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Die Mitläuferin

Der heutige Tag ist ein Resultat des gestrigen.
Was dieser gewollt hat, müssen wir erforschen, wenn wir zu wissen wünschen,
was jener will
.

Heinrich Heine

Die Autorin wurde 1948 im Anhaltinischen nahe Magdeburg geboren. Sie studierte Germanistik / Anglistik an der Friedrich- Schiller-Universität in Jena.

Den Großteil ihres beruflichen Lebens in der DDR war sie am Herder-Institut der Universität Leipzig als Lehrerin im Hochschuldienst im Fach Deutsch als Fremdsprache (DaF)tätig. Als Dozentin für DaF war ihre Aufgabe, Studenten aus allen Ländern zur Hochschulreife zu bringen.

Nach einer ungewöhnlich abenteuerlichen Flucht Anfang Juli 1989 in die Bundesrepublik Deutschland arbeitete sie bis zum Erreichen des Ruhestands 2013 am Goethe-Institut als Sprachdozentin.

Sie lebt mit ihrer Familie in Oberbayern.

Die Mitläuferin - Ein Leben in zwei Deutschländern - ist ihr Erstlingswerk.

Es ist ein sonniger, noch etwas kühler Märztag. Aber der Frühling liegt schon in der Luft. Das kann man selbst in dieser Stadt der Kohlefeuerung förmlich riechen, wo der Rauch aus zahlreichen Schornsteinen schwer auf den Dächern liegt. Es ist eine schöne Stadt mit einer nun bald tausendjährigen Geschichte, die ihre Spuren hinterlassen hat, ebenso wie der Staat, der es sich nicht immer leicht machte mit sich und den anderen und jetzt am Ende seines vierten Jahrzehnts steht. Man hatte sich viel vorgenommen, vielleicht zu viel. An der Peripherie wächst eine neue Stadt empor, mit riesigem Aufwand aus der grünen Wiese gestampft, eines der vielen Fünfjahrplanprojekte, wie sie vielerorts in der Republik entstanden, als Kontrastprogramm zu den schönen, stolzen Jugendstilvillen, denen man die Pracht vergangener Jahre trotz des abbröckelnden Putzes noch ansehen kann.

Doch heute, an einem so zauberhaften Vorfrühlingstag, fällt das nicht ins Gewicht. Dörte bemerkt dies ebenso wenig wie das zaghafte Grün der großen Platanen entlang der Straße, in der sich das Sprachinstitut befindet, in dem sie als Hochschullehrerin arbeitet. Sie beendet ihren Unterricht wie jeden Freitag, verabschiedet ihre Studenten in das Wochenende, setzt sich sofort ins Auto und fährt nach Hause. Obwohl sie heute der etwas skurrilen Schönheit ihrer Stadt keine Aufmerksamkeit schenkt, ist es, als würde die Stimmung, die sie umgibt, sich ihr dennoch vermitteln. Unterwegs versucht sie, sich zur Ruhe zu zwingen, und wünscht inständig, dass bloß kein Unfall, keine verstopfte Kreuzung sie aufhalten möge. Nichts soll sie daran hindern, die ihr zugedachte Rolle in dem von ihrem Mann Götz und dessen bestem Freund Johannes ausgedachten Szenario zu spielen.

Ohne Zwischenfälle gut zu Hause angekommen setzt sie sich ans Telefon, das erwartungsgemäß kurz nach zwölf klingeln müsste. Vorausgesetzt, alles ist wie geplant abgelaufen.

Wie immer in schwierigen Situationen kuschelt sie sich in den recht kommoden, nun schon einhundert Jahre alten Schaukelstuhl, der ihr ein Gefühl von Geborgenheit vermittelt. Endlos lange braucht der Zeiger der Wanduhr, bis er sich auf die nächste Minute zu bewegt. Dörte versucht, ihre Gedanken zu ordnen. Alles dreht sich um die Frage, ob Götz die Kraft hätte, den waghalsigen Plan durchzuführen, und es tatsächlich fertigbringen würde, was die beiden Freunde als letzten Ausweg angesehen haben.

Er ist zwischen die Mühlsteine geraten, wie man so sagt, und dies in einer Gesellschaft, die gerade ihn während der vergangenen vierzig Jahre wesentlich geprägt hat. War doch die DDR sein Land, das er sich zwar nicht ausgesucht, das ihm jedoch ermöglicht hat, zu dem zu werden, der er heute ist: Hochschullehrer an einer der ältesten Universitäten Deutschlands, zu deren bekanntesten Studenten kein Geringerer als Johann Wolfgang Goethe einst gehörte, an der aber auch Radistschew und der letzte große Universalgelehrte Leibniz gewirkt hatten. Bei der Suche nach einer Antwort auf die Frage, wie es dazu kommen konnte, dass er zu diesem spektakulären Mittel greift, um sich aus der Schusslinie zu katapultieren, gehen Dörtes Gedanken weit zurück in die Vergangenheit.

Vor fünfzehn Jahren war sie eine junge Frau von sechsundzwanzig Jahren, recht passabel aussehend, allein erziehende Mutter eines sechsjährigen Jungen, beruflich in den letzten Jahren recht erfolgreich, in Liebesdingen einigermaßen genussfähig und erfahren und eigentlich rundherum zufrieden. Es konnte so weitergehen, fand sie. Natürlich gab es Augenblicke, in denen die Sehnsucht nach einem wirklichen Partner kam, einer, zu dem sie unbedingtes Vertrauen haben und der auch ihre in den letzten Jahren noch gewachsenen Ansprüche erfüllen könnte. Das Leben allein war ja nicht nur schön und herrlich frei. Da gab es auch die vielen Momente, in denen man einen Partner brauchte, mit dem man reden konnte, ohne jedes Wort auf die Goldwaage legen zu müssen, mit dem man keine Taktik zu machen brauchte, einen Menschen, dem man seine Unzulänglichkeiten und Schwächen offenbaren konnte. Sie bemühte sich, dieses Gefühl der Leere nicht allzu oft an sich herankommen zu lassen. Schließlich traf man die partnerfähigen Männer nicht so häufig, und wenn, dann waren sie meistens verheiratet. Und zu der Sorte Frauen, die auf den Märchenprinzen warten, gehörte Dörte noch nie. Sie war auch nicht mehr bereit, in dieser Hinsicht Kompromisse oder Abstriche zu machen. Sicher hätte sie schon längst wieder verheiratet sein können, aber immer, wenn sie sich das Leben mit dem gerade aktuellen Mann nach zehn Jahren vorzustellen versuchte, war die Antwort: Nein, das ist nicht der Richtige. Natürlich wäre es ihren Eltern lieber gewesen, wenn ihre Tochter in sogenannten ordentlichen Verhältnissen gelebt hätte. Denn deren ziemlich freies Leben war ihnen ja nicht entgangen, und insbesondere ihr Vater glaubte, recht feste moralische Vorstellungen haben zu müssen. Dennoch hielten sie sich in dieser Frage sehr zurück mit ihren Kommentaren. Ihr Vater versuchte ein einziges Mal, seiner Tochter einen Mann zu verschaffen, einen gutsituierten Junggesellen, Ingenieur, sie arbeiteten in einem Betrieb. Dieser Mann, den Dörte recht nett fand, war aber ständig mit seinem Freund zusammen, so dass der Gedanke, er sei vielleicht schwul, nicht ganz abwegig war. Um das nun genauer herauszufinden, lud Dörte ihn einmal allein zu sich ein. Es gelang ihr, ihn zu verführen, was allerdings eine ziemlich enttäuschende Erfahrung war. Sexuell war er eine Niete. Damit stand fest, das könnte nie etwas werden. Ihrer Mutter erzählte sie von dem Erlebnis, und als ihr Vater ihr wieder einmal diesen Mann schmackhaft machen wollte, meinte seine Frau Friederike: Also Vater, das schlag dir aus dem Kopf. Das ist kein Mann für unsere Tochter; worauf der Vater verständnislos den Kopf schüttelte und dabei blieb, die Vorteile des Mannes aufzuzählen. Ohne einen weiteren Kommentar abzugeben, war damit alles gesagt, und es blieb auch der letzte Versuch ihres Vaters, sie unter die Haube bringen zu wollen.

