Spiel der Akteure spürbar waren. Alle Schauspieler, selbst die Darsteller kleiner Rollen, waren tadellos. Jeder Auftritt war ein wahres Feuerwerk.

Doch die zahlreichen Vorzüge der Inszenierung blieben Fandorin so gut wie verborgen. Von dem Augenblick an, da die Elisa Altaïrskaja-Lointaine zum ersten Mal die Bühne betrat, zerfiel die Aufführung für ihn in zwei ungleiche Teile: Szenen, in denen sie mitwirkte, und solche ohne sie.

Kaum ertönte die sanfte Stimme mit einem schlichten Lied über Blumen am Feldrain, als unbarmherzige Finger das Herz des bis dahin gleichgültigen Zuschauers umklammerten. Er erkannte diese Stimme! Er glaubte sie vergessen zu haben, nun aber stellte sich heraus, dass er sich all die Jahre die Erinnerung daran bewahrt hatte!

Auch die Gestalt, der Gang, die Drehung des Kopfes – alles war ganz genau so!

»Erlauben Sie …«

Fandorin wandte sich um und entriss dem Kornett beinahe mit Gewalt den Feldstecher.

Das Gesicht … Nein, das Gesicht war anders. Aber der Ausdruck der Augen, das vertrauensvolle Lächeln, die Vorfreude auf das Glück und die Offenheit für das Schicksal! Wie konnte man das alles so glaubwürdig, so gnadenlos wiedergeben? Er kniff sogar die Augen zusammen und protestierte nicht, als der Husar ihm den Feldstecher wieder wegnahm, wobei er ärgerlich flüsterte: »Geben Sie her, geben Sie her, ich möchte sie auch bewundern!«

Zuzuschauen, wie die arme Lisa den leichtsinnigen Erast liebgewann, wie er ihre Liebe gegen andere Neigungen tauschte und sie zugrunde gehen ließ, war schmerzhaft und zugleich auch … lebensspendend – ein seltsames, aber sehr treffendes Wort. Als kratze ihm die Zeit mit scharfen Krallen die Hornhaut von der Seele, und diese beginne zu bluten, würde wieder empfindsam und schutzlos.

Noch einmal schloss Fandorin die Augen, weil er es nicht ertrug – in der Szene von Lisas Sündenfall, die der Regisseur äußerst kühn, ja, naturalistisch gestaltet hatte. Ein Scheinwerferstrahl riss einen nackten Mädchenarm mit ausgestreckten Fingern aus dem Dunkel; dann knickte er ab wie ein welker Stängel und sank nieder.

»Ach, diese Lointaine!«, rief Zarkow aus, als alle applaudierten. »Wundervoll, wie sie spielt! Nicht schlechter als die selige Kommissarshewskaja!«

Fandorin warf ihm einen wütenden Blick zu. Er fand diese Worte blasphemisch. Erast Petrowitsch ärgerte sich immer mehr über den Besitzer der Loge. Mehrmals kamen Leute herein und flüsterten mit ihm – und das nicht nur, wenn Lisa, also Elisa Lointaine, nicht auf der Bühne war. Während der musikalischen Intermezzi beugte sich der gesprächige Nachbar über die Sessellehne und teilte ihm seine Eindrücke mit oder erzählte ihm etwas über das Theater oder die Schauspieler. Über den Jugendlichen Liebhaber Smaragdow sagte er zum Beispiel geringschätzig: »Ein Partner unter ihrem Niveau.« Erast Petrowitsch fand das nicht. Er war ganz auf seiten dieser Figur, war nicht eifersüchtig, wenn der Bühnen-Erast Lisa umarmte, und hoffte entgegen jeder Logik wie ein Kind, dieser würde sich besinnen und zu seiner Geliebten zurückkehren.

Dem Geschwätz des erfahrenen Theaterliebhabers hörte Fandorin nur zu, wenn dieser über die Hauptdarstellerin sprach. Während einer langen, für Fandorin uninteressanten Szene im Spielkasino, wo ein befreundeter Offizier den Helden überredet, noch zu bleiben, und der Falschspieler ihn herausfordert, erfuhr Fandorin von Zarkow etwas über Elisa Altaïrskaja-Lointaine, das ihn finster dreinschauen ließ.

