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Die Missionen 91-100 der Raumflotte von Axarabor: Science Fiction Roman-Paket 21010

Die Missionen 91-100 der Raumflotte von Axarabor: Science Fiction Roman-Paket 21010

Alfred Bekker et al.

Published by Alfred Bekker, 2021.

Inhaltsverzeichnis

Title Page

Die Missionen 91-100 der Raumflotte von Axarabor: Science Fiction Roman-Paket 21010

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Die Raumflotte von Axarabor - Band 91 - Die Kolonie in der Schleife

Die Raumflotte von Axarabor - Band 92 - Sawyer lebt!

Die Raumflotte von Axarabor - Band 93: Donnegans Planet

Die Raumflotte von Axarabor - Band 94: Die Nanobombe

Die Raumflotte von Axarabor - Band 95 - Die große Phasenverschiebung

Die Raumflotte von Axarabor - Band 96: Das Versteck in der Materiewolke

Die Raumflotte von Axarabor #97: Religion des Untergangs

Die Raumflotte von Axarabor - Band 98: Das Schicksal der BALMACEDA

Die Welt hinter dem Schleier Die Raumflotte von Axarabor - Band 99

Die Welt hinter dem Schleier Die Raumflotte von Axarabor - Band 99 | von Hendrik M. Bekker

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Die absolute Leere: Die Raumflotte von Axarabor - Band 100 Doppelband zum Jubiläum

Die absolute Leere: Die Raumflotte von Axarabor - Band 100 Doppelband zum Jubiläum

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ERSTES BUCH: GAETANO, DER-EWIG-WEISE

ZWEITES BUCH: DAS DILEMMA DES EWIG-WEISEN

Das Artefakt der Canyaj: Science Fiction

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Das Artefakt der Canyaj | von Alfred Bekker

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Der Kampf mit den Hegriv: Science Fiction

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Der Kampf mit den Hegriv | von Alfred Bekker

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Also By Alfred Bekker

Also By Hendrik M. Bekker

Also By Wilfried A. Hary

Also By Bernd Teuber

Also By Stefan Hensch

Also By Marten Munsonius

Also By Roland Heller

Die Missionen 91-100 der Raumflotte von Axarabor: Science Fiction Roman-Paket 21010

von Alfred Bekker, Wilfried A. Hary, Bernd Teuber, Stefan Hensch, Roland Heller, Hendrik M. Bekker, Marten Munsonius

Über diesen Band:

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Dieser Band enthält die Bände 91-100 der Serie "Die Raumflotte von Axarabor" und zwei zusätzliche SF-Abenteuer.

Alle Romane spielen in einem gemeinsamen Multiversum.

Wilfried Hary: Die Kolonie in der Schleife

Stefan Hensch: Sawyer lebt!

Bernd Teuber: Donnegans Planet

Stefan Hensch: Die Nanobombe

Wilfried Hary: Die große Phasenverschiebung (mit Marten Munsonius)

Roland Heller: Das Versteck in der Materiewolke

Stefan Hensch: Religion des Untergangs

Bernd Teuber: Das Schicksal der Balmaceda

Hendrik M. Bekker: Die Welt hinter dem Schleier

Wilfried Hary/Stefan Hensch/ Marten Munsonius: Die absolute Leere / Das Dilemma des Ewig Weisen Jubiläumsdoppelband

Alfred Bekker: Das Artefakt der Canyaj

Alfred Bekker: Der Kampf mit den Hegriv

Zehntausend Jahre sind seit den ersten Schritten der Menschheit ins All vergangen. In vielen aufeinanderfolgenden Expansionswellen haben die Menschen den Kosmos besiedelt. Die Erde ist inzwischen nichts weiter als eine Legende. Die neue Hauptwelt der Menschheit ist Axarabor, das Zentrum eines ausgedehnten Sternenreichs und Sitz der Regierung des Gewählten Hochadmirals. Aber von vielen Siedlern und Raumfahrern vergangener Expansionswellen hat man nie wieder etwas gehört. Sie sind in der Unendlichkeit der Raumzeit verschollen. Manche errichteten eigene Zivilisationen, andere gerieten unter die Herrschaft von Aliens oder strandeten im Nichts. Die Raumflotte von Axarabor hat die Aufgabe, diese versprengten Zweige der menschlichen Zivilisation zu finden - und die Menschheit vor den tödlichen Bedrohungen zu schützen, auf die die Verschollenen gestoßen sind.

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Die Raumflotte von Axarabor - Band 91 - Die Kolonie in der Schleife

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Table of Contents

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Die Kolonie in der Schleife

Die Raumflotte von Axarabor - Band 91

von Wilfried A. Hary

Der Umfang dieses Buchs entspricht 74 Taschenbuchseiten.

Zehntausend Jahre sind seit den ersten Schritten der Menschheit ins All vergangen. In vielen aufeinanderfolgenden Expansionswellen haben die Menschen den Kosmos besiedelt. Die Erde ist inzwischen nichts weiter als eine Legende. Die neue Hauptwelt der Menschheit ist Axarabor, das Zentrum eines ausgedehnten Sternenreichs und Sitz der Regierung des Gewählten Hochadmirals. Aber von vielen Siedlern und Raumfahrern vergangener Expansionswellen hat man nie wieder etwas gehört. Sie sind in der Unendlichkeit der Raumzeit verschollen. Manche errichteten eigene Zivilisationen, andere gerieten unter die Herrschaft von Aliens oder strandeten im Nichts. Die Raumflotte von Axarabor hat die Aufgabe, diese versprengten Zweige der menschlichen Zivilisation zu finden - und die Menschheit vor den tödlichen Bedrohungen zu schützen, auf die die Verschollenen gestoßen sind.

Ein experimentelles Siedlerschiff wird auf eine fremde Welt geschickt, um dort eine eigenständige Kolonie zu gründen. Als Gregor Hansen loszieht mit seinem Sohn die neue Heimat zu erkunden, vermag er sich nicht vorzustellen, was er entdecken wird...

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Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker (https://www.lovelybooks.de/autor/Alfred-Bekker/)

© Roman by Author /COVER 123rf 3000AD Steve Mayer

© Serienidee Alfred Bekker und Marten Munsonius

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Das Siedlerschiff EXPANSION war eine Besonderheit. In jeglicher Hinsicht, also nicht nur auf Grund seiner schieren Größe, die für die Zeit seiner Entstehung jegliche Dimensionen sprengte.

Die größte Besonderheit war das neue Konzept der Expansionseinheiten. Immerhin fünfhundert dieser Art, mit der man tatsächlich eine fremde Welt erobern konnte, im wahrsten Sinne des Wortes.

Das alles diente zunächst einmal nur der Erprobung, blieb also auf die EXPANSION begrenzt. Immerhin: Um ein so riesiges Schiff mit ganzen fünfhundert ausgewachsenen Expansionseinheiten, jede einzelne davon voll flugfähig wie ein Beiboot, mit einer Reichweite auch über die Grenzen eines Sonnensystems hinaus, überhaupt über eine Distanz von einigen tausend Lichtjahren bringen zu können, bedurfte es ganz besonderer Maßnahmen.

Eine davon war, dass man ein vorhandenes Wurmloch benutzen musste. Dadurch konnte das Schiff ohne vollwertigen Überlichtantrieb auskommen. Es musste nur beschleunigt werden bis zur Mindestgeschwindigkeit von dreiviertel der Lichtgeschwindigkeit, um das Wurmloch zu erreichen. Dann musste es natürlich robust genug sein, um den Sprung durch das Wurmloch auch wirklich unbeschadet überstehen zu können.

Laut Berechnungen würde dieser Sprung nur wenige Stunden in Anspruch nehmen. Vielleicht sogar nur Minuten? Niemand konnte das wirklich berechnen. Man musste sich mit Annäherungswerten zufrieden geben. Und sobald das Wurmloch das Schiff am Ende wieder ausspie, einige tausend Lichtjahre vom Startpunkt entfernt, musste der Flug zur Zielwelt in Unterlichtgeschwindigkeit fortgesetzt werden.

Ein Teil der Zeit würde beansprucht werden auf Grund der Beschleunigung einer solch enormen Masse von Schiff, um das Wurmloch überhaupt zu erreichen. Da musste man immerhin mindestens vierzig Jahre veranschlagen.

Ungefähr genauso viel Zeit würde der Zielflug nach dem Sprung durch das Wurmloch beanspruchen. Also musste vom Erststart aus gesehen eine Zeitspanne von fünfundachtzig Jahren berücksichtigt werden. Jede Expansionseinheit war für eine komplette fünfköpfige Familie vorgesehen, was insgesamt immerhin zweitausendfünfhundert Siedler bedeutete.

Es wurden für die Besiedlung von vornherein ausschließlich fünfköpfige Familien berücksichtigt. Alle Familienmitglieder mussten zudem die erforderlichen Tests bestanden haben. Wenn nur ein Familienmitglied dabei versagte, wurde die ganze Familie für den Flug gestrichen.

Damit die fünfhundert Familien den Flug überhaupt überstehen konnten, ohne unterwegs zu verhungern und zu verdursten, war es nötig, sie in Kryoschlaf zu versetzen. Dafür wurde ein zentraler Teil des Schiffes EXPANSION benötigt. Immerhin handelte es sich ja nicht nur um zweitausendfünfhundert Siedler, sondern auch die Besatzung musste in den Kryoschlaf versetzt werden. Eine Besatzung, die genau zweihundert Mitglieder umfasste.

Das Konzept war letztlich ganz klar strukturiert: Es mussten immer fünf Besatzungsmitglieder wach bleiben in der Anfangsphase. Jedes Team hatte eine Arbeitszeit von drei Monaten. Nach den ersten fünf Jahren flog das Schiff selbstständig weiter, nur noch von der KI gesteuert.

Bei der geringsten Störung musste ein Notfallteam geweckt werden. Nach weiteren fünf Jahren wurde dieses Notfallteam auch dann geweckt, wenn es keinerlei Störanzeige gab. Es hatte dann ein weiteres Vierteljahr Zeit, das Schiff eingehend zu überprüfen und eventuell anfallende Reparaturen einzuleiten und natürlich den ungestörten Kryoschlaf aller anderer weiterhin zu gewährleisten. Niemand durfte dadurch bis zum Ziel Schaden erleiden.

Die nächste Weckaktion, wobei fünf Teams gleichzeitig geweckt werden mussten, erfolgte vor Eintritt in das Wurmloch, bis zum Austritt aus diesem und dem genauen Festlegen der weiteren Flugroute.

Auf diese Weise vergingen an Bord ganz genau zweiundfünfzig Jahre, drei Stunden, vierundzwanzig Minuten und dreiundvierzig Sekunden, bis das Signal von der KI kam: Zielpunkt erreicht!

Hier musste die gesamte Besatzung geweckt werden, um das riesige Siedlerschiff in den Orbit um den gewünschten Planeten in der habitablen Zone vom Zielsystem mit dem vorläufigen Namen EXPANSIONSWELT einschwenken zu lassen. Dann erst wurden die ersten Siedler geweckt, vom Los entschieden, die dann an Bord ihrer Expansionseinheiten in dem von den Scouts gekennzeichneten Gebieten landeten. Wo genau, würde dann ihnen überlassen bleiben.

Hier erst griff die letzte Besonderheit: Jede Expansionseinheit wurde zum neuen Zuhause der zugeteilten Siedlerfamilie. So hatten sie von vornherein ein sicheres Dach über dem Kopf.

Ein Grundstück von der Größe immerhin einer herkömmlichen Siedlung wurde klar abgesteckt und gegen unerwünschte Eindringlinge gesichert. Das war durchaus nötig hier auf EXPANSIONSWELT, denn die Natur befand sich in einer Art Urzustand. Das hieß, es gab durchaus ernst zu nehmende Saurier, die möglicherweise mit der Besiedlung nicht einverstanden sein würden.

Jedenfalls hatte am Ende jede einzelne Expansionseinheit ein eigenes Land zu bewirtschaften, wobei die Expansionseinheit das jeweilige Zentrum bildete. Alle Einheiten standen ständig miteinander in Verbindung. Es gab unbegrenzte Kommunikationsmöglichkeiten innerhalb des weiten Verbundes von fünfhundert Einheiten. Gleiter gehörten zu jeder Einheit natürlich dazu und selbstverständlich gepanzert, um unbeschadet die weitere Umgebung erkunden zu können.

Diejenigen, die für das Gesamtkonzept dieses Experimentes verantwortlich zeichneten, waren hellauf begeistert davon, lange vor der Vollendung. Was einige der Siedler allerdings von vornherein weniger begeisterte, waren die Bezeichnungen des Systems und ihres neuen Heimatplaneten: EXPANSIONSWELT? Wieso war den Konzeptionisten da nichts Originelleres eingefallen?

Die Mehrheit der künftigen Siedler wusste schon vor dem über fünfzig Jahre währenden Kryoschlaf, dass sie das Versäumte nachholen würden: Sobald sie auf der neuen Welt einmal Fuß gefasst hatten – und das im wahrsten Sinne des Wortes -, würden sie sich einen eigenen Namen ausdenken, der sicherlich origineller ausfallen würde. Da war man jetzt schon zuversichtlich.

Gregor Hansen, im alten Leben militärischer Berater innerhalb der Raumflotte von Axarabor, dachte bei seinem Erwachen aus dem langen Kryoschlaf tatsächlich zunächst nur daran. Erst dann kam ihm in den Sinn, sich um seine Familie zu kümmern. Immerhin hatte er Frau und drei Kinder, davon zwei Mädchen im Alter von sechzehn und vierzehn Jahren. Sie würden sicherlich seinen Beistand benötigen, genauso wie sein zehnjähriger Sohn.

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Die Expansionseinheiten verließen das Schiff, nacheinander, genau nach Plan. Über die vernetzten Bord-KIs war es kein Problem, alle Einheiten so zu platzieren, dass die Siedler zufrieden mit dem zugeteilten Land waren und sich trotzdem niemals gegenseitig ins Gehege kamen. Dadurch entstanden zwar teilweise große Lücken zwischen den einzelnen Besiedlungsbereichen, mit jeweils einer Expansionseinheit im Zentrum, aber man hatte ja einen kompletten Planeten zur Verfügung, also würde das wohl kaum jemals zum Problem werden können.

Überhaupt war dieses Konzept der weiter verwendbaren Expansionseinheiten nicht für alle Zeiten gedacht, sondern lediglich so lange, bis die Siedler im wahrsten Sinne des Wortes ihre neue Welt in Besitz genommen hatten. Es war ihnen überlassen, wie es danach weitergehen würde.

Man musste ja auch berücksichtigen, dass in jeder Expansionseinheit eine ganze Familie steckte. Die drei Kinder würden sich irgendwann fortpflanzen, selber zu Eltern werden und sicherlich weiteres Land für sich beanspruchen. Ohne Expansionseinheit wohlgemerkt. Also konnte dieses Konzept nur für die ersten Jahre taugen.

Der eigentliche Vorteil von alledem war natürlich, dass die neuen Siedler es nicht nötig hatten, erst mühsam eine neue Siedlung auf dieser fremden Welt aufzubauen. Außerdem war jede einzelne Familie von vornherein autark und konnte sich komplett selbst versorgen.

Und noch etwas fiel dabei weg: Das Siedlerschiff wurde nicht, wie so oft, für den Aufbau der Siedlung benötigt, wurde also nicht komplett ausgeschlachtet, sondern konnte leer wieder zurückfliegen. Genau das geschah auch. Keiner der zweihundert Männer und Frauen der Besatzung hatte Interesse daran, sich auf der neuen Welt niederzulassen als Siedler. Sie waren eigentlich alle heilfroh, wieder die Heimreise antreten zu dürfen. Zumal diese ungefähr genauso lange dauern würde wie die Herreise, so dass sie insgesamt rund einhundert und siebzig Jahre nach ihrem Erststart zurückkommen würden. Für sie selber würden dann immerhin rund einhundert und zehn Jahre vergangen sein, die sie größtenteils im Kryoschlaf verbracht hatten.

Alles verlief so, wie geplant. Es gab keinerlei Störung. Also konnten die Heimkehrer irgendwann Vollzug melden. Das ganze Experiment schien ein voller Erfolg zu sein.

Und wieso wurde dieses Konzept später trotzdem nicht mehr angewendet?

Zum einen wohl, weil die Reisezeiten lang waren. Bis die Siedler das Geld zurückzahlen konnten, das ihre Übersiedlung letztlich gekostet hatte, würde einfach zu viel Zeit vergehen. Zumal dieses Konzept sogar teurer war als herkömmliche Konzepte, wie sie sich längst schon vorher durchgesetzt hatten.

Die Siedler selbst von EXPANSIONSWELT kratzte das allerdings nicht mehr. Sie eroberten ihre neue Welt, zumindest innerhalb der in Besitz benommenen Bereiche. Das nahm sie voll und ganz in Anspruch. Dass sie irgendwann einmal zur Kasse gebeten werden würden von der Gemeinschaft des Sternenreiches, das verschoben sie in weite Zukunft.

Genauso wie Gregor Hansen mit seiner Familie. Die Kinder David, zehn Jahre alt, Cora, vierzehn Jahre alt, und Sybille, sechzehn Jahre alt, waren daran sowieso desinteressiert, obwohl nach Lage der Dinge sie es sein würden, von denen das Imperium dereinst zur Kasse gebeten werden würde.

Genau genommen war ja Ellie Hansen, ihre Mutter, das Familienoberhaupt, allerdings nur inoffiziell. Sie hatte jedenfalls dafür gesorgt, dass die Familie ein Team geworden war, in dem jeder seinen passenden Platz inne hatte. Alle waren schon lange vor der Abreise in die neue Heimat optimal vorbereitet worden auf ihre Rolle als neue Siedler auf einem fremden Planeten, über den man nicht mehr wusste als das, was die ersten Untersuchungen der Scouts ergeben hatten, die als Entdecker dieser Welt in die Geschichte eingegangen waren. Obwohl die meisten Siedler noch nicht einmal ihre Namen behalten hatten.

Als Gregor Hansen die Expansionseinheit verließ, die ihn her gebracht hatte, konnte er das Ergebnis der sogenannten Expansion bewundern: Alles war von der KI vollautomatisch gesteuert worden. Die Einheit hatte Ausleger ausfahren lassen. Landwirtschaftliche Kleinroboter hatten bereits die Aufbereitung des Bodens abgeschlossen und mit der Anpflanzung aller mitgebrachter Setzlinge und auch dem Ausbringen von Saatgut begonnen, natürlich mit entsprechenden Bodenproben verknüpft, die im vollautomatischen Labor überprüft worden waren, damit die Anpflanzung optimiert werden konnte...

Der Mensch selber durfte sich zunächst als Zaungast betätigen, musste also in die Abläufe nicht unbedingt eingreifen. Es sei denn, er wollte das.

Gregor Hansen jedoch hütete sich davor. Er als militärischer Berater hatte eigentlich von Landwirtschaft keine Ahnung. Außer dem, was er hatte lernen müssen, um den Tauglichkeitstest als potenzieller Siedler bestehen zu können. Dabei hatte man sich jedoch rein auf die Theorie beschränkt, und eigentlich war die ganze Familie außerstande, mit eigenen Händen Landwirtschaft zu betreiben. Es war den Ausbildern wichtiger erschienen, sie darauf vorzubereiten, eventuelle Reparaturen zu überwachen, die dann von speziell dafür gebauten Reparaturbots durchgeführt werden konnten.

Er sah zum Horizont. Die gelbe Sonne mit einem leicht rötlichen Stich war gerade erst aufgegangen. Der Tag dauerte hier nur zwanzig Stunden. Auch die Jahreszeiten waren kürzer als auf der Welt gewohnt, auf der sie gestartet waren und die eine starke Ähnlichkeit gehabt hatte mit Axarabor. Hier war alles ein wenig anders. Auch die Natur.

„Was sagen denn eigentlich die Ergebnisse von der Bodenuntersuchung?“, fragte er scheinbar ins Leere hinein.

Die KI an Bord der Expansionseinheit, die mindestens für die nächsten Jahre sein Zuhause war, antwortete prompt:

„Der Boden ist sehr fruchtbar, wie erwartet.“

„Insofern haben wir ja mit der Landauswahl Glück gehabt“, meinte Gregor dazu.

„Sicherlich ist das meiste Land hier ungewöhnlich fruchtbar“, belehrte ihn die KI prompt, „wie die Untersuchungsergebnisse der Scouts bereits vermuten ließen. Und wenn nicht, wäre es kein Problem, den Boden künstlich fruchtbarer zu machen.“

„Ja, ich weiß!“, behauptete Gregor Hansen seufzend.

Da hörte er ein Geräusch hinter sich: Sein Sohn David verließ gerade die Einheit. Er kam die fünf Stufen herab, die hoch zur geöffneten Außenschleuse führten.

Die Expansionseinheit sah jetzt aus wie ein ziemlich futuristisch gebautes großes Haus. Aber Gregor Hansen wusste, dass man das auch rückgängig machen konnte. Falls es wider Erwarten Probleme geben würde in dem Gebiet, das man in Anspruch genommen hatte, konnte man wieder die Einheit flugfähig machen und einen Standortwechsel vornehmen.

Zwar waren auf dieser Welt fünfhundert Expansionseinheiten insgesamt nieder gegangen, aber was war das schon, wenn man den Platz einer ganzen Planetenoberfläche zur Verfügung hatte? Selbst Millionen von Expansionseinheiten hätten hier niedergehen können, ohne sich jemals gegenseitig ins Gehege zu kommen.

Gregor Hansen sah in die Richtung, in der die Sonne untergehen würde, also gen Osten. Aber egal, in welche Richtung er seinen Blick richtete: Er konnte mit unbewaffnetem Auge gar keine der nächstgelegenen Expansionseinheiten sehen. Wenn sie sich gegenseitig besuchen wollten, dann benötigten sie ihre mitgeführten Gleiterfahrzeuge. Zu Fuß würde es zu mühsam und zeitraubend werden.