Dörte hatte nach ihrer Scheidung vorübergehend mit ihrem kleinen Björn bei den Eltern gewohnt. Nun sollte mit der Zuweisung einer Neubauwohnung in der nicht weit entfernten Großstadt am mittleren Lauf der Elbe ein neuer Lebensabschnitt für sie und ihren inzwischen schulreifen Sohn beginnen. Obwohl die Studenten aus ihrer Englischseminargruppe ihr rührend geholfen hatten beim Herrichten der Wohnung, war doch nicht alles geschafft worden, bevor Dörte eine Dienstreise zu einer wissenschaftlichen Tagung in den nahegelegenen Harz antreten musste. Siegfried, ihr Vater, tröstete sie. Er kannte seine Tochter ja so genau und wusste, wenn sie sich irgendetwas in den Kopf gesetzt hatte, musste sie es auf Biegen und Brechen durchsetzen. Er versprach also, nach ihrer Rückkehr ein paar Tage Urlaub zu nehmen und dann alle notwendigen Arbeiten zu verrichten. Dörte fuhr dann in jene kleine Stadt im Harz zu ihrer Tagung ohne zu wissen, dass alles ganz anders kommen würde. Noch ahnte sie nicht, was sie in dem etwas schmucklosen, durch zahlreiche Neubauten doch etwas verunstalteten ansonsten aber sehr romantischen Städtchen erwarten sollte.

Zunächst war alles ganz normal: Unterbringung aus Kostengründen im Internat, das zu der Fachhochschule, in der die Tagung stattfand, gehörte, dann ein Vortrag nach dem anderen mit keiner oder nur mäßiger Diskussion. Es waren ja Leute aus dem Ministerium da, und man wollte nicht auffallen. Beim Essen in der angrenzenden Mensa passierte es in der Pause, dass Dörte, die etwas abseits stehend sich nicht am nun umso reger einsetzenden fachlichen Gegacker ihrer Kollegen beteiligen mochte, plötzlich um Feuer gebeten wurde. Es durchlief Dörte heiß, nachdem sie die ersten Worte miteinander gewechselt hatten. In ihrem Bauch fühlte sie das flaue Flimmern jener Ungewissheit, in der alles zu liegen schien. Sie fragte sich beunruhigt, ja fast bestürzt, was hier anders war als bei den üblichen Männerbekanntschaften, die immer recht kurzlebig gewesen waren. War es das Äußere, das ihren Blick länger auf ihm verweilen ließ als normal? Nein, gutaussehende, sportliche Typen hatte sie in den letzten Jahren mehrere zu ihren Verehrern gezählt. Das war es also nicht allein. Was aber sonst? War es, weil seine Augen so eine Offenheit und Güte ausstrahlten, oder gar, dass er mit einem schnittigen, himmelblauen WARTBURG (Automarke in der DDR) angekommen war? Nun, das war immerhin nicht zu unterschätzen, denn einen flotten Wagen zu fahren, war schon etwas anderes als das Volksauto, TRABANT. Aber auch Männer mit einem besseren Auto hatte sie mehr als einen gehabt. Was war es also, was sie, ihr fast die gewohnte Selbstsicherheit raubend, so gefangen nahm? Rauchend plauderten sie und machten sich lustig über die Wichtigtuerei der Leute aus dem Ministerium. So stellte Dörte bald fest, dass er auf sie zugekommen war, weil sie alleine stehend ihren Gedanken nachgegangen war. Das gefiel ihm. Sie stellten Gemeinsamkeiten fest und verabredeten für den nächsten Abend einen Treff in einem Tanzlokal. Schon auf der Fahrt dahin war Dörte überrascht. Auf ihre kesse Frage hin ließ er sie ohne zu zögern, ganz selbstverständlich mit seinem Auto fahren. Er kannte sie doch gar nicht, wusste nichts über ihre Fahrkünste. Für die meisten Männer galt immer noch: Eine Frau am Steuer, da hieß es doch aufpassen. Selbst bei ihrem Vater hatte Dörte diese Erfahrung machen müssen. Sie besaß seit kurzem den Führerschein, und vorher hatte er immer gesagt, dass sie natürlich mit seinem Auto fahren könne. Als sie aber die Fahrprüfung bestanden hatte, musste er sich zuerst von ihrem Fahrverhalten überzeugen, und so durfte sie ihn in die nahegelegene Kreisstadt fahren. Es war eine schreckliche Fahrt. Ihr Vater hatte sie so nervös mit seinen dauernden Einwänden gemacht, dass sie unterwegs anhielt, auf den Beifahrersitz wechselte und erklärte: Mit deinem Auto werde ich nie wieder fahren!

Als sie nun jenen neuen Bekannten, einen Hochschullehrer aus der altehrwürdigen Messestadt, fragte, ob er auf seiner Heimfahrt nicht einen kleinen Umweg durch den Harz machen und sie nach Hause bringen wolle, und er daraufhin, ohne lange zu überlegen, sagte, er fände den Vorschlag toll, imponierte das Dörte sehr. Diese Unkompliziertheit gefiel ihr. Was er aber noch nicht wusste, war, dass sich Dörtes Wohnung, von der sie ihm erzählt hatte, noch in einem ziemlich unbewohnbaren Zustand befand. Unterwegs versuchte sie, ihm dies schonend beizubringen, damit die Wirklichkeit ihn nicht desillusionierte. Dem war aber keineswegs so. Vielmehr merkte sie, dass so ein Chaos zu richten für ihn kein Problem darstellte. Offenbar kam es ihm auf etwas anderes an, denn es wurde nicht lange geredet, sondern nach ein paar Stunden waren die notwendigen Arbeiten vollbracht. Immer wieder gab es angenehme Unterbrechungen auf dem Teppich, den sie gerade auslegten. Dörte sah keinen Grund, sich zimperlich zu zeigen, und so wurde es ein ziemlich intensiv ausgelegter Raum.

Nein, auch seine beeindruckenden Fähigkeiten als Liebhaber waren es nicht allein, wenn es Dörte auch sehr gefiel. Sie hatte in der Vergangenheit zwar mehr gute als schlechte Liebhaber gehabt, doch er hatte tatsächlich ein paar Saiten in ihr zum Klingen gebracht, an denen vorher offensichtlich noch nicht gezupft worden war, jedenfalls nicht so.

