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Mittsommerhochzeit – Die Mitternachtsrose

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Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

PROLOG

Damals

Auf dem Titelbild der Zeitschrift stand die Kronprinzessin von Schweden neben ihrem Vater. Der König war ein großer Mann mit grau melierten Schläfen, der in seiner dunkelblauen Uniform sehr eindrucksvoll aussah. Voller Bewunderung blickte die Prinzessin, ein zierliches Mädchen mit dunkelblondem Haar, zu ihm auf. Ihr Lächeln wirkte ein wenig schüchtern. Es sah aus, als würde sie sich in dem förmlich wirkenden weißen Kostüm und dem großen breitkrempigen Hut fehl am Platze fühlen – was die vierzehnjährige Noelle Rosenblad nur allzu gut verstand.

Um keinen Preis der Welt wollte sie mit dem anderen Mädchen tauschen. Nach Noelles Meinung führte die Thronfolgerin ein Leben im goldenen Käfig. Sie hingegen würde sich nicht verbiegen, um irgendjemandem zu gefallen – niemals!

Sie faltete das Titelblatt wieder zusammen und steckte es zurück in die Hosentasche. Dann beeilte sie sich, zu ihrer älteren Schwester Milla und dem Nesthäkchen Lotte aufzuschließen.

Silberne Nebelschleier lagen über den Wiesen und Wäldern des nordschwedischen Forsjö-Tals. Der Tag war noch jung. Die Sonne verbarg sich hinter den schneebedeckten Gipfeln der Berge, die in der Morgendämmerung tiefrot erglühten. In aller Frühe waren die Rosenblad-Schwestern aus ihren Betten gekrochen, um zu jenem magischen Ort im Wald zu gehen, an dem sie sich vor ungefähr einem Jahr zuletzt versammelt hatten – an Millas vierzehntem Geburtstag.

In diesem Jahr war Noelle an der Reihe, den feierlichen Schwur abzulegen und einen symbolischen Gegenstand in die kleine Metallkiste zu legen, die vergraben unter der alten Eiche im Wald lag. Ein Symbol für das, was sie in ihrem Leben auf gar keinen Fall wollten.

Heute würde Noelle die Weichen für ihre Zukunft stellen – und in der gab es keinen Platz für irgendwelche Zwänge und Konventionen. Sie träumte davon, ein Leben in Freiheit und Unabhängigkeit zu führen, weit weg von der königlichen Familie und den damit verbundenen Verpflichtungen.

Sie ahnte ja nicht, dass das Schicksal ganz andere Pläne mit ihr hatte …

1. KAPITEL

Dreizehn Jahre später.

Die mit grüner Patina überzogenen Kupferdächer der drei Flügel von Kronborg Slott funkelten im klaren nordischen Sonnenschein. Der Himmel über Lovö, der Insel im Mälarsee vor den Toren Stockholms, strahlte so blau, dass es schon fast unwirklich erschien.

Näherte man sich dem Wohnsitz der schwedischen Königsfamilie über die Kronborgsbron – der Brücke, die die Insel mit dem Festland verband –, spiegelte sich die zartgelbe Barockfassade des Schlosses im tiefblauen Wasser, und die unzähligen Fenster glitzerten im Sonnenlicht.

Hinter einem dieser Fenster lag ein kleiner, schlicht eingerichteter Raum, in dem sich zwei Frauen aufhielten.

“Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?” Eva Tusmundsson, die kleinere der beiden, bedachte ihre Freundin Noelle mit einem fast schon ehrfürchtigen Blick.

Noelle Rosenblad, die in der Hofkonditorei arbeitete, drehte sich noch einmal vor dem riesigen Spiegel hin und her, der sich vom Boden bis fast hinauf zur Decke spannte. Der duftige lavendelfarbene Stoff des Kleids für eine der Brautjungfern, die am 19. Juni die Kronprinzessin von Schweden zum Traualtar begleiten würden, schwang bei jeder Bewegung mit. Für einen Moment konnte sie es selbst nicht glauben.