Der zehnjährige David zupfte an seinem Rockzipfel.

Gregor Hansen wandte sich ihm zu.

„Mir ist langweilig!“, beklagte sich David.

Gregor Hansen verzog das Gesicht. Er wusste gar nicht, wie er darauf reagieren sollte. Er war schließlich Militärberater und hatte nie gelernt, mit Kindern umzugehen. Noch nicht einmal mit seinen eigenen. Wieso wandte sich David denn nicht an seine Frau Ellie, die darin jahrelange Erfahrung hatte?

Ihre Blicke begegneten sich, und da wurde ihm schlagartig bewusst, wie sehr und vor allem wie unwiderruflich sich alles geändert hatte. Nicht nur für ihn, sondern für die ganze Familie. All die Jahre war er mit seinem Job beschäftigt gewesen. Seine Familie war sozusagen nebenbei mitgelaufen. Ellie hatte sich ja gekümmert. Und jetzt war er voll integriert in die Familie. Rund um die Uhr. Da gab es keinen Job mehr, der ihn anderweitig in Anspruch nahm und notfalls auch mal als Ausrede herhalten konnte.

Hatten sie das wirklich ausreichend durchdacht, was dies alles für sie bedeuten würde?

Die Kinder waren ja kaum gefragt worden. Auch sie hatten schließlich alles aufgeben müssen, was bisher gewesen war. Ihre Freunde, die gewohnte Umgebung...

Bei Setna, dachte er bestürzt, und inzwischen sind für die Zurückgelassenen über achtzig Jahre vergangen. Die meisten werden sowieso gar nicht mehr leben. Selbst wenn wir dorthin zurückgekehrt wären mit dem Siedlerschiff, das sich inzwischen auf den Weg gemacht hat... Nichts würden wir so antreffen, wie wir es verlassen haben.

Er strich mehr unbewusst seinem zehnjährigen Sohn über den Kopf und hörte sich murmeln:

„Ich langweile mich auch!“

Denn das war die unbeschönigte Wahrheit. Sie hatten hier ein relativ großes Gebiet in Beschlag genommen, doch eigentlich hatten sie nichts zu tun. Seine Kenntnisse und Fertigkeiten als militärischer Berater waren hier und heute null und nichtig geworden, und so alt war er noch nicht, dass ihm das nichts ausgemacht hätte. Die Zeit, die er im Kryoschlaf verbracht hatte, konnte man ja nicht rechnen.

„Ja, ich mich auch!“, betonte er.

David sah ihn überrascht an. Er gewahrte es erst, als ihre Blicke sich wieder begegneten.

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Ellie rief von der offenen Schleuse her, die nun ihr Hauseingang war:

„Kommt ihr beiden? Essen ist fertig!“

Sie wandten sich ihr zu.

Ellie strahlte über das ganze Gesicht.

„Ich habe selber gekocht!“, verkündete sie fröhlich.

Gregor und sein zehnjähriger Sohn warfen sich einen bedeutsamen Blick zu. Dann tat Gregor ganz so, als würde er sich jetzt auf das Essen ganz besonders freuen, obwohl er überhaupt keinen Appetit verspürte.

Die Tatsache, die ihm jetzt erst mit aller Härte bewusst geworden war und die sich nicht mehr länger leugnen ließ, geschweige denn, dass man auch nur das Geringste daran noch ändern konnte, lag ihm schwer auf dem Magen:

„Dies alles ist für immer und ewig! Zumindest bis zu meinem unabwendbaren Lebensende irgendwann. Jeder Tag wird ablaufen wie vorbestimmt. Alles Bisherige ist für immer verloren!“

Er wusste im Nachhinein nicht mehr, ob er das wirklich nur gedacht oder sogar laut ausgesprochen hatte. Wenn er den erschrockenen Gesichtsausdruck seines Sohnes berücksichtigte, dann hatte er es zumindest vor sich hin gemurmelt.

Nur Ellie hatte es nicht mehr mitbekommen, weil sie sich abgewandt hatte.

Vater und Sohn stiegen Hand in Hand in ihr Haus hinein, das vor nicht allzu langer Zeit immerhin die Strecke vom Mutterschiff bis hierher geflogen war, was man ihm jetzt irgendwie nicht mehr ansehen konnte.

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Die Familie rund um den Esszimmertisch. Eine Idylle. Eigentlich. Gregor Hansen lächelte dazu, aber es war ein aufgesetztes Lächeln. Gut, dass die Familie nicht seine pessimistischen Gedanken lesen konnte.

Er erinnerte sich daran, wie es zu allem gekommen war: Seine Ellie. Er sah sie an, lächelte stärker. Sie lächelte zurück. Die schlanke, blonde Ellie. Als er sie kennengelernt, als er zum ersten Mal dieses überwältigende Gefühl in seiner Brust gespürt hatte... Das war Liebe. Davon war er bis heute überzeugt. Und obwohl einige Jahre seitdem vergangen waren, hielt er sie immer noch für eine Schönheit. Sie war einfach nur reifer geworden.

Eigentlich war sie ein fröhlicher Mensch, immer zu Scherzen aufgelegt, immer bemüht, in allem das Positive zu sehen. Im Gegensatz zu ihm. Er war nicht umsonst militärischer Berater geworden. Ein Stratege durch und durch. Da konnte man sich keine Fröhlichkeit leisten.

Ellie war immer und überall beliebt gewesen, obwohl sie eine ziemlich dominante Persönlichkeit hatte und ihre Entscheidungen durchaus resolut durchzusetzen vermochte. Es war letztlich ja sowieso ihre Idee gewesen, sich dem Siedlerprogramm anzuschließen. Hatte er eigentlich jemals die Wahl gehabt, sich anders zu entscheiden?

Genauer betrachtet: Nein! Aber es hatte ihm nichts ausgemacht. Die ganze Zeit über nicht. Er hatte sich die Schwärmereien Ellies angehört, genauso wie die Kinder. Er hatte sich davon mitreißen lassen – eben genauso wie die Kinder. Keiner hatte sich bewusst dafür entschieden. Sie hatten sich der Entscheidung Ellies im Grunde genommen nur gebeugt.

Sein Blick ging zu David hin. Der Zehnjährige hatte noch nicht so ganz begriffen, in was sie sich hier eingelassen hatten. Er war erst zehn Jahre alt, und die Tests, die natürlich mit einem entsprechenden Training und noch mehr theoretischer Ausbildung verbunden gewesen waren, hatten ihm keine Zeit zum Nachdenken gelassen.

Cora, die Vierzehnjährige. Mitten in der Pubertät. Sie wirkte irgendwie verbittert, aber wirkten nicht die meisten Teenager so, wenn sie sich nicht gerade unter Ihresgleichen befanden? Es war nicht klar, was sie über alles dachte. Bis jetzt hatte sie sich noch nicht offen beklagt. Eigentlich hatte das nur David getan, indem er sich darüber beschwert hatte, sich zu langweilen.

Sein Blick fiel auf Sybille. Die Sechzehnjährige war nicht so schlank wie Cora oder ihre Mutter. Sie war schon immer ein wenig mollig gewesen, aber das passte zu ihr. Niemand konnte sich vorstellen, dass Sybille anders hätte aussehen sollen. Eine hübsche Mollige, die natürlich altersgemäß in erster Linie Interesse an irgendwelchen Jungs hatte.

Gab es hier überhaupt Jungs?

Natürlich, denn bei immerhin insgesamt zweieinhalb tausend Siedlern war sicherlich der eine oder andere mit dabei, an dem sie verstärkt Interesse gehabt hätte – und sicherlich auch umgekehrt. Dafür durften sie sich jedoch nicht allzu sehr abkapseln von allen anderen. Bis jetzt hatten sie noch keinen anderen Siedler zu Gesicht bekommen, seit sie die Expansionseinheit betreten hatten, die nun ihr Zuhause geworden war.

Endlich setzte sich auch Ellie an den Tisch. Sie war mit allem zufrieden und wünschte ihrer Familie einen guten Appetit.

Wenigstens einer in der Runde, der glücklich und zufrieden ist!, dachte Gregor ketzerisch und griff stumm nach dem Essbesteck.

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„Die Schmittgens haben uns eingeladen“, verkündete Ellie nach dem Essen, noch bevor sie mit dem Abräumen begonnen hatte.

Nur Sybille zeigte Interesse. Gregor erinnerte sich: Hatten die Schmittgens nicht einen achtzehnjährigen Sohn? Mit seinen achtzehn Lebensjahren war er hart an der Altersgrenze gewesen. Ein viertel Jahr älter und die Familie der Schmittgens wäre keine Familie mehr nach vorgeschriebenem Muster gewesen.

Scheiße, fuhr es ihm durch den Kopf: Pech gehabt, dass wir haargenau in dieses Muster gepasst haben.

Und: Ich habe meinen gut dotierten Job aufgegeben, nur um hier für den Rest meiner Tage zu versauern. Der Familie zuliebe. Nein: Ellie zuliebe.

Er liebte sie. Nicht weniger als am ersten Tag. Eher mehr. Und wenn Ellie Bock darauf hatte, sich am Siedlerprogramm zu beteiligen, wie hätte er da auch nur in Erwägung ziehen können, nein zu sagen?

Er schüttelte den Kopf, wie um einen Alpdruck los zu werden.

„Für wann?“, fragte er.

„Für morgen!“, erläuterte Ellie strahlend. „Zum Mittagessen.“

„Wir alle?“

„Aber natürlich, Schatz, was denkst du denn? Soll ich etwa allein hin gehen oder nur die Kinder mitnehmen? Und du? Willst du allein hier zurückbleiben, um die Stellung zu halten? Nein, Schatz, ich denke schon, es ist Zeit, dass wir untereinander persönlichen Kontakt aufnehmen.“

„Haben wir doch schon. Jede Expansionseinheit hängt am Netzwerk, jederzeit, ohne die geringste Unterbrechung. Wir sind eine unverbrüchliche Gemeinschaft.“

„Aber doch nicht persönlich, Dummerchen!“, tadelte Ellie ihn gutmütig. „Auge in Auge ist besser, wenn du verstehst, was ich meine.“

Er zuckte gleichmütig die Achseln.

„Na gut, wieso eigentlich nicht? Aber wir sollten uns allmählich überlegen, wie wir überhaupt an die Sache herangehen sollen.“

„An welche Sache?“, wunderte sich Ellie.

„Na, ich meine, wir sitzen hier eigentlich nur dumm herum.“

„Das stimmt nicht, Gregor: Die Kinder haben ihre individuellen Schulungsprogramme. Bildung ist nach wie vor wichtig.“

„Wofür?“, wunderte sich jetzt Gregor. „Um am Ende besser beobachten zu können, wie die Maschinen alle Arbeit erledigen? Alles, was man wissen und können muss, wissen und können wir bereits. Das war die Voraussetzung gewesen, um überhaupt hierher kommen zu dürfen.“

„Muss ich dir das jetzt wirklich erklären, dass wir auch in Zukunft unsere Kultur hoch halten müssen? Damit wir nicht in einen Zustand der Primitivität zurück fallen?“, regte sich auf einmal Ellie auf.

Die Kinder duckten sich unwillkürlich. Sie wagten nicht, sich an dem Gespräch zu beteiligen.

Fürchteten sie den ersten Familienstreit seit der Landung?

Nein, kein Streit!, nahm Gregor sich vor. Ellie hatte hier das Sagen. Es war im Grunde genommen ihr Team, die ganze Familie. Er war nur so eine Art Mitläufer geworden im Laufe der Jahre. Wann immer er die Zeit aufgebracht hatte, um daheim zu sein, und das war insgesamt gesehen nicht gerade viel Zeit gewesen, wenn er ehrlich war.

Er beschwichtigte sie mit erhobenen Händen.

„Du hast mich missverstanden, Ellie“, behauptete er. „Ich habe mir nur gedacht: Wir haben den Gleiter, ohne ihn bis jetzt richtig benutzt zu haben. Damit sollten wir einen kleinen Trupp bilden, der die Umgebung erkundet.“

„Umgebung erkunden?“, echote sie nachdenklich. Dann nickte sie. „Du meinst, du willst einfach mal in der Gegend herumfahren, um unsere neue Welt genauer in Augenschein zu nehmen?“

„Genau das meine ich!“, bestätigte er erleichtert.

Prompt strahlte Ellie wieder:

„Aber wieso hast du das denn nicht gleich gesagt, Schatz? Aber du willst das doch nicht etwa allein machen?“

„Natürlich nicht.“ Gregor sah nach den Kindern. „Wer von euch hat Lust darauf, mich zu begleiten?“

Die Mädchen verzogen nur die Gesichter, ohne zu antworten. David hingegen zeigte sich begeistert:

„Jawohl, ja, ich bin dabei.“

„Es ist vielleicht nicht ganz so ungefährlich!“, gab Gregor zu bedenken.

„Wie bitte?“, rief Ellie alarmiert. „Wie meinst du das?“

„Nun, ich will natürlich nach außerhalb der Absperrung. Da gibt es wilde, unberührte Natur und sicherlich auch irgendwelche Urtiere, die uns als unliebsame Eindringlinge betrachten.“

„Du wirst doch wohl bewaffnet sein!“, rief Ellie aus. „Und ist der Gleiter nicht gepanzert?“

„Natürlich ist er das.“ Gegor gelang ein befreiendes Lachen. „Nur keine Bange, so war das doch gar nicht gemeint. Wir werden sowieso nur dann den Gleiter verlassen, wenn wir uns vorher hundertprozentig davon überzeugt haben, dass es keine Gefahr gibt. Und mit den technischen Möglichkeiten des Gleiters können wir Bodenproben untersuchen, aber auch Pflanzenproben. Außerdem können wir natürlich die erkundete Gegend kartographieren lassen, was sicherlich von Nutzen wäre. Und außer den wenigen Tieren, die von den Scouts beobachtet worden sind, gibt es sicherlich noch jede Menge weitere, die von denen nicht erfasst wurden.“

„Klingt spannend!“, bestätigte Ellie und sah nach David. „Was meinst du denn dazu?“

„Ich sagte doch schon, Mama, dass ich mit dabei sein will.“

„Ist ja schon gut. Und wann wollt ihr aufbrechen?“

Gregor schürzte die Lippen.

„Am besten jetzt gleich?“

„Aber vergiss nicht, eine Handfeuerwaffe mitzunehmen, für alle Fälle!“

„Klar, ich werde sie nicht vergessen.“

„Ich will auch eine haben!“, meldete sich der zehnjährige David prompt.

„Nein“, antwortete Ellie streng. „Dafür bist du noch zu klein.“

„Aber ich wurde an der Waffe ausgebildet, wie alle. Es gehörte mit zum Programm“, protestierte David empört.

„Trotzdem bist du noch zu jung dafür!“, blieb Ellie konsequent.

David wandte sich an seinen Vater, doch dieser zuckte nur bedauernd die Achseln.

Missmutig stand David auf.

„Also gut, dann ohne Waffe. Hauptsache, es geht mal hier hinaus, ehe die Langeweile mich killt.“

„Langeweile?“, meinte Ellie erschrocken.

Gregor winkte beruhigend ab.

„Ach was, Schatz, du weißt doch, wie das ist mit zehnjährigen Jungs: Die brauchen halt ein wenig mehr Action. Und eigentlich geht es mir nicht viel anders. Obwohl eine solche Exkursion ja nicht umsonst ist. Wir müssen ja irgendwie diese Welt als unsere eigene in Besitz nehmen. So richtig, meine ich. Das können wir wohl kaum, indem wir nur zuhause herumsitzen.“

„Es ist doch ein sehr schönes Zuhause!“, betonte Ellie prompt.

„Natürlich, mein Liebling, das ist es. Vor allem, da du dich selbst um alles kümmerst. Aber das heißt ja nicht, dass wir niemals mehr nach draußen gehen sollen.“

„Und es bleibt dabei, dass wir für morgen die Einladung der Schmittgens dankend annehmen, zum gemeinsamen Mittagessen?“, vergewisserte sie sich noch.

„Ja, natürlich, Liebes. Bei dieser Gelegenheit werde ich einmal die Schmittgens persönlich fragen, wieso wir noch immer nicht den Namen unserer neuen Heimatwelt geändert haben. Die heißt jetzt immer noch EXPANSIONSWELT. Alle wollten doch eine vernünftige Änderung, und wieso klappt es nicht?“

„Weil jeder einen anderen Namen als Vorschlag eingebracht hat und keiner zurückstecken will!“, belehrte Ellie ihn.

„Vielleicht deshalb, weil wir uns niemals persönlich begegnen, sondern immer nur virtuell?“, vermutete er.

„Das kann es sein, Schatz. Deshalb ist es umso wichtiger, dass wir dieser Einladung folgen werden.“

Gregor nickte nur dazu, stand jetzt ebenfalls auf und ging mit seinem Sohn hinaus, um den Gleiter aus dem Hangar zu holen.

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6

Der Planet hatte ausgedehnte Urwälder, teilweise Wüsten und Einöden, himmelhohe Gebirge und abgrundtiefe Täler. Zweidrittel waren von Wasser bedeckt. Dazwischen gab es jene Gebiete, in denen Sträucher, Büsche und alle Arten von sogenanntem niedrigen Gehölz dominierten. Nur diese Gegenden waren den Scouts als geeignet erschienen, sie zur Besiedlung zu benutzen.

Die Urbanisierung war hier halt unproblematisch, der Untergrund trotzdem überaus fruchtbar. Theoretisch hätten hier bei der großzügigen Verteilung der Expansionseinheiten hunderttausende Gebiete landwirtschaftlich erschlossen werden können. Jedes der Gebiete konnte so groß sein, dass man zu Fuß mindestens einen Tag benötigte, um es zu durchqueren. Letztlich waren es aber nur fünfhundert geworden. Also gab es noch jede Menge Potenzial für Wachstum.

Zum hier erprobten Konzept gehörte auch der Grundsatz: Alle Anfangsbedingungen waren gleich! Es gab keinerlei Hierarchie. Jede einzelne Familie war autark und in erster Linie sich selbst verpflichtet. In zweiter Linie der Gemeinschaft, bei der es kein Oberhaupt gab. Eben keine Hierarchie. Der ununterbrochene Kontakt über das Netzwerk sollte dafür sorgen, dass trotzdem eine starke Gemeinschaft daraus erwuchs.

„Theoretisch!“, sagte Gregor Hansen seinem zehnjährigen Sohn unterwegs. „Ja, theoretisch sollte es funktionieren, nach dem Motto: Alle sind gleich. So hast du das ja auch bei den Vorbereitungen gelernt.“

David lächelte stolz:

„Ja, alle Menschen sind gleich – und keiner sollte über das Schicksal eines anderen bestimmen dürfen!“

Das war das Grundmotto gewesen, das dieses Programm von Anfang an begleitet hatte. Natürlich hatten nur solche sich diesem Programm anschließen wollen, die diesen Grundsatz ohne Skepsis teilen konnten.

Mindestens jedoch mit einer einzigen Ausnahme, wie Gregor Hansen definitiv wusste: Er selber nämlich!

Er als militärischer Berater ging von völlig anderen Voraussetzungen aus, was menschliches Zusammenleben betraf: Fünfhundert autarke Einheiten, jede einzelne zwangsläufig bewaffnet, um ausreichend sicher zu sein gegenüber den möglichen Gefahren dieser urzeitlichen Welt. Und keiner hatte das Sagen?

Seine ketzerischen Gedanken:

Dabei gibt es sogar schon innerhalb jeder einzelnen Familie eine deutlich erkennbare Hierarchie. Sogar in meiner eigenen, wobei ganze klar Ellie das Oberhaupt ist und ich höchstens... der Berater.

Wenn es hart auf hart kommen sollte, was zumindest er allein nicht völlig ausschließen konnte, würde er wenigstens als brauchbarer militärischer Berater taugen. Erst dann würde es sich erweisen können, dass sein Hiersein nicht ganz so sinnlos war, wie er es bisher noch empfand.

„Ein guter Gedanke!“, lobte er indessen seinen Sohn. „Es geht zwar an der wahren Natur des Menschen meilenweit vorbei, aber immerhin...“

Irritiert betrachtete David ihn von der Seite. Er versuchte wohl zu verstehen, was sein Vater damit meinte, kam jedoch nicht dahinter.

Gregor beschloss, das Thema nicht weiter zu vertiefen, um seinen Sohn nicht noch mehr zu überfordern. Er deutete nach draußen. Die Panoramascheiben zeigten einen guten Rundumblick. Die Bildgeber in der Steuerkonsole unterstützten dies auch noch. Bei Bedarf konnte er die Bilder auf die Scheiben projizieren, so dass beispielsweise bei einem starken Zoomeffekt der Eindruck entstehen konnte, sich direkt vor dem zu betrachtenden Gebiet zu befinden.

Bis jetzt sahen die beiden jedoch nur das Ergebnis dessen, was die Expansionseinheit bereits geleistet hatte, und das war wahrhaft enorm: Es würde wohl nicht mehr lange dauern, bis sie die erste Ernte einfahren konnten.

Vielleicht überlegten sie sich dann, eine Endfertigungsanlage für Lebensmittel aller Art zu bauen, die aus den Ernteergebnissen jedwede Lebensmittel nach Wunsch erzeugen konnte? Aber wahrscheinlich würde Ellie dagegen sein. Sie wollte keine „künstlich verarbeiteten“ Lebensmittel, sondern Natur pur.

Gregor war zwar anderer Meinung, weil jeglicher künstlicher Anbau für ihn bereits alles andere als Natur pur war, aber er enthielt sich lieber dieser Meinung, um des lieben Friedens innerhalb der Familie willen. Er neigte nur insgeheim eher zu der Ansicht, gezielt nach Essbarem in der Wildnis suchen zu müssen. Wenn man es fand, ja, dann konnte man mit Fug und Recht die Umschreibung Natur pur benutzen. Aber doch nicht nach intensiver Landwirtschaft, wie sie hier quasi vollautomatisch erfolgte...