Was also war es, das in ihr den Gedanken aufkommen ließ, der aber schnell wieder verdrängt wurde, ob das etwa der Mann war, von dem sie schon in ihren Jungmädchentagen gewusst hatte, dass er existiert, und dass sich ihre Wege früher oder später kreuzen würden? Schon am allerersten Abend hatten sie ganz interessante Gespräche zu den Vorträgen und darüber hinaus. Es gab kein Thema, für das sich dieser Mann nicht interessierte, zu dem er nicht eine Position erkennen ließ. Wenn die Gedanken allzu sehr mit ihr spazieren gingen, rief sich Dörte gewaltsam auf den Boden der Tatsachen zurück, denn schon am ersten Abend in der Tanzgaststätte hatte er ihr gesagt, dass er verheiratet sei. Dass er es sagte, ehrte ihn zwar, bestätigte aber letztlich nur die These aller alleinstehenden Frauen, die ihre Kollegin in die Worte fasste: Schade, die besten Männer sind immer schon verheiratet! Nun, damit hatte sie wohl nicht Unrecht. Dörte hatte zwar keine Skrupel, ein Verhältnis mit einem verheirateten Mann zu haben, denn ihrer Meinung nach war jeder Mensch für das, was er tut, selbst verantwortlich. Sie sah deshalb auch nie ihre Verantwortung darin, eine fremde Ehe zu schützen. Aber Komplikationen wollte sie als Tochter ihres Vaters eben auch nicht haben. Ihr war immer klar, dass das nur kurze Abenteuer sein könnten. Bis sich ein Mann wegen einer Geliebten von liebgewordenen Gewohnheiten, seiner Frau und eventuell seinen Kindern trennt, da müsste es schon etwas mehr sein als eine heiße Leidenschaft. Gerade verantwortungsvolle Männer werfen nicht einfach ein Leben weg. Nein, da war sie ziemlich illusionslos und wollte sich auf keinen Fall falsche Hoffnungen machen, weil sie ihn da wohl nicht richtig eingeschätzt hätte, und schön geredet hat sie sich die Dinge eigentlich nie. So verabschiedeten sie sich nach einem aufregenden Wochenende ohne die meist üblichen Versprechungen. Er brachte Dörte, die ihre Eltern noch besuchen wollte, noch bis in die Nähe ihres Elternhauses und gab ihr seine private Telefonnummer. Aber nie und nimmer hätte sie ihn zu Hause angerufen. Sie wollte sich davor schützen, sich zu stark zu engagieren, hatte sie sich doch nach ihrer Scheidung fest vorgenommen, nie mehr eines Mannes wegen zu leiden.

Wieder zu Hause angekommen, erzählte Dörte den Eltern von dem Abenteuer. Das musste sie ja, da ihr Vater gleich sagte, dass er Urlaub zur Einrichtung ihrer Wohnung genommen hatte. Da konnte sie ihm doch nicht verschweigen, dass alles schon erledigt war und seine Hilfe nicht mehr nötig. Siegfried war mehr als überrascht, wenn auch natürlich nicht gerade böse darüber, dass für ihn nun nichts mehr zu tun blieb. Dörte konnte es selbst noch gar nicht fassen, dass das alles so schnell und fachmännisch gegangen war, obwohl sie, auch was derartige Arbeit betraf, nicht unnötig kompliziert war. Was zudem noch durchaus beeindruckte, war, wie dieser Götz Weseloh ohne Probleme ihre komplizierte Wohnzimmerlampe mit Wechselschaltung zum Leuchten gebracht hatte. Ihre Studenten, immerhin angehende Ingenieure, waren daran verzweifelt. Entweder brannten nur zwei Glühbirnen oder alle vier mit halber Leuchtkraft. Das nun war in ihren Augen also eine Meisterleistung - oder etwa ein Zeichen?

Trotz dieses nachhaltigen Eindrucks gab sie sich den Befehl, als der WARTBURG sich entfernte, diesen Mann aus ihrem Gedächtnis zu streichen.

Knapp zwei Wochen später wurde sie plötzlich mitten aus ihrem Seminar ans Telefon gerufen. Das war eigentlich äußerst unüblich, aber der Anrufer hatte gesagt, es ginge um Leben und Tod, und deshalb holte man sie auch ausnahmsweise. Wer war am Telefon? Dieser Götz! Dörte musste sich sehr zusammennehmen, um sich ihre Überraschung nicht anmerken zu lassen. Er sagte, er habe sich überlegt, sie zu besuchen, und in cirka zwei Stunden wäre er da. Sie gab zur Antwort, das passe ja prima, denn an diesem Abend hätte sie die große Einweihungsparty mit ihren Studenten, und es würde sicher viel Spaß geben. Es wurde ein wunderschöner Abend. Götz blieb über Nacht bei ihr, und von da an war es eigentlich klar, dass sie sich nicht wieder loslassen würden. Trotzdem gab es nie eine Absprache zwischen ihnen, wann er wiederkommen würde. Dörte fragte ihn auch nie deswegen. Er rief meistens zwei Stunden vorher an, und wenn nicht, dann stand er auch plötzlich vor der Tür und sagte durch die Sprechanlage auf die Frage, wer da sei: Hier ist der Kaiser Barbarossa oder andere witzige Dinge.

So entwickelte sich ein faszinierendes Verhältnis. Dörte spürte, da ist ein Mann, der interessiert sich für mehr als dein Bett, obschon das ein wichtiger Punkt war, denn wie ausgehungert stürzten sie sich jedes Mal in die Liebe. Diese einzigartige Leidenschaft hatte Dörte noch nie vorher für einen Mann empfunden. Das war aber kein Wunder, konnte sie mit ihm doch auch über ihre Probleme sprechen. Er hörte ihr zu, wenn sie zum Beispiel von Erziehungsschwierigkeiten mit ihrem Sohn redete. Dörte lebte ständig in Angst, dass ihr Sohn die Unzuverlässigkeit und Verlogenheit seines leiblichen Vaters geerbt haben könnte. Bei dem kleinsten Indiz in dieser Hinsicht war sie in Alarmbereitschaft. So hatte sie ihren Sohn zu einem Judo Kurs angemeldet. Judo hätte sie selbst in jungen Jahren gern gelernt, weil sie es beeindruckend fand, wenn eine zarte Frau im Handumdrehen einen starken Mann aufs Kreuz legt. Es hatte leider bei ihr so nie geklappt, eher war es, wenn auch in etwas anderer Hinsicht, öfters umgekehrt. So versuchte sie, dass Björn es lernte. Offensichtlich gefiel es ihm aber nicht so sehr, denn er fuhr immer brav mit der Straßenbahn weg, kam aber nie an, sondern vergnügte sich die zwei Stunden anderweitig. Als Dörte endlich dahinter kam, war sofort die erwähnte Angst da: Jetzt geht das wieder los mit der Schwindelei, das kann er nur von seinem Vater haben.