»Tja, die Lointaine ist zweifellos eine Perle von großem Wert. Gott sei Dank hat sich ein Mann gefunden, der nicht an Mitteln für eine würdige Fassung spart. Ich rede von Herrn Schustrow von der ›Gesellschaft für Theater und Kinematogeraphie‹.«

»Ist das ihr Gönner?«, fragte Erast Petrowitsch, der eine unangenehme Kälte in der Brust verspürte und sich deshalb über sich selbst ärgerte. »Wer ist er?«

»Ein höchst begabter junger Unternehmer. Hat von seinem Vater eine Lebkuchen-und-Kringel-Fabrik geerbt. Er hat in Amerika studiert und führt seine Geschäfte amerikanisch streng. Er hat sämtliche Konkurrenten niedergewalzt und dann sein Kringelreich für sehr gutes Geld verkauft. Nun baut er ein Unterhaltungsimperium auf – ein neues, zukunftsträchtiges Vorhaben. Ich glaube nicht, dass er ein Herzensinteresse an der Altaïrskaja hat. Schustrow ist kein romantischer Mann. Es geht ihm wohl eher um eine Investition, er spekuliert auf ihr künstlerisches Potenzial.«

Er redete noch weiter von den Napoleonischen Plänen des ehemaligen Kringelbäckers, doch Fandorin, nun beruhigt, hörte nicht mehr zu, unterbrach den Schwätzer sogar mit einer respektlosen Geste, als Lisa erneut die Bühne betrat.

Der zweite Logennachbar drängte Erast Petrowitsch zwar keine Gespräche auf, war ihm aber nicht minder lästig. Jeden Auftritt der Altaïrskaja-Lointaine begleitete er mit Bravo-Rufen. Von seiner lauten Stimme wurden Fandorins Ohren ganz taub. Mehrfach sagte er verärgert: »Lassen Sie das! Sie stören!«

»Pardon«, murmelte der Kornett Limbach, ohne sich von seinem gewichtigen Feldstecher zu lösen, um im nächsten Augenblick erneut loszubrüllen. »Göttlich! Bravo!«

Die Schauspielerin hatte eine Menge begeisterter Anhänger im Saal. Seltsam, dass die Ausrufe ihr Spiel nicht beeinträchtigten – sie schien sie gar nicht zu hören. Ihr Partner Smaragdow hingegen hatte, als im Saal die ersten Frauenstimmen kreischten und zischten, die Hand auf die Brust gelegt und sich verbeugt.

Unter anderen Umständen hätte diese Emotionalität des Publikums Fandorin abgestoßen, heute aber war er nicht ganz er selbst. Er hatte einen Kloß in der Kehle, und die Reaktion des Publikums erschien ihm nicht übertrieben.

Ungeachtet seiner Erregung, die weniger vom Spiel der Akteure ausgelöst worden war als von seinen Erinnerungen, registrierte Fandorin, dass die Reaktion des Saals von der psychologischen Anlage der Inszenierung vorgegeben war. Komische und sentimentale Szenen wechselten sich ab, in der Schlußszene saß das Publikum still da und schluchzte leise, und als der Vorhang fiel, ertönten donnernder Applaus und Bravorufe.

Kurz vor Ende der Vorstellung kam der gestreifte Pfeifer in die Loge und trat respektvoll hinter deren Besitzer, das grüne Portefeuille unter den Arm geklemmt und Notizbuch und Bleistift in der Hand.