Er schüttelte in Gedanken daran den Kopf und freute sich schon auf das Ende des abgesteckten Gebietes, das ihnen allein gehören sollte. Immerhin ein Gebiet, das zu durchqueren tatsächlich einen ganzen Tag Fußmarsch bedeutet hätte. War das nicht großartig?

Seine Frau Ellie würde begeistert mit einem klaren Ja antworten. Er selber jedoch...

Ein Seitenblick auf seinen kleinen Sohn David, der ihn mit großen Augen beobachtete. Versuchte er immer noch zu begreifen, was sein Vater ihm eigentlich hatte mitteilen wollen?

Gregor lächelte ihn an. Er wusste, dass es sinnlos war, auch nur einem Mitglied seiner Familie erklären zu wollen, dass dieses Prinzip der Gleichheit aller Menschen noch niemals in der Geschichte der Menschheit wirklich funktioniert hatte. Es wäre hier und heute das erste und einzige Mal gewesen. Glaubte zumindest er allein von immerhin zweieinhalbtausend neuen Siedlern.

Konnte es denn sein, dass er sich als Einziger irrte?

Gut möglich, denn immerhin waren anscheinend alle anderen gern auf diesen Zug aufgesprungen, weil es ihrem Charakter und ihren natürlichen Bedürfnissen entsprach. Immerhin war das bei jedem einzelnen überprüft worden vor der Abreise, und jeder von ihnen war als geeignet eingestuft worden.

Andererseits: Die Testanordnungen hatten auch ihn selber als geeignet eingestuft, sonst wäre er hier niemals gelandet, und er wusste selber am besten, wie falsch das war.

Er war ja nur hier wegen Ellie. Ja, natürlich auch wegen der drei Kinder. Obwohl er immer noch nicht so recht wusste, wie er mit ihnen umgehen sollte, in seinem neuen Vollzeitjob als Vater auf Lebenszeit.

Ein erneuter Blick zu David.

Nun, vielleicht half ihm ja der Kleine, zu lernen, was er dafür benötigte? Immerhin hatte er sein Vertrauen gewinnen können. Sonst wäre David nicht hier bei ihm sondern genauso wie seine Schwestern lieber bei seiner Mutter?

Da hatten sie die Absperrung erreicht.

Eigentlich war sie fast unsichtbar. Im Abstand von fünfzig Metern steckten niedrige Pillars in der Erde, die sich per Impulsen miteinander verbunden hatten. Sobald ein solcher Impuls unterbrochen wurde, gab es in der Expansionseinheit einen entsprechenden Alarm. Die betreffende Stelle wurde über die Pillars zusätzlich kameraüberwacht und zeigte den Grund der Störung, unterstützt mit entsprechender Feinortung, die dann erst in Gang gesetzt wurde.

Das ging alles blitzschnell, so dass ein etwaiges Urtier als Eindringling innerhalb von Sekundenbruchteilen zweifelsfrei erkannt werden konnte. Mit gezielten Stromstößen wurde der ungebetene Eindringling dann zur Flucht bewegt. Je größer er war, desto intensiver der Beschuss, der zwar schmerzte, aber keinerlei Verletzungen hinterließ. Man wollte die hier heimischen Tiere ja nicht ausrotten, sondern nur fern halten.

Soviel dann noch zu „Natur pur!“, dachte Gregor zerknirscht – und freute sich schon auf fremdartiges Urgetier. Vielleicht war das ja die Aufgabe, die er noch brauchte, um auch nur annähernd klar zu kommen mit seiner ansonsten eher unerträglichen Situation hier auf EXPANSIONSWELT?

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7

Für den Gleiter war es kein Problem, bei dem niedrigen Bewuchs voran zu kommen außerhalb der Umgrenzung. Gerade weil dieser so dicht war, konnte der Gleiter knapp darüber hinweg schweben und hinterließ kaum Spuren. Schon nach wenigen Metern Abstand begannen die leicht niedergedrückten Pflanzen sich wieder zu erholen. Hier konnte auch einer der größeren Saurier durch trampeln, ohne unbedingt Spuren zu hinterlassen, die länger sichtbar blieben.

Gregor Hansen fühlte, dass sein Herz im schier bis zum Hals pochte. Irgendwie war er jetzt ganz in die Rolle des Eroberers geschlüpft. Das unberührte Land, das noch niemand in Besitz genommen hatte, erzeugte so etwas wie Erregung in ihm. Er war schließlich der allererste Mensch, der diese Natur berührte, wenn auch nur an Bord eines Gleiters. Der Wunsch in ihm wurde übermächtig, seinen Gleiter zu stoppen und hinaus zu steigen, um dieses Erlebnis hautnah zu spüren.

Letztlich hielt sich genügend Vernunft in ihm, die ihn von einem solchen Schritt abhielt. Vorläufig zumindest.

Erst als er genügend Abstand hatte zu seinem eigenen Gebiet, stoppte er den Gleiter. Sein Sohn und er bewunderten die Rundumsicht auf diese urtümliche Umgebung. Auf den ersten Blick gesehen war der Boden wie mit einem dicken, grünen Teppich bedeckt, doch dieser Teppich war nicht durchgehend grün. Abweichungen erkannte man erst beim zweiten Blick. Da waren unzählige Farbtupfer in sämtlichen Schattierungen des Spektrums. Eine enorme Pflanzenvielfalt, wie Gregor Hansen sie noch niemals zuvor gesehen hatte, nicht einmal auf Bildern, wenn er ehrlich war.

Sicherlich auch deshalb nicht, weil es ihn noch nie sonderlich interessiert hatte. Deshalb war er auch außerstande, die Pflanzen auch nur annähernd klassifizieren zu können. Das musste er ja auch gar nicht, dafür hatte er ja seine Technik an Bord. Er brauchte es nur zu wollen, brauchte nur den entsprechenden Knopf zu drücken oder per Sprachbefehl an die Bord-KI seinen Wunsch zu äußern. Genau das, was er jetzt tat. Und schon lief die Analyse.

„Wo sind die Insekten?“, fragte in diesem Moment David erstaunt.

Gregor sah ihn irritiert an.

„Insekten?“

Erst dann begriff er. David hatte ja recht: Eigentlich hätte es hier riesige Schwärme von irgendwelchen Insekten geben müssen, aber genau diese fehlten.

Instinktiv regulierte Gregor die Außenmikrophone höher.

Dort draußen herrschte eine geradezu gespenstische Stille. Ganz ohne Insekten? Zumindest gab es keine, die flogen, aber auch keine Grillen oder ähnliches Getier, das Geräusche erzeugte.

Totenstille!

Als sei diese Welt längst gestorben und dies alles, was sie mit eigenen Augen sahen, nur billige Kulisse, genauso tot wie der Rest.

Aber genau das konnte doch gar nicht sein.

Oder?

Das erste Ergebnis der Untersuchung kündigte sich mit einem lauten Pington an, der beide erschrocken zusammenzucken ließ.

Gregor regulierte die Außenmikrophone wieder zurück. Falls jetzt irgendwelche Geräusche außerhalb entstanden, dann würden sie diese genauso hören, als würden sie sich selber außerhalb befinden.

Überrascht kontrollierte Gregor das Untersuchungsergebnis: Da war zwar keine einzige Pflanzenart, die bereits bekannt war, aber diese Pflanzen lebten ganz offensichtlich. Sie waren keineswegs tot, wie er kurz angenommen hatte. Zumindest traf dies auf eine Fläche von über fünf Metern im Durchmesser zu. Es war kaum anzunehmen, dass es außerhalb dieser Zone anders war.

Dieses kleine Stückchen Natur hatte nach erstem Ergebnis immerhin eine pflanzliche Artenvielfalt, die in die Tausende ging. Also tausende von Pflanzenarten auf engstem Raum, aber keinerlei tierisches Leben?

Gregor wartete auf das Ergebnis der Bodenproben: Wie sah es unterhalb der Oberfläche aus? Gab es dort mehr als nur das Wurzelwerk der Pflanzenvielfalt von oberhalb?

Das Ergebnis ließ ein wenig länger auf sich warten. Und dann lag es vor:

Das Wurzelwerk war vorhanden. Es reichte mindestens einen Meter in die Tiefe. Eigentlich bestand der ganze Boden in erster Linie aus Wurzelwerk, wenn man so wollte.

Gregor Hansen runzelte die Stirn und dachte nach:

Die Expansionseinheit hatte das vorhandene Gestrüpp gerodet und dabei so etwas wie Dünger daraus gewonnen. Mikroorganismen, die als schädlich oder auch nur als unbekannt in ihrer Wirkung auf die beabsichtigte Landwirtschaft eingestuft worden waren, hatte die Expansionsautomatik eliminiert. Alles andere hatte sie zugelassen.

Also war in dem urbanisierten Gebiet alles grundlegend umgewandelt worden. Die noch vorhandenen Mikroorganismen hatten sich an die für sie unbekannten, weil neu importierten Pflanzenarten angepasst und unterstützten sie beim Gedeihen. So war das von vornherein geplant gewesen, und alles sprach dafür, dass dieser Plan auch hundertprozentig aufgehen würde.

Expansionseinheit... Eine wahre Bezeichnung. Die Einheit landete und nahm zunächst nur genau die Stelle in Anspruch, die der Landung gedient hatte. Von hier aus war dann ein großes Gebiet mehr und mehr erobert worden. Die Expansionseinheit hatte expandiert, ja, im wahrsten Sinne des Wortes!

Und die ganze Welt nannte man EXPANSIONSWELT.

Weil sie genau das war, eben eine Expansionswelt.

Noch hielt sich die Expansion in Grenzen. Im Vergleich zur unvorstellbar großen Oberfläche eines ganzen Planeten waren die fünfhundert Gebiete trotz ihrer Einzelausdehnung eigentlich weniger als winzige Punkte auf einer riesigen Karte. Auf diese Weise war EXPANSIONSWELT in keiner Weise erobert. Das mussten sie aktiv selber tun. Sie mussten ihre Gebiete verlassen, vorzugsweise mit ihren gepanzerten Gleitern, und hinaus streben, in die schier endlosen Weiten dieser Welt, um sie zu erforschen und letztlich vielleicht sogar... zu verstehen.

Wie war denn zum Beispiel zu verstehen, dass es hier keinerlei Insekten gab? Weder fliegende noch irgendwelche, die am Boden krabbelten? Noch nicht einmal im Boden selber? Geschweige denn Würmer, Raupen oder Ähnliches?

Gregor versuchte sich zu erinnern, was die Scouts an Informationen hinterlassen hatten. Sie hatten von Insekten gesprochen, allerdings nur im Zusammenhang mit den undurchdringlich erscheinenden Dschungelgebieten. Dort war wiederum alles völlig anders als in Ebenen wie dieser hier. Sicherlich gab es in den Einöden, in den Wüsten und auch in den gebirgigeren Gegenden wiederum eine andere Art von Natur. Alles, was man hier feststellen konnte, blieb auf hier begrenzt. Zunächst. Nichts davon konnte man auf die gesamte Welt übertragen.

Wie lange hatte denn jede intelligente Lebensform bislang und überall im Universum benötigt, um die eigene Welt, die sie hatte entstehen lassen, kennenzulernen? Manch eine Spezies hatte bis zu ihrem eigenen Untergang nicht einmal einen Bruchteil davon geschafft, hatte ihre Welt wieder für immer verlassen, ohne sie jemals wirklich gekannt zu haben.

Und sie hier, als Siedler im Rahmen eines neuartigen Besiedlungskonzeptes, das zunächst einmal nur experimentell durchgeführt wurde, hatten sich eingebildet, einfach nur eigene Gebiete in Besitz nehmen zu müssen, um diese Welt zu erobern, von der sie eigentlich... fast gar nichts wussten?

Gregor Hansen schüttelte erschüttert den Kopf und gratulierte sich selbst für den Entschluss, endlich Initiative zu ergreifen. Dabei war er der erste überhaupt, der diesen Schritt gewagt hatte. Er und natürlich sein kleiner Sohn David – und das mit zarten zehn Jahren.

Er schüttelte abermals den Kopf. Falls ein anderer schon vorher diesen Schritt unternommen hätte, dann hätte es jeder andere mitbekommen. Jeder andere wusste jetzt ja auch, dass Gregor Hansen unterwegs war im Gleiter, um die Umgebung zu erforschen.

Er hätte den Gleiter nicht einen Meter weit bewegen können, ohne alle anderen daran teilhaben zu lassen. Die Vernetzung war perfekt. Es gab keine Alleingänge. Sie waren so etwas wie ein Kollektiv. Zwar ohne jegliche aufgezwungene Ordnung, also ohne echte Hierarchie, aber jede Familie war jeder anderen Familie verpflichtet.

Nur innerhalb ihres jeweils eigenen Gebietes konnten sie relativ frei entscheiden. Im Rahmen des Agrarplanes natürlich, denn jetzt konnte keiner hingehen und einfach einmal die Art des Anbaus ändern. Die Expansionseinheiten waren perfekt programmiert. In dieses Programm einzugreifen wäre einem schweren Vergehen gleich gekommen. Und weil jeder auf jeden achtete, allein schon bedingt durch die totale, lückenlose Vernetzung, nahm man zwangsläufig gegenseitig Rücksicht.

Da benötigte man keine Führung, die irgendwelche Anweisungen möglicherweise sogar mit Gewalt durchsetzen würde. Das alles sollte sich von selbst regulieren. Das sogenannte freie Spiel der Kräfte, wie es von den Initiatoren genannt worden war.

Ein Experiment, wahrlich!, dachte Gregor im Stillen. War er denn wirklich der einzige Siedler hier, für den das Experiment schon jetzt zum Scheitern verurteilt war?

Dabei wusste er selber auch nicht, wie es von jetzt an gesehen weitergehen würde. Er hatte jedenfalls der Gemeinschaft gezeigt, dass er Eigeninitiative ergreifen konnte. Sonst wäre er jetzt nicht mit dem Gleiter hier draußen unterwegs. Und er ließ alle am Ergebnis der Proben teilhaben.

Dem Ganzen setzte er noch die Krone auf, indem er für alle hörbar verkündete, dass er sich nun doch sehr darüber wundere, dass dieses Gebiet hier völlig insektenfrei war.

Insekten innerhalb ihrer eigenen Gebiete waren ohnedies unerwünscht, vor allem, wenn es sich um welche handelte, die als einheimisch galten. Und die Expansionseinheiten hatten auch keine Insekten mitgebracht. Alles das, was Insekten für die Natur taten, um sie gesund zu erhalten, erledigten entsprechende Nanobots. Solche waren von der Expansionseinheit aus zentral steuerbar und hatten nicht nur von daher gesehen angeblich nur Vorteile. Zumal niemand befürchten musste, etwa von einem Insekt gebissen oder gestochen zu werden. Wenn es halt überhaupt keine Insekten gab...

Doch was hatte dies mit der eigentlich noch unberührten Natur hier draußen zu tun?

Gregor Hansen kam da so eine bestimmte Idee, und je weiter sich diese in ihm verfestigte, desto weniger begann sie ihm zu gefallen. Er fühlte sich auf einmal wie im Fieber und sah sich wie gehetzt um.

„Verdammt noch mal, kann es denn sein, dass vorher durchaus Insekten hier gewesen waren, aber dass diese Insekten...“

Er wagte gar nicht, es auszusprechen, sondern vollendete den Satz nur in seinem Kopf, als hätte er Angst davor, es könnte ihn jemand hören, obwohl er das Mikrophon ausgeschaltet hatte, das vorher seine Stimme zu allen anderen Siedlern getragen hatte:

...dass all diese Insekten versucht haben, in das urbanisierte Gebiet einzudringen, jedoch von der Abschirmung getötet wurden? Dann würde man nicht einmal Überreste finden können von ihnen, weil die Bots alles genauso verarbeiten würden wie vordem das Rodungsergebnis...

Daraus folgernd gab es jetzt nur noch eines: Er musste den Abstand zu seinem eigenen Gebiet, aber auch zu allen anderen Gebieten, die inzwischen urbanisiert waren, so weit vergrößern, bis er wirklich unberührte und vor allem unveränderte Natur vorfinden würde.

Er drückte den Beschleunigungshebel. Die Gleiter-KI brach automatisch die immer noch stattfindenden Untersuchungen ab, die lediglich der Kontrolle der ersten Ergebnisse gedient hatten.

Gregor Hansen sah auf die Standortanzeige. In der Karte war jedes Expansions-Gebiet eingezeichnet, das sich im Abstand zu seinem eigenen Gebiet befand. Die naturbelassenen Gebiete dazwischen waren auf jeden Fall insektenfrei. Soviel war wohl klar. Jetzt galt es, in Richtung der Berge davon zu gleiten, die sich beinahe fünfzig Kilometer von seinem eigenen Gebiet entfernt erhoben.

Ihre weiten Ausläufer waren eher karg, also weniger geeignet, um sie landwirtschaftlich zu nutzen. Also würde er dort tatsächlich ein sehr weiträumiges Gebiet vorfinden, das in keiner Weise von den Siedlern in Mitleidenschaft gezogen worden war.

Hoffte er zumindest!

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8

„Bist du verrückt geworden?“, tönte es aus dem Lautsprecher.

Klar, die meisten Siedlerfamilien waren auf seine Exkursion aufmerksam geworden und verfolgten sie aus sicherer Distanz in ihren Häusern, zu denen die Expansionseinheiten geworden waren.

War das nicht die Stimme von Schmittgen gewesen?

Gregor Hansen kannte den Mann ja nur flüchtig, obwohl sie unmittelbare Nachbarn waren. Wobei der Begriff unmittelbar hier sehr großzügig ausgelegt werden musste, weil es dazwischen ein kilometerweites quasi unberührtes Naturgebiet gab.

Nur ohne Insekten!, rief sich Gregor ins Gedächtnis zurück.

„Was ist los, Schmittgen?“, antwortete er ruhig. „Was hast du denn für ein Problem?“

„Ja, wieso warnt dich denn niemand anderes? Gregor Hansen, du kannst doch nicht einfach so weit nach draußen...“

„Gibt es irgendeine Regel, die dem widerspricht?“, unterbrach ihn Gregor Hansen.

Er wusste schon längst, dass er diesen Kerl nicht ausstehen konnte. Das würde ja was werden, morgen beim gemeinsamen Mittagessen. Er hoffte doch sehr, dass er sich so weit beherrschen konnte, um diesem Schmittgen nicht zu zeigen, was er wirklich von ihm dachte. Wieso erdreistete der sich jetzt als einziger, ihn von seinem Vorhaben abhalten zu wollen? Meinte er denn, Einfluss auf seine Handlungen zu haben, nur weil sie zum Mittagessen eingeladen waren?

„Bitte, Gregor, höre mich an!“, bat Schmittgen indessen.

Verdammt, wie hieß der noch mal mit Vornamen? Und wie hieß seine Frau? Gregor hatte es irgendwie vergessen, weil es ihn eigentlich bislang noch nicht interessiert hatte, wenn er ehrlich war.

„Ich höre doch schon!“, gab er zurück.

„Es ist einfach leichtsinnig, ganz allein in die Wildnis hinaus zu gehen. Ich mache mir doch nur Sorgen um dich, ganz ehrlich.“

„Ich bin ja nicht allein!“, gab Gregor Hansen ruhig zurück.

„Wie denn nun? Wer ist denn noch bei dir?“

„Mein Sohn David. Zwar erst zehn Jahre alt, aber eine wichtige Stütze. Immerhin ist er außer mir der einzige Mensch auf dieser Welt, der es wagt, seine Komfortzone zu verlassen und sich auf fremdes Terrain zu begeben, und das im wahrsten Sinne des Wortes.“

„Dein Sohn David?“, echote Schmittgen erschrocken. „Du hast deinen kleinen Jungen mitgenommen, setzt ihn einer solchen Gefahr aus?“

„Also, Schmittgen, einmal ganz ehrlich: Wenn wir wirklich alle annehmen, dass es zu gefährlich ist, unsere Gebiete zu verlassen, die von unseren Expansionseinheiten automatisch urbanisiert worden sind, dann sind wir als Siedler auf dieser Welt wohl eigentlich völlig fehl am Platz. Gehört da nicht auch zumindest rudimentär so etwas wie Abenteuerlust mit dazu? Wenn nicht, hätten wir eigentlich auch daheim bleiben können. Oder bist du da anderer Ansicht?“

„Bitte, Hansen“, flehte jetzt Schmittgen, ernsthaft besorgt, wie es schien, und ohne auf die Worte Gregors einzugehen, „ich meine es wirklich nur gut: Wir sollten so etwas wie einen Stoßtrupp aufstellen. Freiwillige in ihren Gleitern. Da kann dann einer den anderen unterstützen, falls Gefahr drohen würde. Denke doch nur einmal an diese riesigen Saurier, die es hier gibt.“

„Eher in den Dschungelgebieten, weniger in solchen Gebieten, in denen wir uns niedergelassen haben!“, belehrte Gregor Hansen ihn. „Ich weiß deine Sorge sehr zu schätzen und werte sie als wirklich freundliche Anteilnahme. Ich werde auf jeden Fall die Gemeinschaft über alle Ergebnisse in Kenntnis setzen, in den entsprechenden Abständen.“

War das nun diplomatisch genug gewesen von ihm?

Schmittgen jedenfalls ließ nicht locker:

„Und wenn die Funkverbindung abreißt? Dann kann euch noch nicht einmal jemand zu Hilfe eilen, falls es nötig wird. Bitte, Gregor Hansen, du handelst wirklich unüberlegt.“

„Deshalb war ich ja auch militärischer Berater im bisherigen Leben, mein Lieber, weil ich unüberlegt handele!“, gab Gregor Hansen voller Ironie zurück und schaltete einfach das Mikrophon aus.

Er zwinkerte David mit einem Auge zu.

David freute sich über die Abfuhr, die sein Vater diesem Schmittgen seiner Meinung nach verabreicht hatte. Dass dieser Schmittgen vielleicht sogar recht hätte haben können, darauf kam er gar nicht. Genauso wenig wie sein Vater Gregor Hansen selber.