Und so gab es immer wieder Dinge, über die sie ihr Herz bei Götz ausschütten konnte. Das ging sogar soweit, dass sie mit ihm über andere Männer sprechen konnte, dann tröstete er sie in ihrem Liebeskummer. Als Dörte sich darüber klar geworden war, welch wichtigen Platz dieser Mann in ihrem Leben eingenommen hatte, sagte sie sich: Besser einen Menschen, zu dem du Vertrauen haben kannst, halb, als einen halben Menschen ganz. Und so erkannte sie, dass es das genau war, was sie suchte, einen Menschen, mit dem sie so durchs Leben laufen konnte. Der Umstand, dass er nicht frei und ungebunden war, und dass es keine richtige gemeinsame Zukunft geben würde, störte sie erstaunlicherweise gar nicht. Er hatte ihr ganz unmissverständlich ziemlich zu Anfang gesagt, dass er sich nie von seiner Tochter, die knapp ein Jahr älter als Björn war, trennen würde. Er selbst hatte als Kind erfahren, wie schlimm es sein kann, als Scheidungswaise groß zu werden. Das wollte er seiner Tochter unter allen Umständen ersparen, weshalb er auch seinerzeit ohne Umschweife die Konsequenz aus einer Studentenliebe ziehend ihre Mutter geheiratet hatte. Dörte hatte diese Einstellung zu akzeptieren, und sie tat es auch. Deshalb nutzten sie die gemeinsame Zeit umso bewusster. Etwas leichter wurde die organisatorische Seite, als Dörte nach ungefähr einem halben Jahr ein Telefon bekam. In Neubauten ging es schneller, da die Anschlussleitungen schon gelegt waren. Sie lernte sehr schnell von Götz: Du musst dich für alle Sachen, möglichst gleich im achtzehnten Lebensjahr, anmelden, egal ob du dir vorstellen kannst, jemals das Geld für ein Auto, Telefon oder einen BUNTFERNSEHER aufbringen zu können, egal, ob du jemals im Leben eine Tiefkühltruhe brauchst, du musst dich anmelden! Wenn es dann soweit ist, und du willst den bestellten Artikel nicht, ist es auch kein Problem. Er hatte offenbar nicht nur mit den landestypischen Problemen weniger Schwierigkeiten als sie mit ihrem manchmal naiven Denken, sondern auch mehr Positionen zu dem, was ihm wichtig war. Vieles, woran sich andere zerrieben, war für ihn eine Kinderei. Sein Telefon zum Beispiel hatte er bekommen, indem er einfach den Schaltstellenleiter seines Wohnbezirkes anrief und ihm mitteilte, er wisse von den Machenschaften, dass Anschlüsse für Bestechungsgeld freigemacht würden, und wenn er, der schon mehrere Jahre angemeldet sei, nicht wenigstens einen Teilanschluss bekäme, müsse er die Sache melden. Prompt war daraufhin ein Zettel in seinem Briefkasten, dass er in den nächsten Tagen mit der Installation eines Anschlusses rechnen könne. Er war eben kein Freund der Korruption und mit seiner gesellschaftlichen Stellung wollte er auch nicht auftrumpfen.

Einige Wochen später lernte Götz Dörtes Eltern kennen. Wie schon so oft, kam er wieder einmal überraschend, um Dörte zu sehen, traf sie jedoch nicht an, weil sie gerade bei den Eltern zu Besuch war, was für ihn nahelag. Er kannte zwar schon den Ort, aber nicht die Adresse. Außerdem wusste er nicht ihren Mädchennamen. Natürlich hatte er selbstverständlich auch Schwächen. Eine liebte sie besonders. Er merkte sich schlecht Namen und abstrakte Zahlen. Ersteres ist für einen Lehramtsinhaber recht ungewöhnlich, doch Namen und Zahlen erhellten sich ihm mehr durch Beziehungen, die sie verbanden. Oft war das schon sehr ungewöhnlich und komisch, wie so manches an ihm.

Es war also an einem schönen Sonntagnachmittag, als der kleine Ort etwas verschlafen im märkischen Sand, umgeben von Schatten spendenden Kiefern, vor sich hin träumte. Kaum jemanden auf der Straße antreffend, war es ein sehr schwieriges Unterfangen, einen Menschen zu finden, dessen Adresse man nicht kannte, den man zwar genau zu beschreiben wusste, aber dessen Haarfarbe die hilfsbereiten Einheimischen irritierte. Erschwerend kam nämlich hinzu, dass die Leute Dörte mit ganz verschiedenen Haarfarben, die sie wechselte wie andere die Bluse, kannten. Erst seit kurzem hatte sie sich auf Rot festgelegt. Dass Götz rothaarige Frauen mochte, wusste sie zu dem Zeitpunkt noch nicht. War dies ein glücklicher Umstand oder Fügung? Er schaffte es trotzdem, sie ausfindig zu machen und spazierte in seiner an Selbstbewusstsein nicht mangelnden Art zielsicher plötzlich durchs Petersensche Gartentor ins Einfamilienhaus von Dörtes Eltern. Dörtes Mutter, nachdem sie wusste, wer er war und zu wem er wollte, bat ihn charmant wie immer zum Kaffee herein, und das war sozusagen das erste gegenseitige Beschnuppern. Dörtes Mutter gefiel der Mann im Leben ihrer Tochter von Anfang an sehr, Siegfried wohl ebenfalls, wenn er auch starke Bedenken hatte. Der Mann war schließlich verheiratet und hatte eine Tochter, und das gehörte sich nun mal nicht. Andererseits wusste er aber sehr genau, dass Dörte sich in diesen Dingen nicht von ihm beeinflussen lassen würde, und deshalb versuchte er es erst gar nicht ernsthaft.