Bin das wirklich ich?

Sie trug das Kleid nur, weil ihre Freundin Eva, die als Schneiderin bei Hofe arbeitete, sie darum gebeten hatte. Eine der Brautjungfern war erkrankt. Da Noelle eine ähnliche Figur besaß, sprang sie nun für sie ein, damit Eva letzte Änderungen vornehmen konnte.

Die Korsage schmiegte sich eng an den Oberkörper und betonte Noelles schlanke Figur vorteilhaft. Der weite Rock ließ sie sehr weich und weiblich erscheinen. Zu dem Ensemble gehörte noch ein zarter, fast durchsichtiger und mit Perlen bestickter Schal, den Eva ihr um die Schultern drapiert hatte.

Noelle schüttelte den Kopf. Ihr war, als würde sie einer Fremden gegenüberstehen. Noch nie hatte sie sich für besonders schön gehalten. Hübsch anzusehen vielleicht – aber schön? Diese Beschreibung traf eher auf ihre ältere Schwester zu. Milla arbeitete ebenfalls für das schwedische Königshaus, hielt sich jedoch zurzeit auf Kungliga Slott, der offiziellen königlichen Residenz in Stockholm, auf. Ihr Teint war wie Milch und Honig, und um das seidige blonde Haar beneidete Noelle ihre große Schwester insgeheim schon seit ihrer Kindheit.

Von klein auf war Noelle die am praktischsten Veranlagte der drei Rosenblad-Schwestern gewesen, die Bluejeans jederzeit einem Rock vorzog. Statt Highheels trug sie Turnschuhe. Die störrischen dunkelbraunen Locken bändigte sie, indem sie morgens ein paarmal mit den Fingern hindurchfuhr und sie dann mit einem einfachen Band am Hinterkopf zusammenfasste.

Und jetzt das!

Diese Frau im Spiegel wirkte so unglaublich sinnlich und weiblich, dass es Noelle fast den Atem raubte. Ob die Sache mit Felix wohl auch so katastrophal verlaufen wäre, wenn …

Sie schüttelte den Kopf und drängte den Gedanken an ihren Exfreund zurück in den hintersten Winkel ihres Unterbewusstseins, wo er zumindest für den Moment keinen Schaden anrichten konnte. Doch sie wusste nur zu gut, dass sie diesen Erinnerungen auf Dauer nicht entkommen konnte. Obwohl es nun schon fast ein halbes Jahr zurücklag, tat es immer noch sehr weh. Dabei schmerzte ihr gebrochenes Herz weitaus weniger als ihr verletzter Stolz.

“Du siehst einfach umwerfend aus!”, erklärte Eva strahlend, dann seufzte sie. “Eine Schande eigentlich, dass eine andere das Kleid zur Hochzeit der Kronprinzessin tragen wird. Es ist wie für dich gemacht!”

Doch Noelle winkte ab. “Ist mir nur recht”, erwiderte sie. “Das hier ist für eine Märchenprinzessin gemacht, und ich bin, ganz gleich, was ich trage, einfach nur Noelle. Und jetzt beeil dich, ich hab nicht den ganzen Tag Zeit!”

Zuerst schien Eva noch etwas sagen zu wollen, dann aber nickte sie. “Also gut, fangen wir an.” Sie griff nach einer Dose mit Stecknadeln und begann, einige Änderungen abzustecken. “Danke noch mal”, sagte sie nach einer Weile. “Es ist wirklich lieb von dir, dass du so spontan einspringst. Ohne deine Hilfe hätte ich jetzt ein Problem.” Gerade als sie eine weitere Nadel aus der Dose nahm, flog die Tür zur königlichen Schneiderei auf und Jonas Bengtsdotter, einer der Küchengehilfen, stürmte hinein.

Als er Noelle erblickte, wurden seine Augen groß. “Wie siehst du denn aus?” Ungläubig schüttelte er den Kopf. “Du musst sofort mitkommen!”

“Was ist los?”, fragte Noelle alarmiert.

