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Die Memoiren des Barry Lyndon, Esq.,

William Makepeace Thackeray

Die Memoiren des Barry Lyndon, Esq.,

aufgezeichnet von ihm selbst

 

Aus dem Englischen von Otto Schmidt

 

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Inhaltsübersicht

1. Kapitel: Mein Stammbaum und meine Familie – ich erliege zärtlicher Leidenschaft

2. Kapitel: In welchem ich mich als Mann von Charakter erweise

3. Kapitel: Mein misslungener Start in der vornehmen Welt

4. Kapitel: In welchem Barry den Soldatenruhm näher kennenlernt

5. Kapitel: In welchem Barry alles versucht, um dem Soldatenruhm zu entgehen

6. Kapitel: Der Rekrutenwagen – Militärische Episoden

7. Kapitel: Barry führt ein Leben in Garnison und gewinnt dort viele Freunde

8. Kapitel: Barry sagt der militärischen Karriere adieu

9. Kapitel: Ich führe endlich ein meinem Namen und meiner Herkunft geziemendes Leben

10. Kapitel: Wechselndes Glück

11. Kapitel: In welchem sich das Glück gegen Barry wendet

12. Kapitel: Enthält die tragische Geschichte der Prinzessin von X

13. Kapitel: Ich setze meine Karriere als Mann von Welt fort

14. Kapitel: Ich kehre als glänzender, reicher, edelmütiger Gentleman ins Königreich Irland zurück

15. Kapitel: Ich mache Lady Lyndon den Hof

16. Kapitel: Ich sorge großzügig für meine Familie und erreiche den Höhepunkt meines (scheinbaren) Glücks

17. Kapitel: Ich trete als Zierde der englischen Gesellschaft schaft in Erscheinung

18. Kapitel: In welchem mein Glück zu wanken beginnt

19. Kapitel: Das Ende

ANHANG

Nachwort

Anmerkungen

William Makepeace Thackeray

1. KAPITEL

Mein Stammbaum und meine Familie – ich erliege zärtlicher Leidenschaft

Seit Adams Tagen hat es kaum ein Übel in dieser Welt gegeben, hinter dem nicht eine Frau gesteckt hätte. Was nun meine Familie betrifft, so haben Frauen in den Geschicken meines edlen Geschlechts (das sich fast auf Adams Zeiten zurückführen lässt – so alt, so vornehm und so erlaucht sind die Barrys, wie jedermann weiß) eine gewichtige Rolle gespielt.

Ich darf wohl annehmen, dass es in ganz Europa keinen Gentleman gibt, der nicht schon vom Hause Barry von Barryogue im Königreich Irland gehört hat, denn ein berühmterer Name findet sich nicht im Gwillim oder d’Hozier; und daher habe ich als Mann von Welt die Anmaßung und den Anspruch so vieler Abkömmlinge, die behaupten, sie seien vornehmer Herkunft, verachten gelernt. Denn ich weiß, dass ihr Stammbaum nicht älter ist als der des Lakaien, der mir die Stiefel putzt; so kann ich nur herzhaft lachen über die Prahlereien vieler meiner Landsleute, die beteuern, von den Königen von Irland abzustammen, und die von ihrem Acker, der kaum genügend Futter für ein Schwein abwirft, reden, als besäßen sie ein Fürstentum. Mich hingegen zwingt die Wahrheitsliebe, Ihnen, geneigter Leser, zu versichern, dass meine Familie wirklich die vornehmste der ganzen Insel, wenn nicht gar der ganzen Welt ist. Die heute nur noch unbedeutenden Besitzungen meines Geschlechts – im Laufe der Zeiten sind sie uns durch Krieg, Verrat, durch Verlust, durch Ausschweifung und Verschwendung meiner Vorfahren allgemein oder durch ihre Treue zum alten Glauben und zu ihrem rechtmäßigen König entrissen worden – waren einst riesig und umfassten zu einer Zeit, da Irland wesentlich reicher war als heutzutage, mehrere Grafschaften. Ich hätte wohl die irische Königskrone im Wappen führen können, aber so viel dahergelaufenes Pack maßt sich nunmehr dieses Vorrecht an und setzt diese Auszeichnung herab, dass ich davon Abstand nehme.

Wer weiß, wäre nicht eine Frau im Spiel gewesen, würde ich die Krone vermutlich im Wappen führen. Sie zweifeln, lieber Leser? Aber warum? Wären meine Landsleute vor ein paar hundert Jahren von einem tapferen Haupt angeführt worden statt von zimperlichen Schurken, die vor König Richard II. in die Knie sanken, könnten sie heute freie Männer sein. Und wäre jenem mordenden Schuft Oliver Cromwell ein entschlossener Führer entgegengetreten, hätten wir die Engländer ein für allemal abgeschüttelt. Doch damals stand kein Barry gegen den Usurpator im Feld; im Gegenteil, mein Vorfahr Simon de Bary kam mit dem vorhin genannten König ins Land, heiratete die Tochter des damaligen Königs von Munster, dessen Söhne er auf dem Schlachtfeld so erbarmungslos geschlagen hatte.

Zu Cromwells Zeiten war es dann zu spät; kein Anführer mit dem Namen Barry konnte mehr den Kriegsruf gegen den elenden Anstifter und Königsmörder erheben, denn wir waren keine Magnaten mehr; unsere unglückliche Sippe hatte im Jahrhundert zuvor ihre gewaltigen Besitzungen durch schamlosen Verrat verloren. Diese Geschichte kenne ich sehr genau, meine Mutter hat sie mir oft erzählt; außerdem hatte sie selbst einen mit unserem Stammbaum bestickten Gobelin angefertigt, der in unserem Haus Barryville im Gelben Salon hing.

Der jetzige Besitz der Lyndons in Irland war einst unser Eigentum gewesen. Er gehörte zur Zeit der Königin Elizabeth Rory Barry von Barryogue und die Hälfte der Grafschaft Munster noch dazu. Damals befehdeten sich die Barrys und die O’Mahonys aufs heftigste. Als die O’Mahonys wieder einmal einen Raubzug in unser Gebiet unternahmen und dabei einen beträchtlichen Teil unserer Schafe und Rinder stahlen, kam zufallig ein englischer Oberst mit einer Abteilung Soldaten in unsere Gegend. Dieser junge Engländer namens Roger Lyndon, Linden oder Lyndaine, wurde aufs gastfreundlichste von meinen Vorfahren empfangen; und da Barry gerade zu einem Überfall auf die Ländereien der O’Mahonys rüstete, bot er ihm seine Hilfe und die seiner Lanzen an. Und wie man weiß, bewährte er sich so sehr, dass die O’Mahonys besiegt wurden und die Barrys nicht nur ihren ganzen Besitz zurückerhielten, sondern, wie in alten Chroniken zu lesen steht, doppelt soviel Güter und Vieh, wie ihnen die O’Mahonys geraubt hatten.

Da nun der Winter einsetzte, wurde der junge Krieger von den Barrys gedrängt, Haus Barryogue nicht zu verlassen, sondern einige Monate dort zu verbringen. Seine Leute wurden Mann für Mann mit den Soldaten der Barrys in den umliegenden Hütten einquartiert. Sie benahmen sich aber, ihrer Gewohnheit entsprechend, den Irländern gegenüber so ungeheuer unverschämt, dass Prügeleien, ja Totschlag an der Tagesordnung waren, und unsere Leute schworen, die verdammten Engländer umzubringen.

Der Sohn der Barrys (von dem ich abstamme) war, wie jedermann auf seinem Besitz, den Engländern feindlich gesinnt, und da sie trotz Aufforderung nicht wichen, beschloss er mit seinen Freunden, die inzwischen lästigen englischen Gäste allesamt ins Jenseits zu befördern.

Leider hatte man jedoch den Fehler begangen, eine Frau in den Plan einzuweihen, und zwar die Tochter der Barrys, die in den englischen Oberst verliebt war und ihm das Vorhaben hinterbrachte. Der heimtückische Engländer verhütete das gerechte Massaker an sich und seinen Soldaten, indem er seinerseits seine irischen Gastgeber überfiel und meinen Vorfahren Phaudrig Barry und einige Hundert seiner Leute umbrachte. Das Kreuz in Barrycross in der Nähe von Carrignadihioul ist die Stelle, an der die abscheuliche Metzelei vonstatten ging.

Lyndon heiratete die Tochter Roderick Barrys und bemächtigte sich nach dessen Ableben seines Besitzes. Obwohl Phaudrigs Nachkommen – wie es meine Person1 ja beweist – noch leben, wurde der Besitz vom englischen Gerichtshof dem Engländer zugesprochen – wie es immer der Fall ist, wenn Engländer und Iren betroffen sind.

Ich verdanke es also der Schwäche einer Frau, dass ich nicht von Geburt an in den Besitz jener Güter gelangte, die ich mir später auf Grund meiner persönlichen Verdienste erwarb, wie Sie noch erfahren werden. Aber nun weiter in meiner Familiengeschichte.

Mein Vater war in den feinsten Kreisen des Königreichs England wie des Königreichs Irland als »der tolle Harry Barry« bestens bekannt. Er hatte sich, wie so viele Söhne vornehmer Familien, juristischen Studien gewidmet und daraufhin eine Stelle bei einem berühmten Advokaten in der Sackville Street in Dublin erhalten. Zweifellos wäre er dank seiner ungewöhnlichen Talente und seines überragenden Genies eine Zierde seines Berufes geworden, hätten nicht seine gesellschaftlichen Fähigkeiten, seine Vorliebe für alle Arten von exklusivem Sport und seine ungewöhnlich charmanten Manieren ihn zu etwas Höherem bestimmt. Als Angestellter eines Advokaten hielt er sieben Rennpferde und nahm regelmäßig an den noblen Jagden von Kildare und Wicklow teil. Auf seinem Grauschimmel Endymion ritt er das berühmte Rennen gegen Hauptmann Punter, an das sich die Sportliebhaber noch heute erinnern; ich ließ dieses Rennen in einem herrlichen Gemälde verewigen, das meinen Kamin im Speisesaal auf Schloss Lyndon zierte. Ein Jahr später hatte er die Ehre, auf demselben Pferd unter den Augen Seiner Majestät, des seligen Königs George II., in Newmarket das Rennen zu gewinnen und damit den Pokal und die Aufmerksamkeit des erlauchten Herrschers zu erringen.

Obwohl mein geliebter Vater der Zweitgeborene war, gelangte er ganz natürlich in den Besitz unseres Gutes (das damals auf einen jämmerlichen Jahresertrag von vierhundert Pfund reduziert war). Cornelius Barry (wegen einer in deutschen Diensten erlittenen Verwundung Chevalier Einauge genannt), der älteste Sohn meines Großvaters, war nämlich dem alten Glauben, dem unsere Familie früher angehörte, treu geblieben und hatte sich nicht nur in fremden Kriegsdiensten ausgezeichnet, sondern auch in der unglücklichen Rebellion in Schottland im Jahre 1745 gegen die geheiligte Majestät George II. gekämpft. Wir werden später noch manches von Chevalier Einauge zu berichten haben.

Die Bekehrung meines Vaters habe ich meiner geliebten Mutter zu verdanken, Miss Bell Brady, Tochter des Friedensrichters Ulysses Brady auf Schloss Brady in der Grafschaft Kerry. Meine Mutter war zu ihrer Zeit das schönste Mädchen Dublins, und sie wurde allgemein »die Hinreißende« genannt. Als mein Vater auf einer Gesellschaft ihre Bekanntschaft machte, verliebte er sich sofort Hals über Kopf in sie; sie jedoch hielt es für weit unter ihrer Würde, einen Papisten und »Advokatenschreiber« zu ehelichen. Seine Liebe zu ihr war aber so groß und überzeugend, dass er meinen Onkel Cornelius, seinen älteren Bruder, verdrängte – damals waren noch die guten alten Gesetze in Kraft – und das gesamte Familiengut in seinen Besitz brachte. Wegen der Macht der strahlenden Augen meiner Mutter zollten eine Reihe von Personen, darunter durchaus auch welche der feinsten Gesellschaft, dieser glücklichen Veränderung ihren Beifall. Meine Mutter hat mir oft lachend die Geschichte des Übertritts meines Vaters erzählt: Er wurde feierlich in einer Kneipe in Gesellschaft von Sir Dick Ringwood, Lord Bagwig, Hauptmann Punter und zwei, drei jungen Lebemännern der Stadt verkündet. Noch in derselben Nacht gewann der tolle Harry dreihundert Pfund beim Pharao und am nächsten Morgen gab er die erforderlichen Erklärungen gegen seinen Bruder ab. Sein Glaubenswechsel bewirkte selbstverständlich eine gewisse Entfremdung zwischen ihm und meinem Onkel Corny, der sich übrigens kurz danach den Rebellen anschloss.

Nachdem also dieses schwierige Problem glücklich gelöst war, stellte Lord Bagwig meinem Vater seine Jacht zur Verfügung, die gerade bei Pigeon House lag, und es gelang, die bildhübsche Bell Brady – ihre Eltern waren gegen diese Partie – zu überreden, mit ihm nach England durchzubrennen, obwohl sie (wie ich tausendmal erzählen hörte) zahllose Verehrer unter den reichsten Männern im ganzen Königreich Irland hatte. Meine Eltern wurden in London in der Savoy- Kapelle getraut, und da bald danach mein Großvater starb, konnte Harry Barry, Esquire, das väterliche Erbe antreten und unseren illustren Namen mit allem Glanz und höchst ehrenvoll in der englischen Metropole repräsentieren.