»Nun denn«, sagte Zarkow zu ihm, während er beinahe lautlos in die Hände klatschte. »Ihr und Stern will ich meinen Dank persönlich abstatten. Stell mir etwas bereit, vom Besten. Smaragdow kann sich mit dir begnügen. Bring ihm meine Visitenkarte und vielleicht etwas Wein. Was trinkt er gern?«

»Bordeaux, Chateau Latour, zu fünfundzwanzig Rubel die Flasche«, sagte der Gestreifte nach einem kurzen Blick in sein Notizbuch und stieß einen leisen Pfiff aus. »Ein edler Geschmack.«

»Ein halbes Dutzend … He, Sie, nicht so laut!« Das galt dem Husaren, der, kaum war der Vorhang gefallen, immer wieder schrie: »Loin-taine! Loin-taine!«

Auch Erast Petrowitsch kränkte den Kornett.

»Geben Sie mal her.« Wieder nahm er dem Jungen den Feldstecher weg. Er wollte zu gern sehen, wie das Gesicht der erstaunlichen Schauspielerin aussah, wenn sie nicht mehr spielte.

»Aber ich muss doch sehen, wie sie meinen Korb empfängt!«

Der Offizier versuchte, Fandorin den Feldstecher zu entreißen, aber ebenso gut hätte er versuchen können, der Bronzestatue von Minin und Posharski das Schwert zu entreißen.

»Betrachten Sie es als Bezahlung für Ihren Platz«, zischte Fandorin, während er scharf stellte.

Nein, sie ist ihr kein bisschen ähnlich, sagte er sich. An die zehn Jahre älter. Und ihr Gesicht ist nicht oval, sondern eher eckig. Und ihre Augen sind nicht jung, sondern müde. Ach, was für Augen …

Er ließ den Feldstecher sinken, plötzlich von einem unerklärlichen Schwindelgefühl erfasst. Das war ja ganz was Neues!

Die Schauspieler traten zum Applaus nicht wie üblich einzeln vor den Vorhang, sondern alle zusammen: Vorn die Hauptdarstellerin und der Erste Herr, dahinter alle übrigen. Der Darsteller des Todes, also Noah Stern selbst, erschien gar nicht – er glänzte sozusagen durch Abwesenheit.

Unter unaufhörlichem Beifall trugen Saaldiener von beiden Seiten erst Blumensträuße auf die Bühne, anschließend Körbe voller Blumen – erst kleinere, dann größere. Rund die Hälfte der Gaben war für Smaragdow, die andere Hälfte für die Altaïrskaja. Die übrigen Schauspieler bekamen ein, zwei Sträuße, und auch das nicht alle.

»Gleich bringen sie meinen Korb! Geben Sie doch her! Da ist er! Er hat mich meinen ganzen Monatssold gekostet!«

Der Husar hängte sich an Fandorins Arm, und dieser musste ihm den Feldstecher zurückgeben.

Der Korb war wirklich üppig – eine ganze Wolke weißer Rosen.

»Jetzt nimmt sie meinen Korb, meinen!«, wiederholte der Kornett und bemerkte dabei offenbar nicht, dass er vor Aufregung seinen Nachbarn am Ärmel zupfte.

»Erlauben Sie. Ich sehe, es interessiert Sie.«

Herr Zarkow reichte Fandorin liebenswürdig seine perlmuttgefasste Lorgnette. Erast Petrowitsch griff nach dem Spielzeug, hielt es sich vor die Augen und stellte erstaunt fest, dass die Vergrößerung dem Offiziersfeldstecher in nichts nachstand.

Erneut sah er das lächelnde Gesicht von Elisa Altaïrskaja-Lointaine ganz nah vor sich. Sie schaute seitlich nach unten, und ihre feinen Nasenflügel erbebten leicht. Was mochte sie verstimmen? Doch nicht etwa, dass der letzte für Smaragdow bestimmte Korb (zitronengelbe Orchideen) prachtvoller war als ihre weißen Rosen? Nein, wohl kaum. Diese Frau konnte nicht so kleinlich und eitel sein!

Zudem wurde eben ein weiterer Korb auf die Bühne getragen, ein wahrer Blumenpalast. Für wen – für sie oder für Smaragdow?

Für sie! Das Wunder der Floristik wurde unter den begeisterten Rufen des Publikums vor der Altaïrskaja abgestellt. Sie machte einen Knicks, versenkte das Gesicht in die Blumen und umschlang sie mit ihren schlanken weißen Armen.

