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Die Monster, die ich rief

Über den Autor

Larry Correia ist New-York-Times-Bestsellerautor und war 2011 für den JOHN W. CAMPBELL AWARD als bester neuer Fantasyautor nominiert. Sein Auftakt der Reihe um die Geheim­organisation Monster Hunter International erschien zuerst im Selbstverlag und später, aufgrund des immensen Erfolgs, bei Baen Books. Alle drei Romane der Reihe landeten auf der Bestseller-Liste der New York Times. Correia lebt in Utah.

Für weitere Informationen besuchen Sie den Autor auf: www.larrycorreia.wordpress.com

Larry Correia

DIE MONSTER,
DIE ICH RIEF

Roman

Aus dem amerikanischen Englisch
von Michael Krug

BASTEI ENTERTAINMENT

»Weißt du, was wirklich der Unterschied zwischen dir
und mir ist? Du schaust hinaus und siehst eine Horde
böser, gehirnfressender Zombies. Ich schaue hinaus
und sehe eine Umgebung voller Ziele.«

Dillis D. Freeman jr.
11.2.2001

Kapitel 1

An einem an sich gewöhnlichen Dienstagabend bekam ich die Chance, den amerikanischen Traum zu leben. Ich konnte meinen inkompetenten Trottel von einem Boss aus einem Fenster im dreizehnten Stock werfen.

Also, ich wachte nicht einfach an jenem Morgen auf und beschloss, meinen Chef mit bloßen Händen umzubringen. Es war schon etwas komplizierter. Bis zu diesem Zeitpunkt in meinem Leben wäre mir nie etwas durch den Kopf gegangen, das sich so verrückt anhört. Ich war bloß ein Durchschnittstyp, ein Angestellter. Verdammt, ich war Buchhalter. Viel banaler geht es kaum.

Dieses irre Ereignis hat mein Leben verändert. Ich hatte ja keine Ahnung, dass es so viele bizarre Konsequenzen haben würde, meinen Boss in ein Stück Pizza auf dem Gehsteig zu verwandeln. Wobei … technisch gesehen ist er gar nicht auf dem Gehsteig gelandet, sondern auf dem Dach eines in zweiter Reihe parkenden Lincoln Navigator. Aber ich schweife ab.

Mein Name ist Owen Zastava Pitt, und das ist meine Geschichte.

Die Finanzabteilung von Hansen Industries Inc. befand sich in der dreizehnten Etage eines typischen Bürogebäudes in der Innenstadt von Dallas. Es gab zehn von uns Buchhaltern. Wir waren in zehn Arbeitsnischen in einem schmalen Bereich zwischen der Marketingabteilung und der Damentoilette untergebracht. Es war ein gewöhnliches Großraumbüro mit blauem Industrieteppich, Motivationspostern, Dilbert-Cartoons und einigen abgestorbenen Topfpflanzen. Ich war der Neue.

Der Job war ziemlich gut, die Bezahlung anständig, die Arbeit wenigstens halbwegs interessant. Mit den meisten meiner Kollegen kam ich problemlos aus. Es war mein erster seriöser Karrierejob nach dem College, oder zumindest der erste, bei dem ich nicht schwer heben oder Trunkenbolde vermöbeln musste.

Nun hatte ich einen Rentenvorsorgeplan und eine Zahnarztversicherung. Ich hatte vor, hart zu arbeiten, mir eine Frau zu suchen, Kinder zu bekommen und mich in einem Vorort niederzulassen. Ich war ein junger Angestellter mit einer strahlenden Zukunft.

Mein Job bei einer so anständigen, renommierten Firma hatte nur einen größeren Haken: Mein Boss war ein übellauniger Idiot. Mr. Huffman gehörte zur schlimmsten Sorte von Vorgesetzten – inkompetent und immer in der Lage, einen Untergebenen zu finden, dem er die Schuld für seine Fehler in die Schuhe schieben konnte. Außerdem war er wütend auf die Welt; nicht etwa aus einem besonderen Grund, sondern bloß allgemein, weil er sich von ihr fies behandelt fühlte. Trotz seiner Faulheit und Dummheit konnte sein Spatzenhirn nicht begreifen, weshalb er nie über die Position hinaus befördert wurde, die er seit einem Jahrzehnt innehatte. Für ihn war offensichtlich, dass ihm die Welt übel mitspielen wollte. Nachdem ich den Mann kennengelernt hatte, konnte ich der Welt nicht den geringsten Vorwurf daraus machen.

Als neuester Mitarbeiter in der Revisionsabteilung von Hansen Industries Inc. war ich der designierte Prügelknabe für Mr. Huffmans Zorn. Mein Vorgänger als neuester Mitarbeiter hatte Selbstmord begangen und dadurch die freie Stelle geschaffen, die ich nun hatte. Damals hatte ich die Verbindung zwischen Jobzufriedenheit und der Wahrscheinlichkeit, eine Packung Schlaftabletten zu schlucken und mit Whiskey runterzuspülen, noch nicht richtig hergestellt.

Es war ein weiterer jener Zwölfstundentage gewesen, die für mich zur Norm geworden waren, da ich immer hoffnungslos hinterherhinkte. Ich versuchte, im Zuge der Arbeit zu lernen, und musste feststellen, dass der Unterricht am College herzlich wenig mit der Realität zu tun hatte. Da mich eigentlich mein Vorgesetzter, der ekelhafte Mr. Huffman, einschulen sollte, war ich von Anfang an im Arsch. Ich hatte zu der Zeit kein richtiges Privatleben – außer den Sonntagen, an denen ich meinem Hobby nachging –, deshalb störte es mich nicht, länger zu bleiben. Hoffentlich würde ich damit eine wichtige Persönlichkeit der Firma beeindrucken, die mir vielleicht eine Versetzung in deren Abteilung anbieten würde, weg von Huffman.

Wenigstens war der Monat angenehm verlaufen. Huffman war auf Campingurlaub in irgendeinem Nationalpark gewesen. Danach war er für eine Woche zurückgekommen, in der er sich in seinem Büro einigelte, mit niemandem sprach und keine Anrufe entgegennahm. Anschließend ging er einige Wochen in Krankenstand. Sein jährlicher Urlaub fiel für gewöhnlich mit der produktivsten Zeit des Jahres meiner Abteilung zusammen. Welch ein Zufall.

Ich blickte abwesend auf die Uhr. 20.05 Uhr. In den Arbeitsnischen ringsum herrschte Stille. Mein Magen knurrte und gab mir zu verstehen, dass die Tüte Chips und die Banane, die ich zu Mittag gegessen hatte, längst verdaut waren. Es war an der Zeit zu gehen. Ich meldete mich von meinem Computer ab, sperrte meine Akten weg und schlüpfte auf dem Weg zur Tür in meine Jacke. Da ich glaubte, als Einziger noch hier zu sein, schaltete ich das Licht aus, als ich hinausging. Plötzlich knisterte die Gegensprechanlage. Ich zuckte vor Schreck zusammen.

»Wer ist da?« Die behäbige Stimme gehörte Mr. Huffman. Das überraschte mich. Ich hatte nicht gewusst, dass er bereits zurück war. Verdammt. Ich ging weiter und beschloss, so zu tun, als hätte ich die Gegensprechanlage nicht gehört. Wenn Huffman so spät noch hier war, wollte ich nicht derjenige sein, der den Mist aufgehalst bekam, an dem er arbeitete – was, da ich wusste, was für ein faules Aas er war, zweifellos geschehen würde. Wahrscheinlich würde er es als ›delegieren‹ bezeichnen und sich dafür beglückwünschen, ein so proaktives Mitglied des Managementteams zu sein.

»Owen? Sind Sie das? Kommen Sie sofort in mein Büro!« Erwischt. »Auf der Stelle, Owen. Es ist wichtig!« Er klang so übereifrig und aufgeblasen wie immer.

Während ich mürrisch auf sein Büro zustapfte, fragte ich mich, woher er gewusst hatte, dass ich es war. Wahrscheinlich bloß gut geraten. Er musste wohl gesehen haben, wie das Licht in meiner Bürozelle ausging. Ich begann, mir Ausreden dafür einfallen zu lassen, warum ich gehen musste, wusste jedoch aus Erfahrung, dass er keine gelten lassen würde. Kampfsportunterricht? Nein, er hält mich ohnehin schon für zu militant, dabei weiß er gar nichts von meiner Schusswaffensammlung. Kirche? Wohl kaum. Eine Verabredung? Hätte ich gern. Kranke Mutter? Letzteres war einen Versuch wert, fand ich. Also legte ich mir auf dem Weg zu seinem Büro die Geschichte zurecht, dass ich mich um meine kranke Mutter kümmern musste. Die lebte zwar drei Staaten entfernt, aber das wusste Huffman ja nicht.

Als ich sein Büro betrat, verpufften alle Gedanken an die imaginäre Krankheit meiner Mutter. Die Lichter waren ausgeschaltet, was ich als äußerst seltsam empfand. Ich konnte meinen Boss nicht sehen, da mir die Rückenlehne seines Lederdrehstuhls zugekehrt war. Die Lichter der Stadt spendeten durch die Fenster ein wenig Helligkeit. Ich konnte mir nie erklären, wie ein Ekel wie Huffman zu einem Eckbüro mit Aussicht gekommen war. Vermutlich besaß er kompromittierende Fotos des Finanzleiters mit einer Nutte oder so. Auf Huffmans riesigem Eichenholzschreibtisch herrschte ein heilloses Durcheinander, und in der Mitte stand eine fleckige Papiertüte, die sein Abendessen enthalten musste. Was immer sich in der Tüte befand, sickerte langsam durch und bildete auf dem Papier darunter eine hässliche Lache.

»Nehmen Sie Platz, Owen«, befahl Huffman. Seine Stimme klang merkwürdig. Er drehte sich nicht zu mir um. Nach seiner Schädeldecke zu urteilen, schien er den abendlichen Himmel zu betrachten.

»Äh, nein danke, Sir … Ich muss wirklich los. Meine Mutter ist krank, und …«

»Ich … sagte … SETZEN!«, brüllte er und wirbelte mit dem Stuhl herum. Ich sog scharf die Luft ein, zum Teil, weil Mr. Huffman einen irren Ausdruck in den Augen hatte, vorwiegend aber, weil er völlig nackt war. Ein Anblick, von dem ich nicht gedacht hatte, ihn je ertragen zu müssen. Die untere Hälfte seines schlaffen Gesichts war mit etwas Dunklem, Öligem verschmiert, als hätte er bei einem Grillfest gefressen wie ein Schwein.

Alles klar, hier geht es definitiv um etwas anderes. Ich hob die Hände. »Also, Sir, ich muss Ihnen sagen, dass ich nicht so veranlagt bin. Wenn das Ihr Ding ist – fein. Ist mir egal. Manche Kerle würden sich geschmeichelt fühlen, aber ich verschwinde jetzt«, erklärte ich und wich langsam zur Tür zurück.

»RUHE!«, brüllte er und ließ die fleischigen Hände so heftig auf den Schreibtisch knallen, dass dieser erzitterte und die Papiertüte umkippte. Der Inhalt fiel heraus. Ich erstarrte, überrascht von der wilden Intensität des Befehls. Von einem Mann, der etwas hatte, das sich am besten als ›wabbeliger Männerbusen‹ beschreiben lässt, hätte ich damit nicht gerechnet. »Wissen Sie, was heute für eine Nacht ist, Owen? Wissen Sie das? Es ist eine ganz besondere Nacht!«

»Ist heute Flatrate-Shrimp-Abend bei Sizzlers?«, erwiderte ich ruhig, streckte den Arm hinter mich und legte die Hand auf den Türknauf. Es war amtlich. Mr. Huffman war verrückt geworden. Mir schien sogar, dass er Schaum vor dem Mund hatte.

»Heute Nacht bestrafe ich die Frevler. Vor einem Monat habe ich eine Gabe erhalten. Jetzt bin ich König. Ich habe gesehen, dass Sie und die anderen hinter meinem Rücken über mich reden. Dass Sie mich als Vorgesetzten nicht respektieren.« Mein Boss hatte die Stimme zu einem Knurren gesenkt. Seine Augen zuckten umher, als sähe er faszinierende Dinge in den dunklen Winkeln des Büros. »Sie sind der Schlimmste, Owen. Sie sind kein Teamspieler. Sie respektieren meine Autorität nicht. Sie wollen mir meinen Job wegnehmen. Sie wollen mir in den Rücken fallen!«

Ich wollte ihm zwar nicht in den Rücken fallen, war jedoch drauf und dran, ihm ins Gesicht zu schlagen. Meine vorherige Einschätzung entpuppte sich als richtig. Er hatte tatsächlich Schaum vor dem Mund. Dass ich vom fetten, nackten Mr. Huffman angegriffen werden könnte, bereitete mir kein Kopfzerbrechen, zumal man mich ohne Weiteres als großen, massigen Kerl bezeichnen konnte, der, wenngleich es für einen Buchhalter überraschend sein mochte, obendrein wusste, wie man jemanden aufmischte, wenn es sein musste. Die Situation mutete surreal und ein wenig komisch an, aber ich wusste, dass Wahnsinnige unberechenbar und daher gefährlich sein konnten. Es war an der Zeit, sich davonzustehlen und professionelle Hilfe zu holen. Ich drehte den Knauf und fragte mich beiläufig, ob unsere Krankenversicherung psychiatrische Behandlungen abdeckte.

»Nur die Ruhe, Mr. Huffman. Ich habe es keineswegs auf Sie abgesehen. Ich muss nur mal kurz raus.« Dann bemerkte ich, was aus der Papiertüte gefallen war.

»Ist das eine Hand?«, sprudelte ich hervor.

Huffman ignorierte meine Frage, brüllte und drosch weiter auf den Schreibtisch ein. Bei jedem Hieb waberten seine Speckschichten gefährlich. Das Ding auf dem Tisch sah tatsächlich wie eine Frauenhand aus, mit lackierten Fingernägeln, einem Ehering und einem schartigen Stumpf, aus dem die Gelenksknochen ragten. Heilige Scheiße! Mein Vorgesetzter war kein gewöhnlicher Irrer. Ich arbeitete für einen Mörder.

Der nackte, durchgeknallte Fettwanst deutete aus dem Fenster. »Die Zeit ist gekommen! Heute Nacht bin ich ein Gott!«, kreischte er.

Sein Wurstfinger zeigte auf den Vollmond.

Während ich hinsah, schien sich der Finger im fahlen Mondschein und in den gelblichen Lichtern der Stadt zu strecken. Die Hände begannen, länger zu werden, die Fingernägel wuchsen und wurden dicker. Huffman sah mich an, und ich stellte fest, dass sich sein Grinsen buchstäblich von Ohr zu Ohr erstreckte. Sein Zahnfleisch und die Zähne traten bedrohlich hinter den Lippen hervor. Dichtes Haar spross aus seinen Poren. Huffman brüllte vor Schmerz und Erregung, als das Knirschen und Knacken von Knochen den Raum erfüllte.

»Owen. Sie gehören jetzt mir. Ich werde Ihr Herz fressen.« Durch den triefenden Kiefer und die anschwellende Zunge waren seine Worte kaum verständlich. Seine Zähne wuchsen und wurden schärfer.

Eine Sekunde lang erstarrte ich, gelähmt von widersprüch­lichen Emotionen. Mein Verstand kam quietschend zum Stillstand. Im Büro war es so dunkel, dass der zivilisierte Teil meines Gehirns dem primitiven Höhlenmenschenteil einzureden versuchte, es handle sich bloß um eine optische Täuschung, um einen perversen Streich oder sonst etwas Logisches. Zu meinem Glück behielt der Höhlenmensch die Oberhand.

Ich weiß bis zum heutigen Tage nicht, warum ich in jenem Moment das Bedürfnis verspürte, meinem rasant mutierenden Boss gegenüber ein Geständnis abzulegen. Ich bewegte mich zwar absolut im Rahmen der Gesetze des Staates Texas, verstieß jedoch direkt gegen die Bestimmungen der Firma zur Sicherheit am Arbeitsplatz.

»Sie kennen doch diese Richtlinie zum Verbot von Waffen bei der Arbeit, oder?«, fragte ich das zuckende, wachsende, haarige Monstrum, das keine drei Meter von mir entfernt stand. Der Blick seiner gelben Augen durchbohrte mich mit blankem, animalischem Hass. In jenem Blick ließ sich nichts Menschliches erkennen.

»Ich mochte diese Richtlinie noch nie«, fuhr ich fort, bückte mich, zog meine Pistole aus dem Knöchelhalfter, richtete das Korn auf das Ziel und jagte in rascher Abfolge alle fünf Patronen meiner kurzläufigen .357 Smith & Wesson in Huffmans Körper. Gott segne Texas.

Die Kreatur, die Huffman gewesen war, taumelte gegen das Fenster zurück und hinterließ eine Schliere aus Blut und Gewebe, als sie das Glas entlang auf den Teppich rutschte. Einige Kugeln hatten ihr Ziel entweder verfehlt oder durchschlagen und die dicke Scheibe zum Springen gebracht. Ich hatte nicht vor zu bleiben, um es mir näher anzusehen, sondern drehte mich um, rannte los und brach mir beinah die Nase, als ich in die Tür krachte, während ich noch versuchte, sie zu öffnen. Ich nahm mir die Zeit, sie hinter mir zuzuwerfen, bevor ich den schmalen Flur entlangrannte. In einer Hand hielt ich den leeren Revolver, mit den Fingern der anderen tastete ich in meiner Jackentasche nach dem Magazinlader mit der Reservemunition.

Huffmans Bürotür flog mit einem Knall auf. Das Ding, das dort stand, war eindeutig einem Tier ähnlicher als einem Menschen, aber offensichtlich keinem gewöhnlichen Tier. Irgendwie hatte sich die speckige Masse meines Vorgesetzten in einen schlanken, muskulösen Körper verwandelt. Lange Klauen rissen Furchen aus dem Industrieteppich. Raues schwarzes Haar bedeckte seinen Leib, und die Wolfsfratze glich einem zum Leben erwachten Albtraum. Die zu einem geifernden Knurren zurückgezogenen Lippen entblößten eine Reihe nadelspitzer Zähne. Auf allen vieren hob er die Schnauze an, schnupperte und heulte, als er mich sichtete.

Das Blut in meinen Adern erstarrte zu Eis.