Er brachte den berühmten Grafen Tiercelin in einem Duell hinter dem Montagu House zur Strecke, er war Mitglied bei White’s und Besucher sämtlicher Schokoladenhäuser; meine Mutter stand ihm natürlich in keiner Weise nach. Schließlich schien meines Vaters Glück gesichert zu sein, denn Seine Heilige Majestät, unter deren Augen er seinen großen Triumph in dem Rennen von Newmarket feierte, versprach, für ihn zu sorgen. Aber ach! Ein anderer Herrscher, gegen dessen Entscheidungen es weder Aufschub noch Berufung gibt, der Tod, nahm ihn bei den Rennen in Chester in seine Obhut und machte mich zu einem schutzlosen Waisenkind. Friede seiner Asche! Er war nicht ohne Fehl gewesen, er hatte unseren gesamten fürstlichen Familienbesitz durchgebracht, aber er war auch ein trefflicher Kerl, der seinen Humpen leerte und jeden Einsatz wagte und seinen Sechsspänner als Mann von Welt gefahren hatte.

Obwohl meine Mutter mir erzählte, dass unser gnädiger Souverän einige königliche Tränen ob des plötzlichen Abgangs meines Vaters vergossen habe, scheint mir, dass Seine Majestät nicht sehr betrübt war, denn er half uns in keiner Weise. Für die Witwe und die Gläubiger fand sich im ganzen Haus nur eine Börse mit nicht mehr als neunzig Guineas, die meine liebe Mutter natürlich an sich nahm, ebenso wie das Familiensilber und ihre und meines Vaters Garderobe. All das packte sie in unsere große Kutsche und begab sich nach Holyhead, wo sie ein Schiff nach Irland bestieg. In einem prächtigen Leichenwagen und dem kostbarsten Schmuck, die nur für Geld zu erwerben waren, folgte uns die körperliche Hülle meines Vaters; denn obwohl sich die Ehegatten zu Lebzeiten meines Vaters oft heftig gestritten hatten, vergaß die edelgesinnte Witwe nach dem Tod ihres Gatten alle Meinungsverschiedenheiten, bereitete ihm das vornehmste Begräbnis, wie man es lange nicht erlebt hatte, und errichtete über seinen irdischen Resten ein Grabmal (für das ich später zahlte), auf dem stand, dass er der lauterste, weiseste und liebevollste Mensch gewesen sei.

Indem sie diese traurige Pflicht für ihren dahingeschiedenen Gatten erfüllte, gab die Witwe fast ihre letzte Guinea aus, und sie hätte wohl noch viel mehr ausgegeben, wenn auch nur ein Drittel der Beerdigungskosten in bar bezahlt worden wäre. Aber die Leute rings um unser altes Anwesen in Barryogue, die den Glaubenswechsel meines Vaters nie gutgeheißen hatten, hielten in diesem Augenblick zu ihm und waren gegen die bezahlten Begräbnisteilnehmer, die Mr. Plumer samt den beklagenswerten irdischen Überresten aus London geschickt hatte. Ach – das Grabmal und die Gruft in der Kirche ist alles, was mir von meinen früheren Gütern geblieben war, denn mein Vater hatte alle veräußerliche Habe an einen gewissen Notley, einen Anwalt, verkauft – und uns wurde nur ein kühler Empfang in seinem Hause bereitet – einem jämmerlichen alten heruntergekommenen Herrensitz.2

Die Pracht der Beisetzung verfehlte nicht, den Ruf der Witwe Barry als Dame von Geist und Welt zu erhöhen, und als sie ihrem Bruder Michael Brady schrieb, kam dieser würdige Herr durch das ganze Land geritten, um sie zu begrüßen und sie im Namen seiner Frau auf Schloss Brady einzuladen.

Onkel Michael und mein Vater hatten sich oft gestritten, wie das alle Männer von Welt zu tun pflegen und als mein Vater um Miss Bell anhielt, hatten sie einander heftig beschimpft. Als er sie schließlich entführte, schwor Onkel Brady, nie zu verzeihen, doch als er im Jahre 1746 London besuchte, söhnte er sich mit dem tollen Harry aus und wohnte in dessen prächtigem Haus in der Clarges Street. Er verlor damals im Spiel einige Goldstücke an meinen Vater und schlug in dessen Gesellschaft einigen Nachtwächtern den Schädel ein – Erinnerungen, die meine Mutter und ihren Sohn dem gutmütigen Gentleman lieb und wert machten, sodass er uns mit offenen Armen empfing. Es war von Mrs. Barry vielleicht nicht sehr weise, ihre Freunde zunächst über ihre Verhältnisse im Unklaren zu lassen; da sie nämlich in einer höchst eleganten, riesigen, goldverzierten Equipage mit gewaltigem Wappen ankam, wurde sie sowohl von ihrer Schwägerin wie von der ganzen Grafschaft für eine Dame mit beträchtlichem Ansehen und Vermögen gehalten.

Eine Zeitlang führte meine Mutter das Regiment auf Schloß Brady, wie sich das gehörte. Sie kommandierte die Domestiken und brachte ihnen, was sehr nötig war, Londoner Schliff bei; der »Engländer Redmond«, wie man mich nannte, wurde wie ein kleiner Lord behandelt und hatte ein Dienstmädchen und einen Lakaien für sich allein. Der gute Mick zahlte deren Löhne – was er bei seiner eigenen Dienerschaft nicht immer zu tun pflegte –, kurz, er tat alles, was in seiner Macht stand, um seiner Schwester in ihrem Kummer das Leben zu erleichtern. Zum Dank dafür verkündete meine Mutter, dass sie, sowie ihre geschäftlichen Angelegenheiten geregelt wären, ihrem liebevollen Bruder eine angemessene Vergütung für ihren und ihres Sohnes Aufenthalt zur Verfügung stellen werde; außerdem versprach sie, ihre hübschen Möbel aus der Clarges Street kommen zu lassen, um den ziemlich schäbigen Räumlichkeiten von Schloß Brady Glanz zu verleihen.

Leider stellte sich dann heraus, dass der niederträchtige Hauswirt in London alle Möbel bis auf den letzten Tisch und Stuhl, die von Rechts wegen der Witwe gehörten, in Beschlag genommen hatte. Und das Vermögen, dessen rechtmäßiger Erbe ich war, befand sich in den Händen habgieriger Gläubiger; die einzigen Mittel für den Lebensunterhalt, die der Witwe und ihrem Kind verblieben, bestanden in einer Rente von fünfzig Pfund im Jahr, die ihr Lord Bagwig ausgesetzt hatte; Seine Lordschaft hatten gemeinsame Turfinteressen mit dem Verstorbenen verbunden. So konnte meine geliebte Mutter ihre großzügigen Absichten zugunsten ihres Bruders natürlich nie verwirklichen.

Zur Schande von Mrs. Brady auf Schloss Brady muss gesagt werden, dass sie, als die Armut ihrer Schwägerin so offen zutage trat, allen Respekt, den sie vorher meiner geliebten Mutter gezollt hatte, vergaß, mein Dienstmädchen und meinen Lakaien sofort vor die Tür setzte und Mrs. Barry erklärte, sie möge, wann immer sie wolle, ihnen folgen. Mrs. Mick Brady war von geringer Herkunft und niedriger Gesinnung; daher kam meine Mutter nach etlichen Jahren (während dieser Zeit sparte sie ihr kleines Einkommen) Madam Bradys Wunsch nach. Damals schwor sie auch – und folgte damit einer berechtigten, wenn auch klug verborgenen Entrüstung –, Schloss Brady nie wieder zu betreten, solange die Dame des Hauses noch lebendig in seinen Mauern weilte.

Sie richtete ihren neuen Haushalt in Brady’s Town mit viel Sparsamkeit und bemerkenswertem Geschmack ein und büßte trotz ihrer Armut nie ein Tüpfelchen ihrer angestammten Würde ein. Und in der Tat, die ganze Nachbarschaft erwies ihr den ihr gebührenden Respekt, wie das einer so vornehmen Dame gegenüber, die in London gelebt, in der besten Gesellschaft verkehrt und (wie sie feierlich erklärte) sogar bei Hofe vorgestellt worden war, gar nicht anders sein konnte. Diese Überlegenheit gab ihr auch das Recht – ein Recht, von dem bestimmte Leute in Irland reichlich Gebrauch machen –, mit Verachtung auf jene herabzublicken, die nicht den Vorzug hatten, das Mutterland zu verlassen und eine Zeitlang in England zu verweilen. Wenn zum Beispiel meine Tante, Madam Brady, in einem neuen Kleid erschien, pflegte ihre Schwägerin zu sagen: »Die Arme! Man kann natürlich von ihr nicht erwarten, dass sie etwas von Mode versteht.« Und obwohl meine Mutter der Beiname »schöne Witwe« freute, war sie jedoch mehr befriedigt, wenn sie die »englische Witwe« genannt wurde.

Mrs. Brady ihrerseits blieb ihrer Schwägerin keine Antwort schuldig; sie pflegte zu sagen, der verstorbene Barry sei ein Bankrotteur und Bettler gewesen und die vornehme Gesellschaft, in der er angeblich verkehrt habe, habe er nur vom Vorzimmer Lord Bagwigs aus gesehen, dem er bekanntlich nach allen Regeln der Kunst um den Bart gegangen sei. Und über meine Mutter, Mrs. Barry, machte die Herrin von Schloss Brady noch peinvollere Bemerkungen. Doch wozu auf diese Bosheiten eingehen und uralte private Skandalgeschichten aufwärmen? All die erwähnten Persönlichkeiten lebten und stritten miteinander zur Zeit Georges II. – aber ob gut oder schlecht, schön oder hässlich, ob reich oder arm, jetzt sind sie alle gleich –, und heutzutage versorgen uns jede Woche die Sonntagsblätter und die Gerichte mit neuerem und interessanterem Klatsch.

Jedenfalls steht fest, dass meine Mutter nach dem Tode ihres Gatten in aller Zurückgezogenheit ein beispielhaftes Leben führte und über jeden Klatsch erhaben war. Und war auch Bell Brady das fröhlichste Mädchen in der ganzen Grafschaft Wexford gewesen, die jedem zugelächelt und die meisten ermuntert hatte und der fast alle Junggesellen zu Füßen gelegen hatten, so wahrte Mrs. Bell Barry eine würdige Zurückhaltung, die an Hochmut grenzte und an die Steifheit der Quäkerinnen erinnerte. Mancher Mann, den der Liebreiz des Mädchens bezaubert hatte, erneuerte nun der Witwe gegenüber seinen Antrag; Mrs. Barry aber wies alle Heiratsangebote zurück und erklärte, nur noch für ihren Sohn und der Erinnerung an ihren dahingeschiedenen Heiligen leben zu wollen.

»Ein Heiliger fürwahr!«, sagte die bösartige Mrs. Brady. »Harry Barry war einer der hartgesottensten Sünder, und es ist doch allgemein bekannt, dass er und Bell einander wie die Pest hassten. Wenn sie jetzt nicht heiratet, so liegt das bestimmt daran, dass die verschlagene Person einen anderen Mann im Auge hat – sie wartet doch nur darauf, dass Lord Bagwig Witwer wird.«

Und wenn sie das getan hätte? War nicht die Witwe eines Barry schicklich genug, um jeden englischen Lord zu heiraten? Und lautete nicht eine alte Weissagung, dass eine Frau den Glanz der Familie Barry wiederherstellen würde? Wenn meine Mutter glaubte, diese Frau zu sein, so war dieser Glaube durchaus gerechtfertigt, denn der Graf (mein Taufpate) war stets äußerst aufmerksam ihr gegenüber. Ich weiß nicht, wie intensiv meine Mama beabsichtigte, durch eine solche Heirat mein Weiterkommen in dieser Welt zu fördern; wie dem auch sei, alle derartigen Pläne wurden zunichte, als Seine Lordschaft im Jahre 1757 Miss Goldmore, die Tochter eines indischen Nabobs, heiratete.

Wir lebten also in Barryville trotz unseres kärglichen Einkommens recht standesgemäß, von dem halben Dutzend Familien, die die Gemeinde von Brady’s Town bildeten, wirkte niemand so respektabel wie meine Mutter, die, obwohl sie zum Andenken an ihren verstorbenen Gatten die Trauer nicht mehr ablegte, stets dafür sorgte, dass ihre Schönheit durch ihre Kleidung noch vorteilhaft betont wurde. Ich glaube, sie verwandte täglich sechs Stunden darauf, ihre Sachen zuzuschneiden, aufzuputzen und der Mode entsprechend abzuändern. Sie besaß die umfangreichsten Reifröcke und die schönsten Krausen, Rüschen und Falbeln und erhielt jeden Monat einen Brief (durch Lord Bagwig) mit einem Modebericht aus London. Ihr Teint war so zart, dass sie entgegen dem damaligen Brauch keine Schminke benötigte; nein, sie lasse ihre Haut so rot und so weiß, pflegte sie zu Madam Brady zu sagen, deren gelber Teint keine Schminke der Welt verbessern konnte; der geneigte Leser wird sich leicht vorstellen können, wie die beiden Damen einander hassten. Kurzum, meine Mutter war eine vollendete Schönheit, sodass sämtliche Damen der Grafschaft sie zum Vorbild nahmen und alle jungen Burschen im Umkreis von zehn Meilen sonntags zur Schlosskapelle von Brady ritten, um sie zu sehen.

Aber war sie auch (wie alle Frauen, die ich traf oder von denen ich las) stolz auf ihre Schönheit, so muss ich gerechterweise sagen, dass sie noch stolzer auf ihren Sohn war, und tausendmal hat sie mir gesagt, ich sei der hübscheste Junge auf der Welt. Das ist natürlich Geschmackssache; aber als Mann von sechzig kann ich nun ohne große Eitelkeit behaupten, dass ich mit vierzehn Jahren meiner Mutter allen Grund für ihre Meinung über mich gab. Das größte Vergnügen der guten Seele bestand darin, mich schön zu kleiden, und an Sonn- und Feiertagen erschien ich in einem Samtrock mit einem silbernen Schwertgriff an der Hüfte und einem goldenen Knieband, so prächtig wie nur irgendein Lord im Land. Meine Mutter nähte mir einige höchst prachtvolle Westen, und ich besaß eine Menge Spitzenhalskrausen und stets ein frisches Band für mein Haar, und wenn wir am Sonntag in die Kirche gingen, musste selbst die neidische Mrs. Brady eingestehen, dass es kein hübscheres Paar im ganzen Königreich gebe.