»Verdammt, verdammt …«, stöhnte Limbach kläglich, als er sah, dass er geschlagen war.

Erast Petrowitsch richtete die Lorgnette für einen Augenblick auf Smaragdow. Die bildschönen Züge des Karamsinschen Erast waren wutverzerrt. Meine Güte, solche Leidenschaft wegen Blumen!

Er schaute wieder zu Elisa und erwartete, sie triumphieren zu sehen. Doch das schöne Gesicht der Schauspielerin wirkte wie eine Schreckensmaske: Die Augen waren weit aufgerissen, die Lippen in einem lautlosen Schrei erstarrt. Was war los? Was hatte sie so erschreckt?

Plötzlich sah Fandorin, dass eine noch geschlossene dunkle Blüte sich bewegte und emporzustreben schien.

O Gott! Das war keine Blüte! In dem doppelten Kreis tauchte der rhombische kleine Kopf einer Schlange auf. Es war eine Viper, und sie strebte direkt auf die Brust der versteinerten Diva zu.

»Eine Schlange! In dem Korb ist eine Schlange!«, brüllte Limbach, schwang sich über die Brüstung und sprang hinunter in den Gang.

Das Ganze dauerte nur wenige Augenblicke. Die Zuschauer in den ersten Parkettreihen schrien und schwenkten die Arme. Der restliche Saal, der nichts begriff, brach in erneute Ovationen aus.

Der verwegene Husar sprang auf die Beine, riss seinen Degen aus der Scheide und rannte zur Bühne. Doch noch schneller eilte der weißgeschminkte Marmor-Pan der Altaïrskaja zu Hilfe. Er stand hinter der Schauspielerin und hatte darum als Erster die furchteinflößende Bewohnerin des Blumenkorbs entdeckt. Der gehörnte kleine Gott lief herbei, packte die Schlange furchtlos am Hals und riss sie mit einem Ruck heraus.

Nun sah der ganze Saal, was hier vorging. Die Damen quiekten. Frau Altaïrskaja schwankte und fiel rücklings zu Boden. Dann schrie der mutige Pan auf – die Schlange hatte ihn in den Arm gebissen. Er schlug sie schwungvoll auf den Boden und trampelte mit den Füßen auf ihr herum.

Das Theater war erfüllt von Schreien, Sesselklappen und Kreischen.

»Einen Doktor! Ruft einen Doktor!«, rief irgendwer auf der Bühne. Jemand fächelte Elisa mit einem Tuch Luft zu, ein anderer brachte den gebissenen Helden weg.

Ganz hinten auf der Bühne erschien ein großer, sehr hagerer Mann mit kahlgeschorenem Schädel.

Er stand mit vor der Brust gekreuzten Armen da, betrachtete den ganzen Tumult – und lächelte.

»Wer ist das? Der Mann da hinter den anderen?«, fragte Fandorin seinen allwissenden Nachbarn.

»Einen Augenblick«, sagte dieser und beendete sein leises Gespräch mit seinem gestreiften Handlanger. »Herausfinden, wer das war, und bestrafen!«

»Wird gemacht.«

Der Pfeifer ging rasch hinaus, und Herr Zarkow wandte sich, als sei nichts geschehen, mit einem höflichen Lächeln an Fandorin.

»Wo? Ach, das ist Noah Nojewitsch Stern höchstpersönlich. Er hat die Maske des Todes abgelegt. Nein, wie er strahlt! Na, kein Wunder. Ein solcher Erfolg! Jetzt werden die Moskauer wegen der ›Arche‹ endgültig kopfstehen.«

Was für eine seltsame Welt, dachte Fandorin. Unerhört seltsam!