“Ich hab vergessen, im Ofen nach den Böden für deine Limonencremetörtchen zu schauen.” Er hob bedauernd die Schultern. “Jetzt sind sie allenfalls noch als Briketts zu gebrauchen!”

“Oh nein!” Erschrocken schnappte Noelle nach Luft. “Die Törtchen sind für das Bankett heute Abend!”, rief sie verzweifelt.

Ohne weiter nachzudenken, lief sie los.

“Warte, du kannst doch nicht …” Den Rest von Evas Worten hörte Noelle nicht mehr, weil sie bereits zur Tür hinaus war und den Gang entlang rannte. Sie musste unbedingt sofort zurück in die Küche, um zu retten, was noch zu retten war! Falls es dazu überhaupt noch irgendeine Möglichkeit gab.

Wie kann es sein, dass ausgerechnet bei mir immer alles schiefgeht?

Diese Frage stellte Noelle sich immer wieder, während sie den langen Korridor hinuntereilte. Um etwas Zeit zu sparen, verließ sie den Dienstbotentrakt des Schlosses und nahm die Abkürzung durch die Eingangshalle mit ihren prachtvollen Deckengemälden und den nördlichen Drabantensaal, der früher als Wachstube gedient hatte. Sie benutzte diesen Weg öfter, um Eva während ihrer Pausen einen Besuch abzustatten. Aber noch nie war er ihr so endlos erschienen wie heute.

Endlich trat sie durch eine schwere Eichentür und gelangte damit wieder in einen Bereich des Schlosses, der nicht für die Öffentlichkeit zugänglich war. Nervös fuhr sie sich mit der Hand durchs Haar. Wenn es stimmte, was Jonas gesagt hatte, war die Arbeit eines ganzen Vormittags dahin! Fridtjof Lundgren würde einen Wutanfall bekommen, wenn er davon erfuhr. Und der Hofkonditormeister war ohnehin nicht besonders gut auf sie zu sprechen …

Der Gang vor ihr zum Küchentrakt des Gebäudes machte einen scharfen Knick nach rechts. Noelle folgte ihm, ohne ihre Schritte zu verlangsamen, als sie plötzlich erkannte, dass ihr aus der anderen Richtung jemand entgegenkam.

“Vorsicht!”, rief sie und versuchte noch auszuweichen, doch es war zu spät. Sie hatte das Gefühl, gegen eine Wand zu prallen. Mit einem erstickten Aufschrei taumelte sie zurück und verlor das Gleichgewicht. Beinahe wäre sie gestürzt, wurde aber im letzten Moment zurückgerissen und fand sich in den starken Armen eines Mannes wieder, der sie um gute zwei Köpfe überragte.

Einen Moment war sie wie erstarrt. Ihr Atem ging stoßweise, und ihre Knie fühlten sich so schwach an, dass sie sich an die Schultern ihres Retters klammern musste, um nicht zu fallen. Aber waren das wirklich Folgen des Zusammenpralls, oder lag es nicht vielmehr an dem männlich herben Duft, der ihr in die Nase stieg?

Hastig befreite sie sich aus der unfreiwilligen Umarmung und trat zwei Schritte zurück.

“Ist bei Ihnen alles in Ordnung?”, erkundigte der Fremde sich. Seine Stimme klang angenehm sanft und warm.

Als Noelle aufblickte, stockte ihr der Atem. Er war unglaublich attraktiv! Dichtes schwarzes Haar umrahmte ein Gesicht, dessen markante Züge auch die Büste einer griechischen Gottheit hätten zieren können. Unter dem eleganten Anzug erahnte Noelle eine muskulöse Figur. Am beeindruckendsten aber waren seine Augen, so blau und tief wie das Wasser des Mälarsees.

“… hoffentlich nicht verletzt?”

Sein fragender Blick holte Noelle in die Realität zurück. Sie schüttelte den Kopf, wie um sich von diesem seltsamen Bann zu befreien, in den er sie gezogen hatte. “Wie bitte?”, erwiderte sie atemlos.