Natürlich pflegte die Herrin von Schloss Brady zu spotten, wenn beim Kirchgang ein gewisser Tim, den wir als meinen Kammerdiener bezeichneten, mir und meiner Mutter folgte, mit einem riesigen Gebetbuch und einem Stock bewaffnet; er trug die Livree eines unserer einstigen eleganten Lakaien aus der Clarges Street, in der er, da er krummbeinig und klein war, nicht gerade sehr vorteilhaft aussah. Aber obwohl arm, waren wir vornehm, und es ziemte sich nicht, über diesen unserem Rang entsprechenden ständigen Begleiter zu spotten. Wir gingen durch das Kirchenschiff zu unserem Stuhl in so feierlicher Haltung, wie es die Gemahlin und der Sohn des Vizekönigs von Irland nicht besser hätten tun können. Mit ihrer schönen lauten Stimme, die man gern hörte, fiel sie in den Chor der Erwiderungen und Amen ein – nebenbei bemerkt, ihre hübsche Gesangsstimme hatte ein berühmter Lehrer in London vervollkommnet, und sie übte ihr Talent nun in einer Weise aus, dass sie alle anderen Stimmen der kleinen Gemeinde, die sich im Psalm vereinigten, übertönte. Mama besaß wirklich in jeder Beziehung hervorragende Gaben, und sie hielt sich für eine der schönsten, gebildetsten und tüchtigsten Frauen der Welt. Mehr als einmal bekräftigte sie vor mir und den Nachbarn ihre eigene Demut und Frömmigkeit und belegte sie mit Beispielen, dass ich auch dem hartnäckigsten Zweifler widersprechen würde.

Von Schloss Brady siedelten wir also in ein Haus in Brady’s Town über, das Mama Barryville nannte. Ich muss gestehen, dass es nur ein kleines Haus war, aber wir nutzten es aufs beste. Der Stammbaum unserer Familie, den ich schon erwähnte, hing im sogenannten Gelben Salon, mein Schlafzimmer hieß das Rosa Zimmer und Mamas Schlafzimmer das Orangefarbene Gemach (wie genau erinnere ich mich noch an alle Einzelheiten!). Zur Essenszeit musste Tim mit einer großen Glocke läuten; vor uns auf dem Tisch stand stets ein silberner Krug, und Mutter konnte mit Recht behaupten, dass ich genau wie jeder andere Edelmann des Landes stets meinen Rotwein vor mir stehen hatte. Natürlich durfte ich meines zarten Alters wegen nicht davon trinken, und so erlangte der Wein in der Karaffe ein beträchtliches Alter.

Onkel Brady fand das eines Tages heraus, als er uns (trotz des Streites zwischen den beiden Familien) zur Essenszeit in Barryville besuchte und unglücklicherweise von dem Getränk kostete. Es war ein höchst ergötzlicher Anblick, wie er spuckte und was für Gesichter er schnitt! Aber der ehrenwerte Gentleman war nicht sehr wählerisch, wenn es sich um Alkohol handelte; auch war es ihm ziemlich gleichgültig, in welcher Gesellschaft er sich diesem Genuss hingab. Er betrank sich, wie es sich traf, mit dem protestantischen Pastor oder mit dem katholischen Pfarrer. Über seinen Verkehr mit dem Pfarrer war meine Mutter höchst ungehalten, denn als treue Anhängerin des Hauses Nassau-Oranien verabscheute sie aus tiefstem Herzen jene Anhänger des alten Glaubens, und sie hätte sich schwerlich mit einem unaufgeklärten Papisten im selben Raum aufgehalten. Doch der wackere Squire kannte solche Skrupel nicht, er war einer der jovialsten, trägsten und gutmütigsten Männer, die es gab, und so manche Stunde verbrachte er mit der einsamen Witwe, wenn er seiner Madam Brady zu Hause überdrüssig war. Er liebte mich, so sagte er, wie seine eigenen Söhne, und nachdem meine Mutter etliche Jahre beharrlich gewesen war, gab sie schließlich die Erlaubnis, dass ich wieder nach Schloss Brady zurückkehrte; sie selbst jedoch hielt sich streng an ihren Schwur, solange ihre Schwägerin noch lebte, ihren Fuß nicht über dessen Schwelle zu setzen.

Bereits am ersten Tag meiner Ankunft auf Schloss Brady begannen gewissermaßen meine Prüfungen. Mein Vetter, Master Mick, ein riesiges Scheusal von neunzehn Jahren (er hasste mich, und ich kann versichern, dass ich dieses Gefühl gern erwiderte), beleidigte mich wegen der Armut meiner Mutter und brachte mit seinem Spott alle jungen Damen der Familie zum Kichern. Als wir dann zu den Ställen gingen, was Mick wegen seiner Pfeife nach Tisch immer tat, sagte ich ihm tüchtig meine Meinung, und es kam zu einer Prügelei von mindestens zehn Minuten, in der ich meinen Mann stand und ihm das linke Auge blau schlug – und all das, obwohl ich zu dem Zeitpunkt erst zwölf Jahre alt war. Natürlich schlug er mich am Ende, aber eine solche Niederlage machte auf mich Burschen von so zartem Alter weiter keinen Eindruck, hatte ich mich doch bereits in so mancher Schlacht mit den zerlumpten Straßenlümmeln von Brady’s Town erprobt, und niemals war sie für mich erfolgreich ausgegangen. Mein Onkel zeigte sich recht erfreut, als er von meiner Tapferkeit erfuhr; meine Cousine Nora brachte ein Stück weiches Papier und Essig für meine Nase, und ich kehrte an jenem Abend mit einer Pinte Rotwein intus nach Hause, kein bisschen stolz, das darf ich sagen, dass ich mich gegen Mick so lange gehalten hatte.

Obwohl er mich ständig drangsalierte und mich zu verprügeln pflegte, wenn ich ihm über den Weg lief, fühlte ich mich auf Schloss Brady recht glücklich, da mir meine Cousinen, zumindest einige der Mädchen, recht gut gefielen und mein Onkel mich offensichtlich von Tag zu Tag mehr in sein Herz schloss. Er kaufte mir ein Fohlen, brachte mir das Reiten bei und nahm mich zur Hetz- und zur Vogeljagd mit; unter seiner Anweisung wurde ich bald ein ausgezeichneter Schütze. Und schließlich wurde ich auch von Micks Quälereien erlöst, denn sein Bruder, Master Ulick, der vom Trinity College aus Dublin zurückkehrte und seinen älteren Bruder hasste, wie das in vornehmen Familien meist der Fall ist, nahm mich unter seine Fittiche. Von da an wurde ich, der englische Redmond, wie man mich nannte, da Ulick größer und stärker war als Mick, in Ruhe gelassen, außer, wenn Ulick glaubte, mir Prügel verabreichen zu müssen.

Auch in den schönen Künsten wurde meine Erziehung nicht vernachlässigt, denn ich besaß ein ungewöhnliches Talent für diese Dinge und übertraf bald die anderen jungen Leute. Da ich ein feines Ohr und eine hübsche Stimme hatte, tat meine Mutter alles in ihren Kräften Stehende, um diese Anlagen zu fördern, auch brachte sie mir bei, wie man die Schritte beim Menuett setzt, gravitätisch und graziös zugleich, und legte so die Grundlagen für meine späteren Erfolge im Leben. Die Volkstänze lernte ich (vielleicht sollte ich das lieber nicht gestehen) von unserer Dienerschaft; in ihrer Diele, da konnte man sicher sein, traf man ständig einen Pfeifer an, und ich war dort beim Hornpipe und der Jig einfach unerreicht.

Was die Buchweisheit anbelangt, so zeigte ich stets eine besondere Neigung für Romane und Theaterstücke, da ich fand, dass deren Lektüre für die Erziehung eines vollendeten Gentlemans unumgänglich nötig sei, und niemals ließ ich – wenn ich Geld hatte – einen Hausierer aus dem Dorf ziehen, ohne nicht von ihm ein, zwei Balladen erstanden zu haben. Das Studium der langweiligen Grammatik und Griechisch und Latein und ähnliches Zeug hasste ich von Kindesbeinen an und erklärte auch stets unumwunden, dass ich nichts davon wissen wolle.

Das bekräftigte ich ganz überzeugend im Alter von dreizehn Jahren, als meine Mutter, die von meiner Tante Biddy Brady hundert Pfund geerbt hatte, beschloss, diese für meine Erziehung zu verwenden und mich in das berühmte Internat von Doktor Tobias Tickler nach Ballywhacket schickte – Backwhacket, wie mein Onkel es zu nennen beliebte. Schon nach sechs Wochen tauchte ich jedoch wieder auf Schloss Brady auf, nachdem ich vierzig Meilen von dem schrecklichen Ort zu Fuß gegangen war und der ehrwürdige Doktor meinetwegen beinahe einen Schlaganfall erlitten hatte. Beim Murmelspiel, beim Barlauf und Boxen war ich der Beste in der Schule, aber es war unmöglich, mich dazu zu bewegen, irgendetwas in den klassischen Fächern zu vollbringen. Nachdem ich siebenmal durchgeprügelt worden war, ohne dass sich dadurch mein Latein auch nur im Geringsten gebessert hatte, weigerte ich mich (da es vollkommen sinnlos war), mich einer achten Züchtigung zu unterziehen. »Es hat wirklich keinen Zweck, Sir«, sagte ich, als mich der Doktor wieder einmal vornahm. Da er aber nicht auf mich hören wollte und sich anschickte, zur Züchtigung zu schreiten, schleuderte ich in Notwehr eine Schiefertafel nach ihm und schlug den schottischen Hilfslehrer mit einem bleiernen Tintenfass nieder. Meine Mitschüler jubelten, einige Diener wollten mich aufhalten, aber nachdem ich mein großes Klappmesser, das mir meine Cousine Nora geschenkt hatte, herausgezogen hatte und schwor, es dem Erstbesten, der mir in die Quere kam, in den Wanst zu stoßen – wahrlich!, da ließen sie mich gehen. Ich übernachtete zwanzig Meilen von Ballywhacket entfernt in der Hütte eines Pachthäuslers, der mir Kartoffeln und Milch vorsetzte und dem ich später, als ich in meinen großen Zeiten Irland besuchte, hundert Guineas schenkte. Ich wünschte, ich hätte heute dieses Geld. Aber hin ist hin! Ich habe so manches Lager kennengelernt, härter als das für heute Nacht, und so manche Mahlzeit, kärglicher als die, die mir der ehrliche Phil Murphy an jenem Abend vorsetzte, als ich aus der Schule wegrannte. Auf diese Weise habe ich also in meinem ganzen Leben nur einen sechswöchigen Schulunterricht genossen. Ich erzähle das alles, damit Eltern den Nutzen daraus ziehen. Denn obwohl mir im Leben eine Reihe von gelehrten Bücherwürmern über den Weg gelaufen sind, ich denke da hauptsächlich an diesen einen großen, ungeschlachten, plumpen, triefäugigen alten Doktor, den sie Johnson nannten, der in London in der Fleet Street wohnte und den ich ganz schön rasch in einer Debatte (es war in Button’s Kaffeehaus) mundtot machte; und überhaupt bei allem, in der Dichtkunst, in dem, was ich mit Naturphilosophie bezeichne, oder in der Kenntnis des Lebens, im Reiten, in der Musik, im Springen, im Degenfechten, im Umgang mit Pferden, der Erfahrung beim Hahnenkampf oder den Manieren eines vollendeten Gentlemans und eines Mannes von Welt – das darf ich behaupten – fand Redmond Barry kaum seinesgleichen.

»Sir«, sagte ich zu Mr. Johnson bei der Gelegenheit, auf die ich oben anspielte – er befand sich in Gesellschaft von einem gewissen Mr. Buswell aus Schottland und wurde im Club eingeführt von einem gewissen Mr. Goldsmith, der mein Landsmann war –, »Sir«, sagte ich also, in Erwiderung auf das großartige donnernde griechische Zitat des Schulmeisters, »Sie bilden sich wohl ein, eine ganze Menge mehr zu wissen als andere Leute, wenn Sie da Ihren Aristuttel und Pluto anführen; aber können Sie mir vielleicht sagen, welches Pferd nächste Woche in Epsom gewinnen wird? Können Sie sechs Meilen laufen, ohne nach Luft zu japsen? Treffen Sie ohne Fehlschuss zehn Mal hintereinander das Pik-As? Wenn dem so ist, so reden Sie mit mir über Aristuttel und Pluto.«

»Wissen Sie überhaupt, mit wem Sie sprechen?«, brüllte darauf der schottische Gentleman, Mr. Buswell.