Erste Bekanntschaft

Der Premieminister starb genau zu der Zeit, die Erast Petrowitsch im Theater verbrachte. Am nächsten Tag hingen überall Flaggen mit schwarzem Trauerflor, die Zeitungen erschienen mit riesigen Trauerschlagzeilen. In den liberalen Blättern hieß es: Der Verstorbene habe zwar reaktionäre Ansichten vertreten, doch mit ihm sei die letzte Hoffnung auf eine Erneuerung des Landes ohne Erschütterungen und Revolutionen gestorben. Die patriotischen verfluchten den Stamm der Juden, dem der Mörder angehörte, und sahen eine besondere Bedeutung darin, dass Stolypin just am Todestag des gottesfürchtigen Fürsten Gleb10 verschieden war und das Heer der Märtyrer auf russischem Boden vermehrt habe. Die melodramatischen Boulevardgazetten zitierten eifrig Stolypins Vermächtnis, in dem er verfügt habe, er wolle dort begraben werden, wo er »getötet werde«.

Die tragische Nachricht (der Anruf erreichte Erast Petrowitsch, als er aus dem Theater kam) bewegte ihn nicht besonders. Der Anrufer, ein hochgestellter Beamter, erklärte auch, im Ministerrat sei erörtert worden, ob man Fandorin zu den Ermittlungen heranziehen sollte, doch der Kommandeur des Gendarmeriekorps sei entschieden dagegen gewesen, und der Minister habe dazu geschwiegen.

Interessanterweise war Fandorin nicht im mindesten enttäuscht, sondern im Gegenteil erleichtert, und wenn er die ganze Nacht kein Auge zutat, so nicht, weil er gekränkt gewesen wäre, und schon gar nicht aus Sorge um das Schicksal des Staates.

Er ging in seinem Kabinett auf und ab, den Blick auf das spiegelblanke Parkett gerichtet, legte sich mit einer Zigarre auf den Diwan und schaute an die weiße Decke; er setzte sich aufs Fensterbrett und starrte in die schwarze Dunkelheit – und sah immer dasselbe: einen schlanken Arm, müde Augen, einen Schlangenkopf zwischen Blüten.

Fandorin war es gewohnt, Tatsachen zu analysieren, nicht jedoch seine eigenen Emotionen. Auch jetzt blieb er auf dem Pfad rationaler Überlegungen, denn er spürte, wenn er auch nur einen Schritt davon abwich, würde er in einen Sumpf geraten, aus dem er keinen Ausweg wusste.

Die Konstruktion einer logischen Linie schuf die Illusion, dass nichts Besonderes geschehen war. Eine Ermittlung wie jede andere, die Welt stand nicht kopf.

Die Angst von Frau Altaïrskaja war berechtigt. Es gab eine reale Gefahr. Das zum ersten – Erast Petrowitsch reckte einen Finger und ertappte sich dabei, dass er lächelte. Sie ist keine törichte Spinnerin, keine Psychopathin!

Offensichtlich hatte sie einen erbitterten Feind mit einer perversen Phantasie. Oder Feinde. Das zweitens. Wie konnte man sie hassen?!

Nach der theatralischen Inszenierung des Attentats zu urteilen, musste man den Schuldigen vor allem in der Truppe oder in ihrer nächsten Umgebung suchen. Unwahrscheinlich, dass jemand ohne Zutritt zur Hinterbühne das Reptil in den Korb gesetzt haben konnte. Aber das musste überprüft werden. Das drittens. Und wenn die Schlange sie gebissen hätte? O Gott!

Er musste ins Theater gehen, sich alles genau ansehen und vor allem Frau Altaïrskaja-Lointaine zum Reden bringen. Das viertens. Ich werde sie wiedersehen! Ich werde mit ihr sprechen!

Dieser innere Monolog, bei dem aufgewühlte Gefühle ständig die Arbeit des Verstandes störten, währte bis zum Morgen.

Schließlich, der Morgen graute bereits, sagte sich Fandorin: Was zum Teufel ist das? Ich glaube, ich bin krank. Er ging zu Bett und zwang sich, zu entspannen und einzuschlafen.