“Ah, Sie können ja doch noch sprechen. Ich habe mir schon Sorgen gemacht, Sie hätten bei unserem kleinen Zusammenstoß Ihre Stimme verloren.” Er lächelte, und die Wirkung dieses Lächelns war einfach umwerfend. Noelles Herz begann zu flattern wie ein Vogel im Käfig, und in ihrem Bauch kribbelte es verdächtig.

Genug jetzt, ermahnte sie sich. Wenn du nicht aufhörst, ihn anzustarren, machst du dich noch komplett lächerlich!

Sie räusperte sich angestrengt. “Ich kann sprechen”, bemerkte sie dann und hätte sich im nächsten Moment am liebsten selbst geohrfeigt. Ich kann sprechen? Was für eine unglaublich geistreiche Erwiderung!

“Freut mich, das zu hören.” Er schmunzelte. “Mein Name ist übrigens Henrik Albrektson. Sind Sie eine der Brautjungfern für die bevorstehende Hochzeit?”

Es dauerte einen Moment, bis Noelle realisierte, was er da gerade gesagt hatte. Dann sah sie an sich hinab und unterdrückte ein Stöhnen. Oh nein, das durfte doch nicht wahr sein! Erst jetzt wurde ihr bewusst, dass sie immer noch das Kleid der Brautjungfer trug.

Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern, als sie erneut zu dem attraktiven Fremden aufsah. “Es tut mir leid, aber ich muss jetzt gehen.”

In Windeseile raffte sie den Rock, wandte sich ab und eilte in die Richtung davon, aus der sie gekommen war. Bis zur nächsten Biegung des Korridors spürte sie noch seinen Blick in ihrem Rücken, dann atmete sie auf.

Doch ihre Erleichterung währte nur einen Moment, da er plötzlich rief. “Warten Sie!”

Noelle wartete nicht.

Als Henrik Albrektson – Graf Pilkvist – kurz nach der schönen Unbekannten um die Ecke bog, war sie fort. Der Korridor lag verlassen vor ihm. Nichts zeugte davon, dass vor wenigen Sekunden noch jemand hier entlanggelaufen war.

Unwillkürlich musste Henrik an die Märchen und Sagen denken, die sein Vater ihm früher erzählt hatte. Besonders eine Geschichte war ihm lebhaft in Erinnerung geblieben: Sie handelte von einer Fee, die sich immer dann in Luft auflöste, wenn ein Mann versuchte, ihr ins Feenreich zu folgen.

Feen, was für ein Unsinn! Henrik schüttelte über sich selbst den Kopf. Was waren das bloß für seltsame Gedanken? Wusste er nicht längst, dass es so etwas in Wirklichkeit nicht gab? Ebenso wenig wie die perfekte Frau?

Nachdenklich faltete er den lavendelfarbenen Schal, den er auf dem Boden gefunden hatte, zusammen und steckte ihn in seine Jackentasche.

Dabei dachte er an die schöne Unbekannte.

Sie war wirklich schön gewesen. Wunderschön sogar. Wenn er die Augen schloss, konnte er sie wieder vor sich sehen. Einige Strähnen der dunklen Lockenpracht hatten sich aus dem strengen Zopf in ihrem Nacken gelöst. Zart und weich umrahmten sie das herzförmige Gesicht mit den hohen Wangenknochen und den vollen, sanft geschwungenen Lippen. Ihr schüchternes Lächeln hatte ihn verzaubert. Und diese Augen, blauviolett wie Gletschereis, dabei aber voller Wärme und Sinnlichkeit, ließen sein Herz auch jetzt noch schneller schlagen.

Seltsam, er war in seinem Leben schon vielen attraktiven Frauen begegnet, doch keine hatte sein Innerstes so sehr in Aufruhr versetzt wie sie. Nicht einmal Ingrid war das gelungen, und das irritierte ihn sehr. Am liebsten hätte er sie noch stundenlang einfach nur festgehalten. Es erstaunte ihn selbst, wie wunderbar weich und anschmiegsam sich dieser schlanke Frauenkörper angefühlt hatte. Fast, als wäre er dafür gemacht, in seinen Armen zu liegen. Aber war er über diese Art von Empfindungen nicht schon lange hinaus?