Ich rannte in die Richtung des Aufzugs und klappte die Trommel meines mit fünf weiteren 125-Gramm-Hohlspitzgeschossen geladenen Revolvers zu. Die Kreatur war schnell, viel schneller als ein Olympiasprinter … und ich war kein Olympiasprinter. Mein Vorsprung schwand in Sekundenschnelle. Ich wirbelte herum und feuerte, als das Vieh mich ansprang, traf es ins Gesicht. Die Schnauze wurde durch die Wucht des Einschlags zur Seite gerissen, und der eigene Schwung beförderte das Monstrum gegen die Wand, wo es die Gipskartonplatten eindrückte. Sofort rappelte es sich wieder hoch. Das Fell auf dem Rücken richtete sich auf.

Ich bin ein hervorragender Schütze. Der kleine Revolver war in Sachen Präzision zwar nicht meine beste Waffe, aber das wog ich durch Können auf. Ich konzentrierte mich auf das Korn, zielte auf den Schädel der Kreatur und drückte ab. Nach jedem Schuss legte ich erneut an und wiederholte den Vorgang. Belohnt wurde ich durch das Aufspritzen von Rot und Weiß, als ein Hohlspitzgeschoss Huffmans Gehirn durchschlug. Trotzdem drückte ich den Abzug weiter, bis der Schlagbolzen leer klickte. Ich hatte keine Munition mehr.

Meine Sicht hatte sich in einen Tunnelblick auf die Bedrohung verwandelt. Mein Puls raste wie ein Trommelwirbel. Das durch meinen Körper strömende Adrenalin hatte das grauenhafte Mündungsfeuer ausgeblendet. Ich ließ die Waffe sinken. Huffman war tot.

Als ich zu hyperventilieren begann, versuchte ich, meine Atmung zu kontrollieren. Vermutlich verlor ich den Verstand, denn keine sechs Meter von meiner Arbeitsnische entfernt lag ein toter Werwolf. Ein Monster aus Ammenmärchen, dennoch war es hier, ausgestreckt auf dem Teppich, mit weggepustetem Gehirn. Als die Kreatur mich gejagt hatte, war mir keine Zeit für Angst oder sonstige Emotionen geblieben, nun jedoch explodierte all das hervor, als wäre ein Damm gebrochen. Das unkontrollierte Zittern meiner Glieder setzte zunächst langsam ein, steigerte seine Intensität jedoch rasch, als ich einen genaueren Blick auf das Ungetüm auf dem Boden warf. Es war wie bei einem Autounfall. Zuerst Ungläubigkeit, als sich das Ereignis abzeichnet. Dann ein Mangel an Emotionen während des Aufpralls. Und schließlich die brutale Erkenntnis dessen, was passiert war. Ich habe gerade einen Werwolf getötet.

Dann richtete sich Huffman auf und knurrte mich an.

Die freiliegende Gehirnmasse zog sich pulsierend in den Kopf zurück, und mit einem Knirschen fügten sich die Schädelknochen zusammen. Irgendwie richtete sich die Kreatur auf die Hinterläufe auf, obwohl die Knie hundeartig durchgebogen waren. Mit einem klauenbewehrten Finger spießte sie einen Gewebebrocken von ihrem Fell, warf ihn sich ins Maul und kaute auf dem eigenen Fleisch. Dann senkte sich das Monster anmutig auf alle viere, schüttelte sich wie ein riesiger nasser Pudel und spritzte das Blut aus seinen Wunden an die weißen Wände und die Motiva­tionsposter im Flur.

Das Ungetüm stimmte erneut ein lang gezogenes, hohes Geheul an. Das Geräusch erweckte einen urtümlichen, tief in mir verborgenen Überlebensinstinkt. Ich drehte mich um und rannte schneller als je zuvor in meinem Leben. Irgendwie gelang es mir, nicht den Kopf zu verlieren, und statt zu versuchen, den Aufzug zu erreichen, bog ich scharf nach rechts, preschte durch eine Tür, schlug sie hinter mir zu, sperrte ab und schob einen schweren Schreibtisch davor. Ein Computermonitor fiel zu Boden und sprühte Funken. Ich befand mich im Marketingraum. An der Wand hing ein Poster eines Frosches, der mit dem Kopf im Maul eines Storchs steckte, diesen aber trotzdem würgte. Als Titel stand darüber: GIB NIEMALS AUF. Danke für den Tipp, Kumpel.

Ich hatte keine Zeit zum Nachdenken. Ich blieb in Bewegung und hoffte, die Tür und der Schreibtisch würden Huffman ein wenig aufhalten. So war es auch, jedenfalls für einige Sekunden. Dann begann der Werwolf unter einem Schauer von Splittern, die Tür in Stücke zu reißen. Knurrend und grunzend schob er den Schreibtisch nach und nach aus dem Weg. Am anderen Ende des Büros befand sich eine weitere Tür, die in einen Nebengang führte. Ich schlug sie hinter mir zu, doch da war nichts, um sie zu blockieren. Eine Waffe. Ich brauche eine Waffe. Den Revolver hatte ich zwar noch in der Hand, allerdings war er leer, und als Knüppel taugte das leichte Ding herzlich wenig. Ich besaß eine Erlaubnis zum Tragen verborgener Waffen zur Verteidigung gegen Straßenräuber und ähnliches Gesocks, nur hätte ich nie gedacht, dass ich sie einmal brauchen würde, um gegen eine Kreatur aus dem SciFi-Programm zu kämpfen. An der Wand war ein Feuerlöscher befestigt, den ich von seiner Halterung zog und mitnahm. Besser als nichts.

Ein Stück den Gang hinunter befand sich die Tür zu meiner Abteilung. Wenn ich es durch sie hindurch schaffte, konnte ich versuchen, den Fahrstuhl zu erreichen. Mit rasenden Beinen und hämmerndem Herzen steuerte ich darauf zu, als ich hinter mir hörte, wie die Tür krachend aus den Angeln flog. Ich vergeudete keine Zeit damit zurückzuschauen, sondern riss die Tür zur Finanzabteilung auf, eilte hindurch und wollte sie hinter mir zuziehen, aber sie prallte gegen Huffmans Pfote und Schnauze. Vergeblich versuchte ich, sie zu schließen – er war viel stärker als ich. Er hieb mir mit den Klauen über die Brust, schnitt durch meine Kleider und in mich hinein. Schmerzen. Unvorstellbare Schmerzen. Schreiend fiel ich auf den Rücken und betätigte den Feuerlöscher, richtete den Strahl auf das klaffende Maul und die Augen des Werwolfs. Die Kreatur heulte, bäumte sich auf die Hinterläufe auf und hob die Pranken schützend vors Gesicht. Ich trat aus, traf das Ding in die Rippen und beförderte es zurück hinaus auf den Gang. Hastig rappelte ich mich auf, zog die Tür zu und sperrte ab.

Meine Brust brannte von den Fleischwunden. Die Verletzung sah übel aus, und Blut durchtränkte mein Hemd, aber die Schmerzen waren durch das Adrenalin, das durch mich schoss, zu einem dumpfen Hintergrundpochen verkommen. Die richtigen Qualen würden später einsetzen. Vorerst musste ich mir über ein Monster den Kopf zerbrechen.

Der Werwolf durchschlug die Holztür. Seine Klauen verfehlten mich nur knapp. Ich hob den Feuerlöscher über den Kopf und drosch damit auf den behaarten Arm ein, bedachte ihn immer wieder mit Schlägen, die gewöhnliche Knochen mühelos zerschmettert hätten. Schließlich brach der Unterarm mit einem hörbaren Knacken, aber Huffman ließ sich davon nicht beirren. Die Krallen fuchtelten weiter durch die Luft, und innerhalb von Sekunden schien der Bruch verheilt zu sein. Ich brüllte zusammenhangloses Zeug, hieb weiter mit dem Feuer­löscher auf Huffman ein und verursachte mit jedem Treffer ein metallisches Echo.

Wir hatten eine Pattstellung erreicht. Er konnte nicht durch, solange ich ihm fortwährend die Arme brach. Sein Tierverstand musste zur selben Erkenntnis gelangt sein. So schnell, wie er aufgetaucht war, verschwand der Arm. Zurück blieb nur ein klaffendes Loch in der dicken Eichenholztür.

Mein Atem ging wegen der Anstrengung in abgehackten Stößen. Nichts schien dieser Kreatur etwas anhaben zu können. Ich musste mir etwas einfallen lassen. Silber. In den Filmen funktio­nierte das immer, nur wo sollte ich im Büro Silber finden? Die Antwort darauf wusste ich auf Anhieb: nirgends.

Wenn ich es zum Aufzug schaffte, wäre ich in Sicherheit, aber dafür musste ich zwölf Meter in der Finanzabteilung und anschließend dreißig Meter Korridor überwinden. Mit dem Feuer­löscher in den Armen stolperte ich auf die Tür zu. Das grüne Lämpchen des Ausgangsschilds diente mir als Leuchtfeuer. Das Blut, das mir über den Bauch rann, war warm und glitschig. Ich kam bis zu meiner Arbeitsnische, bevor Huffman mit Anlauf in den Raum krachte. Ich konnte unmöglich flüchten, ehe er mich erreichte, und dann wäre ich tot.

Flucht funktionierte nicht, also war es an der Zeit, zu kämpfen. Zumindest hatte ich Heimvorteil.

»Huffman, du Mistkerl! Komm und hol mich!«, brüllte ich und sprühte ihm mit dem Feuerlöscher entgegen. »Das ist meine Arbeitsnische!«

Der Werwolf schlug meine improvisierte Waffe beiseite und brach mir dabei die linke Hand. Er rammte mich und schleuderte mich kerzengerade in die Luft. Die Deckenverkleidung bremste meinen Flug kaum, und ich prallte mit einem schallenden Laut von einem Heizungsrohr zurück. Ich landete auf der Oberkante meiner Nischenwand, die nicht dafür gedacht war, den Fall eines 105-Kilo-Mannes auszuhalten. Sie brach zusammen, und ich polterte auf meinen Schreibtisch.

Weitermachen. Stöhnend versuchte ich, zu Atem zu gelangen und mir etwas einfallen zu lassen, irgendetwas, das ich tun könnte. Der Kopf des Werwolfs tauchte über dem Rand meines Schreibtischs auf. Ich trat ihm heftig ins Gesicht. Huffman biss mir den Schuh ab.

Mit Beinmuskeln wie gespannten Sprungfedern hopste der Werwolf mühelos neben mich. Seine Klauen klickten auf der harten Oberfläche wie Fingernägel auf einer Tafel. Unwillkürlich schoss ein Stechen durch mein Rückgrat. Ich wollte mich vom Schreibtisch rollen, aber Huffman bohrte beiläufig eine Klaue tief in meinen Oberschenkel und nagelte mich fest. Ich schrie vor Schmerz auf, als die Kralle den Muskel durchdrang. Mit der heilen Hand packte ich die behaarte Pfote und versuchte, sie herauszuziehen. Sie rührte sich nicht.

Er hatte mich. Blutend lag ich mit am Schreibtisch festhängendem Bein da. Der Werwolf schien mächtig Spaß zu haben, ließ sich Zeit, genoss mein Leiden. Ich fragte mich, ob tief in dem Tier noch Mr. Huffman steckte, der die Situation auskostete und sich an der Macht weidete, die es ihm endlich ermöglichte, es der verhassten Welt heimzuzahlen.

Dann verdrängte blanke Wut meine Angst.

Die sengenden Schmerzen in meinem Bein waren unerträglich, und die Vernunft sagte mir, dass ich ein toter Mann sei, aber ich wollte verdammt sein, wenn ich durch die Hand dieses fetten Stücks Scheiße namens Huffman stürbe.

Der Werwolf öffnete langsam und unmöglich weit die Kiefer, dann senkte er sie meinem Gesicht entgegen. Sein heißer Atem stank wie faulendes Fleisch. Er wollte mich fressen, und irgendwie wusste ich, dass er es so langsam und qualvoll wie möglich gestalten würde. Unauffällig fasste ich in meine Tasche. Huffman leckte mir übers Gesicht. Die Zunge war nass und rau, und ich wand mich vor Ekel. Wahrscheinlich wollte der Dreckskerl erst prüfen, wie ich schmeckte.

Mein Taschenmesser klappte sich auf; ich rammte es dem Monster in die Kehle. Das Spyderco mit der knapp acht Zentimeter langen Klinge war nicht wirklich ein Kampfmesser, aber ich stellte es auf die Probe. In dem Versuch, so viel Schaden wie möglich anzurichten, zerrte ich daran und drehte es. Blut spritzte quer durch meine Arbeitsnische, als ich Huffmans Halsschlag­ader durchtrennte. Er riss seine Klaue aus meinem Bein, und ich verlor beinah das Bewusstsein, als Blut aus der klaffenden Wunde schoss. Ich zog die kleine Klinge heraus und stieß sie ihm ins Auge. Als Huffman zurückwich, entglitt das vor Körperflüssigkeiten glitschige Messer meinen Fingern und blieb in seinem Gesicht stecken. Der Werwolf schlug um sich und traf mich am Kopf. Die Krallen schrammten über meinen Schädel, rissen mir das Fleisch auf, fuhren mein Gesicht hinab. Ich nahm es fast klinisch nüchtern wahr und wusste, es war schlimm, doch ich war darüber hin­aus, noch etwas zu fühlen oder mich darum zu scheren. Mein gesamtes Leben schrumpfte auf einen einzigen Gedanken zusammen: Huffman muss sterben. Lichter blitzten in meinen Augen auf, als mein Feind brüllte.

»Regenerier das mal!«, schrie ich, als ich den Brieföffner von meinem Schreibtisch ergriff und damit wiederholt auf seine Brust einstach. Ich verlagerte den Griff, stieß die Klinge tief in den Gaumen des Monsters und klammerte ihm so die Schnauze zu. Dann trat ich ihm in die Nüsse und zog ihm als Draufgabe noch meinen Stuhl über den Schädel. Er traf mich mit einem Rückhandschlag, der mich wie eine menschliche Kanonenkugel durch den Raum schleuderte. Ich krachte durch eine Topfpflanze und rollte über den Teppich.

Benommen wirbelte Huffman umher wie ein Tornado des Todes, während ich von ihm weghumpelte und versuchte, die massive Blutung meines Beins zu stillen. Der Werwolf schlug in dem Bemühen um sich, das Messer aus seiner Augenhöhle und den Brieföffner aus seinem Gaumen zu ziehen. Ich war in der Nähe von Huffmans Büro gelandet und schleppte mich durch dessen Tür. Mir gingen die Möglichkeiten aus. Bald würde ich wegen des Blutverlusts ohnmächtig werden. Im Moment hielten mich nur noch Wut und Entschlossenheit aufrecht, und die würden nicht mehr lange reichen. Ich musste mir etwas einfallen lassen, und zwar schnell. Prüfend sah ich mich um und erblickte zwei Aktenschränke, einen auf jeder Seite der Tür. Einen Stuhl. Einen Schreibtisch. Golfzeitschriften. Die Hand einer Frau. Aber nichts, was ich als Waffe benutzen konnte.

Ich hörte, wie der Werwolf in meiner Arbeitsnische tobte, knurrend und heulend alles in seiner Reichweite zerstörte, ehe er allmählich ruhiger wurde, als er meinen Geruch witterte. Er nahm die Verfolgung wieder auf. Ich wartete auf ihn.

Allerdings nicht dort, wo er damit rechnete. Als Huffman her­einstürmte, mittlerweile offenbar nur noch von Instinkten und rein animalischer Wut getrieben, sprang ich ihm von einem der Aktenschränke aus auf den Rücken. Ich landete mit ziemlicher Wucht auf ihm, und er krachte mit der Schnauze voraus gegen den Schreibtisch. Mit den Armen um seinen Hals würgte ich ihn mit aller Kraft, die ich besaß. »Mal sehen, wie taff du ohne Luft bist!«, brüllte ich ihm in ein spitzes Ohr. Wir stürzten über den Schreibtisch, aber ich hielt mich stur fest. Seine Schnauze schnappte nach mir, doch meine Arme befanden sich unerreichbar darunter. Er streckte eine Pranke nach hinten und fuhr mir mit den rasiermesserartigen Krallen über den Rücken. Wir drehten uns wie wild und prallten gegen das bereits beschädigte Fenster, zerschmetterten es und ließen Scherben in die Tiefe regnen. Wie durch ein Wunder stürzten wir nicht ab. Ich ließ meinen verwundeten linken Arm um seine Kehle, packte mit der heilen Hand seine Schnauze und riss den Schädel mit aller Kraft, Wut und Angst, die noch in mir steckten, zur Seite herum. Das Rückgrat des Monsters schien aus Bewehrungsstahl zu bestehen. Irgendwie gelang es mir, noch kräftiger zu ziehen.

Mit einem grausigen Knacken brach das Genick des Werwolfs. Der von den durch das Gehirn blitzenden Impulsen abgetrennte Körper der Kreatur zuckte wild. Die Klauen lösten sich von meinem verwüsteten Rücken, und das Monster sackte heftig zitternd unter mir zusammen. Ich rollte mich von dem Vieh runter und schleppte mich davon weg, kaum noch bei Bewusstsein. Indem ich mich mit einem Arm zog und einem Bein abstieß, während das andere Bein schlaff mitgeschleift wurde und eine breite Blut­spur hinterließ, schaffte ich es zur anderen Seite des Schreibtischs, wo ich zusammenbrach.

Wieder hörte ich das Schaben von Knochen, als sich Huffmans Wirbelsäule neu zusammenfügte. In wenigen Sekunden würde er auf den Beinen und ich nicht mehr in der Lage sein, gegen ihn zu kämpfen. Ich zog mich mit der heilen Hand hoch, um über den Schreibtisch zu spähen. Vor mir lag Huffmans Abendessen, was mein mit Blut und Sauerstoff gefährlich unterversorgtes Gehirn als immens lustig empfand. »Braucht jemand ein helfendes Händchen?«, fragte ich niemand Bestimmten und kicherte.

Der Werwolf begann, sich aufzusetzen. In wenigen Momenten würde ich ihm als Nahrung dienen. Danach würde er bei jedem Vollmond losziehen, um unschuldige Menschen zu töten. An den übrigen Tagen des Monats würde er weiterhin der schlimmste Vorgesetzte der Welt bleiben, davon war ich überzeugt. Ich weiß nicht, was davon mich wütender machte.

Huffman drehte den Kopf hin und her, als er wieder zur Besinnung kam.