Allerdings ließ Gregor Hansen jetzt nicht mehr die Anzeige aus den Augen, die ihm zeigte, ob die Funkverbindung mit dem bestehenden Netzwerk der Siedlergemeinschaft immer noch möglich war. Vielleicht sollte er doch in Betracht ziehen, die Funkreichweite nicht zu verlassen? Für alle Fälle?

Indessen flog der Gleiter mit unverminderter Geschwindigkeit weiter den ersten Ausläufern der Berge zu.

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9

Das Gebirgsmassiv, das sich über die Horizontlinie geschoben hatte, wurde mit jedem Kilometer, den sie sich näherten, beeindruckender. Und hier war die Landschaft immer noch wie bei der Landung angetroffen. Waren sie schon weit genug entfernt von den Expansionsgebieten, um die nächsten Proben zu nehmen?

Gregor Hansen entschied sich dafür, dies zu bejahen. Schmittgen hatte sich inzwischen nicht wieder gemeldet, aber auch sonst niemand. Sie warteten auf seine Mitteilungen. Aber bevor er welche absetzen konnte, musste er erst die Proben nehmen lassen.

Derweil kontrollierte er den Funkstatus. Noch war die Verbindung stabil. Ein paar Kilometer weiter wurde es wohl kritisch. Spätestens dann nämlich, wenn die besiedelten Gebiete hinter der Horizontlinie verschwanden. Es gab ja keine Satelliten, die eine Verbindung ermöglichten. Vielleicht noch eine Inversionsschicht viele Kilometer über ihren Köpfen, von der Funkwellen reflektiert wurden? Das käme auf den Versuch an.

Aber es musste ja nicht alles auf einmal erfolgen. Man konnte diesen Versuch auch vertagen.

Obwohl, wenn er nach draußen sah, in Richtung der mächtigen Gebirgskulisse, verspürte er so etwas wie Bedauern. Sollte er wirklich von hier aus wieder umkehren, um erst an einem anderen Tag weiter vorzudringen? Oder sollte er einfach noch ein paar Kilometer weiter vorstoßen, um das Risiko einzugehen, vielleicht die Verbindung mit den anderen Siedlerfamilien zu verlieren?

Zunächst einmal wollte er das Ergebnis abwarten der derzeitigen Untersuchungen. Wieso dauerten die so lange? Das war eindeutig länger als beim ersten Mal.

Einer inneren Eingebung folgend, drehte er die Außenmikrophone höher.

Da war sie, eine undefinierbare Geräuschkulisse, wie aus weiter Ferne. Nicht unmittelbar hier, wo sich der Gleiter befand? In welcher Richtung?

Eindeutig weiter in Richtung der Berge!

Jetzt brauchte Gregor Hansen nicht mehr zu überlegen, ob er dieses Risiko eingehen wollte. Und natürlich war es mit einem Risiko verbunden, obwohl sie bisher noch keine gefährliche Begegnung gehabt hatten.

Unterwegs hatte es überhaupt keine Tiere gegeben, also nicht nur keine Insekten, auch keine größeren Kalibers. Geschweige denn irgendwelche Saurier, die den Gleiter hätten attackieren können. Und wenn sie von hier aus näher an die Berge heran flogen? Würde sich das dann tatsächlich ändern?

Hier, wo sie sich befanden, war der Boden genauso dicht von unzähligen Pflanzenarten bedeckt wie näher an den urbanisierten Gebieten. Das würde sich in wenigen Kilometern also wohl ändern, wenn sie auf dieser Strecke weiter flogen.

Gregor Hansen wusste jetzt schon, dass ihn nichts und niemand davon abhalten konnte, das Wagnis einzugehen.

Und dann gab es das erste Ping als Ankündigung eines Ergebnisses:

Hier gab es wiederum fremdartige Pflanzen, auch welche, die bei der ersten Untersuchung gar nicht vorhanden gewesen waren. Dafür fehlten welche, die es dort gegeben hatte. Und vor allem gab es hier Insekten. In eher spärlicher Form, aber dennoch in großer Vielfalt. Sowohl fliegende als auch krabbelnde und kriechende Insekten wohlgemerkt.

Dann kam das Ergebnis der Bodenproben. Unterhalb des dicken Pflanzenteppichs wimmelte es nur so von Getier. Allerdings gewann man den Eindruck, als würde hier jedes einzelne Lebewesen gegen alle anderen kämpfen, um selber zu überleben. Es herrschte so eine Art Krieg, wenn man es genauer nahm. Die Opfer gingen allein in diesem kleinen Bereich von nur wenigen Metern Durchmesser in jeder Minute in die Tausende.

Das konnte doch unmöglich normal sein!

Aber was hatte dies alles denn ausgelöst? Etwa er mit dem Gleiter? Das erschien wenig einleuchtend.

Aber es gab auch eine andere Möglichkeit, die Gregor Hansen laut aussprach:

„Es gab nicht nur Insekten, die versucht haben, in die urbanisierten Gebiete einzudringen, als wollten sie verlorenes Land wieder zurückerobern, sondern auch welche, die vor der fremden Inbesitznahme geflohen sind! Hierher! Um auf die bereits vorhandenen Insekten zu treffen, die sich gegen diesen Ansturm von Flüchtlingen immer noch wehren...“

Insgesamt gesehen war unübersehbar, dass die Natur von EXPANSIONSWELT auf die Expansionseinheiten in einem ungeahnten Maße reagierte – und das auch noch viele Kilometer von den urbanisierten Gebieten entfernt. Ein Phänomen, von dem Gregor Hansen noch nie zuvor auch nur gehört hatte. Es waren doch schon so viele Welten besiedelt worden. Das Sternenreich von Axarabor war inzwischen schon ziemlich groß geworden. Wieso hatte es von keiner der besiedelten Welten Berichte gegeben, die solches beinhaltet hatten, was eindeutig hier und heute auf EXPANSIONSWELT geschah?

Oder hatte man diese Berichte einfach nicht ernst genommen, und deshalb war nichts davon in die Öffentlichkeit gelangt?

Gregor Hansen wusste es nicht. Er konnte auch niemanden fragen, denn zunächst einmal hatten sie von hier aus überhaupt keine Kontaktmöglichkeit mit Axarabor.

Zwar mussten sie nicht so lange warten, bis das Siedlerschiff, mit dem sie her gekommen waren, die Rückkehr geschafft hatte, denn vorher schon würde ein neues Scoutschiff hier auftauchen, um nach dem Rechten zu sehen, aber konnten sie es sich überhaupt leisten, so lange zu warten? War es nicht höchst angebracht, selber nach den Ursachen zu forschen?

Genauer gesehen, gab es nicht so etwas wie eine kollektive Intelligenz, die man dahinter vermuten konnte, sondern es war wohl eher so etwas wie eine Selbstregulierung der hier vorhandenen Natur. Die war halt anders strukturiert als auf anderen Welten. War das denn eigentlich nicht normal, dass sich die Natur auf einzelnen Welten unterschied, nicht nur in ihrer Artenvielfalt, sondern auch in ihren Strukturen?

So etwas wie eine Evolution gab es überall. Und auf einem urweltlichen Planeten wie EXPANSIONSWELT war diese Evolution vielleicht noch weitreichender als auf einer älteren Welt?

Gregor Hansen verfluchte es, dass er sich vor seiner Abreise mit solchen Dingen nicht intensiver beschäftigt hatte. Es hatte ihm genügt, was im Vorbereitungsprogramm gelehrt und was in den diversen Tests entsprechend abgerufen worden war. Ein fatales Versäumnis, wie er jetzt meinte.

Er teilte das Ergebnis der Untersuchung allen anderen mit. Die Verbindung war stabil. Die Übertragung funktionierte einwandfrei.

„Schmittgen hier!“, hörte Gregor Hansen auf einmal.

Keiner hatte anscheinend Lust, das Ganze zu kommentieren, obwohl er anhand der Teilnehmerzahl sah, dass die meisten Siedlerfamilien waches Interesse an seiner Exkursion hatte. Wohl in erster Linie deshalb, weil es eine willkommene Abwechslung für jeden war. Und was wollte Schmittgen schon wieder?

„Tut mir leid!“, sagte dieser prompt und für jeden anderen hörbar, der es hören wollte. „Ich sollte nicht den Eindruck erwecken, als wollte ich dich in irgendeiner Weise bevormunden, Gregor Hansen. Ich war wirklich nur in Sorge.“

„Schon gut, Schmittgen“, beruhigte ihn Gregor pflichtschuldig. „Ich bin nicht sauer auf dich, wenn du das meinst.“

„Oh, deine Frau Ellie hat mir gründlich den Kopf gewaschen wegen meiner vorlauten Art, und sie hat ja im Grunde genommen recht.“

„Du hast mit Ellie eine Unterhaltung geführt... über mich?“, hakte jetzt Gregor alarmiert nach. Jetzt konnte wohl jeder andere mithören, aber das war ihm egal. Dieser Schmittgen hatte hinter seinem Rücken mit Ellie telefoniert? Das war auch möglich, ohne dass gleich jeder mithören konnte. Es gab so etwas wie eine Standverbindung, mit der beide Gesprächsteilnehmer einverstanden sein mussten.

„Ja, Ellie hat mich angerufen. Sie hat unser Gespräch mitbekommen.“

Gregor dachte:

Und wieso hat sich dann Ellie nicht selber eingemischt? Sie hat sich einfach nur zurückgehalten, genauso wie jeder andere.

Schmittgen beeilte sich fortzufahren:

„Sie hat mir klar gemacht, dass du genau weißt, was du tust. Das stimmt doch, oder? Vor allem würdest du alles tun, um deinen Sohn zu beschützen.“

„Da hat sie verdammt recht!“, beeilte sich Gregor Hansen zu versichern. „Aber gut, Entschuldigung angenommen. Mach dir keinen Kopf, Schmittgen. Alles wird gut. Morgen sind wir ja zum Mittagessen verabredet. Da können wir ja noch einmal über alles reden, wenn du willst. Vielleicht hast du dann sogar Lust, mich beim nächsten Mal zu begleiten?“

„Beim nächsten Mal?“

„Nun, ich bin durchaus der Meinung, dass wir alle solche Exkursionen unternehmen sollten. Die Gleiter haben zwar eine begrenzte Reichweite, aber damit können wir immer noch eine Menge mehr erfahren über unsere neue Heimat, als wir bereits zu wissen glauben. Meinst du nicht auch?“

„Nun, wir können ja morgen darüber reden“, wich Schmittgen aus.

Was für ein Feigling!, dachte Gregor Hansen respektlos und war froh, als sich Schmittgen endlich wieder aus der Verbindung tastete.

Gregor Hansen sah hinaus, in Richtung Berge.

Ohne seinen Sohn anzusehen, der die ganze Zeit über erstaunlich ruhig war, fragte er ihn:

„Was meinst du, David? Sollen wir noch eine Stück weiter in Richtung Berge? Oder willst du schon umkehren?“

„Au, ja, weiter in Richtung Berge!“, rief David begeistert und klatschte sogar auch noch in die Hände.

Gregor Hansen lachte erleichtert, sah es doch ganz danach aus, als sei David nach ihm geraten: Hatte ihn nicht dieselbe Abenteuerlust gepackt, um ihn nicht wieder so schnell loszulassen?

Ein Blick auf die Zeitanzeige. Ja, klar, ein paar Kilometer weiter gingen noch. Wenn sie dann zurückflogen, kamen sie immer noch bei Tageslicht an. Vielleicht gut so, denn es wusste eigentlich niemand, was in der Dunkelheit passierte, weil man sowieso nur so wenig über eine Welt wusste, die trotzdem zur eigenen Heimat geworden war.

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Mit hoher Geschwindigkeit sauste der Gleiter dahin, knapp über dem Pflanzenteppich, bis dieser Pflanzenteppich immer karger wurde. Löcher entstanden darin, aus denen nackter Felsen hervorragte.

Die Funkanzeige wurde rot. Für Gregor Hansen der Auslöser, die Geschwindigkeit zu drosseln, bis zum Stillstand.

Der Gleiter senkte sich auf den Boden, um auf den Hilfsrädern zum Stehen zu kommen.

Die Funkverbindung war abgebrochen. Hier bereits. Dabei waren die Berge noch viele Kilometer entfernt. Das Vorland war ziemlich karg, wie es den Anschein hatte. Nicht ganz ohne Bewuchs, aber dieser beschränkte sich mehr und mehr auf nur noch überschaubar große Flächen.

Laut Karte gab es einige Kilometer weiter östlich ein silbernes Flussband. Vielleicht war es angebracht, sich diesem Fluss zu einem späteren Zeitpunkt zu widmen? Vielleicht schwammen darin essbare Fische? Konnte sich denn außer ihm, Gregor Hansen, denn niemand vorstellen, sich zumindest zu einem Minimum dieser Welt anzupassen und sie nicht nur mit der mitgeführten Technik regelrecht zu vergewaltigen?

„Da!“, rief David auf einmal begeistert.

Gregor folgte der Richtung, in die sein Ärmchen zeigte.

Was war denn das?

Gregor setzte mal wieder Boden- und Pflanzenproben in Gang, bevor er den Zoom betätigte. Das Bild wurde auf die Sichtscheibe projiziert. Es war, als wären sie mit dem Gleiter hingeflogen, so wirklichkeitsgetreu war die Abbildung:

Eine Art Rudel. Die Tiere sahen aus wie kleine Saurier. Ein paar waren nur handgroß. Die größten hatten immerhin rund fünfzig Zentimeter Höhe. Jetzt waren sie auf den Gleiter aufmerksam geworden und kamen neugierig, aber auch vorsichtig näher.

Was war das? Pflanzenfresser oder Raubtiere? Das war nicht erkennbar bei dieser Fremdartigkeit.

Gregor erinnerte sich an Abbildungen von Urtieren aus der Saurierfamilie. Solche waren nicht dabei gewesen. Aber klar, auf jeder Welt ging die Natur unterschiedliche Wege. Nur gewisse Grundprinzipien schienen weitgehend unveränderbar zu sein. Abweichungen geschahen immer in einer Art festgelegtem Rahmen, wie es schien. Gregor Hansen wusste es jedenfalls nicht besser. Er war ja auch kein Experte, was er nun mehr denn je bedauerte.

David schickte sich an, den Gleiter zu verlassen. Anscheinend traute er den niedlich wirkenden Sauriern keine Gefahr zu.

„Stopp!“, rief Gregor erschrocken.

David gehorchte.

„Das darfst du nicht!“, tadelte er seinen Sohn eindringlich. „Wir dürfen den Gleiter nicht verlassen. Erst einmal müssen wir mehr erfahren über diese Tiere. Es ist zumindest ungewöhnlich, sie hier anzutreffen. Bis jetzt haben wir kein einziges Tier gesehen. Beim letzten Stopp hat es zwar Insekten gegeben, aber eben keine Tiere höherer Art.“

Er war sich nicht sicher, ob David überhaupt zugehört hatte. Er war dermaßen von diesen kleinen Sauriern fasziniert, dass er anscheinend nichts anderes mehr im Sinn hatte.

Unwillkürlich tastete Gregor Hansen nach seiner Handwaffe. Natürlich war auch der Gleiter bewaffnet. Er hätte das Rudel problemlos auslöschen und das Fleisch zur näheren Untersuchung an Bord holen können.

Vielleicht hätte er das zumindest mit einem der Tiere getan, wäre nicht David mit dabei gewesen. Es war kaum anzunehmen, dass der Kleine dafür Verständnis aufgebracht hätte. Also musste er wohl oder übel das Rudel ungeschoren lassen.

Unterdessen kam das Rudel immer näher. Jetzt benötigte Gregor keinen Zoom mehr, um Einzelheiten erkennen zu können. Es handelte sich um schätzungsweise zwanzig Tiere. Die genaue Zahl war schwer festzustellen, weil die Tiere ständig innerhalb des Rudels wechselten. Darin schien kein Muster erkennbar zu sein. Was war ihr Motiv? Wollten sie damit eventuelle Räuber verwirren, die ihnen hätten gefährlich werden können?

Unwillkürlich hielt Gregor nach solchen Räubern Ausschau. Es war ja kaum anzunehmen, dass dieses eine Rudel alles war, was diese Gegend zu bieten hatte.

Schon seltsam, dass er bislang auf keine solchen Tiere getroffen war. Lebten sie denn ausschließlich im Vorland der Berge? Nun, sicher auch in den Dschungelgegenden.

Gregor Hansen versuchte vergeblich, die Frage zu beantworten, wieso alle Gebiete, in denen sich Siedler niedergelassen hatten, praktisch frei waren von jeglichen Tieren. Das mit den Insekten, ja, das war irgendwo noch verständlich. Zumindest hatte er einen Erklärungsversuch gefunden, der halbwegs einleuchten konnte. Aber wo waren all die sogenannten höheren Tiere?

Laut den Scouts gab es in Dschungelgebieten Saurier größer als Häuser. Man schätzte, dass sie bis zu dreißig Meter messen konnten von der Stirn bis zur Schwanzspitze. Was, wenn ein solcher Saurier sich einem Expansionsgebiet näherte? Würde die automatische Absperrung genügen, um ihn abzuwehren? Das blieb zu hoffen. Wenn nicht, musste der betroffene Siedler wohl mit dem Gleiter eingreifen und vor allem mit den an Bord befindlichen Waffen.

Vorsichtshalber aktivierte Gregor die Waffensysteme, obwohl auch auf ihn diese kleinen Saurier nicht wirklich einen gefährlichen Eindruck machten. Aber er sah ihre messerscharfen Zähne. Sie würden einen Menschen in Sekundenbruchteilen in Stücke reißen können. Damit wären sie gefährlicher gewesen als ein Rudel Wölfe. Doch wenn es sich jetzt nur um reine Pflanzenfresser handelte? Und Pflanzenfutter gab es auch hier noch mehr als genug.

Per Sprachbefehl gab Gregor an die Bord-KI weiter:

„Unbedingt Analyse dieser Tiere versuchen! Außerdem die Gegend scannen mit dem größtmöglichen Radius, auf etwaige weitere Tiere, über Insektengröße hinausgehend.“

Das war zwar ziemlich vage, doch die KI würde nachhaken, falls sie Probleme darin sehen würde. Ansonsten war sie flexibel genug, um den Befehl auf vernünftige Weise umsetzen zu können.

Derweil waren die ersten Ergebnisse der Pflanzen- und Bodenproben bereits fertig.

Gregor kontrollierte sie. Die Pflanzenvielfalt war hier weitaus geringer, doch alle Pflanzenarten machten einen gesunden Eindruck. Genauso wie die Insektenpopulationen, die es sowohl über dem Boden als auch unter dem Boden gab. Alles machte einen ausgewogenen Eindruck. Hier gab es anscheinend keinerlei Beeinträchtigung mehr durch die Expansionsgebiete, die von den Siedlern geschaffen worden waren.

Der Scan nach weiteren Tieren, vielleicht in der Größe der sichtbaren Saurier oder auch größer...

Mehrere Einzeltreffer!

Gregor ließ sich eines der gefundenen Objekte näher heran zoomen. Es befand sich in einer Entfernung von knapp einem Kilometer ostwärts, also in der Richtung, in der sich der Fluss befand, der allerdings noch weitere Kilometer weiter weg von hier floss.

Die Saurier draußen sahen jetzt ruhig herüber, inzwischen im Abstand von nur zehn Metern. Sie verhielten sich ruhig, abwartend.

Gregor Hansen hatte momentan kein Auge dafür. Er beugte sich über die Anzeige und ließ sie auf die Sichtscheibe vorn projizieren.

Das war kein Saurier. Was denn sonst? Auf den ersten Blick war es nur ein unförmiger Fleischklumpen, doch dieser Klumpen konnte sich regelrecht entfalten und wurde zu einem kaninchengroßen Tier, das völlig nackt zu sein schien. Es gab also keine Stacheln, kein Fell, aber auch kein Federkleid.

Ein Nackttier, das unwillkürlich Ekel beim Betrachter erzeugte. Dabei schien der Körper ziemlich veränderbar zu sein, denn es behielt nicht lange die Gestalt eines nackten Kaninchens, sondern formte sich allmählich zu einer Saurierkopie. Man sah jedoch, dass es sich nicht um einen echten Saurier handelte. Echt waren nur die messerscharfen Zähne, die sichtbar wurden, als das seltsame Tier das Maul aufriss, als würde es gähnen.

Aus dem Maul schoss etwas hervor, mit ungeheurer Geschwindigkeit. Das Maul schloss sich wieder. Die Zähne begannen zu mahlen.

Gregor bemühte die Aufzeichnung und ließ den Vorgang so langsam ablaufen, dass man Einzelheiten erkennen konnte. Eine klebrige Zunge, die einen ganzen Pulk unterschiedlicher Insekten aufnahm und sie ins Maul beförderte. Sie schienen ziemlich harte Panzer zu besitzen, zumindest einige von ihnen. Mit den Zähnen knackte dieses Tier die Panzer, um den dadurch entstandenen Insektenbrei schließlich herunterzuschlucken.

Ständig gingen kleinere Veränderungen an der Oberfläche des Tieres vor. Als würde es sich um eine Art Gestaltwandler handeln, der sich nicht entscheiden konnte, welche Gestalt er denn nun annehmen wollte.

Das Schauspiel war für Gregor dermaßen faszinierend, dass er darüber vorübergehend die Saurier draußen und seinen kleinen Sohn völlig vergaß. Das wurde ihm erst bewusst, als er den Luftzug spürte.

Ein Luftzug? Wie war das möglich bei geschlossener Schleuse?

Sein Kopf fuhr herum.

Die Schleuse war geöffnet!

Und dann sah er seinen Sohn draußen. Er stand da und beobachtete die Saurier, die ihrerseits auch ihn beobachteten. Langsam ging er näher heran.