 

Drei Stunden später stand er ausgeruht auf, absolvierte seine üblichen Leibesübungen, nahm ein eiskaltes Bad und balancierte zehn Minuten lang auf einem über den Hof gespannten Seil. Die Kontrolle über sein Innenleben war wieder hergestellt. Erast Petrowitsch frühstückte mit Appetit und sah die von Masa gebrachten Moskauer Zeitungen durch: Ein kurzer Blick auf die Trauerschlagzeilen – und rasch auf die Seite mit den Vorkommnissen.

Selbst die Blätter, die keine Rubrik Theaterkritik hatten, erwähnten die Vorstellung in der »Arche Noah« und die Schlange. Die einen voller Entsetzen, andere mit geistreichen Bemerkungen, aber ausnahmslos alle schrieben darüber. Die Hypothesen der Reporter (Schauspielerneid, ein abgewiesener Verehrer, ein übler Scherz) waren uninteressant, weil allzu offensichtlich. Die einzige nützliche Information, die Fandorin aus dieser Lektüre schöpfte, war, dass dem gebissenen Schauspieler (Herrn Dewjatkin) ein Gegengift gespritzt worden war und er sich außer Gefahr befand.

Mehrmals rief die aufgeregte Olga Knipper-Tschechowa an, aber Masa hatte Anweisung, zu sagen, sein Herr sei nicht zu Hause. Fandorin wollte weder Zeit noch geistige Energie mit sentimentalen Gesprächen verschwenden. Die konnte er besser nutzen.

 

Der Direktor der »Arche Noah« empfing den Gast am Bühneneingang, drückte ihm mit beiden Händen die Hand und führte ihn in sein Büro – ganz die Herzlichkeit in Person. Am Telefon war er Fandorin ein wenig misstrauisch vorgekommen, hatte aber sofort in ein Treffen eingewilligt.

»Der Wille von Frau Tschechowa ist mir heilig«, sagte Stern und dirigierte Erast Petrowitsch in einen Sessel. Seine aufmerksamen schmalen Augen musterten das undurchdringliche Gesicht des Besuchers, den eleganten cremefarbenen Anzug und verharrten schließlich auf den Krokodillederschuhen. »Sie hat gestern angerufen und um eine Freikarte für Sie gebeten, aber es war schon zu spät, es gab keinen einzigen guten Platz mehr. Olga sagte, sie werde sich ohne meine Hilfe arrangieren, äußerte aber den Wunsch, ich solle mir nach der Vorstellung Zeit für Sie nehmen. Heute Morgen rief sie an, um zu fragen, ob unsere Begegnung stattgefunden habe …« »Ich wollte Sie gestern nicht behelligen, angesichts der Umstände.«

»Ja, ja, ein ungeheuerliches Vorkommnis. Das Geschrei hinter den Kulissen! Und die Aufregung im Publikum!« Die schmalen Lippen des Regisseurs verzogen sich zu einem wonnevollen Lächeln. »Aber was ist der Grund Ihres Besuchs? Frau Tschechowa hat es mir nicht erklärt. Das werde Herr Fandorin mir selbst erzählen … Verzeihung, was ist Ihr berufliches Metier?«

Erast Petrowitsch beschränkte sich auf die Beantwortung der ersten Frage.

»Frau Tschechowa meint, Ihre Jugendliche Heldin …« Er stockte kurz. Er wollte den Namen sagen, unterließ es aber. »… sei in Gefahr. Der gestrige Zwischenfall beweist, d-dass Olga Leonardowna recht hat. Ich habe versprochen, mich darum zu kümmern.«

Im scharfen Blick des Theatererneuerers blitzte Neugier auf.

»Ach, sind Sie etwa ein Hellseher? Ich habe gehört, in Moskau seien Wahrsager und Seher groß in Mode. Das interessiert mich, sehr sogar!«

»Ja, ich habe mich mit Hellsehen befasst. In Japan«, sagte Erast Petrowitsch mit ernster Miene. Er fand, das sei eine sehr bequeme Version für die bevorstehenden Ermittlungen. Zumal Hellseherei und Deduktion (also ein heller Kopf) vieles gemeinsam hatten.