»Diesmal nicht, Arschloch!«, brüllte ich und stemmte mein gesamtes Gewicht gegen den schweren Schreibtisch. Mit einem widerwilligen Ächzen bewegte er sich aus dem tiefen Eindruck, den er im Teppich hinterlassen hatte. Mein heiles Bein suchte krampfhaft Halt, was sich umso schwieriger gestaltete, als mir der Schuh fehlte. Mit der Kraft der Verzweiflung rammte ich den Schreibtisch gegen Huffman, brachte ihn aus dem Gleichgewicht, und bevor der Werwolf wusste, wie ihm geschah, schob ich ihn samt seinem verfluchten Schreibtisch durch das Fenster hinaus.

Kapitel 2

Mir war bewusst, dass ich träumte. Allem haftete dieses verschwommene, losgelöste Gefühl eines Traums an. Zuerst schleppte ich mich in flüchtigen Bildern zum Aufzug. Meinen Gürtel hatte ich als provisorischen Druckverband für mein Bein verwendet. Allerdings verspürte ich in meinem Traum keinerlei Schmerzen. Ich bewegte mich so langsam, als befände ich mich unter Wasser. Dann folgten Eindrücke eines Krankenwagens und von Männern, die mir Nadeln in den Körper jagten und mir auf die Brust klopften.

Die nächste Szene war verrückt, weil ich in der Regel in der Ich-Perspektive träume. Ich trieb schwerelos in der Luft, schaute hinab und beobachtete, wie Leute in Masken mich mit einem Defibrillator bearbeiteten.

Zurück in der Ich-Perspektive. Ich stand auf einem Feld mit irgendwelchem saftigen, grünen Getreide. Meine nackten Füße spürten die Nässe des Taus, als ich mit den Zehen wackelte. Der Himmel präsentierte sich dunkelblau, die Luft roch frisch und sauber wie nach einem Sommergewitter. In der Ferne graste eine Kuhherde.

In der Nähe stand ein Mann. Er war alt und gekrümmt, sein Haar weiß und zerzaust. Er besaß ein freundliches Lächeln, aber harte Augen hinter kleinen, runden Brillengläsern. Er stützte sich auf einen Stock und winkte.

»Hallo, Junge.« In der Stimme des Alten schwang deutlich irgend­ein osteuropäischer Akzent mit.

»Bist du Gott?«, fragte ich ihn.

Er lachte ausgelassen. »Ich? Ha! Ist guter Witz. Fürchte nein. Ich nur ein Freund.«

»Bin ich tot?«

»Fast. Aber du musst zurück. Hast du Arbeit zu tun. Ja, viel Arbeit.«

»Arbeit?«

»Berufung. Ist hart, aber gut.«

»Eine Berufung?«

»Von bevor du geboren. Wie sagt man?«

»Vorherbestimmung?«

»Eher, als hast du Arschkarte gezogen. Jetzt geh. Keine Zeit. Ich dich schicke zurück.«

»Werden wir uns wiedersehen?«

»Nur, wenn du vertrottelter Junge bist und wieder tot wirst.«

Der nette Traum endete, und meine Welt explodierte in Schmerzen.

Ich nahm einen regelmäßigen Piepton wahr, dessen Takt meinem Herzschlag entsprach. Über mir standen zwei schwarze Schemen.

»Ich sage, wir machen ihn gleich kalt.«

»Noch nicht.«

»Der ist nie und nimmer sauber.«

»Sie kennen die Regeln.«

»Die Regeln sind falsch. Ich könnte ihn mit einem Kissen ersticken, und niemand würde es je erfahren.«

»Ich würde es wissen.«

Ich schlief wieder ein.

Als ich erwachte, roch ich Desinfektionsmittel. Meine Lider waren zugekrustet, mein Mund fühlte sich entsetzlich trocken an, und meine Zunge klebte am Gaumen. Ich empfand diesen sonderbaren, kribbeligen Rausch, den man hat, wenn man auf Schmerzmitteln ist, was bei mir zuletzt vor einigen Jahren bei einer Operation der Fall gewesen war. Mühsam öffnete ich die Augen. Als sie sich langsam an das gedämpfte Licht gewöhnten, sah ich, dass ich mich in einem Krankenhauszimmer befand. An sich machen mich Krankenhäuser nervös und verursachen mir Unbehagen, aber in dem Moment war das eindeutig besser als die Alternative.

Als ich versuchte, mich aufzusetzen, stellte ich fest, dass ich eine Infusionsleitung im Arm hatte und dicke Verbände an der Brust, an den Beinen und auf dem Rücken. Meine linke Hand steckte in einem Gips.

Ein Stechen auf dem Kopf ließ mich zusammenzucken. Behutsam fasste ich nach oben und berührte meine Stirn. Dort hatte ich keinen Verband und zählte mindestens fünfzig kratzige Stiche, die von meiner Schädeldecke zwischen den Augenbrauen hindurch über den Nasenrücken verliefen, ehe sie auf meiner Wange endeten. Ich war dankbar, keinen Spiegel zur Hand zu haben. Da ich von Natur aus neugierig bin und durch den Morphintropf furchtlos war, hob ich den Rand des großen Verbands auf meiner Brust an. Man hatte Klammern benutzt, um die tieferen Schnitte dort zu schließen. In meiner medikamentenbedingten Benommenheit empfand ich es als komisch, dass mir die Ärzte die Brust rasiert hatten. Das würde später wahrscheinlich fürchterlich jucken.

Ich konnte mich nicht daran erinnern, wie ich hierhergelangt war. Ebenso wenig wusste ich, wie lange ich weggetreten gewesen war. Meine Uhr hätte mir anzeigen können, welcher Tag gerade war, allerdings fehlte von ihr genauso jede Spur wie von meinen Kleidern. Ich trug lediglich ein dünnes Nachthemd und so viel Verbandsmaterial, dass man das Lager eines Medizinalbedarfs­ladens damit hätte auffüllen können.

Als meine Sinne allmählich zurückkehrten, begann ich mich zu erinnern, weswegen ich hier gelandet war. Ich muss gestehen, zuerst schrieb ich die bizarren Erinnerungen den Medikamenten zu. Mein Vorgesetzter als reißender Werwolf? Ja, was immer man in mich pumpte, es war ohne jede Frage guter Stoff.

Du hast dir das Ganze eingebildet, klärte mich der logische Teil meines Gehirns auf. Und dann bist du hier aufgewacht. So etwas wie Monster gibt es nicht. Mr. Huffman hat sich nicht in einen Werwolf verwandelt. Du hast ihn nicht aus einem Fenster geschoben. Das können auch unmöglich Klauenspuren sein – die Male stammen von einem Autounfall oder so. Die ganze Sache ist eine üble Halluzination. Alle bei der Arbeit werden lachen, wenn sie deine durchgeknallte Geschichte hören. Huffman ist wahrscheinlich gerade dort und beschwert sich darüber, dass du ausfällst und die Krankenversicherung der Firma in Anspruch nimmst.

Leck mich, logisches Gehirn. Ich weiß, was ich gesehen habe.

Es gab eine Möglichkeit herauszufinden, weshalb ich hier gelandet war. An der Infusionsleitung war eine Ruftaste angebracht. Ich drückte drauf und wartete. Dabei versuchte ich, das Bild von Huffmans Gesicht zu verdrängen, das sich in eine mit scharfen Zähnen vollgepfropfte Schnauze verwandelte. Nach einer gefühlten Ewigkeit öffnete sich endlich die Tür. Leider handelte es sich nicht um eine Krankenschwester.

»Mr. Pitt, ich bin Special Agent Myers, und das ist Special Agent Franks. Wir arbeiten für die Regierung.« Die beiden Männer zeigten kurz Ausweise in meine Richtung. Einer der Agenten war ein düsterer Typ, offensichtlich muskulös und grimmig. Derjenige, der gesprochen hatte, war älter und sah eher wie ein College-Professer denn wie ein Bundesbeamter aus. Beide trugen Anzüge von der Stange, und keiner der beiden wirkte allzu glücklich. Sie zogen sich Stühle herbei. Der Professor schlug die Beine übereinander, legte die Finger aneinander und musterte mich finster. Der Jüngere zog seine Pistole.

»Eine Bewegung, und ich mache Sie kalt«, warnte er mich, und ich zweifelte keine Sekunde daran. Seine Waffe war eine Glock, und er hatte einen Schalldämpfer auf die Mündung geschraubt. Das Kaliber konnte ich nicht erkennen, aber aus meiner Sicht erschien mir der Bohrdurchmesser verflucht riesig zu sein. Der Schalldämpfer zitterte nicht. Ich rührte mich nicht.

Der Professor ergriff das Wort. »Mr. Pitt, würden Sie uns schildern, was sich in Ihrem Büro zugetragen hat?«

Mit meinem staubtrockenen Mund fiel es mir schwer, zu sprechen. »Mmm ssss aggg …«, sagte ich zu ihnen. »Wfffa?« Wahrscheinlich vermuteten sie, dass ich entweder um Wasser bat oder in fremden Zungen redete. Der Professor zögerte kurz, dann kam er meiner Aufforderung nach, ergriff ein Glas vom Beistelltisch und führte den Strohhalm zu meinen Lippen. Das kalte Nass war herrlich. Der Agent namens Frank beugte sich leicht vor, damit er mich immer noch erschießen konnte, sollte es nötig werden. Offensichtlich nahm der Kerl seinen Job äußerst ernst.

»Ahhh … danke«, krächzte ich.

»Gern geschehen. Und jetzt erzählen Sie uns, was passiert ist, bevor Agent Franks stinkig wird.«

Ich überlegte kurz, da ich dem FBI nicht wirklich erzählen wollte, dass sich mein Boss in ein Monster verwandelt und mich zu fressen versucht hatte, bevor es mir gelang, ihm das Genick zu brechen und ihn aus dem Fenster zu stoßen. Mit dieser Geschichte würde man mich zweifellos einbuchten, also improvisierte ich.

»Ich bin die Treppe runtergefallen.« He, ich stand unter Morphineinfluss. Etwas Besseres fiel mir auf die Schnelle nicht ein.

Der Professor runzelte die Stirn. »Lassen Sie den Scheiß, Pitt. Wir wissen, was passiert ist. Wir haben uns die Überwachungsbänder bereits angesehen. Vor fünf Tagen hat sich Ihr Vorgesetzter, ein gewisser Cecil Huffman, in einen Lykanthropen verwandelt, in seinem Fall in einen Werwolf. Er hat versucht, Sie zu töten. Sie haben sich gewehrt und ihn in den Tod gestürzt.«

Ich war perplex. Die FBI-Agenten schienen kein Problem mit der Vorstellung zu haben, dass sich mein Boss in einen Werwolf verwandelt hatte. Ähnlich überraschte mich, dass ich fünf volle Tage außer Gefecht gewesen war. Am Verblüffendsten jedoch fand ich, dass Huffmans Vorname Cecil gelautet hatte.

»Es war Notwehr. Ich bin in dem Fall der Gute. Warum also die Kanone?«

»Sie wissen doch, wie Menschen zu Werwölfen werden, Mr. Pitt, oder? Das ist ein Umstand, der in den Filmen richtig dargestellt wird. Wird man von einem gebissen, ist man selbst infiziert. Das Virus, das die DNS verändert, lebt im Speichel. Bei Verletzungen durch Klauen ist die Gefahr der Ansteckung geringer, aber dennoch gegeben. Hätten wir an Ihnen auch nur eine einzige Bissspur gefunden, würden wir mittlerweile Ihre Leiche entsorgen. Gemäß dem Gesetz zum Schutz vor Lykanthropen aus dem Jahr 1995 müssen wir alle bestätigten Werwesen umgehend eliminieren. Tut mir leid.«

»Ich glaube nicht, dass er mich gebissen hat«, piepste ich. Allerdings spürte ich einen Klumpen in der Magengrube. Huffman hatte mich übel zugerichtet. Würde ich mich in einen Werwolf verwandeln? Oder würde mich das FBI schon davor erschießen?

»Silberkugeln«, brummte Agent Franks. Er ließ die Glock direkt auf meinen Kopf gerichtet. Ich hatte keine Ahnung, was für einen Jackie-Chan-Stunt er von mir erwartete, aber ich hatte nicht vor, irgendetwas zu tun. Ich konnte mich ja kaum bewegen. »Nur für alle Fälle.«

»Und was jetzt?«, fragte ich.

»Wir warten. Eine Blutprobe von Ihnen wurde bereits zu Tests eingeschickt. Ist das Ergebnis positiv, müssen wir Sie beseitigen. Ist es negativ, steht es Ihnen frei, zu gehen. Wir sollten in Kürze einen Anruf erhalten.«

Er sagte ›beseitigen‹ so, als wäre ich ein Hund. Diese Begegnung bestärkte mich nur in meinen bereits ausgeprägt behördenfeindlichen Ansichten.

»Sie lassen mich einfach gehen?«

»Ja. Sollten Sie jedoch je öffentlich über den Vorfall sprechen, verstoßen Sie damit gegen das Gesetz gegen die Preisgabe übernatürlicher Kräfte, und Sie werden mit der vollen Härte der Justiz strafrechtlich verfolgt.«

Franks nickte und brummte: »Bleikugeln.« Seine Kommunikationskompetenz schien mir eher beschränkt zu sein.

Aus Myers’ Augen sprach etwas, das ich für Mitgefühl hielt. »Hören Sie, Mr. Pitt, das ist nur zu Ihrem Besten. Wenn Sie infiziert sind, erweisen wir Ihnen einen Gefallen. Sonst würden Sie in drei Wochen wehrlose alte Damen und Babys fressen. Hoffentlich fallen die Tests negativ aus, und wir können vergessen, dass diese Unterhaltung je stattgefunden hat.«

»Und was passiert in der Zwischenzeit?«

»Entspannen Sie sich einfach«, schlug Agent Franks vor.

»Sie haben leicht reden.«

Ein Arzt kam, um meinen Puls und Blutdruck zu messen. Eine Krankenschwester wechselte meine Infusionsflasche und überprüfte meine Verbände. Das Personal schien durch die Bundesbeamten verunsichert zu sein und ging, ohne ein Wort zu sagen. Blumen wurden mir zugestellt. Sie kamen von Hansen Industries, zusammen mit einer Karte, auf der mir mitgeteilt wurde, dass ich wegen Verstoßes gegen die Sicherheitsvorschrift gegen Waffen am Arbeitsplatz gefeuert war. Außerdem riet man mir, am besten keinen Einspruch gegen die Entlassung zu erheben, wenn ich nicht riskieren wollte, den Schutz der Firmenversicherung zu verlieren. Mit besten Grüßen, die Personalabteilung.

Ich drückte die Taste an dem motorisierten Bett, um mich aufzusetzen. Myers schaltete den kleinen Fernseher ein, und wir sahen uns Jeopardy an. Damit beschäftigte ich einerseits mein Gehirn, und, was noch wichtiger war, es hielt mich davon ab, über die Möglichkeit nachzudenken, dass ich bald tot oder – schlimmer – so wie Huffman sein könnte. Myers erwies sich als ziemlich gut, trotzdem vernichtete ich ihn. Ich bin ein echter Quizmeister. Franks behielt die Pistole auf dem Schoß und nippte an einer Cola Light. Ich bemühte mich, den Umstand zu verdrängen, dass diese netten Regierungsbeamten hier waren, um mir Silberkugeln in den Kopf zu jagen. Das Gefühl der Hilflosigkeit war schrecklich. Der Moderator im Fernsehen hatte alle Antworten. Ich hatte nur Fragen.

»Was ist Konstantinopel? Myers, wie schlimm wurde ich verletzt?«

»Sie haben eine Menge Blut verloren und waren auf dem Operationstisch zwei Minuten lang klinisch tot. Keinerlei Gehirnaktivität. Sie haben etwa dreihundert Stiche und Klammern, außerdem mehrere Knochenbrüche. Trotzdem, falls wir Sie nicht erschießen müssen, sollten Sie vollständig genesen. Nur hübsch werden Sie nie mehr sein. Was ist die Chinesische Mauer?«

Die Vorstellung, dass ich tatsächlich tot gewesen war, fand ich interessant. Irgendwie war das cool. Ich fragte mich, ob ich das als Aufrissmasche verwenden konnte.

»Wer ist Ghandi? Was ist aus Mr. Huffman geworden?«

»Er ist auf einem Lincoln Navigator gelandet, bevor der Schreibtisch auf ihn fiel. Er wurde zu Brei zermanscht. Sonst wurde niemand verletzt.« Myers war sichtlich frustriert. In der Kategorie ›Geschichte‹ zerlegte ich ihn regelrecht. Es ließ sich nicht übersehen, dass der Professor daran gewöhnt war, zu gewinnen.

Ha, ha, Trottel, dich schmeiß ich ins Quiz-Grab! »Was war die Magna Carta? Huffman hat sich nicht regeneriert oder so?«

»Verdammt, sind Sie schnell. Nein. Lykanthropen erholen sich zwar von so gut wie allem außer Silber, aber es erfordert Energie, um Gewebe nachzubilden. In einem Körper ist nur ein gewisses Maß an Energie gespeichert. Richtet man genug Schaden an, tritt der Tod ein.«

»Feuer«, grunzte Franks.

»Stimmt, Feuer wirkt hervorragend. Halt, das weiß ich. Was ist Uran?«, rief Myers.

Ich gab einen Summer-Laut von mir. »Falsch. Was ist Beryllium? Verdammt, Myers, ich dachte, man braucht Bildung, um FBI-Agent zu werden. Sie sind echt lahm.«

Der ältere Bundesbeamte schaltete auf CNN um und schmollte. Tja, sollten sie mich umbringen, blieb mir zumindest die Befriedigung, meine Ehre auf dem Schlachtfeld nutzlosen Wissens verteidigt zu haben. In den Nachrichten kam ein Bericht über eine gewaltige Pipeline-Explosion in einem entlegenen Teil von Russland, die anscheinend auf einen Anschlag tschetschenischer Terroristen zurückging. Ich wandte mich davon ab und belästigte weiter die FBI-Agenten.

»Geschieht so etwas andauernd? Wie wurde Huffman zu einem Werwolf? Gibt es noch viele davon?«

»Sie stellen zu viele Fragen«, befand Franks.

»Mein Mitarbeiter hat recht, Mr. Pitt. Informationen zu diesem Thema werden auf der Grundlage dessen gehandelt, was jemand wissen muss. Sie müssen nur wissen, dass Sie die Klappe zu halten haben.«

Na toll. Dann würde ich eben einfach wieder schlafen. Däm­liche Bundesbullen.

Plötzlich klopfte es an der Tür. Offensichtlich war es eine reine Geste der Höflichkeit, denn der Klopfende, wer immer er sein mochte, trat sofort ein. Franks blieb kaum Zeit, seine Glock unter einer Ausgabe einer Kochzeitschrift zu verstecken.