„Nein!“, schrie Gregor entsetzt und spielte mit dem Gedanken, die schussbereiten Waffensysteme einzusetzen, um die Saurier zu töten, zumindest jedoch zu vertreiben, ehe sie seinem Sohn doch noch gefährlich werden konnten.

David musste seinen Schrei durch die halb geöffnete Schleusentür gehört haben, doch er reagierte gar nicht darauf. Die mögliche Gefahr völlig ignorierend, ging er immer weiter auf die Saurier zu.

Wenn Gregor jetzt geschossen hätte, wäre sein eigener Sohn im Erfassungsbereich gewesen.

„David!“, brüllte er verzweifelt. „Geh zur Seite, aus dem Schussfeld!“

David hörte nicht. Vielleicht hätte er ja auf seine Mutter gehört? Aber seinen Vater nahm er nicht ernst genug. Der war ja nie da gewesen, zumindest nicht, wenn er ihn als Vater gebraucht hätte. Und jetzt wollte er ihm etwas befehlen? Nein, darauf wollte er gar nicht hören.

Die Saurier faszinierten ihn im höchsten Maße. Welcher Junge in seinem Alter war denn nicht von Sauriern fasziniert? Und diese da waren so richtig niedlich. Allein die Kleinsten... Sie wirkten eher wie Spielzeuge denn als echte Tiere. Die größeren Exemplare schauten nur neugierig. Für sie war David etwas völlig Kurioses, genauso wie umgekehrt. Selbst wenn es sich um Raubtiere handelte. Die hatten ihre gewohnten Opfer. Dazu gehörte der Mensch mit Sicherheit noch nicht.

Dachte sich jedenfalls der zehnjährige David.

Gregor hielt es nicht mehr aus. Er konnte die bordeigenen Waffensysteme nicht benutzen, um nicht seinen Sohn mit zu gefährden. Also musste er selbst dort hinaus. Mit der Handfeuerwaffe. Anders ging es nicht.

Er musste sich seinen Sohn schnappen, ehe er den Sauriern zu nah kam. Er traute diesen Biester nicht, obwohl es bisher eigentlich noch nichts gab, was sein Misstrauen ausreichend begründet hätte.

Gregor rannte zur halb offenen Schleusentür, sprang hinaus.

Sein Sohn war nur fünf Meter vor ihm. Das konnte er beinahe mit einem einzigen kräftigen Sprung schaffen, aber wie würden die Saurier auf eine so schelle Bewegung reagieren? Würden sie einen Angriff befürchten? Dann würde ihre Reaktion unberechenbar sein.

Gregor wagte es nicht, sondern blieb stehen.

David ging weiter, mit kleinen, langsamen, vorsichtigen Schritten, um die Saurier nicht aufzuscheuchen. Ja, gewiss, er fürchtete sich nicht vor ihnen, sondern bangte nur darum, dass sie sich ihm entziehen könnten, ehe er sie erreichte.

Dann hatte er nur noch vier Meter bis zu ihnen.

Gregor hob die Handfeuerwaffe. Aber wie sollte er rund zwanzig Saurier damit erledigen, ehe sie seinem Sohn gefährlich werden konnten?

„David, bitte!“, flehte er regelrecht. „Bleibe wenigstens stehen! Du – du musst dich langsam zurückziehen. Wir wissen noch gar nichts über diese Tierart. Haben keine Ahnung, ob sie harmlos ist für uns oder tödlich gefährlich. Dieses Risiko dürfen wir nicht eingehen.“

David schlich stur weiter. Jetzt offensichtlich voller Trotz. Er vertraute auf seinen eigenen Instinkt, der ihm sagte, diese putzigen Tiere könnten unmöglich gefährlich sein. Sie würden ihn zu sich heran lassen. Sie würden ihn höchstens als fremdartig beschnuppern. Alles wurde gut. Und wieso wollte sein Vater alles dies verderben?

„Bleibe du zurück!“, sagte er ruhig zu seinem Vater, ohne sich ihm zuzuwenden. Sein Blick war nach wie vor nach vorn gerichtet. „Scheuche sie nicht auf. Siehst du denn nicht, wie zutraulich sie sind?“

„Die sind nicht zutraulich, sondern sie lauern auf Beute!“, versuchte Gregor, seinen Sohn ein letztes Mal zu warnen.

Die Hand mit der Waffe zitterte. Nein, wenn er jetzt schoss, machte er es höchstens schlimmer. Wenn nur einer der Saurier aus dem Rudel tödlich getroffen zusammenbrach, würden sich alle anderen möglicherweise an seinem Sohn rächen.

Und wenn nicht? Wenn das Rudel daraufhin vorzog, die Flucht zu ergreifen? Dann war wenigstens sein Sohn nicht mehr länger gefährdet. Zwar würde ihm David das niemals verzeihen, dass er das Saurierrudel in die Flucht geschlagen hatte, aber das sollte ihm in dieser Situation egal sein. Hauptsache, er hatte Davids Leben gerettet.

Gregor konnte jetzt nicht mehr anders. Er musste es einfach tun. Er sah keine andere Möglichkeit mehr, um zu verhindern, dass David den Sauriern wirklich zu nah kam. Die brauchten doch nur zuzuschnappen, um ihn zumindest schwer zu verletzen. Dann stand Gregor nur mit der Handfeuerwaffe bewaffnet da und musste versuchen, die Gefahr mit gezielten Schüssen abzuwenden, wobei er auch noch Gefahr lief, seinen eigenen Sohn zu treffen.

Gregor schoss!

Die Kugel traf eines der zunächst stehenden Tiere genau in den Kopf. Es brach haltlos zusammen.

Unruhe entstand im Rudel.

Der nächste Schuss bellte überlaut.

„Nein!“, schrie David enttäuscht und blieb stehen. „Nein, Papa, was hast du getan?“

Der nächste Saurier fiel haltlos zu Boden.

Und dann setzte sich das gesamte restliche Rudel in Bewegung. Nicht, um die Flucht zu ergreifen, wie Gregor Hansen inbrünstig hoffte, sondern... um sich auf seinen Sohn zu stürzen.

Da konnte er schießen wie er wollte, konnte er einen Saurier nach dem anderen abknallen. Das ließ sie unbeeindruckt. Zumal sie weniger als eine Sekunde benötigten, bis sein Sohn David nur noch ein lebloses, blutiges Fleisch- und Kleiderbündel war.

Dann wandten sie sich dem Schützen zu.

Mit einem verzweifelten Sprung brachte sich Gregor Hansen im Gleiter in Sicherheit. Er knallte die Außenschleusentür zu.

Die überlebenden Saurier krachten draußen dagegen. Sie attackierten voller Wut den Gleiter, ohne natürlich etwas dabei ausrichten zu können.

Bis ihnen klar wurde, dass sie keine Chance hatten, Gregor zu erreichen. Sie wandten sich den blutigen Überresten Davids zu und machten sich daran, sie zu verspeisen.

Gregor Hansen brüllte wie am Spieß. Er brüllte all den Schmerz hinaus, den er empfand, obwohl er nicht wirklich begriffen hatte, dass sein einziger Sohn jetzt nicht mehr am Leben war.

Dann hieb er auf den Feuerknopf. Die Waffensysteme reagierten selbstständig. Klar, die KI hatte ja alles mit verfolgt und wusste um die tödliche Gefährlichkeit dieser Saurier. Es dauerte nur noch weitere Sekundenbruchteile, bis kein Tier aus dem Rudel mehr lebte.

Gregor Hansen erwachte wie aus einem Alptraum. Nur um festzustellen, dass es gar kein Alptraum war, sondern blutige Wirklichkeit.

Er hatte seinen Sohn verloren, durch seine eigene Unachtsamkeit. Etwas, was er sich niemals würde verzeihen können.

Er begann, auf diese Welt zu fluchen, auf seinen Entschluss, sich dem Siedlerprogramm anzuschließen, nur seiner Frau zuliebe...

Ellie?

Auch sie würde ihm das niemals verzeihen können.

Und alle anderen Siedler?

Schmittgen hatte ihn ausdrücklich gewarnt. Aus Sorge, und diese Sorge war berechtigt gewesen. Nur hatte es letztlich nicht Gregor Hansen getroffen, sondern dessen unschuldigen Sohn.

Klar, David hatte mit kindlichem Leichtsinn gehandelt, aber verantwortlich zu machen war er letztlich nicht für seine Handlung. Mit gerade mal zehn Lebensjahren. Verantwortlich war nur einer gewesen, nämlich Gregor Hansen.

Von seinem Sohn war draußen nicht mehr viel übrig geblieben. Ein paar verstreute Fleischbrocken, auf bizarre Weise mit Kleidungsresten vermischt. Das viele Blut stammte vor allem von den Sauriern.

Eigentlich hätte Gregor Hansen diese Überreste der Saurier zur näheren Untersuchung einsammeln müssen, aber dafür fehlte ihm die Kraft. Er hatte noch nicht einmal die Kraft, die spärlichen Überreste seines eigenen Sohnes einzusammeln. Nein, das hätte er unmöglich noch zuwege gebracht.

Er fühlte sich wie in Trance, als er die Rückkehr zum Expansionsgebiet seiner Familie befahl.

Die KI gehorchte brav. Sie kannte keine Gefühle, folgte lediglich ihren Algorithmen, und diese sahen nicht vor, vielleicht so etwas wie Trost zu spenden.

Bei Gregor Hansen hätte das auch gar nichts genutzt. Er wünschte sich in diesem Moment nichts sehnlicher als dass es ihn selber tödlich getroffen hätte anstelle seines Sohnes.

Und irgendwo im Hinterkopf war da auch noch die Frage, ob er dieses Gemetzel nicht selber provoziert hatte. Was, wenn er jetzt gar nicht geschossen hätte? Vielleicht hätten die Saurier seinem Sohn gar nichts getan?

Eine ganz klare Fehlentscheidung auf jeden Fall, die seinen Sohn nicht etwa gerettet, sondern ihn endgültig zum Tode verurteilt hatte.

Das war für ihn gerade so, als hätte sein erster Schuss nicht einem aus dem Saurierrudel gegolten, sondern seinem eigenen Sohn.

Für ihn stand in diesen Augenblicken jedenfalls zweifelsfrei fest:

Er hatte seinen eigenen Sohn ermordet und hatte eigentlich gar nicht mehr das Recht, weiterzuleben.

Aber wie sollte er diesem in seinen Augen unwürdig gewordenen Leben ein Ende bereiten, mit eigener Hand, ohne vorher mitzuteilen, was geschehen war?

Die Funkanzeige leuchtete grün. Er hätte nur das Mikrophon einzuschalten brauchen, doch das tat er nicht. Der Gleiter raste mit Höchstgeschwindigkeit seinem Ziel entgegen. Ein Ziel, von dem sich Gregor Hansen allerdings wünschte, es niemals lebend zu erreichen.

Doch das Schicksal erhörte ihn nicht. Er blieb selber am Leben. Bis er die Expansionseinheit erreichte, die sein Zuhause geworden war.

Hier ging sein ganz persönlicher, Wirklichkeit gewordener Alptraum weiter...

––––––––

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11

Über ein halbes Jahr nach der Erstlandung der neuen Siedler auf EXPANSIONSWELT erreichte ein Raumschiff aus der Raumflotte von Axarabor den Planeten. Mit einem Scoutauftrag. Es sollte nach dem Rechten sehen.

Was war inzwischen aus den Siedlern geworden? War das neue Konzept erfolgreich?

Außerdem hatte das Raumschiff den Auftrag, eine Verbindung nach Axarabor zu schaffen. Wieso das nicht schon von vornherein einkalkuliert worden war, darüber machten sie sich an Bord keine Gedanken. Sie nahmen es so, wie es halt war. Schließlich waren sie Soldaten und wurden nicht dafür eingesetzt, sich über irgendetwas Gedanken zu machen, was außerhalb der Ausführung von Befehlen stand.

Der Kommandant sendete per Funk seine Kennung vorschriftsmäßig auf den Planeten hinab und rief nach den Siedlern. Seinen Informationen zufolge gab es hier keine der üblichen Siedlungen, sondern fünfhundert autarke Einheiten, die jeweils ein relativ großes Gebiet selbstständig urbanisiert hatten.

Er fand das Konzept durchaus interessant und war gespannt auf den Bericht der Siedler. Leider gab es keinen direkten Ansprechpartner. Alle Siedler zusammen hatten die gleichen Rechte. Da brauchte man anscheinend keinen Führer oder auch nur einen Sprecher, der für alle anderen sprechen durfte.

Es folgte allerdings sowieso keine Antwort.

Das Raumschiff schwenkte in den vorausberechneten Orbit um EXPANSIONSWELT ein und versuchte es weiter. Das Siedlerschiff, das die Expansionseinheiten hierher gebracht hatte, war längst wieder irgendwo unterwegs. Das Scoutschiff war turnusmäßig los geschickt worden. Nach allen Berechnungen mussten alle Siedler längst abgesetzt worden sein, schon vor einem guten halben Jahr. Und wieso antwortete niemand?

Man begann, die Oberfläche des Planeten zu scannen, aus dem Orbit heraus. Eine unberührte Welt. So jedenfalls der erste Eindruck. Ein Eindruck, der sich auch bei genauerem Hinsehen nicht veränderte.

Bis der Kommandant eine Krisensitzung in der Zentrale einberief.

„Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder die Siedler sind noch gar nicht hier abgesetzt worden, oder aber sie sind aus unerfindlichen Gründen spurlos verschwunden!“, berichtete er. „Mit anderen Worten: Es gibt nicht die geringste Spur der Siedler. Fünfhundert Expansionseinheiten können nicht übersehen werden. Nicht mit unseren ausgefeilten Ortungs- und Scaninstrumenten.“

Der Feuerleitoffizier meldete sich zu Wort:

„Das Siedlerschiff müsste ja längst wieder unterwegs sein, wenn es die Siedler abgesetzt hat. Normalerweise hätte es ein Bestätigungssignal nach Axarabor senden müssen. Davon hätten wir allerdings gar nichts erfahren. Wir sind ja turnusmäßig hier. Das ist alles schon Jahrzehnte im Voraus geplant gewesen.“

Der Kommandant nickte dem Funkoffizier zu.

„Also gut, nehmen Sie Verbindung auf mit Axarabor und fragen sie nach. Wir müssen definitiv wissen, ob das Siedlerschiff sich einfach nur verspätet hat. Dann können wir hier wieder verschwinden und kehren zu einem späteren Zeitpunkt wieder zurück.“

So lange setzte er die Sitzung aus. Bis das Ergebnis des Funkoffiziers vorlag.

Der Kommandant ließ den Offizier selbst das Ergebnis vortragen:

„Es ist eindeutig: Das Siedlerschiff ist vor über einem halben Jahr hier gewesen. Alles verlief nach Plan. Daraufhin hat es sich auf den Rückweg gemacht.“

„Gut zu wissen!“, meinte der Feuerleitoffizier erleichtert.

Eine Erleichterung, die der Kommandant in keiner Weise teilen konnte:

„Und wo sind dann die Siedler abgeblieben? Sie müssten doch alle dort unten sein, auf der Oberfläche dieser Welt, nicht wahr? Und wieso sind sie das nicht? Und sie sind ja nicht nur nicht zu entdecken, sie reagieren auch nicht auf unsere Funkbemühungen.“

Alle sahen sich betreten an.

„Ich habe mir bereits erlaubt, während der Anfrage mitzuteilen, dass wir hier keinerlei Siedler vorfinden können!“, meldete der Funkoffizier.

„Gut so!“, lobte ihn der Kommandant.

Dann hob er seine Stimme:

„Wir bleiben vorerst hier, um die Planetenoberfläche nach Spuren zu untersuchen. Fünfhundert von diesen neuartigen Expansionseinheiten müssen Spuren hinterlassen haben. Zumal sie offensichtlich ordnungsgemäß abgesetzt worden sind. Es ist unmöglich, dass sie einfach so im Nichts verschwinden.“

Niemand machte Einwände geltend. Die Suche ging weiter.

Aber auch nach zwei weiteren Wochen, bei denen sozusagen kein Quadratmeter Planetenoberfläche ausgenommen worden war, fand sich nicht die geringste Spur irgendwelcher Siedler. Es schien gerade so, als hätte noch niemals in der Geschichte dieser Welt ein Mensch seinen Fuß darauf gesetzt.

Der Kommandant des Scouts gab daraufhin Alarm, bevor er das System mit seinem Schiff verließ. Es musste davon ausgegangen werden, dass eine unbekannte und sicherlich auch unbegreifliche Macht die Siedler hatte verschwinden lassen, wie auch immer. Jede weitere Minute in diesem Sonnensystem konnte bedeuten, dass auch sie für immer verschwanden. Das konnte und durfte niemand riskieren.

Der Planet EXPANSIONSWELT wurde auf den Index der verbotenen Welten gesetzt. Niemand durfte mehr ohne besondere Erlaubnis der Raumflotte von Axarabor dieses System anfliegen, und wenn es jemand illegal tun würde, dann auf eigene Gefahr.

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12

Gregor Hansen wusste nicht mehr zu sagen, wie er den Weg nach Hause überhaupt geschafft hatte. Er erwachte erst aus der Erstarrung, als der Gleiter vor der Expansionseinheit zum Stehen kam.

Er wandte sich von den Kontrollen ab und ging zum Ausgang, um ihn zu öffnen. Als er hinaus trat, stand Ellie bereits in der offenen Außenschleuse der Expansionseinheit. Sie sah ihn irritiert an.

„Was ist los, Gregor? Wieso hast du dich nicht angekündigt? Ich habe dich zufällig in der Erfassung gesehen. Und wo ist David?“

Gregor Hansen stockte im Schritt. Er wagte es nicht, seine Frau anzusehen. Seine Lippen mahlten, doch kein Laut verließ sie. Sein Blick war starr auf den Boden direkt vor ihm gerichtet.

„Wo ist David?“, schrie sie ihn mit aufsteigender Hysterie an.

Langsam kam sie auf ihn zu. Ihre Hände begannen zu zittern. Dabei betrachtete sie ihn wie einen Wildfremden, den sie zum ersten Mal in ihrem Leben zu Gesicht bekam.

Gregor wollte es ihr sagen, doch es ging ganz einfach nicht. Er war noch nicht einmal in der Lage, einfach weiterzugehen, um das Haus zu betreten.

Der Zugang zum Gleiter hinter ihm stand immer noch offen. Ellie schob sich an ihrem Mann vorbei und erreichte den Eingang mit hämmerndem Herzen.

„David?“, rief sie in das Innere.

Sie wirbelte herum.

„Was hast du getan? Wo ist unser Sohn?“, schrie sie, nun endgültig hysterisch.

Gregor Hansen war nach wie vor wie erstarrt. Er suchte vergeblich nach passenden Worten.

Es gab keine!

In diesem Moment schrillte der Alarm über der Expansionseinheit, die nun ihr Haus geworden war. Sie zuckten beide zusammen wie unter einem Peitschenhieb.

Eine Sekunde später erschienen Cora und Sybille im Hauseingang.

„Da gibt es eine Störung im Westen, an der Abgrenzung. Aber auf der Bildwiedergabe ist nichts zu sehen. Jemand muss sofort dorthin und nachsehen, was los ist!“

Klar, dass damit ihr Vater gemeint war. Die beiden schienen in ihrer Aufregung gar nicht zu bemerken, in welchem Zustand sich ihre Eltern befanden.

Gregor Hansen wandte sich dem Gleiter wieder zu. Er packte seine Frau an den Schultern und schob sie einfach beiseite. Dann stieg er in den Gleiter und schloss ihn hinter sich.

„Wo ist David?“, hörte er draußen seine Frau kreischen.

Die Töchter wirkten erschrocken. Jetzt erst wurde ihnen klar, dass anscheinend etwas Furchtbares passiert war.

Ellie wandte sich an sie. Dicke Tränen kullerten über ihre Wangen.

„Er ist ohne David zurückgekommen. Bei Setna, wo ist mein Junge? Was ist dort draußen passiert?“

Gregor Hansen setzte den Gleiter zurück und wendete ihn. Dann ließ er ihn in die Richtung fliegen, in der dieser Alarm ausgelöst worden war.

Dass er die KI bat, ihm die Stelle zu zeigen, wurde ihm gar nicht bewusst. Er erschrak daher, als plötzlich ein Bild auf die Sichtscheibe projiziert wurde.

Die beiden Mädchen hatten recht: Es war eigentlich gar nichts zu sehen. Trotzdem schrillte der Alarm, der im Innern des Gleiters nur als blinkendes Rotlicht dargestellt wurde. Die Bord-KI steuerte den Gleiter selbstständig genau zu diesem Zielpunkt.

Als Gregor Hansen das Ziel erreicht hatte, sah er sich sorgfältig um. In der Tat: Da war eigentlich gar nichts. Nur ein Fehlalarm? Er rief die Daten ab.

Ein menschengroßer Gegenstand hatte den Alarm ausgelöst. Und es schien sich nicht um einen bekannten Menschen gehandelt zu haben, also nicht um einen Siedler. Und wenn es kein Siedler war, was dann?

Gregor Hansen griff nach seiner Handfeuerwaffe und versuchte nachzudenken, aber in seinem Kopf herrschte nur noch das reine Chaos.

Kurz glaubte er, draußen seinen Sohn gesehen zu haben. Er wischte sich verzweifelt über die Augen. Nein, David war tot, unwiederbringlich. Er hatte es selbst erlebt, wie diese Saurier ihn zerfetzt hatten.

Da war immer noch nichts, dort draußen.

Zähneknirschend ging er zum Ausgang. Es war höchst unvernünftig, während eines bestehenden Alarms die Sicherheit des Gleiters zu verlassen, aber sehnte er sich denn nicht nach dem Tod?