»Phänomenal!« Stern sprang lebhaft aus seinem Sessel auf. »Können Sie Ihre Kunst vielleicht demonstrieren? Jetzt gleich, an mir? Ich bitte Sie, schauen Sie in meine Zukunft! Nein, besser in die Vergangenheit, damit ich Ihr Können auch beurteilen kann.«

Was für ein agiler Herr, dachte Fandorin. Eine wahre Quecksilberkugel. (Dieser Vergleich kam ihm in den Sinn, weil der kahle Schädel des Regisseurs unter einem Sonnenstrahl aufblitzte – es war ein schöner Septembertag.)

Die Lektüre der Zeitungen und die Anrufe, mit denen Erast Petrowitsch den halben Tag verbracht hatte, gaben wenig Aufschluss über die Biographie von Noah Stern. Er galt als verschlossener Mann, der nicht gern über seine Vergangenheit sprach. Bekannt war lediglich, dass er im jüdischen Ansiedlungsgebiet aufgewachsen war, in äußerster Armut, und in seiner Jugend herumvagabundiert war. Angefangen hatte er als Zirkusclown, dann sehr lange an Provinztheatern gespielt, bis er schließlich berühmt wurde. Eine eigene Truppe leitete er erst seit einem Jahr, seit ihn die »Gesellschaft für Theater und Kinematographie«, die auf sein Talent setzte, förderte. Den Zeitungsleuten tischte Stern jedes Mal andere Phantasiegeschichten auf, offenkundig mit Absicht. In einem waren sich alle einig: Dieser Mann ist von einer einzigen Leidenschaft besessen – dem Theater. Familie hatte er nicht, und offenbar ebenso wenig ein Zuhause. Nicht einmal Affären mit Schauspielerinnen.

»Ich soll in Ihre V-vergangenheit schauen?«

Das lebhafte Gesicht des Regisseurs zuckte vor Gier nach einem unverzüglichen Wunder.

»Ja, irgendetwas aus meiner Kindheit.«

Er ist sicher, dass niemand etwas über diesen Abschnitt seines Lebens weiß, begriff Erast Petrowitsch. Na schön, wenn schon hellsehen, dann …

»Sagen Sie, ist Noah Nojewitsch Ihr richtiger Name?«

»Absolut. Laut Geburtsurkunde.«

»Verstehe …« Fandorin zog die schwarzen Brauen zusammen und rollte die Augen in Richtung Stirn, über die sein graumelierter Schopf fiel (genau das würde seiner Vorstellung nach ein Hellseher tun).

»Der Anfang Ihres Lebens war traurig, m-mein lieber Herr. Ihr Vater hat Sie nie gesehen. Er ist ins Jenseits eingegangen, als Sie noch im Bauch Ihrer Mutter weilten. Sein Tod kam ganz plötzlich – ein überraschender Schicksalsschlag.«

Die Wahrscheinlichkeit, dass er sich irrte, war gering. Bei den Juden ist es alter Brauch, die Kinder nach einem verstorbenen Verwandten zu benennen, fast nie nach einem Lebenden. Darum kommt es selten vor, dass der Sohn denselben Namen trägt wie der Vater. Es sei denn, dieser ist tot. Die Vermutung hinsichtlich des plötzlichen Todes war ebenfalls kein allzu großes Risiko. Menschen, die lange und schwer krank sind, bringen keinen so vitalen Nachwuchs hervor.

Die simple Deduktion verblüffte den emotional empfänglichen Theatermann.

»Phänomenal!«, rief er und griff sich ans Herz. »Das habe ich nie jemandem erzählt! Keiner Menschenseele! Niemand in meiner Umgebung weiß das! Mein Gott, ich liebe alles Unerklärliche! Erast Petrowitsch, Sie sind einfach einmalig! Ein Wundertäter! Mir war vom ersten Augenblick an klar, dass ich einen außergewöhnlichen Menschen vor mir habe. Wäre ich eine Frau oder ein Anhänger Oscar Wildes, ich würde mich zweifellos in Sie verlieben!«

Den Scherz begleitete ein charmantes Lächeln. Die weit geöffneten braunen Augen sahen Fandorin mit echter Sympathie an, auf die nicht zu reagieren unmöglich war.