Der Mann war durchschnittlich groß und schlank, hatte kurz gestutztes, sandblondes Haar und war vermutlich Mitte vierzig. Da er keine bemerkenswerten Züge aufwies, bot er keine einprägsame Erscheinung, allerdings strahlte er eine Härte alter Schule aus, als er das Zimmer betrat, eine Haltung wie ein Bogart oder ein Cagney in der goldenen Ära des Kinos. Von seinem Mundwinkel hing lässig eine Zigarette, womit er eindeutig gegen die Krankenhausordnung verstieß.

Myers verzog das Gesicht, und Franks sah aus, als spiele er ernsthaft mit dem Gedanken, die Pistole zur Abwechslung auf jemand anderen als mich zu richten.

»Also, wenn das nicht die Aushilfseinsatztruppe ist. Wie läuft das Zeugenermordungsgeschäft?«, fragte der Mann, griff in die Tasche seiner Lederjacke und holte eine Visitenkarte hervor. Er steckte die Karte in den Rand meines Handverbands.

»Die Lage ist unter Kontrolle. Sie werden hier nicht gebraucht«, erklärte der Professor in abweisendem Tonfall.

»Bevor ich glaube, dass ihr Regierungsheinis irgendetwas unter Kontrolle habt, laufe ich in der Hölle Schlittschuh.«

»Halten Sie besser die Klappe«, schlug Franks knurrend vor.

»Oder was?«, gab der Mann mit berechnender Streitlust und einem leicht südlichen Akzent zurück. »Wollt ihr mich verhaften? Es mag euch nicht gefallen, aber wir sind wieder ein legitimes Unternehmen. Hättet ihr Regierungsstümper uns in Yellowstone nicht ausgebootet, wäre der Werwolf dort nicht entkommen, hätte den fetten Kerl nie gebissen, und dieser Typ hier wäre nie angegriffen worden.«

»Nationalparks fallen in unsere Zuständigkeit. Ihre Leute können dort legal keine Waffen tragen, also hatten Sie Pech. Beruhigen Sie sich einfach«, sagte Myers auf eine Weise, die erahnen ließ: Er war daran gewöhnt, dass man ihm gehorchte.

Der Neuankömmling lächelte spöttisch. »Ich soll mich beruhigen, Myers? Ihr bürokratischer Quatsch hat diese Leichenspur verursacht. Hättet ihr uns gestattet, gegen ein paar alberne Gesetze zu verstoßen, hättet ihr jetzt nicht zwei Tote und den da am Hals.« Er deutete mit dem Daumen in meine Richtung.

»Die Regeln gibt es aus einem Grund. Sie mussten schon einmal zusperren, weil Sie sich nicht daran gehalten haben. Ich persönlich halte es für einen Fehler, dass man Ihresgleichen überhaupt je ins Geschäft einsteigen ließ.«

Unnötig zu erwähnen, dass im Zimmer eine äußerst angespannte Atmosphäre herrschte. Ich lag ziemlich vergessen in meinen Verbänden da. Myers und der Neuankömmling versuchten, sich gegenseitig in Grund und Boden zu starren. Franks sah aus, als sei er bereit, unseren Gast hinauszukomplementieren, vorzugsweise mit dem Kopf voraus die Treppe hinunter. Jeder, der diesen Typen solches Unbehagen bereitete, war mir von Haus aus sympathisch.

»Äh … Ich unterbreche dieses Stelldichein ja ungern, aber wer sind Sie?«

Myers musste letztlich geblinzelt und den Wettstreit im Starren abgebrochen haben. Der Fremde sah mich an, als wöge er mich ab. Seine Augen waren kalt, blau und einschüchternd. Nach einem langen Moment ohne Blinzeln entschied er offensichtlich, dass ich die Musterung bestanden hatte, denn er streckte den Arm aus, um mir die Hand zu schütteln. Franks hob die Kochzeitschrift an, um mir seine Pistole zu zeigen und mich daran zu erinnern, keine Dummheiten zu versuchen.

»Mein Name ist Earl Harbinger. Ich arbeite für MHI

»Owen Pitt. Amtlich zugelassener Buchprüfer.« Er hatte einen eisernen Griff. »MHI? Ist das eine streng geheime Regierungsbehörde oder so?«, erkundigte ich mich.

Agent Myers kicherte. »Nicht mal annähernd.«

Harbinger bedachte ihn nur mit einem finsteren Blick. »Nein. Ich würde mich eher umbringen, als für diese Idioten zu arbeiten. Wir sind eine private Organisation, ein gewinnorientiertes Unternehmen, und wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf, wir sind führend auf unserem Gebiet – einem Gebiet, für das Sie sich meiner Einschätzung nach gut eignen würden. Sie haben sich wacker geschlagen.«

»Danke, aber ich glaube, das wird nicht reichen. Diese Leute hier sagen mir, dass ich mich wahrscheinlich in etwas Ähnliches wie mein Boss verwandeln werde.« Es fiel mir nicht leicht, das zu sagen, und ich verspürte dabei eine schwere Last auf der Brust. »So will ich nicht enden.«

Der Fremde schüttelte den Kopf. »Machen Sie sich darüber keine Sorgen.«

»Wollen Sie frisches Kanonenfutter rekrutieren, Harbinger?«, mischte sich Myers in unser Gespräch. »Momentan untersteht Mr. Pitt unserer Obhut, und er wird nirgendwohin gehen, bevor ich es ihm erlaube.«

»Ich rekrutiere nicht, Myers, aber falls Sie auf der Suche nach einem neuen Job sind – ich habe gehört, bei Wal-Mart werden Tütenpacker gesucht«, erwiderte Harbinger. Dann wandte er sich wieder mir zu und fuhr fort, als wäre er nie unterbrochen worden. »Haben Sie sich schon gefragt, weshalb jede Ihrer Verletzungen verbunden ist, ausgenommen die große Schnittwunde an Ihrem Kopf?«

Unbewusst fasste ich nach oben und berührte die garstige Naht, die sich über mein Gesicht schlängelte. Alles, was ich wusste, war, dass eine grausige Narbe zurückbleiben würde.

»Sie liegt frei, damit die sie beobachten können. Hätten Sie angefangen, unnatürlich schnell zu genesen, hätten die Sie in Nullkommanix alle gemacht. Ich bin sicher, aufgrund der Menge an Verletzungen, die Sie erlitten haben, waren die davon überzeugt, dass Sie sich verwandeln würden. Ich glaube, bisher wurde noch niemand von einer Werkreatur so übel zugerichtet und hat überlebt. Da der Heilprozess noch nicht erkennbar eingesetzt hat, vermute ich außerdem, dass die gerade einen Bluttest durchführen lassen, um sicherzugehen, weil es ihnen in den Fingern juckt, Sie zu erledigen. Aber das trauen sie sich nicht, weil Sie ja doch noch menschlich sein könnten.«

»Die haben gesagt, dass sie auf das Ergebnis eines Bluttests warten.«

»Und ob sie das tun. Aber lassen Sie mich Ihnen etwas sagen: Ich kenne mich mit diesen Monstern aus. Wenn Sie nach fünf Tagen noch keine Anzeichen zeigen, dann gebe ich Ihnen mein Wort darauf, dass Sie nicht infiziert sind.«

»Wirklich?« Ich verspürte den ersten echten Hoffnungsschimmer, seit ich in diesem keimfreien Verlies erwacht war.

»Sie werden wieder gesund. Wissen Sie was? Rufen Sie mich an, sobald diese Trottel da ihr negatives Testergebnis bekommen und man Sie hier rauslässt. Meine Karte haben Sie ja. Wir müssen uns unterhalten. In der Zwischenzeit ruhen Sie sich am besten aus.« Seltsamerweise glaubte ich dem Versprechen dieses Fremden. Er kam mir nicht wie jemand vor, der unangenehme Wahrheiten schönfärbte.

Harbinger stolzierte hinaus und rempelte Myers dabei grob. Der ältere Agent wirkte aufgebracht darüber, schwieg jedoch, bis sich die Tür geschlossen hatte und unser Gast gegangen war.

»Wenn Sie wissen, was gut für Sie ist, halten Sie sich von dieser Bande am besten fern, Pitt. Eines Tages werden die Mist bauen, und dann endet jeder Einzelne von denen entweder im Leichen­sack oder im Gefängnis. Die respektieren die Autorität der Regierung nicht.«

Tja, das tat ich auch nicht. Ich zeigte beiden Agenten den Vogel. »Wissen Sie was? Ich lege mich jetzt wieder schlafen. War bisher ein echt mieser Tag. Falls Ihr dämlicher Test positiv ausfällt, dann bringen Sie es einfach hinter sich und erschießen Sie mich. Falls er negativ ist, ziehen Sie Leine und lassen Sie mich in Ruhe. So oder so, zu wecken brauchen Sie mich nicht.« Ich drückte die Taste, um das Bett zurück in Schlafposition zu senken. Das war zwar nicht so dramatisch wie das Zuschlagen einer Tür, aber es musste reichen.

Tatsächlich dauerte es nur wenige Minuten, bis ich einschlief. Immerhin peinigten meinen Körper immer noch schmerzliche Verletzungen, und ich hatte jede Menge Schmerzmittel in mir. Allerdings achtete ich darauf, die Visitenkarte fest in der Hand zu verbergen, bevor ich die Augen schloss.

Die Agenten schauten weiter fern.

Ich hatte einen seltsamen Traum. Er war nebulös und verschwommen, lief ruckartig und zusammenhanglos ab, jäh und rasch. Ganz und gar nicht wie ein gewöhnlicher Traum.

Eine Schlacht fand statt. Ich hatte keine Ahnung, wann, aber irgendwie wusste ich, dass sie sich in der Vergangenheit abspielte. Einzelheiten wurden von dichten Schneewolken verhüllt. Eine gewaltige Zahl von Soldaten verteidigte sich gegen ein einziges übernatürliches Wesen, versuchte vergeblich, es von seinem Ziel abzuhalten und starb in Scharen. Das Einzige, was dem Wesen etwas bedeutete, war ihm genommen worden, und es war gekommen, um es sich zurückzuholen. Es war der Hüter.

In dem Traum kam etwas Böses vor, noch düsterer als der Hüter. Auch dieses Wesen war alt, verflucht und voller Wut und Hass. Es war durch Versagen geschwächt und zog sich zurück, als der Hüter nahte. Seine letzten Schergen fielen durch die Hand des unsterblichen Mörders, während die verfluchte Kreatur in die Ruinen flüchtete.

Der letzte Soldat wartete auf den Hüter. Er war der Anführer der blutrünstigen Elitetruppe gewesen. Trotzig stand er in seiner schwarzen Uniform da und ragte über dem Körper eines zier­lichen Menschenopfers auf. Stolz brüllte er, dass sein Herr zurückkehren würde, um zu beenden, was sie angefangen hatten. Dann setzte der Soldat seine Pistole an seiner Schläfe an und beendete sein Leben.

In die letzten Momente des Traums kam etwas Klarheit. Endlich konnte ich den Hüter erkennen. Er war ein Hüne von einem Mann. Jeden Zoll seiner Haut bedeckten merkwürdige Tätowierungen. Die Tintenlinien regten sich wie Lebewesen. Über Raum und Zeit hinweg sah er mich unverwandt an. Seine Augen glichen zwei Tümpeln hasserfüllter Schwärze.

»Du wirst durch meine Hand sterben.«

Jäh und erschrocken erwachte ich. Was für ein ausgeflippter Traum … Ich hatte keine Ahnung, was er bedeuten sollte. Sonderbare, gestaltlose böse Wesen, tätowierte Killer, die im Schnee kämpften, und eine Horde Soldaten, die auf Deutsch brüllte. Ich schrieb es den Medikamenten zu.

Ein Mobiltelefon bimmelte mit einem heruntergeladenen, nervigen Klingelton. Ich glaube, es war ›Take Me Out To The Ballgame‹. Ich ließ die Augen zu und tat so, als schliefe ich. Ein leises Rascheln ertönte, gefolgt von Agent Myers’ Stimme. »Myers.« In der Hoffnung, einen frühen Hinweis auf mein Schicksal zu bekommen, lauschte ich aufmerksam. Ich bin von Natur aus nicht besonders religiös, trotzdem ertappte ich mich dabei, darum zu beten, der Fremde möge recht gehabt haben. Mit vierundzwanzig fühlte ich mich definitiv zu jung zum Sterben. Ich würde meine Eltern und meinen Bruder vermissen, und ich wünschte, mir wäre noch Zeit beschieden, meine Beziehung mit ihnen zu verbessern. Außerdem wünschte ich, nicht so viel Zeit für unbedeutende Dinge vergeudet zu haben. Allerdings war es dafür zu spät. Mein Leben hing vom Inhalt eines Telefongesprächs und vom Abzug einer Glock ab.

»M-hm. Ja. M-hm … Alles klar. Sicher … Bis dann.«

Tja, dieses Ende der Unterhaltung gab recht wenig Aufschluss. Ich versteifte den Körper und wartete darauf, dass eine Kugel in meinen Schädel einschlug. Flüchtig fragte ich mich, ob Franks ein guter Schütze war. Das Letzte, was ich wollte, war, mein Leben lang stumpfsinnig dahinzuvegetieren. Würde es wehtun? Ich biss mir auf die Zunge. Betteln würde ich jedenfalls nicht. Besser ein solches Ende als sich beim nächsten Vollmond in etwas Unmenschliches verwandeln.

Das Warten schien sich ewig hinzuziehen. Ich hörte ein Flüstern und das Rascheln von Bewegung, nahm aber kein Mündungsfeuer wahr. Das einzig Konstante blieb das leise Piepen der Maschine, das meinem Herzschlag entsprach. Und der ging deutlich schneller als noch vor wenigen Momenten. Es gestaltete sich schwierig, sich schlafend zu stellen, wenn man von elektronischen Geräten so bereitwillig verraten wurde. Meine Lungen brannten, weil ich den Atem anhielt, meine Bauchmuskeln hatten sich schmerzlich zusammengezogen. Ein garstiger Teil von mir hoffte, mein explodierender Schädel würde die billigen Anzüge der Agenten so richtig versauen. Viel Spaß bei der Reinigung, ihr Wichser.

Schließlich hörte ich, wie sich die Agenten in Bewegung setzten. Langsam öffnete sich die Tür. Ich riskierte einen kurzen Blick, als die zwei FBI-Männer leise das Zimmer verließen. Franks wirkte niedergeschlagen, seiner Chance beraubt, jemanden völlig legal zu töten. Myers schien mir überraschenderweise höflich zu versuchen, so wenig Lärm wie möglich zu verursachen. Dann schloss sich die Tür wieder, und sie waren weg.

Langsam verstrichen die Minuten, während ich mich vergewisserte, dass sie nicht zurückkommen würden. Aber alles blieb still. Der Anruf war eingegangen. Das Versprechen des Fremden hatte sich bewahrheitet. Ich war nicht infiziert, sondern noch menschlich, und ich würde nicht sterben. Ich lachte, bis etwas in einer der zahlreichen Schnittwunden an meinem Rücken riss, dann weinte ich zuerst vor Schmerzen, dann vor Erleichterung. Wie bereits erwähnt bin ich von Natur aus kein frommer Mensch, aber an jenem Abend war ich es. Ich schluchzte hemmungslos, als all die Anspannung von mir abfiel, mich erschöpft zurückließ.

Zwei Dinge musste ich noch erledigen, bevor ich weiterschlafen konnte. Ich ergriff den Blumenstrauß von Hansen Industries und schleuderte ihn quer durchs Zimmer. Es war ohnehin ein dämlicher Job gewesen. Dann hob ich die Visitenkarte vor mein Gesicht und versuchte, sie mit verschwommenem Blick zu lesen. Für die feinere Schrift konnte ich mich nicht ausreichend konzentrieren, aber für die Überschrift reichte es.

Monster Hunter International

Monsterprobleme? Rufen Sie die Profis.

Seit 1895

Kapitel 3

Physiotherapie ist Kacke. Rekonvaleszenz ist Kacke. Und das nicht enden wollende Jucken unter einem Gips muss wohl die schlimmste der Menschheit bekannte Form von Folter sein. Die Schlimmste – es sei denn, man wird zu Hause von den eigenen Eltern überfallen, die einen trösten wollen. Meine Familie war losgeflogen, als sie über den ›Zwischenfall‹ informiert wurde, und hatte sich sofort darangemacht, mir mächtig auf die Nerven zu gehen.

Davor allerdings hatte sich mein Krankenhausaufenthalt noch eine Woche hingezogen. Anscheinend kann es recht stressig sein zu sterben, auch wenn man nur für ein, zwei Minuten tot ist. Jedenfalls zeigten sich die Ärzte beeindruckt davon, dass ich überhaupt noch lebte. Als ich mich bei einem danach erkundigte, wie viel Blut ich in etwa verloren hatte, antwortete er lakonisch: »Das Meiste.«

Meine Behandlung bestand darin, dass ich versuchte, mich zu bewegen, ohne irgendeine Wunde aufzureißen. Nach und nach kehrte meine Kraft zurück, bis es mir gelang, einige Schritte aus eigener Kraft zu humpeln und sogar das Krankenhausessen zu verdauen. Ermittler der Polizei von Dallas kreuzten auf, um mich zu befragen. Sie erwähnten weder übernatürliche Monster noch FBI-Agenten, und ich hütete mich davor, meinerseits etwas davon zur Sprache zu bringen. Die Beamten waren vielmehr der Auffassung, Mr. Huffman sei ein geistesgestörter Serienmörder auf Angel Dust gewesen, bewaffnet mit einem Bowiemesser mit 30-Zentimeter-Klinge. Ich war überzeugt davon, meine neuen Freunde von der Bundesbehörde hatten den Tatort so manipuliert, dass er die von ihnen gewünschte Geschichte erzählte, in der zweifellos keine Werwölfe vorkamen. Die Polizei dankte mir dafür, dass ich die Welt von einem äußerst üblen Menschen befreit hatte, und teilte mir mit, dass die Ermittlungen einen klaren Fall von Notwehr ergeben hatten. Nichts wies darauf hin, dass wegen irgendetwas Anklage gegen mich erhoben würde, und man hatte sogar veranlasst, dass ich meine .357er zurückbekommen würde, sobald man sie im Büro der Staatsanwaltschaft nicht mehr brauchte.