Eigentlich war es ihm egal, was mit ihm geschah. Wenn es nur etwas war, was diesen grausamen Schmerz in seinem Innern beendete. Es war unerträglich, und er wusste definitiv, dass dies nicht so schnell aufhören würde. Und alle würden ihn hassen. Nicht nur Ellie und die Töchter, wirklich alle. Er hatte seinen eigenen Sohn auf dem Gewissen. Egal, was er auch vorbringen würde zu seiner Entschuldigung: Zumal er es sich ja noch nicht einmal selber verzeihen konnte.

Er verließ den Gleiter. Gerade brach die Dunkelheit herein. Der Abschnitt, der von dem Alarm betroffen war, wurde sogleich von Scheinwerfern hell beleuchtet.

Da war nichts und niemand. Der Eindringling, worum auch immer es sich gehandelt haben mochte, konnte auch nicht tiefer in das Gebiet eingedrungen sein, denn das Gebiet wurde natürlich lückenlos überwacht. Nicht nur aus landwirtschaftlichen Gründen. Es gehörte zum Sicherheitsprogramm. Keinem Siedler sollte etwas zustoßen in seiner neuen Heimat.

Außer David!, dachte Gregor Hansen unwillkürlich.

Und dann hörte er sich selber schreien:

„David, bist du das?“

Was sollte das? Wie kam er dazu? War dies der beginnende Wahnsinn? David war tot, und er konnte sich einfach nicht damit abfinden. Nicht nur, weil er sich im höchsten Maße schuldig fühlte. David war immerhin sein Sohn gewesen.

Und da sah er den Schatten, einige Meter außerhalb der Absperrung. Mannshoch. Einer von diesen verfluchten Saurier? Er stand am Rande des Lichtkegels und war nur undeutlich zu erkennen.

Nein, kein Saurier.

Ein Mann?

Jedenfalls ein Mensch, in seltsame Kleidung gehüllt. Wie ein Fantasiegewand. Eine bestickte Robe oder so etwas.

Gregors Augen tränten vom angestrengten Hinsehen. Er blinzelte die Tränen weg, und als er wieder klarer sehen konnte, war der Schatten verschwunden.

Gregor packte die Waffe fester und ging grimmig genau dorthin, wo er glaubte, den Schatten gesehen zu haben.

Ja, es war ihm egal, ob er damit ein Risiko einging. Wenn ja, umso besser sogar. Sollten ihn die verrückten Monster dieser verfluchten Welt doch genauso zerfleischen wie seinen Sohn. Er hatte es allemal verdient.

Aber als er die Stelle erreichte, sah er noch nicht einmal eine Spur dessen, was er zu sehen geglaubt hatte.

„Wer sind Sie?“, hörte er sich laut fragen.

Das waren Worte, die selbstständig über seine Lippen gingen. Er war gar nicht in der Lage, auch nur einen einzigen klaren Gedanken zu fassen. Wie denn auch, bei alledem, was passiert war?

Und da tauchte der Schatten wieder auf, direkt vor ihm.

Er riss die Hand mit der Waffe hoch, wollte instinktiv schießen.

Der Fremde schlug die Hand mit der Waffe einfach beiseite.

„Lass den Quatsch, Gregor Hansen!“, sagte er ruhig.

Gregor Hansen erschrak.

Doch einer der anderen Siedler? Aber wieso hatte er den Alarm ausgelöst?

„Ich habe den Alarm ausgelöst, damit du hierher kommst, Dummkopf!“, belehrte ihn der Fremde, als könnte er seine Gedanken lesen.

Dann fuhr er ungerührt fort:

„Natürlich kann ich deine Gedanken lesen. Aber stecke endlich die Waffe weg. Die wird dir sowieso nichts nutzen gegen mich. Du könntest damit nur noch mehr Unheil anrichten.“

Der weiß von David!, schoss es ihm unwillkürlich durch den Kopf.

„Klar weiß ich das. Ich weiß alles über dich, Gregor Hansen, und ich kann dir auch sagen, wie du aus dieser Nummer endlich wieder heraus kommst. Immerhin nach ungefähr achtzehntausend Mal, bei denen du es immer und immer wieder hast durchleben müssen. Ja, schau nur, Gregor, so oft ist dein Sohn bereits gestorben in den letzten über neuntausend Jahren!“

Gregor Hansen war jetzt endgültig überzeugt davon, dass er über die Ereignisse mit seinem Sohn komplett den Verstand verloren hatte. Da half wirklich nur noch eins: Er hob die Waffe und steckte sie sich in den Mund. Sein Zeigefinger krümmte sich um den Abzug.

––––––––

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13

Die Bewegung erfolgte so schnell, dass man ihr nicht mit dem Auge folgen konnte: Der Fremde griff mit brachialer Gewalt zu und riss Gregor Hansen die Waffe aus dem Mund. Er nahm die Waffe an sich und wog sie wie prüfend in der Hand.

„Ich kann ja verstehen, was in dir vorgeht, Gregor Hansen, aber für solchen Quatsch fehlt uns nun wirklich die Zeit. Immerhin befinden wir uns an der Gegenwartslinie, die unaufhaltsam voran schreitet, auch in dieser Phase. Bis zum Kollaps, nach dem sich alles neu ordnet und... von vorn beginnt.“

Was redete der Kerl denn da für ein Zeug? Wer war denn nun wahnsinnig? Doch eher der da vor ihm. Aber was wollte er überhaupt? Wieso hatte er den Alarm ausgelöst? Um ihn, Gregor Hansen, hierher zu locken? Aus welchem Grund? Und wieso wusste er das mit David?

Der Fremde schüttelte den Kopf und meinte tadelnd:

„Wenn du dich nur mal für ein paar Sekunden konzentrieren könntest auf das, was ich zu sagen habe... Ich bin hier, um dir zu helfen. Nicht nur dir. Denn ich bin genauso Gefangener dieser Phase geworden wie alles, wie diese ganze Welt. Es gibt kein Entrinnen. Bis zur Gegenwartslinie nicht, was ja bedeutet: Bis zum Ende aller Zeiten.“

Wie war der überhaupt angezogen? Irgendwie erinnerte es Gregor an einen Märchenfilm für Kinder, an den Darsteller des Zauberers. Waren auf die seltsamen Robe tatsächlich Sonne, Planeten, Monde und Sterne gestickt? Was sollte das?

Der Fremde lachte humorlos.

„Ich bin der Zeitreisende. Ich weiß nicht, ob ich der einzige meiner Art bin, also ob es von meiner Sorte noch mehr gibt im unendlichen Universum. Die Möglichkeit, dass wir uns jemals begegnen würden, ist sowieso absolut NULL! Und ich habe diese Störung im Raum-Zeit-Kontinuum entdeckt. Dafür habe ich sozusagen einen Extrasinn. Aber ich hatte keine Chance, etwas daran zu ändern. Ich konnte die Phase nicht auflösen. Sie blieb parallel.“

Gregor Hansen verstand kein Wort.

Der Fremde, der sich als der Zeitreisende ausgab, sah es und winkte mit beiden Händen ab.

„Ich weiß, du verstehst kein Wort.“ Er seufzte abgrundtief. „Ich habe nun schon oft genug versucht, es zu erklären, aber niemand scheint es verstehen zu können, obwohl es doch ganz einfach ist: Wir befinden uns hier in einer zweiten Phase. In der ersten Phase gibt es keine Siedler. Deshalb konnte damals das erste Scoutschiff auch keine vorfinden.

In der Zwischenzeit hat es immer wieder mal Versuche gegeben, die Ursache dafür zu ergründen, wieso diese Welt hier schon so lange zu den verbotenen Welten gehört. Ohne Ergebnis. Wenn es noch nicht einmal mir selber gelingen konnte. Zunächst jedenfalls.

Bis ich nach immerhin über neuntausend Jahren über die Gegenwartslinie in diese Phase zwei eindringen konnte. Ein Fehler, denn es hat sich als unentrinnbare Falle erwiesen. Auch für mich! Mit anderen Worten: Ich kann zwar innerhalb einer Wiederholungsphase mich bewegen, aber ihr nicht mehr entkommen.“

Er betrachtete Gregor Hansen, der ihn nur aus großen, weiten Augen anstarrte.

Abermals schüttelte er den Kopf.

„Also gut: Das hier ist das, was man eine Zeitschleife nennen könnte! Verstehst du es zumindest auf diese Weise? Sie dauert etwa ein halbes Jahr. Du bist jetzt noch relativ am Anfang dieser Zeitspanne, hast gerade erst deinen Sohn scheinbar für immer verloren und musst nun damit klar kommen. Was dir auch in einem halben Jahr noch nicht gelungen sein wird. Dir genauso wenig wie allen anderen.

Ich sage dir, was von jetzt ab passiert – normalerweise. Alle sind gegen dich. Du wirst zum Außenseiter erklärt, von jedermann. Doch niemand bringt es fertig, dich zur Rechenschaft zu ziehen. Also lässt man dich einfach nur links liegen.

Du bist schlimmer dran als ein Aussätziger. Wie du dieses halbe Jahr in der absoluten Isolation, der Verachtung aller ausgesetzt, überhaupt überstehen kannst, ist mir allerdings ein Rätsel. Immer wieder spielst du zwar mit dem Gedanken, dich selber zu richten ob deiner Schuld am Tod deines Sohnes. Doch es kommt niemals zum Vollzug.

Bis die Phase wie immer kollabiert und alles wieder von vorn beginnt. Du trittst aus der Expansionseinheit, dein Sohn kommt zu dir und gibt zu, dass er sich langweilt. Später fährst du mit ihm hinaus in die Wildnis. Dort kommt dein Sohn um und so weiter...

Wie schon gesagt: Das hat sich inzwischen rund achtzehntausend Mal wiederholt! Aber jetzt bin ich ja da und mache dir das klar. Zumindest versuche ich es.“

Gregor Hansen hatte eigentlich nur eines begriffen: Sein Sohn war jetzt tot, aber alles, was dieser Fremde da vor ihm von sich gab, mündete da hinein, dass es vielleicht doch noch so etwas wie Hoffnung gab, etwas daran zu ändern. Irgendwie. Oder interpretierte er da nur etwas hinein, was gar nicht wirklich von dem Fremden behauptet wurde?

„Nein, das siehst du schon richtig – irgendwie!“, meinte dieser prompt und bewies damit erneut, dass er seine Gedanken lesen konnte.

„Kein Wunder, dass du meine Gedanken lesen kannst“, murmelte Gregor Hansen tonlos vor sich hin: „Du entspringst ja sowieso nur meiner Einbildung, also bist du ein Teil von mir, meines Wahnsinns.“

Der Zeitreisende lachte darüber.

„Ich bin genauso real wie du, mein Freund. Und ich wende mich deshalb gerade an dich, weil ich mir von dir erhoffe, die Zeitschleife beenden zu können.

Weißt du, die Zeit heilt sich normalerweise selbst. Bei einem Paradoxon zum Beispiel entsteht zwar eine parallele Zeitphase, aber irgendwann egalisiert sich das, indem die normale Phase eins mit der parallelen Zeitphase zwei allmählich wieder verschmilzt. Selbst bei großen Störungen ist dies normalerweise der Fall. Und ich habe in der Regel wirklich wenig Anlass, mich irgendwo einzumischen. Das mache ich wirklich nur, wenn es absolut unumgänglich wird.

Wie beispielsweise diese ganz besondere Zeitschleife. Ganz offensichtlich hat es die Zeit selber, aus eigener Kraft, nicht geschafft, auch nicht nach all den Jahrtausenden, einen Ausgleich zu schaffen.

Dabei gehe ich sogar auch noch davon aus, dass die Zeitschleife schon länger besteht. Vielleicht sogar seit Jahrmillionen? Einiges weist darauf hin. Der Planet ist eigentlich uralt, doch die ersten Scouts haben angenommen, einen jungen Planeten vor sich zu haben wegen seiner urweltlichen Bedingungen. An eine Zeitschleife, die dies indirekt beeinflusst, hat natürlich niemand gedacht.

Und dann kamt ihr Siedler hierher. Ich vermute, ihr seid in dem ersten halben Jahr eures Hierseins immer mehr mit Phase zwei verschmolzen, so dass ihr aus der Phase eins verschwunden seid, mit allem, was euch gehört. Seitdem seid ihr schier unrettbar verloren in dieser Schleife und müsst immer alles von vorn erleben.“

„Ich weiß nicht, ob es stimmt oder ob ich einfach nur wahnsinnig geworden bin“, murmelte jetzt Gregor Hansen wie zu sich selbst. Die wilde Hoffnung auf eine Änderung seines Schicksals, gar auf die Rettung seines Sohnes, wurde allmählich größer als jegliche Skepsis noch hätte sein können.

Es war wie der berüchtigte Strohhalm, an den sich ein Ertrinkender klammerte: Er begann zu glauben, weil er es glauben wollte, ja musste, ob seines eigenen Seelenfriedens willen!

Deshalb fuhr er fort:

„Wenn es wirklich so ist, heißt das doch, dass sich alles dahingehend wiederholt, dass David wieder lebt. Ich muss nur den Fehler vermeiden, der zu seinem Tode führt, nicht wahr?“

Der Zeitreisende nickte lächelnd.

„Das jedenfalls ist der Plan!“, betonte er.

„Aber was wird dann geschehen?“

„Alles wird ab diesem Zeitpunkt anders sein als bisher. Damit würdest du es schaffen, die Abläufe entscheidend zu verändern, denn durch den Tod deines Sohnes werden keinerlei Anstrengungen mehr unternommen, diese Welt näher zu erforschen. Alle bleiben in ihrem eigenen selbst gewählten Hochsicherheitsgefängnis, zu dem ihre Gebiete geworden sind. Du wirst ein kümmerliches Dasein fristen, am Rand aller Gesellschaft. Du wirst nicht verhungern, aber deine Seele wird endgültig verkümmern.

Wenn die Zeit weiter reichen würde als nur insgesamt ein halbes Jahr jeweils, wer weiß, was dann noch aus dir werden würde? Niemand kann auch nur sagen, was denn überhaupt aus der ganzen Siedlergemeinschaft werden würde.

Aber nur du hast die Chance, eine so tiefgreifende Veränderung vorzunehmen, dass vielleicht sogar die Chance besteht, die Zeitschleife zu durchbrechen und diese aus einer tiefgreifenden Störung erwachsene Parallelphase wieder mit Phase eins zu verschmelzen.“

„Wie würde sich das denn äußern?“, erkundigte sich Gregor bang.

„Dein Sohn jedenfalls würde überleben, alles würde anders werden. Die Siedler würden sich durch deine Initiative um die Erforschung ihrer neuen Heimatwelt dazu ermutigt fühlen, künftig jeglicher Gefahr begegnen zu können. Damit so etwas wie mit deinem Sohn niemals passieren kann.

Und es wird dann ja auch gar nicht passiert sein. Nur du würdest es wissen, und du wirst dabei zur wichtigsten Person der gesamten Gemeinschaft werden. Als Koordinator für alle weiteren Maßnahmen zur Erforschung dieser Welt.

Die Gemeinschaft wird sich letztlich nur wundern, wenn erneut ein Scout von Axarabor auftaucht, um festzustellen, dass viele Jahrtausende seit ihrer Besiedlung inzwischen vergangen sind. Sie werden es nicht verstehen, weil für sie ja inzwischen nur wenige Jahre vergangen sein werden.“

„Klingt gut – zu gut, um wahr zu sein!“

„Nun, noch ist es ja nicht wahr. Wir müssen erst einmal dafür sorgen, dass es wahr wird.“

„Aber wieso benötigst du dafür überhaupt mich? Wieso änderst du denn nicht selber die Abläufe, um vielleicht damit die Zeitschleife aufzulösen?“

„Weil ich dazu nicht imstande bin. Sonst hätte ich es bereits getan und bräuchte nicht auf dich zurückzugreifen. Denn ich bin kein gewachsener Bestandteil der Zeitschleife. Nicht so wie du, nach immerhin achtzehntausend Wiederholungen...“

Irgendwie leuchtete Gregor Hansen das ein.

„Wie wollen wir vorgehen?“, fragte er.

„Nun, ich kann mich innerhalb der Halbjahresspanne frei bewegen, bis zur Gegenwartslinie zumindest, an der wir uns in diesem Moment befinden. Also kann ich dich zurück bringen zum Anfang, wenn du die Expansionseinheit verlässt. Diesmal jedoch wirst du wissen, dass es sich um eine bloße Wiederholung handelt und dass du den Ablauf bewusst beeinflussen kannst, wenn du es nur willst...“

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14

Der zehnjährige David zupfte an seinem Rockzipfel.

Gregor Hansen wandte sich ihm zu.

„Mir ist langweilig!“, beklagte sich David.

Gregor Hansen erschrak, denn ihm wurde bewusst, dass er genau das schon einmal erlebt hatte.

Er hob den Kopf und sah sich suchend um. Wo war der Zeitreisende? Immer noch anwesend?

Er konnte ihn nirgendwo sehen.

Sein Blick heftete sich wieder auf David. Der wirkte putzmunter, eben nur gelangweilt.

Die Chance!, hämmerte es in Gregor Hansen. Bei Setna: Die Chance, alles doch noch zu ändern! Aber jetzt noch nicht. Der richtige Zeitpunkt muss erst gefunden werden. Die Auswirkungen müssen möglichst weitreichend sein.

Oder hatte er das alles mit dem Zeitreisenden nur geträumt? War denn vielleicht sogar der Tod seines Sohnes nur ein verfluchter Alptraum gewesen?

Wie hatte er die letzte Nacht überhaupt verbracht? Mit solchen Alpträumen?

Er wurde leicht unsicher. Doch dann schüttelte er entschieden den Kopf.

Er strich seinem zehnjährigen Sohn über den Kopf und hörte sich murmeln:

„Ich langweile mich auch!“

Er darf nicht sterben. Diesmal nicht. Und nur ich kann es verhindern, denn nur ich weiß, was passieren wird...

„Ja, ich mich auch!“, betonte er.

David sah ihn überrascht an. Er gewahrte es erst, als ihre Blicke sich wieder begegneten.

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15

Alles war genauso, wie er es bereits kannte. Auch noch, als er längst gemeinsam mit David im Gleiter saß, unterwegs in Richtung Berge.

Der letzte entscheidende Stopp: Gregor Hansen sah hinaus - in Richtung Berge eben.

Ohne seinen Sohn anzusehen, der die ganze Zeit über erstaunlich ruhig war, fragte er ihn: „Was meinst du, David? Sollen wir noch eine Stück weiter in Richtung Berge? Oder willst du schon umkehren?“

„Au, ja, weiter in Richtung Berge!“, rief David begeistert und klatschte sogar auch noch in die Hände.

Da fiel es ihm sozusagen wie Schuppen von den Augen. Sein Herz pochte ihm bis zum Hals. Was, wenn er sich diesmal dagegen entschied? David würde die Saurier nicht sehen. Er würde ihm auch niemals böse sein können, wenn er verhinderte, dass David nach draußen ging, in den sicheren Tod. Er würde ja nie begreifen, dass Gregor ihm einfach nur das Leben gerettet hatte.

Nein, die Szene mit den Sauriern durfte niemals wieder ablaufen!

Gregor Hansen wusste es in aller Klarheit: Ja, das ist jetzt der einzig richtige Zeitpunkt für eine andere Entscheidung!

Er schürzte wie nachdenklich die Lippen.

Schon das war anders als jemals zuvor.

Sein Blick fiel auf die Zeitanzeige.

„Entschuldige bitte David, das könnte knapp werden. Außerdem würden wir den Funkkontakt verlieren.“

Er wandte sich David zu, sah die Enttäuschung in dessen Gesicht und lachte zuversichtlich.

Während er seinem Sohn über den Blondschopf strich, versprach er hoch und heilig: „Du wirst von nun an immer mit dabei sein! Hörst du? Wir beide werden die Eroberer von EXPANSIONSWELT! Wir werden von nun immer wieder, möglichst sogar jeden Tag, los ziehen, um immer mehr zu erfahren. Du und ich, wir werden Geschichte schreiben. Willst du das?“

David sah ihn mit großen, runden Augen an. Dann schrie er begeistert:

„Au, ja!“

„Und wenn sonst jemand mitgehen will, wie beispielsweise dieser Schmittgen, werden wir uns sehr genau überlegen, ob derjenige überhaupt geeignet ist. Dieser Schmittgen scheint mir ein Feigling zu sei. Oder wie siehst du das?“

David nickte heftig.

Gregor strich ihm abermals über den Blondschopf.

„Dann kehren wir jetzt zurück und bereiten uns auf die nächste Exkursion vor, die wir so bald wie möglich starten werden. Vielleicht nicht schon morgen. Du weißt ja, da sind wir zum Mittagessen eingeladen ausgerechnet bei Schmittgens. Aber auch das werden wir überstehen. Findest du nicht auch? Wir müssen uns halt auch dem Wunsch deiner Mutter beugen. Um des lieben Friedens willen, auch wenn ich viel lieber morgen schon mit dir wieder hinausziehen würde. Aber macht ja nichts, wenn wir mal einen einzigen Tag überspringen, nicht wahr?“

„Ja, macht ja nichts!“, bestätigte David.

Klar, es passte ihm nicht, aber er sah die Notwendigkeit durchaus ein, und Gregor sah ihm an, dass er jetzt schon danach fieberte, sich mit seinem Vater erneut hinaus zu begeben in die Wildnis.

Er wusste ja noch nicht, dass er dereinst in die Chronik der Siedlergemeinschaft von EXPANSIONSWELT als der größte Entdecker der jüngeren Geschichte eingehen würde.

Noch während der Gleiter zurück düste, in die Richtung, in der ihr eigenes Gebiet lag, erschien auf der weiten Ebene hinter ihnen ein Mann in seltsamer Kleidung. Sie sahen ihn nicht.

Der Zeitreisende lächelte erleichtert. Er spürte, dass die entartete zweite Phase mit der ersten Phase zu verschmelzen begann. Mit anderen Worten: Er spürte, dass die Zeitschleife sich selbst tot lief. Ab jetzt erst begann die eigentliche Geschichte der Besiedelung von EXPANSIONSWELT.