»Halten Sie Ihre Zunge im Zaum, Mr. Boswell«, sagte darauf der alte Schulmeister. »Ich habe kein Recht, mich dem Gentleman gegenüber mit meinem Griechisch zu brüsten. Er hat mir die rechte Antwort erteilt.«

»Doktor«, sage ich und sehe ihn schelmisch an, »kennen Sie vielleicht einen Reim auf Aris- tuttel

»Eine Buddel Portwein her, wenn ich bitten darf«, sagt Mr. Goldsmith und lacht. Und als wir an jenem Abend das Kaffeehaus verließen, hatten wir sechs Reime auf Aristoteles intus. Es wurde damals, als ich die Geschichte weitererzählte, ein regelrechter Scherz daraus, sich bei White’s oder im »Kakaobaum«, wo die Witzbolde saßen, eine Flasche Wein mit den Worten kommen zu lassen: »He, Wirt, bringen Sie mir einen von Hauptmann Barrys Reimen auf Aristuttel!« Einmal, als ich leicht angesäuselt im »Kakaobaum« saß, nannte mich der junge Dick Sheridan einen großen Stagiriten, ein Witz, den ich niemals verstand. Aber ich schweife von meiner Geschichte ab und muss nach Hause zurückkehren, zurück ins teure alte Irland.

Seitdem habe ich in den höchsten Kreisen des Landes verkehrt, und meine Umgangsformen sind, wie ich bereits sagte, über jede Kritik erhaben. Man wird sich vielleicht wundern, dass ein Junge, der wie ich unter irischen Squires groß geworden ist, so ausgezeichnete Manieren besitzt, worüber es keinen Zweifel gibt. Aber ich hatte einen guten Lehrmeister in der Person des alten Wildhüters, der in Diensten des Königs von Frankreich in Fontenoy gestanden hatte und der mich die Tänze, die Sitten und Bräuche der großen Welt lehrte, mir einige Brocken der französischen Sprache beibrachte und mich im Fechten mit Degen und Schwert vervollkommnete. Meile um Meile trottete ich an seiner Seite, und er erzählte mir wundervolle Geschichten über den französischen König und die Irische Brigade und Marschall Saxe und die Operntänzer; er kannte auch meinen Onkel, Chevalier Einauge, und in der Tat, er verfügte über tausenderlei Fertigkeiten, die er mir heimlich vermittelte. Ich habe nie wieder einen Mann getroffen, der so gut wie er mit künstlichen Fliegen angeln konnte und Pferde zu beurteilen, zu kurieren und zuzureiten verstand; er hat mir alle möglichen Sportarten beigebracht, angefangen vom Vogelnesterausnehmen. Stets werde ich Phil Purcell als meinen besten und erfolgreichsten Lehrer betrachten. Sein einziger Fehler war die Trunksucht, doch für diese Schwäche hatte ich schon immer Verständnis, und er hasste meinen Vetter Mick wie Gift, wofür ich ebenfalls volles Verständnis hatte.

Dank Phil verfügte ich mit fünfzehn Jahren über mehr Fähigkeiten als irgendeiner meiner jungen Verwandten; und ich möchte meinen, Mutter Natur war mit dem, was meine äußere Erscheinung betraf, äußerst freigebig umgegangen. Einige junge Damen auf Schloss Brady (wie ihr gleich hören werdet) himmelten mich an. Auf Jahrmärkten und beim Pferderennen wollten mich die hübschesten Mädchen, die es dort gab, zu ihrem Ritter machen; und doch, ich muss es gestehen, war ich im Allgemeinen nicht beliebt.

Jedermann wusste, dass ich arm wie eine Kirchenmaus war, und zudem – ich glaube, das lag an der Erziehung, die meine gute Mutter mir zuteilwerden ließ – war ich ungemein stolz. Ich hatte die Gewohnheit, mich meiner feudalen Herkunft zu rühmen und der Pracht meiner Equipagen, Parks, Weinkeller und meiner Dienerschaft, und das vor Leuten, die über meine wirklichen Verhältnisse wohlunterrichtet waren. Wenn ich das vor jungen Burschen tat und diese sich erlaubten, über mich zu lachen, prügelte ich sie windelweich, oder ich zog den Kürzeren, und oft wurde ich halbtot geschlagen nach Hause gebracht; auf die Fragen meiner Mutter antwortete ich dann, es habe sich um die »Familienehre« gehandelt. »Verteidige deinen Namen mit deinem Blut, Reddy, mein Junge!«, pflegte darauf die Heilige mit Tränen in den Augen zu sagen; und so hätte sie selbst ganz gewiss gehandelt, mit ihrer kräftigen Stimme, ja mit ihren Zähnen und ihren Fingernägeln.

So gab es wohl kaum einen Burschen von zwanzig im Umkreis von einem halben Dutzend Meilen, den ich als Fünfzehnjähriger nicht aus diesem oder jenem Grund verprügelt hätte. Da waren die beiden Söhne des Vikars von Schloss Brady – nie im Leben wollte ich mit diesen erbärmlichen Lumpen Umgang haben, und so manche Schlacht tobte zwischen uns um die Vorrangstellung in Brady’s Town; dann war da Pat Lurgan, der Sohn vom Hufschmied, der viermal die Oberhand behielt, bis ich ihn in einem glorreichen Kampf überwältigte. Und ich könnte noch eine ganze Reihe weiterer tapferer Heldentaten aufzählen, jedoch sind diese Raufereien nicht recht geeignet, um sie wohlerzogenen Damen und Herren vorzuführen.

Nun komme ich zu einem Thema, meine Damen, das stets Interesse erweckt. Tag und Nacht denkt man an sie, Alt und Jung träumt davon. Ob hübsch oder hässlich (und, bei meiner Seele, bis zu meinem fünfzigsten Lebensjahr traf ich keine hässliche Frau!), dieses Thema berührt alle Herzen; und ich glaube, ihr habt ohne große Mühe mein Rätsel gelöst. Liebe! Das ist mit seinen Vokalen und weichen Konsonanten bestimmt das schönste Wort in jeder Sprache, und der Mensch, der nicht gerne davon hört, ist meiner Ansicht nach keinen Pfifferling wert.

Mein Onkel hatte zehn Kinder, die, wie es in so großen Familien üblich ist, in zwei Lager oder zwei Parteien gespalten waren, eine Seite hielt zur Mama, die andere schlug sich in den zahllosen Streitigkeiten zwischen dem Gentleman und seiner Lady auf die Seite meines Onkels. Mrs. Bradys Fraktion wurde von Mick, dem ältesten Sohn, angeführt, der mich so hasste und seinen Vater verabscheute, weil er ihn nicht an sein Vermögen heranließ, während Ulick, der Zweitälteste, der Liebling des Vaters war. Master Mick hinwiederum fürchtete sich maßlos vor ihm. Ich muss wohl nicht die Namen der Mädchen erwähnen; ich hatte wahrlich in meinem späteren Leben genug Ärger mit ihnen; eines von ihnen war die Ursache meiner frühzeitigen Missgeschicke. Sie war die Schönheit der Familie (obwohl ihre Schwestern das bestritten) und hieß Honoria.

Sie behauptete damals, erst neunzehn zu sein, doch gemäß dem Eintrag auf dem Vorsatzblatt der Familienbibel (sie bildete eines der drei Bücher, die meines Onkels Bibliothek ausmachten – neben einem Puffbrettspiel) war sie im Jahre 1737 geboren und von Doktor Swift, dem Dekan von St. Patrick’s, Dublin, getauft, und sie war also zu jener Zeit, als sie und ich so oft zusammen waren, dreiundzwanzig Jahre.

Wenn ich heute über sie nachdenke, weiß ich, dass sie keineswegs hübsch war, im Gegenteil, sie war dick und fett, hatte einen unvorstellbar großen Mund, war mit Sommersprossen gesprenkelt wie ein Rebhuhnei, und ihr Haar hatte die Farbe eines gewissen Gemüses, das wir zusammen mit Rindfleisch essen – milde ausgedrückt. Wieder und wieder pflegte meine geliebte Mutter mich darauf aufmerksam zu machen, doch ich glaubte ihr damals nicht, sondern war fest davon überzeugt, Honoria sei ein engelschönes Geschöpf, schöner als sämtliche anderen Engel ihres Geschlechtes.

Wie man weiß, kann keine junge Dame sich im Tanz oder Gesang vervollkommnen, ohne fleißig zu üben; das Lied oder das Menuett, das im Gesellschaftszimmer so anmutig und leicht vorgezeigt wird, ist nicht ohne große Mühen und Ausdauer im stillen Kämmerlein zu erreichen. Ebenso wenig kann so ein anziehendes Geschöpf ohne stetige Übung eine vollendete Kokette werden. Honoria jedenfalls versuchte sich eifrig in dieser Kunst, und als Prüfstein benutzte sie mich Armen oder auch den Steuereinnehmer, wenn er seine Runde machte, oder den Gutsverwalter oder den armen Hilfspfarrer oder den Apothekerlehrling von Brady’s Town, den ich, wie ich mich noch erinnere, aus diesem Grunde windelweich prügelte. Sollte er noch am Leben sein, leiste ich hiermit Abbitte! Armer Junge. Als wäre es seine Schuld gewesen, Opfer der Tricks und Kniffe der größten Kokette (zieht man ihr abgeschiedenes Leben und ihre ländliche Herkunft in Betracht) auf der Welt zu werden.

Wenn ich schon die Wahrheit sagen muss – und jedes Wort dieses meines Lebensberichtes ist heiligste Wahrheit –, so muss ich gestehen, dass meine Leidenschaft für Honoria höchst trivial und unromantisch begann. Ich rettete ihr nicht das Leben, im Gegenteil, ich hätte sie einmal beinahe ins Jenseits befördert, wie ihr hören werdet. Ich brachte ihr weder beim Mondenschein ein Ständchen auf der Gitarre dar, noch befreite ich sie aus der Gewalt von Räubern wie Alfonso seine Lindamira im Roman. Eines Tages nach dem Dinner in Brady’s Town, es war im Sommer, ging ich in den Garten, um als Nachtisch Stachelbeeren zu pflücken, und ich dachte an nichts anderes als an Stachelbeeren – Ehrenwort! Da traf ich auf Miss Nora und eine ihrer Schwestern, mit der sie zu dem Zeitpunkt immer zusammen war, und beide gaben sich gerade dem gleichen Vergnügen hin.

»Wie ist die lateinische Vokabel für Stachelbeere, Redmond?«, fragt sie. Sie war immer darauf aus, jemanden zu foppen, wie es so schön heißt.

»Ich kenne das lateinische Wort für Stachel«, sage ich.

»Und wie lautet es?«, ruft Miss Mysie, so keck wie ein Stieglitz.

»Mal so, mal so!«, sage ich (denn ich war nie um einen Spaß verlegen). Und so fielen wir über den Stachelbeerstrauch her und lachten und schwatzten vergnügt. Beim Pflücken kriegte Nora es fertig, sich den Arm aufzuritzen, er blutete, und sie schrie, und der Arm war mächtig rund und weiß, und ich verband ihn und, ich glaube, dann wurde mir gestattet, die Hand zu küssen. Und obwohl es eine große plumpe Hand war, gewährte mir diese Gunst das höchste Entzücken, das mir je zuteilwurde, und in einem Taumel gelangte ich nach Hause.

Ich war in jenen Tagen noch einfältig genug, nicht jedes Gefühl, das mich überfiel, zu verbergen; und es dauerte nicht lange, da wussten alle acht Mädchen auf Schloss Brady um meine Leidenschaft und trieben ihren Scherz damit und beglückwünschten Nora zu ihrem Verehrer.

Die Qualen der Eifersucht, die mich die grausame Kokette erdulden ließ, waren entsetzlich. Einmal behandelte sie mich wie ein Kind, das nächste Mal wie einen Mann. Aber stets ließ sie mich stehen, wenn irgendein fremdes Mannsbild ins Haus kam.

»Das musst du einsehen, Redmond«, sagte sie dann, »du bist erst fünfzehn und hast keinen einzigen Pfennig in der Tasche.« Darauf beteuerte ich, der größte Held zu werden, den Irland je gekannt hat, und versicherte hoch und heilig, noch vor meinem zwanzigsten Lebensjahr genügend Geld zu beschaffen, um einen Besitz, sechs Mal so groß wie Schloss Brady, zu erwerben. All das waren natürlich leere Versprechungen; ich konnte sie nicht halten, aber gewiss haben sie mich in meiner Kindheit beeinflusst und mich zu den großen Taten beflügelt, wegen der man mich feierte und die ich nun der Reihe nach erzählen werde.

Eine Sache muss ich gleich berichten, damit meine lieben jungen Leserinnen einen Begriff von dem Burschen Redmond Barry bekommen, und von seinem Mut und seiner unerschrockenen Leidenschaftlichkeit. Und ich bezweifle, ob einer der Jennys und Jessamys der heutigen Zeit im Angesicht der Gefahr auch nur halb soviel wagen würden.

Damals, das muss erwähnt werden, befand sich ganz Großbritannien in fieberhafter Aufregung, da man eine mögliche Invasion der Franzosen befürchtete. Der Prätendent, so hieß es, stand in Versailles hoch in Gunst, eine Landung in Irland wurde erwartet, und Brady’s Town schickte eine Kompanie zur Verstärkung des Kilwangan Regiments, und mein Vetter Mick wurde dort Hauptmann. Master Ulick schrieb vom Trinity College aus, dass er die Ehre habe, dem von der Universität aufgestellten Regiment als Korporal anzugehören. Ich beneidete die beiden glühend, besonders den widerlichen Mick, als ich ihn in seinem mit Tressen besetzten roten Rock, einem Band am Hut, an der Spitze seiner Leute davonmarschieren sah. Diese armselige schlappe Kreatur war Hauptmann – und ich nichts! Ich, der ich meine Tapferkeit mit der des Herzogs von Cumberland verglich und genau wusste, dass mir eine rote Jacke mächtig gut gestanden hätte. Meine Mutter meinte, ich sei noch zu jung, um in das neue Regiment einzutreten; die Wahrheit jedoch war, dass sie zu arm war, denn allein die Kosten für eine neue Uniform hätten die Hälfte ihres Jahreseinkommens verschlungen – und natürlich sollte ihr Junge nur in einer Weise auftreten, die seiner Geburt angemessen war, also mit dem rassigsten Reitpferd, der feinsten Kleidung und in der vornehmsten Gesellschaft.