So etwas passte eigentlich überhaupt nicht zu ihm. Es war lange her, dass er so intensive Gefühle für eine Frau empfunden hatte. So lange, dass er bis gerade eben überzeugt gewesen war, eine Immunität gegen jegliche Form weiblicher Reize entwickelt zu haben. Dass das nicht stimmte, erstaunte ihn ebenso sehr, wie es ihm missfiel.

Ein Mann, der sich Gefühle für eine Frau erlaubte, steuerte unweigerlich seinem eigenen Untergang entgegen. Zumindest hatten ihn das seine eigenen Erfahrungen in der Vergangenheit gelehrt. Und er war nicht bereit, sich auf irgendwelche Experimente einzulassen.

Außerdem gab es noch Matilda und das Baby, das sie unter dem Herzen trug. Auch die Verantwortung für das Benningklint Slotthotell – das Schlosshotel am See Storsjön im schwedischen Jämtland, das seine Familie nun schon in der vierten Generation führte – durfte er nicht vergessen.

Er schüttelte den Kopf. Trotzdem, er musste die schöne Unbekannte unbedingt wiedersehen. Und sei es nur, um sich zu beweisen, dass er seine Gefühle unter Kontrolle hatte.

Vorher, das spürte Henrik ganz deutlich, wäre er ohnehin nicht in der Lage, sich auf sein eigentliches Vorhaben zu konzentrieren.

Schwer atmend lehnte Noelle zur selben Zeit mit dem Rücken an der Tür des kleinen Abstellraums. In ihn war sie geflüchtet, als sie hörte, dass der attraktive Dunkelhaarige nach ihr rief.

Noch einmal Glück gehabt!

Nachdem sie gemerkt hatte, dass er ihr folgte, war sie in das nächstbeste unverschlossene Zimmer gelaufen. Fassungslos schaute sie jetzt an sich hinab. Unglaublich, dass sie noch immer das Kleid trug, das sie für Eva angezogen hatte. Wenn sie nun jemand darin gesehen hätte!

Es hat dich jemand darin gesehen, schon vergessen?

Nein, natürlich nicht. Wie sollte sie auch einen Mann wie Henrik Albrektson vergessen?

Ein Seufzen entrang sich ihrer Kehle, als sie an ihn dachte. Er sah so gut aus und war zudem noch unglaublich charmant – und dieses Lächeln! Sie war sicher, ihm noch nie zuvor begegnet zu sein. Zu den Dienstboten, die auf Kronborg Slott arbeiteten, gehörte er garantiert nicht. Also musste er ein Gast sein, der an einem der zahlreichen Banketts und Proben teilnahm, die im Vorfeld der Hochzeit der Kronprinzessin stattfanden.

Mit ein bisschen Glück siehst du ihn nie wieder. Und keiner wird je erfahren, dass du im Kleid einer Brautjungfer durch das Schloss gelaufen bist.

Warum verspürte sie bei dem Gedanken keine Erleichterung, sondern vielmehr ein leises Gefühl des Bedauerns?

Lag es daran, dass ihr Herz beim Blick in die dunkelblauen Augen sofort angefangen hatte, heftiger zu klopfen? Oder war es dieses umwerfende Lächeln, von dem sie weiche Knie bekam?

Energisch schüttelte sie den Kopf. Genau so hatte es bei Felix auch angefangen: Herzklopfen, Schmetterlinge im Bauch. Und wo hatte es geendet? Nein, ihr Bedarf an Beziehungskatastrophen war ein für alle Mal gedeckt! Sie musste Henrik Albrektson vergessen, ganz gleich, wie gut er aussah und wie nett sie ihn fand. Wenn sie das nicht tat, würde es nur wieder in Schmerz und Tränen enden. Außerdem war es für sie ungemein wichtig, dass sie sich voll und ganz auf ihre Arbeit konzentrierte, um …

Ein energisches Klopfen an der Tür riss sie aus ihren Gedanken. Erschrocken zuckte sie zusammen.