In der Lokalpresse wurde über meinen heroischen Kampf gegen den verrückten Serienmörder Cecil Huffman berichtet. In einer Titelgeschichte wurden unsere beiden Mitarbeiterfotos abgebildet. Ich bin sicher, die meisten Leser hielten mein Bild für das des wahnsinnigen Mörders, zumal ich groß, jung, muskulös, dunkel und hässlich war und verschlagen dreinschaute. Mr. Huffman kam eher wie der Opfertyp rüber, ein übergewichtiger Abteilungsleiter mittleren Alters mit traurigem Blick und Dreifachkinn. Das Aussehen kann täuschen. Während meines Krankenhausaufenthalts wies ich wiederholt Reporter ab. Das Letzte, was ich wollte, war, mir eine Geschichte auszudenken oder etwas zu vermasseln und mir den Zorn des FBI zuzuziehen. Ich lehnte sogar einen möglichen Gastauftritt bei Oprah ab. Meine Mutter war mächtig verärgert, als sie das erfuhr.

Meine Eltern trafen am Abend vor meiner Entlassung aus dem Krankenhaus ein. Nur, damit man mich nicht falsch versteht: Ich liebe meine Familie aufrichtig. Das sind alles anständige Leute. Verrückt, aber anständig.

»Verdammt, Junge, du siehst beschissen aus!«, war das Erste, was mein Vater rief, als er mein Gesicht sah.

Mein Vater war ein aufrechter Bürger, ein hoch dekorierter Kriegsheld und ehemaliges Mitglied einer eingeschworenen Spezialeinheit, ein Mann, der von seinen Mitmenschen geachtet wurde. Zu Hause jedoch war er ein unnahbarer, strenger Mann, der Schwierigkeiten hatte, eine Beziehung zu seinen Kindern zu pflegen. Als ich jünger war, interpretierte ich das so, dass er uns nicht anerkannte oder gar nicht wirklich mochte. Ich war damit so umgegangen, dass ich versuchte hatte, in seine Fußstapfen zu treten. Mein Bruder hatte es bewältigt, indem er aus der Highschool ausstieg, um eine Heavy-Metal-Band zu gründen. Während ich amtlich zugelassener Buchprüfer geworden war, erhielt die Band meines Bruders einen Plattenvertrag, war ständig von heißen Groupies umgeben und feierte wilde Partys. Ich glaube, bei der Geschichte habe ich die Arschkarte gezogen.

Anscheinend schämte sich mein Vater ein wenig dafür, dass mich ein korpulenter Schmock so übel zugerichtet hatte, obwohl ich jung, fit und – weil anständig erzogen – bewaffnet gewesen war. Wäre es Huffman gelungen, mich zu fressen, wäre er vermutlich eher enttäuscht darüber gewesen, dass ein Pitt einen Kampf verloren hatte, als traurig über mein Dahinscheiden. Zuletzt hatte sich mein Vater offenkundig für mich geschämt, als ich von der Rekrutierungsstelle der Army wegen Plattfüßen und Asthmaanfällen in meiner Kindheit abgelehnt worden war. Das war ein harter Tag für ihn gewesen.

Er hatte seine Söhne dazu erzogen, so wie er Soldaten zu werden. Tatsächlich stammte die Idee zu meinem Vornamen von der Owen-Maschinenpistole, die ihm im Hinterland von Kambodscha das Leben gerettet hatte, als er dort in einem Krieg kämpfte, den es offiziell nie gab. Er fand, der Name klang gut, und die Waffe war nützlich dabei gewesen, kommunistische Aufständische umzumähen, als er tief in Feindesgebiet festsaß und nur diesen australischen Schießprügel dabei hatte, der älter war als er selbst. Es mag schwer zu glauben sein, aber als Kinder hörten wir fast nur solche Geschichten!

»Oh mein Baby! Mein armes, armes Baby! Wie ist das passiert? Du armes Ding!«, lautete der erste Kommentar meiner Mutter. So ging es noch einige Minuten unter einem Ansturm von Umarmungen, Küssen und feuchten Taschentüchern weiter. Meine Ma war die Emotionale in der Familie. Außerdem zeigte sie ihre Liebe beim Kochen, weshalb ich immer ein dickes Kind war. Bei uns zu Hause galt der Grundsatz: Wenn man nicht aß, wurde man offensichtlich nicht geliebt. Unnötig zu erwähnen, dass die Pitts tendenziell recht massig sind.

Jedenfalls brachten sie mich in meine Wohnung, wo sie sich zu meiner Überraschung prompt für einen längeren Aufenthalt einrichteten. Ich versuchte zu beteuern, dass ich klarkommen würde und keine Hilfe bräuchte. Da ich jedoch kaum laufen konnte und immer noch rundum voller Verbände war, trat ich wohl nicht besonders überzeugend für meine Unabhängigkeit ein.

Meine langsame Genesung erstreckte sich über Wochen. Meine Kraft kehrte zurück, und nach einigen Arztbesuchen hatte ich keine Klammern mehr im Körper. Ich muss zugeben, dass ich das Essen meiner Mutter liebe, und durch die mangelnde körperliche Ertüchtigung, verkümmerte Muskeln und Mahlzeiten mit 3.000 Kalorien nahm ich ordentlich zu. Der Kompromiss bestand darin, dass ich dafür unablässig Fragen über mich ergehen lassen musste. »Warum hast du keine Freundin? Wann wirst du heiraten? Wann wirst du einen neuen Job finden? Was willst du jetzt tun?« Darauf folgte regelmäßig die Einladung, wieder nach Hause zu ziehen, wo ich einen Job finden und ein nettes Mädchen kennenlernen könnte.

Auch Freunde besuchten mich mehrmals. Ma lieh eine Menge Filme für mich aus. Ich begann, wieder vermehrt zu lesen, und sah die Stellenanzeigen nach einer neuen Arbeit durch.

Dad spielte vorwiegend Golf.

Während der gesamten Zeit lag die Visitenkarte, die ich im Krankenhaus erhalten hatte, in einer Schublade in meinem Schlafzimmer. Ich hatte mit dem Gedanken gespielt, die Nummer anzurufen, konnte mich jedoch nicht dazu durchringen. Es schien mir wesentlich einfacher zu sein, nicht an eine Welt zu denken, in der es Kreaturen wie Mr. Huffman gab.

Das Schwierigste daran war, mit niemandem darüber reden zu können.

Eines Abends erhielt ich einen Anruf von meinem Bruder Mosh. Eigentlich hieß er David, aber es war lange her, seit ihn außer unseren Eltern zuletzt jemand so genannt hatte. Da ich der Einzige in der Familie war, mit dem er überhaupt redete, und das nur selten, hatte er bis dahin nichts von dem Zwischenfall gewusst. Als er davon erfuhr, rief er sofort an. Wir unterhielten uns eine Weile. Er wollte alle Einzelheiten, ich tischte ihm die vom FBI genehmigte Version auf. Von allen, mit denen ich gesprochen hatte, war er derjenige, bei dem ich die größte Versuchung verspürte, die Wahrheit zu erzählen … aber ich wollte wirklich nicht von der Regierung ausgeknipst werden, deshalb ließ ich es bleiben.

Ich erkundigte mich, wie es ihm ging. Mit seiner Band, Cabbage Point Killing Machine, lief es gut. Demnächst würde ihr nächstes Album erscheinen, Hold The Pig Steady. Ich fragte ihn, ob er mir ein Exemplar davon und VIP-Tickets schicken würde, wenn ihn seine Tour nach Dallas führte. Er sagte unter der Bedingung zu, dass ich mich bis dahin nicht ermorden ließe. Ich gab ihm mein Wort, dass ich mich bemühen würde, am Leben zu bleiben.

Am Abend vor der geplanten Abreise meiner Eltern nahm mich mein Vater zu einem Gespräch beiseite. Er wartete, bis Ma in der Küche mit einem weiteren Vier-Gänge-Menü beschäftigt war, dann bedeutete er mir, ihm ins Wohnzimmer zu folgen.

»Owen, wir müssen reden.«

»Klar, Dad. Was gibt’s?« Es kam nicht häufig vor, dass mein Vater mit mir reden wollte. Für gewöhnlich redete nur er, aber diesmal schien er mir richtig aufgewühlt zu sein.

»Pass auf, Sohn, lass es mich geradeheraus sagen. Ich weiß, dass du uns nicht alles erzählst.«

»Hä?« Das überraschte mich. »Was meinst du damit?«

»Ich habe deine Verletzungen gesehen. Und ich habe schon Messerwunden gesehen, verdammt, ich habe selbst Messerwunden verursacht. Das sind keine Messerwunden.«

Er hatte mich erwischt. Ich wusste nicht, was ich erwidern sollte, also nickte ich nur.

»Außerdem weiß ich, was du gemacht hast, um dich durch die Schule zu bringen, und ich weiß, dass du es uns nie gesagt hast, weil du nicht wolltest, dass sich deine Mutter Sorgen macht.«

Das ließ mich zusammenzucken. Ich hatte keine Ahnung gehabt, dass er es wusste.

»Was meinst du, Dad? Ich habe in einem Lager gearbeitet.«

»Ja, eine Zeit lang, nur warst du danach Rausschmeißer in einer Biker-Bar und hast regelmäßig für Geld bei illegalen Kämpfen im Untergrund mitgemacht.«

»Woher weißt du das?«

»Erinnerst du dich an Charlie aus meinem Büro? Er hatte ein Spielproblem. Der verrückte alte Kerl hat auf alles gewettet. Eines Nachts ist er über einen deiner Auftritte gestolpert. Er rief mich am nächsten Morgen an, um mir zu erzählen, dass er gesehen hatte, wie mein Junge die Scheiße aus ein paar ziemlich harten Knochen rausprügelte. Also habe ich einige Nachforschungen angestellt … War es gut bezahlt?«

Schon früh im Leben hatte ich festgestellt, dass ich ein bemerkenswertes Talent für Gewalt besaß, das von meinem Vater ermutigt und kultiviert worden war. Gepaart mit meiner körperlichen Fähigkeit, ordentlich Prügel einzustecken, konnte ich dadurch eine hübsche Stange Geld einsacken. Es bot zwar nicht die Neben­leistungen eines Jobs als Buchhalter, aber ich muss zugeben, dass es seinen eigenen Reiz hatte, Leuten ins Gesicht zu schlagen.

»Zwanzig Prozent des Einsatzes für einen Sieg, fünf Prozent bei einer Niederlage. Ausgesprochen illegal. In der Bar habe ich auch eine Weile gearbeitet. Ich war der Streitschlichter. Ich durfte sogar im Hinterzimmer bleiben und Hausaufgaben machen, bis es ein Problem gab.« Dabei verschwieg ich, dass wir stündlich Probleme gehabt hatten und es eine jener Bars war, deren Adresse sich bei der örtlichen Rettung fest ins Gedächtnis gebrannt hatte. »Ich habe das nur lange genug gemacht, um die Schule zu bezahlen.« Das war eine schändliche Lüge, aber ich konnte meinem Vater unmöglich die Wahrheit darüber erzählen, warum ich gekündigt hatte. »Wieso hast du nie etwas gesagt?«, fragte ich.

Eine Weile schaute er etwas verlegen drein. Da ihn das Gefühl verwirrte, schaltete er rasch wieder auf Barschheit um. »Ging mich nichts an. Du warst erwachsen.«

Ich glaube, näher ist er einem Kompliment für mich nie gekommen.

»Wie auch immer, worauf ich eigentlich hinauswill: Ich vermute, du hast Erfahrung im Umgang mit Messerschwingern.« Er hatte ja keine Ahnung. Mein Körper wies einige Narben mehr als die neuen auf. »Ich will wissen, wie es diesem Arschloch gelungen ist, den Boden mit dir aufzuwischen, Wände einzuschlagen, Möbel zu zertrümmern, zehn Kugeln abzufangen und dich trotzdem noch aufzuschlitzen.«

»Drogen, schätze ich«, war die einzige Antwort, die mir einfiel.

Er fuhr fort. »Ich habe solche Wunden schon mal gesehen. Einmal kam mir ein Kerl unter, der von einem Tiger angefallen worden war. Sah wie bei dir aus. Er wurde rundum zerkratzt und umhergeschleift. Das Vieh hat eine Weile mit ihm gespielt. Im Gegensatz zu dir wurden ihm die Muskeln bis zu den Knochen vom Rücken gefressen, abgenagt wie ein Hühnerbein. Danach hat ihn der Tiger umgedreht und aufgeschlitzt, damit er sich an seinen Eingeweiden gütlich tun konnte.« Ich erinnerte mich daran. Dad hatte die blutige Langfassung als Gutenachtgeschichte zum Besten gegeben, als ich etwa sechs war.

»Ich weiß nicht, was ich dir sagen soll, Dad.«

Er sah mir eindringlich in die Augen. Mein Vater war immer noch ein bemerkenswert ehrfurchtgebietender Mann, sowohl körperlich als auch emotional. »Hör mal, ich weiß, dass es verdammt merkwürdige Dinge gibt. Ich habe Geschichten von Leuten gehört, denen ich vertraue. Ich habe früher selbst einiges erlebt, das sich nicht vernünftig erklären lässt.« Er schüttelte den Kopf, als versuche er, etwas zu vergessen. »Ich schätze, was ich sagen will, ist … Ich weiß, dass du dich nicht bloß mit einem gewöhnlichen Menschen rumgeschlagen hast. Wenn du mir die ganze Geschichte erzählen willst, höre ich zu.«

Ich erwiderte nichts.

Als er lang genug gewartet hatte, verfinsterte sich seine Miene, und er verließ das Zimmer ohne ein weiteres Wort. Zweifellos schämte er sich erneut für mich.

Am nächsten Tag flogen sie weg.

Ich fluchte wie ein Rohrspatz, als ich durch meine Wohnung humpelte. Meine Krücke stieß gegen verschiedene Gegenstände, als ich versuchte, mir den Weg zur Eingangstür zu bahnen. Die Klingel bimmelte erneut, und diesmal wurde sie gedrückt gehalten. Es war eine äußerst schrille Klingel.

»Einen Moment!«, brüllte ich, als ich um die Couch herumstolperte. Meinem Bein ging es bereits viel besser. Das war mit Abstand die schlimmste Verletzung gewesen, und sie fühlte sich immer noch am wundesten an, vor allem, wenn ich zu laufen versuchte. Der Rest war gut verheilt, und sogar der Gips an meiner Hand war mir letztlich abgenommen worden. Während der langen Reise durch mein Wohnzimmer gelobte ich mir, sollten es die Medien sein, würde ich denjenigen, der geläutet hatte, mit der Krücke pfählen und die Leiche als Warnung für andere im Flur zurücklassen.

Ich spähte durch den Türspion und sah nur schwarz. Offensichtlich war die Glühbirne der Gangbeleuchtung wieder durchgebrannt. »Wer ist da?«, rief ich durch die Tür, bereit, die Krücke zum Einsatz zu bringen, sollte die Antwort irgendetwas mit einer Zeitung oder einem Fernsehsender zu tun haben. Meine Geschichte schien die Medien anzuziehen wie ein Haufen Kacke Fliegen, wahrscheinlich, weil sie wie ein Fernsehfilm anmutete.

»Earl Harbinger«, lautete die gedämpfte Erwiderung. »Wir haben uns im Krankenhaus kennengelernt.«

Mir war es in der Zwischenzeit beinah gelungen, die Visitenkarte zu vergessen. Beinah.

»Was wollen Sie?«, brüllte ich.

»Ich brauche einen Steuerberater. Was glauben Sie wohl, was ich will?«

Ich überlegte hin und her, ob ich öffnen sollte. Einerseits konnte ich in mein normales Leben zurückkehren, mir einen Job suchen, so tun, als ginge die größte Gefahr auf der Welt von guten, alten Schurken aus, und nachts gut schlafen. Andererseits konnte ich einige Antworten bekommen.

Letztlich überwog meine Neugier. Ich entriegelte die beiden Schlösser und öffnete die Tür.

Harbinger hatte eine Freundin mitgebracht.

Sie war wunderschön. Tatsächlich die wohl schönste Frau, die ich je gesehen hatte. Sie war groß, hatte schwarzes Haar, helle Haut und braune Augen. Ihr Gesicht war betörend und zugleich authentisch, nicht gekünstelt wie bei einem Model oder einer Schauspielerin. Sie trug eine Brille, und ich stand auf Frauen mit Sehhilfen. Da ich hässlich war, ließ sich das vermutlich auf die unterbewusste Hoffnung zurückführen, ich könnte Chancen bei hübschen Mädchen haben, die nicht gut sahen. Sie trug ein konservatives Kostüm, doch im Gegensatz zu den meisten Frauen, die ich kannte, stand ihr diese Aufmachung hervorragend. Ich schätzte sie auf Mitte zwanzig.

»Mr. Pitt?«, fragte sie. Sogar ihre Stimme empfand ich als wunderschön. Sie war eine Göttin.

Ich versuchte zu antworten, brachte jedoch kein Wort über die Lippen. Sag was, du Idiot! »Äh … Hi.« Brillant. So weit, so gut, mach weiter, Großer. »Sie können … äh … Mein Name ist … Owen. Meine Freunde nennen mich Z. Wegen meines zweiten Vornamens. Er fängt mit einem Z an. Was immer Ihnen lieber ist. Bitte, kommen Sie rein.«

Lächelnd streckte sie mir eine Hand entgegen. »Julie Shackleford. Freut mich, Sie kennenzulernen.« Ihr Griff erwies sich als kräftig, ihre Hand als überraschend schwielig. Ihr Händeschütteln vermittelte die Botschaft, dass sie kein Weichei war. Hatte ich die perfekte Frau gefunden?

Ihre Augen weiteten sich, als sie mein Gesicht musterte. Die Narbe. Sie war gut verheilt, trotzdem wusste ich, dass sie immer noch scheußlich aussah. Nachdem die Schwellung zurückgegangen war, blieb mir ein dicker roter Striemen, der meine Stirn teilte, über den Rücken meiner mehrfach gebrochenen Nase verlief und auf meiner Wange endete. Grausam.

Sie wandte den Blick ab. »Tut mir leid. Ich wollte Sie nicht anstarren.« Sie sprach mit einem leicht südlichen Akzent.

»Schon gut, ist keine große Sache. Bloß ein Kratzer. Wie bei Harry Potter, nur für Erwachsene«, sagte ich, damit sie sich nicht verlegen fühlte. »Kommen Sie, setzen Sie sich. Möchten Sie etwas zu trinken?«

»Nein, danke«, antwortete Julie. Julie … was für ein hübscher Name.

»Ich nehme ein Bier«, meldete sich Harbinger zu Wort.