Nun, jedenfalls überzog der Widerhall des Kriegsalarms das ganze Land. Der Schall der Militärmusik drang durch alle drei Königreiche, und jeder treffliche Mann machte am Hof der Bellona dieser Kriegsgöttin seine Aufwartung – nur ich musste, da ich arm war, in meiner Barchentjacke zu Hause bleiben und insgeheim mein Schicksal beklagen. Mr. Mick kehrte ab und zu von seinem Regiment heim und brachte eine Menge Kameraden mit. Ihr Aufzug und ihr prahlerisches Getue erfüllten mich mit Bitterkeit, und Miss Noras unverminderte Aufmerksamkeit den Herren gegenüber machte mich fuchsteufelswild. Niemand schrieb jedoch die Ursache meines Kummers dieser Dame zu, sondern nur meiner Enttäuschung, nicht am Militärleben teilhaben zu dürfen.

Eines Abends nun veranstalteten die Offiziere des Milizregiments einen großen Ball in Kilwangan, zu dem natürlich sämtliche Damen von Schloss Brady (sie stellten wahrlich eine hässliche Wagenladung dar) eingeladen wurden. Ich wusste schon im Voraus, dass mir die flatterhafte Nora durch ihr ewiges Kokettieren mit den Offizieren schreckliche Qualen bereiten würde, und weigerte mich daher lange, an dem Ball teilzunehmen. Doch ihren Überredungskünsten war mein Widerstand nicht gewachsen. Sie behauptete, ihr würde bei Fahrten mit der Kutsche stets schlecht, und sagte: »Wie kann ich auf dem Ball erscheinen, wenn du mich nicht auf deinem Pferd mitnimmst?« Ich ritt damals Daisy, eine kräftige Vollblutstute meines Onkels, und ich brachte es nicht über mich, eine solche Bitte abzuschlagen. So ritten wir gemeinsam nach Kilwangan, und ich fühlte mich stolz wie ein Fürst, als sie mir einen Kontertanz versprach.

Die undankbare Kokette hielt jedoch diese Verpflichtung nicht ein, sondern erklärte kurz und bündig, sie hätte mich völlig vergessen und den Tanz mit einem Engländer getanzt! Nie wieder in meinem Leben habe ich ähnliche Qualen erduldet. Sie versuchte die Sache wiedergutzumachen, ich ging aber nicht darauf ein. Einige der hübschesten Mädchen boten mir Trost an, denn ich galt als der beste Tänzer im Saal; ich versuchte auch ein Mal zu tanzen, fühlte mich aber zu elend, den Tanz zu beenden, und blieb die ganze Nacht allein, verzweifelt. Da ich kein Geld hatte (beziehungsweise nur das Goldstück, das meine Mutter mich hieß, stets in der Tasche zu tragen, wie sich das für einen Gentleman geziemt), konnte ich mich nicht einmal am Spiel beteiligen, und zum Trinken hatte ich keine Lust, denn ich wusste damals noch nicht, welch schauerlichen Trost der Alkohol zu bieten vermag; ich dachte vielmehr daran, mich und Nora umzubringen, auf jeden Fall aber Hauptmann Quin.

Schließlich graute der Morgen, und der Ball war zu Ende. Die anderen Damen vom Schloss fuhren in der knarrenden alten riesigen Kalesche davon; meine Stute Daisy wurde vorgeführt, und Miss Nora nahm ihren Platz hinter mir ein, was ich schweigend zuließ. Kaum waren wir eine Meile außerhalb der Stadt, als sie versuchte, mich durch Schmeicheleien und Kokettieren versöhnlich zu stimmen.

»Redmond, mein Lieber, es ist eine kalte Nacht, und ohne Tuch um den Hals wirst du dich erkälten.« Diese teilnahmsvolle Annäherung vom Sattelkissen her fand vorne keine Erwiderung.

»Hattest du mit Miss Clancy einen hübschen Abend, Redmond? Ihr wart die ganze Zeit über zusammen, wie ich sah.« Auf diese Bemerkung hin kam von vorn aus dem Sattel nur ein Zähneknirschen und ein Peitschenhieb für Daisy.

»Du lieber Himmel! Daisy wird noch ausschlagen und mich abwerfen, wenn du so um dich haust. Und du weißt, Redmond, ich bin so ängstlich!« Bei diesen Worten umschlang die hintere Person mit dem sanftesten Druck der Welt die Taille ihres Vordermannes.

»Ich hasse Miss Clancy, das weißt du!«, antwortete es aus dem Sattel. »Und ich tanzte nur mit ihr, weil – weil – die Person, mit der ich gern getanzt hätte, den ganzen Abend anderweitig beschäftigt war.«

»Da waren doch meine Schwestern«, tönte das Sattelkissen und lachte in stolzem Bewusstsein der Überlegenheit laut auf, »und was mich angeht, mein Lieber, war ich kaum fünf Minuten im Saal und hatte schon alle Tänze vergeben.«

»War es denn nötig, fünf Mal mit Hauptmann Quin zu tanzen?«, fragte ich; und – o welch unübertroffener köstlicher Zauber der Koketterie – Miss Nora Brady mit ihren dreiundzwanzig Jahren war von unsagbarem Entzücken erfüllt, dass sie mit einem arglosen Jungen von fünfzehn so umspringen konnte.

Natürlich erwiderte sie, dass sie sich nichts aus Hauptmann Quin mache; er tanze zwar gut, sei überhaupt ein angenehmer Schwätzer und mache in seiner Regimentsuniform auch eine gute Figur. Wenn er sie also aufgefordert habe, warum sollte sie ihn abweisen?

»Doch mich hast du abgewiesen, Nora.«

»Oh! Mit dir kann ich doch jeden Tag tanzen«, sagte Miss Nora und warf dabei ihren Kopf zurück. »Außerdem sieht es so aus, als fände man keinen anderen Partner, wenn man auf dem Ball mit dem eigenen Vetter tanzt. Und dann kommt noch hinzu«, fuhr Nora fort und versetzte mir damit einen grausamen, rücksichtslosen Schlag, der zeigte, welche Macht sie über mich besaß und wie gnadenlos sie sie ausübte, »Hauptmann Quin ist ein Mann, und du bist ein kleiner Junge, Redmond.«

»Sollte er mir je wieder über den Weg laufen, wirst du erleben, wer hier der Mann ist!«, brüllte ich und schwor einen Eid. »Ich werde ihn auf Degen oder Pistolen fordern, diesen sogenannten Hauptmann. Diesen Mann! Ich stelle mich jedem – jedem Mann! Habe ich mich nicht mit elf gegen Mick Brady wacker gehalten? Und Tom Sullivan geschlagen, dieses grobklotzige Scheusal, der neunzehn war? Und dem schottischen Schulmeister eins ausgewischt? Oh, Nora, es ist grausam, wie du mich behandelst.«

Nora war jedoch in dieser Nacht zu Spott und Hohn aufgelegt und ließ davon nicht ab. Sie führte an, dass Hauptmann Quin sich bereits als Soldat ausgezeichnet habe, in London als Mann von Welt bekannt sei, und dass Redmond recht habe, wenn er so großartig daherrede und damit prahle, wie er Schulmeister und Bauernlümmel verprügelt habe, es aber eine ganz andere Sache sei, mit einem Engländer fertig zu werden.

Dann kam sie auf die Invasion zu sprechen und auf militärische Angelegenheiten überhaupt; auf König Friedrich (den man in jenen Tagen den Protestantischen Helden nannte), auf Monsieur Thurot und seine Flotte, auf Monsieur Conflans und seine Schwadron, auf Menorca, wie es angegriffen wurde und wo es läge; wir kamen beide überein, dass es sich in Amerika befände, und hofften, dass die Franzosen dort gehörig geschlagen würden.

Nach einer Weile seufzte ich (denn mein Widerstand begann zu schmelzen) und sagte, wie sehr ich mich danach sehnte, Soldat zu werden. Nora fiel in ihre frühere Haltung zurück und entgegnete: »Was, du willst mich verlassen? Aber du bist nicht groß genug und kannst höchstens Tambour werden.« Ich schwor darauf, dass ich Soldat werden würde, ja sogar General.

Während wir auf diese törichte Weise schwatzten, kamen wir zu einer alten hohen Brücke, die seit alten Zeiten Redmond’s Leap Bridge hieß. Sie führte über einen recht tiefen und felsigen Fluss, und als sich die Stute Daisy mit ihrer doppelten Last mitten auf der Brücke befand, ließ Miss Nora ihrer Phantasie die Zügel schießen und fragte, wobei sie weiter am militärischen Thema festhielt (ich gehe jede Wette ein, dass sie dabei an Hauptmann Quin dachte): »Nimm mal an, Redmond, wo du doch ein so großer Held bist, du passierst gerade die Brücke und am anderen Ende steht der Feind. Was würdest du tun?«

»Ich würde mein Schwert ziehen und mir den Weg bahnen.«

»Was? Mit mir auf dem Sattel? Ich Allerärmste könnte doch dabei getötet werden.« (Die junge Dame sprach häufig von sich als »Allerärmste«.)

»Also dann würde ich Folgendes tun: ich würde mit Daisy in den Fluss springen und mit dir zu einer Stelle schwimmen, wohin uns kein Feind folgen könnte.«

»Was? Zwanzig Fuß tief springen? Das würdest du mit so einem Gaul wie Daisy nie wagen. Ja, wenn es Black George wäre, das Pferd des Hauptmanns. Weißt du, das Pferd von Hauptmann Qui…«

Sie sprach das Wort nicht zu Ende, denn schon die ersten Buchstaben des verhassten einsilbigen Namens ließen mich vor Wut wahnsinnig werden; ich rief ihr nur noch zu: »Halt dich fest!«, gab Daisy die Sporen und sprang mit Nora über die Brüstung ins tiefe Wasser. Ich weiß nicht, warum ich das tat – ob ich gemeinsam mit Nora ertrinken wollte oder ob ich etwas vollbringen wollte, vor dem selbst Hauptmann Quin zurückgeschreckt wäre, oder ob ich mir wirklich einbildete, der Feind stünde vor uns – ich kann es heute nicht mehr sagen; jedenfalls sprang ich. Das Pferd versank bis über den Kopf in den Fluten, Nora schrie wie am Spieß, als sie unterging und dann wieder hochkam, und schließlich gelang es mir, sie halb ohnmächtig ans Ufer zu bringen, wo wir bald von den Leuten meines Onkels gefunden wurden, die auf das Gebrüll hin zurückgelaufen waren. Ich begab mich nach Hause, wurde prompt krank und musste sechs Wochen lang mit Fieber das Bett hüten; als ich mich von meinem Lager erhob, war mein Körper erstaunlich gewachsen, und ich war noch heftiger verliebt als je zuvor. Zu Beginn meiner Krankheit hatte Miss Nora mich recht häufig besucht, wobei sie den Streit zwischen meiner Mutter und ihrer Familie außer Acht ließ, den meine Mutter übrigens auf höchst christliche Weise ebenfalls zu vergessen beliebte. Und, das muss ich betonen, es war kein geringes Zeichen von Güte bei einer Frau von solch hochmütiger Gesinnung, die in der Regel niemand etwas verzieh, ausgerechnet wegen mir ihre Feindschaft zu Miss Brady aufzugeben und sie freundlich zu empfangen. Denn so vernarrt wie ich war, verlangte ich in meinem Fieberwahn dauernd nach Nora; ich wollte die Medizin nur einnehmen, wenn sie sie mir reichte, und blickte meine gute Mutter unwirsch und düster an, deren Ein und Alles ich war und die selbst ihre liebsten Gewohnheiten und Eigenheiten aufgab und aufkeimende Eifersucht unterdrückte, um mich glücklich zu machen.

Als es mir aber besser ging, wurden Noras Besuche immer seltener. »Warum kommt sie nicht?«, fragte ich verärgert mindestens ein dutzend Mal am Tag, und meine Mutter erfand stets neue Ausreden für ihr Ausbleiben – etwa: Nora habe sich den Knöchel verstaucht oder sie hätten sich gezankt oder dergleichen mehr, nur um mich zu besänftigen. Und so manches liebe Mal zog sich die gute Seele in ihr eigenes Zimmer zurück, wo ihr das Herz brach ob der Kränkung, und kehrte darauf mit einem Lächeln auf dem Gesicht wieder, und ich war ahnungslos. In der Tat bemühte ich mich weiter nicht, ihren Kummer zu ergründen, und wenn, so wäre ich wahrscheinlich davon nicht sonderlich berührt worden. Ich denke, zum Erwerb von Männlichkeit gehört auch äußerster Egoismus. Wir haben in dieser Periode ein solches Verlangen, dem elterlichen Nest zu entfleuchen, und weder Tränen noch Bitten und Flehen noch echte Zuneigung könnten die überwältigende Sehnsucht nach Unabhängigkeit außer Kraft setzen. Meine gute Mutter – der Himmel schütze sie – muss in jenen Tagen sehr traurig gewesen sein. Und oft genug hat sie mir später noch erzählt, was es ihr für einen Stich versetzt habe, die all die Jahre auf mich verwendete Sorgfalt und Liebe von mir in einer einzigen Minute weggewischt zu sehen – wegen einer kleinen, herzlosen Kokette, die sich nur mit mir abgab, weil kein anderer Verehrer zur Hand war. In Wirklichkeit weilte während der letzten vier Wochen meiner Krankheit Hauptmann Quin zu Besuch auf Schloss Brady und machte Miss Nora in aller Form den Hof. Meine Mutter wagte nicht, mir diese Neuigkeit mitzuteilen, und ganz bestimmt wahrte Nora das Geheimnis – nur durch Zufall enthüllte es sich mir.