Er umgarnt mich, dachte Erast Petrowitsch, lässt seinen Charme spielen, und zwar äußerst geschickt. Dieser Mann ist ein ausgezeichneter Schauspieler, ein geborener Manipulator. Mein kleiner Trick hat ihn erschreckt, und nun will er herausfinden, was ich für ein Vogel bin, will mich knacken und zähmen. Bittesehr, knack ruhig. Aber beiß dir nicht die Zähne aus.

»Sie besitzen die innere Stärke der Großmut«, schmeichelte Noah Nojewitsch ihm weiter. »Oh, mit solchen Dingen kenne ich mich aus. Ich verspüre bei kaum jemandem das Bedürfnis, offen zu sein, aber bei Ihnen möchte man gern schutzlos sein … Ich bin schrecklich froh, dass Olga Leonardowna Sie zu uns geschickt hat. In der Truppe gärt es wirklich ungut. Es wäre wunderbar, wenn Sie sich meine Schauspieler einmal genauer anschauten und den Tunichtgut entdeckten, der die Schlange in den Blumen versteckt hat. Und nebenbei auch herausfänden, wer mir vor zwei Tagen Klebstoff in die Galoschen gegossen hat. Ein dummer Scherz! Ich musste die Absätze an meinen nagelneuen Stiefeletten auswechseln lassen und die Galoschen wegwerfen!«

Erast Petrowitsch versprach, herauszufinden, wer die Galoschen verdorben hatte, wenn er die Möglichkeit bekäme, die Truppe kennenzulernen.

»Das machen wir am besten sofort!«, verkündete Stern. »Warum die Sache aufschieben? Wir haben gleich eine Versammlung. In einer halben Stunde. Ich werde mitteilen, welches Stück wir als Nächstes aufführen, und die Besetzung bekanntgeben. Schauspieler offenbaren ihr wahres Ich am besten beim Gezänk um die Rollen. Sie werden Sie ganz nackt erleben.«

»Was ist das für ein Stück?«, fragte Erast Petrowitsch, der sich an das Gespräch mit seinem Logennachbarn erinnerte. »Oder ist das noch ein Geheimnis?«

»Erlauben Sie.« Noah Nojewitsch lachte. »Wer hat schon Geheimnisse vor einem Hellseher? Zudem wird es morgen in allen Zeitungen stehen. Ich habe mich für den ›Kirschgarten‹ entschieden. Ein großartiges Material, um Stanislawski mit seinen eigenen Mitteln zu schlagen, auf seinem eigenen Terrain! Soll das Publikum ruhig meinen Kirschgarten mit Stanislawskis schmalbrüstigen Exerzitien vergleichen! Ich gebe zu, das Künstlertheater war einmal nicht schlecht, aber es hat sich überlebt. Vom Maly-Theater ganz zu schweigen! Und das Theater von Korsch, das sind Possenspiele für Kaufleute! Ich werde ihnen allen zeigen, was echte Regie ist und richtige Arbeit mit Schauspielern! Soll ich Ihnen erzählen, lieber Erast Petrowitsch, wie das ideale Theater sein muss? Ich sehe, ich finde in Ihnen einen klugen und dankbaren Zuhörer.«

Das Angebot abzulehnen wäre unhöflich gewesen, außerdem wollte Fandorin sich tatsächlich gern in dieser sonderbaren, für ihn neuen Welt zurechtfinden.

»Sehr g-gern, das interessiert mich.«

Noah Nojewitsch trat in der Pose des alttestamentarischen Propheten vor seinen Gast, und seine Augen funkelten.

»Wissen Sie, warum mein Theater ›Arche Noah‹ heißt? Erstens, weil nur die Kunst die Welt vor der Sintflut retten wird, und die höchste Gattung der Kunst ist das Theater.

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