Ja, Götz war der Mann in ihrem Leben. Durch ihn fing sie an, bewusster zu leben, ihre Umwelt kritischer wahrzunehmen und sich mit philosophischen Fragen zu beschäftigen. Es passierte nicht selten, dass sie mit ihm nächtelange Diskussionen hatte, bei denen die beiden durchaus nicht immer einer Meinung waren. Da die öffentliche Meinung, in der sie lebte, kaum Kontroverses kannte, war es gerade dieser Umstand, der die Gespräche für sie stets nachhaltig und bewusstseinsbildend machte. Ja es führte sogar dazu, dass sie von einem gewissen Zeitpunkt an einfach wussten, dass sie füreinander bestimmt waren. Jedenfalls ging Dörte nun davon aus. Sie hatte auch mal vorsichtig versucht, ihn über seine Frau zu befragen, denn neugierig war sie natürlich schon, was das für eine Frau war, die das Glück hatte, mit diesem Mann verheiratet zu sein. In der Frage hielt er sich aber ziemlich bedeckt, murmelte nur etwas wie: Sie ist so ähnlich wie du. Daraufhin drang sie dann auch nicht weiter in ihn. Viel später, als sie seine Frau persönlich kennenlernte, war sie allerdings der Meinung, dass es da sehr wohl Unterschiede gäbe. Aber das waren vielleicht auch die Augen der Geliebten, die ihr das verhießen. Jedenfalls war die Ehefrau lieb und nett. Allenfalls etwas Selbstzufriedenheit hüllte sie ein. Umso mehr wusste Dörte es zu schätzen, dass Götz seine Frau ihr gegenüber nicht in Misskredit gebracht hatte, wie das meistens in diesen Fällen passiert. Also das zeigte schon seine Art, so meinte Dörte, wenn derartige Unterschiede nicht nach außen getragen wurden. Dabei zermarterte sich Götz schon den Kopf, ohne dass er Dörte damit belastete, ob und unter welchen Umständen es nicht vielleicht doch eine gemeinsame Zukunft für sie geben könnte. Denn er zweifelte an allem, aber schöpferisch, nicht im Sinne des Agnostizismus oder des Nihilismus, sondern mehr, indem er versuchte, alles in der Bewegung und Entwicklung zu sehen. Sexuell lief zwischen ihm und seiner Frau nicht mehr sehr viel. Sie hatte eine seltene Krankheit, durch die sie sich schon in jungen Jahren in einem den Wechseljahren ähnlichen Zustand befand. Er respektierte, dass es nicht ihre Schuld war, aber er sah nicht ein, dass sein Leben nur noch im Verzicht dahindümpeln sollte. Deshalb hatte er keine sich bietende Gelegenheit für ein schnelles Abenteuer vorbeigehen lassen, was seine Frau offensichtlich zu tolerieren bereit war. Da hatte ihm nun der Zufall Dörte zugeführt, die ihn in jeder Beziehung reizte, die den Mann, den Geliebten, ja auch den Vater und Berater in ihm suchte. Nie hätte er es sich verziehen, wenn er dieses unerschütterliche Vertrauen enttäuscht hätte. Fasziniert war er schon von ihrem süßen Hintern, aber nicht nur davon. Vielmehr war es die Gesamtheit ihrer Persönlichkeit, ihr Charme und die Offenheit, mit der sie ihm begegnete. Obwohl er sich ja schon einmal für eine Zweisamkeit entschieden, das Leben ihn aber erheblich desillusioniert hatte, war ursprünglich alles ganz anders gewesen. Er wollte eigentlich nicht heiraten und Seefahrer werden. Dann blieb ein Onkel von ihm im Westen, seine Bewerbung bei der Handelsmarine damit ohne Erfolg. Kurz danach baute man quer durch die Hauptstadt eine Mauer, und er entschied sich nun doch zur Heirat, aber nur, um eine richtig gute Familie zu haben. Obschon das mit den Vorstellungen von der dazu passenden Frau vom Leben etwas zurecht gestutzt wurde, weil seine damalige Freundin schwanger war, hatte er dennoch nie seinen grundsätzlichen Anspruch diesbezüglich fallen lassen. Vielmehr hatte er auf seine Kraft vertraut und sich schließlich damit abgefunden, dass im Leben eben nicht alle Blütenträume reifen. Er war ja ein Realist. Nun aber mit Dörte war es, wie er es eigentlich ersehnt und sich als junger Mann immer vorgestellt hatte. Mit ihr war alles so einfach, so leicht. Deshalb wuchs in Götz die Überzeugung: Wenn du diese Frau nicht glücklich machst, dann hast du jedweden Anspruch auf eigenes Glück in deinem Leben für immer verspielt! Wie weh tat es ihm jedes Mal, wenn er sie spätabends verlassen musste. Obwohl sie das nie aussprach, war ihm klar, wie sehr sich Dörte erträumte, in seinen Armen früh am Morgen aufzuwachen. Diesen Wunsch konnte er ihr nur selten erfüllen, und er war froh, dass sie ihm deshalb keine Probleme machte und offensichtlich viel mehr verstand, als sie sagte. Vorerst war es beschlossene Sache abzuwarten, bis seine Tochter achtzehn Jahre alt war und selbst entscheiden konnte, wo sie leben wollte. Bis dahin gedachten sie sich in den gegebenen Verhältnissen einzurichten. Sie waren ja beide Kinder der DDR und somit im Umgang mit Widersprüchen und Einsichten in Notwendigkeiten recht geübt.

Dörte fand das fair und akzeptierte es. Sie fühlte sich durch diese Beziehung aus dem Reigen gehoben, bevor sie ihn allzu fad finden würde. Es erleichterte das Verhältnis der beiden, dass Götz‘ Frau so wenig neugierig war. Es schien ihr ganz gleichgültig zu sein. Sie lebte etwas nach der Devise: Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß. Oder war es vielleicht ihre Art von Selbstschutz? Sie hatte kein Interesse daran, die Wahrheit herauszufinden. Gelegenheit dazu hätte es mehr als eine gegeben, wenn man es recht bedenkt, obwohl die beiden vorsichtig waren. Da Götz aus familiären Rücksichten nie lange vorher etwas planen konnte, fuhr er manchmal, wenn er sich für ein paar Tage beruflich frei machen konnte, mit Dörte auf gut Glück irgendwohin. Für die Verhältnisse in der DDR, wo alles geplant war, jedes Zimmer in der Ferienzeit entweder vom Reisebüro oder dem Feriendienst der Gewerkschaft, FDGB, mit Beschlag belegt wurde, war das ein schier aussichtsloses Unterfangen. Auf diese Art zu reisen war deshalb unüblich. Durch seine Findigkeit waren sie trotzdem bei der Zimmersuche immer erfolgreich. Dörte liebte diese Abenteuer, bei denen sie nie genau wussten, wohin es sie führen würde, wo sie ihr müdes Haupt niederlegen könnten. In Wernigerode im Harz fanden sie einmal nach langem Suchen von Tür zu Tür in einem ungemütlichen Haus ein noch ungemütlicheres, dunkles Zimmer, in dem es nur ein winziges Fenster gab, durch das man nicht einmal den Himmel sehen konnte, da das nächste Haus nur eine Armlänge entfernt war. Wollte man feststellen, wie wohl das Wetter ist, musste man sich flach aufs Bett legen, um den Blick nach draußen frei zu kriegen. Aber sie hatten den Himmel in sich. Als die Vermieterin eruierte, dass ihre Gäste nicht verheiratet waren, auch noch ein Kind mit von der Partie war, Björn, erlag ihr pekuniäres Verlangen der Sorge um den Leumund. Eines Morgens stand sie plötzlich ohne anzuklopfen im Zimmer. Götz war gerade an dem primitiven Waschbecken damit beschäftigt, sich zu waschen, also nackt. Als sie ihn so sah, rief sie konsterniert: Nackt, nein, so geht das aber nicht. Das ist ein bürgerliches Haus! Sie war neunundsiebzig Jahre alt, und ihre Gäste suchten sich eine andere Bleibe. Derartige Unbequemlichkeiten nahmen sie in Kauf zum Erhalt ihrer Selbständigkeit.

Bei ihrer ersten größeren Fahrt zu zweit hatten sie so auf einer Halbinsel an der Ostsee direkt im Leuchtturmhaus ein sehr schönes Zimmer bei einer netten Frau bekommen, die normalerweise nicht an Fremde vermietete, weil sie ziemlich misstrauisch war. Aber dieses Paar hatte ihr gefallen. So ließ sie die beiden gern bei sich wohnen und verwöhnte sie richtig. Es war ein wunderschöner Urlaub. An der Steilküste hatte Götz ein Liebesnest gebaut, wo er mit Dörte ganz ungestört war. Manchmal hörten sie die Leute über sich vorbeigehen, aber die konnten sie nicht sehen. Im Suchen von Schlupfwinkeln war er sehr mit einer praktischen Intelligenz beschlagen. Sie liebten sich wie die Wahnsinnigen, verrückt aufeinander, wild, als wäre es jedes Mal das letzte Mal. Abends fuhren sie meist auf ein Glas Wein in die nahe gelegene alte Hansestadt mit ihrer herrlichen Backsteingotik. Wenn sie spät in der Nacht auf die Insel zu ihrem Leuchtturm zurückfuhren, nahm Götz sein Mädchen in den Arm und sang für sie all die vielen Lieder, die er während seiner Studentenzeit und auf der Insel Hiddensee am abendlichen Lagerfeuer gesungen hatte. In diesen Augenblicken fühlte sich Dörte so geborgen, so eins mit dem geliebten Mann, dass sie wunschlos glücklich war. Die Zeit hätte stehenbleiben können. Stattdessen verlief sie wie im Fluge, und wie gern lief Dörte mit.