Soll ich sagen, wie? Die Treulose hatte mich eines Tages wieder besucht und war so gutgelaunt, so liebenswürdig und charmant zu mir, dass mein Herz vor Freude und Glück überfloss; sogar für meine Mutter hatte ich an jenem Morgen ein freundliches Wort und einen Kuss übrig. Ich fühlte mich so trefflich, dass ich ein ganzes Hühnchen verspeiste und meinem Onkel, der mich gerade besuchte, versprach, ihn sofort wieder wie gewohnt auf seine Rebhuhnjagd zu begleiten.

Der nächste Tag jedoch war ein Sonntag, und ich fasste einen Plan, den ich unbedingt verwirklichen wollte – trotz aller strikten Verbote des Arztes und meiner Mutter, die mir streng untersagt hatten, unter keinen Umständen das Haus zu verlassen, denn frische Luft wäre mein Tod.

Also legte ich mich zunächst außerordentlich behaglich zurück und entwarf eine Reihe von Versen, die ersten, die ich in meinem Leben verfasste. Ich gebe sie hier wieder, Wort für Wort, so wie ich sie in jenen Tagen formulierte, als ich es nicht besser konnte. Und obwohl sie nicht so ausgefeilt und elegant sind wie »Ardelia lindert das Weh eines liebeskranken Schäfers« und »Wenn Sonne erglänzt auf blumenbesprenkelter Wiese« und andere lyrische Ergüsse, die mir in späteren Tagen soviel Erfolg eintrugen, so halte ich sie doch für ziemlich gut für einen recht einfältigen Burschen von fünfzehn.

 

FLORAS ROSE

Unterbreitet von einem jungen Gentleman von Stand

an Miss Br—dy auf Schloss Brady

Auf Bradys Burg, da wächst eine Blume,

Die lieblichste Blume, die blüht;

Auf Bradys Schloss, da lebt eine Dame,

(Zu der ich in Liebe erglüht);

Ihr Name ist Nora, und die Göttin Flora

Reicht ihr diese blühende Rose.

 

»O Lady Nora«, sagt die göttliche Flora,

»Prächt’ge Blüten blüh’n im Paradiese;

Auf Bradys Burg sieben Blumen steh’n,

Doch Ihr seid die schönste auf der Wiese.

Man kann nicht steh’n in Irland und seh’n

Einen Schatz, der nur halb so schön.«

 

Die Wangen famoser als Rosen, so rosa;

Das Haar wie Schlehen und Augen,

So blau wie Veilchen im sanften Morgentau

Dunkel zu glitzern taugen.

Der Hals ist weißer – die Arme auch –

Als Lilien auf der Au.

 

»Komm, sanfte Nora«, sagt die Göttin Flora,

»Du Teure, nun nimm meinen Rat:

Da ist ein Dichter, und gar kein schlichter,

Der seufzet Nacht und Tag,

Führst du Barry heim statt Stanze und Reim,

Winkt Dir ein glücklich Heim.«

 

Sowie meine Mutter am Sonntag zur Kirche gegangen war, rief ich Phil, den Kammerdiener, und befahl ihm, mir meinen besten Anzug zu bringen, in den ich mich zwängte. Leider musste ich feststellen, dass er mir nicht mehr recht passte, da ich während meiner Krankheit sehr in die Höhe geschossen war. Das konnte mich aber von meinem Vorsatz nicht abbringen, und ich lief, die Abschrift meines langen Gedichtes in der Hand, nach Schloss Brady, entschlossen, meine Schöne zu sehen. Die Luft war so frisch und klar, die Vögel sangen so schön in den grünen Bäumen, dass ich froh erregt war wie schon seit Monaten nicht mehr. Ich sprang munter wie ein Rehkalb die Allee hinunter (mein Onkel hatte übrigens Baum für Baum fällen lassen), und mein Herz begann heftig zu schlagen, als ich die grasbewachsene Freitreppe zur Terrasse hinaufschritt und durch die wacklige Tür die Halle betrat.

Der Herr und die Herrin seien in der Kirche und ebenso sechs der jungen Damen, sagte mir Mr. Screw, der Butler, der angesichts meines veränderten Aussehens und meiner hochaufgeschossenen Gestalt zusammengezuckt war.

»Auch Miss Nora?«, fragte ich.

»Nein, Miss Nora nicht«, antwortete Mr. Screw mit erstauntem, wenn auch wissendem Blick.

»Wo ist sie?«

Auf diese Frage antwortete er oder meinte vielmehr, mit der üblichen irischen Erfindungsgabe zu antworten, indem er es mir überließ, mich zu entscheiden, ob sie nun nach Kilwangan, auf dem Pferd hinter ihrem Bruder sitzend, unterwegs sei oder aber mit ihrer Schwester spazieren sei oder aber krank das Zimmer hüte. Während ich noch über die Möglichkeiten grübelte, war Mr. Screw auch schon verschwunden.

Ich stürzte auf den hinteren Hof, wo sich auf Schloss Brady die Ställe befanden, und traf dort auf einen Dragoner, der »Roastbeef von Altengland« vor sich hin pfiff und dabei ein Kavalleriepferd striegelte.

»Wem gehört das Pferd, Kamerad?«, rief ich.

»Ebenfalls Kamerad! Das Pferd gehört meinem Hauptmann, und es gibt keinen besseren Kameraden als ihn«, erklärte der Engländer.

Ich hielt mich nicht damit auf, ihm für seine Frechheit die Knochen entzweizuschlagen, wie ich es gern getan hätte, denn ein furchtbarer Verdacht war in mir hochgestiegen, und ich eilte in den Garten, so schnell ich nur konnte.

Ich ahnte bereits, was mir bevorstand, und wirklich: Arm in Arm schritten Hauptmann Quin und Nora die Allee hinunter. Und dieser Schuft drückte und streichelte ihre Hand, die an seine abscheuliche Hüfte gepresst lag. Ein paar Schritte hinter den beiden ging Hauptmann Fagan vom Kilwangan-Regiment, der Noras Schwester Mysie den Hof machte.

Vor keinem Menschen und vor keinem Gespenst fürchte ich mich, dieser Anblick aber ließ mir die Knie zittern, und mir wurde so übel, dass ich mich an einen Baum lehnen musste, um nicht in Ohnmacht zu fallen; und trotzdem schwanden mir für ein, zwei Minuten die Sinne. Ich riss mich dann wieder zusammen, schritt auf das Paar zu, wobei ich meinen kleinen Hirschfänger mit dem silberbeschlagenen Griff, den ich stets bei mir trug, aus der Scheide zog, fest entschlossen, die beiden Übeltäter wie zwei Tauben aufzuspießen. Ich will den geschätzten Leser nicht mit der Schilderung der Gefühle ermüden, die mich bewegten, nicht meine bittere Enttäuschung, meine bodenlose Verzweiflung darstellen; ich glaubte, die Welt bräche zusammen. Bestimmt ist jedem meiner Leser schon Ähnliches widerfahren, und so mag er sich an die Gefühle erinnern, die ihn selbst bei solchen Gelegenheiten befallen hatten.

»O Norelia!«, sagte der Hauptmann gerade (in jenen Tagen pflegten sich Liebende mit schwärmerischen Namen aus Romanen anzureden). »Nur für Sie und noch für vier andere Damen, das schwöre ich bei allen Göttern, hat sich mein Herz je entflammt!«

»Ah, ihr Männer, ihr Männer, Eugenio!«, erwiderte sie (in Wirklichkeit hieß der Kerl John). »Eure Leidenschaft gleicht nicht der unseren. Wir sind wie … wie bestimmte Pflanzen, von denen ich gelesen habe … wir bringen nur eine Blüte hervor, und dann sterben wir!«

»Wollen Sie sagen, dass Sie nie für einen anderen Mann Zuneigung empfunden haben?«, fragte Hauptmann Quin.

»Niemals, mein Eugenio. Für keinen anderen als für dich! Wie kannst du eine solche Frage an eine errötende Nymphe richten?«

»Geliebte Norelia!«, brachte er hervor und führte ihre Hand an die Lippen.

Ich trug auf meinem Herzen ständig eine kirschrote Seidenschleife, die sie mir einst geschenkt hatte. Diese zog ich nun hervor, warf sie dem Hauptmann ins Gesicht und stürmte, mein kleines Schwert schwingend, auf das Scheusal los. »Sie ist eine Lügnerin … Sie ist eine Lügnerin, Hauptmann Quin! Ziehen Sie Ihren Degen, Sir, und verteidigen Sie sich, wenn Sie ein Mann sind!«, brüllte ich und packte ihn beim Kragen, während Nora die Luft mit ihrem Geschrei erfüllte, worauf der andere Hauptmann und Mysie herbeieilten.

Obwohl ich während meiner Krankheit emporgeschossen war wie Unkraut und meine jetzige Körpergröße von sechs Fuß schon fast erreicht hatte, war ich im Vergleich zu dem riesigen englischen Hauptmann, der Schultern und Waden hatte, deren sich kein Sänftenträger in Bath rühmen konnte, dünn wie eine Latte. Bei meinem Angriff wurde er erst puterrot, dann totenblass, wich zurück und umklammerte seinen Degen, während Nora sich voll Entsetzen an ihn klammerte und schrie: »Eugenio! Hauptmann Quin! Um Gottes willen, schonen Sie den Jungen … Er ist ja noch ein Kind.«

»Er müsste für seine Frechheit verprügelt werden«, erwiderte der Hauptmann, »aber Sie brauchen keine Angst zu haben, Miss Brady, ich werde ihn nicht anrühren. Ihr Verehrer ist vor mir sicher.« Er bückte sich, hob die Seidenschleife auf, die vor Noras Füße gefallen war, überreichte sie ihr und sagte sarkastisch: »Wenn Damen Herren Geschenke machen, so ist es für andere Herren Zeit, sich zurückzuziehen.«

»Um Gottes willen, Quin«, rief das Mädchen, »er ist doch noch ein Kind.«

»Ich bin ein Mann«, brüllte ich, »und ich werde es beweisen.«

»Er bedeutet mir nicht mehr als mein Papagei oder mein Schoßhund«, erklärte das schamlose Geschöpf. »Ich darf doch schließlich meinem Vetter eine Schleife geben.«

»Sie können ihm so viele Schleifen geben, wie Sie wollen, von mir aus sogar ellenlange, Miss«, entgegnete der Hauptmann.

»Sie Scheusal!«, rief das liebe Mädchen. »Ihr Vater war ein Schneider, und Sie denken immer noch an das Geschäft. Aber ich werde mich rächen! Reddy, lässt du es zu, dass ich beschimpft werde?«

»Miss Nora«, antwortete ich, »er wird mir mit seinem Blut dafür büßen, so wahr ich Redmond Barry heiße!«

»Ich werde den Schuldiener kommen lassen, damit er dich durchprügelt, kleiner Junge«, sagte der Hauptmann, der seine Selbstbeherrschung zurückerlangt hatte, »und Sie, Miss, werden gestatten, dass ich Ihnen adieu sage.«

Er nahm feierlich den Hut ab, machte eine tiefe Verbeugung und wollte sich davonmachen, als mein Vetter Mick, der ebenfalls das Geschrei gehört hatte, hinzukam.

»Potztausend, was ist denn hier los?«, fragte Mick. »Nora in Tränen, Redmonds Geist mit gezücktem Degen und Sie im Fortgehen?«

»Ich werde es Ihnen erklären, Mr. Brady«, erwiderte der Engländer. »Ich habe Miss Nora satt und überhaupt Ihre ganzen irischen Sitten. Ich bin so etwas nicht gewöhnt, Sir.«

»Aber, aber! Was soll denn das heißen?«, sagte Mick freundlich (er schuldete Quin einen Haufen Geld, wie sich gleich herausstellte), »wir werden Sie an unsere Sitten gewöhnen oder uns den englischen anpassen.«

»In England ist es nicht üblich, dass eine Dame zwei Liebhaber hat, und daher, Mr. Brady, wäre ich Ihnen dankbar, wenn Sie mir Ihre Schulden zahlten. Ich werde auf alle meine Ansprüche auf die Dame verzichten; wenn sie eine Vorliebe für Schuljungen hat, will ich sie nicht daran hindern, Sir.«

»Aber Quin, Sie machen wohl Witze?«, meinte Mick.

»Noch nie in meinem Leben war es mir mehr ernst«, entgegnete der Hauptmann.

»Dann, bei Gott, seien Sie auf der Hut!«, brüllte Mick. »Gemeiner Verführer! Höllischer Betrüger! Sie kommen hierher, betören diesen unschuldigen Engel, gewinnen ihr Herz, verlassen Sie dann und glauben, ihr Bruder würde sie nicht verteidigen? Ziehen Sie auf der Stelle den Degen, Sie Schuft, und ich werde Ihnen Ihr verfluchtes Herz aus der Brust reißen!«

»Das ist ja regelrechter Mord!«, rief Quin entsetzt und wich noch weiter zurück. »Zwei gegen einen! Fagan, Sie werden mich doch von denen nicht ermorden lassen!«

»Fürwahr, Sie müssen Ihre Streitigkeiten selber austragen, Hauptmann Quin«, entgegnete Hauptmann Fagan, der sich köstlich zu amüsieren schien. Mir flüsterte er zu: »Geh noch mal auf ihn los, Kleiner.«

Aber ich erklärte: »Wenn Mr. Quin seine Werbung zurückzieht, werde ich ihm nichts tun.«

»Ich nehme sie zurück, Sir, wahrhaftig«, sagte Mr. Quin, völlig bestürzt.