»Tut mir leid, kein Bier.« Beinah hätte ich hinzugefügt, dass ich nicht trank, aber ich wollte nicht wie ein Schlappschwanz dastehen. In Wahrheit verhielt es sich so, dass ich Alkohol nie anrührte, weil ich bei der Arbeit so viel Zeit im Umfeld von Trunkenbolden verbracht hatte.

Harbinger grunzte nur enttäuscht. Die beiden setzten sich auf meine Couch aus dem Gebrauchtwarenladen. Ich brauchte eine Minute, um meine Krücke zu verlagern, damit ich mich vorsichtig auf einen Stuhl zubewegen konnte. Es ist schwierig, eine Frau zu beeindrucken, wenn man ein großer, tollpatschiger Ochse ist, der mithilfe eines albernen Aluminiumstocks das Gleichgewicht halten muss. Ich plumpste auf den Sitz und ließ die Krücke fallen.

»Geht es Ihnen besser?«, erkundigte sich Harbinger.

»Viel besser. Die Ärzte sagen, ich genese schnell. Der Verband ist runter, und ich kann wieder mit Übungen für den Oberkörper anfangen, solange ich es nicht übertreibe.«

»Sie trainieren?«

»Ein wenig«, antwortete ich. Tatsächlich schaffte ich vor dem Zwischenfall knapp über 180 Kilo beim Bankdrücken. Man sah es mir nicht an, aber das ist der Nachteil, wenn man sowohl groß als auch stämmig ist. Aufgrund meiner Brustverletzungen und der langen trainingsfreien Zeit wusste ich, dass es eine Weile dauern würde, bis ich wieder bei diesem Gewicht wäre.

»Passen Sie bloß auf, dass Sie sich dabei nicht verletzen. Sie wurden ziemlich übel zugerichtet. Eigentlich kenne ich niemanden, der es so mit einem Werwolf aufgenommen und überlebt hat. Wenigstens mit ein paar guten Silberwaffen, ja – aber mit bloßer Hand, das ist Wahnsinn. Sie hatten Glück.« Er redete über Werwölfe, als wären sie etwas völlig Alltägliches, wie ein gewöhnlicher Mensch über einen Staubsauger oder einen Toaster.

»Mr. Pitt … Tut mir leid – Owen«, begann Julie. »Was wir ­Ihnen gleich sagen werden, mag sich ein wenig sonderbar anhören, aber nach Ihren jüngsten Erfahrungen sollten gerade Sie verstehen, dass wir nicht verrückt sind. Earl und ich repräsentieren ein Unternehmen namens Monster Hunter International.«

»Also gut. Ich höre zu.« Julie konnte mir meinetwegen von den Jupitermonden erzählen, und sie hätte trotzdem meine ungeteilte Aufmerksamkeit.

»MHI ist eine private Organisation. Wir kümmern uns um mon­ster­bezogene Probleme. Ich denke, man könnte sagen, in Wirk­lichkeit sind wir Monsterjäger.«

»Klingt vernünftig.« Ich lächelte. Es klang keineswegs vernünftig. Es klang vollkommen meschugge, aber sollte ich je einem Psychiater die Wahrheit über meine Erfahrung mit Huffman erzählen, würde man mich innerhalb von fünf Minuten in eine Gummizelle stecken. Also hörte ich weiter zu.

»Wie Sie mittlerweile wissen, sind Monster sehr real. Es gibt sie, und sie stellen eine ernste Gefahr für die Welt dar. Unser Unternehmen ist darauf spezialisiert, Monsterbedrohungen zu neutralisieren«, erklärte sie.

»Verdient man damit gut?«, warf ich scherzhaft ein.

Harbinger fasste in sein Jackett, holte einen schlichten Umschlag hervor und warf ihn mir zu. Ich fing ihn auf.

»Was ist das?«

»Es gibt eine Bundesprämie, die für die Beseitigung unerwünschter übernatürlicher Kreaturen bezahlt wird. Sie nennt sich SUMF.«

»SUMF

»Ständiger Unirdische-Mächte-Fonds«, klärte Julie mich auf. »Teddy Roosevelt rief ihn ins Leben, als er Präsident war. SUMF ist ein Mittel zur Kontrolle der Monsterpopulationen. Für MHI ist der Fonds eine große Einnahmequelle. Den Rest erzielen wir aus Aufträgen von verschiedenen Kommunalverwaltungen, Organisationen und Privatpersonen mit Monsterproblemen.«

»Nur zu, machen Sie ihn auf«, schlug Harbinger vor. »Diese Bundesstümper wollten Ihnen nichts davon sagen, aber Sie haben ganz allein einen frisch erschaffenen Werwolf getötet. Das macht Sie zum alleinigen Empfänger jeglicher Prämien, die für diese Art von Kreatur ausgeschrieben sind. Ich war so frei und habe den Papierkram für Sie erledigt. Ich nahm an, Sie würden nichts dagegen haben.«

In dem Umschlag befand sich ein gewöhnlich aussehender Scheck. Tatsächlich war er vom Finanzministerium ausgestellt und wies in grüner Tinte unter dem Wappen den Hinweistext SUMF auf. Er lautete auf einen gewissen Owen Zastava Pitt und den Betrag von 50.000 US-Dollar.

Das Geräusch, das ich von mir gab, lässt sich wohl am besten als Quieken beschreiben, nur klang es weniger männlich. Das konnte nicht wahr sein. Bei meinem unlängst verlorenen Job hatte ich im Jahr nicht so viel verdient. »Sie wollen mich verarschen, richtig?« Ich warf Julie einen ungläubigen Blick zu und bemühte mich, eine Augenbraue hochzuziehen.

»Nein«, entgegnete Julie lachend. Sie hatte ein wunderschönes Lachen. »Dieser Scheck ist legitim und gültig. Die Prämien ändern sich je nach Schwere der Monsterplage und Anzahl der mensch­lichen Verluste. In diesem Fall erleben einerseits derzeit die Lykanthropen eine bislang nie gekannte Blüte, andererseits hatte dieses spezielle Exemplar in der Nacht davor bereits einige Opfer getötet. Wäre der Werwolf älter gewesen oder hätte er mehr Menschen gefressen, hätten Sie jetzt einen höheren Scheck in der Hand.«

»Soll das heißen, die Regierung gibt Leuten Geld dafür, dass sie Werwölfe töten?« Ich war zwar bereit, mich auf Julies Wort zu verlassen, dennoch würde ich definitiv zur Bank humpeln und versuchen, den Scheck einzulösen, sobald die beiden gegangen wären.

»Ja, und auch für andere Arten übernatürlicher Kreaturen.«

»Andere? Was gibt es denn sonst noch alles?«

Sie zuckte mit den Schultern. »Jede Menge, aber ich will nicht zu weit vom eigentlichen Thema abkommen. Wenn Sie unserem Angebot nicht zustimmen, darf nichts, was ich Ihnen sage, je der Öffentlichkeit bekannt werden. Andernfalls sorgt die Regierung dafür, dass Sie einen Kettensägenunfall haben oder Ihnen etwas ähnlich Schlimmes widerfährt, und das ist kein Scherz. Es gibt eine strenge Richtlinie, der zufolge all das geheim zu halten ist. Bevor ich Ihnen also erzähle, was es sonst noch gibt, möchte ich Sie fragen, ob …«

Ich fiel ihr ins Wort. »Zombies? Gibt es wirklich Zombies?«

»Owen, bitte, ich muss …«

»Ja, gibt es. Verschiedenste Arten. Langsame, schnelle. Üble Scheißer«, ergriff Harbinger das Wort.

»Vampire?«

»Oh ja. Und lassen Sie es sich gesagt sein, das sind nicht die netten, eleganten, charmanten Kerle aus dem Fernsehen – diese Blutsauger sind hundsgemein. Glauben Sie mir, auch wenn die Popkultur sie intellektuell und sexy darstellt, es ist rein gar nichts sexy daran, wenn einem die Halsschlagader rausgerissen wird. In Wirklichkeit sind sie ein Gewirr verschiedener Arten von Untoten.«

Seufzend gab Julie auf. Ich wollte herausfinden, was genau es wirklich gab, und Harbinger war bereit, darüber zu reden. Es schien ihm einerseits Spaß zu machen, andererseits freute er sich offenkundig über Julies Unbehagen.

»Bigfoot? Der Yeti?«

»Ja, aber für die gibt es keine Prämien, weil sie eigentlich kein Problem darstellen.«

»Chupacabras?«

»Ziegenblutsauger. Fetzen einen in Stücke.«

»Riesige Mutantenviecher?«

»Klar, aber den Markt haben sich die Japaner unter den Nagel gerissen.«

»Meeresungeheuer?«

»Ja, aber Prämien gibt es nur für die bösartigen Rassen.«

»Wow, im Ernst? Außerirdische?«

»Keine intelligenten, kleinen grünen Männchen, falls Sie das damit meinen. Falls es die gibt, haben wir noch nie mit ihnen zu tun gehabt.«

»Geister?«

»Wir haben eine strenge Richtlinie: Wir jagen nur Kreaturen, die physische Körper besitzen. Ohne Körper gibt es keinen Vertrag und somit keine Möglichkeit, Geld zu verdienen. Wir halten uns an Wesen, die aus Fleisch und Blut oder zumindest Knochen, einem Exoskelett oder Schleim bestehen.«

So ging es noch einige Minuten weiter. Ich kramte jede Kreatur aus jedem Horrorstreifen, den ich je gesehen hatte, aus meinem Gedächtnis, und Harbinger teilte mir mit, ob es sie wirklich gab oder nicht. Jede Antwort seinerseits klang absolut aufrichtig. Sofern er sich diesen verrückten Monsterkram ausdachte, wollte ich nie bei einer Runde Poker gegen ihn antreten.

Als ich mich schließlich nach dem Monster der Schwarzen Lagune erkundigte und erfuhr, dass es auf einer wahren Geschichte beruhte, wurde es Julie letztlich zu bunt und sie griff ein, indem sie Harbinger den Ellbogen in die Rippen stieß. »Tut mir leid, aber wir müssen uns wieder dem Geschäftlichen zuwenden. Owen, wir suchen neue Jäger. Aufgrund der Art unserer Tätigkeit können wir keine Inserate schalten. Für gewöhnlich lernen wir bei der Arbeit Leute kennen, die Monstererfahrungen gemacht und sich dabei gut angestellt haben.«

»Ich denke, ich habe mich ganz gut geschlagen.«

Julie lachte, Harbinger grinste. Sie holte eine DVD aus ihrer Handtasche hervor. »Darf ich?« Ich nickte. Sie stand auf, legte die DVD in meinen Player ein und knipste den Fernseher an. »Ich vermute, das haben Sie noch nicht gesehen. Soweit es Ihren ehemaligen Arbeitgeber und die Polizei von Dallas betrifft, existieren diese Aufnahmen nicht.«

»Schalten Sie auf Kanal drei.«

Es handelte sich um ein Schwarz-Weiß-Sicherheitsvideo aus dem dreizehnten Stockwerk meines früheren Bürogebäudes. Der Bildschirm war in vier Quadrate unterteilt, die jeweils eine andere Perspektive zeigten. Einige Blickwinkel überraschten mich, zumal mir an diesen Orten nie Kameras aufgefallen waren. Eine bot sogar eine gute Aussicht auf Huffmans Büro.

»In den Räumlichkeiten sind überall Kameras versteckt. Ich vermute, bei Ihrer Firma gab es ein großes Problem mit Diebstählen durch Mitarbeiter«, meinte Harbinger. Ich wusste, ich hätte diese Haftnotizblöcke nicht mit nach Hause nehmen sollen.

Zu Beginn der Aufzeichnungen war die Zeit laut der digitalen Anzeige 20.05 Uhr. Wie die meisten Menschen, die sich selbst auf Video sehen, fand ich, dass ich albern rüberkam. Ton gab es keinen, aber die Ereignisse entfalteten sich ziemlich so, wie ich sie in Erinnerung hatte. Nur überraschte mich diesmal, wie schnell alles geschah. Die Verwandlung, die sich damals endlos hinzuziehen schien, vollzog sich, nüchtern und aus einem seltsamen Winkel betrachtet, recht rasant. Der gesamte Kampf war in wenigen Minuten vorbei, doch für mich hatte sich die Zeit gestreckt, sodass jeder Bruchteil einer Sekunde wie eine Ewigkeit gewesen war. Die Kreatur wirkte auf dem Bildschirm nicht annähernd so Furcht einflößend wie in dem Moment, als mir ihr heißer Atem ins Gesicht blies. Die dritte Kamera fiel aus, als mein Körper durch die Deckenverkleidung geschleudert wurde. Huffman und ich verschwanden kurz aus den Sichtbereichen der Kameras. Gleich darauf tauchten wir ruckend in einer anderen Perspektive wieder auf. Mich überraschte, wie unscheinbar unser Blut in Schwarz-weiß an den Wänden aussah. Schließlich beobachtete ich, wie ich dem Werwolf das Genick brach und den Schreibtisch aus dem Fenster schob.

Ich stellte fest, dass ich schwer atmete.

Julie schaltete den Fernseher aus und legte die DVD zurück in ihre Hülle.

»Ganz gut geschlagen, wie? Ich finde eher, Sie haben einen erstaunlichen Kampf geliefert. Sie hätten mehrmals aufgeben können. Wahrscheinlich würde Sie überraschen, wie die meisten Menschen erstarren, wenn sie mit etwas aus ihren Albträumen konfrontiert werden. Ihre Gehirne können nicht mal ansatzweise verarbeiten, was sie sehen. Wenn sie den Schock überwinden, ist es längst zu spät – dann benutzt schon etwas aus dem Monsterreich ihr Rückgrat als Zahnseide. Jäger erstarren nicht. Jäger kämpfen.«

»Also, ich bin ein ganz normaler Typ. Sogar ein Buchhalter. Viel normaler geht es gar nicht!«, rief ich zur Verteidigung meines Durchschnittslebens.

Julie zog eine Aktenmappe aus ihrer Handtasche.

»Was ist das?«, wollte ich wissen.

»Ihre geheime Akte aus dem Heimatschutzministerium.«

»Wenn die Regierung nicht will, dass solche Daten gestohlen werden, dann sollte man sie eben nicht dort speichern, wo jeder beliebige Meisterhacker einbrechen und sie sich holen kann«, erklärte Harbinger geduldig.

»Owen Zastava Pitt, 24 Jahre. Geboren in Merced, Kalifornien … Zastava?«, fragte Julie.

»Die Familie meiner Mutter ist vorwiegend eine tschechisch-­serbische Mischung. Es ist ein alter Familienname. Wie der Ort, an dem diese kleinen Autos hergestellt wurden«, antwortete ich.

»Kleine Autos?«, hakte sie nach.

»Sie wissen schon, der Yugo.«

»Oh.« Sie fuhr fort. »Schwarzer Gürtel in zwei Kampfsportarten. An der Highschool waren Sie Ringer und haben sich zwei Jahre in Folge den Staatsmeistertitel im Schwergewicht geholt. Das Heimatschutzministerium hat Sie im Auge, weil Sie als militanter, rechtsextremer Waffennarr gelten. Mit acht Jahren wurden Sie Sportschütze und wurden als erstklassig in sportlichem Bewegungsschießen eingestuft. Bei mehreren nationalen taktischen Drei-Waffen-Wettbewerben kamen Sie unter die besten Fünf. Sie wurden als einer der besten jungen Schützen des Landes gewertet, wenngleich sie in den letzten Jahren nachgelassen haben.«

»Wenn man zu viel arbeitet, ist es schwierig, in Übung zu bleiben.« Mein Dad war mehr ein Ausbilder als ein Vater gewesen und hatte versucht, uns auf eine künftige Apokalypse vorzubereiten, die in seiner paranoiden Fantasie bevorstand. Ich konnte mit dem Gewehr Ziele in vierhundert Meter Entfernung treffen, bevor ich Fahrrad fahren konnte. Wenn normale Kinder ins Ferienlager fuhren und mit Perlen und Zweigen bastelten, absolvierten mein Bruder und ich Gewaltmärsche mit riesigen Rucksäcken. Andere Kinder trieben Sport, ich erhielt eine Nahkampfausbildung. Es hätte mich wohl nicht wundern sollen, dass ich in einer Regierungsdatenbank aufschien.

»Sie wollten der Army beitreten, wurden jedoch wegen geringfügiger gesundheitlicher Probleme abgelehnt. Außerdem hält das Heimatschutzministerium fest, dass Sie an illegalen Schaukämpfen teilgenommen und in illegalen Sportwettorganisationen gearbeitet haben.«

Ich zuckte zusammen, da ich darauf nicht wirklich stolz war.

»Hier steht, dass Sie in insgesamt sechs Jahren ein Bachelor- und Magisterstudium als Jahrgangsbester abgeschlossen haben. Die Prüfung zum amtlich zugelassenen Buchprüfer haben Sie auf Anhieb bestanden.«

Nachdem ich nur wenige Herzschläge davon entfernt gewesen war, dem Leben eines anderen Kämpfers ein Ende zu bereiten, hatte ich mir gelobt, so langweilig wie möglich zu werden, nie wieder an die Grenzen zu gehen, nur noch normal sein zu wollen. Und was war normaler als ein Buchhalter?

»Sie beherrschen fünf Sprachen fließend, vorwiegend aufgrund Ihres äußerst vielschichtigen familiären Hintergrunds. In einigen weiteren verfügen Sie über Grundkenntnisse. Ihrem psychologischen Profil zufolge sind Sie ein pathologischer Ehrgeizling mit ausgeprägtem Hang zu Überkompensation, und zwar infolge Ihrer Beziehung zu Ihrem Vater und des Umstands, dass Sie als Junge immer das dicke Kind waren, das gehänselt wurde.«

»Steht da drin wirklich ›dick‹?«, fragte ich völlig verdutzt.

»Tatsächlich steht hier psychologisches Kauderwelsch über Körperbild und Selbstwertgefühl. Ich umschreibe es nur.«

»Ich war nicht dick. Ich war grobknochig.« Ich lehnte mich auf meinem Stuhl zurück und rieb mir die Schläfen. Mich erstaunte, dass all das aus einer Regierungsdatenbank stammte. Und es bestärkte mich definitiv in meiner antiautoritären Haltung.