Im darauffolgenden Jahr fuhren sie wieder zu ihrer Leuchtturmfrau, und diesmal nahmen sie auch Björn mit. Die Wirtin, die so nett zu ihnen gewesen war, weil sie gedacht hatte, endlich mal ein liebenswertes, ordentliches Paar als feste Gäste und damit zusätzlichen Verdienst gewonnen zu haben, war herb enttäuscht, da sie herausbekommen hatte, dass Götz und Dörte gar nicht verheiratet waren. Da war sie überhaupt nicht mehr freundlich. Auch das war eben Sozialismus, aber mit bürgerlichen Wurzeln.

Immer wieder fand sich eine Möglichkeit, ein paar Tage des Jahres gemeinsam zu verbringen. Dörte machte einmal zusammen mit ihrem Sohn und zwei Freundinnen eine Reise in die Hohe Tatra. Es gab dort ein Institut, das Partnerbeziehungen zu der Fachhochschule hatte, in der sie arbeitete, und sie konnten im Internat schlafen, was sehr preisgünstig war. Als Mutter und Sohn eintrafen, die beiden Freundinnen kamen später nach, verschlug es ihnen beiden fast die Sprache. In dem riesengroßen Internat waren sie die einzigen Bewohner. Sie schliefen in einem Schlafsaal mit wohl zwölf Betten, weshalb sie sich ganz verloren fühlten. Etwas gemütlicher wurde es dann, als Dörtes Freundinnen anreisten. Gemeinsam verlebten sie wunderschöne Tage. Der kleine Björn sah zum ersten Mal in seinem Leben ein Hochgebirge und war begeistert. Dörte staunte über die Kondition ihres Sohnes, der ohne zu murren die langen Tageswanderungen mitmachte, als sei er im Gebirge aufgewachsen. Immerhin war er erst acht Jahre alt. Eines Abends klopfte es. Dörte ging zur Tür, und die Freundinnen sahen verwundert, wie sie mit einem Aufschrei jemandem in die Arme flog. Es war Götz! Er war über achthundert Kilometer ins Ungewisse gefahren und hatte sie gefunden. Wie war das nur möglich, ohne zu wissen, wo sie untergekommen waren? Mit nahezu kriminalistischer Kombinationsgabe hatte er zunächst das Institut in Polen, danach das Internat der Zweigstelle in der Tatra ausfindig gemacht. Allerdings war dort dann die Tür verschlossen. Es war ja schon ziemlich spät, und es gab keine Klingel. Er dachte sich, es könne nicht für jeden einen Schlüssel geben, also würde dieser vielleicht an einem geheimen, nur den Gästen bekannten Ort liegen. Genau so war es. Der Schlüssel wurde immer hinter der Tür versteckt, wo Götz ihn tatsächlich entdeckt hatte. Er war gut in tolldreisten Unternehmungen, ein GEHT NICHT gab es für ihn in solchen archaischen Dingen kaum. Wie Dörte mehr und mehr erfuhr, war ganzes sein Leben eine einzige Herausforderung an sich gewesen, was ja bekanntlich übt. Soviel Unternehmungsgeist und Beharrlichkeit, um die geliebte Frau zu finden, das gefiel Dörte natürlich sehr, insbesondere vor ihren Freundinnen. Und welcher Frau hätte es nicht imponiert? Steckt nicht in jeder der geheime Wunsch, in einem Mann ihren Ritter zu sehen, und mag sie auch noch so durch Bildung, Beruf und fehlende männliche Unterdrückung emanzipiert sein? Überhaupt, was hatte es Dörtes Meinung nach mit Emanzipation zu tun, wenn man sich einbildete, ohne die Männer auskommen zu können, in extremen Fällen, den Mann als Feind anzusehen?

Dörte taten diese Frauen nur leid. Sie vergaben so viele Möglichkeiten, glücklich zu sein. Emanzipation hatte für sie einzig und allein etwas damit zu tun, dass sie als Frau sozial die gleichen Rechte hatte und selbst verdientes Geld ausgab. Diese Selbständigkeit hatte sie durch ihren Beruf, der sie finanziell unabhängig von einem Mann machte. In diesem Sinne verstand sie sich als sehr emanzipiert. Wenn sie sich mit einem Mann einließ, dann weil sie es wollte, und nicht weil sie sich irgendwelche materiellen Vorteile von einer Beziehung versprach. Deshalb fühlte sie sich auch von Götz nie ausgenutzt. Nicht im Traum wäre ihr dieser Gedanke gekommen. Was sie tat, war das, was sie wollte. Das bedeutete selbstverständlich, auch während ihrer Reisen mit Götz einen finanziellen Anteil zu leisten. Wieso hätte er die Last allein tragen sollen? Schließlich akzeptierte sie ja, dass er Verantwortung für seine Familie trug, und wenn sie allein wegfuhr, kostete es doch auch Geld.

Sie verstand nie die vielen Diskussionen innerhalb der sogenannten modernen Frauenbewegung des benachbarten Deutschlands, die sie aus ganz natürlichem Interesse verfolgte, weil sie Frauenschicksale insgesamt sehr interessierten. Sie selbst war nie gezwungen, zu Hause als Hausmütterchen zu verdorren. Dabei hatte sie nichts gegen Hausfrauen, wenn es denen gefiel. Warum sollte nicht auch dieser Beruf Berufung sein? Für Dörte wäre ein solches Leben allerdings nie in Frage gekommen. Sie wäre erstickt, wenn sie jemals im Leben das Gefühl gehabt hätte, sie müsste aus finanziellen Gründen oder wegen der Konventionen, aus Pflichtgefühl bei einem Mann bleiben. Dabei konnte sie sich durchaus vorstellen, dass jemand aus Verantwortungsgefühl für einen Partner bei jenem bleibt, zum Beispiel, wenn dieser krank ist und Hilfe braucht, und man sich dann entschließt, bei ihm zu bleiben, und diese Last bewusst auf sich nimmt. In diesen Fällen war es nach Dörtes Meinung aber völlig unerheblich, ob das eine Frau oder ein Mann ist. Mit der Geschlechterrolle hatte das nichts zu tun, sondern einzig und allein mit einem inneren Gefühl für Werte und Selbstachtung oder wie in Götz‘ Fall, der sich entschlossen hatte, seine Ehe aus Verantwortung und Pflichtgefühl für ein Kind aufrecht zu erhalten. Davor hatte Dörte den größten Respekt.

Jahre später sagte ihr einmal einer ihrer Studenten, ein Franzose, er verstehe überhaupt nicht, warum in Deutschland, er sprach von Westdeutschland, die Fronten zwischen Frauen und Männern derartig verhärtet seien, es gebe keine Mitte. Entweder betrachteten Frauen die Männer generell als Feinde, oder sie ordneten sich den Männern unter wie die Schafe. Dörte schien, er hatte nicht ganz Unrecht mit seiner Beobachtung. Bei ihr war es so, als sie merkte, dass ihre erste Ehe nicht lief, beendete sie diese, aus Verantwortungsgefühl für ihren Sohn. Weil der einen Vater brauchte, hatte sie den Mann seinerzeit geheiratet. Das Familienrecht der DDR war in erster Linie bei der Vergabe des Sorgerechts darauf ausgerichtet, was dem Kind am meisten dient. Für Dörtes Sohn war es mit Sicherheit kein Verlust, dass er seinen haltlosen Vater nach der Scheidung im Leben nie wieder sah.