»Dann, zum Teufel, verteidigen Sie sich wie ein Mann!«, schrie nun Mick. »Mysie, führe dieses arme Opfer fort… Redmond und Fagan werden uns als Sekundanten dienen.«

»Aber ich will nicht … lassen Sie mir wenigstens Zeit … ich weiß ja überhaupt nicht, was los ist … ich … ich weiß gar nicht, gegen wen ich mich wenden soll.«

»Wie der Esel zwischen zwei Heubündeln mit Stacheln«, sagte Mr. Fagan trocken.

2. KAPITEL

In welchem ich mich als Mann von Charakter erweise

Die ganze Zeit während dieser lauten Auseinandersetzung tat meine Cousine das Einzige, was einer Dame unter solchen Umständen zukam: sie fiel nach allen Regeln der Kunst in Ohnmacht. Ich war gerade in einen heftigen Disput mit Mick verwickelt, sonst wäre ich ihr natürlich sofort zu Hilfe geeilt, und als ich es schließlich tun wollte, hinderte mich Hauptmann Fagan (ein trockener Bursche) mit den Worten daran: »Ich rate Ihnen, die junge Dame sich selbst zu überlassen, Master Redmond, sie wird bestimmt bald wieder zu sich kommen.« Das geschah auch nach einer kleinen Weile, und es bewies mir, dass Fagan die Welt kannte, denn später hatte ich des Öfteren Gelegenheit, festzustellen, dass sich Damen in ähnlichen Situationen rasch erholen. Quin bot ihr seine Hilfe nicht an, denn während der durch ihr Geschrei verursachten Aufregung machte sich der treulose, feige Angeber aus dem Staub.

»Wer von uns hat was mit Hauptmann Quin abzumachen?«, fragte ich Mick, denn es war mein erster Ehrenhandel, und ich war darauf so stolz wie auf einen hübsch eingefassten Samtanzug. »Bin ich es oder bist du es, Vetter Mick, der die Ehre hat, diesen unverschämten Engländer zu züchtigen?« Und ich streckte meine Hand nach ihm aus, denn mein Herz zerfloss förmlich angesichts des Triumphs dieses Augenblicks.

Er wies dieses Angebot von Freundschaft jedoch zurück. »Du – du!«, sagte er in heftiger Erregung. »Was hast du dich da einzumischen? Du hast deine Finger überall drin. Wie kommst du dazu, hier zu brüllen und einen Streit mit einem Herrn anzufangen, der fünfzehnhundert Pfund im Jahr hat?«

»Oh … oh!«, stöhnte Nora, die auf einer Steinbank saß. »Ich werde sterben, ich weiß, ich werde diesen Ort nicht lebend verlassen.«

»Der Hauptmann ist noch nicht abgereist«, flüsterte ihr Fagan zu, worauf Nora ihm zwar einen empörten Blick zuwarf, aber aufsprang und zum Haus eilte.

Nun brüllte Mick Brady mich weiter an: »Du vorwitziger Schurke, was gehen dich die Töchter dieses Hauses an?«

»Der Schurke bist du«, schrie ich. »Sag noch einmal so was, Mick Brady, und ich jage dir meinen Degen in den Wanst. Denk dran, ich hielt zu dir, als ich elf Jahre alt war. Ich bin dir jetzt ebenbürtig und, beim Himmel, reize mich, und ich schlage dich zusammen wie – wie dein jüngerer Bruder es tut.« Das war ein Stich in die alte Wunde, und ich sah, wie Mick vor Wut blau anlief.

»Das ist aber nicht die richtige Art, sich bei der Familie beliebt zu machen«, sagte Fagan beschwichtigend zu mir.

»Nora ist so alt, dass sie deine Mutter sein könnte«, knurrte Mick.

»Alt oder nicht«, entgegnete ich, »lass es dir gesagt sein, Mick Brady« – und ich bekräftigte meine Worte mit einem entsetzlichen Fluch, den ich hier nicht wiederholen will –, »der Mann, der Nora heiratet, muss erst mich töten … merk dir das!«

»Quatsch!«, erwiderte Mick, sich abwendend. »Dich töten? Dich verprügeln, meinst du. Ich werde Nick, den Jäger, schicken, dass er das besorgt.« Und damit ging er fort.

Hauptmann Fagan umfasste mich freundlich und sagte zu mir, ich sei ein tapferer Bursche, und ich gefiele ihm. »Aber was Mick Brady sagt, ist wahr«, fuhr er fort. »Ich weiß zwar, dass es schwer ist, jemandem, der so erregt ist wie Sie, einen Rat zu geben, doch glauben Sie mir, ich kenne die Welt. Wenn Sie auf mich hören, werden Sie es nicht bereuen. Nora Brady besitzt keinen Penny, und Sie haben auch nicht viel mehr. Sie sind fünfzehn, und Nora ist vierundzwanzig. In zehn Jahren, wenn Sie im heiratsfähigen Alter sind, ist sie ein altes Weib, und außerdem, mein armer Junge, sehen Sie denn nicht, dass sie jedem Mannsbild Augen macht und dass es ihr ganz gleich ist, ob Sie es sind oder Quin?«

Aber wann hat je ein Verliebter auf Vernunft gehört? (Wer tut das überhaupt?) Ich habe es jedenfalls nie getan, und ich erklärte Hauptmann Fagan feierlich, dass Quin, ganz gleich, ob Nora mich liebe oder nicht, sich erst mit mir duellieren müsse, bevor er sie heiraten könnte – das schwor ich.

»Mein Gott«, sagte Fagan, »ich glaube wirklich, Sie sind imstande, zu Ihrem Wort zu stehen.« Einen Augenblick lang sah er mich durchdringend an, dann ging er, ein Lied summend, davon. Und ich bemerkte, dass er sich nach mir umdrehte, ehe er den Garten durch die alte Pforte verließ. Allein gelassen, warf ich mich auf die Bank, auf der Nora ohnmächtig geworden war und ihr Taschentuch hatte liegenlassen. Ich nahm es an mich, bedeckte damit mein Gesicht und brach in einen Strom bitterer Tränen aus, wie sie noch niemand auf der Welt geweint hatte. Das zerknüllte Schleifenband, das ich nach Quin geschleudert hatte, lag auf dem Weg, und ich saß dort einige Stunden und hielt mich für den unglücklichsten Menschen von ganz Irland, für jetzt und alle Zeiten. Aber die Welt ist wandelbar! Wenn wir uns klar darüber werden, dass unsere Kümmernisse, wenn sie uns auch so groß scheinen, dass wir oft glauben, vor Gram sterben zu müssen, in Wirklichkeit so klein sind, dass wir diesen Gram sehr schnell vergessen, so sollten wir uns doch, finde ich, dieses Wankelmutes schämen. Und es ist ja schließlich nicht die Aufgabe der Zeit, uns Trost zu bringen. Ich bin vermutlich bei meinen zahllosen und mannigfachen Erlebnissen und Abenteuern nie an die richtige Frau gekommen und habe daher die süßen Geschöpfe, die ich zu lieben vermeinte, so rasch wieder vergessen. Hätte das Schicksal mir die richtige Frau zugeführt, hätte ich sie bestimmt auf ewig geliebt.

Ich muss stundenlang auf der Bank gesessen und mein Unglück beweint haben, denn es war Morgen, als ich nach Schloss Brady gekommen war, und erst als (wie üblich) um drei Uhr zum Essen geläutet wurde, schreckte ich aus meinen Grübeleien auf und nahm Taschentuch und Schleife an mich. Als ich durch den Hof ging, sah ich, dass der Sattel des Hauptmanns noch immer an der Stalltür hing und dass sein mir verhasster rotberockter Stallbursche, dieser Lümmel, mit dem Küchenmädchen und dem übrigen Küchenvolk scherzte und vor ihnen prahlte.

»Der Engländer ist noch immer da, Master Redmond«, sagte eines der Mädchen (ein gefühlvolles schwarzäugiges Ding, das die jungen Damen bediente). »Er sitzt im Speisesaal und verdrückt ein herrliches Kalbsfilet. Gehen Sie nur rein, lassen Sie sich aber von ihm nicht ins Bockshorn jagen, Master Redmond.«

Ich ging hinein, nahm meinen Platz am untersten Ende der Tafel ein, und mein Freund, der Butler, brachte mir rasch ein Gedeck.

»Hallo, Reddy, mein Junge«, rief mein Onkel. »Bist du wieder gesund? Das ist recht.«

»Er wäre besser zu Hause bei seiner Mutter«, knurrte meine Tante.

»Kümmere dich nicht um sie«, sagte Onkel Brady, »es ist die kalte Gans vom Frühstück, die ihr zu schaffen macht. Trinken Sie ein Glas Branntwein, Mrs. Brady, auf Redmonds Gesundheit.« Offensichtlich wusste mein Onkel nicht, was geschehen war. Aber Mick und Ulick und seine Schwestern sahen mich höchst unfreundlich an.

Hauptmann Quin blickte töricht drein, und Miss Nora, an seiner Seite, war dem Weinen nahe; Hauptmann Fagan lächelte, während ich wie versteinert vor mich hin schaute. Ich glaubte, jeder Bissen müsse mir im Halse steckenbleiben, doch ich war entschlossen, Haltung zu wahren, und trank, als die Tafel aufgehoben wurde, mit den anderen auf das Wohl des Königs und der Kirche, wie sich das für vornehme Herren ziemt. Mein Onkel war die ganze Zeit in ausgezeichneter Laune und machte ständig Witze über Nora und den Hauptmann. Etwa von der Art: »Nora, teile das hübsche Brustbein mit dem Hauptmann! Mal sehen, wer mit dem Bein zuerst in der Ehe steht!« – »Jack Quin, mein guter Junge, was heißt hier ein sauberes Glas für den Claret! Wir sind knapp an Kristall auf Schloss Brady, nehmen Sie Noras, und der Wein wird nicht ganz so sauer sein!« und so weiter. Er war in heiterster Stimmung, ich wusste nicht warum. Hatte eine Versöhnung zwischen dem treulosen Mädchen und ihrem Verehrer stattgefunden, nachdem sie das Haus betreten hatten?

Bald sollte ich die Wahrheit erfahren. Nach dem dritten Toast wollten sich die Damen, der Sitte gemäß, zurückziehen, doch mein Onkel hielt sie zurück, obwohl Nora sagte: »Bitte, Papa, lass uns doch gehen!«

Er erwiderte: »Nein, meine Damen. Jetzt kommt ein Toast, der leider viel zu selten in meiner Familie ausgebracht wird, und ich bitte um gebührende Aufmerksamkeit. Wir trinken auf das Wohl von Hauptmann Quin und seiner zukünftigen Frau Gemahlin … Küsse sie, Jack, du Schlingel, du hast dir fürwahr ein Juwel geangelt!«

»Was, er hat wirklich …«, schrie ich, aufspringend.

»Halt’s Maul, du Narr, halt’s Maul!«, flüsterte mir der große Ulick zu, der neben mir saß.

Aber ich wollte nicht hören und brüllte: »Ich habe ihn heute morgen schon ins Gesicht geschlagen, den Hauptmann John Quin … ich habe ihn einen Feigling genannt, den Hauptmann John Quin … und nun sollt ihr sehen, wie ich auf sein Wohl trinke … auf Ihr Wohl, Hauptmann John Quin!« Und ich warf ihm mein Glas mit Rotwein ins Gesicht.

Die Wirkung konnte ich nicht mehr wahrnehmen, denn im nächsten Augenblick lag ich unter dem Tisch, und Ulick schlug mit der Faust auf mich ein und versetzte mir einen schmerzhaften Schlag auf den Kopf; ich hatte kaum Muße, die allgemeine Aufregung und das Geschrei zu registrieren, denn ich war voll beschäftigt, all die Knüffe und Püffe, mit denen Ulick mich bearbeitete, abzuwehren. »Du Narr!«, brüllte er, »du verdammter Tolpatsch … du elender Lausejunge!« Und jedes Wort bekräftigte er mit einem Schlag; ich nahm ihm das nicht übel, denn er war ja mein Freund, und zudem hatte er mich stets verprügelt.

Als ich schließlich unter dem Tisch hervorkroch, waren die Damen verschwunden. Ich hatte die Genugtuung, dass die Nase des Hauptmanns blutete, genau wie meine – aber seine war am Nasenrücken stark lädiert, und seine Schönheit hatte für immer erheblichen Schaden gelitten. Ulick schüttelte sich, setzte sich ruhig hin, füllte sein Glas und schob mir die Flasche zu. »Da, du Esel«, sagte er, »sauf das. Und iahe nicht mehr.«

»Aber, verdammt noch mal, was hat der ganze Krach eigentlich zu bedeuten?«, fragte mein Onkel. »Hat der Junge wieder Fieber?«

»Das ist Ihre Schuld«, erwiderte Mick mürrisch. »Ihre Schuld und die Schuld von denen, die ihn hergebracht haben.«

»Halt’s Maul, Mick«, schnauzte ihn Ulick an. »Sprich höflich mit meinem Vater und mit mir, oder ich werde dir Manieren beibringen!«

»Was hat der Bengel überhaupt hier zu suchen?«, knurrte Mick. »Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte ich ihn schon längst windelweich geprügelt und rausgeschmissen.«

»Jawohl, das hätte sich auch gehört«, erklärte Hauptmann Quin.

»Das versuchen Sie besser nicht, Quin«, sagte Ulick, der stets für mich eintrat. Dann erklärte er seinem Vater: »Die Geschichte ist die, dass sich der Bengel in Nora verliebt hat, und da er sie und den Hauptmann heute morgen im Garten bei einem zärtlichen Tête-à-Tête überrascht hat, wollte er Jack Quin umbringen.«

»Der fängt früh an«, rief lachend mein Onkel. »Nicht wahr, Fagan, der Bengel ist ein echter Brady, vom Scheitel bis zur Sohle!«

»Ich will Ihnen etwas sagen, Mr. Brady«, schrie Quin, sich in die Brust werfend, »ich bin in Ihrem Hause aufs Schwerste beleidigt worden. Mir passen diese Sitten nicht. Ich bin ein Engländer, jawohl, und ein wohlsituierter Herr, und ich … ich …«

»Wenn Ihnen etwas nicht passt und Sie sich beleidigt fühlen«, unterbrach ihn Ulick grob, »dann denken Sie daran, dass Sie’s mit zweien zu tun bekommen, Quin.«

Der Hauptmann wagte nichts zu erwidern und wischte mürrisch das Blut von seiner Nase ab.