Er überlegte noch, ob er der Raumflotte von Axarabor einen Tipp geben sollte, um einen weiteren Scout hierher zu schicken, der dann mit der Siedlungsgemeinschaft Kontakt aufnehmen konnte.

Doch dann dachte er daran, dass es möglicherweise das Weiterleben der Gemeinschaft zu entscheidend beeinflussen konnte. Denn jeder würde sich natürlich fragen, wieso die Siedlergemeinschaft einfach so ganze neuntausend Jahre übersprungen hatte seit Beginn der Besiedlung.

Nur einer von ihnen würde die richtige Antwort kennen, nämlich Gregor Hansen.

Konnte er diesem das wirklich zumuten?

Gregor Hansen würde nie und nimmer den wahren Grund nennen dürfen. Es hätte ihm mit absoluter Sicherheit niemand geglaubt. Das hätte wiederum den Verlauf der Geschichte von EXPANSIONSWELT zusätzlich und negativ verändern können. Ein Gregor Hansen, der als Verrückter galt, würde niemals die wichtige Rolle spielen können, die ihm das Schicksal eigentlich zugedacht hatte, bevor er die weitere Koordination der Erkundung ihrer neuen Welt seinem Sohn überlassen konnte.

„Es ist besser, erst einmal alles unangetastet zu lassen!“, war die klare Entscheidung, die der Zeitreisende letztlich traf, ehe er von hier verschwand.

Gregor Hansen würde sich zwar an den Tod seines Sohnes nach wie vor erinnern können, doch er würde dieses grausige Ereignis mit der Zeit mehr und mehr als bloßen Alptraum einstufen. Als etwas, was niemals wirklich passiert war.

Und alles würde ja auch genauso sein, als wäre es niemals passiert, denn die achtzehntausend Mal in der Zeitschleife zählten ja nicht mehr...

ENDE

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Die Raumflotte von Axarabor - Band 92 - Sawyer lebt!

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Table of Contents

UPDATE ME

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Sawyer lebt!

Die Raumflotte von Axarabor - Band 92

von Stefan Hensch

Der Umfang dieses Buchs entspricht 93 Taschenbuchseiten.

Zehntausend Jahre sind seit den ersten Schritten der Menschheit ins All vergangen. In vielen aufeinanderfolgenden Expansionswellen haben die Menschen den Kosmos besiedelt. Die Erde ist inzwischen nichts weiter als eine Legende. Die neue Hauptwelt der Menschheit ist Axarabor, das Zentrum eines ausgedehnten Sternenreichs und Sitz der Regierung des Gewählten Hochadmirals. Aber von vielen Siedlern und Raumfahrern vergangener Expansionswellen hat man nie wieder etwas gehört. Sie sind in der Unendlichkeit der Raumzeit verschollen. Manche errichteten eigene Zivilisationen, andere gerieten unter die Herrschaft von Aliens oder strandeten im Nichts. Die Raumflotte von Axarabor hat die Aufgabe, diese versprengten Zweige der menschlichen Zivilisation zu finden - und die Menschheit vor den tödlichen Bedrohungen zu schützen, auf die die Verschollenen gestoßen sind.

Die Superintelligenz Cranium wurde besiegt. Durch den heldenhaften Einsatz eines Teams der Sektion 4 konnte eine gigantische Bedrohung für das axaraborianische Sternenreich ausgeschaltet werden. Seitdem gilt Commander Nataly Sawyer als vermisst. Aber die Sektion 4 lässt niemanden zurück und entsendet eine Rettungsmission. Auf Pentara stellt sich heraus, dass die Strategen des Flottenoberkommandos einen schweren Fehler begangen haben. Ist Cranium wirklich besiegt?

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Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker (https://www.lovelybooks.de/autor/Alfred-Bekker/)

© Roman by Author / COVER 3000 AD 123rf STEVE MAYER

© Serienidee Alfred Bekker und Marten Munsonius

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Vor Jahrtausenden

Maxyn stand auf der Zitadelle und bewunderte die Schönheit, an der er maßgeblichen Anteil hatte. Siltanat war die schönste Stadt des ganzen Reichs. Psioniker wie Maxyn waren es gewesen, die die Insel aus den Tiefen des Ozeans aufsteigen gelassen hatten. Die psionisch begabten Männer und Frauen hatten dem Ozean einzig durch die Kraft ihrer Gedanken die Landmasse abgerungen.

Maxyn lächelte. Der Triumph der Psionik war nun nicht mehr zu bestreiten, hatten doch ihre Wirkungen die der Technik längst haushoch übertrumpft.

Wahrzeichen der Insel war der steil in den Himmel ragende Obelisk, der genau im Zentrum der Insel stand. Der Legende nach bestand die Spitze des monumentalen Bauwerks aus einem gigantischen Rubin. Maxyn musste lächeln. Manche Mythen stimmten eben einfach. Aber der Psioniker wusste noch mehr, viel mehr. Der Obelisk mit seinem riesigen Rubin war in doppelter Hinsicht ein Sinnbild für Siltanat. Auch der Obelisk existierte nur, weil es die Psioniker wollten. Die Gesetze der Physik hätten andernfalls schon längst dafür gesorgt, dass die Nadel eingestürzt wäre. Ebenso, wie auch die Insel wahrscheinlich wieder am Meeresgrund liegen würde, dachte Maxyn.

Die Nadel, dachte Maxyn. Die Menschen gaben allem und jedem eigene Namen. Im Fall des Obelisken war dieser Begriff sehr naheliegend, denn das monolithische Bauwerk sah auch tatsächlich wie die Nadel eines Zyklopen aus.

Der Psioniker ging wieder zurück in sein Arbeitszimmer. Wer an Siltanat dachte, dem kam zuerst die Schönheit der Insel in den Sinn. Doch heute würde auf der Insel im Talantic Geschichte geschrieben, und Maxyn war auch daran federführend beteiligt. Zusammen mit seinen Brüdern und Schwestern würde er die Menschheit in ein neues Zeitalter führen, frei von den Zwängen der Beschränkung und des Mangels.

*

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Das Ritual fand auf dem großen Platz am Fuße des Obelisken statt. Die Fläche bot für diesen geschichtsträchtigen Moment die ideale Kulisse. Der Ort war Jahunna, der Göttin der Wissenschaften, geweiht worden. Zypressen, Kaluna und Orangenbäume erstreckten sich über das großzügige Areal, fassten es ein und spendeten im Sommer Schatten.

Im Zentrum des Platzes standen die dreizehn Psioniker und hielten sich an den Händen. Die Sonne stand hoch am Firmament und schenkte diesem denkwürdigen Tag wohlige Temperaturen. Hinter den Psionikern drängte sich die Bevölkerung von Siltanat, um später einmal diesen denkwürdigen Tag bezeugen zu können.

Maxyn genoss diesen Zeitpunkt mit jedem Atemzug. Er war es gewesen, der im Ätherraum auf die Erscheinung gestoßen war. Pure Energie, dachte der Psioniker begeistert.

In der Ferne schlug sanft die Glocke der Sankt Timotheus Kathedrale. Dies war das vorher verabredete Signal, um mit der Energiearbeit zu beginnen. Die Psioniker schlossen die Augen und begaben sich in Trance, öffneten sich gleichzeitig aber für Maxyn.

Der erfahrene Psioniker konnte die Fähigkeiten seiner Brüder und Schwestern einsetzen, wie es auch der beste fugranische Dirigent nicht besser konnte.

Die Menschenmassen bekamen von dem größten Teil des Geschehens nichts mit, denn sie waren blind für diese Ebene der Realität. Dafür spürten sie aber ganz deutlich, dass vor ihren Augen irgendetwas Bedeutsames vor sich ging.

Maxyn bündelte die Energien der anderen Psioniker, und fokussierte sie mit seiner eigenen Kraft in den Ätherraum. Er ging dabei bis an die Grenze seiner eigenen Belastbarkeit. Schweiß begann sich auf seiner Stirn zu bilden und lief an seinem Gesicht herunter. Er keuchte vor Anstrengung!

Einige der Zuschauer hielten das Schauspiel für Aufschneiderei. Doch das änderte sich schon bald. Im Park wurde es unnatürlich still. Kein Vogel wagte es mehr zu singen, kein anderes Tier gab mehr einen Laut von sich. Auch die leisen Gespräche der Menschenmassen verebbten. Die Spannung in der Luft war jetzt schon fast greifbar.

Maxyn spürte plötzlich Widerstand. Irgendetwas stellte sich ihren Bemühungen in den Weg. Irritiert intensivierte er seine Anstrengungen nochmals. Mehr von seiner Psikraft konnte er nun nicht mehr einsetzen, obwohl er dazu in der Lage gewesen wäre. Als Mensch war Maxyn weiterhin auf seinen Körper angewiesen, und der ertrug nur ein bestimmtes Belastungsniveau. Ging er über diese Grenzen hinaus, würde sein Körper oder sein Geist Schaden nehmen.

Ein Keuchen drang aus seinem Mund. Er schwankte.

Die Zuschauer hörten es zuerst. Es war ein ansteigendes Rauschen, wie das Brausen eines großen Sturms. Auch Maxyn hörte das Geräusch. Es beruhigte ihn, wusste er doch nun, dass seine Bemühungen nicht erfolglos sein würden.

Das Geräusch wurde lauter und lauter, stieg immer weiter an. Die Menschen wurden unruhig. Maxyn wusste, dass er nun etwas tun musste. Eine Panik konnte niemand gebrauchen. Er öffnete die Augen.

Was haben wir getan, fragte er sich selbst. Der Himmel über Siltanat hing voller schwarzer Wolken. Bis vor kurzem war es angenehm warm gewesen, nun blies kalter Wind über die Insel. In der Ferne blitzte es sogar. Aber von dem Objekt aus dem Ätherraum sah er immer noch keine Spur. Was war hier los?

Aus den Augenwinkeln sah der Psioniker die Bewegung. Er sah genauer hin und erschauerte. Ihnen musste ein schrecklicher Fehler unterlaufen sein. Sie kamen von jeder Seite auf die Insel zu: Turmhohe Wellen!

Maxyn dachte angestrengt nach. Hatte es irgendwo ein Seebeben gegeben? Er wusste es nicht, aber letztlich war es auch egal.

Panik brach unter den Zuschauern aus. Das laute Brausen hatte sich zu einem Tosen gesteigert. Es war, als würde sich der Ozean öffnen, und die Insel verschlingen. Schlagartig wurde es dunkel. Die Wellen erreichten die Insel und schlugen über ihr zusammen. Bevor Maxyn starb, durchzuckte ihn ein Gedanke. Sie hatten grenzenlose Energie für die ganze Menschheit ermöglichen wollen. Doch das hätte zu einem Machtüberschuss geführt. Das musste nicht nur die Bevölkerung von Siltanat erkennen, sondern alle Menschen auf dem Planeten ... Der Geist des Psionikers zerbrach, eher er seinen letzten Atemzug tat. Etwas abgrundtief Schwarzes griff nach ihm. Was hatte er sich da nur angemaßt?

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2

Netaris-System, Planet Pentara

Das Kommandounternehmen unter der Führung von Nataly Sawyer hatte durchschlagenden Erfolg gehabt. Die kleine Einheit der Sektion 4 war unbemerkt ins Hauptquartier der Superintelligenz Cranium eingedrungen. Dort waren sie aber von den Einheiten des Kollektivs umstellt worden. Eine Flucht war unmöglich geworden. Anstelle zu kapitulieren hatte Commander Sawyer die Haftladungen gezündet. Damit war Cranium praktisch enthauptet worden. Jedoch sah es auch nicht gut für das Kommando aus. Es gab keine Exit-Strategie, anstelle dessen wurden die Spezialkräfte unter den Trümmern des Gebäudekomplexes verschüttet.

Kaum waren die Detonationen verklungen, da breitete sich bleierne Stille auf dem ganzen Planeten aus. Jeder Bewohner des Planeten trug ein Implantat in seinem Gehirn, das ihn zu einem Teil des Cranium-Kollektivs gemacht hatte. Im Kollektiv war niemand allein gewesen, niemals hatte Stille geherrscht. Doch das war jetzt vorbei.

In der Nähe des Hauptquartiers der Superintelligenz hatte sich eine Einheit Elitesoldaten für den anstehenden Einsatz bereitgemacht. Die Männer trugen die roten Uniformen des Kollektivs und waren mit schweren Waffen ausgerüstet. Aber keiner der Soldaten regte sich mehr. Jeder Einzelne wirkte völlig verloren, war wie abgeschaltet.

Der Wind fegte über den Platz, wehte Staub und andere Partikel von der Einsturzstelle zu den Soldaten herüber. Die Partikel legten sich auf die Haare und die Kleidung der Soldaten, wurde von diesen eingeatmet. Niemand blinzelte, niemand hustete. Die Menschen hatten sich in lebende Schaufensterpuppen verwandelt.

Doch das war nur das Augenscheinliche. Auf einer anderen Ebene der Wirklichkeit war noch etwas völlig anderes passiert. Dies konnte aber nur ein ausgebildeter Psioniker wahrnehmen. Die Detonation der Ladungen hatte zu einem psionischen Blackout geführt. Das Bewusstsein des Kollektivs war einfach abgeschaltet worden. Dieses Kollektiv wurde jedoch von Millionen Menschen gebildet und war deshalb entsprechend stark. Das Echo im Ätherraum blieb deshalb keinesfalls ungehört, stellte es doch eine der größten Erschütterungen der letzten tausend Jahre in diesem Quadranten des Alls dar. Die Schockwellen breiteten sich durch die ganze Galaxis aus und jeder Psioniker konnte die Erschütterung des Äthers spüren.

Einige der Wesen im Ätherraum blieben neutrale Beobachter dieses Events. Andere waren außer sich vor Wut, da sie die Entwicklung als ungeheuerliche Störung des energetischen Gleichgewichts betrachteten.

Aber es gab noch andere Perspektiven. Im Ätherraum gab es auch Wesen voller Gier, die auf jede sich bietende Gelegenheit warteten, um ihre psionische Fähigkeiten auszubauen. Eines dieser Lebewesen war niemand anderes als Maxyn, der mächtigste Psioniker von Siltanat.

Der Preis für seine Anmaßungen war grauenhaft gewesen. Er hatte tausend Jahre in einer Zwischenwelt vor sich hinvegetieren müssen. In absoluter Dunkelheit und absoluter Stille war er völlig isoliert gewesen. Doch auch diese monströse Strafe war vorübergegangen. Nun war der Ätherraum das Zuhause des körperlosen Wesens. Die Zeit hatte ihn verändert, ja er war sich sogar selbst fremd geworden. In Maxyn war schon vor langer Zeit ein Wunsch aufgekeimt, seitdem suchte er auf eine Gelegenheit.

Selbstverständlich hatte auch er das Echo des gigantischen Blackouts im Ätherraum verfolgt. Das Geistwesen erkannte Millionen gleißende Fäden am Schweif des energetischen Abbilds, dass den Blackout im Ätherraum darstellte. Jeder dieser Fäden führte zu einem der beteiligten Lebewesen. Es mussten Millionen von ihnen sein. Millionen Lebewesen, die nun in der grobstofflichen Welt zu einer Hülle geworden waren. Maxyn sah genau hin. Menschen, dachte er. Das war genau das, wonach die alte Seele suchte. Körper. Energie. Macht!

Lauernd und Meter für Meter bewegte sich Maxyn der Quelle des faszinierenden Echos entgegen. Die Zeit im Exil hatte aus Maxyn ein schwaches Wesen gemacht. Er besaß durchaus noch die Kraft für einen Wechsel in die grobstoffliche Dimension, aber dabei würde er es belassen müssen. Wenn die andere Dimension ihm keine neue Energie anzubieten hatte, würde er auf ewig dort bleiben müssen.

In Maxyn steigerte sich die Gier ins Unermessliche. Dort wo das Echo herkam, gab es Menschen. Wo es Menschen gab, da war auch Lebenskraft. Energie, die er konsumieren konnte. Der frühere Psioniker frohlockte. Dies war die Chance, auf die er gewartet hatte. Das Geistwesen strebte dem Ende der glänzenden Fäden entgegen und damit auch der Welt, aus der das Echo zu ihm gedrungen war...

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3

An Bord der DUFALACHAN, Hauptquartier der Sektion 4

Die Stimmung im Konferenzsaal war angespannt. Der Kontakt zur LAAB, war abgerissen. Das Team unter Commander Nataly Sawyer war mit seiner Statusmeldung längst überfällig. Allen Anwesenden war klar, was das bedeutete.

„Zum jetzigen Zeitpunkt müssen wir von einem Totalverlust ausgehen!“, brachte es Admiral Andrew Van Doren auf den Punkt.

Eiskaltes Schweigen breitete sich im Konferenzsaal aus. Jeder Verlust tat weh, aber im Fall von Commander Sawyer und ihrem Team traf das umso mehr zu. In Zeiten wie diesen brauchten die Menschen Helden dringender als irgendetwas anderes. Nataly Sawyer war gleich in mehrfacher Hinsicht eine Heldin. Als Kampfpilotin war sie ein Ass gewesen und hatte etwas geschafft, was in Fachkreisen als unmöglich galt: die sichere Landung einer Jagdmaschine ohne Antrieb. Das die betreffende Maschine vorher von Sawyer im Handstreich vom Feind erbeutet worden war, stand auf einem anderen Blatt. Als Kommandantin eines Großkampfschiffs hatte sie im Krieg mit den Neranern gleich drei der legendären neranischen Supergroßkampfschiffe ausgeschaltet, und somit auch ihre Besatzung gerettet. Danach war Sawyer in die Dienste der Sektion 4 getreten, jener mysteriösen Organisation innerhalb des Verwaltungsbezirk der Raumflotte, die sich ausschließlich mit die brisantesten Missionen befasste. Admiral Andrew Van Doren war der Leiter der Sektion 4 und unterstand nicht dem örtlichen Flottenoberkommando, sondern direkt dem gewählten Hochadmiral.

„Ist Pentara bereits gesperrt worden?“, riss Colonel Said den Admiral aus seinen Gedanken.

Van Doren nickte. „Kein Schiff der Raumflotte darf sich dem Planeten ohne ausdrückliche Sondergenehmigung nähern.“ Der Admiral faltete seine Hände auf der Tischplatte zusammen. „Die SHULACO wird soeben für einen Rettungseinsatz ausgerüstet. Wir lassen keinen unserer Leute dort draußen zurück!“

Alle Beteiligten waren sich in diesem Punkt einig. Generell war dies eine gültige Regel innerhalb der Raumflotte von Axarabor, aber die Sektion 4 fühlte sich diesem Grundsatz ganz besonders verpflichtet. Das galt selbst dann, wenn nur noch die sterblichen Überreste von Kameraden zu bergen waren.

„Wer ist der kommandierende Offizier dieser Mission?“, fragte Doktor Delorean.

„Commander James Baxter und Lieutenant Commander Catrina Knox.”

Colonel Said sah den Admiral irritiert an. „Ist das wirklich die richtige Mission für so einen wildgewordenen Cowboy wie Baxter?”

Andrew Van Doren nickte langsam. „Baxter hat Mist gebaut. Bei der letzten Mission wäre er beinahe vor dem Kriegsgericht gelandet, aber gleichzeitig hat er mit seinem unkonventionellen Vorgehen Menschenleben gerettet.“ Van Doren hob beide Hände. „Außerdem wird er von Catrina Knox begleitet.“

Der Colonel zuckte mit den Schultern. „Der Junge soll auch eine Chance zur Rehabilitation bekommen, keine Frage.“

Was der Colonel wirklich meinte, war Van Doren und Delorean klar. Höchstwahrscheinlich würde die SHULACO im besten Fall nur Blechsärge zurückbringen können. Aber diese Mission hatte einen symbolischen Wert, der nicht durch unüberlegtes Vorgehen gefährdet werden sollte.

„Wenn Baxter sich bei dieser Mission einen vermeidbaren Schnitzer erlaubt, landet er sehr weit draußen auf einem Außenposten. Dafür werde ich sorgen!“

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Jason Mind war nicht tot. Der Psioniker erinnerte sich sogar an den letzten Moment, bevor alles um ihn herum schwarz geworden war. Er hatte Nataly Sawyer angesehen und gewusst, was passieren würde. Der harte Ausdruck um ihren Mund hatte gar keinen anderen Schluss übrig gelassen. Die Anführerin des Sektion 4 Kommandos wollte die Mission um jeden Preis abschließen, denn ein Scheitern konnte das Ende des Sternenreichs bedeuten. Cranium war ein Gegner, wie ihn Axarabor bisher niemals zuvor gehabt hatte. Die Superintelligenz hatte einen Plan und handelte ohne Rücksicht auf Verluste. Im Netaris-System hatte sich das Kollektiv so effektiv und unaufhaltsam wie ein Virus ausgebreitet. Diese Krankheit musste jetzt gestoppt werden, und Sawyer war bereit, alles für dieses Ziel zu opfern.

Dann war der Daumen der Kommandantin in Richtung des Auslösers gezuckt. Sekundenbruchteile später detonierten die Haftladungen. Fomin hatte das Pech gehabt, direkt im Explosionsradius einer Ladung zu stehen. Mind hatte gesehen, wie der ehemalige Raumlandeinfanterist in zwei Stücke gerissen wurde. Dann stützte das Gebäude über ihnen zusammen und begrub sie unter sich. Zuerst hatte es ganz gut ausgesehen, denn der Psioniker hatte sich in einem Hohlraum befunden. Doch dann schlug ihm irgendetwas gegen den Kopf. Das war das bisherige Ende gewesen. Seitdem befand er sich im Ätherraum. Wie lange er schon hier war, wusste der Lieutenant Commander nicht, denn Zeit war im Äther noch irrealer, als in der grobstofflichen Dimension.