“Wer ist da?”, fragte sie zögernd.

“Noelle?” Es war Evas Stimme. “Gott sei Dank, endlich hab ich dich gefunden!”

Erleichtert, dass es Eva war, öffnete Noelle die Tür und ließ ihre Freundin ein.

“Bist du verrückt geworden, einfach so in diesem Kleid aus der Schneiderei zu laufen?”, stellte Eva sie sofort zur Rede.

“Tut mir leid”, erwiderte Noelle zerknirscht. “Ich bin einfach in Panik geraten, als ich hörte, dass meine Törtchen für das Bankett heute Abend verbrannt sind. Du weißt ja, dass Lundgren nicht besonders gut auf mich zu sprechen ist – und jetzt das! Ich kann froh sein, wenn er mich nicht rauswirft.” Sie seufzte. Nach der Begegnung mit Henrik hatte sie die verkohlten Tortenböden vollkommen vergessen, und jetzt war es definitiv zu spät, um noch irgendetwas zu retten.

“Ach, komm schon! Fridtjof Lundgren wickelst du doch mit links um den Finger. Und was das Kleid betrifft, scheint ja alles in bester Ordnung zu sein. Solange dich niemand darin gesehen hat …” Sie musterte Noelle forschend. “Es hat dich doch niemand gesehen, oder?”

Sofort dachte Noelle wieder an Henrik Albrektson und seine tollen blauen Augen. Für einen Moment spielte sie mit dem Gedanken, Eva die Wahrheit zu sagen. Doch dann schüttelte sie den Kopf. Ihre Freundin würde sich nur unnötig Sorgen machen, wenn sie von ihrer Begegnung auf dem Korridor erfuhr. “Nein, keine Angst.”

Erleichtert atmete Eva auf. “Zum Glück bist du auf die Idee gekommen, dich hier zu verstecken, als du gemerkt hast, dass du das Kleid noch trägst! Wir hätten beide unsere Jobs verlieren können, ist dir das eigentlich klar? Kein Mensch hätte uns die Geschichte von der Anprobe abgekauft, nachdem du in dem Kleid durch das halbe Schloss gelaufen bist. Hier!” Sie warf Noelle ein Bündel zu – es waren ihre Sachen, die sie in der Schneiderei zurückgelassen hatte. Dann runzelte sie plötzlich die Stirn. “Wo ist er?”

Fragend zog Noelle die Brauen zusammen. “Wo ist wer?”

“Na, der Schal! Ich weiß genau, dass ich ihn dir umgelegt habe.”

Panisch griff Noelle sich an den Hals und erstarrte. Ihre Gedanken rasten, und sehr schnell wurde ihr klar, dass es nur eine Möglichkeit gab, wo sie den Schal verloren haben konnte.

Oh nein, nur das nicht!

2. KAPITEL

Als Noelle zwei Stunden später wieder an ihrem Platz in der hofeigenen Konditorei stand, konnte sie selbst nicht fassen, was in der Zwischenzeit alles passiert war. Eine Weile hatte sie mit Eva nach dem verlorenen Schal gesucht – leider ohne jeden Erfolg. Er schien sich in Luft aufgelöst zu haben, wobei Noelle sich natürlich denken konnte, wer ihn hatte: Henrik Albrektson. Er musste den Schal aufgehoben haben, nachdem er bei ihrer überstürzten Flucht zu Boden gefallen war.

Eva, die verständlicherweise den Ärger ihrer Vorgesetzten fürchtete, hatte sich erst beruhigt, als Noelle ihr versprach, die Sache irgendwie in Ordnung zu bringen.

Wie genau sie das anstellen wollte, wusste Noelle allerdings selbst noch nicht.