»Mr. Quin«, erklärte ich so würdevoll wie möglich, »kann zu jeder Zeit Genugtuung erhalten, indem er sich an Redmond Barry, Esquire, Barryville, wendet!«

Mein Onkel brach in brüllendes Gelächter aus (er lachte stets über alles), und zu meinem tiefsten Leidwesen stimmte Hauptmann Fagan in dieses Gelächter ein. Ich wandte mich recht schneidig an ihn und bat ihn um Verständnis, was meinen Vetter Ulick anging, der, solange ich denken konnte, mein bester Freund gewesen war, von dem ich solcherart raue Behandlung einzustecken gewohnt war – zumindest solange ich klein war, aber nun nicht mehr. Und auch jeder andere, der es wagen sollte, mich anzugreifen, würde auf die Nase fallen. »Mr. Quin kennt sich da bereits aus«, fügte ich hinzu. »Und wenn Mr. Quin ein Mann ist, wird er wissen, wo er mich finden kann.«

Nun meinte mein Onkel, es sei spät, und meine Mutter würde sich um mich ängstigen. »Einer von euch beiden sollte ihn nach Hause begleiten«, sagte er zu seinen Söhnen, »damit der Junge nicht noch mehr Unfug anrichtet.«

Aber Ulick erwiderte, seinem Bruder zunickend: »Wir beide werden mit Quin reiten.«

»Ich fürchte mich nicht vor Räuberbanden«, erklärte der Hauptmann mit einem schwachen Versuch zu lachen, »mein Diener ist bewaffnet und ich ebenfalls.«

»Wir wissen, dass Sie Ihre Waffen gut brauchen, Quin«, entgegnete Ulick, »und niemand zweifelt an Ihrem Mut; aber dennoch werden Mick und ich Sie nach Hause bringen.«

»Aber ihr werdet erst morgen zurück sein können, ihr Burschen. Kilwangan ist über zehn Meilen weit.«

»Wir werden in Quins Quartier schlafen«, erwiderte Ulick, »wir wollen eine Woche dort bleiben.«

»Vielen Dank«, sagte Quin schwach, »das ist sehr freundlich von Ihnen.«

»Sie würden sich allein doch zu einsam fühlen.«

»Das stimmt«, sagte Quin.

»Und in einer weiteren Woche, mein Freund«, fuhr Ulick fort, senkte dann die Stimme und flüsterte dem Hauptmann etwas ins Ohr. Ich glaubte, die Wörter »Heirat« und »Pfarrer« zu verstehen, und von neuem stieg Wut in mir hoch.

»Ganz wie Sie wollen«, entgegnete der Hauptmann kläglich.

Rasch wurden die Pferde vorgeführt, und die drei Herren ritten von dannen. Fagan war auf meines Onkels Bitte zurückgeblieben und spazierte mit mir durch den baumlosen alten Park. Er meinte, dass ich nach dem Streit beim Mittagessen die Damen heute wohl nicht mehr zu sehen wünschte. Ich stimmte zu, und so brachen auch wir, ohne uns erst zu verabschieden, auf.

»Sie haben da was Schönes angerichtet, Master Redmond«, erklärte er mir unterwegs. »So etwas! Sie, ein Freund der Familie, der weiß, wie bitter nötig Ihr Onkel Geld braucht, versuchen eine Heirat zu hintertreiben, die der Familie fünfzehnhundert Pfund im Jahr einbringt. Zudem hat Quin versprochen, die viertausend Pfund Schulden zu bezahlen, die Ihrem Onkel so schwere Sorgen machen. Quin ist bereit, ein Mädchen ohne einen Penny zu heiraten, ein Mädchen, das nicht schöner ist als die Kuh dort … na, na, schauen Sie mich nicht so wütend an, sagen wir also, sie ist hübsch, über Geschmack soll man nicht streiten, jedenfalls ein Mädchen, das sich in den letzten zehn Jahren jedem Mann in der Gegend an den Hals geworfen und dennoch keinen geangelt hat. Und Sie, ebenso arm, ein Junge von fünfzehn … gut, sagen wir, sechzehn, wenn Sie darauf bestehen, dazu ein Junge, der seinen Onkel wie seinen Vater lieben müsste …«

»Und liebt«, unterbrach ich ihn.

»Und so danken Sie ihm seine Güte! Hat er Sie nicht als Halbwaise bei sich aufgenommen, hat er Ihnen nicht dort drüben sein schönes Haus in Barryville mietfrei gegeben? Und jetzt, da er seine Finanzen sanieren könnte und sich ihm die Chance bietet, einen sorgenfreien Lebensabend zu verbringen, wer will ihm das zuschanden machen? Sie, ausgerechnet Sie, der Mensch, der ihm zu größtem Dank verpflichtet ist! Das ist doch schwärzester Undank! Von einem Mann wie Sie hätte ich das nicht erwartet.«

»Ich fürchte mich vor keinem Menschen«, rief ich. (Ich war von den Vorhaltungen des Hauptmanns doch sehr betroffen und wollte daher den Spieß umdrehen – wie man das immer tun soll, wenn man merkt, dass der Gegner stärkere Argumente hat.) »Aber ich bin der Beleidigte, Hauptmann Fagan. Seit Erschaffung der Welt ist ein Mann noch nie so empörend behandelt worden wie ich. Sehen Sie … sehen Sie sich diese Schleife an! Ein halbes Jahr lang habe ich sie auf meinem Herzen getragen, auch während meiner ganzen Krankheit. Hat nicht Nora sie von ihrem Busen genommen und sie mir gegeben? Hat sie mich nicht geküsst, als sie sie mir gab, und mich ihren geliebten Redmond genannt?«

»Sie hat sich geübt«, erwiderte Mr. Fagan spöttisch. »Ich kenne die Frauen. Wenn sie nichts zu tun haben und kein anderer ins Haus kommt, fangen sie selbst mit dem Schornsteinfeger etwas an. Da war zum Beispiel in Fermoy eine junge Dame …«

»Zum Teufel mit Ihrer verliebten jungen Dame!«, brüllte ich (ich gebrauchte einen noch schlimmeren Ausdruck). »Merken Sie sich das: ich schwöre, dass ich, was auch kommen mag, gegen jeden kämpfen werde, der sich um die Hand von Nora Brady bewirbt. Ich werde ihn verfolgen, wenn es sein muss, bis in die Kirche, und ich werde ihn dort stellen. Es wird Blut fließen, seines oder meines, und diese Schleife soll darin getränkt werden. Jawohl, und wenn ich ihn getötet habe, werde ich die Schleife an seine Brust heften, und dann mag sie kommen und sich ihr Liebespfand zurückholen.« Ich war damals noch sehr exaltiert und hatte nicht vergebens Romane und Rührdramen gelesen.

»Naja«, meinte Fagan nach einer kleinen Weile. »Was sein muss, muss sein. Jedenfalls sind Sie der blutdürstigste junge Mann, den ich je kennengelernt habe. Aber vergessen Sie nicht, auch Quin ist ein verwegener Geselle.«

»Werden Sie ihm meine Forderung überbringen?«, fragte ich hitzig.

»Vorsicht!«, sagte Fagan. »Ihre Mutter kann am Fenster stehen und uns hören, wir sind ja jetzt dicht vor Ihrem Haus.«

»Um Gottes willen, kein Wort zu meiner Mutter!«, bat ich und begab mich mit Fagan ins Haus, die Brust geschwellt vor Stolz und Begeisterung bei dem Gedanken an die Aussicht, mich mit dem mir so verhassten Engländer zu duellieren.

Kurz nachdem meine Mutter aus der Kirche zurückgekehrt war, hatte sie meinen Diener Tim von Barryville losgeschickt, da sie sich wegen meiner Abwesenheit große Sorgen gemacht hatte. Er hatte auf dem Schloss gesehen, dass ich auf die Aufforderung des gefühlvollen Kammermädchens hin zu Tisch gegangen war. Nachdem er sich in der Küche gütlich getan hatte (die Küche von Brady war reichlicher bestellt als die unsere), war er nach Haus gegangen, um seiner Herrin auf seine Art über die Ereignisse auf Schloss Brady Bericht zu erstatten. So schien also meine Mutter trotz meiner Vorsichtsmaßnahmen Bescheid zu wissen; ich erkannte das an der Art, wie sie mich umarmte und unseren Gast, Hauptmann Fagan, empfing. Die arme Seele blickte ziemlich besorgt drein und betrachtete forschend den Hauptmann, sagte aber kein Wort über den Streit, denn sie besaß ein edles Gemüt und hätte es eher vorgezogen einen ihrer Sippe am Galgen zu sehen, als zu erfahren, dass er sich in einer Ehrenaffäre gedrückt habe. Wer hegt heutzutage noch solch edle Gesinnung? Vor sechzig Jahren war im alten Irland ein Mann noch ein Mann, der bei der kleinsten Differenz den Degen zog, den er stets an seiner Seite trug. Aber die guten alten Zeiten und ihre feinen Sitten sind für immer dahin. Heute hört man kaum noch von einem anständigen Duell, und der Gebrauch dieser jämmerlichen Pistolen an Stelle der ehrenhaften und männlichen Waffe des Edelmannes hat zu einer Herabsetzung der Duelle geführt, was man gar nicht genug bedauern kann.

Ich fühlte mich jetzt allen Ernstes wie ein Mann, hieß Hauptmann Fagan in Barryville willkommen und stellte ihn mit würdiger Feierlichkeit meiner Mutter vor. Dann befahl ich Tim, sofort eine Flasche des gelb versiegelten alten Bordeaux zu bringen sowie Gläser und Gebäck, denn der Hauptmann müsse nach dem Fußmarsch durstig sein.

Tim blickte seine Herrin höchst erstaunt an, und das mit Recht, denn noch sechs Stunden zuvor hätte ich eher daran gedacht, unser Haus anzuzünden, als selbständig eine Flasche Claret zu verlangen, aber ich fühlte mich jetzt als Mann und hatte somit das Recht zu befehlen; auch meine Mutter war dieser Ansicht, denn sie fuhr den Burschen scharf an: »Hörst du nicht, du Lümmel, was dein Herr befiehlt? Hol sofort den Wein, die Gläser und das Gebäck.« Dann ging sie selbst hinaus und holte das Getränk (denn natürlich vertraute sie Tim die Schlüssel zu unserem kleinen Keller nicht an), das Tim dann in gebührender Form auf einem silbernen Tablett ins Zimmer brachte.

Meine liebe Mutter schenkte ein und trank auf das Wohl des Hauptmanns; ich bemerkte aber, dass ihre Hand bei dieser Pflichtübung der Höflichkeit zitterte, die Flasche berührte klirrend das Glas. Als sie getrunken hatte, schützte sie Kopfschmerzen vor, um sich zurückziehen zu können. Ich erbat ihren Segen, wie sich das für einen pflichttreuen Sohn gehört (die jungen Leute von heute kennen jene ehrerbietigen Zeremonien nicht mehr, die zu meiner Zeit ein Herr von Stand erwies), worauf sie mich mit dem Hauptmann allein ließ, damit wir unsere wichtige Angelegenheit besprechen könnten.

»Wirklich, auch ich sehe nun keinen anderen Ausweg mehr als ein Treffen«, sagte der Hauptmann. »Es wurde auch schon heute Nachmittag auf Schloss Brady nach Ihrer Attacke auf Quin davon gesprochen, und er schwor, er würde Sie in Stücke schlagen, und nur die Bitten und Tränen von Miss Honoria veranlassten ihn, wenn auch nur widerstrebend, sich friedlich zu zeigen. Aber dann ist der Bogen überspannt worden. Kein Offizier, der die Uniform Seiner Majestät trägt, kann sich ein Glas Wein an den Kopf werfen lassen – übrigens, Ihr Wein ist recht gut, könnten wir nicht noch eine zweite Flasche kommen lassen? –, ohne diese Beleidigung zu ahnden. Sie müssen sich duellieren, doch Quin ist ein riesiger Kerl mit Bärenkräften.«

»So gibt er ein besseres Ziel ab«, erwiderte ich. »Ich habe keine Angst vor ihm.«

»Das glaube ich Ihnen, Sie sind wirklich ein tollkühner Bursche«, sagte der Hauptmann.

»Sehen Sie sich diesen Degen an, Sir«, fuhr ich fort und deutete auf einen Säbel mit elegantem Silberknauf in einem weißen Chagrinlederfutteral, das über dem Kaminsims unter dem Bild meines Vaters Harry Barry hing. »Mit diesem Degen, Sir, hat mein Vater im Jahre 1740 Mohawk O’Driscol in Dublin durchbohrt; mit diesem Degen, Sir, stieß er auf Sir Huddlestone Fuddlestone ein, den Baronet aus Hampshire, und rannte ihm ihn in die Gurgel. Sie trafen zu Pferde aufeinander, mit Degen und Pistolen, in Hounslow Heath, einem Ort, von dem Sie gewiss schon gehört haben, und dort sind die Pistolen« (sie hingen zu beiden Seiten des Gemäldes), »die der tapfere Barry benutzte. Er hatte sich zwar geirrt, betrunken wie er war, als er Lady Fuddlestone auf der Gesellschaft bei Brentford beleidigte, aber wie ein Gentleman wies er eine Entschuldigung weit von sich, und so ...

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