»Hören Sie, Owen, Sie sind kein Durchschnittsbürger, aber von uns ist auch niemand normal. MHI ist ein Familienbetrieb, der Betrieb meiner Familie. Mein Ururgroßvater hat das Unternehmen gegründet – fünf Generationen Jäger. Solange Sie meine Familie nicht kennengelernt haben, wissen Sie nicht, was schräg wirklich bedeutet, Sie brauchen sich also nicht schlecht zu fühlen.« Julie tätschelte mein Knie. Sie berührte mich! Ich lebte schlagartig auf.

»Wir suchen auch keine normalen Leute. Normale Leute kreischen, rennen weg und werden gefressen. Man muss anders sein, um das zu tun, womit wir unser Geld verdienen. Ich meine, ich brauche mir nur Ihre Schützenbewertungen anzusehen. Ich schieße mit Pistolen, seit ich ein kleines Mädchen war, und Ihre Einstufungen lassen mich alt aussehen. Beim Gewehrschießen haben Sie im Nationalverband die gleiche Punktzahl wie ich, und ich bin die Scharfschützin meines Teams.«

Als Julie das aussprach, wurde mir klar, dass ich tatsächlich die Frau meiner Träume kennengelernt hatte. Attraktiv, klug und Sportschützin? Wahnsinn!

»Ich weiß nicht recht. Ich habe keinerlei Erfahrung mit solchen Dingen. Wären Sie mit Soldaten, Marines oder Navy-Seals nicht besser dran? Herrgott, ich bin ein Bürohengst.«

Diesmal antwortete Harbinger. »Wir haben Soldaten, Marines und Navy-Seals – außerdem ehemalige LKW-Fahrer, Lehrer, Bauern, Ärzte, einen Priester, eine Stripperin und so ziemlich alles sonst, was man sich vorstellen kann. Es läuft darauf hinaus, Leute zu finden, die kein Problem im Umgang mit Außergewöhnlichem haben. Die besten Jäger sind Menschen, deren Verstand … flexibel ist.«

»Na ja … die Bezahlung scheint gut zu sein«, meinte ich und hob den Scheck an.

»Übersehen Sie dabei nicht, dass das eine Einzelprämie für Sie ist. Wenn man im Team arbeitet, wird die Prämie mit dem Team und dem Unternehmen geteilt. Allerdings sind Leute, die alleine Monster zu jagen versuchen, in der Regel ziemlich schnell ziemlich tot. Mit Rückendeckung zu arbeiten, ist die einzige Möglichkeit, am Leben zu bleiben. Aber bei der Menge an Jobs, die wir erledigen, ist die Bezahlung trotzdem gut«, erläuterte Harbinger.

»Wie gut?«

Harbinger zuckte mit den Schultern. »Wir haben ein echtes Problem damit, dass sich unsere erfahrenen Mitarbeiter zur Ruhe setzen und kleine Länder kaufen.«

»Gehe ich recht in der Annahme, dass es gefährlich ist?«

Diesmal zuckte Julie mit den Schultern. »Ich will Sie nicht belügen: Es ist brandgefährlich. Unsere Aufgabe besteht darin, uns den Kräften des Bösen entgegenzustellen. Wir verlieren eine Menge Leute, aber durch gut ausgebildete Gruppen, die als Team zusammenarbeiten, schlagen wir uns besser als die meisten anderen Jägerorganisationen, auch als die der Regierung.«

Nachdenklich saß ich stumm da. Auch meine Besucher schwiegen eine Weile. Dann startete Julie einen letzten Versuch.

»Also, ich sage Ihnen die Wahrheit. Wir haben den wahnwitzigsten Job der Welt; viele von uns sterben jung, mitunter auf echt eklige Weise. Trotzdem ist es der beste Job, den es gibt. Er ist nie langweilig, und man tut etwas wirklich Lohnenswertes. Wir sind die Profis, die Experten, wenn die Hölle ausbricht. Wenn die Lage völlig im Arsch ist, sind wir diejenigen, die man ruft. Wir erledigen, was sonst niemand kann, und wir sind verdammt gut darin.« Sie sprach mit tief empfundenen Emotionen. Offensichtlich ging Julie ihrer Arbeit mit Leidenschaft nach.

Ich rieb abwesend über die Narbe in meinem Gesicht. Unwillkürlich ging mir ein Gedanke durch den Kopf, den ich bei mir murmelte.

»Wie bitte?«, fragte Julie.

»Berufung. Ist hart, aber gut.«

»Was soll das heißen?«

»Keine Ahnung, es ist bloß etwas, das ein alter Mann mal zu mir gesagt hat. Arschkarte.« Ich dachte an den seltsamen Traum, den ich im Krankenhaus gehabt hatte. War das geschehen, als ich klinisch tot gewesen war?

»Hä?«

»Egal.« Ich musste mir eingestehen, dass mich interessierte, was die beiden mir erzählt hatten. Außerdem setzte bei mir das Hirn aus, wenn es um hübsche Mädchen ging, erst recht bei Mädchen, die klug waren und auch noch auf Waffen standen.

Es war verrückt. Die letzten Jahre hatte ich mit dem Versuch zugebracht, endlich mal durchschnittlich zu sein – bis mir das Leben den Boden unter den Füßen wegzog, als mein Boss versucht hatte, mich zu fressen. Am klügsten wäre es gewesen, den Vorfall zu verdrängen und zu vergessen, dass er sich je ereignet hatte.

Allerdings brauchte ich wirklich einen Job, und ›Owen Z. Pitt, Monsterjäger‹ klang irgendwie schon recht cool.

Ach, was soll’s.

»Ich sage Ihnen was, Mr. Harbinger und Ms. Shackleford. Ich gehe jetzt zur Bank und versuche, diesen Scheck einzulösen. Falls er echt ist und ich nicht wegen versuchten Scheckbetrugs verhaftet werde, glaube ich alles, was Sie mir erzählt haben. Dann bin ich unter zwei Bedingungen dabei.«

Die beiden warteten auf meine Forderungen. Ich nahm allen Mut zusammen.

»Falls ich zu irgendeinem Zeitpunkt finde, dass dieser Job vollkommen irre ist, haue ich ab. Keine Fragen, kein Wenn und Aber. Und das ist mein absoluter Ernst. Verarschen lasse ich mich nicht. Wenn Sie das in irgendeiner Weise versuchen, bin ich sofort weg.«

»Anders würden wir es gar nicht wollen«, erwiderte Julie. »Und was noch?«

»Sie … äh … müssen heute mit mir zu Abend essen«, stammelte ich, überrascht, dass ich den Mumm dazu hatte. Na also, Casanova. Ich hatte keine Ahnung, warum ich das gesagt hatte. Es war mir einfach irgendwie herausgerutscht.

Julie schaute zunächst verdattert drein. Ich konnte aus ihrer Reaktion nicht ablesen, ob sie sich durch meinen lahmen Versuch, sie um eine Verabredung zu bitten, geschmeichelt oder beleidigt fühlte.

Earl Harbinger verdrehte die Augen. »Ich schätze mal, ich bin damit nicht gemeint«, sagte er.

»Nein, ich … äh … Na ja, ich dachte nur …« Poetische Ergüsse waren es nicht gerade.

Julie antwortete nicht sofort. Offenbar hatte ich sie völlig überrascht. Ich wusste, dass Überraschung in der Kriegsführung nützlich war, in diesem Fall hatte ich jedoch nicht unbedingt darauf abgezielt. Im Umgang mit Frauen hatte ich mich noch nie ausgezeichnet. Eigentlich ist das eine Untertreibung. In der Gegenwart von Frauen verwandle ich mich in einen tollpatschigen Vollidioten.

»War das ein jämmerlicher Versuch, mich zu einer Verabredung einzuladen?«, erkundigte sie sich schließlich. »An sich gilt es als verpönt, so etwas während eines Bewerbungsgesprächs zu tun.«

»Also, ich wollte nur … vielleicht ein paar Fragen stellen. Sie wissen schon …«

Harbinger fiel mir ins Wort. »Ich muss ohnehin noch etwas erledigen. Ich muss los. Julie kann Ihnen weitere Einzelheiten geben.« Er stand auf. »Viel Spaß, ihr zwei.«

»Earl, warte mal, was ist mit …« Julie setzte ebenfalls zum Aufstehen an. Meine Hoffnung sank. Hatte ich sie beleidigt?

»Julie, du weißt, wovon ich rede. Du weißt, was heute Nacht ist. Bleib hier. Klär Owen über die Einzelheiten unseres Betriebs auf.« Er rückte seine Fliegerjacke zurecht.

Langsam sank Julie zurück auf die Couch. Mach ­’nen Abgang, Earl, dachte ich glücklich. Harbinger wandte sich zum Gehen. Ich griff nach meiner Krücke, um mich aufzurappeln und ihn hinauszubegleiten.

»Nicht nötig«, sagte er und schüttelte mir die Hand. »Ich freue mich schon darauf, mit Ihnen zusammenzuarbeiten.«

»Gleichfalls«, erwiderte ich, bevor ich angesichts der erstaunlichen Kraft zusammenzuckte, mit der die Finger des Mannes meine wesentlich größere Hand mühelos quetschten. Er war ­deutlich stärker, als er aussah. Ich versuchte, mir nicht anmerken zu lassen, welche Schmerzen er mir bereitete. Er beugte sich zu mir und sprach mir so leise ins Ohr, dass Julie es nicht hören konnte.

»Das war mutig, aber seien Sie Ihr gegenüber ein Gentleman. Alles andere würde mich schwer enttäuschen«, flüsterte er. Ich hegte keinerlei Zweifel daran, dass Enttäuschung seinerseits zu schweren Verletzungen meinerseits führen würde.

Ich nickte. Er ließ mich los, grinste teuflisch und klopfte mir auf den Rücken, bevor er ging.

Julie Shackleford saß auf meiner billigen Couch in meiner her­untergekommenen Wohnung in einem verrufenen Viertel der Stadt und musterte mich fragend. Ich hatte keine Ahnung, was sie dachte. Es war ein betretener Augenblick.

Letztlich brach sie das Schweigen.

»Sollen wir uns Pizza bestellen?«

»Sie wissen also wegen dieser Akte alles über mich«, meinte ich, nachdem ich einen Klumpen aus Käse und Ananas hinuntergeschluckt hatte. Die Lieferung war relativ schnell erfolgt, die Pizza schmeckte gut, und überraschenderweise schien Julie unser Gespräch zu genießen. Nach den ersten paar verlegenen Minuten hatte sie sich an meine Flirtversuche gewöhnt und tolerierte mich zumindest. Ihr Lächeln erwies sich als ansteckend, und ich fühlte mich besser als seit Wochen. Die Sonne ging bereits langsam unter. Die Gitter der Fenster meiner Wohnung warfen lange Schatten.

»Beängstigend, wie genau die einen im Auge behalten, nicht wahr?«, sagte sie, versuchte, höflich zu sein und nicht mit vollem Mund zu reden, versagte dabei jedoch kläglich. »Sie sollten mal lesen, was in meiner steht. Wahrscheinlich hätten Sie dann Angst davor, sich in meiner Nähe aufzuhalten. Die halten mich für total durchgeknallt.«

»Ach, ich weiß nicht«, gab ich zurück, griff nach einem weiteren Pizzastück und bemühte mich, mein verletztes Bein nicht zu sehr zu belasten, als ich mich vorbeugte. »Abgesehen von dieser Geschichte über den Kampf der Guten gegen die bösen Werwolfzombies kommen Sie mir nicht verrückt vor.«

Sie bemerkte meine Zwangslage und schob den Pizzakarton auf dem kleinen Kaffeetisch näher zu mir. Meine karge Einrichtung bestand vorwiegend aus billigem Schrott, aber zumindest war die Wohnung sauber, und sei es nur, weil mich meine Mutter unlängst besucht hatte.

»Die halten jeden, der dieser Arbeit nachgeht, für unzurechnungsfähig. Das denken sie sogar über ihre eigenen Jäger.«

»Wie die beiden, die mich im Krankenhaus aufgesucht haben?«, fragte ich.

»Myers und Franks? Myers ist gar kein so übler Kerl. Ob Sie’s glauben oder nicht, er hat für uns gearbeitet, bevor er von der Regierung abgeworben wurde, aber das ist lange her. Es gab damals ein kleines Zerwürfnis. Franks hingegen ist ein Arsch. Mich wundert, dass er Sie nicht einfach sicherheitshalber abgeknallt hat. Wir müssen uns immer wieder mal mit den Bundesbullen rumschlagen. Sie beobachten uns mit Argusaugen. Sie gehören einer Spezialeinheit des Justizministeriums an, dem Amt für Monsterkontrolle, das sich um Probleme wie Sie kümmert.«

»Probleme wie mich … na, herzlichen Dank. Wie auch immer, über diese Typen will ich nicht reden.« Das wollte ich wirklich nicht. Ich wollte über sie reden. »Wie ich gerade sagte: Sie haben meine Akte gelesen, sind also klar im Vorteil. Erzählen Sie mir etwas über sich.«

»Tja, zunächst mal habe ich eine Beziehung, falls es das ist, was Sie wissen wollen«, erwiderte sie verschmitzt. »Ich bin nur aus beruflicher Gefälligkeit hier.«

Autsch.

»Ehrlich, ich wollte auf nichts dergleichen hinaus«, gab ich rasch zurück.

»Owen, Sie mögen ein großartiger Buchhalter und ein Teu­fels­kerl von einem Schützen sein, aber Sie sind ein fürchterlich schlechter Lügner.«

Sie lehnte sich auf der Couch zurück und legte die Füße auf den Kaffeetisch neben die Pizzaschachtel. Dabei fiel mir auf, dass sie robuste Schuhe trug, die nicht zu ihrem konservativen Kostüm passten. Als sie es sich gemütlich machte, klappte ihre Jacke auf und offenbarte mir neben ihrer eng anliegenden Bluse zweierlei. Erstens: Sie hatte einen tollen Körper. Zweitens: Sie trug rechts an der Hüfte eine Pistole in einem Lederhalfter.

Da ich zu Ersterem keine Bemerkung abgeben konnte, ohne unhöflich zu erscheinen, konzentrierte ich mich stattdessen auf Letzteres.

»Was tragen Sie da?«

»Das?« Sie fasste hin, zog die Pistole, warf das Magazin aus, schob den Schlitten zurück und fing die ausgeworfene Patrone fachmännisch auf. Dann reichte sie mir die Waffe mit offenem Schloss und leierte Angaben herunter, die nur ein anderer Waffennarr verstehen konnte. »1911 Commander, Schlitten und Griffstück von Les Baer, Matchlauf. Heinie-Nachtvisier. Griffschalen. Bobtail-Umbau am Rahmen. Alles mit Greider-Werkzeugstahlteilen. Abzug- und Schlosstuning. Ist ’ne gute Waffe, trage sie seit mittlerweile einem Jahr.«

Ich nahm die Pistole in Augenschein. Es war eine fantastisch gearbeitete Waffe. Der Schlitten fühlte sich an, als liefe er auf Rollen. Die Pistole wurde offensichtlich reichlich benutzt, aber gut gewartet.

»Darf ich den Abzug mal ausprobieren? Ich bin selbst ein 1911er-Fan.«

»Nur zu«, erlaubte sie mir grinsend. Sie war stolz auf ihre Waffe.

Der Abzug ging butterweich und ließ kein Kriechen erkennen. Hervorragende Arbeit.

»Wer hat die Modifikation gemacht?«, fragte ich. Es war offensichtlich ein qualitativ hochwertiger Umbau. Als Wettkampfschütze mit extrem schmalem Budget nahm ich meine Büchsenmacherarbeiten selbst vor. Die Ergebnisse waren tendenziell hässlich, funktionierten aber. Bei diesem Exemplar stand die Funktionalität unübersehbar außer Frage, allerdings war es zudem dermaßen perfekt getunt, dass man es beinah als Kunstwerk bezeichnen konnte.

»Das Meiste hab ich selbst gemacht«, antwortete Julie sichtlich stolz.

»Würden Sie mich heiraten?«, platzte ich hervor.

Sie lachte – und, Mann, was war das für ein schönes Lachen. Zögerlich gab ich ihr die Pistole zurück. Sie legte das Magazin wieder ein, lud durch und holte das Magazin wieder heraus, um es um die ausgeworfene Patrone zu ergänzen, die sie noch in der Hand hielt. Plötzlich hielt sie kurz inne, dann warf sie mir die Patrone zu. Reflexartig fing ich sie auf.

Als ich sie betrachtete, fiel mir das merkwürdige Design auf. Die Hülse bestand aus normalem Messing, die Kugel selbst hingegen war anders. Sie wies die Form gewöhnlicher .45-Munition auf, nur schien es sich um ein ummanteltes Hohlspitzgeschoss zu handeln, dessen Hohlraum eine glänzende Metallkugel ausfüllte. Die beiden Teile waren offenbar zu einem festen Projektil versiegelt.

»Was ist das?«

»Auch wenn es beim Lone Ranger anders ist, in Wirklichkeit stinken Silberkugeln gegen gutes, altes Blei ziemlich ab. Silber ist zu hart und schöpft den Drall nicht voll aus. Es ist leichter als Blei, deshalb hat man extrem leichte Projektile mit lausiger Präzision. Im Großen und Ganzen ist es ziemlich nutzlos, außer für einen Zweck: Es ist das Einzige, was einige der Kreaturen tötet, mit denen wir zu tun haben.«

»Warum ist das eigentlich so?«, erkundigte ich mich.

»Das weiß niemand mit Sicherheit, aber wir haben einige Theorien. Die Verbreitetste ist, dass es sich um eine heftige Reaktion böser Geschöpfe auf die dreißig Silberstücke handelt, die Judas bezahlt wurden. Dem Jägerteam des Vatikans zufolge liegt es daran, dass Silber ein reines Metall ist, das für das Gute steht, während Blei ein unedles Metall aus der Erde darstellt. Es gibt noch andere spleenige Ideen von Wicca und Mystikern, aber sogar die Wissenschaft ist ratlos, warum Silber bei echten Kreaturen des Bösen so viel besser wirkt. Wir wissen nur, dass es so ist. Lykanthropen können sich durch Silber nicht regenerieren, und sogar Vampiren bereitet es Schmerzen.«

»Sieht aus wie ein Corbon Pow’r Ball.« Das war eine Verteidigungsmunition, die ich schon einige Male verwendet hatte. Dabei kam eine Kugel in einem Hohlraum zum Einsatz, die zurückgepresst wurde, um beim Aufprall eine Ausweitung des Projektils zu verursachen und so den Schweregrad der Wunde zu erhöhen.