Die Rückfahrt aus der Hohen Tatra traten sie nun etwas komfortabler an, nämlich mit dem Auto. Hin waren sie mit dem Zug gefahren, was damals wahrlich kein Vergnügen war. Abgesehen von ständigen Verspätungen machte einem der viele Schmutz an allen Ecken und Enden so zu schaffen, dass man sich nach einer solchen Fahrt regelrecht besudelt vorkam. Mit dem Auto fuhren sie nun durch den Ort im Vogtland, in dem Götz‘ Mutter lebte. Obwohl spät in der Nacht war geplant, bei ihr Halt zu machen. Ungeachtet der fortgeschrittenen Zeit wurden sie sehr herzlich empfangen. Götz hatte seiner Mutter schon von ihr erzählt, und diese Herzlichkeit und Natürlichkeit, die offenbar in der Familie lag, und die Dörte auch aus ihrem Elternhaus kannte, nahm sie sehr für die Mutter ein. Immerhin war Dörte die Geliebte ihres Sohnes, und von Götz wusste sie, dass die Mutter ein sehr gutes Verhältnis zu seiner Frau hatte. Doch die Beziehung zu ihrem Sohn war ihr wohl wichtiger. Oder ließ sich das einfach so bestimmen: War er glücklich, so war es seine Mutter auch?

Nicht lange nach den gemeinsam verbrachten Tagen fragte Götz Dörte, ob sie sich schon einmal überlegt hätte, eventuell in seine Stadt zu ziehen. Man könnte sich öfter und unkomplizierter sehen, und die Sache ginge auch nicht so ins Geld. Immerhin lagen ihre Wohnorte zwei Autostunden voneinander entfernt. Daran hatte Dörte zwar noch nicht gedacht, aber für neue Ideen war sie immer schon zu haben gewesen. Inzwischen war sie gut in das Lehrfach Deutsch als Fremdsprache eingearbeitet und unterrichtete in den unterschiedlichsten Kursen. Am Anfang waren es in der Hauptsache Vietnamesen, die in der DDR eine Berufsausbildung erhielten und dabei gleichzeitig die deutsche Sprache erlernten. Nachdem die DDR UNO-Mitglied geworden war und immer mehr Staaten sie anerkennen wollten, die Konferenz von Helsinki sogar eine gewisse völkerrechtliche Akzeptanz seitens westlicher Staaten einschließlich der Bundesrepublik Deutschland mit sich gebracht hatte, wirkte sich das direkt auf Dörtes Arbeit aus. So kamen Sudanesen und Ägypter an die Fachschule und erhielten dort eine pädagogische Ausbildung. Da sie über keinerlei Vorkenntnisse in der deutschen Sprache verfügten, fiel es Dörte zu, im Deutschunterricht die sprachlichen Grundlagen für den parallel dazu laufenden Fachunterricht zu schaffen. Das war keine leichte Aufgabe, denn die Sprachlehrerin musste Ausländern, die kein Wort Deutsch verstanden, komplizierte Zusammenhänge der Pädagogik in der Fremdsprache beibringen. Aber wie so oft, es wurde vieles improvisiert. Die Kosten für diese Ausbildung konnte der Staat, der immer klamm an Valuta war, über seine Beiträge für die vielen Unterorganisationen, denen die DDR inzwischen in der UNESCO beigetreten war, abrechnen. Das war von großem Vorteil in dem Land der ALU-CHIPS, wie das aus einer Aluminium-Legierung bestehende Geld später genannt wurde. Schwach, wie die DDR war, wenn es um Valuta ging, war es natürlich ein gutes Geschäft, wenn die Beiträge sozusagen durch Naturalien, sprich hier Bildung, beglichen bzw. reduziert werden konnten. Was war die Folge dieser kuriosen Situation? Die ganze Angelegenheit konnte gar nicht teuer genug sein. Dörte und ihre Kollegen machten mit der Gruppe viele Exkursionen, um ihnen landeskundliche Erfahrungen zu verschaffen. Ein gutes Nebenprodukt war die Selbstdarstellung des immer nach seiner Geburt bewerteten Staates. Bei diesen Exkursionen, die Dörte auch oft ganz allein durchführte, wurde nur in den teuersten Hotels übernachtet. Und saß man abends noch an der Bar, so konnte das bei entsprechender Quittung, die zu erhalten nie ein Problem war, als Kulturkosten abgerechnet werden - getreu nach der Devise - je teurer, desto besser!

Dörte konnte nicht sagen, dass das unbequem oder gar einer schlechten Sache dienend war, es gefiel ihr schon, ihr Leben in diesem Land. Normalerweise hätte sie natürlich nicht in diesen Hotels übernachtet, obwohl das keine Frage des Geldes darstellte. Nicht, weil es unbezahlbar gewesen wäre. Auch Luxushotels waren selbst schon für einen Normalverdiener durchaus erschwinglich und im Vergleich zu westlichen Ländern immer noch spottbillig. Nein, sie war immer schon etwas geizig gewesen und hatte bessere Alternativen, um ihr Geld auszugeben.

Nun kam also Götz mit dem Vorschlag, dass sie sich doch an einem Sprachinstitut seiner Universität für eine Lehrtätigkeit im Fach Deutsch als Fremdsprache bewerben könne. Es bereitete Ausländer auf ein Studium an einer Hochschule oder Universität in der DDR sprachlich vor und war Dörte nicht unbekannt. Schon im Rahmen ihrer bisherigen Tätigkeit hatte sie Verbindungen dorthin geknüpft. Das Institut gehörte zwar zur Universität, hatte aber eine ziemliche Eigenständigkeit. Es war auf diesem Fachgebiet Leitinstitut. Auch forschungsmäßig beschäftigte man sich dort mit Deutsch als Fremdsprache. Außerdem war Dörte bekannt, dass es darüber hinaus sogar im Ausland auch in kapitalistischen Ländern aktiv war. Der Gedanke, dadurch vielleicht einmal in einem anderen Land arbeiten zu können, wie sie wusste, wurden auch viele ins NICHTSOZIALISTISCHE Ausland geschickt, war mehr als verlockend. Mal raus zukommen aus der biederen Enge des DDR-Alltags, vielleicht doch einmal ein kleines Stück von der großen, weiten Welt sehen zu können, fand sie faszinierend. Das Land, in dem sie lebte, kannte sie nun achtundzwanzig Jahre lang. Jetzt wollte sie mal etwas anderes sehen, und zwar nicht nur auf Bildern oder Dias und auch nicht unbedingt, indem sie gleich einen Ausreiseantrag stellte. Letzteres war nach der Helsinki Konferenz für Frieden, Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa nach und nach möglich geworden.