Zum ersten Mal war Mind während seiner Ausbildung bei der Sektion 4 in den Ätherraum gekommen. Vorher war der junge Mann Erster Offizier gewesen. In den Wirren des Krieges gegen die Neraner war sein Schiff in eine Falle im Subraum geraten. Dort gestrandet, hatte die Besatzung der es dann mit Wesenheiten zu tun bekommen, die jeder Beschreibung trotzten. Am Ende war es ein Team der Sektion 4 gewesen, das den Ersten Offizier vor einem furchtbaren Schicksal gerettet hatte. Ironischerweise war der Psioniker eine der Hauptakteure gewesen, ohne das er den Grund dafür kannte. Es waren seine psionischen Fähigkeiten, die für die Monstren so attraktiv gewesen waren . Er selbst hatte hingegen absolut nichts von seiner Veranlagung geahnt. Nach seiner Rettung waren diese Fähigkeiten dann auch mehr als nur interessant für die Sektion 4. Admiral Andrew Van Doren hatte ihm ein Angebot gemacht, das er einfach nicht ablehnen konnte. Kurz darauf hatte der junge Offizier an einem harten Training teilgenommen, dass die Beherrschung seiner Fähigkeiten als Ziel hatte. Jason Mind hatte dieses Training bestanden, war aber immer noch vom Ausmaß seiner ungeahnten Fähigkeiten überrascht. Von einer vollständigen Kontrolle seines Potenzials konnte also definitiv noch keine Rede sein.

Während der Anfangszeit bei der Sektion hatte er auch den Transfer in den Ätherraum beigebracht bekommen. Zu Anfang war es eine nervenzerfetzende Geduldsprobe gewesen, hatte dann aber immer besser funktioniert. Dennoch war der Wechsel in den Äther aber immer eine bewusste Entscheidung gewesen. Auf Pentara hatte er diese Entscheidung nicht getroffen, er hatte einfach das Bewusstsein verloren. Irgendetwas hatte also für ihn entschieden, und ihn hierher gebracht. Mind würde herausfinden, wer oder was dafür verantwortlich war!

Einmal mehr sah sich der Psioniker die Spur der Erscheinung an. Das große Geheimnis des Ätherraums war, was dieses Reich überhaupt wirklich war. Offiziell existierte der Äther nicht, denn er konnte nicht von profanen Wissenschaftlern erforscht werden. Zur Erforschung dieser Welt wurde demzufolge ein psionisch begabter Mensch benötigt. Bisher fanden nur bei der Sektion 4 Experimente und Forschungen zu diesem Thema statt. Eine der momentan gängigen Theorien ging davon aus, dass der Ätherraum eine Art Resonanzraum war, auf den sich Ereignisse aus der grobstofflichen Welt auswirken konnten. Aber auch das Gegenteil war seiner Meinung nach wahr. Veränderungen im Ätherraum hatten teils massive Einflüsse in der grobstofflichen Welt.

Die Erscheinung, die Mind ganz in ihren Bann zog, war lediglich ein Abbild oder ein Symbol für etwas in der grobstofflichen Welt. Egal was es gewesen war, es musste gigantisch gewesen sein!

Mind besaß auch im Äther sein gewohntes Aussehen, nur war es um einiges grobschlächtiger, als in der materiellen Welt. Im Äther ging es um eine Entsprechung zum Kern der Dinge, nicht um Oberflächlichkeiten. Deshalb haftete dieser Dimension stets etwas Traumartiges an.

Schritt für Schritt folgte der Psioniker der Spur der Erscheinung. Während der ganzen Zeit sah er die Signaturen anderer Wesen, die den Äther bevölkerten. Neben diesen sichtbaren Bewohnern dieser Dimension gab es noch zahlreiche andere, die Mind nicht sehen konnte. Dieser Effekt hatte mit der Entwicklungsebene eines jeden Individuums zu tun. Hochentwickelte Lebewesen waren nur in der Lage, Ihresgleichen wahrzunehmen. Umgekehrt galt dasselbe. Da Zeit völlig irrelevant war, versuchte Mind sie gar nicht erst zu messen. Irgendwann würde er sein Ziel unweigerlich erreichen. Und so war es dann auch. Mitten im energielosen Nichts des Ätherraums stieß er auf die Erscheinung.

Mind erkannte die absurde Dimension des Objekts. Es war so groß, dass er dazu keinerlei Entsprechung finden konnte. Wie alles andere auch, war der Erscheinung deutlich die Abstraktion des Äthers anzusehen. Was er da vor sich sah, wirkte auf ihn wie ein gigantischer goldener Komet. Dieser Komet zog einen prächtigen Schweif hinter sich her, der vielleicht aus Myriaden einzelner Fasern bestand. Aber letztlich war das Aussehen völlig sekundär, denn Mind beschäftigte gerade etwas völlig anderes.

Energie, dachte der Psioniker. Die Erscheinung war mit einer unglaublichen Fülle von Energie verknüpft. Diese Energie befand sich aber nicht hier im Äther, sondern in der grobstofflichen Dimension.

Voller Neugierde trat Mind an das Symbol heran. Fasziniert sah er die Millionen glitzernder Schnüre an, die von der Erscheinung wie ein gigantischer Schweif hinter sich hergezogen wurde.

Plötzlich wusste er, womit er es hier zu tun hatte. Woher er die Erkenntnis nahm, wusste der Psioniker nicht. Jede haardünne Schnur symbolisierte die Verbindung eines Menschen mit dieser Erscheinung.

Auch die nächste Information stellte sich offenbar spontan ein. Psionische Energie war freigesetzt worden, in einer fast schon absurden Dimension. Aber es stellte sich noch eine andere Gewissheit ein. Was auch immer die psionische Energie erschaffen hatte, es war auch der Grund für seine Anwesenheit im Ätherraum!

In diesem Moment wurde das gleißende Leuchten der Erscheinung von einem Schatten verdunkelt. Mind trat überrascht ein paar Schritte zurück. Aber das war nichts, was für diesen Schatten verantwortlich war ...

Zumindest nichts, was ich sehen kann, dachte Mind. Er war jetzt ganz aufmerksam, wollte jeden Eindruck aufsaugen. Vielleicht kam er auf diese Weise hinter die Identität des Wesens, dass hier ganz eindeutig die Fühler nach der Erscheinung ausgestreckt hatte.

Dann war der Schatten wieder so schnell verschwunden, wie er auch gekommen war. Mind stand allein in der Nähe der Erscheinung. Er spürte einen kalten Hauch, den er vorher nicht wahrgenommen hatte. Um wen es sich auch immer gerade gehandelt hatte, es handelte sich definitiv nicht um eine der guten Seite zugewandten Kreatur!

Mind fröstelte es. Er hatte bereits einmal eine ähnliche Empfindung gehabt. Es war damals im Subraum gewesen, als sein Schiff dort festgesessen hatte. Der Psioniker hatte die furchtbaren Kreaturen gewittert, die dort draußen ihr Unwesen getrieben hatte. Doch das Wesen, das gerade seinen Schatten auf die symbolische Erscheinung geworfen hatte, war anders. Seine bösartige Ausstrahlung stellte einfach alles in den Schatten, sogar die widerlichen Monstren des Subraums. Mind presste die Lippen aufeinander. Um was es sich auch immer bei dem Wesen gehandelt hatte, wenn sie erneut aufeinandertreffen würden, würden sie dies als Feinde tun. Der Psioniker war bereit, denn dies war genau die Art von Einsatz, für die er von der Sektion 4 ausgebildet worden war.

Doch da tauchte plötzlich die gefährliche Frage aus einem Unterbewusstsein auf, die alles in den Schatten stellte. Was war, wenn Jason Mind in der grobstofflichen Welt schon längst das Zeitliche gesegnet hatte? War der Psioniker dann für immer und ewig ein Gefangener dieser Dimension?

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4

Netaris-System

Die SHULACO war offiziell kein Schiff der Raumflotte von Axarabor, sondern Eigentum der Löwenstein Agentur. Durch eine Direktive des Flottenoberkommandos wurden dem privaten Raumschiff aber sämtliche Privilegien eingeräumt, die auch jedes Schiff der Raumflotte besaß.

Böse Zungen behaupteten, dass es sich bei der Löwenstein Agentur um eine Söldnerfirma handelte. In diesem Fall waren diese Zungen nicht nur böse, sondern auch noch auf die Desinformations-Kampagne der axaraborianischen Administration hereingefallen. Die Löwenstein Agentur erhielt tatsächlich höchste Summen, um militärische Probleme zu lösen. Der Clou an der Sache war aber, woher dieses Geld wirklich kam, und welchen Interessen die Agentur tatsächlich diente. Die Einheiten des privaten Militärdienstleisters wurden nämlich überall dort eingesetzt, wo der Einsatz regulärer Truppen der Raumflotte nicht opportun oder zumindest delikat war. Dabei handelte es sich oftmals um Einsätze im Hoheitsgebiet des Sternenreichs, zum Beispiel wenn ein ranghoher Offizier unter Korruptionsverdacht stand. Die Löwenstein Agentur führte die Befehle ihres Auftraggebers direkt und ohne Nachfragen aus. Somit konnten sich die höchsten Kreise des Sternenreichs sicher sein, dass sie auch im dichtesten Filz stets die Kontrolle behielten.

Die Besatzung der SHULACO bestand ausschließlich aus ausgeschiedenen Offizieren der Raumflotte, schließlich bezahlten private Unternehmen deutlich mehr als das Sternenreich.

Commander James Baxter war den Avancen der Löwenstein Agentur sehr früh erlegen. Bei der Schlacht von Modera hatte er durch seine ebenso cleveren wie auch rücksichtslosen Aktionen für Aufmerksamkeit gesorgt. Kurze Zeit später war die Sektion 4 auf ihn zugekommen und hatte für den Rest gesorgt. Offiziell war Baxter aus dem Dienst ausgeschieden, faktisch tat er immer noch seinen Dienst in der Flotte.

Auf der Brücke des leichten Kreuzers herrschte betriebsame Stille. Baxter saß auf seinem Platz und beobachtete die Anzeige des taktischen Interface. Im System wimmelte es nur so von axaraborianischen Einheiten. Die meisten der Schiffe waren mit der Bergung der Cranium Schiffe beschäftigt. Auch diese Operation erfolgte auf Initiative der Sektion 4. Die Technologie des Kollektivs war so effektiv gewesen, dass sie genauer analysiert werden musste.

Es gab aber auch Schiffe, die zur Sicherung der Bergungsoperation abgestellt worden waren. Einige von ihnen hatten die SHULACO misstrauisch mit ihren Sensoren erfasst und überprüft. Es handelte sich schließlich um ein privates Raumschiff. Sobald aber das Schiff automatisch identifiziert worden war, wurde die hohe Sicherheitsfreigabe und die Sondererlaubnis für den Anflug auf Pentara angezeigt. Damit war dann die Aufgabe der Sicherungseinheiten beendet, und sie konnten mit der Suche nach unberechtigten Eindringlingen fortfahren.

Der Zugang zur Brücke öffnete sich. Ohne hinzuschauen, wusste Baxter wer es sein würde. Aber der blonde Commander sah trotzdem hin.

Was Baxter sah, gefiel ihm. Catrina Knox hatte die Brücke betreten. Die Augen des Commanders strichen über das porzellanfarbene Gesicht der Rothaarigen und verharrten auf ihrem schlanken und zugleich auch sehr femininen Körper. Ein schmales Lächeln erschien um seine Mundwinkel. Die Uniform der Raumflotte hätte diesen wunderbaren Körper fast schon zu sehr verhüllt. Da bot die deutlich besser geschnittene Uniform der Löwenstein Agentur doch eine wesentlich angenehmere Erscheinung.

„Erste Offizierin auf der Brücke“, meldete sie.

„Das sehe ich“, kommentierte Baxter und nickte Catrina zu.

„Gab es besondere Vorkommnisse?“

Jim Baxter schüttelte den Kopf. „Nur jede Menge Einheiten der Raumflotte, die den Müll von Cranium wegräumen.“

Die grünen Augen von Knox ruhten auf Baxter. Auf dem Schiff war es kein Geheimnis, dass der Commander und die Erste Offizierin wohl niemals mehr ihre Freundschaft zueinander entdecken würden.

„Es dürfte sich dabei wohl kaum um Müll halten, Commander. Van Doren hofft aus dem Equipment wertvolle Informationen für die Entwicklung eigener Projekte zu gewinnen.“

Baxter presste seine Lippen fest zusammen. So sehr dem jungen Offizier das Äußere seiner Stellvertreterin gefiel, umso mehr stieß ihn die konservative und völlig spaßbefreite Art dann auch wieder ab. „Sie haben natürlich wie immer recht, Lieutenant Commander.“

Damit war das Gespräch beendet. Baxter hatte keine Muße mehr, um sich von der Ersten Offizierin belehren zu lassen. In Kürze würde sich diese Episode aber sowieso erledigt haben. Admiral Van Doren hatte beschlossen, Catrina Knox ein eigenes Kommando zu geben. Die junge Offizierin wusste noch nichts davon. Baxter hatte beschlossen, dass er ihr die Information nach diesem Einsatz geben würde. Er war gespannt, wer ihr Nachfolger werden würde.

Der Blick des Kommandanten der SHULACO wanderte wieder zum taktischen Display. Das Schiff näherte sich unaufhaltsam einem einzelnen blauen Kontakt. „Gibt es schon etwas von der LAAB zu sehen, Mister Suko?“

„Aye, Sir“, antwortete der Sensoroffizier und legte eine hochauflösende Aufnahme der LAAB auf den Hauptschirm.

„Was für eine Schiffsklasse ist das nochmal?“

Baxter lächelte in sich hinein. Also gab es doch noch etwas, was seine altkluge Erste Offizierin noch nicht wusste.

„Die LAAB ist ein Prototyp“, antwortete der Kommandant.

„Wow, ich habe davon gehört. Aber warum hat das Schiff seinen Tarnmodus nicht aktiviert?“

Baxter runzelte die Stirn. Wusste Knox das wirklich nicht, oder wollte sie nur etwas seinen Bauch pinseln? „Der Tarnmodus ist extrem energieaufwendig. Deshalb kann er nicht unbegrenzt eingesetzt werden.“

Die Erste Offizierin betrachtete konzentriert den Videoschirm. Ästhetik und Funktionalität konnten also doch auch gelegentlich Hand in Hand gehen!

„Scan der LAAB, Mister Suko.“

Es dauerte eine Weile, dann antwortete der Sensoroffizier. „Das Schiff ist funktionsfähig, Reaktorkerne sind intakt. An Bord der LAAB befindet sich niemand.“

Genau das hatte Baxter erwartet. Von dem Kommando unter Commander Sawyer gab es weiterhin keine Spur. „Sie bleiben an Bord, Lieutenant Commander. Ich sehe mir die LAAB mal etwas genauer an.“

Knox wollte protestieren, doch da hörte Baxter schon gar nicht mehr zu. Er war von seinem Platz aufgestanden und trat von der Brücke. Dies war das Privileg des Kommandanten, auch wenn die Vorschriften hinsichtlich der Außeneinsätze vielleicht eine etwas andere Perspektive hatten.

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Baxter und drei seiner Sicherheitsleute betraten in Raumanzügen die LAAB. Kaum hatten sie das Schiff betreten, untersuchten die außen an den Anzügen angebrachten Sensoren die Atemluft. Sie war frei von Krankheitserregern und Schadstoffen. Baxter nahm sofort den Helm ab. Seine Männer folgten seinem Beispiel.

Mit schnellen Schritten durchquerte das Außenteam die LAAB. Das Schiff war deutlich kleiner als die SHULACO, deshalb kamen sie schnell in der Kommandozentrale an. Genau dort wollte Baxter auch hin, denn er suchte nach Antworten.

Mit geschickten Bewegungen navigierte der Commander durch das Logbuch der LAAB und fand auch assoziierte Aufnahmen der Kameras, die zur Planetenbeobachtung und damit auch zur Dokumentation der Mission eingesetzt worden waren. Die ersten Aufnahmen zeigten den Start des Landungsschiffs und seinen Flug in Richtung der Planetenoberfläche. Es folgten einige kurze Detailaufnahmen, die den Verlauf der Mission dokumentierten. Zuletzt stieß Commander Baxter auf eine Luftaufnahme. Wenn er sich nicht ganz täuschte, musste es sich um das eigentliche Zielgebiet handeln. Der junge Offizier kniff seine Augen zusammen. Im Zentrum des Bilds war deutlich ein Hochhaus zu erkennen. Es war von zahlreichen Infanterieeinheiten und gepanzerten Fahrzeugen umstellt.

Aus diesem Kasten gibt es kein Herauskommen mehr, dachte Baxter. Und so war es auch. Eine Serie starker Explosionen schleuderte Staub und andere Partikel in die Höhe, dann stürzte das Hochhaus in sich zusammen.

„Mission erfüllt“, sagte er leise.

„Was haben Sie gesagt, Sir?“, fragte Knox per Funk.

Doch Baxter hörte gar nicht auf die Stimme in seinen Ohrhörern. Anstelle dessen starrte er auf das Display. Obwohl das Haus gerade zusammengestürzt war, blieben die Bodeneinheiten an Ort und Stelle. Sie bewegten sich um keinen einzigen Zentimeter. Da durchfuhr es den Kommandanten der SHULACO. Den Menschen erging es nach dem Kollaps von Cranium genauso wie den Raumschiffen des Kollektivs. Sie waren Offline. Ein Leben als permanenter Bestandteil der Gemeinschaft hatte sie zu lebensunfähigen Individuen gemacht. Hilflos. Schutzlos. Anstelle sich die richtigen Umstände zu erschaffen, waren sie nun rettungslos den äußeren Umständen ausgeliefert.

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Stille hatte sich auf Pentara wie ein Flächenbrand ausgebreitet. Eine Explosion hatte das Kollektiv beendet. Überall auf dem Planeten waren die Antennen errichtet worden, die als Transmitter für das drahtlose Netzwerk von Cranium dienten. Nun waren sie vollkommen sinnlos, denn sie wurden von keinem Signal mehr gespeist. Kein Empfänger erhielt mehr irgendwelche Daten mehr aus der Zentrale des Kollektivs, egal ob es sich um die Steuereinheit eines Fahrzeugs, einen Androiden oder ein Implantat im Gehirn der Menschen handelte. Von der einen zur anderen Sekunde war alles offline gegangen.

Das Regiment der Cranium Garde verharrte regungslos neben dem Ort des Unglücks für das Kollektiv. Die Superintelligenz hatte die Garde als letzte Sicherungsmaßnahme bis zuletzt in der Hinterhand gehalten, doch die Künstliche Intelligenz hatte sich an irgendeinem Punkt drastisch verkalkuliert. Dem feindlichen Kommando war ein Volltreffer in das Herz der Infrastruktur des Kollektivs gemacht. Die Superintelligenz war enthauptet worden. Nun existierte Cranium nicht mehr, sein Kollektiv lag in Trümmern.

In den letzten Tagen hatte es geregnet. Die Gardisten waren bewegungsfähig stehengeblieben. Doch irgendwann hatte es begonnen, denn kein Mensch kann regungslos tagelang an einem Platz stehen. Der Reihe nach waren die Männer zusammengeklappt. Übermüdung, Hunger und Durst hatte ihren Körpern den Rest gegeben. Dann war wieder die Sonne aufgegangen und trocknete die durchnässten Uniformen.

Doch die Wärme änderte nichts am Zustand der Soldaten. Regungslos lagen sie im Sonnenschein, gefangen in einem Bereich zwischen Traum und Wachheit. Erneut ging die Sonne unter. Die Schatten wurden wieder länger, die Temperaturen sanken und gleichzeitig begann es wieder zu regnen. Dieses Mal blieben die Männer nicht allein. Der Gestank nach Urin und Kot lockte die ersten Tiere an. Ratten. Zuerst beschnupperten sie die regungslosen Körper nur neugierig, blieben auf Distanz. Mit der Zeit trauten sich die Nagetiere aber näher heran, stupsten die Körper mit ihren Schnauzen an. Zuerst nur äußerst vorsichtig, denn die intelligenten Tiere spürten die Atmung und Wärme der Körper. Als ihre Berührungen keine Reaktionen auslösten, wurden sie aufdringlicher und ihre Berührungen deutlicher.

Irgendwann war es dann soweit. Eine Ratte überschritt die Grenze. Das Tier schlug seine Zähne in den Hals eines gestürzten Gardisten. Die spitzen Zähne durchdrangen mühelos die oberen Hautschichten. Die Nerven des regungslosen Mannes registrierten den Impuls, leiteten ihn in dessen Gehirn weiter. Aber dort verpuffte die Information als eine von zahlreichen Eindrücken, die nicht verarbeitet werden konnten. Also machte die Ratte weiter. Die ersten Bluttropfen traten aus. Gierig schleckte das kleine Tier die rote Flüssigkeit mit seiner Zunge. Gier flammte in der Ratte auf, motivierte sie, unablässig ihre Zähne in das warme Fleisch des Soldaten zu schlagen. Das austretende Blut verströmte seinen kupfrigen Geruch, lockte andere Ratten herbei. Innerhalb kürzester Zeit bildete sich um den Körper des Mannes ein dichter schwarzer Pelz aus Nagetieren. Als um den Soldaten kein Platz mehr war, kletterten die Ratten auf den Körper und begannen sich dort den freien Hautstellen zu widmen. Weitere Tiere folgten ihren Artgenossen, kletterten auf den Körper und begannen die Kleidung des Soldaten zu zernagen, damit sie an das herrlich köstliche Fleisch darunter gelangen konnten.

Die Schmerzimpulse fluteten das Gehirn des Soldaten, lösten aber weiterhin keine Reaktion aus. Der Mann war jetzt über und über mit Ratten bedeckt. Eines der Tiere quetschte sich zwischen seinen Artgenossen hindurch, in Richtung des Oberkörpers. Vorhin hatte das kleine Tier nämlich etwas sehr interessantes gesehen. Endlich stand die Ratte an ihrem Ziel. Der Mund des Gardisten stand offen. In hoher Frequenz wurde Luft ausgestoßen. Warme Luft, die in Wölkchen nach oben stieg.

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