Als sie dann in die Konditorei zurückkehrte, erwartete sie dort bereits Fridtjof Lundgren. Mittlerweile hatte ein anderer Mitarbeiter neue Tortenböden gebacken. Immer noch wutschnaubend, hielt der Hofkonditormeister Noelle eine lange Rede über Zuverlässigkeit und Pflichterfüllung und gab ihr dabei mehr als deutlich zu verstehen, dass er weitere Regelverstöße nicht dulden würde. Auch die Konsequenzen verschwieg er ihr nicht: Sollte sie sich noch irgendetwas zu Schulden kommen lassen, wären ihre Tage bei Hofe gezählt.

Aber zu ihrer Überraschung verblüffte er sie zum Ausgleich noch mit einer wunderbaren Nachricht. Zum ersten Mal, seit sie unter Lundgren arbeitete, übertrug er ihr eine wirklich verantwortungsvolle Aufgabe. Es ging um die Verlobungstorte für einen Gast des Königshauses. Da der Hofkonditormeister sich aus Zeitgründen nicht selbst darum kümmern konnte, fragte er Noelle, ob sie diese Aufgabe übernehmen wolle.

Natürlich wollte sie! Immerhin bedeutete das die Gelegenheit für sie, endlich ihrem Ziel einen Schritt näher zu kommen. Seit Jahren träumte Noelle davon, nach Frankreich zu gehen, um dort von ihrem großen Vorbild Michel Lejeune zu lernen.

Schon seit frühester Jugend wollte sie irgendwohin gehen, wo sie frei von Zwängen und steifen Konventionen leben könnte. Irgendwohin, wo man ihren Mut, neue Wege einzuschlagen, schätzte und nicht unterdrückte.

Kurz nach dem regulären Abschluss ihrer Lehre war sie durch einen Fernsehbericht zufällig auf den französischen Konditormeister aufmerksam geworden. Sein Spezialgebiet war das Herstellen feinster Zuckerdekorationen. Mit wenigen Handgriffen schuf er aus Zuckermasse Figuren von vollendeter Schönheit: Delfine, Schwäne, Orchideen …

Seitdem wünschte sie sich nichts sehnlicher, als für Lejeune zu arbeiten und von ihm lernen zu dürfen. Eines Tages wollte sie ihr eigenes Zuckerdesign-Studio eröffnen. Doch die Plätze in der Konditorei ihres großen Vorbilds waren rar und heiß begehrt. Lejeune nahm nur die besten Kandidaten bei sich auf, darunter vor allem solche, die sich in der Konditorzunft bereits einen Namen gemacht hatten.

Genau deshalb war die Arbeit bei Hofe für Noelle so wichtig. Sie wollte ihrem Lebenslauf etwas ganz Besonderes hinzufügen. Und was eignete sich dazu besser als das Mitwirken am Entwurf für die königliche Hochzeitstorte?

Leider konnte von einer Zusammenarbeit mit Fridtjof Lundgren zurzeit keine Rede sein – ganz im Gegenteil. Stattdessen beschäftigte ihr Vorgesetzter sie mit irgendwelchen Hilfsarbeiten. Ein paar Mal hatte sie sogar schon als Serviererin bei Banketts und Feiern ausgeholfen, obwohl das eigentlich nicht zu ihren Aufgaben gehörte. Und das alles nur, weil Lundgren nicht damit zurechtkam, dass ihre Ideen frischer und innovativer waren als seine eigenen. Zumindest vermutete Noelle insgeheim, dass er sie darum so geringschätzig behandelte. Aber vielleicht änderte sich das jetzt endlich, wenn es ihr gelang, ihn mit dem Design für die Verlobungstorte zu beeindrucken.

Auch am Ende dieses Arbeitstags war Noelle noch ganz aufgeregt bei der Aussicht, ihrem Ziel endlich etwas näher zu kommen. Wenn sie es geschickt anstellte, bot die Verlobungstorte ihr die Gelegenheit, auf die sie schon so lange gewartet hatte.

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