»Gut bemerkt. Daher haben wir die Idee. Die Kugel vorne besteht aus reinem Silber. Die Durchschlagskraft ist gut, und wenn das Silber zurückgepresst wird, weitet es das es umgebende herkömmliche Bleigeschoss. In der Regel lösen sich die Silberfragmente nach einigen Zentimetern vom Rest und hinterlassen eine eigene Wundhöhle. Das Beste beider Welten. Funktioniert wie eine normale Patrone, schießt sich wie eine normale Patrone, enthält aber genug Silber, um ordentlich Schaden anzurichten. Wir lassen sie speziell für uns herstellen. Sie kosten ein Vermögen, deshalb bestellen wir sie nur als Kaliber .45 für Pistolen und Maschinenpistolen und als Kaliber .308 für Gewehre. Wenn wir viel Silber aus nächster Nähe brauchen, nehmen wir modifizierte Schrotmunition Kaliber .32.«

»Jetzt reden Sie in meiner Sprache.« Ich hielt die Patrone hoch. »Also wollten mich die Bundesbeamten wohl damit erschießen, wenn ich infiziert gewesen wäre.«

»Nein, die benutzen gesintertes Metall. Silberpulver in einer Polymermatrixhülle. Gute Ware, aber die Firma, die sie herstellt, verkauft sie nur an die Regierung.« Julie fing die Patrone auf, als ich sie zurückwarf. Sie lud sie in das Magazin, schob es zurück in ihre 1911 und steckte die Waffe zurück ins Halfter, ohne hinzusehen.

»Sie kennen sich echt aus.«

»Danke. Ich liebe meine Arbeit … Eigentlich sollte ich mir nichts mehr nehmen, aber die schmeckt köstlich«, sagte sie und griff sich ein weiteres Stück Pizza. »Ich denke, Sie passen gut zu MHI. Was wir machen, ist wirklich eine tolle Sache, und als Unternehmen sind wir ein guter Arbeitgeber.«

»Und diese ›Beziehung‹?« Ich deutete mit den Fingern Anführungszeichen an. Julie verdrehte hinter der Brille die Augen.

»Sie geben wohl nie auf, was?«

»Wollen Sie mich nicht deshalb anwerben?«

»Hartnäckigkeit ist gut. Stalking ist schlecht.«

»Na gut, einverstanden, Stalking ist schlecht. Besonders, wenn das Opfer eine Waffe trägt. Also sind Sie und Earl zusammen?«

Julie prustete und verschluckte sich an ihrer Pizza. Ich konnte nicht sagen, ob sie versuchte, zu lachen oder nicht zu sterben, deshalb wusste ich nicht, ob ich mitlachen oder lieber den Heimlich-Griff anwenden sollte.

»Earl? Das kann nur ein Scherz sein. Nein. Gott, nein. Wir sind verwandt. MHI ist ein Familienbetrieb. Wie kommen Sie überhaupt darauf? Earl ist viel älter als ich.«

»So alt sieht er gar nicht aus.«

»Sagen wir einfach, der Mann hat sich gut gehalten. Earl ist wie ein Vater für mich. Im Wesentlichen hat er mich und meine Brüder großgezogen.« Beim letzten Satz klang hörbar ihr südlicher Akzent durch.

»Warum?«

Sie überlegte eine Weile, als wöge sie ab, ob sie es mir erzählen sollte oder nicht. Schließlich schüttelte sie verneinend den Kopf.

»Egal. Spielt keine Rolle.« Es war offensichtlich, dass es sehr wohl eine Rolle spielte, aber es schien sich um ein heikles Thema zu handeln, das mich nichts anging. »Sie brauchen nur zu wissen, dass Earl wahrscheinlich der beste lebende Jäger überhaupt ist. Wenn er Ihnen etwas sagt, dann sollten Sie darauf hören.«

»Also ist Ihr Freund auch Jäger?«

»Ja, ist er, und wenn Sie mir nur noch eine persönliche Frage stellen, prügle ich Sie mit Ihrer eigenen Krücke tot.« Sie scherzte nur halb, und angesichts meiner körperlichen Verfassung hätte sie ihre Drohung wahrscheinlich mühelos wahr machen können.

Während der Abend endgültig Einzug hielt, aßen wir die Pizza zu Ende. Julie füllte nach und nach meine Wissenslücken über ihr Unternehmen, wenngleich sie kurz angebunden und ausweichend blieb, wann immer sich das Gespräch um sie drehte. Trotzdem erfuhr ich mehr über diese interessante Frau, während sie über ihren Job redete, denn der stellte eindeutig einen großen Teil ihrer selbst dar. Julie arbeitete schon auf diesem Gebiet, seit sie ein Kind war, und sie schien sich gut damit auszukennen. Als das Tageslicht schwand, begann sie, nervös zum Fenster zu schauen. Ich fragte sie nicht, weshalb.

Julie erwies sich als wandelnde Enzyklopädie monsterbezogenen Wissens, und ihr rutschte sogar heraus, dass sie einen Abschluss in Frühgeschichte und einen Magister in Archäologie besaß, weil beides so viel mit ihrem Lebenswerk zu tun hatte.

Als ich mich danach erkundigte, warum ausgerechnet diese beiden Fachgebiete, erklärte sie, dass die Schlacht nicht erst unlängst begonnen habe, und beließ es dabei. Immer wieder richtete sie die Aufmerksamkeit auf das Fenster. Draußen herrschte mittlerweile Dunkelheit. Schließlich musste ich sie einfach fragen: »Warum sind Sie so zerstreut? Wonach halten Sie denn Ausschau?«

Julie seufzte und strich sich das lange, dunkle Haar zurück. Sie gähnte, streckte sich, stand auf und rückte ihre Jacke zurecht. Offensichtlich wollte sie gehen. Sie betastete ihre Pistole, um sich zu vergewissern, dass sie ordentlich im Halfter steckte. »Ich muss los.«

»Warum?«, fragte ich, verwirrt von dem plötzlichen Wandel.

»Ihnen ist nicht klar, was heute Nacht ist, oder?«, gab sie zurück.

»Donnerstag?«, sagte ich, griff mir meine Krücke und hievte mich aus meinem Stuhl.

»Ich frage mich, ob wir die richtige Datei gestohlen haben, denn für ein Genie sind Sie nicht gerade der Schnellste.«

Ich zuckte mit den Schultern, hatte keine Ahnung, was sie meinte. Sie ergriff meinen Arm und half mir auf. Julie blickte mir in die Augen, und ich sah mein Spiegelbild in ihren dicken Brillengläsern. Ihre braunen Augen waren wunderschön.

»Es ist einen Monat her, seit Sie angegriffen wurden. Das Test­ergebnis war zwar negativ, aber das ist nicht immer richtig.«

Sie stützte mich, als ich zum Fenster humpelte. Der Vollmond hing tief und hell über der Skyline von Dallas. Erst da begriff ich, weshalb sie geblieben war. Abgesehen von meinem noch wunden Bein und den nur langsam heilenden Muskeln fühlte ich mich gut. Mir wuchsen keine Haare, jedenfalls nicht mehr als üblich.

»Also war das ein Test?«

»Nicht persönlich nehmen. Wir mussten einfach sichergehen.«

»Oh.« Mir fiel nichts zu erwidern ein. Sie war die ganze Zeit bereit gewesen, mich zu töten.

Schweigend betrachteten wir den Himmel. Mir wurde klar, dass sie immer noch meinen Arm hielt und dicht bei mir stand. Ich konnte die Wärme und den leichten Druck ihres Körpers an meinem spüren. Während wir zusammen im Mondschein verweilten, fühlte ich ihre leicht angespannten Hände an meinen Muskeln und ihren Atem am Ohr. Es war ein guter Augenblick. Ich wünschte, er würde ewig dauern. Bedauerlicherweise hielt sie mich nur, um zu verhindern, dass ich auf meinem armseligen Krüppelhintern landete.

Als sie sicher war, dass die Krücke reichte, um mich zu stützen, ließ sie mich los. Sie griff in ihre Handtasche, holte eine Karte daraus hervor und reichte sie mir. Es befanden sich eine Anfahrtsbeschreibung, eine grobe Kartenskizze und das Bild eines grünen Smileys mit Hörnern darauf.

»Wir stellen gerade eine Schulungsklasse zusammen. Es wird brutal hart, weil wir nur die Besten anwerben. Wenn Sie darüber nachgedacht haben und immer noch interessiert sind, dann kommen Sie in drei Wochen dorthin.«

Ich steckte die Karte in die Tasche. »Ich werde da sein«, versprach ich.

»Gut. Dann willkommen bei MHI.« Sie schüttelte mir förmlich die Hand.

»Danke.«

»Ich finde selbst raus«, sagte Julie und ging los. Ich blieb stehen und betrachtete weiter den Mond.

Nach einigen Schritten überraschte mich Julie Shackleford, indem sie umdrehte und zurückkam. Ich spürte, wie mir ihre vollen Lippen einen flüchtigen Kuss auf die Wange drückten. Zum Glück stützte ich mich schwer auf die Krücke, sonst wäre ich womöglich vor Verblüffung kopfüber aus dem Fenster gefallen.

»Sie sind süß, Owen. Danke für das nette Abendessen. Wir sehen uns in drei Wochen.« Damit entfernte sie sich.

Ich wartete, bis ich hörte, wie sich die Eingangstür schloss, bevor ich wie ein Idiot grinste. Es war doch noch ein guter Tag geworden. Ich hatte Antworten auf einige meiner Fragen erhalten und einen neuen Job gefunden, der sich zumindest interessant anhörte, auch wenn ich damit ein wenig in Richtung Wahnsinn umsattelte. Ich hatte, theoretisch jedenfalls, einen Scheck über 50.000 Dollar in der Tasche. Und das Beste von allem: Ein hübsches Mädchen hatte mich auf die Wange geküsst. Ja, das war in der Tat ein toller Tag gewesen.

Ich holte die Karte hervor und betrachtete sie. Ich würde demnächst nach Alabama reisen.

Kapitel 4

Die nächsten drei Wochen vergingen wie im Flug. Der SUMF-Scheck wurde überraschenderweise eingelöst. Mit einem dicken Bankkonto packte ich meine Koffer, verkaufte oder verschenkte einen Großteil meiner Sachen und kündigte den Mietvertrag für meine Wohnung, bevor ich in die Wildnis aufbrach und der Anfahrtsbeschreibung folgte, die Julie mir gegeben hatte.

Alles, was ich noch besaß, befand sich auf dem Rücksitz und im Kofferraum meines rostbraunen Chevy Caprice. Ich hatte nur ein paar Reisetaschen mit Kleidung, meinen Laptop, ein wenig anderes Zeug und etwa ein Dutzend Waffen. Von denen würde ich mich nie und nimmer trennen. Zum Glück war der Kofferraum des Caprice groß genug für das Arsenal eines Mafiapaten.

Julies Wegbeschreibung war auf eine acht mal dreizehn Zentimeter große Karte gedruckt. Bei der Verabschiedung hatte sie mich noch aufgefordert, mich an einem bestimmten Tag zu einer bestimmten Zeit dort einzufinden. Sie hatte mir mitgeteilt, dass für Unterkunft und Verpflegung gesorgt sein würde, weitere Einzelheiten jedoch hatte sie mir nicht genannt.

Ich fuhr direkt von Dallas nach Alabama. Während der gesamten Reise nagten an mir Gedanken darüber, wie absurd es war, was ich tat. WILLKOMMEN IM ZENTRUM DES SÜDENS verkündete das Schild an der Grenze. In Montgomery hielt ich einmal an, um mir eine bessere Landkarte zu besorgen. Laut Anfahrtsbeschreibung war der Ort, zu dem ich wollte, ein nahezu leerer, grüner Fleck auf der Karte. Es gab dort nur eine Straße und einen kleinen Punkt für eine Ortschaft. Cazador, Alabama.

Von Montgomery brauchte ich zwei Stunden nach Cazador, aber gut die Hälfte der Zeit irrte ich durch den Wald. Die Bäume und das Unterholz wuchsen dicht über eisenroter Erde. Die Landschaft um Cazador bestand aus wunderschönen sanften Hügeln, gesprenkelt mit zahlreichen Flüssen und Bächen.

Die Ortschaft selbst war eher ein Dorf. Es gab einige kleine Läden, eine Baptistenkirche unmittelbar gegenüber einer katholischen Kirche und verstreute Wohnhäuser. Die Gebäude wirkten alt und verwittert. Auf einem schlichten Schild an der Straße stand nur CAZADOR, ALABAMA, 682 EINWOHNER. Eine ­etwas neuere Hinweistafel darunter verkündete, dass von Mittag bis vier Uhr nachmittags Ausflüge zur Welsfarm angeboten wurden. Klang nach mächtig viel Spaß.

Ich hielt an, um überteuert zu tanken, mir eine Limonade zu kaufen und die Insekten von der Windschutzscheibe zu kratzen. Einige Einheimische nahmen Blickkontakt mit mir auf, aber niemand sprach mich an. Ich hörte, wie ein zahnloser alter Knacker zum Kassierer etwas über Frischfleisch murmelte. Ich ersparte mir Mutmaßungen darüber, ob er mich oder das Mittagsmenü meinte.

Gemäß der Beschreibung auf der Karte folgte ich einer kleinen, kaum asphaltierten Straße durch weitere Hügel in einen noch dichteren Wald. Die Straße gabelte sich, und ich hielt mich einen weiteren guten Kilometer lang Richtung Westen. Um ein Haar hätte ich die Schotterabzweigung verfehlt. Mein einziger Hinweis darauf, dass ich die Heimat von Monster Hunter International erreicht hatte, bestand in einem kleinen Schild mit den Buchstaben MHI und einem grünen Smiley mit Hörnern. Während mein Auto über die Schotterzufahrt rumpelte, bemerkte ich zahlreiche Warntafeln wie ZUTRITT VERBOTEN und AUF UNBEFUGTE WIRD GESCHOSSEN.

Schließlich gelangte ich zu einem offenen Tor, gesäumt von einem hohen Maschen- und Stacheldrahtzaun. In der Nähe saß ein Mann auf einem Klappstuhl im Schatten eines großen Sonnenschirms und schien entspannt einem batteriebetriebenen Radio zu lauschen. Als ich bremste und das Fenster herunterkurbelte, winkte er träge.

Er war ein interessant aussehender Bursche, so verwittert, dass es schwierig war, sein Alter zu schätzen. Etwas kleiner als der Durchschnitt, rasierter Schädel, eine Drahtgestellbrille auf einer klobigen Nase, dazu ein dichter, grotesk langer roter Spitzbart. In das Ende waren einige Zierperlen eingeflochten. Er trug ein T-Shirt mit der Aufschrift RUSH – TOM SAWYER, Cargoshorts und Birkenstock-Sandalen. Irgendwie sah er wie ein müslifressender Ökofreak aus, abgesehen von dem abgewetzten M4-Karabiner, der an einem Trageriemen über seiner Schulter hing. Er spuckte die Reste von Sonnenblumenkernen in einen Becher.

»Hi. Ich suche nach MHI«, sagte ich.

Der Mann rückte seine Brille zurecht und musterte mich. Er legte den Kopf in seltsamem Winkel schief und lächelte abwesend. Plötzlich schnalzte er mit der Zunge und deutete auf mich.

»Großer Kerl, Narbengesicht. Du musst dieser Typ sein, den Earl entdeckt hat. Hast du einen Werwolf aus einem Fenster geschmissen?«

»Ja, das bin dann wohl ich.« Am Rande bekam ich mit, dass im Radio eine Sendung über ein Thema lief, in dem es um schwarze Helikopter und Viehverstümmelung ging. »Julie Shackleford hat mir einen Job angeboten.«

»Das macht sie oft. Wir sind momentan etwas unterbesetzt, aber das ist eine lange Geschichte. Fahr rein und park vor dem größten Gebäude. Du bist zwar ein bisschen früh dran, aber einige andere Frischlinge sind auch schon hier. Der Boss hat gesagt, er will ein paar Worte an euch richten, also mach’s dir inzwischen einfach gemütlich.«

»Frischlinge?«

»Neue Mitarbeiter. Grünschnäbel. Monsterköder. Organspender, du weißt schon. Ist unser Slang.«

»Ah, verstehe … Ich bin Owen Pitt.« Ich streckte die Hand durchs Fenster hinaus.

»Milo Ivan Anderson. Tausendsassa, Experte in einigen Fachgebieten. Nenn mich ruhig Milo. Wenn du lang genug lebst, werde ich derjenige sein, der dir beibringt, wie all das coole Zeug funktioniert.« Grinsend schüttelte er mir die Hand. Sein Bart reichte ihm beinah bis zur kurzen Hose. »Wir sehen uns.«

Ich parkte, wo Milo gesagt hatte, verriegelte die Autotüren aus Gewohnheit und betrachtete meine Umgebung. Das MHI-Gelände ähnelte am ehesten einem Kasernenhof. Das Hauptgebäude schien das einzige Massivbauwerk zu sein und bestand aus Ziegeln und Stahl. Es war ein Bürokomplex, allerdings mit schmalen Fenstern, offenkundig dicken Mauern und Eisengittern. Das Haus sah aus, als könne es als Festung dienen, sollte es nötig sein. Mich hätte nicht überrascht, wenn sich auf dem weitläufigen Flachdach außer Sicht ein großer Kessel voll siedendem Öl befunden hätte. Als ich eintrat, folgte hinter der Eingangstür ein kleiner Raum, der sich zu weiteren Türen erstreckte. Über mir hing etwas, das ein schweres Fallgitter zu sein schien. Offenbar konnte man es herunterlassen, um die Nebentüren abzuschotten. Höchst interessant.

Hinter einem massiven Empfangsschalter saß eine ältere Dame. Sie lächelte mich an, als ich mich ihr näherte. Zumindest schien das Personal freundlich zu sein. Sie musste über sechzig sein, war pummelig und wirkte fröhlich. Durch den Stoff ihres großmütterlich anmutenden Strickpullovers zeichnete sich deutlich ein großer Revolver ab.

»Hallo, mein Lieber. Du musst zur Orientierung hier sein«, sagte sie.

»Ja. Mein Name ist Owen Pitt.«

»Oh, ich kenne dich. Du bist derjenige, der diesem Werwolf den Arsch versohlt hat. Das war ein mächtig guter Kampf, Herzchen.«

»Äh … danke.«

»Nein, dir gilt der Dank. Earl hat uns das Video gezeigt. Es war recht unterhaltsam. Ich hasse Werwölfe. Früher habe ich diese Mistviecher selbst gejagt. Und ich war ziemlich gut darin, bis mir einer der Dreckskerle das Bein abgebissen hat. Das hier ist aus Plastik.«

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