Außerdem bedeutete diese Tätigkeit einen Aufstieg in ihrer beruflichen Entwicklung, denn an der Fachhochschule waren die Perspektiven begrenzt. Irgendwann später hätte sie eventuell mal Fachgruppenleiterin werden können, aber diese Aufgabe reizte sie nicht besonders, zumal sie nicht die nächsten zwanzig Jahre damit verbringen, wollte, darauf zu warten. Also bewarb sich Dörte an der Universität, bekam aber zunächst eine abschlägige Antwort, und das wie so oft in solchen Fällen, weil man ihr keinen Wohnraum zur Verfügung stellen konnte. Der Kreislauf, den Dörte schon kannte, begann also aufs Neue: Hast du eine Wohnung, bekommst du eine Arbeitsstelle. Kannst du eine Stelle nachweisen, bekommst du auch leichter eine Wohnung. Aber eine Arbeitsstelle, die du dir ausgesucht hast, bekommst du kaum ohne eine Wohnung. Das war das System der staatlichen Planung und Leitung, damit die Menschen nur dort arbeiteten, wo der Staat sie brauchte. Was sollte sie nun machen?

Zunächst einmal teilte sie mit, dass sie keine Wohnung brauchte, sie könne ihre Wohnung tauschen. Sie hatte zwar keine Ahnung, ob das funktionieren würde, aber sie dachte sich, ein bisschen Mut zum Risiko müsste schon sein, wenn sie sich verändern wollte. Dank der Fürsprache einer Kollegin, die Dörte an dem auserwählten Institut kannte, wurde sie dann doch zum persönlichen Gespräch eingeladen. Sie hinterließ wohl einen ganz guten Eindruck, denn kurze Zeit darauf wurden ihre Personalunterlagen angefordert, was als positives Zeichen zu werten war. Und wirklich, Dörte bekam die Stelle.

Mit dem geplanten Wohnungstausch gestaltete es sich allerdings schwieriger als erwartet. Trotz großer Anstrengungen schaffte Dörte es nicht, bis zum Termin des Arbeitsplatzwechsels eine Wohnung zu bekommen. Ihre Eltern unterstützten sie insofern, als sie Björn zu sich nahmen, bis ihre Tochter etwas Passendes gefunden hatte, obwohl sie es natürlich viel lieber gesehen hätten, wenn Dörte in ihrer Nähe geblieben wäre. Aber sie wussten wohl, dass sie sie nicht halten konnten, dass da etwas war, was ihre Tochter zog.

So reiste Dörte also zunächst ohne ihren Sohn in die Stadt, die ihre neue Heimat werden sollte, und wusste nicht, wohin sie ihr müdes Haupt betten konnte. Die ersten Tage schlief sie bei Götz in der Wohnung. Er hatte das bei seiner Frau durchgesetzt, obwohl es inzwischen entscheidende Veränderungen gegeben hatte.

Götz hatte Dörte schon Monate vorher offiziell in seine Familie als eine befreundete Kollegin eingeführt. Seine Frau akzeptierte das. Dörte verstand nie, warum. Sie hatten sogar so etwas wie ein freundschaftliches Verhältnis zueinander aufgebaut. Als sie wegen des Vorstellungsgesprächs kommen musste, übernachtete sie in der Wohnung der Weselohs. Die Mutter von Götz war gerade zu Besuch, und sie gingen am Abend alle zusammen aus. Es war eine sehr ausgelassene Stimmung, Götz und Dörte ließen wahrscheinlich auch die ansonsten praktizierte Vorsicht etwas außer Acht, so ein bisschen wie: Wir sind glücklich miteinander, also zeigen wir es auch! Das blieb wohl nicht verborgen. Es lag auf jeden Fall etwas in der Luft. Die Dinge entwickelten sich in einem gewissen Selbstlauf. Trotzdem kam es an besagtem Abend zu keinem Eklat, dafür am nächsten Morgen. Dörte schlief im Wohnzimmer auf einer breiten, braunen Couch. Früh am Morgen wurde leise die Tür geöffnet, und noch halb im Schlaf spürte Dörte die leidenschaftliche Umarmung ihres Götz. Dieser war dem ehelichen Schlafgemach entflohen und in das warme Bett seiner Geliebten geschlüpft. Welch ein Leichtsinn! Doch er konnte sicher nicht anders. Der Gedanke daran, dass zwei Türen weiter die Erfüllung der höchsten Lust auf ihn wartete, ließ den Heißsporn wohl seine ansonsten immer gegenwärtige, unaufdringliche Vorsicht vergessen.

Plötzlich wurde die Tür aufgerissen. Götz‘ Frau stand vor ihnen. Es gab nichts mehr zu bemänteln, die Situation war eindeutig. Er sagte zwar zu seiner Frau: Du müsstest mal nach dem Ofen schauen. Um die Situation in den Griff zu bekommen, reichte das aber kaum, denn es änderte nichts an der Tatsache, dass sie in flagranti erwischt worden waren. Götz und Dörte entzogen sich erst einmal den vorhersehbaren, nun folgenden Auseinandersetzungen und fuhren ins Stadtzentrum, wo in einem Hotel ein kräftiges Frühstück genossen wurde. Schließlich konnte das gerade Erlebte besser bewältigt werden, wenn eine gute Voraussetzung geschaffen war. Offenbar galt das auch hinsichtlich der Perspektiven von Götz‘ Ehe. Zunächst fuhr Dörte dann erst einmal mit dem Zug nach Hause. Unterwegs konnte sie sich einer gewissen, wenn auch ganz, ganz kleinen Schadenfreude nicht erwehren. So sehr ihr Götz leid tat, der nun unerquickliche Auseinandersetzungen mit seiner Frau zu überstehen haben würde, so sehr fand sie andererseits auch die Situation belustigend. Gespannt auf die erste Information von Götz wartend, erreichte sie am Abend desselben Tages sein Anruf. Er sagte ihr, dass das vielstündige Gespräch mit seiner Frau, in dem er die Karten ganz offen auf den Tisch gelegt und erklärt hatte, dass er unter keinen Umständen auf Dörte verzichten wolle und könne, ergeben habe, dass seine Frau jetzt, da es ihr nicht mehr möglich war, die Augen vor den Tatsachen zu verschließen, in die Scheidung einwilligte. Götz wirkte erleichtert, vielleicht sollte es alles so sein. Vielleicht hatte ihr Leichtsinn nur dazu dienen sollen, endlich klare Verhältnisse zu schaffen. Jedenfalls gab es kein Wort des Bedauerns von seiner Seite.

Diese neue Situation galt es nun zu meistern. Dörte spürte zwar einerseits, dass Götz seine Ehe als eine schwere Bürde empfand, weil er sich als Mann stets und ständig verausgabte, andererseits kannte sie aber auch sein Verantwortungsgefühl gegenüber der Tochter aus dieser Ehe sehr genau. Deshalb ging sie unabhängig von dem Vorfall davon aus, dass es bei der Entscheidung, bis zum achtzehnten Lebensjahr seiner Tochter mit einem gemeinsamen Leben zu warten, bleiben würde, und betrieb weiter intensiv ihr Wohnungstauschprojekt. Als Übergangslösung zog sie zunächst in das ehemalige Atelier von Götz‘ Freund Johannes, eines damals landesweit bekannten Kunstmalers. Plötzlich führte sie wieder das Leben einer Studentin, zumal sie ganz schnell etwa gleichaltrige Kolleginnen fand, mit denen sie ihre Zeit in Cafés und Bars verbrachte. Internationales Flair gab es durch die gerade stattfindende Messe. Für Dörte eröffneten sich viele neue Möglichkeiten. Sie lernte interessante Leute kennen. Das einzige Problem war die fehlende Wohnung. Ihre Behausung war spartanisch mit riesigen Fenstern, Regalen voller Bildbände und Farben. Überall roch es ein bisschen anders.

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